Digitized by the Internet Archive
in 2016 with funding from
Getty Research Institute
https://archive.org/details/ausfuhrlicheslex11rosc
THE GETTY RESEARCH INSTITUTE LIBRARY
Halsted VanderPoel Campanian Collection
AUSFÜHRLICHES LEXIKON
DER
GRIECHISCHEN UNI) RÖMISCHEN
MYTHOLOGIE
IM VEREIN MIT
TH. BIRT, 0. CRUSIUS, W. DEECKE, F. DENEKEN, W. DREXLER, R. ENGELMANN,
A. FURTWÄNGLER, J. 1LBERG, 0. IMMISCH, A. KLÜGMANN(f), MAX. MAYER,
0. MELTZER, ED. MEYER, R. PETER, A. PREUNER, K. PURGOLD, A. RAPP,
TH. SCHREIBER, Iv. SEELIGER , II. STEUDING, II. W. STOLL, L. v. SYBEL,
E. THRÄMER, P. WEIZSÄCKER, L. WENIGER, G. WISSOWA, E. WÖRNER U. A.
HERAUSGEGEBEN VON
W. H. ROSCHER.
ERSTER BAND.
MIT ÜBER 500 ABBILDUNGEN UNI) EINER GENEALOGISCHEN TAFEL.*
LEIPZIG,
DRUCK UND VERLAG VON B. G. TEUBNER.
1884—1890.
Eu(pi]f.ielv /Qi} yaqLotuo&cu tolg ij/usteQoiot /oyotöiv,
Zotig u7tei(jog touovöe Aoycuv ij yviL/ut] /uij ya&(X(jsöeiy
i) yervutiuv o (jyia \_f.iu9' cüv] f.i i\t * eidev f.n)ty i/o (Jtuotv.
Y orrede.
Uber Zweck und Plan dieses Lexikons, welches bestimmt ist das treffliche
aber bereits in unzähligen Punkten veraltete und unvollständige Werk von Jacobi
(Koburg und Leipzig 1835) zu ersetzen, habe ich mich schon in den Mitteilungen der
B. G. Teubnerschen Verlagshandlung vom Jahre 1879, Heft Nr. 2, sowie im Prospektus
dieses Werkes zur Genüge ausgesprochen. Ich wiederhole, dafs es uns bei der Ab-
fassung der einzelnen Artikel in erster Linie auf eine möglichst objektive, knappe
und doch vollständige, stets auf die Quellen gegründete Darstellung der
litterarisch überlieferten Mythen unter gehöriger Benutzung der Monumente der
bildenden Kunst, sowie der betreffenden Kulte ankommt. Die Deutung steht für
uns erst in zweiter Linie: sie ist nur da ausführlich gegeben oder der Darstellung zu
Grunde gelegt worden, wo sie sicher oder doch sehr wahrscheinlich ist. Um auch
kunstmythologischen Ansprüchen einigermafsen genügen zu können, sind dem Texte
zahlreiche Abbildungen ausgewählter, besonders charakteristischer Monumente —
darunter viele unedierte — einverleibt worden. Dafs auch die für Hellas und Born
wichtigeren ausländischen, namentlich orientalischen und etruskischen Mythen und
Kulte mit zur Darstellung kommen mufsten, verstand sich bei dem auf möglichste
Vollständigkeit abzielenden Plane des Werkes von selbst. Die betreffenden Artikel der
Herren Ed. Meyer, Professor für alte Geschichte in Halle a./S., und Dir. Dr. Deecke
in Buchsweiler dürften in der That als eine höchst wertvolle Ergänzung des Lexikons
allseitig mit Freuden begrülst werden.
Dafs ein solches Werk heutzutage ein wahres Bedürfnis ist, wird wohl all-
gemein zugestanden werden und ist mir auch schon von vielen philologischen und
archäologischen Autoritäten bestätigt worden. Ist doch seit nunmehr 30 Jahren in
Deutschland kein gröfseres, das Gesamtgebiet der klassischen Mythologie umfassendes
Werk erschienen, so dafs eine neue, den grofsartigen Fortschritten der Altertumswissen-
schaft, namentlich der Kunstarchäologie und Inschriftenkunde einigermafsen gerecht
werdende und das massenhafte Material möglichst zusammenfassende Darstellung ent-
schieden notwendig erscheint; andererseits dürfte bei der fast unendlichen Fülle der
Mythen und Kulte und bei dem beklagenswerten Mangel an tiefer eindringenden For-
schungen hinsichtlich ihrer Zusammengehörigkeit und ursprünglichen Bedeutung ein
Lexikon weit eher zu einer einigermafsen vollständigen Zusammenfassung des Stoffes
geeignet sein als das zuerst von mir angekündigte systematische Handbuch, da ein
solches im günstigsten Falle nur die Hauptgötter und Hauptheroen behandeln kann,
den gröfsten Teil der kleineren Mythen aber beiseite lassen mufs. Die Kraft eines
einzigen Mannes, möge sie noch so grofs sein, reicht eben nicht aus, um alle in
VI
Vorrede.
Betracht kommenden Mythen und Kulte systematisch zu behandeln. Um 'das Gesagte
recht augenfällig zu beweisen, bemerke ich, dafs selbst in den beiden besten und relativ
vollständigsten systematischen Handbüchern der griechischen und römischen Mythologie
zusammen nach Ausweis der Register kaum 300 A-namen behandelt sind, während
unser Lexikon (die verschiedenen Homonymen mitgerechnet) deren über 1400 enthält.
Hierzu kommt noch der praktische Gesichtspunkt, dafs ein Lexikon zu rascher und
zugleich sicherer Orientierung weit geeigneter ist als ein systematisches Handbuch,
aus dessen Registern häufig erst mühsam die sämtlichen Stellen gesammelt werden
müssen, an denen der betreffende Mythus behandelt ist.
Bald nachdem ich die Ausarbeitung begonnen hatte, wurde es mir klar, dafs
ein so umfangreiches Werk, wenn sein Erscheinen nicht bis ins Unabsehbare verzögert
werden sollte, nicht von einem Einzelnen, sondern nur von einem Vereine mehrerer
Gelehrter geschaffen werden könne. Es war daher mein eifriges Bestreben, dem Buche
die Mitwirkung einer Anzahl tüchtiger, ja hervorragender Männer zu sichern, welche
sich bereit finden liefsen, nach den angegebenen Gesichtspunkten zu arbeiten. Die Mit-
arbeiter am ersten Bande sind folgende Herren:
Gymnasialdirektor Prof. Dr. Bernhard in Dresden, Professor Dr. Th. Birt in Mar-
burg, Professor Dr. 0. Crusius in Tübingen, Gymnasialdirektor Prof. Dr. W. Deecke
in Buchsweiler, Gymnasiallehrer Dr. E. Deneken in Berlin, Bibliothekar Dr. W. Drexler
in Halle a./S., Oberlehrer Dr. R. Engelmann in Berlin, Professor Dr. C. Fleischer in
Meifsen, Professor Dr. A. Furtwängler in Berlin, Geh. Hofrat Dr. Gädechens
in Jena, Oberlehrer Dr. Greve in Fellin, Oberlehrer Dr. Helbig in Bautzen, Dr.
P. Herrmann in Berlin, Oberlehrer Dr. Höfer in Dresden, Oberlehrer Dr. J. Ilberg
in Leipzig, Dr. A. Klügmann (•]*) in Rom, Dr. E. Kuhnert in Königsberg, Oberlehrer
Di\ Lehnerdt in Königsberg, Gymnasialdirektor Prof. Dr. 0. Meitzer in Dresden,
Professor Dr. Ed. Meyer in Halle a./S., Oberlehrer Dr. G. Oertel in Leipzig, Biblio-
thekar Dr. R. Peter in Münster, Professor Dr. A. Preuner in Greifswald, Gymnasial-
direktor Prof Dr. A. Procksch in Eisenberg, Oberstudienrat Prof. Dr. A. Rapp in
Stuttgart, Dr. B. Sauer in Athen, Direktorialassistent Dr. Ohr. Scherer in Braun-
schweig, Professor Dr. Schirmer in Eisenberg, Museumsdirektor Prof. Dr. Th. Schreiber
in Leipzig, Gymnasiallehrer Dr. A. Schultz in Hirschberg, Professor Dr. K. Seeliger
in Meifsen, Oberlehrer Dr. H. Steuding in Wurzen, Professor Dr. H. W. Stoll in
Weilburg, Professor Dr. L. von Sybel in Marburg, Privatdozent Dr. E. Thrämer
in Strafsburg, Gymnasiallehrer Dr. K. Tümpel in Neustettin , Direktorialassistent Dr.
J. Vogel in Leipzig, Dr. F. A. Voigt in Göttingen, Gymnasialdirektor Prof. Dr.
P. Weizsäcker in Calw, Professor Dr. Wilisch in Zittau, Professor Dr. G. Wissowa
in Marburg, Oberlehrer Dr. W olff in Chemnitz, Konrektor Prof. Dr. W örner in Leipzig.*)
Dafs der bekannte Spruch des Terentianus Maurus „habent sua fata libelli“
nicht blofs für die vollendeten, sondern auch für die noch im Entstehen begriffenen
*) Für den zweiten Band haben aufser der Mehrzahl der schon genannten Mitarbeiter
noch folgende Herren wichtigere Artikel übernommen: Dr. Leo Bloch (Berlin): Demeter, Per-
sephone, Triptolemos; Prof. Dr. Drefsler (Wurzen): Triton; Dr. Eninann (Petersburg): Leto, Niobe,
Zeus (mythol.); Oberl. Dr. Gläfser (Leipzig): Sternbilder; Dr. P. Hirsch (Königsberg): Theban.
Kriege; Dr. M. Ihm (Rom): Matronae u. s.w.; Privatdozent Dr. Immisch (Leipzig) : Kerberos, Kory-
banten, Kureten, Manto, Neleus, Palinuros, Phineus, Pyramos, Sarpedon,, Sinon, Teukros, Thisbe,
Thoas; Oberl. Dr. Lorentz (Wurzen): Terambos u. s. w.; Dr. Maxim. Mayer (Berlin): Kottos, Luft-
göttin, Parthenopaios, Personifikationen, Perseus, Tyche u. s. w. ; Prof. Dr. Pietschmann (Göttingen) :
Thoth; Museumsdirektor Dr. Purgold (Gotha): Nike, Phaethon, Poseidon (kunstmythol.) u. s.w.;
Prof. Dr. Studniczka (Freiburg): Kyrene; Dir. Dr. Weniger (Weimar): Iphitos u. s. w. Vgl.
Mitteil. d. B. G. Teubnerschen Verlagshandlung 1889 S. 36.
Vorrede.
VII
Bücher Geltung habe, besonders wenn sie so umfangreich sind und so langdauernde
Vorbereitung und Arbeit beanspruchen wie unser Lexikon, das hat auch der Unter-
zeichnete Herausgeber natürlich zur Genüge erfahren müssen. Hat doch die Vor-
bereitung des Ganzen nicht weniger als fünf, die Drucklegung und Herausgabe des
ersten nunmehr glücklich vollendeten Bandes gar sechs Jahre voll angestrengter Arbeit
erfordert. Es sei dem Unterzeichneten verstattet, aus „der inneren Geschichte“ unseres
Lexikons hier nur folgende Thatsache zur Sprache zu bringen. Keinem aufmerksamen
Leser und Benutzer des Lexikons wird es entgangen sein, dafs das erste Drittel des
ersten Bandes teilweise nicht auf derselben Höhe steht wie die beiden andern Drittel,
insofern mehrere wichtige Hauptartikel des Buchstaben A nicht mit derselben Ausführ-
lichkeit behandelt sind wie die meisten späteren Artikel von gleicher Bedeutung.
Dieser auf den ersten Blick befremdende Umstand findet seine Erklärung und hoffent-
lich auch seine Entschuldigung in der anfangs für den Herausgeber mafsgebend ge-
wesenen Besorgnis, das ursprünglich laut Prospektus nur auf 17 — 20 Lieferungen be-
rechnete Werk möchte einen zu gewaltigen äufseren Umfang annehmen und deshalb zu
schwer und zu langsam den nötigen Absatz finden, auf den ein solches Buch wie das
unsere, das sich keiner finanziellen Unterstützung von seiten des Staates oder eines
wissenschaftlichen Institutes zu erfreuen hat, doch immer angewiesen ist.*) Dazu kam
noch die nahe liegende Erwägung, dafs gerade für die Hauptgötter der Griechen in
den trefflichen Handbüchern Welckers und Prellers und in verhältnismäfsig zahlreichen
Monographieen schon ziemlich erschöpfende Arbeiten Vorlagen, daher wir unser Haupt-
augenmerk auf die mittleren und kleineren Artikel richten zu müssen glaubten.
Sobald sich aber zeigte, dafs trotz des immer zunehmenden Umfangs unseres Werkes
die Nachfrage nach demselben im In- und Auslande sich steigerte und als schon
während des Erscheinens der zweiten Hälfte des ersten Bandes eine ungeahnt hohe
Abonnentenzahl erreicht war, da fiel natürlich jene anfangs für die Redaktion mafs-
gebend gewesene Befürchtung hinweg, und so konnte auch den weiteren Hauptartikeln
ein weit gröfserer Umfang zugestanden werden, als ursprünglich für sie in Aussicht
genommen war. Übrigens wird es die Sorge der Redaktion sein, in den als Anhang
zum zweiten Bande vorbereiteten Supplementlieferungen, die aufser zahlreichen Nach-
trägen und Berichtigungen auch eine zusammenfassende Übersicht über die mytho-
graphische und mythologische Litteratur der Alten von Prof. Dr. E. Schwartz (Rostock)
und eine Geschichte der neueren mythologischen Theorieen von Oberlehrer Dr. Fritzsche
(Schneeberg) enthalten sollen, auch Ergänzungen zu jenen weniger ausführlich ge-
haltenen Artikeln des ersten Bandes erscheinen zu lassen, welche dieselben auf die
Stufe der übrigen Hauptartikel erheben werden. Endlich wird auch der leider im
ersten Bande fehlende Artikel über den Mythus und Kultus des Herakles in diesen
Nachträgen zum zweiten Bande seine Stelle finden.**)
Mit tiefstem Bedauern empfindet der Unterzeichnete Herausgeber die Lücke,
welche durch den frühzeitigen Tod von Reifferscheid und Klügmann in der Reihe seiner
Mitarbeiter entstanden ist, doch ist es ihm ein grofser Trost gewesen, dafs die beiden
*) Ganz ähnlich wie unsern ersten Lieferungen ist es auch den ersten Bänden von Paulys
Realencyklopädie der klass. Altertumswissenschaft ergangen, die, jedenfalls aus gleichen Gründen,
so viel weniger ausführliche Artikel enthalten als die späteren Bände, dafs die Redaktion und
Verlagshandlung sich sogar entschliefsen mufsten, den ersten Band einer vollständigen Um-
arbeitung zu unterwerfen.
**) Eine kleinere Anzahl von1 Ergänzungsartikeln hat schon im Anhänge zum ersten
Bande geliefert werden können. Es sind folgende gröfsere daraus hervorzuheben: Baal (Ed,
Meyer), Besä (Drexler), und Hercules im Kultus (R. Peter).
VIII
Vorrede.
trefflichen Schüler Reifferscheids, die Herren Prof. Dr. Wissowa (Marburg) und Biblio-
thekar Dr. R. Peter (Münster), sich freundlichst bereit erklärt haben, die von ihrem
verewigten Lehrer übernommenen wichtigen Artikel zur römischen Mythologie in seinem
Sinne und Geiste zu vollenden.
Für den rechtzeitigen Nachweis von Lücken und Citierfehlern wird die Redaktion
jedem Leser und Benutzer des Lexikons dankbar sein und jede wirkliche Berichtigung
oder Ergänzung nach dem Erscheinen des Ganzen in einem Anhänge abdrucken lassen.
Wir hoffen, dafs sich unser Lexikon einerseits als ein notwendiges Hilfs-
buch zum Verständnisse der Schriftsteller und Inschriften wie der Monu-
mente der bildenden Kunst andererseits als eine brauchbare Grundlage für die
weitere mythologische und kunstmythologische Forschung bewähren werde.
An alle Verfasser neuerscheinender mythologischer und kunstmythologischer
Untersuchungen richtet die Redaktion die höfliche Bitte, unser Unternehmen durch
Zusendung ihrer Arbeiten thunlichst fördern zu wollen.
Schliefslich fühlt sich der Herausgeber gedrungen dem berühmten Numismatiker
Herrn Dr. Imkoof-Blumer in Winterthur für seine überaus liebenswürdige Unterstützung
unseres Unternehmens den aufrichtigsten Dank auch an dieser Stelle auszusprechen.
Wurzen b. Leipzig im November 1889.
Prof. Dr. W. H. Roscher,
Konrektor am Kgl. Gymnasium zu Wurzen.
Aba ("Aßa, Gen. -org), Name einer Nymplie,
mit welcher Poseidon den Ergiskos (s. d.), den
Heros Eponymos der thrakischen Stadt Ergiske
(später Sergentzis) zeugte: Harpocr. lex. s. v.
’EqyCawri und Etym. M. 369, 54. [Roscher.]
Der Name bietet eine Bestätigung für den von
Aristoteles b. Strabo 445 bezeugten thrakischen
Ursprung der Abanten. [Crusius.]
Abarbaree (’Aßaqßuqiri , vgl. ßöpßo^og) , 1)
eine Quellnymphe , Mutter des Aisepos und io
Pedasos , welche sie dem Bukolion, einem
unehelichen Sohne des Königs Laomedon von
Troja, gebar: Hom. 11. 6, 22. Nonn. 15, 377.
Orph. Lap. 455. Hesych. s. v. — 2) Najade
von Tyros, Mutter der Tyrier: Nonn. 40, 363.
542. 572. Vgl. v. Baudissin, Stud. z. semit.
Religionsgesch. 2, 157 ff. [Roscher.]
Abäris, is und idis ('Aßägig, -idog und -iog),
1) ein Rutuler, Krieger im Heere des Turnus,
welcher von Euryalos, dem Begleiter des Äneas, 20
bei einem nächtlichen Überfalle erlegt wurde:
Verg. Aen. 9, 344. — 2) Ein Kaukasier und Ge-
nosse des Phineus, den Perseus tötete: Ov.
Met. 5, 86. — 8) Ein Dolione : Val. Fl. 3,
152. [Roscher.] — 4) wunderthätiger Arzt und
Seher, in einem besonderen Heiligtum (in
Sparta?) verehrt nach Strab. 11 p. 531.
[Schreiber.]
Abas, -antis (’Aßceg, Gen. - cevzog und ’Aßa,
vgl. Suid. u. Steph. Byz. s. v. ’Aßca) , 1) der 30
zwölfte König von Argos, Sohn des Lynkeus
und der Hypermnestra (Pi. P. 8, 571 Apollod.
2, 2, 1. Paus. 2, 16, 2. 10, 35, 1. Dichter b.
Schöl. z. Find. Pyth. 8, 73), nach einigen auch
des Poseidon oder Chalkon ( Schol . z. II. 2, 536)
und der Arethusa (Aristocr. b. St. Byz. s.’Aßuv-
zig, Hyg. f. 157.) Vater des Akrisios, Proitos,
Kanethos und der Eidomene (Apollod. 2, 2,.
1. 2. Schol. Eur. Or. 965.), auch des Chalkodon
(Schol. Eur. Hec. 125) , Grofsvater des Kan- 40
thos und der Danae , Urgrofsvater des Per-
seus u. s. w. Seine Gemahlin war Aglaia
(Apollod. 2, 2, 1). Er gründete Abai in Pho-
kis (Steph. Byz. s. v. ”Aß ca. Paus. 10, 35, 1),
ebenso eine Kolonie in Thessalien (Strabo 431)
und eroberte als König der Abanten mit die-
sen die Insel Euböa (Steph. Byz. s. v. ’Aßccv zig.
Schol. z. II. 2, 536 und zu Find. Pyth. 8, 73.
Vgl. Bursian in Paulys Bediene} 1, 5 f . Müller
Orchomenos 1 386). Besonders berühmt war sein 50
Schild, den einst Danaos der Hera von Argos
geweiht, Abas aber, als er seinem Vater Lyn-
keus die Nachricht von dem Tode des Danaos
überbrachte, von diesem zum Geschenk erhal-
ten hatte. Diese Schenkung soll das Prototyp
Roscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
eines argivischen Festes (’Acnlg ei’Agyovg C. I.
Gr. 4, 3 p. 42) gewesen sein, wobei der Sieger
keinen Kranz, sondern einen Schild als Preis
erhielt* (Hyg. fab. 170 u. 273. Verg. Aen. 3,
286. u. Servius z. d. St. Ov. Met. 15, 163. Vgl.
Boeclih expl. Find. p. 175 u. C. Fr. Hermann
Gottesd. Alt. § 52, 2 u. die daselbst angeführte
Litteratur). [Roscher.] Schild und Kranz mit
Inschriften auf Münzen von Argos (Kenner,
Sammlung Florian Tafel 3, 6 p. 91. Hieran
knüpft sich das Sprüchwort rag zgv sv ’Aqyei
ccaniSa na&sXcov asyvvszca. Zenob. 6 , 52.
[Schreiber], Endlich scheint Abas nach den An-
deutungen des Aristot. Poet. 11 u. 18 imLynkeus
efes Tragödiendichters Theodektes eine bedeu-
tende Rolle gespielt zu haben, welche sich
jedoch nicht mehr mit Sicherheit feststellen
läfst (vgl. C. 0. Müller de Lynceis. Gott. 1837).
— 2) Abas = Iobates (s. d.) nach Mythogr.
Vat. 2, 131. — 3) Ein Troer, der den Äneas
nach Italien begleitete: Verg. Aen. 1, 121. —
4) Ein etruskischer Fürst, der dem Äneas
Hilfstruppen aus Populonia und Ilva zu-
führte: Verg. Aen. 10, 170 u. 427. — 5) Ein
Trojaner, Sohn des Traumdeuters Eurydamas,
von Diomedes erlegt: Hom. II. 5,148. Q.Smyrn.
13, 209. — 6) Desgl. von Sthenelos getötet:
Q.Smyrn. 11,81. — 7) Ein Kentaur, Sohn des
Ixion und der Nephele: Ov. Met. 12, 306. —
8) Ein Freund des Perseus: Ov. M. 5, 126. —
9) Ein Gefährte des Diomedes (s. d.), der von
Aphrodite in einen schwanähnlichen Vogel ver-
wandelt wurde: Ov. M. 14, 505. — 10) Sohn
des Melampus, Vater der Lysimache, der Frau
des Talaos: Apollod. 1, 9,13. Paus. 1,43, 5. —
11) Ein fabelhafter Berg in Erytheia: Apollod. 2,
5,10. — 12) Abas (= Ambas?), S. d. Metaneira
(s. Askalabos). Schol. Nile. Ther. 484. — Davon
Abantiades (’Aßuvzictdrjg), Abkömmling von
Abas 1 u. 10, Beiname des Akrisios (Ov. Met.
4, 607), Kanethos (Ap.Bh. 1, 78 u. Schol.), des
Idmon, Sohnes von A. 10 (Ap. Rh. 2, 815 u.
Herodoros b. Schol. z. Ap. Rh. 1, 139, vgl. auch
1, 142. Orph. A. 188) , des Kanthos , Enkels
von A. 1 (Orph. Arg. 142) und endlich seines
Urenkels Perseus (Ov. Am. 3, 12, 24. Met. 4,
673. 766 u. ö.). [Roscher].
Abantias, adis (’Aßavzuxg, ccdog), Beiname
der Danae, Tochter des Akrisios, Enkelin des
Abas (s. d.). [Roscher],
Abderos (’AßSrjqog), Sohn des Hermes (oder
Thronikos: C. I. Gr. 5984 C , 14) aus Opus
* Nach YergilAen. 3, 28G f. wurdo jener Scliilddes Abas
später vom Äneas erbeutet und als Weibgesclieuk am
Eingänge des Apollotompels auf Actium aufgehängt.
1
Abellio
Acca
4
und Liebling des Herakles, zugleich Epony-
mos der thrakischen Stadt Abdera. Er wurde,
als er mit dem Herakles zusammen die Bosse
des thrakischen Königs Diomedes erbeutet
hatte, von diesen zerrissen, worauf Herakles
ihm zu Ehren Abdera gründete und Leichen-
spiele stiftete, welche die Abderiten jährlich
feierten. Ygl. Philostr. Im. 2, 25. Fr. Osann
in Gerhards Benhm. u. Forsch. 1852 N. 42.
Hellan. b. Steph. Byz. s. v. ”Aß8r\gu. Apollod. 2,
5, 8. Strab. 331, fr. 44, 47. Scymn. 667. Hyg.
f. 30. C. I. G)\ 5984 C. Idol. Hcph. p. 47,
20. 150, 32 Beicher. [Eoscher.] ,
Abellio, Name eines gallischen Gottes, wel-
cher auf Ältarinschriften des obern Garonne-
thales ( Orelli- Henzen 1952 f.) erscheint. Eine
davon lautet: Beo Abellioni Minicia Iusta. V.
5. L. M. [Eoscher.]
Abeona zusammen mit Adeona eine römi-
sche Schutzgöttin der. Kinder bei. den ersten
Versuchen im Hin- und Herlaufen: Aug. de
civ. d. 4, 21 u. 7,3. S. Indigitamenta. [Eoscher.]
Abia (’Aßi'cz), Amme des Glenos, eines Sohnes
des Herakles. Sie gründete diesem zu Ire (Tgy
Hom.) in Messenien einen Tempel, weshalb
der Heraklide Kresphontes später jene Stadt
ihr zu Ehren Abia nannte: Paus. 4, 30, 1.
[Eoscher.] Curtius, Peloponnesos 2 p. 160. 193
Anm. 33. [Schreiber.]
Abiuius, Name eines gallischen Gottes auf
einem bei Nizza (Nicaea) gefundenen Altäre
(Orelli- Henzen 6772 . . . ararn posuit deo Abi-
nio ). [Eoscher.]
Ableros ("Aßh igog), ein Troer, den Antilo-
chos, der Sohn des Nestor, erlegte: Hom. II.
6, 32. Vgl. lies. s. v. v.ßh\gu. [Eoscher.]
Abnoba Diana oder blofs Abnoba, Name
einer Gottheit des Abnoba mons (jetzt Schwarz-
wald, Pauly JRealenc. 1, l2, S. 16): Orelli inscr.
1986 u. 4974. [Eoscher.]
Abobas (’Aßwßag), Name des Adonis (s. d.)
bei denPergäem: Hesych. u. Ft. M. [Eoscher.]
Absyrtos ('AijjVQZog, "A^vgzog Pherekyd. nach
Schol. Für. Med. 167), von Pacuvius bei Cie.
N. B. 3, 19, 48. Biod. 4, 45. und Justin. 42,
3 auch Äigialeus, von Timonax b. Schol. Ap.
Eh. 3, 1236 auch Phaethon, von Dikaioge-
nes bei Schol. Für. Med. 167 Metapontios ge-
nannt, Sohn des Aietes, Königs von Kolchis
und der kaukasischen Nymphe Asterodeia, s
der Tochter des Okeanos und der Tethys, oder
der Eurylyte (Ap. Eh. 3, 242 u. Haupakt. b.
Schol. z. d. St.), oder einer Nereide (Soph. b.
Schol. z. Ap. Eh. 4, 223 u. 3, 242), oder der
Hypsea (? Myth. Vat. 1, 204), oder der Hekate
(Biod. 4, 45). Die verschiedenen Versionen
über seinen Tod lassen sich in zwei Haupt-
gruppen teilen. Nach der einen wurde Absyr-
tos als kleines Kind von Iason und Medea auf
der Flucht von Kolchis mitgenommen und zer- 6
stückelt, um den nachfolgenden Aietes aufzu-
halten (vgl. Ov. Met. 7 , 54). Nach Phereky-
des geschah die Zerstückelung noch während
der Fahrt auf demPhasis, nach Sophokles be-
reits im Hause des Aietes (Schol. z. Ap. Eh.
4, 223 u. 228. vgl. Furip. Med. 1334. Kallim.
b. Schol. z. d. St. u. Welcher , Griech. Trag.
333 ff.), nach Apollod. 1, 9, 23 f. bei der Fahrt
auf dem Pontos Eux. Die Stadt Tomoi soll
ihren Namen dem Grabe des zerschnittenen
Leichnams verdanken (vgl. auch Cic. imp. Cn.
Pomp. 9, 22. Steph. Byz. s. v. : Togsvg. Ov.
Trist. 3, 9, 5 ff. Heroid. 6, 129. 12, 113). Ganz
anders lautet die Sage bei Apollonios Eh. 4,
305 ff. (Strabo 315). Derselbe läfst den Ab-
syrtos als erwachsenen Mann der Argo auf
dem adriatischen Meere entgegenfahren , um
sie abzuschneiden. Medea aber lockt den Bru -
der in einen Artemistempel auf einer der
’Azpvgzidsg vrjcoL an dfer Küste Illyriens , wo
Iason ihn erschlägt. Etwas anders, aber doch
ähnlich, berichten Hygin f. 23, 26 und Orph.
Arg. 1027 (vgl. auch Steph. B. s. v. ’AtpvgzL-
ds g); ganz vereinzelt steht die Angabe des Ehe-
tors Leon b. Schol. Furip. Med .■ 167 , nach
welchem Absyrtos durch Gift getötet wurde.
Die lateinische Schreibung Absyrtus scheint
) auf der verkehrten Ableitung von der Präpos.
ab zu beruhen. Weiteres unter Argonaut-ai.
Hinsichtlich der Etymologie ist zu verweisen
auf Pliilol. Sujopl. 2, 267 ff. und auf Kuhns Z.
9, 176. [Eoscher u. Seeliger.]
Abnmlantia, eine der jüngsten Bildungen die-
ser Eichtung, eine Verkörperung des Zustandes,
in welchem das Volk sich im Genüsse aller Kul-
turgüter befindet und niemand darbt. Eine reli-
giöse Verehrung, wie sie für andere Gottheiten
i dieses Kreises bezeugt ist, hat sie wohl nie ge-
nossen; ihr Bild findet sich auf den Münzen
der Kaiser von Elagabal bis auf Maximianus
Hercules, und zwar wird sie in typischerWeise
dargestellt, wie sie aus einem Füllhorn ihre
guten Gaben ausstreut (vgl. Cohen, med. imper.
Flagabale 1. Alex. Sev. 2. Gordien le Pieux
207 — 210. Trajan Bece 1. 2. Gallien 26 — 28
u. s. w.), selten hält sie auch Ähren in der
Hand (Cohen a. a. O. Victorin 1. Tetricus pere
40. 41); ganz vereinzelt und spät ist eine durch
ein spezielles Ereignis veranlafste Münzdar-
stellung, auf welcher sie Münzen unter das
Volk ausstreut (Cohen a. a. 0. Maximien Her-
cule 136), immerhin ein Beweis dafür, wie in
der späten Zeit die realistische Auffassung an
die Stelle der idealeren tritt. | Wissowa.]
Acacallis, Acantlio, etc. s. Akakallis, Akan-
tho, etc.
Acca. 1) Acca Larentia, eine altrömische
Göttin oder Heroine, deren Mythus mit. den
ßagen vom Hercules und Eomulus eng ver-
knüpft ist. Mythus, a) Unter der Eegierung
des Eomulus oder Ancus Martius (vgl. Gell. N.
A. 7, 7, 6. Macrob. 1, 10, 12. 15) lud einst an
einem Feiertage der Tempelhüter des Hercules
den Gott selbst zum Brettspiel ein unter der
Bedingung, dafs der Verlierende dem Gewin-
nenden eine Mahlzeit und ein Mädchen ver-
schaffen sollte. Als nun Hercules gewann, so
richtete ihm der Tempelhüter eine Mahlzeit
im Tempel her und führte ihm die schönste
und berühmteste Dirne der Stadt zu, nämlich
die Acca- Larentia, mit dem Beinamen Fabula
(oder Faula vgl. Plut. Q.E. 35. Lactant. 1, 1, 20).
Beim Abschied sagte ihr Hercules, sie würde
den Lohn von dem Manne empfangen, der ihr
frühmorgens beim Hinansgelien zuerst begeg-
nen würde. Dieser Mann war ein Tuscer Na-
'
i
E
in
i
*
. ; sä
I At
j ati
h
lei
5
Acestes
Acheloos
6
mens Tarutius (so Flut. Augustin ., nicht Ca-
rutius Macrob.), der sie zur Frau nahm und
ihr nach seinem Tode reichen Grundbesitz
( agros Turacem, Sumurium , Lutirium [ Momm -
sen ] et Solinium nach Cato b. Macrob. S. 1,
10, 16) hinterliefs. Als Larentia starb oder
verschwand ( illa non comparente Augustin. Is-
ysxca . . cccpccvij ysvs aftcu Flut. Rom. 5), vermachte
sie ihre Güter dem Romulus oder dem römi-
schen Volke (vgl. Macrob. S. 1, 10, 12 f., der
sich auf Cato beruft; Antias b. Gell. N. A. 7
(6), 7; Pint. Rom. 4, 5; Qu. R. 35; Verrius
Flaccus im pränestinischen Kalender. Lactant.
1, 20, 5; Tertull. ad Nat. 2, 10; August. C. 1).
6, 7). b) Nach einer anderen wahrscheinlich
von Macer erfundenen Sage ( Mommsen ) war
Acca L. die Gattin des Faustulus und Amme
des Romulus und adoptierte diesen, als einer
von ihren 12 Söhnen, den sogen, fratres Ar-
vales, gestorben war. Seit dieser Zeit bestand
in Rom das Kollegium der 12 arvalischen Brü-
der, deren priesterliches Abzeichen ein Ähren-
kranz und eine weifse Binde ispicea corona et
alba infula ) war (vgl. Masurius Sabinus b.
Gell. N. A. 7 (6) 8; Plin. n. h. 18, 6; Rutilius
Geniinus (?) b. Fulgent. 9 p. X Lersch. Mehr b.
Mommsen, die echte u. d. falsche AccaL. S. 102 ff.,
der Macers Auffassung der Acca auf den Dop-
pelsinn von lupa und die alte römische Grün-
dungslegende von der Wölfin als Amme des
Romulus zurückführen will. Kultus. Jedes
Jahr opferte ihr der Flamen Quirinalis mit den
Pontifices zusammen an ihrem Grabe, das sich
auf demVelabrum befand, die üblichen Toten-
spenden (vgl. Gell. a. a. O. Varro de 1, l. 6,23;
Flut. Rom .41'. ; Q. R. 24, 35; Macrob. a. a. 0.
u. s. w. Mommsen, die echte u. d. falsche Acca
L. S. 94 ff. Marquardt , Rom. Staatsverwaltung
3 S. 322, 5). Der 23. Dezember (nach C. I. L.
I p. 375. Macrob. S. 1, 10, 10 auch als feriae
Iovi bezeichnet) hatte davon den Namen La-
rentalia [oder Larentinalia] erhalten ( Festi
ep. p. 119, 1. Lactant. Inst. 1, 20, 4. Varro de
1. 1. 6, 23. Ovid. f. 3, 57; Macrob. 1, 10, 11.
Marquardt a. a. 0. S. 564). Nach Plut. Q. R.
35 u. Rom. 4 wurde Acca L. als Amme des
Romulus auch im April verehrt (vgl. J lomm-
sen a. a. 0. S. 101 A. 30). Litteratur. Har-
tung Rel. d. R. II 144 ff. Preller r. M.3 2, 26 ff.
Pciuly, Realenc. I2 1, 33 f. Schwegler, Rom.
Gesell. I S. 431 ff. Mommsen , die echte u. d.
falsche Acca L. in Festgaben f. G. Homeyer ,
Berl. 1871. S. 93 ff. Fm. Hofmann, Die Arval-
brüder , Abclr. aus d. Verhandl. der XVII. Vers,
d. Philol. zu Breslau, Breslau 1858. Preuner,
flestia- Vesta (1864) S. 382 ff. Marquardt a. a.
0. 429f. Deutung: Eine vollständige Deutung
der Mythen von AccaL. ist bei der Verworren-
heit ihrer Legende und der Mangelhaftigkeit
der Überlieferung, nicht wohl möglich. Echt-
mythisches und Ätiologisches scheint in die-
sem Falle vermischt worden zu sein. Der Name
Acca bedeutet wahrscheinlich Mutter (vgl. Skr.
akka, gr. ’Akkcö Fick Wörterb. 2 S. 1). Der
Zusatz Larentia bezeichnet wohl die Mutter
der 12 Laren der Stadtflur, deren Vertreter
vielleicht die 12 arvalischen Brüder, die der
Mythus Söhne der Acca nannte, sein sollten.
Wenn Mommsen a. a. 0. S. 94 A. 3 jeden Zu-
sammenhang von Larentia und Läres wegen
verschiedener Quantität des a leugnet, so ist
dies zwar beachtenswert, aber nicht beweisend.
Vgl. Corssen Aussprache 2, 69. Auch Romulus
und Remus scheinen als Zwillingslaren verehrt
worden zu sein ( Preller r. M. 1 695). Jeden-
falls deutet der vielleicht spät erfundene Mythus
von der Adoption des Romulus an Stelle eines
der arvalischen Brüder auf das Bedürfnis hin
den Romulus mythisch mit diesem uralten Kol-
legium und somit auch mit der Acca L. zu
verbinden. Der eigentümlichen Sage von dem
Verhältnis der Acca zum Hercules dagegen
mögen gewisse Gebräuche, wie wir sie auch
aus dem Kultus der Flora kennen ( Marquardt
a. a. 0. S. 364, 1), zu Grunde liegen. Über-
haupt ist diese Göttin in ihrem Wesen der
Acca nahe verwandt, wie schon aus dem Um-
stande erhellt, dafs von ihr fast dieselbe Le-
gende wie von jener erzählt wurde ( Lactant .
1, 20, 5). Vielleicht war die Acca L. ursprüng-
lich mit der Dea Dia identisch, worauf na-
mentlich ihre beiderseitige Berührung mit dem
Kultus der Arvalen hinweist. — 2) Acca, Freun-
din der Camilla, der Königin der Volsker.
Verg. Aen. 11, 820 ff. [Roscher.]
Acestes s. Äigestes.
Acliaios (Axaiog), Sohn des Xutlios und der
Kveusa, Stammvater der Achäer, Bruder d. Ion.
( Apollod . 1, 7, 3. Strab. 383. Paus. 7, 1, 2 ff.).
Nach Dion. Hai. 1, 17 war er der Sohn des
Poseidon und der Larisa, nach Scliol. II. 2, 681
u. Eust. z. d. St. des Haimon (nicht Ammon),
nach Serv. Verg. Aen. 1 , 242 des Zeus und
der Phthia. Sein Sohn hiefs Phthios nach Steph.
Byz. s. v. 'Ellas. [Roscher.]
Acliareus (A%<xqsvs ?) , ein Pankratiast , mit
welchem Herakles in Olympia kämpfte. Hyg.
f. 273. [Roscher.]
Achates (Axüzgg) 1). der bekannte treue und
tapfere Gefährte des Äneas, welcher auch für
den Erleger des Protesilaos galt: Scliol. II. 2,
701. Eust. ad II. 326, 5. Verg. Aen. 1, 120
u. öfter. Ov. Fast. 3, 603. Wahrscheinlich hat
Vergil die Person des Achates nicht frei er-
funden, sondern griechischen Quellen entlehnt.
Mehr b. Klausen Aeneas 477 ff. — 2) Ein Tyr-
rhener im Gefolge des Bacchus bei seinem
Zuge nach Indien: Nonn. 13, 309. 37, 350 öf-
ter. [Roscher.]
Acheles (Axslrjg) , Sohn des Herakles und
der Omphale nach Scliol, II. 24, 616. Nach
anderen hiefs er ’Anslgg ( Hellan . b. Steph. Byz.)
oder ’Alnaio g ( Herocl . 1, 7.), oder ’Ayshxog ( Apol-
lod. 2, 7, 8). S. Preller gr. M. 2 2, 283, 5.
[Roscher.]
Acheletides (Axslrjzidsg), wahrscheinlich die
Nymphen des lydischen Flusses ’A%ilr\s bei
Smyrna : Panyasis b. Scliol. II. 24,616. [Roscher.]
Aclieloides (’Axslco'l'Ssg und ’AxslondSsg) 1)
die Seirenen als Töchter des Acheloos (s. d.):
Ap. Rh. 4, 893. Ov. Met. 5, 552. 14, 87. Sil.
It, 12, 34. — 2) die Najaden des Acheloos : Verg.
Cop. 15. — 3) Quellnymphen überhaupt Colum.
10, 263. [Roscher.]
Acheloos (Axslmog, -dno g), der Gott des
Flusses Acheloos (j. Äspropotamo), des gröfs-
1*
7
Acheloos
Acheloos
8
ten Flusses von Griechenland, der, auf dem
Gebirge Lakmon entsprungen, reifsenden Lau-
fes mit hellem Wasser ( txQyvgoSLvrjg , Hesiod.
Gallim. in Cer. 13. Dionys. Per. 433, infolge
des weifsen Bodens seines Bettes) südwärts
zwischen Akarnanien u. Atolien durch frucht-
bare Ebenen dem ionischen Meere zufliefst.
Er ist der Sohn des Okeanos und der Tethys
und der älteste der 3000 Bruderflüsse, Hes.
Theog. 340. Akusilaos b. Macrob. Sat. 5, 18,
10. (fr. 11 a Mueller) Hyg. praef. p. 28 Bunte.
Tzetz. Dyk. 712. Auch hiefs er Sohn des He-
lios und der Gaia, oder des Okeanos und der
Gaia, Nat. Com. 7, 2. vgl. Serv. z. V. Ge. 1, 8.
Flut, de fltw. 22, 1 nennt ihn Sohn des Okea-
nos und einer Najade und läfst ihn sich in
den Flufs Thestios stürzen, der nun Acheloos
genannt wurde (! ?). Kephalion b. Malala p. 164
(Mueller hist. gr. fr. 3 p. 631, 8) nennt Ache-
loos Sohn des Poseidonios, der beim Übergang
über den Flufs Phorbas, vom Pfeile getroffen,
umkam und dem Flufs den Namen Acheloos
gab. Vgl. Tzetz. L. 671. Er hiefs früher Thoas
und erhielt seinen Namen von Acheloos, der
mit Alkmaion aus Thessalien in jene Gegend
kam, Steph. B. s. v. Strab. 10, 450. Acheloos
soll in seinem Gram über den Verlust seiner
Töchter, der Seirenen, von seiner Mutter Gaia
in ihren Schofs aufgenommen worden sein,
worauf an dieser Stelle ein Flufs hervorsprang,
Serv. V. Ge. 1, 8, oder er löste sich in einen
Flufs auf aus Schmerz über seine Besiegung
durch Herakles, Propert. 2, 25, 33. Hie Be-
hausung des Stromgottes wird beschrieben Ov.
Met. 8, 550 ff. — Hom. II. 21, 194 nennt den
Acheloos ■hqslcov, den Herrscher, und stellt ihn
mit Okeanos zusammen, Flufsgötter, welche
trotz ihrer gewaltigen Kraft es nicht wagen
können sich mit Zeus zu messen. Wenn man
an dieser Stelle nach dem Vorgang des Zeno-
dot mit Bergk den V. 195, in welchem Okea-
nos genannt wird, wegwirft, so wird Acheloos,
wie sonst Okeanos, der Strom, von welchem
alle andern fliefsenden Gewässer stammen, Bergk
„die Geburt der Athena“ in Jahns Jalirb. Bd.
81 S. 394 f. Vgl. Unger , Fhilolog. Suppl.-Bd.
2, S. 699 (vgl. Philol. 24, 395 f.). Acheloos
war der König der Ströme, der vor allen am
meisten geehrt wird, Akusilaos b. Macrob. I. I.
Während die übrigen Flüsse in Griechenland .
nur von ihren Anwohnern Verehrung genossen,
wurde Acheloos in ganz Griechenland verehrt,
er wurde allgemein bei Opfern, in Gebeten und
Schwüren angerufen, Ephoros b. Macrob. 5,
18. (fr. 27 Mueller). Seine Verekrung ist, zum
Teil durch aufgefundene Münzen und Inschrif-
ten , bezeugt zu Athen ( Plat . Phaedr. 230 B),
zu Dyme, Rhodos ( Heffter Götterdienste auf
Ehod. 3, 66 f), bie den Sikelioten, und die an-
wohnenden Akarnanen feierten ihm auch Wett-
spiele, Schol. II. 24, 616; ferner zu Oropos,
Paus. 1, 34, 2, in dem megarensischen Flecken
Rhus, Paus. 1, 41, 2, in Mantinea und Myko-
nos, nach Inschriften, Stengel Jalms Jalirb. 1882,
11 S. 735; in Metapont, das von Ursprung halb
ätolisch war , wurden ihm Agone gefeiert,
nach einer Münze von Metapont, Müller, Ar-
cliäol. §. 403, 2. Millingen anc. coins t. 1, 21.
Osann Tübing. Kunstbl. 1831 N. 16 f. Arch.
Ztg. 1862. t. 168, 4. O. Jahn ebds. S. 321. Der
Grund allgemeiner Verehrung lag hauptsäch-
lich darin, dafs Acheloos, in dessen Namen der
Stamm = aqua enthalten ist, überhaupt
das Element des fliefsenden Wassers bezeicli-
nete, so dafs das Wort auch öfter von Dich-
tern einfach für Wasser gebraucht wurde.
Ephoros l. I. Serv. V. Ge. 1, 8. Schol, II, 24,
i 616. Orpheus b. Lobeck Agl. p. 952. Aescliyl,
Pers. 869. Eurip. Bacch. 625. Aristoph. Lys.
381. fr. 130. Lokalisiert wurde er dann als
Eigenname verschiedener Flüsse, unter denen
der akarnanisch-ätolische Flufs durch den Ein-
flufs des nicht weit von seinen Quellen gele-
genen dodonäischen Orakels, in dessen Kult
die nährende Feuchte eine Hauptrolle spielte*
zu besonderer Verehrung gelangte. Das Ora-
kel soll jedem seiner Sprüche zugefügt haben,
i man solle dem Acheloos opfern, Ephoros 1. 1.
Schol, II. 21, 194. 24, 616. Dafs man ihm auch
in Dodona opferte , ist selbstverständlich , s.
Corp. Inscr. 2908. Aus der allgemeineren Be-
deutung des Acheloos erklärt es sich, dafs die
Seirenen seine Töchter sind (Paus. 9, 34, 2.
Acheloides Ov. Met. 5, 552), die er mit der
Muse Melpomene oder Kalliope ( Apollod . 1, 3,
4. Serv. V. Ge. 1, 8. Hyg. praef. p. 30. Bunte,
f. 125 (p. 103.) 141) oder mit Terpsichore (Ap.
Eh. 4, 896. Tzetz. Lyk, 650. 671. 712) oder
mit Sterope, Tochter des Porthaon (Apollod,
I, 7, 10) zeugte, dafs er Vater der Quelle
Peirene ist (Paus. 2, 2, 3), der Quelle Kasta-
lia zu Delphi (Panyasish. Paus. 10, 8, 5), der
thebanischen Dirke (Eurip. Bacch, 519). —
Als Nachbar des ätolischen Kalydon warb
Acheloos in dem Hause des Oineus um die
Hand seiner Tochter Dei'aneira. Er kam, da
er als Wassergott die Fähigkeit hatte, sich in
verschiedene Gestalten zu verwandeln , bald
als Stier, bald als Drache, bald in menschli-
cher Gestalt mit einem Stierkopf, Formen, in
denen die Flufsgötter gedacht und abgebildet
wurden. Die arme Jungfrau zitterte vor solch
einer Ehe; da kam zu ihrer Freude Herakles
als Werber und rang dem Acheloos in schwe-
rem Kampfe die Braut ab. Als während des
Kampfes der Flufsgott sich in einen Stier ver-
wandelte, brach ihm Herakles ein Horn ab,
und er gab sich besiegt. Sein Horn tauschte
er von Herakles wieder ein, indem er ihm das
Horn der Amaltheia dagegen gab, welches die
Nymphen mit Blumen und Früchten füllten;
oder das Horn der Amaltheia ist gleich dem
Hom des Acheloos. Soph, Tr ach, 9 ff. 510 ff.
Ov. Met. 8 , 880 ff . 9 , 1 ff. s. De'ianeira, Hera-
kles, Amaltheia. Schon die Alten erklären diese
Fabel als einen natürlichen Vorgang; Hera-
kles habe den Kalydoniern zulieb den wilden
Strom durch Regelung seines Laufes gebän-
digt und ihm ein blühendes fruchtbares Land
abgerungen, Diod. 4, 35. Strab. 10, 458. Schol,
II. 21, 194. Eustath. Dion. Per. 431. — Von
den echinadischen Inseln, welche vor der Mün-
dung des Acheloos durch Anschwemmungen
entstanden waren, wird folgende Sage erzählt:
vier Nymphen opferten an dem Ufer des Flus-
ses allen einheimischen Göttern, vergafsen aber
9
Ackemenides
Acheron
10
des Acheloos; im Zorn hierüber rifs er mit
seinem Strom das Uferland samt den Nymphen
fort, und die Najaden, mit Erdreich umgeben,
wurden zu Inseln. Die fünfte Insel entstand
aus seiner Geliebten Perimela, der Tochter des
Hippodamas, welche der Vater im Zorn über
die Entehrung der Jungfrau, noch ehe sie ge-
bar, in das Meer stürzte, Poseidon aber auf
Bitten des Aclieloos in eine Insel verwandelte.
Uv. Met. 8, 577— Cll. Nach Apollod. 1, 7, 3 io
zeugte Acheloos mit Perimede, der Tochter des
Aiolos und der Enarete, den Hippodamas und
Orestes. Aufserdem hatte Acheloos eine Toch-
ter Kallirrhoe, welche Gemahlin desAlkmaion
wurde, Apollod. 3, 7. 5. Bei Giern. Mo. Homil.
5, 13 heifst die Mutter des Thessaliers Myr-
midon Eurymedusa Tochter des Acheloos (Flufs
in der Gegend von Lamia, im Reiche des Achil-
leus, Strab. 9, 434). — Die Kunst hat den
Acheloos dargestellt teils als gehörnten Greis 20
(auf der oben erwähnten Münze von Metapont),
teils als Meerdrachen mit menschlichem Kopfe
und Armen und Stierhörnern ( Gerhard Auser-
les. Vasen. 2. t. 115), teils, und am gewöhnlich-
sten, als Stier mit menschlichem Gesicht und
langem feuchtem Bart ( Soph . Track. 13). Sein
Kopf auf Münzen von Akarnanien , Öiniadä
und Ambrakia ( Sestini Med. dcl M. Fontana
4, 9. 10, 12. Mionnet 2. p. 51 u. 78. Suppl.
3. p. 365 u. 453. pl. 14)*). Häufig findet sich 30
sein Kampf mit Herakles; so schon am amy-
kläisehen Thron (Paus. 3, 18, 8), in einer Sta-
tuengnrppe des Dontas zu Olympia (Pcrns. 6,
19, 9), in einem Gemälde bei Philostratos
(tun. 4). Die erhaltenen Kunstwerke zusam-
mengestellt von Welcher ad Philostr. p. 600.
Müller Ar ch. §. 403, 2. Gerhard a. a. O. S. 107.
IJrlichs Ann. d. Inst. 1839 p. 266 u. 1856 p. 104.
Man sehe noch Zoega Bass. tav. 74. Braun
Gr. Götterl. §. 133. 638 — 640 und dazu die 40
Nachweisung der Kunstwerke b. Streber Bayr.
Alcad. 1838. p. 537 fF. Panoflca Bert. Alcad.
1846 p. 230 ff. Unger Hieb. Farad. 183. Preller
Gr. Myth. 1, 29 f. 450. 2, 243. Gerhard Gr.
Myth. 1. §. 542. Stark Niobe 412. [Stoll.]
Acliemenides , Sohn des Adamastos von
Ithaka, Gefährte des Odysseus, den dieser auf
der Flucht vor den Kyklopen auf Sicilien zu-
rückliefs. Später wurde er von Äneas auf-
genommen: Verg. Acn. 3, 614 ff. Ovid. Met. 50
14, 161. Pont. 2. 2, 25 u. 167. [Roscher.]
Acheron (’Axsqcov) , 1) ein Flufs der Unter-
welt. In der Ilias wird Acheron als solcher
nicht erwähnt; dort ist die Styx der einzige
Flufs der Unterwelt. Ebenso ist’s bei Hesiod.
ln der Odyssee dagegen (10, 513) an der Stelle,
wo Odysseus in dem westlichen Vorhof des
Hades die Seele des Teiresias citiert, wird als
Flufs der Unterwelt genannt Acheron, in wel-
chen der Pyriphlegethon und Kokytos, ein Aus- GO
flufs der Styx, sich ergiefsen. In Epirus im
Lande der Thesproten war ein Flufs Acheron,
der in seinem Oberlauf durch ein wildes Ge-
birgsland, zwischen kahlen jähen Felsen in
engen Schluchten wild dahinstürzend, hier und
* Aclieloos, auf Münzen von Akarnanien bärtig und
bartlos, aber nie geflügelt: Imhoof-Blumer in der Wiener
Numisrn. Zft. X (1878) p. 20 u. 161 Anm, 135. [Schreiber.]
da sich in tiefe Abgründe versenkt, um erst
nach längerer Strecke wieder zum Vorschein
zu kommen, aber nicht weit von seinem Aus-
Aufs ins Meer im Gebiet der alten Stadt Ephyra
(später Kichyros) einen tiefen sumpfähnlichen
See mit ungesunder Ausdünstung, Uyvy ’A%s-
qov6i'u, AxSQOvaiäg, Aysgovois , bildet. Bursian
Gcogr. v. Gr. 1, 27 u. in Pauly II. Enc.2 s. v.
Das Unheimliche und Schauerliche dieser Ört-
lichkeit erweckte den Glauben, dafs hier ein
Zusammenhang mit der Unterwelt, der Be-
hausung der Toten sei, und seit uralter Zeit
bestand an dem grauenhaften Gewässer ein be-
rühmtes Totenorakel, von dem man seit alter
Zeit vermutete, dafs es dem Homer bei seinen
Schilderungen der Totenbeschwörung im 10.
Buche der Odyssee vor Augen geschwebt habe,
llcrodot. 5, 92, 7. Paus.f 1, 17, 5. 9, 30, 2.
Die Beschaffenheit dieser Örtlichkeit gab auch
Veranlassung, dafs man den Acheron, der als
Flufs des „Ach und Wehs“ (u%og) angesehen
ward, mit dem aclierusischen See und mit seinem
Nebenflufs Kokytos, dem Flusse des „Weinens
und Klagens“ (nconvsLv), in die Unterwelt selbst
verlegte. Das Wort ’AitJqcov, obgleich ursprüng-
lich wohl, wie auch ’Axshpog, von ä% = aqua
stammend, wurde von den Alten gewöhnlich
von a%og abgeleitet, 6 ü%r) qscov. Fragmente
des Melanippides und Likymnios bei Stob.
Fel. Phys. 1, 52 (Apollod. fr. 10 in Mueller hist,
gr. I). Schol. Od. 10, 514. Fustath. Hom. 1667,
38. Tzetz. L. 705. (Eine andre Ableitung und
Erklärung giebt zu Od. 10, 513 Autcnrieth im
hom. Wörterb. s. v. : cc-xeqcov, cuncta abripiens,
der Abgrund, nicht der Flufs der Unterwelt).
— Erst in nachhomerischer Zeit tritt Acheron
und der ihn aufnehmende acherusische See als
ein Hauptgewässer der Unterwelt hervor, und
zwar als eine Grenze und Umschliefsung der-
selben , über welche die Seelen übersetzen
müssen, um ins Totenreich zu gelangen, Eurip.
Alk. 440. Lucian. de luctu §. 3. Verg. Acn. 6,
295. Eine eigentümliche Vorstellung von den
Flüssen der Unterwelt hat Plat. Phacd.p. 112 f.
Acheron galt so sehr als das Hauptgewässer
der Unterwelt, dafs das Wort bei Griechen und
Römern häufig für die Tiefen der Unterwelt
überhaupt, für Tod und alles Verpestete ge-
braucht wurde, Soph. Ant. 805. Eurip. (fr. 860
Nauck) b. Bekker Anecd. p. 343. Theokr. 15,
103. Ennius p. 102. 124 Valilen. Plaut. Trin.
2, 4, 124. Verg. Aen. 7, 312. Ov. Met. 11, 504.
Cie. de sen. 10. Corn. Nep. Dion. 10. In Ita-
lien war er so sehr zum Symbol für alle
Ahnungen und Schrecken der Unterwelt ge-
worden, dafs die Etrusker sogar einen Abschnitt
der Bücher des Tages, der sich auf die See-
len der Verstorbenen bezog, acheruntisclie Bü-
cher nannten, Arnob. 2, 62. Serv. Verg. Aen. 8,
398. Müller Etrusk. 2, 27. Bergk „die Ge-
burt der Athena“ (in Jahns Jahrb. 81, S. 399 ff.)
führt den Gedanken aus , dafs der Acheron,
wie Acheloos und Okeanos, ursprünglich den
himmlischen Luftstrom bedeutet habe , durch
den die Seelen der Verstorbenen zumOrt ihrer
Bestimmung wandelten, der aber dann später
als Totenstrom unter die Erde verlegt worden
sei. — Acheron wurde auch personificiert; er
11
Acherusia
Achilleus b. Homer
12
heilst Sohn der Gaia, der Demeter, und soll
in die Unterwelt versetzt worden sein, weil
er den Titanen im Kampf gegen Zeus zu trin-
ken gereicht habe, Natal. Com. 3, 1. Mit Or-
phne (oder Gorgyra, Apollod. 1, 5, 3. Natal.
Com. 1. 1.) zeugte er den Askalaphos, Ov. Met.
5, 539. vgl. Serv. V. Aen. 4, 462. — Nitzsch
Anm. z. Odyssee Bä. 3 , 156 ff. Müller Bor.
1, 418. Proleg. 363. Welcher Gr. Götterl. 1,
803. Preller Gr. Mytli. 1, 665, 671. — Auch
sonst kommt der Flufs Acheron sowie der
acherusische See vor, besonders in Gegenden,
deren Beschaffenheit auf eine Verbindung mit
der Unterwelt schliefsen liefs. In Triphylien
z. B. war ein Flufs Acheron, der von dem dem
Hades geweihten Minthegebirge herabkam und
in den Alpheios flofs, Strab. 8, 344. Eustatli.
Hom. 1667, 59. Im Gebiet des pontischen He-
raklea hiefs ein Vorgebirge ’AxsQovolg m-aqcc
oder ’A%sqovgi,us xsQQÖvrjGog wegen einer in 2(
der Nähe befindlichen, in die Unterwelt füh-
renden Schlucht, und ein durch das Vorgebirg
ins Meer mündender Flufs (Soonautes) soll
früher den Namen Acheron gehabt haben, Xe-
noph. An. 5, 10, 2. Ap. Bh. 2, 353. 728 f. 745.
901 u. Schol. Mueller fr. liist. gr. 2, 35, 25.
Tzetz. L. 411. 695. Dort war auch ein Toten-
orakel, Flut. Ginn. 6. de sera num. vind. 10. Zu
Hermione in Argolis hatte den Namen ’A%s-
Qovaloi Uyvrj ein ringsummauerter Baum hin- 3<
ter dem Heiligtum der Chthonia in der Nähe
eines Eingangs in die Unterwelt, Paus. 2, 35,
7. Auch bei Cumä in Campanien war ein
acherusischer See und ein Niedergang zum
Hades, Strab. 5, 243. Eustatli. Ilom. 1667, 56.
Verg. Aen. 6, 268 ff‘. Heyne Aen. 6. Exc. 2. —
2) Andron v. Teos b. Schol. Ap. Bh. 2, 354
sagt, dafs Acheron ein König in der Gegend
des pont. Heraklea gewesen, dessen Tochter
Dardanis mit Herakles den Poimen zeugte. 4
Nach dem Tode der Dardanis und des Poimen
seien in dieser Gegend Dardanis und Poimen
(Berg?) nach ihnen genannt worden. [Stoll.]
Acherusia (-ias, -is) s. Acheron.
Achilleus (A%illsvg, ’A%iXsvg, Ecoglat. Achilles).
I. Homerische Sagen.
Die homerische Sage berichtet hauptsäch-
lich nur von den Thaten des Achilles vor Troja
und giebt über die vor- und nachliegende Zeit ;
nur kurze Andeutungen. Sohn des Peleus,
Königs im thessalischen Phthia II. 20, 206 und
der Nereide Thetis 1, 280. 4, 512. 1, 358. 18,
52, Enkel des Aiakos und so von Zeus abstam-
mend 21, 187 — 189, ngltidyg, rLrjXguxdrjg, ng-
Xsroav, Aianidrjg, wurde er von seiner Mutter
im väterlichen Hause erzogen 18, 436 — 438,
als einziger Sohn 24, 540, und als zartes Kind
von Phoinix in der Bede- u. Kriegskunst un-
terrichtet 9, 441. Nur von ihm nahm der Knabe (
Speise und Trank 9, 385. Clieiron lehrte ihn
die Heilkunde 11, 831, die er wiederum dem
Patroklos , dem mit ihm zugleich erzogenen
Sohne des Menoitios, mitteilt 23, 84—90. Spä-
tere Erziehung durch Thetis im väterlichen
Hause 18, 57. 438. Von Nestor, Odysseus und
Patroklos in Phthia persönlich zum Kriege auf-
gefordert 11, 765—784. 7, 127 ( Brunn troische
Misccllen 1868, 1. B. p. 68) führt er Myrmidonen,
Hellenen und Achäer in 50 Schiffen nach Troja
2, 681. 16, 168 von Patroklos und Phoinix be-
gleitet, welcher dem Unerfahrenen von Peleus
als Berater mitgegeben wurde 9, 438, und auf
Geheifs der Eltern gefolgt von Epeigeus 16,
575, als Hauptheld der Achäer 1, 284 unter
dem Schutze der Hera iund Athene stehend 1,
55. 1, 195. 9, 254. 16, 168. 18, 203. 19, 340 ff.
19, 407. 20, 94. 20, 120 ff. 20, 439. 21, 284. 21,
328.22,214. 22, 226. 22,276. Helfer sind ihm
Zeus 16, 237 ff. 21, 272, Hephaistos 21, 342 u. Po-
seidon 21 , 284 , sein Feind Apoll. Bei dem
Fortgange des Sohnes gelobt Peleus dem Sper-
cheios das Haar desselben zu weihen, falls er
glücklich zurückkehre, sowie eine Hekatombe
und 50 Widder in seinem Temenos an seinem
Altäre bei den Quellen zu opfern. Achilles läfst
sich daher das Haar wachsen, das er aber, da
die Götter den Bitten des Peleus kein Gehör
schenken, dem toten Patroklos weiht 23, 140 ff.
Ferner verspricht Achilles am Tage des Aus-
zuges dem Menoitios, ihm den Sohn nebst seinem
Anteile an der Beute unversehrt nach Opus
zurückzuführen 18, 324 — 327. Seine Mutter
hatte ihm als Geschick entweder ewigen Buhm
bei frühem Tode oder langes, aber rühmloses
Leben geweissagt 9, 410. Sch. II. 16, 37, und
verkündet, er werde Troja nicht einnehmen 18,
440. 17, 408. 18,8. 18,59, sondern durch Apolls
Geschosse daselbst sterben 21, 276. 19, 415.
22, 359. 23, 80. Im Schiffslager der Achäer hat
er den äufsersten rechten Flügel inne 8, 222.
11, 8, wo ihm seine Myrmidonen ein Haus aus
Fichtenstämmen gezimmert haben, dessen Dach
aus Schilf besteht. Es liegt in der Mitte eines
von einem Zaune umgebenen Hofes. Das Thor
ist durch einen einzigen Balken geschlossen,
den nur 3 Achäer bewegen können, während
Achill es allein vermag 24, 448. Das Haus
birgt eine schöne Truhe, gefüllt mit Leibröcken,
Decken und Mänteln, welche ihm Thetis mitge-
geben 16, 222. Seine Biistung ist ein Geschenk,
welches die Götter dem Peleus bei seiner
Hochzeit machten 17, 194 ff. Er leiht sie dem
Patroklos 16, 64. 16, 131 — 139. Sein Speer aus
Eschenhölz vom Pelion, ein Geschenk des Chei-
ron, ist so schwer, dafs nur er ihn schwingen
kann 16, 139—145. Die Büstung raubt dem
> gefallenen Patroklos Hektor 17, 125 und trägt
sie 17, 194. Achilles nimmt sie ihm wieder
ab 22, 368. Die zweite Büstung ist Werk und
Geschenk des Hephaistos. Beschreibung des
Schildes 18, 478 — 608; Erwähnung der übrigen
Büstungsstücke 18, 610 — 613. Sein Busenfreund
ist Patroklos, ihm zunächst steht Antilochos
23, 556. 607, sein Wagenlenker ist Automedon.
Die Namen der Busse seines Leibgespannes
sind Xanthos und Balios, 8, 185; das Nebenge-
j spann heifst Pedasos 16, 152. Sein Sohn Neo-
ptolemos wird während seiner Abwesenheit
auf Skyros erzogen 19, 325. 24, 467. Blonden
Haupthaares 1, 197. 23, 141, mit Augen, wel-
che im Zorne furchtbar funkeln 1, 200, und mit
gewaltiger Stimme begabt 18, 221 ist er der
schönste aller vor Troja liegenden Achäer 2,
673, sowie der schnellfiifsigste 23, 792 (wie
denn dio seine Schnelligkeit betreffenden Epi-
13
Achilleus b. Homer
Achilleus b. Homer
14
theta die häufigsten sind noöccg coxiig, jtoörax^g,
nod'ccQHrig, ra^vg) und stärkste und tapferste 7,
228, ist ysya ^öiaiv tpxog ’A%cuoioiv — noXifioio
xaxoib 1, 284. An Kampfeslust dem Kriegs-
gotte gleich (loo g ’EvvuXüo 22, 132, apr/tog 16,
166 durchbricht er (Qrj^rjvcoQ 7, 228) löwenmutig
(Q’vßoUco v 7, 228) die lteihen der Feinde, alles
vor sich herscheuchend und vernichtend und
selbst den Kampf mit Göttern nicht scheuend
(21, 265), denn Todesfurcht kennt er nicht, io
da ihm der Ruhm das Höchste ist (19, 240.
20, 503. 9, 413). Als echtes Naturkind kennt
er in Hafs und Liebe keine Grenzen. Furcht-
bar sind die Ausbrüche seiner Wut und feines
rasch auflodernden Zornes. Auf seinem Rechte
bestehend vergiebt er dem, der ihn verletzt,
nicht eher, als bis ihm volle Genugtliuung ge-
worden. Ist doch die ganze Ilias eine Verherr-
lichung des Zorns des Achilles und seiner Fol-
gen. Der Hafs gegen Agamemnon, durch 20
die eigenmächtige Hinwegführung der Briseis
hervorgerufen , kann nur durch einen noch
weit stärkeren Hafs in den Hintergrund ge-
drängt werden , durch den Hafs gegen den
Hektor, der ihm den geliebten Gefährten ge-
tötet. (9, 307 Antwort des Achilles auf die
Bitte des Odysseus und Aias; er weigert sich,
am Kampfe teilzunehmen; selbst dem sterben-
den und toten Hektor gegenüber kennt er kein
Mitleid 22, 345; die im Skamander gefangenen 30
12 trojanischen Jünglinge schlachtet er am
Scheiterhaufen des Patroklos mit eigner Hand
23, 175.) Ebenso stark aber ist er in der Liebe
zum Freunde (18, 22 ff. 18, 81. Trauer um den
Tod des Patroklos; nach dessen Tode überträgt
er seine Liebe auf Antilochos 23, 556. 23, 606),
zur Briseis 9, 343, zu Vater 24, 507 und Mutter,
welcher er alle seine Schmerzen anvertraut,
bei der er in Nöten stets Hilfe sucht 1, 365.
18, 79, trotz des starken Selbstbewufstseins, das io
ihn beseelt 9, 352. Feind alles versteckten
Wesens 9, 324 liebt er rasches Handeln ; langes
Erwägen ist nicht seine Sache; Bezeichnungen,
welche seine Klugheit oder Weisheit preisen,
fehlen. Nachdem sein Zorn verraucht, ist er
rasch versöhnlich gestimmt, und weiche, milde
Gefühle bemächtigen sich seiner (19, 56 ff
Aussöhnung mit Agamemnon; 24, 518 mit
Priamos), wie denn überhaupt eine gewisse
Weichheit ein Grundzug seines Charakters 50
ist. Fremdes und eignes Leid ruft rasch bei
ihm Thränen hervor 1, 349. 24, 507. Schwer
empfindet er es, dafs ihm durch das rauhe
Eingreifen des Schicksals der Genufs stil-
len, friedlichen Familienglücks in der trauten
Heimat versagt ist 9, 397. Die langen Tage,
welche er dem Kampfe fern im Kreise seiner
Lieben am Gestade des Meeres zubringt, ver-
kürzt er sich durch Spiel auf der Phorminx
und Gesang 9, 186 ff. Gastfrei und freigebig eo
empfängt er alle ihn Besuchenden 9, 197; selbst
der bittflehende Feind findet gastliche Auf-
nahme, nachdem der Groll vergessen 24, 621 ff
und den von Agamemnon entsandten Herolden,
um die Briseis zu holen, läfst er das Unrecht
ihres Gebieters nicht entgelten 1 , 335. Der
Pietät, welche er seinen Eltern gegenüber er-
weist, entspricht der Gehorsam, welchen er
solchen, die über ihm stehen, leistet. Nicht
verachtet er die Hilfe der Götter; im Kampfe
mit Skamandros ruft er den Zeus um Hilfe
an 21, 273; dem Befehle der Götter folgt
er auf der Stelle 1, 216. 24, 239. 1, 345. Ab-
gesehen von den schon angeführten Epithetis
werden ihm folgende beigelegt: soff log, ayv-
fiiov , cpatdtfiog, fisya&vfiog, daicpQcov , o^Qifiog,
XQcasQog, ntXioQiog, xlurog, d'ovQinXvTog, ccyctvog,
'ü’stog, ö'Eostxslog, dioysvrjg, tfibg, diicpiXog, oloög,
nxoXtTCOQ&og, %u>oytvog.
V orTroja liegend zerstört er auf verheerenden
Raubzügen 11 Städte im Gebiete Trojas zu
Lande und 12 zur See 9, 328. Er erobert und
zerstört das kilikische Theben, tötet den König
Eetion, verbrennt ihn in seiner Rüstung und
schüttet ihm ein Grabmal auf; dessen 7 Söhne
erschlägt er und führt die Königin als Ge-
fangene fort, löst sie aber später aus 6, 414 ff
1, 366. Zur theban. Beute gehört das Neben-
Achilleus (auf einer panathenäischen Amphora).
gespann Pedasos 16, 152. Die Briseis (die
spätere Hippodameia ( Schol . ad II. 1, 392.
Schol. Vcnet. in II. 1, 392. Eustath. z. Hom. II.
1 184. Tzetz. Hom. v. 350. Hesych. v. ’lrnio-
öä[itt a) erbeutet er nebst andern Frauen auf
dem siegreichen Zuge gegen Lyrnessos 2, 690.
20, 193. Das trauliche Zusammenleben des
Achilles und der Briseis auf Vasen bei Over-
beck Gallerie heroischer Bildw. p. 386 f. Brunn
troische Mise. 1868. B. 1. p. 61 ff Die Dio-
mede nimmt er mit andern Weibern bei der
Einnahme von Lesbos gefangen 9, 664. 129,
271. Ferner gehören zu seinen Sklavinnen Iphis
aus Skyros in Phrygien (von Späteren mit der
Insel verwechselt, vgl. den Schol. z. d. Stelle)
9, 668, Hekamede aus Tenedos 11 , 624. Auf
dem Zuge gegen Lyrnessos und Thebe tötet
er die Söhne des Buenos 2, 689, den Gemahl,
15
Achilleus b. Homer
Achilleus b. Homer
16
die Mutter und 3 Brüder der Briseis und zerstört
die Stadt desMynes 19, 296. 2,692. Mit Pa-
troklos zusammen erbeutet er troisehe Frauen
18, 28. 341. Den Aineias verjagt er durch einen
Angriff auf seine Herden vom Ida auf dem
Zuge gegen Lyrnessos und Pedasos 20, 90. 188 ff.
fängt den jugendlichen Sohn des Priamos Ly-
kaon auf einem Felde des Vaters und verkauft
ihn nach Lemnos an Euneos 21, 34 ff., in glei-
cher Weise Isos und Antiphos, Söhne des Pria- l
mos auf dem Ida, läfst sie aber gegen Löse-
geld frei 11, 104. Weitere mit Hamen nicht ge-
nannte Söhne des Priamos nimmt er im Laufe
des Krieges gefangen und verkauft sie nach
Samos, Imbros und Lemnos 24, 752. 9 Jahre
wagen die Trojaner aus Angst vor Achilles
nicht, sich in eine Feldschlacht einzulassen,
sondern halten sich innerhalb der Mauern 5,
790; selbst Hektor wagt sich nur bis zum skäi-
schen Thor und zur Buche 9, 353 f. Dort aber 2
hält er dem Achilles einmal Stand, flieht jedoch
bei seinem Angriffe 9, 355. Hingegen erzählt
Agamemnon 7, 112, um den Menelaos vom
Zweikampfe mit Hektor abzuschrecken, selbst
Achill habe sich gescheut, dem Hektor in der
männermordenden Feldschlacht entgegen zu-
treten. Dies die Vorgeschichte der Ilias, wie
sie in ihr selbst, soweit sie den Achill angeht,
enthalten ist.
Im 10. Jahre des Krieges aber (Beginn 3
des Ilias) beruft Achill auf Eingabe der Hera
eine Versammlung der Achäer, nachdem Apollo,
erzürnt, dafs Agamemnon seinem Priester Chry-
ses die geraubte Tochter Chryseis vorenthält,
9 Tage lang das Lager der Achäer mit seinen
todbringenden Pfeilen heimgesucht, um durch
einen Seher zu erforschen, was der Grund des
göttlichen Zornes sei 1, 8 — 67. Kalchas nennt
denselben, nachdem ihm Achill Schutz vor
Agamemnon versprochen —100. Agamemnon 4
willigt ungern in die Herausgabe des Mädchens,
fordert aber als Ersatz ein Ehrengeschenk vom
Volke. Auf die Erwiderung des Achill, alle
bisher gemachte Beute sei geteilt; er möge
sich mit seiner Forderung bis zur Einnahme
Trojas gedulden, antwortet er mit Beleidigungen,
indem er ihm betrüglichen und eigennützigen
Sinn zum Vorwurf macht und ihn zu unge-
bührlichem Dienste bei der Wegführung der
Chryseis anffordert — 147. Hierob ergrimmt ;
entgegnet .Achill, Agamemnon sei sein Herr
nicht; sein ganzer Ruhm bestehe in der Hab-
gier, mit welcher er von der Beute, die er,
Achill, auf den Kriegszügen gewöhnlich erwor-
ben, den Löwenanteil für sich verlange. Um
aber weiteren Ehrenkränkungen zu entgehen,
werde er sogleich mit seinen Schiffen nach
Phthia zurückkehren. Als nun Agamemnon
ihn mit geringschätzigen Worten gehen heifst
und ihm seine Sklavin Briseis zu entreifsen (
droht, greift Achill ans Schwert, um Agamem-
non zu durchbohren: da hält ihn Athene, von
Hera gesandt und nur ihm sichtbar, zurück,
befiehlt ihm nachzugeben und verheilst drei-
fachen Ersatz. Er gehorcht, ergiefst sich aber
in furchtbaren Schmähungen gegen den Aga-
memnon: bald würden die Achäer einsehen,
was sie für einen König hätten, und was sie
an ihm, Achill, verloren hätten. Auf die Ge-
genreden des Nestor und Agamemnon erklärt
er sich bereit, das Mädchen auszuliefern, ohne
dafür Bache zu nehmen. Schlufs der Versamm-
lung — 307 (zum Streite zwischen Agamem-
non und Achill vgl. Gerhard, gr. Mytli. 195).
Bildliche Darstellungen siehe bei OverbeclcGallc-
rie heroischer Bildtverlce p. 382 ff). Nun zieht
er sich, entschlossen fernerhin am Kampfe
nicht mehr teilzunehmen, in sein Lager zurück,
den von Agamemnon gesandten Herolden über-
giebt er die Briseis , ruft sie aber als Zeugen
der Gewaltthat an ; vgl. Overheck a. a. 0. p. 387 ff.
Am Meere sitzend klagt er der Mutter sein
Leid;" sie steigt aus dem Meere auf, er erzählt
ihr den Vorgang und bittet sie, den Zeus zu
bewegen, von jetzt an den Troern den Sieg zu
verleihen und die Achäer bis zu den Schiffen
zurückdrängen zu lassen, damit sie und ihr
König inne würden, was dieser verbrochen, als
er den besten der Achäer entehrte — 412.
Thetis verspricht Erfüllung seines Wunsches
und heifst ihn sich vom Kampfe fern zu hal-
ten, bis sie vom Zeus Nachricht bringe, der seit
gestern bei den Äthiopen weile und erst nach
12 Tagen zurückkehre. Nun bleibt Achill,
während seine Myrmidonen sich in Kampf-
spielen üben 2, 774, unentwegt in seinem Lager,
heftig zürnend und von Kampfbegierde ver-
zehrt.; vergeblich sucht er durch Gesang und
die Töne der Phorminx die Unruhe seiner
Seele zu beschwichtigen 1, 488 ff. 9, 186. In-
zwischen bewilligt Zeus der Thetis den Wunsch
des Sohnes : die folgenden Kämpfe bringen den
Achäern Verderben, denn der Sieg ist stetig auf
Seite der Troer. Deshalb werden Aias der Tela-
monier und Odysseus nebst Phoinix und 2 Herol-
den zu Achill gesandt, um ihn zu versöhnen;
Agamemnon verspricht nicht nur Herausgabe
1 der Briseis, sondern auch aus der trojanischen
Beute Gold und Erz in Menge, und 20 der
schönsten trojanischen Weiber, endlich bietet er
ihm eine seiner 3 Töchter Chrysotliemis, Iphia-
nassa und Laodike mit reichlicher Mitgift (7
reichen Städten der Peloponnes) zur Gemahlin
an. Achill nimmt die Gesandten freundlich auf
und bewirtet sie gastlich, weist aber ihr An-
sinnen unter heftigen Ausfällen gegen den Heer-
könig trotz des Zuredens des Phoinix zurück:
i nicht eher werde er am Kampfe teilnehmen,
als bis Hektor die Schiffe der Achäer in Brand
gesteckt; von seinem Lager werde er die Feinde
schon fernzuhalten wissen; zum Schlüsse droht
er wiederum mit baldiger Heimkehr. Unver-
richteter Sache kehren die Gesandten zurück;
Phoinix bleibt bei Achill, der alsdann mit der
Diomede im Innern des Hauses der Buhe
pflegt 9, 668, vgl. Overbeck a. a. 0. p. 408 ff.
G. Robert, Gesandtschaft an Achill. Arcli.
1 Zeit. 39 p. 138 ff. Am Tage darauf ver-
folgt Achill auf dem Verdecke seines Schiffes
stehend den Verlauf des furchtbaren Kampfes,
der sich bei dem Schiffslager der Achäer ent-
spinnt, und in welchem die tapfersten griech.
Helden verwundet werden, so dafs das Ver-
derben sich immer mehr auch seinem eignen
Lager naht. Als er nun auch den Nestor einen
Verwundeten aus dem Kampfe zurückführen
17
Achilleus b. Homer
Achilleus b. Homer
18
sieht, befiehlt er dem Patroklos, sich bei Nestor
nach dem von ihm nicht erkannten Verwun-
deten zu erkundigen. Dieser folgt der Weisung,
und durch die Erzählung des Nestor von dem
Elend der Achäer auf das tiefste erschüttert
bittet er zurückgekehrt Achill mit ergreifen-
den Worten, ihm zu gestatten, in des Achill
Rüstung die Myrmidonen zum Kampfe zu füh-
ren. Inzwischen ist das Schiffslager schon ge-
fährdet: Hektor hat die Achäer in die Schiffe
zurückgeworfen, und nur Aias der Telamonier
hält noch Stand und wehrt den Brand von den
Schiffen ab. Da gestattet Achill dem Freunde
die Teilnahme am Kampfe in seiner Rüstung,
befiehlt ihm aber sich mit der Vertreibung der
Trojaner aus dem Schiffslager zu begnügen
und von weiterer Verfolgung abzustehen — 1(5,
101. Als nun aber nach Überwältigung des
Aias sogar die lichte Lohe aus den Schiffen
liervorschlägt, befiehlt er Patroklos sich schnell
zu wappnen, läfst die Myrmidonen sich rüsten,
ordnet ihre Reihe und feuert sie persönlich
zur Tapferkeit an. Dann aber bringt er in
seinem Hause dem Zeus zu Dodona ein Opfer
dar, seinen Mannen Sieg und seinem Freunde
glückliche Heimkehr erflehend — 16, 239.
Die Myrmidonen retten unter Patroklos1
Führung das Lager, dieser aber fällt, der Wei-
sung des Achill uneingedenk, in weitere Kämpfe
sich einlassend von Eupliorbos’ und Hektors
Hand, der ihn der Rüstung beraubt. Während
der Kampf um den Leichnam tobt, bringt An-
tilochos dem Achill die Kunde vom Tode des
Patroklos 18, 18; vgl. Overbeck a a. 0. p. 428 f.
unsäglicher Schmerz bemächtigt sich des Hel-
den. Die lauten Ausbrüche seines Schmerzes
hören nicht nur die herbeieilenden Sklavinnen,
sondern auch Thetis, welche sofort erscheint
und ihm, als sie den Verlust des Freundes
und der Rüstung vernommen, verspricht, bis
zum folgenden Morgen neue Waffen, von He-
phaistos verfertigt, zu schaffen. Denn obgleich
ihn die Mutter an den nahen Tod erinnert, ist
Rache für den Freund, Rache an Hektor sein
einziger Gedanke. Thetis eilt fort: da erscheint
Iris, von Hera heimlich entsandt mit der Er-
mahnung , den Leichnam des Patroklos zu
schützen; als er wegen mangelnder Rüstung
in Verlegenheit ist, lieifst sie ihn unbewaffnet
in den Kampf gehen: sein blofser Anblick
werde die Feinde fliehen machen. So schreitet
er unbewaffnet, doch von Athene mit feurigem
Glanze umstrahlt, das Haupt in Gewölk gehüllt,
zum Graben vor, mit furchtbarer Stimme drei-
mal die Trojaner anrufend. Entsetzt fliehen die
Feinde, Patroklos1 Leichnam wird gerettet und
ins Lager zurückgebracht. Die ganze Nacht
hindurch dauert die Totenklage, von neuem
verspricht Achill dem Freunde furchtbare Rache
an Hektor und ganz Troja — 18, 340. Achil-
les1 Klage um Patroklos dargestellt auf der
Tabula Iliaca. Overbeck a. a. 0. p. 432. Früh
am Morgen überbringt 19, 6 Thetis dem Sohne
die neue Rüstung, insbesondere einen höchst
kunstreich gearbeiteten Schild (18, 369—615)
Overbeclc a. a. 0. p. 442 11’.; schon der Anblick
der Waffen verbreitet unter den Myrmidonen
Furcht und Schrecken, bei Achill aber sowohl
Freude, als neue zornige Rachgier. Nachdem
er Thetis noch gebeten, den Leichnam des Pa-
troklos vor Verwesung zu wahren, eilt er ins
Schiffslager , beruft eine Versammlung der
Achäer, welche von allen, selbst von den Ver-
wundeten besucht wird, und fordert den Aga-
memnon auf, des alten Grolls zu vergessen
und Friede mit ihm zu machen, dann aber so-
gleich den Kampf wieder aufzunehmen. Aga-
10 memnon geht freudig darauf ein, bittet um
Verzeihung und bietet unendliche Sühne 19,
138. Davon will aber Achill in edlem Eifer
nichts wissen, sondern drängt zum Kampfe.
Auf die Gegenrede des bedächtigen Odysseus,
welcher sofortige Annahme der Bufse anrät und
das Heer vor dem Kampfe durch Speise und
Trank gestärkt wissen will, erwidert er, er
für seine Person bedürfe dessen nicht: nicht
eher würde er Speise und Trank berühren, als
20 bis er den Genossen gerächt. Allein Odysseus1
Vorschlag findet Beifall, Briseis wird herbei-
geführt, und die Sühngeschenke herzugebracht.
Overbeck a. a. 0. p. 447 f. Nunmehr befiehlt
Achill, die Schuld der Verblendung des Aga-
memnon auf Zeus zurückführend, den Achäern,
die Mahlzeit einzunehmen und dann sich zur
Schlacht zu rüsten 19, 275. Briseis und die
Sühngeschenke werden in Achills Schiffshaus
' gebracht, welchen die Anführer der Achäer
30 vergeblich anflehen, Speise und Trank zu ge-
niefsen. Nach Entfernung der meisten bleiben
Agamemnon, Menelaos, Odysseus, Nestor, ldo-
meneus und Phoinix bei dem Trauernden zurück,
um ihm die schlaflose Nacht durch Gespräche
zu kürzen ; er aber ergeht sich in rührenden
Klagen um den Heimgegangenen, der ihm mehr
gewesen, als der eigne Vater, als der eigne
Sohn, dem einst nach seinem, des Achilles1,
nicht mehr fernen Tode der Gestorbene hätte
40 Vater sein sollen. Zeus aber sendet Athene,
die ihm zur Stärkung für den bevorstehenden
Kampf Nektar und Ambrosia einflöfst — 19,
352. Am Morgen erscheint er in der neuen
Rüstung auf dem Kampfwagen, welchen Auto-
medon führt, unter den kampfbereiten Achäern;
mit grauenvollem Rufe feuert er sein Gespann
• Xanthos und Balios an, nicht möchten sie ihn,
wie den vorigen Führer Patroklos, tot im Ge-
filde zurück lassen. Da antwortet Xanthos,
50 dem für diesen Augenblick Sprache und Gabe
der Weissagung von Hera verliehen, diesmal
würden sie ihn lebend aus dem Kampfe zu-
rückbringen, allein der Tag des Tode sei nahe.
Trotzdem eilt Achill zum Kampfe — 19, 420,
bemüht unter den durch sein Erscheinen er-
schreckten und zur Flucht gewendeten Troern
auf den Hektor zu stofsen. Da feuert Apollon
den Aineias zum Streite gegen ihn an. Mit höh-
nenden Worten empfangt ihn Achill; Aineias1
go Lanze prallt machtlos am Schild des Peliden
ab, dessen Speer hingegen des Aineias Schild
durchbohrt und zerschmettert. Dieser hebt
gegen den mit dem Schwerte auf ihn anstür-
menden Achill einen gewaltigen Feldstein auf:
da wendet mit Beistimmung der Götter Po-
seidon von beiden die Gefahr ab, indem er
Achills Lanze aus dem Schilde des Aineias zieht
und jenem vor die Füfse legt und ihn mit
19 Achilleus b. Homer
Dunkel umhüllt, während er den Aineias auf-
hebt und ihn weithin über die Reihen der
Troer zurück aus dem Bereiche der Waffen
des Achill an die Grenze des Kampfgewühles
schleudert. Dann nimmt er das Dunkel von
Achill weg, der nunmehr die Achäer von neuem
gegen die Troer vorführt, welche andererseits
von Hektor zum Kampfe gegen den Peliden
angefeuert werden — 20, 364. Aber auf Zu-
reden des Apoll, der ihn vor Achill warnt,
weicht Hektor aus dem Getümmel; Achill hin-
gegen wütet in den Reihen der Troer. Von
seiner Hand fallen Iphition, Demoleon, Hippo-
damas, Polydoros, der Sohn des Priamos. Als
Hektor aber den Bruder fallen sieht , kann er
sich nicht länger halten, er stürmt auf Achill
los und schleudert den Speer. Allein Athene
schwächt die Kraft des Wurfes, sodafs der
Speer machtlos zu den Füfsen des Achill nieder-
sinkt. Hektor selbst aber wird von Apoll in
dichten Nebel gehüllt, und dreimal sticht Achill
vergebens nach ihm. Da wendet sich der Pe-
lide gegen andere Feinde ; während er vorwärts
stürmt, fallen von seiner Hand Dryops, Phi-
letor, Demuchos, Laogonos, Dardanos, Tros,
Mülios, Eclieklos, Deukalion, Rhigmos und
Areithoos. Da gelangen seine Rosse an die
Furt des Xanthos (Skamander) 21, 1, in den
sich ein Teil der Troer gestürzt hatte, um dem
furchtbaren Feinde zu entgehen. Aber Achilles
folgt ihnen; cfr. Overbeck a. a. 0. p. 448; 12
Jünglinge ergreift er lebendig, bringt sie ans
Ufer, bindet sie und giebt sie den Seinen, die
sie zu den Schiffen führen, um später die
Totenfeier des Patroklos mit ihrem Blute zu
verherrlichen. Dann stürzt er sich wiederum
in den Flufs und stöfst auf den Lykaon, des
Priamos Sohn, den er schon früher einmal ge-
fangen und in die Fremde verkauft hatte.
Dieser umfafst die Kniee des Achill, der er-
staunt ist, ihn hier wieder zu finden, und bittet
um Schonung. Allein Achill, des eignen ihm
nahen Todes gedenkend, stöfst ihm das Schwert
in die Kehle — 21, 121. Da er diese That
mit Worten begleitet, welche der Macht des
Skamander Hohn sprechen, so gerät der
Stromgott in Grimm und erwägt, wie er dem
Morden ein Ende machen könne. Als nun
Achill nach Besiegung des Asteropaios noch-
mals den Gott höhnt, dafs er nicht imstande
sei, den Troern Hilfe zu leisten, läfst dieser
warnend seine Stimme ertönen, von weiterem
Blutvergiefsen abratend. Allein Achill giebt
trotzige Antwort: da läfst Skamandros, von
Apollo angefeuert, seine gewaltigen Wogen
von allen Seiten auf den Peliden eindringen,
die ihm den Schild vom Arme schlagen, so
dafs er den festen Standpunkt verliert — 21
241. Seine Lanze hatte er vorher auf dem
Ufer zurückgelassen. Vergebens fafst er eine
am Flufsrande stehende Ulme, aber samt dem
ihre Wurzeln umgebenden Erdreich stürzt sie
in die Wogen. Doch gelingt es ihm, sich auf
das Gestade zu schwingen. Der Strom aber
folgt ihm, erreicht den vor ihm Fliehenden
mit seinen Gewässern und droht ihn zu ver-
nichten, so dafs der Held im Gebet bei Zeus
Schutz und Hilfe erfleht, daran erinnernd, dafs
Achilleus b. Homer 20
nach seiner Mutter Aussage ihm bestimmt sei,
im ehrlichen Kampfe vor Trojas Mauern zu
fallen und nicht wie ein Sauhirt in den Fluten
des Giefsbaches umzukommen. Da nahen sich
ihm in menschlicher Gestalt Athene und Po-
seidon und sprechen ihm Mut ein: von frischer
Kraft erfüllt dringt er nunmehr von neuem
auf den Stromgott ein. Der aber ruft den Si-
moeis zu Hilfe: ein furchtbares Ringen ent-
steht. Und wiederum sind es schützende Gott-
heiten, die vom Peliden das Verderben ab-
wenden; auf Bitten der angsterfüllten Hera
entzündet Hephaistos die Uferbäume des Ska-
mander, und durch die so erzeugte Hitze wird
das Gefilde getrocknet und die Leichname ver-
brannt,. ja der Strom selbst gerät in Brand,
so dafs der Flufsgott sich bittend an Hera
wendet, dem Sohne zu gebieten, seiner zu
schonen. Dies geschieht, und der Strom kehrt
in sein Bett zurück, ohne am Kampfe weiter
teilzunehmen — 21 , 382. Achill aber stürmt
weiter , vor sich her die Troer der Stadt zu-
treibend. Agenor, von Apollo mit Mut beseelt,
sucht noch einmal den Peliden aufzuhalten,
allein seine Lanze prallt machtlos an der gött-
lichen Rüstung ab. Apollo entrückt in Nebel
seinen Schützling der Rache des Achill und
lockt diesen in Gestalt des Agenor vor ihm
her fliehend in ein entlegenes Feld in der Nähe
des Skamander, um ihn von der Verfolgung
der nach der Stadt fliehenden Troer abzulenken.
So gelingt es diesen, die Thore zu erreichen
— 21 , 605. Inzwischen hat Apollo sich dem
Achill zu erkennen gegeben; dieser stürmt nun-
mehr direkt auf das Thor los, wo Hektor allein
von allen Troern vor den Mauern der Stadt
bleibend trotz der Bitten des Vaters dem ihn
suchenden Peliden entgegengeht. Doch bei
seinem Nahen ergreift er die Flucht, Achill
folgt ihm und jagt ihn drei Mal um die Mauer,
der vom Apollo beschützt vergeblich die ret-
tende Stadt und das dardanische Thor zu er-
reichen sucht, denn stets schneidet ihm Achill
den Weg ab und treibt ihn von der Stadt weg
ins Freie, gestattet aber den Achäern nicht,
auf ihn zu schiefsen, sondern behält sich selbst
die Ehre des Sieges vor. Bei dem vierten
Umlauf läfst Zeus die Schicksalswage über das
Los der Beiden entscheiden: da neigt sich
Ilektors Schale dem Hades zu, und sofort ver-
läfst ihn Apoll. Athene aber tritt zu Achilles,
heifst ihn vom Kampfe ausrnhen und verspricht
ihm baldigen Sieg — 22, 214. Dann aber for-
dert sie in Gestalt des Deiphobos den Hektor
im Namen seiner Eltern auf, dem Achill Stand
zu halten und dem Kampfe ein Ende zu ma-
chen. Der so getäuschte Held stellt sich nun-
mehr, auf des Bruders Hilfe bauend, dem Gegner,
erbietet sich aber, falls er siege, die Leiche
des Achill den AchätJrn zurückzugeben, das-
selbe verlangt er für sich, falls Achill ihn töte.
Dieser aber weist jeden Vertrag zurück, und
der Kampf beginnt; demSpeere des Achill weicht
Hektor behend aus, Athene bringt ihn unbe-
merkt dem Achill zurück. Aber auch Hektors
Lanze vermag nicht, den Schild des Gegners
zu durchbohren. Vergebens schaut er sich nach
Deiphobos um, endlich den Trug der Athene
io
20
30
40
50
60
21
Achilleus b. Homer
Achilleus b. Homer
erkennend. Da zieht er das Schwert und dringt
auf Achill ein; der aber stöfst ihm den Speer
zwischen Achsel und Hals, so dafs er am Ge-
nick wieder herausdringt und Hektor zu Boden
stürzt. Nochmals fleht Hektor mit dem Tode
ringend den Gegner an, seinen Leichnam zu
schonen und ihn unversehrt nach Troja zu
schicken, aber Achill bleibt unbewegt, und so
stirbt Hektor, den Peliden an sein nahes Ende
mahnend: am skäischen Thore werde er durch
Paris’ und Apollos Hände fallen — 22 , 360.
Overbeck a. a. 0. p. 448 ff. Nun entkleidet Achill
den Gefallenen seiner Waffen, und nachdem er
die ihn umstehenden und des Hektor herr-
lichen Körper bewundernden Achäer nochmals
an die dem Patroklos schuldige Rache erinnert
hat, durchbohrt er ihm die Sehnen zwischen
Knöchel und Ferse, zieht Riemen hindurch und
bindet diese am Wagensessel fest. Dann be-
steigt er den Wagen und schleift den Leich-
nam nach den Schiffen. Overbeck a. a. 0. p. 453 ff.
Nun zerstreuen sich die andern Achäer; den
Myrmidonen aber befiehlt Achill zusammenzu-
bleiben, um nochmals die Totenklage um Pa-
troklos anzustimmen und den Totenschmaus zu
halten. Ihn selbst aber wollen die Fürsten
zum Zelte des Agamemnon führen, damit er
sich daselbst bade — 23, 40. Er aber weigert
sich dessen und schwört es nicht eher zu thun,
bevor er den Patroklos bestattet, ihm ein Grab-
mal errichtet und sich das Haupthaar gescho-
ren habe. Nachdem er den König gebeten,
den Holzstofs errichten zu lassen, nimmt er
teil an dem gemeinsamen Nachtmahle und
ruht dann die Nacht hindurch am Gestade des
Meeres. Da erscheint ihm im Traume Patro-
klos , ihn zu schleuniger Bestattung seines
Leichnams ermahnend 23, 90. Achill gelobt
es. ln der Frühe fällen die Mannen des
Agamemnon Stämme auf dem Ida und schlei-
fen sie vom Berge herunter an das Ufer des
Meeres; die Myrmidonen kommen herangezogen,
und in ihrer Mitte tragen auserlesene Freunde
den toten Patroklos zur Bestattungs stätte,
Achill hält ihm das Haupt. Am Ziele ange-
langt schneidet er sich das Haar ab und legt
es dem Freunde in die Hände, dann lieifst er
die Achäer sich zum Mahle begeben, wäh-
rend die Myrmidonen das Totengerüst bauen
und viele Opfertiere schlachten. Darauf legt
Achill den Toten, umhüllt ihn mit Fett, legt
die geschlachteten Opfertiere um ihn her, stellt
Krüge voll Ol und Wein dazu und wirft end-
lich 4 Rosse, 2 Hunde und die Leichen der 12
von ihm im Skamander gefangenen und nunmehr
erwürgten jungen Trojaner auf den Scheiter-
haufen. Dann entzündet er ihn. Da er aber
durchaus nicht hell brennen will, ruft er den
Boreas und Zephyros zu Hilfe. Iris überbringt
den Winden die Bitte; sie stürzen sich tosend
auf das Gerüst, so dafs die Glut mächtig em-
porknattert. Achilles aber bringt die ganze
Nacht hindurch dem Toten Weinspenden, un-
ter Wehklagen den Scheiterhaufen umgehend.
Erst gegen Morgen, als derselbe unter dem
Hauche der Winde zu Asche geworden, naht
sich ihm der Schlummer 23, 232. Zur Toten-
feier des Patroklos vgl. Overbeck a. a. 0. p.
22
484 ff. Bald aber wird er wieder von den
Fürsten der Achäer geweckt; nun wird auf
seinen Befehl die Glut mit Wein gelöscht, die
Gebeine des Patroklos werden gesammelt und
in Fettstücke eingehüllt in eine goldene Urne
gelegt; über dem zusammengesunkenen Schei-
terhaufen wird das Grabmal aufgeschüttet.
Dann läfst er das Volk in weitem Kreise sich
niedersetzen , die Kampfpreise herbeibringen
und die Leichenspiele beginnen: Das Wagen-
rennen, an dem sich 5 Achäer beteiligen, macht
den Anfang. Achill stellt das Zeichen und
bestellt den Phoinix als Kampfrichter. Wäh-
rend des Rennens schlichtet er einen zwischen
Idomeneus und dem lokrischen Aias entstan-
denen Streit. Diomedes gewinnt den ersten
Preis, nochmals rnufs aber Achill einen Streit,
der zwischen den Siegern ausgebrochen, schlich-
ten. Den fünften übrig gebliebenen Preis giebt
er dem Nestor als Andenken an Patroklos.
Dann folgen Faustkampf, Ringen, Wettlauf,
Speerkampf, Diskuswurf, Bogenschiefsen und
Speerwerfen. Auf den letzten Kampf verzich-
tet Achill und giebt dem Agamemnon den
Ehrenpreis 23, 897. Nach schlafloser, in Trauer
um den Freund verbrachter Nacht schleift
Achill Hektors Leib dreimal um das Grabmal.
Dies wiederholt er jeden kommenden Morgen
24, 416 f. Am 12. Tage aber gebeut Zeus der
Thetis, dem Sohne zu verkünden, die Götter
grollten ihm heftig, dafs er den Hektor unge-
löst bei den Schiffen zurückhalte; er selber
werde Iris zum Priamos senden, damit er den
Achill angehe, ihm den Sohn zu lösen 24, 119.
Achill fügt sich dem Willen der Götter; des
eigenen greisen Vaters und seines baldigen
Endes gedenkend nimmt er den mit reichem
Lösegelde ankommenden Priamos erbarmungs-
reich auf, ergeht sich in Klagen über ihr bei-
derseitiges trauriges Schicksal, sucht aber zu-
letzt den Greis zu trösten. Als dieser jedoch
in dringender Weise um Auslösung des Soh-
nes bittet, gerät er in Zorn und warnt den
Greis, ihn nicht zu reizen. Nur der Befehl
der Götter sei für ihn malsgebend. Darauf
läfst er die Lösegeschenke vom Wagen neh-
men, die Leiche Hektors waschen, salben, klei-
den, auf den Wagen legen und iibergiebt sie
dem Greise, entläfst ihn aber erst am folgen-
den Morgen. Nachdem er ihm ein Abendmahl
zugerüstet und eine Ruhestätte für die Nacht
in seinem Hause bereitet, sowie sich mit ihm
über einen Waffenstillstand von 12 Tagen be-
treffs der Bestattungsfeierlichkeiten für Hek-
tor geeinigt hat, ruht er selbst im Innern
des Hauses bei der Briseis. Am frühen Mor-
gen führt Hermes den Priamos samt der Leiche
des Sohnes unbemerkt durch das Achäerlager
nach Ilios 24, 690. Hektors Lösung bei Over-
beck a. a. 0. p. 464 ff.
Soweit die Erzählung der 1 1 i as. Die Odys-
see aber berichtet über die weiteren Schick-
sale des Helden Folgendes: Odysseus begegnet
11,467 in der Unterwelt der jammernden Seele
des Peliden, welcher ihn um Neoptolemos und
Peleus befragt. Hocherfreut über die ihm ver-
kündete Tüchtigkeit des Sohnes wandelt seine
Schattengestalt mächtigen Schrittes die Aspho-
23
Achilleus nachhom.
Achilleus nachhom.
24
deloswiese hinab. Um ihn sammeln sich, wie
ehedem auf der Oberwelt, die Seelen der ab-
geschiedenen befreundeten Helden, Patroklos,
Antilochos , der Telamonier Aias und Aga-
memnon 24, 15 ff. Als daselbst Achill das
jammervolle Ende des Agamemnon beklagt,
erzählt dieser 24 , 35 ff. , wie Achill vor llios
gefallen sei (der Name dessen, der ihn tötete,
wird nicht genannt) und sich um seinen Leich-
nam heftiger Streit erhoben, bis es den Achäern i
gelungen, ihn zu erbeuten und in das Lager
zu bringen. Und als sie die Totenklage erho-
ben, stieg Thetis mit den Meergöttinnen aus
dem Meere empor , um daran teilzunehmen.
Auch die 9 Musen kamen herbei und besan-
gen den Abgeschiedenen 17 Tage lang. Am
18. Tage aber wird die Leiche unter grofsen
Opfern verbrannt, und mit Rossen und Wagen
umsprengen die Achäer das lodernde Toten-
feuer. Die Gebeine aber werden von Thetis 2
in einem goldenen Gefäfse, einem Werke des
Hephaistos und Geschenke des Dionysos, ge-
sammelt und mit denen des Patroklos gemischt.
Über diesen aber, sowie den Gebeinen des An-
tilochos häufen die Achäer am Strande des
Meeres ein mächtiges Grabmal. Dann aber ver-
anstaltet die Mutter nach Aussetzung herrli-
cher Preise grofsartige Kampfspiele. Odys-
seus selbst aber berichtet 11, 541 ff. , dafs an
dem Wettstreite, bei welchem Thetis dieWaf- 3
fen des Achill als Siegespreis ausgesetzt, er
und Aias sich beteiligt hätten. Die Kampf-
richter hätten ihm den Preis zugestanden, wo-
rauf der Selbstmord des Aias erfolgt sei.
So Achill in Ilias und Odyssee.
II. Nachhomerische Sagen.
Diese geben die Ergänzung zu den homeri-
schen Mythen, indem sie dieselben nicht nur
ausbildeten, nmgestalteten und aus schmückten, 4
sondern auch das Knaben- und Jünglingsalter
des Achilles, seine Kämpfe auf der Fahrt nach
Troja, sowie bei der Landung, die ersten neun
Kriegsjahre vor Beginn der Ilias, die Abenteuer
des zehnten Jahres nach dem Tode Hektors,
den Tod, die Bestattung des Helden, endlich
sein Fortleben nach dem Tode behandeln. Sie
bilden also gleichsam den äufseren Rahmen
zu dem Sagenkreise der Ilias; poetische Gestal-
tung fanden sie in den nur in den Excerpten 5
des Proklos und wenigen Bruchstücken erhal-
tenen Epen Kypria des Stasinos oder Hegesias,
der Aithiopis und Iliupersis des Arktinos von
Milet, der kleinen Ilias des Lesckes und den
Nostoi des Agias von Troizene, für uns von
gröfstem Gewicht besonders deshalb, weil sie
uns den ältesten Kern der Sage erkennen las-
sen und den Zusammenhang der Mythen leh-
ren. Hauptwerke: Der epische Cyldus oder
die homerischen Dichter v. F. G. Welcker, Joh. 6
O verbeck, die Bildwerke zum Thebanischen und
Troischen Heldenkreis. L. Preller, griechische
Mythologie.
a. Gehurt und früheste Jugend.
Nach JEurip. Hel. 38 ff. (von Welcher cp. C.
2, 87 auf den Anfang der Kyprien zurückge-
führt; Epic. Gr. fr. p. 20 K.) erregte Zeus den
trojanischen Krieg, damit die Erde von der über-
grofsen Menschenanzahl befreit werde und alle
Welt Hellas’ gröfsten Sohn erkenne. Zeus und
Poseidon freiten um Thetis {Find. I. 8, 26 ff.),
allein diese weissagte in der Götterversammlung,
dafs aus einer Ehe zwischen ihr und Zeus oder
Poseidon ein Sohn entspringen werde, der mäch-
tiger als der Vater eine stärkere Waffe denn
Blitz oder Dreizack führen werde. Deshalb
o standen beide Götter von der Ehe ab. Hin-
gegen einem Sterblichen vermählt, werde sie
einen Sohn gebären, dem zwar im Kriege zu
fallen bestimmt sei, der aber an Stärke der
Arme dem Ares und an Schnelligkeit der Füfse
den Blitzen gleich sein werde; dieser künftige
Gatte aber sei Peleus, der Herrscher von Iol-
kos. Apoll. Argon. 4, 800. Apollod. 3, 13, 5,
1. Fulg. Myth. 3, 7. Sein Geburtsort ist nach
dem Schol. zu II. 23,144 das thessalische Phar-
0 salos (nslacyrnog rvcpäv Lycophr. 176); er ist
das siebente Kind, das Thetis dem Peleus ge-
bar (Sch. II. 16, 37. Lycophr. 178. Ptol. Heph.
6), aber von allen vorhergeborenen Kindern
war keines am Leben, da, wie schon das alte
nach dem König Aigimios benannte Gedicht
(Sch. Apoll. Argon. 4, 816) im zweiten Gesänge
erzählte, die Mutter ihre Kinder, um ihre Sterb-
lichkeit zu prüfen, in siedendes Wasser tauchte,
wobei sie umkamen. Bei Achill aber habe es
o der erzürnte Peleus verhindert.
Eine andere Fassung der Sage ist folgende.
Nach Schol. II. 16 , 37 wirft Thetis , von den
Göttern zur Heirat mit Peleus gezwungen, ihre
Kinder ins Feuer, im Glauben, die sterblichen
Teile würden verbrennen, das Unsterbliche an
ihnen erhalten bleiben. Bei dem siebenten
Kinde überrascht sie Peleus und entreifst ihr
den Knaben. Nach Apoll. Rh. 4, 869 und Apol-
lod. 3, 13, 6 birgt sie, um das Sterbliche zu
o tilgen, den Knaben nachts im Feuer, am Tage
salbt sie ihn mit Ambrosia. Ptol. Heph. 4
erzählt, nur der Knöchel des rechten Fufses
sei verbrannt; als Peleus aber den Knaben dem
Ckeiron übergeben hatte, grub dieser den Leib
des unter demPallenegebirge begrabenen Damy-
sos , des schnellsten aller Giganten, auf, ent-
nahm ihm einen Knöchel und setzte ihn dem
Achill anstatt des verbrannten ein. (Ebenda-
selbst steht eine etymologisierende späte Sage,
o Thetis beschenkt den Neugeborenen mit den
Flügeln der Arke, der Tochter des Thaumas,
des Bruders der Iris, welche Zeus der Thetis
als Hochzeitsgeschenk gegeben, daher noSuQ-
xrjg). Infolge der Rettung aus dem Feuer nannte
ihn sein V ater nvQicaoog , die Mutter aber,
weil ihm das Feuer eine Lippe verzehrt hatte,
A%ü.£vg (a-xsllog). Die jedenfalls jüngste Ge-
burtssage (Stat. Achill. 1, 269. Fulg. Myth.
3, 7. Quint. Smyrn. 3, 62. Hyg. Fab. 107.
o Serv. Verg. Acn. 6, 57.) berichtet, Thetis habe
ihn , um ihn unsterblich zu machen , in die
Styx getaucht; die Ferse, an welcher sie ihn
hielt, sei vom Wasser unberührt und so ver-
wundbar geblieben.
Die Geburt des Knaben trennt die Gatten.
Thetis, über das Verfahren des Peleus erzürnt,
verläfst ihn auf immer, um in das Meer zu-
rückzukehren (Sch. II. u. Apollon. Rh. a. a. 0.
25
Achilleus nachhom.
Achilleus nachhom.
2G
Aristoph. Wolken 1068 ; nach Apollod. a. a. 0.
zu den Nereiden.). Anders bei Homer; vgl.
II. 1, 396 u. 16, 574. Peleus hingegen (nach
Orph. Argon. 387 ff. Thetis selbst) überbringt
den Knaben dem auf dem Pelion wohnenden
Kentauren Cheiron (Paus. 3, 18, 12. Sch. 11. 9,
486), welcher ihn nach Sch. II. 11,613 u. Era-
tosth. Katasterism. 40 mit Asklepios, nach Phil.
Heroikos 708 mit Protesilaos, Palamedes und
Aias zusammen in Gottesfurcht (Pincl. P. 6, 20), l
in edler Sitte ( Eurip . Iph. A. 926), in der Tugend
der Gerechtigkeit und uneigennützigen Wir-
kens sowie Verachtung irdischer Güter ( Phi -
lostr. Her. 733) , in der Arzneikunde (Sch. II.
16, 37. 9, 22. 50. 53. Plut. Tom. 2, p. 1146 A)
sowie in der Musik (Lyraspiel und Gesang (Sch.
II. a. a. 0. Hör. Epod. 13, 12. Erzgruppe
in Rom in d. Säpta des Campus Martius von
unbekannter Hand ; cfr. Overheck Gesell, d. griech.
Plastik 2 2, 283 ; auf dem amykl. Throne Paus. 2
з, 18, 12) im Jagen, Reiten und allen ritter-
lichen Künsten (Stat. Achill. 2, 381 — 452,
Philost. maj. im. 2 , 2. Heroik. 730 Sidon.
Apoll, ep. 9, 131) unterrichtete, nachdem ihn,
den der Mutterbrust, die er nie genossen, be-
raubten (Sch. II. 1, 1. Stat. Ach. 2, 383) als
kleines Kind die Najaden Chariklo, das Weib,
und Philyra, die Mutter des Cheiron aufgezogen
und gepflegt hatten (Pind. N. 3, 75. Apollon.
(Rh. 4, 813 u. Sch.). Bei Apoll. Rhod. 1. 553 ff. 3
steigt Cheiron, als Peleus mit den Argonauten
bei dem Pelion vorüberfährt, mit Chariklo,
welche den Kleinen auf dem Arme trägt, vom
Berge herab und zeigt dem Vater das Kind.
Nach Apoll. 3, 13, 6 u. Sch. gab ihm aus obi-
gem Grunde Cheiron den Namen Achilleus,
während er vorher AryvQcov liiefs. Seine Nah-
rung bestand in Eingeweiden von Löwen und
wilden Schweinen, sowie dem Mark von Bären
(Stat. Ach. 2, 384. Schol. Aphth. 2, 621. Ho- 4
mil. pseudoclem. 6, 10); nach Phil. Her. 730.
и. im. 812 in Honigscheiben und Rehmark.
So wächst er unter fortwährenden körperlichen
Übungen zu einem starken Knaben heran, des-
sen Herz sich an Waffen und Musik erfreut
(Orph. Arg. 399. Pind. N. 3, 79. Stat. Achill.
I, 40 u. 188 ff. u. 2, 381 ff. Ovid fast. 5, 388.
Philostr. Her. 730). Erkämpft mit Löwen und
fängt ihre Jungen, jagt Eber und legt ihre
im Todeskampfe zuckenden Körper dem Chei- 5
ron zu Füfsen; Hirsche fängt er ohne Hunde
und Netze (Pind. N. 3, 80 — 90. Soph. h. Eust.
II. 877, 59. Liban. tom. 4, p. 86, 18. p. 1014,
11. Stat. A. 1, 166 — 170). Später nimmt er
den Kampf mit den benachbarten Kentauren
auf, plündert ihre Wohnungen und raubt ihre
Herden (Stat. A. 1, 153). So trifft ihn seine
Mutter (Stat. A. 1, 189). Die Liebe des Jüng-
lings zur Musik und Poesie schildert Philostr.
Her. 730. Kalliope, von Achilles unter Dar- e
bringung eines Opfers um ihre Gunst angefleht,
erscheint ihm im Traume und verspricht ihm
soviel Kunstfertigkeit zu geben , dafs er ein
Mahl erheitern und den Kummer beschwichti-
gen könne; sein Hauptruhm werde nicht auf
seinem Gesänge, sondern auf kriegerischen Tha-
ten beruhen. Allein sie werde ihm einen Sän-
ger erwecken, welcher seine Thaten verewigen
werde. Und so lernte er denn mit Leichtig-
keit singen und die Lyra spielen. Er sang die
alten Lieder von Hyakinthos , Narkissos und
Adonis, sowie die neueren vom Hyllos und
Abderos , deren Schicksal ihn zu Thränen
rührte.
Nach vollendeter Erziehung giebt ihn Chei-
ron dem Vater zurück (Sch. II. 16, 37); auf ei-
ner Vase aus Nocera hingegen (Bull. Nap. N.
S. 5. t. 2.) führt Hermes ihn dem Nereus und
den Nereiden, worunter die namentlich bezeicli-
nete Thetis, zu. Nach Ovid Fast. 5, 381 traf
Achill bei Cheiron mit Herakles zusammen; die
spätere Sage (Eratosthen. Katasterismata 40)
machte Herakles zu seinem Liebhaber. Von
dem Aufenthalte im Vaterhause nach Vollen-
dung der Erziehung durch Cheiron berichtet
• die Sage so gut wie nichts. Nur zweierlei sei
erwähnt. In diese Zeit hat man die Ankunft
des Patroklos in Phthia und den Anfang des
Freundschaftsbündnisses zu setzen; beide wur-
den später in Thessalien als Nationalhelden
verehrt. Eine wunderbare Sage aus jener Zeit
erzählt von ihnen Istros im 13. Buche seiner
Attika (Plut. Theseus 34). Nach diesem wurde
Alexandros, der in Thessalien Paris hiefs, von
Achill und Patroklos am Spercheios besiegt,
wozu vgl. Forchhammer, Achill p. 27.
Cheiron und Achilleus, pompejan. Gemälde.
b. Späteres Knaben- und Jünglingsalter.
Während die ältere Sage der Kyprien von
dem späteren Knabenalter des Achilles schweigt
(die den Auszug des Achill wahrscheinlich in
Anlehnung an die Kykliker darstellenden Va-
sengemälde siehe am Schlüsse von b S. 28, 58)
und ihm erst nach der Zerstörung von Teu-
thrania und nach der Verwundung des Tele-
phos durch Sturm nach Skyros verschlagen
werden und die Deidamia heiraten läfst (so
der Dichter der kleinen Ilias bei Eustath. II.
1187, 15 u. Sch. 11. 19, 326) oder er nach Sch.
II. 9, 664 Skyros einnahm und plünderte, um
die von .Peleus abgefallenen Doloper zu züch-
tigen, als er sich auf dem Wege nach Aulis
27
Achilleus nachhom.
Achilleus nachhom.
28
befand, bei welcher Gelegenheit er den Neo-
ptolemos zeugte, berichtete die Sch. II. 9, 664
ausdrücklich als die jüngere bezeichnete Sage,
dafs, als die Griechen anfingen, sich zum Kriege
gegen Troja zu rüsten, Peleus (nach .Apollodor,
Statuts A., Hygin, Ovid u. Eustath. II. 1187, 13
die Thetis) eingedenk des Orakels, dafs seinem
Sohne bestimmt sei als Jüngling vor Troja zu
fallen, den neunjährigen Knaben nach der In-
sel Skyros zum König Lylcomedes gebracht
habe. Dort sei er in Mädchenkleider gesteckt
und mit den Töchtern des Königs aufgezogen
worden ( Soph . in Scyriis fr. 496 — 505. Wel-
cher gr. Tr. 1, 102 — 107. Seneca Troad. 223. Poly-
gnots Darstellung hei Paus. 1, 22, 6. Pion 15,
5 ff. Stat. Ach. 1, 207). Da nun aber nach der
Weissagung des Kalchas Troja ohne Achill
nicht erobert werden konnte, so wurden Odys-
seus, Phoinix und Nestor (bei Ovid Aias, bei
Statius. u. Philostr. jun., Odysseus u. Diomedes)
zum Peleus geschickt, Achill zu holen. Dort
Achilleus’ Abholung von Skyros, pompeian. Gemälde,
abgewiesen hätten sie sich nach dem von Kal-
chas ausfindig gemachten Versteck begeben.
Da sie den Achill unter den Töchtern des Ly-
komedes vermuten, legen sie auf Odysseus’ Rat
den Mädchen Waffen und Körbchen mit aller-
hand Werkzeugen furn Weben vor. Die Mäd-
chen greifen nach letzteren, Achilles aber ver-
rät sich, indem er nach den Waffen greift.
Nunmehr nimmt er am Zuge teil. So Sch. II.
16, 326. Ovid Metam. 13, 162 ff. Phil. jun.
imag. 1. Nach Apollodor 3, 13, 8 entdeckte
Odysseus den Achilles, indem er durch Blasen
einer Trompete dessen kriegerische Begeiste-
rung anfachte. Beide Sagen vereinigt bei Hy-
gin f. 86 u. Stat. Ach, 2, 165 ff. Vgl. aufser-
dem Ovid de arte am. 1, 697 — 706. Liban. t.
4 p. 192. Eust. z. II, 1187, 15. Tzetzes Ch.il.
4, 996. Lykophr. 277 und dazu Tzetzes, wel-
cher sogar eine Fabel erwähnt, nach welcher
Achill aus Furcht vor Hektor und dem Tode
nach Skyros geflüchtet sei. Philostr. Her. 731
verwirft natürlich die Weibergeschichte als
io seines Helden unwürdig; nach ihm schickt
Peleus den Sohn nach Skyros , um den von
Lykomedes getöteten Theseus zu rächen.
Achill erobert Skyros, nimmt den Lykomedes
gefangen, läfst ihn aber frei, weil er sich recht-
fertigt, heiratet die Deidamia und zeugt mit
ihr den Neoptolemos. Die Entdeckung des
Achill unter den Töchtern des Lykomedes
« wurde von Malern mit Vorliebe dargestellt.
So von Polygnot in der Pinakothek der Pro-
20 pyläen (Paus. 1, 22, 6)' und Athenion Maro-
nites (PK». 35, 134); als Gemälde erwähnt bei
Ach. Tat. 6 , 1 und Aristaen. 2,
5. Die bildlichen Darstellungen
der Abholung des Achill von Sky-
ros besprochen von Overbeck a. a. 0.
p. 287 ff. E. Engelmann , zwei
Mosaiken aus Sparta. Arch. Ztg.
39 p. 127. 0. Jahn, Arch. Beiträge
352 ff. Gerhard D. u. F. 1858 t.
113 p. 157. Helbig Camp. Wand-
gem. n. 1296 ff.
Aus der Liebe zur Deidamia und
der heimlichen Vereinigung beider
(vgl. Pion a. a. 0. u. Stat. A. 1,
642 ff. Seneca Troad. 350 ex vir-
ginis concepte furtivo stupro) ent-
springt Pyrrhos , später Neopto-
lemos genannt. Auf eine römi-
sche Tragödie , den Aufenthalt
des Achilles und sein Liebesieben
auf Skyros behandelnd, weist hin
Ov. Trist. 2, 409 ff. Achilles führte
selbst auf Skyros wegen seines
blonden Haares den Namen Pyrrha
(Ptolem. Heph. N. H. 1) , auch
Ksquvgsqcc und Issa wurde er ge-
nannt. Daselbst werden auch zwei
Söhne Neoptolemos und Oneiros
erwähnt. Als legitimer Sohn hin-
gegen in recktmäfsiger Ehe er-
zeugt erscheint Pyrrhos in den
Kyprien bei Proklos, Prop. 2, 7,
54. 9, 16. Philostr. Heroic. 732.
Tzetz. in Lycophr. 277. Die lako-
nische Sage hingegen (Paus. 3, 24,
10) erzählte von einer Werbung des Achill
bei Tyndareos um Helena, bei welcher Gelegen-
heit er den Las getötet habe. Endlich erwähnt
Sch. II. 19, 326 eine Sage, nach welcher Neo-
60 ptolemos der Ehe des Achilles und der Iplii-
genia entsprossen sei. Zum Schliffs die Er-
zählung des Philostr. Heroik, 732. Thetis
pflegt den Sohn nach seiner Verheiratung mit
Deidamia auf Skyros; als sich aber die Grie-
chen in Aulis versammeln, bringt sie ihn zum
Peleus zurück und rüstet ihn mit Waffen aus,
wie sie noch niemand zuvor getragen. Weiter
weifs die spätere Sage betreffs seiner Aus-
29
Achilleus nachliom.
Achilleus nachhom.
30
rüstung, dafs seine Rosse unsterblich waren
(Sch. II. 1, 131 u. 197, dagegen Philostr. Her.
737), ein Geschenk des Poseidon bei der Hoch-
zeit seiner Eltern (ebenso Ptolem. Heph. N.
11. 6); seine Rüstung und Schwert war ein
Geschenk des Hephaistos, dem Peleus bei der-
selben Gelegenheit gemacht nach Eiist. II.
1090, 43. Bei der Abfahrt nach Aulis (Flut. Q.
Gr. 28) stellt die Mutter ihm einen Sklaven
zur Seite, der ihn warnen soll einen Sohn des l
Apollo zu töten, denn nach Tzetzes Lyc. 232
lag eine Weissagung vor, dafs eine solche
That seinen Tod zur Folge haben würde. Der
Sklave heifst Mnemon. Die Zeit des Aufent-
haltes im väterlichen Hause betreffen nach Wel-
cher aeschyl. Tril. 2, 305 die ’AxAlsco? sqccgtou',
ein Satyrspiel. In direktem Gegensätze zu den
Sagen von Skyros stehen Darstellungen auf
Vasen, den Auszug des Achilles sicherlich in
Anlehnung an die Kyprien wenn auch zum Teil 2
mit grofser künstlerischer Freiheit und ohne
peinliches Festhalten am Worte des Dichters
schildernd. Vollständig neu ist, dafs mehrfach
Hermes und einmal Iris als Stellvertreterin
des Genannten als Götterboten erscheinen, um
den im Plause des Grofsvaters Nereus weilen-
den Achill zur Teilnahme am Kriege zu be-
wegen. Die Darstellungen zerfallen nach Brunn
troisch. Mise. 18G8. 1. B. p. 61 ff. in drei Grup-
pen. 1) Einfacher Abschied des Achilles von 3
Thetis ohne Zuthat. Gerhard A. V. 184. Overh.
Taf. 16, 2. p. 386. 2) Hermes erhält von Achill
durch Handschlag das Versprechen der Betei-
ligung am Kriege. Thetis Gerli. A. V. 200. Overh.
t. 20, 1. p. 464. Luckenbach, Fleckeisens J ah eh.
Suppl. 11 p. 546. P. J. Meier, JDurisschalen
arch. Ztg. 1883 p. 5 und Hermes zwischen
Achill und Nereus stehend. Thetis. Nereiden.
Bull. nap. N. S. 5, 2. Welcher, alte Denlcm.
5, 327. 3) Achills Auszug. Cheiron und Her- 4
mes vor dem Viergespann, welches Achill be-
steigt, gefolgt von Nestor und Antilochos oder
Patroklos (Thetis kommt mit Kanne und Schale
herbei) des Vergers VEtrurie pl. 38. — Anti-
lochos besteigt den von Phoinix gelenkten
Wagen, neben dem Iris sichtbar wird. Vor
den Pferden gerüstet Achill, dem Nestor die
Hand reichend. Overh. t. 18, 2. — fDie selb-
ständigste Erfindung aber (so Brunn p. 71)
findet sich auf dem Kantharos des Epige- 5
nes Ann. d. Inst. 1850, tav. d'agg. H. I., und
doch ist vielleicht der Gesamtinhalt der epi-
schen Dichtung hier am vollständigsten und
tiefsten erfafst.’ Auf der einen Seite: die
Wogengöttin Kymothea reicht Achill den Ab-
schiedstrunk. Agamemnon, jugendlicher E)ne-
ger, Nereide; auf der andern Seite Nestor
dem Antilochos Rat erteilend , und Thetis
mit Kanne und Schale als besorgte Mutter
sich an den besten Freund des thatendur- &
stigen Sohnes wendend. Dem Achill zur
Seite steht ein Begleiter, welcher sich durch
den Namen Ukalegon als eine von Achill los-
gelöste personifizierte Eigenschaft des letz-
teren ausweist. Nach Aristot. Blut. 2 , 22
zog Achill als der jüngste der Helden, ohne
durch Eid dazu verpflichtet zu sein , nach
Troja.
c. Aulis. Die Fahrten nach Troja.
Die Griechen versammeln sich in Aulis, mit
ihnen Achill an der Spitze der Myrmidonen
mit 50 Schiffen ( Dictys Cr. 1, 18), er geniefst
nach Philostr. Her. 732 schon hier neben sei-
ner Mutter göttliche Verehrung.
1) Erster Zug. Telephos. Bei der ersten
Ausfahrt, so berichten die Kyprien, landeten
die Griechen in Teuthranien in Mysien im
Glauben , in Troas zu sein , und verwüsteten
das Land. Telephos, der künftige Thronerbe,
eilt zur Abwehr herbei, wird aber von Achil-
les verwundet. Ein Sturm überfällt die Ab-
fahrenden und zerstreut sie (Achill nach den
Kyprien nunmehr nach Skyros verschlagen; vgl.
oben). Da dem Telephos zu Delphi das Ora-
kel zuteil geworden, nur wer ihn verwundet,
könne ihn heilen , kommt er nach Argos , wo
sich das Heer wieder gesammelt hat und wird
vom Achill geheilt, da infolge eines Schick-
salsspruches Telephos der Führer der Griechen
auf ihrem zweiten Zuge nach Troja sein mufste.
Vgl. Find. 1. 8, 49. Sch. Find. O. 9, 107.
Euripicles Fragm. d. Telephos. Anth. Jacobs t.
2, p. 657. 11, 110. Sch. II. 1, 59. Tzetz. Lyc.
209. Sch. Nuh. 919. Hyg. F. 101. Prop. 2,
1, 63. Ovid M. 12, 112. Senec. Troad. 224 ff.
Plin. 25, 42. 34, 152. Phil. Her. 690. Lihan.
Deel. 3 p. 230 D. Dictys 2 , 3. 10. Suidas s.
Tylecpo ?. Eustath. z. II. 45, 39. Nach Sch. II.
1, 59 mufste Telephos vor der Heilung dem
Achill versprechen , den Troern keine Hilfe zu
leisten. Bei Hygin lautet das Orakel: „Nur die
Lanze, welche die Wunde geschlagen, könne
sie heilen“, die Heilung erfolgt durch abge-
schabte Eisenspäne. Ebenso bei Eurip. Fr. Nauch
725 und Plinius , welcher von abgeschabtem
Roste spricht. Nach Pindar erfolgt die Ver-
wundung am Kaikos; in diesen Kämpfen be-
reitet sich nach Welcher ep. C. 2, 150 in den
Kyprien die Waffenfreundschaft zwischen Achil-
les und Patroklos infolge der Thaten des letz-
teren vor. Patroklos war nämlich bei der Lan-
dung am Kaikos verwundet worden: auf der
Vase des Sosias, Gerb. Trinksch. t. 7 verbindet
ihm Achilles , auch als Arzt auftretend , den
Fufs. Bei Philostr. heilt Achill den Telephos,
vor Troja; nach Dictys unterstützen ihn dabei
auf Weisung des delphischen Orakels die Söhne
des Asklepios, Machaon und Podaleirios. Nach
Philostr. war endlich der Schild des Telephos,
auf welchen Achill Anspruch erhob , von den
Griechen dem Protesilaos zugesprochen wor-
den, da er dem Telephos den Schild wegge-
zogen und dadurch die Verwundung desselben
ermöglicht hatte. — Mit grofser Vorliebe hat
die Kunst, die bildende wie die dramatische,
die Telephossage dargestellt und naeli Bedürf-
nis umgewandelt und erweitert. Der Kampf
der beiden Helden war von Skopas in dem
westlichen Giebelfelde der Athene Alea zu
Tegea plastisch wiedergegeben (Patisan. 8,
45, 7. Overbeck G. d. gr. Pl. 2 2, p. 18. Wel-
cher A. D. 1 p. 199 ff. Urlichs, Skopa's' Leben
u. Werke p. 18), und Plin. 35, 71 beschreibt
das Gemälde des Parrhasios, die Heilung des
Telephos darstellend: Achill von Agamemnon
31
Achilleus nachhom.
Achilleus nachhom.
32
und Odysseus umgehen schabt den Rost der
Lanze in die Wunde des Telephos. Der gleiche
Stoff behandelt auf dem etrusk. Spiegel 229 hei
Gerhard und einem etrusk. Relief bei H. Brunn
rilievi delle urne JEtrusche tav. 34, 18 der Auf-
fassung des Accius entsprechend. Denn auch
die Tragiker hatten sich des Stoffes bemäch-
tigt. Achill trat auf in dem Telephos des Äschy-
los, nach welchem wahrscheinlich Accius sein
Drama arbeitete (vgl. 0. Bibbeck , die röm. io
Tragödie im Zeitalter der Bepublik p. 345); auf
ihn ist vielleicht die hei Brunn a. a. 0. tav.
31 n. 11 dargestellte Scene zurückzuführen, in
welcher Telephos , der sich des kleinen Ore-
stes bemächtigt und auf den Hausaltar des
Agamemnon geflüchtet hat, demselben mit dem
Tode droht , um Gewährung seiner Bitte zu
finden; Agamemnon, Ulixes und Achill stür-
men auf ihn ein, werden aber von Klytaim-
nestra zurückhalten ; vgl. Friedr. Schlie: die 20
Darstellungen der troischen Sagen auf etruski-
schen Aschenkisten p. 57; der Telephos des En-
nius hingegen war wahrscheinlich nach dem
von Aristophanes so arg verspotteten Telephos
des Euripides gedichtet ( Bibbeck p. 105). Der
'Telephos in Argos’ vonÄgathon, erwähnt bei
Athen. 10 p. 454 u. Welcher a. a. 0. 3, 989.
'Telephos in Argos’ von Moschion bei Stobaeus,
Ecl. 1, 5, 1 u. Welcher 3, 1048. Der Telephos des
Iophon, wohl nach Aschylos gearbeitet, spielte 30
nach Welchers Vermutung 3, 976 auch in Ar-
gos, alsdann würde Achill auch in ihm auf-
getreten sein. Über den Telephos des Kleo-
phon siehe Welcher a. a. 0. 1010. — Bei Quint.
Smyrn. 4, 172 ff. heilt Achill den von ihm ver-
wundeten Telephos mit der Lanze am Kaikos,
und dieser schenkt ihm dafür ein Gespann
Rosse; vgl. Quint. Sm. 7, 379. Die bildlichen
Darstellungen bei Overbeck a. a. 0. p. 294 ff.
0. Jahn Telephos u. Troilos Kiel 1841. [Drs. 40
Telephos u. Troil. u. kein Ende. Bonn- 1859.
Sehr.] Archäol. Aufsätze 164 — 180. Gerhard
D. u. F. 1857. t. 106. 107. n. 106. 107.
Von Argos aus begeben sich die Helden
nach Aulis, welches wiederum der Versamm-
lungsort des Heeres ist.
2) Zweiter Zug. Achilles und Iphige-
neia in Aulis, Landung auf Tenedos.
Zwist (und Versöhnung) mit Agamem-
non. Tod des Tenes. 50
Die Kyprien erzählen : Agamemnon läfst
unter dem Vorwände, seine Tochter dem Achill
zu vermählen, Iphigeneia von Mykenai nach
Aulis kommen; auf Lesbos veruneinigen sich
Agamemnon und Achill infolge einer Zurück-
setzung des letzteren von seiten des Königs.
Bei Eurip. Iph. A. erfolgt die HerbeihoJung
der Iphigeneia ohne Wissen des Achill, welcher
eben im Begriff ist, den König auf Drängen
der Myrmidonen um schleunigen Aufbruch von so
Aulis zu mahnen. Durch die erst in Aulis
selbst über den wahren Sachverhalt (Opfe-
rung der Iphigeneia) aufgeklärte Klytaimnestra
von dem Betrug unterrichtet verspricht Achill
ihr erzürnt seine Hülfe, allein als das ganze
Heer und besonders die Myrmidonen auf der Opfe-
rung der Iphigeneia bestehen, und Odysseus mit
Bewaffneten naht, um die Jungfrau abzuführen,
giebt er sich, von den Kriegern mit dem Steini-
gungstode bedroht, wenngleich unter fortwäh-
renden Versicherungen seines Beistandes in
sophistischer Weise zufrieden, als die Jung-
frau sich freiwillig der Opferung darbietet.
In der für unecht gehaltenen Schlufsrede des
Boten nimmt Achill sogar persönlich an dem
Opfer der Iphigeneia teil und spricht das Ge-
bet an Artemis. Den gleichen Inhalt vermu-
tet Welcher gr. Tr. 3, p. 947 für die Tragö-
die Agamemnon des Ion von Chios. Hingegen
trat, wie man aus etruskischen Sarkopbagre-
liefs geschlossen hat, Achill in der Iphigeneia
des Ennius , welche aus der des Sophokles
und Euripides kontaminiert war, als wirklicher
Verteidiger der Iphigeneia auf. Vgl. Brunn ,
rilievi delle urne Etruschetav. 37 n. 6. tav. 38. 39.
40. 44, 18, 19. 45, 20. 21 u. 0. Bibbeck, Böm.
Tr. p. 99 — 102. „Demgemäfs erblicken wir hier
Achill schwer verwundet zu Boden gesunken,
unter dem Beistände eines treuen Waffenge-
fährten mit der erhobenen Linken noch in der
Ohnmacht gegen das Opfer protestierend; ihm
gegenüber jenseits des Altars einen seiner wüten-
den Angreifer aus dem Heere eben im Begriff
einen Stein zu werfen“ (p. 101). In tiefe Trauer
versunken wohnt Achill (nach Brunn-, anders
Helbig ) auf dem bekannten pompejanischen
Wandgemälde dem Opfer bei“ ( Helbig n. 1305;
Zahn 2, 61). Über die Bildwerke siehe Overbeck
a a. 0. p. 322 f. 0. Jahn, Archäol. Beiträge 378 ff.
Brunn a. a. 0., Schlier, a. 0. p. 60 ff. Homer
weifs von der erdichteten Verlobung der Iphi-
geneia und ihrer Opferung nichts. Nach Hygin.
F. 98 bediente sich Agamemnon als Boten
nach Mykenai des Ulixes, er berichtet aber
nichts von einem Eingreifen des Achill. Der
Erzählung der Tragiker kommt am nächsten
Dictys 1 , 20. Ulixes bringt der Klytaimne-
stra einen Brief des Agamemnon, wonach er
dem Achill die Iphigeneia versprochen; Achil-
les aber wolle nicht eher aufbrechen , als
bis das Versprechen erfüllt sei. So beeilt sich
Klytaimnestra, ihre Tochter mit Ulixes ins
Lager zu senden. Während aber das Opfer
vorbereitet wird, ertönt eine Stimme vom Him-
mel , die Göttin verschmähe das Opfer und
werde Ersatz senden; zugleich erscheint Achil-
les, welcher unterdessen einen Brief von Kly-
taimnestra (neben einer Menge Gold) erhalten,
worin sie ihre Tochter und ihr ganzes Haus
dem Achill empfiehlt. Von dem Vorhaben des
Agamemnon inzwischen unterrichtet entreifst
er die Iphigeneia ihren Würgern und vertraut
sie heimlich dem Schutze des zufällig anwe-
senden Skythenkönigs an. Mit dem Aufent-
halte in Aulis bringt man gewöhnlich, wenn
auch ohne sicheren Grund, das Brettspiel def
Achilles und Aias in Verbindung ( Overb . G
h. B. 310 ff. Brunn tr. Mise. 1880 p. 173) um
in diese Zeit wird wohl auch die späb
Sage anzusetzen sein , nach welcher Blut
Quaest. Gr. 37 p. 225 Achill die Tanagra, di
Mutter des Poimandros , des Königs von Ta
nagra in Böotien, tötete (Eust. erwähnt be
Tgaka im Schiffskatalog, dafs die Tanagräe
sich weigerten , am Zuge gegen Troja teilzu
nehmen).
33
Achilleus nachhom.
Achilleus nachhom.
34
Nachdem die Griechen unter Führung des
Telephos auf Tenedos gelandet waren, wurde
(vgl. II. 8, 229) von Agamemnon eine Muste-
rung und ein grofser Opferschmaus veranstal-
tet. Durch ein Versehen bei der Einladung
beleidigt er den Achilles (vgl. den Anonymus
Ttsgl ogyijg Volum. Her cul.Oxon. 1 p. 51. Aristot.
Rhetor. 2, c. 24(381, 54 P.) und den Opferschmaus
Jl. 2, 405). Hiermit wird in Verbindung gebracht
das jetzt für ein Satyrdrama erklärte Stück
des Sophokles ’A^cacöv cvlloyog ?/ avvSsntvov
r] GvvdentvoL. W. Dindtorf P. Sc. Gr. 2 p. 127
fragm. 148 — 181 ; vgl. Cicero ad Quintum fr.
2, 16; Athen. 8 p. 365 b. Vol. Here. O.x. u.
Aristot. a. a. 0. Anders Welcher, gr. Tr. 1,
110—113 u. 232—240. Äschyl. Tril. 2, 170
Anm. 108. Ribbech, röm. Trag. p. 620 sagt
hierüber: fdie Achäerhehlen, welche von Au-
lis weiter nach Troja zogen, landeten auf Te-
nedos, wo sie Musterung und einen Schmaus
hielten. Achill , der zu spät dazu eingeladen
war, fühlte sich deshalb beleidigt, entzweite
sich mit dem Agamemnon und den übrigen
Fürsten , besonders auch mit Odysseus und
drohte in die Heimat zurückzukehren. Bei
dem Gelage ging es wüst zu, der später kom-
mende Achill wurde von den wahrscheinlich
Trunkenen schnöde genug empfangen.’ Die von
Quintus Cicero angefertigte Übersetzung ( Cicero
ad Q. fr. a. a. 0. ist mit Bücheier factam statt 3
actam zu lesen) mifsfiel dem Bruder. Ribbech
p. 619 u. 624.
Der Aufenthalt auf Tenedos wird von spä-
teren Sagen noch durch die Erzählung vom
Tode des Tenes ausgeschmückt. Plut. Q. Gr.
28 berichtet so : Thetis hatte dem Sohne ver-
boten, den Tenes, einen Sohn des Apollo, zu
töten und einem Diener den Auftrag gegeben,
darüber zu wachen. Da verfolgt Achilles auf
Tenedos die schöne Schwester des Tenes; die-
ser schützt die Schwester und wird von Achill
erschlagen, welcher ihn zu spät erkennt und
feierlich bestattet. Zur Strafe tötet Achill
den säumigen Diener. Tzetzes zu LyJc. 232 setzt
hinzu, Thetis habe die Warnung ergehen lassen
infolge eines Orakels , Achill werde sterben,
wenn er einen Sohn des' Apollo töte. Die
Schwester des Tenes heifst bei ihm Hemithea
und wird, von Achill verfolgt, von der Erde
verschlungen. Der Diener heifst Mnemon; vgl.
Lykophr. 240 ff. Der Tod, den Tenes durch
Achilles bei der Verteidigung des Vaterlandes
erlitten, wird auch erwähnt bei Paus. 10, 14, 4.
Auf einen gleichen Tod führt auch Hiodor.
Sic. 5, 83, welcher erzählt, auf Tenedos habe
ein Gesetz verboten, in dem daselbst befind-
lichen dem Tenes geweihten Tempel den Na-
men des Achill auszusprechen. Der Tod des
Tenes kann aber auch bei einer späteren Lan-
dung des Achill erfolgt sein. Jedenfalls ist
die Sage neueren Ursprungs , da sie bei kei-
nem älteren Mythographen vorkommt, und hat
sich aus der Sage von Kyknos entwickelt, wel-
cher von manchen Vater des Tenes genannt
wird (vgl. Sch. II. 1 , 38). Die Tragödie Te-
nes, fälschlich dem Euripides zugeschrieben
( Vit. Huri]). Cod. Mediol., W. Hindorf 3
fragm. 696 u. Welcher griech. Tr. 2, p. 499 f.),
Koscher, Lexikon der gr. u. röm. Mytliol.
behandelte wahrscheinlich eine andere Sage
von ihm , welche sich mehr zur tragischen
Darstellung eignete.
Vor dem Wegzuge der Achäer von Tene-
dos erfolgte die (wenn auch nirgends ausdrück-
lich erwähnte) Versöhnung zwischen Achilles
und Agamemnon, da sie vor Troja beide von
vorn herein in freundschaftlichem Verhältnisse
leben.
d) Landung in Troja. Die ersten neun Jahre
des Kampfes.
Die Kyprien erzählen: rAls die Troer die
Achäer an der Landung zu verhindern suchen,
und Protesilaos vom Hektor getötet worden
ist, erlegt Achilles den Kyknos, den Sohn des
Poseidon, und wirft die Troer in die Flucht.
Nachdem die Achäer die Toten gesammelt
haben, schicken sie eine Gesandtschaft nach
Troja, Helena und die Schätze zurückzufordern.
Auf die Weigerung der Troer machen sie ei-
nen Angriff auf die Mauer. Dann aber zer-
streuen sie sich über die Landschaft und zer-
stören diese sowie die Städte in der Umge-
bung. Da Achilles die Helena zu sehen wünscht,
so bringen Thetis und Aphrodite beide an ei-
nem Orte zusammen. Als die Achäer nach
der Heimkehr begehren, hält sie Achilles zu-
o rück. Hierauf treibt er die Rinder des Aineias
fort, zerstört Lyrnessos und Pedasos und viele
umliegende Städte und tötet den Troilos.
Patroklos aber bringt den Lykaon nach Lem-
nos und verkauft ihn daselbst. Aus der Beute
erhält Achilles als Ehrengeschenk die Briseis,
Agamemnon die Chryseis. Dann folgt der Tod
des Palamedes und der Entschlufs des Zeus,
den Achilles dem Kampfe zu entfremden , um
den Troern Erleichterung zu verschaffen.’ So
o Proklos.
1) T o d desProtesilaos. Tzetzes Lycophr.
245 ff. Nachdem Protesilaos durch Hektor ge-
fallen, sprang Achill mit solcher Wucht aus
dem Schifte , dafs an der Stelle des Nieder-
sprunges sofort eine Quelle entstand. Achill
trat auf in den noiysveg des Sophokles, welche
den Tod des Protesilaos schildern. W. Hin-
dorf, P. Sc. Gr. 2 fragm. 443 — 46 lb. Welcher
griech. Trag. 1 p. 113 — 117. Der Protesilaos
o des Euripides ist anderen Inhaltes. Bildliche
Darstellungen auf Sarkophagreliefs (Welcher A.
H. 3, 553 ff. Overb. a. a. 0. 327 ff.) sind auf die
Tragödie zurückzuführen (vgl. Brunn troisch.
Mise. 1880 p. 174).
2) Tod des Kyknos. Der Tod des Kyk-
nos am Kaikos (nach Sen. Troad. 237 u. Agam.
216) durch die Hand de3 Achill war eine sehr
beliebte Sage und hat daher gar manche Ent-
wicklungsphasen durchgemacht. Während Find.
o O. 2, 82 (146) u. I. 5, 39 (49). Senec. a. a. 0.
u. Quintus Smyrn. 4, 153 einfach seinen Tod
durch Achill erwähnen (nach letzterem war er ein
Sohn desPoseidon und wurde mit dem Speere ge-
tötet), weifs Aristoteles rhet. 2, 22, 10 (374, 51 P.)
schon zu erzählen, dafs er unverwundbar gewe-
sen, und sein Tod erfolgt sei, als er die Griechen
am Landen verhindern wollte. Bei Lykophr.
232 zerschmettert ihm Achilles die Schultern
O
35
Achilleus nachkom.
Achilleus uachhom.
36
mit einemSteine; Tzetzes hingegen bemerkt, es
sei der Kopf gewesen, an. dem allein er ver-
wundbar war. Palaiphatos de incred. 12 be-
richtet nur, er sei unverwundbar gewesen und
habe, auch als er vom Achilles mit einem Steine
getötet worden, keine Wunde davongetragen.
Ausführlicher Dictys 2, 12. 13. Kyknos über-
fällt die Griechen, welche, nachdem sie schon
das Schiffslager aufgeschlagen haben, mit der
Bestattung des Protesilaos beschäftigt sind, i
und schlägt sie in die Flucht. Da kommt
Achill zu Hilfe und tötet ihn. Am einge-
hendsten Ovid. M. 12, 64 ff. Achilles sucht
bei der unglücklichen Landung der Achäer,
nachdem Hektor und Kyknos schon viele ge-
tötet, jene im Scklachtgewükle und stöfst
auf Kyknos. Dieser, ein Sohn des Poseidon,
ist unverwundbar, und so prallt des Achilles
Lanze wiederholt an seinem Körper ab. Auch
das alsdann von Achilles angewandte Schwert 2
fruchtet nicht. Da dreht er dasselbe herum
und sucht Kyknos durch Schläge auf Kopf
und Schläfe zu betäuben. Dies gelingt; Kyk-
nos stürzt beim Rückwärtsschreiten über einen
Stein, Achill kniet auf ihn, erwürgt ihn mit
dem Helmband und beraubt ihn der Waffen.
Nach Welcher Gr. Tr. 1, 116 behandelten den
Tod des Kyknos die noiysvse des Sophokles
und 3, 961 der Kyknos des Achaios. Anders
Urlichs. Der Kyknos des Aischylos beruht auf
Vermutung. Den siegreichen Kampf des Achill
gegen den imverwundeten Kyknos erblickt
Brunn tr. Mise. 1880 p. 201 ff. auf einer Trink-
schale des Duris bei Fröhner, Clioix des vases
du prince Napoleon pl. 2—4 u. Conze , Übungs-
blätter Ser. 6, 7. Auf den Tod des Kyknos
läfst Ovid a. a. 0. 146 einen Waffenstillstand
folgen; vor diesem aber setzt Welcher ep. Gyhl.
2, 104 einen auf einer Vase aus Vulci ( ann .
d. Inst. 5. Welcher A. D. 3, 428 ff.) wahrschein-
lich nach den Kyprien dargestellten
3) aufgehobenen Zweikampf des
Achilles und Hektor an) reine Nachahmung
des zwischen Aias und Hektor unter ausge-
tauschten Geschenken aufgehobenen Zweikam-
pfes im 7. Gesänge der Ilias 273—283’ (vgl.
Overbeck a. a. 0. p. 333 f.). Wenn nun Ovicl
a. a. 0. erwähnt, dafs Achill im Gewühle der
Schlacht nach den beiden Hauptgegnern Kyk-
nos und Hektor gesucht habe, so würde sich
an die Bekämpfung und Besiegung des ersteren
der Kampf mit dem andern sehr folgerichtig
anreihen. Auf das im Vasenbilde geschilderte
friedliche Auseinandergehen der beiden Hel-
den lasse ich demnach folgen den von Ovid
erwähnten
4) Waffenstillstand, in welchen fallen
würde das bei Proklos erwähnte Begräbnis
der Gefallenen und die vergebliche Ge-
sandtschaft der Griechen nach Troja
behufs friedlicher Herausgabe der He-
lena und der Schätze. Dann folgt
5) V ergeblicher Sturm auf die Maue r.
6) Verheerung von T roas und der
umliegenden Städte.
7) Wunderbare Zusammenkunft des
Achilles und der Helena durch Thetis
und Aphrodite vermittelt (vgl. Welcher ep. C.
2, 105), jedenfalls eine Folge des Waffenstill-
standes. Lylcophron 171 spricht aber nur von
einer Vereinigung derselben im Traume (Achil-
les der fünfte Gemahl der Helena, vgl.
Tzetzes zu dieser Stelle, welcher auch zu 141
bemerkt, dafs Achill sich nur dem Traumbilde
der Helena in Liebe gesellt habe. Ebenso der
Scholiast zu II. 3, 140). Die Vereinigung ist
dargestellt auf einem pompejanischen Wand-
gemälde bei Overbeck a. a. 0. 335 ff. Selbig
a. a. 0. 327 deutet es auf Ares und Aphrodite.
Diese Liebe zur Helena benutzte nun wahr-
scheinlich der Dichter der Kyprien als Motiv
dazu, dafs
8) Achilles die nächRückkehr in die
Heimat trachtenden Achäer zurück hält
und durch beutereiche Raubzüge gegen
benachbarte Länder und Städte die
Lust am Kriege bei ihnen zu wecken
sucht; denn dieser zieht sich, da die liier
infolge der ersten schweren Niederlage die
offene Feldschlacht vermeiden, in die Länge
und macht keine Fortschritte (vgl. ThuJcyd. 1,
11). Es folgen in den Kyprien die Züge gegen
Aineias, Lyrnessos, Peclasos und andere
Orte der Umgegend. Während nun der Raub
der Rinder des Aineias durch Achill späterhin
keine Erwähnung findet, sind die andern Baub-
ziige mannigfach ausgeschmückt worden. Nach
Parthenios narr. am. 26 tötet er auf dem
Verheerungszuge gegen Lesbos (11. 9, 129. 271.
664) den Tr ambelos (n. Eustafh. z. II. 343,
5 in Milet, wo die Quelle, in welcher er sich
nach dem Blutvergiefsen reinigte, seinen Na-
men trug), den Sohn des Telamon und errich-
tet ihm, nachdem er von dem Sterbenden dessen
Herkunft erfahren, unter Wehklagen ein Denk-
mal. Ebenso Tzetz. Lylc. 467, der von einem
Zuge gegen Milet spricht. — Nach Parth. a.
a. 0. 21 leistete Methymna ihm kräftigen Wi-
derstand. Da erblickt Peisidike, die Tochter
des Königs, ihn von der Mauer, verliebt sich
und schickt ihre Amme zu ihm mit dem Ver-
sprechen , die Stadt zu überliefern , wenn er
sie zu seinem Weibe mache. Achilles geht
darauf ein, aber in den Besitz der Stadt ge-
kommen läfst er die Verräterin steinigen. —
Ferner erzählten nach Schol. II. 6, 35 u. Eu-
statli. I. p. 621, 15 Hesiod und Demetrios von
der Belagerung von Pedasos (auch Menenia
oder Monenia damals genannt) Folgendes. Als
Achill schon im Begriff ist, von dem stark be-
festigten Orte abzuziehen, wirft eine Jungfrau
Pedasa, in Liebe entbrannt, ihm einen Apfel
zu, auf welchem geschrieben stand, er möchte
nicht abziehen, sondern die Belagerung fort-
setzen, da die Belagerten an grofsem Wasser-
mangel litten. Achill folgt der Weisung und
bemächtigt sich des Ortes , den er nunmehr
Pedasos nennt. Bei Dictys 2, 16 beginnt Achill
mit der Eroberung von Lesbos , wo er Dio-
mede, die Tochter des Phorbas erbeutet; dann
nimmt er Skyros und Hierapolis. Da er alles,
was er Troja freundlich gesinnt glaubt, ver-
wüstet, bitten die umwohnenden Völkerschaf-
ten um Frieden, indem sie ihm die Hälfte des
Ertrages ihrer Felder anbieten. Achilles nimmt
es an und kehrt ins Lager zurück. Aber bald
37
Achilleus nachhom.
Achilleus nachhom.
38
wendet er sich gegen Lyrnessos, erobert es und
führt von dort die Astynome (urspr. Name der
Chryseis, vgl. Eustath. ad I. 77, 30. 118), die
Tochter des Königs Eetion fort. Dann nimmt er
Pedasos, die Stadt des Brises, ein und erbeutet
dessen Tochter Hippodameia (urspr. Name der
Briseis n. Eust. ad II. 77, 32. Tzetz. Ante-
hom. 350. Jo. Mal. p. 12G). — Als besonnenen
Berater auf diesen Zügen (nach Phil. Her. 733
nahm er 23 Städte ein und gewann reiche Beute) l
bat sich Achill — so erzählt Phil. Her. 712, den
Palamedes aus, da er selbst in allzu stürmischer
und wenig vorsichtiger Weise Krieg führte
(ebenso Tzetzes Antchom. 265 und 346). Bei
der Belagerung von Abydos wurden beide ver-
wundet; Achill zieht sich deshalb zurück, Pa-
lamedes aber nimmt die Stadt ein. — Endlich
erwähnt der Schal. II. 1 , 328 unter den auf
Seezügen erbeuteten Städten Sestos und Abydos,
die er aber, weil zu fest, nicht zerstört habe, 2
und Eustath. II. 2, 690 (322, 25) nennt als die
zwölf Städte, die er zu Lande eroberte, Lyr-
nessos, Pedasos, Thebe, Zeleia, Adrasteia, Pi-
tya, Perkote, Arisbe, Abydos, ergänzt werden
Chryse und Killa. Dafs Hesiod die Plünde-
rungszüge des Achilles besungen, berichtet Seil.
II. 6, 35.
Auf einem der von Achilles unternommenen
Streifzüge durch das troische Gebiet erfolgt
9) die Tötung des Troilos, ein auf 3
Vasen und andern Kunstdenkmälern aufseror-
dentlich oft dargestellter Gegenstand. Mit
Hilfe dieser ist man imstande, die Erzählung
des Epos resp. des Dramas zu rekonstruieren:
denn die schriftlichen Zeugnisse bieten wenig.
Die Sage hat im Laufe der Zeit mannigfal-
tige Wandelungen durchzumachen gehabt. II.
24, 258 nennt Priamos Hektor, Mnestor und
Troilos die besten seiner Söhne , welche im
Kriege umgekommen seien, und giebt Troilos das 4
Epitheton imtioxäQyri?. Der Scholiast bemerkt
dazu, dafs, da dies Wort nur von einem Manne
gebraucht würde, man sich den homerischen
Troilos als streitbaren Helden zu denken habe,
während die Jüngeren ihn zu einem rosselie-
benden Knaben gemacht hätten. Er will also
imiioxaQ^i]? in der Bedeutung 'Wagenkämpfer’
gefafst haben, während es der spätere Mythus
als Tossefroh’ fafste. Weiter bemerkt der
Scholiast zu der Stelle , in dem Troilos des 51
Sophokles habe Achill diesem beim Ein-
reiten von Pferden in der Nähe des thym-
bräisclien IJeiligtumes aufgelauert (lo%sv&r]-
vca mit Welcher statt des überlieferten o%sv-
Q'rivcn ) und ihn getötet; das Gleiche giebt an
Eust. a. a. 0. Die Fassung der Sage, wie wir
sie bei Sophokles finden, geht jedenfalls auf
das Epos zurück; mit ihr stimmen auch die
Kunstdenkmäler überein. Doch davon später.
Nunmehr erscheint er in den schriftlichen Zeug- c
nissen lange Zeit hindurch als Knabe. Nach
Apollodor Hihi. 3, 12, 12 war er der jüngste
Sohn des Priamos und der Hekabe, galt aber
für einen Sohn des Apollo, infolge dessen hatte
sein Tod (Tzetz. Posth. 385) dem Orakel ge-
mäfs den Tod des Achilles zur Folge. Sein
Tod durch Achilles wird schlechthin erwähnt
Bio Öhr. Or. 11, 338 (B). Sen. Agam. 747.
Myth. Vat. 2, 210. Als Knabe, aber doch am
Kampfe beteiligt, erscheint er bei Vergil. Aen.
1, 474 ff. ebenso bei Quint. Sm. 4 (155) 413.
419 ff. und Auson. epith. 18. Bei beiden also
stirbt er in der Feldschlacht, und zwar ver-
legte Vergil den Kampf und Tod durch Achill
in die Zeit des 10. Buches der Ilias, Quin-
tus nach den Tod des Polydoros , welcher
in das 20. Buch der Ilias fällt (20, 413), Au-
sonius sogar nach den Fall IJektors. Als
vollbärtiger Mann hingegen erscheint er bei
Tzetz. Posthorn. 384; er nimmt an den Ama-
zonenkämpfen teil 52, lebt noch beim Tode
des Hektor und wird von Achill als streitba-
rer Wagenkämpfer in der Feldschlacht am
Skamander erschlagen. Bei Bares 33 endlich
erscheint Troilos als gewaltiger Held, der un-
ter den Achäern grofse Verheerungen anrich-
tet. Hierdurch wird Achilles bewogen, wieder
am Kampfe teilzunehmen, wird aber von Tro-
ilos verwundet und gezwungen, das Feld zu
räumen. Tagelang verhindert am Kampfe sich
zu beteiligen ermahnt er die Myrmidonen zu
einem Angriffe auf Troilos, allein viele Myr-
midonen fallen. Da stürzt sein Rofs und wirft
ihn ab, Achill kommt hinzu und tötet ihn,
den Leichnam mitzunehmen wird er von Mem-
non verhindert, der ihn selbst verwundet. Da-
rauf verfolgt er den Memnon und tötet ihn.
— So wird aus dem zarten Knaben im Laufe
der Jahrhunderte ein riesiger Kämpe, der selbst
dem Achill gewachsen ist.
Ganz anders die Sage bei Biclys 4, 9.
Achill fängt Lykaon und Troilos und läfst sie
im Lager der Achäer niedermachen, weil Pria-
mos seinen Verpflichtungen nicht nachgekom-
men ist.
Das erotische Element tritt zuerst hervor
bei Servius Ae. 1, 478. Achill war für den
Knaben in Liebe entbrannt; um ihn in seine
Gewalt zu bekommen, habe er den Knaben
durch vorgehaltene Ringeltauben, welche die-
ser sehr liebte, an sich gelockt, ihn festgehal-
ten, und in seiner Umarmung wäre der Knabe
gestorben. Ähnlich Tzetz. Lyk. 307. Achilles
liebt den Troilos, ohne Gegenliebe zu finden.
Deshalb verfolgt er ihn; dieser flieht aber in
das schützende Heiligtum des thymbräischen
Apollo. Nach vergeblichen Versuchen, ihn
zum Verlassen des Tempels zu überreden, dringt
er ein und tötet ihn auf dem Altäre. Infolge
dessen tötet Apollo, den Knaben rächend, an
gleicher Stelle den Achilles. Hier erfolgt der
Mord erst nach dem Tode des Memnon. So
die schriftlichen Berichte.
Weit zahlreicher und stoffhaltiger sind die
Bildwerke. Nach ihnen hat Welcher in der
Zeitschrift für die Altertumswissenschaft 1850.
Nr. 4 ff', u. 13 f. und in den Annalen des In-
stitutes 1850 p. 66 ff. für die epische Darstel-
lung (resp. die dramatische), nach welcher sie
gearbeitet sind, folgende vier Momente unter-
schieden:
cc) Achilles im Hinterhalt hinter dem Brun-
nen. Overheclc a. a. O. p. 339 ff.
(5) Verfolgung des Troilos und der Poly-
xena Overbeck p. 344 ff'.
y) Troilos’ Tod. Overheck 359 ff.
39
Achilleus nachkom.
Achilleus nachhom.
40
d) Kampf iiher der Leiche. Overbeck 364 ff.
Welcher, alte Denlcm. 5, 439 ff. O.Jahn, Tele-
phps u. Troilos Kiel 1841. Gerhard D. u. F.
1856 n. 93 t. 91 — 94. Jahn, Telephos u. Troi-
los, an Welcher 16. Okt. 1859. Arch. Ztg. 1863,
57 ff. Ibid. 1871. Tfl. 48. [ Schreiber , Ann. d.
Inst. 1875 p. 188 ff. Klein, Euphronios p. 79ff.
Luckenbach in J ahrb. Suppl. 1 1 p. 600 ff.
Schreiber.] Brunn, urne Etr. t. 48 ff. Schlie
a. a. 0. p. 85 ff.
Die dürftigen Fragm. des Troilos d. Soph.,
von dem Welcher gr. Tr. 1 p. 124 — 129 eine
Rekonstruktion versucht hat, bei THndorf 548
— 562°. Eine Komödie Troilos schrieb Strat-
tis, vgl. Meinelce Ilist. com. Gr. p. 232. Viel-
leicht übersetzte Quintus Cicero den Troilos
des Sophokles. Vgl. Cicero ad Quint, fr. 6,
7 (mit Fritzsche Troilmn statt des überliefer-
ten trodam ) u. Ribbeck , Reim. Trag. 618 f.
Mit dem von den Troern zur Rettung der
Leiche des Troilos gemachten Ausfälle bringt
Welcher ep. Cyhl. p. 147 in Verbindung die
10) Gefangennahme desLykaon. Über
die Sage bei Homer vgl. II. 21, 35. 23, 746.
In den Kyprien [Proklos] erfolgt Lykaons Ver-
kauf nach Lemnos durch Patroklos. Quintus
3m. 4, 382 ff. giebt als Entgelt für Lykaon zwei
silberne Mischkrüge, Werke des Hephaistos, an.
Anders THctys 4, 5, vergleiche oben Abschnitt 9
S. 38. Bei Dares fällt Lykaon durch Achill in
einer weit früheren Schlacht, als bei Homer.
Hierauf folgte in den Kyprien die
11) Verteilung der Beute, welche in
den Raubzügen insgemein gemacht worden
war. Achill empfängt als Ehrengeschenk die
Briseis (II. 1, 366. 6, 414. 9, 128. 328. 11,
625. Od. 3, 105). Nach II. 9, 665 u. Dictys
2, 19 behält er aufserdem für sich die Dio-
mede zurück, welche Dictys zu einer Jugend-
genossin der Briseis macht und den Achill
fufsfällig anüehen läfst, sie beide nicht zu
trennen. Bei Tzetz. Antehorn. 350 u. Fragm.
TJffenb. p. 679 aber behält er die Hippodameia
ohne Vorwissen der Achäer zurück, während
er die übrigen Schätze nebst der Chryseis der
Volksversammlung der Achäer ausliefert. Nach
Phil. Iler. 733 endlich läfst er sich von der
ganzen reichen von ihm gemachten Beute
nur eine Jungfrau geben.
Eine dem Homer fremde Sage ist der
12) Tod des Palamedes, auch in den
Kyprien und in den Dramen des Sophokles
und Euripides hatte Achill damit nichts zu
thun. Vgl. Welcher gr. Tr. 1 p. 134. Erst
Philostratus Her. machte den Palamedes zu
einem Jugend- und Kampfesgenossen des Achill;
beide waren durch innige Freundschaft ver-
bunden. Her. 712 ff. Während sie Lyrnessos
belagern, redet Odysseus dem Agamemnon ein,
Achill strebe nach der Oberherrschaft, Helfers-
helfer sei besonders Palamedes. Er wird dem-
nach unter einem Vorwände zurückgerufen
und getötet. Der entrüstete Achill hält sich,
nach der Eroberung von Lyrnessos vor Troja
zurückgekehrt, vom Kampfe fern, bringt dem
Freunde Totenopfer und bittet um seine Hilfe.
Mit Aias (716) begräbt er ihn im äolischen
Gebiete und errichtet ihm ein Heiligtum und
Standbild. 734 bricht der Groll gegen den
Agamemnon über den Tod des Freundes in
der zur Beuteverteilung angesetzten Volksver-
sammlung aus. Hierselbst von Agamemnon
und Odysseus der Verräterei beschuldigt wirft
er den Odysseus aus der Volksversammlung,
überschüttet Agamemnon mit Schmähreden und
zieht sich vom Kampfe zurück. Hingegen
stellt Tzets. Antehorn. 365 den Palamedes als
o Verführer hin, ebenso Fragm. Uffenbach. 681;
den Groll des Achill aber leitet er in glei-
cher Weise vom Morde des Palamedes her
Ilom. 3.
Die Kyprien schliefsen mit der Hinweisung
auf des Zeus Ratschlufs , Achill zu der Troer
Erleichterung vom Griechenheere zu trennen.
Uber diesen Schlufs im Gegensätze zur Auf-
fassung der Ilias , wo fZeus nur ungern den
Bitten der Thetis nachgiebt, den Achill durch
o den Sieg der Troer zu ehren’ vgl. Welcher,
ep. Cyhl. 2, 149.
e ) Die Sagen des 10. Jahres, soweit sie der
Ilias angehören, in späterer, besonders drama-
tischer Passung.
Nach Ribbecks Vermutung (a. a. 0. p. 116 ff.)
beschäftigte sich der Achilles des Aristarclios,
welchen Ennius in seinem Achilles Aristarchi
zum Vorbild nahm, mit dem Anfang der Ilias
o und schilderte den Beginn des Streites zwi-
schen Achill und den Atriden betreffs der Bri-
seis und seine Folgen.
Livius Andronicus aber und Ennius scheinen
in dem von ihnen verfafsteu und auf griechische
Originale zurückzuführenden '‘Achilles’ die ver-
gebliche Gesandtschaft der Griechen an Achill,
ihn zur Teilnahme am Kampfe zu bewegen,
und die sich daran knüpfenden Folgen behan-
delt zu haben, siehe Ribbeck a. a. 0. pp. 25
o u. 112. Die hierher gehörigen Vasenbilder
weichen in manchen Stücken von der homeri-
schen Schilderung.ab und lassen einen Rfick-
sclilufs auf die Änderungen machen, welche
sich der tragische Dichter gestattete.
Die Trilogie des Äscliylus ’AxMrg'g bestand
aus drei Stücken: MvQpidovsg, NrjQstSsg, Tov-
ysg oder "ExzoQog Ivtqcc und behandelt fden
tragischen Stoff, welchen man in dem Namen
IIcaTQÖxleicc zusammenfassen könnte, in drei
0 Akten: nämlich im ersten den Zorn Achills
bis zum Tode des Patroklos, im zweiten Achills
Auszug und siegreichen Kampf mit Hektor,
im dritten die Auslösung des Leichnams durch
Priamos’ ( Ribbeck a. a. 0. 349). Der Inhalt
der Myrmidonen, in welchen diese den Chor
bildeten, ist nach Welcher, Tr. 1, 416 ff. fol-
gender. Achill sitzt zürnend in seinem Zelte,
unbeweglich und stumm (bis zum dritten Akte
redet er kein Wort); die Achäer sind in höch-
o ster Not; die dringenden Bitten des Patroklos
und das Grollen des Chores hat endlich zur
Folge, dafs er sie in den Kampf entläfst. Wäh-
rend der Kampf tobt, erscheint eine Gesandt-
schaft der Myrmidonen vom Schlachtfelde, die
Not der Achäer zu schildern und ihn zum
Kampfe zu rufen. Allein Achill bleibt trotz
der Gefahr der Seinen unbeweglich und sprach-
los. Das Schweigen löst endlich Antiloehos,
i
c
i.
ä
41
Achilleus nachhom.
Achilleus nachhom.
42
welcher die Kunde vom Tode des Patroklos
bringt. Nun vergibst der Held des Zorns, an
dessen Stelle das Verlangen nach Rache tritt;
den Sclilul's bilden höchste Kampf begeisterung,
feurige Rachegelübde und der Ruf nach Waf-
fen (onlwv , onlcov Ssi).
Der Anfang des zweiten Stückes, in wel-
chem nach Welcker die Nereiden den Chor
bildeten , setzt die Bitte des Achill an Thetis,
ihm neue Waffen zu verschaffen, voraus. Den
Beginn bildet die Überbringung der Waffen
durch die Nereiden und Thetis, nach G. Her-
mann, opusc. 5, 136 pur durch die Nereiden (vgl.
die plastische Darstellung des Skopas Plin.
36, 4, 7 und die Kypseloslade Paus. 5, 19, 7 f.,
wo der Kentaur Cheiron, Hephaistos, die Ne-
reiden und ein Diener nebst Zweigespann
Thetis begleiten). Darauf folgte die allgemeine
Klage um den Tod des Freundes, dessen Leiche
wahrscheinlich nunmehr gebracht wurde, die
Aussöhnung mit Agamemnon durch Odys-
seus , Übergabe der Briseis und Anlegung
der Waffen. Alle undramatischen Momente,
wie Kämpfe etc. mufsten natürlich in Weg-
fall kommen. Im dritten Stücke, in denen
Phryger den Chor bildeten und welches mit
Münze des Pyrrhos, aus Imhoofs Sammlung.
dem Unternehmen des Priamos (nach G. Her-
mann a. a. 0. von Andromache begleitet), den
Sohn auszulösen, beginnt, scheint Hermes den-
selben angemeldet, und der Chor das Kommen
seines Herrn vorbereitet zu haben. Den Schlufs
machte die Erweichung des Achill durch die
Bitten und die Trauer des greisen Priamos.
Wie im ersten Stücke finden wir ihn auch
hier lange in stumme Trauer versunken , tief
eingehüllt vor seinem Zelte sitzend. Dies ist
der Hauptunterschied des Achill der Ilias von
dem des Ascliylus ; das verhüllte Haupt und
die Stummheit charakterisieren die tiefe Trauer
des Helden, welche sich nicht wie bei Homer
in äufserlichem Gebaren und stolzer Härte
äufsert. 'Wie mit der Glorie seines Zornes
sein tiefster Schmerz sich verbindet, war im
mittleren Drama der Achilleis enthalten und
wie er erschöpft im Hafs und im Trauern von
beiden sich scheidet , im dritten , welcher
uns vorhält, welche Frucht hinter der herrli-
chen Blüte des Irdischen anreife’. Welcher,
äsch. Tr. 1, 430. Der Schlufs der Trilogie ist
wiederholt dargestellt in Basreliefs.
Die Gesandtschaft an Achilles auf Vasen-
gemälden bei Overbeclc a. a. 0. p. 408 ff. ; die
Trauer des Achill Mon. d. I. 6, 19 — 21. Brunn
Ann. 30, 352 fl'. Totenopfer an Patroklos Mon.
d. I. 6, 31. Ann. 1859, 353 ff. Mon. 9, 32. 33.
Michaelis Ann. 1871, 166 ft'. Schlie a. a. 0.
p. 120 ff. Überbringung der Waffen durch The-
tis Overb. p. 436 ff., ann. 1858 tav. Q. ; barbe-
rinischc Cista Monum. 8, 31: vgl. Bull. 1868
p. 70. 88. 185 f. 1869 p. 127. Overbeck 432 ff.
0. Jahn, Bcr. d. Sachs. Ges. 1851, 1863. Boulez ,
clioix d. v. p. pl. 14. Stephani, comptes rend. 1865,
41 ff. Empfang des Priamos bei Achilles auf
der Vase von Cervetri monum. 8, 27. Benndorf
ann. 1866 p. 241 ff. und auf einer Münchener
Vase Jahn, Münchner Vas. n. 404. Overbeck
io a. a. 0. 468 ff. Hier nimmt Achilles den Greis
freundlich auf; auf anderen Darstellungen ( Ger-
hard auserles, griech. Vas. 197. Monum. 6, 19 — 21 ;
ann. 1858 tav. Q.) ist er kalt und düster als
Trauernder in seinen Mantel gehüllt. Auf dem
Sarkophage von Ephesus 1) Rückkehr der
Leiche des Patroklos. 2) Rüstung Achills. 3)
Hektors Schleifung. 4) Auslösung und Abwä-
gung der Leiche gegen Gold, wie bei Äsehy-
lus. Conze, arch. Anz. 1864 p. 212*. Benn-
20 dorf, ann. 1866 p. 241 f'. Auf Seite 4 finden
sich folgende Personen: Achilles, Priamos, An-
dromache, Odysseus und Astyanax. Hekabe
mit zwei Trojanern bei der auf dem Wagen
liegenden Leiche ihres Sohnes. Nach den Ex-
cerpten des Ptolemäos N. H. 6, Dictys 3,
20 ff. Tzetzes Horn. 307 ff. begleiten Polyxena
und Andromache nebst ihren kleinen Söhnen
Astyanax und Laodamas den Priamos, welcher
auf Wagen Gold, Silber und kostbare Gewän-
30 der mit sich führt, zu Achilles. Den ihm ent-
gegenkommenden Fürsten wirft sich der Greis
zuFüfsen mit der Bitte, Fürsprache bei Achill
für ihn einzulegen. Nestor wird erweicht,
während Odysseus unnachgiebig bleibt. Achill
läfst die Bittsteller durch Automedon vor sich
führen; in seinem Schofse hält er die Urne
mit der Asche des Patroklos. Priamos sinkt,
nachdem er gesprochen, in Ohnmacht, Andro-
mache aber heifst ihren Knaben vor Achill
40 niederknieen und bittet ihn dann selbst fufs-
fällig, ihr wenigstens den Anblick der Leiche
des Gatten zu gewähren. Phoinix tröstet den
Priamos (vgl. Gerhard auserl. Griech. Vas. 197
u. Jahn griech. Bilderchron. 24); Achill aber
hält , nachdem er den König hart angelassen,
mit den Griechenführern Rat, die ihm die Aus-
lösung der Leiche anempfehlen. Als nun auch
Polyxena bei seinem Wiedereintritt in das
Zelt sich ihm fufsfällig zur Sklavin anbie-
50 tet , ist sein Groll gebrochen , er brielit in
Thränen aus , hebt Polyxena auf, nimmt dem
Priamos das Trauergewand ab und heifst ihn
durch Speise sich stärken. — Achills Klage
um Patroklos und Abwägung der Leiche des
Hektor gegen Gold auf dem Silbergefäfs von
Bernay bei Overbeck a. a. 0. 481. Benndorf
a. a. 0. p. 254; auf der Campanaschen Vase
Monum. 5, 11 ( L . Schmidt ann. 1849 p. 240 ff.).
— Schliefslich sei es noch erwähnt, dafs bei
eo Späteren Briseis Hippodameia heifst, siehe oben
Homerische Myth. p. 1, 14 Z. 14, und dafs nach
den Fragm. Uffenbacli. p. 679 ff. u. Tzetz. Horn.
v. 351. 355 nicht die Soldaten bei Verteilung
der Beute dem Achilles die Briseis zugespro-
chen hatten , sondern dafs ihm vorgeworfen
wurde, er habe sie als Beutestück verheimlicht
und seiner Leidenschaft folgend sich wider-
rechtlich angeeignet. — Eine Scene auf der
43
Achilleus nachhom.
Achilleus nachhom.
44
Kypseloslade endlich ging auf die Paus. 5,
19 , 2 erwähnte nachhomerische Sage , nach
welcher Cheiron, der inzwischen unter die Göt-
ter versetzt worden war , dem Achilles , als
sich dieser in dem Schmerze um den getöte-
ten PatroMos aufzuzehren drohte, eia Nepen-
thes zusendete.
Einen ’A%ilXevg haben geschrieben Iophon,
Kleophon, Chairemon, Karkinos und Diogenes
von Sinope, über deren Inhalt wir nichts wissen, u
Nach dem ersten Stücke der äschyl. Trilogie
hat vermutlich Accius seine Myrmidonen ge-
schrieben, welches Drama wahrscheinlich mit
dem rAchilles’ identisch ist; vgl. Ribbeclc p. 349,
während die Epinausimache desselben Verfas-
sers wahrscheinlich einer jüngeren Überarbei-
tung der äschyleischen Nereiden entlehnt ist.
Sie beginnt mit einer Scene, welche die Ungeduld
des Achilles in den Kampf zu ziehen, um den
Patroklos zu rächen, schildert; den Schlufs bil- 2
det die Versöhnung mitPriamus. Einen noch
gröfseren Zeitraum umfassen Hectoris lutra
des Ennius, da sich die Handlung vom Aus-
zug des Patroklos bis zur Auslieferung der
Leiche an Priamos erstreckt, also die ganze
äschyleische Trilogie umfafst ( Ribbech 119 ff.).
Neu ist, dafs der im Kampfe von Sokos ver-
wundete Ulixes sich in das Zelt des Peliden
flüchtet und dafs dieser, nachdem er die Kunde
vom Tode des Freundes vernommen, voll Be- 3
gierde am Kampfe teilzunehmen von einem
seiner Myrmidonen Waffen leihen will, keiner
aber ihm den Wunsch gewährt, weil sie selbst
mitkämpfen wollen. — Für ein Drama des
Sophokles I>Qvysg , die "ExtoQog Ivtqu darstel-
lend, treten ein Welcher (Gr. Tr. 2, 134) und
G. Hermann ; andere zweifeln dies an. Aufser-
dem werden noch genannt die "Entogog Ivtqcc
des Dionysios und Timesitheos, über welche
nichts weiter bekannt ist. Ebenso unbestimmt 4
ist es, ob und in welcher Weise Achill in dem
"Ehtcoq des Astydamas und dem Hector profi-
cisecns des Ennius verwendet worden ist (Rib-
bech p. 46 f.).
Wie die spätere verderbte Zeit die reine
Freundschaft des Achill und Patroklos auf-
fafste , erhellt aus der interpolierten Stelle
Plato Symp. 7, 5 u. Xenoph. Symp. 8, 31. Athen.
13 c. 75. Plut. Ämat. 5, p. 13. Aesclün. in
Timarch. p. 149. Apollodori Bibi. 3, 13. Lu- t
cian Amor. 14, p. 457. Sext. Empir. Pyrrhon.
Hypotypos. 3, 24. p. 176. Martial. Epigr. 11,
43, 9 — 11. Philostr. Imag. 2, 7 p. 820.
f) Der Sagenkreis der Aithiopis, der kleinen
Ilias, der Ilinpersis und der Nostoi nebst spä-
teren Erweiterungen.
Die Aithiopis umfafste nach Proklos die
Sagen von Hektors Falle bis zur Bestattung
des Achill und dem Streite um seine Waffen, e
Er berichtet: rDen Troern kommt die Ama-
zone Penthesileia, eine Thrakerin, Tochter des
Ares zu Hilfe, kämpft mit Achill, wird von
ihm besiegt und von den Troern begraben;
darauf tötet Achilles den Thersites , der ihn
wegen seiner angeblichen Liebe zur Penthesi-
leia verhöhnt und geschmäht hat. Infolge die-
ses Mordes bricht unter den Achäern ein Auf-
stand aus. Achill fährt darauf nach Lesbos
und wird, nachdem er dem Apollo, der Arte-
mis und Leto geopfert, durch Odysseus vom
Morde gereinigt. Da kommt Memnon , der
Sohn der Eos, in seiner von Hephaistos gefer-
tigten Rüstung den Troern zu Hilfe. Thetis
prophezeit dem Sohne das Schicksal des Mem-
non, durch dessen Hand Antilochos im Kampfe
fällt, der aber darauf selbst von Achilles ge-
tötet wird. Dieser schlägt dann die Troer in
die Flucht, wird aber, eben im Begriff in die
Stadt einzudringen, von Paris und Apoll ge-
tötet. Um seinen Leichnam entsteht ein furcht-
barer Kampf, bis es dem Aias gelingt, den-
selben nach den Schiffen zu tragen, während
Odysseus die Troer abwehrt. Hierauf folgt
die Bestattung des Antilochos und die Aus-
stellung der Leiche des Achill. Da erscheint
Thetis mit den Musen und ihren Schwestern
und erhebt die Totenklage, bei der Bestattung
aber entführt sie den Sohn dem brennenden
Scheiterhaufen und bringt ihn nach der Insel
Lenke. Die Achäer aber errichten ihm ein
Denkmal und feiern Leichenspiele, wobei sich
zwischen Odysseus und Aias Streit über die
Waffen erhebt. Über den Zusammenhang siehe
Welcher ep. Gycl. 2, 170 ff.
1) Die Sagen von der Penthesileia, mit
Vorliebe von Dichtern und Künstlern behan-
delt, und die vom Tode des Thersites ge-
stalten sich folgendermafsen.
Penthesileia, die Amazonenkönigin aus Thra-
kien (so die ausführliche Schilderung des Quin-
tus Sm. 1, 475 ff.), welche nach Sch. II. 24, 804
während des Leichenbegängnisses des Hektor
vor Troja anlangte, wirft die Achäer in die
Flucht, verfolgt sie bis in das Lager und ist
schon daran, die Schiffe anzuzünden, als der
bei Achilles weilende Aias das Wehgeschrei
hört und denselben zum Kampfe auffordert.
So machen sich beide auf. Aias kämpft zu-
erst ohne Erfolg; Achill aber durchbohrt die
von ihm schon an der rechten Brust verwun-
dete Amazone mit einem zweiten Wurfe samt
dem Pferde, so dafs sie zu Boden sinkt. Als
er ihr aber den Helm abnimmt und ihre Schön-
heit gewahrt, ergreift Liebe und Trauer sein
Herz, dafs er sie getötet und nicht vielmehr
als Gemahlin nach Phthia geführt habe. Da
schmäht ihn Thersites, Achill aber tötet ihn
zur Freude der Achäer durch einen Faustschlag
in das Gesicht. Nur Diomedes, ein Verwandter
des Thersites, zürnt ihm; mit Gewalt müssen
die Achäer ihn abhalten, gegen Achill die
Hände zu erheben — 781. Das Fragment ei-
ner statuarischen Gruppe, die Tötung des Ther-
sites durch Achilles darstellend, s. b. R. Schöne
Arch. Ztg. 1866. TU. 208, 1, 2, p. 153 ff. 1855.
TU. 76. 0. Jalm, Bilderchron. p. 27. [Jetzt als
o Teil einer Scyllagruppe erkannt. Scli.]. Nach
Quintus erzählt den Vorgang in gleicherweise
der Sclioliast zu II. 2, 220, während der Scho-
liast zu Soph. Pliiloct. 445 hinzufügt, dafs
Thersites der toten Penthesileia ein Auge aus-
geschlagen habe, infolgedessen von Achill mit
einem Faustschlage getötet worden sei, und dafs
Achilles die Penthesileia auch nach ihrem Tode
noch geliebt habe. Gegen ersteres polemisiert
45 Achilleus nachhom.
Tzetzes zu Lykophr. 999. Nach ihm war der
Hergang folgender: Nachdem es dem Achill
nach vielen Kämpfen und öfteren Niederlagen
endlich gelungen, Penthesileia zu besiegen und
zu töten, habe er sie in Bewunderung ihrer
Stärke, Schönheit und Jugendfrische beweint
und die Griechen aufgefordert, ihr ein Leichen-
begängnis zu gewähren. Als ihm darauf von
Thersites unkeusche Liebe zu ihr vorgeworfen
worden sei, habe er ihn mit der Faust erschla-
gen, Diomedes aber, als Verwandter über den
Mord des Thersites ergrimmt, habe Penthesi-
leia in den Skamander geschleudert. Ebenso
Tzetzes Posthorn. 116, nur mit der Änderung,
dafs Achilles die besiegte Penthesileia liegen
läfst, um noch andere Amazonen zu töten und
die Troer in die Stadt zu jagen. Bei der
Rückkehr von der Verfolgung findet er die im
Todeskampfe liegende , bejammert sie etc.
Ebenso Joh. Malalas p. 161. Weitere Zutha-
ten bei Dictys 4, 2. Achill ergreift die Ver-
wundete an den Haaren und zieht sie vom
Pferde. Die Griechen sind willens, die nur
Halbtote in den Fluis, oder den Hunden zum
Zerfleischen vorzuwerfen, nur Achill will sie
begraben. Da wirft sie Diomedes unter dem
Beifall der Griechen in den Skamander. Die
einfachste Erzählung bei Tr y phiodor v. 37 ff. :
im Einzelkampfe erlegt Achilles die Amazone
aus der Ferne mit dem Speere, beraubt sie
der Waffen und bestattet sie. Des Sieges
wird in Kürze gedacht bei Hyyin. f. 112. Verg.
Ae. 1, 495. 11, 661. Sen. Agcim. 218. Troad.
252. Die Liebe zu der Getöteten erwähnt
Sero, in Verg. Aen. 1, 495. Westermann Myth.
Gr. app. p. 381. Justin. M. ad gentes 1. Prop.
4, 10, 13 (3, 11, 13) erwähnt aufserdem noch
die vorhergehende Entblöfsung des Hauptes.
Von unreiner Liebe zur Toten sprechen Nonn.
Dionys. 35, 28. Liban. Mclet. 28 p. 967 u.
50 u. 51 p. 1026 — 1028; von den von Ther-
sites ihm gemachten Vorwürfen Schot, in
Sopli. Philoct. v. 444. Endlich erwähnt Sero,
zu Verg. Aen. 11, 661 eine von mehreren an-
geführte Sage von der Liebe des Achill zur
lebenden Penthesileia, nach welcher ihrer Ver-
einigung Kaystros seinen Ursprung verdanke,
nach dem der lydisclie Flufs genannt worden
sei. Eine ganz andere späte Gestaltung der
Sage findet sich bei Ptolem. Hepli. nov. hist. 6.
Achill wird zuerst von Penthesileia getötet,
auf Bitten seiner Mutter lebt er wieder auf,
tötet die Penthesileia und kehrt in den Hades
zurück. Ebenso Eustath. Sch. Od. 1696, 52,
welcher Teiles als Autor angiebt. Endlich er-
wähnt derselbe a. a. 0. 1697, 55, dafs Chalkon
aus Kyparissos, welcher die Penthesileia geliebt
und ihr im Kampfe 'zu Hilfe gekommen sei,
dabei von Achilles’ Hand den Tod gefunden
habe (so nach Asklepiades aus Myrlea).
Über die Penthesilea eines unbekannten
römischen Dramatikers siehe Bibbeck 627; ei-
nen Aygllivg O'sgoi.Tor.xovog schrieb Chairemon;
vgl. Welcher gr. Tr. 3, 1086, der auch einen
’A%ilksvg des Agathon gleichen Inhaltes vermu-
tet a. a. 0. 992.
Achilles die sterbende Penthesileia auffan-
gend war im Bilde dargestellt auf einer der
Achilleus nachhom. 46
die vier Fiifse des Zeusthrones zu Olympia
einschliefsenden wandartigen Schranken von
dem Maler Panainos; dem Neffen des Pheidias
Paus. 5, 11, 6; derselbe Moment wiedergege-
ben auf der Pulszkyschen Gemme, Overbeck G.
d. gr. PI. 2 2, 163 Fig. 33 a, womit zu verglei-
chen die Amazone des Wiener Münz- und An-
tikenkabinetts bei Overbeck ibid. Fig. 33. Die
Kunstwerke, Penthesileias Kampf gegen Achil-
leus und ihren Tod darstellend, zusammenge-
stellt bei Overbeck G. h. B. p. 497 ff. Ztschrft.
f. A. 50 p. 291 ff. Bull. d. Inst. 1868, 136.
Den weiteren dürftigen Bericht des Pro-
klos ergänzt Welcher ep. C. p. 172 folgender-
mafsen: Infolge des Mordes des Thersites ent-
steht ein Aufstand der Achäer und Streit zwi-
schen Achilles und Agamemnon. So verläfst
Achilles Troja, wird von Odysseus auf Lesbos
eingeholt, von ihm zur Rückkehr bewogen und
vom Morde gesühnt. Dann folgt die Rück-
kehr , an welche sich anschliefst die An-
kunft des
2) Memnon. Die Angabe des Proklos aus
der Aithiopis siehe oben. Die Hilfeleistung
und der Tod derselben einfach erwähnt bei
Diodor. Sic. 4, 75. Philostr. imag. 1, 7. Se-
nec. Agam. 213. Troad. 247 ff.; sein Tod allein
Find. Nem. 3, 63. Ol. 2, 83. Isthm. 5 (4) 40.
8 (7) 54. Nem. 6, 50, wo Achilles vom Wa-
gen gesprungen den Memnon im Fufskampfe er-
legt: vgl. Hyg. f. ,.112. Ein neues Motiv fügte,
wie es scheint, Äschylus der alten Sage zu,
der nach Plut. de aud. poef. 1 , 65 H. Sch. II.
8, 70 und 22, 208 u. 2-10 eine Psychostasie der
Seelen der beiden Kämpfer 'durch. Zeus auf
der Schicksalwage hinzudichtete, während The-
tis auf der einen, Eos auf der andern um das
Leben des Sohnes bittet. Am ausführlichsten
ist die Sage bei Quintus Sm. 2, 388 behandelt.
Nestor kommt zu Achill , ihm den Tod des
Antilochos durch Memnon zu melden. Nun
stürmt Achilles zu Fufs auf diesen ein und
verwundet ihn oberhalb des Schildes an der
rechten Schulter, nachdem dieser ihm selbst
einen Felsen an den Helm geschleudert hat.
Als aber auch Achilles von Memnon am Arme
verwundet worden ist, folgt ein Zwiegespräch,
dann Schwertkampf ( — 470). Die Götter sind
geteilter Gesinnung, die einen scharen sich
um Thetis, die andern um Eos, und beinahe
wäre es zwischen den erregteu Göttern selbst
zum Kampfe gekommen, wenn nicht auf einen
Wink des Zeus sich die schwarze Ker dem
Memnon, die weifse dem Achill zur Seite ge-
stellt hätte. Noch wütet der Kampf weiter;
endlich verwundet Achill, nachdem ihm die
Kampfeswage in der Hand der Eris den Sieg
zugesprochen, den Gegner tödlich durch einen
Stofs in die Brust. Bei Dictys 4, 6 durchbohrt
er dem im Kampfe des Schildes beraubten
Gegner die Kehle; bei Tzetzes Posthomerica 33,
dem Cedrenus folgt, tötet er den aus dem
Zweikampfe mit Äias entfliehenden Memnon
von hinten durch einen Stofs in den Nacken.
Über den Memnon und die Psychostasie
des Äschylus, Bestandteile der Trilogie Alfho-
nig, s. Dindorf P. S. Gr. 1 p. 108 fr. 127aff
Über die Äthiopen oder Memnon des Sophokles
io
20
30
40
50
60
47
Achilleus nachliom.
Achilleus nachliom.
48
siehe Welcher, gr. Tr. 1. 137 (vgl. G. Hermann
opusc. 7, 343ff. Nitzsch Sagenpoesie 607 ff. 618
— 620 ff.), welcher auch einen Memnon oder
Achilleus des Theodektes vermutet ibid. 3, 1078;
über den Memnon des Timesitheos ibid. 1046.
D er Kampf zwischen Achill und Memnon unter
Beisein der Mütter war dargestellt am Kypselos-
kasten Paus. 5, 19, 1; ohne letzteres auf dem
amykläisclien Throne ibid. 3, 18, 12. Die Doppel-
handlung im Olymp und auf Erden in Erz ge- l
gossen von Lykios, dem Sohne Myrons in einer
freistehenden Erzgruppe zu Olympia, beschrie-
ben bei Paus. 5, 22, 2 ; vgl. Overbeck G. d. gr.
PI. 2 2, 328 f. Siehe die Kunstwerke bei Over-
beck G. h. B. p. 514 ff. Mon. d. Inst. 6, 5.
Gonse Melisclie Thongefäfse TU. 3 p. 6. Hey-
demann Arch. Ztg. 1871. 168, Neapler Vasens.
n. 2430. 2781. ibid. SA. n. 120. Die Erzäh-
lung des Proklos wird ergänzt durch eine
Yase, die Fortschaffung der aus Feindesband 2
geretteten Leiche des Antilochos darstellend,
sowie durch das von Philostratos 2 , 7 be-
schriebene Gemälde , welches die Totenklage
des Achill über Antilochos zum Vorwurf hatte.
Der Kampf um die Leiche des Antilochos bei
Overbeck a. a. 0. 517 ff. vgl. 0. Jalm archäol.
Aufs. p. 11. Es folgt in den Excerpten des
Proklos
3) Achilles’ Angriff auf die Stadt
und sein Tod (ohne Erwähnung der Penthe- 3
sileia) durch Paris und Apollo.
Nach II. 21, 277 hatte Thetis dem Achil-
les den Tod durch die Geschosse des Apollo
prophezeit (Quint. Sm. 3, 80 ff.). II. 19, 416 f.
sagt Xanthos , ihm sei bestimmt durch die
Kraft eines Gottes und eines Menschen zu fal-
len; bestimmter spricht Hektor 22, 359 ihm
von dem Tage, wo ihn am skäischen Thore
Paris und Phoibos Apollo verderben würden,
während 18, 96 Thetis nur sagt, sein Tod 4
werde bald nach dem des Hektor erfolgen.
Pindar P. 3, 101 erwähnt blofs, dafs sein Tod
durch einen Bogen herbeigeführt sei, während
Soph. Philokt. 332 u. Aeschyl. fragm. 340 Nauck
berichtet csie sagen, er sei vom Phoibos be-
zwungen’. Gleiches bei Horat. od. 4, 6, 3.
Mytliogr. Gr. Western. App. 378 sub 51. Die
ausführlichste Schilderung dieser Form der
Sage ündet sich bei Qnintus Sm. 3, 1 ff. Achill,
über den Tod des Antilochos aufs höchste er- 5
zürnt, treibt die Achäer zum Kampfe gegen
die Troer; seinen letzten Auszug siehe bei Over-
beck a. a. 0. p. 536 f. ; er selbst wütet in ihren
Reihen, und wieder füllt sich das Bett des
Skamander und Simois mit Toten. Da ergreift
die Troer Schrecken: sie fliehen. Achilles folgt
ihnen auf dem Fufse und ist eben im Begriff,
die Riegel der Thore zu sprengen , da steigt
Apollo in furchtbarer Gestalt mit Pfeil und
Bogen bewehrt vom Himmel und fordert ihn 6
auf, dem Befehle eines Gottes zu gehorchen
und zu weichen. Allein Achill , daran erin-
nernd , dafs Apollo ihn schon bei dem Tode
des Hektor getäuscht habe, läfst ihn stehen
und wendet sich wider die Troer. Da hüllt
sich der erzürnte Gott in Wolken und sendet
ihm den Pfeil in die Ferse , welcher schnell
den Tod herbeiführt. Auch Find. a. a. 0.
versteht wohl unter dem Pfeile den des Apollo.
Bei Tzctz. Lyk. 307 wird er von Apollo in
dem Heiligtume erlegt, das er durch den Mord
desTroilos, des Lieblings jenes, besudelt hatte.
Das Heiligtum des thymbräischen Apollo statt
des skäischen Thores war schon bei Hellanikos,
Bachm., Anecdota Graeca 1, 467 erwähnt. Hin-
gegen spricht Ovid. M. 13, 500 von den Pfeilen
des Paris und Apollo, was so zu verstehen ist,
wie Vcrgil. Ae. 6, 57 u. Ovid. M. 12, 600, wo
Apoll die Pfeile des Paris lenkt. Als alleiniger
Urheber des Todes wird Paris genannt Eurip.
Andrem. 655. Hekuba 387 f. Flut. Comp. Lys.
cum Sulla 4. Flut. Q. Symp. 9, 13, 2. Sencc.
Troad. 356, welche Sage Eustath. Seit. Od. 1696
die gewöhnlichste nennt. Derselbe berichtet
daselbst weiter, dafs nach Sostratos Paris, der
Geliebte des Apollo, von diesem in der Bogen-
kunde unterrichtet worden sei und von ihm
einen elfenbeinernen Bogen empfangen habe,
mit dem er den Achill in den Leib geschossen
habe (vgl. unten die Sage bei Ptolem. Heph.).
— Kontamination beider Sagen bei Hyg. ff. 107
u. 113. Apollo, erzürnt über die Prahlerei des
Achill, er allein habe, indem er den Hektor
erlegte, Troja erobert, nimmt die Gestalt des
Paris an und verwundet Achill an der sterb-
lichen Ferse. Zwei völlig hiervon abweichende
Sagen bei Ptolem. Ilepli. 6. Nach der einen
empfängt Helenos, der Sohn des Priamos, vom
Apollo geliebt, von diesem einen elfenbeinernen
Bogen, mit dem er Achill an der Hand ver-
wundet; nach der andern verliert Achill den
ihm vom Cheiron eingesetzten Knöchel des Da-
mysos, als er von Apollo verfolgt wird, stürzt
infolgedessen nieder und wird von ihm getötet.
Schliefslicli sei hier erwähnt , dafs nach
Eust. ad Od. 1695 Penthesileia den Achill
tötete, dieser wieder auflebte, die Penthesileia
tötete und dann wieder zu den Toten hinab-
stieg. Achilleus Tod bei Overbeck a. a. 0.
p. 537 ff.
4) Polyxena (Troilos) und Achill.
Hierüber ausführlich Pich. Förster , Achilleus
u. Polyxena. Zwei unedierte Deklamationen
des Choricius. Hermes 17. 1882. p. 193ff, 18
p. 475 ff. Luckenbach Jahrb. f. Pliilol. Suppl.
11, 600 ff. Preller gr. Myth. 1, 438.
Von Homer wird Polyxena nicht erwähnt;
allein dafs sie und ihr Verhältnis zu Achill in
den Kyprien besungen worden ist, geht aus
der stattlichen Anzahl archaischer Vasenbilder
hervor, welche hierauf bezügliche Scenen schil-
dern (Fran^oisvase; Vase des Timonidas aus
Kleonä (Arch. Zeit. 1863. T. 175. Löschke
Arch. Zeit. 36, 116. Luckenbach a. a. 0. 605).
Sie gestatten betreffs der Erzählung der Ky-
prien den Schlufs, rdafs, ‘als Polyxena einst in
Begleitung ihres jugendlichen Bruders, des
Rossetummlers Troilos, ausging, um Wasser
zu holen, Achilleus sich hinter dem Brunnen
versteckt hielt, und dafs sie selbst nur in eilig-
ster Flucht entkam, während Troilos von die-
sem eingeholt und erlegt wurde’. Die Sage
geriet früh in Vergessenheit, da sie sich weder
sonst in der Litteratur, noch auf den rotfigurigen
Vasen findet. Wer diese Sage in die Litte-
ratur eingeführt hat, ist unsicher; vgl. Förster
49
Achilleus nachhom.
Achilleus nachhom.
50
a. a. 0. 194 f. ; ebendaselbst die abweichenden
Meinungen anderer Gelehrter betreffs der Deu-
tung des Yasenbildes. Nach Welcher Gr. Tr. 3,
1145 wurde das erotische Element durch die
Alexandriner hineingebracht, so dafs Penthesi-
leia und Polyxena einander gegenüber gestellt
wurden, vgl. aufserdem Gr. Tr. 1, p. 183 f. u. ep.
Gycl. 2, 176. 'In das Herbe der Opferung sollte
durch die Liebe Achills etwas Zartes kommen,
und doch blieb, echt alexandrinisch, dem Ganzen io
wegen des tragischen Ausganges der Charakter
der Schwermut: erst im Tode erhielt Achill
die, welche er im Leben nicht hatte erlangen
können.’ So Förster a. a. 0. p. 199. — Dafs
die Scene des Todes vom skäischen Thore
schon frühzeitig in das Heiligtum des thyrn-
bräischen Apollo verlegt worden war, hat man
aus der oben erwähnten Notiz des Fustathius
ad 11. p. 816, 12 (aus Hellanikos’ Troika) wohl
etwas zu voreilig geschlossen. Eine weitere 20
Veränderung der Sage ergiebt sich aus Lylco-
phron 271, einer Stelle, welche nur Sinn
hat, 'wenn sie darauf bezogen wird, dafs die
Griechen den Troern für den Leichnam des
Achill ebensoviel erstatten
mufsten, als diese dem Achill
für Hektors Leichnam ge-
geben hatten’. Hier an 'Ver-
rat’ zu denken, ist gewifs
nicht allzukühn, besonders
da die alten auf Theon zu-
rückgehenden Scholien des
Tzctzes LyJc. 269 berichten:
Achill, in Polyxena verliebt,
macht Priamos das Anerbie-
ten , auf seine Seite überzu-
gehen, falls er die Polyxena
erhalte. Auf dessen Zusage
kommt man im Tempel des
thymbräischen Apollo zu-
sammen, wo Alexandros den
Achilles meuchlings mit dem
Pfeile erschiefst. Die Troer nehmen den
Leichnam an sich und wollen ihn nicht eher
herausgeben, als bis sie das für Hektor ge-
zahlte Lösegeld wieder erhalten hätten. So
wird denn also Hygins 110. Fabel, welche ge-
wöhnlich für das älteste Zeugnis des bespro-
chenen Mythos angesehen wird, auf eine ale-
xandrinische Quelle zurückzuführen sein. Nach 50
ihm will Achill Polyxena zum Weibe; dazu
wird eine Unterredung angesetzt (vgl. Welcher
yr. Tr. p. 183 f u. p. 1145), wobei er von
Alexandros und Deiphobos ermordet wird. Das-
selbe im Argum. Für. Hec. Dictys. 4, 10. Tzetz.
Posth. 385 ff. Hingegen nennen bei dieser
durch die Liebe zur Polyxena herbeigeführten
Zusammenkunft Paris als alleinigen Mörder
Schol. ad Furip. Troades 16. Tzetz. Lyh. 269,
335. Schol. Für. Hec. 385. Bei Servius Aen. 3, 322 eo
erblickt Achill die Polyxena und fordert sie
zur Gattin unter der Bedingung des Friedens.
Im Tempel des Apollo soll er die ihm ver-
tragsweise zugestandene Braut empfangen: da
wird er von dem hinter dem Bilde des Gottes
verborgenen Alexandros getötet. Ebenso Scrv.
Aen. 6, 57 u. Myth. Vatic. 1, 36. 2, 205. 3, 11.
24. Diese einfache Form der Sage mit ge-
ringen Modifikationen (ohne die Ausschmückun-
gen eines Dictys und Dares) findet sich noch
bei Fulg. Myth. 3, 7. Nonnos narr, ad Greg,
invcct. 1, 8. p. 131. Schol. zu Stat. Ach. 1, 134
und wird berührt bei Justin, or. ad. Graec. 1.
CI em. Alex, ström. 2, 32, § 143. Lihanius eephr.
Uhet. gr. 1, 395 W. Christodor, eephr. 202 — 208.
Ein weiteres neues Motiv brachte Philo-
stratos in die Sage, das der gegenseitigen
Liebe des Achilles und der Polyxena. Heroik.
737 wird Folgendes erzählt: Beide verlieben
sich in einander, als sie sich das erste Mal bei
der Auslösung des Hektor sehen. Priamos
willigt in die Hochzeit, wenn Achilles die Grie-
chen bewege, von Troja abzuziehen. Zur Be-
schwörung des abzuschliefsenden Vertrages
wird eine Zusammenkunft in dem Tempel des
thymbräischen Apollo angesetzt, welchen Achill
bei dem Akte selbst als Zeugen anruft; allein
er fällt durch Paris (und Apollo). Die über
den Mord erschrockenen Troer und Troerinnen
zerstreuen sich; dies benutzt Polyxena, um in
das Griechenlager zu Agamemnon zu entfliehen,
tötet sich aber am dritten Tage auf dem Grabe
des Achill mit der Bitte, ihr treu zu bleiben
und sie auch nach dem Tode noch heimzu-
führen. Und 732 wird hinzugefügt, dafs er
nicht in den Waffen den Tod gefunden, son-
dern als er, wie ein Bräutigam bekränzt , "zur
Hochzeit zu kommen meinte. Ganz ähnlich
mit der Hauptsache nach gleichem Schlüsse
Tzetz. Posth. 385 ff. und zu Lyh. 323 mit der
Bemerkung, dafs Pbilostratos der einzige Autor
sei, welcher Polyxena ins Griechenlager fliehen
und vor der Zerstörung der Stadt sterben lasse.
Dem Dictys entnommen ist, dafs Achill ster-
bend noch dem herzukommenden Odysseus und
Aias den Namen der Mörder zu sagen vermag
und ihnen den Auftrag giebt, seine Gebeine
in der seiner Mutter vom Dionysos geschenkten
Urne mit denen des Patroklos und Antilockos
beizusetzen. 0. Jahn ( Arch . Zeit. 1869. p. 5)
erkennt den Zug der Gegenliebe der Polyxena
schon auf dem Madrider Relief (Taf. 13, B.),
wonach diese Wendung der Sage zeitlich be-
deutend heraufgerückt würde; dagegen Förster
a. a. 0. p. 203 Anm. 2. Den gleichen Anfang
der gegenseitigen Liebe berichten Dracontius
deliber. Ach. p. 40 f, die Daniel. Sch. zu Verg.
Aen. 3,322. Malal. p. 130 B. Ccdren. p. 227 B.
Kampf um Achilleus’ Leiche, von einer archaischen Amphora
(vgl. Overb. Gail. Taf. 23, 1).
51
Achilleus nachhom.
Achilleus nachkom.
52
Tzetz. Hom. 380 f. Const. Manass. comp, chron.
1382 f. Nach Mytli. Vat. 2, 205 hingegen wird
sie von Achill zum ersten Male gesehen, als
sie Spangen und Ohrringe vom Turme herab-
wirft, um Hektors Leichnam zu lösen. Auf
der zuletzt angegebenen Fassung der Fabel
fufsen endlich die romanhaften Darstellungen
des Bictys 3, 2-5. 24—27. 4, 10—11. 5, 13,
welchen mit einigen Änderungen I. Malal.
a. a. 0. folgt, den wieder Gedren. a. a. 0. aus- n
schreibt, und Bares 24—32. 43. Jacobs ( Tzetz .
Postli. 498), dem Heyne (II. 22, 359) folgt,
meint, dafs die Sage von der Liebe des Achill
zur Polyxena der Tragödie ihren Ursprung ver-
danke, was Welcher Gr. Tr. 1145 bekämpft.
Gegen die an gleicher Stelle ausgesprochene
Ansicht, der Tod des Achilles sei der Inhalt
des Achilles des Livius Andronicus gewesen,
siehe HibbecJc, röm. Tr. p. 25.
Dieses von dem weiter wuchernden Mythos so si
reich ausgestatteten Stoffes bedienten sich die
Rhetoren, um ihre Übungen daran zu knüpfen,
so Libanius u. Christodorus a. a. 0.; so am
ausführlichsten Choricius in den zwei von
Förster veröffentlichten Reden, woraus nur das
Eine erwähnt sei. dafs daselbst die Troer nicht
nur von Seiten der Amazonen und Aithiopen,
sondern auch von den diesen benachbarten
Indern Hilfe erwarten.
Die bildlichen Darstellungen s. b. Overbeck ; 3t
a. a. 0. 339 ff. Eine Vermählung des Achill
mit Polyxena auf einem Sarkophagrelief hat
0. Jahn , Archäol. Zeitg. 1869 1 ff . nachge-
wiesen.
4) Kampf um die Leiche des Achill.
Totenfeier. Thetis entführt den Sohn
nach Leuke.
In der Odyssee 5, 309 erzählt Odysseus von
einem gewaltigen Kampfe, der sich über der
Leiche erhoben habe und an dem er besonders i(
beteiligt gewesen sei; nach Od. 24, 36 ff. dauerte
derselbe den ganzen Tag hindurch und wäre
noch nicht beendet worden, wenn nicht Zeus
durch einen Sturmwind die Streitenden ge-
trennt hätte, so dafs die Achäer die Leiche
nach den Schiffen tragen konnten. Die Sage der
Aithiopis siehe oben. In der ausführlichen aber
lückenhaften Schilderung des Kampfes bei Quin-
tus Smyrn. Posthorn. 3, 212 ff. sind es von seiten
der Troer besonders Glaukos, Aineias und Age- 5(
nor, welche die Leiche in die Stadt zu ziehen
suchen. Allein Aias wehrt sie mit Erfolg ab, in-
dem er viele von ihnentötet oder gefangen nimmt.
Aineias und Paris werden von ihm verwundet,
aber auch der an seiner Seite kämpfende Odys-
seus wird getroffen. Endlich gelingt es dem Aias ,
die Troer zu verjagen, und die Leiche wird in
das Schiffslager gebracht; vgl. G. W. Nitzsch,
Beitr. z. Gcsch. d. eg. Poesie d. Gr. p. 326,
Anm. 138. Bei Bictys 4, 12 nimmt Aias 6(
den Leichnam auf die Schulter und trägt ihn
aus dem Heiligtume, begleitet von Diomedes
und Odysseus (vgl. c. 10. Ebenso I. Malalas
131 B. u. Cedren. 228 B.). Da brechen die
Troer, welche nach dem Morde in die Stadt
geflohen waren , heraus , den Leichnam zu
rauben; ebenso eilt das Griechenheer zum
Kampfe. Aias übergiebt die Leiche seinen
Begleitern und treibt die Troer, von dem andern
Aias und Sthenelos unterstützt, in die Flucht.
Tzetz. Posth. 425 ff. erwähnt zwei Fassungen.
Nach der einen trug Aias von den Troern ver-
folgt den Leichnam ins Lager; die andere (429 f.)
geht auf die zuerst bei Lykophr. 269 ff. auf-
tauchende Form zurück, wonach die Troer den
Leichnam des Ermordeten mit sich in die Stadt
nehmen und ihn nicht eher herausgeben, als
bis sie das für Hektor gezahlte Lösegeld wieder
erhalten. Nach Bares 24 befiehlt Älexandros,
die Leichen des Achill und des mit diesem
zusammen getöteten Antilochos aus dem Tem-
pel zu tragen und den Vögeln zum Frafse vor-
zuwerfen. Dem widersetzt sich Helenos; auf
seinen Befehl wird die Leiche den Griechen
übergeben, welche sie ins Lager tragen. — An
die Aithiopis lehnt sich wahrscheinlich Proper-
tius an, welcher 1, 10 (9), 9 — 14 schildert, wie
Briseis in tiefster Trauer den toten Achill mit
ihren Annen umfing, den blutigen Leichnam
im Simois wusch und die in einer Urne ge-
sammelten Gebeine des grofsen Helden in ihren
kleinen Händen trug.
Nach Thiersch Amalthea 1, 156 f. u. Epochen
249f. Note und Welcher Alte Benkm. 1 p. 44 ff
war der Kampf um die Leiche auf dem
Westgiebel des Tempels zuAigina dargestellt;
dagegen siehe Overbeck Gesell, d. gr. PI. 2 1,
132 u. Brunn, Katalog der Glyptothek p. 78.
Bildwerke, Kampf und Rettung der Leiche dar-
stellend, bei Overbeck a. a. 0. p. 540 ff L. Ur-
lichs, über die Gruppe des Pasquino , Winckel-
mannsprogramm, Bonn 1867. 0. Bonner, Ann.
d. Inst. 1870. 75 ff.
Weiter erzählte n^n die Aithiopis nach Pro-
klos: Dann begraben die Achäer den Anti-
lochos und stellen die Leiche des Achilles aus.
Thetis erscheint mit den Musen und den
Schwestern und erhebt die Totenklage um den
Sohn. Ebenso erwähnt Pindar Istlxm. 7, 56 ff,
dafs bei Achills Scheiterhaufen die helikonischen
Schwestern gestanden hätten und ihren Gesang
hätten erschallen lassen; Lykophr on 273 f. läfst
ihn von den Nymphen beweint werden , d. li.
nach Tzetzes von den Musen. Die ausführ-
lichste Schilderung dieser Episode findet sich
bei Quint. Smyrn. 3, 388 ff. Dieser schildert
zuerst das ungeheure Weh, welches das ganze
Heer ergreift, als der Leichnam ins Lager ge-
bracht wird, dann die spezielle Klage der Myr-
midonen, des Aias, des Plioinix, der Atriden —
504. Vor Anbruch der Nacht wird die Leiche
auf Nestors Mahnung schön gekleidet im Schifis-
hause anf dem Paradebette ausgestellt; Athene
schützt sie durch Ambrosia vor Verwesung.
Es folgt die Totenklage der Frauen und Diene-
rinnen, besonders der Briseis — 574. Durch
die lauten Klagen werden Thetis und die Ne-
reiden aus dem Meere herbeigerufen, vom He-
likon aber kommen die Musen. Die laute
Klage der Thetis ob ihrer unglücklichen Ehe
und ob des Todes des Sohnes, die Vorwürfe,
welche sie dem Zeus macht, der das ihr ge-
gebene Versprechen nicht gehalten, weist
Kalliope durch die Bemerkung zurück, dafs
auch die Söhne des Zeus dem Todeslose un-
terworfen seien. So steht Thetis davon ab,
53
Achilleus nachliom.
den Zeus aufzusuchen, um ihre Klagen vorzu-
bringen, und bleibt die Nacht bei dem Sohne,
während die Musen sie zu trösten suchen. Bei
Tagesanbruch beginnt wiederum die Klage
des Heeres, in welche Nereus mit einstimmt,
dann folgt Errichtung und Ausschmückung des
Scheiterhaufens, feierliche Umgehung desselben
durch das ganze Heer im vollen Waffenschmucke
und Verbrennung desselben. Zeus schützt durch
Ambrosiaregen den Leichnam und läfst durch n
Aiolos die Winde das Feuer anfachen, welches
unter dem Gestöhne des Heeres Tag und Nacht
brannte. Dann löschen die Myrmidonen die
Glut mit Wein, die Gebeine des Helden aber
sammeln sie in einer silbernen, mit Gold ge-
schmückten Truhe. Beigesetzt aber werden sie
in der auch in der Odyssee erwähnten Urne
(vgl. auch Stesichoros b. Schol. II. 23, 92); dar-
über wird am Hellespont das Grabmal gehäuft
— 742. Selbst die unsterblichen Rosse be- 2'
weinen den Helden (vgl. J. Grimm I). Myth. 1
p. 364 f.); im Begriff aber, in die Heimat zu-
rückzukehren, werden sie von den Göttern an-
gewiesen, auf den Neoptolemos zu warten, zu
dessen Dienste sie bestimmt seien. Den Gang
der Thetis zum Scheiterhaufen des Sohnes ist
auch erwähnt im Thetishymnus der Thessaler
bei Pliilostr. Her. 742. Achilles’ Totenklage
dargestellt auf der Tabula Iliaca: Overbeck
a. a. 0. p. 555. 3
Proklos Aithiopis. 'Den Leichnam aber ent-
reifst sie dem Scheiterhaufen und bringt ihn nach
der Insel Leuke’. Diese Überführung schilderte
das Werk des Skopas im Circus Flaminius in
Rom, vgl. TJrlichs, Skopas' Leben u. Werke
p. 126 ff. Stark Pliilolog. 21 p. 445. Overbeck
G. d. gr. PL 2 2, 16 f. Während Achilles in
der Odyssee 11, 467 in der Unterwelt weilt,
wie auch Polygnot in der Lesclie zu Delphi
auf dem die Nekyia darstellenden Bilde ihn 4
in der Unterwelt im Kreise seiner Freunde
malte (Paus. 10, 30, 3), versetzt die nach-
homerische Sage ihn entweder in die ely-
sischen Gefilde (so besonders die älteren
Dichter) oder auf die nach der gewöhnlichen
Anschauung vor den Mündungen der Donau
im Schwarzen Meere gelegene Insel Leuke, wo
er ein im Laufe der Jahrhunderte mit den man-
nigfaltigsten Zügen ausgeschmücktes Nach-
leben führt, das man mit Fug und Recht einen 5
Nachhall seines ersten Erdenlebens nennen
könnte. Die elysischen Gefilde der älteren
Dichter He'siod, Ibykos und Simonides wurden
später identifiziert mit den Inseln der Seligen;
aber schon Pindar kemrt die feste Lokalisie-
rung der Sage von der Bestattung desselben
auf der Insel Leuke. Diese wurde daun fast
durchweg für seinen Aufenthaltsort nach dem
Tode gehalten. I)ie Sage von dem Verweilen
des Helden im Tartarus verschwindet allmäh- (
lieh fast ganz; Lucian. Dial. Mort. 15 p. 399 ff',
macht von der Sage Gebrauch, da er sie gut
benutzen kann, während er ihn anderwärts im
Pontos Euxeinos oder in den elysischen Ge-
filden hausen läfst. Eine ausführliche Dar-
stellung dieser Sagen giebt II. Koehter, Memoire
sur les iles et Ja course consacrees ä Acliille
dans le Pont-Euxin. Memoires de l'academie
Achilleus nachliom. 54
imperiale des Sciences de St. Petersbourg. Tome
10. 1826. p. 531 ff.
Auf den Inseln der Seligen wohnt Achilles
nach Hesiod Op. et Dies 15911'.; es wird hier
allerdings nicht sein Name genannt, aber doch
gesagt, dafs Zeus Helden sowohl des tlieba-
nischen als des troischon Krieges ein zweites
glückseliges Leben auf den Inseln der Seligen
am äufsersten Ende der Erde am Okeanos be-
reitet habe; nach Pind. Ol. 2, 70 tf. wohnt- er
auf Bitten der Mutter daselbst mit Kronos,
Rhadamanthys, Kadmos und Peleus als Toten-
richter, ebenso nach Kallistratos (Athen. Deipnos.
15, c. 50. p. 541) mit dem Tydiden zusammen
(vgl. Plat. Sympos. 179 E u. 180 13). Der Schöpfer
der Sage hingegen, dafs Achilles in dem elysi-
schen Gefilde wohne, war nach Scliol. Apoll.
Argon. 4, 814 Ibykos, welchem Simonides folgt.
So noch Apoll. Arg. 4, 811 und Quint. Smyrn.
14, 224. Dafs das elysische Gefilde und die
Inseln der Seligen ein und derselbe Ort seien,
spricht direkt aus Lucian Ver. Hist. 2, 109
u. 112, welcher ihn ibid. p. 116 neben dem
Theseus daselbst besondere Verehrung ge-
niefsen und p. 119 als Kampfrichter mit die-
sem zusammen in den Thanatusien auftreten
läfst. Die Identität der Insel der Seligen aber
sowohl mit der Insel im Schwarzen Meere, als
auch mit der Insel Leuke hebt Plin. N. H.
4, c. 13. p. 220 ausdrücklich hervor.
Andererseits aber singt schon Pind. Nem.
4, 49 davon, dafs Achilles im Pontus Euxinus
eine glänzende Insel bewohne (s'x11) *v Ei;-
£(iv(p Ttskäyst epaevrav ’A%iltvs — väaov, wozu
der Scholiast bemerkt, es sei dies die Insel
Leuke im Pontos, nach welcher der Sage nach
Thetis den Leichnam ihres Sohnes gebracht
habe. Dafs Achilles auf Leuke begraben liege,
berichtet aufserdem Plin. 4, 12, 16, welcher
von seinem Grabmal redet (ebenso Martian.
Gapelia 6, 663), während ihn Pomp. Mela de
sit. orb. 2, 7 auf der Borysthenesinsel begraben
sein läfst. Bei Lesches steht von einer Be-
stattung des Achilles auf Leuke, wie Kayser
Not. in Her. 327 behauptet, nichts. Ganz ver-
einzelt steht der Mythos da, welchen der Thetis-
hymnus der Thessaler enthielt (Pliilostr. Her.
742), wonach der sterbliche Teil des Helden
in Troja begraben lag, während den unsterb-
lichen Teil TTövrog £££«, was natürlich nichts
anderes bedeuten kann, als seinen Aufenthalt
auf Leuke. Die Sage von dem Aufenthalte
des Achill auf jener Insel war jedenfalls eine
sehr alte und an den Küsten des Pontos schon
heimisch, bevor die milesischen Küstenfahrer
sich daselbst ansiedelten; sie brachten dieselbe
in ihre Heimat, wo sie den Liedern vom Tode
Achills einverleibt wurde (vgl. Köhler a. a. 0.
p. 533). Der erste griechische Dichter, welcher
i sowohl die Insel Leuke mit diesem Namen
benennt, als sie im Pontos liegen läfst, ist
(verhältnismäfsig spät) Euripides Androm. 1260
und Iphig. T. 435 ff'. Nach Pliilostr. Her.
746 liefs Poseidon auf Bitten der Thetis für
Achilles und Helena die Insel aus dem Meere
aufsteigen, eine Sage, welche Quint. Smyrn. 3,
766 ff. folgendermafsen umgestaltete. 'Um den
Klagen der Thetis über den Tod des Sohnes
55
Achilleus naclihom.
Achilleus nach s. Tode
56
Einhalt zu thun, steigt Poseidon, nur den
Göttinnen sichtbar, aus dem Meere und heilst
der Göttin ihrem Schmerze gebieten mit dem
Trostworte, ihr Sohn werde gleich Dionysos
und Herakles unter die Götter versetzt werden.
Zum Wohnsitze aber schenkt er ihm eine Insel
im Meere; die umwohnenden Völker würden
ihm göttliche Ehren erweisen; vgl. Arrian.
Peripl. Pont. Eux. p. 21. Anonym. Peripl.
Pont. Eux. p. 10 fl'. Und Dionys. Perieg. 541 ff. l
erwähnt die Insel Leuke als Aufenthaltsort
der hervorragenden Heroen und besonders des
Achill, welche ihnen Zeus als Geschenk für
ihre Tapferkeit gegeben.
Den Schlufs der Aithiopis bilden folgende
Ereignisse nach Proklos: Die Achäer häufen
einen Grabhügel und veranstalten Wettkämpfe.
Über die Waffen des Achilles aber entsteht
zwischen Odysseus und Aias Streit; von hier
an treten ergänzend ein die Excerpte aus der 2
Ilias mikra desLesches: die Entscheidung über
die Waffen wird gefällt, und Odysseus empfängt
sie nach dem W illen der Athene. Dann heilst
es weiter: Und Odysseus holt den Neoptolemos
aus Skyros und schenkt ihm die Waffen des
Vaters, welcher dem Sohne erscheint’. Während
Quintus Smyrnaeus die Bestattung des Leich-
names (siehe oben) ausführlich schildert, erwähnt
er die Erscheinung nicht. Hieran schliefst sich
nach der Iliupersis des Arktinos das Opfer 3
der Polyxena: Dann zünden die Griechen die
Stadt Troja an und opfern die Polyxena auf
dem Grabe des Achilles. Bevor sie aber ab-
fahren, erscheint, wie die Nostoi des Agias
von Troizen berichten, der Geist des Achill
(des alten Haders wie in der Odyssee ver-
gessend, vgl. Welcher ep. G. 2. p. 291) dem
Agamemnon, um ihm das bevorstehende Un-
glück vorauszusagen und ihn vor der Heim-
kehr zu warnen. Nach Eurip. Helc. 37 u. 106 4
erscheint Achilles’ Geist den Griechen, als sie
eben im Begriff sind, nach der Heimat auf-
zubrechen und auf dem thrakischen Bosporos
lagern, und fordert die Polyxena für sich als
Opfer, Da sie fürchten, Achill werde, wenn sie
seinem Wunsche nicht nachkämen, ihrer Heim-
kehr hinderlich sein, so beschliefsen sie die
Polyxena zu opfern. Sie fällt von Pyrrhos’
Hand. Ebenso Ovid. Metam. 13, 438 ff. u. Seneca
Troad. 185 ff. u. 1165. Bei Hygin. 110 ertönt 5
die Stimme des Achilles aus dem Grabe und
fordert einen Teil der Beute für sich ; so opfert
man die Polyxena, weil sie die Ursache seines
Todes gewesen sei. Dann führt Servius Verg.
Aen. 3 , 322 zwei verschiedene Fassungen der
Sage an. Nach der einen forderte Achill, als
er im Heiligtum des Apoll von Paris zum Tode
verwundet im Sterben lag, nach Trojas Fall
die Polyxena auf seinem Grabe zu opfern, was
Neoptolemos auch that; nach der andern hören 6
die Achäer bei ihrem Aufbruch die Stimme
des Achilles aus seinem Grabe erklingen, wel-
cher klagt, dafs ihm von der Beute nichts zu-
teil geworden sei. Kalchas, hierüber befragt,
bezeichnet Polyxena als Opfer, weil Achilles
sie bei Lebzeiten geliebt habe. Nach Quintus
Sm. 14, 178 endlich erscheint Achilles dem
Sohne im Traume und befiehlt demselben,
die Achäer und Agamemnon zu erinnern, wie
viel Beute sie ihm zu verdanken hätten, und
fordert Polyxena; sonst werde er die Heim-
kehr verhindern. Als nun die Achäer am fol-
genden Morgen zum Aufbruch rüsten, erregt
Poseidon das Meer, so dafs sie der Forderung
nachkommen. Polyxena fällt auf Achilles’ Grab-
hügel durch Neoptolemos’ Hand, und sogleich
läfst der Sturm nach. — Nach Gorp. I. Gr. 1
n. 4747 hingegen verstummte Achilles im Grabe.
Polyxenas Opferung bei Overbeck a. a. 0. p. 661 ff.
Ich erwähne hier gleich noch einige andere
Erscheinungen des Achilles nach seinem Tode.
Nach Schol. Plat. Plxaedr. 243 A. erscheint er
dem ihm auf seinem Grabe opfernden und ihn
herbeirufenden Homer in vollem Waffenglanze ;
dieser erblindete; ebenso erschien er nach
Philostr. Vit. Apoll. Tyan. 152 dem Apollo-
nias von Tyana in Troas.
g) Das Leben des Achill nach seinem Tode
auf der Pontosinsel.
l)Die Ehen desAcliillnachsein em Tode.
a) Die Vermählung des Achill mit der
Med eia nach seinem Tode scheint die älteste
der hierher gehörigen Sagen zu sein. Sie fand
sich nach Apoll. Arg. Sch. 4, 814 bei Ibykos
und Simonides; vgl. Lycophr. 172 u. Tzetz.,
Dosiadas 2, 3 u. Apoll. Eh. 4, 811 ff.
b) Die Ehe des Achill mit I p li i g e n e i a wurde
von Duris (b. Sch. II. 19, 326) in die Lebens-
zeit des Achill verlegt, welcher sie aus Skyros
geraubt haben sollte ; sie gebar ihm den
Neoptolemos; letzteres auch bei Tzetzes zu
Lycophr. 183. Eigenen mythologischen Lau-
nen folgt Trimalchio bei Petr. Sat. 59. Allein
bei Antonius Liberalis 27 findet sich die jeden-
falls auf ältere Quellen zurückzuführende Sage,
Iphigeneia sei unter dem Namen Orsilochia dem
Achill auf Leuke als Weib gesellt gewesen,
nachdem sie Artemis von Tauris nach Leuke
gebracht und zu einer unsterblichen Göttin
gemacht hatte. Ähnlich erzählt Eust. ad Dio-
nys. Per. 106 von der Liebe des Skythenkönigs
Achill zur Iphigeneia.
c) Die verbreitetste Sage war die von der
V ereinigung des Achilles mit der Helena auf der
Pontosinsel, welche er als ihr Gatte nach Paus.
3, 19, 11 ff. mit den beiden Aias, Patroklos
und Antiloclios zusammen bewohnte. Aus dieser
Ehe ging nach Ptolern. Hepli. 4 das geflügelte
Kind Euphorion hervor, vgl. Horcher, N. Jahrb.
f. Phil. Suppl. 1, 281. Nach Philostr. Her. 746
wurden Achill und Helena auf Leuke vereinigt,
ohne sich vorher gesehen zu haben; ebenda-
selbst erwähnt er die unter Beisein der Meeres-
gottheiten stattfindende Hochzeitsfeier, 745
ihre daselbst durch die Parzen vereinigten
Statuen.
4) Von einer Vereinigung des Achilles mit
der P o 1 y x e n a in dem elysischen Gefilde spricht
endlich Sen. Troad. 954.
2) Seine Lebensweise und seine Be-
schäftigungen daselbst.
Selbstverständlich läfst die Sage den Achill
nach dem Tode die gewohnte Lebensweise fort-
setzen; Waffenübungen und Übungen im Lauf
gehen neben den Ergötzlichkeiten des Mahles,
57 Achilleus nach s. Tode
der Liebe und des Gesanges wie zu seinen Leb-
zeiten einher (Philostr. Iler. 747). Die am Tage
auf Leuke landenden Schiffer hörten oft Kampfes-
lärm, sahen aber nichts. Die Nacht aber ge-
hörte den Freuden der Tafel und des Gesanges.
Daher war es auch streng verpönt, nachts da-
selbst zu landen Aristot. mirab. anscult. 106.
p. 213 ff ; nach Sonnenuntergang mufste jeder-
mann die Insel verlassen. Vgl. Max. Tyr. Hiss. 15,
p. 173. Von einer Landung der Amazonen auf
Leuke, um Achill zu bekriegen, und ihrer Ver-
nichtung erzählt Philostr. Her. 749 ff. Ja er
beteiligte sich sogar an auswärtigen Schlachten.
So nahm er an der zwischen den Lokrern und
Krotoniaten 560 am Sagraflusse geschlagenen
Schlacht teil, vgl. Schot. Plat. Phaed. p. 60.
Hermae Schot, ibid. c. 19 p. 99. Isocr. Hel.
Encom. c. 28 p. 218 f. In gleicherweise wehrt
er mit Athene zusammen durch sein Erschei-
nen Alarich von den Mauern Athens ab, vgl.
Syriani Hymn. ap. Zosim. 5 c. 6, 2 p. 407 f.
Besonders häufig aber besuchte er nach Max.
Tyr. Hiss. 15 p. 173 die Ebene von Troja, wo
ihn die Einwohner oft im Verkehre mit andern
Helden zu sehen glaubten. Traf er jemanden
auf seinen Wegen, so redete er ihn an, wie er
auch auf Leuke sterbliche Gäste mit grofser
Liebenswürdigkeit aufnahm, vgl. Max. Tyr.
Hiss. 15 p. 173. Philost. Her. 748 ff. u. Max.
Tyr. Hiss. 27, welcher erzählt, Achill sei nach
seinem Tode von vielen gesehen und gehört
worden. Aber auch Heroen besuchten ihn, so
Orestes Eustath. Od. 11 p. 1696. Mit grofser
Vorliebe aber hat sich die Sage mit dem
Orte beschäftigt, wo Achilles nach dem Tode
seine Übungen im Wettlauf abhielt. Derselbe
wird ’A%i.XXs(ng ögöyog oder ’A^iXlaog dgoyog
genannt, vgl. Herod. 4, 55. Strabo 2 c. 3 § 19
p. 389 ff. Hionys. Perieg. 306 f. Pomp. Mela
209. Plin. 4, 12 § 26. Ptolem. Geogr. 3 c. 5
p. 72. Tzetz. in Lycophr. 192. Anonym. Peripl.
P. E. p. 7—8. Ammian. Mar cell. 20 c. 8, (wel-
cher ausdrücklich sagt , dafs Achill dort
Übungen angestellt habe) Priscian. Perieg. 297 f.
Steph. Byzant. v. ’A%(Xls io g dgoyog. Von ögo-
yoi sprechen Eurip. Iph. T. 435. Hionys.
Albian. ap. Schot. Apollon. Bhod. 2, 658. He-
sych. v. AxlXIsiov nla-na. Die Überlieferung
sagt zwar nichts davon, daf3 Achilles Leuke
verlassen habe , um auf dem Dromos sich
zu üben, (wie auch Euripides a. a. O. die
Dromoi mit Leuke identificiert, das sich aber
seiner Natur nach wenig dazu eignet); allein
es steht aus der von dem Dromos oder den Dro-
iroi gemachten Beschreibungen fest, dafs man
allgemein darunter die lange schmale Land-
zungeverstand, welche den karkinitischen Meer-
busen im Nordwesten begrenzend, sich südlich
von Olbia und der Mündung des Borysthenes
mit dem westlichen Ende weit in das Meer,
mit dem östlichen in den genannten Busen
hineinerstreckt und nur in der Mitte durch
einen schmalen Landstreifen mit dem Fest-
lande, dessenBewohner Achillodromiten hiefsen,
in Verbindung steht. Die ausführlichste Be-
schreibung giebt Pomp. Mela a. a. 0. , der
aufserdem einzig und allein den Achill das
Wettrennen auf dem Dromos zur Feier eines
Achilleus (Kultus) 58
über Feinde davongetragenen Sieges veran-
stalten läfst, während die andern Airtoren ihn
zum Vergnügen sich üben lassen (so Plin. 4,
12, 56). Es weist dies auf eine Sage hin, der
zufolge Achilles schon zu seinen Lebzeiten
(vielleicht während des troisclien Krieges) seine
Siege auf einem Dromos durch Wettrennen
gefeiert habe, wozu auch Eurip. Iph. T. 435
passen würde, da der Chor, wie aus der spä-^
teren Frage der Ipliigeneia 537, wo Achill'
jetzt weile, erhellt, den Glauben der Herrin teilt,
Achill lebe noch. So sind denn auch die d'gö-
yot nach dem Tode ein Nachklang der zu Leb-
zeiten veranstalteten. Es ist daher zweifellos,
dafs die Bewohner jener Gegenden von Be-
suchen und Wettlaufen Achills auf jener Halb-
insel auch nach seinem Tode gewufst, und die
Dichter von ihnen gesungen haben (vgl. die
ägofioL des Protesilaos auf der thrakischen
Chersones am Hellespont bei Philostr. Heroic.
663.) Tzetzes zu Lykophr. 193 und Eust. zu
Hionys. Perieg. 307 führen andere Erklärungen
dieses Namens an. Jener erzählt, der Dromos
sei nach Achill benannt worden, da nur er ihn
habe durchlaufen können ; dieser berichtet,
Achill habe in Liebe für die durch Artemis aus
Aulis nach dem Pontos versetzte Ipliigeneia
entbrannt, diese bis in die genannte Gegend
verfolgt. Ferner sei der bei Tzetzes zu Lyk.
192 erwähnten Sage noch gedacht, nach wel-
cher Achilles auf dem Dromos fünf Jahre lang
die von Artemis in eine alte Frau verwandelte,
mit dem Schlachten und Kochen der geopferten
Menschen beschäftigte Iphigeneia beweint habe.
Zum Schlufs sei noch die allgemeine Bemer-
kung des Schot, zu Apollon. Argon. 2, 658 er-
wähnt, dafs die breiten flachen Ufer an den
Mündungen der Flüsse die Laufbahn des Achilles
genannt würden, vgl. Forclihammer Achill. Kiel ,
1854, p. 28 u. Kiepert, Lehrb. d. alt. Geogr.
p. 255 Anm. 4. Noch jetzt kommt der (mo-
derne) Name Chilidromia an griechischen Küsten
oft vor.
Die Hauptthätigkeit des Achill aber auf
der Pontosinsel war ohne Zweifel die eines
Beschützers der Seefahrt und Seefahrer im
Schwarzen Meere, eine Thätigkeit, welche sich
am besten gleich im Zusammenhänge mit den
ihn überhaupt feiernden Kulten besprechen lälst.
III. Der Kultus und die Kultusstätten
des Achilles.
Dafs Achilles seit alters im Schwarzen Meere
als novrägxyg gefeiert wurde, bezeugen sowohl
die ihn mit diesem Namen bezeichnenden, am
Nordgestade des Pontos gefundenen Inschrif-
ten C. I. Gr. 2 p. 87 n. 2076. 2077. 2080.
2096 b—f, als auch die vielen schriftlichen
Zeugnisse, welche über seine Thätigkeit «als
Beschützer der Seefahrt und seinen Kultus da-
selbst berichten. Hiermit ist sicherlich auch
der von Ptolem. Heph. N. II. 1 erwähnte Bei-
name Ugoyr]Q'Evg in Verbindung zu bringen.
Dieser Kultus scheint von Milet ausgegangen
zu sein, wo sich auch in späterer Zeit eine
nach ihm benannte Quelle befand ( Tzetzes zu
Lykophr. 467. Parth. Erot. 26.). Andere, z. B.
Köhler a. a. 0. p. 533, nehmen an, der Kultus
59 Achilleus (Kultus)
des Achilles an den Küsten des Pontos sei äl-
teren Datums ; nicht von den milesischen Küsten-
fahrern sei der Kult dorthin verpflanzt worden,
sondern sie hätten ihn schon vorgefunden. Ich
hingegen glaube, dafs sie nur die Sagen von
seiner Thätigkeit daselbst vorfanden, vgl. Wel-
cher ep. Cycl. 2 p. 221 u. Anm., welcher die
verschiedenen Ansichten zusammenstellt und
einer Prüfung unterwirft. Durch die Pflanz-
städte Milets wurde der Kultus wahrscheinlich l
zuerst nach dem Hellespont gebracht, wo in
dem von Mytilene und Athen gegründetem in
der Nähe seines Grabhügels gelegenem Orte
Ayjlltiov von den Bewohnern Trojas regel-
mäfsige Totenopfer dargebracht werden, Strabo
13, 596 u. Plin. 11. N. 5, 125. Solin. Polyh.
40,51. Herodöt. 5, 94. Pomp. Mela 1, 18 Steph.
Pys. v. Ayilltioq ÖQiyiog. Philostr. V. A. T. 153.
Eust. in II. 7, v. 86 p. 666 1. 55. In dem
Tempel daselbst stand eine Statue des Achilles 2
mit Ohrringen versehen Serv. in Verg. Aen. 1,
34. Tertull. de Pall. 4, 19. Allein auch aus
der Feme wurde dieses gefeierte Heiligtum
durch regehnäfsige Theorieen geehrt. So be-
sonders von Thessalien , dem Heimatlande
Achills aus. Die ausführliche Schilderung dieser
Sendungen, sowie ihre Entstehung giebt Phil.
Her. 741. Das Ganze trug den Charakter eines
Trauerdienstes, wie wir ihn auch anderswo
treffen. Von einem Dienste elischer Frauen 3
an einem Kenotapli des Achilles in einem
Gymnasion in Elis berichtet Paus. 6, 23 , 3.
In dem Tempel des Achilleion am Sigeion
erschien der Sage nach der Held im vollen
Waffenglanze dem Homer, welcher dadurch
das Augenlicht verlor. Westermann, Biogr.
p. 30, 20. — Bei der Gründung des milesischen
Byzantium errichtete Byzas dem Achilles einen
Altar an der Stelle, wo später die Thermen
des Achilles standen Codin. de Orig. Constan- 4
tinop. p. 2. Hesych. Miles. Res Patr. Con-
stantinop. p. 47 ed. Meursius. Von dem Helles-
ponte aus verbreitete sich allmählich, sicher-
lich aber schon in früher Zeit, sein Kultus an
den Küsten des Pontos und fafste besonders
am kimmerischen Bosporos Fufs. Von den
ältesten milesischen Kolonial städten Istros, 01-
bia und Apollonia, deren Gründung zwischen
650 und 500 v. Chr. fällt, ist vor allen Olbia
als Kultusstätte des Achilles zu nennen. Er 5
hatte dort einen Tempel und eine Priester-
schaft Dio Chr. 36 pp. 80 u. 85 C. I. Gr. 2
introductio p. 87 u. p. 139 (tit. 2077). Spiele
wurden ihm zu Ehren daselbst gefeiert und
der Name Ayillehq war sehr beliebt. Das
Hauptheiligtum des Heros aber in jenen Ge-
genden, dem Achilleion auf dem Sigeion ver-
gleichbar, scheint die kleine Insel gewesen
zu sein, welche am Ausflusse des Borysthe-
nes liegt, jetzt den Namen Berezan führt und e
von den antiken Schriftstellern oft mit Leuke
verwechselt worden ist, vgl. Köhler a. a. 0.
p. 627 ff. Die Inschrift C. I. Gr. 2, 2076 (p. 136)
wurde auf dieser Insel gefunden; der Kultus
auf ihr ist sonst noch bezeugt durch Dio. Chr.
a. a. 0. p. 78 u. 85, wo sie die Achillesinsel ge-
nannt und ein Tempel des Heros darauf er-
wähnt wird. Vgl. Skyl. p. 30. Strab. 2 p. 125.
Achilleus (Kultus) 60
7 p. 306. Epitom. Strab. 86. SJcytnn. fr. 44.
Dion. Per. 541. Arrian. Peripl. p. 21. Paus.
3, 19, 11. Ptol. 3, 10, 17. Mela 2, 7, 2. Plin. 4,
12, 26, 27. Prise. Pericg. p. 557. Martian.
Capella 6, 663. Die Insel ist entweder namen-
los, oder heilst Borysthenis(PfoZew. und der Epi-
tom, d. Strabo a. a. 0.), Achillesinsel oder Acliillea,
oder wird mit Leuke vor der Donaumündung
verwechselt. In Verbindung mit ihr wird sehr
0 häufig und wiederum oft verkehrterWeise eine
andere Kultusstätte des Achilles genannt, der
sogenannte d'Qogoq (oder dpoftot) des Achilles,
der schon oben Erwähnung gefunden hat, vgl.
UJcert , Geogr. d. Gr. u. R. 3, 2 Abt. p. 455.
Kiepert , Lehrb. d. alt. Geographie p. 339, Anm. 1.
Besonderer Berühmtheit erfreute sich die unter
jenem Namen im Pontos gelegene 18 Meilen
lange schmale , nur in der Mitte mit dem
Festlande verbundene Düne, die sich (jetzt im
0 westlichen Teile Tender, im östlichen Djaril-
aghatsch genannt) vor die Mündung des Bo-
rysthenes legt. Die Belegstellen siehe oben.
Obwohl die Düne durchaus kahl war, führte
doch das westliche Vorgebirge den Namen
'Hain des Achilles’ Strabo 7, 307. 9, 412. Eust.
ad II. 2, 506 p. 270. Auf Tender wurden auch
Marmorplatten mit Inschriften, eine Urne mit
Münzen etc. gefunden, vgl. Bulletin des sc. histor.
T. 9 p. 141 {Peter sb. Zeitschrift). Viele Schrift-
0 steiler sind sich über die Lage dieses Dro-
mos im Unklaren geblieben, daher die schwan-
kenden und irrigen Angaben. Die Halbinsel
war unbewohnt, die Einwohner des angren-
zenden Festlandes hiefsen Achillodromiten.
Hierher gehörten die Einwohner einer andern
Kultusstätte des Helden: auf dem östlichen
Ufer des kimmerischen Bosporos an der eng-
sten Stelle des Sundes lag der befestigte Ort
AyBlsiov mit einem Tempel des Achilles;
0 Strabo 494. Ptolem. 5, 9, 149. Steph. Byz.
a. a. 0. Anonym. Peripl. p. 17, 3. Den glei-
chen Namen tragen auch befestigte Orte an-
derwärts, einen solchen in der Nähe von Smyrna
erwähnt Xenoph. Hellen. 3, 2, 13. 4, 8, 17;
einen zweiten in Sicilien führt an Steph.
Byz. a. a. 0. Bei Adramyttium in Mysien War
ein befestigter Graben, dessen Entstehung man
auf Achill zurückführte • Strabo 613. Eust.
in II. 7 v. 277. p. 343. Von Inseln aufser-
0 halb des Pontos, welche Achill verehrten oder
doch mit ihm in irgend welchem näheren Zu-
sammenhänge standen, seien erwähnt die Spo-
rade Astypalaea {Cie. de nat. deor. 3, 18, 45)
und Achillea, Insel bei Samos im ägäischen
Meere Plin. 5, 37. Den Namen des Achilles
(Ayü.Xsio? hgfjv) führte ferner ein am Taina-
ronvorgebirge gelegener Hafen, jetzt Bucht
Marinari (Slyl. Peripl. 46. Paus. 3, 25,4), jeden-
falls mit dem von Steph. Byz. a. a. 0. ange-
0 führten in Messenien gelegenen identisch (Bur-
sian Geogr. v. Griech. 2, 150.), und ein Hafen
auf der Ostküste von Skyros (Ayü.lsiov , jetzt
Bucht Achili, vgl. Scliol. II. 19, 326, Bursian
a. a. 0. 2, 391). Verehrung fand er (nach
Köhlers Einend, a. a. 0. p. 797 zu Paus. 2,
1, 8) in der Nähe von Korinth an einem
den Nereiden geweihten Orte. Unschwer ist
aus den bisher erwähnten Kulten und nach
61 Achilleus (Kultus)
dem Achilles benannten Ortschaften dessen enge
Beziehung zum Meere und zum Wasser über-
haupt zu erkennen.
Aber auch im Binnenlande wurden ihm gött-
liche Ehren an verschiedenen Orten von Grie-
chen erwiesen. Einen Halbgott nennt ihn Ar ist.
1, 374, 45 ed. Par. Schon erwähnt ist der
Trauergottesdienst der Frauen in Elis, sowie
seine Verehrung im Geburtslande durch die
Thessaler: eine Reiterstatue von ihm, ein Weih-
geschenk der Bewohner von Pharsalos, stand
in Delphi Paus. 10, 13, 5. In Epirus, dem
Lande, welches später sein Sohn einnahm, wurde
er unter dem Namen Aanszog als Gott ver-
ehrt. Plut. Pyrrh. 1. vgl. Aristot. fr. 280b. P.
Ptolcm. Heph. N. II. 1. In hohen Ehren stand
er ferner bei den Lakedämoniern, die ihn nach
einem Fragmente des Anaxagoras ( Schol . Apoll
Pli. 4, 815) wie einen Gott verehrten. Nach
Paus. 3, 20, 8 befand sich bei Sparta ein Heilig-
tum des Achilles, welches nicht geöffnet werclen
durfte. Die Epheben aber, welche sich in Sparta
amWettkampf^ beteiligen wollten, opferten ihm
vor dem Kampfe. Prax, der Urenkel des Perga-
mos, des Sohnes desNeoptolemos, sollte das Hei-
ligtum gestiftet haben. Zu Brasiai hatte er mit
Asklepios zusammen einen Tempel, wo alljähr-
lich ein Fest ihm zu Ehren gefeiert wurde,
Paus. 3, 20, 8; dasselbe wird von der Pflanz-
stadt Tarent berichtet Aristotel. mirabil. auscult.
4, 93, 48 P. K. 0. Müller , Aegin. p. 1G2 geht
sogar so weit zu behaupten, Achilles sei von
allen Doriern verehrt worden; vgl. dagegen
W i elcher gr. Götterlehre 3, 253. Endlich gab es
noch in der Nähe von Tanagra ein ’A%ü.lsiov ,
einen ihm von Poimandros geweihten Platz.
Dieser hatte den Polykritos getötet; Achill
führte ihn zu Elpenor nach Chalkis und dieser
entsühnte ihn. Plut. Qua.est. Gr. 368, 44 Dübn.
Sein Speer wurde im Tempel der Athene zu
Phaselis in Lykien aufbewahrt. Paus. 3, 3, 8.
Den gröfsten Ruhm aber uncl die gröfste
Verehrung genofs als Kultusstätte des Achilles
ohne Zweifel die vor den Mündungen des Istros
gelegene Insel Leuke Eurip. Androm. 1260.
Pind.Nem. 4, 79. Skyl. ed. Klaus, p. 209. Dcmetr.
Galatian. bei Slcytnn. Peripl. 43 u. 45. Ly-
Jcophr. 186. Conon narr. 18. Strabo 2, 125 u.
7, 306. Ptolevi. 3, 10. Aman. Peripl. Ponti Eux.
21. cDafs diese unbedeutende Felseninsel den
Griechen so wichtig war, erklärt sich auf dop-
pelte Weise. Betrachtet man ihre La, ge, so
sieht man bald, sie diente in dieser Gegend,
die durch niedrige LTfer an den Donaumün-
dungen, durch Sandbänke und Untiefen ge-
fährlich ist, den Alten, die immer Küstenfahrer
blieben, als Merkzeichen. Die Fahrten in den
Pontos, die Anlage der Pflanzstädte daselbst
fallen in die Zeit, da die von Homer verherr-
lichten Heroen als göttliche Wesen, als Helfer
in der Not angesehen und verehrt wurden.
Wie schon der erwähnte Dichter (Stesichoros)
dem Menelaos nach seinem Tode auf einer
Insel im Okeanos seinen Aufenthalt bestimmte,
so wiesen Spätere dem Achilles und anderen
Inseln und Küsten orte in dem gefährlichen
Pontos an, der als ein anderer Ocean erschien,
wo sie als Retter in Gefahr angerufen wurden,
Achilleus (Kultus) 62
denen zu entgehen die geheimnisvollen Weihen
in Lemnos und Samotlirake für die Seefahrer,
am Eingang des verrufenen Meeres, empfohlen
wurden’. U leert a. a. O. 3, 2 p. 442.
Die Insel wurde von Menschen nicht bewohnt
(Skyl. Car. Peripl. p. 30. Arrian. Peripl. P. E.
p. 21. Anonym. Peripl. P. E. p. 11. Phil. Her.
746. Ammian. Mar cell. 22 c. 8); doch bevöl-
kerten sie grofse Scharen von Ziegen, welche
io daselbst von den Opfer darbringenden See-
fahrern in Freiheit gesetzt worden waren (Ar-
rian. Peripl. a. a. 0.). Die hingegen, welche durch
Sturm dorthin verschlagen, brachten Geld dar
mit der Bitte, kund zu thun, ob das Opfertier,
welches sie sich unter den daselbst weidenden
Ziegen ausersehen, genehm sei. War das Orakel
mit dem gebotenen Gelde nicht zufrieden, so
legten sie mehr zu, bis es genügend war. Dann
stellte sich das Opfertier freiwillig. Die Insel
20 galt für heilig und unverletzlich, Pliil. Iler. 248,
und wurde nur von Schiffbrüchigen und solchen,
welche opfern wollten, aufgesucht, selten von
Neugierigen Max. Tyr. Diss. 15 p. 173; jeden-
falls brachten auch die Einwohner der um-
liegenden Küsten von Zeit zu Zeit Opfer dar,
wenn man nicht an regelmäfsige Theorieen
denken will Quint. Smyrn. 3, 777 — 779. Eine
Nacht auf der Insel zuzubringen wagte niemand
Ammian. u. Phil. Her. a. a. 0. Nach Phil. Her.
30 749 durfte die Insel nicht von Frauen betreten
werden. Siehe ebendaselbst die Opferung eines
Mädchens aus Ilios, des letzten Sprosses des
Priamidenhauses, eine Nachahmung des Opfers
der Polyxena 'durch Achilles. Mit lauter
Stimme zeigte Achill den Verschlagenen an,
an welchem Orte der Insel sie landen sollten
Phil. Her. 748 oder erschien den Seefahrern
im Traume, um ihnen den Ankerplatz zu weisen
Arrian. Peripl. p. 22 ff. Andere sahen ihn mit
40 Patroklos zusammen, wieder andere sahen ihn
in der Nähe von Leuke auf dem Grofsmast
oder Klüverbaum sitzend Arrian. Peripl. p. 23,
nach Max. Tyr. Diss. 15, 173 als jungen schö-
nen Mann mit blonden Haaren und goldstrah-
lenden Waffen. Auf der Insel selbst befand
sich der Tempel mit den Altären, um die
Opfertiere aufzunehmen Eurip. Androm. 1260
Solin. Polyh. c. 19 p. 29. Arrian. a. a. 0. p. 21.
Anonym. Peripl. p. 11. Paus. 19, 11. Pliilostr.
50 Her. 748, 749 u. 751; die Ruinen des aufser-
ordentlich alten, mächtigen kyklopenartigen
Baues sah Köhler a. a. 0. p. 602 ff. In dem
Tempel befand sich eine Statue des Achilles
Demetr. Calatian. ap. Arrian. Peripl. P. E. 22.
Arrian. a. a. 0. p. 11 und Paus. 3. 19, 11, ein
. altes Kunstwerk, während Pliilostr. Her. 745
von den vereinigten Statuen des Achilles und
der Helena berichtet. Aufserdem barg der
Tempel viele kostbare Weihgeschenke, wel-
oo che dem Heros als Gaben dargebracht waren;
ebenso griechische und lateinische Inschriften
in verschiedenen Versmafsen, die das Lob des
Achilles und Patroklos sangen. Vgl. das Epi-
taphium bei Aristot. fr. 312 a. 318 «. P. Opfer
und Tempelschatz beschreibt Arrian. a. a. 0.,
welcher auch von einem mit dem Tempel ver-
bundenen Orakel erzählt, obgleich die Insel
unbewohnt war und einer Priesterschaft nir-
Achilleus in d. Kunst
Achilleus (Etym. u. Deutg.)
64
geuds gedacht wird (siehe oben). * Nach Ar-
rian. a. a. 0. und Philostr. Her. 746 dienten
die Meervögel als Tempelhüter. Jeden Mor-
gen flogen sie aufs Meer , benetzten die
Flügel, flogen dann zum Tempel zurück, be-
sprengten ihn und kehrten den Fufsboden mit
den Flügeln; doch wagten sie nie über den
Tempel hinwegzufliegen, Plin. N. H. 10, 78.
Solin. Polyh. 19 p. 29. Antig. Caryst. 134.
Diesen Aufenthalt teilen aufser Helena nach
Paus. 3, 19, 13 Patroklos, Antilochos und die
beiden Äias. Vgl. aufserdem Athen. Deipnos.
15 p. 695. Strabo 7, 211. Arrian. Peripl. P.
E. p. 21. Conon narrat. 18. Eust. ad Dionys.
Per. 545. 680. 692. Niceph. Blemm. ad Dionys.
Per. 1 p. 414 ed. Bernh.
IY. Achilles in der bildenden Kunst.
Da die hauptsächlichsten Kunstwerke schon
im Vorhergehenden bei Besprechung der Mythen
Erwähnung gefunden haben, besonders dann,
wenn sie zur Erläuterung der schriftlichen
Überlieferung dienten oder dieselbe ergänzten,
aufserdem aber ein genaues Eingehen auf das
archäologische Gebiet weder lripr am Orte ist,
noch im Vermögen des Verfassers steht, so
sei nur noch kurz hingewiesen auf die sta-
tuarischen Darstellungen des Achill, sowie auf
die Hauptsammelwerke, welche sich mit den
bildlichen Darstellungen des Heros des nähe-
ren befassen.
Da nach Plin. N. II. 34, 5, 18 die nackten
Ephebenstatuen mit der Lanze in der Hand
Achilleae hiefsen, so läfst sich hieraus ersehen,
in welcher Weise die Antike den Helden in der
Regel zu bilden pflegte. Als Werke hervorragen-
der Künstler sind schon erwähnt die in Gruppen-
bildern angebrachten Statuen von Lykios Paus.
5, 22, 2, von Skopas Plin. 36, 26 u. Paus.
8, 45, 7. Eine alleinstehende (?) Statue des
Achill von Silanion führt an Plin. 34, 82. Von
unbekannter Hand sind die Statuen im Tempel
der Astarte zu ITierapolis Lucian. de dea Syr.
40, ein dviovXog bei Christodor 291 nackt, im
Tempel von Sigeion eine Statue mit Ohrringen
Serv. Verg. Aen. 1, 30, ein igoavov ryg nc/.Xctiäg
ioyucPug auf Leuke Arrian. Peripl. P.E. p. 21 u.
die p. 61 Z. 9 erwähnte Reiterstatue zu Delphi,
auch auf Münzen von Pharsalos. Die charak-
teristischen Kennzeichen der Bildung des Achil-
les finden sich bei Philostr. imag. 2, 2 u. 7
jun. 1. Pleroic. 19, 5. Biban. ecphras. 6 und be-
sonders bei Heliodor. Aethiop. 2, 5. Keine der
erhaltenen Statuen ist sicher als die des Achill
nachgewiesen ; genannt seien nur der sogenannte
Ares Ludovisi und Achilles Borghese in Paris,
letzterer charakteristisch durch einen gewissen
sanften und melancholischen Zug, hier für Ares
am wenigsten pafst, aber dem Achill wohl von
einem Künstler gegeben sein könnte’ ( K . 0. Mül-
ler, Handb. d. Arch. d. K.3 413, 2). Die be-
stimmte Deutung der Statuen wird nämlich
durch die Ähnlichkeit der Darstellung mit Mars
erschwert. Die Dresdner und Münchner Büste
hängen nach Müller mit dem Borghese zusam-
men und fordern gleiche Deutung. Ebenso
zweifelhaft ist die Deutung der schönen Mar-
morgruppe, die unter den Namen Pasquino be-
kannt ist; vgl. Overbeclc a. a. 0. p. 551. Taf.
23. Nr. 5. Münzen des Pyrrlios und spätere
thessalische Münzen zeigen den Kopf' des Achill
B. Bochette Mon. ined. p. 411. Vign. 15. Der
Schild des Achill und die Kontroversen dar-
über sind besprochen v. J. Overbeclc Gesch. d.
gr. PI.2 1 p. 45 f.
Die sein Leben betreffenden Bildwerke sind
zusammengestellt v. B. Bochette a. a. 0., 0.
io Midier a. a. 0. 413, 2 u. 415. J. Overbeclc , die
Bildwerlce zum diebischen und troischen Hel-
denlcreis. Friedrich Schlie, die Darstellungen
des troischen Sagenkreises auf etruskischen
Aschenkisten. Die ganze Cyklen enthaltenden,
sowie die einzelne Scenen seiner Ansicht nach
unzweifelhaft darstellenden antiken Bildwerke
siehe bei Brunn in Paulys Beal-Encyklopädie
unter Achilles p. 89. Das Notwendigste betreffs
der Bildwerke ist dem Texte an entsprechender
so Stelle beigefügt; freilich ist das Gegebene lücken-
haft und unvollständig, da nur ein das weit-
schichtige Material beherrschender Fachmann
hier Erschöpfendes zu bieten imstande wäre.
V. Etymologie des Namens und Deutung
der ursprünglichen Natur des Achilles.
1) Antike und den antiken sich an-
schliefsende moderne Deutungen.
Die verbreitetste Ansicht im Altertume war,
30 dafs der Name bedeute hier Betriiber der Hier’
diu To ciyog, o ton Xvnyv snsvsynsiv x oig ’lh-
tvaiv Sch. II. 1, 1. Eustath. z. II. 14, 18, eine
Erklärung, welche schon Kallimachos hatte
(Cramer anecd. Oxon. 4, 403, 27). In neuerer Zeit
ist sie wieder aufgenommen von Pott , Kuhns
Ztschr. 9, 211. Ähnlich ist die Deutung, wel-
che Eust. a. a. 0. 14, 13 giebt, ano xov ciyog
luXXsiv, yyovv Xvnyv ifißdXlsiv , was Benseler
gebilligt zu haben scheint, der das Wort mit
40 'Schmerzer’ übersetzt. Dagegen siehe Curtius
Grundzüge 5 p. 119 Anm. Eine dritte Zusam-
mensetzung mit ctyog nimmt an die Erklärung
aus uiog Xuov Sch. II. 1, 1 Et. M. Eine zweite
beliebte Deutung war dnb tov u ctsgyziv-ov
nai xov %iXbg, o taziv y rav anoQi'fuov zQoepy
Eust. II. 14, 18. So Euphorion Et. AI. v. ’AyyX-
Xsvg und Eust. II. 15, 8 sg <h&iyv ytXov nazyis
nufinuv dysvazog Nonni narr, ad Greg, invect.
1, 88 p. 157. Eine dritte bei Apollodor. 3, 13, 6 on
50 re: %DXy yuGzoig ov i TQOGyvtyy.s •, vgl. Tcrtull. de
pallio 4 'ille ferarum medullis educatus, unde
et nominis consilium’. Eine vierte bei Tzetzes
Lykophr. 178, weil er durch das Feuer, in wel-
ches ihn Thetis nach der Geburt warf, einer
Lippe beraubt war. So der pharsalisclie Dich-
ter Agamestor. Eine gleiche Etymologie des
Wortes, aber auf anderer Deutung fnfsend
nimmt an Forclihammer, Achill. Kiel 1853 p. 62.
Peleus, der lehmige Flufs (nyXög), erzeugte mit
60 Thetis, der Läuferin unter den Nereustöchtern
(von tH'co), rden Heros der Überschwemmung,
des mündungs- und lippenlosen Flusses, den
Lippenlosen, den Achilleus, von die
Lippe und dem verneinenden ci. Die Griechen
nannten die Ufer der Flufsmündungen Lippen’.
2) Moderne Deutungen.
Vgl. hierüber Curtius a. a. 0. p. 119. 'Ge-
rade in der Mehrdeutigkeit eines Wortes liegt
65
Achilleus nachhom.
Adanos
66
ein Hauptanlafs zu seiner Schwerdeutigkeit.
Die etymologische Wissenschaft kann also in
solchen Fällen sehr oft nur die Sphären an-
geben, innerhalb welcher die Deutung liegen
kann, nicht diese selbst bieten’. Infolgedessen
läfst Curtius die Deutung zwischen =
’ExsXaog Volkshalter (so Misteli, Kulms Ztschr.
17 p. 186), und ’ExsXaog Steinhalter offen. Die
letztere Erklärung fafst also Achilles als einen
Flufsgott. Die übrigen Erklärer lassen sich i
in drei Gruppen scheiden; die eine erklärt
ihn für einen Flufsgott, die zweite für einen
Lichtgott, die dritte nimmt eine beide Ele-
mente vereinigende Natur als das ursprüng-
liche an. Für den Flufsgott Achilles tritt am
energischsten ein Forchhammer in der oben
erwähnten Schrift und in der c Gründung Roms\
Kiel 1868 p. 6 ff. Viele Anhänger hat die Ver-
mutung J, Scaligers, in dem ersten Bestand-
teile des Namens sei das Wort 'Wasser’, 2
aqua, gerade so wie in Acheloos verborgen,
vgl. Lobeck, Aglaoph. p. 952 ; Welcher gr. Götter-
lehre 3, 46 u. Anm. ; derselbe sagt ep. Cycl. 2,37.
'Im Sohne der Thetis und des Peleus erblicken
wir einen Flufsgott. — Aus diesem Dämon
Achilles mag lange vor dem troischen Krieg ein
Myrmidonenheld hervorgegangen sein’. Vgl.
Preller Gr. Mytli.2 400 Anm. 1. Kückert , Tro-
jas Ursprung p. 144. Angermann, Progr. d.
Landesschule zu Meilsen 1883 p. 11, welcher den 3
Übergang von x in % durch nachfolgendes Jr
vermittelt annimmt. Dagegen G. Curtius a. a. 0.
Fick, Wörterbuch d. indogerm. Grundsprache 3
2, 8 erklärt es mit rder Dunkle’ {axXvg) =
aquilus. Als ursprünglichen Lichtgott fafst
ihn Sonne Kulms Ztschr. 10, 98, der den
Namen mit 'hell leuchtend’ übersetzt. M.
Müller, Vorles. über die Wissenschaft d. Spr.,
deutsch v. C. Böttger 2 2, 533 Anm. 68 stellt ihn
mit dem indischen sterblichen Sonnenheros 4
Aliargu zusammen. Panofka , annali dell' Instit.
Arcli. 5, 130. 7, 128 hält den die Helena {ZtXrjvri)
verfolgenden Achill für eine männliche Mond-
gottheit. Eine Doppelnatur, die eines Strom-
und Sonnengottes, nahm an Gerhard gr. Mytli.
§ 878. 'Seines Namens und Wesens als ein
flutender Lichtheros (!) gedeutet’. 887 'eineshei-
misclien Strom- und Sonnengottes Abbild in
Kraft und Schnelle’. 896 'der meerentsprossene
Sohn von Peleus und Thetis im Sinn des 5<
schnellfüfsigen, unwiderstehlichen, wandelbaren
Stromes, auch wohl der rasch verflüchtigten
Sonnenkraft, die er ursprünglich daheim glei-
cherweise bezeichnen mochte’ (!). Endlich weist
derselbe a. a. 0. M. P. V. 2. Anm auf den in-
dischen Feridan und germanischen Siegfried als
Vorbilder und Widerspiele des griechischen
Achill hin. Ganz abweichend von den genann-
ten Erklärungen und sicherlich falsch ist die
von Fligier, zur prähistorischen Ethnologie der g>
Balkanhalbinsel. Wien 1877. p.41 gegebene Deu-
tung. Achilleus ist ihm eine nichthellenische
Gottheit. 'In seinem Namen erinnert er an
Ahi, den feuerspeienden Drachen, d. h. die
dorrende Hitze, welcher die milchgebenden Kühe,
die Regeuwolken, geraubt, und in den Bergen
eingeschlossen hält. Der Bezwinger des Drachen
(Ahi) heilst dann Achilaras, d. h. Drachen-
Roscher, Lexikon der gr. u. röm. Mytkol.
stein’. Ohne mich auf die Etymologie des
Namens einzulassen, erkläre ich am Schlüsse,
dafs mir nach den oben gemachten Zusam-
menstellungen von Mythen und Kulten die ur-
sprüngliche Bedeutung des Achilleus als Flufs-
gott unzweifelhaft zu sein scheint. [Nachtrag
zu S. 64, Z. 50: Eust. z. II. 289, 36: of öl
Ttahxioi svQiQ'gvai cpaoiv iv noXXoig Ayafis-
övvra Xeyöfievov , aiorcsf) hcu zbv ’AxiXXsa ’A&g-
Xsa nocl rov KdXxavra XäXncxvta. Roscher.]
[Fleischer.]
Aclilys ( AxXvg ) Trübsal, Personifikation der
tiefsten Trauer, ausführlich geschildert von
lies. Scut. Ilerc. 264 ff. [Roscher].
Acionna, Name einer gallischen Göttin auf
einer bei Orleans gefundenen Inschrift (Aug.
Acionnae sacrum etc. Orelli - Henzen 1956).
[Roscher],
Acis etc. s. Akis.
Acoetes (Anougg?). 1) ein Mäonier (Lyder)
oder Tyrrhener (nach Ilerod. 1, 94 sollten die
Tyrrhener (Etrusker) aus Lydien eingewandert
sein; vgl. Ov. Md. 3, 583. 624. u. Hygin. fab.
134), welcher als Steuermann auf einem tyr-
rhenischen Seeräuberschiffe diente. Als seine
Genossen bei einer Landung in Keos einen
schönen trunkenen Jüngling entführen wollten,
widersetzte sich Acoetes diesem Vorhaben, weil
er in dem Knaben den Gott Dionysos erkannte,
und sollte deshalb von den übrigen Seeräubern
ins Meer geworfen werden. Da offenbarte
plötzlich Dionysos seine göttliche Macht: das
Schiff stand still wie in einem Dock,' Weinre-
ben rankten sich von selbst um die Ruder, der
Gott selbst stand traubenbekränzt und den
Thyrsus schwingend da, von Tigern, Luchsen
und Panthern umlagert, und wahnsinnig oder
erschreckt sprangen alle Seeräuber, in Delphine
verwandelt, ins Meer. Nur Acoetes blieb übrig
und folgte fortan dem Gotte als Mitglied sei-
nes Thiasos. So erzählt Dionysos selbst in der
Gestalt des Acoetes dem Pentheus bei Ovid
{Met. 3, 582). Dieselbe Geschichte findet sich
bei Hygin. fab. 134 (vgl. Bunte z. d. St.) , wo
auch ziemlich dieselben Namen, wie bei Ovid,
wiederkehren. Vgl. aufserdem Hom. hymn. 7 {in
Bacchum), Apollod. 3, 5, 3. Aglaosthenes bei Hyg.
Astr. 2, 17. Serv. ad Aen. 1, 67 (der auch auf die
Verwandtschaft der Tyrrhener und Lyder [Mäo-
nier] hinweist), Mytli. Vat. 1, 122; 2, 171 und
die schöne bildliche Darstellung am Denkmal
des Lysikrates zu Athen bei Müller- Wieseler,
JDenlcm. d. a. K. 1 Taf. 37. (Vgl. Gerhard,
Auserl. Vasenbilctir 49). — 2) Evanders Waf-
fenträger und nachher Gefährte seines Sohnes
Pallas. Verg. Aen. 11, 30. 85. [Roscher],
Adad ( Adadus, Aöaöovg (?) Hesych.), einheimi-
scher Name des in Rom Juppiter 0. M. Helio-
politanus genannten syrischen Sonnengottes :
Macrob. S. 1, 23. Plin. H. N. 37, 186. Vgl.
Zachar. 12, 10. Movers Phönizier 1, 196. 2,
1, 513. Preller , Röm. M. 2 3, 402 ff [Roscher].
Adamas {Aöägag) , Troer , Sohn des Asios,
von Meriones getötet: II. 12, 140; 13, 560 ff
[Roscher],
Adanos (Aöavog) , Gründer von Adana in
Kilikien, Bruder des Saros, Sohn des Uranos
und der Ge. Steph. Byz. s. v. ’Aöceva. [Schultz.]
3
Addus
67
Addus, Name einer wahrscheinlich celtischen
Gottheit auf einer Inschrift aus Altripp. Or-
Henzen 5610: I. 0. M. Addo ex voto posuit
pro Salute sua suorumque Marino etc. Henzen
erklärt im Register Addus für einen Beinamen
des Juppiter. Ygl. Addua = Adda, Adduus
(Veil. 2, 102), Aduatuci. [Steuding].
Adeona, röm. Göttin, welche ebenso wie die
Abeona (s. d.) die ersten Laufversuche leitete.
August, de civ. d. 4, 21. S. Indigitamenta.
[Roscher],
Adepliagia (’Aägcpciyi’ci) , die Gefräfsigkeit,
welche in einem Tempel Siciliens verehrt wurde :
Polemon b. Ath. 416 b. Ael.v.h. 1,27. [Roscher],
Adfereiula s. Indigitamenta.
Ad ganaae deae , wohl celtische Göttinnen
auf einer Inschrift aus Galliano. Labus, Mo-
num. scoperti in Ganturio p. 24: Niger Tertul-
lius Severus Matronis et Adganais V. S. L. 31.
Orelli 2096 hat dagegen nach Redaelli „Ad-
gnatu , liest aber im Register wie oben. Zu
vergleichen ist vielleicht die gens Adginnia,
die jedenfalls auch celtischen Ursprungs ist;
vgl.;i Orelli 4018 u. a. [Steuding],
Adiante (’Aöiav rrf) , Tochter des Danaos (s.
Aigyptos). Apollocl. 2 , 1 , 5. [Roscher] .
Admete ('ASgytiq), 1) Tochter des Okeanos
und der Tethys: Hesiod. Theog. 3, 49. Nom.
hy. in Cer. 421. Hyg. fab. praef. p. 28 ed.
Bunte. — 2) Tochter des Eurystheus. Da sie
den Gürtel der Amazonenkönigin Hippolyte,
welche ihn vom Ares als Preis ihrer Tapfer-
keit erhalten hatte , zu besitzen wünschte , so
wurde Herakles ausgesandt, jenes Kleinod zu
erkämpfen ( Apollod . 2 , 5, 9). Nach Tzetzes z.
Lykophr. 1329 begleitete Admete den Herakles.
Ein Relief der Villa Albani (Zoega Bass. 2, 70)
stellt sie dar, wie sie dem vergötterten Hera-
kles opfert. Dies lehrt die Inschrift: 'Hgug
’Agys lag isqsux ’ASgdta EvgvG&scog Heil Adfici- <
tag rag AficpiSägavrog ( G . I. Gr. 5984 G., vgl.
Stephani in 3Iem. d. Petersb. Ali. Ser. 6, t. 8). Wie
in dieser Inschrift, so gilt sie auch sonst als
Priesterin der argivischen Hera (Synlcell. Chro-
nogr. p. 172 ed. Par. Euseb. Ghron. p. 33 Sylb.).
Nach einer von Athen. 672a mitgeteilten Legende
soll Admete mit dem Kultbilde der Hera von
Argos nach Samos geflohen und auch hier
Priesterin der Hera in ihrem uralten und hoch-
berühmten Heiligtume geworden sein. Die auf £
den samischen Herakult eifersüchtigen Argi-
ver hätten nun Tyrrhenische Seeräuber überre-
det, das Kultbild der samischen Hera für sie
zu rauben. Als die Räuber im Begriffe gewe-
sen seien, mit ihrem Raube abzusegeln , habe
plötzlich das Schilf so lange unbeweglich fest-
gestanden, bis das Bild wieder ans Ufer ge-
bracht worden sei. Hier habe es Admete am
nächsten Morgen gefunden, gereinigt und wie-
der im Tempel aufgestellt. Zum Andenken c
an diese Begebenheit aber sei ein samisches
Fest, Tovscc genannt, gefeiert worden. Die
Deutung dieser ätiologischen Kultlegende fin-
det sich bei Welcher in Schwencks etym.-mytli.
Andeutungen S. 276. (Vgl. auch Welcher, Göt-
terl. 1, 368 u. 382, Boscher, Juno u. Hera S. 78,
sowie den Artikel Hera). — 3) Tochter des
Amphidamas, Gemahlin des Eurystheus, Mut-
Admetos 68
ter der vorigen (C. I. Gr. 5984 G., sonst An-
timache (s. d.) genannt. [Roscher],
Admetos (ASgytog, C. I. Gr. 8185 ’ 'Aagrizog ).
1) Sohn des Pheres und der Periklymene oder Kly-
mene, König von Pherai in Thessalien, Teilneh-
merander kalydonischen Jagd und am Argonau-
tenzug (Apollod. 1, 8, 2, 4 u. 9, 6, 8. Hygin. f. 14.
173. Pind. Pyth. 4, 224. Sopli. Benin, fragin.
353. Apoll. Bh. Arg. 1, 49. Val. F. Arg. 1,
444. Orpheus Arg. 176. Stat. Theb. 5, 435).’
Nachdem er Herrscher von Pherai geworden,
bewirbt er sich neben vielen andern Jünglin-
gen um die eine Tochter des Pelias, Alke°stis;
als der Vater sie nur dem geben will, welcher
Löwen und Eber (Apollod. 1, 9, 14) oder über-
haupt wilde Tiere (Hygin. f. 50 u. 51) an den
Wagen geschirrt habe, spannt Apollon einen
Eber und Löwen an einen Wagen und über-
giebt ihm diesen; damit gewinnt Admetos die
> Alkestis in Jolkos (Scliol. Eur. Ale. 254) und
führt sie nach Hause. Apollon beweist sich
dem Admetos hilfreich , weil er während des
einjährigen Dienstes in Pherai (Eurip. Ale. 8.
Luc. de sacr. 4. Jup. conf. 8. Hiodor. 6, 7, 6.
Ovid.heroid. 5,151. Sero. Verg. Ae. 7,761), zu
dem er von Zeus wegen der Tötung der Ky-
klopen oder, nach Pherekydes, der Söhne der
Kyklopen (Schol. Eitrip. Ale. 1. Lucan. Pliars.
6, 368. u. Schol. Apollod. 3, 104. Hygin. f. 49)
i verurteilt ist, den König wegen der freundli-
chen Behandlung liebgewonnen hat, oder weil
er ein Liebhaber des Admetos ist (Gallim.
hymn. ad Ap. 47. Plut. Numa 4. Nonn. Dion.
10, 323. Tibull. 2, 3, 11. Ovid.heroid.
Nach Diodor 4, 53, 2 wird Alkestis erst nach
dem Tode des Pelias als Gattin dem Admetos
von Iason übergeben. — Bei der Hochzeit ver-
gafs er der Artemis zu opfern, deshalb fand
er sein Brautgemach mit Schlangenknäueln an-
gefüllt. Apollon versprach ihm die Schwester
zu versöhnen, und zugleich erbat er von den
Moiren, dafs, wenn Admetos sterben sollte, er
vom Tode verschont bliebe, sobald jemand frei-
willig für ihn in den Tod ginge. Nach Aesch.
Eum. 172. 723. 728 hatte Apollon die Moiren
trunken gemacht und in der Trunkenheit ihnen
das Versprechen abgenommen. Als der Todes-
tag für Admetos kam, und der Vater Pheres
samt der Mutter trotz ihres Greisenalters sich
weigerten sich zu opfern, erlitt Alkestis für
ihren Gatten den Tod; sie wurde aber von
Herakles dem Tode wieder abgerungen, oder
Kore schickte sie wegen ihrer Gattentreue wie-
der an die Oberwelt. — - Nach Stat. Theb. 6,
332 nimmt Admetos bei der Einsetzung der
nemeischen Spiele am Wagenwettrennen teil.
Ebenso beteiligt er sich auf dem Kypselos-
kasten (Paus. 5, 18, 10) an den Leichenspielen,
die zu Ehren des Pelias gefeiert werden; am
Thron des Amykläischen Apollo spannt er Eber
und Löwen an den Wagen (Paus. 3, 18, 9).
Auf einem römischen Stuckrelief (Ann. d. Inst.
1860 S. 227) fährt er mit einem Wagen, dem
ein Löwe und ein Eber vorgespannt ist, zu
Pelias, der ihn auf dem Throne sitzend erwar-
tet; neben ihm steht Alkestis. Über den Tod
und die Rückkehr der Alkestis, sowie über die
Mythendeutungen s. u. Alkestis.
Adolenda
69
Nach Phanodemos ( Scliol . Aristoph. vesp.
1239) wird Admetos im Alter aus Pherai ver-
trieben und kommt mit der Alkestis und sei-
nem jüngsten Sohn Hippasos nach Athen zu
Theseus, um ihn um Schutz und Hilfe anzu-
flehen; er erhält mit seiner Familie Wohnung
in Attika. Auf diese Ankunft des Admetos in
Athen wird ein in Athen vielfach gesungenes
Skolion bezogen , ’Ad'firjtov Xöyog oder ysXog.
Vgl. Schol. Aristoph. Ach. 980. Vielleicht hängt
mit dieser Vertreibung des Admetos die von
Parthen. erot. 5 erwähnte Thatsache zusam-
men, dafs Admetos den zehnten Teil seiner
Unterthanen unter Führung des Leukippos aus
der Stadt fortsendet. — Die Kinder des Adme-
tos sind Eumelos {II om. B 714. W 289), Peri-
mele , Gattin des Argos (Sohn des Plirixos)
(Anton. Lih. c. 23), und Hippasos, s. o. Vgl.
noch Epictet. diss. 2, 22, 11; 3, 20, 7. [Vgl.
auch K. Bissel, d. Mythos v. Admetos u. Al-
kestis, Progr. v. Brandenburg 1882, Koscher.]
— 2) Sohn des Augeias (oder aus Argos), ein
Grieche , kämpft vor Troia und verwundet im
nächtlichen Kampf den Meges , nach Lesches’
Dichtung. Paus. 10, 25, 5. — • 3) Ein Trojaner,
bei der Einnahme der Stadt gefallen, in einem
Gemälde des Polygnotos in Delphi. Paus.
10, 27, 1. [Engelmann].
Adolenda, eine römische Gottheit des Ver-
brennens, welche zusammen mit der Commo-
lenda und Deferunda bei dem Hinwegräumen,
Zerhacken und Verbrennen eines auf dem Gie-
bel des Tempels der Dea Dia gewachsenen
Feigenbaumes von den Arvalischen Brüdern
angerufen wurde. Preller r. Mytli. 3, 2, 228.
s. Indigitamenta. [Koscher).
Adon = Adonis (s. d.).
Adoneus = Adonis. Plaut. Men. 1, 2, 35.
Catull. 29, 8. [Roscher].
Adonios (AScaviog) = Adonis. Beide. Anecd.
34G, 1. [Roscher].
Adonis ("-A8 covig, -id'og, auch ’Aäcov ('Ad W?
vgl. Meineke z. Tlieokr. 15, 149), -covog lat. Ado-
nis, -is und -idis oder Adon, -onis). Mythus:
Der älteste Dichter, welcher des Adonis ge-
denkt, ist Hesiod (b. Apollocl. 3, 14, 4; vgl.
Prob. z. Verg. Eclog. 10, 18), der ihn den Sohn
des Phoinix und der Alphesiboia nennt. Da-
gegen war er nach Panyasis (b. Apollod. a. a.
O.; vgl. auch Anton. Lib. 34) der Sohn des sy-
rischen Königs Theias und seiner Tochter
Smyrna (oder Myrrha) , nach Antimachus (b.
Probus z. Verg. Ed. 10, 18) der Sohn des phö-
nikisclien Königs Agenor, nach Zoilos (Etym.
M. 117,35) der Sohn der Aoa und des Theias,
nach kyprischer Sage des Kinyras (Gründers von
Paphos) und derMetharme (Apollod. 3, 14, 3),
nach Philostephanos (b. Prob. z. Verg. Ed. 10,
18) endlich des Zeus, von diesem allein, ohne
Umgang mit einer Frau, erzeugt. Seine Ge-
schwister waren nach Apollod. 3, 14, 3 Oxy-
poros, Orsedike, Laogone und Braisia. Seine
Schwestern sollen sich infolge des Zornes der
Aphrodite mit fremden Männern gepaart haben
und in Ägypten gestorben sein. Der erste voll-
ständige Mythus von Adonis findet sich bei
Apollod. a. a. 0., der wahrscheinlich aus Pany-
asis schöpfte. Danach wurde Smyrna von der
Adonis (Mythus) 70
erzürnten Aphrodite zu verbrecherischer Liebe
zu ihrem eigenen Vater Theias entflammt.
Mit Hilfe ihrer Amme (Hippolyte nach Anton.
Lib. Transf. 34) gelang es ihr zwölf Nächte
ihren Vater zu täuschen. Als dieser endlich
seine Tochter erkannte , verfolgte er sie mit
gezücktem Schwerte, jene aber flehte zu den
Göttern um Rettung. Von diesen ward sie in
einen Myrrhenbaum verwandelt. Zehn Monate
darauf barst der Baum, und Adonis ward ge-
boren. Aphrodite aber, von seiner Schönheit
gerührt , verbarg das Kind in einem Kasten
und übergab ihn heimlich vor den übrigen
Göttern der Persephone, welche den Adonis,
als sie seine Schönheit erblickte, nicht wieder
herausgeben wollte (vgl. darüber Greve, de
Adonide p. 14). Den darauf entstandenen Streit
der beiden Göttinnen schlichtet Zeus (oder Kal-
liope im Aufträge des Zeus nach Hyg. P. Astr.
2, 7 und einem Vasengemälde bei Heydemann,
Vasensammlung des Museo Nazionale zu Nea-
pel, Berl. 1872, No. 702) durch den Ausspruch,
dafs Adonis fortan je ein Drittel des Jahres für
sich, bei der Persephone und bei der Aphrodite
leben sollte. Adonis aber beschlofs immer zwei
Drittel des Jahres bei Aphrodite und ein Drit-
tel bei Persephone in der Unterwelt zu weilen
(vgl. Schol. z. Tlieokr. id. 3 , 48. Hyg. f. 251
u. Orpli. h. 55, 10). Später wurde er infolge
des Zornes der Artemis auf einer Jagd von
einem Eber getötet.
Dieser ziemlich einfache Mythus bei Apol-
lodor ist nun später , wie es scheint, in man-
nigfacher Weise ausgeschmückt und erweitert
worden. Nach Hyginus (fab. 58 u. 161) soll
Kenchreis, die Gemahlin des Kinyras und Mut-
ter der Smyrna, die Aphrodite dadurch belei-
digt haben, dafs sie ihre Tochter für schöner
als die Göttin erklärte. Als Smyrna, von dem
Bewufstsein ihrer verbrecherischen Leidenschaft
erfüllt, sich habe hängen wollen, sei ihre Amme
dazu gekommen und habe ihre Liebe zu be-
friedigen gewufst. Aus Scham habe sich da-
rauf Smyrna in Wäldern verborgen gehalten
und sei hier aus Mitleid von Aphrodite (nach
Anton. Lib. Transf. 34 von Zeus) in den Baum
verwandelt worden, aus dem die Myrrhe, ein
wohlriechender Balsaan, hervorquillt. Als der
Vater diesen Baum mit seinem Schwerte ge-
spaltet habe, sei Adonis geboren. (Vgl. auch
Serv. z. Verg. Aen. 5, 72 u. Fulgentius Mytli.
3, 8). Der Schol. zu Tlieokr. icl. 1, 107 giebt
als Grund des Zornes der Aphrodite an, dafs
Myrrha ihre Haare für schöner als die der
Göttin erklärt habe. Lactant. Plac. 10 fab. 9
(vgl. 10, 10) berichtet, Aphrodite sei auf die
Schönheit der Mutter der Smyrna, Kenchreis,
eifersüchtig gewesen; Servius z. Verg. Ed. 10,
18, nicht Aphrodites, sondern des Sonnengot-
tes Zorn habe Smyrna ins Verderben gestürzt.
Mit ganz besonderer Vorliebe haben spätere
Dichter und Schriftsteller , namentlich Ovid,
darzustellen versucht, auf welche Weise die
Amme die verbrecherische Neigung der Myrrha
erfahren, sie zu befriedigen und den Vater zu
täuschen gewufst habe (Ovid. Met. 10, 435 f.
Anton. Lib. Transf. 34. Theodor, b. Stob. serm.
64, 34. Schol. z. Oppian. Halieut. 3, 403. Serv.
3*
71 Adonis (Mythus)
Adonis (Beinamen) 72
z. V erg. Ecl. 10, 18), während nach anderen
Myrrha ohne Beihilfe der Amme den Vater
trunken gemacht haben soll ( Hygin . fab. 164°.
Servius ad Aen. 5, 72. Fulgent. Myth. 3, 8.
Nicephorus Progymn. 2, 2, bei Walz Bhet. Gr.
1, p. 430).
Ebenso gab es auch in betreff der Geburt
des Adonis mannigfache Versionen. So erzäh-
len Ovid. Met. 10, 505. Tzetzes z. Lylcophr. v.
829. Nicephorus a. a. 0. Doxopater b. Walz io
Bhet. Gr. 2 p. 246 übereinstimmend mit Apol-
lodor, dafs Adonis a,us der von selbst gebor-
stenen Rinde des Myrrhenbaumes geboren sei,
während Servius (z. Verg. Aen. 5, 72 u. Ecl.
10, 18) berichtet, dafs ein Eber dieselbe mittelst
seines Zahnes oder der Vater mit seinem
Schwert (s. oben) gespalten habe. Nach Ovid.
Met. 10, 514 u. Servius Ecl. 10, 18 wurde das
eben geborene Kind von Nymphen erzogen.
Mit grofser Übereinstimmung wird berichtet, 20
dafs Adonis ein wunderschöner jugendlicher
Hirte oder Jäger gewesen und von Aphrodite
innig geliebt worden sei ( Theolcr . id. 1, 109.
з, 46 u. Schol. 20, 34, 15, 84. Mosch. 5, 35.
Uv. Met. 10, 525. Orph.Hy. 66, 7. Grat. Fal.
Gyneg. 66. Io. Damascenus Vita Barlaam
in Boissonade Anecd. Gr. 4, 248; mehr b.
Gr.eve de Adonide S. 11 Anm. 2 u. 3). Ver-
geblich ermahnte Aphrodite ihren Liebling
vorsichtig zu sein: auf einer Jagd wurde er so
von einem Eber am Knie verwundet und starb
( Theocr. id. 30. Bion epit. Adon. 7 f. Ov. Met.
10, 710f. Propert. 3, 5, 37 cd. Müller. Apol-
lod. 3, 14, 4. Plut. symp. 4, 5. Macrob. Sat.
1, 21, 4 Jo. Damascenus a. a. 0. Greve S. 11
Anm. 4).
Auch über die eigentliche Ursache seines
Todes existieren verschiedene Überlieferungen.
Nach einigen soll der auf Adonis eifersüchtige
Ares den Eber gesandt oder sich selbst in den- 40
selben verwandelt haben ( Tzetzes z. Lylcophr.
831. Serv. z. Verg. Aen. 5 , 72. z. Verg. Fel.
10, 18. Schol. Theocr. 1, 3 u. 47. Jul. Firmi-
cus de err. prof. rel. 9. Eudocia Viol. 1, p. 24 f.
Nonnus Dion. 41, 209. Aphthonius Progymn. 2
( Walz 1, 61). Anthol. Lat. ed. Biese n. 4 , 20
и. s. w. Greve a. a. 0. S. 12); nach anderen
veranlafste Artemis, die Göttin der Jagd, den
Tod des Adonis ( Apollod . 3, 14, 4. Anthol. Lat.
ed. Biese n. 68), nach Ptol. Hephaistion (1, p. 50
183 , 12 ed. Western.) ; endlich tötete ihn der
in einen Eber verwandelte Apollon, um seinen
Sohn Erymanthos zu rächen, den Aphrodite,
weil er sie im Bade erblickt , mit Blindheit
geschlagen hatte. Eine ganz abweichende Ver-
sion der Adonissage s. b. Serv. z. Verg. Ecl.
10, 18.
Als der Ort, wo die für Adonis so verhäng-
nisvolle Jagd stattfand, wird von Propert. 3,
5, 38 M. Idalion, vom Schol. z. II. 5 , 385 der go
Libanon angegeben. Auf den Libanon weist
auch die von Lucian ( de dea Syria 8. vgl. Stra-
bon 755. v. Baudissin, Stud. z. semit. Beligions-
gesch. 2, 159 f.) überlieferte Beobachtung der
Byblier , dafs eine rötliche Färbung des an
Byblos vorüberfli eisenden Adonis regelmäfsig
in den Tagen eintrete, in welchen der Tod des
Adonis gefeiert wurde.
Auch ein paar sinnreiche Pflanzensagen
haben sich an den Mythus vom Tode des Ado-
nis angeschlossen. So wurde der balsamische
Saft , welcher jedes Jahr aus der Rinde des
Myrrhenbaumes hervorquillt , Thränen der
Myrrha genannt (Anton. Lib. Tr ans f. 34. Co-
lum. de r. r. 10, 172. Opp. Hai. 3, 403 u.
Schol. Avienus descr. orb. terr. b. Wernsdorf
Poet. Lat. min. 5 p. 791 v. 1113. Schol. z. II.
18, 6). Von der Rose wurde erzählt, sie sei
ursprünglich weifs gewesen, aber als sich die
ihrem sterbenden Liebling zu Hilfe eilende
Aphrodite an einem Dorn den Fufs verletzt
habe , durch deren Blut rot gefärbt worden
(Paus. 6, 24, 7. Tzetzes z. Lylcophr. 831. Aph-
thonius Progymn. 2. West ermann Mythogr. p.
359. Philostr. cp. 1 u. s. w. s. Greve a. a. 0.
p. 11 ff.). Endlich wurde die Entstehung der
Anemone mit dem Tode des Adonis in Ver-
bindung gebracht. Nach Ov. Met. 10, 735
sprofst sie aus dem Blute des sterbenden Ado-
nis hervor, während Bion Id. 1, 72 singt: So-
viel Blut dem Adonis entströmt, soviel Thrä-
nen der Göttiü. Rosen entblühten dem Blut
und Anemonen den Thränen.
Zu Ehren ihres schönen Lieblings soll Aphro-
dite nach Ov. Met. 10, 725 f. ein Trauerfest
gestiftet haben. Einige spätere Schriftsteller
fügen der Erzählung vom Tode des Adonis
noch hiozu, Aphrodite sei untröstlich über
ihren Verlust in die Unterwelt hinabgestiegen
und habe hier die Rückkehr des Adonis auf
die Oberwelt erwirkt, und so habe dieser fort-
an entweder zwei Drittel oder die Hälfte des
Jahres bei jener Göttin verlebt. (. Theocrit . id.
15, 102. 136 f. 144. Hygin. f. 251. Orplnc. liy.
56, 10. Glaudian, in nupt. Honor. et Mar. fesc.
1, 16. Jo. Damascenus b. Boissonade Anecd. gr.
4, 248). Von der Liebe der Persephone zum
Adonis handeln folgende Stellen (vgl. Greve a.
a. 0. p. 14): Orpli. hy. 56, 9. Ausonius epit.
in Glauciam. Id. Cupido cruci affixus v. 57 f.,
Clemens Al. Protr. p. 21 C. Sylb. Just. Mar-
tyr , Apol. 1 , 33. Anthol. Gr. ed. Jacobs 5,
289, 9). Weitere Adonissagen s. bei Greve a.
a. 0. 15 ff.
Als Söhne des Adonis sind zu erwähnen:
Priapos, den Aphrodite nach ihrem Umgänge
mit Adonis und Dionysos geboren haben soll
(vgl. Etym. M. s.v. ’AßagriSa. Eudocia Viol. s. v.
"Adcovie. Tzetzes z. Lylcophr. v. 831. Schol. z.
Theolcr. id. 1, 81. Schol. z. Apoll. Bli. 1, 932),
ferner Golgos, der Eponymos von Golgoi auf
Cypern (Schol. z. Theolcr. id. 15, 100), endlich
Hystaspes und Zariadres (Ghares Mytil. b. Athen.
p 575). Eine Tochter des Adonis Beroe er-
wähnt Nonn. Dion. 41 , 155 u. ö.). inbetreff
der verschiedenen Dichter (Sappho , Panyasis,
Praxilla u. s. w.) und Rhetoren, welche den
Adonismythus behandelt haben, s. Greve a. a.
0. 18 ff.
Namen und Beinamen des Adonis. Über
die verschiedenen Formen des Namens Adonis
selbst s. oben. Sie alle gehen zurück auf das
phönikische Wort Adon Herr, welches übrigens
auch ein ehrendes Epitheton anderer Götter
war. (Vgl. von Baudissin Studien z. semit. Be-
ligionsgesch. Leipz. 1876 1, S. 299 f.). Aufser-
73
Adonis (Kult)
74
dein kommt noch der ebenfalls phönikische
Name riyyQag in Betracht, der von yiyypag
oder yiyygog Flöte abzuleiten ist und den Gott
als einen mit Flötenspiel gefeierten bezeichnet
( Pollux . On. 4, 10. Athen. 174). In Cypern
hiefs Adonis Kiqig oder Kvoig ( Hesych . u. Etym.
AI. s. v.), rav org {Tzetzes z. Lylcophr. 831) und
TJvyfiaicov {Ilvyyah'uivl Vgl. Hesych. s. v.),
in Perga ’Aßcoßdg {Hesych. u. Etym. AI. s. v.),
ein Name, den Engel, Movers und Preller wohl
mit Recht vom semitischen abub (ambub) Flöte
ableiten wollen (vgl. die collegia Ambubaiarum
b. Horat. S. 1, 2, 1). Noch andere, wahr-
scheinlich ebenfalls semitische Namensformen
sind 'Ewog ( Schol . z. Dion. Per. 509) , ’Aüog
{Phileas im Etym. M. u. Hesych. s. v.) und
’Hoigg {Hesych ). Ob der Name (hsqsnXfi g {He-
sych. s. v. <I>SQ£tiXfa) semitisch oder griechisch
sei, ist schwer zu entscheiden. (Vgl. übrigens
Greve, de Adonide, Leipziger Dissertation 1877
S. 47 ff.).
Kult des Adonis. Ursprünglich blühte
der Kult des Adonis vorzugsweise an der se-
mitischen Küste Nordasiens , namentlich in
Phönikien. Als Hauptstätten seiner Verehrung
werden genannt : Byblos {Lucian de Syria Dea
6 f . Strab. 755 etc.), Aphaka (vgl. Etym. AI.
s. v.), der Libanon {Musaeus zu naft’ ’Hqco 47),
Antiochia in Syrien {Amin. Marc. 22, 9, 15),
Alexandria in Karien am Latmos {Stepli.
Byz.), Perga in Pamphylien , Sestos {Mu-
saeus a. a. 0. 42 f.), endlich Kypros und Ky-
thera. Von hier aus scheint der Dienst und
Mythus des Adonis schon frühzeitig nach
Griechenland gelangt zu sein. So wissen wir
von einem Adoniskult zu Argos und Athen
{Paus. 2, 20, 6. Plut. Nie. 13. Alcib. 18. Phe-
recr. fr. 338. Mein. Ar. Lys. 389 etc.). Auch
zu Dion in Makedonien {Greve je. a. 0. 29) und
namentlich in Alexandrien in Ägypten scheint
Adonis hoch verehrt worden zu sein (vgl. be-
sonders Thedkrit. Id. 15). Von den römischen
Kaisern soll namentlich Heliogabalus den Kult
des Adonis und der mit ihm verbundenen Sa-
lambo , d. i. der syrischen Venus , gefördert
haben. {Lamprid. Heliog. 7. Etym. M. v. Za-
Xaußdg). Das an allen Kultstätten gefeierte
jährliche Fest des Adonis hiefs ’A8o)via (vgl.
darüber Greve de Adonide S. 24 — 31). Die
Gebräuche dieses Festes scheinen verschiedener
Art gewesen zu sein, je nachdem die Feier in
den Frühling oder in den Hochsommer fiel.
„Entweder nämlich ging ein Trauertag voraus
und die Verherrlichung des Wiederauflebens
des Adonis folgte, oder man stellte zuerst das
bräutliche Zusammenleben des Gottes mit Aphro-
dite dar, uncl darnach sein Scheiden, aber
nicht ohne die Bitte um gnädige Wiederkehr
im nächsten Jahre. Von ersterer Form bietet
Byblos ein Beispiel. Da hier die Begehung in
den Frühling fiel {o. Bciudissin, Studien a. a. 0.
298), stellte man zuerst das Bild des Adonis in
Gestalt eines Toten aus, welcher unter den Kla-
geliedern (. ’Ad'wviacfioi ), Thränen und Jammer-
rufen der an ihre Brust schlagenden Weiber
mit Totenopfern und unter Flötenbegleiturig
vermutlich zu Grabe getragen wurde. Am
Tage darauf aber holte man ihn jubelnd wie-
Adonis (Kult)
der hervor und sagte , er sei auferstanden
{Lucian. de dea Syr. 6). Ebenso scheint das
athenische Adonisfest in den Frühling gefal-
len zu sein {Greve, de Adonide 45). Die zweite
Weise der Feier lehrt nicht blofs Antiochia
{Amm. Alarc. 22, 9, 15), sondern auch Alexan-
dria kennen , wo nach Ausweis der um die
Bahre gehäuften soeben gereiften Früchte die
Begehung in den Spätsommer gefallen sein
rnufs {Engel, Kypros 2, 547).“ Sehr berühmt
ist die Beschreibung der glänzenden von Ptole-
maios Philadelphos und seiner Gemahlin an-
gestellten Feier, welche uns Theokrit in sei-
nem 15. Eidyllion gegeben hat. „Auf purpur-
nem Polster ruhte Adonis, das Bild eines Acht-
zehnjährigen in schönster Jugendfülle, neben
ihm war auf gleiche Weise Aphrodite gebet-
tet. Neben ihnen und rings umher standen oder
lagen Früchte jeder Art und Adonisgärtchen,
in silbernen Körben Kuchen aus Mehl, Honig
und Öl, allerlei [gebackene?] Tiere, fliegende
und kriechende. Auch grüne Laubdächer waren
errichtet, mit zartem Dille belastet, über welche
Eroten hinflatterten, wie junge Nachtigallen,
die von Zweig zu Zweig hüpfend den ersten
Flug versuchen. Eine Sängerin trug Aphrodi-
tens Lob vor, wie ihr die Horen nach Jahres-
frist den Adonis aus dem Acheron zuriiekge-
führt hatten. Heute , so schlofs die Sängerin,
möge Aphrodite des Adonis sich erfreuen, mor-
gen mit dem Frührot wollen wir Weiber ihn
ins Meer tragen , mit aufgelösten Haaren, das
Gewand zerreifsend, die Brust entblöfsend und
lauten Gesang erhebend: „Sei uns gnädig, lie-
ber Adonis, jetzt und im künftigen Jahre!
Freundlich kamst du und freundlich komme,
wann du wiederkehrst.“ Und auch das zu-
schauende Volk singt- „Gehab dich wohl, ge-
liebter Adonis, und zu Glücklichen komme zu-
rück!“ (Vgl. Mannhardt, ant. Wald- u. Feldlc.
S. 277 f.). Ähnliche Festgebräuche gab es in
Athen, denn auch hier finden wir eine Ausstel-
lung von Totenbildern {Hesych. s. v. y.a&idQa),
auch hier klagten und weinten die Weiber auf
den Dächern und sangen Trauerlieder und schlu-
gen sich an die Brust {Flut. Ale. 18. Nicias
13. Arist. Lys. 389 ff). Eine besondere Rolle
bei allen Adonisfesten scheinen die sogenann-
ten Adonisgärtchen {nynoe ’Aöcovidog) gespielt
zu haben, d. h. Blumentöpfe mit allerlei künst-
lich getriebenen Pflanzen (Blumen, Getreide,
Fenchel und Lattich), welche ebenso schnell,
wie sie gewachsen waren, auch wieder verwelk-
ten, das deutliche Symbol der rasch aufblühen-
den und rasch wieder verwelkenden Vegeta-
tion der schönen Jahreszeit (vgl. Greve, de
Adonide S. 37 ff Mannhardt a. a. 0. S. 279,
Anm. 2). Von einer eigentümlichen Festsitte
in Byblos berichtet Lucian de dea Syr. 6 (vgl.
auch die von Greve a. a. 0. S. 36 angeführten
Stellen). Darnach schnitten sich die Frauen
beim Trauerfeste die Haare ab, wie die Ägyp-
ter, wenn der Apis gestorben war. Diejenigen
aber, welche sich diesem Opfer nicht unter-
ziehen wollten, hatten die Pflicht, sich einen
Tag lang den auf dem Markte zusammenströ-
menden Fremden zur Schau zu stellen und
einem derselben ihre Schönheit preiszugeben,
75
76
Adonis (in d. Kunst) Adonis (Deutung)
den Erlös aber der Göttin zu weihen. Der- lern verpflanzten Tamruuz oder Duniuzi, der
selbe Gebrauch rnufs auf Cypern bestanden als Geliebter der Istar (= Astarte, Aphrodite)
haben, wie die zur Erklärung desselben erfun- gefafst wurde. Als Istar ins Totenreich geht,
dene Erzählung beweist, die leiblichen Schwe- um ihren Geliebten heraufzuholen, hört alle
stern des Adonis, Kinder des Kinyras, die Jung- Zeugung und Fruchtbarkeit unter den Men-
frauen Orsedike, Laogore und Braisia hätten sehen auf. Schliefslich wird Dumuzi durch
sich fremden Männern preisgegeben ( Apollod . Besprengung mit Wasser wieder belebt ( Lenor -
з, 14, 3). Offenbar wollten, wie Mannhardt mant, die Anfänge d. Kultur 2, 58 ff. Mann-
a. a. 0. S. 284 erkannt hat, die Frauen mit hardt, ant. Wald- u. Feldkulte S. 274 f.). Ähn-
diesem Gebrauche das Beispiel der Aphrodite io liehe Mythen und Gebräuche finden sich an
selbst nachahmen, welche mit dem wiederkeh- den verschiedensten Orten wieder, z. B. in Grie-
renden Adonis sich aufs neue vermählt. chenland (Linosklage, Hyakinthos, Narkissos)
Bildliche Darstellungen des Adonis in Ägypten (Maneroslied.) und in Nordeuropa
sind nicht eben zahlreich und gehören meistens (vgl. namentlich Mannhardt a. a. 0. S. 286 ff),
der späteren Kunst an. Einzelstatuen sind bis Die wesentlichen Punkte , welche der Ado-
jetzt nicht sicher nachgewiesen. Häufiger niskultus und -mythus mit den soeben an-
kommt Adonis in Kompositionen vor, welche geführten Parallelen gemein hat, sind kurz
den auf die Jagd reitenden und von Aphrodite folgende: a) Die schöne Jahreszeit und ihre
Abschied nehmenden Adonis, seine Verwundung Vegetation ist personificiert als ein schöner
durch den Eber, die Trauer der Aphrodite um 20 Jüngling, h) Derselbe wird im Kultus darge-
ihn u. s. w. darstellen. Solche Darstellungen stellt durch eine menschenähnliche Figur und
finden sich auf Sarkophagen, etruskischen Spie- die leicht welkenden Kräuter der Adonisgär-
geln (mit der Beischrift Atunis), Wandgemäl- ten. c) Er kommt im Frühling und tritt in
den (vgl. Plaut. Men. 1, 2, 3l) und Gemmen. das Verhältnis des Bräutigams oder Gatten
(Vgl. darüber C. 0. Müller , Lldb. d. Archäol. 3 zu einer liebenden Göttin, welche, mag man
§378,3. 0. Jahn, Archäol. Beitr. (1847). S. 45 ff. sie nun als Mond oder Venusstern fassen, vor-
Ders. Sur les representations d' A. Paris 1846. zugsweise eine Göttin der Fruchtbarkeit auf
Brunn in Paulys Bealenc. I2, 1 S. 178. Mül- Erden ist. d) Im Hochsommer stirbt der Gatte
ler- Wieseler , Denkm. d. a. K. 2 No. 292 oder Bräutigam und weilt während des Herb-
и. 292 a. Kalkmann , Arch. Ztg. 1883 S. 110A. 30 stes und Winters in der unsichtbaren Welt
11 , der auf gewisse Übereinstimmungen der des Todes, e) Mit lauter Klage wird seine
Adonis- und Hippolytosdarstellungen hin- Bestattung, mit Jubel sein Wiedererscheinen
weist). Das hier nach Bouillon Musee 3, gefeiert. Beide Feiern sind im Frühling und
p. 56 Fig. 3 u. Clarac Musee de Sculpt. T. 2 Hochsommer in verschiedener Ordnung ver-
Adonis auf der Eberjagd.
pl. 116 n. 85 (vgl. Müller -Wieseler a. a. 0. 50 bunden. f) Das Bild des Dämons und die ihn
No. 292) abgebildete Relief der sinkenden repräsentirende Pflanze werden mit Wasser
Kunst aus dem Louvre stellt rechts Adonis begossen, in Quellen oder ins Meer geworfen
mit einer Chlamys bekleidet dar , während (Regenzauber?), g) Das göttliche Lenzbraut-
neben ihm Aphrodite sitzt, welcher Eros den paar wird nachgeahmt durch den religiösen
Spiegel hält; ein junger Jäger bringt die Nach- Brauch eines zeitweiligen geschlechtlichen Bun-
richt von den Verwüstungen, die ein Eber an- des eines Mannes und einer Frau. (Nach Mann-
richtet, und fordert Adonis zur Jagd auf. In hardt a. a. 0. S. 286).
der Mitte ist der von dem ungeheuren Eber Literatur. Die ältere Literatur findet sich
verwundete Adonis dargestellt; drei Jäger be- ziemlich vollständig zusammengestellt bei Greve,
mühen sich umsonst ihm Hilfe zu leisten. 60 de Adonide Leipzig, 1877 S. 2. Aus neuerer Zeit
Links erblickt man die letzte Umarmung des sind zu erwähnen: Lübeck, Aglaopli. 1 p. 460 ff
verwundeten Adonis und der Aphrodite, die 1050 ff. Movers, Die Phönizier 1 S. 191 — 253.
Diener und Dienerinnen beider äufsern ihre W. H. Engel, Kypros 2 S. 536 — 643. H. Brugsch,
Trauer um den Frühvollendeten. Adonisklage u. Linoslied Berl. 1852. Clrnol-
Die Deutung des Adonismythus und -kul- son, über Tammüz und die Menschenverehrung b.
tus ist in der Hauptsache schon längst gege- d. alten Babyloniern. Petersburg 1860. v. Bau-
beo. Sie erhellt namentlich aus den verwand- dissin, Studien z. semit. Beligionsgesch. 1 Leipz.
ten Mythen des aus Babylonien nach Jerusa- 1876. Preller, gr. Myth? 1 S. 272 ff. Stoll in
77
Adranos
Adrastos
78
Paulys Bediene. 1 2 S. 175 ff. Greve a. a. 0.
Mannhardt , ant. Wald- u. Feldlculte S. 273.
Lenormant , il mito di Adone Tammuz. Atti
ä. 4. Conyr. internaz. d. Orient. 1878. Vol. 1.
Paris. F. Liebrecht, Zeitschr. d. Deutschen Mor-
genl. Ges. 17, 397 f. u. wieder abgedruckt in
desselben Zur Volkskunde. Alte u. neue Auf-
sätze. Heilbronn 1879 S. 251 f. [Roscher],
Adranos ( ’Aägavog ), ein dem Hephaistos (Vul-
canus) oder Zeus vergleichbarer , in Sicilien
und besonders in Adranon am Ätna verehrter
Gott (Serv. V. A. 9, 584), Vater der Paliken.
Blut. Tim. 12. Diod. 14, 37. Steph. Byz. s. v.
"Aögcevov. Hesych. s. v. TIah.-n.OL. Nach Ael. nat.
an. 1 1 , 20 wurden in seinem Tempel gegen
tausend Hunde gehalten, welche die Ankom-
menden bei Tage freundlich bewillkommneten,
die Trunkenen Nachts geleiteten, die Schlech-
ten aber zerrissen. Vgl. G. Hermann, Üpusc.
7, 322. Der Kopf des Adranos mit der Bei-
schrift AAPANOT findet sich auf dem Avers
einer Münze der Mamertiner, deren Rückseite
das Bild eines Hundes zeigt: Eckhel, D. N. 1
p. 224. Die Tempelstatue des Adranos führte
eine Lanze ( Plut . a. a. 0.). Über Adranos als
Vater der Paliken vgl. Creuzer, Sy mb. 3 3, 817ff.
Michaelis, Die Paliken , Halle 1856 S. 50 ff
Welcher, Götterl. 3, 138 ff. S. auch Palikoi.
[Roscher.]
Adraste (ASggazg) , eine Dienerin der He-
lena. Od. 4, 123. [Roscher.]
Adrasteia {’AdguGzsux , Adygczstcc , ’Adgaczia
Hesych. u. C. I. G. 5973, lat. Adrastea u. -ia)
1) Tochter des Zeus Eur. Blies. 342, gewöhn-
lich mit Nigscig (s. d.) identificiert {Antim.
b. Harp. u. Suid. s. v. ASg. Hesych. Strab. 588
Verg. Cir. 239. Lib. narr. 4. t. 4. p. 1100 R.
Amm. 14, 11, 25. s. jedoch auch Menandros,
u. Nikostratos b. Suid. a. a. 0. Anth. 9, 405.
12, 160) , daher ’AdgcLGzsia auch als Beiname
der Nemesis gilt, welchen diese Göttin von
ihrem ersten Verehrer, dem phrygischen Kö--
nige Adrastos {II. 2, 828 ff. s. Adrastos 2), er-
halten haben sollte {Strab. Harp. u. Suid.
a. a. 0.). Nach andern wurde der Name
auf den argivischen König Adrastos zurückge-
führt: Lib. u. Suid. a. a. 0. Nach Derne-
trios von Skepsis ( b . Harp a. a. 0.) war
Adrasteia ein Beiname der Artemis, nach Plut.
b. Stob. ecl. phys. 186 der Ei gagysvg. BeaclR
tenswert sind die Redensarten gvv ’Ad'g. =
gvv SiHtj: Eur. Blies. 468; oi rzgoGy.vvovvzsg
zgv ’Adgdaznciv Gocpoi: Aesch. Pr. 935 (wo Adra-
steia offenbar = Nemesis ist); vgl. auch Plat.
rep. 451 a, Dem. or. 25, 37: emsig -g ’Ad'gtxGzeici.
Luc. Symp. 23 u. Schot. Wahrscheinlich war
’AögtxGTfia ursprünglich eine phrygische Gott-
heit und mit der Rhea Kybele identisch. (Vgl.
die Verse der Phoronis b. Schot, z. Ap. Bh. 1,
1129, wo Adrasteia bgsig genannt wird, und die
Idäischen Daktylen ihre Diener heifsen, Aesch.
b. Strab. 580 u. ib. 588. Literatur: Paulys
Bediene. 5, 527 ff. Marquardt Cyzicus S. 103 ff.
Preller gr. MytliA 1, 419. Welcher , Götterl. 3,
35 ff.). Eine bildliche teils an Rhea-Kybele,
teils an Nemesis erinnernde Darstellung der
Adrasteia auf einem den Mythus des Zeuskindes
behandelnden Altarrelief der AraCapitolina(vgl.
unter Adrasteia 2) s. b. Midier- Wiesel er, Denkm.
d. a. K. 2, 805. Vgl. auch Overbeck, griech.
Kunstmytli. Zeus 328 f. Der Name ’Aöqixgziicc
ist entweder phrygischen Ursprungs (vgl. den
Phryger Adrastos II. 2, 828 und die Stadt
Adrastea in Mysien) oder, wie Alexandros
(= Paris) und Xanthos (= Skamandros), die
griechische Übersetzung eines asiatischen Na-
mens. In letzterem Falle ist wohl mit Suidas
und Hesychius (s. v.) und Preller a. a. 0. an
die Ableitung von ÖidgccGssiv (vgl. dvanod'ga-
Gzog) zu denken. Der älteste Kult der Adra-
steia war wohl der von Adrastos am Flusse
Aisepos gestiftete {Strab. 588). Eine Statue
von ihr stand nach Paus. 10, 27, 8 im Tem-
pel des Apollon und der Artemis zu Kirrha.
— 2) Tochter des Melisseus, Schwester der Ide,
der Rhea den in der diktäischen Höhle auf
Kreta neugebornen Zeus übergab; Apoll. 1, 1,
6. Callimach. Hy. in Iov. 47, wo Adrasteia
und Ide Kvgßävzcov szagai, Alhzcciui ytlica hei-
fsen. Nach Apoll. Bh. 3, 133 ff. schenkte sie
dem Zeus eine kunstvolle Kugel zum Spielen,
auf welcher man Zeus auf kretischen Münzen
sitzen sieht. Der Scliol. zu dieser Stelle nennt
sie eine Schwester der Kureten. Vgl. Span-
heim z. Kallim. p. 18. Böttigers Amalthea 1,
27. Höchst wahrscheinlich ist diese Adrasteia
ursprünglich mit der eben erwähnten identisch
( Wieseler Denkm. D. d. a. K. 2, 805 Text ; vgl.
auch Rhea-Kybele). [Roscher.]
Adrastia, nicht sicher lesbar auf einem Al-
tar aus der Nähe von Mikhäza, nordöstl. von
Maros- Vasarhely, Ungarn. C. I. L. 3, 944: Ln
H. D. D. Adrastiae colleg. Utriclariorum. Viel-
leicht identisch mit ’AdgcxGzsiu. [Steuding.]
Adrastos f'Adgaczog, episch ”A8ggGzog) , 1)
König in Argos, Sohn des Talaos und der Ly-
simache , einer Tochter des Abas (oder des
Polybos aus Sikyon, Schot. Find. Nein. 9, 30,
des Kerkyon, Schot. Eur. Phoen. 150. 160),
Enkel des Bias, aus dem äolischen Geschleckte
des Amythaon. Bias und Melampus, die Söhne
des Amythaon, waren aus dem messenischen
Pylos nach Argos ausgewandert, wo Proitos,
der in Tiryns safs, die Herrschaft mit ihnen
teilte. Die Gemahlin des Adrastos war Am-
phithea, die Tochter des Pronax, seine Kinder
hiefsen Argeia, Hippodameia (die Gemahlin
des Peirithoos, Hyg. /'. 33. Schot. Od. 21, 295.
Eustath. p. 1910, 6), Deipyle, Aigialeia, Aigia-
leus, Kyanippos {A-pollod. 1, 9,11. 12. 13. Schot.
Find. Nem. 9, 30. Schot. Eur. Phoen. 150. 422.
Schubart Quaest. geneal. 107 ff. Gerhard Gr.
Myth. 2. Stammtaf. p. 226. 235. 238). Nach
Hyg. f. 69. 70 heifst seine Mutter Eurynome,
Tochter des Iphitos, nach Paus. 2, 6, 3 Lysia-
nassa, Tochter des Polybos; Hyg. f. 71 nennt
seine Gemahlin Demonassa. — Bei einem Auf-
ruhr, der unter den drei herrschenden Geschlech-
tern in Argos, den Proitiden, Melampodiden
und Biantiden , ausbrach , ward der Biantide
Talaos (oder sein Sohn Pronax, des Adrastos
Bruder) von dem Melampodiden Amphiaraos
erschlagen, und Adrastos floh nach Sikyon
zu seinem mütterlichen Grofs vater, dem reichen
Polybos, dessen Tochter er heiratete, und nach
dessen erbenlosem Tod erhielt er die Herrschaft.
79 Adrastos
II, 2, 572. Find. Nein. 9, 9 ff. (20) mit Schul.
zu 20 u. 30. Herodot. 5 , 67. Paus. 2 , 6 , 3.
Serv. V. Aen. 6, 480. Er führte nach Pindar
in Sikyon die pythischen Spiele ein , deren
Stiftung sonst dem Kleisthenes zugeschriehen
wird, und stiftete nach Schul. Find. Nein. 9,
30 das Heiligtum der Hera cUs^ccvSqo? ( Curtius
Pelop. 2, 492. 495). Nachdem er so Macht ge-
wonnen, söhnte sich Amphiaraos mit ihm aus,
und er kehrte auf den Thron nach Argos zu-
rück. Er vermählte seine Schwester Eriphyle
dem Amphiaraos und schlofs mit ihm den Ver-
trag, dafs bei einem etwaigen Streite sie sich
der Entscheidung der Eriphyle fügen wollten.
Apollod. 3, 6, 2. Schol. Find. Nein. 9, 30. Schol.
Od. 11 , 326. Einst geschah es, dafs Polynei-
ke^, der Sohn des Oidipus, durch seinen Bru-
der Eteokles aus Theben vertrieben, und Ty-
deus, der Sohn des Oineus, von Kalydon wegen
Mordes flüchtig, zu gleicher Zeit in stürmischer
Nacht zu dem Hause des mächtigen Adrastos
nach Argos kamen und dort im Vorhof um
das Nachtlager in Streit gerieten. Adrastos,
durch den Lärm herausgerufen, nahm beide in
sein Haus auf und entsühnte den Tydeus von
seinem Mord, und da er beide wie Löwen und
Eber (die Bilder der höchsten Streitbarkeit)
mit einander kämpfen (ältere Sage), oder den
Polyneikes mit einem Löwenfell , den Tydeus
mit einem Eberfell bekleidet sah, oder da der
eine einen Löwen, der andere einen Eber auf
dem Schilde führte, so erinnerte er sich eines
Orakels, das ihm auftrug, seine Töchter mit
einem Löwen und einem Eber zu vermählen,
und gab seine ältere Tochter Argeia dem Poly-
neikes, die jüngere Deipyle (Diipyle, Phere-
kyd. b. Schol. II. 14 , 120) dem Tydeus zur
Ehe und versprach ihnen zugleich , sie beide
in ihre Heimat zurückzuführen und sie in ihre
Rechte einzusetzen. (II, 14, 119 ff. Apollod. 1,
8, 5. 3, 6, 1. Hyg. f. 69. Eurip. Suppl. 131 ff.
Phoen. 411 ff. u. Schol. 71. 135. 137. 411. Diod.
4, 65. Paus. 9, 5, 6. Myth. Vat. 2, 80. Schol.
II. 4, 376. 14, 120. Eustatli. ib. 380. Schol.
Soph. Ant. 831. Stat. Theb. 1, 350 ff. Mna-
seas b. Schol. Eur. Phoen. 411 teilt den Wort-
laut des Orakels mit). So entstand der be-
rühmte Zug der Sieben gegen Theben, welcher
vielfach von alten Dichtern, auch wohl schon
von Homer behandelt worden ist, namentlich
in einem alten Epos, der kyklischen, von den
Alten zumeist dem Homer zugeschriebenen The-
bais oder der Ausfahrt des Amphiaraos ( Wel-
cher Ep. Cylcl, 1, 198 ff. 2, 320 ff.), in der The-
bais des Antimaehos und in der öfter von der
alten Sage abweichenden Thebais des Statius.
Über die späteren Thebaiden s. W elclcerlcl. Sehr. 1,
395 ff. Dieser Zug war ein beliebter Gegenstand
der Tragödien, Overbeck , Gail. her. Bildwerke
1 , S. 79. Teilnehmer des Zuges waren Bian-
tiden und Melampodiden aus Argos , sowie
auch Proitiden aus Tiryns (Kapaneus und Eteo-
klos, Paus. 10, 10, 2. vgl. Schol. Find. Nein.
9, 30), nach späterer Sage auch arkadische
und messenische Bundesgenossen, Paus. 9, 9,
1. Die Atriden von Mykenai dagegen betei-
ligten sich nicht an dem Kriege, da böse Zei-
chen einen unglücklichen Ausgang verkünde-
Adrastos 80
ten, II. 4, 376 fl'. Die sieben Anführer waren
Adrastos, Amphiaraos, Kapaneus, Hippomedon,
Parthenopaios (nach älterer Sage Bruder des
Adrastos), Tydeus und Polyneikes; einige zäh-
len die zwei letzten nicht mit und fügen zu
Eteoklos u. Mekisteus, Apollod. 3, 6, 2. Der
ausgezeichnetste Held ist Amphiaraos (Find.
Ol. 6 , 13 ff.) , der vermöge seiner Sehergabe
den unglücklichen Ausgang voraussah , aber
durch Eriphyles Entscheidung zur Teilnahme
gezwungen ward, s. Amphiaraos. Adrastos
selbst ist der Oberanführer, aber gerade nicht
durch besondere Heldentugenden , wohl aber
durch Herrschertugenden gleich seinem Vater
(Find. Nein. 10, 12) hervorragend, schon ein
älterer Mann und , wie Nestor im Heer vor
Troja, durch Klugheit und Rednergabe ausge-
zeichnet, Stat. Theb. 3, 386. 4, 38. 68. Tyrt.
fr. 12, 8 (Bergk)"Plat. Pliaedr. p. 268 a. We-
der Pindar noch Aschylos heben ihn besonders
hervor. Adrastos ehrte vor dem Auszug die
Helden in seinem Hause durch ein Gastmahl
(Athen. 11 p. 459), das Antimachos in seiner
Thebais beschrieben hatte (fr. 16—21 Stell.
9 — 14 Hübner). Zu Nemea, wo sie dem Ar-
chemoros (s. d.) Leichenspiele aufführen und
so die nemeischen Spiele stiften, hatte Amphia-
raos nochmals Gelegenheit, den unglücklichen
Ausgang der Unternehmung zu prophezeihen ;
wie konnte auch ein glückliches Ende erwar-
tet werden, da ein mit dem Vaterfluch Bela-
dener (Polyneikes) in dem Heere war ! Trotz
aller Warnung zogen sie weiter mit Übermut
und frevelndem Prahlen. Am Ismenos besieg-
ten sie die Thebaner und trieben sie in ihre
Mauern; aber darnach bei der Bestürmung der
Stadt ging das ganze Heer zu Grunde , nur
Adrastos entkam durch sein göttliches Rofs
Areion (s. d.) ; in dunklen Trauergewändern
entfloh er auf dem schwarzmähnigen Rosse
(ei'fiaxci Ivygcc cpsgoiv cvv ’Aqsi'ovl %vccvo%ccuy ,
Theb. Cycl. b. Paus. 8, 25, 5). II, 4, 409. Find.
Nem. 9, 18. Isthm. 6, 10. Aeschyl. Sept. c. Theb.
Soph. O. C. 12. 1249 ff. Antig. 100 ff. Eurip.
Phoen. u. Suppl. Apollod. 3, 6, 6 — 8. Paus. 9,
9, 1. Schol. II. 23, 346. Hyg. f. 70. Schol.
Eur. Phoen. 409. Nach der älteren Sage scheint
Adrastos durch seine tlberredungsgabe die
Thebaner dazu vermocht zu haben, die Leichen
der Gefallenen zur Bestattung vor Theben aus-
zuliefern, Find. Ol. 6, 15. Des Tydeus Grab
ward bei Theben gezeigt, Paus. 9, 18, 2; vgl.
II, 14, 114. Die attischen Tragiker dagegen
haben, um die Humanität ihrer Vaterstadt zu
verherrlichen, die alte Sage umgebildet, indem
sie dichteten , Adrastos sei auf seinem Rofs
Areion auf den Kolonos in Attika geflüchtet
und habe in Athen am Altar des Erbarmens
(Eieos) das Volk angefleht, ihm gegen Theben
beizustehen, das ihm die Leichen seiner Ge-
nossen vorenthalte. Theseus zog gegen The-
ben, eroberte es und verhalf so dem Adrastos
zur Bestattung seiner Freunde, Apollod. 3, 7, 1 ;
vgl. IHod. 4, 65. Theseus brachte die Leichen
nach Eleusis und bestattete sie. dort, Eurip.
Suppl, Paus. 1 , 39 , 2. Schon Äschylos hatte
davon gedichtet in der ’Elsvaivioi , Flut. Thes.
29. — • Nach zehn Jahren unternahm Adrastos
io
20
30
40
50
60
81 Adrastos
mit den Söhnen der im ersten Kriege Gefalle-
nen, den sogenannten Epigonen, einen zweiten
Zug gegen Theben. Ihr Heer war geringer an
Zahl als das ihrer Väter; aber sie zogen ans
unter günstigen Zeichen der Götter und er-
oberten Theben, wo sie den Sohn des Poly-
neikes,' Thersandros, als König einsetzten. Sie
kehrten alle glorreich in die Heimat zurück;
Adrastos aber hatte den Sieg teuer erkauft
durch den Tod seines Sohnes Aigialeus (s. d.), der
in der Schlacht bei Glisas durch Laodamas,
den Sohn des Eteokles, allein von den Führern
gefallen war. II. 4, 405 ff. Find. Fyth. 8, 48 ff.
Apollod. 3, 7, 2—4 (wo die Namen der Führer
aufgezählt sind). Paus. 9, 5, 7. Hyg. f. 71.
Suid. v. ’Adqdazsiu. Vor Alter und Schmerz
über seinen Verlust starb Adrastos auf der
Rückkehr zu Megara , Paus. 1 , 43 , 1 . Nach
Hyg. f. 242 stürzten sich Adrastos und sein
Sohn Hipponoos infolge eines Orakelspruchs des
Apollon ins Feuer und gaben sich den Tod.
Man zweifelt, ob dies der argivische Adrastos
sei. Der Name des Sohnes Hipponoos scheint
auf den Argiver hinzuweisen; wie diesem mit
Bezug auf sein berühmtes Rofs Areion ein
Sohn Kyanippos zugeteilt wird, so scheint auch
der Name Hipponoos durch seine Verbindung
mit diesem Rosse veranlafst zu sein. Vielleicht
stürzte sich Adrastos nach der Dichtung, welche
Hygin vor Augen hatte, mit seinem Sohn in
das Feuer, welches die Leiche des Aigialeus
verzehrte, wie Euadne in den brennenden Holz-
stofs des Kapaneus. Adrastos ward als Heros
verehrt zu Megara, Paus. 1, 43, 1. Nach Dieu-
tychas bei Schol. Find. Nem. 9, 30 war das
wirkliche Grab des Adrastos zu Megara , ein
Kenotaph desselben zu Sikyon (auf dem alten
Markt, Gurt. Peloponn. 2, 496). Verehrt ward
er auch zu Sikyon, Herodot. 5, 67; auf dem
attischen Kolonos hatte er ein Heroon, Paus.
1, 30, 4. In Argos sah man noch in später
Zeit die Reste seines Palastes unmittelbar neben
dem Tempel des Dionysos, mit welchem er
wohl auch hier identisch war. Paus. 2, 23, 2.
Bursian Geogr. 2, 55. S. Preller Gr. Myth.
2, 350 — 367. Gerhard Gr. Mytli. 2. §. 745 f.
748. 802 — 804. 831. — Adrastos war ursprüng-
lich ein göttliches Wesen einer veralteten Natur-
religion, das zu einem Heros herabgesunken
ist, Welcher Ep. Cylcl. 2, 321. Gr. Götterl. 1,
447. Derselbe, zu SchwencJcs Andeutungen 302 ff.,
erklärt den Sohn des Talaos (v. &uXka) als
die Fülle des Sprossens (v. aägos, adgos, vgl.
aÖQoavvrj , Fülle der Ähren, lies. Erg. 471),
so dafs er eine dem Phoroneus ähnliche chtho-
nische Potenz war. Ein solches mit der näh-
renden Erde in Beziehung stehendes Wesen
hatte Ähnlichkeit mit Dionysos , und daraus
erklärt sich die bedeutungsvolle Nachricht bei
Herodot a. a. O., dafs an die Stelle des Kul-
tus des Adrastos , dessen nafty die Sikyonier
seit alter Zeit durch tragische Chöre gefeiert
hätten, durch den sikyonischen Tyrannen Klei-
sthenes aus Ilafs gegen Argos der Kultus des
Dionysos eingesetzt worden sei. Sikyon war
in alter Zeit cler ausgezeichnete Sitz des Adra-
stos, er war dort der erste König (11. 2, 572.
Schol. Find. Nem. 9, 30 ; auch der Name seines
Adrastos 82
Sohnes Aigialeus weist auf Sikyon), wiewohl
von alters her sein Kultus auch an andern
Orten bestanden haben mag, und erst als er
zu einem gewöhnlichen Heros umgewandelt
worden war, und Argos durch die Ausbildung
des trojanischen Sagenkreises allgemein als
der Sitz der ältesten Hegemonie der Pelopon-
nesos betrachtet wurde, versetzte man ihu, den
Führer der peloponnesischen Expedition gegen
Theben, gleichsam als Vorläufer des Agamem-
non, vorzugsweise nach Argos und machte ihn
zum Herrscher der Stadt. Als Heros steht er be-
sonders im Dienste der Adrasteia-Nemesis (s. d.)
und ist der Held , welcher das über Theben
verhängte Geschick zur Erfüllung bringt; als
solcher ist er der unentrinnbare Rächer (u-dc-
öqÜgxco), s. Stoll , die ursprüngliche Bedeutung
des Ares 29. — Am Throne des Apollon zu
Amyklai waren Adrastos und Tydeus darge-
stellt, wie sie den Amphiaraos und Lykurgos,
des Pronax Sohn, im Kampfe hemmen (Tydeus
und Amphiaraos sind verwechselt Stat. Theb.
5, 660 ff.), Paus. 3, 18, 7. Heyne Antiquar.
Aufs. 1 , 40. Welcher Ep. Cylcl. 2 , 351. Zu
Delphi stand seine Statue, ein Weihgeschenk
der Argiver , mit denen seiner Gefährten,
Paus. 10, 10, 3; eine andere in Argos, Paus.
2, 20, 4. In den Darstellungen der erhaltenen
Vasengemälde, die sich auf den Sagenkreis der
Thebais beziehen, spielt Adrastos eine hervor-
ragende Rolle, wie in der betreffenden Poesie,
vgl. Overbeck Gallerte 1 S. 81 ff. u. Tf. 3, 2 — 4.
Ein archaistisches Vasenbild (Arm. d. Inst. 1839.
p. 255 ff. tan. P. Overbeck a. a. O. S. 88 n. 3.
Taf. 3, n. 4) stellt übereinstimmend mit Stat.
Theb. 1, 524 — 539 die Aufnahme des Polynei-
kes und Tydeus bei Adrastos dar. Auf einem
vielbesprochenen etruskischen Karneolscarabäus
der stoschischen Sammlung, bei Lippert Dakty-
lioth. Mül. 3. S. 2 n. 36. Müller Denkm. 1,
63, 319. Overbeck Gail. 1 S. 81 n. 1 (Taf. 3
n. 2), ist nach Welckers und Overbecks Deu-
tung die Wahrsagung des Amphiaraos im
Hause des Adrastos über den unglücklichen
Ausgang des thebanischen Zuges in Gegenwart
des Adrastos, Tydeus, Parthenopaios und Poly-
neikes abgebildet; ein etruskischer Spiegel bei
Gerhard etrusk. Spiegel 1, Taf. 78 u. Overbeck
Gail. 1, S. 84 (Taf. 3 n. 3) stellt nach Over-
becks Deutung dar, wie vor Adrastos Amphia-
raos vom Kriege abrät, während Tydeus, das
Halsband der Harmonia in der Hand, für den
Krieg spricht. S. Müller Handb. d. Arch.
§. 412, 3. Heydemann Arch. Ztg. 1866, 130,
T. 206. — 2) Heros der Stadt Adrasteia in My-
sien, welcher dort der Göttin Adrasteia (s.d.) ein
Heiligtum gebaut haben sollte, Apoll. Eli. 1,
1116 mit Schol. Strab. 13, 588. Suid. u. Steph.
B. ’Ad'QttGTUct. Antimach b. Strab. a. a. 0. (Stoll
fr. 41. Bühn. 36). Eustuth. zu II. 2, 828. Die-
ser kleinasiatische Adrastos scheint mit dem
argivisch-sikyonisehen gleichen Wesens (Wel-
cher bei Schwende Andeutungen 303) und mit
der Zeit erst , gleich diesem , in einen Heros
umgewandelt zu sein, dessen Name dann wie-
der in der trojanischen Sage auftritt. Vielleicht
ist er identisch mit — 3) dem Vater der Eu-
rydike, Gemahlin des llos, dem sie den Lao-
ii)
20
30
40
50
GO
83
Adrias
Aedon
84
medon gebar, Apollod. 3, 12, 3. — 4) Sohn
des Weissagers Merops aus Adrasteiä, ein Bun-
desgenosse der Troer, von Diomedes getötet,
II. 2, 828 ff. 11, 328 ff. — 5) Ein Troer, von
Patroklos getötet, II. 16, 694. — 6) Ein Troer,
welchen Menelaos gefangen nahm und Aga-
memnon niederhieb, II. 6, 37. 64. Tzetz. Pom.
120. vgl. Schol. II. 13 , 643. — 7) Ein Sohn
des Polyneikes, einer der Epigonen, Paus. 2,
20, 4. [Stoll], l
Adri as (ASqiaq) , Sohn des Messapiers Pau-
son (Auson?), von welchem das Adriatische
Meer seinen Namen haben soll : Eudöxos im Et.
M. 19, 1. [Roscher.]
Adristas [Adgiaraq odexAtQLGTag ?), nach Paus.
8, 4, 1 ein Heros, von welchem Arkas die Woll-
arbeit ( tu i g r uXtxoiav) erlernt haben soll. Der
Name ist wahrscheinlich von drQt'^a&ca, =
ngvso&ai ( Ilesych . s. v. ccxqi&tcu) und utqiov
(att. rjtniov , vgl. Curtius Gr dz. d. gr. Etym.5 2
60) abzuleiten und bedeutet also den Weber,
d. h. den Heros eponymos oder Erfinder der
Weberei. Ganz ähnlich sind Namen wie Dai-
ton (Daites), Keraon, Akratopotes, Deipneus,
Mylas, Kalamites u. s. w. gebildet, welche lau-
ter heroisierte Stifter von Gewerben und Thä-
tigkeiten bezeichnen. Vgl. darüber Roscher in
Fleckeisens Jahrbb. 123 S. 670 ff. [Roscher.]
Adryades fASgrddsg) = Hamadryades (s. Nym-
phai). Die Form findet sich z. B. bei Prop. 1, 31
20, 12 u. Nonn. Pion. 2, 92. [Roscher.]
Adrymes (Adqvyrj g), Gründer der Stadt ’Aöqv-
grjg in Libyen ( Steph . Byz. s. v.). [Roscher.]
Adsailuta, Name einer barbarischen Gottheit
auf Inschriften, die bei Laibach (Aemona) und
Ratschach, also in Pannonia Superior gefunden
sind: Orelli- Uenzen 5864 u. 5911. [Roscher.]
Adyte fAdvrrf) eine der Danaiden (s. Äi-
gyptos Apollod. 2, 1, 5. [Roscher.]
Aea etc. s. Aia. 4
Aecetia = Aequitas (s. d.).
Aecorna (Aecurna) s. Aequorna.
Aedon ( ’Arjdcöv ), a) nach Homer Od. 19, 518 ff.
(vgl. Aesch.Ag. 1143. fr. 283. N. Soph. El. 107,
148, 1077. Paus. 9, 5, 9 etc.) die in eine
Nachtigall verwandelte Tochter des Pandareos
(s. d.) und Gattin des Zethos von Theben (s. d.),
welche im frischen Laube wohnend, beim Be-
ginn des Frühlings ihrem aus Versehen von
ihr selbst gemordeten geliebten Sohne Itylos 5
ein wunderschönes melodieenreiches Lied singt.
Die Ergänzung dieser homerischen Legende
liefern die Scholien z. Od. a. a. 0. u. Eu-
stath. p. 1875, 15 ff. , die sich auf Pher#-
kydes (vgl. Sturz, fr. 29) berufen. Darnach
war Aedon die älteste Tochter des Pandareos
von Milet und der Harmothoe (ihre beiden
Schwestern hiefsen Kleothera und Merope) und
Gemahlin des Zethos von Theben, dem sie einen
einzigen Sohn, den Itylos, gebar, während ihre 6
Schwägerin Niobe (nach andern die Hippome-
dusa), die Gemahlin des Amphi on, einen viel
reicheren Kindersegen hatte. Aus Neid be-
schlofs Aedon den ältesten Sohn der Niobe,
den Amaleus, der mit Itylos zusammen schlief,
zu ermorden, traf aber aus Versehen ihr eige-
nes Kind. Trostlos darüber (oder deshalb von
Zethos verfolgt) flehte sie die Götter um Gnade
an, und diese verwandelten sie in eine Nachti-
gall (drjSißv). Nach einer anderen Tradition
(a. a. 0.) tötete Aedon den Itylos absichtlich
um der Rache ihrer erzürnten Schwägerin zu-
vorzukommen. — b) Anders erzählte Boios in
seiner Ornithogonie (vgl. Anton. Lib. 11) die
Sage von Aedon. Nach diesem war Aedon die
Gattin des Künstlers Polytechnos, welcher zu
Kolophon in Lydien wohnte, und gebar einen
einzigen Sohn Itys So lange sie die Götter
ehrten, waren sie glücklich; als sie sich aber
frevelhafter Weise gröfserer ehelicher Liebe
als Zeus und Here rühmten, sandte ihnen Here
zur Strafe die Eris , welche einen Wettstreit
in Kunstarbeiten in ihnen erregte. Da Poly-
technosgerade mit der Herstellung eines Wagen-
stuhls und Aedon mit einem Gewebe beschäf-
tigt war, so machten sie unter einander aus,
wer von ihnen zuerst sein Werk vollende, solle
dem andern eine Sklavin geben. Aedon ge-
wann mit Hilfe der Hera die Wette, Polytech-
110s aber reiste erbittert zu seinem Schwieger-
vater nach Ephesos und gab vor, von Aedon
geschickt zu sein, um ihre Schwester Chelidon
zu ihr zu führen. Pandareos gab sie ihm. Un-
terwegs schändete sie Polytechnos , zog ihr
andere Gewänder an, schnitt ihr das Haar ab
und bedrohte sie mit dem Tode, wenn sie seine
Schandthat der Aedon verraten würde. So
diente Chelidon eine Zeitlang ihrer Schwester
unerkannt als Sklavin; als sie aber einmal an
einer Quelle laut ihr Leid beklagte, belauschte
sie Aedon , und beide erkannten sich und be-
schlossen sich an Polytechnos zu rächen. Sie
mordeten und zerstückten den Itys, setzten ihn
dem Vater als Gericht vor und flohen zu ihrem
Vater. Als Polytechnos von einem Nachbar
erfahren , was er gegessen hatte , verfolgte er
die beiden Frauen, wurde aber von den Die-
nern des Pandareos gebunden, mit Honig be-
strichen und auf eine Wiese geworfen. Des
durch Fliegen grausam Gequälten erbarmte
sich jetzt Aedon und wehrte sie ab. Ihre El-
tern und ihre Brüder bemerkten es und woll-
ten sie töten , aber Zeus , der noch gröfseres
Unglück verhüten wollte, verwandelte alle in
Vögel, den Pandareos in einen Seeadler (dL-
ou'fTog), die Harmothoe, die Mutter der Aedon,
in einen Eisvogel (<x\hvc6v), den Polytechnos
in einen Baumspecht (nsler-uv), weil Hephaistos
ihm einst ein Beil (ntleuvs) geschenkt hatte,
und der Baumspecht dem Zimmermann als
gutes Wahrzeichen dient, den Bruder der Ae-
don in einen Wiedehopf (ß'noip), die Aedon in
eine Nachtigall , welche noch immer an Flüs-
sen und im Gebüsch ihren Itys beklagt, Cheli-
donis endlich in eine Schwalbe, welche nach
dem Willen der Artemis in den Häusern der
Menschen wohnt, weil sie bei ihrer Schän-
dung einst besonders jene Göttin zu Hilfe ge-
rufen hatte. — c) Sehr entstellt erzählt end-
lich den Mythus von Aedon Helladios b. Phot,
bibl. 531 (vgl. Eustatli. Od. 1875, 1). Nach
ihm war Aedon die Tochter des Pandai eos aus
Dulichion und Gemahlin des Boreassohnes Ze-
tes und tötete ihren Sohn Aetylos(?), als er einst
von der Jagd nach Hause zurückkehrte, weil
sie argwöhnte , dafs er dem Zetes bei einem
!5 Aegiamunniaegus
Ehebrüche behilflich gewesen sei. Hierauf
rarde sie von der erbarmungsreichen Aphro-
dite in eine Nachtigall verwandelt. Deutung:
]s giebt wenige Sagen, deren Deutung so
renig Schwierigkeiten bereitet, wie diese,
iahe verwandt ist der attische Mythus von'
’rokne, Philomele und Tereus (s. d.), welcher
ast dieselben Elemente enthält; denn Tereus
irird in einen Wiedehopf, Prokne in eine Nack-
igall und Philomele in eine Schwalbe verwan- n
lelt, nachdem sie ähnliche Freveltliaten wie
lie in der Sage von Aedon vorkommenden
’ersonen begangen haben. Offenbar haben
rir in beiden Sagen uralte Tiermärchen vor
ins, erfunden, um die Eigenschaften und Eigen-
ümlichkeiten mehrerer Vögel psychologisch
u motivieren. Dies geschah in der Weise, dafs
nan die betreffenden Vögel als verwandelte
lenschen dachte, deren^einstige Handlungen
ind Charaktere die Eigentümlichkeiten und 2
jebensgewohnkeiten jener Tiere erklären soll-
en. Vor allem war es „der schöne aber weh-
mütige Gesang der Nachtigall, der in die all-
gemeine Lust des Frühlings wie ein tiefer
Schmerz hineinklingt“ (s. d. Stellen b. Preller
<r. M.'2 2, 140, 1 u. Horn. liy. in Pan. 17),
reicher den Gedanken an eine schwere Schuld
md tiefe Trauer des Vogels erweckte. Eben-
0 galt aber auch die Stimme der Schwalbe,
[es Eisvogels, des Wiedehopfs als klagend und 3
raurig ( Preller a. a. 0. 141, 4. 142, 5. 250, 1;
gl. auch Hesiod sgycc 568. Opp. d. aucup.
), daher man sie ähnlich zu erklären suchte.
)er Name ’lxvg oder ’lxvlog scheint nicht eine
lern eigentümlichen Gesänge der Nachtigall
lachgebildete onomatopoietische Namensform
u sein, sondern bedeutet wohl einen zarten
Inaben, Hesych. s. v. IxvXog . . . vsog, analog-,
rg\."lxvlog als Beinamen des ErosO. I. Gr. 8368.
luck die Schlaflosigkeit der Nachtigall ( Prel - 4
er a. a. 0. 142 , 1) bezog man auf ihren ver-
neintlichen unaufhörlichen Schmerz. Von dem
Viedehopf aber glaubte man, dafs er Schwal-
>en und Nachtigallen verfolge ( Preller a. a. 0.
.42, 5), und hielt ihn überhaupt wegen seines
p-ofsen Schnabels und Helmbusches auf dem
lopfe für ein verfolgungssüchtiges, streitbares
L’ier ( Preller a. a. 0. 143, 1); der Specht {ns-
sy.dcv) endlich ist wegen seines Schnabels, den
ir wie eine Art Beil {nslsnvg) gebraucht, zu 5
inem kunstfertigen Zimmermann (xenxeov, Ilo-
vx i%vog) geworden ( Preller r. M.3 1, 337, 1). —
jiteratur: Preller, Gr. M.'2 2, 140 ff. Schivenclc
yiytli. d. Gr. 483 f. — 2) Name der Athene
>ei den Pamphyliern: Hesych. s. v. [Roscher],
Aegiamunniaegus, ein spanischer Gott auf
ler Inschrift einer Erztafel aus Vianno del
lollo am Flusse Bibey in Spanien, C. I. 1. 2,
1523 : Aeyiarnun \ niaego Antistius Placidus Cili
ilius Alterniacinus V. S. L. M. Der erste 6
md letzte Teil des Namens erinnert an den
Hiobroger Aegus ( Caesar , bell. civ. 3, 59. 79),
lowie an Aegius und Aegia auf einer Inschrift
>ei Grut. 718, 10. Vgl, Guserne, sobre Aegia-
nunniaco, deidad de los antiguos Espanoles ms.
Matrit. E. 162. Padin, Galicia 1, 235. Hüb -
1er, act. Berol. 1861 p. 815. [Steuding],
Aella ('Aella) , die schnellste aller Amazo-
Aeracura 86
nen, die zuerst von Herakles getötet wurde:
Diod. Sic. 4, 16. [Roscher.]
Aöllo (’Asllw), 1) eine Harpyie (s. d.), Toch-
ter desThaumas und der Elektra: Hes. Tlieog.
267. Apollod. 1 , 2 , 6. Der Name bedeutet
eigentlich die Windschnelle. — 2) Name eines
schnellen Hundes des Aktaion : Uv. Met. 3, 219.
[Roscher.]
Aellopus {’Atllonovg), 1) Beiname der Iris,
3 bei Homer nur in der Form aillonog vorkom-
mend: II. 8, 409. 24, 77. 159. — 2) Name einer
Harpyie, wahrscheinlich derselben, welche sonst
Aello hiefs (s. d.). Nach Apollodor 1, 9, 21
liiefs sie auch Nikothoe. Sie soll von der Ver-
folgung durch die Söhne des Boreas ermattet
in den peloponnesischen Flufs Tigres gefallen
sein, der später davon Harpys genannt wurde
{Apollod. a. a. 0.). NackAToww. 37, 155 (? vgl.
Köchly) zeugte sie mit Boreas die Rosse Xan-
0 thos und Podarge (vgl. II. 16, 150). [Roscher.]
Aelmanius (?), aut' einer Inschrift aus Cabeza
del Griego, Hisp. Tarrag. Corp.I.L. 2, 3100:
{A)lbanus | . . aehnanio \ VSV. L. M. In ael-
manio, das vielleicht am Anfang verstümmelt
ist, scheint Hübner der Name eines Gottes
verborgen. [Steuding],
Aeneas etc. s. Aineias etc.
Aenesii die Begleiter des Aineias: Paul.
Iliac. 20, 6 Müll. [Roscher],
0 Aequitas, römische Personifikation der Bil-
ligkeit, welche von den Römern gewöhnlich als
Justitia verehrt worden zu sein scheint. Die
älteste Form des Namens , Aecetia , findet
sich in der Inschrift einer Schale aus Vulci
(C. I. L. 1 , 13) : AECETIAI POCOLOM (vgl.
F. Pitschi, fictil. lit. 1853, p. 20, jetzt ab-
gedruckt in s. Opuscula Bd. 4). Die Göt-
tin Aequitas erwähnt aufserdem Arnob. adv.
gent. 4, 1 und eine Inschrift bei Grut. 76,
0 3 , wo von einem in den Tempel der Prä-
nestinischen Fortuna geweihten Bilde der Ae-
quitas die Rede ist. Häufige Darstellungen
der Aequitas finden sich auf römischen Kaiser-
münzen. Hier erscheint sie als Frau mit ge-
öffneter Linken, Füllhorn und Wage, biswei-
len auch wie die Monetae als Dreiverein dar-
gestellt. Vgl. Preller, r. M.3 2, 266f. u. Pau-
lys Bealenc.'2 1, 1, 403f. [Roscher].
Aequorna (auch Aecorna u. Aecurna) wakr-
0 scheinlich eine alte latinische Göttin der Kauf-
fahrer, deren Name wohl von aeqnor = Meer
abzuleiten ist. Der Name erscheint in In-
schriften von Nauportus (Oberlaibach): C. I.
L. 3, 3776. 3831 u. f. Vgl. Mommsen zu C.
I. L. 1, 1466 u. Jordan zu Prellers r. M.3 2,
122 Anm. [Roscher],
Aeracura (Aera C.?, früher falsch Abracura
gelesen), Name einer Erdgöttin und Gemahlin
des Dis Pater {Terrae Matri Aere Gurae C. I. L. 8,
0 5526 = Orelli-Henzen 5721) in mehreren von
Mommsen Arcli. Anz. 1865. 88* ff. und Jordan
b. Preller R. M.3 2, 65 behandelten Inschrif-
ten (vgl. C. I. L. 3, 4395. 5, 725. 8126. 8200.
8970a. 6, 142). Besonders wichtig ist ein den
Dis und die Aeracura auf einem hohen Podium
sitzend darstellendes Wandgemälde eines an
der appischen Strafse befindlichen Grabgewöl-
bes. Mercurius als rsyckopompos führt den
87
Aüria
Aeternus
88
beiden Unterweltsgöttern , welchen die Fata
Divina zur Seite stehen, zwei Frauen zu. Vgl.
Perret, Gataconibes de Borne 1 pl. 72 f. u. Orel-
li-Hcnzen 6042. Mommsen hält den Namen
für echtlateinisch , Jordan wohl richtiger für
fremd. [Roscher],
Aeria ( ’AsqCcc ), Gemahlin des Belos, Mutter
des Aigyptos, auch Potamitis genannt: Cha-
rax b. Stepli. Byz. s. v. Alyvnzog. [Roscher.]
Aernus, Gottheit der Galläcer oder Astu-
rer auf einer Inschrift aus Castro de Avelläs
in Portugal ( Corp . I. L. 2 , 2606 : Beo Aerno
ordo Zoelar ex votu), ist jedenfalls gleich dem
Deus Arnus auf 2607 ebendaher; vgl. Hübner
act. Berol. 1861 p. 806. Mommsen schlägt da-
gegen vor auf beiden Inschriften Aeterno , mit
Kompendium geschrieben, zu lesen.
[Steuding].
Aerope ( Asgörnq ), 1) Tochter des Katreus,
Enkelin Minos’ II. , Schwester der Klymene,
Apemosyne und des Althemenes. Als ihr Vater
einmal das Orakel nach seinem Ende fragte,
antwortete dieses , dafs er von der Hand ei-
nes seiner Kinder sterben würde. Altheme-
nes und Apemosyne entflohen. Katreus über-
gab nun die Aerope und Klymene dem Nau-
plios, mit dem Aufträge sie in fremde Län-
der zu verkaufen , Nauplios aber brachte sie
nach Argos, wo sie den Pleisthenes heiratete.
Aus dieser Ehe entsprangen Agamemnon (s. d.)_
und Menelaos ( Hesiod b. Schot, z. II. 1, 7. Apol-
lod. 3, 2, 1. 2). Nach Sopli. Aj. 1297 u. dem
Schot, zu d. St. (der sich übrigens auch auf
die Kgriocou des Euripides beruft) übergab der
Vater die Aerope dem Nauplios, um sie ins
Meer zu werfen, weil sie sich gegen seinen
Willen mit einem Sklaven in ein Liebesver-
hältnis eingelassen hatte. Nach andern gebar
Aerope den Agamemnon (s. d.) und Menelaos nicht
dem Pleisthenes, sondern dem Atreus ( Ap. 3, 10,
8. Eurip.Or. 16 ff. Hel. 390 ff. Luc. Hist. 8. Schol.
z. II. 1, 7. Hygin. f. 97. Tzetz. Lykoplir. 147).
Deshalb hat man (Welcher gr. Tr. 2, S. 677ff.
vgl.; auch Paulys Bediene. 2 unter Aerope)
vermutet, dafs Aerope erst den Pleisthenes
und dann (dessen Sohn oder Vater?) Atreus
(s. d.) geheiratet habe und dafs bei Apollod.
3, 2, 2 die Erwähnung der zweiten Heirat
ausgelassen worden sei. Die Nachricht, dafs
Pleisthenes jung gestorben und seine Söhne
von Atreus erzogen seien (Schol. Hur. Or. 5.
Porph. z. II. 2, 249 , vgl. Serv. Verg. Aen. 1, 458.
Dictys 1,1. 5, 16) beruht vielleicht auf einem
Mifs Verständnis und scheint eine Hypothese zu
sein (Welcher a. a. O. S. 679). Als Gemahlin
des Atreus gab Aerope ihrem Buhlen Tbyestes
das goldene Lamm ihres Gatten, das diesem
die Herrschaft sicherte, worauf Atreus sie ins
Meer werfen und dem Thyestes seine drei
Söhne zum Mahle vorsetzen liefs ( Sopli . b. Schol. 60
2. Hur. Or. 812 = fr. 136 N. Paus. 2, 18, 2.
Hygin. f. 86. Vgl. auch Aeschyl. Agam. 1192).
Dieser Mythus war bearbeitet von Sophokles
im ’Atgsvg rj Mvurjvciica (Nauck fr. tr. gr.
S. 127) und von Euripides in den KgrjGGcu
(Nauck a. a. 0. S. 398 ff.. Vgl. auch Welcher
a. a. 0. 1, 357 ff. u. 2, 675 ff.). Nach dem Epi-
gramm des Nilcodemos bei Brunch Anal. 2,
382 , 3 hatte der Maler Ophelion die Aerope
in Thränen, samt den Überresten des unseligen
Mahles und der Poine dargestellt (vgl. Brunn,
Künstler g. 2, 287). — 2) Tochter des Kepheus.
Sie wurde vom Ares Mutter des Aeropos und
starb während der Geburt, aber Ares bewirkte
durch ein Wunder, dafs der Knabe noch an der
Brust der toten Aerope trinken konnte. Des-
halb erhielt Ares den Beinamen ’Acpvnog-, Paus.
io 8, 44, 7. — 3) Gemahlin des Oinopion von
Cliios, von Orion verführt: Hes.fr. 67 ed Götti.
[Roscher],
Aeropos ( ’Aigo-nog ) 1) nach Paus. 8, 44, 7f.
Sohn der Aerope (Tochter des Kepheus) und
des Ares , nach 8,5,1 Sohn des Kepheus,
Königs der Arkader. Nach Herod. 9, 26 end-
lich Sohn des Phegeus (?). Sein Sohn war
Echemos (s. d.). — 2) Ein Nachkomme des Te-
menos von Argos, der mit seinen beiden Brü-
20 dein Gauanes und Perdikkas nach Illyrien und
Makedonien auswanderte: Her. 8, 137.
[Roscher.]
Aesculanus, Vater des Deus Argentinus, d. h.
Personifikationen des Erz- und Silbergeldes,
„welches letztere in Rom selbst erst seit dem
Jahre 485 d. St. , 269 v. Ohr. , fünf Jahre vor
dem ersten punischen Kriege geprägt wurde,
woraus man zugleich einen Schlufs auf das
Alter dieser Gebilde ziehen kann.“ Vgl. Au
30 gust. d. c. Bei 4, 21. 4, 28. Plin. H. N. 33,
44. Preller r. M. 3 2, 222. Pauly Bediene. 1,
1, 430. S. auch Indigitamenta. [Roscher],
Aesculapins s. Asklepios.
Aeterna , Beiname der Luna , doch kommt
er auch selbständig auf einer Weihinschrift
aus Aquileja (Corp. Insc. L. 5, 8209), sowie
vielleicht auf einer solchen aus Old Carlisle
(7, 336) vor. [Steuding],
Aeternitas, die personificierte Ewigkeit, er-
40 scheint auf römischen Kaisermünzen bald
sitzend, bald stehend oder auf einem von Lö-
wen oder Elefanten gezogenen Wagen fahrend.
Ihre Attribute sind die Himmelskugel, die sich
in den Schwanz beifsende Schlange , der sich
immer von neuem verjüngende Phönix , der
langlebige Elefant, das Füllhorn oder Sonne
und Mond, welche durch ihren regelmäfsigen
Lauf die unendliche Zeit in bestimmte Ab-
schnitte teilen. Vgl. Basche , Lex. r. mm. 1
50 p. 164 ff. Eckhel, d. n. v. 7 p. 278. Hirt, Mythol.
Bilderb. 2, 139. Tölken, überd. Barst, d. Pro-
videntia und Aeternitas auf römischen Münzen.
[Roscher].
Aeternus ist häufig Beiname des Juppiter, Sol,
Mithras, auch des Caelus; doch findet sich auch
eine Reihe von Inschriften, wo nur der deus
Aeternus genannt wird: Gorp.Inscr.L. 3,988b.
1286 , 3327 , 6258 (sämtlich aus Ungarn) , 5,
769 und 770 (aus Aquileja), 8, 8923 und 9704?
aus Numidien); meist ist dann jedenfalls Jup-
piter gemeint, wie aus dem sehr oft vorkom-
menden J. 0. M. Aeternus zu schliefsen ist.
Sonst wird er noch als magnus (G. I. L. 5, 3221)
und exau.ditor bezeichnet (5, 8208). Den viri-
bus Aeterni sind die Inschriften C. I. L. 5, 6991,
6992 , den virtutibus dei A. ist 3 , 988. 1 ge-
widmet. Ein fons Aeterni wird 3, 990 erwähnt.
[Steuding].
Aethlios
19
Aethlios (As&hog), Sohn des Zeus und der
’rotogeneia, der Tochter Deukalions, oder Sohn
.es Aiolos. Er war König von Elis und zeugte
iiit der Kalyke den Endymion: Hesiod bei
>chol. Ap. Rh. 4, 57. Apollod. 1, 7, 2. 5. Paus.
i, 1, 3. 8, 2. Joann. Antiuch. fr. 1, 20. Hyg.
'. 155. Con. narr. 14. [Roscher],
Afer , Sohn des Libyschen Hercules , von
lern Africa benannt worden sein soll: Solin.
i. 121, 15 ed. M. [Roscher],
Afferenda s. Adferenda.
Agakles (Ayar-lyg), Myrmidone, Vater des
Ipeigeus: II 16, 571. [Roscher],
Agamede (AyayriSrf), 1) Tochter des Augeias,
ie sich wie Medeia trefflich auf Heilkräuter
erstand, Gemahlin des Mulios (II. 11, 738)
md Geliebte des Poseidon, mit dem sie den
lelos, Aktor und Diktys zeugte ( Hyg . f. 157.
7gl. auch Rust. z. Dion. Per. 322). Nach
rheohr. 2, 16 u. Schol. z. d. St. hiefs sie auch 2
'erimede, vgl. Prop-. 2, 4, 8. Beide Namen
ieziehen sich auf grofse Klugheit und erinnern
,n Medeia. — 2) Tochter der Makaria oder
’yrrha, von welcher eine Ortschaft bei Pyrrha
uf Lesbos benannt sein soll (Steph. Byz.).
[Roscher],
Agamedes ( Ayuyridiqg ), Sohn des Stymplielos,
iruder des Gortys, Urenkel des Arkas Paus. 8, 4,
. Nach Charax b. Schol. zu Ar ist. nub. 500
var er verheiratet mit Epikaste, die ihm als
Itiefsohn den Trophonios zubrachte, während
r selbst mit ihr den Kerkyon zeugte. Nach
inem anderen Schol. a. a. 0. ist er Sohn des
ipollon und der Epikaste, oder des Zeus und
ler Iokaste, oder des Erginos.
Alle drei, Agamedes, Trophonios und Ker-
:yon galten als berühmte Baumeister und unter
hren Wunderwerken werden genannt: 1) ein
lemach der Alkmene, Paus. 9, 11, 1. 2) ein
,'empel des Apollon in Delphi. Schol. zu Arist.
a. 0., Hom. li. Apoll. 296. Find. bei Plut.
ons. ad Apoll. 14. Plato Axiocli. 367c. Paus.
', 37, 4; 10, 5, 13. Straho 9,421. Steph. B.s.v.
Rlcpoi. 3) ein Tempel des Poseidon in Ar-
:adien, an der Strafsc von Mantineia nach
!egea. Paus. 8, 10, 2. 4) ein Schatzhaus des
lyrieus, des Königs von Hyria in Böotien.
°aus. 9, 37, 3.
Von der Erbauung des letzteren erzählt
°aus. a. a. 0. eine mit dem Berichte vom
ichatzhause des Rhampsinit sich fast deckende
läge ( Herod . 2, 121; über die Ursprünglich-
st beider Sagen 0. Müller, Orch. 94 ff. Butt-
mnn, Myth. 2. 227 ff. Welcher , Ep. Cylcl. 2.30 1 ff.),
igamedes und Trophonios richteten einen der
iteine so zu, dafs sie denselben von aufsen
usheben konnten, und stahlen dann immer-
ort von den Schätzen des Königs. Der König
lyrieus liefs nun um die Gefäfse, in wei-
hen das Gold und Silber verwahrt war, Schlin-
;en und Fallen legen. Als Agamedes in eine
.erselben geriet, hieb ihm Trophonios das
laupt ab , damit er nicht als Mitschuldi-
;er verraten werden könnte. Vor dem Tro-
ihonios that sich aber die Erde auf und ver-
chlang ihn, wo in dem Haine bei Lebadeia
ich die sogenannte Höhle des Agamedes und
ine Säule befindet. Daselbst entstand das
Agamemnon 90
Orakel des Trophonios (Paus. 9, 39, 6), wo
von den um Rat Fragenden Widderopfer ge-
bracht und zugleich der Name des Agamedes
mit angerufen wurde.
Ähnlich berichtet die Sage der Schol. zu
Arist. a. a. 0. ; nur verlegt er dieselbe nach
Elis zu dem Könige Augeias und läfst den
Kerkyon bei dem Diebstähle beteiligt sein und
in Gemeinschaft mit Trophonios nach Orclio-
menos entfliehen. Als sie Augeias auf den Rat
des Daidalos, der die Schlingen gelegt hatte,
auch hier verfolgen läfst, flieht Kerkyon nach
Athen, Trophonios nach Lebadeia. Vgl. auch
Plato a. a. 0. Anders erzählten Find. b. Plut.
cons. ad Apoll. 108, 39 ff, und Cic. Tusc. 1, 47 das
Ende des Agamedes und Trophonios : sie hätten
nach Erbauung des Apollotempels den Gott
um einen Lohn gebeten; der Gott habe geant-
wortet, sie würden ihn am 7. Tage (Cic. Tusc.
a. a. 0.: post ejus diei diem tertium) empfangen
und sollten sich inzwischen ihres Lebens freuen;
sie thaten also und wurden darauf in der 7.
Nacht durch einen sanften Tod hinweggenom-
men. Vgl. auch Hom. hymn. in Apoll. Pyth. 118.
Benutzt war die Sage von Trophonios, Aga-
medes und Augeias schon von dem Kykliker
Eugammon in seiner Telegonie: s. Welcher a, a. 0.
Uber die Deutung derselben s. Trophonios.
[Bernhard.]
Agamemnon (Ayuptyvcav), heifst nach seinen
Vorfahren AzgtiSyg, TltloniSyg, TccvzctMdys. Bei
Homer ist er gewöhnlich AzgttSr\g, und seine
formelhaften Epitheta beziehen sich auf seine
Macht und Herrschaft, wie avcci; avSqätv Aya-
ptfivcov, svgvAQSicov Ayocptfircov , hqiigov Aya-
ysyvcov, uvSiazos u. a. Ähnlich später bei den
Tragikern : 'Elhccvcov uvat, (Soph. El. 484),
Azgtcog nolvY.OLgccvog zzaig (Aesch. fr. 223), aiG/p
TtavzoGsyvog (Aesch. Eum. 637), GZQcczrjyog ovtu-
ßgovztjzog (Soph. Ai. 1386), dvSgcov vavßazcov
aQfioGzr/g (Aesch. Eum. 456), ysyiczov r'EU.rjGiv
cpdog (Eur. Hec. 841). In der Ilias (2, 107)
überkömmt er das Scepter von Thyest: Gviar’
Aycqispvovi Isztzb cpoQrpca, nolXyoiv vyGoiGi v.ai
’Agysi Tiocvxi dvuGGnv. Der Ausdruck „ganz
Argos“ weist auf die Vorstellung hin, dafs der
Sitz der Herrschaft in Argos als natürlichem
Vororte der nach der Stadt benannten Land-
schaft sei (ebenso nennt Agamemnon Argos
als seine Heimat, z. B. II. 9, 141; 1, 30), wäh-
rend der Schiffskatalog (2, 559 ff.) den Gegen-
satz von Argos und Mykenai kennt und Argos
(nebst Tiryns, Epidauros, Aigina u. a.) dem
Diomed folgen läfst, während Agamemnons
Herrschaft auf Mykenai , Kleonai, Korinth, Si-
kyon und das nördliche Achäa beschränkt ist
und keine Inseln umfafst; er stellt jedoch
die gröfste Anzahl Schiffe, nämlich hundert,
und giebt noch den Arkadern 60 Stück (2, 612),
agiozog srjv , noXv St Tiltiazovg ayt hxovg (v.
580); ausdrücklich als König von Mykenai wird
er genannt z. B. II. 11, 46. Jene Stelle des
Scliiffskataloges kommentiert Strabo 8, p. 377 ff,
und Thukyclides (1, 9) gründet auf jenen Vers
II. 2, 108 seine Ansicht, dafs Agamemnon sich
auch grofse Seemacht erworben und durch
Furclitdie andern Herrscherzum Zuge nach Troia
gezwungen habe. Reichtum ist den Atriden
91 Agamemnon
besonders eigen, Hesiod. frg. 157 Götti. Die
Tragiker folgten dem Brauche der homerischen
Gedichte, bald Argos bald Mykenai als den
Herrschersitz des Agamemnon zu bezeichnen
(vgl. Strab. 8, p. 377). Ephoros (fr. 28 Muell.)
berichtete über das Verhältnis zu Argos, dafs
Agamemnon die Argiver überfiel und bewäl-
tigte, während ..die meisten mit Diomed dem
Alkmaion nach Atolien gefolgt waren ; zum tro-
ianischen Feldzug habe Agamemnon Diomed
wieder zurückgerufen. Eine Nachricht aus
einem Historiker bei Paus. 2, 6, 7 läfst Aga-
memnon mit einem Heere sich Sikyon unter-
werfen. Merkwürdig ist die Tradition der alten
Lyriker, welche Agamemnons Herrschaft weder
nach Argos noch Mykenai, sondern nach Lake-
daimon mit dem Sitz in Amyklai verlegten
und damit einer lokalen Tradition dieses Ortes
folgten; so Stesichoros und Simonides ( Schol .
Pur. Or. 46) und so auch Pindar, nach wel- 2
ehern (Pyth. 11, 32) Agamemnon starb xlvtciig
iv ’ApvxXcug-, vgl. Nem. 8, 12 oT x’ avec Snug-
x uv Ilslonri'Cdöca. Bei Herodot (7, 159) ruft
der Spartaner Syagros, wie würde Agamemnon
jammern, wenn er die Hegemonie den Spar-
tanern entzogen sähe. In Amyklai, im lsqov
der Alexandra (Kassandi'a), hatte Agamemnon
ein pvfjptx, ein Grabmal (Paus. 3, 19, 6). —
Seiner königlichen Macht entspricht auch sein
königliches Äufsere, wie es die Ilias schildert 3
(3, 166 ff.); er ist ßaoilsvg ayaffö? und xga-
xsqög ai^gr'itgg-, er ist nsld>Qiog , yv g xs psyag
ts, doch giebt es Helden, die gröfser sind, aber
er ist mehr als alle xulog und yspa^ög; ja II.
2, 477 ff. wird er an Augen und Haupt dem
Zeus, an den Hüften dem Ares, an Brust dem
Poseidon verglichen. Auch Thaten des Mutes
berichtet die Ilias, wie wenn er Menelaos als
zu schwach abweist und selbst dem Hektor
sich gegenüberstellen will. Er erhält den ersten
Preis im Wurfe von Achill II. 23, 890. Seine
prächtige Rüstung II. 11, 16 ff. — Die Aus-
bildung der Sagen vom Hause des Atreus in
der späteren Poesie brachte Näheres über Aga-
memnons Jugend. Er ist hei den Tragikern
Sohn des Atreus und der Kreterin Aerope (Pur.
llel. 394 u. a.) oder er ist Sohn der Aerope
und des Pleisthenes, des Sohnes des Atreus
Apoll. 3, 2, 2; schon Hesiod hatte den Plei-
sthenes eingeschoben (frg. 80 Götti.) ; bei Stesi-
choros heilst Agamemnon nieiofteviSag (fr.
42 B.) ; bei Äschylos (Ag. 1602) verflucht
Thyest näv xb nisiaQ'svovg ysvog. Zur Vermit-
telung wurde erfunden, dafs Pleisthenes jung
gestorben und seine Söhne Agamemnon und Me-
nelaos von Atreus aufgezogen wordSn seien
(Tzets.inll. p. 68 ; Serv. adAen. 1,458; s. Aerope).
— Gattin des Agamemnon ist Klytaimnestra
(Apoll. 3, 10, 6. Pur. Or. 20), die Tochter des
Tyndareos und der Leda, Schwester der Helena
(Hyg. 77. 78). Nach Pur. Iph. Aul. 1149 ff
heiratete Klytaimnestra den Agamemnon wider
Willen, nachdem dieser ihren ersten Gatten
Tantalos erschlagen und ihr das Kind von
demselben entrissen hatte; die Dioskuren, ihre
Brüder, kriegten darauf gegen Agamemnon, bis
er als Bittflehender zu Tyndareos kommt, der
dann Versöhnung bewirkt. Seine Kinder von
Agamemnon 92
Klytaimnestra sind nach der Ilias (9, 142 ff.)
drei Töchter, Chrysothemis, Laodike, Ipliianassa,
und als Letztgeborener ein Sohn, Orestes. In
den Kyprien des Stasinos (fr. 12, schol. Soph.
PI. 157) war bereits Iphigeneia zugefügt und
von Iphianassa unterschieden worden; dann
kam Elektra hinzu, die der Lyriker Xanthos
statt Laodike gesetzt haben soll (Ad. v. h. 4,
26; vgl. dazu Robert, Bild u. Lied S. 173);
o Elektra und Iphigeneia sind bei den Tragikern die
Haupttöchter, doch kennt Sophokles (PI. 157)
daneben auch noch Chrysothemis und Iphia-
nassa, während Euripides nur Chrysothemis da-
neben annimmt (vgl. Or. 23, und schol. dazu, wo
Elektra mit Iphianassa identifiziert wird). —
— Was seinVerhältnis zu T h y e s t anbetrifft,
so liefs eine spätere tragische Fabel (Ilyg. 88,
vgl. Atreus) ihn mit Menelaos in der Jugend
auf Befehl des Atreus den Thyest suchen, in
o Delphi finden und gefangen zu Atreus bringen.
Von der Herrschaft, die Thyest errungen hatte,
läfst Äschylos (Ag. 1605) den Agamemnon
dann Besitz ergreifen, indem er den Thyest
nebst dem kleinen Aigisthos aus dem Lande
treibt. — Als die zahlreichen Freier kamen,
welche Helena zur Gattin begehrten, riet Odys-
seus dem Tyndareos, dieselben durch einen
Schwur zu binden, nicht zu streiten oder dem
wegen der Heirat Angegriffenen beizustehen;
o nach dem Schwure wählt Helena selbst den
Menelaos (Hyg. 78), oder er wird ihr von
Tyndareos gegeben (Apoll. 3, 10, 8). Schon
das jüngere Epos kennt diese Sage. Bei He-
siod (frg. 136 Götti.-, vgl. Robert, Bild u. Lied
S. 189), dem Stesichoros folgte, vergafs Tyn-
dareos der Aphrodite zu opfern, weshalb diese
sich durch seine Töchter rächt, die sie diyd-
povg t s ua'i TQiyayovg x Grijcu xcd Xinsodrogccg
(Stesich. fr. 35). Als nun Helena geraubt war,
o vereinigt sich Menelaos mit Agamemnon und
beide werben zum Rachezuge. Schon in der
Ilias (23, 296) wird ein Fürst, Echepolos,
genannt, der sich durch ein Geschenk vom
Zuge loskauft und nach Odyssee 24, 115 kamen
Agamemnon und Menclaos selbst nach Ithaka,
um Odysseus zum Zuge zu bereden. Ein Orakel,
das Agamemnon sich in Delphi holte und welches
das beginnende Ende Troias dann prophezeite,
wenn die Besten der Achäer in Streit kämen,
o kennt die Odyssee (8, 75 ff.). Agamemnon war
Oberfeldherr, was man dann entweder aus seiner
Macht erklärte (wie Thule. 1,9; vgl. Pust, ad II,
p. 185) oder als die Folge einer regulären Wahl
(auf einer Volksversammlung zu Argos, Hict.
1, 15. 16); bei Euripides (Iph. Aul. 84) sagt
Agamemnon selbst, man habe ihn Msvelsio
IKQiv zum Feldherrn gewählt, während Mene-
laos (ib. 337) ihm vorwirft, er habe demütig
darum geworben. — Die Versammlung der
o Schiffe findet in Aulis statt. Nach der Ilias
giebt Zeus beim Betreten der Schiffe zur Ab-
fahrt ein günstiges Zeichen durch einen Blitz
(2, 350 ff. ; vgl. 112. 286); vorher während des
Aufenthaltes in Aulis schickt Zeus während
des 'Opfers eine Schlange, die acht kleine Sper-
linge und deren Mutter als neunte verschlingt,
was Kalchas auf die neun Kriegsjahre und die
Zerstörung im 10. deutet (II, 2, 303 ff.). Nach
93 Agamemnon
Äschylos (Ag. 109 ff.) ereignete sich das Zeichen,
dafs zwei Adler eine trächtige Häsin zerflei-
schen, was Kalchas auf die Zerstörung Troias
deutet, der aber auch den Zorn der Artemis
vorhersagt. In den Kyprien ward nun ein der
Ilias noch unbekannter erster verfehlter Feld-
zug eingeschohen, der in Mysien endet; wo-
nach der verwundete Telephos (s. d.) zu den
bei Agamemnon in Argos versammelten Grie-
j chen kömmt, des letzteren Söhnchen Orestes
auf Rat der Klytaimnestra raubt und so Aga-
memnon zwingt, den Achill zu bewegen, dafs^
dieser ihn heile ( Kyprien , Äschylos , s. schol.
Arist. Ach. 332, Euripides im Telephos u. a. ; s.
Welcher , ep. Cyhl. 2, 100. 138 ff.; gr. Trag. 477 ff. ;
Ribbech , röm. Trag. S. 104 ff. 344 ff. ; Hyg. f.
101). Nach den Kyprien folgt nun eine zweite
Versammlung in Äulis, wo Agamemnon sich
| gegen Artemis überhebt und einen ihr heiligen
Hirsch tötet (ebenso Sophokles El. 566 ff. ; vgl. 2
Hyg. 98); Artemis zürnt und schickt Stürme
■ oder Windstille, kurz utiIoicl ( Eur . Iph. Aul.
88); nach Eur. Iph. Taur. 20 zürnt Artemis,
da Agamemnon ihr gelobt hatte das Schönste
j des Jahres zu opfern, da Iphigeneia geboren
ward. Kalchas verlangt das Opfer derlphi-
geneia, das, sowie die Rettung der Iphigeneia
durch Artemis, schon die Kyprien erzählten
und das ein beliebter Gegenstand der Tragödie
wurde (Iphigeneia von Äschylos, Sophokles, 3
Welcher, gr. Tr. 107 ff. , Euripides, Ennius,
Ilibbeck, r. Trag. S. 94 ff.; Hyg. f. 98). — Bei
späteren Dichtern (Phanokles u. a. , s. Rhein.
Mus. N. F. 4, 404) ward im Anschlüsse an
eine lokale Tradition vom schönen Argynnos
erzählt, dafs Agamemnon während des Aufent-
haltes in Böotien jenen Knaben geliebt und
auf semem Grabe ein Heiligtum der Aphrodite
Aqyv vvCg gegründet halbe (Athen. 13, p. 603 cZ. ;
, Ciem. Alex, protr. p 32; Flut, gryll. c. 7). — 4
Endlich gelingt die Fahrt nach Troia; bei dem
festlichen Mahle in Tenedos oder Lemnos er-
; eignet sich der erste Streit des Agamemnon und
; des Achill (s. d.), welch letzterer sich wegen ver-
späteter Einladung verletzt fühlte; dies hatten
, schon die Kyprien erzählt und Sophokles zu
einer Tragödie verwendet ( Nauck . frg. p. 128;
Welcher , gr. Tr. 110 ff.). Es beginnt nun der
zehnjährige Kriegvor Troia; zerstreute Raub-
züge zersplitterten die Kraft, was Tliuh. 1, 11 5
als Grund der langen Dauer ansieht. So zer-
störten die Griechen auch Theben, die Stadt
des Eetion, von deren Beute Achill die Briseis,
Agamemnon die Ghryseis erhielt (II. 1, 366 ff).
Im 10. Jahre der Belagerung setzt die Hand-
lung der Ilias ein. Chryses, Vater der Ghry-
I seis und Apollopriester, verlangt die Tochter
gegen Lösegeld zurück, was Agamemnon zu-
rückweist, worauf Apollon Pest sendet. Aga-
memnon wird gezwungen Ghryseis frei zu geben, c
verlangt aber als Ersatz die Briseis des Achill;
heftiger Streit der beiden Helden ; Agamemnon
läfst die Briseis durch seine Herolde Talthy-
bios und Eurybates abholen (11. 1). Zeus, der
der Thetis gelobt ihren Sohn zu rächen, sendet
Agamemnon einen täuschenden Traum, er werde
jetzt Troia einnehmen. Agamemnon versucht
erst das Volk durch den Befehl der Heimkehr
Agamemnon 94
und zieht dann zur Schlacht aus (II. 2); doch
schliefst er einen Vertrag mit Priamos, dafs
die Entscheidung dem Zweikampfe des Paris und
Menelaos anheim gestellt werden solle (II. 3) ;
als der Vertrag gebrochen wird, führt Aga-
memnon das Heer in die Schlacht, in der er
selbst mehrere erlegt (zu allerei’st den Hodios,
5, 38, später den Elatos, 6, 33 und den Adra-
stos, den Menelaos gefangen genommen hatte
und leben lassen wollte, den aber Agamemnon
grausam niedersticht 6, 63). Den Zweikampf,
den Hektor verlangt, will Agamemnon anneh-
men, doch wird Aias gewählt (II. 7). Nachher
Waffenstillstand und Befestigung des Lagers des
Agamemnon. Die erneuerte Schlacht wendet
Zeus ungünstig für Agamemnon (II. 8). In
nächtlicher Versammlung der Fürsten rät er
zur Abfahrt, sendet jedoch auf Rat des Nestor
eine Gesandtschaft an Achill, um diesen zu
versöhnen; dieselbe ist vergeblich (II. 9). ln
der Schlacht des folgenden Tages glänzt Aga-
memnon und drängt die Troer bis vor die
Stadt zurück (II. 11, ’Ayapipvovog apictsta); er
tötet zuerst den Bienor und dessen Genossen
Oileus (11, 92), dann den Isos und Antiphos,
Söhne des Priamos (11, 101), dann die Söhne
des Antimachos, Peisandros und Hippolochos
(11, 122), darauf im stürmischen Vordringen
noch viele andere Unbenannte; den Anteno-
riden Iphidamas, der sich ihm entgegenstellt,
erlegt er (11, 221 ff.), und darauf dessen Bruder
Koon, der ihn jedoch am Arme verwundet (11,
248 ff); er mufs sich aus der Schlacht zurück-
ziehen, worauf Hektor zu den Schiffen vor-
dringt. Agamemnon berät sich im Lager mit
dem ebenfalls verwundeten Odysseus und Dio-
medes. Poseidon in Gestalt eines alten Mannes
ermutigt Agamemnon zur Schlacht (14, 136 ff.) ;
doch die Schiffe werden immer mehr bedrängt;
als sie brennen, schickt Achill den Patroklos,
der die Troer zurücktreibt; nach dessen Tode
beruft Achill die Fürsten und versöhnt sich
mit Agamemnon (19, 56 ff.); dieser schickt grofse
Geschenke dem Achill, darunter auch die Bri-
seis, die er nicht berührt zu haben scheint (19,
243 ff.). Von nun an tritt Agamemnon in der
Ilias ganz zurück. Die Tragödien , die ihren
Stoff der Ilias entlehnten, konzentrierten sich
ganz auf Achill. — In den Kvy.Iiy.6l war er-
zählt, wie Agamemnon nach dem Tode des
Achill sich fürchtet einem der Streitenden die
WaffenAchills zuzusprechen; er liefs die Kriegsge-
fangenen befragen (Od. 11,547 nach Aristarch ein-
geschoben; vgl. d. Schol. dazu) oder er schickte
auf Nestors Rat Horcher aus , die troischen
Frauen zu belauschen (iuyqcl ’lXiüg, schol. Arist.
Equ. 1056). Nach der Zerstörung Ilions nimmt
Agamemnon Kassandra als Kriegsgefangne mit,
die schon der Odyssee (11, 422) bekannt ist,
und die ihm die Zwillinge Teledamos und
Pelops gebar, die später mit dem Vater um-
kamen (Paus. 2, 16, 6). — Wegen der Rück-
fahrt streiten Menelaos undAgamemnon; erste-
rer will gleich abfahren und thut es auch,
Agamemnon bleibt zurück, um den Zorn der
Athena durch Opfer erst zu versöhnen: so die
Odyssee 3, 141 ff', und ebenso die Nosten des
Agias von Troizen, denen Sophokles in der
95 Agamemnon
Polyxena folgte ( Strabo 10, p. 470; Soph. fr.
186). Die Nosten erzählten ferner, dafs, als
Agamemnon sich einschiffte , Achills Schatten
ihm alles künftige Unheil vorhergesagt und
ihn zurückzuhalten gesucht habe (vgl. Welcher,
ep. Gylcl. 2, 291); dasselbe schöne Motiv be-
nutzte Sophokles in der Polyxena; der Geis.t
forderte hier Polyxena zum Opfer {Welcher,
gr. Tr. 178). — Nach einer attischen Sage,
die Kleitodemos {fr. 12 Muell.) berichtete, ward n
Agamemnon mit dem Palladion bei Athen an-
getrieben; Demophon raubt dasselbe; zur Ent-
scheidung wird ein Gericht von je 50 Argivern
und Athenern eingesetzt, die sogenannten Ephe-
ten. — Die Rückkehr und der Tod des Aga-
memnon war bereits zur Zeit der Odyssee episch
ausgebildet; auch die Nosten enthielten ihn;
er ward von Stesichoros in der Oresteia be-
handelt, die grofsen Einflufs auf die Tragödie
hatte. Die ältere epische Auffassung ist diese: 2
als Agamemnon nach der stürmischen Überfahrt
die Heimat erreicht hat, wird dem Aigisthos,
(s. d.) dem Sohne des Thyest, sofort von einem
bestellten Späher die Botschaft gebracht {Od.
4, 524); Aigisthos hatte inzwischen die gute und
sich sträubende Klytaimnestra verführt, ihr
den Sänger genommen, der ihr Schutz sein
sollte, und sie in sein Haus geführt {Od. 3, 263 ff.).
Jetzt lädt Aigisth den Agamemnon zum Mahle
zu sich und ermordet ihn nebst all seinen Ge- 3
führten mit Hilfe von 20 Männern , die er im
Hinterhalte aufgestellt hatte: Od. 4, 529 ff.;
auch Od. 3, 304 und 198 ist nur Aigisth als
Mörder genannt, ebenso Od. 1, 35 ff. Dagegen
Od. 11, 409 ff. (Nekyia) begeht Aigisth die
That avv ovloysvy dlo%(p , (ebenso heifst es
Od. 24, 97), und dieselbe Version schwebt vor
in dem wohl später eingefügten Verse Od. 4,
92. In der Nekyia tötet Klytaimnestra auch
die Kassandra und ist überhaupt bereits das 4
grausige Weib, auf welches Agamemnon die
Hauptschuld wälzt {Od. 11, 421 ff). In dieser
Richtung ging die spätere Dichtung weiter.
Die Version der Nosten ist nicht näher bekannt.
Bei Stesichoros scheint die Sage schon wesent-
lich wie bei den Tragikern gestaltet gewesen
zu sein {Robert, Bild u. Lied S. 163 ff. 171;
176). Bei Pindar finden wir ebenfalls bereits
Klytaimnestra allein als Mörderin genannt,
welche die That noXuo begeht und zu 5
gleich Kassandra hinmordet; als Motiv der
That läfst Pindar die Wahl zwischen dem Tod
der Iphigeneia oder der Buhlschaft mit Aigisth
(Pyth. 11, 17 ff) ; dieselben Motive bei den Tra-
gikern (Iphigeneia z. B. Aesch. Ag. 1417, Soph.
El. 530), wo Klytaimnestra sich auch nur als
Vollstreckerin der Rache für Atreus’ Unthat
hinstellt {Aesch. Ag. 1500). Der Mord geschieht
nun in der Regel nicht beim Mahle wie im
Epos, sondern im Bade, wo Klytaimnestra c
dem Agamemnon ein grofses Netz überwirft
und ihn dann mit einem Beile durch drei
Schläge tötet {Aesch. Ag. 1382 ff, zwei Schläge
und einen dritten dem Gefallenen für den
Hades; Soph. El. 98 am Kopfe; die Kopfwunde
kannte schon Stesichoros, s. Robert, Bild u.
Lied S. 171; vgl. ferner Aesch. Eum. 460. 633 ff ;
Soph. El. 99. 485. 445 syccGxceli'G&r] (vgl. den
Agamemnon in d. Kunst 96
Schol. z. d. St.) snl XovtQOiOt^ doch 203 und
284 wird der Mord beim Mahle angenom-
men; Eur. Or. 25 an slqco vcpäo gute, Or. 367;
Eur. El. 157 ff.; 1149. 1160; Eur. Iph. Taur.
552; Andr. 1026; ausnahmsweise wird Eur. El.
8 auch Aigisth als beim Morde thätig ange-
deutet). — Spätere Tragiker scheinen sich wie-
der mehr an die homerische Version ange-
schlossen zu haben, wonach Aigisth die Haupt-
) person war; so das Vorbild des Aegisthus von
Livius Andronicus, wo Agamemnon beim Mahle
erschlagen wird {Ribbech, r. Trag. 28 ff); wahr-
scheinlich ebenso der Aegisthus des Accius
(ebenda S. 464 ff). Eine tragische Version liegt
auch bei Iiygin. f. 117 zu Grunde, wonach
Oiax, des Palamedes Bruder, der schon in der
älteren Dichtung {Eur. Or. 432, vielleicht nach
Stesichoros, s. Robert, Bild u. Lied S. 184)
als Feind des Agamemnon und Orest eine Rolle
o spielte, die Klytaimnestra durch die falsche
Angabe, Agamemnon führe Kassandra als Kebs-
weib mit, aufgestachelt hat, so dafs sie mit
Aigisth denselben während des Opfers am
Hausaltare tötete. Vielleicht folgt die Clyte-
mestra des Accius dieser Version {Ribbech, r.
Trag. S. 460 ff). Agamemnon hatte an meh-
reren Orten Kulte; vor allem inLakonien, wo er
als Zsvg ’Ayaps[ii>cov, als ein chthonischer Zeus,
verehrt ward {Tzetz. Lyhophr. 1369; Clem. Al.
0 protr. p. 32 P; Eustath. II. 2, 25, p. 168). ln
Chaironeia war das Kultsymbol sein Scepter, das
man in der Nähe gefunden zu haben glaubte
und das sehr heilig gehalten wurde; er hatte
einen eigenen Priester, der jährlich wechselte und
das Scepter jeweils bei sich im Hause, aufbe-
wahrte, wo ihm tägliche Speiseopfer dargebracht
wurden {Paus. 9, 40, 11). ln Ivlazomenai war eine
Kultstätte des Agamemnon in den Bädern {Paus.
7, 5, 11). Sein Grab in Amyklai, im lsqov der
o Alexandra, ward schon erwähnt {Paus. 3, 19,
6); auch in Mykenai hatte er ein Grab {Paus.
2, 16, 6). — Sprichwörtlich war: Aya ysyvo-
vog ftvciar snl xa>v SvGnsi&äv ual anlggcov,
angeblich weil ihm in Troia einst ein Opferstier
entflohen sei und nur mühsam eingebracht
wurde {Zenob. prov. 1, 13; Diog. 1, 6); ferner
der Hexameter ävx’ svegysGu jg Ayapsyvova Srj-
occv ’A%cuol, über dessen ursprünglichen Sinn
vgh Welcher, ep. Cyhl. 2, 295; er stand in alt-
o attischen Buchstaben an einer Herme in Athen
{Harpocr. v. Eggat). — Ayaysyvovsia cpgeaxa
hiefs eine Gattung von Brunnen; denn Aga-
memnon sollte in Äulis, Attika und anderwärts
in Hellas Brunnen gegraben haben {Hesych.
s. v., Kleitodem. fr. 9 Muell.). — Ayagsgvö-
vsiog Scdg (vgl. Soph. El. 284) i } xqdn sga
nach Eustath. p. 1507 ad Od. <1528 nagoigia-
xfog snl xäv sn’ oXs&qco svooxovysvcov ; in an-
dern! Sinne nenne Sophokles ’Ayaysyvovog Sal-
ta xgv uax’ sxog yevogsvriv ots zov Ayagsg-
vova tQQLtyccv of avsXovxs g avxov. — Auf
Kunstdenkmälern ist Agamemnon immer ein
bärtiger Mann von königlichem Aufsern, meist
mit Scepter. Er ward früh und häufig dar-
gestellt in Scenen der Sage. Auf dem Kasten
des Kypselos ganz der Ilias 11, 221 ff. ent-
sprechend mit Koon kämpfend, der über den
getöteten Iphidamas tritt {Paus. 5, 19, 4). Auf
97 Agaraestor
einem sehr altertümlichen Relief von Samothrake
i (s. d. Abbildg.) sitzt er, und hinter ihm stehen
seine beiden Herolde Talthybios und Epeios
(Millingen uned. Mon. 2G; Glarac,pl. 116). Die
Agamemnon benannte Figur einer altkorin-
thischen Vase (I). a. K. 1, 18) ist nicht die
bestimmte Person der Sage, sondern allgemein
ein Herrscher (vgl. Stephani C. R. 1867, 72).
In der Gruppe der losenden Achäer vor Troia
von Onatas (Paus. 5, 25, 5) war Agamemnons io
Name allein beigeschrieben. In Polygno.ts
Unterweltsbild stand Agamemnon in der Nähe
Agamemnon, Talthybios und Epeios.
des Achill cnriitTQcp xs vno xgv ccqigxsquv ycc-
6%ahr]v SQBiSöyevog neu xatg %sqgIv snuvB%a>v
qaflSov (Paus. 10, 30, 3). Agamemnon und
Menelaos befanden sich wegen ihres Verhältnis-
ses zur Helena an der Basis der Nemesisstatue
in Rhamnus (Paus. 1, 33, 8). Unter den Dar-
stellungen auf Vasenbildern des 5. Jahrhunderts
sind besonders hervorragend die des Hieron,
wo Agamemnon — abweichend von der Ilias
— eigenhändig die Briseis wegführt (Mon. d.
I. 6, 19), und eine andere des Hieron, wo er
zwischen die streitenden Helden Odysseus und
Diomedes tritt, die beide ein Palladion her-
beibringen (Mon. d. I. 6, 22). Erst in späterer
Kunst erscheint die Opferung Iphigeneias, bei
der Agamemnon gegenwärtig ist; berühmt war
Timanthes’ Bild, der Agamemnons Angesicht
verhüllte (Overbeck Schriftgu. 1734 ff ); der Zug
ist uns in einem Pompejanischen Bilde noch
erhalten (Helbig , Wandg. No. 1304); ähnlich
der Altar des Kleomenes (R. Röchelte, mon.
ined. 1, 26, 1). Auch der Streit mit Achill er-
scheint erst auf späteren Denkmälern (Pompejan.
Wandbild: Helbig No. 1306; Sarkophag: Cla-
rac pl. 239; Tabula Uiaca: Jahn, Bilder chro-
nilcen Tf. 1). Agamemnons Tod auf etrus-
kischen Aschenkisten s. Brunn, urne etrusche
tav. 74f. 85, 4; vgl. Ribbech, röm. Trag. S. 468 f.
Agamemnons Schatten auf etruskischem Spie-
gel: Gerhard, etr. Sp. 180. — Über die Bühnen-
tracht der ’JzQsig und ’Ayayeyvovsg s. Pollux
On. 4, 116: sie tragen ein Kolncoyix über dem
Chiton. [Eust. z. II. 289, 35 erwähnt eine alte
Nebenform ’Ayctysdcov. R.] [A. Furtwängler.]
Agamestor (’AyayriGxojQ), Gemahl einer Nym-
Roscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
Agathodaimon 98
plie, Vater des Kleitos. Er wurde in dem von
Megarern und Böotern gegründeten pontischen
Heraklea als Heros verehrt: Apoll. Rh. 2, 849
u. Schol. Q. Smyrn. 6, 464. [Roscher.]
Aganippe (’Ayavimtrj), 1) Nymphe der gleich-
namigen den Musen geheiligten Quelle am
Helikon, Tochter des Flufsgottes Permessos
oder Termessos: Paus. 9, 29, 5. Kallim. b.
Serv. Verg. Ed. 10, 12. — 2) Gemahlin des
Akrisios, Mutter der Danae, sonst Eurydike
genannt: Hygin. f. 63. Vgl. Schol. Ap. Rh.
4, 1091. — 3) Tochter des Aigyptos nach
Plut. de fl, uv. 16. Davon
Aganippis ( 'Ayctvinnüg ), Beiname der Hippo-
krene bei Ov. Fast. 5, 7. [Roscher.]
Aganippos (Ayccvunnog), ein Troer: Q. Smyrn.
3, 230. [Roscher.]
Aganos •(’Ayccvog) , Sohn des Paris und der
Helena: Schol. Eur. Andr. 898, wo Cobet ’Ayuvog
schreiben will , Tzetz. Hom. 441. Schol. Ly-
Tcophr. 851. [Roscher.]
Agapenor (AyungvcoQ), Sohn des Ankaios,
Enkel des Lykurgos, König der Arkader im
Kampfe gegen Troja: Hom. II. 2, 609 ff. Hygin.
f. 97. Seine Residenz war Tegea (Apollod, 3,
7, 5). Nach Hygin. f. 81 u. Apollod. 3, 10, 8
war er einer der Freier der Helena. Auf der
Heimfahrt wurde er nach Kypros verschlagen,
wo er die Stadt Paphos und einen Aphrodite-
tempel gründete und fortan wohnte (Paus. 8,
5, 2. 3. 10, 10. 53, 7. Lykophr. 479 u. Schol. Strab.
683. Vgl. auch Engel, Kypros 1, 225. 2. 80).
Nach Apollod. 3, 7, 6 f . trafen bei ihm die
Söhne des Phegeus, Agenor und Pronoos, mit
Amphoteros und Akarnan (s. d.), den Söhnen des
Alkmaion, zusammen und wurden, im Begriff das
von der Harmonia stammende Halsband als
Weihgeschenk nach Delphi zu bringen, von
diesen ermordet. [Roscher.]
Agaptolemos (Ayecnxolsyog), Sohn des Aigyp-
tos (s. d.): Apollod. 2, 1, 5. [Roscher.]
Agasthenes (’AyaG&svrjg), Sohn des Augeias,
Vater des Polyxenos, König in Elis: II. 2, 624.
Apollod. 3, 10, 8. Paus.' 5, 3, 4. . [Roscher.]
Agastrophos ( ’AyÜGXQoepog ), Sohn des Paion,
vor Ilios von Diomedes erlegt: Hom. II. 11,
338. 373. Hesycli. [Roscher.]
Agatliippe (AycAHmcrj), Geliebte des Apollon,
Mutter des Chios: Pseudoplut. de fl, uv. 7, 1.
[Roscher.]
Agathodaimon (’Aya&og Suiyav, tx. &sog, ’Aya-
dodciLycüv), wie schon der Name lehrt, diePersoni-
fikation des göttlichen Segens, namentlich des
Natursegens, daher er von den Römern mit ihrem
Bonus Eventus(s.d.u. vgl. Plin. N.H. 36, 23), von
Atli. 38d. u. 675b mit Dionysos identificiert und
vorzugsweise zum Weinbau in Beziehung gesetzt
wurde. So berichtet Plut. Q. Sy mp. 8, 10, 3 (vgl.
ib. 3, 7, 1), dafs der Tag, an welchem man zuerst
vom jungen Wein des neuen Jahres genofs, in Böo-
tien nach ihm benannt worden sei. Hiermit
scheint auch die grofse Rolle zusammenzuhän-
gen, welche der Agathodaimon bei Gastmählern
spielte, indem man ilim unmittelbar nach der
Mahlzeit vor Anstimmung des Paian eine Spende
ungemischten Weines darzubringen pflegte
(Athen. 15, 675 b. 692f., 693b. Aristoph. Eg.
106. Schol. zu Ar. Vesp. 525. JJiod. 4, 3. Hesych.
4
99
100
Agathon
u. Suid s. v. ’Ayci&ov dacyovog. Mehr b. Hug
zu Plat. Symp. 176 A). Dieser seiner Beziehung
zum Segen des Landbaues entsprechend bildete
Euphranor den Agathodaimon mit einer Schale
in der Rechten und mit Ähre und Mohn in
der Linken ( Plin . N. H. 34, 77), während in
Elis, wo er unter dem Namen Sosipolis neben
der Tyche verehrt wurde, sein Bild (als nahg
aufgefafst) in der einen Hand das Horn der
Amaltheia hielt {Paus. 6, 25, 4). Überhaupt l
gelten die gute Tyche und der gute Dämon
für nahe verwandte Gottheiten (vgl. auch
Arist. Pac. 300 u. Schol. Bio Chrys. 3. p. 115 E.
Paus. 9, 39, 5), daher ihre Bildsäulen hie
und da neben einander aufgestellt wurden.
So gedenkt Plinius N. PL. 36, 23 einer später
auf dem Capitol in Rom aufgestellten Gruppe
beider Gottheiten . von der Meisterhand des
Praxiteles., und Paus'. 9, 39, 5 berichtet, dafs
bei dem Orakel des Trophonios zu Lebadeia 2
ein gemeinsames Heiligtum des Agathodaimon
und der guten Tyche sich befunden habe.
Aufserdem sind noch Tempel des Agathodai-
mon zu Theben ( Suidas a. a. 0.) , Syrakus
{Flut, de s. ips. laud. 11.) und an dem Wege
von Mainalos nach Megalopolis {Paus. 8, 36,
5) bekannt, wo er ’AyuQ'og ftsög (nach Pausa-
nias’ Vermutung = Zeus) genannt wurde. Die
Verehrer des Agathodaimon nannten sich ’Ayce-
ftoduigoviGTccL {Hesych.) oder — • lactcti und bil- 3
deten Vereine, die unvermischten Wein mäfsig
tranken: Eofs , Inscr.gr. 3, 34. Leutsch z. Apo-
stol. 1, 10. Hermann., gottesd. Altert. § 7, 10. 67, 9.
Häufig kommt der Agathodaimon in Inschrif-
ten vor: vgl. C. I. Gr. 227b. 371. add. 2465 f.
u. s. w. Agatlios daemon auf einer Inschrift
aus Rom, bei Orelli 1786: ATAOS 1. AAIMONI.
Agatho Baemoni sacrum e. v. s. Später wurden
auch Fürsten mit diesem Gotte identificiert,
z. B. Philippos und Nero {C. I. Gr. add. 4
3886. 4699).
Litteratur. Preller, gr. Myth. 2 1, 421 ff.
Welcher, G. 3, 210 ff. Gerhard, Agathodaimon
und Bona Dea, Abh. d. Berl. Ah. 1847. Der-
selbe, Gr. Myth. 1§ 156 f. 505. Stell in Paulys
BealencyJcl. 1, 1, 534. Hug a. a. 0. [Roscher.]
Agatlion (AyuQwv) 1) Sohn des Priamos: II.
24, 249. Apollod. 3, 12, 5. [Roscher.]
Agathyrnos (Ayd&vQvog), Sohn des Aiolos,
Erbauer der Stadt Agathyrnon auf Sicilien: 5
Biod. Sic. 5, 8. [Roscher.]
Agatliyrsos {’Ayci&vQGog), Sohn des Herakles
und einer Jungfrau mit Schlangenleib, Stamm-
vater der Agathyrsen : Her. 4, 10. Suid. u. Steph.
Byz. s. v. [Roscher.]
Agaue (AyKvrj), 1) eine Nereide, Tochter
des Nereus und der Doris: II. 18, 42. Hes.
Theog. 246. Apollod. 1, 2, 7. Hyg.praef. p. 28 B.
— 2) Tochter des Danaos: Apollod. 2, 1,5. —
8) Tochter des Thyestes: Mantissae Prov. 2, 6
94. — 4) eine Amazone: Hyg. f. 163. — 5)
Tochter des Kadmos und der Harmonia, Ge-
mahlin des Echion und von diesem Mutter des
Penthcus (s. d.). Als ihre Schwester Semele
(s. d.) gestorben war, behauptete sie lügen-
hafter Weise, Zeus habe jene zur Strafe mit
dem Blitze erschlagen, weil sie das unwahre
Gerücht verbreitet habe , sie sei von Zeus
Agdistis
schwanger geworden. Später rächte Dionysos
furchtbar diese gegen die Ehre seiner Mutter
gerichtete Lüge. Als er nämlich später auf
seinem Zuge auch nach Theben kam , wo ge-
rade Pentheus als Nachfolger des Kadmos
herrschte, nötigte er die Thebanerinnen sich
an einem grofsen bakchischen Feste auf dem
Kithairon zu beteiligen. Pentheus, der Sohn
der Agaue, welcher der Einführung des Dio-
nysoskultes in Theben heftigen Widerstand
leistete, wurde, als er heimlich die Feier der
Frauen beobachten wollte, von seiner eigenen
Mutter für ein wildes Tier gehalten und zer-
rissen {Hur. Bacchae. Apollod. 3, 4, 2. 5, 2. Ov.
Met. 3, 725. Hyg.f. 179. 184. Sen. Oed, 445 ff. 629.
Theocr. id. 2{W-Philostr. im. 2 p. 320 f. ed.K.Opp.
Cyn. 4, 289. Nonn. Bion. 46, 158 ff.). Nach
Hyg. f. 184. 240 u. 254 floh Agaue später zum
Lykotherses, König von Illyrien und tötete ihn,
nachdem sie ihn geheiratet hatte, um ihrem
Vater Kadmos die Herrschaft über Illyrien zu
verschaffen. Darstellungen des Mythus der
Agaue s. bei Müller- Wieseler, Benhn. d. a. K.
2. 436 ff. O. Jahn, Pentheus und die Mainaclen,
Kiel 1841. Bull. d. Inst. 1858 p. 170. Catal.
Gampana 4 N. 638. Vgl. H. Brunn in Paulys
Eealenc. 1, 1, p. 536. [Roscher.]
Agdistis {"AySiGzig, auch ’AyyÖioxig und ’ ’Ayyi -
axig auf Inschriften. Vgl. C. I. Gr. add. 3886,
3993, 6837 u. Keil im Philol. [1852] 7, 198).
Paus. 7, 17, 9 ff. erzählt, einer Pessinuntischen
Sage folgend, Zeus’ Same sei im Schlafe auf
die Erde geflossen, und diese habe darauf ein
Zwitterwesen hervorgebracht, welches Agdistis
hiefs. Die Götter fesselten dieses und schnitten
ihm sein männliches Glied ab. Daraus ent-
sprofs ein Mandelbaum, dessen Frucht eine
Tochter des Flufsgottes Sangarios in ihren
Busen steckte, wodurch sie schwanger wurde.
Sie gebar nun einen Knaben, Attes, und setzte
ihn aus, aber ein Bock kam und pflegte ihn.
Als nun der Knabe zu übernatürlicher Schön-
heit heranwuchs, verliebte sich Agdistis in ihn.
Da schickten die Verwandten den Attes nach
Pessinus, um die Tochter des dortigen Königs
zu heiraten. Schon wurde der Hymenaios ge-
sungen, als plötzlich Agdistis erschien. Da
wurde Attes wahnsinnig und entmannte sich,
dasselbe that auch der König von Pessinus,
der ihm seine Tochter zur Frau gegeben hatte.
Agdistis aber, welchem diese That des Attes
tiefe Trauer , heftigen Schmerz verursachte,
setzte es beim Zeus durch, dafs der Körper
des Attes unverweslich wurde. Derselbe Pau-
sanias gedenkt 1, 4, 5 eines Berges Agdistis
bei Pessinus, wo Attes begraben liege. — Einen
ganz ähnlichen, nur in unwesentlichen Einzel-
heiten abweichenden Mythos erzählt Arnobius
adv. nat. 5, 5, indem er sich auf einen Schrift-
steller Namens Timotheos beruft. An der
Grenze Phrygiens lag ein ödes Felsengebirge,
Agdus genannt (offenbar mit dem von Paus.
1,4,5 erwähnten Berge Agdistis bei Pessi-
nus identisch) , an welchem auch die Sage
von Deukalion und Pyrrha haftete. Hier war
aus einem Steine Kybele entstanden , wel-
cher Zeus vergeblich beizuwohnen suchte. Als
ihm dies nicht gelang, liefs er seinen Samen
101 Agelaos
auf einen Felsen strömen, und dieser gebar
den Agdistis, ein furchtbares Zwitterwesen,
das von Dionysos berauscht gemacht und in
diesem Zustande entmannt wurde. Aus seinem
Blute entsprofs ein Granatbaum, dessen Frucht
Nana, die Tochter des Flufsgottes Sangarius,
in ihrem Busen barg, worauf sie schwanger
wurde. So wurde Attes geboren. Sangarius
befahl ihn auszusetzen, aber irgend jemand
fand ihn und zog ihn mit Honigspeise und
Bocksmilch (lac hirquinum) auf, wovon er den
Namen Attis erhielt, weil der Bock bei den
Phrygern attagus heilst. Nach andern be-
deutet Attis den Schönen. Als nun Agdistis
und Kybele sich um den schönen Jüngling,
den Midas, der König von Pessinus, zum Gemahl
seiner Tochter erkoren hatte, stritten, wurden
Attis und seine Begleiter durch die eifersüch-
tige Agdistis in Wahnsinn versetzt, so dafs
Attis sich selbst unter einer Fichte entmannte
und starb. Kybele begrub sein Glied, aber
aus seinem Blute wuchsen Veilchen, mit de-
nen der Fichtenbaum bekränzt wurde. Die
Tochter des Midas und Braut des Attis, Ia,
tötete sich selbst aus Verzweiflung über das
Geschehene, auch aus ihrem Blute entsprossen
Veilchen, welche Kybele begrub, worauf ein
Mandelbaum entstand, das Sinnbild der Bitter-
keit der Trauer. Juppiter aber, von den Bitten
der Agdistis gerührt, gewährte dieser, dafs der
Körper des Attis nicht in Fäulnis geriet, seine
Haare immerfort wuchsen und sein kleiner
Finger sich stets bewegte. Hierdurch befrie-
digt, bestattete Agdistis den Körper des Attis
in Pessinus und stiftete zum Gedächtnis an
ihn ein Priestertum und eine jährliche Fest-
feier. S. die Artikel Attis und Kybele.
Deutung und Litteratur. Die ausführliche
Deutung dieses offenbar phrygischen Mythus
wird unter Attis und Kybele gegeben werden.
Hier nur soviel, dafs Agdistis nur ein Beiname
der Rhea oder Kybele zu sein scheint, welche
nach mehreren Zeugnissen ( Strab . 10, 469. 12,
567. Hesych. s. v. ’itydumg. C.I.Gr. 3886; vgl.
dagegen auch ib. 3993) so genannt wurde.
Attis aber ist eine deutliche Parallele zum
Adonis (s. d.), also eine Gottheit der im Win-
ter ersterbenden, im Frühling wieder aufleben-
den Vegetation. Diese Deutung wird besonders
durch die eingehende Untersuchung der Ge-
bräuche im Kultus der Göttermutter und des
Attis bestätigt. Vgl. Mannhardt, antike Wald-
u. Feldkulte S. 291 ff. v. Baudissin, Stud. z. semit.
Religionsgesch. 2, S. 203 ff. Preller, Gr. Myth .2
1, 508 ff. Müller, Hdb. d. Arcli. § 395.
[Roscher.]
Agelaos (Ayilaof). 1) Sohn des Herakles
und der Omphale, Urahn des Kroisos von Ly-
dien ( Apollod . 2, 7, 8). Nach iTerod. 1, 7 hiefs
der Heraklide, welcher als Stammvater der
lydischen Dynastie galt, Alkaios. Diod. 4, 31
und Ovid. Her. 9, 54 nennen dagegen den Sohn
des Herakles und der Omphale Lamos, Palai-
phatos Incred. 45Laomedes. S. Acheles u.Akelos.
— 2) Sohn des Oineus, Königs von Kalydon und
der Althaia, Bruder des ungleich berühmteren
Meleagros. Anton. Lib. 2 erzählt von ihm, dafs er
im Kampfe gegen die Kureten fiel, als diese den
Agenor 102
Kalydoniern Kopf und Fell des Kalydonischen
Ebers streitig machten. — 3) Sohn des Hera-
kleiden Temenos , welcher seinen Vater er-
morden liefs, weil er ihn und seine beiden
Brüder Eurypylos und Kallias gegen seine
Schwester Hyrnetho und deren Gemahl De'i-
phontes zurückgesetzt hatte. Gleichwohl fiel
die Königsherrschaft von Argos dem De'iphon-
tes zu, weil sich das Heer für diesen erklärte
(. Apollod . 2, 8, 5. Scymn. 535). — 4) Sohn des
Stymphalos von Arkadien, Vater des Phalan-
thos (Paus. 8, 35, 9). — 5) Ein Sklave des
Priamos , der den Paris aussetzen sollte, den-
selben aber wie sein eigenes Kind auferzog,
als er ihn fünf Tage nach der Aussetzung von
einer Bärin gesäugt sah ( Apollod . 3, 12, 5). —
6) Sohn des Phradmon, von Diomedes vor Ilion
erlegt (. Hom . II. 8, 257). — 7) Sohn des Da-
mastor, einer von den Freiern der Penelope
(Od. 20, 321. 22, 131. 241. 293). — 8) Ein
Grieche, den Hektor tötete (II. 11, 302). —
fi) Sohn des Euenor Q. Smyrn. 4, 334. — 10)
Sohn des Hippasos Q. Smyrn. 1, 279. — 11)
Sohn des Maion ib. 3, 229. [Roscher.]
Agelos (’ 'Aytlog ), Sohn des Poseidon und ei-
ner Nymphe von Chios: Jon b. Pausan. 7, 4,
8. [Roscher].
Agenor (’Ayrjva>Q),l) Stammvater der auch über
Griechenland verbreiteten Phönikier, ein Ab-
kömmling der Io. Epaphos , der Sohn der
Io, ein Ägypter, hatte eine Tochter Libye,
welche mit Poseidon den Agenor und Belos
erzeugte : Seliol. II. 1 , 42. (Bei Schol. Für.
Phoen. 247 ist Agenor Sohn des Belos , Bru-
der des Phoinix. Ebendas, heifsen Agenor und
Phoinix Söhne der Io). Belos ward König in
Ägypten und zeugte mit Ancliinoe, der Toch-
ter des Neilos, den Aigyptos undDanaos; Age-
nor aber ward König in Phönikien (in Sidon
oder auch in Tyros) , wo ihm Telephassa die
Europa und den Kadmos, Phoinix und Kilix
gebar, wozu manche noch den Thasos und
Phineus fügen. Als Europa von Zeus geraubt
worden war, schickte Agenor seine Söhne aus,
sie zu suchen, mit dem Gebot, nicht ohne sie zu-
rückzukehren. Da diese die Schwester nicht
fanden, so liefsen sie sich an verschiedenen
Orten nieder , in Kilikien , Theben , Thasos,
Thrakien; Phoinix siedelte sich in Phönikien
an , das von ihm den Namen erhielt. Apol-
lod. 2, 1. 4 u. 3, 1, 1. Herodot. 4, 147. 7, 91.
Ap. Bh. 2, 178. Schol. Eur. Phoen. 5. Paus.
5, 25, 7. Eurip. fr. 816 Nauck. Hyg. f. 178.
6. 14 p. 43 Bunte. 19. Serv. V. Aen. 3 , 88.
Statt Telephassa (die Weitleuchtende) heifst *
seine Gemahlin auch Argiope (die Glänzende),
Hyg. f. 6. 178. 179, oder Antiope , Tochter
des Belos, Schol. Eur. I. I. Nach Pherekydes
bei Schol. Ap. Rh. 3, 1186 zeugte Agenor, der
Sohn des Poseidon, mit Damno, der Tochter
des Belos, den Phoinix, die Isaia, Gemahlin
des Aigyptos , und Melia , Gemahlin des Da-
naos; darauf heiratete er die Argiope, Tochter
des Neilos, die ihm den Kadmos gebar. Nach
Hesiod, und mit diesem stimmten Pherekydes,
Antimachos, Asklepiades überein, war Agenor
Vater des Phoinix und dieser Vater des Phi-
neus ; denn Phoinix zeugte mit Kassiepeia den
4*
io
20
30
40
.50
60
103
104
Agenorides
Kilix, Phineus und Doryklos, Scliol. Ap. Rh.
2, 178. Ioannes Antioch. b. Müller fr. liist. gr.
4. p. 544, 15 giebt dem Agenor und Belos noch
einen Bruder Enyalios und läfst aus der Ehe
des Agenor mit Tyro den Kadmos, Pkoinix,
Syros, Kilix und Europa stammen. Bei Hyg.
f. 64 war Agenor Bruder des Keplieus (vgl.
Schot. Rur. JPhoen. 217) , Vaters der Andro-
meda, mit welcher Agenor verlobt war. Auch
Dido , die Gründerin Karthagos , stammte von
Agenor ab , Serv. V. Aen. 1 , 338. 641. Butt-
mann, Mytliol. 1, 232 ff., auf den Umstand ge-
stützt, dafs Xväg der eigentliche pkönikische
Name des Agenor sei , dieser Chnas aber mit
Kanaan Zusammenfalle, behauptet, Agenor oder
Chnas sei der Kanaan des Moses oder das
Symbol der Phönikier in Asien; s. dagegen
Movers, Phönizier 2 , 1 S. 131 f. Preller , gr.
Myth. 2, 23 f. 50. — 2) Agenor und Dioxippe
zeugten den Sipylos, nach welchem der gleich-
namige Berg benannt war, Plut. de fluv. 9, 4.
— 8) Sohn des Aigyptos, vermählt mit der
Danaide Euippe , Hyg. f. 170. Bei Apollod.
2, 1, 5 heifst des Agenor Braut Kleopatra, und
fiel Euippe dem Argeios zu, eine zweite Euippe
dem Imbros, während bei Hygin Kleopatra des
Metalkes Braut heifst. — 4) Agenor und Bel-
lerophon waren Söhne des Poseidon und der
Eurynome, einer Tochter des Nysos , Hyg. f.
157. — 5) Argiver, Sohn des Triopas, aus dem
Geschlechte des Phoroneus und des Argos, von
dem Argos seinen Namen hatte , Bruder des
Iasos, nach welchem Agenors Sohn Krotopos
zur Herrschaft kam, Paus. 2, 16, 1. 1, 14, 2.
Nach Hellanikos h. Schot. II. 3, 75 waren die
beiden ältesten Söhne des Triopas Iasos und
Pelasgos; sie teilten sich in die Herrschaft des
argivischen Landes, während der jüngste Bru-
der Agenor die Reiterei des Vaters erhielt,
mit der er Kriegszüge ins benachbarte Land
machte. Daher hiefs Argos ”lccaov und Ilelcc-
Gyrnöv und innoßorov. Bei Eustath. zu ders.
homer. Stelle p. 385 waren die drei Brüder
Söhne des Phoroneus. Oder: Agenor war Sohn
des Ekbasos, Enkel des Argos, der ein Sohn
des Zeus und der Niobe war, einer Tochter
des Phoroneus. Sein Sohn war Argos Panop-
tes. Apollod. 2, 1,2. Vgl. Hyg. f. 145. —
6) Sohn des Pleuron und der Xanthippe, Enkel
des Aitolos ; zeugte mit Epikaste, des Kalydon
Tochter , den Portkaon und die Demonike,
Apollod. 1, 7, 7. Nach Paus. 3, 13, 5 ist auch
Thestios, der Vater der Leda, ein Sohn des
Agenor. Nach Hyg. f. 244 sind Agenor und
Plexippos die Oheime des Meleagros, die er
erschlug, also Söhne des Thestios. Bei Schot.
Hur. Plioen. 160 heifst der Argiver Talaos
Sohn des Agenor und dieser Sohn des Kaly-
don, Enkel des Pleuron. — 7) Sohn des Phe-
geus, Königs in Psophis in Arkadien, Bruder
des Pronoos und der Arsinoe , welche mit
Alkmaion vermählt war, aber von ihm verlas-
sen wurde. Als Alkmaion das berühmte Hals-
band der Harmonia für seine zweite Gattin
Kallirrhoe , Tochter des Acheloos , in Psophis
holen wollte, wurde er auf des Phegeus An-
stiften von Agenor und Pronoos getötet, diese
aber wieder bald darauf von den Söhnen des
Agko deus
Alkmaion und der Kallirrhoe erschlagen, Apol-
lod. 3 , 7 , 5. 6. s. Alkmaion und Amphoteros
1. — 8) Sohn des Ampliion und der Niobe,
Apollod. 3, 5, 6. Stark, Niobe 96. 435. — 9)
Sohn des Troers Antenor und der Tlieano, Prie-
sterin der Athene, II. 11, 59. 6, 298, einer der
tapfersten Trojaner und Anführer beim Sturm auf
die griechischen Verschanzungen, II. 12, 93.
Mit andern Trojanern eilt er dem von Aias
niedergeworfenen Hektor zu Hilfe (14, 425) und
läfst sich, von Apollon aufgemuntert (21, 545),
mit Achilleus in Kampf ein (21 , 590) , den er
ans Schienbein trifft, ohne ihn zu verwunden.
Als ihm aber jetzt von Achilleus Gefahr drohte,
nahm Apollon Agenors Gestalt an, so dafs,
weil Achilleus gegen ihn sich wandte, die
Troer zur Stadt entfliehen konnten. II. 21 a.
E. Hgg. f. 112. Er tötet im Kampf den Ele-
phenor, II. 4, 467. Tzetz. Hom. 38. Lylc. 1034,
und den Klonios, II. 15, 340. Hyg. f. 115.
In der kleinen Ilias des Lesches verwundet er
den Lykomedes, Sohn des Kreon (II. 9, 84),
Paus. 10, 25, 3. Auch bei Quint. Sm. ist er
einer der tapfersten Helden und tötet viele
Griechen, 3, 214. 6,624. 8,310. 11,86. 188 ff.
349. Er wird zuletzt getötet von Neoptolemos,
13, 217. Paus. 10, 27, 1. Ein Sohn von ihm
heifst Echeklos, 11. 20, 474. — 10) Sohn des
Areus, Enkel des Ampyx, Vater des Preuge-
nes , Grofsvater des I’atreus , des Begründers
von Patrai in Achaia, Paus. 7, 18, 3. 4. Gur-
tius, Peloponnesos 1, 437. — 11) Ein Agenor
heifst Vater der Demodoke, die wegen ihrer
aufserordentlichen Schönheit von vielen Män-
nern mit herrlichen Geschenken umworben
wurde, Hesiod. b. Schot. Od. 1, 98. Schot. II.
14, 200. — 12) Sohn des Akestor, Vater des
Olios , Nachkomme des salaminischen ' Aias,
Vorfahre des Atheners Miltiades, Pherekydes b.
Marcell. Vita Thucyd. §. 2. Müller fr. hist,
gr. 1 p. 73, 20. [Stoll], Davon
Agenorides (Aygrogidyg) , Sohn oder Nach-
komme des Agenor (s. d.). So keifsen: 1) Pki-
neus (Ap. Rh. 2, 178. Val. Fl. 4, 582 u. öfter).
— 2) Kadmos (Ap. Rh. 3, 1186. Ov. Met. 3,
8. Nonn. 2,3). — 3) Perseus (Ov. Met. 4, 771).
— 4) ’AygvoQi'Sca heifsen die Tliebaner als Un-
terthanen und Söhne des Kadmos b. Hurip.
Phoen. 217. [Roscher],
Agenoria, die weibliche Parallele zum Ago-
nius oder Peragenor, also eine Göttin der Tkat-
kraft von agere (Augustin d. c. d. 4, 11 u. 16),
S. Indigitamenta. [Roscher],
Agestas (’Jyscrag?), Verwandter des Ancki-
ses. Anaxicr. in Schot, z. Hur. Androm. 224.
Wohl identisch mit Aigestes (s. d.). [Roscher],
Agganaicus , wohl celtiscker Beiname des
Juppiter auf einer Inschrift aus Ticinum. Or.-
Henzen 5612: J. O. M. Agganaico M. Nonius
Verus cum suis v. s. I. m. Petr. Vict. Aldin.,
Lap. Ticin. p. 14 und Labus, mon. scop. in
Canturio p. 26 vermuten, dafs das Wort „An-
höhe“ bedeute, und also etwa mit Juppiter
Capitolinus, Casius, Olympius zu vergleichen
wäre. Vgl. oben Adganaae. [Steuding],
Agho deus, Name eines Gottes auf einer
südaquitanischen Inschrift aus der Nähe von
Bagneres. Orelli 1954: Aghoni deo Labusius
105
106
Aglai'a
v. s. I. m. Vielleicht ist Juppiter Agganaicus
zu vergleichen. [Steuding],
Aglai'a (: 'Aylcd'u , ’Aylcä'g ), 1) eine der Chari-
ten (s. d.). — 2) Tochter des Thespios, von
Herakles Mutter des Antiades ( Apollod . 2, 7,
8. — 3) Gemahlin des Charopos, Mutter des
Nireus von Syma: Hom. II. 2, 671. Diocl. 6,
53. Q. Smyrn. G, 492. Antliol. ed. Jac. 2 p. 753.
— 4) Gattin des Abas (s. d.), Tochter des Man-
tineus, Mutter des Akrisios und Proitos: Apollod.
2, 2, 1. Schol. Eur. Or. 965. — 5) Gattin des
Amythaon, Mutter des Melampus und Rias:
Diod. 4, 68. [Roscher].
Aglaoplieme {’Aylaocprjgg), eine der Seirenen
(s. d.) : Eustath. z. Od. 12, 167 p. 1709, 45. Schol.
z. Od. 12, 39. Vgl. d. folg. Artikel. [Roscher],
Aglaoplionos {’Ayluocpcovog), eine der Seire-
nen (s. d.), wahrscheinlich mit Aglaopheme iden-
tisch: Schol. Ap. Eh. 4, 892. [Roscher],
Aglaos (’Aylccog), 1) Sohn des Thyestes, Schol. 2
Eurip. Orest. 5.812. — 2) Sohn derHermione,
Schol. Eur. Andr. 32. | Roscher],
Aglaure {’Aylavgg) , Tochter des Aktaion :
Apostol. 17, 89. S. Aglauros. [Roscher],
Aglauros ('Aylccvgog s. C. I. Gr. 7716. 7718;
so auch Paus. Harpokr. Hesych. Suid. Ovid.)
oder Agraulos ('Aygtxvlog , so bei Apollod. u.
Steph. B.). Erstere Form ist also die besser
bezeugte (vgl. Preller , gr. MI 1, 159, 4. St oll
in Paulys Bealenc. 1,1,586. Mommsen , Heor-
tol. 434 Anm. Benseler- Pape, Wörterb. d. gr. Ei-
genn. u. "Aygccvlo g). — 1) Tochter des Aktaios
(s. d.), des ersten Königs von Athen, Gemahlin des
Kekrops , Mutter des Erysichthon , der Aglau-
ros II, Herse und Pandrosos : Apollod. 3, 14, 2.
Paus. 1, 2, 5. Eur. Ion. 496. Vgl. auch Suid.
s. v. $>oivLY.ri'iK yQ., wo Aglauros II als Tochter
des Aktaion erscheint. — 2) Aglauros II, Toch-
ter des Kekrops und der Aglauros I, Geliebte
des Ares, Mutter der Alkippe: Apollod. 3, 14, 2.
Von dieser Aglauros gab es folgende Sagen: ci)
Als Halirrhothios, der Sohn des Poseidon, ihrer
Tochter Alkippe Gewalt angethan hatte, wurde
er von Ares getötet: Apollod. a. a. 0. Paus.
1, 21, 4. Hellanikos b. Suid. s. v. "Agsiog na-
yog. — b) Als noch niemand wufste , dafs die
jungfräuliche Athena heimlich einen neugebor-
nen Knaben, den kleinen Erichthonios, warte
und besorge, einen vielgeliebten, von ihr zur
Unsterblichkeit bestimmten, vertraute sie ihn
in einer Lade der Kekropstoehter Pandrosos
(nach Eur. Ion 272 N. u. Paus. 1, 18, 2 den
drei Schwestern) an, die ihn in der Lade hü-
ten, aber nimmermehr hinein sehen sollten.
Pandrosos gehorchte, ihre beiden Schwestern
aber öffneten die Lade und erblickten darin
den geheimnisvollen Knaben von einer Schlange
umwickelt, worauf sie nach einigen von der
Schlange selbst getötet, nach andern von Athene
in Wahnsinn versetzt wurden, so dafs sie sich
von der Akropolis herabstürzten ( Apollod . 3,
14, 6. Paus. a. a. 0. Eur. Ion. 274). Varian-
ten dieser Legende finden sich bei Hyg. f. 166
u. Antig. Caryst. 12. Vgl. auch Ov. Met. 2,
749. S. A. Mommsen , Ileortologie S. 434 ff.
— c) Nach Ov. Met. 2, 710—835 verliebt sich
Hermes bei der Feier der Panathen'äen in die
Herse (nach Ptol. b. Schol. II. 1, 334 ist Pandrosos
Aglauros
die Braut des Hermes) und bittet die Aglauros
seine Bewerbung um die Schwester zu begün-
stigen. Athene jedoch, des einstigen Ungehor-
sams der Aglauros eingedenk, erfüllt sie mit
Neid gegen die von einem Gotte geliebte
Schwester, so dafs sie dem Hermes den Zutritt
zur Herse verweigert, wofür sie in Stein ver-
wandelt wird. — d ) Aglauros hatte am Ab-
hange der Akropolis ein besonderes Heiligtum
i und Priesterinnen ( Herod . 8 , 53. Eur. Ion
495. Bangabe Ant. hell. 2, 1111). Mysterien
und Weihen der Aglauros erwähnt Athenag.
leg. p. Christ. 1. In jenem Heiligtum (Demosth.
19, 303 u. S'c/ioL) mufsten die wehrhaften Epheben
einen Eid schwören bei der als Priesterin der
Athene gefafsten Aglauros, dem Enyalios, Ares,
Zeus, sowie bei der Thallo, Auxo und Hegemone
{Poll. 8, 106. Plut. Ale. 15. Hesych. s. v. "Ayl.
Nach Ar. Thesm. 533 u. Schol. schwören auch die
Frauen bei Aglauros). Auch gab es einen Demos
Aygavlg oder ’AyQvlg, welcher zur Erechthei-
schen Phyle gehörte und nach der ’Ayquvlog
benannt sein sollte {Steph. Byz. s. v.). Wie
es scheint, bezog sich auf diese Verehrung der
Aglauros als Göttin die Legende, dafs Agrau-
los eine athenische Jungfrau gewesen sei, welche
sich während eines langwierigen Krieges für
das Wohl der Stadt freiwillig geopfert habe(PAi-
lochorosb. Schol. z. Dem. 19,303, fr. UM. Mehr
b. Mommsen, Heort. 435 Anm.) Wahrscheinlich
hing damit auch die Feier der Plynterien zu-
sammen {Phot. lex. p. 127. Hesych. s. v. Hlvv-
zrjQicc). Die Deutung des Aglaurosmythus
ist ebenso schwierig wie die Erklärung des
Namens. Sicher scheint , dafs Aglauros den
Taugöttinnen Herse und Pandrosos gleichar-
tig war, sowie dafs alle drei Schwestern in
einem inneren , wenn auch nicht ganz klaren
Zusammenhang mit dem Athenakultus standen.
Hierfür spricht auch der Umstand, dafs Athene
selbst die Beinamen "Ayhxvgog {Harpokr. u.
Suid. s. v.) und ndrSgoco g {Arist. Lys. 439
u. Schol.) führte, und dafs zu Salamis auf Cy-
pern, wo Aglauros zusammen mit Athene und
Diomedes verehrt wurde , der Aglauros ein
Menschenopfer dargebracht wurde {Porphyr,
de abst. 2, 54. Euseb. Pr. ev. 4, 16. de laucl.
Const. 13 p. 646 b). Vielleicht waren die drei
Töchter des Kekrops ursprünglich Nymphen
ländlicher Fruchtbarkeit (daher ’Aygavllg vvg-
epg bei Porph. de abst. 2 , 54 u. AygavUSeg
naoItvoL bei Eur. Ion 23 , vgl. Hesych. s.
v. dygavloi u. aygavlov), worauf auch die
Namensform ’Aygccvlog hinweist, welche durch
Spendung nächtlichen Taues die in der Erde
schlummernden Pflanzenkeime (Erysichthon)
pflegen und nähren. Diese Anschauung von
den tauspendenden Nymphen ist wohl schon
frühzeitig mit den beiden im Dienste der Athene
angestellten Arrhephoren kombiniert worden
{Welcher, Götterl. 3, 105 f.) Die Sage von dem
Felsensturz der Aglauros mag , wie Welcher
Trilog. S. 285 vermutet, mit einer alten Opfer-
sitte Zusammenhängen. Vgl. Preller, gr. MI
1 , 159 Anm. 4. Lauer S. 338. Welcher a. a.
0. S. 286. Götterl, 2, 289 f. 3, 103 ff. Hermann,
gottesd. Alt. §. 61, 3. 4. 8. Stoll in Paulys
Bealcnc. 1, 1, 587. A. Mommsen, Heort. 432 ff.
107 Agnias
Müller , Pallas Athene §.4. A. 22 u. 5, 27. Von
bildlichen Darstellungen der Aglauros
führt Brunn in Paulys Bealenc. a. a. 0. eine
Statue im östlichen Parthenongiebel und einige
den Raub der Oreithyia darstellende Vasenbil-
der an. Vgl. Welcher, a. L>. 1, 77 ff. 3, 145ff.
Stark, Annal. d. Inst. 1860. Vgl. auch Jahn,
Beschr. d. Vasensammlung in München No. 376
u. 415. — 3) Sohn des Erechtheus und seiner
Tochter Prokris: Hyg. f. 253. [Roscher],
Agnias oder Agnios {’Ayvlccg oder ’Ayviog?),
Vater des ArgosteuermannsTiphys (s. d.). Apol-
lod. 1, 9, 16. Apoll. Bh. 1, 106. 560 u. ö. Orph.
Arg. 123. 544. [Roscher].
Agon (Ayoiv), die Personifikation des Wett-
kampfes, ist von der bildenden Kunst in der
älteren Zeit als Athlet mit Übungsgeräten (den
Sprunggewichten) dargestellt worden, so von
Dionysios statuarisch für Olympia {Paus. 5,26.3).
Ähnlich ist die Figur einer rotfigurigen nola-
ner Vase, Agon (inschriftlich APON) als Jüng-
ling mit kurzem Unterkleid, Mantel, Haarbinde
und dem langen Agonothetenstab aus der
Schale dem Hermes libierend ( Panofha , Abh. der
Berliner Ahad. d. IIV’ss. 1856 Tü. 2, 5). Un-
bekannt ist die Auffassung des Kolotes , der
ihn an dem Preistisch im Heraion zu Olym-
pia abbildete {Paus. 5, 20, 1). Ein jüngerer
Typus findet sich auf attischen Tetradrachmen
{Beule, Monnaies d' Athenes p. 222) : Agon, ste-
hend in jugendlich zarter Gestalt, beflügelt, in
der Linken Palme und Tänie, mit der Rech-
ten sich den Kranz aufsetzend. Vgl. auch den
geschnittenen Stein Arch. Zeitg. 1849 Tfl. 2, 2.
Verwandt ist das Graffito einer Spiegelkapsel
schönsten Stils aus Korinth, jetzt im Museum
zu Lyon {Bevue archeol. 1868, 17 pl. 13), wo
dieselbe Flügelfigur sitzend einen Hahn in den
Händen hält. [Schreiber],
Agonius s. Indigitamenta.
Agraulos s. Aglauros.
Agre ('Aygg), Hund des Aktaion: llyg.f. 181.
Ov. Met. 3, 212. [Roscher],
Agrianome {’Ayqiavoyy]), Gemahlin des Lao-
dokos, Mutter des Oileus: Hyg. f. 14. p. 40,
16B. [Roscher].
Agriodos (’Ayqcödovg?) , ein Hund des Ak-
taion: Ov. Met. 3, 224 (Haupt: Argiodus). Huq.
f. 181. [Roscher].
Agriope {’Ayqionri), Gattin des Orpheus nach
Hermesianax b. Athen. 13 p. 597 b. Vgl. Lü-
beck, Aglaoph. 1, 373. [Roscher].
Agriopos (’Ayqionog?), Sohn des Kyklops
(oder ein Kyklop?), Vater des Klytios: Schol.
II. 18, 483. [Roscher],
Agrios {’ "Ayqtog ) 1) Beiname des Apollon:
Orph. hy. 33 (34), 5. — 2) des Dionysos: ib.
29 (30), 3. — 3) Kentaur: Apollod. 2, 5, 4.
Vgl. C. I. Gr. 8185c. — 4) Gigant: Apollod.
1, 6, 2 (vgl. Hygin. praef. p. 27, 9B.). — 5)
Sohn des Odysseus und der Kirke, Bruder
des Latinos und Telegonos, Beherrscher der
Tyrsener auf den seligen Inseln: Hes. Theog.
1013 ff. — 6) Kalydonier, Sohn des Porthaon
(oder Portheus, II. 14, 115) und der Euryte,
Bruder des Melas u. des Königs Oineus, Vater
des Thersites , Onchestos, Prothoos u. s. w.
Seine Söhne übertrugen ihm die dem Oineus ent-
Aia 108
rissene Herrschaft, wurden aber mit Ausnahme
des Thersites und Onchestos von Diomedes,
dem Argiver , Enkel des Oineus erschlagen
{Apollod. 1, 7, 10. 8, 5. 6). Nach Ant. Lib.
37 tötet Diomedes auch den Agrios, nach Hyg.
f. 175 nimmt dieser sich nach seiner Vertrei-
bung selbst das Leben. Übrigens wird die
That des Diomedes bald vor {Apollod. 1, 8, 6)
bald nach dem trojanischen Krieg angesetzt
{Hyg. /'. 175. Ant. Lib. 37). Vgl. aufserdem
noch Paus. 2, 25, 2. Ov. Her. 9, 153. Hyg. f.
242. Q. Smyrn. 1, 770. II. 14, 117. Schol. II.
2, 212 u. 14, 120. — 7) Sohn der Polyphonte
(s. d.). [Roscher].
Agi’on (’Ayqcav), ein Koer, Sohn des Eume-
los , Enkel des Merops , verehrte mit seinen
beiden Schwestern Byssa und Meropis einzig
und allein die Erde und verachtete die übri-
gen Götter, besonders die Athene, die Artemis
und den Hermes. Da erschienen plötzlich in
der Nacht die drei zürnenden Gottheiten vor
der Wohnung der drei Geschwister, Hermes
als Hirt verkleidet, Artemis und Atliena in
Gestalt von Jungfrauen, und luden den Agron
zu einem Opfermahle des Hermes ein, seine
Schwestern aber in die Haine der Artemis und
Athene. Als diese Einladung mit Spott er-
widert wurde und Agron sogar mit einem
Bratspiefs dem Hermes zu Leibe gehen wollte,
wurden alle drei Frevler sowie ihr Vater Eu-
melos in Vögel verwandelt, nämlich Meropis
in eine Nachteule (ylccvij,), Byssa in den Vogel
der Leukothea, Agron in einen Regenpfeifer
{%uqad'qi6g) , Eumelos in einen Nachtraben:
Boios b. Ant. Lib. 15. [Roscher].
Agrostiuai {’Ayqcoazivca), Bergnymphen: 11 e-
sycli. [Roscher].
Agyrtes {’Ayvqxgg), Genosse des Phineus,
der bei der Hochzeit des Perseus erschlagen
wurde: Ov. Met. 5, 148. [Roscher].
Aia {Ala, Alalq b. Horn.) 1) mythische Inseln
im fernsten Osten und Westen. Im östlichen
Aia wohnt Aietes (s. d.), im westlichen Kirke.
{Hes. Theog. 1011 — 15 u. Schol.). Später iden-
tificierte man das Land des Aietes mit Kolchis,
die Insel der Kirke dagegen mit dem italischen
Vorgebirge Circeji, indem man annahm, die-
ses sei früher eine Insel gewesen. {Strab. 232.
Verg. Aen. 3, 386. 7, 10. Plin. H. N. 3, 97).
Nach Homer ( Od . 12, 3) ist die westliche In-
sel Aiaie der Wohnsitz der Heliostochter Kirke
(vgl. auch Od. 10, 135), der Tanzplatz der Eos
und der Ort, wo Helios, aufgeht, eine Vorstel-
lung, die augenscheinlich vom Osten auf den
Westen fälschlich übertragen worden ist (vgl.
Od. 12, 70, wo berichtet wird, dafs auch die
Fahrt der Argo nach dem westlichen Aia ge-
gangen sei). Ebenso wie Kirke stammt aber
auch Aietes , der Eponymos und König des
östlichen Aia (vgl. d. Artikel Argonauten 7,
2) von Helios {Od. 10, 137 ff. Hes. Theog. 956 ff ).
Man dachte sich also wohl den Sonnengott
von dem einen Aia empor- und zu dem andern
Aia niederfahrend, ebenso wie man auch den
Wohnsitz der Aitliiopen zugleich in den äufser-
sten Osten und Westen verlegte {Od. 1, 23: At&io-
ntxg, toi (byftd dsd'aüxzca, i6%azoi avdqcöv, oi gsv
övooyivov 'Tjztqiovog o i d’ dvLOVzog). Mimner-
10
20
30
40
50
60
109
Aiakos
Aiakos
110
mos (b. Strab. = fr. 11 El) erwähnt die Stadt
Ides Aietes, wo die Strahlen des Helios in gol-
denem Gemache liegen, am Rande des Okea-
nos, wohin der göttliche Iason gelangte. Nach
Strab. a. a. 0. ist hier das östliche Aia ge-
meint, welches derselbe Mimnennos (fr. 12,
9 ff. B.) mit dem Lande der Aithiopen zu iden-
tificieren scheint. Apollon. Eh. 3 , 309 ff. er-
zählt, dafs Kirke ebenso wie ihr Bruder Aie-
tes ursprünglich im Osten gewohnt habe, aber i
von Helios auf seinem Sonnenwagen nach dem
westlichen Aia im tyrrhenischen Meere geführt
sei (vgl. Hesiod. a. a. 0.). Die eigentümliche
Anschauung der Odyssee , dafs das westliche
Aia der Wohnsitz der Eos und der Ausgangs-
punkt der Fahrt des Helios gewesen sei, hängt
wahrscheinlich mit der Annahme des westli-
chen Sonnenthors (Od. 24, 12), und der Heer-
den des Helios auf einer Insel im Westen so-
wie mit dem in der Sage von Atreus und 2
Thyestes ausgesprochenen Gedanken von dem
ursprünglichen Aufgang der Sonne im Westen
zusammen (Fiat. Politic. 269 A. Schol.il. 2, 106).
Bei Ap. Eh. 4, 131 führt Ala mit Beziehung
auf den Sonnengott ( Tudv ) den Beinamen Ti -
rgvig. Die ersten Schriftsteller, welche das
östliche Aia mitKolchis identificiert haben, sind
Eumelos von Korinth (vgl. Epic. Gr. fr. ed.
Kinkel p. 188) und Herodot (1, 2. 7, 193). Der
Name Ala (= yrf) bezeichnet wohl ursprünglich a
eine rings von einem ungeheuren Meere um-
gebene Insel im Gegensatz zum Wasser (Okea-
nos). Vgl. über Aia namentlich Völcker. Homer.
Geocjr. u. Weltkunde S. 117 f . u. 129 ff. Myth.
Geoejr. d. Griechen u. Eömer 1, 114 ff. Preller ,
yr. Myth. 2 1, 338 f. 2, 390. Welcher, Götterl.
1, 684. — 2) Eine Jägerin, die, vor dem Flufs-
gotte Phasis fliehend, von den Göttern in die
Insel gleiches Namens (Apoll. Eh. 3 , 1074 u.
Scholl) verwandelt wurde: Val.Flacc. 5, 425.4
— Davon Aiaia (Alaia, Aiairf) 1) = Aia Ap.
Eh. 3, 1074 u. Schol. — 2) Beiname der Medea:
Ap. Eh. 3, 1136. 4, 243. — 3) Der Kirke:
Iiom. Od. 9, 32. Apoll. Eh. 4, 559. Verg. Aen.
3, 386. Hesych. s. v. — 4) Der Kalypso: Prop.
3, 10, 31. Wahrscheinlich beruht hier der Bei-
name Aeaea auf einer Verwechselung mit Kirke
(vgl. auch Mela 2, 120, wo Aia und Ogygia
verwechselt sind). [Roscher].
Aiakos (Ala-no g, Aeacus). Sohn des Zeus und 5
der Aigina (s. cl.), einer Tochter des phliasischen
Flufsgottes Asopos. II. 21, 189. Plat. Gorg.
p. 526 E. Apoll. 3, 12, 6. Hygin. f. 52. Diod.
4, 72. Paus. 2, 29, 2. (Vereinzelt steht die An-
gabe bei Servius V. A. 6 , 566 : Eadamanthus,
Minos et Aeacits filii lovis et Europae fuerunt.)
Er war der Stammvater der Aiakiden. Apol-
lod. a. a. 0. erzählt die Sage in folgender Fas-
sung: Zeus raubte die Aigina (nach Athen. 566 d.
Nonnos Dionys. 7, 210ff. 13, 203 in Gestalt eines g<
Adlers). Asopos suchte sie und kam nachKorinth,
wo er von Sisyphos erfuhr, dafs Zeus der Räuber
sei. (Sisyphos bedang sich für die Anzeige
aus, dafs ihm Asopos auf seiner Burg eine
Quelle, die Pcirene, entspringen lasse, Paus.
2, 5, 1; dies geschah, aber der Verräter wurde
später in der Unterwelt gestraft). Den verfol-
genden Vater traf Zeus mit dem Donnerkeil
und trieb ihn in das alte Flufsbett zurück;
seitdem finden sich Kohlen im Flufsbett des
Asopos; die Aigina brachte Zeus auf die Insel
Oinone, Herod. 5, 46. Paus. 2, 29, 2. (Olvo-
nea Find. I. 7 (8) 45. Oenopia Ov. M. 7, 472),
welche nun den Namen Aigina erhielt, ver-
einigte sich dort mit ihr (nach Ov. M. 6, 113
nahte er ihr in Feuergestalt, ignis ) und erzeugte
mit ihr den Aiakos. Da dieser einsam auf der
Insel war, schuf Zeus für ihn die Ameisen in
Menschen um. So schon Hesiod. b. Schol. Find.
N. 3, 13 (21). Kinkel, ep. Gr. fr. 1, 118 fr. 96.
Abweichend davon erzählt Ov. M. 7, 517 — 657,
die Insel sei ursprünglich von einem arbeitsa-
men Geschlecht bewohnt gewesen, Hera, auf
ihre Nebenbuhlerin erzürnt , sendete eine die
Bevölkerung vernichtende Pest (nach Hyg. f.
52 führte dies eine Schlange durch Vergiftung
des Wassers herbei); da erflehte Aiakos, als
er an einer dem Zeus heiligen Eiche Ameisen
emporlaufen sah, von Zeus Menschen, so viel
er Ameisen gesehen habe. Nachdem der Gott
seinen Wunsch erfüllt hatte, nannte er die
neue Bevölkerung Myrmidonen nach yvQgg'g,
Ameise; ebenso Hyg. f. 52. Serv. V. A. 2, 7.
(Beispiel etymologisierender Sagenbildung). I111
Gegensatz hierzu leitet Strabo 8 p. 375 den
Namen davon ab , dafs die Einwohner nach
Art der Ameisen grabend das gute Land auf
den Felsen trugen, um dort Feldbau treiben
zu können, und weil sie, die Ziegel sparend,
in Gruben wohnten. Damit stimmte nach
Schol. Find. Nem. 3, 21 Bocckli (vgl. Eustath.
II. 1, 180) Tlieagenes in seiner Schrift über Ai-
gina überein : Die Einwohner der menschenarmen
Insel hätten in unterirdischen Höhlen gelebt,
ohne eigentliche Wohnungen. Daher hätten die
von auswärts Kommenden sie mit Ameisen ver-
glichen und sie Myrmidonen genannt. Aiakos
aber hätte sie mit Einwanderern, die er aus
der Peloponnes herbeiführte , verschmolzen,
hätte sie kultiviert und ihnen Gesetze gegeben.
Daher habe es geschienen, als seien sie aus
Ameisen zu Menschen geworden. Anders lau-
tete die thessalische Sage über den Ursprung
des Namens. Vgl. Myrmidon. (Paus. 2, 29,
2 weicht darin von Apollodor ab, dafs bei ihm
Zeus die Menschen unmittelbar aus der Erde
hervorwachsen läfst). Zur Gattin nahm Aia-
kos die Endeis, Tochter des Skeiron oder Ski-
ron von Megara (vgl. Paus.. 2 , 29 , 9 ; Flut.
Thes. 10, der dies als die Überlieferung me-
garischer Schriftsteller bezeichnet) , oder des
Cheiron nach Schol. Find. N. 5, 12. Schol.
II. 16, 14. Hyg. f. 14; (’EvSrjtg ist wohl eine
Zusammensetzung von tv und dem Dor. Sä = yrp
&sä syyaiog oder eyyseog). Von ihr hatte er
die Söhne Peleus und Telamon; aber der Lo-
gograph Pherekydes nannte Telamon den F reund,
nicht den Bruder des Peleus und hielt ihn für
den Sohn des Aktaios und der Glauke, der
Tochter des Salaminiers Kvchreus. (Diese An-
gabe des Logographen findet indirekt eine Be-
stätigung durch die Ilias , welche von einem
verwandtschaftlichen Verhältnis zwischen dem
Telamonier Aias und Achilleus nichts weifs ;
darnach erscheint die Rückführung des Tela-
mon auf Aiakos nachhomerisch, doch ist sie
111
Aiakos
Aiakos
112
bereits bei Pindar vorhanden). Wiederum
wohnte Aiakos der Psamathe, der Tochter des
Nereus bei, obwohl sie sich, um ihm zu ent-
gehen, in eine Robbe («polxrj) verwandelt hatte,
und erzeugte mit ihr den Phokos ($c5hos). Da
dieser seinen Brüdern in den Kampfspielen über-
legen war , trachteten diese ihm nach dem
Leben, und Telamon, der ihn durchs Los zum
Genossen des Wettkampfes erhalten hatte,
tötete ihn durch einen Diskoswurf und verbarg :
die Leiche unter Beihilfe des Peleus in einem
Gehölz. Als der Mord entdeckt wurde , ver-
bannte Aiakos die Mörder aus Aigina. (Nach
Paus. 2, 29, 9 hat Endeis ihre Söhne gegen
Phokos aufgereizt, bei ihm ist Peleus der Thä-
ter. Über den vergeblichen Versuch, den Te-
lamon machte , um sich bei Aiakos von dem
Mord zu reinigen, und die eigentümliche Art
des gerichtlichen Verfahrens vgl. Paus. 2, 29, 7.)
Aiakos war der frömmste Mann seiner Zeit
(vgl. Flut. Thes. 10); als daher einst in Hellas
Mifswachs herrschte, weil Pelops den Arkader-
könig Stymphalos arglistig und grausam er-
mordet hatte, verhiefsen die Orakel der Göt-
ter Befreiung von der herrschenden Unfrucht-
barkeit , wenn Aiakos für das Land gebetet
habe. Und so geschah es. Auch sonst findet
sich diese Erzählung; der älteste vorhandene
Zeuge ist Isokrates 9, 14, 15; denn bei Find.
N. 5, 16 — 24 vgl. Boeckh ist hiervon nicht die
Rede. Isokrates spricht von einer Dürre und
grofsem Sterben unter der Bevölkerung; da-
rum wendeten sich die Fürsten der Städte an
Aiakos, in der Überzeugung, dafs er wegen
seiner göttlichen Abstammung und seiner Fröm-
migkeit durch sein Gebet am ehesten die Göt-
ter erweichen werde. Als ihre Bitte in Erfül-
lung gegangen, erbauten sie in Aigina dort,
wo jener gebetet hatte, ein „gemeinsames
Heiligtum der Hellenen“. Die Sage berichtet
ebenso Paus. 1, 29, 6 — 8, nur weist bei ihm
Pythia die Hellenen an Aiakos. (Vgl. über das
Gebet des Aiakos noch Giern. Al. Str. 6 p. 753).
Der Name Zeus Tlocvilhqvioq und navsXXrjveov
für Berg und Tempel des Zeus findet sich erst
bei Paus. 1, 44, 13. 2, 30, 3. 4. 2, 29, 6, wo
geradezu erzählt wird, dafs Aiakos damals den
Tempel auf dem Berge dem Zeus Panhellenios
errichtet habe. Nach Diod. 4, 61 wurde die
Dürre veranlafst durch den Mord, den König
Aigeus von Athen an Androgeos verübt hatte.
Die örtliche Entstehung der Sage läfst sich
noch nachweisen. Denn Theophr. n. cggsLcov
1, 24 berichtet, dafs, wenn in Aigina auf dem
Berg des Zeus „Hellenios“ sich eine Wolke
niederlasse, dies ein Anzeichen für Regen sei,
eine Wetterregel, die noch heute in Athen,
wo man den „Hagios Elias“ vor sich hat, be-
kannt ist. Preller gr. Al. 1 1, 118. Bursian
Geogr. 2, 85. Welcher gr. Götterl. 1, 170. Zu
vergleichen sind die vom Priester des Zeus
Lykaios in Arkadien bei anhaltender Dürre
veranstalteten Gebete und Opfer. Paus. 8, 38,
3. Auch der Kultus der alten Schnitzbilder
der Damia und Auxesia zu Oie in Aigina steht
wohl mit dieser Sage in Zusammenhang. Ile-
rod. 8, 83 — 87. Find. N. 8, 8 nennt Aiakos
einen König, tüchtig in Rat und That, %hqI
■auI ßovXaig aoiarog; im Fragment des Hesiod.
b. Schöl. Find. N. 3, 21 heifst er inmoxaggrig,
Isolcr. 12, 205 führt ihn unter den Helden auf,
die wegen Frömmigkeit, Gerechtigkeit, Weis-
heit im Lied verherrlicht wurden. Er war
ein Liebling des Zeus und schlichtete als
Schiedsrichter einst einen Streit unter den
Göttern Pindar I. 8 , 23 f'. , ebenso den Streit
zwischen Nisos und Skiron wegen der Herr-
schaft über Megara Paus. 1, 39, 5. Auf dies
und ähnliches spielt Pind. N. 8, 9 ff. an. Bei
Pind. 0. 8, 31 — 44 findet sich die sonst unbe-
kannte Sage, Aiakos habe dem Apollo und
Poseidon die Mauern Trojas bauen helfen. Als
der Bau vollendet war , stürzten sich drei
Schlangen auf die Mauern los, zwei fielen an
dem von den Göttern erbauten Teil tot nie-
der, die dritte drang an der von Aiakos er-
bauten Stelle in die Stadt ein. Apollo gab
die Deutung, dafs dort Ilion von der ersten
und vierten Generation aus Aiakos’ Stamm
werde erobert werden, was Boechh zur Stelle
auf Telamon und Peleus (unter Herakles) und
auf Neoptolemos und Epeios (unter Agamem-
non) beziehen will. — Die bei Paus. 2, 29, 6
erwähnte Sage verrät örtlichen Ursprung, dafs
Aiakos Aigina mit unterseeischen Riffen um-
geben habe , um die Insel gegen feindliche
Angriffe zu schützen. Nach Plin. n. h. 7, 197
entdeckte Aiakos (die Lesart ist unsicher) zu-
erst das Silber. Bei Serv. V. Aen. 8, 352 heifst
es, dafs er den ersten Zeustempel in Arkadien
gegründet habe. Merkwürdig ist die Angabe
des Stephan. B., dafs Aiakos der Gründer der
Stadt Dia (Dion) in Thessalien sei, womit die
Angabe des Serv. V. Aen. 4, 402 übereinstimmt,
wonach Juppiter ihn den Thessalern zum König
gab. Nach seinem Tode wurde Aiakos einer
der Totenrichter der Unterwelt. Bei Homer
findet sich darüber noch nichts , obwohl er
den Rhadamanthys bereits als Bewohner des
Elysions kennt Od. 4, 564 und Od. 11, 568, frei-
lich an einer spät eingeschobenen Stelle, den
Minos des Ricliteramtes, das er auf der Ober-
welt ausgeübt hat , auch unter den Schatten
walten läfst; und ebensowenig hat Hesiod die
Sage, nicht einmal Pindar gedenkt ihrer, ob-
wohl er den Helden häufig preist. Apollod.
3,12,6.10 sagt: Auch nach seinem Tode steht
Aiakos in Ehren bei Pluton und hat die Schlüs-
sel des Hades in Verwahrung. Daher uXsidov-
%og genannt C. I. n. 6298. Diese Anschauung
begegnet zuerst bei Aristoph. Frösche 465 ff,
wo Aiakos als Pförtner des Hades auftritt, in
gleicher Eigenschaft war er vielleicht schon
im Peiritlioos des Euripides ( Fragm . 594) ge-
nannt. Lucian. de luctu 4 läfst ihn an dem
Niedergang selbst und bei dem adamantenen
Thor des Hades neben dem Kerberos die Wacht
halten, während er als Totenrichter nur Minos
und Rhadamanthys nennt. Char. c. 2. Catapl.
c. 4. nimmt Aiakos das Fährgeld als r sXcavrjg
von den Toten ein. Isokrates 9, 15 nennt ihn
den hochgeehrten Beisitzer des Pluton und der
Persephone, und damit ist doch wobl sein Amt
als Totenrichter bezeichnet, eine Vorstellung,
die durch die Stellen bei Plato Apol. p. 41 A.
Gorg. p. 523 Eff. bestätigt wird. An der letz-
113
Aiakos
Aianes
114
teren Stelle heifsen Minos und Rhadamanthys
die aus Asien, Aiakos der aus Europa stam-
mende Sohn des Zeus ; ßhadamanthys richtet
auf der Asphodeloswiese an dem Kreuzweg,
von welchem zwei Pfade abgehen, der eine zu
den Inseln der Seligen, der andere zu dem Tar-
tarus, die aus Asien, Aiakos die aus Europa
stammenden Seelen, Minos entscheidet in zwei-
felhaften Fällen. Damit stimmen die römischen
Dichterüberein: Hör. Carm. 2, 13, 22. Ov. 31.
13, 25. Prop. 3, 20, 30. 5, 11, 19; auch Se-
neca de morte Claud. 14, 15. Bei luv. 1, 10.
Martial. 10, 5, 14 übt Aiakos das strenge Straf-
amt aus. Als Richter der Unterwelt erscheint
er neben Triptolemos und Rhadamanthys in-
schriftlich bezeugt auf der Vase von Altamura :
Bull. d. Inst. 1851 p. 40. Gerhard, arcli. Ans.
1851 S. 89. Annal. d. Inst. 1864, 286 (= C.
I. Gr. 8425 b); auf der Vase von Canosa ( Mul -
ler-Wieseler, Denkm. d. a. K. 1 T. 56 No. 275.
Jahn, Miinchn. H!s. n. 849) neben Minos und
Rhadamanthys ; er trägt hier den Richterstab
(gaßdog) ; fernerauf zwei Münzen des k. Mtinzkabi-
nets zuBerlin, Arch. Ztg.187lS.79. — Kult. Auf
Aigina wurde er als Halbgott verehrt, dort stand
sein Heroon, das Aiocysiov, ein viereckiger, von
einer Mauer aus weifsem Marmor eingeschlosse-
ner Raum, in welchem sich ein wenig über die
Erde emporragender Altar befand, dieser nach
einer Geheimsage_ zugleich das Grab des Aia-
kos, rings von Olbäumen umgeben. In der
Vorhalle dieses Temenos waren die an Aiakos
abgeordneten Gesandten der Hellenen in Relief
dargestellt; hier hingen die aiginetischen Sie-
ger die in den Festspielen gewonnenen Kränze
auf. Paus. 2, 29, 6. Pind. N. 5, 53 mit Schol. ;
Alamdäv svtQYsg aloog bei Pind. O. 13, 155
mit Schol.; dorthin flüchteten die athenischen
Patrioten nach der Schlacht bei Lamia Plut.
Dem. 28. Zu Ehren des Aiakos wurden auf
Aigina AIciy.si.dc gefeiert, mit gymnischen Ago-
nen verbundene Festspiele; vgl. Schol. zu
Pind. O. 7, 156 N. 5, 78, zu denen sich
auch Kämpfer aus der Ferne einfanden. Schü-
mann, Gr. A. 2 , 538. Auch zu Athen hatte
Aiakos ein Heroon. Denn als die Athener
Aigina bekriegen wollten, gab ihnen das Del-
phische Orakel den Rat, ein Temenos des Aia-
kos zu gründen, welches nach Herod. 5, 89 an
der Agora gelegen war. Vgl. Hesych. s. v.
Aiccyszov. Die Aigineten bewahrten heilige Bil-
der des Aiakos und der Aiakiden, die sie ein-
stens den mit Athen im Krieg liegenden The-
banern zu Hilfe sendeten (Herod. 5, 80, 81),
und vor der Schlacht bei Salamis liefsen die
hellenischen Flottenführer diese heiligen Bil-
der aus Aigina holen. Herod. 8, 64. 83. 84.
Die oben erzählten Sagen bekunden, dafs Ai-
gina , die durch Schiffahrt und Handel früh-
zeitig blühende Insel , mit ihrem Zeuskultus
für eine Anzahl wohl besonders dorischer
Stämme der Peloponnes , Mittel- und Nord-
griechenlands ein ähnlicher religiöser Sammel-
punkt in einer gewissen Periode gewesen ist,
wie Delos für die Ionier. Daraus erklärt sich,
dafs auf den einheimischen Heros dieser Insel
gewisse Fürstengeschlechter und Völker ihren
Ursprung zurückführten. Denn die wahrschein-
lichste Ableitung von AiaYog ist die von cua,
wie AiccYog von Aiov oder Ata (vgl. AaßdccYog) ;
es ist zu Alccyos ursprünglich ftsos oder SaC-
ficov zu ergänzen, d.h. der Gott (Dämon) der Insel.
Ursprünglich war dies für Aigina Zeus selbst,
dann sein erster Priester und der erste König
der Insel, der nach seiner gerechten Herrschaft
auf Erden im Tode unter der Erde (als ■
viog und dem Z svg i&oviog beigesellt) weiter
regiert und in schwerer Kampfesnot den Sei-
nen hilfreich erscheint (vgl. die Sagen von
Karl d. Gr. u. Friedrich Barbarossa). Vielleicht
gab es — nach den oben zusammengestellten
Notizen — aufser dem Aiakos in Aigina auch
einen in Arkadien und Thessalien. Dann
wären Peleus und Achilleus ursprünglich die
Nachkommen des thessalischen alanög ftso g.
Die Verbindung mit Aigina setzt zur Zeit
dieser Sagenbildung einen Einflufs der see-
) mächtigen Insel durch Handel und Gottes-
dienst auf Südthessalien voraus. Der uralte
Zeusdienst auf Aigina erhielt sich für alle Fol-
gezeit wegen des Ansehens , in welchem der
höchste Berg der Insel als Wetteranzeiger bei
den Umwohnern stand. Die Ableitung bei
Preller Gr. 31. 2 3, 392 A. 3 und bei Pape-Ben-
seler von alägco-orsvco verstöfst gegen die Sprach-
gesetze; ebenso unmöglich ist die von O. Mül-
ler Aegin. I. p. 22 nach Vorgang der Alten
i angenommene Beziehung zu altzog. — Für
die Erklärung des Mythus sind zu vgl. 0. Mül-
ler, Acgineticorum Uber Berol. 1817. Gerhard
gr. 31. 2. 182 §. 875 ff. Preller gr. 31. 3 2, 390
— 405. Welcher, gr. Götterl. 1, 169. 2, 209.
3, 269. Schöll, Aias S. 1 ff. Büclcert, Troia
S. 128 f. Forchhammer , Achill, Kiel 1853.
[Wörner]. Davon:
Aiakides (AlaYtdrjg , Aeacides), Sohn oder
Nachkomme des Aiakos; Herod. 5, 80. 8, 64.
84. Das wahrscheinlich aus der Gegend von
Dodona stammende, über die Hellenen im enge-
ren Sinne herrschende, in Thessalien, Aigina,
Salamis heimische Fürstengeschlecht, berühmt
durch seine Stärke ( Hesiod bei Suidas czlYr\,
vgl. Kinkel, ep. Gr. fr. 1. S. 169. fr. 215: ’Ah igv
fisv yap tdioYSv ’Olvgniog AlccYlSyoiv) und durch
seine Kriegslust ( Hesiod b. Polyb. 5, 2 Aiccyl-
Sag noXsgcg YS%ciQTqoxccg pvzs SaizC). Homer
nennt AlaYidyg nur 1) u. 2) Peleus u. Achil-
leus. Peleus : II. 16, 15 u. ö. (vgl. Hes. fr.
98 b. Kinkel S. 119). Achilleus II. 9, 191. 11,
805. (Verg. Aen. 1, 99). 3) Pyrrhos, Urenkel
des Aiakos Paus. 1. 13. 9. Verg h Aen. 3. 296.
4) Telamon findet sich mit dieser Bezeich-
nung bei Apoll. Bh. 1, 1330. Qu. Sm. 4, 450.
5) Aias Strabo 9, 394. Qu. Sm. 3,244. 0)Pho-
kos Ov. M. 7, 668. 7) AluyCS gg hiefs der Sohn
des Neoptolemos und der Andromache. Lysim.
in Schol. Eur. Andr. 24. — Die makedonischen
und die epirotischen Könige leiteten ihr Ge-
schlecht von den Aiakiden ab, so Perseus Verg.
Aen. 6, 839. Sil. It. 1, 627; Pyrrhus Paus. 1,
13, 3. Ennius bei Cic. de divin. 2, 56, 116; vgl.
Pape-Benseler. [Vgl. auch C. I. Gr. 1907. 3538.
6020b. 6288 B.]. [Wörner.]
Aianes (Alärgg), Sohn des Amphidamas, ein
von Patroklos (s. d.) unabsichtlich getöteter
Lokrer, dem ein Flain bei Opus, Alccveiov zs-
115
Aianos
Aias Teläm.
1 IG
f isvog, geweiht war: Strab. 9, 425. Hellem.
b Schol. II. 12, 1 (vgl. Pherekydes b. Schol. II.
23 , 87). Eine Quelle im opuntischen Lokris
hiefs Alavtg, Strab. a. a. 0. Ygl. Klesonymos.
[Roscher.]
Aianos {Alavog), Sohn des Elymos, Königs
der Tyrrhener, Gründer von Aiane in Makedo-
nien. Steph. Byz. s. v. Alavfi. [Roscher.]
Aias (Al'ccg, C. I. Gr. 7377 Ai'Jra g; vgl. etr.
Aivas, lat. Ajax).
I. Der Telamonier.
A. Homerische Sagen.
Sohn des Telamon , des Herrschers von
Salamis, gewöhnlich Tsluycoviog II. 2, 528,
zum Unterschiede von Ai'ocg Oilyog dem 'Klei-
nen’ II. 15, 334 auch der 'Grofse’, ysyag ge-
nannt, oft auch nur Ai'ccg, während der an-
dere immer einen Beinamen hat, vgl. Wolf,
praef. ad II. p. 29. Ileyne , Hom. t. 6. p. 486.
Homer kennt den Telamonier noch nicht als
Aiakiden und Abkömmling des Zeus, wie die
spätere Sage, welche infolge der grofsen Ähn-
lichkeit, die zwischen den beiden gröfsten Hel-
den vor Troia in der Ilias besteht (Libanius
ovyy.QLOtg Al'avzog %ca ’A^Mscog t. 4 p. 997),
ihn zum Vetter des Achill macht; denn Peleus
und Telamon erscheinen erst später als Brüder.
Mit 12 Schiffen zieht er von Salamis nach Troia
2, 557. Eine jetzt allgemein für interpoliert
erklärte , der späteren Dichtung entlehnte
Stelle 8, 224 weist ihm den linken Flügel des
Schiffslagers am Rhoiteion an, wie dem Achill
den rechten. Doch wird 10, 112 f. erwähnt,
dafs die Schiffe des Aias und Idomeneus am
weitesten von dem Zelte des Odysseus, der
nach 8, 222 die Mitte des Lagers inne hatte,
entfernt gewesen seien. Auch 2, 558 ozrjcs d’
aycov l'v A&rjvou'cov l'azavzo qidhxyysg bezeich-
neten schon die Alten als eine von Solon oder
Peisistratos zur Unterstützung der athenischen
Ansprüche auf Salamis im megarischen Kriege
eingeschobene Interpolation; vgl. Blut. Sol. 10,
1. Biogen. Laert. 1, 2, 2. Strabo 9 p. 394. In
Ilias und Odyssee findet sich von einem enge-
ren Zusammenhänge zwischen Aias und Attika
keine Spur. Er gebietet vor Ilion als selbstän-
diger Herrscher, der niemandem unterthan ist,
über seine Mannen; daher kolqccvos luäv 8,
234. 9, 644. 11, 465. Nächst Achill der gröfste
Held vor Troia tritt er, als dieser zürnend
vom Heere sich trennt, an dessen Stelle 2, 768.
8, 321. 17, 379. Od. 11, 468. 549. 24. 17. Dafs
ihm dieser Platz von allen Seiten eingeräumt
wird, geht auch daraus hervor, dafs Agamem-
non 1, 138. 145 von ihm, Achilles, Odysseus
und idomeneus die Versöhnung mit Apollo for-
dert, und dafs er und Odysseus dazu auserlesen
werden, den Achill umzustimmen 9, 169. Schon
seine äufsere Erscheinung kennzeichnet den
Beherrscher des Schlachtfeldes. Eine herrliche,
grofse, mächtige Gestalt ragt er an Haupt und
Schultern über alle Achäer empor 3, 226 f.
vgl. Luc. Gail. 17 ; daher sind die gewöhn-
lichen Beiwörter ysyccg 5, 610 und nslcogiog
17, 360 der 'riesige’, ein Epitheton, welches
von Homer nur den gröfsten Helden erteilt
wird. Auch an Schönheit weicht er nur dem
Achill 17, 279 f., Od. 11, 550. 24, 17 f. Charak-
teristisch für ihn ist das volle blühende Ge-
sicht 7, 212 ySLÖiowv ßXoavQOioi 7iQOGc6naGt.v,
vgl. Philostr. im. 2, 7 u. Curtius, Grundzüge 4
538, insgemein ein Zeichen der Gutmütigkeit.
Seine Trefflichkeit als Kriegsheld aber erhellt
am deutlichsten aus II. 13,321, wo Idomeneus
sagt, Aias käme im Nahkampfe mit Speer und
Steinwurf dem Achill gleich, wenn ihn dieser
auch an Schnelligkeit übertreffe. So ist denn
Aias das Prototyp des wenig beweglichen,
schweren Hopliten im Gegensätze zu dem leiclit-
fiifsigen Peliden vgl. Luc. Paras. 46; von aus-
dauernder, nicht ermüdender, bedächtiger und
zäher Tapferkeit behauptet er den Platz, auf
welchem er -steht, ohne sich durch die Masse
der auf ihn eindringenden Feinde irgendwie
beirren zu lassen. Immer* bewahrt er seine
Ruhe; selbst zum Weichen gezwungen zeigt
er jene auf dem Bewufstsein der Kraft be-
ruhende Sicherheit und Festigkeit, die dem
Feinde Schrecken einjagt. Daher wird er 11,
545 fl', mit einem störrischen Esel verglichen,
der aus dem Kornfelde , in dem er seinen
Hunger stillt, durch keine Schläge herauszu-
bringen ist, und mit einem Löwen, welchen
Wächter mit Spiefsen und Bränden von der
Heerde zurückzuschrecken suchen. In jeder Not
und Bedrängnis ist er die nie versagende Stütze
und der nie wankende Halt der kämpfenden
Achäer; man denke an die Verteidigung des
Teukros , des Schiffslagers und der Leiche
des Patroklos. Daher der ehrende Beiname
f -Q-nog ’A%<xuov 6, 5. 7, 211. 13, 321. 709 und
die Epitheta alnefiog 12, 349, aQriLog Od. 3,
109. Dem Kriegsgotte gleich geht er in die
Schlacht 7, 207, und selbst dem Hektor pocht
das Männerherz, als er sich ihm zum Kampfe
stellt 7, 216. Daher wird er auch dioyevfj g 4, 489
und avzid'tog 9, 622 genannt. Nach dem Fort-
gange Achills ist er allein dem Hektor gewach-
sen; er ist es auch, welcher Hektors und der
Troer Händen Achills Leiche entreifst. Als sein
stehender Kampfesgenosse, ihn durch seine Kunst
als Bogenschütze unterstützend erscheint der lo-
krische Aias (siehe diesen); vgl. besonders 13,
701 und das Gleichnis von den beiden Pflugstieren.
Von seinen Waffen ist besonders der Schild ;
zu erwähnen. Ein Werk des Tychios aus Hyle |
(vgl. Strabo 9, 408) besteht er aus sieben Lagen j
starken Stierleders ; die achte, oberste hingegen
ist aus Erz. Dieser Schild leistet ihm oft grofse -
Dienste; vgl. Od. 7, 266. 8, 267. 11, 485. ^ Er
trägt ihn vor sich her, wie einen Turm fjvzs
nvgyov, wie er auch selbst n vgyog ’A%cuiäv ge- j
nannt wird. Selbst dem Achill würde nach j
dessen eigner Aussage diese gewaltige Trutz- I
waffe gerecht sein Od. 11, 556. ln Anlehnung
hieran nannte die spätere Sage den Sohn, wel-
chen Tekmessa dem Aias gebar, Eurysakes,
d. h. Breitschild. Aias kämpft gewöhnlich in
Verbindung mit dem kleinen Aias (siehe diesen)
oder seinem Halbbruder Teukros, dem besten
Bogenschützen im Heere, den er mit seinem
Schild deckt II. 8, 266 ff. 12, 370 ff. vgl. Lu- j
cian. Paras. 46 all’ oi zov TsXa/icövog Ai'ag
17 Aias Telam.
s neu Tsvuqos, 6 [ihr bnUxrjg txycc&ög, o Sh
o|orrjs.
Die Bedächtigkeit und Ruhe, welche er im
lampfe bewahrt, zeigt er auch im Rate. Er
pricht nicht oft und nicht viel, gewöhnlich nur
,uf dem Schlachtfelde, um die Seinen zur Stand-
laftigkeit anzufeuern; seine wuchtigen Worte
,ber sind von grofser Wirkung und verfehlen
hr Ziel nicht. So macht er II. 9, 624 ff. den
ergeb liehen Verhandlungen mit dem zürnen-
len Achill ein schnelles Ende, nachdem er ihm
eine Dnversöhnlichkeit mit eindringlichen
V orten vorgehalten und zum Frieden ermahnt
tat. Diese Verse legen zugleich beredtes Zeug-
lis ab von dem wohlwollenden Charakter des
lias, seiner Biederkeit und Offenheit, Eigen-
ichaften, welche ihm allgemeine Beliebtheit,
,a selbst das Lob des Feindes erwarben. Rühmt
loch selbst Hektor an ihm gfyfffog xs ßCr\v
cs v.al hivvxy]v 7, 288. Nie bedient er sich
leimlicher oder gar unehrlicher Mittel. Wel-
ihe Offenheit spricht aus 9, 625 ff.; welches
Wohlwollen und welches gute Herz aus 9, 639 ff.
dafs einem solchen Helden, .der Verständigkeit
nit Herzensgute vereinigt, Übermut fremd ist,
st selbstverständlich. Zwar ist er selbstbe-
vufst und freut sich seiner Kraft und Stärke
1, 196 ff. ; jedoch von Hochmut und eitlem Trotz
st bei dem homerischen Aias vor Troia keine
spur zu finden. Eine tiefe Gottesfurcht beseelt
hn. Als Zeus die um Achills Leichnam Strei-
kenden in grause Finsternis hüllt, fleht er
enen in brünstigem Gebete an , die Tages-
relle wieder erscheinen zu lassen 17, 645, und
?, 194 im Begriff mit Hektor den Zweikampf
äinzugehen hält er es nicht unter seiner
Würde, die Achäer um leise Fürbitte bei den
Hottern anzugehen. Wo er im Kampfe das
tirekte Einschreiten der Gottheit wider ihn
3rkennt, weicht er gehorsam zurück: 16, 120.
Aber auch im Verkehre mit den Menschen tritt
sein verständiger, billig denkender Sinn zu
läge. Trotzdem, dafs er im Zweikampfe mit
Hektor wesentliche Vorteile errungen hat, geht
3r doch auf die Mahnung der Herolde, den
Streit zu beenden, willig ein und besteht nur
iarauf, dafs Hektor als der Herausforderer
merst seine Bereitwilligkeit erkläre 7, 284.
Neidlos blickt er auf den jtingern Achill und
sucht ihn nicht nur zur Wiederaufnahme des
Kampfes zu bewegen, sondern läfst auch, als
Patroklos’ Leiche von den Troern ernstlich
bedroht wird, dem Achill Kunde vom Tode des
freundes zukommen, um ihn dadurch zum
Kampfe zu veranlassen. Seine Selbstlosig-
keit offenbart sich endlich auch darin, dafs
3r in den bei der Bestattung des Patroklos
veranstalteten Spielen sich airch an solchen
Kämpfen beteiligt, wo er von vornherein im
Nachteile ist, so im Ringkampfe mit dem be-
henden , keinen Kunstgriff verschmähenden
Odysseus und im Diskoswurfe mit dem als
Diskoswerfer gefeierten Polypoites. rAias Te-
lamonios ist überhaupt in der Ilias ein Held
von altem Schrot und Korn. In der Schlacht
furchtbar und unwiderstehlich, niemals aber
hinterlistig oder grausam, aufserhalb dersel-
ben sogleich wieder gelassen, gutmütig und
Aias Telam. 118
wohlwollend. Immer bieder gerecht und an-
spruchslos braucht er sich niemals mit jeman-
dem über seinen hohen Rang im Lager zu
streiten, den alle, bei seinen grofsen Vorzügen
ihm gern gönnen.’ Bröndsted , Bromes of
Siris p. 60; vgl. die Charakteristik bei Pliüostr.
her. 706.
Wenn er nun in der Nekyia der Odyssee
dem Odysseus auf seine Bitten keine Ver-
zeihung gewährt, sondern in seiner Unversöhn-
lichkeit verharrt, so ist in dieser Weiterbildung
der altern Sage der Ilias , welche von dem
Waffengericht und dem Selbstmorde des Aias
nichts weifs, schon eine Annäherung an die
später allgemeine Charakterzeichnung derselben
zu erblicken, in welcher die vßgig eine bedeu-
tende Rolle spielt. Mehr und mehr nimmt er
in der weiteren Mythenbildung den Charakter
des Achill an, dem er ja in der Ilias schon in
so vielen Punkten ähnelt, wenn ihm auch der
Trotz, die Härte und Unbeugsamkeit daselbst
fremd sind. Schliefslich sei noch erwähnt,
dafs die dem Achilles eigenen, oft hervortreten-
den zarten Gefühle der Liebe und Freundschaft,
sowie die Freude am Lyraspiel und am Gesang
dem gewaltigen Recken nicht eigen sind; dazu
ist seine ganze Natur zu derb angelegt
Die T baten, welche die Ilias von ihm
berichtet, sind folgende. Im Kampfe mit den
Troern erschlägt er den Simoeisios 4, 473 und
den Amphios 5, 610; zur grofsen Freude des
Volkes 7, 182 durch das Los zum Zweikampf
mit Hektor bestimmt, wirft er diesen durch
einen Steinwurf nieder; allein den Kanrpf tren-
nen Herolde, die Helden versöhnen sich; Hektor
giebt Aias zum Andenken sein Schwert, dieser
jenem den Leibgurt vgl. Overbeclc, G. li. B.
p. 406 und das Bild des Kypseloskastens b. Paus.
5, 19, 1. Nach dem Kampfe ehrt Agamemnon
den von den Achäern ins Lager begleite teil Helden
durch einen Schmaus 7, 206 ff. In den für die
Achäer so unglücklichen Kämpfen des 8. Buches
gehört er zu den 10 Helden, welche auf die
Aufforderung des Agamemnon es nochmals
wagen, sich dem siegreich vordringendem Hek-
tor entgegenzustellen. Mit seinem Schilde
deckt er den Teukros , der mit seinen Ge-
schossen den Troern grofsen Schaden zufügt
8, 265, und als dieser von Hektor schwer ver-
wundet wird, schützt er ihn vor den angrei-
fenden Feinden 8, 331. Endlich aber von der
Übermacht zum Weichen gezwungen wird er
von den bei Agamemnon versammelten Fürsten
auf Rat des Nestor 9, 179 mit Phoinix und
Odysseus zu Achill gesendet, um ihn mit Aga-
memnon zu versöhnen. Da die Zureden jener
nichts fruchten, so rät er 9, 624 zum Abbruch
der Verhandlungen, um die noch versammelten
Fürsten so schnell als möglich von dem Schei-
tern des Versuches zu unterrichten; zugleich
aber hält er in bündiger, eindringlicher Rede
dem Achill seine Unversöhnlichkeit, Hoffart
und Gefühllosigkeit gegenüber den in Angst
und Not schwebenden Landsleuten vor; vgl.
Overbeclc a. a. O. p. 410. Ann. d. Inst. 1858
p. 356. In der folgenden Schlacht kommt
er 11, 472 dem von den Feinden schwer be-
drängten Odysseus zu Hilfe, verscheucht jene,
io
20
30
40
50
60
119
Aias Telam.
Aias Telam.
120
tötet den Doryklos, Priamos’ Sohn, den Pan-
dokos, Lysandros, Pyrasos uud Pylartes; den
Hektor aber zu bekämpfen wird er von Zeus
verhindert, der ihm plötzlich Furcht einflöfst,
so dafs er, voll Angst, das Schiffslager möchte
erstürmt werden, den Schild auf dem Rücken
sich langsam zum Rückzug wendet 1 1 , 544 ff.
So versperrt er den ihn in Massen umschwär-
menden Feinden den Weg zu den Schiffen.
Auf Eurypylos’ Zuruf, welcher die Bedrängnis l
des Aias sieht 11, 587, scharen sich endlich
die Danaerhelden wieder um ihn , und der
Kampf kommt zum Stehen 11, 596. Bei dem
Kampfe um die Mauer eilt er dem Menestheus
zu Hilfe, tötet den Epikles, der schon die Brust-
wehr erklommen, mit einem Steinwurf 11, 379
und stöfst den Sarpedon 405 von der Mauer.
Nach Erstürmung derselben wendet sich Po-
seidon, um die Schiffe der Achäer besorgt,
persönlich an die beiden Aias, sie zu tapferem 2
Widerstande gegen Hektor und zur Verteidi-
gung der Schiffe auffordernd und ihre Seelen
mit Mut erfüllend 13, 46. Bei dem ersten An-
griff des Hektor stöfst Aias diesen mit der
Lanze zurück, als er den erschlagenen Amphi-
machos der Rüstung berauben will 13, 190;
auf ihn setzen die Achäer, als sich der Sieg
immer mehr auf die Seite der Troer neigt, ihre
letzte Hoffnung 13, 313; gegen ihn und seine
Schiffe führt Hektor seine Mannen 13, 681; 3
nur seine und des Teukros Krieger leisten
unter Leitung ihrer Führer so tapferen Wider-
stand, dafs die Troer schon daran denken, von
dem Sturme auf die Schiffe abzustehen 11, 723;
da sammelt Hektor von Polydamas angeregt
die Tapfersten der Troer und führt sie in den
Kampf. Aias sucht den Hektor mit lautem
Zurufe dadurch zurückzuschrecken, dafs er ihn
an sein nahe bevorstehendes Ende erinnert 13,
808 ; nur der Zorn der Götter habe die Grie- n
chen in den letzten Kämpfen unterliegen lassen.
Vergeblich; Hektor antwortet in hochfahrender
Weise und der entscheidende Kampf zwischen
den beiden Helden beginnt 14, 402. Der prah-
lende Hektor wird durch einen Steinwurf des
Gegners so getroffen, dafs er aus dem Kampfe
getragen werden mufs 14, 412. Alsdann tötet
Aias den Archelochos 464 und Hyrtios 511.
Als nun Hektor von Apollo mit neuer Kraft
ausgerüstet wieder auf dem Platze erscheint, 5'
wendet er sich 15, 415 gleich wieder gegen
Aias, der den Klytios erlegt, als dieser im Begriff
ist, Feuer an das Schiff zu legen 420. Aias feuert
zwar die Achäer zu tapferer Gegenwehr an 520 ff.,
sieht sich aber doch genötigt, den bisher mit
Glück verteidigten Strand und die Zelte zu
verlassen und sich mit seinen Genossen auf
die Borde der Schiffe zurückzuziehen, welche
er nunmehr mit einer mächtigen, 22 Ellen
langen, durch Ringe verstärkten Stange ver- 6<
teidigt 15, 676. Aber auch von hier verdrängen
ihn die Troer; er flüchtet 15, 728 auf die Steuer-
bank, feuert von neuem die Achäer mit ge-
waltiger Stimme an und verwundet mit der
Lanze jeden der mit Bränden sich dem Schiffe
zu nahen wagt. So fallen binnen kurzer
Zeit 12 stürmende Troer 15, 746. Als ihm
aber Hektor die Lanze mit dem Schwerte zer-
schlägt, so dafs er nur noch den Stumpf in
der Hand behält 16, 102, da erkennt er das
Eingreifen der Götter 120 und wendet sich zur
Flucht, so dafs nunmehr die Troer Feuer in
die Schiffe werfen können. Zu dem Kampfe
vgl. Overbeclc a. a. O. p. 421. — Auch in dem
letzten grofsen Kampfe, den er in der Ilias zu
bestehen hat, ist er nicht sonderlich vom Glücke
begünstigt, trotzdem dafs seine Tapferkeit sich
wiederum auf das glänzendste bewährt. Als
Hektor 17, 128 die Leiche des Patroklos zu
den Troern schleifen will, sie der Rüstung zu
berauben, naht Aias; Hektor läfst die Leiche
liegen und verläfst den Kampfplatz. Aias aber
umwandelt, vom Schilde gedeckt, schützend
den Leichnam, während die Troer von allen
Seiten einstürmen 17, 233. Obgleich er viele
tötet, fordert er doch, die Übermacht fürchtend,
den Menelaos auf, ihm Hilfe zukommen zu
lassen. Die Achäer folgen seinem Rufe. Er
erlegt den Hippotlioos, welcher die Leiche
schon am Fufse gefafst hat, ferner den Sche-
dios und Pliorkys. Mit dichtem Dunkel um-
hüllt Zeus die um den Leichnam versammelte
Kämpfergruppe; nur mit Mühe gelingt es Aias,
die von Schrecken erfafsten Genossen zu hal-
ten, da Zeus den Troern weiteren Sieg gewährt
356, bis er endlich seine verzweifelte Lage er-
kennend Zeus anfleht, das Dunkel zu zerstreuen.
Als dies geschehen, geht er den Menelaos an,
Antilochos zu Achilles zu senden, ihm den Tod
des Freundes zu melden und ihn dadurch zum
Kampfe zu bewegen. Nunmehr tragen Merio-
nes und Menelaos die Leiche aus dem Ge-
tümmel; Aias mit den Seinen deckt den Rück-
zug 17, 716 vgl. Overbeck a. a. O. p. 425. Zum
Schlüsse sei noch der Wettkämpfe gedacht,
an denen sich Aias bei Gelegenheit der Be-
stattung des Patroklos beteiligt; vgl. Mon. d.
Inst. 4 t. 31. Er ringt mit Odysseus 23, 708 ;
zwei Gänge bleiben unentschieden, den dritten
verhindert Achilles und giebt beiden den Preis.
Auch der Waffengang zwischen ihm und Dio-
medes bleibt unentschieden, da die Achäer,
um Aias besorgt, die Beendigung des Kampfes
wünschen. Beide teilen den Preis. Im Dis-
kosAverfen unterliegt er 23, 842 dem Polypoites.
In der Odyssee 11,469 begegnet Odysseus
dem Aias im Hades; dieser aber, erzählt jener
544, sei von ferne stehen geblieben, weil er
ihm noch gezürnt habe wegen des Sieges, den
er bei dem Wettstreite um die Waffen des
Achilles durch die Kunstfertigkeit seiner Rede
vor den Preisrichtern ( änicc&fisvog ) über ihn
davongetragen hätte; die Kämpfe seien vod
Thetis angestellt worden; Richter seien die
Söhne der Troer und Athene gewesen. Der
Selbstmord des Aias wird nicht ausgesprochen,
sondern 11, 549 nur angedeutet; vgl. Welcher
kl. Schriften 2 p. 274. Als nun Odysseus ihr
um Verzeihung bittet, 554, wendet er siel
schweigend ab und geht zürnend davon. Auel
über die Art und Weise des Gerichtes ergeht
sich Odysseus nur in Andeutungen. Aristarcl
strich 547 naidsg öl Tqcocov etc. Den im Waffen
gericht unterlegenen Aias malten Parrhasios unc
Timanthes im Wettstreite Vlin. N. H. 35, 71
vgl. Overbeck, Schriftquellen 1699 — 1700, Lobcci
21
Aias Tclam.
Aias Telam.
122
Uas" p. 208 und dazu Welcher, ep. Cylcl. 2 p. 180
mm. Die Darstellung des Redekampfes auf
inem schwarzfigurigen Yasenbilde Ann. d.
nst. 1865 t. F. ist von dem Drama beeinflufst,
gl. Brunn, troisch. Mise. 1880 p. 177. In der
interweit treffen wir Aias in Gesellschaft des
.chilles, Patroklos und Antilochos Od. 11, 467
. 24, 17. Zusammen mit Helden, welche dem
»dysseus feindlich gesinnt waren, stellte ihn
ar Polygnot in der Nekyia der Lesche zu n
»elphi Paus. 10, 31, 1.
B. Naclihomerische Sagen.
a) Geburt, Jugend und Auszug nach
Troj a.
Schon in den die Gehurt und Jugend des
das behandelnden nachhomerischen Sagen tritt
er immer mehr um sich greifende Einflufs des
Lchilleusmythus zu Tage. Natürlich suchte 21
ran auch verwandtschaftliche Beziehungen her-
ustellen. Während Pherekydes Telamon und
’eleus nur als Freunde, nicht als Brüder an-
rkennt (vgl. Apollodor. 3 , 12 , 6) , gelten sie
päter allgemein als Söhne des Äiakos (s. d.)
nd der Endeis auf Aigina, sind also Enkel
es Zeus, vgl. Dictys 2, 48, wo Aias infolge
dner Verwandtschaft mit Achill sich guten
rfolg von seiner Sendung verspricht, und iSoph.
Uas 389. Telamon und Peleus müssen wegen 3(
es an ihrem Bruder Phokos begangenen Mor-
es flüchten; so kommt Telamon nach Sala-
lis. Er vermählt sich mit Periboia, der Tochter
es Alkathoos, einer Enkelin des Pelops, so
als Aias auch mütterlicherseits von Zeus ab-
tammt ( Apollod . 3, 12, 7. Xenoph. Kyneget. 1,
. Paus. 1, 42, 4) oder Eriboia ( Find . I. 6, 65.
Hod. 4, 72. Tzetz. Lylc. 454. Sch. II. 16, 14) oder
leliboia ( Istros bei Athen. 13 p. 557 a) oder
’hereboia (bei Pherekydes a. a. 0.) Die attische 4(
age hingegen berichtete, um ihn zu einem
.thener zu machen, seine Mutter Periboia sei
ine von den attischen Jungfrauen gewesen,
lit denen Theseus zum Minotaurus gezogen
ei Paus. 1, 17, 3, und habe den Theseus ge-
eiratet Plut. Tlies. 29.
Den grofsen Eoien entlehnt sind folgende,
on Späteren mannigfach veränderte und aus-
eschmückte Sagen, welche den Herakles zum
rerkünder der Geburt des Aias und seiner 5(
'üchtigkeit machen. Als jener nämlich nach
-igina kam, um Telamon zur Fahrt nach Troia
bzuholen, findet er ihn schmausend: da stellt
r sich auf seine Löwenhaut und betet, die
oldene mit dem Weihetranke gefüllte Schale
1 den Händen haltend, zu Zeus, er möge dem
’elamon einen Sohn schenken von solch’ zäher
.raft, wie sein Löwenfell, und von solchem
lute, wie er selbst sei. Als Zeichen der Er-
örung aber sendet Zeus einen Adler (aiszog), cc
nd daher sei der Knabe Aiag genannt worden
Jind. I. 5, 37 u. Schol. Apollon. 1, 1289. Schol.
"lieokr. 13, 38. Apollod. 3, 12, 7. Nach einem
tifolge wörtlicher Deutung des Gebetes ent-
tandenen späteren Mythus hüllte Herakles
en bei seiner Ankunft schon geborenen Knaben
(i sein Löwenfell und betete zu Zeus für ihn
m Unverwundbarkeit (vgl. Plato Symp.
p. 219 E)\ nur die Stelle des Körpers, wel-
che bei Herakles von dem Köcher bedeckt
und deswegen von dem Fell nicht berührt
worden war, blieb unverwundbar, eine Stelle
an der Achsel, Hüfte oder Schlüsselbein, wie-
derum eine den Achillesmythen nachgebildete
Sage. Einen vorüberfliegenden Adler deutet
Herakles auf Erhörung seines Gebetes und
nannte nach ihm das Kind (Tzetz. Lylc. 455.
457. Sch,. II. 23, 821. Argumentum zum Aias
des Soph. Aisch, Thralc. in Schol. Ai. Soph.
833. Philostr. Heroik. 719). Nach Lylc. und
Tzetz. schenkte Herakles das Löwenfell dem
Aias. Von der Unverwundbarkeit des Aias
weifs die Ilias nichts; der Kampf mit Dio-
medes 23 , 822 beweist das Gegenteil. Bei
Aesch. fr. 7 8 hingegen sucht sich Aias vergeb-
lich in sein Schwert zu stürzen; es biegt sich,
bis ihm ein Dämon die verwundbare Stelle zeigt.
Falsch verstanden hat die Erklärung der ver-
wundbaren Stelle der Scholiast zu Soph. Ajax
815. — Wie Achilles dem Peneios, so weiht
nach Philostr. Her. 720 Aias dem Ilissos sein
Haupthaar. Als Jüngling gehört er zu den
Freiern der Helena Apollod. 3 , 10 , 8. Hyg.
f 8L
Während aber in der Ilias Aias als ein
Becke ohne Schuld und Fehle erscheint, ge-
horsam gegen die Götter, nachsichtig und be-
scheiden gegen die Mitmenschen und insofern
sich wenig zu einem tragischen Helden eig-
net, sannen die späteren Mythenbildner, be-
sonders die Tragiker darauf,, seinen in der
Odyssee nur angedeuteten jähen Untergang
durch Vergehen, welche er schon in seiner Ju-
gend und vor dem Kriege mit Troia den Göttern
gegenüber sich zu schulden kommen läfst, aus
dem dadurch hervorgerufenen Hasse der Athene
gegen ihn zu begründen und zu rechtfertigen.
Wie Achilles’ Tod eine tragische Folge ist
seiner an der Leiche Hektors begangenen Grau-
samkeit, so mufsten auch die Epiker und noch
mehr die Dramatiker, welche seinen Selbst-
mord zu besingen gedachten, ihm Eigenschaf-
ten beilegen, welche der homerische Held nicht
hat, allzugrofses Selbstvertrauen, Übermut und
Verachtung der Götter, vgl. Welcher, kl. Schrift.
2, 269 0’. Welcker vermutet daselbst, dafs rdie-
selben von ihm ausgestofsenen Reden, welche
bei Sophokles nach der Erklärung des Kalchas
die Unzufriedenheit veranlafst haben, schon in
dem alten Epos den Grund seiner Demütigung
und seines Falles abgaben’. Soph. Aj. 762 wird
erzählt, dafs, als ihm bei seinem Aufbruche nach
Troia der Vater den weisen Rat gegeben zshvov
öoqsl ßovlov UQazsLv fisv , ovv &eg> d’ asl uga-
zsiv, er in übermütiger Weise geantwortet habe,
mit Hilfe der Götter könne auch der Schwache
siegen, er hingegen gedenke auch ohne ihre Hilfe
Ruhm zu erwerben. Und der Scholiast zu 217
berichtet, um speziell den Hafs der Athene zu
begründen, Aias habe die nach väterlichem
Brauche auf seinem Schilde gemalte Athene
weggewischt. Der Abschied von Telamon bild-
lich dargestellt siehe bei Overbeck a. a. 0.
p. 276. Der Auszug des Aias und Menestheus
von Melite und ihr Abschied von Ly kos, dem
Bruder des Aigeus, auf der Kodrosvase Braun,
123
Aias Telam.
Aias Telam.
124
d. Schale des Kodros , Gotha 1843. G. I. Gr.
8440b. Jahn, archäol. Aufs. p. 181 ff.
Nach Dictys 1, 13 trifft er zuerst von allen
Helden an dem Versammlungsorte Argos ein,
begleitet von seinem Bruder Teukros ( Dares 14)
und wird 1, 16, nachdem Agamemnon zum
Oberbefehlshaber erwählt worden ist, neben
Achilles und Phoinix zum Anführer der Flotte
gemacht. Später aber wird ihm 1, 19 neben
Palamedes, Diomedes und Idomeneus in Aulis :
vom Heere der Oberbefehl gegeben, als das-
selbe den Agamemnon auf seine Weigerung,
den Mord der heiligen Hindin zu sühnen, sei-
ner Stelle entsetzt hatte. Bei der Landung in
Mjsien 2, 3 wendet sich das Kriegsglück den
Griechen erst dann zu, als Achilles und Aias
die Leitung übernommen haben. Letzterer
tötet den Teuthranius, Bruder des Telephos (vgl.
Achilleus S. 29 ff.). Bei der zweiten Zusam-
menkunft der Griechen in Argos liegt ihm, s
Achilles und Diomedes die Sorge um das Heer
ob 2, 9. Bei der Landung zeichnen sich be-
sonders Achilles und Aias durch Tapferkeit
aus 2, 12.
h) Die Kämpfe vor Troja.
Aus der den Kämpfen des 10. Kriegsjahres
vorausgehenden Belagerung berichtet die spä-
tere Sage nur von einigen Beutezügen des Aias.
Nach Soph. Aj. 20 ff. u. 487 ff', zerstörte er auf 3
einem Kaubzuge die Stadt des phrygischen
Königs Teleutas, führte dessen Tochter Tek-
messa mit sich fort und machte sie zu seinem
Weibe. Von der Ermordung des Teleutas durch
Aias sagt Sophokles nichts, um so die innige
Liebe der Tekmessa zu Aias zu rechtfertigen.
Ebenso nimmt Quint. 5, 540 an, dafs ihre El-
tern nach der Eroberung der Stadt vor Aias’
Tode auf eine nicht näher bezeichnete Weise
gestorben seien. Von der Liebe des Aias zu 4
Tekmessa spricht auch Horaz 4, 2, 5. Anders
die Erzählung des Dictys 2, 18, welcher zuerst
von einem Einfalle des Aias in die thraki-
sche Chersonnes berichtet, wo Polymestor, ein
Schwiegersohn des Priamos, Herrscher war. Der
König ergiebt sich dem starken Feinde, liefert
den Polydoros, einen Sohn des Priamos, der ihm
von diesem zur Erziehung übergeben war, aus,
zahlt eine grofse Summe Goldes, versorgt die
Griechen auf ein Jahr mit Getreide und wird 5'
Bundesgenosse derselben. Von dort geht Aias
nach Phrygien, erlegt den Teleutas im Zwei-
kampfe, erobert und verbrennt die Hauptstadt
und führt Tekmessa als Beute mit sich fort.
In der dem Anfänge der Ilias unmittelbar vor-
angehenden Zeit plündert er 2, 27 eine Menge
Städte Kleinasiens und treibt die auf dem Ida
weidenden Herden der Feinde weg. Ein an-
derer Raubzug bei Dictys 2, 41. Bei den Leichen-
spielen zu Ehren des Patroklos geht er ihid. 3, 6i
19 aus dem Faustkampfe als Sieger hervor.
Nach 4, 14 läfst er dem Achill auf seine eignen
Kosten am Sigeion das Grabdenkmal errichten
und zürnt den Griechen, weil sie den Verlust
ihres gröfsten Helden so wenig betrauern. Als
Neoptolemos nach Troja kommt, ehrt er den
Aias wie einen Vater, und mit ihm zusammen
eilt er an der Spitze der Myrmidonen in den
Kampf 4, 17. Bei der Verfolgung der den von
Philoktet getöteten Paris forttragenden Troer
wird er, an der Mauer angelangt, von einem
Steinregen überschüttet; sein Schild und die
Pfeile des Philoktet retten ihn. 5, 10 wird er
unter den Helden genannt, welche dazu erko-
ren sind, mit den Troern Frieden zu schliefsen.
Nachdem die Stadt genommen, fordert Aias
aus der Beute das Palladium; alle, selbst Dio-
) medes, willigen in die Forderung; nur Odysseus,
von den Atriden unterstützt, verweigert es
ihm. Aias hatte nämlich nach der Einnahme
der Stadt unter grofsem Beifalle des Heeres
den Tod der Helena als Sühne für das viele
vergossene Blut gefordert; allein Odysseus hatte
bewirkt , dafs sie dem Menelaos unversehrt
übergeben wurde. Daher der Zorn der Atri-
den gegen Aias. So wird denn dem Ulixes
das Palladium zugesprochen. Dies führt zu
1 einer Spaltung unter den Anführern 5, 16.
Aias droht offen mit Rache; die Atriden um-
geben sich mit Schutzwachen; die ihnen feind-
lich gesinnten Anführer scheiden jnit Einbruch
der Nacht unter Drohungen und Verwünschun-
gen der Weiberhelden. Am Morgen findet man
Aias von einem Schwerte durchbohrt. Das
Heer gerät in die gröfste Aufregung: allge-
mein werden die Atriden des Mordes beschul-
digt, welche, von ihren Mannen beschützt, die
Öffentlichkeit meiden. Neoptolemos errichtet
den Scheiterhaufen und verbrennt den Leich-
nam, dem 5, 16 die Griechen eine dreitägige
Totenfeier bereiten. Am Schlüsse derselben
legen sämtliche Anführer mit Ausnahme des
Odysseus, welcher entflohen ist, ihr Haupthaar
am Grabhügel des Helden nieder. Seine Söhne
Aiantides (Mutter Glauca) und Eurysakes (Mut-
ter Tekmessa) werden dem Teukros übergeben.
So die Sagen des Dictys im Zusammenhänge.
Schliefslicli sei hier noch erwähnt, dafs nach
Dares 35 Neoptolemus auf Aias’ Rat aus Sky-
ros herbeigeholt wurde.
Die nachhomerische Zeit hielt das Urteil
der Ilias und Odyssee, welche den Aias für
den zweitgröfsten griechischen Helden vor Troia
erklärte, fest, vgl. Alcaeus fr. 48. Sch. Pind.
N. 7, 27. Soph. Aj. 1340. Hör. Senn. 2, 3,
193. Philostr. Her. 719 f. Dictys 4, 5 (vgl.
Pind. N. 2, 19. I. 4, 39. Ovid M. 13, 384.
Flut. Conv. Q. 9, 5, 1).
Schon oben ist darauf hingewiesen worden,
dafs der Charakter des nachhomerischen Aias
insofern ein anderer ward, als sich ihm die
Hybris zugesellte. Da nun die nachhomerische
Poesie und zwar schon das Epos des Arktinos
und Lesches sich teilweise gegen die schliefslicb
siegreichen Griechen wandte , so wird jene
neue Charakterzeichnung des Aias wohl auch
auf dieses zurückzuführen sein.’ Zu den schon,
angezogenen Beweisen gottlosen Hochmuts bei
seinem Auszuge aus Salamis fügte die Dich-
tung nach Soph. Aj. 777 aus seinem Auf-
enthalte vor Troja noch einen dritten hinzu
Als er einst von Athene im Kampfe zu erneu-
tem Vorgehen aufgefordert wurde, entgegnete
er ihr , sie möge sich zu andern Griechen
stellen ; bei ihm werde die Schlacht nicht wan-
ken. So wird das Selbstgefühl der Rias zu
i
;
i
l
I
I
h
i
jä
k
u
jei
die
joi
iß
L25
Aias Telam.
Aias Telam.
126
•ücksichtslosera Hochmute , der ihn nach den
besetzen der sittlichen Weltordnung, die das
Drama lehrt, zum Untergange führen mufs.
Aus Kunstwerken dürfen wir schliefsen,
lafs er sich in den späteren Epen auch an den
Kämpfen gegen die Amazonen und gegen Mem-
lon in hervorragender Weise beteiligte. Im
Kampfe gegen eine Amazone dargestellt bei
Bröndsted , Bromes of Siris. In dem grofs-
irtigen Kunstwerke des Lykios, Myrons Sohn, 10
au Olympia Paus. 5, 22, 2, welches Achill und
Senossen dem Memnon und seinen Genossen
kampfbereit gegenüberstellte, während die bei-
den Mütter den die Schicksale der Helden
wägenden Zeus anflehen, war Deiphobos der
Gegner des Aias. Der Vorwurf dieser, auf
einer halbkreisförmigen Basis freistehenden Erz-
gruppe war dem Arktinos
entnommen , vgl. Overbeck,
Gesell, d. gr. PL* 1, 328 f.
Aus rein schematischen, die
Namen der Kämpfer ange-
benden Vasenbildern, welche
Kämpfe des Aias mit Troern
darstellen, aufpoetische-Quel-
len schliefsen zu wollen, wäre
nach Brunn, troisch. Mise.
1880 p. 181 f. falsch. Aias bei
der Totenklage des Antilo-
chos bei Pliilostr. imag. 2,
7, kenntlich an'o zov ßloov-
qov; vgl. II. 7, 212.
Die letzte grofse Helden-
that des Aias, die Rettung
der LeichedesAchill aus
den Händen der Troer , in
der Odyssee 5, 309 ff. nur
kurz erwähnt, war ausführ-
lich geschildert in der Äthio-
pis des Arktinos ; vgl. Sch.
Arist. JEqu. 1056. Die Worte
des Proklos lauten: rund als
über dem Gefallenen ein har-
ter Kampf entsteht, hebt Aias
den Leichnam auf und bringt .
ihn nach den Schiffen, wäh-
rend Odysseus die Troer ab-
wehrt . . . Über die Waffen
des Achill entsteht Streit zwi-
schen Odysseus und Aias.’
Nach Sophokles Pliilokt. 373
schreibt sich Odysseus allein
die Rettung der Leiche zu,
wie er auch Ovid M. 13, 384
sagt, er habe auf seinen
Schultern den Leichnam und
die Waffen des Achill zu-
gleich getragen. Anders bei
Quintus 3 , 217 ff. Bei ihm
beteiligen sich zwar auch
Aias und Odysseus besonders
ander Verteidigung, und Aias schlägt zuletzt die
Troer in die Flucht 3, 362, allein das Herein-
schaffen der Leiche geschieht währenddem ohne
Erwähnung des Odysseus in aller Ruhe. Die
betreff. Bildwerke b. Overbeck S. 540 ff. Aias
erhebt 3, 427 zuerst die Totenklage um den
Gefallenen, dann Phoinix, dann Agamemnon.
Bei den Kampfspielen beteiligt er sich am
Waffenkampfe gegen Diomedes 217 ff. , der
Kampf bleibt unentschieden und wird vom
Nestor getrennt; den von Thetis ausgesetzteu
Preis, vier lesbische Jungfrauen, welche Achill
früher erbeutet, teilen sie unter einander; im
Diskoswurfe und im Faustkampfe erhält Aias
den Preis, da sich ihm kein Gegner zu stel-
len wagt.
Aus der Odyssee 11, 469, dem Scholion da-
zu und Eustatli. 1698 ergiebt sich nun, wie
ungefähr Arktinos die Sage des näheren be-
handelt hat. In der Versammlung der Achäer,
welche darüber entscheiden sollten, wem von
beiden die von Thetis dem Retter des Leich-
nams ihres Sohnes ausgesetzten Waffen ge-
bührten, verfochten beide ihre Sache mit Wor-
ten. Ausführliche Behandlung des Redekam-
pfes bei Ovid M. 13, 284 ff. u. Quint. 5, 123 ff'.,
vgl. Overbeck, G. h. B. p. 563 ff. und Labbert,
Ann. d. Inst. 1865 t. F. p. 82 ff. ; die Gemälde
des Parrhasios und Timanthes siehe oben Ab-
schnitt A. a. E. Allein da man zu keinem
endgültigen Resultate kommt, schlägt Aga-
Aias mit Achilleus’ Leiche (vgl. Overbeck, Bildw. d. theb. u. tr. H. S. 551 ff.).
127
Aias Telam.
Äias Telam.
128
memnon , um den Schein der Unparteilich-
keit zu wahren , vor , troische Gefangene zu
Schiedsrichtern zu machen. An sie wurde die
Frage gestellt, wer von den beiden Bewerbern
den Troern den meisten Schaden zugefügt habe.
Diese entschieden für Odysseus. Ebenso Phi-
lostr. Her. 720ff, welcher behauptet, die Troer
hätten aus Hafs oder Furcht vor Aias gegen
ihre Überzeugung geurteilt, vgl. Quint. 5, 157.
Taetz. Posthorn. 485. Bei Eustath. 859 erkennt io
Podaleirios den in den Augen des Aias auflo-
dernden Zorn, vgl. Welcher, Id. Sehr. 2, p. 274
und dieser tötet sich denn auch nach Schol. Find.
Isthm. 4, 58 in früher Morgenstunde mit eigner
Hand. Wahnsinn und Hinschlachten der Herde
wird hier ebensowenig erwähnt, wie in der
Odyssee, (vgl. jedoch die Schilderung des
Quintus, welcher 5, 318 ff. u. 352 ff. verschie-
dene Sagen kontaminiert), wo im Gegenteile
11, 555 betont wird, dafs die Griechen seinen 20
Tod gleich dem des Achill betrauert hätten,
sondern der Zorn über die ihm widerfahrene
Kränkung drückt ihm das Schwert in die Hand.
— Der Dichter der kleinen Ilias hingegen liefs
nach Sch. Aristoph. JEqu. 1056 den Nestor dem
Heere den Bat erteilen , einige Griechen an
die Mauern Troias zu schicken , um die Ge-
spräche der Troer zu belauschen und so zu
erfahren, welchen der beiden Helden sie für
den tapfersten hielten. Die Kundschafter aber 30
hätten das Gespräch zweier troischer Jung-
frauen mit angehört, von denen die eine dem
Aias den Vorzug gegeben, weil er die Leiche
des Achill aufgehoben und aus dem Getümmel
getragen habe, was Odysseus nicht hätte thun
wollen. Die andere aber habe ihr auf Einge-
ben der Athene (vgl. Prohlos Exc.) widerspro-
chen. Odysseus habe nun, sagt Proklos, nach
dem Willen der Götter die Waffen empfangen,
Aias aber sei in Baserei verfallen, habe die im 40
Kriege erbeutete Herde der Achäer vernichtet
und sich selbst getötet.
Nach Eust. 285 gestattete der zürnende
Agamemnon die Verbrennung der Leiche nicht,
vgl. Hör. Sat. 2,3, 187 ff., während Quintus
und Hictys dieselbe erwähnen.
Pindar folgt dem Arktinos, indem er den
Selbstmord ohne vorhergehenden Wahnsinn
erfolgen läfst N. 8, 23. 7, 25. I. 4, 57; vgl.
Ovid M. 13, 385. Tsetz. Posthorn. 490. Eustath. 50
a. a. 0. Bei ihm scheinen die Aussagen der
Troer nur die Unterlage für die Abstimmung
der Achäer, welche selbst das Gericht bilde-
ten, abgegeben zu haben. So auch Chrysippos
bei Schol. Pind. Isthm. 3, 58. Bei Ovid a.
a. 0. stimmen die Achäerfürsten ab; er ist
der erste, welcher von Betrug bei der Abstim-
mung spricht; es seien für Odysseus Stimmen
untergeschoben worden, und die Bedekunst des
Odysseus habe auf diese Weise den Sieg da- 60
von getragen. In theatralischer Weise läfst
Ovid den Aias sich in der Versammlung mit
dem Schwerte durchbohren, während er bei
Quintus (vgl. Tzetzes u. Eustath. z. Od. 454)
geistig gestört die Versammlung verläfst.
Die Darstellung des Arktinos liegt auch
der äschyleischen Trilogie zu Grunde, welche
das Ende des Aias behandelte. In der onXcov
HQiGig bildeten die Troer als Bichter den Chor;
aus der Nachahmung des Pacuvius (vgl. 0. Bib-
bech, röm. Trag. 218) Armorum iudicium läfst
sich erkennen, dafs Aias den Vorschlag (des
Agamemnon) , um die Waffen zu kämpfen,
von vornherein abwies, dieselben für sich
in Anspruch nahm und den Odysseus als
ebenbürtigen Gegner nicht anerkannte. Den
gleichen Stoff behandelten Accius in dem
Drama gleichen Namens ( Bibbech a. a. 0. p.
369), Theodektes im Drama Aias und Antisthe-
nes in der Schulrede Aiag. Vgl. Lobeck ad
Ajac. p. 363. Bei Accius beruft sich Aias rauf
den doppelten Anspruch der Geburt und der
Tapferkeit’. Der zweite Teil schliefst sich an
die weiter unten zu behandelnde Tragödie des
Sophokles an. In dem mittleren Drama der
äschyleischen Trilogie ®qr)6Gcu bildete der
Selbstmord den Mittelpunkt. Der Chor bestand
aus kriegsgefangenen Frauen. Das Schlufsstück
bildeten vielleicht die ZaXayiviai-, vgl. Welcher,
kl. Schriften p. 276 f.
Hingegen hat sich an die Behandlung des
Stoffes durch Lesches (s. o.) Sophokles in sei-
nem Aias (luüTiyocpoQog abgeschlossen. Über
die Vorfabel des Stückes , welche den Tod
des Helden zur Folge hat, vgl. oben. Die
Charakteristik des sophokleischen Aias giebt
Welcher, kl. Schriften 2, 84, den Gang der
Handlung die alte Hypothesis des Dramas,
wozu vgl. Welcher a. a. 0. 293 ff. u. 326 ff. u.
Schneidewin-Hauckd Einleitung z. Sopb. Aias
p. 45 ff. Hier mögen nur einige charakteristi-
sche Eigentümlichkeiten der sophokleischen
Darstellung Erwähnung finden. Vorher sei be-
merkt, dafs der sophokleisclie Aias nicht nur
in vielen Charakterzügen, sondern auch we-
gen der vielen Beminiscenzen in seiner sprach-
lichen Form an den homerischen Aias leb-
haft erinnert.
Nach Sophokles begründet Aias seine An-
sprüche auf die Waffen nicht sowohl durch
seine Verdienste bei der Wiedergewinnung der
Leiche des Achill, als durch seine rühmlichen
Kämpfe gegen den Ilektor; besonders betont
er 1276 ff', den Zweikampf und die Vertei-
digung der Schiffe. Ja, Odysseus selbst giebt
es Philoht. 1350 zu, dafs dem Aias die Waf-
fen gebühren. Ferner läfst Sophokles den
Aias bei vollem Verstände den Bacheplan fas-
sen (Schneidewin- Hauch a. a. 0. p. 41) , ein
weiteres Motiv für Athene, die von ihr gelieb-
ten Achäer und besonders Odysseus vor Aias
zu schützen und ihn, auch abgesehen von den
früheren Beleidigungen, zu strafen. Eine weitere
Erfindung des Dichters ist es , dafs er den
Chor und Tehmessa durch eine vom Aias ge-
haltene zweideutige Bede über sein wahres
Vorhaben, d. i. den Selbstmord, täuschen läfst.
Während sie glauben , er habe ihren Bitten
Gehör gegeben, wolle sich am Meerstrande von
dem Verbrechen reinigen, die beleidigte Gott-
heit versöhnen und das verderbliche Schwert
des Hektor vergraben, haben für ihn und den
Zuhörer die von ihm gesprochenen Worte
einen ganz anderen Sinn. Ferner pafste die
Schroffheit des im Hades weilenden Aias, mit
welcher er den Hafs gegen Odysseus festhält
129
Aias Telam.
Aias Telam.
130
vgl. Ilor. Sat. 2, 3, 203), nicht zu den Sitt-
ichen Anschauungen , welche Sophokles auf
ler Bühne vertrat, nicht zu dem Zwecke, wel-
chen er bei seiner Dichtung im Auge hatte,
len Athenern einen ihrer bedeutendsten Stam-
neshelden in seiner sittlichen Gröfse vorzufiih-
•en. Es ist dem Aias Ernst mit seiner all-
nählich vor sich gehenden Unterwerfung unter
den Willen der Götter und unter die gesetz-
lichen Einrichtungen. Auf 'unbändige Vevmes- io
senheit’ folgt 'grofsartige Reue’ (K. Fr. Her-
mann). Dieser auch von Welcher , lä. Sehr.
286 ff. u. 322 ff. vertretenen Ansicht wider-
spricht natürlich weder der selbstgewählte
i’od , noch der vor seinem Ende gegen die
Atriden und das ganze Heer geschleuderte,
echt antike Fluch. Auch ein Achill würde
seinen Groll mit in die Unterwelt getragen
haben, wäre ihm von Agamemnon nicht Ge-
nugthuung gegeben worden. Die Verteidigung 20
des Aias , welche in dem redseligen Athen
natürlich nicht fehlen durfte, ist von Sopho-
kles in die Hände des Teukros und des Odys-
seus, des alten Nebenbuhlers gelegt worden,
der hier in edler Uneigennützigkeit die Atri-
den, welche die Bestattung verweigern, zum
Nachgeben bestimmt und an der Aufhebung
der Leiche selbst teilnimmt. Neu ist es auch,
dafs Kalchas den Ausspruch thut, der Zorn
der Athene werde nach der Entscheidung 30
nur noch einen Tag währen; würde Aias die-
sen überleben , so würde er gerettet sein.
Die tragische Ironie läfst diese Kunde den
Aias zu spät erreichen: sie findet nur einen
Toten. Was das Waffengericht betrifft, so
wirft zwar Teukros dem Menelaos Betrug vor,
der Beweis aber wird nicht erbracht. (Anders
der Scholiast zu 1135, nach welchem die Ent-
scheidung durch die einzige falsche Kugel des
Menelaos herbeigeführt wurde.) Der Fürsten- 40
rat entscheidet unter Leitung der Atriden
in heimlicher Abstimmung 98. 100. 302. 390.
443. 449. 838. Durch das innige, zarte Ver-
hältnis , welches den Helden mit Tekmessa
und seinem Sohne verbindet, hat Sophokles
die rauhe Gröfse des Aias dem Menschenher-
zen viel näher gerückt. Wie schön ist ferner
das zwischen dem Herrn und den den Chor
bildenden salaminischen Schiffsleuten waltende
Verhältnis! Auch das innige Gefühl und der 50
Sinn für die ihn umgebende Schönheit der Na-
tur 863, sowie die heifse Sehnsucht nach dem
Vaterlande sind Zuthaten des Dichters, welche
das Gemüt des Zuschauers dem unglücklichen
grofsen Helden zuwenden müssen. Die engen
Beziehungen zu Athen hat Sophokles beson-
ders in den Chören zum Ausdruck gebracht.
DieSchiffsleute(202 Erechtheiden genannt) wün-
schen die Heimkehr nach Athen 121 f. Aber
auch Aias nimmt Abschied von Athen 82 1 ff. ; co
vgl. Schneidewin-N auch 7 Einleitung p. 63.
Nach Sophokles dichtete einen Ala g yai-
voysvog Astydamas der Jüngere, einen Ai'ag
Karkinos und Theodektes von Phaselis, Livius
Andronicus den Ajax mastigophorus , Ennius
den Ajax und Telamo; Pacuvius Armorum iu-
dicium und Tcucer , Accius den zweiten Teil
von Armorum iudicium und Eurysaces, Julius
Roscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
Cäsar Tecmessa. Auch Octavianus Augustus
hat sich an einem Drama Ajax versucht ( Suet .
Oct. 85. Macroh. Sat. 2, 4. Suid. v. Avyova-
ros; vgl . Lydus de mens. 3, 39). Einen Mimus,
die Raserei des Aias darstellend, welche un-
mittelbar nach seiner Niederlage im Waffen-
gericht selbst ausbrach , erwähnt Luhian de
saltat. 82 u. 46.
Die vom Drama beeinflufsten bildlichen
Darstellungen des Redekampfes siehe bei
Overbeck a. a. O. 563 ff. vgl. Carl Meyer, Ann. d.
Inst. 1836 p. 22 ff. Lübbert, Ann. 1865 p. 82 ff.
t. P. Heydemann, Neapol. Vas. n. 3358. Bib-
beck a. a. 0. p. 222 ff. Brunn , troisch. Mise. 1880
p. 177. Aias im Wahnsinn gemalt von Timoma-
chos Cic. in Verrem 4, 60, 135. Plin. n. h. 7, 38,
126. Anth. Plan. app. 1. Pal. n. 83. Pliilostr.
Vit. Apoll. 2, 22; vgl. 0. Jalin, Bilder dir onik
p. 29. Stephani, compt. rend. 1869 , 44 f. Zu
den Darstellungen des Selbstmordes siehe Over-
bech G. h. B. 568. Bull. Napol. N. S. 1 t. 10.
Mon. d. Inst. 4 t. 33, Heydemann, arch. Ztg.
1871, 60 ff. Nur etruskische Künstler haben
sich an der Wiedergabe dieses für die Vasen-
malerei kaum darstellbaren Gegenstandes ver-
sucht. Das die Auffindung der Leiche durch
Diomedes und Odysseus darstellende Bild (vgl.
Brunn, troisch. Mise. 1880 p. 177) weicht von
der sophokleischen Darstellung ab.
Auch das spätere Al-
tertum betrachtete das
Unterliegen des Aias im
Wettstreite als eine Un-
gerechtigkeit, vgl. Find.
1. 3, 54. Plat. Apol. p. 41 B.
Aristot. Päan auf die’ÄQS-
rd 14. Epigr. des Aristot.
Pepl. 7 (Bergh p. 508).
Epigr. d. AsldepiadesAntli.
Pal. 7, 145.
Dem vom sophoklei-
schen Aias ausgesproche- Aias smnend unter den
n i tr>7> p u erwürgten Tieren, Berliner
nen Gedanken 466 L, ob „ ,
, . . ’ Karneol ( Ooerb . S. 5C7).
er sein wahnsinniges V er-
fahren nicht durch einen von ihm allein aus-
geführten Angriff auf Troia und durch den damit
notwendiger Weise verbundenen Tod sühnen
könne und solle, entspricht die Erzählung des
Pliilostr. Her. 721, wonach die Troer den Aias
im Wahnsinn noch mehr fürchteten als vor-
her und den Poseidon und Apollo um Beistand
gegen ihn anflehten; vgl. Bibbech inc. frg. 33.
Während Philostratus aber damit den Selbst-
mord des Aias verbindet, erzählt die Hypo-
thesis z. Sopli. Aj. a. E., dafs er, bei einem
solchen Angriffe auf Troia von Paris verwun-
det, blutend in das Schiffslager zurückkehrte;
vgl. Bares 35. Ebenso berichtete nach Tzetz.
Lyh. 464 der alexandrinische Grammatiker An-
tikleides , dafs Aias von Paris mit dem Pfeile
verwundet gestorben sei. Die Angaben* des
Bictys s. 0. Eine andere Angabe der Hypo-
thesis erzählt, die Troer hätten ihn Infolge
eines Orakels, weil er unverwundbar gewesen,
mit Erde überschüttet und so erstickt, welche
Wendung Sopliron frg. 44 benutzte. Telamon
beschuldigte den Teukros des Mordes, doch
konnte sich dieser rechtfertigen, Paus. 1, 28, 2.
131
132
Aias Telam. (Kult)
Aias Telam. (Kult)
Nach Qnintus 5, 654 legten die Achäer
seine Gebeine in eine goldene Truhe und häuf-
ten über derselben nicht weit vom Rhoiteion
einen grofsen Grabhügel, welcher später nach
Strabo 13, 595 ein Heroon erhielt. Auch Philostr.
Her. 721 u. Eustath. z. II. 285 berichten, dafs
er auf Weisung des Kalchas als Selbstmörder
nicht verbrannt, sondern begraben worden sei,
und dafs, als Odysseus weinend die Waffen des
Achill auf dem Grabe niederlegen wollte, es l
ihm Teukros verwehrt habe. In einem zur Zeit
der Antonine vom Meere an den Strand ge-
spülten riesigen Skelette wollte man das des
Aias erkennen. Der Kaiser liefs es wieder
bestatten Paus. 1, 35, 3. Nach einer bei den
späteren Bewohnern von Troia gehenden Sage
trieb das Meer die bei dem Schiffbruch ver-
loren gegangenen Waffen des Achilles bei dem
Grabhügel des Aias ans Land Paus. 1, 35, 4.
Anth. Pal. 9, 115. 116; vgl. 2, 146 — 148. Nach 2
Plol. 5 ( West er m., Mythogr. p. 192) hingegen
wurde nur der Schild angespült und, auf das
Grab gelegt, vom Blitze getroffen, vgl. Anal,
adion. n. 390. Aus seinem Grabe blühte nach
Euphorien fr. 36 (Mein.) eine rote Hyakin-
thosblume auf; vgl. Theoikr. 10, 28. Paus. 1,
35, 3. Ovid. M. 13, 394. Die Blätter der Iris
communis sind nämlich mit AI gezeichnet.
Nach Paus. 3, 19, 11 weilt er nebst andern
Helden mit Achill zusammen auf der Insel 3
Leuke, während nach platonischem Mythos Fiat.
Pol. 620 (vgl. Plut. Q. conv. 9, 5) die Seele
des Aias in Erinnerung an das ungerechte
Urteil aus Unwillen gegen die Menschenge-
stalt den Körper eines Löwen zum Wohn-
sitze wählte. Bei Lulcian dial. mort. 29 ist er
wie in der Odyssee in der Unterwelt; nach den
verae Histor. 7 aber rast er noch, als er in
die Unterwelt kommt, so dafs die Bewohner der
Insel der Seligen zweifelhaft sind, ob sie ihn in 4
ihre Gemeinschaft aufnehmen sollen, besonders
da er Selbstmörder ist. Rkadamanthys aber
fällt das Urteil, er solle Helleborus trinken
und dem Hippokrates zur Kur übergeben wer-
den, um dann an dem Gelage der Heroen teil-
zunehmen.
C. Kultus.
Der Ausgangspunkt der Verehrung des Aias
ist seine Heimat Salamis, deren Heros er war 5
Pind. N. 4, 58 (76). Er hatte daselbst einen
Tempel mit Bildsäule aus Ebenholz. Das ihm
zu Ehren gefeierte Fest hiefs Alavrsicc, woran
sich Athen noch zu Pausanias’ Zeit (Paus. 1,
35, 2) durch Epheben beteiligte; vgl. Hesych.
v. Aldvzcia. Corp. I. gr. 108. 232. E. Curtius,
Nadir, 'd. Ges. d. W. zu Göttingen 1860 n. 28.
A. Mommsen, Heortologie p. 411. Nach der
Erwerbung von Salamis unter Solon suchten
die Athener den grofsen Helden, den die Insel e
gezeugt, auf alle mögliche Weise zu dem ihren
zu machen. Schon im Altertume galten die
Verse des Schiffskataloges, nach welchen Aias
zu einem Nachbar und Kampfgenossen der Athe-
ner wird, für eine von Solon oder Peisistratos
veranlafste Interpolation, ebenso wie die Verse,
welche den Athener Menestheus als einen der
ersten griechischen Fürsten vor Troia hinstellen
und den Aias ihm gleichsam unterordnen, von
der Hand eines Atheners herrühren. Doch mö-
gen die Athener , um ihre Ansprüche auf die
Insel zu begründen, schon vor Solon bemüht
gewesen sein, sich den Aias durch den Mythos
zu verbinden. Nach Didym. b. Schol. Pind. N.
2, 19 u. Plut. Sol. 10 überliefsen die Söhne
des Aias Eurysakes und Philaios gegen Ein-
tausch des attischen Bürgerrechtes Salamis an
Athen; ersterer liefs sich in Brauron, der an-
dere aber in Melite nieder. So wurde Aias zum
Stammvater des Peisistratos (Plut. a. a. 0.
Pherekydes b. Marcellfn. v. Time. 3) , des Mil-
tiades und Kimon Pherelc. a. a. 0. Herod. 6,
35, 4, des Harmodios Plat. Symp. 1, 10, 3 und
des Älkibiades Plut. Alk. 1 p. 121 a. So war
er der Ahnherr zweier berühmter atheniensi-
schen Familien, der Philaiden und Eurysakiden.
Kleisthenes nahm den Aias (nach Herod. 5, 66
mit Rücksicht auf jenen Vers des Schiffs-
kataloges) in die Zahl der f/geosg snmvvpoi auf,
und sowohl er als sein Sohn genossen in Athen
noch zur Zeit der Antonine göttliche Ehren
Paus. 1, 35, 2. 1, 5, 2. Ihnen war der Tag
nach dem Neumonde sowie der zweite Becher
des Mahles geweiht; ein Gebot des Drakon
sprach ihnen alle Erstlinge der Früchte zu
und befahl ein jährliches Opfer von Festkuchen
Porphyr, de abst. 4, 22. Seine Phyle führte
den Namen Alavzig und erfreute sich ganz be-
sonderer Vergünstigungen. In den Chören
durfte ihr niemals der letzte Platz zugewiesen
werden, und bei Marathon stand sie auf dem
äufsersten rechten Flügel, Plut. Q. conv. 1, 10,
2. 3. Herod. 5, 66 nennt Aias agiGzoysizoov nai
avgycciog. V gl. Plut. Thein. 15. Vor der Schlacht
bei Salamis riefen die Athener ihn um Hilfe
an und weihten ihm nach gewonnenem Siege
einen phönizischen Dreiruderer Herod. 8, 64.
121. Seine Statue als eines rjgoig srccovvyoc
stand in Athen unweit des Rathauses Paus. 1
5, 2; auch befand sich daselbst ein ihm ge-
weihtes Lectisternium mit Vollrüstung Pind |
N. 2, 19. So wurde denn auch seine Mutter:!
Eriboia zu einer Athenienserin Xenoph. Kyneg .’!)
1, 9. Hiodor 4, 72 und Philostr. Her. 721 er
zählen, er habe sein Haar dem attischen Flussd
Uissos geweiht, den Eurysakes nach attische)!
Sitte erzogen und nach vaterländischem Brauche
dessen dritten Geburtstag im Monat Antheste
rion gefeiert, wobei er sich attischer Opfer
krüge bedient habe. Nach seinem Tode hätten
die Athener seine Leiche ausgestellt und Me
nestlieus habe die Leichenrede gehalten.
Es ist natürlich, dafs wir die Verehrun:
des Aias auch in dem Staate finden, welche}
Athen den Besitz von Salamis so lange strei
tig machte, in Megara. Die Megarer machte:*
seine Mutter Periboia zu einer Tochter ihre'
Königs Alkatboos; in dem megarischen Byzan
wurde er neben Achilles verehrt (vgl. Hi
sych. Miles. Pes patr. Constant. p. 47. Codi)'
de orig. Const. p. 2), mit welchem Kultus auc
der Name der am Bosporus gelegenen Stac
Aianteia in Zusammenhang gebracht wird Dii
nys. Byz. Anapl. Bosp. Thrac. p. 91. Ds
goldene Bild der Athene im Athenetempel vo
Megara soll nach Pausanias Ansicht (1, 52, ‘
133
Aias d. Lokrer
Aias d. Lokrer
134
von Aias herrühren. Die Megarer lasen die
oben angezogenen Verse des Schiffskataloges
nach Flut. Sol. 10 u. Strabo 9, 294 so, dafs
Aias als Führer der Salaminier und Megarer
erschien. Ein berühmter Tempel des Helden
stand auf dem Vorgebirge Rboiteion; er ent-
I hielt die Statue desselben Plin. 5, 125. Paus.
I, 35, 3, welche Antonius der Kleopatra nach
| Ägypten schickte , Augustus aber zurückgab
’ Strabo 13, 595. Derselbe Schriftsteller (14, 072) io
| erwähnt ein Ai'avzog id'Qvga zov Tsvr.gov,
welches sich in der kilikisthen Stadt Olbe im
Tempel des Zeus befand: rat of nlsiczoi
ys zcov isgtvoccytvcov wvoficx^ovzo Tsvrgoz rj
Ai'ctvzsg.
Hinsichtlich der nicht im Texte erwähnten
| bildlichen Darstellungen des Aias vgl.
i Müller , Handb. d. Archäol. d. Kunst p. 410
: u. Brunn in Pauly, B. 2 1, 028; die Etymologie
und Deutung des Namens folgt am Schlüsse 20
I des folgenden Artikels.
Von dem grofsen Ai'otg ist zu scheiden
II. Aias der Sohn des Oileus, gewöhnlich
der kleine oder der Lokrer genannt.
A. Homerische Sagen.
Aiag ’OiliccSiqg (II. 10, 330; ’OiXrjog 2, 527),
Sohn des Oileus, Königs der Lokrer, und der
Eriopis 13, 697, Halbbruder des Medon, 2, 727.
13, 695, führt die Lokrer in 40 Schiffen nach 30
Troia und zeichnet sich daselbst fast durch-
weg im Vereine mit dem Telamonier Aias
kämpfend (2, 406. 4, 273. 280. 285. 5, 519. 6,
436. 7, 164. 8, 262. 10, 298. 12, 265. 342. 354.
13, 46. 197. 201. 16, 555. 752. 17, 507. 531.
669. 731. 747. 18, 157; vgl . Bröndsted, Bronzen
v. Siris p. 50 ff. Schöll, Soph. Ajax Einl. p. 40
u. 50 ff.) durch trotzigen Mut und wilde Tap-
ferkeit aus. Im Gegensätze zu jenem durch
Körpergröfse hervorragenden und als schwerer 40
Hoplite kämpfenden Hplden ist er von kleiner
Statur, daher gsü ov genannt (bei den Lateinern
gewöhnlich nach dem Vater benannt, vgl. Cic.
Tusc. 3, 29, 17. de or. 2, 60, 365. Verg. Aen. 1,
41. Ovid. M. 12, 617. Hyg. 81. 97. 114. Biet.
Gret. 1, 6. Sil. 14, 479); nur mit einem Leinen-
panzer angethan (livo&togri'tg) glänzt er als
Leichtbewaffneter, wie die Lokrer überhaupt,
(vgl. 12, 717), im Speerkampf, worin er alle an-
dern Hellenen übertrifft 2, 530, während er im 50
Lauf nur dem Achilles nachsteht 23, 791 f., vgl.
2, 520, daher der Beiname z<x%vg(IIor. c. 1, 15, 18).
Seiner Tüchtigkeit sich bewufst, erbietet er sich
zum Zweikampfe mit Hektor 7, 164; nach Paus.
5, 23, 5 stellte ihn Onatas in der Statuengruppe
der um den Kampf mit Hektor losenden Helden
dar. Mit Erfolg beteiligt er sich , von Posei-
don angefeuert, an dem Kampfe um die Schiffe
13, 46; dem von ihm erlegten Imbros haut er
13, 126 den Kopf ab und rollt denselben dem 60
Hektor vor die Füfse; drängt 13, 701 mit dem
grofsen Aias die Troer zurück, tötet 14, 442
den Satnios und 521 viele der vor ihm her-
fliehenden Feinde, nimmt 16, 330 den Kleobu-
los gefangen und schlägt ihm das Haupt ab.
Auch an der Verteidigung der Leiche des Pa-
troklos nimmt er in hervorragender Weise teil,
17, 256. 732. 752; ebenso an der Kettung der
Rosse Achills aus Feindeshand 17, 507. 531,
wobei er dem Menelaos und Meriones seinen
Schutz angedeihen läfst. Bei der Leichenfeier
Achills gerät er infolge seines hochfahrenden
Wesens mit Idomeneus 23, 473 in Streit; Achill
schlichtet denselben, später aber wird Aias von
dem durch Athene unterstützten Odysseus,
welche ihn in den Kot der geschlachteten
Rinder geraten und hinstürzen läfst, im Wett-
laufe besiegt 23, 754, so dafs er nur den zweiten
Preis, einen Stier, erhält. Auf einem vulcenti-
schen Wandgemälde ist Aias bei der Leichen-
feier des Patroklos dargestellt: Mon.d. Inst. 6
t. 31. Bei Philoslr. iniag. 2, 7 ist er auf
dem die Trauer des Achilles um Antilochos
darstellenden Gemälde kenntlich äno zov szol-
gov , an dem Ausdrucke der Entschlossenheit,
vgl. oben Aias 1 p. 125 u. Philostr. Iler. 706.
Eug. Pappenheim erklärt Philol. II. Supplem.
p. lff. II. 2, 528—530. 23, 449—498 und den
ögogog 23, 754 ff. teilweise für interpoliert, vgl.
p. 10: rDie Zeit, welcher die ersten drei Vier-
teile unserer Ilias angehören, kennt den Lok-
rer Aias als einen an Mut, Kampfestüchtigkeit,
Gemeinsinn , Disziplin nicht nur tadellosen,
sondern geradezu hervorragenden Mann’ und
p. 15 : rder Dichter beider Stücke in W hat
von dem Helden nicht mehr die Achtung und
Verehrung gebietende Vorstellung, wie die Sän-
ger der früheren Rhapsodien, das Bild, das ihm
von Aias' vorschwebt , ist in ein pejus ver-
wandelt.’
Die Odyssee erzählt von ihm 4, 499 ff., dafs
er, als die Flotte der Achäer infolge der be-
gangenen Frevel 4, 499 ff. 5, 108 (vgl. 1, 327.
3, 133 ff. u. Eustath z. d. Stelle), von Athene
an den gyrischen Klippen (an der Südostspitze
von Euböa, nach anderen in der Nähe vonMy-
konos und Naxos) zerschellt wurde, er zuerst
in die Tiefe sank, von Poseidon aber auf die
Felsen gerettet ward. Als er aber kaum ge-
rettet hochmütig prahlte, er werde trotz des
grimmen Hasses der*Göttin dem Meere ent-
fliehen, habe Poseidon mit dem Dreizack den
Felsen gespalten und den Teil, worauf Aias
safs, in die Fluten gestürzt. Sein Frevel aber
zog einen grofsen Teil des Griechenheeres ins
Verderben. Nach Plin. 25, 60 malte.- Apollo-
dor den Untergang des Aias, möglicherweise
das Gemälde, welches Philostr. iniag. 2, 13
schildert, vgl. Brunn, die philostr. Gern. p. 259.
Woraus der Hals der Göttin entstanden, sagt die
Odyssee nicht. Dafs aber eine feindliche Stim-
mung der Athene gegen Aias infolge seines
Übermutes schon vor der Eroberung von
Troia, mit welcher der Zorn der Göttin von
den Kyklikern gewöhnlich in Verbindung ge-
bracht wird, bestand, geht aus dem oben er-
wähnten Verfahren der Göttin bei den Leichen-
spielen des Patroklos hervor. Dazu kommt
noch, dafs sie ihn durch den Sturz in den
Mist und durch das anhaltende Ausspeien des
Kotes im Angesichte des ganzen Heeres öffent-
lich lächerlich macht, ein drastisches Gegen-
stück zu der Selbstüberhebung, welche seine
zu Idomeneus gesprochenen geringschätzigen
Worte bekunden. Er hatte somit einer uns
nicht weiter bekannten Sage nach durch seine
5*
135
Aias d. Lokrer
Aias d. Lokrer
136
Hybris den Zorn der Göttin schon früher ge-
weckt. Bildet er also bei Homer schon seiner
äufsern Erscheinung und seiner Kampfart nach
einen schroffen Gegensatz zu dem grofsen Aias,
so gilt dies auch von seinem Charakter und
seinem Gebaren gegen die Götter, gegen seine
Feinde und gegen seine Landsleute. Kennzeich-
net schon das mehrfach erwähnte Abschneiden
des Kopfes des besiegten Gegners den rohen
Helden, so steht damit in engem Zusammen- :
hange seine Prahlerei , die Begleiterin der
Rohheit. Deshalb steht er im Rufe eines lieb-
losen Zänkers und Lästermaules. Und so ruft
ihm denn Idomeneus 11. 23. 483 zu: Aias, im
Zanke der erste, Du Lästerer ! Anderer Tugend
trägst Du wenig im Volk, da Dir unfreund-
lich Dein Herz ist. (Vgl. Pappenheim p. 15 f.).
Der Charakteristik des Homer ist die bei
Philo str. Her. 706 gegebene angepafst. Dieser
erzählt, dafs Aias als Held auf gleicher Stufe 2
mit Diomedes und Sthenelos gestanden habe,
dafs seine Einsicht aber eine schwächere ge-
wesen sei. Dem Agamemnon sei er nicht
freundlich gesinnt gewesen, weder denAtriden,
sagt er, noch einem andern werde er dienen,
so lange er noch seinen Speer schwingen könne.
Nicht der Helena wegen sei er nach Troja
gekommen, sondern um die Barbaren den Hel-
lenen dienstbar zu machen. Philostr. erwähnt
aufserdem seinen wilden Blick, sowie das tro- 3
tzige Schütteln des Haupthaares , welches die
Entschlossenheit seines Charakters gekenn-
zeichnet habe (to zr;g yvcoyrjs szoipov).
B. Der Sagenkreis der Kykliker und die sich
daran anschliefsenden späteren Sagen.
In den Kreis der Athiopis würde nach
Bröndsted die Darstellung des Kampfes des
Aias mit einer. Amazone auf einer Bronze von 4
Siris gehören, vgl. Jahn, arch. Aufs. p. 168.
Über den in der Iliupersis geschilderten Frevel
an Kassandra sagt Prokilos folgendes: rAls
Aias, der Sohn des Oileus, die Kassandra mit
Gewalt fortschleppen wollte, rifs er auch das
Pallasbild mit fort; deshalb wollten ihn die
darob erzürnten Achäer steinigen. Er flüch-
tete sich* aber an den Altar der Athene und
wurde so aus der drohenden Gefahr gerettet’; vgl.
Welcher, ep. Cylü. 2 p. 185 u. 522. Der Kas- 5'
sandraraub dargestellt auf dem Kypseloskasten
Paus. 5, 19, 1. Eurip. Troad. 69 if. Zahlreiche
Bildwerke bei Overbeck G. h. D. p. 615. 617.
635. Heydemann, Iliupersis p. 29, 4. E. Cur-
tius in Arch. Zty. 1882. S. 159 ff. Taf. 8; vgl.
jedoch Bobert, Bild und Lied S. 71. Die be-
deutendsten in diesen Sagenkreis gehörigen
Gemälde waren die Iliupersis des Polygnot in
Delphi Paus. 10, 26, 3 und in der Stoa Poi-
kile zu Athen Paus. 1, 15, 2, gewifs in An- gi
lehnung an die Iliupersis gemalt, wenn auch
bei dem delphischen Gemälde Lesches nicht
genannt wird, vgl. Welcher, gr. Tr. 1, 163.
Den Mittelpunkt des ersten Gemäldes bildete
das Achäergericht, den des zweiten der Reini-
gungseid des Aias am Altäre der Athene.
Zieht man nun noch Paus. 10, 31 ff. heran,
wo dieser von der Nekyia des Polygnot in der
Lesche zu Delphi berichtet, dafs Aias auf der-
selben mit dem grofsen Aias, Palamedes und
Thersites, sämtlich Feinden des Odysseus, wür-
felnd dargestellt war, und hinzufügt, der Hafs
des Aias gegen Odysseus stamme daher, dafs
dieser den Hellenen geraten, den Aias wegen
des Frevels an Kassandra zu steinigen, so
würde sich das Ganze der Sage bei den Ky-
klikern wohl folgendermafsen gestalten : Odys-
seus klagt den Aias der Vermessenheit (zol-
yyya) an, dafs er die Kassandra von dem Al-
täre der Athene, auf den sie geflüchtet war
und den sie umfafst hielt, gewaltsam wegge-
rissen und dabei das Götterbild von seinem
Postamente heruntergezogen habe, und bean-
tragt Steinigung. Allein Aias weifs sich zu
rechtfertigen und wird freigesprochen.
An diese Fassung der Kykliker lehnte sich
jedenfalls Sophokles in seinem Ai'ag Ao-nQug
an. Während man nämlich in früherer Zeit
(Heyne, Brunch) den Untergang des Aias als
Vorwurf der Tragödie annahm, vermutet Wel-
cher a. a. 0. p. 131 mit weit gröfserer Wahr-
scheinlichkeit, dafs der Frevel an Kassandra
und das Achäergericht dem Dichter den Stoff
geliefert habe. Der Gang des Dramas würde
alsdann gewesen sein: Frevel an Kassandra,
Aufstand der Griechen , Gericht und Los-
sprechung. Die Angabe des Zenobius 6, 14
0 cog cprjGLv Alo%vlog sv Al'uvzi Aoy.qü beruht
nach Hindorf , dem Welcher beipflichtet, auf
Verwechselung von Alaivlog mit Zocponlrjg. Hin-
gegen berichtet Philostr. Her. 706, Agamemnon
habe die Jungfrau gesehen, als Aias eben im
Begriff war, sie in sein Zelt zu führen, habe
sich in sie verliebt, sie dem Aias weggenom-
men und, als bei Verteilung der Beute dieser
sie als von ihm erbeutet in Anspruch nahm
und Streit darüber zwischen beiden entstand,
0 sie nicht herausgegeben unter dem Vorgeben,
Aias habe gegen die Athene gefrevelt.
Von einer Schändung der Kassandra durch
Aias, noch dazu an geweihter Stelle, weifs die i
Sage der Kykliker und des Sophokles nichts.
Ihr folgen Very.Aen. 2, 403. Hyg. 116. Hictys
5, 12. Tzetz. Posthorn. 735, und ausdrücklich
widersprochen wird der Schändung von Phi- ;
lostr. Her. 706 u. Tzetz. Lyhophr. 360. Aber in-
folge eines unter 'Kultus’ näher zu beschreiben- 1 ^
1 den Sühnopfers, welches die Lokrer jährlich
seit uralter Zeit der troischen Pallas dar-
brachten, und welches auf ein schweres Ver-
brechen, an der Jungfräulichkeit der Göttin
begangen, scliliefsen liefs, war es natürlich,
dafs die gelehrten Mythenbildner durch den
Mythus einen Zusammenhang herzustellen such- |
ten und deshalb das Vergehen des Aias bis
zum höchsten Grade steigerten. So als erster
Kullimachos sv Alzioig Sch. 11. 13, 66 Schneide-
) ivin fr. 13 d und im Anschlufs an diesen Ly-
hophr. 360. 1141 f. Prnp. 4, 1, 118 ff. Servius
Aen. 1, 41. Plut. T. 2. p. 557. Strabo 13 p. 895.
Quint. 13, 422. Tryphiodor p. 647. Eustatliius 1
z. Od. 1460; vgl. Cic. de or. 2, 66, 265.
Nach Prohlos verlegte Ilegias in den Nosten
den Sturm, welcher die Griechenflotte vernich-
tete, und den Tod des Aias an die kaplierisclien
Felsen (Südostende von Euböa), ebenso die mei- 1
137
Aias d. Lokrer
138
Aias d. Lokrer (Kult)
sten andern Quellen; in der Anordnung (erst
Sturm, dann Untergang) folgen ihm Lylcophr. 365
— 467. Sabinus epist. 1,75. Dictys 6,1 Die umge-
kehrte Folge, erst Tod des Aias, dann allge-
meiner Untergang!). SewecaAf/. 547 ff. Hyg. 116.
Quintus 14, 532 ff, vgl. auch Eurip. Troad. 69ff.
Kallimachus Sch. II. 13, 66. Verg. A. 1, 43 u.
Servius. Ovid. M. 14, 468 ff LHctys 6, 1 u.
Welcher, ep. Cyhl. 2 p. 280. Bei Vergü Aen. 1,
43 u. Hyg. a. a. 0. tötet Athene selbst den
Aias durch einen Blitzstrahl, vgl. die lokri-
schen Münzen unter C. Kultus , das Gemälde
des Apollodor bei Plin. 35, 60 Ajax f ulmine
incensus u. Philostr. imag. 2, 13. Einen Mimus,
die Ai'ccvxog tv rcag nstgcag amoltia. darstellend,
erwähnt Lulcian de saltat. 46. Auch betreffs
des Todes des Aias weicht Philostr. Her. 707
in manchen Zügen von der gewöhnlichen Dar-
stellung ab. Agamemnon habe, um den oben
erwähnten Raub der Kassandra zu rechtfertigen,
im Griechenheere verbreitet, die erzürnte Athene
werde das Heer vernichten, wenn sie nicht den
Aias töteten. Da habe dieser, eingedenk des
Todes des grofsen Aias und des Palamedes, in
einem kleinen Fahrzeug nachts Troia verlassen
und sei gegenüber Tenos und Andros bei den
Gyren untergegangen. Als aber die Kunde
von seinem Tode zum Heere gelangt sei, habe
sich grofsartige Reue und Trauer der Gemüter
bemächtigt. Und zur Sühne hätten sie sein
Schiff mit Holz angefüllt, wie zu einem Schei-
terhaufen, schwarze Opfertiere geschlachtet,
schwarze Segel aufgezogen, es fahrbereit ge-
macht und, als der Wind vom Ida kommend
zu wehen angefangen, das Schiff entzündet und
in die hohe See hinausgesandt. Dort sei es
verbrannt.
Einzelheiten der späteren Sage.
Nach Hyg. 97 ist seine Mutter die Nymphe
Rene; er stammt nach Strabo 9, 425 aus Na-
ryx oderNarykos, Stadt der ozolischen Lokrer,
daher Ovid. M. 14, 468 Narycius heros. Als
ehemaliger Freierder Helene (Apollod. 3, 10,
8 u. Hyg. 81) zog er in den troischen Krieg,
nach Hyg. 97 mit 20 Schiffen, begleitet von
einem fünf Ellen langen Drachen Philostr. Her.
706, der ihm wie ein Hund folgte, und den er
auch im Schilde führte, und erlegte vor Troia 14
Troer Hygin. 114. — Aristot. Pepl. 16. Berglc
p. 510 erwähnt sein Grab auf Mykonos; nach
Kallim. Sch. II. 13 , 66 begrub ihn die mit-
leidige Thetis, nach Lylcophr. 402 auf Delos,
nach Tzetz. z. Lylc. a. a. O. auf der Klippe
Tremon, wohin der Leichnam von den gyri-
schen Felsen her verschlagen worden war, un-
ter Beihilfe der übrigen Nereiden. Nach sei-
nem Tode verweilt Aias mit Achill und an-
deren Helden auf der Insel Leuke Paus. 3, 19,
11 u. Conon narr. 18 (Westerm. Mythogr. p. 131),
vgl. Achilleus p. 56 ff Hingegen verneint Lu-
lcian Ver. 2, 17 seinen Aufenthalt auf der
Insel der Seligen, weil er gottlos gewesen.
C. Kultus.
Die opuntischen Lokrer verehrten Aias als ihren
Stammesheros; daher wird er auf ihren Münzen
(s. d. Abbildg.) dargestellt, und zwar als nackter
Münze v. Opus.
Krieger mit Helm und Schwert, im Angriffe den
Schild vorhaltend, vgl. Eclchel doctr. num. vet. 2
p. 192 ; auf einer Münze, vielleicht der epiknemidi-
schen Lokrer, findet sich der Kopf der Pallas und
ein Blitz, beides mutmafs-
lich in Zusammenhang zu
bringen mit der oben an-
gezogenen Sage vom Un-
tergänge des Aias durch
io den Blitz der Athene, vgl.
Eclchel a. a. 0. p. 191 f. 0.
Jahn, arch. Aufsätze p. 168.
Nach Schol. Pind. Ol. 9, 1 66
wurden in Opus Alccvtsicc ge-
feiert, und ein bei Tzetzes Lylc. 365 erwähntes
Trauerfest, bei welchem ein Schiff verbrannt
wurde, erinnert an das brennende Schiff bei
der Leichenfeier des Aias vor Ilion (s. o.). Auch
die epizephyrischen Lokrer ehrten das An-
20 denken ihres grofsen Stammeshelden dadurch,
dafs sie für ihn in der Schlachtreihe einen
Platz freiliefsen; alseinst der Krotoniate Auto-
leon es versuchte, durch die Lücke in die Reihen
der Lokrer einzubrechen, wurde er so schwer
verwundet, dafs er nach Ausspruch des Orakels
nur von Aias geheilt werden konnte. Er be-
gab sich deshalb nach Leuke und fand dort
Heilung. Conon narr. 18 (= Westerm. Mytliogr.
p. 131) u. Paus. 3, 19, 11 erzählt, dafs ihn
30 die italischen Lokrer in der Schlacht gegen
die Krotoniaten anriefen. Den Schlufs mache
die Erzählung der Sendung lokrischer Jung-
frauen nach Troia. Tzetz. zu Lylcophr on 1141
berichtet: Drei Jahre nachdem die Lokrer von
dem Zuge gegen Troia wieder heimgekehrt
waren, brachen Seuchen und Mifswachs aus,
weil der Frevel an Kassandra noch ungesühnt
war. Das Orakel, darum befragt, antwortete,
Athene werde wieder versöhnt werden, wenn
40 clie Lokrer 1000 Jahre lang jährlich zwei durch
das Los zu bestimmende Jungfrauen nach Troja
schickten. Da die Troianer die zwei ersten
vor der Stadt töteten und ihre Asche ins
Meer warfen, suchten die nächsten heimlich
in Troja ^inzudringen, wo sie den Dienst
im Tempel der Athene verrichteten. Daraus
entwickelte sich der bei Lylcopliron geschil-
derte Brauch, nach welchem sie bei ihrem
Kommen unter Todesängsten eine nächtliche
50 Jagd des Pöbels , der sie mit Stöcken etc.
verfolgte, zu erleiden hatten. Entkamen sie
ihren Verfolgern, so kehrten sie das Heilig-
tum der Göttin mit nackten Füfsen und blie-
ben bis ins höchste Alter ehelos. Nach der
Erzählung der liier Strabo 13, 600 f. begannen
diese Sendungen kurze Zeit nach der Einnahme
von Ilion, sie scheinen aber erst zur Zeit der
Perserkriege eingesetzt worden zu sein ( Strabo
13, 601) und bestanden nach Plutarch xxsgl
60 xöiv ßgudio og xiucogovfitvcov t. 2 p. 557 noch
zu dessen Zeit; vgl. Euphorion p. 23. Poly-
bius 12, 5 p. 393. Ennius b. Servius Aen. 1, 41.
Aelian b. Suid. v. n oivrj. Jambliclms V. P. 42.
Eclchel a. a. 0. p. 252 f. Welcher, gr. Tr. 1,
164. Preller, gr. Myth. 2, 451.
Eine Statue des jugendlichen, unbärtigen
Aias ohne Waffen erwähnt Christodor Anthol.
Pal 2 v. 209 ff.
Aiatos
139
VI. Etymologie und Deutung.
Soph. läfst den Aias Vers 430 seinen Namen
von dem Weherufe cd ableiten, vgl. Etym. M.
u. Eustatli. p. 127, während in den grofsen
Eoeen und bei Pindar (siehe oben) Ai'ug mit
cdsxog in Verbindung gebracht wurde. Döder-
lein Gl, n. 997 übersetzt es mit 'der Staunens-
werte’, Hermann mit 'der Bewegliche’ von
ai'oGco. Da jedoch die Vaseninschriften die n
ursprünglich digammierte Form des Namens
festgestellt haben Al'J-ag, (vgl. Des Vergers
TEtrurie et les Etrusques 1 pl. 21 u. 22. Bull,
dreh. 1860. N. 5, p. 117), so bringt Sonne,
Kuhns Ztschr. 10 p. 126 u. Anm. denselben _
in Zusammenhang mit indog. aiva, skr. eva Lauf,
Gang, gebilligt von Brugman, Stud. z. griech.
u. lat. Gramm. 4, 180. Die Bedeutung 'der
Schnelle, der Läufer’ würde aber nur auf den
schnellen Sohn des Oileus, nicht auf den grofsen 21
Aias, den miles statarius passen, welcher nie-
mals bei Homer ein derartiges Beiwort hat.
(Die Stellen, die Ebeling, Lex. Hom. für xa^vs
citiert, beziehen sich beide auf denkleinen Aias).
Es ist nicht unwahrscheinlich, dafs zwei ver-
schiedene Stämme dem gleichlautenden Namen
beider Helden zu Grunde liegen. Ein Flufs
Ai'aq in Epirus in der Nähe von Epidamnus
wird von Strabo 6, 271. 7, 316. Ovid. Met. 1,
580 erwähnt, vgl. Plin. N. H. 3, 145 Flumen 3
Aous, a quibusdam Aeas nominatum. Ein V or-
gebirge Aianteion, auf Magnesia s. bei Ptolem.
3, 13, 16. Plin. n. h. 4, 9, 16, 32. Bursian,
Geogr. v. Gnechenl. 1 p. 101. [Fleischer.]
Aiatos (Ai'axog), Sohn des Pheidippos, Vater
des Thessalos, Bruder ‘und Gemahl der Poly-
kleia, ein Heraklide; Steph. Byz. s. v. Acoqiov.
Polyaen. 8, 44. Vgl. auch Paus. b. East. Hom.
p. 331, 21 und Zenob. 4, 29, wo Aiaxog statt
"Agaxog zu schreiben ist. [Roscher.] 4
Aiclimagoras (Ai%yayoqag), Sohn des Hera-
kles und der Phialo , der Tochter des Arka-
ders Alkimedon. Nach der Geburt des Aich-
magoras wurde derselbe samt seiner Mutter
im Gebirge ausgesetzt. Das Wehg*eschrei des
Kindes hörte ein Häher (nl 6oa) und ahmte
dasselbe nach. Als nun zufällig Herakles vor-
überkam, hörte er die Stimme des Vogels und
ging derselben , in der Meinung , ein Kind
schreien zu hören, nach. So fand er Mutter 5
und Sohn, befreite sie aus ihren Banden und
rettete das Kind. Davon heifst eine nahe
Quelle Kissa (Häherquelle). So lautet die Phi-
galische Sage bei Paus. 8, 12, 3 — 4. [Roscher].
Aicliinodikos (At%p6di%og) , Geliebter der
Metope oder Amphissa, der Tochter des Eche-
tos, s. d.. Schol. Od. 18, 85. [Schultz.]
Aidoneus s. Hades.
Aidos (AlSm g, Aldcö), Personifikation der
Sittsamkeit, welche für eine Beisitzerin des e
Zeus und Amme der Athene galt, weswegen
ihr auch in Athen auf der Akropolis ein Al-
tar errichtet war: lies. Op. 200. Soph. O. C.
1268. Paus. 1, 17, 1. Antli. 2, 341. Luc. Am.
37. Suid. Beide. An. 355. Eustatli. II. 1279, 42,
(22 , 451). Ein uraltes Bild der Aidos befand
sich nach Paus. 3, 20, 10 in der Nähe von
Sparta. Vgl. auch C. I. Gr. 7421. [Roscher.]
Aigaion 140
Aietes (Alr\xr\ g, lat. auch Aeeta), Sohn des
Helios und der Okeanide Perseis (lies. Theog.
957, Apolloä. 1, 9, 1) oder Perse [Persa] (Hom.
Od. 10, 139. Ap. Bh. 4, 591. Hygin. praef.), oder
der Antiope nach Eumelos b. Schol. Pind. Ol.
13, 74 (53), wo erzählt wird, Aietes habe von
Helios zuerst die Herrschaft über Korinth er-
halten und sei von da nach Kolchis ausgewan-
dert. (Vgl. auch Epimenides u. Diophantos b.
Schol. z. Ap. Bh. 3, 242). Seine Schwestern
waren Kirke und Pasiphae (Hom. Od. 10, 136.
Apoll, a. a. O.), seine Gemahlin die Okeanide
Idyia ( Hes . Th. 960), oder die Eurylyte, oder
Hekate (mehr b. Schol. Ap. Bh. 3, 242; vgl.
Diod. 4 , 45), oder die Nereide Neaira (Soph.
b. Schol. z. Ap. Bh. 3, 242), seine Kinder Absyr-
tos (s. d.), Medeia und Chalkiope (Apollod. 1,
9, 1. 23). Nach Ap. Bh. 3, 242 zeugte Aietes
den Absyrtosmit der kaukasischen Nymphe Aste-
rodeia, noch ehe er sich mit der Idyia vermählte
(vgl. auch Soph. b. Schol. z. Ap. Bh. 4, 223).
Diodor 4, 45 (vgl. Hyg. f. p. 31 Ba.) nennt dage-
gen Aietes den Bruder des Perses, des Königs
von Taurike, mit dessen Tochter Hekate, einer
Frevlerin und Giftmisckerin, Aietes die Kirke,
Medeia und den Aigialeus gezeugt haben soll.
Aietes war König von Aia (s. d.), seine Burg
stand in der Stadt Phasis (Menand. Protect.
p. 344 Bonn). Berühmt ist er namentlich durch
die Argonautensage geworden. Später wurde
er von seinem Bruder Perses seiner Herrschaft
beraubt , aber von Medeia wieder eingesetzt
(Apollod. 1,9, 28). Seinem Charakter nach
ist er oloocpQcov und wgog (Hom. Od. u. Diod.
a. a. O.). Vgl. die Artikel Argonauten, Iason
und Medeia. Nach Ken. An. 5, 6, 37 war Aie-
tes noch in seiner Zeit der gemeinsame Name
der Könige von Kolchis. Bildwerke: Glavac,
Mus . de sc. pl. 199 (Pariser Sarkophag), Arcli.
Ztg. 1847 Taf. 3 (Vase v. Canosa; vgl. G. I.
Gr. 8424). Philostr. im. 11. Vgl. H. Brunn
in Paulys Bealencycld 1, 1, 222. [Roscher.]
Aiga siehe Aix u. Amaitheia (Hyg. Astr.
2, 13).
Aigaion (Atyodcov), 1) Sohn des Uranos und
der Gaia (Hesiod. Th. 147; Apollod. 1, 1, 1;
Hygin. p. 27 Bu.), so genannt in der Sprache der
Menschen, Briareos in der Sprache der Göt-
ter (Hom. II. 1, 403). Nach II. 1, 396 ff. ist er j
hundertarmig, mit gröfserer Gewalt begabt als
sein Vater. Als die Olympier Hera, Poseidon
und Athene den Zeus fesseln wollten, rief The-
tis schnell den Aigaion zu Hülfe auf den Olymp,
und er setzte sich (nvSsi ycdcov) neben Zeus,
so dafs die Götter sich fürchteten, den Zeus
zu fesseln. Seine Brüder waren Gyges (Gyes)!
und Kottos. Alle drei werden als ungeheure!
Riesen geschildert mit 50 Köpfen und 100
Händen, daher der Gesamtname der Hekaton-
cheiren oder Centimanen (snaxöyxi'QS? od. hk-
x oyisigoi, centimanus Gyes Hör. carm. 2, 17.
14; 3, 4, 69; centum geminus Briareus Verg.
Aen. 6, 287; bei Hesiod. Th. 502 auch Ovqu-
vid'ca).
Aus Furcht vor dem Übermafs ihrer Kräfte
schliefst sie Uranos ins Innere der Erde. Die
Mutter Gaia, darüber betrübt, sinnt auf List
die That des Uranos zu rächen, und sucht füi
[41 Aigaion
Aren Plan die nicht eingekerkerten Söhne,
iie Titanen, zu gewinnen. Der listige Kronos
erbietet sich das Werk zu übernehmen, und
Graia verbirgt ihn, mit einer Sichel bewaffnet,
m Hinterhalt. Als nun mit Einbruch der Nacht
Uranos die Gaia zu umarmen sich anschickt,
mtmannt Kronos den Vater (Hesiod. Th. 147ff'.).
Nachdem hierauf mit dem Sturze des Uranos
«eitweilige Befreiung der Hekatoncheiren er-
folgt ist ( Apollod . 1, 1, 5; Hesiod. 5 10 ff. u. 618),
werden sie — wegen erneuter Unbändigkeit —
xbermals eingekerkert, dann aber durch Zeus,
der sie im Kampfe mit den Titanen braucht, end-
gültig befreit (vgl .Hesiod. Th. 147f. 016 f. 734 ff.,
wo eine sehr lebendige Schilderung der Kampf-
weise der Hekatoncheiren [sie schleudern F eisen]
gegeben ist; Palaeph. de incred. 20. Nonn, Dio-
nys. 39, 287), und zu Hütern der in den Tar-
faros hinabgeschleuderten Titanen bestellt. Im
Widerspruch damit versetzt sie lies. Th. 811 —
319 in die Tiefe des Okeanos, und Poseidon
macht den Briareos zu seinem Schwiegersohn,
indem er ihm die Kymopoleia zur Gemahlin
giebt. (Über die verschiedenen Erklärungen
iieser Stelle vgl. Schümann, die Hesiod. Theog.
o. 227 — 240). Eine Abweichung von der obi-
gen Darstellung, die offenbar den Kern des ur-
sprünglichen Mythos enthält, bildet die Sage,
lafs Aigaion im Titanenkampfe nicht Bundes-
genosse der Olympier, sondern der Titanen ge-
wesen sei [Eumel, b. Schol. Apollon. Rh. 1, 1165.
Verg. Aen. 10, 565 ff.), und ganz aus diesem
Rahmen heraus tritt die Erzählung II. 1,
394ff. , (vgl. Nonnus Dionys. 43, 362 ff. und
Cornut. de nat. deor. 17 p. 172 ed, Osann), nach
welcher Aigaion Bundesgenosse derThetis war,
als Hera, Poseidon und Athene den Zeus zu
fesseln gedachten, wo sich seine Stärke als
gewaltiger erwies als die seines Vaters Posei-
don ( Schol . u. Eust. z. d. St. p. 122 u. 124).
Vergl. die geistvolle Betrachtung Welclcers,
Götter!. 3, 156 über diese Variation des Mythos.
Die Hekatoncheiren sind wohl Personifika-
tionen der gewaltigen Naturkräfte, die zur Zeit
der Entstehung des Weltalls sich regten
und in ihrer Gewaltthätigkeit selbst die Exi-
stenz ihrer Erzeuger, des Himmels und der
Erde in Frage stellten; sie stehen also auf
gleicher Stufe wie die Titanen und die drei
Zyklopen Brontes, Steropes und Arges
' Preller , Gr. M. 1 p. 41 ff.). Der Name Aigaion
führt mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auf
die Kraft des tosenden Meeres, da er von «f-
yig. den hochaufsteigenden Springfluten (gleich-
viel ob, dies Wort auf at'% Ziege oder auf sn-
styw [ Curtius ] zurückgeht), von cdy tg, von dem
Beinamen des Poseidon Alyiuog (PhereTc. b. Schol.
Apoll, lili. 1, 831, Strabo 9, 405) nicht wohl
zu trennen ist. Aigaion war auch Beiname
des Poseidon, Philostr. v. Apollon. 4, 6. Am
natürlichsten denkt man dabei an das Erd-
beben , welches sich die Alten als Folge des
empörten Meeres dachten ( Preller a. a. 0.).
Uyes wäre dann der Repräsentant der holIt]
als ( Ap . Rh. 2, 595; vgl. yvrjg, yvtov , yvedov,
v-vya ist nach Curtius Grundz.5 157 verwandt
mit v.vxog (Höhle) und xotlog; vgl. v.vga y.vq-
xov , %vQTwQtv b. Hum.), Kottos der Schlä-
Aigaion 142
ger (v.6xxnv xvnxsiv Hes.) Früher nahm man
nach G. Hermanns Vorgang Gyges als „Mem-
brou , Gliedermann, Gliederkräftiger. [Sehr
wahrscheinlich hat zu der Vorstellung vielarmi-
ger Meeresriesen auch die Beobachtung der Poly-
pen beigetragen, die oft eine bedeutende Gröfse
erreichen und dann selbst Menschen gefährlich
werden: vgl. Lenz , Zoologie d. alten Griechen
u. Römer S. 618 ff. Plin.N.lI. 9,30,48. Darstel-
lungen solcher Polypen, vielleicht zu Amulet-
ten bestimmt, finden sich auf den ältesten zu
Mykenai ausgegrabenen G oldsachen : vgl. Schlie-
rnann, Mylcenai Nr. 240 u. 424. Milchhöf er,
Die Anfänge der Kunst 5. 29 ff. Roscher],
Mit dieser Auffassung sind denn auch zum
Teil die weiteren Sagen im Einklang, die sich
im Laufe der Zeit an den Namen Aigaion-Bria-
reos angeknüpft haben. Nach der einen die-
ser Sagen ist er der Sohn der Gaia und des
Pontos ( Eumelosh . Schol. Apollon. Rh. 1, 1165),
nach einer anderen der Sohn des Poseidon
[Eust. ad II. 1, 397 ff., Ed. Ras. p. 122, 31 u.
124, 3), oder der Thalassa ( Ion b. Schol.
Apoll, a. a. 0.); eine dritte macht ihn zu einem
Meerungeheuer, das mit seinen Riesenarmen
die Wale umklammert ( Ovid . Met. 2, 10. Schol.
z. Apoll. Rh. a. a. 0 ), eine vierte (euhemeristi-
sche) zu einem gewaltigen Meeresherrscher, der
von Euböa aus die Herrschaft über sämtliche Ky-
kladen ansichrifs (Eust. a. a. 0. 123, 37 ff.), wo-
mit es denn auch zusammenhängt, dafs nachATe-
sych. s. v. Tixuvlöu die Insel Euboia als Tochter
des Briareos galt. Ähnlich die Sage bei Eust.
123, 34 u. Tarrhaeos b. Schol. Apoll, a. a. 0., die
ihn als Riesen schildert, der, aus Euböa vertrie-
ben, in Phrygien am Flusse Rhyndakos nicht
weit vom Meere unter einem Hügel begraben
liege, aus welchem an 100 Quellen hervorbre-
chen , welche Hände des Briareos heifsen. — -
Und auch anderweit fehlt nirgends die Bezie-
hung zu dem Meere und der Meeresherrschaft,
So wenn er für den Erfinder der Kriegsschiffe
galt ( Archemach . b. Plin. 7, 57), oder wenn er
als Schiedsrichter zwischen Helios und Posei-
don auftritt und dem letzteren den Isthmos, je-
nem die Burg von Korinth zuspricht (Paus. 2, 1,
6 ; 4, 7) ; oder wenn er mit Poseidon die Fehde
aufnimmt und von diesem ins ägäische Meer
versenkt wird, das von ihm ' den Namen trägt
(Schol. Apoll. Rh. a. a. 0., Claud. rapt. Pros. 3,
345, Steph. Ryz. s. Kagvoxog) , oder endlich,
wenn er mit seinem gewaltigen Haar die Sonne
verdunkelt wie das aus dem Meere aufsteigende
Unwetter (Nonn. Dionys. 39, 287). Die spätere
Sage freilich hat von der ursprünglichen Auf-
fassung nur das Bild des Riesen bewahrt:
daher hiefsen die Säulen des Herakles auch
Säulen des Briareos, BqlÖ'qsco atylca Hesych.
Schol. zu Diqnys. Perieg. 64 u. 456 ; Find. Nem.
3, 38. Ja nach Arist. b. Aelian. v. li. 5, 3
war dies der ältere Name: erst nachdem He-
rakles Meer und Erde von den Unholden ge-
säubert hatte, wurde der Name ihm zu Ehren
geändert. Vergl. dazu Tzetz. exeg. II. p. 23,
1 1 ff. : BguxQScog r\v 'Hgar.lr\g nuhxLoxeQog. Va-
ter des Herakles nennt ihn Zenob. 5, 48. Daher
endlich bei Vergil die Verwechslung mit den
Giganten (Verg. Aen. 6, 287, und Servius z. d.
io
20
30
40
50
60
143 Aigaios
St., ib. 10, 567, Callim. hymn.in Del. 141; vgl.
auch C. I. Gr. 8182). Kallimachos versetzt
ihn an Stelle der .Giganten Typhon und Enke-
lados unter den Ätna. Bei Verg. Aen. 10, 567
erscheinen die 50 Köpfe feuerspeiend: ein Zug,
der sonst in den Quellen nicht wiederkehrt.
In Betreff der bildlichen Darstellungen,
die Aigaion mit Blitz und Dreizack ausgerüstet
oder Felsen schleudernd zeigen, s. Gaedechens,
Glaukos d. Meergott S. 117 und den Aufsatz n
von Vinet, Revue archeol. 10 p. 200 ff. — 2)
Einer der ruchlosen Söhne des arkadischen
Königs Lykaon, den Zeus tötete. Apoll. 3, 8,
1. [Bernhard.]
Aigaios {Alyaiog) 1) Beiname des Poseidon
(s. d.): Strab. 9, 405. Verg. Aen. 3, 74. Phe-
relcyd. b. Schot. Ap. Rh. 1, 831. — 2) des Ne-
reus: Stat. Theb. 5, 49. - — 8) Alyaiog nozagog,
Flufs auf der Phäakeninsel (Kerkyra): Ap. Rh.
4, 542. 1149. Er galt nach dem Scliol. z. d. 2
St. und Steph. Ryz. s. v. ' Titels als Yater
der Melite (s. d.), der Geliebten des Herakles.
[Roscher.]
Aige ( Ai'yg , lat. A ege) Amazonenkönigin,
Eponyme des ägäischen Meeres, in welchem
sie stirbt. Paul. Diacon. p. 21. [Klügmann.]
Aigeiros {Alysigog), eine Baumnymphe, Toch-
ter des Oxylos und seiner Schwester Hama-
dryas: Ath. 3, 78b. [Roscher.]
Aigeoueus {Alysoivsvg), Sohn des Priamos: 3
Apoll. 3, 12, 5. [Roscher.]
Aigestes {Alyso zyg, auch ’Eysorrjg, Ai'ysazog )
lat. Acestes), 1) Sohn des sicilischen Flufsgot-
tes Krimisos und einer Troerin Egesta oder
Segesta, der den Aineias in Sicilien freundlich
aufnimmt Verg. Aen. 1, 195. 550 ff. 5, 36 ff.
711ff. Ov. M. 14, 83. Heyne zu V. A. 5. Exc.
1. a) Hauptstelle Servius zu V.A. 1, 550: Als
Laomedon dem Poseidon und Apollo den Lohn
für die Erbauung der troischen Mauern ver-
weigert hatte, und Poseidon das Land von ei-
nem Seeungeheuer verwüsten liefs, dem nach
Apollos Ausspruch edle Jungfrauen zum Frafs
ausgesetzt werden mufsten , sendeten viele
Troer ihre Töchter in die Fremde, so auch
Hippotesoder Hippostratos seine Tochter Egesta.
Diese kam nach Sicilien , wo der Flufsgott
Krimisos, der die Gestalt eines Bären oder
eines Hundes angenommen hatte, mit ihr den
Acestes zeugte. Dieser wurde der Gründer der
Stadt Egesta oder Segesta. b) Variante im
Schot, z. Lylcophr. Al. v. 952. 964. {Kinkel)-.
Phoinodamas riet den Troern die Hesione dem
Seeungeheuer auszusetzen; Laomedon, darüber
erzürnt, überlieferte die drei Töchter des Phoi-
nodamas Schiffern , welche dieselben in Sici-
lien wilden Tieren vorwerfen sollten. Aphro-
dite rettete sie; einer wohnte Krimisos in
Hundsgestalt bei und zeugte mitj ihr den Ai-
gestes, der später die Städte Aigesta, Eryx
und Stylla (== Styella?) oder Atalla [wohl
Entella am Krimisos! Roscher] gründete, c)
Weitere Variante bei Dionys. H. 1 , 52-. Ein
Ahnherr des Aigestos verfeindete sich mit Lao-
medon, gegen den er die Troer aufreizte, und
wurde von ihm getötet. Laomedon übergab
seine Töchter Kaufleuten, die sie mit hinweg-
führen sollten. Mit ihnen schiffte sich ein vor-
Aigesthios 144
nehmer Troer ein und heiratete eine derselben
in Sicilien, wo sie den Aigestos gebar. Dieser
nahm die einheimische Sprache und Sitte an
und kehrte später mit Erlaubnis des Priamos
während des trojanischen Krieges in sein Vater-
land zurück, entkam aber nach Trojas Fall
mit Elymos nach Sicilien (so auch Schot, zu
Lylcophr. 965, wo Elymos ein unechter Sohn
des Anchises heifst und Serv. V. A. 5, 73).
o Dort trifft er mit Aineias bei dessen Landung
zusammen, der für ihn die Städte Aigesta und
Elyma gründet, vgl. Aineias Abschn. 12. Diese
Wendung der Sage kennt auch Servius zu V.
A. 5, 30; merkwürdig ist dort die Notiz, dafs
Aigesta (Segesta), nach Troja zurückgekehrt,
die Gattin des Kapys geworden sei und den
Anchises geboren habe. Nach Strabo 6 p. 254.
272 halfen dem Aigestos bei der Gründung
Aigestas Genossen des Philoktetes. Vgl. auch
o R. Stichle , Phüologus 15 S. 601 ff. d ) Die Na-
mensform schwankt zwischen Ai'ysGzog Dion. v.
IL. und Alysozyg Schot, zu Lykophron u. Stra-
bo (?), die Form Acestes bei Vergil (vgl. Hy-
gin. ed. M. Schmidt S. 148, 12) setzt eine grie-
chische Form ’Ansozrj g voraus , die sich aber
bei griechischen Schriftstellern nicht findet;
vielleicht in mifsverstandener Ableitung von
ansiaQ-ai „der Heiler“; bei Vergil 5, 718 heifst
die Stadt Segesta Äcesta, nach Cic. Verr.
o act. 2, 3. § 83 (vgl. Plin. n. h. 3, 91) waren
die Acestenses (od. Acestaei) eine den Segesta-
nern benachbarte Gemeinde. Der Name AL'ys-
ozog ist wohl nicht griechischer Herkunft. Die
Sage selbst deutet an, dafs Acestes und Ely-
mos schon angesiedelt waren, ehe die Aineias-
sage in der Westecke Siciliens anlangte. In Be-
treff der Herkunft der sicilischen Elymer von
den asiatischen Elymäern vgl. Holm, Gesell. Sic.
1, 86 ff. und Duncker, G. d. A. 4 4 87 f. Ace-
o stes wurde aber in die Aineiassage aufgenom-
men und scheint mit ihr nach Latium gekom-
men zu sein. Darauf deutet hin: 2) Aigestos
ein Lavinischer Priester. Dion. H. 1, 67. Als
die von Lavinium nach Alba Longa gebrachten
Götterbilder der Penaten immer wieder nach
Lavinium zurückkehrten , wurde Aigestos an
der Spitze von sechshundert Familienvätern
von Alba Longa dorthin zu ihrer Pflege zu-
rückgesendet. Vgl. Schwegler R. G. 1, 319.1
Preller- Jordan R. AI. 23 S. 313. 330, der mit
Recht im Namen Aigestos eine Hindeutung auf
den Zusammenhang der lavinisclien Aineiassagei
mit Segesta erblickt. Klausen Aen. u. d. P
S. 689 erklärt den Aigestos für einen latini
sehen Cärimonialgeist und zwar für den rEs
sigdämon der Vorratskammer’, eine Kombina
tion, die auch Gerhard, Gr. AI. § 943 (mit Anm.
ernsthaft genommen hat. — • 8) Aigestos, Sohi(
des Numitor nach Dion. II. 1, 76, von Amu!
lius auf der Jagd ermordet. Vgl. Cass. Dü
Frg. 4, 11 der ihn Alysozgg nennt. — 4) Eii
mythischer Anführer der Thesproten in Epi
rus , die nach ihm sich Alysazaioi nanntei
Steph. B. [Wörner.]
Aigesthios {Alyso&iog), Sohn des Zeus, Vate
der Idäischen Daktylen, welcher dem Idaga
birge nach seiner Geliebten Ida den Name !
gab : Plut. fluv. 13, 3. [Roscher.]
145 Aigeus
Aigeus (Alyevg), 1) Sohn des Pandion und
der Pylia, Tochter des Königs Pylas von Me-
gara , in Megara geboren. Dorthin hatte
sein Vater Pandion sich vor den Metioniden
geflüchtet; er wurde später König des Landes.
Nach Pandions Tod eroberte Aigeus mit sei-
nen Brüdern Pallas, Nisos, Lykos Attika zu-
rück und erhielt hei der Vierteilung des Rei-
ches die Oberherrschaft und Athen, verdrängte
später auch seinen Bruder Lykos aus dem Be-
sitz seines Anteils, der Diakria und der Tetra-
polis Apoll. 3, 15, 5 — 7. Paus. 1, 5, 3. 4. Strabo
p. 392. Schul, zu Lykophr. 494. ecl. Kinkel.
dion untergeschoben worden sei , Apoll. 3, 15,
5, oder des Phemios Scliol. z. Lykophr. 1324
ed. Kinkel. Seine beiden ersten Frauen Meta,
Tochter des Hoples, und Chalkiope, Tochter
Rhexenors , blieben kinderlos. Aigeus soll, 20
weil er dies dem Zorn der Aphrodite Urania
zuschrieb, ihre Verehrung in Athen eingeführt
haben Paus. 1, 14, 7. Aus Furcht vor seinen
Brüdern , besonders vor den starken Söhnen
des Pallas, wendete er sich an das Orakel zu
Delphi. Diese Scene Aigeus in Delphi, The-
mis als Pythia bei Gerhard A. V. 4, S. 103.
104. T. 327. 328. 0. Müller, Denkm. d. a. K.
2 , 947. Da er den dunklen Ausspruch der
Pythia nicht verstand, begab er sich zu dem 30
weisen Pittheus, dem Sohne des Pelops, nach
Troizen. Dieser, den Sinn des Orakels durch-
schauend, machte den Aigeus trunken und
legte ihn seiner Tochter Aithra (s. d.) bei.
Dies geschah in derselben Nacht, in welcher
bereits Poseidon der Aithra genaht war, diese
gebar später den Theseus. Plut. Thes. 3. Nach
Hy gm F. 37. Paus. 2, 33, 1 fand das Beila-
ger des Gottes und des Aigeus mit Aithra
(s. d.) im Heiligtum der . Athene Apaturia auf 40
der Insel Sphairia statt. Hygin sagt ausdrück-
lich: Neptunus, quod ex ea naturn esset , Aegeo
conccssit. Daher wurde Poseidon für den ei-
gentlichen Vater des Theseus gehalten Isokr.
10, 18. Ein Vasenbild, Poseidon und Aithra
bei Gerhard A. V. 1 S. 51 ff. T. 12. Über des
Sohnes Geburt und erste Jugend vgl. Theseus.
Bei Euripides Med. v. 663 ff. fleht Medeia des
Aigeus Schutz an, als dieser, von Delphi kom-
mend, sich eben nach Troizen begeben will, 50
und erhält die Zusicherung seines Beistandes,
nachdem sie ihm versprochen hat , dafs sie
seiner Kinderlosigkeit ein Ende machen werde.
Nach ihrer Flucht von Korinth wird sie in
Athen des Aigeus Gattin und bekommt von
ihm den Sohn Medos. Apoll. 1, 9, 28. Hygin.
F. 26. Ov. M. 7, 402 ff. Plut. Thes. 12. Paus.
2, 3, 8; vgl. Medeia. Als Theseus, zum Jüng-
ling herangewachsen, unerkannt nach Athen
kommt, findet er dort Medeia im Hause des eo
Vaters vor. Diese, welche weifs, dafs sie den
rechtmäfsigen Sohn des Aigeus vor sich hat,
will durch Gift in Übereinstimmung mit Ai-
geus, der sich vor Nachstellungen fürchtet, den
unbequemen Ankömmling beseitigen, aber beim
Mahl zieht Theseus das Messer, an dem Aigeus
den langersehnten Sohn erkennt. Medeia ent-
weicht mit Medos nach Asien. Apollod. 1, 9,
Aigeides 146
O
%
28. Hygin. F. 26. Ov. Met. 7, 402 ff. Just. 2,
6. Plut. 'Thes. 12. Paus. 2, 3, 8. Schul. II.
11, 741. Preller gr. M. 23 291 erkennt in der
Sage den Einflufs der euripideischeu Tragödie
Aigeus. Die Erkennungsscene zwischen Aigeus
und Theseus vergegenwärtigt ein Terracotten-
relief 0. Jahn , Arch. Aufs. 185, 6. Stark, Arch.
St. 93. Heydemann , Analecta Thesen. Hiss.
Berl. 1865 p. 13 f. Bei Ankunft seines Sohnes
10 befand sich Aigeus in bedrängter Lage. Pal-
las und seine fünfzig Söhne, die den Aigeus
nur für einen angenommenen Sohn des Pan-
dion erklärten, erhoben sich gegen ihn, wur-
den aber durch Theseus vernichtet. Plut. Thes.
13. Auch am Tod des Androgeos sollte Aigeus
schuld sein, Paus. 1, 27, 10. Diod. 4, 60, und
mufste sich dafür von Minos den schimpflichen
Tribut auferlegen lassen. Als Theseus es unter-
nahm Athen von diesem Tribut zu befreien,
verabredete der Vater mit ihm , dafs er bei
glücklicher Rückkehr weifse Segel auf seinem
Schiffe aufspannen solle (nach Simonides b.
Plut. Thes. 17 war es ein scharlachrotes). Aber
der siegreiche Theseus vergafs bei der Rück-
kehr die schwarzen Segel, welche das Schiff
führte, abzunehmen, und Aigeus, in der Mei-
nung, sein Sohn sei umgekommen, stürzte sich
von dem Felsen , von welchem er nach The-
seus ausschaute, ins Meer, welches nach ihm
den Namen empfing. Bei Diod. 4, 61 stürzt
sich Aigeus von der Akropolis hinab, bei Plut.
Thes. 22 von einem Felsen; unbestimmt drückt
sich Paus. 1, 22, 5 aus, des Meeres wird bei
keinem Erwähnung gethan. Hygin. F. 242 sagt :
in mare se praecipitavit, ex quo Aegeum pela-
gus est dictum ; ebenso Servius V. A. 3, 74.
Paul. ep. p. 24. Suidas AiycAov nsXocyog. In
Athen hatte Aigeus ein Heroon , Paus. 1, 22,
5; er war Heros Eponymos der Pliyle Aiyrft s
Paus. 1, 5, 2 und hatte als solcher eine Bild-
säule nahe an der Agora, Paus. 1, 5, 1; seine
Statue stand auch zu Delphi, geweiht aus dem
Zehnten der marathonischen Beute Paus. 10,
10, 1. Aufser den oben genannten Bildwerken
findet sich Aigeus in Gerhard A. V. 3 S. 40 f.
T. 162, 1, dem Kampf des Theseus gegen den
marathonischen Stier zuschauend, ebd. 3, S. 49.
T. 168 A. auf einer Darstellung von Antiopes
Entführung. In den Sagen von Aigeus und
Theseus sind uns die ältesten Überlieferungen
des attisch-ionischen Poseidondienstes erhalten.
„Aigeus ist der zum Heros gewordene Posei-
don selbst.“ Preller Gr. M. I3 472. Etymo-
logisch hängt Alysvg mit aiy ig, Wellen, zu-
sammen. Gurtius, Gr. EtA 180. Preller l3 466.
Wichtig ist, dafs es Heroen gleichen Namens
noch anderwärts gab. [Vgl. auch C. I. Gr. 2374.
6047. 7718b. 8440b. Roscher.] — 2) Ein Nach-
komme des Kadmos , Sohn des Oiolykos,
Androtion b. Tzetz. z. Lykophr. 495. Paus.
3, 15,8. 4, 7, 8. Herodot 4, 149; er hatte ein
Heroon in Sparta, da seine Nachkommen dort-
hin eingewandert waren; vgl. Aigeides 2. — o)
Sohn des' Phorbas, Bruder des Aktor, mythi-
scher König der Eleer. Diod. 4, 69. Davon:
Aigeides {AiysiÖgg, lat. Aegides), Nachkomme
des Aigeus (s. d.), 1) Theseus II. 1, 265 (inter-
poliert =) Hes. Scut. 182. Ov. M. 8, 174, u. ö.
147
Aigiale
Aigina
148
Her. 4, 59. 15, 221. Trist. 5, 4, 26, dann Nach-
komme des Theseus Ephor, in Schol. Find. P.
5, 101. Ov. Her. 2, 67. — 2) Alysidcu , Nach-
kommen des thebanischen Aigeus, die nach
der thebanischen Sage mit den Herakliden
nach Sparta gekommen waren. Herod. 4, 149.
und Abicht z. St. vgl. Find. P. 5, 73 ff. mit
Schol., I. 6, 15 mit Schol. Preller gr. M. I3 205.
A. 3. 2 3 281 A. 5. [Wörner.]
Aigiale od. Aigialeia (Alyiäly u. Alyialttu),
Tochter des Adrastos oder seines Sohnes Ai-
gialeus und der Amphithea, daher ASQ-rjOtivy
genannt, Gemahlin des Diomedes (s. d.), Königs
von Argos ( Hom . II. 5, 412 und Schol. Apollod. 1,
8, 6. 9, 13). Als ihr Gemahl nach Troja ge-
zogen war, verzehrte sie sich anfangs in Sehn-
sucht nach ihm , später aber verblendete sie
die dem Diomedes zürnende Aphrodite , so
dafs sie mit verschiedenen jungen Argivern
Ehebruch trieb, zuletzt mit Kometes, dem
Sohne des Sthenelos (nicht mit Sthenelos, dem
Sohne des Kometes Schol. B. u. Eust. z. 11.
5, 412). Als Diomedes heimkehrte, mufste er
vor den Nachstellungen der Aigiale und des
Kometes an den Altar der Hera (oder Athene)
und später nach Hesperien fliehen, worin er
die Rache der von ihm vor Troja verwundeten
Aphrodite erkannte (Schol. u. Eust. z. II. a.
a. 0. lykophr. 610f. u. Schol. Ov. Met. 14, 475.
Vgl. auch Ver<). Aen. 11, 269). Nach Dict. 6, 2
hatte Oiax, der Bruder des Palamedes, nach
Tzetzes Nauplios , der Vater der beiden, die
Klytämnestra und Aigiale gegen ihre Männer
durch die Nachricht erbittert, dafs diese von
Troja Frauen mitbrächten, die sie ihnen vor-
zögen. [Roscher],
Aigialeus (Alyralivg) 1) Sohn des Aietes,
Königs von Kolchis, gewöhnlich Absyrtos ge-
nannt (s. d.). ■ — 2) Sohn des Inachos und der
Okeanide Melia, Bruder des Phoroneus (nach
Schol. Eur. Or. 932 u. 1248 Sohn des Phoroneus
und der Peitho). Als er kinderlos starb, wurde
das spätere Achaia nach ihm Aigialeia ge-
nannt ( Apollocl . 2, 1, 1. Paus. 7, 1, 1. 2, 5, 5.
Steph. Byz. s. v. Alyialoc). Nach sikyonischer
Säge war Aigialeus Gründer und erster Herr-
scher der früher nach ihm Aigialeia benann-
ten Stadt Sikyon: Paus. 2, 5, 5. 7, 1, 1. Ma-
lal. Ghron. 4 p. 68 Bonn. Curtius Pelop. 2,
484. — 3) Sohn des Adrastos und der Demo-
nassa. Er war der einzige Epigone, der vor
Theben (von Laodamas) getötet wurde (Apol-
lod. 1, 9, 13. 3, 7, 2 f. Ilyg. f. 71. Paus. 9,
5,7. Find. P. 8, 60 f. u. Schol. Eur. Suppl. 1216).
In Megaris hatte er sein Grab und ein Heroon,
das sogen. Aiyidlccov (Paus. 1, 44, 7. 9, 19, 2).
Die Argiver weihten sein Bild nach Delphi:
Paus. 10, 10, 2. Vgl. Brunn, Künstlerg. 1, 294.
[Roscher u. Stoll.]
Aigikoreus (AiyiKOQSvg, auch -yg), Sohn des
Ion, Stammvater und Eponymos der attischen
Phyle der AiyinoQskg: Her. 5, 66. Schol. Dem.
24, 18. Steph. Byz. s. v. AlyvtiOQScog.
[Roscher.]
Aigikoros (AlyUoqog) , Beiname des Pan:
Nonn. Dion. 14, 75. [Roscher.]
Aigilos (AL'yilog), Stammvater und Epony-
mos des attischen Demos Alyehd : Fidlem, b.
Ath. 14, 652 e. Schol. Theocr. 1, 145.
[Roscher.]
Aigimios (Alyiyiog), Sohn des Doros, mythi-
scher König, Stammvater und Gesetzgeber der
. Dorer, als diese noch im Norden Thessaliens
im Peneiosthale (Histiaiotis) wohnten. Vergl.
Diod. 4, 37 58. Herod. 1, 56. Stroh. 427.
Steph. Byz. s. v. AoIqiov). Pindar (P. 1 , 64)
io gedenkt der uralten dorischen Satzungen des
Aigimios, nennt die Dorer snyovoi Alyiyiov
und läfst ein Heer des Aigimios und Hyllos
die Insei Aigina einnehmen (P. 5, 72. fr. 4.
ed. B.). Als Aigimios von den Lapithen unter
Koronos hart bedrängt wurde, rief er Herakles
zu Hilfe und dieser verschaffte ihm den Sieg.
Zum Danke dafür adoptierte er Hyllos, den
Sohn des Herakles, und gab ihm dasselbe Erb-
teil wie seinen eignen Söhnen Dymas und
20 Pamphylos (Anders Schol. Find. P. 1, 121,
der Pamphylos, Dymas und Doros als Söhne
des Aigimios nennt.) Dies sind die Stammväter
und Eponymen der drei dorischen Phylen,
der Ilylleer, Dymanen und Pamphylen (Epho-
ros b. Steph. Byz. s. v. Avyccvsg. Apollod. 2,
7, 7. Strab. 9 p. 427'. Diod. 4, 37. 58. Paus.
2 , 28 , 6). Der ganze Mythos von Aigimios
war wohl dargestellt in einem uralten Epos,
das geradezu AlyCyiog hiefs und bald dem He-
30 siod, bald dem Kerkops von Milet .zugeschrie-
ben wurde. Vgl. Epic. Gr. fr. ed. Kinkel 1,
82 ff. Müller , Dorier 1, 28 ff. Westermann, in
Paulys Bediene ,2 1,2, 229. Vgl. auch C. I.
Gr. 5984c. Vielleicht hängt der Name Aigi-
mios mit der sonst unbekannten Stadt Aiyi-
fuco zusammen, deren Suid. und Zonaras ge-
denken. [Roscher.]
Aigina (Ai'yivd), Tochter des Flufsgottes Aso-
pos , Mutter des Aiakos (s. d.). Sie wurde
io ihrem Vater von Zeus (nach Nonn. D. 7, 211 ff.
13, 201 ff. 24, 77 ff. Clem. Dom. 5, 13 in Adler-
gestalt, nach Ov. M. 6, 113 verwandelte sich
Zeus in Feuer) entführt und nach der Insel
Oinone (Herod. 8, 46) oder Oinopia (Find. I.
7,21(45). Ov. Met. 7, 472 ff.) gebracht, die da-
von den Namen Aigina erhielt. Apollod. 3,
12, 6. Find. I. 7, 21. Herod. 5, 80. Eur.
Iph. A. 697. Hyg. f. 52. 155. Nach Apollod.
1, 9, 3. 3, 12, 6. Myth. Vat. 1, 165 verriet
50 Sisyphos dem Asopos den Entführer seiner
Tochter. Auf Aigina gebar sie den Aiakos (s. d.).
Später kam sie nach Thessalien und heirathete
hier den Aktor, welchem sie den Menoitios,
den Vater des Patroklos, gebar: Pind. Ol. 9,
104 und Schol. Nach einer andern Überliefe-
rung war Menoitios der Sohn der Damokra-
teia, der Tochter der Aigina, und des Aktor
(Schol. Pind. Ol. 9, 107). Der Raub der Ai-
gina war ein beliebter Gegenstand der grie-
eo chischen Plastik. So berichtet Paus. 5, 22, 4
und 10, 13, 3 von zwei Darstellungen des Rau-
bes, welche die Phliasier noch Olympia und
Delphi geweiht hatten. Das olympische Bild-
werk enthielt viele Figuren, aufser der Aigina
selbst waren noch Zeus , Atropos und die
Schwestern der Aigina, Nemea, Harpina, Ker-
kyra und Thebe dargestellt. Plin. 35, 122 er-
wähnt ein Gemälde der Aigina von Elasippos.
L49
150
Aiginetes
Erhalten sind uns zwei sichere Darstellungen
les Raubes auf Vasen (Mus. Gregor. 2, 20 u.
De Witte, Cat. Durand 3). Vgl. Müller , Arcli.
!51, 4 u. Brunn in Paulys Bealenc 2 1, 1, 234.
Müller- Wieseler , D. d. a. K. 2, 47. Preller,
p\ M2 2, 394. Mehr b. Overbeck, Gr. Kunst-
nyth. Zeus S. 399 ff. [Roscher.]
Aiginetes (. Alyivyrrig ) , Sohn des Bereites,
Vater des Pelias Paus. 7, 18, 5. [Roscher.]
Aigios (Aiyiog), Sohn des Aigyptos Apollod. n
2, 1, 5. [Roscher.]
Aigipan s. Pan.
Aigis .(Aly tg), der aus Homer bekannte Schild
des Zeus, von dem dieser Gott den Beinamen
cäyio%o<; erhalten hat. Wenn Zeus die betrod-
delte, hellglänzende Aigis ergreift und schüt-
telt, dann hüllt er zugleich den Ida in Wolken
und blitzt und donnert laut, dafs Schrecken
und Grausen die Menschen erfafst (II. 17, 593 ff.).
Zeus zürnt, wenn er die dunkle Aigis schüt- 21
telt, z. B. beim Untergang von Troja (II. 4,
167). Sonst wird die Aigis noch von Athene
und Apollon geführt. II. 5, 738 ff. legt Athene
die betroddelte Aigis um die Schultern , die
furchtbare, um welche ringsum Phobos (Flucht)
dargestellt ist, auch Eris (Streit), Alke (Wehr-
kraft) und die schauerliche loke (Verfolgung)
ist darauf, endlich das Gorgeische Haupt des
schrecklichen Ungeheuers , furchtbar und ent-
setzlich , des ägisführenden Zeus’ Zeichen. 31
Nach 11. 2, 446 ff. ist die Aigis, welche Athene
trägt, unsterblich, an ihr hängen hundert gol-
dene Troddeln, alle wohlgeflochten, jede hun-
dert Rinder wert ; damit fährt die Göttin
blitzend durch das Volk der Achäer und treibt
sie an. In der Götterschlacht trifft Ares sie
auf die Aigis, die betroddelte, furchtbare, die
auch Zeus’ Blitz nicht bewältigt (II. 21, 400).
Als Apollon auf den Befehl des Zeus die Ai-
gis in die Hände nahm und gegen die Achäer 4
schüttelte, flohen diese (II. 15, 229); mit ihr
bewehrt schritt der Gott vor Hektor her, um
die Schultern eine Wolke, und hielt die stür-
mische Aigis , die furchtbare , dichtbesetzte,
prächtige , die Hephaistos dem Zeus gab , sie
zu tragen im Krieg der Männer (307 ff.); so
lange Apollon die Aigis ruhig hielt, stand der
Kampf gleich; da er aber, den Danaern ins
Antlitz schauend, sie schüttelte und laut da-
zu rief, flohen sie (318ff.). Mit goldner Aigis 5'
hüllt Apollon den Leichnam Hektors ganz ein
(II. 24, 20). Vgl. v. Sybel, Myth. d. Ilias 252.
Zweifelhaft ist es , ob Homer sich die Aigis
als ein Ziegenfell oder als einen Schild oder
endlich als eine Art Panzer gedacht hat, doch
scheinen namentlich die Ausdrücke rivdaasiv
und TZSQi d’ alyldi navzu ndlvnztv (II. 24, 20)
für die erstgenannte Gestalt zu sprechen (vgl.
Bader in Fleckeisens Jalirb. 1878 S. 578 ff. ).
Wahrscheinlich klingt die homerische Vorstei- 6
lung noch in den älteren Bildern der Athene
nach. In der Regel erscheint nämlich hier
die Aigis als ein grofses mantelähnliches Fell,
meist geschuppt, statt der Troddeln mit Schlan-
gen umsäumt, mit dem Gorgoneion besetzt und
so um die Schultern geworfen, dafs es zum
Teil die Brust deckt , zum Teil am Rücken
weit herabhängt, und dafs es, über den lin-
Aigis
ken Arm geschlagen, als Schild dienen
kann.“ Vgl. die alterthümlichen Athenesta-
tuen bei Müller- Wieseler, Denhn. d. a. K. 1,
34, 36, 37. 2, 229 u. 230, sowie die Athene
der äginetischen Giebelgruppe ebenda l,Taf. Of.
Später „wird die Aigis immer mehr zusammen-
gezogen und wird zu einem an der Brust an-
liegenden meist geschuppten Panzer , der in
der Mitte das Gorgoneion trägt (vgl. Herod.
4, 189). Öfter ist die Aigis nur angedeutet
durch das Gorgoneion und Schlangen am Saume
des Gewandes um den Hals wie bei der Athene
von Velletri“ (vgl. die Bildwerke bei Müllcr-
Wieseler 2 Taf. 19—221. Bei dem Apollon vom
Belvedere und dem Apollon Stroganoff ist sie
nur als ein beutelartig mit der geschlossenen
Linken zusammengeprefstes Tierfell zu denken
(0. Jalm, Aus d. Altert umswissenscli. S. 273.
Wieseler, Apollon Stroganoff S. 10. Vgl. jetzt
auch Kieseritzky in Arcli. Ztg. 1883 Heft 1).
Wahrscheinlich ist die Aigis, wie schon der
Name lehrt, ursprünglich als ein mit Troddeln
versehenes Ziegenfell (vgl. alyiöei auqndu-
osiav II, 0 , 309 u. Schol.) zu fassen , das in
der ältesten Zeit oft die Stelle eines Schil-
des vertreten mochte (vgl. Paus. 4, 11, 3.
Schol. Ap. Bh. 1 , 324. Blut. Alcib. 39. Lie.
25, 16. Rom. II. 5, 453. Herod. 7, 91). So
zeigt auch eine Gemme bei Müller- Wieseler
2, 24 einen jugendlichen Zeus , der sich die
Linke mit der Aigis umwickelt hat. Um die
Aigis als Waffe des Zeus und der Athene
zu motivieren , existirten , so viel wir wis-
sen, zwei Mythen. Nach Hygin. Poit. Ast. 2,
13 u. Enatosth. Cat. 13 nahm Zeus, als es ihm
zum Kampfe mit den Giganten (Titanen) an
Waffen gebrach , das unverletzbare mit dem
Haupte der Gorgo versehene Fell der Ziege,
die ihn gesäugt hatte. Nach Diod, 3, 70 da-
gegen war Aigis ein schreckliches, Flammen
sprühendes Ungeheuer, das Phrygien, den Tau-
rus, Libanon, Libyen und zuletzt die Waldun-
gen des Keraunischen Gebirges verheerte, wo
es von Athene erlegt wurde, die nun sein Fell
als Brustharnisch trug.
Deutung. Dafs die Aigis nur als Symbol
der dunkeln , furchtbaren , Sturm , Blitz und
Donner mit sich bringenden Wetterwolke ver-
standen werden kann, geht aus folgenden Er-
wägungen hervor. 1) Noch bei Aschylos (Clio.
594) bedeutet aiyig eine Wetterwolke, Aristo-
teles bezeichnet den Orkau oft mit naraiyig,
und aiyi'Qsiv, narcayi^eiv bedeutet ursprünglich
das Niederfahren des Sturmes aus den Wol-
ken (vgl. Boscher, Die Gorgonen S. 125 A. 266).
— 2) wird die Aigis deutlich mit Gewitterer-
scheinungen in Verbindung gesetzt (II, P 593 ff.
D 203 ff. Verg. Aen. 8, 352 ff. Sen. Agam. 548 ff.
Sil. It. 12, 720. — 3) Die Schlangen oder Trod-
deln bedeuten Blitze, das Gorgoneion ist das
hauptsächlichste Symbol des Gewitters (Bo-
scher a. a. O. 64ff. u. 13 ff.). — 4) Die home-
rischen Epitheta tQsyvri (vgl. viytci sgsßsvvci
u. s. w.) , Seivy, [KXQfiKQsri deuten ebenfalls
unverkennbar auf furchtbare , blitzglänzende,
dunkle Wetterwolken hin. Literatur: Stoll
in Paulys Bealenc ,a 1, 1, 236. Preller, Gr.
Myth.2 1, 94. Lauer, Syst. d. gr. Mythol. S. 192.
151 Aigisteas
Creuzer, SymbÄ 4, 364. Gerhard , Gr. Myth.
202, 1. Welcher, Gotterl. 1, § 167. Roscher
a. a. 0. S. 124f. Bader in Fleckeisens Jahrb.
1878 S. 57714. Stengel ebenda 1882 S. 51814'.
[Roscher.]
Aigisteas oder Aigistaios {AlytazEug, Alyi-
gzcciqs), Sohn des Midas. Sprichwörtlich war
geworden die Redensart Alyiarsov ngSrgiu von
einem kühnen Unternehmen ( Kallisthenes b.
Apost. 1, 58b. u. Arsen. 1, 99). Wahrschein- io
lieh ist Aigisteas mit Anchuros (s. d.) iden-
tisch, da von beiden genau derselbe Mythus,
an die Sage von M. Curtius erinnernd, erzählt
wurde. [Roscher.]
Aigisthos (Ai'yiop-og), Sohn des Thyestes, und
(nach tragischer Überlieferung; vgl. Soph. fr.
227 IST.) seiner Tochter Pelopia. Thyestes
schändete seine Tochter nach dem Rate eines
Orakels gewaltsamer Weise (als sie eben in
einer finstern Nacht zu Sikyon der Athene ge- 20
opfert hatte), ohne jedoch von ihr erkannt zu
werden. Die Pelopia, welche bald darauf den
Atreus heirathete, setzte den aus jener Blut-
schande entsprossenen Aigisthos gleich nach
der Geburt aus ; doch wurde er von Hirten
aufgefunden und mit Ziegenmilch genährt, da-
her sein Name. Später wurde er von Atreus,
der ihn für seinen eigenen Sohn hielt, erzogen.
Da Pelopia in der für sie verhängnisvollen
Nacht dem Thyestes sein Schwert abgenom- 30
men und es dem Aigisthos gegeben hatte, so
wurde dieses Schwert später zum Verräter der
Schandthat. Als nämlich Thyestes in die Ge-
walt des Atreus geraten war, wurde Aigisthos
von diesem mit jenem Schwerte ahgesandt,
seinen Vater zu töten. Thyestes erkannte das
Schwert als sein Eigentum und frug den Ai-
gisthos erstaunt, woher er es habe. Als nun
dieser antwortete, er habe es von seiner Mut-
ter , veranlafste Thyestes den Aigisthos die- ^0
selbe zu holen und enthüllte beiden das Ge-
heimnis seines Verhältnisses zu ihnen. Dar-
auf stiefs sich Pelopia entsetzt das Schwert
in die Brust, Aigisthos aber tötete den Atreus,
welcher gerade am Ufer des Meeres opferte,
und beherrschte nun zusammen mit Thyestes
das grofsväterliche Reich. Vgl. Hy gm. /'. 87,
88, 252, der aus Tragödien des Sophokles (vgl.
Fr. ed. Hauch p. 127. 146. 161. 231) und
Euripides {Fr. 395 H. vgl. aufserd em Nauck 50
a. a. 0. p. 737 unter (dvlczyg ) geschöpft zu
haben scheint: Preller, gr. M. 2 2.389, 2. Ael. v.
h. 12, 42. Ov. Ib. 361. Dio Chrys. 66, 6 p. 221 D.
SenecaAg. 3(X Mythogr. Val. 1,22). Etwasan-
ders erzählt Aschylos Agam. 1583 ff. den Mythus.
Nach ihm wurde Aigisthos , der dritte Sohn
des Thyestes, als kleines Kind mit seinem
Vater vom Atreus vertrieben und kehrte spä-
ter mit dem Vorsatze der Rache zurück. Bei
Homer findet sich noch nichts von allen die- eo
sen Sagen , die , wie es scheint , auf späteren
Epikern und Tragikern beruhen und dem Be-
dürfnisse, die Frevel im Hause des Agamem-
non auch in das frühere Geschlecht zurückzu-
tragen, entsprungen sein mögen (vgl. Welcher,
Gr. Trag. 1, 358 ff. Stoll in Paulys Jlealenc.1
1, 2, 2044, Preller gr. M.2 2, 389). Nach Od.
4, 517 ff. herrschte Aigisthos nach Thyestes’
Aigisthos 152
k
Tod in Mykenai {dyQov Iti toyazu)v, 0Q1 d\6-
fiazcc vazE OvEGzgg zo tiqlv , dzdg zoz’ tveas
GvsGziccSyg Ai'yiG&og). Während der Abwesen-
heit des Agamemnon suchte Aigisthos dessen
Gemahlin Klytaimnestra zu verführen, doch
anfangs vergeblich , so lange ihr eiu edler
Sänger als ratender und belehrender Haus-
freund zur Seite stand. Als es Aigisthos ge-
lungen war, diesen zu beseitigen, sträubte sich
auch Klytaimnestra nicht mehr, und Aigisthos
war frech genug den Göttern für das endliche
Gelingen seiner Schandthat Dankopfer und Ge-
schenke darzubringen (Od. 3, 263 ff. Ath. 14b). Da-
rauf stellte er eine Wache am Ufer aus, um
nicht unvermutet von Agamemnon mit seinen er-
probten Kriegern überrascht zu werden, ging
ihm, als jener gelandet war, mit erheuchelter
Freundschaft entgegen, bereitete ihm ein Mahl
und liefs ihn mit seinen Begleitern während
des Schmauses von zwanzig in einen Hinter-
halt gelegten Männern ermorden. Noch zu
Pausanias’ Zeit zeigte man in Mykenai die
Gräber des Agamemnon, der Kassandra, ihrer
beiden Söhne Teledamos und Pelops und des
Wagenlenkers Eurymedon, welche ebenfalls
von Aigisthos ermordet wurden {Od. 4, 524 ff.
1 , 35. 3, 234. 4, 91. 11, 387. 24, 22. 97.
Aristot. Pepl. 1, 2 ed. B. Paus. 2, 16, 5). Nach
Hygin. f. 117 töteten Aigisthos und Klytai-
mnestra den Agamemnon, als er gerade den
Göttern ein Dankopfer für seine glückliche
Rückkehr darbrachte, mit Beilen (vgl. das von
Overbeck, Gail. her. Bildw. S. 680 besprochene
Bildwerk; mehr unter Agamemnon oben S. 95).
Nach dem Morde des Agamemnon herrschte Ai-
gisthos sieben Jahre über Mykenai, im achten
Orestes tütet d. Aigisthos (v. e. Vasenbilde b.
Overbeck, Gail. T. 28, 10).
kehrte, wie es dem Aigisthos schon vorher durch
Hermes verkündigt worden war {Od. 1 , 30),
Orestes zurück und rächte den Mord seines Va-
ters {Od. 3, 305 ff. Aesch. Gho. 931 ff. Soph. Fl.
1495 ff. Für. Fl. 840 ff'. Hyg. f. 119. Ptol. H. 4.
S. auch den Artikel Orestes). Bildliche Dar-
stellungen des Aigisthos finden sich auf etru-
skischen Äschenkisten, welche en relief die Er-
mordung des Agamemnon darstellen {Overbeck,
Gail. S. 682), sowie in Gemälden, Vasenbildern
und Reliefs, auf denen die Rache des Orestes
abgebildet ist {Overbeck S. 694 ff. Mon. d. Inst.
5, t. 56. Robert, Bild u. Lied 149.). Vgl. auch
C. I. Gr. 2374. 7701. 8419. Auf dem bei-
53
154
Aigle
teilenden Sarkophagrelief aus dem Palast Circi
,i Rom (abgeb. b. Overbeck, Gail. T. 28, 9 ; vgl.
\Ius. Pio-Glem. 5, tau. d'agg. A No. 6) wird
dgistlios auf dem Throne von Pylades geto-
st , während Orestes die Mutter mit dem
■chwerte ersticht. „Zugleich greift von der
ndern Seite Elektra den Buhlen ihrer Mutter
,n, gegen dessen Haupt sie einen Schemel mit
fierklauen als die erste beste Waffe, die zur
Iand ist, erhebt. Die hinter Pylades herbei- io
ilende Frau kann als Chrysothemis gelten;
len darauf folgenden Mann werden wir als
Aigyptios
kedämon in Athen eingewanderten Hyakintbos
(s. d.). Sie wurde am Grabe des Kyklopen
Geraistos zur Abwehr einer zur Zeit des Mi-
nos wütenden Pest samt ihren Schwestern ge-
opfert, Apollod. 3, 15, 8. [Roscher.]
Aigokeros (Aiyonigcog), 1) Beiname des Pan,
dessen Haupt Ziegenhörner trug: Hygin. /'. 196.
— 2) Der Steinbock im Tierkreise (lat. Capri-
cornus) IjUct. 5, 013. Germ. Arat. 407 ff. Egss.
Lucan. 9, 537. 10, 213. Vgl. Hygin. f. 19G.
[Roscher.]
Aigolios(diyoiltdg), ein Kreter, der mit Laios,
Relief des Sarkopliages im Palazzo Circi (Rom), vgl. Overbeck a. a. O. S. 698 ff.
■inen entweichenden Therapon oder Leibwäch-
ter des Aigisthos fassen dürfen, die auf die-
sen folgende Frau als eine Haussklavin. Eben-
so kräftig ist die Gruppe des die Mutter er-
mordenden Orestes gedacht. Der Sohn hat
die Mutter zu Boden geworfen und an den
Haaren ergriffen , er kniet auf ihren Schenkel
and zückt das Schwert gegen ihren entblöfs-
ten Hals. Die hinter KJytaimnestra erschei- 40
nende Frau ist vielleicht eine Dienerin.“ Die
Deutung der übrigen Figuren ist nicht ganz
ncher (vgl. Overbeck , Bildw. z. tlieb. u. tr.
Heldenkreis 698 ff".). [Roscher.]
Aigle (Aiyhr]), 1) Gemahlin des Helios und
Mutter der Chariten, eine Naiade: Antimachos
Ix Paus. 9, 35, 5. Verg. Ecl. 0, 20 f. — 2)
Eine der Hesperiden (s. d.) Apollod. 2, 5, 11.
Ap. Hh. 4, 1428 ff. Hesiod. b. Serv. z. Verg.
Aen. 4, 484. Hygin. f. praef. p. 2GB. — 3) 50
Tochter des Helios und der Klymene (oder
Rhode, Schol. Od. 17, 208). Sie wurde mit
ihren Schwestern , den sogen. Heliaden, beim
Tode ihres Bruders Phaethon (s. d.) in eine Pap-
pel verwandelt; vgl. Hesiod. b. Hygin. f. 154 u.
15G. Heracl. de incred. 36. Westermann, Mythogr.
p. 345, 14. Vgl. Wieseler, Phaethon Gott. 1857
S. 5 und die bildlichen Darstellungen ebenda.
— 4) Tochter des Asklepios (Schol. Ar. Plut.
701. Plin. n. h. 35, 137), der selbst alyhjsig, ßo
ülyluriQ heilst (Hesych.). Vgl. Welcher, Göt-
terl. 2, 742 ff. — 5) Tochter des Panopeus, Ge-
mahlin des Theseus, der aus Liebe zu ihr die
Ariadne verliefs Hesiod. b. Plut. Thes. 20 u.
29. Hesiod u. Kerkops b. Athen. 557a. — 6)
Eine der thrakischen Bakchantinnen, Amme des
Bakchos Nonn. Dion. 14, 221. [Roscher],
Aiglcis (Aiylry 's), eine Tochter des aus La-
Keleos (?) und Kerberos in die Geburtsgrotte
des Zeus, worin die heiligen Bienen hausten,
eindrang, um Honig zu stehlen. Zeus stand
im Begriff sie mit dem Blitzstrahle niederzu-
schmettern, als Themis und die Moiren da-
zwischentraten , da in jener Höhle niemand
sterben durfte. Darauf verwandelte Zeu? alle
vier Räuber in Vögel: den Aigolios in eine
Nachteule (aiycoltög), den Laios in eine Dros-
sel (leuog), den Keleos (?) in einen Strandläu-
fer (Kf/Ubg, Y.ohnog‘t) , den Kerberos in einen
Kerberos (?). Vgl. Boios b. Anton. Lib. 19.
Deutung: Wahrscheinlich ist der ganze My-
thus der schon von den Alten gemachten Be-
obachtung entsprungen, dafs gewisse Vögel-
arten den Bienen schädlich sind: Aristot. ed.
Didot. 3, 198, 24 ff. Plin. 11, 61. [Roscher.]
Aigypios (Aiyvniog), Sohn des Antheus und
der Bulis, liebte eine Witwe Namens Timan-
dra, deren Sohn Neophron den Aigypios listig
zu täuschen wufste, so dafs er einmal seiner
eigenen Mutter statt der Timandra beiwohnte.
Als nun die Bulis ihren und ihres Sohnes Irr-
tum erkannte , wollte sie dem Aigypios die
Augen ausstechen und ihren Sohn töten; doch
Zeus erbarmte sich ihrer und verwandelte sie
in Vögel: den Aigypios und Neophron in Geier
(uiyvnLoi) , die Bulis in einen Wasservogel
Ouävy'g), die Timandra in eine Meise (cdyiQ-al-
lo g). Vgl. Boios b. Anton. Jnb. 5. Deutung:
Auch diese Sage beruht auf gewissen Eigen-
tümlichkeiten der genannten Vögel. Der Poynx
oder Phoynx frifst nämlich besonders die
Augen der von ihm erbeuteten Tiere und ist
ein wütender Feind gewisser Raubvögel ( An-
ton. l.ib. a. a. O. Aristot. ed. Didot. 3, 185,
6f.). [Roscher.]
155
156
Aigyplios
Aig'yptios ( Aiyvnriog ), ein greiser Ithake-
sier, Freund des Odysseus und Telemachos,
der die von Telemachos berufene Volksver-
sammlung eröffnete. Aigyptios war Vater von
vier Söhnen. Der erste, Antiphos, folgte dem
Odysseus nach Troja und wurde später vom
Polyphemos getötet , der zweite , Eurynomos,
befand sich unter den Freiern der Penelope,
der dritte und vierte bewirtschafteten das Gut
des Vaters: Hom. Od. 2, 1 5 ff. [Roscher.] x
Aigyptos (Ai'yvnrog), 1) Sohn des Belos und
der Anchinoe Apollod. 2, 1, 4, oder Anchi-
rhoe Scliol. Flat. Tim. p. 25 B (falsch b. Tzetz.
Lylcoplir. 1155 Achii-oe); Enkel des Poseidon
und der Libya ( Apollod . Schol. II. 1, 42), Bru-
der des Danaos, (nach Eurip. b. Apollod. auch
des Kepheus und Phineus), König von Ägypten.
Nach Gharax b. Steph. Byz. v. Aiy war er Sohn
der Aeria (s. d.), die auch Potamitis hiefs, nach
Antioch. in Müller, fr. h. gr. 4 p. 544, 15 Sohn 2
der Side; Blut, de fluv. 1157, 10 ff. nennt ihn
Sohn des_ Hephaistos und der Leukippe. Als
dereinst Ägypten von grofser Trockenheit heim-
gesucht wurde, gab der pytkische Gott den
Bescheid, nur durch das Opfer der Königs-
tochter könne das Unglück abgewendet werden.
Da führte Aigyptos seine Tochter Aganippe zum
Altar und stürzte sich nach ihrer Opferung aus
Betrübnis in den Flufs Melas (Nil), der dann von
ihm den Namen Aigyptos bekam (Blut. a. a. 3
0.). Nach Manetho b. Ioseph. c. Apion. 1, 15
wurde er identificiert mit dem ägyptischen
König Sethosis oder Sethos, sein Bruder Da-
naos mit jenes Bruder Armais (ibid. 1, 26),
Eusebios b. Synlcell. Glironogr. 155 B. dagegen
identificiert ihn mit Ramesses, den Danaos
mit Armais. Mehr bei Heimisch in Baulys
RE. jx. Aegyptus p. 327 ff. — Nach Apollod.
(a. a. 0.) weist Belos dem Danaos Libyen,
dem Aigyptos Arabien als Aufenthalt an; der 4
letztere selbst erobert das Land der Melarn-
poden dazu. Von vielen Frauen werden ihm
50 Söhne geboren (vgl. jedoch Müller, fr. h. gr.
4, 432, 1. Tzetz. Chil. 7, 368 ff.), dem Danaos
50 Töchter. Später geraten sie unter einander
in Zwietracht wegen der Herrschaft. Nach-
dem Aigyptos das Land der Schwarzfüfsler
unterworfen, fängt er an seinen Bruder Danaos
zu bedrängen, dieser baut auf Rat der Athene
das erste fünfzigrudrige Schiff, macht sich 5
aus Furcht vor des Aigyptos Söhnen mit seinen
Töchtern auf die Flucht und kommt schliefs-
lich in Argos an. Die Söhne des Aigyptos
(nach Bhrynich. fr. 1 Nauclc auch Aigyptos
selbst) folgen ihnen aber nach, wünschen die Bei-
legung der Feindschaft und werben zu diesem
Zwecke um die Töchter des Danaos. Dieser,
mifstrauisek und wegen der Flucht grollend,
ist zunächst abgeneigt, willigt aber schliefs-
lich ein. So fiel 1) die ILypermnestra dem Lyn- s
keus*) ohne Los zu, desgleichen 2) die Gor-
gophone dem Proteus, weil diese beiden Söhne
dem Aigyptos aus königlichem Geblüte,^ von
der Argyphia (Argypke Tzetz. Chil. 7, 372),
*) „Lynkeus erlöste auch die Kalyke“; in dem Ver-
zeichnis b. Ajjolloclor scheint dies fälschlicher Zusatz zu
sein, weil sich sonst 51 Töchter des Danaos ergeben, s.
Westermann zu Apollod. a. a. 0.
AigyptöS
geboren waren. Die übrigen bestimmte das
Los zu folgenden Paaren: 3. Busiris und
Automate. 4. Enkelados und Amymone. 5.
Lykos und Agaue. 6. Daiphron und Skaie.
7. Istros und Hippodameia. 8. Chalkodon
und Rhodia. 9. Agenor und Kleopatra. 10.
Chaitos und Asteria. 11. Diokorystes und
Hippodameia (Pliolodameia). 12. Alkis und
Glauke. 13. Alkmenor und Hippomedusa. 14.
Hippothoos und Gorge. 15. Euchenor und
Iphimedusa. 16. Hippolytos und Rhode. 17.
Agaptolemos und Peirene. 18. Kerkestes und
Dorion. 19. Eurydamas und Pharte. 20. Aigios
xxnd Mnestra. 21. Argios und Euippe. 22. Ar-
chelaos und Anexibie. 23. Menachos und Nelo.
Ohne Los wurden nach der Gleichheit des
Namens verbunden: 24. Kleitos und Kleite.
25. Sthenelos und Sthenele. 26. Chrysippos und
Chrysippe. Dann wieder durchs Los bestimmt:
27. Eurylochos und Autonoe. 28. Phantes und
Theano. 29. Peristhenes und Elektra. 30. Her-
mos und Kleopatra. 31. Dryas und Eurydike.
32. Potamon und Glaukippe. 33. Kisseus und
Antheleia. 34. Linos und Kleodore. 35. Im-
bros und Euippe. 36. Bromios und Eui'oto.
37. Polyktor und Stygne. 38. Clithonios und
Bryke. 39. Periphas und Aktaia. 40. Oineus
xxnd Podarke. 41. Aigyptos und Dioxippe. 42.
Metalkes uxxd Aclyte. 43. Lampos und Oky-
pete. 44. Idnxoii und Pylarge. 45. Idas und
Hippodike. 46. Daipkroix und Adiante. 47.
Pandion und Kallidike. 48. Arbelos und Oime.
49. Hyperbios und Kelaino. 50. Hippokorystes
und Hyperipte (Apollod. 2, 1, 4. Das Ver-
zeichnis bei Hygin f. 170 ist anders, aufser-
dem lückenhaft; s. die Ausg. v. Schmidt p. 32 ff).
Als xxun auf diese Weise die Danaiden ver-
heiratet waren, gab Danaos einer jeden einen
Dolch mit der Weisung, ihren Ehemann in
der Brautnacht zu ermorden. Alle vollzogen
dexx Befehl mit Ausnahme der Hypermnestra,
die des Lynkeus schonte, weil er ihre Jung-
fräulichkeit nicht axxgetastet. Dafür liefs sie
Danaos einkerkern und bewachen. Die übrigen
Schwestern aber warfen die Köpfe ihrer Ver-
mählten ixx den Lernasee, begruben die Lei-
chen vor der Stadt, uixd wurden dann auf Be-
fehl des Zeus voix Athene uxxd Hermes von
ihrer Schuld gereinigt. Nach Baus. 2, 24, 3
waren umgekehrt die Leichen in den See ge-
worfen worden, weil dort der Mord begangen
war (daher das SprüchwortHapvxj v-ccuüv. Strabo
371. Zenob. 4, 86), und die Köpfe, welche die
Danaiden abgeschlagen und als Beweis der
vollzogenen Tlxat dem Vater übevbracht hatten,
auf denl Wege zur Akropolis beerdigt worden.-
An derselben Stelle befand sich ein Denkmal
zur Erinnerung an die Gemordeten. Nach
einer Sage der Patraier, deren Baus. 7, 21,
6 gedenkt, floh Aigyptos aus Furcht vor Da-
naos nach Aroe und starb dort aus Gram
über das Leid seiner Söhne. Ein Denkmal
für ihn war im Tempel des Serapis zu Pa-
trai. Spi'ichwörtlich war Aiyvmov yccyo g von
dexx zu ihrem Unglück Vermählten. Biogen.
2, 55 u. Apost. 5, 24. — Aufs er den vorauf-
gehenden Citaten möge der Vollständigkeit
wegen noch Aesch. fr. 42 N. Arist. ran. 1206,
157
Aineias b. Homer
158
Aigyros
Plato Menex. 245d, Aesch. Suppl. 9, 322, 334
u. ö. erwähnt sein. Die weitere Variation der
Sage nach Paus. Hygin. u. s. w. s. unter Danaos.
Die Deutung ist verschieden, vgl. Preller 2, 45 ff.,
Reinisch. a. a. 0., Gerhard GM. 2, 134. Aufser-
lem s. den Artikel Danaiden. — 2) Aigyptos
ein Sohn des Obigen; s. Nr. 4L [Bernhard.]
Aigyros ( Aiyvgog ), nach sikyonischer Sage
ein Sohn des Thelxion und Vater des Thuri-
machos , Abkömmling des Aigialeus (s. d.), n
Paus. 2 , 5 , 7. Seine Ahnenreihe war nach
Paus. a. a. 0. folgende: Aigialeus, Europs,
Teichin, Apis, Thelxion. Aigyros’ Enkel war
Leukippos, der Vater der Kalchinia. [Roscher.]
Aiius oder Aiioragatus(?), altspanische Gott-
heit auf einer Inschrift aus Clunia Sulpicia
(Penalba de Castro) Hisp. Tarag. , C. I. L. 2.
2772: Aiioragato L. Aemilius Quartio Lapi-
dariu v. s. I. m. [Steuding.]
Alklos (’ÄixXog), Bruder des Ellops und 2
Kothos, aus Athen, Gründer von Eretria. Strah.
p. 321. 445. 447; Scxjmn. 575; Alcrn. 66 (26)
ed. Bergk; Steph. Byz. s. v. ’Ehv&sgig. Nach
Flut, (pme st. gr. 22 war er Sohn des Xuthos.
[Schultz.]
Ailinos (Ai'hvog), Sohn der Kalliope, wie es
scheint, der Erfinder der Dichtungsart athvov
Suid. s. v. ecilivov. S. Linos. [Roscher.]
Ailios (Ai'Xiog, richtiger 'Elftos)* Sohn des
Pelops und der Hippodameia, Schol. Eurip. 3
Orest. 5 u. Hindorf z. d. St. [Stoll.]
Aimylia (AlyvUa = Aemilia), Tochter des
Aineias und der Lavinia: Plut. Pom. 2.
[Roscher.]
Ainarete (AIvkqsztj), Tochter des Deimachos,
Mutter des Athamas, Königs von Böotien: Schol.
Plat. Min. 315 c. [Roscher.]
Aine {Ai'vg) , Name einer zu Ekbatana ver-
ehrten Göttin, Polyb. 10, 27, 12. Vgl. Aineias
Kap. 231 [Wörner.] ■)
Aineias (Atvsi'ag, Aeneas), Sohn des Anchises
und der Aphrodite.
1) Homerische Sage bis zum Tod Hek-
tors : Aevsiag, x ov vn Ayxiorj zexs di Acpgo-
öixr] , "iStjg sv xvryioiai &sa ßgozä svvg&siGa.
B 820. E247. 313. T208, vgl. den 4. hom. Ilymn.
stg ’AyQodtxrjv u. Hes. Theog. 1008 ff’. ; er stammt
aus dem troischen Herrschergeschlecht, T215
— 240 ist seine Ahnenreihe angegeben: Kapys
sein Grofsvater, dann Assarakos, Tros, Eri- 5
chthonios, Dardanos, er stammt also väterlicher-
seits von Zeus. Alkathoos, der Gemahl seiner
Schwester Hippodameia ( N 428) erzog ihn als
Kind in seinem Hause, nach dem hom. Hym-
nus 257 ff. liels ihn Aphrodite durch Berg-
nymphen erziehen und führte ihn erst im fünf-
ten Jahre (v.277) dem Vater zu mit der Weisung,
er solle ihn für das Kind einer Nymphe aus-
geben. (Nach Xenophon de venat. 1, 2 gehörte
Aineias zu den Zöglingen des Kentauren Chei- c
ron). Am Krieg nahm Aineias erst dann teil,
als Achill seine Rinderherden auf dem Ida
überfallen und ihn nach Lyrnessos verjagt
hatte. Lyrnessos wurde erobert, Aineias ent-
kam von Zeus geschützt. T 90 f. 187 — 194.
Darauf führte er die Dardaner in den Krieg
B 819, die dem Range nach das zweite Volk
nach den Troern sind. Im troischen Heere
kommt ihm aufser Hektor niemand im Range
gleich E 180. N 463 ff. P 485. T 83; ihn und
Hektor belastet die meiste Kriegsarbeit der
Troer und Lykier, weil sie die Besten sind zu
jeglichem Zweck im Kampfund im Rat. Z 77
(vgl. Verg.A. 11,283 — 92). Daher wird er im
Volk der Troer wie ein Gott verehrt A 58.
und geniefst gleiches Ansehen wie Hektor
E 467; seine Epitheta: Tqccxov dyog u. ßovXg-
cpoQog , ygGTfßQ cpoßoio E 217. 180. 272. 311,
uval; ävÖQiov E311, weil von Zeus abstam-
mend (vgl. Gladstone , hom. Studien übers, v.
Schuster 86 ff, 94 ff), fisyalgzcoQ T 175, bat
cpQcov T 267, clxexhxvxog ”Agr}i N 500, n odag
xa%vg N 482. Auch die Feinde wie Meriones,
Sthenelos, des Diomedes Wagenlenker, Idome-
neus erkennen seine Stärke an. TT 620. E 244 ff.
N 483; mit dem Achilles trifft er T 158 ff als,
ebenbürtiger Gegner zusammen. Während im
Buch E Diomedes Wunder der Tapferkeit voll-
bringt, bewegt Aineias den Pandalros auf seinen
Wagen zu steigen und vereint mit ihm dem
Wütenden entgegen zu fahren. Nachdem Pan-
daros von Diomedes’ Hand gefallen, umschreitet
Aineias die Leiche Xsu>v dis alxl Tzsnoi&a'ig
E 299 unter furchtbarem Geschrei; da wird er
von Diomedes mit einem Feldstein getroffen,
doch als er bewufstlos ins Knie gesunken (v.
310), trug ihn Aphrodite aus dem Kampfe,
und da sie selbst von Diomedes verwundet ihn
fallen liefs (v. 343), rettete ihn Apollo in dunk-
ler%Wolke, stiefs dreimal den Diomedes zu-
rück und scheuchte ihn zuletzt durch drohen-
den Zuruf (v. 440), den Aineias brachte er in
seinen Tempel auf Pergamos, wo ihn Leto und
Artemis heilten, während sich Troer und Grie-
chen um ein Scheinbild des Gefallenen schlugen
(v. 449 ff). Bald darauf kehrt Aineias neu ge-
stärkt von Apollo in den Kampf zurück (v. 512)
und erlegt das Brüderpaar Krethon und Orsi-
lochos (v. 541); an Diomedes verlor er damals
seinen Streitwagen und das Z wiegespann, ein
Geschenk seines Vaters, Rosse, welche von den
unsterblichen Rossen abstammten, die Tros
einst als Ersatz für Ganymedes von Zeus
empfangen hatte. E 265. 323 Wieder in den
Vordergrund tritt Aineias beim Sturm auf die
Schiffsmauer, wo er erster Anführer der vierten
Heerschar ist M 99, die der Dichter vermut-
lich aus Dardanern bestehend denkt, während
die drei ersten vermutlich troischen Heerhaufen
von den drei Söhnen des Priamos Hektor,
Paris, Helenos geführt werden. Als beim
Kampf um die Schiffe ( N ) Idomeneus sich her-
vorthut und unter anderen Alkathoos, den
Schwager des Aineias, getötet hat, ruft Dei-
phobos den Helden gegen Idomeneus zu Hilfe.
Dieser sieht kaum Aineias heranstürmen, als
er seine Genossen anruft, aus Besorgnis, der
i schnelle, starke, jugendliche Held möchte ihn,
den alternden, überwinden N 480. Beim Zu-
sammenstofs gehen die Speere beider fehl, in
der Fortsetzung des Kampfes erschlägt Aineias
den Aphareus N 541, aber im übrigen Verlauf
des Buches läfst der Dichter den mit solchem
Nachdruck cingeführten Aineias fallen. Da-
gegen tritt er beim Kampf um die Schiffe (£]
wieder hervor, nachdem Hektor von Aias durch
159
Aineias b. Homer
IGO
Aineias b. d. Kyklikern etc.
einen Steinwurf betäubt worden ist. Aineias
schirmt mit Polydamas, Agenor, Sarpedon und
Glaukos den Gefallenen, bis er aus dem Ge-
fecht getragen ist: # 425. Als durch Patro-
klos die Troer aus dem Schiffslager getrieben
worden sind, und Sarpedon von der Hand des
Patroklos gefallen ist, deckt Aineias neben
Glaukos den Rückzug und kommt dabei mit
Meriones in ein unentschiedenes Gefecht TI 608.
Im Kampfe um die Leiche des Patroklos for-
dert er, von Apollo — in des Heroldes Pe-
Aineias um die Leiche des Patroklos kämpfend,
von e. Vasenbilde b. Overbeck , Gail. T. 18, 3.
riphas Gestalt — ermutigt , den Hektor zum
Widerstand auf, bringt die Troer zum Stehen
und erlegt im Angriff den Griechen Leiokritos.
P 319 — 45; Hektor fordert ihn, als den tapfer-
sten Genossen, zur Erbeutung von Achills
Rossen auf P 484; hinter den mit Patroklos
Leiche zurückwei ebenden Griechen drängen
vor allen Aineias und Hektor an P 754. Beim
Wiedererscheinen Achills tritt zuerst Aineias
in den Kampf gegen diesen ein T 79, von
Apollo in des Lykaon Gestalt angetrieben,
da Achill nur der Sohn eine? geringeren Göt-
tin sei, Aineias von Zeus’ Tochter abstamme.
Nach wortreichen Reden werfen die Helden
auf einander die Speere, ohne sich zu verwun-
den, Achill dringt darauf mit dem Schwerte
an, Aineias schwingt einen Feldstein, wie ihn
zwei Männer nicht trugen; bevor es zur Ent-
scheidung kommt , entrückt Poseidon den
Aineias aus dem Schlachtgewühl und giebt
ihm die Weisung, erst nach dem Fall Achills
wieder unter den Vorkämpfern zu erscheinen.
(Wegen ihrer geschwätzigen Breite wird die
ganze Partie T 199 ff. den spätesten Bestand-
teilen der Ilias zugerechnet.) Poseidon sagt
dort ausdrücklich, dafs aufser Achill kei-
ner der Griechen Aineias töten könne T 339.
Demselben Gott legt der Dichter die künftige
Bestimmung des Aineias in den Mund, dafs
er nach Priamos Fürst der Troer werden und
das Geschlecht des Dardanos fortsetzen solle
T 307 f. vvv Sh Sy Aivsiao ßi'rj Tqcosggiv ava'gai
Ktxl nccCSoiv nutSsg, tot ksv fiszöntG&e ytveov-
zeu, womit zum Teil wörtlich die Weissagung
des 4. homerischen tlymnus v. 196 f. iiberein-
stimmt: Gol S’ egtcu cpilo g viog o<? r.v Tqco-
sgglv ävcc’gti % cd rtazSsg ncciSsGGL SuxfntSQeg
a-nysydovzaz. Daher wirft Achilles Tl80f. dem
Helden vor, dafs er solche Hoffnungen hege.
Aus N 460 folgerte man, dafs Priamos eben-
deswegen Aineia.s zurückgesetzt und sich dafür
dessen Groll zugezogen habe, obwohl die frü-
heren Bücher für diese Auffassung keinen An-
halt bieten. T 298 f. ist die Frömmigkeit des
Aineias gegen die Götter gerühmt, Achill er-
kennt aus seinem Verschwinden, dafs jener ein
Liebling der Unsterblichen sei T 347. — Aus
alledem ersieht man, dafs Aineias in der Ilias
— denn in der Odyssee wird seiner nicht ge-
dacht — zwar mehrfach als der bedeutendste
Held der Troer nach Hektor bezeichnet wird,
aber dafs der Dichter ihn doch nirgends eine
io That vollbringen läfst, die diesem Ansehen
voll entspräche. Die schwersten Gefahren über-
steht er nicht durch eigne Kraft, sondern er
wird aus ihnen durch unmittelbares Eingreifen
der Götter, der Aphrodite, des Apollo, des
Poseidon gerettet. In der Darstellung der Ilias
ist er bereits der unter besonderer göttlicher
Obhut stehende und zu Höherem bestimmte
Held, aber nach der Ilias und dem homerischen
Hymnus ist er der künftige Herrscher über die
20 Troer in ihrem Mutterlande. In dieser Weise
erklärte schon Strabo 13, 608 richtig Homers
Worte; mit der späteren Sage sucht Dionys,
v. Hol. 1. c. 53 die Worte in Einklang zu
bringen. Vorzüglich auf Homer beruht das
Bild des Aineias, welches Philostratus Her. 13
entwirft; daraus ist bemerkenswert: „die Achäer
nannten den Hektor die Hand, den Aineias
den Verstand der Troer und beirannten, dafs
Aineias’ Mäfsigung ihnen mehr Not mache,
30 als Hektors Kampfeswut.“
2) Der epische Kylrlos, die Sage'bei
Quintus Smyrnaeus, bei Dares und Dic-
tys, bis zum Ende der Kämpfe:
Die direkten Nachrichten aus dem Kyklos
sind sehr spärlich; gänzlich fehlen uns solche
über die Beteiligung des Aineias an den Kämpfen
vom Tode Hektors an bis zum Falle Trojas.
Nach den Kyprien bei ProJclos Chrest. I. 1.
{Kinkel, Ep. gr. fragm. 1 S. 17) befahl Aphro-
40 dite dem Aineias Paris auf der Fährt zur
Helena zu begleiten (ebenso bei Dictys 1, 3.
Dares c. 9. 38), nach den Kyprien gehört, wie
in der Ilias, der Überfall der Herden des Aineias
und seine Verfolgung durch Achilles in den
Anfang des Krieges, nach den Kyprien und der
kleinen Ilias des Lesclies hiefs seine Gemahlin
Eurydike {Paus. 10, 26, 1 so auch bei Ennius
nach Cic. de Die. 1, 20, 40), nach der Iliu
Persis des Arktinos (um 780 v. Chr.) stimmt
50 ein Teil der Troer dafür, das von den Griechen
zurückgelassene hölzerne Pferd ins Meer zu
stürzen oder zu verbrennen; gegen ihren Rat
wird es in die Stadt gezogen, das Volk über-
läfst sich den Freuden des Friedensfestes; da
ereignet sich das Wunder, dafs Laokoon und
einer seiner beiden Söhne durch zwei plötzlich
erscheinende Schlangen erwürgt werden; worauf
Aineias und die Seinen aus der Stadt nach dem Ida
abziehen. Kinkel, a. a. O. S. 49. Dies geschah dem- ■
co nach bei Arktinos vor der Zerstörung Troias,
und es könnte also nach der Iliu Persis Aineias
im Lande geblieben sein. (So Niebnhr P. G.
S. 102 f. Ausg. in 1 Bd. 1853.) Irrtümlich ist
die Angabe des Tzetzes zu Lykophr. Al. v. 1232
u. 1263, Lesches in der kleinen Ilias habe er-
zählt, dafs Andromache und Aineias als Kriegs-
gefangene dem Neoptolemos übergeben und
von ihm nach Pharsalia, der Heimat Achills,
!161 Aiueias b. d. Kyklikern etc.
jrbgeführt worden seien (Kinkel, Ep. gr. fragm.
3. 46 u. Lylcophr. Al. praef. 5). — Über das
Auftreten des Aineias in den Kämpfen vor Troja
rach Hektors Fall giebt Quintus Smyrnaeus
Ende des 3. Jhd. nach Chr.) die ausführlichste
\uskunft; einzelnes findet sich in den späten
Machwerken, die unter Dares' und Dictys' Na-
men gehen; manche dieser so erhaltenen Züge
gehen wohl mittelbar auf alte Überlieferung
zurück. Die Auffassung der homerischen Ge- io
sänge hat bis in diese späten Zeiten nachge-
wirkt. Aineias ist Vorkämpfer und Berater
der Troer; Kares c. 18 nennt ihn neben den
Söhnen des Priamos und neben Memnon als
Anführer der Troer (vgl. M 99); seine Fröm-
migkeit ist hervorgehoben Dict. 4, 17. 18; bei
der Landung der Griechen tötet er Protesilaos
Dict. 2, 11; nach Dares c. 21 deckt er den
von Menelaos und dem kleinen Aias verfolg-
ten Paris mit seinem Schild und führt ihn 20
nach Troja zurück , in einer andern Schlacht
erlegt er Amphimaclios und Nireus c. 21. Nach
dem Fall der Peuthesileia gehört er zu denen,
welche zum Frieden raten, Dares c. 37; Pria-
mos weist die Ratschläge zurück c. 38, worauf
Antenor sich mit Aineias und anderen zum
Verrat der Stadt verbündet c. 39 ff. — Bei
Quintus Sm. tritt Aineias zuerst auf unter den
Helden, die den Leichnam des Achill hinweg-
zuziehen suchen 3, 214; er kommt darüber mit 30
dem Telamonier Aias in einen Einzelkampf,
aus dem er verwundet nach Ilion zurückkehrt
3, 286. Der Mysier Eurypylos , Sohn des Te-
lephos, erkiest den Aineias unter andern zum
Vorkämpfer 6, 316; im Kampf betäubt Aineias
den Aias, des Oileus Sohn, durch Steinwurf
6, 520; sein Schild wird von Teukros durch -
stofsen, er selbst bleibt unverwundet, und er-
legt noch Pheres und Antimachos, Genossen
des Idomeneus (vgl. Dares c. 21). Nachdem 40
Neoptolemos zu den Griechen gestofsen, tötet
Aineias in der Schlacht, in welcher schliefs-
lich Eurypylos von Neoptolemos überwunden
wird, den Aristolochos durch Steinwurf 8, 93
und später den Damas aus Aulis v. 303. Als
auch Philoktet am Kampf teilnimmt, kämpfen
die Troer gegen den Rat des Polydamas, er-
mutigt durch Aineias, vor den Thoren 10, 26;
Aineias tötet mit der Lanze den Böotier Har-
palion und den Kreter Hyllos v. 74. 81; dar- 50
auf zwei Diener des Epeios: Deileon und Am-
phion v. 111. Nach dem Tode des Paris ist
wieder Aineias Vorkämpfer, er erschlägt die
Kreter Bremon und Andromachos, Apollo selbst
ermuntert in der Gestalt des Priesters Po-
lymestor ihn und Eurymachos, den Sohn des
Antenor, zu weiterem Kampf 11, 129 (vgl. T79ff.
P 319 ff'.). Beide Helden treiben darauf das
Heer der Griechen vor sich her 11, 165. 183.
Aineias durchbohrt mit der Lanze den Aitha- GO
lides v. 201; als aber Neoptolemos die Fliehen-
den zum Stehen bringt und den Kampf auf-
nimmt, hemmt Aineias zuerst die Flucht der
Seinen v. 235; Thetis, die sich vor Aphrodite
scheut, lenkt den Neoptolemos von Aineias ab
v. 240, und als die Gefahr wächst, entrückt
die göttliche Mutter ihren Sohn in einer Wolke,
aus Furcht vor Pallas, die den Argeiern bei-
Roscher, Lexikon der gr. u. reim. Mytbol.
Aineias b. Untergang Ilions 162
steht v. 289 (vgl. T 318 ff. , E 431 ff.). Nach-
dem die Troer in die. Stadt zurückgeworfen
sind, verteidigt Aineias das nach der Ebene
zu gelegene Thor gegen Odysseus und Eury-
pylos v. 355; als die Griechen unter einem
Schilddach gegen das Thor Vordringen, zer-
schmettert Aineias mit mächtigem Stein das
Schilddach und treibt durch seine Steinwürfe
die Griechen zurück 404 — 426 (es scheint Verg.
Aen. 2, 440 ff. 476 ff. nachgeahmt zu sein), den
Lokrer Alkimedon, den Gefährten des Aias,
stürzt er durch einen Steinwurf von der schon
erstiegenen Mauer hinab 11, 460; vor dem
sichertreffenden Geschofs des Philoktet schützt
Aphrodite ihren Sohn, dieser erlegt dafür mit
einem Steinwurf Toxaichmes, den Genossen
des Philoktet, v. 487, worauf letzterer höh-
nisch den Aineias zum Einzelkampf vor den
Mauern herausforciert v. 491. Als die Stadt
gefallen ist, und Aineias im Strafsenkampf
„noch viele Feinde“ getötet hat, flieht er zu-
letzt, an der Rettung Trojas verzweifelnd, den
Vater auf den Schultern, den Sohn an der
Hand 13 , 300 (Kreusa wird nicht erwähnt) ;
Aphrodite geht schützend voran. Vor den
Schritten des Fliehenden weichen die Flammen
zurück, und die Geschosse der Feinde fallen
kraftlos nieder 329. (Dieser Zug schon Verg.
Aen. 2, 632 f. Ovicl. M. 15, 801. 441. Fast. 4,
800; weitere Stellen bei Klausen, Aeneas und
die Penaten S. 161.) Über die Darstellung der
Kämpfe des Aineias auf Vasenbildern u. s. w.
vgl. unten Kap. 22. — Nach Hygin. Fab. 115
tötete Aineias achtundzwanzig namhafte Feinde;
in der Ilias sind nur sechs genannt , vgl.
M. Schmidt z. St. S. 101.
3) Aineias und die letzten Schick-
sale Troj as.
Den Abzug des Aineias aus der Stadt und
zwar, wie schon Arktinos erzählt hatte, noch
vor ihrer Eroberung berichtete auch Sophokles
(496—406 v. Chr.) im Laokoon nach Dionys v.
Halilc. 1,48: Aineias habe sich teils auf Anchises’
Befehl, und des Auftrages der Aphrodite einge-
denk, teils durch das kürzlich den Laokoontiden
widerfahrene Wunder, woraus er das nahe Ver-
derben der Stadt ahnte, bewogen zum Abzug
nach dem lda gerüstet. Aineias steht im Kreis
seiner Hausgenossen am Thor, den Vater auf
den Schultern, eine Menge Volkes schliefst
sich dem Abziehenden an, und zwar ist von
einer zu gründenden Kolonie der Phryger die
Rede. Auch sonst gab es Nachrichten, dafs
Aineias zur Zeit der Zerstörung nicht in Ilion
gewesen sei; Dion. 1, 48 sagt, nach den einen
habe er sich im Seehafen der Troer (etwa An-
tandros?), nach anderen auf einem Kriegszug
in Phrygien befunden.
Verbreiteter ist die Sage, dafs Aineias
aus der eroberten Stadt abzog; nach der
Tabula Iliaca folgte dieser Sage schon Stesi-
clioros von Himera in der Iliu Persis (c. 630 —
550 v. Chr.) , eine alte Münze von Aineia aus
der Mitte des 6. Jahrh. v. Chr. deutet auf die-
selbe Sage hin. Hellanikos von Mytilene, der
ältere Zeitgenosse des Herodot, erzählte in den
Tqioiy.cc ausführlich, Aineias habe in der ver-
hängnisvollen Nacht die Burg Trojas, wo sich
6
Aineias bleibt im Lande
Aineias b. Untergang Ilions
die Heiligtümer, die Schätze und der Kern des
Heeres befanden, tapfer verteidigt , habe dort
die Flüchtigen aufgenommen, dann aber das
wehrlose Volk nach dem Ida abziehen lassen,
Aineias mit Anchises und Askanios. Terracotta nach
Kekule, die antiken Terracotten , Bd. 1. Taf. 37
(s. S. 185. Z. 55).
die Burg habe er noch eine Zeit lang gegen
den stürmenden Neoptolemos gehalten, dann
sei er mit dem Kern des Heeres in Schlacht-
ordnung den anderen nachgezogen, auf einem
Doppelgespann seinen Vater, die heimischen
Götter (darunter das echte Palladion Dion. 1,
69), Weib (Kreusa, nach Dion. 3, 31) und
Kinder und alle wertvolle Habe mit sich füh-
rend. Unterwegs holt er die Vorausziehen-
den ein und besetzt nun die festen Plätze. des
Ida: Dion, 1, 46. 47. Bei Verg. Aen. 1. 2 wird
Aineias in der Nacht durch die Erscheinung
Hektors gewarnt und aufgefordert die Penaten
des Staates aus dem Untergang der Stadt zu
retten. Der Held beteiligt sich darauf zu-
nächst am Kampf in den Strafsen, hilft die
Königsburg verteidigen, erst nach dem Fall
derselben und nach dem Tod des Priamos läfst
er sich durch die Erscheinung seiner göttlichen
Mutter bestimmen in das eigene Haus zurück-
zukehren. Dort widersetzt sich Anchises hart-
näckig der Flucht, bis auch ihn .göttliche
Wunderzeichen eines Besseren belehren. Den
Vater, der die Götterbilder trägt, auf den
Schultern, den lulus an der Hand verläfst der
Held die Stadt, seinen Schritten folgt die Gat-
tin Kreusa. Vor den Thoren bemerkt er den
Verlust der Kreusa und eilt in die brennende
Stadt zurück. Dort erscheint ihm der Schatten
der Gesuchten und verkündet ihm ihren eige-
nen Untergang und sein künftiges Geschick.
Aineias zieht darauf, zu den Seinen zurück-
gekehrt, bei Anbruch des Morgens nach dem
Ida ab. Qaintus Smyrn. 13, 300 ff. folgt der
Tradition Vergils. Vgl. oben Kap. 2 am Ende.
Die Angabe des Macröbius Saturn. 5, 2,4: dafs
Vcrgil den Inhalt des 2. Buches wörtlich aus
Pisander entlehnt habe, hält man für einen
Irrtum und glaubt, Macröbius habe den alten
io Pisander von Kameiros (c. 640 v. Chr.) ver-
wechselt mit Pisander von Larenda aus der
Zeit des Alexander Severus oder mit einem
pseudonymen Dichter der alexandrinischen Zeit.
Sclvwegler r. G. 1. 297 f. Bcrnharcly gr. L.2 2
1. S. 316 f. Welcher ep. C. 1 (1835) p. 97 ff. —
Eine besondere Wendung dieser Sage erscheint
zuerst bei Xenophon de venat. 1, 15: Aineias
trug durch die Rettung der Götterbilder und
seines Vaters den Ruhm der Frömmigkeit da-
20 von, so dafs die Feinde ihm allein verstatteten,
das Seine zu behalten; ebenso setzt er bei
LyJcophron Al. v. 1263 ff. u. Schol. ( Kinkel ) der.
Rettung der Götterbilder und seines Vaters
Weib und Kinder und alle Habe nach. Auch
Varro im 2. Buch rer um lmman. nach schol.
Vcron. zu Aen. 2, 717 ed. Mai (vgl. Serv.
Verg. Aen. 2, 636) erzählte, Aineias habe sich
auf der Burg behauptet, bis er freien Abzug
erlangte, worauf er, alles andere verschmähend,
30 mit Anchises auf den Schultern auszog, dann
von den gerührten Griechen Erlaubnis erhielt,
die Penatenbilder , endlich seine ganze Habe
mitzunehmen; weiter ist dies ausgeschmückt
bei Diodor. frg. Uhr. 7, Aelian v. h. 3, 22 u.
b. Quintus Sm. 13, 344 ff. ; dort verbietet aus
diesem Grunde Kalchas den Achäern, auf den
fliehenden Aineias zu scliiefsen, und verkündet
ihnen, dafs der Held am Thymbris eine Stadt
gründen und über ein grofses Volk gebieten
40 solle, seine Nachkommen würden vom Aufgang
bis zum Untergang der Sonne herrschen, er
selbst einst unter die Himmlischen aufgenom-
men werden. — Über die Darstellung der Flucht
des Aineias auf Vasenbildern, Münzen u. s. w.
vgl. unten Kap. 22- — Die eigentümliche An-
gabe Varros {Schol. Veron. z. Verg. Aen. 2,
717), dafs Aineias zwei Söhne Ascanius und
Eurybates mit sich nahm, findet eine teilweise
Bestätigung durch das Schol. z. Lykophr. Al.
50 v. 1263, wo seine und der Kreusa Söhne Aska-
nios und Euryleon heifsen. Naevius erzählte
von Gattinnen des Anchises und Aeneas, die
verhüllten Hauptes, weinend die Stadt ver-
liefsen. Serv. Verg. Aen. 3, 10. — Nach Paus.
7, 19, 7 liefs Aineias eine heilige Cista mit
dem Bild des Dionysos in Troja zurück, weil
er wufste, dafs sie den Findern Unheil bringen
würde. Vgl. die Sage von Eurypylos, Sohn
des Euaimon (unter Aisymnetes).
GO 4) Aineias bleibt im Lande. Troisch-
plirygische Lokalsage.
Der Abzug des Aineias nach dem Ida fand
sich bei Arktinos, Hellanikos, Sophokles, Vcr-
gil; nur bei Stesichoros scheint er (s. die
Darstellung der Tabula Iliaca) gleich die
Schiffe bestiegen zu haben. Dafs Aineias in)
Lande blieb, war vielleicht schon die Auffas
sung der Iliu Persis des Arktinos (vgl. ober
:
65
Aineias wandert aus
Aineias in Thrakien etc.
166
ap. 2) ferner die des Logographen AJcusilaos
us Argos (c. 510 v. Chr.) nach Schol. T307:
phrodite stiftete den troianischen Krieg nur
i dem Zweck an , um die Herrschaft an das
aus des Aineias zu bringen. Das Vorhanden-
en der Sage, dafs Aineias als Herrscher im
ande geblieben sei, bezeugt Dion. 1, 53 (vgl.
'zetzes z. Lykophr. Al. 070); nach einem Ana-
ikrates im 2. Buch seiner ’JgyoXLiux (Schol.
renet. z. Eur. Androm. 224) blieb er nach
rojas Fall mit Anchises in Dardanos; Abas,
Erfasser von Troica (vgl . Servi-us Verg. Aen. 9,
64) erzählte , dafs Aineias nach Abzug der
Liechen den von Antenor vertriebenen Astya-
ax wieder in Arisba eingesetzt habe. Nach
Dion. 1, 53 behaupteten einige, Aineias, der
V phrodite Sohn , sei mit seinen Troern gar
licht nach Italien gekommen, sondern es sei
lies ein anderer Aineias oder Askanios, des
Vineias Sohu, gewesen, während wieder andere
agten , Aineias habe zwar sein Heer nach
talien geführt, er sei aber von dort nach Troja
urückgekehrt, habe dort als König geherrscht
ind seinem Sohne Askanios die Herrschaft
unterlassen. Das Grab des Helden wurde in
ler phrygischen Stadt Berecynthia gezeigt.
Fest. p. 269 Romain. Demetrios von Skepsis ,
in Schüler Aristarchs, (vgl. Strabo 13,607) hielt
eine Vaterstadt Skepsis für den Königssitz
les Aineias, wo die Nachkommen des Äska-
iios und des Hektoriden Skamandrios noch
ange das Königtum besessen und sogar unter
lemokratischer Verfassung den Königstitel und
iesondere Ehrenrechte behalten hätten. Alm-
iches fand sich schon in den Troika des 1 lel-
anikos (bei Dion. 1, 47) : Aineias sendet vor
leinem Aufbruch aus der Heimat den Askanios
ils König zu den Daskyliten an der Propontis ;
lieser kehrt aber bald mit Skamandrios und
len übrigen von Neoptolemos aus Griechen-
and entlassenen Hektoriden in das heimat-
iche Reich nach Troja zurück (vgl. Konon,
Narr. 41); nach Stephanus Byz. führten die
-roischen Städte Askania und Arisbe auf Aska-
lios ihre Gründung zurück, Gentinos auf einen
ler Söhne des Aineias. Wir haben es also
der mit einer am lda einheimischen, bereits
n der Ilias angedeuteten, sodann aus d6m 6.
md 5. Jahrh. v. Chr. gut bezeugten Sage zu
hun.
In der Anschauung, dafs nach dem Priamos
lie Herrschaft des Landes an Aineias über-
jegangen sei, dafs dieser überhaupt ein ge-
ährlicher Nebenbuhler der Königsfamilie ge-
vesen (vgl. Ilias T 180. N 460), ist die Wen-
lung der Sage begründet, die nach Dionys. 1,
18 Menekrates von Xanthos vertrat, Aineias
iahe, weil er durch Paris von den Ehren-
imtern ausgeschlossen worden, den Priamos
jestürzt und die Stadt an die Achäer verraten,
lie ihm für diesen Dienst die Rettung seiner
?amilie erlaubten und ihn überhaupt zu einem
ler Ihrigen machten. Dieser Zug findet sich
luch bei Dictys unter anderer Motivierung des
Verrates, vgl. 4, 17. 22. 5, 12, und bei Dares
J. 37—40.
5) Aineias wandert aus.
Die älteste Quelle für die Auswanderung
des Aineias ist die Ilm Persis des sicilischen
Dichters Stesichoros von Himera (c. 630 — 550)
nach der Angabe der Tabula Iliaca; auf ihr
ist dargestellt , wie Aineias beim Sigeion den
kleinen Askanios an der Hand, den Trompeter
Misenos hinter sich, Anchises mit der Adicula
der Götterbilder voraus , das harrende Schiff
besteigt, beigeschrieben sind die Worte: „Aineia.s
mit den Seiuigen, wie er nach Hesperien ab-
i fährt.“ Unter Hesperien versteht man Italien.
Eine ähnliche Überlieferung hat Hellanikos,
der angebliche Verfasser der Chronik der ar-
givischen Priesterinnen, und sein Schüler Da-
mastes von Sigeion , beide Zeitgenossen des
Herodot (vgl. Dion. 1, 72): „Aineias sei aus
dem Gebiet der Molosser gemeinsam mit Odys-
seus nach Italien gekommen , habe dort die
Stadt Rom gegründet und sie nach dem Namen
der Rome, einer der llierinnen, genannt, wel-
i che der Irrfahrten überdrüssig ihre Genossinnen
aufgefordert habe , die Schiffe in Brand zu
stecken.“ Nach dem Dichter Simmias (um
300 v. Chr.) hatte Aineias wie Helenos den
Neoptolemos als Gefangener nach Epirus be-
gleitet (vgl. Schol. z. Eurip. Androm. 14).
Auch Sophokles wufste nach Strabo 13, 608
um die freie Auswanderung des Aineias. In
seinen Antenoriden (nach Nauck fr. Ir. Gr.
133 ff.) verliefs der Held mit Anchises, Askanios
i und vielem Volke zu Schiff sein Vaterland;
wohin er ging, ist nicht gesagt; nach dem
Vorausgehenden aber läfst der Dichter den Ante-
nor und seine Söhne erst nach Thrakien, dann
nach dem Veneterland an der Hadria auswan-
dern. Möglich also, dafs schon Sophokles von
Aineias’ Fahrt ins Westland gewufst hat. Fast
denselben Weg, wie Antenor bei Sophokles,
zieht Aineias bei Dictys. Aineias bleibt nach
dem Heimzug der Griechen in Troas; als er
i das Volk auffordert, den Antenor aus dem
Reich zu treiben, hindert ihn dieser an der
Rückkehr nach Troja. Gezwungen wandert
Aineias mit seinem Erbe aus, kommt ins Adri-
atische Meer und gründet Corcyra Melaena
5, 17. Bei Dares mufs Aineias auf Befehl des
erzürnten Agamemnon die Stadt verlassen, weil
er Polyxena, die sich während der Zerstörung
Ilions zu ihm geflüchtet hatte, verborgen ge-
halten hat; er segelt mit 22 Schiffen und einer
i Mannschaft von 3400 Köpfen ab c. 43. 44. —
Im Laufe der Zeiten bildete sich eine förmliche
Wan der sage des Aineias aus; die wichtig-
sten Quellen für dieselbe sind Dionysios von
Halikarnassos im 1. Buch der 'Paficanr; ’Aq%cuo-
loytu und Vergil in der Aeueis. Vgl. iS. Wörner,
die Sage von den Wanderungen des Aeneas bei
Dionys von H. und. Vergil Progr. Lpz. 1882.
6) Aineias auf der Wanderung: In
Thrakien, Makedonien, auf Samothrake.
Für Samothrake und Ainos an der gegen-
überliegenden thrakischen Küste berichtete die
Sage von einem vorübergehenden Aufenthalt
des Helden, für die Halbinsel Chalkidike und
für Aineia von bleibender Ansiedelung. Nach
Atticus (Schol. Veron. z. Verg. Aen. 2, 717)
brachte Aineias die Bilder der Penaten aus Sa-
mothrake, vgl. Serv. Verg. Aen. 7, 207. 8, 679.
3, 12. 264. Auf Samothrake wurden die Dios-
6*
167
Aineias in Delos u. Kreta
Aineias in Kythera etc.
168
kuren identifiziert mit den Kabiren oder grofsen
Göttern, und auch mit der Verbreitung des
Kabirenkultus scheint Aineias schon in früher
Zeit zusammengebracht worden zu sein. Pli-
nius n. h. 35, 10, 71. In Samothrake wurde
ein von Aineias geweihter Schild in einem
Tempel gezeigt. Sero. Verg. Aen. 3. 287. Saon,
der erste Salier , sollte mit ihm aus Samo-
thrake nach Latium gekommen sein. Fest.
p.329 {Mull.). — Verg. 3, 6. 1, 381 läfst Aineias
im Sommer nach Troias Pall mit 20 Schiffen
von Antandros aufbrechen, er nimmt mit sich
Ancliises, Ascanius, die Penaten und grofsen
Götter seiner Heimat 3, 12, landet an der tbra-
kischen Küste, gründet dort, eine nach ihm be-
nannte Stadt (Aeneadae), aber durch die Stimme
des dort ermordeten Polydor gewarnt verläfst
er bald wieder das Land. Vergil hat an Ainos
gedacht, wo des Polydor Grabhügel gezeigt
wurde. Plin. n. h. 4, 11, 43. Mcla 2, 2, 8. Sem.
Verg. Aen. 3, 1. Aurel. Vict. de orig. g. r. 9,
4. — Hellanikos in den Troika {Dion. 1, 47.
48) erzählte: Aineias erhält von den Griechen
durch Vertrag freien Abzug aus dem Ida, er
nimmt seinen Vater, seine Kinder aufser Aska-
nios und die Götterbilder mit sich, rüstet eine
Flotte und fährt mit dem Rest der Troer nach
Palle ne. Die Auswanderer bleiben dort wäh-
rend des Winters, bauen auf einem Vorgebirge
einen Aphroditetempel und gründen die Stadt
Aineia am thermäischen Busen. Dion. 1. 49.
50; vgl. Konon Narr. 46. Eine Münze von
Aineia, die der Mitte des 6. Jahrh. v. Chr.
angehört, bestätigt dies
als eine einheimische
Überlieferung; vgl. C.
Robert, Arch. Ztg. 1879.
S.23. Friedländer, Mo-
natsber. d. Perl. Ak. 1878.
S. 759 ff. In Aineia soll
Aineias, Anchises aber
am Berge Kalauros in
dortiger Gegend gestor-
ben sein Dion. 1, 49.
Schol. z. II. N. 459 ( Din -
dorf) Steph. Byz. s. v. Aivsi.ce. Über den Kul-
tus des Helden in Aineia vgl. Liv. 40, 4, 9. —
Wenn Strabo 13, 608 angiebt, dafs sich Aineias
nach gewissen Nachrichten in der Gegend des
makedonischen Olymp os angesiedelt habe,
so läfst sich dies dahin erklären, dafs die Sage
sich von Pallene aus nach Süden bis zum Olymp
verbreitet hatte. Aineias als Kriegsgefangener
in Thessalien und zwar in pharsalis ehern
Gebiet nach dem Dichter Simrnias: Schol. Für.
Andr. 14.
7) Aineias in Delos und Kreta.
Inbetreff der Fahrt zum König Anios stimmen
Dion. 1, 50 u. Verg. 3. B. überein; es soll nach
Dionys dort viele Anzeichen der Anwesenheit
des Aineias und der Troer gegeben haben, Dion.
1, 59 erwähnt die Angabe griechischer Mytho-
graphen, dafs Launa (= Lavinia) eine Tochter
des Anios gewesen sei, dem Aineias als Bera-
terin und Prophetin mitgegeben. Servius z. Verg.
Aen. 3, 80 weifs von einem vertrauten Um-
gang des Helden mit einer Tochter des Anios,
die von ihm einen Sohn gebar, vgl. Aur. Vict.
c. 9. Bei Vergil ist Anius zugleich Priester
des Apollo; der Gott giebt dem fragenden
Aineias die Weisung, die Troer sollten ihr ur-
sprüngliches Mutterland aufsuchen. Anchises
0
bezieht das Orakel auf Kreta. Daher geht die
’
Fahrt dorthin weiter. Aineias gründet auf Kreta
die Stadt Pergamum (vgl. Plin. n. li. 4, 59),
aber Pest und Hungersnot treiben die Aus-
wanderer von dort weg; im Traum verkünden
io die Penaten dem Aineias, dafs das Orakel auf
das Westland Oenotria oder ltalia zu beziehen
sei, aus dem einst der Ahnherr der Troer Dar-
danus auswanderte. Nur wenige Ansiedler
bleiben in Pergamum zurück. Nach Serv. Verg.
Aen. 3, 133 gab es über diese Stadt eine drei-
fache Überlieferung: erstens, die Stadt sei von
Aineias, der durch einen Sturm dorthin ver-
schlagen worden, so benannt; zweitens, die
Münze v. Aineia (s. S. 185
Z. 33).
20 Troern, die durch ein Unwetter von der heim-
kehrenden Flotte des Agamemnon getrennt und
dorthin verschlagen worden seien; drittens, in
Pergamum selbst glaubte die Bevölkerung,
Aineias, der Ahnherr der Stadt, sei, als Ilion noch
stand, dorthin zu einem Heiligtum des Apollo
gekommen und habe mit der Tochter seines
Gastfreundes Umgang gehabt; sie gebar einen
Sohn, der des Vaters Namen erhielt; dieser
griff die heimkehrende Flotte des Agamemnon
30 an; mit ihm verbanden sich die Troer, welche
durch das Unwetter von der Flotte des Aga-
memnon getrennt nach Kreta sich gerettet
hatten, und er, der zweite Aineias, gründete die
Stadt und gab ihr den Namen. Diese kretische
Sage hat Vergil offenbar für seine Zwecke frei
benutzt.
8) Aineias auf Kythera, inLalconien,
Arkadien, (Argos). Dion. 1, 50:
Von Delos kommt Aineias nach Kythera, wo
40 er einen Aphroditetempel erbaut. Nach der
Abfahrt starb Kinaithon, der Genosse des Ai-
neias, der auf dem benachbarten Vorgebirge
Kinaithion (am messenischen Meerbusen auf
lakonischem Gebiet Strabo 8, 360) bestattet
wurde; hier erneuerten die Troer mit den Ar-
kadern den Bund der Verwandtschaft und
liefsen einige Leute zurück. Dionys ist hier
nicht vollständig; denn nach Paus. 8, 12, 8
gründete der Held an der Kythera gegeniiber-
50 liegenden Küste Lakoniens die Städte Apliro-
disias und Etis; letztere Stadt sollte nach des
Aineias Tochter Etias genannt sein, Paus. 3, 22,
1 1 ; in Arkadien gab es eine einheimische Sage
von längerem Aufenthalt oder von bleibender
Ansiedelung des Helden. Nach den Agnadn ia
des Ariaithos aus Tegea liefs sich Aineias im
arkadischen Orchomenos, und zwar in der so-
genannten Nesos nieder. Die Stadt Kunvcei
(vgl. Strab. 8, 388) sollte dort Pflanzstadt des
,60 Aineias und der Troer sein, nachKapys genannt:
Dion. 1, 49. Ähnliches findet sich bei Strabo
13, 608; Dionys und Strabo werden ergänzt
durch Paus. 8, i.2, 8; darnach bestattete Aineias
an der nach Orchomenos führenden Strafse
den dort verstorbenen Anchises am Fufs des
Berges Ancliisia; in der Nähe lag ein Aphro-
ditetempel. Der arkadische Dichter Agathyllos
wufste von zwei Töchtern, die Aineias mit Ko
lii
II i
lii
4
69
Aineias auf Zakynth etc.
Ione und Anthemone gezeugt und in der ar-
adischen Nesos zurückgelassen hatte. Dion.
49. Der Sammelpunkt der Sage in Arkadien
ar die Gegend zwischen Orchomenos und der
andelsstadt Mantineia. Die Sage auf Ky thera
iängt wohl zusammen mit dem dortigen ural-
m Kultus der phönizischen Aphrodite. Aineias
erdrängte vielleicht dort einen älteren semi-
i.schen Heros. Durch uralte Handelsverbin-
! ungen der Küste mit dem Binnenlande wurde 1
ie Sage wohl in die Nähe Mantineias getragen.
rcrgil hat von diesen Sagen nichts aufgenom-
ien, dafs er die arkadische Sage kannte, be-
weist Aen. 5, 298 f. Den hier genannten Arka-
er Salius sollte Aineias aus Mantineia nach
talien gebracht haben, damit er die Jünglinge
len Waffentanz lehre. Fest. p. 329 (Müll.) u.
ialios u. Serv. Verg. Aen. 8, 285. (Ob es auch
n Argos eine Sage von Aineias gab, wissen wir
licht, aber es stand dort auf dem Marktplatz 2
| ;eine Erzstatue. Daus. 2, 21. 2).
9) Aineias auf Zakynth, Leukas, in
Vktion, in Ambrakia.
Auf der Weiterfahrt werden die Troer zu-
lächst in Zakynth wegen ihrer Stammverwandt-
schaft freundlich aufgenommen, die stürmische
lee zwingt sie dort zu überwintern. Die von
hnen bei dem neu errichteten Aphroditeteih-
iel gestifteten Festspiele bestanden besonders
n einem Wettlauf der Jünglinge; sie waren 3
loch zur Zeit des Dionys in Übung. Dem Ai-
aeias und der Aphrodite waren dort Holzbilder
errichtet. Von dort ging es nach Leukas, wo
auf der kleinen Insel zwischen dem Kanal und
der Stadt der Tempel der ’AcpQodhri Alvnag
gestiftet wurde. (Münzen von Leukas tragen
vorn das Bild des Aineias, auf dem Revers zwei
Dioskurenmützen, vgl. Kap. (1). Dann fuhr Aineias
weiter nach Aktion; vom Vorgebirge des ambra-
lrischen Golfes gelangt er nach der Stadt Am- i
brakia; in Aktion bekundet ein Tempel der
’AcpQo8ür\ Atvuug und nahe dabei ein Tempel der
grofsen Götter, in Ambrakia ein Aphroditetem-
pel und ein Heroon des Aineias die Anwesen-
heit der Troer. In dem Heroon mit dem alter-
tümlichen Schnitzbild des Helden versahen
Priesterinnen den Dienst. Vergil hat auch hier
die ausführliche Sage für seine Zwecke ver-
kürzt, er übergeht den Aufenthalt auf Za-
kynth, Leukas und in Ambrakia; die drei 5'
Tage und Nächte lang seit dem Aufbruch von
Kreta von einem Seesturm verfolgte Flotte lädst
er an den Strophaden, dem Wohnsitz der Har-
pyien, landen. Von diesen Unholdinnen wer-
den die Troer bei der Mahlzeit gestört; als sie
sich zuletzt mit den Waffen verteidigen, weis-
sagt ihnen Celaeno, dafs sie in Italien nicht
eher die verheifsene Stadt mit Mauern um-
geben würden, bis sie der Hunger gezwungen
die eigenen Tische zu verzehren (3, 253 ff), e
Dieses Strophadenabenteuer scheint Erfindung
Vcrgils zu sein. Die Flotte erreicht sodann
das Gestade von Actium, im Tempel des Apollo
hängt Aineias den Schild des Abas (s. d.) als
Weihgeschenk auf, bei dem Tempel veranstal-
ten die Troer gymnische Spiele. (Letzteres mit
Rücksicht auf die von Augustus gestifteten
ludi Actiaci). Das Jahr geht zu Ende.
Aineias in Unteritalien 170
10) Aineias in Epirus und dem Be-
reich des adriatischen Meeres.
Dion. 1. c. 51: Von Ambrakia fährt An-
chises längs der Küste nach Buthrotos. Dort
hiefs der Ort des Schiffslagers noch in späte-
rer Zeit Troja (bestätigt durch Varro b. Ser-
vius V. A. 3, 349). Aineias begiebt sich mit
auserlesener Mannschaft zu Lande nach Do-
dona, um das Orakel zu befragen. (Nach Varro
b. Serv. V. A. 3, 256 erhielt er dort das Ora-
kel von dem Verzehren der Tische, nach Dio-
nys. 1 , 55 schon in der Heimat von der ery-
thräischen Sibylle.) Dort trifft er Troer unter
Ilelenos an, eherne Mischkessel mit altertüm-
lichen Inschriften wurden dort als Weihge-
schenke des Helden gezeigt. Von Dodona
kehren sie zum Schiffslager zurück , darauf
geht die Fahrt längs der Küste nach Anches-
mos oder Onchesmos, ursprünglich = Anchises-
hafen. (Dort sollte nach der Sage der Ein-
wohner Anchises verschwunden sein. Prolcop.
Goth. 4, 22.) Hierauf folgt die Fahrt über
das Ionische Meer, und zwar sind Akarnanen
die Führer der Flotte, welche zugleich Patron
von Thurion und seine Genossen zur Teilnahme
an der Fahrt bewegen. — Vergil hat den Zug
nach Dodona übergangen; von Actium läfst
er die Schiffe gleich bis zum Hafenplatz von
Buthrotum gelangen, dorthin verlegt er das
Zusammentreffen des Aineias mit Helenus und
dessen Gemahlin Andromaclie. Diese, Herren
des Landes, welches ihnen Neoptolemus hin-
terlassen hatte, haben am Bache Xanthus eine
kleine Stadt Troja gegründet, 3, 349. Helenus
unterstützt seinen Landsmann mit Rat und
Weissagung über die weitere Fahrt und die
künftige Ansiedelung ; die Stelle der Überfährt
ist bei Vergil dieselbe wie bei Dionys; den
Akarnanier Patron kennt auch Verg. 5 , 298.
Nach Diktys 5, 17 besiedelte Aineias imAdria-
tisclien Meer die Insel Corcyra Mel aen a,
auf der sich erst um 580 Griechen niederge-
lassen haben sollen. Vgl. oben Kap. 5.
11) Aineias in Unteritalien.
Dion. c. 51. Die meisten Schiffe landeten
am iapygischen Vorgebirge, die übrigen mit
Aineias am sogenannten ’A&yveaov (castrum
Minervae), einem Vorgebirge mit einer Sommer-
reede, seitdem Aphroditehafen genannt. Hierauf
fuhr man durch den tarentinischen Golf bis zur
Meerenge, im Tempel der Hera (Iuno Lacinia)
wurde eine Filiale mit des Aineias Namen ge-
zeigt. Verg. 3 , 506 ff. läfst im ganzen über-
einstimmend die Flotte in den Hafen von
castrum Minervae einlaufen , wo den Troern
Pferde, Anzeichen des Krieges, am Gestade
erscheinen; sie bringen am Gestade der Mi-
nerva und Iuno Opfer, die übrige Fahrt bis
zur Meerenge wie bei Dionys. Andere Quellen
lassen auf längere Anwesenheit des Helden
im südlichen Italien schliefsen. Wahrschein-
lich war es einheimische Sage, im Apbrodite-
hafen sei Anchises gestorben und bestattet
worden. Denn nach Varro bei Servius V. A.
4, 427 hatte Diomedes die Gebeine des Anchi-
ses ausgegraben und mit sich umhergeführt,
aber später, durch Unheil gezwungen, gab er
sie samt dem Palladium dem Aineias heraus.
171 Aineias in Sicilien
Wie Bionys. 12, 22 erzählt, begegnete dort
(in Calabrien) Diomedes dem opfernden Aineias
und wurde dadurch Veranlassung, dafs dieser
sich verhüllte und damit einen von den Nach-
kommen bewahrten Opferbrauch schuf. Vgl.
Verg. 3, 545 u. Servius z. St.; so hatte erzählt
Varro nach Servius zu V. A. 2, 166 (3, 407).
Die Stadt Siris am tarentinischen Golf in Lu-
canien nannte sich eine troische Gründung
und suchte dies durch Vorzeigen des troischen
Palladiums zu erhärten, Strabo 6, 264; nach
Aristoteles mir ah. ausc. ff 79 wurde Diomedes
von Aineias, der König des Landes geworden
war, meuchlings ermordet. Es scheint dem-
nach, dafs in Calabrien und Lucanien die Sage
eine Zeit lang heimisch gewesen, später aber
erloschen ist. Vergil hat die' Beziehungen
zwischen Aineias und Diomedes 11, 243 — 295
(vgl. 8, 9 ff.) als freundliche dargestellt.
12) Aineias in Sicilien.
Dion. 1 , 52. In Sicilien landet Aineias
bei Drepana und trifft mit Troern zusammen,
die unter Elymos und Aigestos (s. d.) vor ihm
aus Troja geflüchtet waren. Nachdem er ihnen
die Städte • Etyma und Aigesta erbaut hat,
läfst er einen Teil seiner Mannschaft zurück,
nach Dion, die der Seefahrt Müden, nach an-
deren die Mannschaft der Schiffe, welche durch
troische Frauen verbrannt worden waren. (Dies
Ereignis verlegten Hellanilcos, Damastes v. Si-
geion und Aristoteles nach Dion. 1, 72 an die
Küste von Latium). Denkmale der Anwesen-
heit des Aineias sind dort der Altar der Aphro-
dite Alvsiccg auf dem Elymoshügel und ein
Tempel des Aineias in Aigesta, ersterer vom
Helden selbst, letzterer von den zurückgelas-
senen Troern errichtet. Die Gründung Segestas
durch Aineias kennt auch Cicero Verr. Act. 2,
4, 72; Strabo 13, 608 berichtet: Aineias sei
mit dem Troer Elymos nach Aigesta gekom-
men , habe den Eryx und Lilybäum in Besitz
genommen und die Flüsse um Aegesta Ska-
mandros und Simois genannt. — Bei Verg. 3,
554 ff. landen die Troer zuerst am Fufs des
Ätna, nehmen den zurückgelassenen Gefährten
des Ulixes, den Achämenicles, dort auf und flie-
hen vor den Cyklopen auf die hohe See. Die
Südküste der Insel umfahrend gelangen sie
nach Drepanum, wo Anchises stirbt (3, 710).
Die Besiedelung Siciliens erwähnt Vergil beim
zweiten Aufenthalt des Helden zu Drepanum
5, 35 ff. Acestes und Elymus (5, 73. 300 f.)
nehmen ihn auf, er feiert dort zu Ehren sei-
nes verstorbenen Vaters Leichenspiele (unter
diesen auch das trojanische Spiel). Während
der Spiele stecken die der Seefahrt überdrüssi-
gen Frauen die Schiffe in Brand; der Priester
der Minerva, Nautes, giebt zuerst den Kat, die
Frauen, Greise und Schwächlinge bei Acestes
zurückzulassen und eine Stadt Acesta zu grün-
den; darin bestärkt den Sohn die Traumer-
scheinung des Vaters. Aineias gründet Acesta,
stiftet der Venus Idalia auf dem Gipfel des
Eryx einen Tempel, setzt für den Grabhügel
des Anchises einen Priester ein und legt um
das Grabmal einen heiligen Hain an. (Vgl.
Dygin. Fab. 260. Serv. V. A. 1, 570.) Das
Vorhandensein der sicilischen Sage ist durch
Aineias in Karthago 172
Thukydides 6 , 2 bezeugt , der seine Anga-
ben aus Antiochos v. Syralcus geschöpft hat.
Da Stesichoros von Himer a unseres Wissens
zuerst von Aineias’ Fahrt ins Westland gesun-
gen hat, so ist die Sage wohl Ende des 7. oder
Anfang des 6. Jahrhunderts auf Sicilien heimisch
geworden. Vielleicht verdrängten Aineias und
Anchises am Eryx ältere Heroengestalten.
13) Aineias in Karthago.
Dionys schweigt gänzlich von dieser Sage.
Vergil hat sie im 1. und 4. Buch mit Vorliebe
ausgeführt; vor ihm fand sie sich schon bei
Naevius und Varro. Das Abenteuer in Kar-
thago verlegt Vergil zwischen den ersten und
zweiten Aufenthalt zu Drepanum. Die bereits ;
durch das tyrrhenische Meer segelnde Flotte
läfst Tuno durch einen Sturm zurück an die Küste
Afrikas treiben. Dido (s. d.), die Königin des |S
Landes, nimmt die Schutzsuchenden in Kar-
thago freundlich auf und fafst auf Veranstal-
tung der Venus eine heftige Leidenschaft zu
Aineias (1. 1) ; von ihrer Schwester Anna darin
bestärkt ergiebt sie sich dem Helden auf einer j
Jagd in einer Grotte des Waldgebirges (vgl.
Selene und Endymion); Iuno hatte mit Venus !
verabredet, dafs Aineias die Dido zum Ehege- U
mahl nehme und beide Völker vereinige. Das
Gerücht verbreitet die Verbindung in den Städ-
ten Libyens. Iarbas, einer der verschmähten ;
fürstlichen Werber, fleht zu seinem Vater Iup-
piter, dafs der Bund wieder aufgelöst werde.
Iuppiter befiehlt durch Mercur dem Aineias, der ;
unter Didos Einflufs verweichlicht, Karthago
zu verlassen; dieser gehorcht, im Sclimerz über
sein Scheiden stürzt sich Dido in das von
Aineias zurückgelassene Schwert, nachdem sie
den Holzstofs bestiegen (1. 4). Nach Macrob.
5, 2, 4 (vgl. Servius Verg. Aen. 1, 198) ist der |
Anfang der Aeneis dem Naevius nachgedichtet;
Naevius hat die Sage nicht erfunden, er fand
sie vor und gestaltete sie für seine Zwecke |:
um. Die übliche Version der Sage giebt Justin.
18, 6: der König Iarbas verlangt von zehn
Häuptlingen der Karthager unter Androhung ■
eines Krieges die Elissa (= Dido) zur Gemah- |;
lin ; durch eine List wissen diese die schein- I
bare Einwilligung der Königin zu erlangen.
Aber nach der Bedenkzeit von drei Monaten
besteigt sie selbst den Holzstofs, den sie an- ;
geblich den Manen ihres ersten Gemahls Acer- H
bas errichtet hatte, und giebt sich mit dem
Schwerte den Tod. Dafs Vergil diese Sage
gekannt hat, ergiebt die Fassung seiner Er-
zählung; er hat sie aber wahrscheinlich nach
dem Vorgang des Naevius mit einer andern
Sage kontaminiert. Denn nach Varro bei Ser-
vius Verg. Aen. 4, 682. 5, 4 hat Anna (s. d.) den
Aineias geliebt und sich im Schmerz über
seine Untreue den Tod gegeben. Vielleicht war
die karthagische Sage ursprünglich so gestal-
tet: Die freundliche und gefällige Anna liebt
den Aineias und ergiebt sich ihm gemäfs ihrer
Natur und als Vorbild der Töchter des Lan-
des , die im Dienst der Astarte (s. d. und
Adonis S. 69 u. 75) das Gleiche zu thun hatten.
Die heitere Göttin liefs wohl in der ur- ;
spriinglichen Fassung der Sage den unsteten
Aphroditesohn ruhig weiter ziehen. Ihr Selbst-
10
20
30
40
50
60
173
Aineias am Tiber
174
Aineias in Campanien
mord ist aus der Didosage herübergenom-
men. Naevius bat den Aineias statt mit der
politiscli unbedeutenden Anna mit der Städte-
griinderin Dido zusammengebracht, um dadurch
dem Hals der Karthager gegen die Römer ei-
nen grofsen Hintergrund zu geben; darin ist
ihm Vergil gefolgt. Nachdem sich einmal die
Sage von Aineias in der W estecke Siciliens fest-
gesetzt hatte, ist sie bei dem engen Verkehr
zwischen beiden Küsten auch nach Karthago
hinübergetragen worden; diese Übertragung
wurde erleichtert durch die nahe Verwandt-
schaft des Kultus der erycinischen Aphrodite
und der karthagischen Astarte. Vgl. E. War-
ner, die Sage von den Wanderungen des Aeneas
etc. S. 18 f. E. Oberhummer , Phoenizier in
Akarnanien, Münch. 1882. S. 56. Jedenfalls
war die punische Sage älter als Naevius.
14) Aineias an der italischen Küste
des tyrrhenischen Meeres (bes. in Cam-
panien).
Dion. 1, 53. Von Drepana geht die Fahrt
nach dem Palinurushafen in Lucanien, der
nach dem dort umgekommenen Steuermann
Palinurus genannt ist, dann nach der Insel
Leukosia bei Paestum, genannt nach der
verstorbenen Nichte des Aineias, von da zum
Misenosliafen im Land der Opiker, nach
einem edlen Trojaner genannt. Der nahen In-
sel Pr ochyta gab man den Namen von einer
dort verstorbenen Verwandten, dem Vorge-
birge Caieta in Latium (Kcar\Tr\) von der
Amme des Helden. Darauf gelangen sie nach
Laurentum. Verg. 5, 762 ff. u. 6B. (Anfang) hat
gleichfalls den Unfall des Palinurus (vgl.
auch 6, 337—83), darauf läfst er die Schiffe
an der Küste von Kumä landen. Aineias be-
giebt sich zum Tempel des Apollo und zu der
mit diesem verbundenen Grotte der Sibylle,
beide gelegen im Hain der Hekate (6 , 13). ■
Die Sibylle Deiphobe, des Glaucus Tochter,
weissagt ihm schwere Kämpfe in Latium, und
als Ursache dieser Kämpfe bezeichnet sie die
, fremde Braut. Auf des Helden Bitte, ihn zu
Anchises in die Unterwelt zu führen, giebt sie
ihm die Weisung, aus dem nahen Hain den
goldnen Zweig zu holen, der den Eingang zur
Unterwelt öffnet, zuvor aber den Gefährten zu
bestatten, den er tot bei den Schiften finden
werde. Nach d^r Rückkehr erfährt Aineias den
Tod des Misenus, Sohnes des Troers Aeolus (s. d.),
der am besten verstand mit der Trompete die
Männer zum Kampf zu rufen. Triton, der zum
Wettkampf heraus geforderte Seegott, hatte
ihn am Strande ertränkt. Für den Scheiterhau-
fen holen die Troer aus dem nahen Walde
Stämme, dabei fliegen zwei Tauben, die heili-
gen Vögel der Venus, vor Aineias auf und ge-
leiten ihn zu dem goldnen Zweig. Diesen
trägt er zur Sibylle , während die andern den i
Misenus am Fufs des nach ihm benannten Ber-
ges bestatten. Am Averner See liegt eine
Höhle, der Eingang zur Unterwelt, durch diese
führt die Sibylle den Helden in die Unterwelt
hinab. Nach seiner Rückkehr fährt Aineias
von Kumä aus nach dem Hafen, welchem Caieta
durch ihren Tod den Namen giebt. Von dort
gelangt die Flotte am Gestade der Kirke vor-
bei zur Mündung des Tiber (bis 7, v. 36). Dio-
nys hat vor Vergil voraus die Orte Leukosia
und Prochyte, 1 Hin. n. h. 3, 12, 82 fügt hinzu
die Insel A enaria, nach Servius Verg. Acn.
9, 710 sollte auch Bajä nach der Boia, der
Amme des Euximus, eines Genossen des Aineias,
genannt sein. Aber mehrere dieser Namen
hatten früher der Odysseussage angehört; so
war Leukosia ursprünglich eine Sei reue, Strabo
i 6, 252. Plin. n. h. 3, 85; den Kumäern gal-
ten Misenos und Baios, der Eponymos von
Baiä, für Genossen des Odysseus, Strabo 1, 26.
5, 245. Servius Verg. Aen. 9, 710 (letzterer
nach Varro) ; später, als die Aineiassage auf-
kam, wurden sie in diese hinübergenommen.
— Vielleicht beruht es auf alter Überliefe-
rung , dafs Prochyte (bei Dion.) und Aenaria
(bei Plin.) als Haltepunkte der Fahrt gelten;
es waren dies ursprünglich chalkidische Han-
delsfaktoreien; erst später begründeten die
Ansiedler auf dem Festlandc Kumä. Die wich-
tigste Differenz zwischen Dionys und Fei1-
gü ist der Besuch des Aineias bei der Kumäi-
schen Sibylle; auch hierin scheint Vergil dem
Naevius gefolgt zu sein, der eine kimmerische
Sibylle anführte ( Preller r. AI.2 267), denn die
kimmerische Sibylle ist nur ein andrer Name
für die kumäische, vgl. Strabo 5, 244. Als
die .Aineiassage ins Land kam, liiefs es auch,
Aineias habe dieses berühmte Orakel besucht.
Für den Campaner Naevius war dies heimat-
liche Sage. Auf Campanien scheint auch hin-
zuweisen die Glosse bei Paulus, dem Epito-
mator des Festus (p. 20, 6 Müller)-. Aenesi
(= Aenesii) dicti sunt comites Aeneae. Vgl.
E. Warner a. a. 0. S. 23. Dionys hat die
campanische Sage nicht erwähnt, weil er mit
Varro den kumanischen Ursprung der römi-
schen sibyllinischen Bücher leugnete (vgl. Lange
E. A. 1, 448) und dieselben aus Erythrä ab-
leitete, vgl. 1, 55 ; er führt aber 1, 49 ausdrück-
lich die sibyllinischen Sprüche als Zeugnisse
für Aineias’ Ankunft in Latium an. — Über den
Einflufs der sibyllinischen Orakel auf die Ai-
neiassage vgl. 0. Müller: Explicantur causae
fabulae de Aeneae in Italiam adventu ( Classical
Journ. 1822 T. 26, 308 ff.). Weil auf der Tab.
Uiaca der Trompeter Misenos im Gefolge des
Aineias erscheint, glaubte 'Schwegler, schon Sie
sichoros habe den Helden in die Gegend von
Kumä wandern lassen. Für das Vorhandensein
einer campanischen Aineiassage spricht auch
der Umstand, dafs nach öaelius Antipater ( Ser-
vius Verg. Aen. 10, 145) Kapys, ein Vetter des
Aineias, für den Gründer Capuas galt.
15) Aineias kommt an der Tibermün-
dung an.
Dion. 1, 53. Bei Laurentum errichten
die Troer ungefähr vier Stadien vom Meere
ein Lager mit Wall und Graben, der Ort liiefs
Troja, c. 64. Unter den Ankömmlingen befand
sicli auch Anchises (ebenso bei Strabo 5, p. 229)
c. 55. Als die Troer mit ihrer Flotte auf der
Reede von Laurentum vor Anker lagen und
an der Küste wegen Wassermangels Durst lit-
ten, kamen, wie Dionys von den dortigen An-
wohnern hörte, von selbst Quellen des besten
Wassers aus der Erde , so dafs das ganze
175
Aineias in Etrurien etc.
Aineias in Latium
176
Heer getränkt wurde. Die Vertiefung, in wel-
cher sich das Wasser zeigte, war der Sonne
geheiligt. Dort standen auch zwei von den
Troern erbaute Altäre , einer nach Osten, der
andere nach Westen gerichtet, an denen Aineias
sein Dankopfer dargebracht habe. Von dieser
Sage weifs Vergil nichts, hei ihm fährt (7, 25 ff.)
die Flotte in die waldumgebene Tibermündung
ein und legt am Ufer des Flusses an; dort
wird das Lager errichtet (v. 157 ff.), der Ort
desselben hiefs Troia; vgl. Servius Verg. Aen.
7, 158 (nach Cato und Livins). Naevius (vgl.
Servius Verg. Aen. 1, 170)liefsden Aineias mit
einem einzigen Schiff ankommen, dem Prokop
bell. Goth. 4, 22 wurde in Rom noch das Schiff
gezeigt; nach Cassius Hemina bei Solin 2, 14
zählte die Mannschaft 600 Köpfe. Die An-
kunft fällt in den zweiten Sommer nach Tro-
jas Zerstörung Dion. 1, 63. Sol. 2, 14. — Varro
erzählte ( Serv . Verg. Aen. 1, 382. 2, 801), dafs
Aineias seit seinem Aufbruch von Troja täglich
den Morgenstern , den Stern der Aphrodite,
gesehen, bis er an das laurentische Gestade
kam, wo der Stern verschwand und dadurch
anzeigte, dafs die Troer das verheifsene Land
erreicht hätten. Wie Aineias in der Sage, such-
ten sicherlich unternehmende Kauffahrer oft
genug vor alters am Gestade Latiums sich
festzusetzen. In dem ersten zwischen Karthago
und Rom geschlossenen Handelsvertrag (Po-
lyb. 3, 22) wird ausdrücklich verboten, auf
latinischem Gebiet ein festes Lager zu errich-
ten; dort ist auch Laurentum genannt. Die
Sage hei Dion. 1, 55 scheint auf pliönicischen
Einflufs zu deuten. — Bevor die Sage von der
Ansiedelung des Aineias in Latium berichtet
wird, mögen noch die übrigen Wanderungen
des Helden zusammengestellt werden.
16) Aineias in Etrurien.
Nach Verg. B. 8 begiebt sich Aineia.s von sei- 40
nem Lager aus zu Schiffe nach Pallanteum zu
dem Arkader Euander und bittet ihn um Bei-
stand; dieser weist ihn an die gegen den ver-
triebenen Tyrannen Mezentius von Agylla ver-
bündeten Etrusker (8, 470 — 519). Bei Cäre liegt
ein dem Silvanus geweihter Hain , bei dem
das Heer der Etrusker unter Tarchon lagert.
Dort schliefst Aineias mit Tarchon ein Bündnis,
er wird zum Führer der vereinigten Heere ge-
wählt; so hatte es den Etruskern ein Orakel
befohlen; mit der Flotte der Verbündeten fährt
er nach der Tibermündung zurück. Unter den
Schiffen der Bundesgenossen werden angeführt
Schiffe aus Populonia (10, 170ff.), Pisä (10,
175ff.), Cäre ( ib . 170), Pyrgi (I82ff.). Dafs
dies nicht eine Erfindung des Vergil ist, be-
weist Lylcophrons Alexandra v. 1235 — 80: Ai-
neias kommt irrend an die heifsen Gewässer des
Lingeus (b. Populonia), nach Pisa und zu den
lämmerreichen Schluchten von Agylla (= Cäre). 60
Dort schliefst er mit Odysseus eine Eidgenos-
senschaft und nimmt in diese die beiden Söhne
des Telephos, Tarchon und Tyrsenos auf; da-
rauf besiedelt er oberhalb der Latiner und
Daunier das Land der Boreigoner (Aboriginer?)
mit dreifsig Burgen. — Nach Lylcophron also
kam Aineias aus Etrurien nach Latium; in den
genannten Küstenplätzen Etruriens war viel-
leicht die Aineiassage früher bekannt gewor-
den, als in Latium. Auch der Trompeter Mir
senus im Gefolge des Aineias weist auf etruri- 1
sehen Einflufs hin , da den Griechen die Tyr-
rhener für die Erfinder der Trompete galten.
Schol. zu Eurip. Phoen. 1377.
17) Die Aineiassage in Sardinien.
Paus. 10, 17, 6: Nach der Eroberung Ilions
kam ein Teil der Troer, die sich mit Aineias
io gerettet hatten, durch Stürme verschlagen nach
Sardinien; sie vermischten sich dort mit den
ein gewanderten Hellenen, zogen sich aber in-
folge des Andringens der Punier, durch welche
die Hellenen vernichtet wurden, später in die
Gebirge zurück, bis zur Zeit des Pausanias
Hier (Tltsfg) genannt. Wie hier, sollten sich
auch im Elymergebiet Siciliens Troer mit Grie- lil
chen vermischt haben, Time. 6, 2. Die einge- j
wunderten Griechen mögen die Sage ins Land ■
20 gebracht haben, die liier pflanzten sie als Tra- (
dition fort.
18) Die centrale Lage Latiums in Ita-
lien, an der Mündung des gröfsten italischen
Stromes, mufs schon frühzeitig den Seehan-
del dorthin gezogen haben. Die Erzeug-
nisse der höheren griechischen, phönicisclien,
etruskischen Kultur, besonders auch Gegen-
stände des Kultus wurden dem günstig gele- k
genen Lande zugeführt (vgl. Liv. 5, 54. Cie. de
30 rep. 2, 5); im Gefolge des griechischen Han-
dels kamen die Sagen ins Land , zuerst die
homerischen, später die Aineiassage, die letz-
tere nun in verschiedenen Versionen, je nach-
dem sie von Griechen, oder von Puniern und
Etruskern erzählt wurde, da die beiden letz-
teren sie auch erst von den Griechen gehört
und in ihrer Weise umgestaltet hatten. Auf
den Einflufs Kumäs und Campaniens weisen
die sibyllinischen Bücher hin mit ihrer Be-
deutung für die Aineiassage; auf Etrurien Tar-
chon , der Stammvater der Tarquinier , unter
deren Herrschaft etrurisch-griechische Kultur
nach Rom kam, sowie die Sage von Dardanus’
Abstammung aus Cortona (vgl . Verg. Aen. 7^ 205 ff'.
240ffi); auf etruskisch-campanischen Einflufs der
Trompeter Misenus ; aufSicilien der Kultus der
erycinischen Venus, welche Aineias unter dem
Namen der Frutis nach Latium gebracht haben
seilte (Solin. 2, 14. Serv. Verg. Aen. 1, 720);
50 auf Karthago die Sage von Anng,, der Schwester
der Dido, die später Aufnahme bei Aineias fand;
vgl. Ov. Fast. 3, 545 — 655 und Martial 4, 64,
16. So mag der Handelsverkehr mit Kumä,
mit den etrurischen Küstenplätzen, mit Sici-
lien und mit Karthago zusammengewirkt haben,
der Aineiassage in Latium frühzeitig (etwa
in der 2. Hälfte des 6. Jhcl.) Eingang zu ver-
schaffen und in der Folgezeit die Sage im Lande |
lebendig zu erhalten.
19) Aineias siedelt sich inLatium an.
Die Gründung Laviniums.
Dionys. 1, 55ff. : a) Als die Troer äm Ufer
das Mahl einnehmen , geht das Orakel vom
Verzehren der Tische in Erfüllung (vgl. Kap. 9,
10); denn einige verzehrten aufser den Spei-
sen auch die Unterlagen derselben, welche
nach den einen aus Eppichblättern , nach an-
deren aus Kuchen von Weizenmehl bestanden.
177
Aineias in Latium
Aineias in Latium
178
Ascanius bricht zuerst in die. erlösenden Worte
aus, durch welche sich das Wunder erfüllt;
ebenso berichtet Vergil Aen. 7, 107 — 148.
(VgL Strabo 13, G08; Konon Narr. 40; Dio
Cass. fr. 4, 5. Aur. Vict. de orig. g. r. 10, 5 ff.)
b) Der zweite Teil des Orakels besagte, wenn
sie diesen Ort gefunden, sollten sie einem vier-
fülsigen Führer folgen und, wo das Tier rasten
würde, eine Stadt gründen. Die Götterbilder
werden ans Land gebracht und am Ort der i
Erfüllung das Opfer vorbereitet. Allein das
zum Opfern bestimmte trächtige Mutterschwein
reifst sich los und läuft landeinwärts, bis es
auf einem 24 Stadien vom Meer entfernten Hügel
ausruht. Dem nachfolgenden und über die
schlechte Lage des Ortes bestürzten Aineias be-
fiehlt eine aus dem nahen Wald ertönende Stimme
am Orte eine Stadt zu bauen; nach so vielen
Jahren , als das Schwein Frischlinge werfen
würde, würden seine Nachkommen eine grofse 2
und gesegnete Stadt gründen. Tags darauf
wirft das Schwein auf der Stelle des späteren
Lavinium dreifsig Frischlinge; nach eben so
viel Jahren erbauten die Trojaner Alba Longa.
Aineias opferte das Schwein samt den Jungen
an Ort und Stelle, läfst das Lager auf den
Hügel verlegen und die Götterbilder dorthin
bringen; es beginnt der Bau der neuen Stadt.
Dion. c. 56. 57. So auch Varro l. I. 5 , 144.
Nach Diod. frg. 8 B. u. Cass. Dio frg. 4,5 3
bezeichnete Fabius Victor als Ort des Vor-
gangs die Gegend von Alba Longa, vgl. aber
hierüber Jordan, Hermes 3, 413. Die Wei-
sung zum Bau erhielt nach anderer Überlie-
ferung Aineias durch die Traumerscheinung
seiner vaterländischen Götter (= der Penaten).
Dion. c. 56 (vielleicht nach Fabius V. , vgl.
Cic. de divin. 1, 21, 43. Diod. frg. 8. B. Pe-
ter, Hist. Vom. Hell. 1, 6. und nach Cato ; vgl.
Aurel. V. de orig. g. r. 12, 5). — Nach Varro 4
r. r. 2, 4, 18 standen die ehernen Bilder des
Mutterschweines und der dreifsig Jungen auf
einem öffentlichen Platze in Lavinium , die
Priester zeigten -sogar eine Art Mumie der
Bache. — Vergil berührt nur die Sage; vgl.
3, 390 mit 8, 42 — 49, 81 ff., an letzterer Stelle
verändert er willkürlich den Ort der Hand-
lung. Beide Sagen hängen mit dem Laren-
und Penatenkuitus zusammen. Die erste
Sage bezieht sich auf den Brauch der mensae 5
paniceae, die bei jeder Mahlzeit den Penaten
dargebracht wurden; die zweite Sage auf den
Kultus der Laren: das Schwein ist das ge-
wöhnliche Larenopfer. Die 30 Ferkel zeigen
symbolisch die Laren der 30 latinischen Bun-
desstädte an. So nimmt sich die Sage schon
bei Lylcophron A. 1255ff. aus, die Deutung auf
die 30 Jahre spätere Gründung von Alba Longa
gehört dem Fabius Victor , Cato , Varro an.
c) Dionys. 1, 57—59. Latinus, König der Abo- 6
riginer, der gerade mit dem Volk der Rutuler
(um Ardea) Krieg führt, eilt herbei, um die
Ansiedlung zu .hindern ; aber in der Nacht be-
fiehlt ihm die Erscheinung eines einheimischen
Gottes (tt? e7u%tö()ios daiybjv) die Hellenen (!)
ins Land aufzunehmen. In derselben Nacht
erhält Aineias durch seine heimatlichen Götter
die Weisung, das Land von Latinus zu er-
bitten. Es kommt der Friede und ein Bünd-
nis zwischen Aboriginern und Troern zustande
{Justin. 43, 1, 10; Dio Cass. fr. 4, 7 läfst den
Latinus erst im Krieg besiegt werden, ehe er
dem Aineias die Tochter giebt; beide Überlie-
ferungen kennt Liv. 1, 1, 6). Die Troer er-
halten vierzig Stadien Land ins Geviert von
jenem Hügel aus gerechnet; (400 Stadien nach
Appian bei Photius bibl. p. 16b., 12. Belclcer,
500 jugera nach Cassius IJemina bei Solin. 2,
14; 2700 (oder 700) jugeranac-h Catos Origines bei
Vcrg. Aen. 11, 316 zwischen Laurentum und
den castra Troiana). Mit den Troern verbün-
det unterwirft Latinus die Rutuler, der begon-
nene Bau des Städtchens wird darauf zu Ende
geführt, welches Aineias nach des Latinus Toch-
ter Lavinia (Aavva) Lavinium nennt. (An-
dere Version in Kap. 7). — Lavinium war die
geistliche Metropole, die Laren- und Penaten-
stadt Latiums, fistQOTtohg rov Aarivcov yivovq
Dion. 5, 12. 8, 49. Dort opferten alljährlich
die römischen Priester und die höheren Ma-
gistrate beim Antritt und bei der Niederle-
gung ihres Amtes den Penaten und der Vesta.
Ascon. zu Cic. Scaur. p. 21. Serv. Verg. Aen.
2, 296. 3, 12. 8, 664. Schol. Veron. Verg. Aen.
1, 260. Liv. 1, 14. 5, 52; Dionys. 2, 51. 52.
Val. Max. 1, 6, 7. — Dion. 1, 59 erzählt das
symbolische Wunder, das sich bei Laviniums
Erbauung ereignete: das Feuer im Wald, ge-
nährt durch Wolf und Adler, bekämpft durch
den Fuchs; vgl. Preller r. AL2 681 f. Preu-
ner , Ilestia- Vesta 398. — Nach Erbauung
der Stadt vermählt Latinus seine Tochter
mit Aineias, dem Beispiel der Fürsten folgen
die Untertlianen, Troer und Aboriginer ver-
schmelzen darauf zu dem Volk der Latiner.
Dion. c. 60 (übereinstimmend Strabo 5, 229).
Die Gründung Laviniums fällt nach Dionys in
das Ende des 2. Jahres nach Trojas Zerstö-
rung, c. 63. Nachdem Aineias die Stadt mit
Tempeln und Denkmalen geschmückt hatte,
herrschte er allein über die Troer. Dionys
erwähnt nicht, dafs in der Nähe von Lavinium
ein Aphroditetempel, Bundesheiligtum der La-
tiner , welches unter der Obhut der Ardeaten
stand, und bei Ardea ein Aphrodision lag, wo
die latinischen Bundesstaaten zusammenkamen,
Strabo 5, 232. Diese Tempel weisen auf aus-
ländischen, vorhellenischen Einflufs und Han-
del' hin; später, als sich der griechische Ein-
flufs durch den Handelsverkehr, die homerischen
Sagen und die sibyllinischen Bücher besonders
von Kumä aus an dieser Küste bemerklich
machte, setzte er die Aineiassage in Verbin-
dung mit diesen älteren Aphroditetempeln.
(Beweis für den Zusammenhang mit Aphro-
dite , den Aineias auch in Latium bewahrt,
ist die Sage von Anna, der Dido Schwester,
welcher er bei sich Aufnahme gewährt. Vgl.
Ov. Fast. 3, 545 ff.). Von hier aus kam Aineias
als Überbringer seiner heimatlichen Götter in
den altlatinischen Kultus der Laren und Pena-
ten hinein, welche letzteren mit den grofsen
Göttern des Trojaners (den Kabiren) identifi-
ciert wurden. — Die Resultate der Forschun-
gen Schweglers, Klausens, Bambergers, Prellers,
Preuners fafst zusammen Hild, la legende d'Fnce
179 Aineias’ Kämpfe u. Tod
avant Virg. Paris 83, p. 40 — 73. — Vergil er-
zählt die Gründung Laviniums nicht, deutet
aber darauf hin Aen. 1, 258f. 12, 193ff.
20) Aineias’ Kämpfe und Ende in La-
tiu m.
a) Die Sage nach Dionys (V arro).
Turnus (TvQQiqvog), Schwestersohn der Amata
(Afu'xa), der Gattin des Latinus, von den Ru-
tulern zum Anführer gewählt , eröffnet gegen
Latinus den Krieg , im Zorn darüber , dafs
Aineias ihm seine frühere Braut, Lavinia, ent-
rissen habe. Amata selbst, welcher die Ehe
mit dem Fremden verhafst ist, hat ihren Ver-
wandten zum Krieg angetrieben. In der Schlacht
fallen Latinus und Turnus, des Aineias Genos-
sen siegen. Dion. 1, 64 (vgl. Just. 43, 1, 11.
Ido. 1, 2, 2 erwähnt nur den Tod des Latinus,
Dio. Cass. frg. 4, 7 läfst Latinus und Turnus
im Zweikampfe fallen. Zonar. 7,1p. 313b.
— Latinus wurde als Iuppiter Latiaris verehrt
nach Fest. p. 194 s. v. Oscillantes ; Schol. Bob. in
Cie. Blanc, p. 256). Aineias regierte nach des
Latinus Tod, da Lavinia die einzige Erbin
war, über das ganze Reich noch drei Jahre
lang; im vierten Jahr lieferte er ein Treffen
gegen die Rutuler , die von dem Tyrrhener-
könig Mezentius (MiasvxLog) unterstützt wur-
den. Während der Entscheidungsschlacht bei
Lavinium verschwindet Aineias; die einen glaub-
ten, er sei unter die Götter versetzt worden,
die andern, er sei in dem benachbarten Flufs
(Numicius), bei welchem gekämpft worden war,
umgekommen. (Nach Aurel. Vict. 14, 2 trat
während der Schlacht ein Gewitter ein , wäh-
rend dessen Aineias in den Flufs stürzte; später
erschien er dem Ascanius und anderen in ver-
klärter Gestalt am Numicius; ebenso Schol.
Veron. zu Verg. Aen. 1, 260.) Die Latiner er-
bauten ihm ein Heroon, einen Grabhügel von
Bäumen eingefafst, das Denkmal trug die In-
schrift: „dem Vater und einheimischen Gotte,
dem Gebieter des numicischen Flusses.“ Was
bei Dion. 1, 64 fff og x&oviog, ist Pater oder
Iuppiter Indiges bei Liv. 1, 2, 6; nach letzte-
rem lag das Heroon oberhalb des Numicius.
— Dionys kennt noch eine andere Überliefe-
rung , wonach Aineias dieses Heroon seinem
Vater Anchises erbaut habe, der ein Jahr vor
diesem Kriege gestorben sei. — Den Kämpfen
mit Turnus und Mezentius liegt eine dunkle
Tradition von Kämpfen zwischen den zur Mee-
resküste sich Bahn brechenden Latinern und
den Etruskern (Tyrrhenern) zu Grunde, welche
letztere einst vom Fufs der Alpen bis zum
Vesuv geherrscht haben sollen. Turnus ( Tvq -
Qgvog) , der Bundesgenosse des Mezentius von
Ägylla (Cäre) , ist ein etruskischer Lucumo,
Ardea eine tuscische Stadt ( Schivegler r. G. 1,
331). Die oben gegebene Darstellung des Dio-
nys geht vielleicht auf Varro zurück ; mit ihm
stimmt im wesentlichen Liv. 1 , 1 ff. überein,
nur ist bei ihm Ascanius der Sohn der Lavi-
nia. Livius hat vielleicht aus Q. Fabius Pic-
tor geschöpft. ( Lachmann , de fontibus Livii 2,
p. 50 ff.)
b) Die Sage nach Cato.
Auf Grund der kurzen, nicht immer deut-
lichen Angaben des Servius scheint es, dafs Cato
Aineias’ Kämpfe u. Tod 180
in den Origines die Sage folgendermafsen er-
zählt habe : Aineias kommt mit Anchises nach
Latium, schlägt ein befestigtes Lager, Troja,
auf Serv. Verg. Aen. 1,5. 7 , 158. Die Tro-
janer werden von Latinus freundlich aufgenom-
men und ihnen 2700 (oder 700) Juchert Landes
bewilligt, dem Aineias die Hand der Lavinia. Da-
rauf werden Aineias und Latinus von Turnus, dem
König der Rutuler und früheren Verlobten der
Lavinia-, welcher von Mezentius Unterstüzung
empfängt, bekriegt. Als aber die Trojaner im
Gebiet des Latinus plünderten, verfeindet sich
dieser mit seinem Schwiegersohn und zieht mit
seinem ehemaligen Gegner Turnus gegen Ai-
neias. In der Schlacht bei Laurolavinium.
fällt Latinus. Turnus entweicht zu Mezentius
und liefert mit dessen Hilfe eine zweite
Schlacht, in der er selbst getötet wird, aber
auch Aineias verschwindet. Der Krieg wird
hierauf zwischen Ascanius und Mezentius fort-
sresetzt. Letzterer hatte von den Rutulern den
Ertrag der Weinernte jedes Jahres gefordert,
dafür treten die Latiner aus Furcht vor einem
ähnlichen Verlangen ihm feindlich gegenüber !
und verbünden sich wohl von nun an mit
Ascanius ( Macrob . 3,5, 10, vgl. fasti Trac-
nest. im C. I L. 1, p. 392). In der dritten
Schlacht wird Mezentius vom Ascanius getö- :
tet; vgl. Serv. Verg. Aen. 11, 316. 6, 760. 1,
267. 570. 4, 620. 9, 745. Klausen 597. Schweg- \
ler 1, 283. Kuschel, über die Quellen von Verg. [
Aen. Progr. Breslau 1858. S. 23. 32. H. Pe-
ter, Histor icorum Bom. Belliquiael, p. 138 (Prol.)
u. p. 53ff. (Text). Bei Ov. Fast. 4, 879ff. weiht
Aineias gegen Turnus und Mezentius den Ertrag
der Weinernte dem Iuppiter und siegt; so nach
Varro ; vgl. Flut, quaest. B. 45. Plin. n. h.
14, 88; wieder etwas anders bei Dionys. 1,65.
e) Die Sage bei Vcrgil.
Vergil hat in den letzten sechs Büchern
die Sage von den Kämpfen mit dichterischer |
Freiheit behandelt; doch steht er in den Haupt-
zügen dem Cato näher als dem Dionys (Varro).
Bei Vergil wie bei Cato ist- das erste Zusam-
mentreffen der Troer und Aboriginer ein freund-
liches. Aineias sendet nach Laurentum an La-
tinus eine Gesandtschaft und bittet um ein
Stück Land für die heimatlichen Götter (7, 229 f.).
Latinus kommt dem Gesuche entgegen und
bietet , eingedenk eines Orakelspruches des
Faunus, dem Helden die Hand der Lavinia an.
Turnus , den die Königin Amata begünstigt
(7 , 56 f.), rüstet sich zum Krieg gegen die
Fremden; die Latiner treten auf seine Seite, j
als bei Gelegenheit einer Jagd ein blutiger 1
Streit zwischen ihnen und den Begleitern des
Ascanius ausgebrochen ist (B. 7). Aineias sucht
gegen die Übermacht Hilfe bei Euander in
Pallanteum und wird von diesem an die
Etrusker gewiesen, die sich unter Tarchon ge-
gen den Tyrannen Mezentius von Cäre erho-
ben hatten (B. 8). Während seiner Abwesen-
heit wird das trojanische Lager von Turnus
bestürmt; zur Zeit der höchsten Not segelt
von Etrurien die Flotte heran, welche die Be- 1
lagerten entsetzt; im Kampfe fällt Pallas, Euan-
ders Sohn, von Turnus’ Hand, Aineias erschlägt
zuerst den Lausus , des Mezentius Sohn, dann
10
20
30
40
50
60
181 Aineias’ Kämpfe u. Tod
den Mezentius selbst; Turnus aber ist vorher
von Inno vor Aineias gerettet und aus der
Schlacht entfernt worden (B. 9. 10). Zu Lau-
reDtum herrscht Schrecken, die Meinungen sind
geteilt; Latinus, gegen dessen Willen der Krieg
begonnen worden ist, rät zum Frieden, Tur-
nus dringt auf Krieg. Dem gegen Lauren-
tum heranrückenden Aineias werden Reiter-
scharen entgegengesandt, Turnus legt den
Troern einen Hinterhalt. Es erfolgt eine Rei-
terschlacht vor den Mauern der Stadt, Tod der
Camilla und Flucht der Latiner. Darauf rückt
Aineias gegen die Stadt vor, Turnus eilt ihr
zu Hilfe (B. 11). Nach den beiden verlornen
Schlachten erbietet sich Turnus den Krieg
durch einen Zweikampf mit Aineias zu entschei-
den. Während zu diesem Zwecke Aineias
und Latinus feierliche Eide leisten, begin-
nen plötzlich die Rutuler vertragsbrüchig von
neuem den Kampf. Aineias wird verwundet,
aber durch göttliche Hilfe wieder geheilt.
Nun erfolgt eine dritte Schlacht (vgl. Cato),
zuletzt bestürmen die siegenden Trojaner Lau-
rentum. In dieser (Not erhängt sich die ver-
zweifelnde Amata (nach Fabins Pictor tötete
sie sich durch Hunger, Serv. Verg. Aen. 12, 603),
Turnus erbietet sich von neuem zum Zweikampf,
durch den Tod des Gegners rächt Aineias den
Fall seines Freundes Pallas (B. 12). Die spä-
tere Verheiratung mit Lavinia, die dreijährige
Herrschaft und die Vergötterung des Aineias
deutet der Dichter nur an 12, 937 und 794 ff.
1, 258. 1, 265 f. Da Vergil den Aseanius als
lieblichen, wenn auch rüstigen Knaben schil-
dert , so hat er die That , welche die Sage
sonst dem Sohne zuteilt, dem Vater zugewie-
sen. Ein einziges Mal beteiligt sich Aseanius
am Kampfe 9, 629 ff. — Oviä (vgl. Kap. 20 b.
a. E., 19 c.) führt Met. 14, 581 ff. die Apotheose
des Helden weiter aus; er läfst sie erfolgen,
nachdem Aineias die Herrschaft für Iulus im
Frieden befestigt hat. Dies setzt eine län-
gere friedliche Herrschaft des Aineias vor-
aus ; derselben Anschauung scheint Verg.
Aen. 6, 764 zu folgen; dort gebiert Lavinia
dem Hochbetagten ( longaevo ) den Silvius,
vgl. Gell. 2, 16. Die Darstellungen auf der
pränestinisehen aus guter republikanischer
Zeit stammenden Cista (vgl. Brunn , Mo-
num. d. arch. Inst. Bd. 8. T. 7. 8. Ami. d.
Inst. Bd. 36. S. 356 ff.) stimmen merkwürdi-
ger Weise zu Vergils 11. u. 12. Buch. War
vielleicht die Cista nach dem beliebten Epos
des Naevius gearbeitet? (vgl. Hör. Ep. 2, 1,
53). Dann würde sich ergeben, clafs Vergil
in den beiden letzten Büchern dem Vorgänge
des Naevius in einigen Zügen gefolgt ist. —
Hinsichtlich der Verehrung des Aineias als
Iuppiter Indiges am Numicius setzt Ilild , la
legende d'Enee avant V. S. 42 ff. gut auseinan-
der, wie wohl ursprünglich bei Lavinium der
Flufs Numicius als Iuppiter Indiges (= divus
pater indiges) verehrt wurde, und daneben, da
Lavinium die geistliche Metropole Latiums
war, als Iuppiter Latiaris. Dieser Iuppiter La-
tiaris vermenschlichte sich später in dem König
Latinus, der im Numicius verschwand; dieser
trat wieder seine göttliche Würde eines Iuppi-
Aineias gründet Rom etc. 182
ter Indiges an Aineias ab, als diese Sage frucht-
baren Boden in Latium gefunden hatte. Vgl.
Preller r. 31. 2 83. Sclnvegler r. G. 1, 328 f. 1,
287. Anm. 21 und 309. Anm. 5, welcher etwas
von obiger Erklärung abweicht.
21) Aineias direkt mit Roms Grün-
dung zusammengebracht.
a) Aineias gründet Rom.
Dion. 1, 72. Die älteste Nachricht geht
auf Hellanikos, den Zeitgenossen Herodots, zu-
rück, wenn anders dieser die Chronik der ar-
givischen Priesterinnen verfafst hatte. Aineias
der aus dem Lande der Molosser nach Italien
gekommen ist, mit Odysseus , gründet Rom.
Dion. 1, 73; vgl. Kap. 5; bei Lylcophr. Al. 1266ff.
(der vielleicht dem Timäus folgte) schliefst
Aineias in Tyrrhenien einen Bund mit Odysseus
und mit den Söhnen des Myserkönigs Telephos,
Tarchon und Tyrrhenos, gründet im Land der
Boreigoner ( Aboriginer ?) dreifsig Burgen, aufser-
dem aber auch Burgen bei Circeji, bei Cajeta,
am Flufs Titon bei Circeji, bei Kumä; rätsel-
haft ist die Angabe, dafs er auch eine Burg
am lacus Fucinus (?) im Land der Marser er-
baut habe , v. 1275 Schol. ( Kinkel ). Sallust
Cat. 6 bringt die Anfänge Roms direkt mit
Aineias und den Trojanern zusammen; ebenso
Prokop, b. Goth. 4 , 22 p. 573 , 3. Dind.
b) Aineias nennt mit Euander die schon
bestehende Kolonie Valentia mit dem Namen
Rome : Fest. p. 266 Bomam, Serv. Verg. Aen.
1, 273.
c) Des Aineias Gattin giebt der Stadt
den Namen; sie heifst Rome, Tochter des Te-
lemachos, nach Clinias bei Serv. 1, 273, oder
Rome, Tochter des Italos und der Lucania, oder
Tochter des Telephos, Plut. Bomul. 2.
d) Söhne des Aineias gründen Rom:
Romus (älteste Quelle der Gergithier Kepha-
lon und andere bei Dionys. 1, 72) ,‘ einer der
vier Söhne des in Thracien verstorbenen Ai-
neias, die anderen Söhne hiefsen: Aseanius,
Euryleon , Romulus ; [Romus ist Nachkomme
des in Phrygien begrabenen Aineias nach
Agatholdes, Geschichtsschreiber von Kyzikos bei
Fest. p. 269 Bomam , vgl. Kap. 4;] Romulus
und Remus (= Pcogog) nennt ein römischer
Schriftsteller bei Dion. 1, 73; ähnlich Schol. zu
Lylcophr. 1226. {Kinkel)-, die Mitgründer Roms
sind Hektors Söhne Astyanax und Sapernios;
oder: Aseanius erhält nach Aineias’ Tod das
ganze Reich und teilt es mit seinen Brüdern Ro-
mulus und Romus; er gründet Alba Longa, Ro-
mus gründet Capua, so genannt nach seinemUr-
grofsvater Kapys, Anchise nach seinem Grofs-
vater Anchises, Aineia (das spätere Ianiculum!)
nach seinem Vater Aineias, Rome gründet und
nennt er nach seinem eigenen Namen: röm.
Schriftsteller bei Dion. 1, 73; vgl. Steph. Byz.
Ai'veia. Romulus und Romus, Söhne des Aineias
und derDexithea, Tochter des Phorbas, grün-
den die Stadt nach Plut. Bom. 2 ; Romulus, Sohn
des Aineias, in Hesperien geboren nach Agathyl-
los bei Dion. 1, 49. Lylcophr. 1466. Schol.;
Romus, Mulus (= Romulus), May lies (Myalos?,
vgl. Schol. Lylcophr. 144G. Kinkel) sind Kinder
des Aineias von der Lavinia, Romus giebt der
Stadt den Namen nach Apollodor bei Fest.
io
20
30
40
50
60
183
Aineias in d. Kunst
Aineias in d. Kunst
p. 266 Bomam. Premier, llestia- Vesta p. 376 A.
2. vermutet Aemilia statt Maylles.
e) Enkel des Aineias gründen oder
benennen die Stadt.
Romulus und Rornus (= Remus), Söhne ei-
ner Tochter des Aineias, röm. Schriftsteller bei
Dion. 1, 73; so auch Naeoius u. Ennius, vgl.
Serv. Verg. Aen. 1, 273. 6, 778. Cic. de divin.
1, 20, 41, Ungenannter bei Diod. frg. 1. 8;
Romus, Sohn des Aseanius, Erbauer Roms r
nach Dionys von Chalkis bei Dion. 1, 72; so
auch Eratosthenes (275 — 194 v. Chr.) nach
Serv. Verg. Aen. 1, 273; Romus, Urenkel
des Aineias nach dem Sikelioten Alcimus bei
Fest. p. 266 Bomam ; Romulus, Sohn der Ae-
milia, Tochter des Aineias und der Lavinia
nach einem Anonymus bei Blut. Born. 2. —
Rome, Enkelin des Aineias, Tochter des Asca-
nius, nennt der Anonymus bei Plut. Born. 2.
u. Agathocles bei Fest. p. 269 Bomam, Sol. 1, 3. 2
Den ganzen Wust der Nachrichten bespricht
Schwegler r. G. 1 , 400 ff. , der sie mit Recht
für Erfindungen der Griechen hält, hervorge-
gangen aus dem Streben , den Ursprung der
italischen Städte und Nationen mit den Ereig-
nissen des troischen Sagenkreises zu verflech-
ten; a. a. 0. S. 406. Es ergiebt sich daraus,
dafs die historisch beglaubigten ältesten Zeug-
nisse, vgl. Ilellanikos, Timaios, Eratosthenes, die
..gemachte“ Sage geben , während jüngere 3'
Nachrichten uns die latinische Sage erhalten
haben. Vgl. Premier, Hestia-Vesta p. 375 — 80.
22) Archäologisches.
A) Über die äufsere Erscheinung des
Helden haben sich die Alten öfters ausgespro-
chen: nach Philostratus Her. 13 ist Aineias dem
Hektor an Wuchs und Alter gleich, doch seine
Gestalt nicht so heiter und gleicht mehr der
eines gesetzten Mannes, das Haar ist lang ohne
künstliche 'Pflege; mit seinem durchdringenden 4
Blick hält er die Krieger in Ordnung. Davon
weicht Dar es c. 12 mehrfach ab und stimmt
zum Teil überein mit Malalas Clvronogr. 5
p. 106 (Bonn). Bei Verg. Aen. 4, 2 1 5 ff. 9,
614ff. 12 , 99 wird Aineias von den Feinden
als Halbmann verspottet wegen der Phryger-
mütze, des salbentriefenden Haares, der wei-
bischen® buntgestickten Kleidung. Die von
Venus verklärte Schönheit des Helden schildert
Verg. Aen. 1, 388ff. , die ihm innewohnende, 5
alles bezaubernde Liebenswürdigkeit Ko non
Narr. 46.
B) Darstellungen der alten Kunst.
1) Nur litterarisch bezeugt sind folgende:
Paus. 2, 21, 2 erwähnt eine Erzstatue des Ai-
neias auf dem Marktplatz zu Argos ; nach Paus.
5, 22, 2 befand er sich in einer aus zehn Sta-
tuen bestehenden Gruppe des Lykios, welche
den Kampf des Achill und Memnon dar-
stellte (Aineias dem Diomedes gegenüber). Die 6
Gruppe war ein Weihgeschenk der illyrischen
Apolloniaten zu Olympia. Parrhasios hatte
ihn mit Kastor und Pollux auf einem Bild
vereinigt, Plin. n. h. 35, 71. (vgl. oben Kap. 6).
Varro wies dem Bild des Aineias seine Stelle
im 1 Buch der Imagines an und entlehnte die
Darstellung von einer Brunnenstatue in Alba.
Io. Lydus, de magistr. 1, 12 p. 130 (Bonn), vgl.
Bitschi. ind. Schol, Bonn. 1858., Bhein. Mus.
12, 153. 13, 468. 476. Augustus weihte unter
den Statuen auf seinem Forum Aencan onera-
tum pondere sacro Ov. F. 5, 563; auf dem Fo-
rum zu Pompeji stand eine Statue des Aineias,
zu welcher die Inschrift erhalten ist bei Momm-
sen J. B, N. No. 2188. [C. I. L. 1. p. 283]
Aeneas Veneris et Anchisae fdius ( cum nimho
exort)o non con(paruisset dictus ) est Indiges
(et in deorum ) numero relatus. Statue des Aineias
beschrieben bei Christodor Ecphr. Antli. Pal. 1,
S. 43. v. 145. 2) Erhaltene Dar Stellungen.
a) Ereignisse vor dem troischen Krieg.
Aineias kommt als Begleiter des Paris zu Me-
nelaos und Helena; beide als Jünglinge in
leichtem Wanderkleid. Overheck, d. Bildwerke
z. theh. u. tr. Heldenlcr. S. 263 f. T. 12 No. 9.
Aineias bei der Entführung der Helena durch
Paris, in jugendlicher Gestalt der Gruppe vor-
anschreitend (vgl. Kap. 2) auf einer Trinkschale
aus der attischen Töpferei des Hieron, gemalt
von Makron , aus dem letzten Drittel des
5. Jhd. v. Chr., gefunden in Bosco d’Acerra
(dem alten Suessula), vgl. Gaz. archeol. 1880.
S. 87ff. — b) Kämpfe vor Troja: bei dem
Kampfe um die Leiche des Troilus: Vasen-
bild bei Overbeck, d. Bildwerke zum theban. u.
troisch. Heldenlcr. S. 365. T. 15. No. 2; beim
Kampf um die Leiche des Patroklos: Vasen-
bild bei Overh. S.427. T. 18. No. 3. auch Müller,
D. a. Iv. 1, 207 (s. 0. S. 159), Aineias kämpft
schwergerüstet gegen Aias; Aineias als Beistand
des Hektor gegen Aias Monum. dell' Inst. 2, 38. an
Mus. Greg. 2, 1; beim Kampf um die Leiche
des Achilleus: Vasenbild bei Overh. S. 540 f.
T. 23, 1. Aineias kämpft gegen Aias; auf ei-
nem andern Vasenbilde Overh. S. 541 ff. T. 23.
No. 2 bei demselben Kampfe Neoptolemos gegen-
überstehend. In der Äginetengruppe des west-
lichen Giebelfeldes kämpft nach Welcher (vgl.
Overh. S. 545. T. 23. No. 12) Aineias auf troi-
scher Seite voran gegen den Telamonier Aias,
der den gefallenen Achill verteidigt. Auf dem I
Silbergefäfs von Bernay (Overh. S. 545. T. 19. : ..
No. 12) dringt Aineias mit.Glaukos und Agenor
gegen Aias vor, der die Leiche des Achill da-
vontragen will. Die beiden Aias gegen Aineias
und Hippokles: Vasenbild Ami. d. Inst. 1862, j
t. B.\ vgl. Ann. d. I. 1866, t. Q, wo Aineias
als Zweikämpfer zwischen zwei Knappen er-
scheint und allein benannt ist. Die Rettung
des Aineias durch Aphrodite ist viel-
leicht dargestellt auf einem Vasenbild bei Ger-
hard, auserl. Vasenb. 3, 194 No. 3, vgl. Overh.
S. 394. Auf dem Aufsenbild einer Trinkschale
erscheint Diomedes im Kampfe gegen die
dem Aineias zu Hilfe eilende Aphrodite: Jour-
nal of Philol . 7, 215, dieselbe Scene auf zwei
Gemmen Overh. S. 395. T. 16. No. 5, sowie auf
der Tabula Veroncnsis zur Ilias, Gesang E. —
c) Auszug aus Troja. Auf einem Bronzehelm
(Overh. S. 619 ff. Ileydemann, Iliupersis S. 32)
sind zwei Scenen dargestellt. In der ersten
trägt Aineias seinen Vater auf der linken Schul-
ter, in der zweiten ist er mit der Rettung seines
Sohnes beschäftigt, der sich auf einen Altar
geflüchtet hat, es scheint als wolle Kreusa dies
hindern! Typisch ist auf den Vasenbildern
185
Aineias in d. Kunst
Aineias in d. Kunst
186
(vgl. Overbeck S. 618. 655 ff.) die Gruppe des
Aineias mit Anchises, der auf des Sohnes Rücken
hockt , die Arme um seinen Hals geschlun-
gen, von ihm entweder unter den Knieen oder
unter den Schenkeln gehalten. Meistens blickt
der Greis vor sich , zuweilen auch zurück.
Auf den Yasenhildem mit roten Figuren, auf
Gemmen und Münzen sitzt Anchises auf des
Sohnes Schulter. Askanios fehlt häufiger,
als er sich findet , indem zwei knabenartige
Gestalten, welche neben, vor oder hinter Aineias
dahineilen, sich als kleingemalte Männer aus-
weisen. Kreusa erscheint meistens als eine
Aineias folgende, oder auch vorausschreitende
Frau; in mehreren Exemplaren sind zwei Frauen
dargestellt, die eine, Aphrodite, tritt gewöhn-
lich dem Zug entgegen , bisweilen schreitet sie
demselben voran ; auf der Tabula Iliaca schrei-
tet Hermes voraus. Da, wo sich nur ein Ge-
fährte des Aineias findet, ist wohl Achates ge-
meint. Overb. S. 618. T. 25. No. 24. u. bes.
T. 27, No. 8. 11. 12; Overbeck notiert S. 657ff.
zwölf Exemplare von Amphoren; vgl. Heyde-
mann, Iliupersis S. 3lf. Auf den Gemmen
trägt Aineias den Yater auf der Schulter,
den Askanios führt er an der Hand. Overb.
S. 660. T. 26, No. 10. Entsprechend ist die
Komposition auf den Münzen; Overbeck führt
solche von Segesta , Patras in Achaia (T. 27.
No. 9), Ilion (T. 27. No. 10), Dardanos,
Othrus in Phrygien, Berytus in Syrien an;
aufserdem Münzen des Julius Caesar und
eine des Antoninus Pius. Die älteste und
interessanteste Münze, welche die Scene dar-
stellt , ist die von Aineia (Mitte des 6. Jhd.
vor Chr.), vgl. Friedländer, Monatsber. der Berl.
Ak.d. W. 1878. S. 759 ff. E.Curtius, Sitzungs-
ber. der Ale. d. W. 1882, 43. 44. S. 947. C.
Robert, arch. Ztg. 1879 S. 23 (s. o. S. 167). Aineias
trägt seinen kahlköpfigen Vater auf der Schulter,
vor ihm schreitet in hastiger Flucht eine Frau
(Kreusa), die ihr langes Gewand mit kräftigem
Griff in die Höhe zieht und den Kopf zur fol-
genden Gruppe zurückwendet; sie trägt auf
ihrer linken Schulter ein Kindlein, aus dessen
langem , den Oberkörper umschliefsenden und
bis zu den Füfsen lierabfallenden Gewand Ro-
bert schliefst, dafs es nicht Askanios, sondern
eine Tochter des Aineias darstelle. Auf einem
in Turin befindlichen Relief {Overb. S. 661. ;
T. 27. No. 16) erscheint Aineias gerüstet, An-
chises, der die Hiera im Schofse hält, sitzt auf
seiner Schulter, Askanios geht mit einem La-
gobolon im Arme an der Hand des Vaters.
Eine zu Pompeji gefundene Terracottalampe
zeigt dieselbe Gruppe reliefartig gearbeitet
und bemalt, vgl. die Abbildung S. 163. Hey-
demann Arch. Ztg. 1872 S. 120. Anm. 33. Ke-
kule , die antiken Terracotten Bd. 1 S. 48 ff'.
Taf. 37. Auf einem pompejanischen Wandge- i
mälde ist die Scene durch Affen karikiert, vgl.
Helbig, Wandgem. No. 1380. S. 310 ff. und die
dort angeführte Litteratur; Kekule, a.a. 0. Bd. 1.
S. 48, 2. Fig. 25. Die Beziehung der Sage
zu Roms Gründungsgescliichte tritt hervor auf
der Tabula Iliaca, vgl. Mus. Capit. Tom. 4,
Pars 2, p. 353 ff. Millin, Gal. rnytholog. t. 150.
In Troja sieht man den bewaffneten Aineias,
wie er seinen Vater beschwört, die in einer
aedicula eingeschlossenen Götter in die Hand
zu nehmen (vgl. Verg. Aen. 2, 717), d. h. sich
zur Flucht zu entschliefsen M. C. 4. P. 2.
p. 353; ferner: der aus dem Thor der Stadt
schreitende Aineias trägt den greisen Vater auf
den Schultern, daneben Kreusa, Aineias führt
den Askanios mit der rechten Hand, die linke
Hand des Aineias hält Hermes, der voranschrei-
' tet, die Heiligtümer trägt Anchises in der ae-
dicula (a. a. 0. 354). Aphrodite steht in gött-
licher Ruhe auf der Mauer, der vollbrachten
Rettung zuschauend, Heydemann a. a. 0. S. 31.
d) Die Abfahrt nach Hesperien findet sich
gleichfalls auf der Tabula Iliaca: am sigeischen
Vorgebirge liegt das Schiff, über eine Brücke
steigt Anchises, mit beiden Händen die aedi-
cula haltend , zu demselben empor , mit der
linken Hand unterstützt ihn von hinten Ai-
neias, der an der rechten den Askanios führt,
hinter ihnen wartet Misenos mit einem Ruder
und der von der Schulter herabhängenden
Trompete (a. a. 0. 356). e) Ereignisse wäh-
rend der Wanderung. Aineias mit Anchi-
ses und Askanios hei Helenos(?) : lleTbig, Wand-
gem. No. 1391b. S. 320; Aineias bei Dido:
ebd. No. 1381. S. 310; Aineias die Sibylle be-
fragend (?) : ebd. No. 1391. S. 318. f) Ereig-
nisse und Kämpfe in Latium. Auffindung
der troia (kreifsenden Sau) auf einer ara bei
Rochette Mon. ined. t. 69, 3; auf die Gründung
Laviniums beziehen sich auch die Wandge-
mälde eines Grabes auf dem Esquilin : C. Ro-
bert, Annali 1878, 235. Monum. 10, T. 60;
Aineias steht dem eine Rolle haltenden , an
einem Baum sitzenden Latinus gegenüber, zu
seinen Füfsen die Sau mit den Ferkeln: Vis-
conti Piocl. 6, 20. Mus. Chiaram. 3 T. 19.
Ein 1862 aufgefundenes pompejanisches Wand-
gemälde stellt den Iapyx vor, der dem Aineias
mit der Zange eine Pfeilspitze aus dem Schen-
kelknochen zieht (vgl. Verg. Aen. 12, 391 ff.
und oben Kap. 20 c): Helbig, Wandgem. S. 312.
No. 1383 ; ein anderes will Helbig (ebd. No.
1382) auf Aineias, der von Venus die Waffen
empfängt ( Verg. Aen. 8, 608 ff.), beziehen. Merk-
würdig sind die Darstellungen der pränesti-
nischen Cista, welche 11. Brunn in die Zeit
des hannibalischen Kriegs oder wenig später
setzt; vgl. Mon. d. arch. Inst. Bd. 8. T. 7. 8.
Arm. d. Inst. Bd. 36. S. 356 ff. Der verstüm-
melte, und zwar um die Hälfte verkürzte Kör-
per der Cista zeigt wechselvolle Kämpfe, der
wohlerhaltene Deckel denFriedensschlufs. Beide
Darstellungen gehören zusammen; derselbe Held,
welcher unten den Todesstreich versetzt, läfst
auf dem Deckel die Leiche seines Gegners
herbeitragen. Auf dem Deckel sieht man,
wie auf der einen Seite der Gefallene mit
seinen Spolien von zwei Kriegern herangetra-
gen wird, daneben Todesgenius mit brennen-
der Fackel. Auf der andern Seite eine Frau,
die aufgeregt hinwegstürzt, neben ihr ein dem
vorigen entsprechender Genius, noch im Schlafe
begriffen, ln der Mitte reicht ein alter König
dem Sieger die Hand und beschwört mit er-
hobener Rechten, auf abgelegten Waffen ste-
llend, den Frieden. Neben ihm zwei Frauen,
187 Aineias (Etymol.)
Aineias (Deutung) 188
die eine scheint dem König zuzureden , die
andere, mit dem Kranz geschmückt, wendet
sich von der fortstürzenden ab. Unten liegt
ein Silenus, ein Flufsgott und eine Nymphe.
Auf dem untern Streifen kommt unter den
Kämpfenden auch eine Jungfrau zu Rofs vor
(vgl. Camilla bei Vergil). Brunn deutete die
Darstellung auf des Aineias letzte Kämpfe, wie
sie Vergil schildert , Vier damit nur die alte
Sage wiedergegeben habe. Vielleicht liegt die 10
Sache so, dafs der Künstler zu seinen Darstel-
lungen durch eine zu seiner Zeit berühmte und
beliebte Dichtung angeregt war; am nächsten
liegt es an das bellum Punicum des Campaners
Naevius zu denken. Dann gäbe uns jene Cista
ein Bild von der nävianischen Auffassung der
letzten Kämpfe des Helden, welcher sich Ver-
gil nicht durchgängig, aber in wichtigen Zügen
angeschlossen hätte. Indessen bleibt dies nur
eine Vermutung. Gegen Brunn erklärt sich 20
Nissen, zur Kritik der Aeneassage. Fleckeisens
Jahrb. 91. 18G5. S. 375 tf.
23) Etymologie des Namens Aineias.
Die Formen des Namens sind: AiviCa g bei
Homer , Hesiod, Dionys von Halikarnafs, Al-
viiyg Menekrates von Xanthos bei Dion. 1, 48
auf Vasen AINEES — Aivstys, Aiviag bei So-
phokles, Pindar, Thulcydides, Xenoplton, eben-
so auf Vasen, Aivyccg aus römischer Zeit auf
der Tabula lliaca und auf einem Basrelief troi- 30
scher Scenen, Revue de philol. 1, 441. Über
die verschiedenen Etymologieen vgl. Wörner
a. a. 0. S. 28. Die älteste Deutung giebt der
homerische Hymnus auf Aphrodite v. 198:
tw di val Aivliag bvog iGGizca , ovvsvcc g’
cclvbv ißitv a%og , ivsv.cc ßgozov ccvigog igm-
gov svvij. Etyni. magn.: tcccqcc zo cdvov zo
ö'eivbv yivizcu Alviug vcd Aiviiaq. 7) nagd
zb ccivo g , o cggccivu zov in cclvov Aiviuq val
AlviLccg. Daher Benseler-Pape: „Lobe“ oder <10
„Schreck“. Fick , d. griech. Personennamen
1874 erklärt den Namen aus dem Vollnamen:
Ai'vmnog 'Rofsiob’, vgl. D. E 263 ff. 323 tf. (?).
Wahrscheinlich ist der Name abgeleitet von
Ai'vrj (s. d.), Name einer zu Ekbatana verehrten
Göttin ( Polyb . 10,_27, 12 Hultsch), deren Kultus
mit dem der ’Avaizi.q, der ’Avca'a , der Aphro-
dite Urania übereinstimmte. Aiviiag bedeutet:
Sohn der Aine, vgl. ’EggiCag, Bogia g. Die
Aphrodite des troischen Jda ist dann eine 50
hellenisierte Aivg oder’Jvca'ttg; der Name Ai-
viLccg, der Monatsname Aivivog (der Ainemonat)
auf'Kypros, derName derStadt^AaoiaufPallene
sprechen für die Ausbreitung des Dienstes dieser
Göttin in alter, wahrscheinlich noch vorhelle-
nischer Zeit. Die Aphrodite Aiviidg in Leuhas,
Actium, bei Segesta im Gebiet der Elymer
gewinnt nun tiefere Bedeutung. Merkwürdig
ist, dafs Dion. 1, 73 auch auf der Stelle des
späteren Ianiculum bei Rom eine alte Stadt eo
Aivucc erwähnt als Überlieferung römischer
Schriftsteller. Hohn, Gesch. Sic. 1, 86 ff. ver-
mutet, dafs die sicilischen Elymer Abkömm-
linge der asiatischen Elymäer, der Bewohner
von Elam, und durch Vermittelung der Phöni-
zier nach Sicilien gekommen seien, vgl .Dunclcer,
Gesch. d. Altert. 4, 4 87 f. ; die Elymäer wohn-
ten der rAine’ in Ekbatana nahe genug. Winer
bibl. Realwörterb. unter Elam. Über die Ab-
leitung des Namens von Aine vgl. auch Mo-
vers, Gesch. d. Phon. 1, 627. (Ob noch wei-
tere Namen von Städten, Orten, Völkerschaften
auf diese Aine zurückgehen, bedarf der Unter-
suchung.) Kulte und Gottheiten des Hinter-
landes Asien haben auf die Sagen der Küsten-
landschaften Phrygien und Troas Einflufs ge-
habt, dies geht überdies aus dem Umstande
hervor, dafs llos und Assarakos, die zu der
Ahnenreihe des Aineias gehören, assyrische
Gottheiten sind = rllu’ und rAssur der Grofse’,
vgl. F. Lenormant, Gaz. Areheol. 1879. p. 239
mit Anm.
24) Zur Erklärung der Sage.
Die hellenischen Ansiedler von Troas fan-
den eine einheimische Sage von Aineias vor
und gaben ihr die hellenische Färbung. Die
Sage knüpfte sich, wie sie selbst sagt, an
die Herrschaft alter einheimischer Fürsten-
geschlechter an und erhielt durch Weissagungen
einheimischer Sibyllen, die zunächst diesen Ge-
schlechtern galten, ein erhöhtes Ansehen. Durch
die homerischen Dichter wurde sie für immer
in den troischen Sagenkreis aufgenommen und
gelangte zu allgemeiner Berühmtheit. Jm Ge-
folge der homerischen Gesänge ist sie aus
Troas nach dem Westen gewandert, nach
Westen, weil vom 8. bis zum 6. Jahrh. der
grofse Zug der hellenischen Auswanderung nach
den Küsten des ionischen und adriatischen
Meeres, nach Sicilien und Unteritalien anhielt.
Die einzelnen Stationen der Wanderung lassen
sich noch erkennen. Dieselbe Kraft, welche
die homerischen Gesänge ausbreiten half, der
alte Seehandel der Hellenen, hat auch unsre
Sage mit nach Westen genommen. Ob für die
nächste Station Aineia auf Pallene und für
Thrakien-Makedonien überhaupt neben dem
Handelsverkehr noch ursprüngliche Stammes-
verwandtschaft und Kultusgemeinschaft mit-
gewirkt haben, bedarf weiterer Untersuchung.
Vgl. Herodot. 7, 20. W. Deecke, Rhein. M. Bd.
36, 1881. S. 596. Dunclcer, Gesch. d. Altert l5
S. 450 ff. Die Aineiassage blieb auch auf ihrer
Wanderung ihrem Ursprung treu, sie setzte
sich an Orten fest, an denen ein alter Aphro-
ditedienst heimisch war; für mehrere dieser
Orte kann es als erwiesen gelten, dafs dem
hellenischen Aphroditedienst ein phönizischer
Astartekultus vorausgegangen war; Aineias ver-
drängte an solchen Orten wahrscheinlich einen
nichthellenischen Heros. Vgl. Fr. Fiedler, de
erroribus Aeneae ad Plioenicum colonias perti-
nentibus Progr. Wesel 1827. Duncker, Gesch.
d. Alt. I5, 268. 271. 328 f. 333 f. 337 ff. 342.
343. Städte, Tempel sind von Aineias gegrün-
det worden, heilst nichts anderes als: alte
Geschlechter dieser Städte leiteten sich von
dem Helden, oder von Söhnen und Töchtern
desselben, oder von seinen Genossen ab und
begründeten damit ihre Ansprüche auf das
Priestertum der betreffenden Tempel und auf
andere Vorrechte. Parallelen giebt R. Weil,
Mitteil, des deutsch. Ar'ch. Bist, in Athen. 6.
Jahrg. S. 11. — Auch an der Küste Latiums
findet sich gerade hei Lavinium ein Aphro-
ditetempel, Bundesheiligtum der Latiner; ein
189
190
Aineias (Deutung)
gleiches, vielleicht noch älteres bei Ardea.
Diese Tempel sieht man wohl mit Recht als
die Eingangspforten an, durch welche Aineias
in die latinische Sage eintrat. Die latinische
Sage zeigt übrigens Spuren phönizisch-kartha-
gischen, sicilischen, kumäischen und etrurischen
Einflusses. Es scheint, dafs in der zweiten
Hälfte des 7. Jahrh. v. Chr. die Sage von Troas
aus auf die Wanderung gegangen und gegen
Ende des 6. Jahrhunderts in Latium angekom- l
men ist; es bedurfte Jahrhunderte, ehe sie
hier heimisch wurde. Bis zu Vergil herab bil-
det dies einen festen Bestandteil der Sage,
dafs Aineias die Bilder und den Dienst seiner
heimatlichen Götter nach Latium gebracht
habe ( Verg . Acn. 7, 229 f. 12, 192. 836). Man
verstand darunter das Palladium und die Pe-
naten (letztere schon bei Naevius nach Pro-
bus Verg. Ecl. 6, 13 p. 14 Keil). Der altein-
heimische Penatenkultus erhielt in den Augen 2
des Volkes dadurch ein höheres Ansehen, dafs
man ihn durch einen gottbegnadeten Helden
von weit her ins Land bringen liefs. Der Tra-
dition scheint folgendes zu Grunde zu liegen:
Der Seehandel zwischen den Völkern des Mit-
telmeerbeckens umfafste nicht nur Bedürfnisse
des täglichen Gebrauches und des Luxus, son-
dern auch Gegenstände des Kultus. Hierher
gehört die Nachricht des Solin 2, 14, dafs
Aineias das Götterbild der Erutis (= Aphrodite) 3
aus Sicilien (Segesta und Eryx) nach Latium
gebracht habe. Phönizier, Hellenen, Tyrrhener
legten an den Küsten der Völkerschaften, mit
denen sie in Ilandelsverbindung traten, feste
Lager an, welche zugleich zu Warenniederlagen
und Werkstätten dienten und durch Altäre zu
Kultusplätzen der heimatlichen Götter, besonders
der Aphrodite, wurden. Solche Plätze wurden an
den Festen der Göttin Sammelpunkte für die Be-
völkerung derümgegend mit schwunghaften Mes- 4
sen. Die Landesbevölkerung kaufte dort ne-
ben den anderen Erzeugnissen einer höheren
Kultur auch die kleinen Idole aus Terracotta
oder Erz , die sie daheim auf ihren Hausaltar
setzten und als Penaten verehrten. Der Handel
mit solchen Idolen lag in der Hand des den
Kultus der Gottheit versehenden Priesters; er
und seine Nachkommen setzten sich zur
Göttin und ihrem Sohn in eine Art ver-
wandtschaftliches Verhältnis, vgl. Ix. Weil a. 5
a. 0.; sein Geschlecht trat unter günstigen
Verhältnissen im Lauf der Zeit mit den ein-
geborenen Adelsfamilien in Verbindung; so
wurde Aineias , der Sohn der Aphrodite , all-
mählich in die latinische Sage aufgenommen
und galt im Glauben des V olkes für den Über-
bringer der Penaten. Die Kolonisationssage
bis auf Vergil hat offenbar kulturhistorisch
wahre Züge auf bewahrt. (Vgl. E. Curtius ,
die Griechen in der Diaspora. Sitzungsber. der &
Berl. Ale. d. W. 1882. 43. 44. S. 944 ff. be-
sonders S. 951). Die Angabe des Timaios bei
Dion. 1, 67, dafs die Heiligtümer im inneren
Tempelgemach zu Lavinium ynrjgvni.ee aiSrjgä
ne :l jjDclyiä nul nsgagog Tgannog seien, bestätigt
die obige Auffassung. Die Heroldsstäbe weisen
auf die schutzsuchenden ersten Ansiedler, der
nsqagog Tgiornog auf die mitgebrachte Ware
Aineias (Deutg. u. Litt.)
hin. Was darunter zu verstehen, haben Sclilie-
manns Ausgrabungen gelehrt; man darf dazu
wohl auch rechnen die Idole der asiatischen
Geschlechtsgöttin (= Aphrodite), wie sie Schlie-
mann aus allen Schichten aufgegraben hat,
vielleicht auch die Idole der sogenannten
grofsen Götter ( = Kabiren). Sehr fraglich
wird es so, ob Mommsen, r. G. I4, 472 ff. mit
seiner Behauptung recht hat, dafs Timäus
der eigentliche Vollender der später geläufigen
Fassung der Troerwanderung, und dafs die Er-
zählung seine eigene nichtsnutzige Erfindung
sei. Die Sage selbst bewegt sich in An-
schauungen, welche die Unabhängigkeit des
Latinerbundes von Rom zur Voraussetzung
haben, weist also auf eine Zeit, wo Rom als
eine von den latinischen Bundesstädten wie
alle übrigen an den Sagen von Lavinium An-
teil hatte. Die Verwendung des Senats für
die stammverwandten liier bei einem Seleukos
und damit die erste Aufserung des Staats-
dogmas von der troisclien Abstammung der
Römer setzt Mommsen l4, 473 in das Jahr 282
v. Chr., vgl. Suet. Glaud. 25. (Dagen II. Nissen,
Zur Kritik der Aeneassage. Fleckeisens Jahrb.
91 (1865) S. 375 ff.). Ehe in dem konserva-
tiven Rom eine solche Sage Staatsdogma wer-
den konnte , mufste sie durch jahrhundert-
lange, vielfach im Lande verbreitete und in
die Familienchroniken der Patricier überge-
gangene Tradition geheiligt sein. Eine grofse
Anzahl römischer Häuser rühmte sich troi-
scher Abstammung, vgl. Dion. 1, 85. Schwegler
1 S. 334 f ; unter ihnen leiteten sich die Iulier
von Aineias1 Sohn lulos, die Aemilier von seiner
Tochter Aemilia ab. Die Beziehungen der gens
Iulia zur Aineiassage sind noch nicht völlig auf-
geklärt; die Iulier galten für ein altes alba-
nisches Geschlecht Dion. 1, 70. 2, 63. Liv. 1, 30
(dort ist Iulios für Tullios zu schreiben) ; nun
ist Askanios-Iulos der Gründer Alba-Longas;
was lag näher, als dafs sich ein albanisches
Adelsgeschlecht von dem Gründer Albas ab-
leitete? Gerade eine Reihe der ältesten Juliev
führen den Namen Iulus z. B. C. Iulius Iulus
Konsul 489 Dion. 8, 1. Vielleicht giebt Dion.
1, 70 die Tradition des Iulischen Geschlechtes,
wonach Iulus nicht Askanius selbst, sondern
dessen ältester Sohn war, der anstatt des al
banischen Königtums gewisse priesterliche
Würden erhielt, die sich dann in seinem Ge-
schleckte forterbten. V gl. Sclnvegler 1 . 335 f. Auf
Münzen der Iulier erscheint der V enuskopf zuerst
um die Mitte des 2. Jahrh. v. Chr.: Mommsen,
Gesch. des r. Miinzw. Nr. 106. 107. — Cuno,
Vorgesch. Borns 1 S. 217 ff. stellt die uner-
wiesene und unerweisliche Behauptung auf,
die Aineiassage und der Venuskult sei im
Veneterland heimisch gewesen und habe
sich von dort über das mittlere Italien aus-
gebreitet, und zwar hätten die ursprünglich
unweit des Sagrusflusses sitzenden Sacraner
die Sage und den Kultus nach Latium ge-
bracht (?). Ja der Name Aeneas soll sogar
vom etruskischen aesar (Gott) abgeleitet wer-
den. Aeneas = Asineas, Gottessohn.
25) Litteratur.
Die vorzüglichste, noch jetzt unentbehrliche
191 Aineades
Darstellung giebt A. Schwegler , röm. Gesell.
1. Bd.2 (1867) S. 279 — 336, und in den folgen-
den Abschnitten; dort 279 — 83 eine treffliche
Würdigung der früheren Literatur. B. II. Klau-
sen, Aeneas u. die Penaten 2 Bde. Hamb. 1839.
40, unerschöpfliche Fundgrube für die Kennt-
nis der Sage, aber oft dunkel und wirr. Prel-
ler, gr. Myth. (vgl. das Register) u. Preller-
Jordan röm. jßl. 3 2, 310 ff., mit einigerneueren
Litteratur. L. Lange , B. A. I3 S. 76 mit An-
gabe neuerer Litteratur, S. 73. 448. Preuner,
Uestia-Vesta 373 ff. Die deutschen Forschun-
gen fafst gut zusammen: I. A. Hild, la legende
d Enee avant Virgile. Paris 1883. S. 3 f. An-
gabe der Litteratur, darunter neuere französ.
Werke. Einzelschriften sind an den einschla-
genden Stellen der obigen Darstellung ange-
führt. [Wörner.] Davon:
Aineades (Alvsadyg, lat. Aeneades), Sohn und
Nachkomme des Aineias. So heifsen 1) Asca-
nius: Verg. A. 9, 653. — 2) die Mitglieder des
sich vom Aineias ableitenden Julischen Ge-
schlechts: Oo. Pont. 1, 1, 35. D. Cass. 62, 18.
— 8) Die Römer überhaupt: Polystr. ep. (Anth.
7, 297). Agath. ih. 9, 155. Hadr. ih. 9, 387.
6, 332. Abiah. ib. 9, 762. Vgl. auch Lucret.
1, 1. Ovid. fa. 4, 161. Met. ' 15, 682 ff. — 4)
Die Troianer: Verg. A. 1, 157. 565. 3, 18. 7,
616 u. ö. [Roscher],
Ainete (Ai \vyxrf), Tochter des Eusoros, Ge-
mahlin des Aineus, Mutter des Kyzikos: Ap.
Illi. 1, 950 (m. Scliol.) Orpli. Arg. 506.
[Roscher.]
Ainetos (Aivtrog), Sohn des Deion und der
Diomede: Apollod. 1, 9, 4.
[Roscher.]
Aineus (Alvsvg), Sohn des Apollon und der
Stilbe, Gemahl der Ainete, Vater des Kyzikos:
Apollon. A. 1, 948 u. Scliol. Orpli. Arg. 505.
[Roscher.]
Ainios (Ai'viog), ein von Achilleus am Ska-
mander erschlagener Päonier: II. 21, 210.
[Roscher.]
Ainippe (Alvlmirf), Amazone auf einer Hy-
dria in England, vgl. Bröndsted, Vases of Cam-
panari Nr. 28. [Klügmann.]
Aino (Aivoä), Troerin auf einem Vasenbild
b. Gerhard, Arcli. Ztg. 1846 p. 302 f. (vgl. C.
I. Gr. 7379). [ Roscher.]
Ainos (Alvog) 1) ein Troianer: Q. Smyrn. 11,
79. — 2) Bruder des Guneus, nach welchem
Ainos in Thrakien benannt war: Steph. Byz.
[Roscher.]
Aiole (Alohq) , Tochter des Aiolos und der
Telepora (Telej>atra?): Apostol. 1, 83. Scliol.
u. Eust. z. Od. 10, 6. [Roscher.]
Aiolia ( Aiolia , Aioltrf), 1) Tochter des Amy-
thaon, Gemahlin des Kalydon, Mutter der Epi-
kaste und Protogeneia, Grofsmutter des Oxylos :
Apollod. 1, 7, 7. — 2) mit und ohne vrjoog,
eine mythische Wunderinsel, schwimmend (nla>-
trf), felsig und von einer ehernen Mauer um-
geben, der Wohnsitz des Aiolos (s. d.), des
Beherrschers der Winde: Od. 10, lff. Q. Smyrn.
14, 474. Nonn. 13, 388. Strab. 1, 40. Strabo
276 versteht unter Aiolia die äolische Insel
Strongyle. Nach andern war es die Insel Li-
para: Diod. Sic. 5, 9. Strab. 1,20. Vgl. Völcker,
Aiolos 192
Hom. Geogr. S. 113 ff. Pauly, Bediene .2 1, 1,
393. [Roscher.]
Aiolios (Aiohog), Freier der Ilippodameia,
der von ihrem Vater Oinomaos im Wettrennen
überwunden und getötet wurde: Eoien b. Paus.
6, 21, 11. Suid. Scliol. Pind. Ol. 1, 127.
[Roscher.]
Aiolopeus ( Alolonsvg ), Freier der Hippoda-
meia: Scliol. Pind. Ol. 1, 127. Vgl. Aiohog.
[Roscher.]
Aiolos (Ai'olog). 1 und 2) Aiolos I., Sohn des
Hellen und der Nymphe Orseis, Enkel des Deu-
kalion, Bruder des Doros und Xuthos, Stamm-
vater der Aiolier. Er herrschte im thessalischen
Magnesia und zeugte mit der Enarete, der
Tochter des Deimaclios (oder der Eurydike
n. Gregor. Cor. Bhett. vol. 7 p. 1313 W. ; vgl.
Nauclc fr. trag. p. 404) sieben Söhne , Kre-
theus, Sisyphos, Athamas, Salmoneus, Deion,
Magnes, Perieres, (nach andern auch den Ma-
kar oder Makareus: vgl. Hy. in Ap. Del. 37.
Paus. 10, 38, 4. Hyg. fab. 242, den Aethlios,
Paus. 5, 8, 2, und den Mimas, Diod. Sic. 4,
67) und fünf Töchter, deren Namen in vielen
Genealogieen Vorkommen: Ivanake, Alkyone,
Peisidike, Kalyke, Perimede; nach Pausanias !
auch die Tanagra und die Arne (Paus. 9, 20,
1 u. 40, 5). Vgl. Eurip. fr. 14 N. Apollod. ;
1, 7, 3, Scliol. Find. Pytli. 4, 253. Paus. 4, 2, :
5. 6, 21, 11, 22, 2. Müller, Orchomenos 1 etc. j
S. 138 ff. 464. Gerhard, Gr. Mytli. 2, 223. i
Schubart, Quaest. geneal. 76 u. 78. Seine Toch-
ter Kanake tötete er nach Hyg. f. 238, weil ■
sie Blutschande mit ihrem Bruder Makareus
begangen (vgl. Ov. Her. 11). Nach Hyg. f. :
243 tötete Kanake sich selbst. Nach Sostratos
b. Blut. Parall. hist. gr. et rom. 28 (Mor. 312c).
war Aiolos ein tyrrhenischer König und Ge-
mahl der Amphithea , mit welcher er sechs
Söhne und sechs Töchter zeugte (vgl. C. I. Gr. )
6047 ; wie es scheint, überträgt Sostratos willkür- r
lieh Mythen von einem anderen Aiolos (s. No. 3) *
auf Aiolos I.). Als der jüngste Sohn Makareus
eine seiner Schwestern entehrt hatte, sandte i
ihnen Aiolos ein Schwert, womit sie sich beide
töteten; diese Sage behandelte Euripides in sei-
ner Tragödie Aiolos (vgl. Ov. Her. 11. Trist. 2,
384. Sostratos b. Stob. Floril. 64, 35 (= II p. 394.
Mein.). Welcher, gr. Tr. 2, S. 860 ff. Fragm.
tr. Gr. ed. Nauclc. S. 291 ff.). Bei Hyg. f. 125
wird dieser Aiolos mit dem homerischen Be-
herrscher der Winde verwechselt,. Nach Paus. \
9, 40, 3 war Aiolos auch der Vater der Arne,
der Personifikation einer gleichnamigen Stadt
in Thessalien und Böotien (Müller, Orchomenos 1
391 ff.) [Diod. 4, 67 und der Schot, z. Od. 10, 2
nimmt 3 Aiolos an. Danach war Aiolos I der
Sohn des Hellen, Aiolos II Sohn desHippotes und
der Melanippe, Enkel des Mimas, Urenkel von
Aiolos I, Aiolos III der Sohn des Poseidon und
der Arne, der Tochter von Aiolos II.] Diese Arne
wurde von Poseidon Mutter des 2) Aiolos II
und Boiotos ( Euphorion u. Nikokrates b. Steph.
Byz. u. Et. M. s. v. Boionög und Boicorla.
Müller, Orchomenos 1 392). Von diesem Aiolos II,
der vielfach mit dem Beherrscher der Winde
indentifiziert ist , handelten 2 Tragödien , die
Mi-lttvimrg i) cocpg und öianÜTtg des Euripi-
193
Aiolos
Aiolos
194
des ( Hauch . fr. tr. 404 u. 408 ft'. Hyg. f. 157
u. 180). ln der Mtlavimtrj g ösopOrig wird Me-
lanippe, Tochter des Desmontes (aus Desmotis
entstanden?) oder Aiolos I, in der Mslcevimig r\
Gocpr'i Tochter des Aiolos I und der Hippe, Toch-
ter des Cheiron, statt der Arne als Mutter von
Aiolos II und Boiotos genannt. In der Mela-
nippe fj Gocpfj kam die Aussetzung und Ent-
deckung der von Melanippe geborenen Zwillinge,
deren Rettung durch ein Geständnis der Mutter io
und ihre Blendung und Einkerkerung durch
Aiolos I vor. Nach Hyg. /'. 186, der aus der
anderen Melanippe des Euripides schöpfte, liefs
Aiolos I (Desmontes ?) die Melanippe nach
der Geburt des Aiolos II und Boiotos blenden
und einkerkern , die Söhne aber aussetzen.
Hirten fanden die beiden von einer Kuh ge-
säugt und erzogen sie. Als Theano, die Gat-
tin des Königs Metapontos von Ikarien , von
ihrem Gemahl wegen ihrer Kinderlosigkeit ent- 20
lassen werden sollte, schob sie die Söhne der
Melanippe unter. Da ihr später zwei eigene
Söhne geboren waren, überredete sie diese, den
Aiolos II und Boiotos zu ermorden. Aber diese
besiegten die Söhne der Theano im Kampfe,
und Theano tötete sich selbst. Später töteten
sie ihren Grofsvater, befreiten ihre Mutter,
welcher Poseidon das Augenlicht wiedergab,
und zogen zu Metapontos, welcher die Mela-
nippe heiratete. (Vgl. den folgenden Artikel), so
— 3) Aiolos III, nach Homer ein Sohn oder
Abkömmling des Hippotes (daher ’Itctiotix-
Sgg), ein Freund der Götter, Vater von sechs
Söhnen und sechs Töchtern (die paarweise
mit einander vermählt sind und ein glückli-
ches Leben in Saus und Braus führen), der
Beherrscher der schwimmenden Insel Aiolia
(s. d.) im westlichen Olieanos und Schaffner
(zayias) der Winde (Rom. Od. 10, 1— 27 f.).
Er empfing den irrenden Odysseus freundlich 40
und beherbergte ihn einen Monat lang. Beim
Abschied gab Aiolos dem Odysseus einen leder-
nen Schlauch mit, worin die ihm ungünstigen
Winde eingeschlossen waren. Aber die Ge-
fährten des Odysseus öffneten , während er
schlief, neugierig den Schlauch, und alsbald
brausten die Winde heraus und rissen das
Schiff wieder mit sich zurück nach der äoli-
schen Insel (s. Aiolia). Odysseus flehte zwar
den Aiolos abermals um Hilfe an , wurde 50
aber von diesem als ein von der Rache der
Götter Verfolgter schroff zurückgewiesen. Nach
Verg. Aen. 1, 52 ff. wohnt Aiolos auf einer der
sogenannten äolischen Inseln (vgl. Ap. Rh. 4,
764 u. Schol. z. 4, 761), wo er die sausenden
Winde und Stürme in einer festverschlossenen
Höhle bändigt, Aiolos selbst sitzt auf der
Höhe des Berges und läfst die Stürme nur
dann und wann durch eine mit seinem lanzen-
artigen Scepter in die Seite des Berges ge- co
stofsene Öffnung heraus fahren. Diese Vor-
stellung ist überhaupt bei späteren Dichtern
die herrschende geworden: Quint. Smyrn. 14,
475. Oo. Met. 1, 262. 11, 748. 14, 223 ff. Val.
Place. 1, 576. Die euhemeristische Darstel-
lung des Mythus vom Aiolos bei Diodor. 4,
67 u. 5, 7 f. ist augenscheinlich dem Bestreben,
Aiolos III, den Beherrscher der Winde mit
Aiolos I genealogisch zu verbinden und zu-
gleich mit Aiolos II, dem Bruder des Boiotos, zu
identifizieren, entsprungen. Zu diesem Zwecke
erfindet Diodor einen neuen Aiolos (= A. II),
durch den er Aiolos I mit Aiolos III verbindet,
sodafs folgende genealogische Reihe entsteht:
Aiolos I, Mimas, Hippotes (Sohn des Mimas
und der Melanippe), Aiolos II, Arne, Aiolos III .
Von seinem Aiolos III, den wir oben Aiolos II
genannt haben, erzählt Diodor. 4, 67 u. 5, 7f.
folgendes. Arne, die Tochter von Aiolos II,
wurde von ihrem Vater, als sie von Poseidon
geschwängert worden war, einem zufällig an-
wesenden Metapontier übergeben, der sie in
seine Heimat mitnahm. Als nun Arne in Meta-
pontion den Aiolos und Boiotos geboren hatte,
nahm ihr kinderloser Gastfreund diese auf
Geheifs eines Orakels an Kindesstatt an. Heran-
gewachsen und infolge eines Aufstandes Könige
von Metapontion geworden, töteten sie die
Autolyte, die Gattin ihres Pflegevaters, welche
mit Arne in einen Streit geraten war, und ent-
flohen mit ihrer Mutter. Aiolos ging auf die
äolischen Inseln im tyrrhenischen Meere, die
nach ihm benannt wurden, und baute daselbst
die Stadt Lipara (oder Liparos, der Sohn des
Auson, gab ihm seine Tochter Kyane und die
Herrschaft der Insel, während er selbst nach
Surrentum auswanderte; vgl. Diod. 5, 7). Mit
der Kyane aber erzeugte Aiolos sechs Söhne:
Astyochos, Xuthos, Androkles, Pheraimon, lo-
kastos und Agathyrnos, alle ebenso wie ihr
Vater durch Gastfreiheit , Frömmigkeit und
Tugend ausgezeichnet. Nach Scliol. z. Ud. 10, 6 u.
Apostol. 1, 83 erzeugte Aiolos mit der Telepatra
(Telepora?) , der Tochter des Laistrygonos , 6
Söhne und 6 Töchter. Die Söhne heifsenlokastes,
Xuthos, Phalakros, Chrysippos, Pheraimon (vgl.
Apost. 1, 83), Androkles, die Töchter ’fcpd'y
(?vgl. Apost. 1, 83), Aiole, Periboia, Dia, Asty-
krateia, Hephaisteia (vgl. auch Parth. Er. 2).»
Dieser Aiolos, sagt Diod. 5, 7, ist derselbe, zu
dem Odysseus auf seinen Irrfahrten gekommen
sein soll. Man erzählt von ihm, dafs er den
Gebrauch der Segel erfunden und es verstan-
den habe, aus Vorzeichen, die er an dem vul-
kanischen Feuer seiner Insel beobachtete (vgl.
Plin. 3, 94 u. Strab. 6 p. 275 f.), Wind und
Wetter vorauszusagen, weshalb ihn die Sage
auch zum Beherrscher der Winde gemacht hat.
Deutung. Die einzelnen Züge der home-
rischen und virgilianischen Sage von Aiolos dem
Beherrscher der Winde lassen sich leicht er-
klären. Der Name Ai'olog soll wohl die Be-
weglichkeit und Veränderlichkeit des Windes
ausdrücken (vgl. cdöllco und aiolos), das Leben
in Saus und Braus, welches Odysseus im Palaste
des Aiolos findet, die auch sonst sprichwört-
lich gewordene Gefräfsigkeit der Winde (vgl.
den Artikel Harpyien und Roscher, Hermes
S. 105. Schwartz, Poet. Haturanschauungen 2,
53). Der Windschlauch des Aiolos erinnert
dagegen an die bei Griechen und Germanen
vorkommende Sitte den Wind in einen Sack
oder Schlauch zu bannen ( Roscher , Hermes
S. 41, 73, 106). Ebenso wie Aiolos dem Odys-
seus sollen auch die Lappländer den Schiffern
Beutel und Schläuche mit eingeschlossenen
Roscher, Lexikon der gr. u. röm. Mytliol.
7
195
Aiolides
Aisakos
196
Winden mitgeben {Vofs , mytliol. Br. 1, 58.
Schacffer , Lapponia etc.). Der V ergilischen
Aiolossage scheint einerseits die Yorstellung
von den in Berghöhlen hausenden Winden
( Roscher a. a. 0. S. 20), andererseits eine an
die natürliche Beschaffenheit der Insel Stron-
gyle angeknüpfte weit verbreitete naturwissen-
schaftliche Spekulation zu Grunde zu liegen
(vgl. Plin. n. h. 3, 94. Strab. p. 275 ff. Sen.
Q. Nat. 6, 18. Farbiger z. Verg. Aen. 1, 52). x
Äufserdem ist wohl zu beachten, dafs mancher-
lei Züge aus der Sage von Aiolos dem Wind-
gott auf Aiolos I und II übertragen sind. Vgl.
JDiod. 5, 7. Sostratos b. Stob. flor. G4, 35 und
bei Plutarch, Baratt, bist. gr. et. rom. 28. Ov.
Her. 11, 9 ff. Hyg. f. 125. Literatur: Statt in
Paulys Bediene.- 1, 1, 395. Preller, gr. M. 2 1,
495. Jacobi, Handwörterb. unter Aeolus. —
4) Ein Freund und Begleiter des Aneas aus
Lyrnessos, der in der Schlacht gegen Turnus 2
bei Laurentuni fiel: Verg. Aen. 12, 542 ff Vgl.
auch Aen. 6, 164 u. 9, 774, wo Söhne eines
Troianers Aiolos (Misenus und Clytius) genannt
werden. [Roscher.] Davon:
Aiolides {Aioliöqg), Sohn oder Nachkomme
des Aiolos (s. d.). — 1) Sisyphos: 11. 6, 154.
Ov. Met. 13, 26. — 2) Kretheus: Öd. 11, 237.
— 3) Athamas: Ap. Rh. 3, 1093. Ov. Met. 4,
511. — 4)Iokastos: Callim. b. Tzetz. Lylc. 732.
— 5)Magnes: Paus. 6, 21, 7. — G)Makareus: 3
Ov. Met. 9, 506. — 7) Misenus: Verg. Aen. 6,
164. — 8) Miuyas: Ap. Rh. 3, 1093 (u. Schol.).
— ff) Triopas: Marcell. ep. { Anth . App. 50).
Schol. Call. li. in Cer. 100. — 10) Bellerophon-
tes; Find. Ol. 13, 96. — 11) lason: Find. P.
4, 127. — 12) Pli rix os: Ap. Rh. 2, 114. Val.
Fl. 1, 286. — 13) Idmon: Ap. Rh. 2, 851. —
14) Kephalos: Ov. Met. 6, 681. — 15) Odys-
seus: Verg. Aen. 6. 529. [Roscher.]
Aioliou {AlolCcov) , Sohn des Aiolos, d. i, 4
Makar: Horn. hymn. in Ap. Del. 37. [Roscher.]
Aiolis ( Alollg ), Nachkommin des Aiolos. —
1) Alkyone: Ov. Met. 11, 573. — 2) Polymeie:
Parth. Er. 2. — 3) Kanake: Ov. Her. 11, 5.
[Roscher.]
Aion (Attav) , 1) Eine späte Personifikation
der Zeit oder Ewigkeit {Q. Smyrn. 12, 194.
Norm. Dion. 7, 10 u. ö.), entweder Sohn des
Chronos ( Eur . Heracl. 900) oder des Wind-
gottes Kolpias und der Baau (= Nyx), Vater 5
des Genos und der Genea, Bruder des Proto-
gonos, der erste Mensch, welcher Baumfrüchte
genofs (Philo Bgbl. b. Eus. pr. ev. 1, 10). Eine
vatikanische, unter Commodus verfertigte Sta-
tue stellt Aion dar „als Mensch mit Löwen-
gesicht, geflügelt, von einer Schlange umwun-
den, deren Kopf gerade über der Mitte seines
Gesichts liegt, mit einem Blitz mitten auf der
Brust, einen Schlüssel in der rechten und einer
Fackel, sowie mit einem Scepter oder Mafs- 6
stabe in der linken Hand, zu seinen Füfsen
rechts ein Hammer und eine Zange, links ein
Caduceus, ein Hahn und ein Pinienapfel.“ S.
Müller -Wieseler Denkrn. d. a. K. 2, 967. Zoega
Abh. 187 ff Layard in d. Ann. dell' Inst. arch.
13 p. 170. — 2) Hund des Aktaion (Aithon?):
Hyg. f. 181. [Roscher.]
AipytOS ( Ai'nvzog ) 1) Sohn des Hippothoos,
König von Arkadien, Vater des Kypselos, wurde,
weil er in den Tempel des Poseidon zu Man-
tineia eindringen wollte, von dem Gotte ge-
blendet und starb bald darauf: Paus. 8, 5, 5.
10, 3. — 2) Jüngster Sohn des messenischen
Königs Kresphontes und der Mei-ope, Tochter
des Kypselos , also Urenkel des vorigen. Als
sein Vater und seine Brüder in einem Auf-
stande ermordet wurden , hielt Aipytos sich
o gerade bei seinem Grofsvater Kypselos auf und
entging so dem Tode; als er aber zum Manne
herangereift war, kehrte er mit Hilfe der Ar-
kader und der dorischen Fürsten (der Söhne
des Aristodemos und des Isthmios) nach Mes-
sene zurück und rächte den Tod seines Vaters,
indem er den Polyphontes, der den Kresphon-
tes erschlagen und seine Witwe Merope wider
ihren Willen geheiratet hatte, tötete. Darauf
gewann er durch seine treffliche und kluge
o Regierung solches Ansehen bei den Vornehmen
und im Volke, dafs man seine Nachkommen
nicht mehr Herakliden, sondemAipytidennannte.
Sein Sohn und Nachfolger hiefs Glaukos. Vgl.
Eur. fr. 452 ff. N. Paus. 4, 3, 6 ff 5, 1. 8, 5,
7. Hyg. f. 137. 184. Apoll. 2, 8, 5. Enn. b.
Auct. ad Her. 2, 38. Von Hygin. a. a. O. wird
Aipytos Telephontcs, von Euripides Kresphon-
tes genannt. Vgl. auch Welcher, gr. Tr. 2,
828 ff und Mittler , Dorier 1, 99. — 3) Sohn
o des Elatos, König von Phäsane am Alpheios
in Arkadien ( Find . Ol. 6 , 33 (55), Herr-
scher von ganz Arkadien nach dem Tode des
kinderlosen Kleitor {Paus. 8, 4, 3. 7), wurde
auf einer Jagd von einer kleinen Schlange ge-
bissen und starb auf dem Berge Sepia unweit
der Kyllene, wo er auch begraben wurde {Paus.
8, 16, 2 f.). Sein Grab erwähnt bereits Homer
11. 2, 603. Vgl. d. Schol. z. d. St. Er erzog
Euadne (s. d.) und ging bei ihrer Schwanger-
0 schalt zornvoll nach Delphi, um ihren Ver-
führer zu erfahren. Das Orakel antwortete ihm,
dafs Apollon selbst der Vater des Knaben
(Iamos) sei, und dieser dereinst ein mächtiger
Prophet und Vater einer zahlreichen Nach-
kommenschaft werden solle: Find. Ol. 6, 33 ff.
u. Schol. — 4) Sohn des Neileus (Neleus), En-
kel des Kodros, der Gründer vonPriene: Strab.
633. Paus. 7, 2, 7. Eustatli. ad Dion. 825.
[Roscher.]
o Aisa {Alaa), poetischer Name der Molqcc bei
Dichtern: Aescli. Cho. 647. Soph. fr. 604 D.
Q. Smyrn. 1, 390. 10, 331 ö. S. Moira.
[Roscher.]
Aisakos {Ai'aunog), 1) Sohn desPriamos und
der Arisbe, Tochter des Merops {Apoll. 3, 12,
5. Schol. II. 24, 497), oder der Alexirrhoe, Toch-
ter des Granikos {Ov. M. 11, 763), Gemahl der
Asterope oder Hesperia, Tochter des Flusses
Kebren {Apollod. a. a. O. Ov. Met. 11, 769).
o Nachdem er von seinem Grofsvater Merops die
Traumdeuterei erlernt hatte, weissagte er dem
Priamos, dafs ein Sohn der Hekabe (Paris) den
Untergang Trojas herbeiführen werde, und riet
deshalb jenen nach seiner Geburt auszusetzen.
{Apollod. a. a. O. Lykophr. 224 u. Schol.). Als
seine Gattin Asterope oder seine Geliebte (Hes-
peria) an einem Sclilangenbifs starb, und Äisa-
kos vor Gram sich ins Meer stürzte, wurde er
Aischreis
Aitlier
198
197
von der mitleidigen Thetis in einen Taucher
verwandelt ( Apollod . u. Ov. a. a. 0.). — 2) Ein
Anführer der Kentauren: Norm. D. 14, 190.
[Roscher.]
Aischreis {AlaxqgCg), eine der fünfzig Töch-
ter des Thespios , von Herakles Mutter des
Leukoncs: Apollod. 2, 7, 8. [Roscher].
Aisepos ( Aiaynog ), 1) Sohn des Okeanos und
der Tethys, Gott eines mysischen Flusses, der
bei Kyzikos in die Propontis fällt: Hesiod.
, Theog. 342. Nom. II. 2, 825. Q. Smyrn. 2,
1 590. Plin. 5, 141. — 2) Sohn des Bukolion
und der Nymphe Abarbaree (s. d.), ein Troer:
II. 6, 21. [Roscher].
Aison ( Ai'ocov ), Sohn des Kretheus, des Grün-
ders von Iolkos, und der Tyro , der Tochter
des Salmoneus, oder der Skarphe, Gemahl der
Polymede, der Tochter des Autolykos ( Apollod .
1, 9. 11. 16. Hes. fr. 111 Götti. Nom. Od. 11,
259. Tzetz. Lyk. 872. Schol. II. 2, 532), oder
der Alkimede (Ap. Bk. 1, 46. 233. Schol. z. 230.
! Ov. Herold. 6, 105. Hyg. f. 3. 13), oder der
Amphinome ( Diod . Sic. 4, 50) oder Polypheme
j ( Herodor . b. Schol. Ap. Rh. 1 , 45) oder Poly-
mela ( Ncsiod . b. Schol. Od. 12, 69) oder Theo-
gnete ( Andron b. Schol. Ap. Rh. 1 , 45). Er
war der Halbbruder des Pelias und Vater
des Iason (s. d.). Nach Apollod. 1, 9, 27
wollte ihn Pelias unmittelbar vor der Rück-
! kehr der Argonauten aus dem Wege räumen,
: Aison aber bat um die Erlaubnis sich selbst
töten zu dürfen, trank das Blut eines Opfer-
stieres und starb davon. (Vgl. Roscher in Fleck-
j eisens Jahrhh. 1883, S. 158ff.). Nach Diod. 4, 50
mufste er auf Befehl des Pelias Stierblut trin-
ken. Die Nostoi {Schol. in Nur. tom. 4, 2, 2
Rind.) und Ov. Met. 7, 163 u. 250 ff. erzählen da-
' gegen, dafs Aison die Rückkehr seines Sohnes
erlebt habe und von Medeia wieder verjüngt
worden sei. S. den Art. Argonauten. Davon
Aisonides {AiGovCSiqg) , Beiname des Iason,
des Sohnes des Aison: Hes. Th. 993. Ap. Rh.
: 1, 46. 463. 887. 4, 785. Theocr. 13, 17. Orpli.
| A. 57. Ov. Met. 7, 164 u. s. w. [Roscher].
Aisyetes {Alavfrgg) , ein Troer, Vater des
Alkathoos {II. 13, 427), dessen Grabhügel dem
: Polites als Warte diente {II. 2, 793). Vgl.
1 auch Strab. 13, p. 597. [Roscher].
Aisyle {AlavXrf) , Name einer der Hyaden
(s. d.), bezeugt von Pherekydes in den Schol.
. z. II. 18, 486, wahrscheinlich identisch mit der
bei Hyg. Poet. Astr. 2, 21 vorkommenden Phae-
■ syle(?). [Roscher].
Aisymnetes {Alavprfirgg) , ein Beiname des
Dionysos, unter welchem er zu Paträ in Achaia
i verehrt wurde {Paus. 7, 19, 6 ff. 20, 1. 21, 6).
Die Entstehung dieses Kultus erzählt Paus. a.
a. 0. folgendermafsen. Infolge eines im Tem-
l pel der Artemis Triklaria begangenen Frevels
forderte diese Göttin das jährliche Opfer des
l schönsten Knaben und des schönsten Mädchens,
doch war zugleich vom Orakel zu Delphi ver-
kündigt worden , dafs dieses Opfer aufhören
! solle , wenn ein fremder König den Kultus
eines fremden Gottes einführen würde. Nun
war dem Eurypylos, dem Sohne des Eujimon
nach der Eroberung von Troja bei der Tei-
! lung der Beute ein Kasten mit dem Bilde des
Dionysos, einem von Zeus einst dem Darda-
nos geschenkten Werke des Hephaistos, zuteil
geworden, das nach einigen Aineias, nach an-
deren Kassandra zurückgelassen haben sollte,
um den künftigen Besitzer ins Unglück zu
stürzen. (Nach einer andern Überlieferung
sollte Eurypylos, der Sohn des Dexamenos von
Olenos, den Kasten mit dem Bilde vom Hera-
kles erhalten haben, als er diesen auf seinem
Zuge gegen Ilion begleitete). Sobald nun Eu-
rypylos nach Öffnung des Kastens das Bild
des Dionysos erblickte, wurde er wahnsinnig.
Um Heilung zu finden, fuhr er nicht nach Hause,
sondern nach Delphi, wo ihm die Antwort zu-
teil wurde, er solle den Kasten dort weihen
und sich dort niederlassen, wo er ein fremd-
artiges Opfer erblicken würde. Vom Winde
nach Ai'oe in Achaia verschlagen , landete er
hier gerade in dem Augenblicke, als man der
Artemis jenes obenerwähnte Menschenopfer
darbringen wollte. Da wurde plötzlich Eury-
pylos geheilt und die Bewohner von Aroe stif-
teten, als sie den fremden Fürsten mit seinem
Götterbilde sahen, ein Fest des Dionysos Ai-
symnetes. Die Entstehung dieses eigentümli-
chen Mythus erklärt sich wohl zweifellos aus
der Verdrängung eines uralten barbarischen
Kultus der Artemis durch den mildere Opfer-
gebräuche heischenden Dionysoskultus.
[Roscher],
Aithalides {A l&cclidyg), 1) Sohn des Hermes
und der Eupolemeia, der Tochter des Myrmi-
don, aus Phthiotis (Alope oder Larisa), der
Herold der Argonauten, zugleich ein tüchtiger
Bogenschütze {Apoll. Rh. 1, 54 u. Schol. Orpli.
Arg. 134. Val. Fl. 1, 437. Hygin f. 14), der von
seinem Vater die Gabe eines unverwüstlichen
selbst im Hades noch fortdauernden Gedächt-
nisses erhalten hatte und abwechselnd in der
Unterwelt und auf der Oberwelt leben durfte
{Ap. Rh. 1, 641 ff. Plierek. b. Schol. z. 1, 645.
Tzetz. Chil. 4, .520). Pythagoras verwertete
bekanntlich diese Sage für seine Lehre von
der Seelenwanderung, indem er behauptete,
die Seele des Aithalides habe sich nach meh-
reren Wanderungen mit seinem Leibe verbun-
den und sei sich aller ihrer früheren Zustände
und Erlebnisse nach deutlich bewufst (Heracl.
P. b. Riog. Laert. 8, 1, 4. Schol. Ap. Rh. 1,
645. Porphyr. V. Pyth. 45. Tz. Chil.. 4, 520.
Welcher, Aeschyl. Tril. 209. 276). — 2) Grie-
che, von Äneas vor Troia getötet: Q. Smyrn
11, 201. — 8) Einerder tyrrhenischen Seeräu-
ber (= Aithalion, s. d.), welche den Dionysos
entführen wollten und in Delphine verwandelt
wurden: Hyg. f. 134. [Roscher.]
Aithalion {Ai&aUav) , einer der Tyrrhener,
die von Dionysos zur Strafe in Delphine ver-
wandelt wurden: Ov. Met. 3, 647, s. Aitha-
lides 3. [Roscher.]
Ait.he {Ai'&g), eines der Rosse Agamemnons,
nach Schol. II. 23, 346 vom Areion abstam-
mend: II. 23, 295 ö. Paus. 5, 8, 3. Flut.
Gryll. 4. de aud. poet. 12. Suid. [Roscher.]
Aither (Al&fiq), die in der mythischen Kos-
mogonie der Griechen vorkommende Personi-
fikation des Äthers, d. h. der oberen reineren
Himmelsluft {— caelum), welche, wie bei den
7*
199
Aitkeria
Indern , als Sitz des Liclites und der oberen
Götter, namentlich des Zeus, gedacht wurde
(vgl. Cic. n. d. 3 , 44. 53 f. Lucret. 5 , 498.
Verg. Aen. 12, 140. Gornut. n. d. 1. Lelirs
de Ar ist. stud. Hom. 167 ff. Roth in der Ztschr.
d. dtschn. morgenl. Ges. 6 , 68. Kaegi, Rer
Rigveda, Zürich 1879. S. 22. Anm. 124). He-
siod. Th. 124 l'alst Aitker als Sohn des Ere-
bos und der Nyx und Bruder der Hemera
(vgl. auch Com. de nat. d. 17), Hygin. fab.
praef. als Sohn des Chaos und der Caligo,
Bruder der Nox, des Erebos und der Dies.
Mit der Dies (Tag) zeugt er Erde, Himmel
und Meer, mit der Erde eine Reihe von Übeln
oder Lastern z. B. Schmerz, List, Zorn, Trauer,
Lüge, Eidschwur u. s. w. ferner Oceanus, The-
mis, Tartarus, Pontus, die Titanen, Briareus,
Gyges , Steropes , Atlas , Hyperion , Saturnus,
Ops, Moneta, Dione, die drei Furien ( ITyg .
a. a. 0. vgl. Cic. n. d. 3 , 44.). In den Or- s
phischen Hymnen (vgl. Orpli. Hy. 5) erscheint
Aither als Weltseele, d. h. als feuriges Lebens-
element aller lebenden Wesen. Später iden-
tifizierten einzelne Dichter Aither und Zeus
oder Uranos und Hessen ihn in ein eheliches
Verhältnis mit der Erde treten: Verg. G. 2,
325 u. Forbiger z. d. St. Lucr. 1, 251. 2, 991.
(Vgl. Aesch. fr. 43 N.). Nach Cic. a. a. Ö. 44 ff.
ist er Vater des Iuppiter und Caelus, Grofs-
vater des Sol. Der Schol. z. Theoikr. 1 , 121 3
nennt Pan Sohn des Aither und der Oineis
oder einer Nereide. Nach Alcusilaos b. Schol.
z. Theoikr. 13 (arg.) erzeugte Aither mit der
Nyx den Eros. [Roscher.]
Aitkeria oder Aitherie (AlfisgCy), Tochter
des Helios und der Klymene, Schwester des
Phaethon, nach dem Tode ihres geliebten Bru-
ders wie die übrigen Heliaden in eine Pap-
pel verwandelt: Hygin. praef. u .fab. 154. 152.
156. Ov. Met. 2, 340 ff. [Roscher.] 4
Aithilia (Ai'fiiU «), Tochter des Laomedon,
Schwester des Priamos. Nach der Zerstörung
Ilions wurde sie die Gefangene des Protesi-
laos(?). Als dieser, um Wasser einzunehmen,
bei Mende und Skione landete, überredete Ai-
thilla ihre Mitgefangenen, die Schiffe in Brand
zu stecken, sodafs Protesilaos (?) gezwungen war
dort zu bleiben: Conon Narr. 13. Pomp. Mela
2, 2, 33. Polyaen. 7, 47 (hier heilst sie Anthia),
Tzetz. z. Lylcophr. 921. 1075 (wo sie Aithylla 5
genannt wird). Alle diese Schriftsteller schöpf-
ten wohl aus den Nostoi. [Roscher.]
Aithiolas (Aifiiohxf), Sohn des Menelaos und
der Helena, zusammen mit seinem Bruder Ni-
kostratos in Lakedämon verehrt: Schol. II.
3, 175. Fast. z. II. 400, 32. Suid. [Roscher.]
Aithion (Aifiiav), 1) Seher, Genosse des
Phineus, bei der Hochzeit des Perseus und der
Andromeda von Perseus getötet: Ov. Met. 5,
146. — 2) Sohn einer lielikonischen Nymphe, 6
der auf dem Zuge der Sieben gegen Theben
fiel: Stat. Tlieb. 7, 756. — 3) Name eines Ros-
ses des Euneos: Stat. Theb. 6,465. [Roscher].
Aithiops (Alfiioip) , 1) Beiname des Zeus:
Lylcophr. 537 u. Schol. Fast. z. Od. 1, 22 p. 1385,
61 ed. R. — 2) Sohn des Hephaistos, von
dem Äthiopien benannt worden sein soll: Plin.
N. II. 6, 187. — 3) Name eines Sonnenrosses
Aithra 200
(vgl. Alfiotp , Für. b. Ath. 456 b): Fumel. b.
Ilyg. f. 183. [Roscher],
Aithon ( A'ificov ), 1) Rofs desHektor: 11. 8, 185.
— 2) Rofs des Sonnengottes: Ov. M. 2, 153. Eu-
hemeros (?) b.Hyg.f. 183. Myth. Vat. 1, 113. Schol.
Für. Phoen. 3. — 3) Rofs der Eos: Sero . Verg.
Aen. 11, 89. — 4) Rofs des Pluton: Claud.
rapt. Pros. 1, 284. — 5) Rofs des Pallas, des
Sohnes des Evander, das seines Herrn Tod be-
weinte: Verg. Aen. 11, 89. — 6) Rofs des Ares:
Q. Smyrn. 8, 242. ■ — 7) Der Adler, der den
Prometheus quälte: Hyg. f. 31. Vgl. II. 15,
690. — - 8) Hund des Aktaion: Hyg. f. 181. —
9) Name, den sich Odysseus beilegte, um die
Penelope zu täuschen: Od. 19, 183. — 10) Bei-
name des Erysichthon (oder des Phlegyas)
wegen seiner Gefräfsigkeit (von hubg cüficov
= Heifshunger) : Tzetzes s. Lylcophr. 1396. Hel-
lan. b. Athen. 10, 416 b. Ael. Vf 11. 1, 27. Cal-
o lim. Rem. 67. [Roscher].
Aithops (Aifioip) , 1) Sohn des Pyrrhasos,
Gefährte des Menvnon, von Antilochos getötet:
Q. Smyrn. 2, 247. — 2) s. Aithiops 3.
[Roscher.]
Aithra (Aifigcc oder Affig « C. I. Gr. 7746),
1) Okeanide, Gemahlin des Atlas, Mutter der
Hyaden und des Hyas: Timaios b. Schol. z. II.
18, 486. Ov. fast. 5, 171. Hyg. f. 192. — 2)
Tochter des Königs Pittheus von Troizene,
o besonders berühmt als Gemahlin des Aigens
(s. d.) und Mutter des Tlieseus (vgl. Apollod.
3 , 10 , 7. Hyg. f. 14. Plut. Utes. 3). Nach
Paus. 2, 31, 12 kam noch vor Aigeus Bel-
lerophontes nach Troizen und warb um Ai-
thra, wurde aber noch vor der Vermäh-
lung verbannt. Derselbe Paus. (2 , 33 , 1 f.)
erzählt von Aithra , dafs sie , von Athene im
Traume aufgefordert, einst auf die zu Troi-
zen gehörige Insel Sphairia (später Hiera ge-
o naunt) gegangen sei, um dem Sphairos, dem
Wagenlenker des Pelops, ein Totenopfer dar-
zubringen. Als sie hier von Poseidon über-
rascht worden, habe Aithra einen Tempel der
Athene Apaturia, d. i. der Täuschenden, ge-
stiftet und zugleich den Brauch eingeführt,
dafs die troizenischen Jungfrauen vor der Hei-
rat ihre Gürtel der Athene weihten. Nach
Apollod. 4, 15, 7 u. Hyg. f. 37 soll Poseidon
der Aithra als neuvermählter Gattin des Aigeus
o beigewohnt haben, während Plut. Thes. 6 die
Sache so auffafst, als habe Pittheus die Sage,
dafs Poseidon der Vater des Theseus sei, blofs
deshalb erfunden, weil Poseidon der Haujjt-
gott von Troizen war. Wahrscheinlich er-
klärt sich die Annahme der gleichzeitigen dop-
pelten Vermählung der Aithra mit Aigeus und
Poseidon aus der ursprünglichen Identität beider,
denn Aigeus (s. d.) scheint nur ein zu selb-
ständiger Bedeutung gelangter Beiname des
o Poseidon zu sein. Später wurde, als Theseus
und Peirithoos gerade in der Unterwelt ab-
wesend waren, Aithra, welcher Theseus die ge-
raubte Helena anvertraut hatte, von den beiden
Dioskuren von Aphidnai oder Athen (Paus. 5,
19, 4), wo sie sich aufhielt, nach Sparta ent-
führt und kam so schliefslich als Sklavin der
Helena nach Troia (II. 3, 144. Hyg. f. 92.
C. I. Gr. 6125). Nach der Eroberung dieser
201
Aithusa
Aitolos
202
Stadt wurde sie hier unter den übrigen kriegs-
I gefangenen Sklavinnen von ihren eigenen En-
keln, Demophon und Akanias, den Söhnen des
Theseus ( Pseudodem . 60, 29 nennt fälschlich
Akamas einen Sohn der Aithra), erkannt und
! auf deren Bitte von der Helena freigegeben.
! (Vgl. aufser den schon angeführten Belegen
ArJUinos Iliupersis fr. 3 Kinkel. Apollod. 3,
16, 1. Paus. 5, 19, 1. Lesches ib. 25, 7f. Hyg.
! f. 14. 37. 79. 92. Biet. 1, 3. 5, 13. Ov. Her.
10, 131. Plut. Thes. 3, 4, 6, 34 f. Vgl. auch
I C. I. Gr. 7743d. 8440b. 7746. Nach Hyg in., f.
\ 243 tötete sich Aithra später seihst aus Gram
über den Tod ihrer Söhne.
Bildwerke. Bereits auf dem Kasten des
Kypselos war Aithra als mifshandelte Sklavin
der Helena dargestellt (Paus. 5, 19, 4. Bio
1 Chrys. or. 11). Ähnlich war ihre Darstellung
| auf dem Gemälde Polygnots in der delphi-
nach Alkimos eine Tochter des Uranos und
der Ge, nach Seilenos b. Steph. Byz. s. v. TLcc-
linf] des Okeanos, nach Demetrios von Kalla-
tis des Briareos, Schwester des Sikanos, nach
welcher der bekannte Vulkan benannt worden
sein soll. Simonides erzählte von ihr, sie sei
in dem Streite, welchen Hephaistos und De-
meter um den Besitz Siciliens führten, als
Schiedsrichterin aufgetreten ( Schol . Theocr. 1,
io 65). Nach Seilenos a. a. O. und Scrv. z. Verg.
Aen. 9, 584 war sie von Hephaistos (oder Zeus)
Mutter der Paliken. — 2) der Vulkan Ätna auf
Sicilien, der schon frühzeitig eine Rolle in der
Mythologie spielte. Entweder galt er für den
Berg, welchen Zeus auf den Typhon schleu-
derte: Aesch. Pr.om. 365. Find. Pyth. 1, 20.
Apollod. 1, 6, 3. Strab. 626. Hyg. f. 152. Ov.
Her. 15, 11. f. 491. M. 5, 352. Val. Fl. 2,
24, oder man glaubte, dafs Enkelado3 (Orph.
Aithra und Theseus, welcher Schwert und Schuhe des Aigeus unter dem Felsen
hervorholt, Relief in Villa Albani (Rom).
| sehen Lesche (Paus. 10, 25, 7). Aufserdem
findet sich Aithra von Poseidon überrascht
(Gerhard, Auserl. Vas. 1, 12), mit Theseus
Paus. 1, 27, 8. Zoega Bassir. 48. Mus. Borb.
2, 12. Campana op. in plast. t. 117. Gerhard
a. a. 0. 3, 158. Mon. d. Inst. 6, 22. Braun ,
die Schale des Kodros. Gotha 1843 (vgl. C. I. Gr. 50
j 8440b u. s. w.), endlich nach der Eroberung
Ilions von ihren Enkeln zurückgeführt (Over-
| heck, Gail. her. Bildw. S. 618 ff.). Vgl. Brunn
in Paulys Realenc.- 1, 1, 484. Ein sehr schö-
nes Vasengemälde, welches die Führung der
Aithra aus der Stadt ins Griechenlager durch
ihre Enkel darstellt, befindet sich an einem
Krater aus Volci, jetzt im Britischen Museum
(vgl. Mon. d. Bist. 2, 25). — 3) Gemahlin des
Phalanthos (s. d.) Paus. 10, 10, 8. [Roscher.] 60
Aithusa ( Ai'&ovGa ), 1) Tochter des Poseidon
und der Alkyone, Geliebte des Apollon und
Mutter des Eleuther: Apollod. 3, 10, 1. Paus.
9, 20, 1. — 2) Thrakerin, Mutter desLinos und
■ Urahnin Homers: Charax h. Suid. s. v. "Oag-
qos. Vgl. Lobeck Agl. p. 323. Welcher , Ep.
Cycl.2 1, 137 f. [Roscher],
Aitnc (Aixvrf) , 1) eine sicilische Nymphe,
A. 1257. Verg. A. 3, 578. Opp. Gyn. 1, 273.
Claud. r. Pros. 1, 155) oder Briareos unter ihm
begraben seien (Callim. h. in Bel. 143). Vgl.
aufserdem Strab. 248. Sil. It. 14, 58. Claud.
r. Pros. 1, 160. Gell. 17, 10. Macrob. S. 5, 17).
Später hielt man ihn auch für die Wohnung
und Werkstatt des Hephaistos (s. d.) und der
Kyklopen: Eurip. Cycl. 298. Callim. Bel. 144.
Cic. de div. 2, 43. Hör. ca. 1, 4, 7. Prop. 4,
1, 45. Strab. 1, 20 ff. Lucil. Aetna 29. Solin.
55, 16 M. [Roscher].
Aitnaios (Alrvakog, lat. Aetnaeus),__ 1) Bei-
name des Zeus , welcher auf dem Ätna ver-
ehrt und dem ein Fest, ra Altvccicc, gefeiert
wurde: Find. Ol. 6, 162 u. Schol. Nein. 1, 6. —
2) Beiname des ebendaselbst verehrten Hephai-
stos: Eurip. Cykl. 599. Val. Fl. 2, 420. tAcl.
h. an. 11 , 3. — 3) Böiname der am Ätna
wohnhaft gedachten Kyklopen: Verg. Ae. 8,
440. 11, 263. 3, 668. Ov. Pont. 2, 2, 115. —
4) Sohn des Kabiren Prometheus, welcher in
Böotien wohnte, und welchem Demeter eine
geheimnisvolle Gabe anvertraute : Paus. 9, 25, 6.
[Roscher],
Aitolos (Aucohog), 1) Sohn des Endymion
203
Aius Locutius
Akakallis
204
und der Nymphe Seis oder Neis, oder der Iphia-
nassa, Herrscher von Elis Apd. 1, 7, 6. Nach
Pausanias (s. u.) galt aufserdem für seine Mutter
bald Asterodia, bald Chromia, bald Hyperippe.
Seine Geschwister aus derselben Ehe waren
Paion, Epeios und Eurykyde (oder Eurypbyle
Conon 14. Etyrn. m. 426, 29. Arist. in Schol. II.
11, 688). Behufs der Entscheidung über die
Thronfolge ordnete Endyxnion einen Wettlauf
zwischen seinen Söhnen in Olympia an, in r
welchem Epeios Sieger blieb, worauf erdieHerr-
scliaft erhielt. Aus Gram über die erlittene
Schmach floh Paion in weite Ferne, und das
Land jenseit des Axiosflusses in Makedonien
bekam von ihm den Namen Paionien. Aitolos
aber blieb im Lande und wurde nach der
Flucht des Paion dessen Nachfolger. Da traf
ihn während der dem Azan zu Ehren veran-
stalteten Spiele das Mifsgeschick, dafs er un-
vorsätzlich den Apis tötete und infolge dessen 21
vor Apis’ Söhnen aus der Peloponnes ent-
fliehen mufste (nach Strabo 8, p. 357 vertreibt
ihn Salmoneus). Er entweicht in das Flufs-
gebiet des Acheloos in das Land der Kureten,
tötet dort Doros, Laodokos und Polypoites, die
Söhne des Apollon und der Phthia, die ihn
gastlich aufgenommen hatten, und nachdem
vor ihm die Kureten das Land geräumt, erhält
von ihm deren Gebiet den Namen Atolien.
Paus. 5, 1, 2 — 8. Apd. 1, 7, 6 ff. Strabo 423; 3
463 — 466. Scymn. 476. Conon. 15. Aufser Paion,
Epeios und der Eurykyde werden noch als
seine Geschwister genannt Naxos, St. B. s. v.
und Pisa, Schol. Find. Olymp. 1, 28. Schol.
Theolcr. 4, 29. Seine Gemahlin war Pronoe,
die Tochter des Phorbos, mit der er den Pleu-
ron und Kalydon zeugte, Apd. 1, 7, 7.
Die Sage von Aitolos ist mythologische
Umdichtung der historischen Thatsache, dafs
die Aitoler, im Uranfang der griechischen Ge- 4
schichte durch irgend welche Macht aus der
Peloponnes vertrieben, sich in dem Lande der
Kureten, dem nachmals sogenannten Ätolien,
niedergelassen haben: der Stamm flüchtet
unter dem Namen des Stammesheros,
so dafs also die alte Deutung des Namens
AlzoAog als „Bettler“, „Fremdling“ ( Etym.magn ■
u. tcolog' cm b xcov sic a> Qryicxzcov ovoycczu tlg
log, olov . . cclzcn cdzcolog wenigstens mit Be-
zug hierauf eine sinnige ist. Zwei ätolische 5
Städte trugen übrigens die Namen seiner
Söhne Pleuron und Kalydon , Apd. 1 , 7 , 7.
— 2) Sohn des 0 x y 1 0 s (aus Elis) und
derPieria, Bruder des Laios, Paus. 5, 4, 4:
Nach seinem frühzeitigen Tode errichteten ihm
seine Eltern nach einem Orakelspruche, dafs
seine Leiche weder aufserhalb noch innerhalb
der Stadt ruhen dürfe, unmittelbar unter dem
Thore, welches nach Olympia und dem Tempel
des Zeus führte , ein Grabdenkmal. Noch zu (
Pausanias’ Zeit brachte alljährlich dort der
Gymnasiarch ein Totenopfer. — 3) Sohn des
Amphiktyon, Enkel des Deukalion. Scymn.
590. Steph. B. u. tDvayog. — 4) Sohn des Oi-
neus. Hccat. b. Athen. 2, 35 B. — 5) Sohn
des Ares, der zuerst den Schwungriemen am
Wurfspeer angebracht haben soll. Plin. 7, 56,
201. [Bernhard.]
1
Aius Locutius (Loquens Cic.), der Sprecher,
eine Gottheit der Römer (derselbe Begriff durch
zwei synonyme Worte bezeichnet wie bei Vica
Pota, Anna Perennd). Vor der Eroberung
Roms durch die Gallier liefs sich eine Stimme
vernehmen, die vor der Ankunft der Gallier
warnte. Man achtete derselben nicht; nach-
dem sie sich aber bewährt hatte, liefs Camil-
lus nach Vertreibung der Gallier, um die Nicht-
achtung jener Stimme zu sühnen, dem ver-
meintlichen Rufer ein Heiligtum mit einem
Altar auf derselben Strafse gegenüber der Stelle 1
errichten, wo die Stimme gehört worden war. !
Liv. 5, 32, 6; 50,5. Gell. n. Att. 16, 17. Cic.de
div. 1, 45; 2, 32. Plut. Cam. c. 14; 30; de fort.
Born. 318, 46. S. Indigitamenta. [Bernhard.]
Aix (Alg) , 1) s. Amaltheia. — 2) Sohn des
Python: Plut. Q. Gr. 12. Vgl. Mommsen, Bel- i
phika 210 f. [Roscher.]
Akademos (AyciSpyog), attischer Lokalheros, h
der den Tyndariden bei ihrem Einfall in At-
tika verriet, dafs ihre von Theseus geraubte
Schwester Helena in Aphidnä gefangen gehal-
ten werde. Deshalb wurden ihm von jenen
hohe Ehren zuteil, und die Lakedämonier ver-
schonten seitdem jedesmal bei Einfällen in
Attika die nach Akademos benannte Stätte i
der Akademie. Von einigen wurde er auch He- ||
kademos oder Ecliedemos genannt. Plat. Tlies. .
0 32. Biog. Laert. 3, 9. Steph. Byz. s. 'Ex«<Lj-
f lsik. Eupol. in Meinek. frg. com. gr. 2, p. 437.
Schol. Arist. nub. 992. Schol. Bern. 24, 736, 6.
[Bernhard.]
Akakallis (Ay.aycdlig), eine Nymphe. Nach
einer Sage der Elyrier auf Kreta naht sich
ihr in der Stadt Tarrha, im Hause des Kar- 1
manor, Apollon und zeugt mit ihr den Phyla-
kides und Philandros. Eine Ziege in Erzgufs, 1
welche jene Kinder säugte, hatten die Bewoh-
ner von Elyros nach Delphi als Weihgeschenk
geschickt. Paus. 10, 16, 3. — 2) Tochter des |
Minos (s. d.), von Hermes Mutter des Kydon [1
(Paus. 8, 53, 5. Schul, zu Apoll. Bh. 4, 1492),
von Apollon Mutter des Naxos (Schol. zu Apoll. !
Bh. a. a. O.), des schönen Miletos (Anton. Lib. 1
30) und des Amphithemis und Garamas. Als )
sie mit letzterem schwanger ging , sandte sie
Minos nach Libyen (Apoll. Bhod. 4, 1490 ff.); i
nach der Geburt des Miletos entfloh sie aus |j
Furcht vor ihrem Vater und setzte den Sohn
im Walde aus: auf Apollos Geheifs aber !j
nährten und pflegten ihn Wölfe, bis ihn
Hirten fanden und bei sich erzogen (Aut. Lib.
a. a. 0 ). Bei Apollod. 3, 1,2 ist ihr Name
Akalle. Als Mutter des Kydon bezeichnete
sie die kretische Sage; nach tegeatischer war
Kydon ein Sohn des Tegeates und mit seinen
beiden Brüdern Archedios (?) und Gortys in
Kreta eingewandert. Paus. a. a. 0. Nach
Steph. Byz. s. v. Kvdcovla war Kydon ein
Sohn des Apollon, und Akakallis auch Mut-
ter des Oaxos, nach welchem die gleichna-
mige Stadt am Ida benannt war. In Betreff
der Deutung des Mythos s. Boscher, Apollon
u. Mars S. 78 ff., der ihn mit der Legende von
Romulus und Remus vergleicht. — 3) Name
für die Narcisse. Eumachos b. Athen. 15, 68 le. j
[Bernhard.]
205
Akakos
Akanthis
206
Akakos (’Axuxog), ein Sohn des Lykaon, Epo-
nymos und Gründer von Akakesion in Arka-
dien (Faus. 8, 3, 2) und Erzieher des Hermes
(Paus. 8, 36, 10), der nach Paus. a. a. 0. ihm
seinen Beinamen Axay.r'iaiog verdanken sollte,
während derselbe in Wirklichkeit wohl den
Gott als Abwehrer des Unglückes und Spender
guter Gaben (äcozcog täcov) bezeichnen sollte.
(Vgl. auch Steph. Byz. s. v. Axccxgaiov).
[Roscher.]
Akalanthis (Axcdccvih’g) , 1) eine der neun
Töchter des Pieros, welche , weil sie sich mit
den Musen in einen Gesangswettstreit einzu-
lassen gewagt, von diesen in Vögel verwandelt
wurden. So soll Akalanthis in einen Stieglitz
(ccxcthxvQ'ig, dxav&t'g) verwandelt worden sein.
(Nikandros bei Anton. Lib. 9 ; vgl. auch Ov.
Met. 5, 295 ff. u. 670 ff.). Wahrscheinlich liegt
der Geschichte von den Töchtern des Pieros
ein altes Tiermärchen zu Grunde, welches den
Unterschied des kunstlosen Vögelgesanges und
der musischen Kunst hervorheben sollte. —
2) Beiname der Artemis (Ar. av. 873 u. Schol.).
[Roscher.]
Akalle (Axdllig) — Akakallis (s. d.). Apollod.
3, 1, 2. [Roscher.]
Akamantis (Axcigavzig), Beiname der Aphro-
dite bei Parthenios: Plin. nat. hist. 3, 35.
Steph. Byz. s. v. KvziQog und Axagdvziov, (wo
Meinehe, analecta Alexandrina p. 362 annimmt,
dafs der Name falsch auf die Stadt bezogen
sei). [Crusius],
Akamas (Av.uyag = „der Unermüdliche“),
1) Sohn des Antenor und der Theano, Füh-
rer der Dardaner im troischen Kriege , im
Verein mit Aineias und seinem Bruder Archi-
lochos rühmlich beteiligt am Kampfe gegen
die Schiffsmauer. Als Aias den Archiloclios
getötet hatte, brachte Akamas dafür den Pro-
machos um, worauf er selbst durch Meriones’ .
Hand fiel. II. 2,822; 12,100; 14,476; 16,343.
Schol. zu II. 13, 643. lies. s. v. Axdgixvza. Bei
Qu. Sin. 10, 168 fällt er durch Philoktet. Vgl.
auch Antenor u. Antenoriden. — 2) Sohn des
Eussoros, Fürst der Thraker, 11. 2, 844. Schol.
Ap. Bli. 1, 948. Biet. 2, 35, berühmt durch Tap-
ferkeit und Schnelligkeit (II. 5, 492), fällt durch
des Telamonischen Aias Hand (II. 6, 7. Schol. zu
13, 943), nach Biet. 3, 4 dagegen durch Idome-
neus. — 3) Ein Kyklope , Diener des Hephai-
stos , Val. Fl. Argon. 1, 583. — 4) Sohn des
Theseus und der Phaidra , Heros Eponymos
der Akamantischen Phyle; Bruder des Demo-
phon , mit dem er öfter verwechselt wird (s.
d.); beide sind Helden des troischen Krieges,
welche der attische Patriotismus erst spä-
ter in den troischen Sagenkreis einschwärzte;
bei Homer selbst kommen sie nicht vor, vgl.
Preller gr. M. 2, 465; zuerst hat sie Arktinos
vonMilet in seiner TUov ztigoig mit der troischen i
Sage verwoben (vgl. Welcher , ep. Cyld. 2,
222; 528), ihm sind dann die Späteren, inson-
derheit auch die Tragiker, gefolgt, vgl. Sopli.
Phil. 562. Für. Hec. 125. Heracl. 35. Tr. 31.
Qu. Sm. 4, 332. Paus. 1, 5, 2; 3; 10, 10, 1;
10, 26, 3. Strabo 14, 683. Biod. Sic. 4, 62.
Hesych. Acscliin. 2, 31 u. Schol. Bern. 60, 29.
Auf der Akropolis zu Athen sahen aus dem
dorthin geweihten ehernen Rosse neben anderen
Landesheroen auch die beiden Theseussöhne
heraus, Paus. 1, 23, 10. Zu Delphi war er in
der Lesche auf Polygnots Gemälde von Ilion
mit abgebildet, Paus. 10, 26, 2, auch hatte er
dort eine Statue, 10, 10, 1. Andere Kunstwerke,
in denen er mit Aithra (s. d.) und Demophon
gruppiert ist, s. b. Overbeck, Bildtv. z. theb. u.
tr. II. 632 ff. u. Gerhard, etr. u. camp. Vasen
i Taf. 12, beim Streit des Odysseus und Diome-
des um das Palladion Mon. d. inst. 6, 22, und
bei Trojas Zerstörung Bull. d. inst. 1843, 71
(s. Paulys JEncyJcl.2 1, 1, 28, Anm.). Nach
Plut. Thes. 35 zieht er und sein Bruder
mit Elephenor, Chalködons Sohn, zu wel-
chem Theseus beide bei seiner Flucht von
Athen gesandt, gegen Ilion, nach dem Tode
des Menestheus kehren beide mit der Aithra
nach Athen zurück und gelangen wieder zur
Herrschaft. Nach einer anderen Überlieferung
wird er schon vor dem Auszuge der Griechen
mit Diomedes nach Troja geschickt, um die
Helena zurückzufordern , Parth. nar. am. 16.
Tzetz. Anteliom. 156. Da entbrannte des Pria-
mos Tochter Laodike für den jugendlich-
schönen Mann in so heftiger Liebe, dafs sie
die jungfräuliche Scham überwand und sich
der Philobia, der Gemahlin des Perseus, des
Herrschers von Dardanos, anvertraute. Diese
wufste durch Vermittelung ihres Mannes eine
Zusammenkunft zwischen Akamas und Lao-
dike in Dardanos zu bewerkstelligen. Akamas
nahte sich ihr uucl zeugte mit ihr den Muni-
tos (bei Plut. Thes. 34 ist Munitos Sohn des
Demophon), der von Aithra, der Grofsmutter
des Akamas, nach Trojas Fall mit zurückge-
nommen wurde, aber zu Olynth auf der Jagd
durch Schlangenbifs umkam, Biet. 1, 5. Tzetz.
Lykophr. p. 495. — Akamas war mit im Bauche
des hölzernen Pferdes bei der Eroberung Trojas
(Verg.Aen. 2,262. Hyg. 98,1. Paus. 1,23, 10. Qu.
Sm. 12, 326. Tryphioil. 177, 662. Tzetz. Posthorn.
647); nach der Eroberung fiel ihm Klymeneals
Beute zu, Biet. 5, 13. Auf der Rückkehr ver-
weilt er eine Zeit lang in Thrakien, gefesselt
von der Liebe zu Phyllis; dann aber verläfst
er sie und findet auf Kypros, wohin er eine
Kolonie geführt hatte, beim Sturze vom Pferde
in sein eigenes Schwert fallend, den Tod. Vgl.
auch Schol. zu Lykophr. 496. Die Liebesge-
schichte mit Phyllis wird auch von Demophon
erzählt, wenn auch mit anderem Ausgange,
Hyg. 60, 24; 136, 8. Ov. Her. 2. ars am. 3,
37. Coluth. rapt. Ilel. 208. Das Genauere s.
unter Phyllis und Demophon. — Die Stadt
Akamantion in Grofsphrygien war nach ihm
benannt, Steph. B. s. v. , aufserdem die oben-
genannte akamantische Phyle und der Berg Aka-
mas auf Kypros. Vgl. Tzetz. zu Lykophr. a. a. O.
Strabo 14, 681 — 83. Luc. nav. 7. Hesych. Ptol.
1, 15, 4; 5, 14, 1. Anon. st. mar. magn. 204,
ö. Sext. Emp. mathem. 1, 257 [vgl. auch 0. I. Gr.
7746. 8142. 8154R.]. [Bernhard.]
Akanthis oder Akanthyllis (Axav&ig, Axctr-
&vVu'g). Autonoos und Hippodameia hatten
vier Söhne: Anthos, Erodios, Schoineus, Akan-
thos und eine Tochter Akanthis (Akanthyllis).
Die letzteren waren also benannt nach der TJn-
207 Akantko
fruchtbarkeit des Landes, das dem Autonoos nur
Binsen (o%oCvov g) und Dornen (dxav&ag) trug.
Dagegen war er reich begütert an Herden
und hütete diese selbst mit seinem Weibe und
seinen Söhnen. Eines Tages überfielen seine
Stuten den Anthos, der sie wild gemacht hatte,
indem er sie von der Weide ausschlofs, und
zerfleischten ihn. Da trauerte die gesamte
Familie um den Tod des Anthos, bis Zeus
und Apollo sich ihrer erbarmten und alle
in Vögel verwandelten: den Autonoos in eine
Rohrdommel, die Hippodameia in eine Hau-
benlerche, den Anthos, Erodios, Schoineus,
Akanthos und die Akanthis in die gleichna-
migen Vögel. Anton. Lib. 7. Erodios war be-
nannt nach dem geringen Umfang seines Wei-
deplatzes: „enel avxov fiQwyaev o %ö)Qogu. Ant.
Lib. a. a. 0. [Bernhard.]
Akantko (’Axccv& w), in dem auf hellenistische
Quellen zurückgehenden (vgl. Didymi fr. ed.
Schmidt p. 363) euhemeristischen Göttersystem
bei Cicero de nat. deorum 3, 21 p. 595 Cr.,
235 Schorn. — Arnob. 4, 14 p. 145 Orelli (anders
Arnpelius 9, 3. Io. Lyd. u. a.) Mutter des vier-
ten Helios auf Rhodos. Vgl. KdvSodog Sohn
des Helios und der Rhodos (zu xtxvScdog, uv-
&Qo:ig lies. ? Üurtius Etyrn. p. 511). Der Name
ist wahrscheinlich einer (von einem hellenisti-
schen Dichter behandelten) Verwandlungssage
entnommen. Vgl. ctnccv&os und die Klytia-
Sage. [Crusius.]
Akanthos s. Akanthis.
Akariiän (Av.ctQvdv) , Sohn des Alkmaion
und der Kallirrhoe, Stammvater der Akar-
nanen, die früher Kureten hiefsen. Apolloä. 3,
7, 5 ff. Paus. 8, 24, 9. Alkmaion hatte, nach-
dem er den Mord an seiner Mutter Eriphyle
begangen , nach mancher Irrfahrt im Ge-
biete des Acheloos eine Ruhestätte gefunden,
die Tochter des Acheloos Kallirrhoe geheiratet
und mit ihr zwei Söhne Akarnan und Ampho-
teros gezeugt. Weil Kallirrhoe nach dem Pe-
plos und dem Halsband der Harmonia (s. d.)
Verlangen trug, kehrte Alkmaion zu seiner
früheren, von ihm verlassenen Gemahlin Ar-
sinoe, der Tochter des Königs Phegeus von
Psophis, zurück, der er beides als Geschenk
zurückgelassen, als er fluchbeladen aus Psophis
entwich, und entwendete durch List dem Phe-
geus jene Geschenke. Als dieser den Trug
erfuhr, liefs er ihn durch seine Söhne er-
morden. Da erbat sich Kallirrhoe. von Zeus,
clafs ihre Söhne alsbald zu männlicher Voll-
kraft gediehen, und als sie ihres Wunsches
Erfüllung erlangt, sandte sie dieselben aus
zur Rache des Vaters. Sie erschlugen zunächst
die Söhne des Phegeus, mit denen sie zufällig
im Hause des Agapenor (s. d.) inTegea zusam-
mentrafen, wandten sich dann gegen die Resi-
denz des Phegeus selbst und mordeten dort die-
sen samt seiner Gemahlin. Dann brachten sie,
mit Hilfe der Tegeaten und Argiver glücklich
ihren Verfolgern entronnen, dem Gebote des
Acheloos gemäfs Halsband und Peplos als
Weihgeschenke nach Delphi. Endlich zogen
sie nach Epirus, wo die Landschaft Akarna-
nien nach dem älteren Bruder den Namen er-
hielt. Apollod. a. a. 0. Vgl. Ov. Met. 9, 412—
Akastos 208
417. Thubjd. 2, 102. Ephor, b. Strabo 10,
462. Scymn. 462. Nach dem Schot, zu Find:
Ol. 1, 127 war Akarnan mit unter der Zahl
der von Oinomaos getöteten Freier der Ilippo-
dameia. [Bernhard.]
Akaste (’Axdaxrf), eine der Okeaniden (s. d.)
nach Hes. Th. 356, welche sich nach Hymn. in I
Cer. 421 auch unter den Gespielinnen der
Persephone befand, als Hades diese raubte.
[Roscher],
Akastos (’Axuaxog), 1) Sohn des Pelias, des
Königs von lolkos , und der Anaxibia , der
Tochter des Bias, oder der Phylomache, der
Tochter des Amphion, Bruder der Peisidike,
Pelopeia, Hippothoe und Alkestis ( Apollod . ,
I, 9, 10. Ap. Eh. 1, 326. Eurip. Alk. 732),
Vater der Sterope {Apollod. 3, 13. 3), Stlienele
(Apollod. 3, 13, 8) und Laodameia ( Hyg.f. . 103 f.). ;
Seine Teilnahme am Argonautenzug wird be- I
zeugt von Ap. Eh. 1, 224, 321. Apollod. 1, 9,
16. Hyg. f. 14. Val. Fl. 1, 164ff. 484ff. Grph. \
Arg. v. 224 (Konjektur). Dafs sie gegen Wis- j
sen und Willen des Vaters erfolgt sei, erzählte
auch Demagetos bei Schot. Ap. Eh. 1 , 224.
Seine Beteiligung an den Kämpfen der Argo- ;
nauten heben hervor Ap. Eh. 1, 1041. 1082. '
Val. Fl. 6, 720. Doch bleibt er eine sekun- I
däre Figur in der Argonautensage. Seine Teil-
nahme an der kalydonischeii Jagd ist bezeugt
von Ov. Met. 8, 306, inschriftlich gesichert in
der Darstellung der kalydonischen Jagd auf
der Vase des Klitias und Ergotimos Mon. d.
Inst. 4, 54. Arcli. Zeitg. 8, T. 23, 24. Akastos )
ist des Vaters Nachfolger in der Herrschaft
über Iolkos und veranstaltet diesem zu Ehren
die berühmten Leichenspiele, Apollod. 1, 9, 27.
Hyg. f. 273, die dargestellt waren auf der
Lade des Kypselos; vgl. Paus. 5, 17, 9 xovxcp Sa \
(seil. ’lcpLxXig) viv.covxi ogayn xov oxecpctvov b
’AxKoxog, am Throne des amykläischen Apollo
von dem Magnesier Bathykles (Paus. 3, 18, 16
xal ov ’Axacxog tQ'.gxev ayüvcsc enl naxgC) und j
im Anakeion zu Athen auf einem Gemälde des
Mikon (Paus. 1, 18, 1: xcd of xrjg ygacprjg y
anovSr ) ficclioxcc eg ’Axußxov xcd xov g i'nnovg
s%£L xov ’Axdaxov). Am ausführlichsten behan-
delt die Sage des Akastos Verhältnis zu dem
Aiakiden Peleus. Die Fabel, dafs Peleus, bei I
Akastos von dessen Gemahlin, deren leiden-
schaftliche Liebe von dem keuschen Jünglinge
zurückgewiesen worden ist, verleumdet, bei der
Jagd auf dem Pelion durch göttliche Hilfe den
Nachstellungen seines Gastfreundes entgeht,
ist im einzelnen verschieden ausgeführt wor- i
den. Hesiod hat die Sage nur kurz berührt:
Akastos habe des Peleus Schwert, ein Geschenk
des Hephaistos, verborgen, damit jener, es su-
chend , von den Kentauren im Peliongebirge
getötet werde (fr. 72. Goettl. bei Porphyr, zu
II. 6, 164. fr. 110 bei Schot. Find. Nem. 4, 95).
Pindar nennt Nem. 4, 54 ff. des Akastos Ge-
mahlin Hippolyte (vgl. Hör. Od. 3, 7, 17 f.),
durch deren Intriguen der König veranlafst
worden sei dem Peleus aus dem Hinterhalt
Tod zu ersinnen; nur dem Cheiron verdanke
dieser seine Rettung. Nem. 5, 26ff. führt er
Kretheis Hippolyte (Iasons Schwester, Iby-
lcos bei Schot. Ap. Eh. 1 , 287 , die Enkelin
io
20
30
40
50
60
209
Akeles
I
I
;
i
des Kretheus?) als die Verleumderin des Pe-
leus bei Akastos ein. Der Schol. zu Nein.
4, 88 nennt sie Kretheis, die Tochter des Hip-
polytos, und erzählt, dafs Peleus, von Akastos
in der Einsamkeit des Pelion den wilden Tie-
ren oder Kentauren zur Beute zurückgelassen,
von Hephaistos das rettende Schwert empfan-
gen habe. Am ausführlichsten ist Apollod. 3,
13, 3. Nach ihm kommt Peleus, nachdem er
seinen Gastfreund Eurytion wider Willen ge-
tötet hat, nach Iolkos und wird durch Akastos
von diesem Morde gereinigt (irrtümlich bei
Ov. Met. 11, 409, Fast. 2, 40 von dem Morde
seines Halbbruders Phokos). Von dessen Ge-
mahlin Astydameia verleumdet, wird er bei
der Jagd auf dem Pelion zurückgelassen, sein
Messer aber verborgen ; beim Suchen nach
demselben von den Kentauren gefangen, wird
er vom Cheiron gerettet. Der Schol. zu Ap.
Eh. 1, 224 nennt des Akastos Gemahlin Kre-
theis oder Hippolyte; nach ihm wird Peleus
von Hermes oder Cheiron mit dem von He-
phaistos gefertigten Messer beschenkt , mit
welchem er die wilden Tiere des Pelion tötet
(vgl. Ar. Nub. 1063). Vgl. noch Anton. Liber.
Metam. 38. Preller , G. ML 2, 397. In enger
Verbindung mit der besprochenen Sage steht
die von der Eroberung der Stadt Iolkos durch
Peleus. Nach Find. Nem. 3, 33 hat Peleus
sie allein ausgeführt, vgl. Nem. 4, 55 f. (neegt-
dcontv Atfiovsaoiv ) mit Schol. z. d. St. Nach
Pherelcydes bei Schol. Find. 3, 55 wurde ihm
von den Dioskuren und Iason Hilfe geleistet,
vgl. Apoll. 3, 13, 7. Nicol. Damasc. fr. 56
(Hist. Gr. fr. 3, 389) und Suidas s. v. ’Aza-
lav ttj. Nach Apollod. a. a. 0. wird dabei von
Peleus des Akastos Gemahlin getötet, nach Schol.
Ap. Bli. 1, 224 mit dieser Akastos selbst (w's
cpaoi ziveg). Dagegen ist die Andeutung in
der Ilias 24, 488, dafs der alte Peleus in
des Sohnes Abwesenheit von den Nachbarn be-
drängt werde, dahin ausgeführt worden , dafs
Akastos ihn aus seinem Lande vertrieben habe
(Für. Troad. 1 1 2 7 f . ) oder nach Schol. II. £1 488
Akastos und seine Söhne "Agxccvdgog ■huI’Aqxl . . .
Der Überlieferung, dafs Iason den Peleus
unterstützt habe , entspricht die Wendung,
Akastos habe Iason und Medeia aus Iolkos
vertrieben (Apoll. 1, 9, 27. Tzetz. Lylcoplir. 175);
dagegen hat nach Diod. 4, 53 (vgl. tlyg. f. 24)
Iason dem Akastos die Herrschaft in Iolkos
freiwillig abgetreten und ist diesem nachher
Thessalos, des Iason Sohn, gefolgt (Hiocl. 4, 55).
Als Herrscher wird Akastos nach Pherai ver-
setzt von Mnasigeiton bei Flut. Kscp. ’El-
hrjv. 19 p. 388. Vgl. O. Müller , Orcliomc-
nos1 255.
Von den Neueren spricht nur II . D. Mül-
ler, Gesell, d. gr. St. 1, 224 von Akastos, der
nach ihm den Stamm der Aioler gegenüber
dem achäischen Peleus und dem thessalischen
Thessalos repräsentiert; sein Name sei ein
Schimpfwort: „der Ungeschminkte“ (cc-xccd). —
[2) König von Dulichion: Od. 14, 336. [Ro-
scher.] [Seeliger.]
Akeles (’Aueforis), Sohn des Herakles und der
Malis, einer Dienerin der Omphale, Epony-
mos der Stadt Akele in Lykien: Ilellanikos b.
Akko 210
Stcph. Byz. s. v. ’AutXrj , s. auch die Artikel
Acheles, Agelaos und Acheletides.
[Roscher.]
Akesamenos (,Aw.sG(G)agsv6g), König von Pie-
rien, Gründer und Eponymos von Akesamenai,
einer Stadt in Makedonien (Steph. Byz. s. v.
’A^saagevaf), Vater der Periboia (II. 21, 142).
[Roscher.]
Akesidas (’AHSGidag), ein Heros, der zu Olym-
pia einen Altar hatte , welcher von einigen
Altar des Idas, des idäischen Daktylen (Kure-
ten), genannt wurde: Paus. 5, 14, 7. S. Dak-
tyloi. [Roscher.]
Akesis ("Anscig), ein epidaurischer Heilgott
aus dem Kreise des Asklepios, von Pausanias
(2, 11, 7) dem sikyonischen Euamerion und
dem pergamenischen Telesphoros gleichge-
stellt (vgl. C. I. G. add. 511). [Roscher.]
Alteso (’Aksgcq), weiblicher Dämon des Hei-
lens, Tochter des Asklepios und der Epione
(Suid. s. v. ’Hniövp). Vgl. auch Akesis.
[Roscher.]
Akeste (’AxsGtri), Amme der Töchter des ar-
givischen Adrastos, Stat. Theb. 1, 529. [Stoll.]
Akestes (’AnsGzr]g(?), b. Verg. Aen. 1, 550 ö.
Acestes), Eponymos und Gründer von Segesta,
welches auch Azysaza und ’Eysc zu liiefs. S.
Aigestes und Ägestas und vgl. Serv. z. A.
a. a. O. [Roscher.]
Akestor (’Aksgzcoq) , der Heilbringende; 1)
Sohn des Epliippos aus Tanagra, von Achilleus
getötet. Flut. qu. gr. 37. — 2) Sohn des Epidy-
kos (-lykos?), Nachkomme des Aiakos, Vater
des Agenor, ein Athener, Stammvater des Mil-
tiades und Thukydides. Pherecyd. in Marcell. v.
Time. 3 (ed. Krüger). — 3) Beiname des Apol-
lon (s. d.). Vergl. Ar. vesp. 1221. Für. Andr.
890. [Bernhard,]
Akidnsa (; AnlSovaa ), Gemahlin des Skaman-
dros (Sohnes des Deimachos und der Glaukia),
von welcher eine Quelle in Böotien ihren Na-
men erhalten haben soll. Ihre 3 Töchter wur-
den göttlich verehrt und Jungfrauen (nag&s-
voi) genannt. Wahrscheinlich sind darunter
die 3 Chariten zu verstehen ( Flut . Q Gr. 41.
Bursian Geogr. v. Gr. 1, 223). [Roscher.]
Akis (Axig) , Gott des gleichnamigen Flus-
ses , der auf dem Ätna entspringt , von dem
Ovid (Met. 13, 750ff.) erzählt, er sei ein Sohn
des Faunus und der Nymphe Symaithis (vgl.
den sicilischen Flufs Zvycu&og) und der von
der Galateia begünstigte Nebenbuhler des Ky-
klopen Polypliemos gewesen. Dieser soll ihn
mit einem Felsstück zerschmettert haben, wor-
auf er in den Flufs Akis, der unter einem Fel-
sen entsprang, verwandelt wurde (Ov. a. a. 0.-
882 ff. Serv. z. Verg. Ecl. 9, 39; vgl. Philox.
fr. 6 ff. B.). Ein vielleicht hierauf bezügliches
Bildwerk behandelt O.Jalin in Gerhards Denkvi.
u. Forsch. 1852. Nr. 37. S. 416. [Roscher].
Akko (Av.v.i ri), ebenso wie Alphito (’Alqnzco)
und Mormo (Moggcö) einer der Popanze, womit
die Frauen unartige Kinder schreckten (Ghry-
sipp. b. Flut, de stoic. rep. 15: d'icov zc< nea-
ddgicc zov kcthogxoIsiv cA yvvainsg uvslgyovGiv).
Wahrscheinlich sind die Ausdrücke ccnnlfciv,
-sa&ai (Hesych. Etym. M.) und uu-HiGfiog da-
von abzuleiten, zu deren Erklärung später die
211
Aklemon
Akontios
Geschichte von einer albernen Frau Akko erfun-
den wurde, welche wir b. Flut. prov. Al. 65.
Et. M. 49, 3. Suid. s. v. äunigofievo g etc. lesen.
Vgl. auch M. Schmidt zu Hesych. s. v. crsnog.
Möglicherweise hängt der Name Akko mit
döxog (lakonisch ux-hoq Hesych.) zusammen;
so dafs unter Akko ursprünglich ein Gespenst
mit einem Sacke oder Schlauche gemeint
war, dazu dienend die unartigen Kinder hinein-
zustecken. So erklärt sich auch zugleich der i
Name Alphito, da man Gerstenmehl (alcpna)
nach Od. 2, 354 f. 380 in Ledersäcken oder
-Schläuchen aufbewahrte. Vgl. auch Hesych.
s. v. d<m<a cphxvQ^sig und M. Schmidt z. d. St.
Löbech, EhematiJcon p. 325 f. [Roscher.]
Aklemon (Ayilrjycov) , Name eines Kerkopen
(s. d.) bei Tzetz. Chil. 5,81. Norm. exp. in Greg.
Naz. 1, 39 (vgl. Lobeclc Aglaoph. p. 1298 c. v.
Lcutsch zu Zenob. 5, 10); bei JEudokia 72 p. 47
(p. 80 Flach) heifst er vielmehr ’Atigcov. Wei- 2
teres siehe unter rKei'kopen’. [Crusius.]
Akmenai fAriurjvcd (?) vvycpcu ), Beiname der
Nymphen zu Olympia: Paus. 5, 15, 6.
[Roscher.]
Akmon ('Anycov), 1) einer der idäischen Dak-
tylen (s. d.), also wahrscheinlich die Personi-
fikation des Ambos (av.gcov): s. die Verse der
Phoronis b. Schol. Ap. Bh. 1, 1129; Strab. 473.
C. I. Gr. 2374. — 2) Sohn der Gaia, Vater
des Uranos, Eros, Charon: Hesiod. b. Schol. z. 3
Simmias b. Jacobs Anthol. P. 3, 824. Allcman
fr. 108 B. (vgl. East. II. 1154, 25. Eudoc. 26.
Cornut. de nat. deor. 1). Antimach. fr. 35 Kin-
kel. Kallimach. Et. M. 49, 49. Anth. 15, 24, 1.
Nach andern war Akmon ein Beiname des
Okeanos oder des Aither (Et. AI. a. a. 0.).
Vgl. auch Hesych. Auyorv Ovqcivöqxi.’Av.govidgg.
Da im Zend agman Stein und Himmel bedeutet,
so ist wohl daraus zu schliefsen, dafs der
Himmel ( ovgavög ) ursprünglich ccnficnv = stei- i
nern hiefs: Curtius, Grundz. d. gr. Et.5 131 u.
Poth, Kuhns Z. 2, 42. S. auch Akmonides.
— 3) Ein Gefährte des Diomedes, aus Pleu-
ron in Aitolien, welcher von Aphrodite in ei-
nen schwanähnlichen Vogel verwandelt wird:
Ov. Met. 14, 484—510. — 4) Sohn des Klytios
aus Lyrnessos in Phrygien, Gefährte des Ai-
neias: Vcrg. Aen. 10, 128. — 5) Solm des Maries-,
des phrygischen Hauptgottes , Eponymos und
Gründer der Stadt ’Aryioviu in Phrygien, Bru- 5>
der des Doias ( Steph . Byz. s. v. ’Anyovi'a und
Aoictvto? Tttbiov), nach Schol. II. 3, 189 Vater
des Mygdon , welcher gegen die Amazonen
kämpfte, vielleicht identisch mit No. l. — 6)
Ein Korybant: Norm. Dion. 13, 143. 28, 313 ö.,
vielleicht auch identisch mit No. 1. — 7) s.
Aklemon. [Roscher.]
Akmonides (Anfiovidys), 1) ein Kyklop, sonst
Pyrakmon (s. d.) genannt : Ov. Fast. 4 , 288.
— 2) Beiname des Charon nach Hesych. s. v. c
— 3) Beiname (Patronym.) des Uranos (s. oben
Akmon) und des Eros (Anth. 15, 24). — 7) S.
Aklemon. [Roscher.]
Akohtes (’Ayiovtgg), auch Akontios (’Ancvziog),
Eponymos und Gründer der Stadt Akontion in
Arkadien, Sohn des Lykaon: Apollod. 3, 8, 1.
Stepli. Byz. s. v. ’Akovtiov. [Roscher.]
Akonteus (’Akovtevs) , ein Genosse des Per-
212
seus, der, indem er für diesen streitet, durch
das Gorgonenhaupt versteinert wird. Ov. Met. ;
5, 200 ff. — 2) ein Latiner, der gegen die Troer
fällt. Verg. Aen. 11, 612ff. [Bernhard.]
Akontios (’Av.6vxiog) 1) = Akontes (s. d.). '
2) „Ein schöner Jüngling aus der Insel Keos,
von guter, jedoch nicht eben vornehmer Ab-
kunft und von wohlhabenden Eltern. Dieser
befand sich bei dem jährlichen grofsen Feste
zu Delos und sah dort ein die Herrlichkeiten
des Ortes in Begleitung ihrer Amme beschauen-
des, so schönes Mädchen, dafs er auf der Stelle
verliebt in sie ward. Kydippe war eines
vornehmen Mannes Tochter, die ebenfalls des
Festes wegen nach Delos mit ihren Eltern ge-
reist war. Er folgte ihr nach dem Tempel
der Artemis; und als er sie, des Opfers war-
tend , dort sitzend sah , pflückte er eine der
schönsten Quitten und warf sie hin, nachdem
er die Worte darauf geschrieben : „Ich schwöre
bei dem Heiligtum der Artemis, dem Akontios !
mich zu vermählen.“ Die Amme hebt den
Apfel auf, reicht sie dem Mädchen und heifst
sie die Inschrift lesen. Kydippe liest laut, und
errötend wirft sie den Apfel weg. Aber die
Göttin hatte ihre Worte gehört: und so hatte •
sie geschworen, was Akontios wollte. Darauf
kehrte Akontios nach seiner Heimat zurück,
wo ihn die Sehnsucht nach der Geliebten ver- i
zehrte. Unterdessen bereitet Kydippes Vater
seiner Tochter ein Ehebündnis nach seiner
Wahl. Allein sowie die hochzeitliche Feier 1
beginnen soll, erkrankt Kydippe plötzlich und
so bedenklich, dafs die Hochzeit eingestellt
werden mufs. Schnell genest sie wieder: die
Anstalten werden erneut, aber mit ihnen auch
die Krankheit. Die dreimalige Wiederholung j,
erregt allgemeines Aufsehen. Die Kunde da-
von gelangt zu Akontios, er eilt nach Athen, ii
wo er täglich und stündlich nach seiner Ge- j
liebten Zustand sich erkundigt. Wirklich war
auch seine Liebe unbeachtet zwar, aber nicht
unbekannt geblieben; und da ein aufsernatür-
licher Einflufs sichtbar war, so regte sich so-
gar der Verdacht eines von ihm ausgehenden
zauberischen Frevels. Der delphische Gott,
den der Vater befragen liefs, brachte endlich
die Wahrheit an den Tag, verkündend seiner
Schwester Zorn über begangenen Meineid.
Alles übrige entdeckte das Mädchen nunmehr
der Mutter. Der Vater anerkennend , dafs
Akontios in keiner Hinsicht seiner Tochter
unwürdig sei, fügt sich willig dem Winke der ;
Götter, und eine glücklich nunmehr von stat- j
ten gehende Hochzeit bringt den Jüngling zum
Ziel seiner Wünsche.“ Dies ist Buttmanns
Rekonstruktion einer bei Ovid Her. 20. 21
(vgl. Trist. 3, 10, 73f. und Aristainet. ep. 1,
10. (s. auch Anton. Lib. 1) erhaltenen Le-
gende, welche schon früher von Kallimachos
in einem Kydippe betitelten Gedichte behan-
delt worden war. Vgl. darüber Buttmann , :
Mythol. 2, 115 ff. und die treffliche Mono-
graphie von Diltliey , de Callim. Cydippa,
Lips. 1863. Eine ganz ähnliche Geschichte
erzählt uns Nikandros b. Anton. Lib. 1. S.
die Artikel Hermochares und Ktesylla. Vgl.
auch die rhodische Legende von Ocliimos
Aktaion
214
213 Akragas
und Kydippe b. Flut. Q. Gr. 27. Buttmann
will in allen diesen Legenden den Mythos von
Kybele und Attis, von Aphrodite und Adonis,
also von der Liebe einer Göttin zu einem
Sterblichen erkennen , worauf allerdings die
Taube, in welche sich die Ktesylla verwan-
delt, sowie die von Anton. Lib. a. a. 0. er-
wähnte ’Acpgodhr] Krgavlla oder KzrjGvXXa
’Etuxegyr] von lulis auf Keos hinweist.
[Roscher.] i
Akrag as (’Axgdyag , avzog) , Sohn des^Zeus
und der Okeanide Asterope, der Erbauer von
Agrigent auf Sicilien. Steph. Byz. s. v. ’Axgu -
yuv reg. — 2) Ein Flufs auf der Südküste Si-
ciliens, als schöner Jüngling dargestellt und
von den Agrigentinern als Gott verehrt. All.
v. li. 2. 33. [Bernhard.]
Akraia (’Angaia) , Tochter des Flufsgottes
Asterion. Er hatte drei Töchter Euboia, Pro-
symna und Akraia, welche Ammen der Hera 2
waren. Nach der letzteren war ein Felshügel
bei Argolis benannt, wie ein anderer ebenda
nach ihrer Schwester Euboia, auf welchem ein
Heiligtum der Hera lag, und nach der dritten
Schwester Prosymna die ganze Gegend unter-
halb dieses Heraion. Paus. 2, 17, 2. — 2)
Beiname verschiedener Göttinnen und Nym-
phen, insofern sie auf den Höhen der Berge
Kultusstätten hatten, a) Der Hera in Korinth,
Eur. Med. 1379 (Nauck) , Apollod. 1, 9, 28.3
Strabo 8, 380. Paus. 2, 24, 1. Liv. 32, 23, 10.
b) Der Aphrodite in Knidos Paus. 1 , 1 , 3, in
Trözen, id. 32, 6, auf Kypros Strabo 14, 682,
in Argos Hesych. s. v. ’Axg sei u. ’Av.nic/.. c) Der
Artemis in Argos Hesych. a. a. 0. d) Der
Tyche in Sikyon Paus. 2, 7, 5. Vgl. auch ’Ayi-
g ccilog, Beinamen des Zeus. Dicaearch. descr.
Gr. fr. 2, 8. In betreff der Örtlichkeit ist zu
vergleichen Curtius, Peloponnesos 2, 552 ff.
[Bernhard.] 4
Akraipheus (’AKgcucpsvg) , Sohn Apollons,
Gründer der boiotischen Stadt Akraiphia: Steph.
Byz. s. v. ’Ay.Qcaqji'a. K. 0. Müller, Orchome-
nos 1 S. 147. [Roscher.]
Akrätopotes (’AngdronoTiqg) , ein Heros des
Tfrinkens , zu Munychia verehrt , Polemon bei
Athen. 2, 39 c. [Stoll.]
Akrätos ('A-ngäzog). Dämon aus dem Gefolge
des Dionysos, in Attika verehrt, Paus. 1, 2, 5.
Verwandt, wenn nicht identisch mit dem in 5
| Munychia verehrten Heros Akrätopotes , dem
Trinker des ungemischten Weiues (s. d.), Po -
lern. b. Athen. 2 , 39. Dionysos führte selbst
den Beinamen Akratophoros zu Phigaleia.
Paus. 8 , 39 , 4. Im Hause des Pulytion zu
Athen befand sich neben andern Bildsäulen
auch sein Bildnis, Paus. 1, 2, 5. [Bernhard.]
Akrete (,Angr]zri,Ygl.’'AKgazog), eine der Wär-
i terinnen des Dionysos: Nonn. Dion. 14, 224.
[Roscher.] g
Akrias (’Angiag) , ein Freier der Hippoda-
meia, von dem Paus. 6, 21, 10 vermutet, dafs
er ein Lakedaimonier und Gründer von Äkriai
' war. S. Akrokomos. [Roscher.]
Akrisios (’A-ngiaiog), Sohn des Abas und der
Aglaia (sonst Okaleia, vgl. Schot. Eur. Or. 965),
der Tochter des Mantineus. Schon im Mut-
terleibe stritt er mit seinem Zwillingsbruder
Proitos; als sie erwachsen waren, kämpften die
Brüder um die Herrschaft und erfanden dabei
die runden Schilde (doni'dsg). Als Akrisios ge-
siegt hatte, vertrieb er den Bruder aus Argos.
Dieser ging nun nach Lykien zum Iobates
(oder Amphianax) und heiratete dessen Toch-
ter Anteia (so Homer) oder Stheneboia (nach
den Tragikern). Iobates unterstützte ihn mit
einem Heere und verschaffte ihm die Herr-
schaft über Tiryns, welches ihm die Kvklopen
mit Mauern umgaben, Schol. Eur. Or. 965. Die
Tochter des Akrisios und der Eurydike war
Danae (vgl. Pherekyd. b. Schol. Ap. Bh. 4, 1091.
Her. 6, 53), von welcher der Gott geweissagt
hatte, sie werde einen Sohn gebären, der den
Akrisios töten würde. Dieser Sohn war Perseus,
dessen Mythus unter Danae und Perseus er-
zählt ist. Als Perseus den Nachstellungen sei-
nes Grofsvaters glücklich entronnen war und
das Gorgonenabenteuer bestanden hatte, kehrte
er mit Danae und Andromeda nach Argos zu-
rück , um seinen Grofsvater zu sehen. Dieser
aber war aus Furcht vor dem Orakel nach
Pelasgiotis gegangen, wo er (s. Schol. Ap. Bh.
1, 40) dem König von Larissa seine Burg baute.
Hier kämpfte Perseus in einem gymnischen
Wettstreite mit und tötete aus Versehen den
Akrisios mit dem Diskos, wodurch das Orakel
erfüllt war (Apollod. 2, 2, lf. u. 2, 4, 4). Noch
etwas ausführlicher ist die Erzählung des Phe-
rekydes beim Schol. z. Apoll. Bh. 4, 1091, die
sich noch weiter aus Paus. 2, 16, 2. 4. 23, 7.
25, 7 ergänzen läfst. Nach Schol. Ap. Bh. a.
a. 0 befand sich das Grab (Heroon), welches
Perseus und die Larisäer dem Akrisios errichte-
ten, aufserhalb der Stadt, nach Giern. Al. Admon.
29 A. Sylb. im Athenetempel auf der Burg.
Hyg. fab. 63 läfst ihn bei den in Seriphos für
den Polydektes veranstalteten Leichenspielen
durch des Perseus Diskos, welchen ein starker
Wind an seinen Kopf trieb, sterben. Vgl.
auch C I. Gr. 7706. [Roscher.]
Akrokomos (’Ango-Maog) , ein Freier der
Hippodameia nach Schol. Find. 01. 1, 127. S.
Akrias. [Roscher.]
Akron C'Axgiov, b. Very. Acron), ein Grieche
von Corythus (= Cortonal, Bundesgenosse des
Aneas, von Mezentius getötet: Very. Aen. 10,
719 ff. [Roscher.]
Akroneos (’Axgovecog), ein Phäake: Od. 8, 111,
[Roscher.]
Aktaia (’Anzca'ce, -irf), 1) Nereide: II. 18, 41.
Hes. Th. 249. Apollod. 1, 2, 7. Hyyin. praef.
2. — 2) Danaide, Braut des Periphas: Apiol-
lod. 2, 1, 5. [Roscher.]
Aktaion (’Auxca’cov) , 1) Sohn des Aristaios
und der Autonoe , Tochter des Kadmos , von
Cheiron auf dem Pelion erzogen, ein eitriger
Jäger wie sein Vater. Als er auf dem Kithai-
ron jagte, wurde er von Artemis in einen Hirsch
verwandelt und von seinen eignen Hunden zer-
rissen, nach der gangbarsten Sage, weil er die
Göttin im gargaphischen Thale, in der Quelle
Parthenios im Bade gesehen. Hesiod. Th. 977
Apollod. 3, 4, 4. Hyg. f. 181. Nonn. Dion. 5,
287 ff. ’ Ovid. Met. 3 , 131 ff. Kallini. L. Pall.
110. Lact. arg. 3, 2. Schol. Stat. Th. 3, 203.
Fulg. Mytli. 3, 3. Paus. 1, 44, 8. Als Grund
215
Aktaion
Aktaion
216
der Verwandlung durch Artemis wird auch an-
gegeben, dafs er die badende Göttin belauert
und ihr Gewalt anzuthun versucht habe, Hyg.
f. 180; dafs Zeus ihm gezürnt, weil er die Se-
mele heirathen wollte, Akusilaos b. Apollod. a. a.
0., Stesichoros b. Paus. 9, 2, 3; dafs er sich
rühmte, ein besserer Jünger als Artemis zu sein,
Eurip. Baccli. 337. Ygl. Diocl. 4, 81. Dem Tan-
sanias (9, 2, 3) zeigte man auf dem Kithäron
lende Winde und Tau erflehte , sowie auch
mit Apollon dr.ziog (Lauer , System 230. Ger-
hard, Gr. Myth. §. 322, lc). Die Bilder des
Aktaion, die man auf Bergen und Felsen auf-
stellte, dienten dazu, die verderblichen Folgen
der Hundstage abzuwenden; daher die Sage,
dafs Cheiron durch ein Bild des Aktaion die
wütenden Hunde desselben zur Ruhe gebracht
habe. In der Gegend von Orchomenos war,
am Wege von Megara nach Plataiai den Fel- io zur Befreiung von einem Gespenst, zur Abwehr
sen des Aktaion, wo er nach ermüdender Jagd
zu ruhen pflegte und von wo aus er die Arte-
Aktaion u. Artemis, Metopo v. Selinus (s. Arch. Ztg. 1S83 S. 230).
der Unfruchtbarkeit desLandes, ein ehernes Bild
des Aktaion an einen Felsen angeschmiedet, das
noch Pausanias sah , und
die Orchomenier verehrten
den Heros jährlich durch
Totenopfer, Pans. 9, 38, 4.
— Aschylus. hat den My-
thus des Aktaion auch auf
die Bühne gebracht in sei-
nen To'E,ozlSs g , s. Nauclc ,
fr. Trag. p. 60 f. Auch
Phrynichos , Ioplion und
Kleophon dichteten einen
Aktaion, Suid. v. I)qvvi%.,
’/oqp. , KXsocpcov. Die ge-
hörnte Maske des Aktaion
erwähnt Pollux 4, 141. Der
Name Aktaion kommt, wie
der des Aktaios, von dr.zr]
(nicht von Zeus dnzaiog),
Meinelce, Vindic. Strab. p.
133 , und scheint zunächst
auf das Küstengebirge Pe-
lion zu gehen. Müller, Ur-
chom. 248. 349. Proleg. 195.
Welcher, gr. Götterl. 1, 204 f.
616. Kleine Schriften 3,34.
Preller, Gr. Myth. 1, 375
— 377. 11. I). Müller, My-
tliol. d. gr. Stämme 2, 1 S.
108ff. Das Geschick des Ak-
taion war ein häufiger Ge-
genstand der alten Kunst,
welche übrigens seine Yer-
wandlung teils gar nicht,
teils durch das Uberwei»
fen eines Hirschfells , am häufigsten jedoch
durch ein Hirschgeweih auf der Stirn an-
mis im Bade gesehen. Die berühmten Hunde
des Aktaion, 50 an der Zahl, werden mit Na-
men aufgezählt Hyg. F. 181. Ovid.M. 3, 206 ff. deutet. Polygnot hatte in seinem Gemälde
Aeschyl. b. Pollux 5, 47. Apollod. a. a. 0. Nach- 50 der Unterwelt zu Delphi ihn und seine Mut
dem sie ihren Herrn, den sie nicht erkannt,
zerrissen hatten, suchten sie ihn überall und
.wurden 'nicht ruhig, bis Cheiron ihnen ein
Bild desselben zeigte, Apollod. a. a. 0. — Der
Hund ist ein Symbol der Sonnenhitze zur Zeit
der Hundstage; Aktaion, der von seinen 50
Hunden (den 50 Hundstagen) zerrissene Sohn des
gegen die Sonnenglut der Hundstage schützen-
der! Gottes Aristaios, ist ein Bild des durch
ter dargestellt, auf einem Hirschfell sitzend
und ein Hirschkalb in den Händen, bei ihnen
einen Jagdhund und in ihrer Nähe die Maira,
ein Symbol der Siriushitze, Paus. 10, 30, 3.
Die Denkmäler sind zusammengestellt b. Mül-
ler, Handb. d, Arch. §. 365, 5. Denhn. d. a:
K. 2, Taf. 17 n. 183—187. Elite ceramogr. 2,
99 — 103B. II. Prunn in Paulys Realenc. u.
Actaeon, Anm. p. 140. Am bekanntesten ist
die Hitze der Hundstage zerstörten schönen co die marmorne Statuette des Aktaion im Brit.
Erdenlebens, der Lust der Frühlingszeit, und
sein Kultus hing zusammen mit dem auf dem
Pelion existierenden Kult des Zeus duzazog
(oder vielmehr dngazog , wie bei Dikäarch,
Müller fr. hist. gr. 2, 262, 8 nach aufgefunde-
nen Inschriften zu lesen, Stark b. Gerhard D.
u. F. 1859 S. 92. Preller, Gr. Myth. 1, 114, 3),
von dem man zur Zeit der Hundstage küh-
Museum ( Müller , Denhn. 2 n. 156). Ein Sar-
kophag zu Paris ( Clarac Mus. de sculpt. 2 pl.
113—115. Mülin G. m. pl. 100—101) giebt
dis Fabel in 4 Akten: Auszug zur Jagd, Be-
lauschen der Artemis , Kampf mit den Hun-
den, Bestattung. Die Annahme, dafs auf
einer Bronzemünze von Orchomenos (Mül-
ler, Denhn. 2 n. 187) Aktaion dargestellt sei,
217
Aktaios
Aktorion
218
wird widerlegt von 'Friedländer D. u. F. 18G4,
133 tf. S. auch G. Rathgeber , Gottheiten d. Äo-
ler 1861 S. 357 f. [Vgl. C. I. Gr. G12GB.
8431. R.] — 2) Eine eigentümliche Version
des Aktaionmytlius hatte man zu Korinth.
Ein schöner Knabe von Korinth, Aktaion, Sohn
des Melissos, wurde von dem Bakchiadeu Ar-
chias geliebt. Als dieser ihn seinem Vater
entführen wollte, wurde der Knabe zerrissen.
Melissos führte Klage bei den isthmischen l
Spielen und stürzte sich, die Götter um Rache
anrufend , wenn der Tod des Aktaion nicht
bestraft werde, von einem Felsen, worauf Pest
und Dürre Korinth heimsuchte. Das Orakel
befahl den zürnenden Gott der isthmischen
Spiele, Poseidon, zu versöhnen und den Aktaion
zu rächen. Die Bakchiaden wurden vertrieben,
und Archias ging nach Sicilien und gründete
Syrakus. Flut. narr. am. 2. Schol. Ap. Rh. 4,
1212. Alex. Aet. b. Parthen. 14. (fr. 1 Schnei- 2
deiv. Delect. 1). Vgl. Flut. Sert. 1. Welcher,
kleine Sehr. 1, 2 2 ff. — 3) Aktaion, alter König
von Attika, derselbe wie Aktaios (s. d.), Vater der
Phoinike, nach welcher die <PoiviY.fjia ygdfiyatcc
benannt waren. Beide. Anecd. 782, 19. Suid. v.
fhoiVLufjux yqdppaza. Ft. M. p. 43, 8. 92, 50.
Tzetz. Lyk. 503. Apostol. 20, 29. Welcher zu
Schwenck, Andeutungen 305. Preller, Gr. Myth.
2, 139. [Stoll.J
Aktaios (’Ahx cczog), 1) Vater der Aglauros, 3
welche Ivekrops, der erste König, von Attika
heiratete ( Apollod . 3, 14, lf.). Nach Paus.
1 , 2 , G war nicht Kekrops , sondern Aktaios
der erste König von Attika, nach einer eben-
da 14 , 7 erwähnten Lokalsage des Demos
Athmonia auch nicht dieser, sondern Porphy-
rion. Nach Steph. Byz. s. v. ’Anzy , welcher
sich auf Favorinus beruft, war der König Ak-
taios zugleich Eponymos von Attika, welches
ursprünglich nach ihm A-rzf hiefs. Ebenso 4
berichtet Strabo 397, nur dafs er den Aktaios
Aktaion nennt. Sehr eigentümlich ist die No-
tiz des Skamon, welche uns Suidas s. v. epoi -
vLaffCcc yquiiuaza überliefert, wonach Aktaion,
Vater der Aglauros (s. d.), Herse, Pandrosos
und Phoinike gewesen sein soll, nach welcher
die tpoivLHrfCu yq. benannt worden seien. Vgl.
aufserdem Harpoltr. s. v. ’Arzf. Apost. 17, 89.
C: I. Gr. 2374. S. auch Aktaion 3. — 2) Va-
ter des Telamon und Gemahl derGlauke: Phe- d
rekydes b. Apollod. 3, 12, 6, wo andere freilich
"AaruQog lesen. — 3) Sohn des Flufsgottes
Istros, Bundesgenosse der Troer : Philostr. Her.
15 f. — 4) Beiname des Zeus ( Müller , Orclio-
menos1 248. 349) und des Dionysos in Chios
(C. I. Gr. add. 2214e). |Roscher.J
Aktis (’AxtI g) , Sohn des Helips und der
Rhode (Rhodos), Gründer von Heliopolis: Diod.
5, 56. 57. Hellan. b. Schol. Pind. Ol. 7, 135.
Steph. Byz. s. v. ' Fliovnohq. [Roscher.] 6
Aktor ("Ahtcoq, coqos) , 1) Sohn Myrmi-
dons und der Peisidike, Vater des Eüry-
tion aus Phthia (Apollod. 1,7,3; 8, 2) u.
der Philomele (Schol. Ap. Rh. 1, 558. 4,816).
Nach Diod. 4, 72 kommt Peleus nach dem
Morde seines Halbbruders Phokos von seinem
Vater vertrieben zu Aktor, wird durch ihn von.
seiner Blutschuld gereinigt und überkommt,
da Aktor kinderlos, die Herrschaft in Phthia.
— 2) Sohn des De'ion, des Herrschers von
Phokis, und der Diomede, Vater des Argo-
nauten Meuoitios von der Aigina (s. cl.),
Grofsvater des Patroklos. Apollod. 1, 9, 4.
16. 11. 11, 785. Fast. II. 112 u. 113. Pind.
01. 9, 104. Ap. Rh. 1, 69. Diod. 4, 39. Schol.
11. 18, 10. Ov. Tr. 1, 9, 29; Fast. 2, 39. Val.
Fl. Arg. 1 , 407. Pind. Ol. 9 , 105ff. und
Schol. zu 104 u. 107 ; an der letzteren Stelle
wird als Gemahlin des Aktor und Mutter des
Menoitios auch Damokrateia genannt, die Toch-
ter der Aigina; Aktor selbst nach Thessalien
versetzt, (ln Öpus ist er zugleich durch Iros
Grofsvater des Eurytion Ap. Rh. 1 , 69—74.
Uber die Verbindung des phthiiscb-thessali •
sehen, phokischen und opuntischen Aktor s.
Müller Aeginetica p. 12). — 3) Sohn des Phor-
bas und der Hyrmine, Bruder des Augeias,
Gemahl der Molione, mit welcher er Kteatos
und Eurytos zeugte, König in Elis. Diod. 4,
69. Paus. 5, 1, 11. 8, 14, 9 u. ö. East. z. II.
2, G15ff Vgl. auch II. 11, 709. 750. 13, 185.
23, 638 u. d. Art. Aktorion und Moliones.
— 4) Orchomenier, Sohn des Azeus , V ater der
Astyoche , mit welcher Ares den Askalaphos
und lalmenos zeugte. II. 2, 513. Paus. 9, 37, 7. —
5) Sohn des Poseidon. Hyg. f. 157. — 6) Sohn
des Argonauten Hippasos. Apollod. 1, 9, 16.
— 7) Sohn des Akastos, von Peleus unabsicht-
lich auf der Jagd getötet. Schol. Ly cophr. 895.
Aufserdem kommt der Name Aktor ohne wei-
tere genealogische Bestimmung noch vor als
Vater der Alope, St. B. s. ’Alonr), des Podar-
kes in Anth. gr. 1, p. 181; des Echekles 11.
16, 189; des Sthenelos Schol. Ap. Rh. 2, 911;
der Iphinoe Schol. II. 1, 16 u. 366; der Eu-
rydike Staphyl. in ßchol. II. 16, 175. — 8)
Ein Gefährte des Äneas, Verg. Aen. 9, 500.
9) Ein Aurunker, mit dessen erbeuteter Lanze
Turnus prahlt ibid. 12, 94. Vgl. Juv. sat. 2,
100. — 10) Ein Thebaner, Bruder des Hyper-
bion, Aesch. Sept. 555. — Über die örtliche
Verbreitung des mythischen Geschlechts der
Aktoriden überhaupt s. d. erschöpfende Ab-
handlung von Dr. Schultz , die Aktorionen-
sage in ihrer Verflechtung mit andern Sagen
dargestellt. Programm v. Hirschberg 1881.
Aktor wird daselbst (S. 17 u. 18) als eine Figur
aus dem Unterweltskreise aufgefafst, und zwar
als Hirt der Herden des Unterweltgottes.
Doch s. die weiteren Nachweise im Artikel
Aktorion. [Bernhard.]
Aktorides (’Av.Toqi8rig), Nachkomme des Ak-
tor : Patroklos Ov. Tr. 1, 9, 29; Ov. Met.
13, 273. Fast. 2, 39; Erithos Ov. Met. 5, 80;
Echekles II. 16, 189; Iros Ap. Rh. 1, 72. (S.
Aktorion). [Bernhard.]
Aktorion (’Aktoqzov, uvog), Nachkomme des
Aktor; insonderheit nannte man so die Söhne
des unter 3 aufgeführten Aktor, Eurytos und
Kteatos, die. nach seiner Gemahlin Molione
auch Molioniden oder Molionen heifsen (doch
vgl. Eust. 11. 882, 24ff.). Anderweit wird auch
Poseidon als ihr Vater genannt (Apollod. 2, 7,
2. Hom. II. 11, 749. Schol. Pind. Ol. 11, 29),
und sie selbst in weitere Beziehung zu ihm
gebracht: sie geleiten zu seinen Spielen auf
219
Aktorion
Aktorion
220
dem Isthmos eine Procession (Paus. 2, 15, 1)
und werden von ihm in der Schlacht beschützt
(Born. II. 11, 751). Die Mutter heilst b. Paus.
5, 2, 2. 8, 14, 9 Moline*). Über ihren Ur-
sprung waren verschiedene Sagen im Umlauf.
Meist erscheinen sie als körperlich selbstän-
dige Zwillingsbrüder aufgefafst, so wohl auch
bei Homer. Erst die spätere Deutung nahm
sie als körperlich verwachsene (ätrpviig) Brü-
der in verschiedener Auffassung: vgl. Plie- \
rek. b. Schol. zu II. 11 , 709 und Aristarch
zu 23, 638 u. 639. Nach der letzteren Stelle
hatten sie zwei Leiber , waren aber zu-
sammengewachsen , nach der ersteren batten
sie einen Leib , zwei Köpfe , vier Hände und
vier Füfse. Nach Ibyk. b. Athen. 52 waren
sie aus einem silbernen Ei als Zwillinge ge-
boren, hatten einen Kopf und einen Leib und
ritten auf weifsen Rossen (vgl. auch Plut.
de frat. am. 1. u. adv. stoic. 44). Nach Hom. 2
11. 11, 710ff. sind sie die Verbündeten des
Königs Augeias im Kriege mit den Pyliern.
Noch jung verstehen sie sich wenig auf das
Kriegshandwerk und würden deshalb von Nestor
überwältigt worden sein, wenn sie nicht von
ihrem Vater Poseidon durch eine schützende
Nebelwolke dem Kampfe entrückt worden
wären (a. 0. 7 50 ff.). Weiter gedenkt Homer
® ihrer II. 23, 630 ff. bei den Leichenspielen des
Amarynkeus , wo sie den Nestor im Wagen- a
kampf überholen; eng verbrüdert wie immer
in ihrem Handeln schwang der eine die Geifsel,
der andere führte die Zügel (an ein körper-
liches Verbundensein ist hier wenigstens nicht
notwendig zu denken). Als Neffen des Augeias
(s. Aktor 3) finden wir sie mit diesem noch
einmal im Bunde gegen Herakles. Als Hera-
kles nämlich wegen des verweigerten Lohnes
gegen Augeias zu Felde zog (s. Herakles und
Augeias) , übertrug dieser den Aktoriden die 4
Führung des Krieges. Da Herakles im offenen
Kampf nichts ausrichten konnte, so benutzte
er die Zeit, wo die Korinthier den isthmisehen
Festfrieden angekündigt hatten; er legte, sich
in den Hinterhalt, und als nun auch die Akto-
rionen im Auftrag der Elier sich auf den Weg
machten, um das Fest zu beschicken, überfiel
er sie und tötete sie. Lange Zeit blieb der
Mord verborgen, bis die Mutter denThäter in
Erfahrung brachte. Auf ihren Betrieb ver- 5
langten die Elier von den Argivern die Aus- '
lieferung des Herakles, der damals gerade im
argivischen Tirynth sich aufhielt. Die Argi-
ver verweigerten die Bestrafung des Herakles,
worauf die Elier sich an die Korinthier wand-
ten, dafs sie alle Argiver von den isthmisehen
Spielen äusschliefsen möchten. Als ihnen auch
dieses Verlangen abgeschlagen wurde, sprach
Molione über alle Elier einen Fluch aus, die
sich von den isthmisehen Spielen nicht fortan 0
fern halten würden. Diese Satzung hielten
denn auch die Elier noch in späterer Zeit.
Paus. a. a. 0. Schol. Plato Phaed. 152, 16.
Schol. Find. Ol. 1 1, 28. Diod. 4, 33. Dagegen sagt
*) Bei Hesiod , den die neueren Mythologen fast alle
unter den (Quellen für den Namen Molioniden anführen,
kommt derselbe nicht vor. Nur das Schol. zu II. 23, 639
u. Eust. ad II. a. O. citieren ohne nähere Angabe Ilesiod.
Plut. de Pyth. or. p. 400, 43ff.D., die Elier seien
von den Korinthiern ausgeschlossen worden,
weil sie sich einer Forderung der Korinthier
und Delphier nicht gefügt hätten. Diod. a.
0. läfst 'Herakles von Pheneos zu dem Zuge
aufbrechen und macht irrtümlicher Weise Eury-
tos zu einem Sohne des Augeias. Nach Apollod.
2, 7, 2 erkrankt Herakles auf dem Zuge gegen
Augeias und schliefst deshalb mit den Akto-
o rionen einen Vertrag. Als diese aber von sei-
ner Krankheit Kunde bekommen , greifen sie
ihn an und töten viele seiner Streiter, so dafs
Herakles vor ihnen den Rückzug antreten
mufs. Erst in der dritten darauf folgenden
Isthmiade tötet er sie bei Kleonä im Hinterhalt
bei dem erwähnten Zuge zur Festfeier. Die
Zahl der Kleonäer, die dem Herakles beige-
standen und im Kampfe gefallen waren, giebt
Ael. v. h. 4, 5, 7 auf 360 an; zu ihren Gunsten
o verzichtet er auf die ihm selbst von den Kleo-
näern bestimmten Ehrenbezeugungen, womit
sie ihn für die Befreiung von dem nemeischen
Löwen ehrten. (Vgl. Schol. Find. a. 0. u. He-
rakles). An der Stätte, wo die Molioniden ge-
fallen waren, war ihnen ein Grabmal errichtet.
Paus. 2, 15, 1: yvrgia Evgvrov Kai Ktscctov.
(Vgl. dazu Schultz, die Aktorionensage in ihrer
Verflechtung mit andern Sagen p. 6. Hirsch-
berg 1881). Über die Aktoriden als Kalydo-
,o nische Jäger s. Ov. Met. 8, 308. Kteatos zeugte
mit Theronike den Amphimachos und Eurytos,
mitTheraiphone den Thalpios. Hom. 11.2, 620 ff.
13, 185ff. Paus. 5, 3, 3. — Der Name MoUrav
wird mit Recht von den Neueren als ein ur-
sprüngliches Appellativum gedeutet und zu-
rückgeführt auf die Wurzel f toi; Metronymikon
ist das Wort bei den Griechen erst im Laufe
der Zeit geworden. Die Bedeutung des Appel-
lativum liegt ganz offen zu Tage bei Hom. 11.
o 11, 750, wo Moliove und ’A-KtogCiovs unverbun-
den neben einander stehen, und unbegreiflicher
Weise bisher die Ansicht gebilligt worden
ist, dafs zwei Personen in einem Athem mit
dem Metronymikon und Patronymikon bezeich-
net werden könnten. Mollcov ist hier „der
mutig in die Schlacht gehende“. Man denke
an das homerische ysza fimXov iäv , an Mars
Gradivus (Preller Gr. AI. 2, 237. Schultz a. 0. S. 8).
Daher auch bei Hesych. die Deutung yaxrjzfjg,bei
0 Eust. ad II. 882, 21 ff. die Erklärung yct%iyoi
Kai bgyrjzixot. Eine Reminiscenz an diese Be-
deutung liegt vielleicht noch verborgen in dem
Sprichwort ovdhv n gog ryi&s of MohovlSca
(Apost. 13,54), wenn man auch natürlich leicht
an eine andere Entstehung denken kann. Eines
anderen die Kraft der Aktoriden andeutenden
Sprüchworts gedenkt Eust. a. 0. 882, 36 : ng'og
dvo ovö's 'Ilga-Hlgs, mit Beziehung auf des Hera-
kles Kampf gegen die Aktoriden um Elis (s. ob.),
a — Die Deutungen des Gesamtmythus von den
Aktorionen oder Molionen , von Eurytos und
Kteatos, sind sehr verschieden. Vgl. Creuser
Symbolik 2 p. 387 ff. G. Hermann, Briefe über
das Wesen der Alythologie p. 55. Schivenck,
Zeitschr. f. Altcrtumsivissensch. 1837. S. 41 Oft.
Eine merkwürdige Deutung versuchte Welcher,
Kleine Sei triften 2. S. 102 ff.: rlJie Molionen und
Aloiden in der Ilias ’ (vgl. auch Ep. Cylclrn 1. S.
Alabandos
Alastor
222
221
214 ff. Goiterl. 1, 424), indem er die Molionen als
Symbole der paarweise mahlenden Mühlsteine
nahm, ohne jedoch mit dieser Ansicht Anklang
zu finden. Preller a. 0. 239 verzichtet auf
eine Deutung. Kürzlich hat einen neuen Weg
| eingeschlagen Schultz a. a. 0. Kr nimmt als
Ausgangspunkt des gesamten Mythenkomplexes
Thessalien, sucht ihn als äolisch nachzuwei-
sen und findet mit demselben untrennbar ver-
knüpft die Beziehung zu Tod und Unterwelt i
(S. 17ff.): „Aktor ist Treiber («yw') und Hirte
der Herden der Unterwelt , Eurytos ist der
Gewitterregen, da Gewitternacht und Unter-
i weit untrennbare mythologische Begriffe sind,
und Kteatos ist von dem Urkern der- Sage
ausgeschieden als ein mythologisch nicht gleich-
wertiger Begriff.“ „Er scheint erst hinzugefügt,
als man neben dem einen doppelleibigen Ak-
torionen einen getrennten Doppelgänger dachte“
S. 9. Schultz nimmt als Reste der alten Sage 2
nur diese drei: Aktor, Eurytos und Thalpios
J (s. d.). [Bernhard.]
Alabamlos (’AXceßaväog) , Sohn des Kar und
der Kallirrlioe, nach welchem Kar die Stadt
Alabanda in Karien nach einem im Reiter-
kampfe gewonnenen Siege genannt hatte; denn
j ’AXccßavöog bedeutet nach Steph. Byz. u. ’AXa -
ßccvdcc in der Sprache der Karier dasselbe wie
i irniovLY.oq und svimtog. So aufser Steph. Byz.
i auch Cic. nat. deor. 3, 15, 19. [Bernhard.] 3
Alagabalus (= Elagabalus) , Beiname des
i Sol auf einer Inschrift aus Szöny bei Komorn
i (Pannonia sup.), Corp.I.L. 3, 4300, vgl. Ammu-
j dates. [Steuding.]
Alainos ("AXcuvog), unehelicher Halbbruder
des Diomedes: Lykophr. 619 u. Schul, z. d. St.
[Roscher.]
Alala (’AXccXu ), die Göttin des Schlachtrufes,
Tochter des Polemos: Find. fr. 122 B. ( Plut .
ylor. Ath. 7). [Roscher.] 4
Alalkomencus (’AXaXuoysvsvg, nicht -rjg, da
Plut. de Daed. Flat. 6 wohl -st und -sag,
Schul. II. 24, 602 wohl -sag statt -sa zu lesen
; ist). 1) mythischer Gründer und Eponymos von
Alalkomenai oder Alalkomenion in Böotien
i (Paus. 9, 33, 5. Steph. Byz. s. v. ’AXaXuoysviov),
1 wo ein uralter Athenetempel (^. ’AXccXxoys-
! vyig II. 4 , 8) stand , den Alalkomeneus ge-
baut haben sollte (Steph. Byz. a. a. 0. Etym.
AI. 56, 14. Eust. z. II. p. 439, 34). Nach 5
Paus. a. a. 0. u. Schul. II. 4, 8 soll Athene
bei ihm aufgewachsen sein (zga^gvea). Steph.
Byz. a. a. 0. nennt seine Gemahlin Äthenais,
Tochter des Hippobotos , und seinen Sohn
Glaukopos, Namen, die offenbar aus dem alten
Athenekult von Alalkomenai abstrahiert sind.
Plut. de Daed. Flat. 6 erzählt, er habe dem
von Hera verlassenen Zeus geraten, ein Bild
derselben von Eichenholz fertigen und im
Hochzeitszuge umherführen zu lassen, woraus 6'
das sogenannte Dädalenfest eutstanden sei
(näheres s. unter Hera). Nach Schul, z. II. 24,
602 u. Eustath. p. 1367, 20 hiefs seine Ge-
mahlin Niobe. Wie alt der Mythus vom Alal-
komeneus ist, ersieht man nicht blofs aus der
Bezeichnung <xvz6%&av bei Paus, und Plut.
a. a. 0. sondern auch aus dem interessanten
(Pindarischen?) Fragmente bei Bergk P. L.-
fr. adesp. 83, 3: ’AXaXuofitvevg Xi'pvccg vnsg
Kacpieidog || ngazog dv&Qoinav ccvsoxsv, woraus
erhellt, dafs er in böotischer Sage als erster
Mensch und als Sohn der Erde galt. Vgl.
übrigens auch Pherekydes b. Schul, in Eurip.
Phaen. 159 u. K. 0. Müller, Gesch. hellen. St.1
1, 213. — 2) Sohn der Niobe: Pherek. a. a. 0.
[Roscher.]
Alalkomenia (’AXaXuofisvi’a, bei Suid. ’AXccX-
o y.oyevsicc), Tochter des Ogygos (oder Ogyges).
Dian. b. Suid. u. Phot. u. TLgedgidCiir] (s. d.), ihre
Schwestern waren Thelxinoia und Aulis, heilige
Erdgöttinnen, die am Tilphusischen Berge bei
Haliartos in Böotien ein Heiligtum hatten,
blofs in Kopfbildern verehrt wurden und Tier-
köpfe zu Opfern erhielten. Paus. 9, 33, 2 ff.
Steph. B. u. TgspiXg. Suid. a. a. 0. Vgl. Mül-
ler, Orcli. ir. 128. Meurs. regn. Athen. 1, 6 S. 24.
[Bernhard.]
o Alan n in us, Beiname des Juppiter auf einer
Inschrift aus Brescia, Orelli 1220 = Labus ,
Alarm. Bresc. n. 15 : I. O. AI. Alannino AI.
Nonius Agatlionicus. Der Name scheint von
seiner Kultstätte abgeleitet zu sein. [Steuding.]
Alantedoba, wohl eine keltische Göttin auf
einer Inschrift aus Ossimo im Val Camonica
am Oglio, C. I. L. 5, 4934 (echt, trotz Orelli
zu 1956. 1957); Alantedobae Sex. Cornelius
Primus v. s. I. in. Vgl. in betreff des ersten
o Bestandteiles des Namens den deus Alus (s. d.),
der auf zwei Inschriften des nahen Brescia
erwähnt wird. [Steuding.]
Alastor (AXdozag) , 1) allgemeiner Name
für folgende dem Volksglauben entsprungene
Vorstellungen, deren Träger und Interpreten
insonderheit die Tragiker waren: a) für den
„Irrgeist“ (ccXdoAcu) , der den Frevler überall-
hin verfolgt und, indem er die Unthat rächt,
der Treiber zu immer neuem Frevel wird, so
o namentlich der in einem Geschlechte fort-
wirkende Rachegeist. So schiebt Klytaimnestra
ihre Unthat an Agamemnon auf den alten
Alastor des Atreus, des Mörders seiner Bruders-
kinder. Aescliyl. Ag. 1465—1508. Vgl. Soph.
0. C. 788. Trach. 1235. Eur. Gr. 1556. Xc-
narch. b. Athen. 2, 64 f. 6) für den „Teufel“,
den bösen Geist, der zur Sünde verführt, ohne
deshalb als Rächer eines Frevlers aufzutreten.
Eur. Electra 978. Iph. Aid. 945. c ) Endlich ent-
o wickelte sich die Bedeutung des ruchlosen,
verderbenbringenden Menschen, wie bei Aesch.
Pcrs. 354. Eum. 237. Athen. 12, 541c, und daraus
wurde ein allgemeines Scheltwort, wie es vor-
liegt bei Dem. de cor. p. 324. Iieisk., de falsa leg.
p. 438 u.ö. d) Aufserdem kommt das Wort vor als
Beiname rächender und strafender Götter, des
Zeus und der Erinyen. Hesych. Etym. M.
Ausführlicheres über Etymologie und Bedeu-
tung bei Welcher , Götterl. 3 p. 95 — 99. Nü-
9 gelsbacli, de religionibus Oresteam Aescliyli con-
tinentibus 1843. Derselbe, Nachhom. Theöl. S.
335ff. 339 ff. 482. Stoll in Paulys Rcalenc. 2 1,
1, 641. — 2) Sohn des Neleus (Schol. Apoll. Iih.
1, 152) und der Chloris (Apollod. 1, 9,9), wurde
samt seinen Brüdern mit A usnahme des Nestor
von Herakles bei der Zerstörung von I’ylos
getötet. Nach Parth. erot. 13 freit er um Har-
palyke (s. d.), des Klymenos Tochter. Als er
223 Alateivia
die Neuvermählte heimführen will, gereut den
Schwiegervater sein Versprechen, er eilt dem
Alastor nach und führt Rarpalyke, zu der er
selbst in blutschänderischer Liebe entbrannt
ist, in sein Haus nach Argos zurück. — 8)
Ein Lykier, Genosse des Sarpedon, der von
Odysseus erlegt wird. II. 5, 677. Ovid. Met. 13,
257. — 4) Ein Grieche II. 4, 295, der mit
Mekisteus den verwundeten Teukros rettet. II.
8, 333 ff., desgleichen den Hypsenor 13, 421 ff. l
— 5) Vater des Tros, II. 20, 463. — (») Name
eines Rosses des Pluto : Claud. rapt. Pros. 1,
284. [Bernhard.]
Alateivia, Name einer Göttin auf einer In-
schrift aus Xanten, Or.- Uenzen 5865: Alatei-
viae ex jussu i(psius) Divo Medicus. Vgl. Ala-
tervae matres. [Steuding.]
Alatervae matres, wahrscheinlich keltische
Göttinnen der nährenden Erde, auf einer In-
schrift aus Nether Cramond, C. I. L. 7, 1084: 2
Matrib. Alatervis et matrib. Gampestrib. coli.
I Tungr. Sie sind wohl mit den gleichfalls
keltischen Gottheiten Alus und Alantedoba
(s. d.) vielleicht auch mit Alateivia u. Alator
(s. d.) etymologisch zu verbinden. Da neben
Alus Saturn und neben den Alatervae matres die
matres campestres genannt werden, so darf man
diese Namen wohl alle auf al, alati nähren
zurückführen. [Steuding.]
Alator, Beiname des Mars auf einer Weih- 3
inschrift in Rooky Wood, Hertfordshire, C. I. L.
85: D. Marti Alatori. Dum ( nonius ) Censorinus
Gemelli fil. v. s. I. m. Ward denkt dabei an castra
Alatorum. S. jedoch Alatervae. [Steuding.]
Alaunius oder Alaunus, Beiname des Mer-
curius auf einer Inschrift aus Mannheim, Or.-
Henzen 5866: Genio Mercur. Alauni Iul. Ac. . ..
nius Augustal? ex v. s. 1. 1. m. Wegen der grofsen
Entfernung vom Fundort ist die Ableitung
Uenzens von Alauna im Nordwesten, oder von 4
Alaunium im Südosten Galliens nicht wahr-
scheinlich, aber vielleicht sind diese drei Na-
men auf einen Stamm zurückzuführen. Dann
dürften die Alounae (s. d.) aus der Gegend
von Salzburg zu vergleichen sein. Die Ver-
bindung mit den Alauni = Alani des Ptolem.
hat nicht viel für sich. Vgl. Zeufs, Gr. Celt.
774. [Steuding.]
Albioii s. Alebion.
AlMonae. Eine Gruppe römischer Gott- 5
heiten, die uns nur aus einer einzigen Notiz
des Paulus (p. 4) bekannt ist, aus welcher wir
erfahren, dafs ihnen ein Hain in Trastevere
geweiht war, und sie das Opfer einer weifsen
Kuh empfingen. Diese wenigen Angaben ge-
nügen natürlich nicht, um daraus Schlüsse auf
die eigentliche Natur dieser Gottheiten zu
ziehen; doch macht es der Umstand, dafs auch
im Kulte der Dea Dia das Opfer einer uacca
honoraria alba eine Rolle spielt (vgl. Henzen, Gi
Acta fratrum Arual. p. 20 f. ebenso wird auch
der Bona Dea agrestis eine iunix alba ge-
opfert C. I. L. 6, 68), wahrscheinlich, dafs wir
es auch hier mit Gottheiten der Ackerflur zu
thun haben. [Wissowa.]
Albiorix, Beiname des Mars auf einer In-
schrift a.us Avenio, Or. -Ilenzen 5867: Marti
Albiorigi Sex. Cornelius etc. Die Endung rix
Albunea 224
ist altgallisch, = lateinisch rex-, vgl. Ambiorix
u. a. [Steuding.]
Albsis Pater, Name eines Gottes auf einem
Erztäfelchen mit der Widmung Albsi Patre
(C.I.L. 6, 3672. Bphem. epigr. 2, 198). Viel-
leicht bedeutet der Name einen Flufsgott (vgl.
Alburnus, Albula). Vgl. Preller , r. AI} 2, 138, 1.
[Roscher.]
Albula = Albunea (s. d.) b. Stat. Silv. 1, 3,
75. [Roscher]
Albunea (oder Albuna?) und Albula (Stat.
Sill). 1, 3, 75), die Nymphe einer schwe-
felhaltigen, weifsfarbigen Quelle (albulae aquae)
bei Tibur, die aus der Tiefe des Lago
della Soltätara entspringt , und deren Bach
schliefslich in den Anio (Teverone) mündet.
Dieser Bach bildete einen Wasserfall und Hofs
dann durch mehrere Haine, in deren einem
sich das Orakel des Faunus befand. Daher
heifst es bei Verg. Aen. 7, 81 ff. : At rex . . .
oracula Fauni . . . adit lucosque sub alta con-
sulit Albunea, nemorum quae maxuma sacro
fönte sonat saevamque exhalat opaca mephitim.
'Der König sucht das Orakel des Faunus auf
und die Haine unter dem Sturz der Albunea,
welche grofs vor den Bächen des Waldes da-
hinrauscht mit dem heiligen Wasser ihres
Quelles und aus dem Dunkel Schwefelgeruch
haucht’. Vgl. Servius und besonders Lade-
wig-Schaper z. St.. Die Schönheit des Ortes
preist Horat. Carm. 1, 7, 12; die domus Albuneae
resonantis, die wiederhallende Grotte der Al-
bunea, lag vielleicht in der Nähe ihres eige-
nen Wasserfalles oder bei dem Sturze des
Anio.(?) Bor mann, altlat. Chorogr. S. 49 ff.
sucht das von Vergil beschriebene Orakel nicht
in Tibur, sondern bei der Solfatara d’Alfieri
in der Gegend von Ardea, weil Probus zu Verg.
G. 1, 10 sagt: oraculum eius (Fauni) in Albu-
nea, Laurentinorum silva, est. Die Stelle bei'
Vergil wird gewifs richtig auf Tibur bezogen ;
vgl. Servius Verg. Aen. 7, 83. Albunea be-
zeiehnete übrigens nach Servius a. a. 0. so-
wohl die Quelle, wie den Hain. Vergil läfst
den König Latinus wegen der Wundererschei-
nungen, die er an Lavinia beobachtet hatte,
dieses hochangesehene Traumorakel aufsuchen.
In dem heiligen Haine ruhte der Orakelsuchende
während der Nacht auf ausgebreiteten Schaf-
vliefsen und wurde wahrscheinlich unter Ein-
wirkung der Schwefeldünste, welche die vor-
beifliefsende Albunea aushauchte , in eine Art
Ilallucination versetzt. (Vgl. Servius z. St.:
Mephitis proprie est terrae putor, qui de aquis
nascitur sulphuratis, et est in nemoribus gra-
vior ex densitate silvarum). Daher kam es,
dafs Albunea selbst als weissagende Nymphe
aufgefafst wurde, als die Carmentis Tiburs
(Servius Verg. Aen. 8, 336), d. i. eben die weis-
sagende Nymphe von Tibur ( Servius : antique
vates carmentes dicebantur)-, als von Kumä
aus der griechische Sibyllenkultus nach Lati-
um kam, fafste man die Albunea als eine
Sibylle auf, und so heifst sie bei Suidas unter
BißvXlcu die zehnte Sibylle, ebenso Lactant.
1, 6, 12, vgl. Crcuzer, zur Gesell, altröm. Kul-
tur S. 101. Es scheint zu Tibur über sie eine
Sage gegeben zu haben, sie habe ihr Orakel-
ä!
'
;
■
:
i
.
)
'
LJ
-
-
.ach
225
Alburnus Deus
Aleos
226
buch mitten durch den Anio getragen, ohne
dafs die Rolle vom Wasser durchnäfst worden
sei. Tibull. 2 , 5. 69 : quasque Anienct sacras
j Tiburs per flumina sortes portarit sicco pertu-
j Jeritque stritt. Vgl. Heyne zu der Stelle (ed. alt.
vom Jahr 1777. S. 126. obscrvat. in T. S. 125 f.).
Nach Lactantins 1, 6, 12 wurde sie am Ufer
des Anio zu Tibur göttlich verehrt, noch heut-
zutage steht in Tivoli über dem Abgrund, in
den der Teverone stürzt, ein Tempel der ,,Si- n
bylle“ (vgl. Jacobi Handwb. unter Albunea), und
j zwar erzählt Lactantius , dafs das Bild (, simula -
crutn ) der Sibylle, ein Buch in der Hand hal-
! tend, im Strudel des Flusses gefunden worden
sei, eine Angabe, die offenbar mit der von
Tibull berührten Sage in Zusammenhang steht.
Ihre Sprüche ( sortes ) liefs später der Seuat
i nach Rom bringen und auf dem Capitol auf-
bewahren. Lactant. a. a. 0. — Servius z. Verg.
Aen. 7, 84 sagt, dafs Albunea mit dem Gott 21
j Mephitis verbunden gewesen sei, wie Venus
mit Adonis, oder Diana mit Virbius; freilich
gilt sonst Mephitis oder richtiger Mefitis für
t eine Göttin; z. B. hält man die Mefitis Fisica
bei Mommsen, I. N. n. 307 für eine heil’se
Schwefelquelle. Preller, r. M. (3. Aufl. von
Jordan 1, 113, .3. 448, 3. 2, 144 ff'.). Die Sache
scheint so zu liegen: Albunea war der latei-
nische Name für solche Schwefelquellen, eben-
sogut für die berühmte bei Tibur, wie für die 3'
weniger bekannte im Gebiet der Laurenter
j ( Probus a. a.O.). Mefitis bezeichnete wahrschein-
lich ursprünglich dasselbe, es ist ein fremder
bisher noch nicht erklärter Name: Jordan zu
Preller f r. M. 2, 144. 4 (3. Aull.). Manche
übersetzten den Namen Albunea etymologisie-
! rend mit Leukothea (vgl. Servius Verg. Aen.
7, 84), welche letztere ursprünglich mit der
Albunea wohl nichts zu thun hatte. Wie die
kalte Schwefelquelle , später ein besuchtes 4
Heilbad, immer mit aquae Albulae oder mit
Albula bezeichnet wurde ( Strabo 5, 238 Paus.
4, 35. Plin. n. h. 31, 10. Vitruv. 8, 3. Säet.
I (Jet. 82. Ner. 31. Martial. 1, 12, 2), so nannte
auch Statius Silv. 1, 3, 75 die Albunea selbst
Albula: illic sulfureos cupit Albula mergere
; crines. Der Name Albunea hängt wie Albula
I mit albus zusammen. Servius Verg. Aen. 7,
83 erklärt richtig: Albunea dicta est ab aquae
qualitate, quae in illo fonte est. Die Form Al- 5
buna stand früher als Konjektur Tibull. 2, 5,
69, nicht unrichtig gebildet, vgl. Fortuna, Va-
I cuna. Die Albunea hat ein treffendes Analo-
gon am ’AXcpstös, vgl. G. Curtius , Gr. EtymJ
I S. 293. A. Bütticher, Olympia S. 44 f. Über
die Lage der Albunea ist man noch nicht einig.
Vgl. Bonstetten, Voyage sur la scene des six
derniers livres de l'Eneide p. 205 ff. Nibby,
Viaggio 1 p. 109. Kephalides , Beisen durch
Italien 1 S. 125. Jacobi , Handwb. unter Al- 1;
bunea. [Wörner.]
Alburnus Deus, ein rätselhafter Gott, dem
M. Amilius einen Tempel gelobt hatte, wel-
j ches Gelübde jedoch später der römische Senat
nicht bestätigte: Tert. Apolog. 5. adv. Marc. 1,
18 (wo Varro Quelle ist). Vgl. Preller , r. MV
1, 155, 1. [Roscher.]
AUlemiöS (Albryuog, Nebenform "AXdog, im
Koscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
Etym. M. Flor ent. in Millers ' Melanges ’ p. 21
’AXötog) b Ztvg, og sv r<x£y zgg Ev^iag ziyäzca'
Ttagd zo ccXdodvtn, zo av^äveo ‘ o sni zyg cev^ij-
oecog zwv hcxqtccöv Mefrodiog: Etym. M. p. 58,
20 Gaisf. [Crusius.]
Alebion (’AXsßicav), Sohn des Poseidon, in
Ligurien wohnhaft, welcher samt seinem Bruder
Derkynos von Herakles erschlagen wurde, weil
sie es gewagt hatten, ihn der aus Erytheia
entführten Rinder zu berauben: Apotlod. 2, 5,
10. Pomp. Mela 2, 5 , 78 nennt ihn Albion.
Wahrscheinlich ist Alebion Eponymos der
von Strabo 202 erwähnten Stadt ’ ’AXßiov .
| Roscher.]
Alegeuor (AXtyyvmq), Sohn des ltonos, En-
kel des Boiotos, Vater des Klonios, der vor
Troja fiel, Dioä. 4, 67. Schol. 11. 2, 494, wo
der Vater Eteonos, nicht ltonos heifst. [Stoll.]
Aleisios s. Alesios.
Alekto (g4X[X]ynzco), eine der Erinnyen (s. d.).
Vgl . Apollo d. 1, 1,4. Orph, Arg. 971. Hymn.
68 , 2. Cornut. 10. Schol. Eur. Or. 37. 321.
Phot. u. Harpolcr. s. v. Evysviätg. Verg. Aen.
7, 324 ö. Tzetz. Lylc. 406. Theog. 81.
[Roscher.]
Alektor (AXshzuq) , 1) Sohn des Anaxago-
ras, Vater des Ipliis , König in Argos. Apd.
з , 6 , 2. Paus. 2 , 18,4. — 2) Sohn des
Epeios , König in Elis , macht aus Furcht vor
Pelops den Phorbas aus Olenos zum Teilhaber
der Herrschaft und zeugt mit dessen Toch-
ter Diogeneia den Amarynkeus. East. II. p. 303.
Diod. Sic. 4, 69. — 3) Vater der Iphiloche
oder Echemela, die mit Menelaos’ Sohn Me-
gapenthes verheiratet wurde. Hom. Od. 4, 10.
Nach Eust. ad Hom. p. 1479, 21 Sohn des
Argeios und der Hegesandra, Enkel des Pe-
lops. Vgl. Pherecyd. b. Schol. zu Od. 4, 22. —
4) Vater des Argonauten Leitos. Apd. 1, 9,
16 (bei Hom. II. 17, 602 Alektryon genannt).
[Bernhard.]
Alektryon (AXihzqvwv), 1) Vater des Argo-
nauten Leitos. II, 17, 602 (vgl. Apd. 1, 9, 16
и. Alektor 4). — 2) Ein junger Ifiener des Ares,
den er sich für seine Besuche bei Aphro-
dite zum Wächter bestellt hatte. Einmal war
er eingeschlafen und so die Veranlassung ge-
worden, dafs Helios die Buhlerei zwischen Ares
und Aphrodite entdeckte und dem Hephaistos
verriet, der jene mit einem Netz umstrickte
und dem Gespött der Götter preisgab. Zur
Strafe verwandelte ihn Ares in einen Hahn.
Luc. Gail. 3. Eust. ad Hom. 1598, 61.
[Bernhard.]
Alemon (Alr\ya>v), ein Argiver, Vater des
Myskelos, des Gründers von Kroton: Ov. Met.
15, 19 u. 26. [Roscher.]
Alemona s. lndigitamenta.
Aleos (Also s, auch’Alfwg und’Alfog), l)Grün-
1 der und Eponymos von Alea in Arkadien, Sohn
des Apheidas, Enkel des Arkas, Gemahl der
Neaira, Vater des Lykurgos , Ampliidamas,
Kepheus, der Alkidike und Auge, Teilnehmer
an der Argonautenfahrt und Erbauer des Tem-
pels der Athene Alea zu Tegea: Eurip. b.
Dion. II. de comp. verb. 26 (fr. ed. N. 697). Ap.
Bh. 1, 163 u. Schol, (Vgl. auch das Argo-
nautenverzeichnis b. Ap. Bh. cd. Merlcel p. 535,
8
227
Alesios
Aletes
228
11). Apollod. 3, 9, 1. 1, 9, 16. 2, 7, 4. Strab.
615. Diod. S. 4, 33. 68. Paus. 8, 4, 4. 8 ö.
Steph. Byz. s. v. ’AXsa. [Roscher.] — Auf rö-
mischen Münzen der Stadt ward Aleos mit
Namensbeischrift ( AAEOE ) dargestellt Eckhel
2, 299. Mionnet 2, 256 No. 73. [Schreiber.]
— 2) Thebanischer Heros: Blut. gen. Socr. 5
(vgl. Flut. Lys. 28). [Roscher.]
Alesios (Ah'ioiog, auch ’AXtioio g), Eponymos
und Gründer der II. B 617 u. A 757 erwähn-
ten Ortschaft AXgaiov oder ’AXsCglov in Elis,
nach Steph. Byz. s. v. ’AXrjßi.ov entweder Sohn
des Skillus und Freier der Hippodameia oder
Sohn des Gargettos und Begleiter des Pelops.
Vgl. auch Aristarch b. Schol. z. II. A 757 (der
ihn ’AXiGiog nennt) und Eust. z. II. B 617.
[Roscher.]
Aletai (Alr\xui) ' oder Titanen, zwei Figuren
der phönikischen Mythologie bei Philo Bybl.
fr. 2, 10 ( Müller FHG.S, 567). Dazu Bimsen
p. 36. Movers Pliön. 1, 664. [Wiliscli.]
Aletes (AXrjvr] g), 1) Sohn des Hippotes, der
durch Phylas und Antiochos ein Urenkel des
Herakles war {Apoll. 2, 8, 3. Paus. 2, 4, 3.
Schol. Find. Ol. 13, 17). Geboren zur Zeit
des Einfalles der Dorer, als sein Vater, eines
Mordes wegen verbannt, ein unstetes Leben
führte, erhielt er den Namen des „Schweifers“
( Etym . Magn. ’AXfjzrjg), vertrieb später die Si-
syphiden und die von ihnen beherrschten Ionier
aus Korinth {Ephor, b. Strab. 8, 389. Conon
narrat. 26. Veil. Pat. 1, 3) und gründete die
Stadt von neuem; deshalb heifsen die Korin-
ther zictidsg ’Aldzcc {Find. Ol. 13, 17) oder ’AXg-
zidcu {Schol. Find. Isthm. 2, 19) oder ’AXiqxiä-
öcu {Callim. fragm , 103 Blomf.). Nach Pausa-
nias (a. a. 0.) siegte er in einer Schlacht, ver-
trieb das Volk, liefs aber Doridas und Hyan-
thidas, die letzten Nachkommen des Sisyphos,
die ihm die Herrschaft abtraten, unbehelligt.
In seinem Heere befand sich auch Melas, des
Antasos Sohn, aus Gonussa bei Sikyon, den er
zuerst, durch ein Orakel gewarnt, nicht hatte
aufnehmen wollen, zuletzt aber doch als Ge-
nossen zuliefs. Der Nachkomme dieses Melas,
Kypselos, stürzte später die Bakchiaden, wel-
che (freilich wohl mit Unrecht) als Abkömm-
linge des Aletes galten {Paus. 2. 4, 4. 5, 18,
8). Die Eroberung Korinths erfolgte durch
Verrat der Töchter des letzten Herrschers
Kreon, worüber ausführlich das Schol. z. Find.
Nem. 7, 155 berichtet: Als Aletes um Korinth
stritt, befragte er das Zeusorakel in Dodona;
das verhiefs ihm die Einnahme der Stadt,
wenn jemand ihm eine Erdscholle (das alte
Symbol der Ergebung) überreichen würde; er
solle aber an einem kränzereichen Tage an-
greifen. Die Bedingung ging in Erfüllung,
als Aletes im Korinthischen einen Landmann
um Brot bat und eine Scholle erhielt. Nun
trat Aletes, als eben in Korinth ein Toten-
fest gefeiert wurde (ligsQU nolvGzscpavog), und
die Bevölkerung bei den Gräbern verweilte,
mit den Töchtern des Königs Kreon in Ver-
bindung und versprach der jüngeren sie zur
Frau zu nehmen, wenn er die Stadt gewinne.
Da liefs sich das Mädchen bereden und öff-
nete das Thor. Aletes nahm die Stadt und
nannte sie Aiog KoQiv&og, weil das Orakel
von Dodona ihm den Weg zur Eroberung ge-
zeigt hatte. Die Fortsetzung s. u. Hellotis.
Etwas anderes erzählt Flut. prov. 1, 48 p. 328
nach Duris den Hergang mit der Erdscholle:
Als Aletes aus Korinth vertrieben worden war,
versuchte er nach einem Orakelspruche wieder
dorthin zurückzukehren; wie er nun im Lande
umherzog und einen Hirten um Speise bat,
nahm dieser aus seinem Ranzen einen Klofs
(ßcoXov) und gab ihn dem Aletes; der fafste
die Gabe als glückverheifsend auf und rief:
d£%£T<xL nal ßcbXov ’AXfjzgg, Aletes“ nimmt auch
einen Klofs an. Die Worte bilden einen Hexa-
meterausgang und sind vielleicht einem alten
Gedichte entnommen, enthalten aber jedenfalls
die früheste Erwähnung des Aletes; nächst-
dem folgt Pindar. Ganz ähnlich erzählen He-
sychios (AXgzrjg) und Diogenian (4, 27); nur
:u beziehen sie z/t og KoQivQ'og darauf, clafs die
Erdscholle von Zeus herrührt. Aletes teilte
die Stadt nach einem Orakelspruch in acht
Bezirke und richtete acht Phylen ein {Suicl.
ntxvzcc 6-kzg}. Apostol. prov. 13, 93); er unter-
nahm auch einen Zug gegen Attika, welches
der Opfertod des Ivodros rettete {Conon. 26);
dabei wurde Megara dorisiert {Herod. 5, 76.
Paus. 1, 39, 4. Schol. Pind. N. 7, 155) mit
besonderer Hilfe der Messenier ( Scymn . 504).
:o Die Eroberung Korinths durch Aletes setzt
Veil. Pat. (1,13) 952 Jahre vor die Zerstörung
durch Mummius , also in das Jahr 1098. Di-
clymos {Schol. Find. Ol. 13, 17) läfst ihn erst
30 Jahre später als die anderen Herakliden
kommen (1074), womit die Fassung des Conon
(s. o.) übereinstimmt. Anders der auf Apol-
lodor fufsende Bericht des Diodor {fragm. I. 6
p. 635), nach welchem die Herakliden bei der
Teilung Korinth aussondern, den Aletes holen
o lassen und ihm die Landschaft übergeben. Er
war ein hervorragender Mann, erhöhte die
Macht Korinths und herrschte 38 Jahre; bei
Malalas script. Byz. p. 90 B {Oxon. 111)
aber 35 Jahre. — Vgl. K. 0. Müller , Do-
rier 1, 84 flg. Baoul-Bochette, hist, de Vetabl.
des col. Grecqu. 3 , 27. Grote, Gesch. Griech.
1 , 395. 635 {Meifsner). Weifsenborn , Hellen
41. Duncker , Gesch. d. Alt. 3, 226. E. Cur-
tius, Peloponn. 2, 518. Griech. Gesch:' 1, 659.
o Wagner , de Bacchiadis Cor. p. 3. Haacke,
Gesch. Kor. bis z. Sturz d. Bacch. 6. J. Holle,
de Periandro 4 (der ihn für die Personifika-
tion der Handelsthätigkeit der Korinther hält).
Wie die Aletai des Philo , der Bergmann in
Neukarthago und der Kadmos ’AXyxyg des Non-
nos, so ist auch der korinthische Aletes
eine Gestalt der phönikischen Mythologie, wor-
auf noch besonders seine Verbindung mit
Hellotis (s. d.) hinweist; zu dieser steht er in
o gleichem Verhältnis wie Kadmos zur Europa.
Phönikisclier Einflufs in Korinth ist auch sonst
mehrfach bezeugt, und vielleicht hängt selbst
die Einteilung der Stadt in acht Regionen und
acht Phylen damit zusammen; denn die Acht-
zahl kommt auch in Theben beim Apollo Is-
menios (Eschinun) in Beziehung auf altphöni-
kischen Kultus vor {Her. 5, 59. Apoll. 3, 4, 2.
Paus. 9, 10, 4. K. 0. Müller, Orch. 220). Nach
229
Aletlieia
Alibas
230
Movers 2, 2, 100 wurden die phönikischen
Kabiren Alrjzai genannt, das Etym. mayn. setzt
Alyzyg geradezu gleich nXavfizrjg. Dadurch
erklärt sich auch der Vergleich von sieben
Kämpfern mit den i’ariQi&yoiGiv alr/zcug bei
Norm. Dion. 13, 170. Dondorff, , Ionier auf Euböa
S. 28. Die nüchterne Überlieferung über die
Einnahme Korinths vom solygeischen Hügel
aus, wie sie Tlnuc. 4, 42 giebt, liefs einen in-
dividuellen Führer vermissen ; so trat als
Lückenbüfser für den nicht vorhandenen Do-
rerhelden eine seit der Zeit phönikisclier
Herrschaft am Isthmus heimische astronomische
Gestalt ein und die Sage wurde dem Bedürf-
nis entsprechend umgestaltet. Vgl. Wiliscli ,
Jahrb. 1878 S. 735 flg. und 1881 ' S. 170 flg.
Dagegen nimmt Schwenck (rhein. Mus. 6, 280)
an, dafs Aletes keine Beziehung zur Hellotis
hatte, sondern „die verbannten Herakliden be-
zeichnete, welche als cclrjzca aus der Fremde 2
zurückkehrten“. — 2) Sohn des Ikarios und
der Najade Periboia, Schwager des Odysseus.
Apoll. 3, 10, 6. — 3) Sohn des Aigistlios, der
sich auf die Kunde vom angeblichen Tode des
Orestes des Thrones in Mykenai bemächtigte,
von Orestes aber erschlagen wurde ( Hygin . f.
122. 124). — 4) Erfinder des Silberbergbaues
bei den Karthagern, dem deshalb göttliche
Ehre erwiesen wurde und ein Hügel bei Neu-
carthago geheiligt war. Polyb. 10, 10, 11. — 3<
>) Bejahrter Genosse des Äneas ( V erg. Aen.
!., 121), der den Nisus und Euryalus zu ihrem
Vorhaben beglückwünscht (ib. 9, 246). — G)
3einame des Hippotes (s. Al. 1), der bei Tzetzes
id Lyc. 1388 als dorischer Oikist von Knidos
genannt ist. Diod. 5, 9. K. O. Müller , Dor.
., 124 Anm. — 1) Beiname des Kadmos bei
Voran. Dion. 1, 321. 4, 225. 13, 350. — 8) Bei-
lame eines Arkaders Bakis aus Kaphye, der
euch noch Ivydas hiefs. Philetas im Schol. 4
I. Arist. pax 1036 (1071). [Wilisch.]
Aletlieia (’Alri&tia), die personifizierte Wahr-
leit, Tochter des Zeus ( Pind . Ol. 11, 6 u.
■ichol. , vgl. auch 11. A 526), nach Philostr.
Aon. 43 neben Amphiaraos und Oneiros in
?eifsem Gewände dargestellt, von Apelles in dem
Iülde der Verleumdung gemalt (Lucian. de ca-
min. 5). Die Römer hielten die Alfi&siix (Veri-
as) entweder für eine Tochter des Saturnus
= Kqovos (Flut. Q. Pom. 11) oder der Zeit 5
L’empus): Gell. N. A. 12, 11. Hör. c. 1, 24, 7
ennt sie nuda (unverhüllt?). Nach Ael. V. II.
4, 34 trug der ägyptische Oberrichter ein Amu-
ätt aus Sapphir am Halse, das Aletheia ge-
annt wurde. Flut. Q. Symp. 3, 9, 2 nennt sie
ine Amme des Apollon. [Roscher.]
Aletis (Alr/zig), Beiname der Erigone, der
’ochter des Ikaros (s. Aletes 2) und zugleich
lame eines Gesanges zu ihrer Ehre. Athen. 14,
18 j E. Pollux 4, 55. Welcher, Nachtr. zur c
’rü. 224. Fest in Athen und Name eines Ta-
es. Hesych. jWiliscli.]
Aleuas (Aleva g), ein Heraklide in Thessalien,
tammvater des alten thessalischen Adelsge-
chlechtes der Aleuadenr: Pind. Pyth. 10, 5 u.
chol. Tlieohr. Id. 16, 34. Schol. z. Dem. Ol.
, 22. Polyacn. 8 , 44, wo nach Westermann
Pauly Bediene.- 1 , 704) Ale vag zu schrei-
ben ist. Nach Ael. h. an. 8, 11 weidete er
als Jüngling die Rinder auf den Abhängen des
Ossa und war so schön, dafs eine gewaltige
Schlange sich in ihn verliebte, sein Haar küfste,
sein Antlitz beleckte und ihm allerlei Gaben
brachte. [Roscher.]
Alexandra (Als'E,ccvdQa), 1) = Kassandra (s.
d.): vgl. Paus. 3, 19, 6. 26, 5 und den Titel
des Gedichtes des Lylcopliron : Luc. Lex. 25.
— 2) Amazone auf einer rotfigurigen Vase aus
Kameiros im Britischen Museum: Salzmann,
Kameiros pl. 58. [Klügmann u. Roscher.]
Alexandros (AlsigotvdQog) 1) — Paris, Sohn
des Priamos. Wahrscheinlich ist Alexandros
die griechische Übersetzung des phrygischen
Namens Paris (vgl. Xanthos-Skamandros, Hek-
tor-Dareios. lies. s. v. Accysiog u. s. w. Gurtius,
Grundz. d. gr. Et.5 278). Nach Apollod. 3,
5, 12 wurde Paris so genannt, weil er seine
Herden vor Räubern beschützt hatte. Alexan-
dros erscheint schon oft in der Ilias, sodann
bei Herod. 1, 3 u. a., namentlich auch in Vasen-
inschriften: C. I. Gr. 4, 3, 17 ( Indices ). — 2)
Sohn des Akanias: Stepli. Byz. s. v. XvzqoL
— 3) Sohn des Eurystheus, nach Apollod. 2,
8, 1 von den Athenern im Kampfe mit jenem
Verfolger der Herakliden getötet. [Roscher.]
Alexanor (’AIi^üvcoq) , Sohn des Machaon,
Enkel des Asklepios, Bruder des Sphyros. Er
baute in Titane bei Sikyon dem Asklepios einen
Tempel und hatte daselbst ebenso wie Euame-
rion ein Bild, dem man als einem Heros nach
Sonnenuntergang opferte: Paus. 2, 11, Gif. u.
23, 4. Wahrscheinlich ein alter Beiname des
Asklepios, der zu selbständiger Bedeutung ge-
langte. [Roscher.]
Alexiares (Als'giaQr] g), Bruder des Aniketos,
Sohn des Herakles und der Hebe: Apollod. 2,
7, 7. Offenbar sind die beiden Söhne aus Bei-
namen des Herakles hervorgegangen. Alexia-
res bezeichnet demnach ungefähr dasselbe wie
Ale^l-aanog oder ’Als'gig, Av(.nr]zog ist Beiname
des Herakles C. I. Gr. 3817 (vgl. auch den
Herakles Ka.lliviY.og C. 1. Gr. 2385 u. öfters).
[Roscher.]
Alexida (Alstgidcc), Tochter des Amphiaraos,
von welcher die Elasioi (EXccglol), die Ab-
wehrer der Epilepsie, argivische Dämonen, ab-
stammen sollten: Flut. Q. Gr. 23. [Roscher.]
Alexinonios (Ale^ivoyog), Vater des Mela-
neus und Alkidamas, welche Neoptolemos er-
legte: Q. Smyrn. 8, 78. [Roscher.]
Alexippos (Als^mnog), Diener des Memnon:
Q. Smyrn. 2, 365. [Roscher.]
Alexirrlioia (AlsigiQQoia und -yorf, Tochter
des Antandros (?), Mutter des Karmanor von
Dionysos: Schol. II. 24, 497. Flut. fluv. 7, 5.
Vgl. auch Nat. Com. 5, 13 p. 497. [Roscher.]
Alexis ('Alelgi g), Sohn des Eleios, Enkel des
Poseidon, Bruder des Epeios: Aristot. b. Schol.
11. 11, 688. [Roscher.]
Algca ('Alysa), Töchter der Eris, Personifi-
kationen der aus dem Streite hervsrgehenden
Schmerzen: lies. Th. 227. [Roscher.]
Alibas (Alißag) ('Totenbach’: vgl. Flut, aqua
an ign. util. 2. Schol. Aristoph. Ban. 186 =
Didym. fr. p. 248 Schm.), Strom im Hades:
Said. s. v., Etym. M. p. 550, 33 (= Styx).
8 *
231
Alkathaos
Alipheros
232
Daher die fingierte Phyle ’Ahßccv rig Lucian.
Necyom. 20. [Crusius.]
Alipheros (Alitprjqog) , Gründer der arkadi-
schen Stadt Aliphera, Sohn des Lykaon, von
Zeus mit seinem Vater und seinen Brüdern
wegen Gottlosigkeit mit dem Blitzstrahl er-
schlagen: Apollod. 3, 8, 1. Paus. 8, 3, 4. 26,
6. Steph. B yz. s. v. ’AlCyuQu. [Roscher.]
Alistra (AlCatqcx), Mutter des Ogygos von
Poseidon: Tzetz. Lykophr. 1200. [Roscher.] n
Alkaie ßAlxccirj), Amazone auf einer Hydria
in England: Bröndsted vases of Campanari
n. 28. C. I. Gr. 7573. [Klügmann.]
Alkaios QAhicdog) , 1) früherer Name des
Herakles : Diod. 1 , 24. 4, 10. S. Emp. adv.
dogm. 3, 36. Ad. v. h. 2, 32. Bio Chrys. or.
31 p. 338 M. Auch Beiname desselben: C.I. Gr.
1759. 5984 B. (vgl. ’Abieidys ib. 3123. 6303.
’AXuLdris 1167). — 2) Sohn des Herakles, Ahn-
herr des lydischen Königs Kandaules; Herod. 21
1, 7. Suid. Biod. 4, 31 nennt ihn Kleolaos.
S. Agelaos und Acheles (Akeles). — 8)
Sohn des Perseus und der Andromeda , Ge-
mahl der Hipponome (Tochter des Menoikeus
aus Theben) , Vater des Amphitryon und
der Anaxo: Hesiod. Sc. 26. Apollod. 2, 4, 5.
Schol. Eur. lieh. 886. Nach Paus. 8, 14, 2
war seine Gemahlin Laonome, Tochter des
Guneus aus dem arkadischen Pheneos , oder
Lysidike, Tochter des Pelops. — • 4) Sohn des 3'
Androgeos, Enkel des Minos, mit seinem Bru-
der Sthenelos von Herakles, nachdem er seinen
Vater und dessen Bruder getötet hatte, ent-
führt und mit der Herrschaft über Thasos be-
lehnt: Apollod. 2, 5, 9. C. I. Gr. 5984 G. Nach
Biod. 5, 79 war er einer der Heerführer des
Rhadamanthys und erhielt von diesem die Insel
Paros zum Geschenk. — 5) Trojaner, von Me-
ges getötet: Q. Smyrn. 10, 138. [Roscher.]
Alkamlre ( AXuävSQr] ), Gemahlin des Poly- 4
bos im ägyptischen (Theben: öd. 4, 126. Ath.
191b. [Roscher.]
Alkandros ('AhuxvdQog) , 1) Lykier: II. 5,
678. — 2) Sohn des Trophonios in Lebadea:
Gharax b. Schol. Ar. Nub. 508. — 3) Ein Ge-
fährte des Aneas, von Turnus erlegt: Vcrg.
Aen. 9, 767 (vgl. II. 5, 678). — 4) Sohn des
Molosserkönigs Munichos und der Lelante,
ebenso wie sein Vater ein trefflicher Seher.
Als einst seine ganze Familie (darunter seine 5
Geschwister Megaletor , Philaios , Hyperippe)
von Räubern überfallen wurden und ihre Burg
in Brand gesteckt wurde, rettete Zeus die we-
gen ihrer Frömmigkeit von ihm geliebten Men-
schen vor dem Feuertode dadurch, dafs er sie
alle in Vögel verwandelte. So wurde Hyperippe
ein Taucher (aü&via) , Munichos ein Falke
(tQLOQxrjg), Alkandros ein Zaunkönig (6q%iXos),
Megaletor und Philaios zwei kleine Vögel Na-
mens i%v£vyo)v und v.voiv , die Lelante ein c
Baumspecht (mna). Anton. Lib. 14. [Roscher.]
Alkanor (’AXhuvcoq, lat. Alcanor), 1) Troja-
ner vom Idagebirge, Vater des Pandarus und
ßitias , welche den Aneas begleiteten : Vcrg.
Aen. 9, 672. — 2) Ein Rutuler, welchen Ai-
neias verwundete : V erg. Aen. 10,338. [Roscher.]
Alkathoe s. Alkithoe.
Alkatlioos (k/Xxdffoog; die Prosaiker aufser
Apollod. ’AXnd&ov g), 1) Sohn des Pelops und der
Hippodameia, Bruder des Atreus und Thyestes, i
Gemahl der Pyrgo und Euaichme, Vater der
Periboia, Automedusa und Iphinoe, des Isclie-
polis(Echepolis) und Kallipolis. Hes. Theog. 772.
Apollod. 2, 4, 11. 3, 12, 7. Paus. 1 , 41 , 4.
42, 4, 6. 43, 4-5. Find, Isthm. 7(8), 148.
Apoll. Bh. 1, 517 Schol. Xen. Cyneg. 1, 9. Als
Euippos, der Sohn des Königs Megareus, von
dem Kithäronischen Löwen getötet worden 1 J
war , versprach dieser demjenigen die Hand
seiner Tochter und die Thronfolge in Megaris,
der den Löwen erlegen würde. Auf diesen
Ruf eilt Alkathoos aus Elis herbei, tötet den
Löwen, stiftet darauf der Artemis Agrotera und
dem Apollon Agraios einen Tempel und erhält I
die Euaichme als Gattin und später die Nach-
folge auf dem Throne. Auch galt er für den
Wiederauf bauer der Mauern von Megaris, nach- ,
dem diese durch die Kreter zerstört waren. 1
Bei diesem Bau opferte er als der erste den
Göttern, welche ngoSgofisig genannt wurden,
und Apollo selbst war ihm beim Bau behilf-
lich. Noch zu Pausanias’ Zeit zeigte man den
Altar jener Götter und den Stein, auf welchen
Apollo während jenes Baues seine Zither ge-
legt haben sollte; warf man auf diesen einen,
kleinen Stein , so tönte er wie eine geschla-
gene Zither. Paus. a. a. O. Ov. met. 8, 14ff.
trist. 1, 10, 39ff. Ps.-Verg. Cir. 104ff. Anth.\
Pal. 2, 297, p. 711. Nach Apoll. Bh. a. a. 0.
mufste Alkathoos wegen des Mordes seines H
Bruders Chrysippos aus Megara fliehen und
während er sich aufmachte, sich eine neue
Wohnstätte zu suchen, traf er auf den Löwen,
zu dessen Tötung auch noch andere gleichzeitig j;
ausgeschickt waren. Er bezwingt ihn, schneidet
ihm die Zunge aus (vgl. d. Tristansage) und kehrt
nach Megara zurück. Als mm die Ausgeschick-
tep mit dem Anspruch zurückkehren, ihnen ge-
bühre das Verdienst, das Land von dem Un-
gethürn befreit zu haben , widerlegt sie Alka-
thoos durch Vorzeigung der Zunge des Löwen.
Dem Alkathoos zu Ehren feierte man in Mega- i
ris Spiele (’Abux&oia Pind. Nein. 5, 84 u. Schol.).
nach seinem Namen war die Burg von Mega-
ris benannt und in der Nähe des Apollotem
pels war sein Heroon. Ebenda war ein Grabmal
des Kallipolis, welchen der Vater mit einem j
brennenden Scheite beim Opfer getötet hatte
Als nämlich sein Bruder lschepolis bei dei
Kalydonischen Jagd umgekommen war, eiltt
Kallipolis, der dies zuerst hörte, zu dem Vater
Alkathoos , brachte ihm die Trauerbotschaft
und rifs dabei das heilige Opferfeuer auseinan
der. Im Zorn darüber und in dem Glauben
dafs sich Kallipolis habe an dem Gotte ver
sündigen wollen', tötete ihn der Vater. Paus
I, 42, 4ff. — 2) Sohn desPorthaon und dei
Euryte. Apollod. 1, 7, 10. 8, 5. Quint. Sm
10, 352. Nach Paus. 6, 20, 17. 21, 10 wai
er einer von denen , die Oinomaos bei dei
Bewerbung um seine Tochter tötete. Nach Apoll.
Q. Smyrn. u. Biod. 4, 65 tötete ihn Tydeus, docl
war nach dem Schol * zu 11. 14, 120 dies eir
Sohn des Agrios. — 3) Sohn des Aisyetes
ein Führer der Troer im trojanischen Kriege
II. 12 , 93 ist er im Verein mit Paris unc
II
111
litt
bH
ili
1
bi
ta
Alke
Alkestis
234
233
Agenor Anführer der zweiten Ordnung beim
I Sturm auf die Schiffsmauer; Gemahl der HiP-
podameia, der ältesten Tochter des Anchises.
II. 13, 427. 466; nach der letzteren Stelle war
! er Erzieher des Aineias und wurde 'von Ido-
! meneus mit Poseidons Hilfe beim Kampfe um
die Schiffe getötet. Nach Quint. Sm. 3 , 158
I fällt ..er durch Achilleus. — 4) Ein Begleiter
i des Aneas , von Cädicus getötet, Verg. Aen.
10, 747. [Bernhard.]
Alke QAhirf), 1) Tochter des Olympos und
der Kybele Diod. 5, 49. — 2) Amazone in Tra-
Ijans Gedicht: Äntiiol. lat. n. 392 lliese. — 3)
I Hund des Aktaion: Hyg. F. 181. Ov. mct. 3,
217 (vgl. Xen. Gyn. 7, 5. Colum. r. r. 7, 12.)
[Roscher.]
Alkeidcs (’AAksfdVjs, dor. -ag, lat. Alcides),
Beiname des Herakles (s. d.), des Enkels von
Alkaios oder Alkeus (s. d.), auch des Ainphi-
tryon (s. d.), des Sohnes des Alkaios: lies. sc.
i 112. Kallim. Dian. 145. Orph. Arg. 297. Q.
Smyrn. 6, 222. 292. Anth. 14, 4 ö. C. I. Gr.
1167. 3123. 6303. Verg. Aen. 5, 414 ö. Nach
Apollod. 2, 4, 12 war Alkeides früherer Name
des Herakles, der auch Alkaios liiefs ( C . I. Gr.
1759. 5984 D). [Roscher.]
Alkeis CAlngig), Tochter des Antaios: Pi-
sand. b. Schol. Find. P. 9, 183. [Roscher.]
Alkestis ('AXy-gozig), Tochter des Pelias und
der Anaxibie (Hygin. f. 51), zeichnete sich vor
ihren 'Schwestern (Amphinome und Euadne
ihres Vaters teil, zu welcher die Peliaden von
Medeia überredet waren (vgl. dagegen Palaiph.
de incred. c. 41). Von ihren vielen Freiern
erhält Admetos, König von Pherai, den Vor-
zug, weil er das Gebot des Pelias erfüllt und
(mit Hilfe des Apollon) Eber und Löwen vor
den Wagen spannt. Nach Diod. 4, 53, 2 wird
sie erst nach dem Tode des Pelias durch Iason
mit Admetos verheiratet, wohl um denWider-
10 spruch zu beseitigen, der zwischen ihrer frü-
heren Vermählung und ihrer Gegenwart beim
Tode des Pelias liegt. Als ihr Gatte sterben
soll und sich niemand findet, der freiwillig für
ihn in den Hades zu gehen übernimmt, erklärt
sich Alkestis bereit ( Eurip . Alkestis). Sie stirbt,
doch Herakles, der an demselben Tage nach
Pherai kam, auf dem Wege nach den Rossen
des Diomedes begriffen, ringt sie dem Tod
beim Grabmal ab und führt sie dem Admetos
20 wieder zu. So wohl schon Phryniclios ( fragrn .
trag. Plvryn. 2 u. 3), nach ihm Euripides ; nach
andern wird Alkestis von Herakles aus dem
Hades geholt (Luc. dial. mort. 23 nul rgv
ofioysvrj gov Alagaxiv 7taQ£7xiyipccxe HqccaIsi
XUQi^ogsvoi, vgl. Apollod. 1, 9, 15 "Aidy gu%e-
Gaucvag , Hygin. f. 51 Hercules ab inferis re-
vocavit), oder sie wird von der Persephone
wegen ihrer Gattentreue wieder zurückgesandt
(Fiat. Symp. 179 G. Apollod. 1, 9, 15. Hygin.
30 f. 51. 251. Schol. Aristoph. Vesp. 1239, vgl.
noch Luc. de luctu 4). Sie wurde als eine der
Alkestis auf d. Krankenlager, Mittelstiick d. Sarkopliagreliefs in Villa Albani (s. S. 235 Z. 32).
■ nach Diod. 4, 53, 2, Pelopia, Medusa, Peisidike,
Hippotlioe nach Hygin. f. 24, auf dem Bilde
des Mikon, wohl dem in Athen im Tempel
der Dioskuren befindlichen, Asteropeia und
j Antinoe genannt nach Paus. 1, 18, 1 u. 8, 11,
2) durch Schönheit ( Horn . B 714 diu ywaincbv
— Dtliao &vyuTQwv sidog dgiarg) und Fröm-
migkeit aus (Diod. 4, 52, 2). Sie allein nahm
i nicht an der Ermordung und Zerstückelung
60 edelsten Frauen im Hades neben Penelope,
Euadne und Laodameia gefeiert, vgl. Athen.
13, 559 G. Aclian. rar. hist. 14, 45. de nat.
an. 1, 15. Propert. 2, 5, 15. Tzetses Antehom.
238. Pragmatisch wird der Mythus erklärt
von Plutarch. amat. 18. Palaepli. de incred.
hist. 41. — Der Mythus der Alkestis wurde viel-
fach auf der Bühne vorgeführt, vgl. Juven. 6,
652 spectant subeuntem fata mariti Alcestim ;
235
Alkeus
Alkimedusa
236
als Stoff eines Pantomimus nennt ihn Lucian
de satt. 52.
Über Darstellungen der Alkestis bei der
Ermordung des Pelias s. u. Peliaden, Alkestis
bei den Leichenspielen des Pelias, allein von
den Peliaden benannt, auf dem Kasten des
Kypselos, Paus. 5, 17, 11. Admet und Alkestis,
die auf den Tod des ersteren bezügliche Orakel-
rolle empfangend, pompejanische Wandgemälde
nicht sicherer Deutung: JHelbig, Wandgem. 1157
— 1161. Sogliano, le pitture viurali campane
(in: Pompei , la regione sotterrata dal Vesuvio,
Napoli 1879) Nr. 506, vgl. Pull. d. Inst. 1877
S. 27. 1879 S. 69. Sicher nicht hierher gehört
Stephani, Compte rendu de St. Petersbourg 1860
Taf. 2. Abschied der Alkestis von Admetos,
etruskisches Vasenbild, Arch. Zeit. 1863 T. 180;
vielfach auf etruskischen Urnen, vgl. Bütschlce ,
Antike Bildwerke in Oberitalien unter Alkestis,
doch ist ihre Zugehörigkeit nicht sicher. Ab-
schied und Rückkehr unter Geleit des Herakles
auf römischen Sarkophagen, vgl. K. Bissel , der
Mythos von Admetos und Alkestis, seine Ent-
stehung und seine Barstellung in der bildende b
Kunst, Brandenburg 1882, 4 (Schulprogramm),
S. 12, und die Recension desselben Philolog.
Rundschau 3 S. 270 ( Bütschke ). Doch mit Un-
recht nimmt er die von K. Robert, Thanatos
39 , Winckelmanns-Progr. Berlin 1879 aufge-
stellte Deutung des ephesischen Säulenreliefs
als sicher an. Vgl. noch Matz, antike Bildw.
in Rom unter Alkestis. Der eingefügte Holz-
schnitt, das Mittelstück eines in der Villa Al-
bani (No. 140) befindlichen Sarkophagreliefs,
zeigt Alkestis auf dem Krankenlager, wie sie
dem Pädagogen eine Rolle, ihren letzten Wil-
len, iibergiebt; vor dem Bett jammern ihre
beiden Kinder, hinter der Kline stehen zwei
Dienerinnen; die Figur des Admetos erblickt
man rechts, wahrscheinlich dem Herakles ent-
gegen eilend (das Relief ist unvollständig) ; vgl.
Zoeqa bass. ant. 1 , 43. Millin Gal. myth.
108, 428.
Nach K. Bissei, der frühere Deutungen des
Mythos zurückweist, ist Admetos der Sonnen-
gott, und Alkestis, „die Strahlende“, ist die
Morgenröte; zugleich soll sie aber auch das
abendliche Halbdunkel (Abendrot?) bedeuten,
was für den Gatten stirbt, damit er am an-
dern Morgen in neuem Glanze im Osten auftau-
chen kann. [Vgl. auch C. I. Gr. 231. 6047. 6235.
6336. R.] [Engelmann.]
Alkeus (’AXkev g, Grundform zu ’AlxfiSrjg),
Vater des Amphitryo nach Sind. s. v. ’Alv.sC-
dr) s, identisch mit Alkaios, s. d. [Crusius.]
Alkibie (’Ahußirj), Amazone im Gefolge der
Penthesileia vor Troja, von Diomedes getötet,
Quint. Sm. 1, 45. 260. [Stoll.]
Alkidamas (AhuSccpag) , 1) Vater der Kte-
sylla (s. d.), wohnhaft auf der Insel Keos,
Anton. Lib. 1. Ov. Met. 7, 369; vgl. Akontios.
— 2) Sohn des Alexinomos, wohnhaft in Kau-
nos, mit seinem Bruder Melaneus vor Troja
von Neoptolemos getötet, Quint. Sm. 8, 77. —
3) Ein Mysier, Sohn des Aktaios, von Neopto-
lemos vor Troja erlegt, Tzetz. Posth. 556.
[Stoll.]
Alkidameia (’Almöüpsia), von Hermes Mutter
des korinthischen Heros Bunos. Etnnelos hei
Paus. 2, 3, 10. Als „Einspannerin, ein weib-
licher Triptolemos“ erklärt von Welcher zu
Schwencks Andeut. 326. [Wilisch.]
Alkidike (’AhudGri), Tochter des Aleos, Ge-
mahlin des Salmoneus, Mutter der Tyro, Apol-
lod. 1, 9, 8. Biod. 4, 68. Hellanikos b. Schal.
Plat. p. 376. Tzetz. L. 175. 872. [Stoll.]
Alkimache ( ’Ahupuxg ), 1) Tochter des Aiakos,
io von O'ileus Mutter des Medon , eines Stief-
bruders des Lokrers Aias, Schol, II. 13, 694.
Nach II. 13, 697. 15, 336 war die Stiefmutter
des Medon, die Mutter des Aia.s, Eriopis, nach
Hellanikos Eriope; aber nach Porphyrion, Phe-
rekydes und Mnaseas war des Aias Mutter
Alkimache , die Tochter des Phylakos. Der
Verf. der Naupaktika sagte, des Aias Mutter
habe zwei Namen gehabt, Eriope und Alki-
mache. Schol. 11. 15, 333. 336. — 2) Alkimache
20 und Alkimacheia, eine Mänade aus Lemnos,
Tochter des Harpalion, Begleiterin des Diony-
sos nach Indien, wo sie durch Morrheus fiel,
Nonn. Bion. 30, 192. 210. — 3) Beiname der
Athene, Suid. s. v. [Stoll.]
Alkimede (Ahups§r\), Tochter des Phylakos
und der Klymene, der Tochter des Minyas,
eine Schwester des Iphiklos, Gemahlin des
Aison, Mutter des Iason, Ap. lih. 1, 45. Phc-
rekydes b. Schol. Ap. Rh. 1, 45. 230. Schol,
30 Od. 12, 69. Hyg. f. 13. Ovid. Heroid. 6, 105.
Bei Hyg. f. 14 wird statt Glymene zu schrei-
ben sein Clymenes, s. Aison, Iason. [Stoll.]
Alkimedes (AXtupidrig), ein Genosse des Lo-
krischen Aias vor Troja, Quint. Sm. 6, 557.
[Stoll.]
Alkimedon (AXntpeSav) , 1) ein arkadischer
Heros, von welchem eine Ebene im Gebiet von
Mantineia den Namen hatte, Vater der Phialo,
mit welcher Herakles den Aichmagoras zeugte,
-io Mutter und Kind wurden von Alkimedon im
benachbarten Gebirge ausgesetzt; aber Hera-
kles fand sie auf, geleitet von den klagenden
Tönen eines Hähers (KCoaa). Danach wurde
eine Quelle Ki'oGtx, Häherquelle, genannt, die
in der Nähe von der Höhle des Automedon,
wo dieser gewohnt haben sollte, entsprang.
Paus. 8, 12, 2. Curtius Pelop. 1, 243. 269,
12.* Bursian, Geogr. 2, 207. 214. — 2) Einer
der tyrrhenischen Schiffer, die den Bakchos
50 entführen wollten und deswegen in Delphine
verwandelt wurden, Ov, Met. 3, 618. Hyg. /’•
134. — 8) Sohn des Laerkes und ein Anführer
der Myrmidonen unter Patroklos, II, 16, 197.
Als dieser gefallen war und Automedon allein
auf dem Schlachtwagen des Achilleus stand,
übergab er dem Alkimedon die Leitung der
Rosse, um selbst zu Fufs zu kämpfen, II. 17,
466 ff. — 4) Ein Genosse des Lokrers Aias.
Er versuchte bei dem Kampf gegen die Mauer
60 von Troja auf einer Leiter hinaufzusteigen;
aber Aineias zerschmetterte ihm mit einem
Steine das Haupt. Quint. Sm. 11, 547 ff.
[Stoll.]
Alkimedusa (Ahupsdovca), eine Tochter des
lykischen Königs Iobates, die er dem Belle-
rophon zur Ehe gab. Sie wurde auch Kassan-
dra genannt. Schol. II, 6, 192, vgl. Schol, II.
6, 155. [Stoll.]
237
Alkimenes
Alkinoos
Alkimenes (’AX^iusvrjg), 1) Sohn des Glaukos
zu Korinth, von seinem Bruder Bellerophon
unvorsätzlicher Weise getötet. Er heilst auch
Deliades oder Peiren. Apoll od. 2, 3, 1. Tzctz.
L. 17 p. 293 Müller. — 2) Eiuer der Söhne
des Iason und der Medeia , zu Korinth er-
j zeugt. Als Iason sich mit der korinthischen
Königstochter Glauke vermählen wollte, wurden
von Medeia seine Söhne Alkimenes und Tisan-
dros (der dritte, Thessalos, entfloh) ermordet l
und im Heiligtum der Hera von den Korin-
thiern begraben. Diod. 4, 54. 55. [Stoll.]
Alkimos ('AXtu yog), 1) Sohn des Hippokoon,
der zu Sparta ein Heroon hatte, Paus. 3, 15,
2. Alkinoos bei Apollod. 3, 10, 5. — 2) Ein
Myrmidone, Wagenlenker des Achilleus, 11. 19,
! 392. 24, 474. — 3) Vater des Ithakesiers Men-
tor, Od. 22, 235. — 4) Sohn des Neleus, Scholl.
II. 11, 692. — 5) Grieche vor Troja, von De'i-
phobos getötet, Quint. Sm. 11, 86. — 6) Ein 2
! ] sehr frommer und milder König von Lydien,
unter welchem tiefer Friede und grofse ‘Wohl-
habenheit herrschte, Xanthos b. Said. v. Säv-
ffog [vgl. G. I. Gr. 3064. i?.]. — 7) Ge-
, mahl der Areta, Philostephanos b. Et. M. v.
1 ’Aqs rer, wo Sylb. ’AXnivov schreibt statt ’AXn l-
pov. [Stoll. 1
Alkinoe (AXtuvorj), 1) Tochter des Sthenelos
und der Nikippe, von mütterlicher Seite Enke-
j lin des Pelops , Schwester des Eurystheus, 3
Apollod. 2,4,5. — 2) Eine Nymphe, deren
Bild sich an dem Altar der Athene zu Tegea
befand, Paus. 8, 47, 2. — 3) Tochter des Ko-
j rinthiers Polybos, Gattin des Amphilochos,
des Sohnes des Dryas. Da sie einer Weberin
Nikandra den schuldigen Lohn verweigerte,
i so veranstaltete Athene, an die sich Nikandra
gewendet, dafs sie sich in einen Samier Xan-
thos verliebte und mit diesem, Haus und Kind
verlassend, entfloh; aber unterwegs sprang sie, 4
von bitterer Reue ergriffen, ins Meer. Partlien.
. Erot. 27. [Stoll ]
Alkinoos CAXMvoog). 1) Der homerische
1 Alkinoos, König in dem Lande der Phäaken,
die selig leben wie Götter (Od. 5, 35) auf der
nördlich von Ithaka gelegenen Insel Scheria,
einem fabelhaften, durch Reichtum ausgezeich-
neten, wunderbaren Lande (5, 37), ist ein Enkel
des Poseidon (vgl. 13, 130) und Sohn des Nau-
sithoos, welcher durch die ihm überlegenen 5'
Kyklopen aus der Heimat Hypereia vertrieben,
die Phäaken nach Scheria führte, die Stadt
erbarrte und das Land verteilte, Gemahl der
Arete, seiner Nichte, seines jungverstorbenen
Bruders Rhexenor einziger Tochter, Vater von
fünf Söhnen (6, 62), des Laodamas (7, 170),
Halios und Klytoneos (7, 123) und einer Toch-
ter, der Nausikaa (6, 17). Mit Weisheit von
den Göttern ausgerüstet (6, 12. 7, 13) waltet
er der Herrschaft, hoch wie ein Gott im phä- 6
akisclien Volke geachtet (7, 11), und wird von
den Unsterblichen geehrt , welche ihm und
seinem Volke sichtbar erscheinen (7, 201). Ruhi-
gen, gleichbleibenden Gemütes (7, 301) nimmt
er, obgleich er sich seiner Herrscherwürde und
der damit verbundenen Pflichten wohl bewufst
ist (11, 353), doch von älteren Fürsten Rat an
(7, 155). Hoch achtet er seine Gemahlin Arete
238
(7, 69), deren verständiges Urteil auf seinen
Entschlufs von bedeutendem Einflüsse ist.
Freundlich nimmt er den armen Schiffbrüchi-
gen auf und thut alles, ihm sein trauriges
Los zu erleichtern (7, 186 ff. 8, 28ff. 248. 546 ff.).
Scharfsinnig erkennt er, nachdem er sich da-
von überzeugt hat, dafs Odysseus nicht, wie er
zuerst vermutet (7, 199), ein Gott sei, in dem
Fremden den bedeutenden Mann und wünscht
ihn sich zum Eidam (7, 313). Teilnehmend
und rücksichtsvoll gegen den noch nicht er-
kannten Gast, läfst er den Demodokos, als er
merkt, dafs dessen Gesänge in dem Fremd-
linge traurige Erinnerungen wachrufen, den Ge-
sang abbrechen (8, 94. 9, 533), und in gleicher-
weise sucht er den ausbrechenden Zorn des
Odysseus (8, 536) und die Verstimmung der
Phäaken durch Gesang und Tanz zu be-
schwichtigen. Einsichtig und vernünftig er-
kennt er die V orzüge anderer an und ist Feind
stolzer Selbstüberhebung (8, 236); seine Unter-
tlianen lehrt er diese Fehler ablegen (8, 538).
Höchst zartfühlend vermeidet er es anfangs
den Fremden nach Namen und Herkunft zu
fragen; er verspricht ihm die Heimkehr, ohne
zu wissen, wen er vor sich hat, und selbst frei-
gebig fordert er auch die Fürsten zu Geschenken
für den verständigen Fremdling auf (8, 389 u.
13, 13). Erst spät ersucht er den Ankömm-
ling, seinen Namen zu nennen, doch auch dies
geschieht in aufserordentlich feiner, rücksichts-
voller Weise (8, 550). Hat er ihm schon vor-
her die Rückkehr versprochen und Anstalten
dazu getroffen, so bekümmert er sich nunmehr
persönlich darum, ob seine Befehle in genü-
gender Weise ausgeführt worden seien. Vor-
sorglich besichtigt er in eigner Person das
Schiff, welches den Odysseus nach Hause bringen
soll (13, 20). Der Adel seines Charakters er-
hellt aber am besten aus dem Umstande, dafs
er den Odysseus entsendet, obgleich er weifs,
dafs ihm die Heimsendung arges Übel bringen
kann (vgl. Plin. 4, 12, 19 u. Procop. B. G.
4, 22). Noch jetzt zeigen die Einwohner von
Korfu allen Fremden von Kanoni aus die kleine
einem Schiffe gleichende Insel Pontikonisi
als das in Stein verwandelte Fahrzeug der
Phaiaken. Gleich hier füge ich die von der
homerischen Sage abweichende Darstellung
des Dictys 6 , 6 bei. Daselbst erfährt Ulixes
bei Alcinous die Zustände, welche bei ihm
zuhause herrschen. Deshalb überredet er den
König, ihn nach Ithaka zu begleiten, um
die Unbill zu rächen. Dies geschieht , und
beide töten mit Telemach zusammen die trun-
kenen Freier. Telemach aber heiratet die
Nausikaa. In einer Komödienscene einer unter-
italischen Vase Ann. d. Inst. 1859. p. 384.
Mon. ined. 9, 35, 2 erkennt Wieseler die Auf-
nahme des Odysseus durch Alkinoos und Arete.
Alkinoos in der Argonautensage.
Schon Strabo 1, 21 setzt ausführlich aus-
einander, dafs der Dichter der Odyssee die
Fahrt des Iason nach Aia, die Sagen von der
Kirke und Medeia etc. aus älteren Liedern ge-
kannt habe (vgl. Od. 12, 70. II. 7, 467. 21,
41. 23, 747. Od. 10, 108. Od. 11, 256. Apollon.
Pli. 1 , 957 u. Scliol. Orph. Arg. 496. Mittler,
Alkinoos
239
Orchomenos p. 278); es ist daher nicht unmög-
lich, dafs schon die alte Argonautensage von
einem Besuche der Argonauten auf der von
der Phantasie der Dichter mit allen Wundern
ausgestatteten Phaialceninsel und dem daseihst
gebietenden Könige erzählt und vielleicht auch
Homer der alten Sage manche Züge entlehnt
hat. Apollohius Bhodius aber in den Argonau-
tika und der ihm folgende Pseudoorpheus in
dem Gedichte gleichen Namens halten sich in 1
der Hauptsache an die homerische Erzählung;
betreffs der Besuche der Argonauten bei Alki-
noos aber berichten sie folgendes: Zu Alkinoos
dem Sohne des Phaiax, Enkel des Poseidon
und der Kerkyra, der entführten Flufstochter
von Phlius , nach welcher die Insel genannt
wurde ( Hell an . bei Steph. v. <Pc Ja'g {fr. 44).
Apollon. 4, 567. Diodor. 4, 72. Pausan. 2, 5,
2. 5, 22, 5. Steph. v. S%igia. Sehöl. Odyss. 5,
35. 13, 10), König der die Insel Drepane (im 2
keraunischen Meere am Eingänge des io-
nischen Meeres) bewohnenden von Zeus ab-
stammenden Phaiaken (Apoll, llh.' 4 , 990 ff.),
kommen die vor den Kolcliern flüchtenden Ar-
gonauten und werden gastlich aufgenommen.
Da erscheinen die Kolcher und fordern Heraus-
gabe der Medeia. Im Weigerungsfälle drohen
sie mit Kampf. Diesen verhindert jedoch Al-
kinoos, gewillt auf friedliche Weise den
Streit beizulegen (1010). Medeia aber nimmt 3
ihre Zuflucht zur Arefe und den Phaiaken,
welche voll Kampfbegier ihre Hilfe Zusagen.
In der darauf folgenden Nacht beraten sich
Alkinoos und Arete über das Geschick der
Jungfrau. Wie nun die Königin den Ge-
mahl mit Bitten angeht, der Medeia zu hel-
fen, offenbart er ihr, dafs er folgenden Schieds-
spruch fällen werde. Sei Medeia noch Jung-
frau, so werde er sie den Kölchern zusprechen ;
im entgegengesetzten Falle werde er sie dem ■]
lason lassen (1007). Darauf entschlummert
er. Arete aber beeilt, sich, einen Boten an
lason zu schicken mit der Weisung, sich so-
fort mit der Medeia zu vermählen, sich aber
nicht an den Alkinoos zu wenden, da dieser
entscheiden werde, wie sie ihm mitteile. In
der Höhle der Makris wird das Beilager
gefeiert. Als ihm dies bekannt geworden,
entscheidet Alkinoos, unbekümmert um die
Drohungen des Aietes, dessen grofse Macht £
ihm wohl bekannt ist, zu gunsten des lason.
Die Kolcher aber, den Zorn ihres Königs fürch-
tend, bitten um Aufnahme in Scheria, die ihnen
auch zuteil wird (vgl. Apollod. 1, 9, 26). Bei
Pseudoorpheus 1298 ff. weicht die Darstellung
in einigen Zügen ab. Hier läfst Alkinoos die
Jungfrau in seinen Palast holen, und der Vor-
schlag,- die Auslieferung der Jungfrau von ihrer
Jungfrauschaft abhängig zu machen, geht von
Arete aus. Als Alkinoos den Vorschlag an- (
nimmt, eilt die den Minyem gewogene Hera
in Gestalt einer Magd zu den Schiffen und
verrät den Entschlufs der Herrscherfamilie,
worauf lason schleunigst auf seinem Schiffe
Hochzeit hält und infolgedessen die Medeia
zugesprochen erhält (— - 1354). Philetas hin-
gegen sagte im Telephos ( Schol . Apoll. Bh.
4, 1141), die Hochzeit habe im Hause des
Alkiopos 240
Königs stattgefunden. Die Erzählungen des
Apollodor 1, 9, 25 u. Hygin. 23 bieten nichts
Neues. Zur Erinnerung aber an die gerechte
Entscheidung des Alkinoos (xcczu zöv vogov)
stiftete Medeia dem Apollo Nomios auf der
Insel ein Heiligtum nach Schol. Apoll. 4, 1218.
Die Deutung der Vase von Kuvo (Jahn Münclin.
Vas. 804), nach Panofka, arch. Ztg. 2 p. 256
die Aufnahme der Argonauten auf Kerkyra
darstellend, ist nicht haltbar, vgl. Pyl, de Me-
deae fabula Per dl. 1850 p. 18 ff. und die I Al-
ler ator des Sagenkr. der Medea Ztschrift f.
A. W. 1854 n. 51 — 54. 61— 63. F. Vater, der
Argonautenzug Kasan 1845. S. auch den
Artikel Argonautenzug. Über den Antritt der
Herrschaft des Alkinoos berichtet endlich
Conon narr. 3 ( Westerm . Mythogr. 125) fol-
gendes. Nach dem Tode des Phaiax, des
Königs von Scheria, gerieten seine beiden Söhne
über die Nachfolgerschaft in Streit, einigten
sich jedoch dahin, dafs Alkinoos in Ithaka
König wurde, Lokros aber mit dem Schatze
und einem Teile des Volkes nach Italien aus-
wanderte und Lokroi stiftete. Das Schol. z.
Theokr. 4, 32 hingegen nennt als Bruder des
Alkinoos Kroton. welcher Stifter der gleich-
namigen Stadt wird. Alkinoos hatte auf Ker-
kyra einen Tempel und wurde als Heros ver-
ehrt (Thule. 3, 70); nach Eustatli. zu Dion.
Per. 492 war ein Hafen der Insel nach ihm
benannt. Die verschiedenen Ansichten über
die ursprüngliche Bedeutung des Volkes, wel-
ches Alkinoos beherrscht, hat Welcher, Kl.
Sehr. 2 p. lff. zusammengestellt und beur-
teilt. Er selbst erklärt sie als „die Fähr-
männer des Todes in irgend einer auslän-
disch entfernten Religion und Sage , die , in
die hellenische Heldenpoesie gezogen , eine
schöner erfundene Beziehung nie erhalten konn-
ten als die, den geprüften Dulder Odysseus
nach allen Seefahrten in seine oberirdische
Heimat zurückzubringen“ p. 15 ff. Mit Alv.ivov
ccnoloyoi bezeichnete man späterhin entweder
eine erdichtete Erzählung ( Plato Polit. 10
p. 614 b), die an das Wunderbare streifte (Lu-
cian var. hist. 1, 3. Lykophr. 764 u. Tzetz.)
oder lange Reden insgemein (Poll. 2, 118. 6, 120).
— 2) Alkinoos, Sohn des Hippokoon, wurde
von Herakles, als er den von Hippokoon aus
Lakedaimon vertriebenen Tyndareos zurück-
führte und wieder in die Herrschaft einsetzte,
samt seinem Vater und seinen elf Brüdern
erschlagen, Apollod. 3, 10, 5. [Fleischer.]
Alkiope (: ’AXxionr ;), Geliebte des Apoll, Mutter
des zweiten Linos bei Photios Lex. s. v. Alvov
p. 389 N. Kaum mit Recht schlägt Naber das
gebräuchlichere ’AlMimtr} vor, da in diesen hel-
lenistischen Verzeichnissen homonymer Götter
mancherlei Singuläres vorkommt (vgl. den Ar-
tikel Akantho) und da die von Kuhn Zeitschr.
f. vgl. Spr. 9 S. 412 erschlossene Bedeutung
'’starkstimmig’ (vgl. Fick , gr. Personennamen
S. 201 unten) für die Mutter des Sängers vor-
trefflich pafst. Überdies wird der Name ge-
sichert durch die Analogie von Alkiopos (s. d.).
[Crusius.]
Alkiopos (AlKonoq) , bei Plutarch Quaest.
Gr. 57 Vol. 3 p. 374 Duebn. ein Koer, dessen
241 Al kippe
Tochter Herakles heiratete , als er auf der
Rückkehr von Troja Schiffbruch erlitten hatte
und nach Kos verschlagen war. [Crusius.]
Alkippe (Alni'nnri) , 1) s. Alkyonides. — 2)
: Tochter des Ares und der Aglauros, der Toch-
1 ter des Kekrops, welcher Halirrhothios, der
I Sohn des Poseidon, Gewalt anthat, wofür Ares
; ihn erschlug, s. Ares und Halirrhothios. Apollod.
! 3, 14, 2. Paus. 1, 21, 7. Eu/rip. Iph. T. 019.
\ El. 1258. Preller , Myth. 1, 268. — 8) Ama-
zone, von Herakles getötet, Diod, 4, 16. —
4) Gemahlin des Atheners Motion und von
ihm Mutter des Eupalamos, des Vaters des
Daidalos, Apollod. 3, 15, 8. — 5) Tochter des
lOinomaos, Gemahlin des Euenos, Mutter der
Marpessa, Plut. Parall. 40. Eustaih. zu Horn.
| p. 776. — 6) Ein Mädchen, welches von ihrem
Bruder Astraios im Finstern entehrt wurde.
Als er nachher an einem Ring seine Unthat
(erkannte, stürzte er sich in einen Flufs, der
;von ihm Astraios, • später Kaikos liiefs. Phd.
\defluv. 21. - — 7) Sklavin der Helena in Sparta,
I Od. 4, 124. [Stoll.]
Alkis ("AXhis), Sohn des Aigyptos (s. d.):
j Apollod. 2, 1, 5. [Roscher.]
Alkithoü^lKtfföjj oderid/Ua-ffo'??), Tochter des
jMiuyas im böotischen Orchomeuos, Schwester
i der Leukippe und Arsippe (Aristippe Aelian ;
i Arsinoe Plutarcli). Als der Dionysosdienst in
Böotien sich verbreitete, und alle Frauen und
; Jungfrauen vonOrchomenos zu Ehren des Gottes
in den Bergen umherschwärmten, hielten sich
Alkithoe und ihre Schwestern fern vom Feste,
ida sie die Göttlichkeit des Dionysos, des Sohnes
: der Thebanerin Semele, nicht anerkennen woll-
ijten, und safsen ruhig zu Hause in emsiger
[[Arbeit am Spinnrocken und Webebaum. Sie
■ schafften den ganzen Tag bis zur Abenddäm-
Imerung. Da ertönte plötzlich durch das Haus
Ider Schall von Flöten und Pauken, Epheu und
| Weinranken umgrünten die Webstühle, und
ij die Fäden am Spinnrocken wandelten sich in
Reben; das Haus bebt, flammende Fackeln
I durchleuchten die Räume, und Scharen von
wilden Tieren stürmen heulend umher. Von
■ Schrecken erfafst, eilten die Frauen davon und
suchten sich in dunkeln Winkeln zu bergen;
I sic waren in lichtscheue Fledermäuse verwan-
delt. Ov. Met. 4, 1 — 41. 389 — 415. Bei Anton.
\Lib. 10 hatte Dionysos selbst in Gestalt einer
: Jungfrau die Schwestern zur Teilnahme an der
i Festesfeier aufgefordert; da sie aber nicht
folgten, wandelte er sich im Zorn in einen
| Stier, Löwen und Panther, und Nektar und
1 Milch flofs aus den Bäumen der Webstühle.
Da wurden die Schwestern von Wahnsinn und
[von Begierde nach Menschenfleisch ergriffen,
sie losten um die Ehre, dem Gott ein Opfer
zu bringen. Das Los traf die Leukippe, und
diese gab ihren zarten Sohn Hippasos zum
Zerfleischen hin. Dann stürzten sie aus dem
Hause und schweiften in wilder Wut in den
Bergen umher, bis Hermes sie in Nachtvögel
! verwandelte, d. h. in eine Fledermaus, eine Eule
jund einen Uhu. Vgl. Aelian. V. 1t. 3, 42.
Plut. Quaest. gr. 38. Plutarcli knüpft an die-
sen Mythus den zu Orchomenos bis in späte
1 Zeiten dauernden Brauch, dafs an dem Feste
Alkmaion 242
der Agrionien der Priester des Dionysos Jung-
frauen aus dem Geschlechte des Minyas mit
gezücktem Schwerte verfolgte und die, welche
er erreichte, töten durfte. Buttmann, Mythol.
2, 201 f. Müller, Orchom. 166 f. Welcher, Tril.
591. A. Denkm. 3, 138 fl'. Preller , gr. Myth. 1,
567. Gerhard, gr. Myth. 1 § 454, 4. [Stoll.]
Alkmaion (’AXxy cxicov), Sohn des Amphiaraos
und der Eriphyle, aus Argos, älterer {Paus.
10, 10, 2) Bruder des Amphilochos. Als Am-
phiaraos mit den Sieben gegen Theben in den
Krieg zog, wozu ihn sein Weib, bestochen
durch das Halsband der Harmonia, gezwungen
hatte, obgleich er, der Seher, seinen Tod vor-
ausgesagt, trug er seinen beiden Söhnen, Alk-
maion und Amphilochos, auf, wenn sie heran-
gewachsen wären, seinen Tod durch Ermor-
dung der Mutter zu rächen und dann gegen
Theben zu ziehen. Siehe Amphiaraos. Hom.
Ocl, 15. 244 ft'. Apollod. 3, 6, 2. Diod, 4, 65.
Hygin. f. 73. Der Abschied des Amphiaraos
von Eriphyle und seinen Kindern war ein
häufiger Gegenstand der Kunst. Auf dem Kasten
des Kypselos standen vor dem Hause des Am-
phiaraos Eriphyle mit dem verhängnisvollen
Halsband , neben ihr ihre Töchter Eurydike
und Demonassa und Alkmaion als nackter
Knabe; den unmündigen Amphilochos hatte eine
alte Amme im Arme. Amphiaraos, schon im
Begriff, den Wagen, neben dem sein Wagen-
lenker Baton steht, zu besteigen, wendet sich
noch einmal gegen Eriphyle um, zürnend und
mit gezücktem Schwerte. Paus. 5, 17, 4.
0. Jahn, archäol. Aufsätze S. 152 ff. Overheck,
Gallerie h. Bildiv. 1 S- 91 ff'. — Als die Epi-
gonen sich zum Rachezug gegen Theben rüste-
ten und das Orakel ihnen den Sieg verhiefs,
wenn Alkmaion die Anführung übernehme,
weigerte sich Alkmaion mitzuziehen, eingedenk
des vom Vater erhaltenen Auftrages, dafs er
vor dem Kriege gegen Theben die Mutter töten
solle (wahrscheinlich wollte er durch die Nicht-
teilnahme an dem Kriege auch der schweren
Pflicht des Muttermordes sich entziehen); aber
Eriphyle überredete ihn mit seinem Bruder
zur Teilnahme , von Thersandros , dem Sohne
desPolyneikes, zum Verderben des Sohnes durch
den Peplos (schleierartiges Gewand) der Har-
monia bestochen, wie früher von Polyneikes
durch das Halsband der Harmonia zum Unter-
gang des Gatten. Die Epigonen wählten Alk-
maion zum Anführer und gingen in den Krieg.
Apollod. 3, 7, 2. Diod.. 4, 66. In dem Epigo-
nenkrieg ist Alkmaion der eigentliche An-
führer, während Adrastos nur als das Bundes-
haupt galt, und der ausgezeichnetste Held des
Heeres (Alkmaion heifst der Starke). Als die
Epigonen vor Theben anlangten, befragten sie
den Amphiaraos, d. h. das Orakel desselben
zu Potniai bei Theben, wo er von der Erde
verschlungen worden war, und erhielten die
Antwort, dafs sie siegen würden, und dafs Alk-
maion, der tapfere Erbe seines Ruhmes, den
bunten Drachen auf seinem funkelnden Schilde
schwingend, als der erste in die Thore von
Theben eindringen werde ; doch werde Aigia-
leus, der Sohn des früher allein geretteten
Adrastos, fallen. Pind. Pytli. 8, 38 ff. In der
io
20
30
<to
50
60
243
Alkmaion
Alkmaion
244
darauf folgenden Schlackt bei Glisas fiel Aigia-
leus von der Hand des Königs und Anführers
der Tkebaner Laodamas, des Sohnes des Eteo-
kles, aber diesen erschlug darauf Alkmaion;
er rächte den Tod des Freundes, wie vor Troja
Achilleus den des Patroklos und des Antilo-
chos an Hektor und Memnon. Apollod. 3, 7,
Ji. Welcher, ep. Cylclus 2, 385. Nach Paus. 9,
■i), 2 (vgl. 9, 8, 3) erschlägt zwar Laodamas
den Aigialeus, wird aber nicht in der Schlacht l
getötet, sondern zieht mit den besiegten The-
banern in der nächsten Nacht nach Illyrien.
Ein Teil der Thebaner blieb in der Stadt zu-
rück und wurde belagert. Da sie erkannten,
dafs sie sich nicht halten konnten, knüpften
sie auf den Rat des Teiresias Unterhandlungen
an, verliefsen aber in der Nacht mit Weib und
Kincl heimlich die Stadt und retteten sich in
die Weite. Die Argiver dringen in die Thore
ein, Alkmaion voran, plündern und zerstören 2
die Stadt und setzen den Sohn des Polyneikes,
Thersandros , als Herrscher des Landes ein.
Apollod. 3, 7, 3. 4. Diod. 4, GG. Paus. 9, 5, 7.
Bildsäulen des Alkmaion und der andern Epi-
gonen zu Argos, Paus. 2, 20, 4, zu Delphi,
Paus. 10, 10, 2. — Der Muttermord des Alk-
maion, welcher dem des Orestes sehr ähnlich
ist, wird — und dies war die ältere Form der
Säge — von AsJdepiades bei Schol. Od. 11,
326 (vgl. Eustath. zur Od. a. a. 0.) und wahr- 3
scheinlick auch von dem kyklischen Epos Alk-
maionis, sowie von Sopholdes in seiuer Tragödie
Epigonen oder Eriphyle vor den Auszug des
Alkmaion gegen Theben verlegt. Welcher, ep.
Cyld. 2 S. 391. Griech. Trag. 1 S. 272. Damit
stimmen auch Hygin. f. 73 u. Diod. 4, GG.
Dieser erzählt, dafs Alkmaion, als er von den
Epigonen zum Anführer erwählt worden war,
nun auch selbst den Gott in Delphi über den
Feldzug gegen Theben und über die Bestrafung 4
der Mutter befragte ; diese war nämlich von
Amphiaraos an seine Teilnahme am Kampfe
geknüpft worden. Apollon befahl ihm bei-
des zu thun , weil Eriphyle nicht blofs das
goldene Halsband zum Verderben des Vaters,
sondern auch den Peplos zum Untergange des
Sohnes genommen habe. Darauf berichtet nun
Diodor von dem Muttermorde nichts, sondern
erzählt blofs den Krieg gegen Theben; aber es
versteht sich von selbst, dafs Alkmaion, wie 5
er in dem einen dem Gotte folgte, so auch
ihm in dem andern gehorsam war und also
seine Mutter noch vor dem Auszug tötete, wie
Amphiaraos ihm vorgeschrieben. Welcher, gr.
Trag. a. a. 0. Nach Apollod. 3, 7, 5, welcher der
Neuerung irgend eines Tragikers folgte, tötete
Alkmaion die Mutter nach seinem Zuge gegen
Theben, nachdem er erfahren, dafs sie auch
zu seinem Verderben Geschenke genommen, und
nachdem Apollon ihn durch sein Orakel dazu an- 6
getrieben. Alkmaion that dies entweder allein
oder mit seinem Bruder Amphilochos, der ihm
zur Seite stand, wie Pylades dem Orestes.
Dies letztere auch in des Sophokles Epigonen,
Welcher, gr. Trag. 1 S. 270. 273. Nach der
apollodorischen Version der Sage erklärt Over-
beck Gail. 1 S. 159 f. die Darstellung auf dem
Revers einer Neapolitaner Vase bei Scotti, Illu-
strazione di un vaso Italo-Greco. Napoli 1811
als den Abschied des Alkmaion von seiner
Mutter, die ihn in den Krieg schickt: zwei
gerüstete Helden, deren einem A PI ETOE bei-
geschrieben ist, stehen auf einer Quadriga,
und ein Weib, durch die Beischrift als Eri-
phyle bezeichnet, schreitet vor den Pferden
her, die Rechte erhebend und rückwärts blickend.
Auf dem Avers der Vase befindet sich der Ab-
schied des Amphiaraos von Eriphyle. Overbeck
a. a. 0. S. 94 ff. Müller, Denlcm. d. a. K. 1.
n. 98. In der Tragödie Alkmaion von Asty-
damas tötet Alkmaion seine Mutter, ohne sie
zu erkennen. Welcher, gr. Trag. 3 S. 1056. —
Infolge des Muttermordes wurde Alkmaion von
den Erinyen verfolgt (Ilygin. /'. 73) und kam
wahnsinnig zuerst nach Arkadien zu Oikleus,
dann nach Psopliis zu Phegeus, der ihn ent-
sühnte und ihm seine Tochter Arsinoe (Alphe-
siboia, Paus. 8, 24, 4) zur Ehe gab. Alkmaion
schenkte dieser das Halsband und den Peplos
der Harmonia. Als aber hernach Unfruchtbar-
keit über das Land kam, oder nach Pausanias
sein Wahnsinn sich nicht minderte, nahm er
seine Zuflucht zu dem Orakel zu Delphi, das
ihm weissagte, er solle zu Acheloos gehen,
um von diesem Befreiung seiner Leiden zu er-
halten. Apollod. 3, 7, 5. Bei Paus. 8 , 24, 4
u. Thuhyd. 2, 102 wird dieser Ausspruch näher
dahin bestimmt, dafs er in ein Land wandern
müsse, das erst nach der Zeit des Mutter-
mordes entstanden sei und daher nicht mit
dem Fluche der Mutter hätte belegt werden
können. Er fand ein solches Land in der An-
schwemmung am Ausflufs des Acheloos, in der
Gegend von Oineadai, wo er sich niederliefs
und die Tochter des Acheloos Kallirrlioe hei-
rathete, die ihm den Akarnan und Amphote-
ros gebar. Nach Apollod. 3, 7, 5 kam er von
Psopliis aus zuerst zu Oineus, dem durch seine
Gastlichkeit berühmten König von Kalydon,
der ihn freundlich bewirtete, dann zu den
Thesprotern, die ihn verjagten, und zuletzt
zn den Quellen des Acheloos. Dieser entsühnte
ihn (vgl. Ovül. Fast. 2, 43) und gab ihm seine
Tochter Kallirrlioe zum W eibe, worauf er sich
in der Alluviou des Acheloos niederliefs. Später
verlangte Kallirrlioe von ihm das Halsband
und den Peplos der Harmonia; daher begab
sich Alkmaion wider seinen Willen nach Pso-
phis zu Phegeus und bat ihn um den Schmuck,
unter dein Vorgeben, es sei ihm Befreiung' von
dem Wahnsinn verheifsen, wenn er das Hals-
band und den Peplos nach Delphi weihe. (Nach
Ephoros bei Athen. 6 p. 232 E hatte Alkmaion
wirklich den Schmuck auf Befehl des Orakels
nach Delphi geweiht, damit er vom Wahnsinn
befreit würde.) Phegeus gab ihm beides; als er
aber von einem Diener des Alkmaion erfuhr,
dafs dieser den Schmuck der Kallirrlioe bringen
wolle, so liefs er ihm durch seine Söhne Pro-
1100s und Agenor (Apollod. 3, 7, 6) oder Te-
menos und Axion (Paus. 8, 24, 4) auflauern
und ihn ermorden. Arsinoe, die ihren Gemahl
noch immer liebte, zürnte ihren Brüdern wegen
des Mordes; deshalb verschlossen sie dieselbe
in eine Kiste und brachten sie nach Tegea zu
ihrem Gastfreunde Agapenor, indem sie ihm
245
Alkraaion
Alkmene
246
vorlogen, sie habe den Alkmaion gemordet.
Später rächten die Söhne des Alkmaion und
der Kallirrlioe den Tod ihres Vaters an Phe-
geus und seinen Sühnen (s. Amphoteros): Apol-
lod. u. Paus. a. a. 0. Ovid. Met. 9, 407 ff. Hygin.
/'. 244. 245. Klytios, der Sohn des Alkmaion
und der Tochter des Phegeus, zog von Psophis
nach Elis, weil er mit den Brüdern seiner
Mutter, die seinen Vater erschlagen, nicht zu-
i sammen wohnen wollte. Paus. G, 17, 4. Das
amphilochische Argos heilst eine Gründung des
Alkmaion und seiner Söhne hei Strabo 7 p. 325.
Nach Ephoros erzählt Strabo a. a. 0., dafs Alk-
maion nach dem thebanischen Kriege den Dio-
medes _ auf seine Aufforderung auf dem Zuge
nach Ätolien begleitet habe, um den Oineus
wieder in seine Herrschaft einzusetzen. Als
Agamemnon nun darauf zum trojanischen Kriege
i aufrief, zog Diomedes mit; a^er Alkmaion blieb
in Akarnanien und gründete Argos, das er
■ i nach seinem Bruder das amphilochische nannte.
iVgl. Strab. 10 p. 462. — Wie Alkmaions Aus-
zug gegen Theben ein passender Stoff für das
‘ Epos war, so war sein Muttermord mit seinen
> bösen Folgen und sein Tod ein fruchtbarer
; Gegenstand für die Tragödie. Aristot. Poet. 13.
Antipban. fr. 190, 9 ff = Athen. 6 p. 222 B.
! Soplioliles behandelte in seiner Eriphyle oder
den Epigonen die Ermordung der Eriphyle, in
seinem Alkmaion oder Alphesiboia die Ermor-
dung des Alkmaion zu Psophis. Welcher, gr.
Trag. 1 S. 269 ff. 278 ff. Des Euripides ’AX-x-
ytxUov o <)ia WoocprSog enthielt warscheinlich
die Heilung des Alkmaion durch Phegeus und
seine Vermählung mit dessen Tochter. Welcher
a. a. 0. 2 S. 575 ff Den Inhalt einer Tragö-
die des Euripides ’AXnyaüov 6 öioc KooivAov
! erzählt uns Apollod. 3, 7, 7 : Zur Zeit seines
Wahnsinnes erzeugte Alkmaion mit Manto,
der Tochter des Teiresias, zwei Kinder, Am-
philochos und Tisiphone. Er brachte die Kind-
lein nach Korinth zu dem König Kreon, dafs
dieser sie aufziehe. Später verkaufte die Ge-
1i mahlin des Kreon die durch Schönheit ausge-
zeichnete Tisiphone, weil sie fürchtete, dafs
Kreon sie zu seiner Gattin nehmen würde.
Alkmaion kaufte sie, ohne sie zu kennen, und
hielt sie als Sklavin. Als er dann nach Ko-
rinth kam, um seine Kinder zurückzufordern,
erhielt er auch seinen Sohn wieder. S. Wel-
! eher, gr. Tr. 2 S. 579 ff. Schöll, über die Tetra-
logie des alt. Theaters S. 53 u. 69. F. A. Base-
doiv , de Euripidis fabula ’AXv.pscov o d'id Ko-
QLvfrov. Rostock 1872. Achaios schrieb eine
Alphesiboia, Agathon einen Alkmaion, Welcher,
gr. Trag. 3 S. 962. 994. Über andere griechi-
sche Tragiker, welche dieselben Stoffe behandel-
ten, Welcher a. a. 0. 3 S. 1015. 1056. 1075. 1087.
Über Ennius und Attius ebds. 1 S. 269 ff. u.
279 ff 2 S. 576. Stesichoros verfafste ein lyri-
sches Gedicht Eriphyla, Bergh, Poet. lyr. Gr.2
p. 744. Welcher, ep. Cyhl. 2 S. 391. Preller,
gr. Mythol, • 2 S. 365 ff Gerhard, gr. Mythol. 2
§ 662. 816. — In Psophis zeigte man das Grab
des Alkmaion, umgeben von einem Hain hoher
Kypressen, die man die Jungfrauen nannte und
nicht abhieb, weil sie dem Heros heilig waren.
Paus. 8, 24, 4. In Theben hatte er ein Heilig-
tum in der Nähe des Hauses des Pindar, der
ihn seinen Nachbar und seiner Besitzung Hüter
nennt, Find. Pytli. 8, 57 (80). Auch scheint
nach derselben Stelle dem Alkmaion wie sei-
nem Vater Weissagungsgabe zugeschrieben
worden zu sein; der Scholiast bezieht dies
jedoch auf seinen Vater. Siehe auch die neue-
ren Erklärer dieser Stelle, ln Oropos dagegen,
wo das berühmteste Heiligtum des Ampbia-
10 raos bestand, hatte Alkmaion an der Ehre
seines Vaters und seines Bruders Ampliilochos
wegen seines Muttermordes keinen Teil. Von
demgrofsen, in fiiuf Abteilungen geteilten Opfer-
altar war die dritte Abteilung der Hestia, dem
Hermes, dem Amphiaraos und Amphilochos ge-
weiht; Alkmaion aber blieb ausgeschlossen. Paus.
1, 34, 2. — Laodameia, welche dem Peleus die
Polydora gebar, heifst Tochter eines Alkmaion.
Schol. 11. 16, 174. C. I. Gr. 6047 R.] [Stoll.]
20 Alkmaon (’AXnydcov), Sohn des Thestor, bei
der Erstürmung des griechischen Lagers von
Sarpedon getötet, II. 12, 394. Der Scholiast
z. d. St. bezweifelt, ob er ein Bruder des Kal-
chas gewesen sei. [Stoll.]
Alkmene (AXv.gfivg, „die Starke“, Alcumena),
Tochter des Elektryon und der Anaxo, einer
Tochter seines Bruders Alkaios, beide aus dem
Geschlechte der Perseiden. Apollod. 2, 4, 5.
Tzetz. Lyh. 932. Schol. II. 14, 323. Nach Diod.
30 4, 9 heifst ihre Mutter Eurydike, Tochter des
Pelops, nach Plut. Thes. 7. Schol. Pind. Ol.
7, 49. Schol. II. 19, 116 Lysidike, Tochter des
Pelops (Schwester des Pelops, Schol, Phul. Ol.
7, 46). Siehe Ampliitryon. Asios bei Paus. 5,
17, 4 nennt Alkmene eine Tochter des Am-
phiaraos und der Eriphyle. Sie war ausge-
zeichnet vor allen Frauen durch klugen Sinn,
durch hohe und schöne Gestalt, lieblich wie
die goldstrahlende Aphrodite, lies. Scut. 4 ff.
40 Hom. Od. 2, 120. KaXh'orpvoog^ lies. Thcog.
526. 950. Simonid. 173 Bergh. Über ihre Ver-
mählung mit Ampliitryon, dem sie nach The-
ben in die Verbannung folgte, s. Ampliitryon.
Als eben Ampliitryon auf der Rückkehr aus
dem Kriege gegen die Teleboer begriffen war,
nahte Zeus in der Gestalt des Amphitryon der
Alkmene und zeugte mit ihr den Herakles.
Pind. Nem. 10, 15. Isthm. 7 (6), 5 (in letzterer
Stelle kommt Zeus um Mitternacht in einem
50 goldnen Regen vom Himmel herab). Auf dem
Kasten des Kypselos in Olympia war Zeus als
Mann im Chiton dargestellt, wie er der Alk-
mene einen Becher und eine Halsschnur über-
reicht, angeblich Beutestücke und Zeichen des
Sieges über die Teleboer. Paus. 5, 18, 1, vgl.
Schol. Od. 11, 266. Athen. 11 p. 781 C. D.
(c. 16) 474 F. 475 C. vgl. 11 p. 498 0. Der Be-
such des Zeus in komischer Auffassung (s. Plau-
tus’ Amphitruo) auf einem Vasenbilde, Wies der,
go BühnenwesenTaf. 9. 1 1, vgl. 12. Mül in, Gail, mytli.
108,428. Overb. K.M. Zeus, 403 ff. Die späteren
Dichter sagen, Zeus habe drei Nächte bei Alk-
mene geruht, indem erden Helios bat, einen Tag
nicht aufzugehen; daraus haben manche drei
Tage und drei Nächte gemacht (daher xqusontgog
[iQUY.lrjg, roilan. Xscov, Schol. 11 .14,323. Lyhoplir.
33. Jacobs, Anthol. Pal. p. 827). In derselben
(oder der folgenden) Nacht kam Amphitryon
247
Alkmene
Alkmene
248
zurück, der sich wunderte, dafs er ohne sonder-
liche Freude von der Gattin empfangen ward.
Da er ihr seine Thaten erzählen wollte, sagte
sie ihm, dafs er ja schon ihr Lager bestiegen
und ihr alles erzählt habe. Von dem Seher
Teiresias erfuhr Amphitryon, dafs Zeus seiner
Gattin beigewohnt [Apollod.), oder er merkte
selbst, dafs eine Gottheit hier mit im Spiele
sei; seit dem Tage hielt er sich von ihrem
Lager fern ( Hygin .). Von Zeus gebar Alkmene
den Herakles, von Amphitryon den Iphikles,
Zwillingskinder. I~Ies. Scut. 27 ff. Theog. 943.
Apollod. 2, 4, 8. Diod. 4, 9. Schol II. 14, 323.
Tzetz. Lyk. 33. Hyg. f. 29. Aristid. p. 53. Lulc.
Dial. Deor. 10. Ovid. Amor. 1, 13, 45. Senec.
Agam. 814 ff. Iphikles soll eine Nacht später
empfangen und geboren sein als Herakles,
Tlieokr. 24, 2. Plin. 7, 48; nach Pind . Pyth.
9, 88 (149) wurden sie zugleich geboren, s.
Schol. Alkmene war die letzte sterbliche Frau,
der Zeus beiwohnte. Diod. 4, 14. Aus zwei
Vasenbildern scheint eine eigentümliche Wen-
dung der Sage hervorzugehen, nämlich, dafs
Alkmene zur Strafe für ihre vermeintliche Un-
treue von Amphitryon auf einem Scheiterhaufen
verbrannt werden soll , aber durch die Da-
zwisc-henkunft des Zeus und ein von ihm ge-
sandtes Unwetter gerettet wird, vielleicht nach
der Alkmene des Euripides (früher als Apotheose
der Alkmene gedeutet). Engelmann, Ann. d. Inst.
1872, 5 — 18. [Drs. Beiträge zu Eur. 1. Alkmene.
Progr. d. Friedrichs- Gymn. Berlin 1882. (Schrei-
ber)]. Preller, gr. Myth. 2 S. 176— 178. Wie durch
Hera die Geburt des Herakles zurückgehalten,
die des Eurystheus beschleunigt wird, so dafs
Herakles in die Dienstbarkeit des Eurystheus
kommt, s. Herakles. Vgl. Galinthias. Darstellun-
gen der Alkmene bei der Geburt des Herakles:
Millin, Gal. myth. 109. 429. Pio-Clem. 4. 37. — Aus
dem späteren Leben der Alkmene wird erwähnt,
dafs sie, als Herakles, von der Knechtschaft
des Eurystheus befreit, mit seinem Bruder Iphi-
kles und dessen Sohn Iolaos sich in Tiryns,
dem alten Sitz ihres Hauses, niederlassen wollte,
als Witwe ihre Söhne begleitet habe, aber mit
ihnen von Eurystheus wieder ausgewiesen wor-
den sei, der den Herakles beschuldigte, er
strebe nach der Königsherrschaft. Diod. 4, 33.
Zur Zeit der Apotheose des Herakles hatte
Alkmene nach Sophokles Trach. 1151 ff. mit
einem Teil der Kinder ihres Sohnes ihren Sitz
in Tiryns, ein anderer Teil befand sich in The-
ben, andere in Trachis. Nach Pherekydes bei
Anton. Lib. 33 wurden die Herakliden, bei
denen sich Alkmene befand, von Eurystheus aus
Tiryns vertrieben; auch aus Trachis, wo der
König Keyx sie nicht gegen Eurystheus zu
schützen vermochte, wurden sie ausgewiesen.
Apollod. 2, 8, 1. Diod. 4, 57. Hekataios bei
Longin. de suhl. 27, 2. Darauf fanden sie Auf-
nahme und Schutz in Attika. Als Eurystheus
sie auch von dort vertrieben haben wollte,
wurde er in einer Schlacht besiegt und fand
seinen Tod; sein Kopf wurde von Hyllos der
Alkmene nach Athen gebracht, die aus Rache
ihm die Augen mit ihren Haarnadeln ausgrub.
Eurip. Ileraldiden. Apollod,. 2, 8, 1. Diod. 4,
57. Strab. 8 p. 377. Paus. 1, 32, 5. Alkmene
unter den schutzflehenden Herakliden zu Athen
in einem Gemälde von Apollodor, Schol. Ari-
stoph. Plut. 385. Nach Pherekydes bei Anton.
Lib. 33 wohnte Alkmene nach des Eurystheus
Tod mit den Herakliden in Theben und starb
hier in hohem Alter. [C. I. Gr. 8492. R.] Als nun
die Herakliden sie bestatten wollten, sandte Zeus
den Hermes, sie wegzunebmen und auf die Inseln
derSeligen zu bringen, damit sie dort mitRhada-
iü manthys vermählt werde. Statt der Alkmene
legte Hermes einen Stein in den Sarg, sodafs
die Herakliden denselben nicht wegbringen
konnten. Sie öffneten daher den Sarg und fan-
den den Stein, den sie wegnahmen und in dem
Haine bei dem ihr geweihten Heiligtum auf-
stellten. Ein Grab der Alkmene gab es zu
Theben nicht. Vgl. Paus. 9, 16, 4. Plut. Po-
mul. 28. Diod. 4, 58 sagt, Alkmene sei nach
des Hyllos Tod nach Theben gegangen und
20 daselbst gestorben'; als sie darauf verschwun-
den, habe, sie bei den Thebanern göttergleiche
Ehre empfangen. Auf einem Relief zu Kyzi-
kos ( Epigr . Cycic. 13) führt der verklärte He-
rakles die verklärte Mutter nach Elysion, um
sie dem Rhadamantliys zu vermählen. Alk-
mene neben Semele im Elysion, Mar cell, ad
Bcgill. 47. 59. Andere lassen sie mit Herakles
im Olymp vereint sein , wie Semele und Dio-
nysos, Gerhard, hyperbor.-röm. Studien 1 S. 304.
30 Alkmene, ihren Sohn begleitend bei der Ver-
mählung desselben mit Hebe, in einem bei
Korinth gefundenen Relief von einem Tempel-
brunnen (jetzt in England im Besitz Lord
Guilfords), s. Overbeck, Gcsch. d. gr. Plastik 1
S. 133 ff. Nach Paus. 1, 41, 1 starb Alkmene
auf dem Wege von Argos nach Theben im
Gebiet von Megara, und da die Ileraldiden
darüber stritten, ob man die Leiche nach Ar-
gos oder nach Theben bringen sollte, verkün-
40 detc der delphische Gott, dafs es besser sei,
sie in Megara zu begraben. Pausanias sali
noch ihr Grabmal. Durch die Sage von der
Vereinigung der Alkmene mit Rhadamantliys
im Elysion ist die Sage von der Ehe beider in
dem diesseitigen Leben entstanden. Nach dem
Tode des Amphitryon nämlich soll Alkmene
den Rhadamantkys geheiratet haben, der we-
gen Ermordung seines Bruders aus Kreta nach
Böot.ien entflohen war und in Okaleia oder dem
so nahen Haliartos wohnte. Apollod. 2, 4, 11. 3,
1, 2. Plut. Lysand. 28. Tzetz. Lyk. 50. 458.
Eudokia p. 210. Der durch seine Tugend und
Gerechtigkeit ausgezeichnete Rhadamantliys
leitete die Erziehung des Herakles ( Aristot .
bei Schol. Tlieokr . II. 13, 9) und lehrte ihn
die Kunst des Bogenschiefsens, worin ja die
Kreter Meister waren. Tzetz. a. a. O. Zu Haliar-
tos wurden auch die Gräber des Rhadaman-
thys und der Alkmene gezeigt,, Plut. a. a 0. u.
60 de genio Socr. 5. Agesilans liefs das Grab der
Alkmene öffnen, um die Überreste nach Sparta
zu bringen. In dem dem Herakles geweihten
Kynosarges zu Athen war aufser den Altären
des Herakles und der Hebe ein Altar der Alk-
mene und des Iolaos, Paus. 1, 19, 3. Alkmene
und Hebe in der Nähe des attischen Demos
Aixone, Corp. Inscr. n. 93. 214. Vgl. auch
0. Jahn, Bilder ehr. S. 51 f. S. Preller, gr. My-
Alkmenor
249
thol. 2 S. 280 f. Es gab eine Tragödie Allt-
i mene von Äschylos, Welcher, gr. Trag. 1 S. 32,
von Enripides, ib. 2 S. 690, von Ion, ib. 3
S. 954, von Astydamas, ib. 3 S. 1060. Aufser
den schon erwähnten Kunstwerken sind noch zu
nennen: Alkmene in Darstellungen des schlan-
genwürgenden Herakles: Plin. 35,63. Philostr.
j tun. imag. 5. de Witte, Cat. Durand, n. 264.
! Millin, Gal. myth. 97, 430. 110, 431. Statuarisch
von Kalamis gebildet, Plin. 34, 71. [ C . I. Gr.
7559 ß.] [Stoll.J
Alkmenor (’AlnfigvaiQ) , Sohn des Aigyptos,
I vermählt mit der Danaide Hippomedusa, Apol-
lod. 2, 1, 5. [Stoll.]
Alkon ('AXk wv), 1) Sohn des Ares, aus Thra-
kien, einer von den kalydonisclien Jägern,
Hyg. F. 173, s. Bunte z. d. St. — 2) Ein Sohn
i desHippokoon in Lakedämon, ebenfalls einkaly-
donischer Jäger (Hyg. a. a. 0. u. dazu Muncker ),
von Herakles mit seinen Brüdern erschlagen.
Er hatte zu Sparta ein Heroon. Apollod. 3,
10, 5. Paus. 3, 14, 7. 3, 15, 3. — 3) Ein Kreter
I und Begleiter des Herakles auf seinem Zug
| nach Erytheia, ein so geschickter Bogenschütze,
I dafs er durch einen auf den Kopf eines Men-
'] sehen gestellten Ring scliofs, dafs er mit sei-
nem Pfeil Haare spaltete und eine Schlange,
die seinen Sohn umstrickt hatte, so traf, dafs
er die Schlange tötete, ohne den Sohn zu ver-
wunden, Serv. Verg. Fd. 5, 11. Anthol. Pal. 6,
331. Manil. 5, 304. Preller, Mythol 2, 210, 3.
— 4) Ein Heros der Heilkunde, der mit Askle-
pios bei Cheiron auf dem Pelion seine Kunst ge-
lernt hatte und in Athen verehrt wurde, wo
! der Dichter Sophokles sein Priestertum be-
kleidete. Anonym. VitaSoph. 8 p. 128. Westerm.,
wo Meineke "AXxoovos für "AXcovo g hergestellt
hat; Meineke, Fr. Cum. gr. 2 p. 683. Paucker ,
de Sophode medici herois sacerdote. Dorpat 1850.
Berglc, P. lyr. gr.“ p. 460. Gerhard, gr. Myth.
1 § 506, 2. Preller, gr. Myth. 1, 427, 4. —
5) Sohn des Erechtheus aus Attika, Vater des
Argonauten Phaleros; er floh mit seiner Toch-
ter Chalkiope nach Euböa, und als der Vater
ihn zurückforderte , lieferten die Chalkidier
! ihn nicht aus. Ap. Rh. 1, 96 u. Sdiol. Hyg.
j F. 14 p. 41 Bunte. Val. Flaue. 1, 398 schreibt
ihm die Bogenkunst von N. 3 zu. Nach Orph.
Arg. 142 kam dieser Phaleros, Alkons Sohn,
. zu den Argonauten vom Aiseposflufs und war
' der Gründer von Gyrton in Thessalien. — 6)
! Troer, Sohn des Megakies, von Odysseus, den
| er im Kampf um die Leiche des Achilleus ver-
j wundet hatte, getötet, Quint. Sm. 3, 308. 4,
i 594. — 7) Ein ausgezeichneter toreutischer
I Künstler der heroischen Zeit, Ovül. Met. 13,
684 (s. No. 8). — 8) Ein Kabire von Lemnos,
i Sohn des Hephaistos und der Ivabeiro, Bruder
! des Eurymedon, Norm. Dion. 14, 19 ff. Gerhard,
i Myth. 1 § 166, 2. Panofka, Ann. d. Inst. 17,
58 (s. No. 7). — D) Nach Cic. A(. D. 3, 21 (ei-
ner zum Teil verdorbenen Stelle) Sohn des Pelo-
piden Atreus; er und seine Brüder Melampus
und Tmolos werden als die dritten Dioskuren
i genannt. Gerhard, Myth. 1, 165, 1. Panofka,
\ Arch. Ztg. 9, 310. [Stoll.]
Alkyone, auch Halkyone (’AXuvövg), ^Toch-
ter des Atlas, eine der Pleiaden („das stür-
Alkyone 250
mische Meeresgewölk des Winters“ Preller),
Geliebte des Poseidon, dem sie den Hyrieus
oder Urieus, den Eponymos der böotisclien
Hafenstadt Hyria oder Uria (oder der Stadt
Hysiä am Kithairon? Preller, gr. Myth. 2 S. 30)
gebar, sowie die Aithusa, den Hyperenor, den
Hyperes und Anthas (die Gründer von Hype-
reia und Antheia, aus deren Zusammenziehung
Troizen entstand; doch wird Anthas auch nach
Anthedon versetzt, Paus. 9, 22, 5. Apollod.
3, 10, 1. Hygin. Praef. 2. Fab. 157. 192. Paus.
2, 30, 7. Ovid. Her. 18 (19), 133. Fast. 4, 173.
Sdiol. II. 2, 496. 18, 486. Diod. 3, 60. Von
Hygin. F. 157 wird noch Ephokeus (Epopeus?)
als Sohn der Alkyone und des Poseidon ge-
nannt. Vgl. Völcker, Iapet. Geschl. S. 108 f. 1 16 ff.
— Die Alkyone, welche mit Anthedon den
Glaukos Pontios zeugte ( Mnaseas bei Athen.
7, 296b, vgl. Völcker, Iapet. 127), ist wohl
auch diese Pleiade. Die Entführung der Al-
kyone durch Poseidon am Throne des amy-
kläischen Apollon, Paus. 3, 18, 7. — 2) Toch-
ter des thessalischen Aiolos und der Enarete
( Aptollod . 1, 7, 3 f.) , Gemahlin des Keyx, des
Königs der den Doriern nahe verwandten Ma-
lier in Trachis, des Freundes von Herakles
{lies. Scut. 354. 472 fl'.), welcher bei Schol.
Soph. Trach. 40 Bruderssohn des Amphitryon
heilst. Dieses Königspaar ist schon früh mit
dem Ehepaar in N. 3 verwechselt und vermengt
worden, wie bei Apollodor a. a. 0. — 3) Toch-
ter des Winddämons Aiolos, der mit dem thes-
salischen Aiolos (s. d.) vermengt worden ist, und
der Aigiale, Gemahlin des Keyx, der ein Sohn
des Heosphoros oder Hesperos und der Nymphe
Philonis war. Ihre Geschichte ist hervorge-
gangen aus einem alten Naturmärchen. Die
Fabel von ihnen heilst bei Schol. II. 9, 562:
Die beiden Ehegatten nannten einander aus
Hochmut Zeus und Hera, weshalb Zeus sie zur
Strafe in Vögel verwandelte, Alkyone in einen
Meereisvogel (dXrvüv) , den Keyx in einen
Taucher xjjij). Da die verwandelte Al-
kyone am Meeresufer (nagee rotg uiyuxXoi g, als
uKzedcc ogvig, Ap. Rh. 1, 1087 — daher ihre
Mutter Aigiale) nistete und deshalb ihre Jungen
von den Wellen weggerafft wurden, so verbot
Zeus, der sie über den Verlust weinen und
klagen sab, aus Mitleid den Winden, zur Brut-
zeit der Alkyone 14 Tage lang im Winter
(7 Tage vor und 7 Tage nach dem kürzesten
Tage) zu wehen. „Der Meeresvogel, welcher
seine Jungen um die Zeit des kürzesten Tages
am Meeresstrande ausbrütet und daher seine
Brut leicht in den Stürmen und Wogen dieser
Jahreszeit verliert, ist zum Bilde einer ängst-
lichen Sorge und Klage um die Kinder, aber
auch einer treuen und zärtlichen Liebe ge-
worden, und der Taucher (Keyx), weil er auch
ein Vogel mit klagendem Ton ist (Mosch. Id. 3,
40), ward zum Gatten der Alkyone gemacht.“
Preller, gr. Mythol. 2 S. 248 ff. Vgl. Apollod.
1, 7, 4. Schol. Theokr. 7, 57. Die Tage der
Brutzeit der Alkyone hiefsen die alkyonischen
Tage, ’AXnvovCö sg ( AXnvovncn ) fgiigca, Aristot.
Hist. anim. 5, 9. Bekker, An. 1. 377, 27. Ari-
stoph. Av. 1594. c. Schol. Alciphr. 1, 1. Tzetz.
Lykophr. 750. „Der Vergleich mit Zeus und
251
Alkyoneus
Almops
252
Hera ist motiviert durch die Schönheit dieser
Vögel und das regenbogenartige Spiel ihrer
Farben.“ Preller a. a. 0. Lange, vermischte Sehr.
S. 211. Die treue Liehe dieses Paares, die
sich bis in den Tot bewährt, motiviert die
Verwandlung bei Hygin. F. 65: Als Keyx in
einem Schiffbruch umgekommen war, stürzte
sich die liebende Gattin aus Schmerz in das
Meer, und nun wurden beide von den Göttern
in Eisvögel verwandelt. Ähnliches erzählt l
Ovid. Met. 11, 410 — 750, indem er Keyx, den
Sohn des Phosphoros, und Alkyone, die Toch-
ter des Windgottes Aiolos und der Aigiale,
welche wahrscheinlich den westlichen Griechen
angehörten, nach Trachis versetzt. — 4) Toch-
ter des attisch-megarischen Räubers Skiron,
welche, von dem Vater aufgefordert, sich einen
Gatten zu suchen, glaubte, nach Belieben sich
jedem Manne hingeben zu dürfen; deshalb von
dem erzürnten Vater ins Meer gestürzt, ward 2
sie der Vogel Alkyone. Probus zu Verg. Ge. 1
ex.tr. s. Müller, fr. hist. gr. 4 p. 514. — 5)
Ein Nebennanre der Kleopatra, der Gemahlin
des Meleagros, welche von den Eltern Alkyone
genannt wurde, weil ihre Mutter Marpessa,
von Apollon geraubt, geweint hatte, uXhvovos
nolvnsvQ'Sog olxov i%ovaa. II. 9, 561 ff. Nach
Hygin. F. 172 grämte sie sich, nachdem Me-
leagros gestorben, zu Tode. — G) Alkyone er-
zeugte mit Perieres den Halirrhothios, den Vater 3
des Seros (Semos, Samos?) aus Mantinea, der
zur Zeit des Herakles zuerst in Olympia mit
dem Viergespann siegte. Schot. Find. Ol. 10,
S3. Hesiod. fr. 95 (Götti). — 7) Eine Schwester
des Eurystheus, von dem Kentauren Homados
bewältigt, der deswegen von Herakles erschla-
gen ward. Diod. 4, 12. Wohl dieselbe, welche
von Apollod. 2, 4, 5 Allrinoe genannt wird.
[Stoll.]
Alkyoneus (’AhivovEvg), 1) einer der gewal- 4
tigsten und riesigsten unter den Giganten, die
bei Apollod. 1,6,1 Söhne des Uranos und
der Ge, bei Hygin. Praef. Söhne des Tartaros
und der Ge heifsen. Pindar in dem von Schnei-
deivin (Philol. 1,421 ff. 437) zuerst herausgege-
benen Fragmente aus Hippolyt, ref. haer. 5, 7
p. 136 (Bergk , Lyr. Gr. p. 1058 ff'.) führt ihn,
den phlegräischen Alkyoneus, ngsoßmccxov Pi-
ydvxow, unter den menschlichen Autochthonen
auf, er nennt ihn lstlim. 6(5), 32(46) ovqs'C i'oov. 5
In der Gigantenschlacht auf dem phlegräischen
Felde, das man gewöhnlich auf die thrakische
Halbinsel Pallene verlegte, spielte Alkyoneus
eine Hauptrolle. In derselben durchbohrte ihn
Herakles mit seinem Pfeil; da aber Alkyoneus
unsterblich war, wenn er auf dem Boden, wo
er entstanden, kämpfte, und jetzt auf der Erde*
wieder warm und lebendig wurde, so zog ihn
Plilegrä, nachdem er Troja erobert und auf
Kos, von wo er nach Pallene ging (Apollod.
2,7, 1), die Meroper bezwungen; der Riese
hatte aber vorher mit einem grofsen Stein 12
vierspännige W agen zertrümmert und auf den-
selben 24 Genossen des Herakles getötet. Der
Scholiast zu Find. Hem. a. a. 0. verlegt diesen
Kampf auf den Isthmus von Korinth, wo He-
rakles die Rinder des Geryones aus Erytheia
vorbeitrieb. Nachdem der Riese die 24 Ge-
fährten des Herakles mit dem Felsblock ge-
tötet , schleuderte er ihn gegen diesen ; der
aber schlug mit der Keule den Fels ab und
tötete den Alkyoneus. Der Felsblock soll noch
auf dem Isthmus liegen. Der korinthische Isth-
mus ist hier mit dem thrakischen bei Pallene
verwechselt. Schot. Find. Isthm. a. a. 0. Auch
von Alkyoneus wird gesagt, dafs er die Rinder
des Helios aus Erytheia weggetrieben, Apol-
lod. 1, 6, 1. Deshalb nennt ihn Pindar Hem,
6, 36 xov ßovßöxa v. Vgl. die Scholien. Diese
Sage ist Veranlassung geworden, dafs der
Kampf des Herakles und des Alkyoneus, der
sonst einen Teil der Gigantomachie bildete,
eine Episode der Geryoneis ward. Siehe die
Vasenbilder, herausgegeben und erklärt von
0. Jahn, Berichte der sächs. Gesellschaft 1853.
t. 5, 7 — 9. S. 135 — 145 und Stephani Parerg.
archaeol. 15 (mel, greco-rom. 1) S. 587 ff. Prel-
o ler gr. Mythol. 1, S. 58. 2, S. 206 f. Nach Phi-
lostr. Her. p. 671 u. Claudian. rapt. Pros. 3,
184 dachte man sich später in Neapel den
Alkyoneus unter dem Vesuv liegend, wie Ty-
phoeus unter dem Ätna, wie andre Giganten
unter Kos, Mykonos und unter Bergen. — 2)
Sohn des Diomos und der Meganeira. Als
das Ungeheuer Lamia oder Sybaris, das in ei- -
ner Höhle der Kirphis bei Krissa hausete,
die Delpliier schwer bedrängte und das Ora-
o kel verkündete, dafs sie, um von dem Unheil
befreit zu werden , einen Jüngling bei je-
ner Höhle aussetzen sollten, traf das Los
den Alkyoneus , einen schönen Jüngling und
einzigen Sohn. Er wurde , als Opfer be-
kränzt, zu der Höhle geführt. Da begegnete
ihm durch göttliche Schickung Eurybatos, der
Sohn des Euphemos , und als er , von der
Schönheit des Jünglings überrascht, nach dem
Zwecke des Zuges gefragt, liefs er sich selbst
o an die Stelle führen , ergriff das Ungeheuer
und stürzte es vom Felsen herab. Aus diesem
entsprang nun eine Quelle, die den Namen
Sybaris erhielt. Anton. Lib. 8. — 8) Ein
Äthiope, Gefährte des Memnon vor Troja.
Quint. Sm. 2, 364. [Stoll.] Davon
Alkyonides (fAlv-voviSeg) , die Töchter des
Giganten Alkyoneus, welche sich nach dem
Tode des Vaters von dem Vorgebirge Kana-
Herakles auf Rat der Athene über die Grenzen
von Pallene hinaus, worauf er starb. [0. 1. Gr. co
3145 R.] Apollod. 1, 6, 1. Tzetz. Lylcophr. 63.
Herakles, den Alkyoneus unter Anleitung der
Athene mit Pfeilschüssen tötend, 0. Müller ,
HenJcm. d. a, K. 2, n. 881. Vgl. Hirt, Bilderbuch
S. 198. Nach Find. Hem. 4, 27(40) erlegte Hera-
kles in Gemeinschaft mit seinem Waffengenossen
Telamon (vgl. Isthm, 6(5), 32. Schot. Ap. Bh.
1 , 1289) den grofsen gewaltigen Kämpfer in
straion auf Pallene ins Meer stürzten und von
Amphitrite in Eisvögel (dXxvövtg) verwandelt
wurden. Ihre Namen waren Plithonia, Clitho-
nia, Anthe, MSthone, Alkippe, Pallene, Drimo,
Asteria. Vgl. Hegesander b. Beicher An. 377,
30. Suid. s. v. ’AXtivoviösg rigsgcu. Eust. z.
Horn. 776, 18. 36. [Roscher.] [Stoll.]
Almo s. Tyrrhus. Verg. Aen. 7, 532. 575.
Almops ("AlycoTp), ein Riese, Sohn des Po-
seidon und der Helle, nach welchem die Land-
253
Almos
Aloadai
254
1 schaft Almopia in Makedonien benannt war,
Steph. B. v. ’Alpaitia. Preller Myth. 2, 315,
1. Gerhard Myth. 2 §. 688, 3. Deimling Le-
; leger 132. [Stoll.] .
Almos (”Alpoe), ein Sohn des Sisyphos. Er
kam zu Eteokles in Orchomenos, der ihm in
seinem Gebiet einen Wohnort gab, welcher
nach ihm Almones genannt wurde, Paus. 9, 24,
5. Später hiefs der Ort Olmones; deshalb
[nennt Steph. Byz. v. ’Ölgcov eg den Sohn des
Sisyphos Olmos, vgl. Schol. II. 2, 511. Seine
Tochter Chrysogone erzeugte mit Poseidon den
Minyas, der Orchomenos gründete, Schol. Ap.
Bh. 3, 1094. Müller Orch. 134. Völcker, Iapet.
Geschl. 196. Preller Myth. 2, 315, 1. [Stoll. j
Aloadai od. Aloeidai (’AhodScu , ’Alcoeidcu),
Otos und Epliialtes, sind die Söhne des Aloeus
(II.) oder Poseidon. Alle Jahre wuchsen sie
eine Elle in die Breite und eine Klafter in die
Länge (nach Serv. u. llyg. neun digiti jeden
i Monat) , so dafs sie im neunten Jahre neun
Ellen in die Breite und neun Klaftern in die
Länge mafsen. Sie fesselten den Ares und
hielten ihn dreizehn Monate lang in einem
ehernen Fasse oder Gefängnis (v.sgcxgog) gefan-
gen. Ares wäre zu Grunde gegangen, wenn
nicht Eeriboia , die Stiefmutter der Äloaden
es dem Hermes verraten hätte, der den Ares
aus seinem Gefängnisse rettete (11.). Auch
wollten sie den Ossa auf den Olymp und den
Pelion auf den Ossa türmen, um in den Him-
imel zu steigen. Aber da sie noch nicht zur
Reife der Jugend gelangt waren, vermochten
sic ihr Werk nicht zu vollenden, sondern wur-
den von Apollo getötet (Od.). Ilom. II. 5,
385 ff.; Od. 11, 305 ff. ; Apollod. 1, 7, 4; Hyg.
f. 28. Serv. z. Verg. Aen. 6, 582. Ihre Mutter
fphimedeia ist entweder Tochter des Triops
(Apoll.) oder des Poseidon (llyg.). Sie gebiert
die Aloaden dem Aloeus (II.) oder als Gattin
des Aloeus dem Poseidon (Od. Hes. bei Schol.
Apoll. Bh. 1, 481. Apoll, a. a. 0.). Nach Apol-
lod. ging fphimedeia aus Liebe zu Poseidon
beständig ans Meer und schöpfte sich mit den
Händen Wasser in den Busen, bis Poseidon
mit ihr die Aloaden zeugte. Bei Ov. Met. 6,
116 überrascht sie Poseidon in Gestalt des
IFlufsgottes Enipeus. Bei Eratosthenes in Schol.
Apollod. 1 , 482 heifsen sie Erdgeborene und
werden von der Frau des Aloeus nur aufge-
zogen. Ihre Stiefmutter Eeriboia oder Eriboia
heilst Tochter des Eurymachos (Schol. II.).
Der Frevel gegen die Götter wird auch ab-
weichend motiviert. Bei Apollod. wollen sie
Idas Meer zum Festlande, und das Land zum
Meere machen; bei Verg. cul. 233 die Welt
l?inreifsen; oder Ephialtes strebte nach dem
Besitze der Hera, Otos nach dem der Artemis
(Apoll. Schol. II.). Den Ares fesseln sie aus
Zorn, weil er den Adonis auf der Jagd getö-
tet, aber Hermes entführt ihn nach Naxos
| (Schol. II.). Auch ihre Bestrafung variiert. Zeus
[schleuderte den Blitz bei Liban. narr. 34 p. 1110,
oder Artemis tötete sie , indem sie in Gestalt
einer Hirschkuh mitten zwischen ihnen hin-
durchsprang nach Find. Pyth. 4, 88(156) mit
\Schol.; Fr gm. 137. Apoll, a. a. 0.; oder Arte-
j nis sandte eine Hindin zwischen ihnen durch
(Schol. II. Eustatli. z. Ilom. 1687, 36); oder
Apollo schickte , als sie der Artemis Gewalt
anthun wollten , die Hindin (llyg.). Beide
warfen mit ihren Speeren nach ihr, trafen aber
statt der Hindin sich selbst. In der Unter-
welt sind sie zur Strafe mit Schlangen an
eine Säule gebunden und werden durch das
Geschrei einer Eule (ütog) gequält (llyg.) Die
Sage gehört dem thrakischen Volksstamme an
i und erscheint daher meist in Gegenden, die
auch sonst als thrakische Siedelungen bekannt
sind. In Thessalien soll ihr Vater Alos (Hes.
b. Schol. Apoll. Bh.) oder sie selbst Aloion ge-
gründet haben (Steph. Byz. s. v. ’AlwCov). Sie er-
bauten die Stadt Askra am Helikon und grün-
deten den Dienst der Musen Melete, Mneme
und Aoide (Paus. 9, 29, 1. 2). In Anthedon
zeigte man ihre Gräber (Paus. 9, 22, 5). Nach
Naxos (Strongyle genannt) werden ihre Mutter
i Iphimedeia und ihre Schwester Pankratis (Pan-
krato b. Parth. Erot. 19), die als Ammen des
Dionysos in Thessalien bezeichnet werden,
geraubt. Dorthin kommen sie selbst , von
Aloeus abgeschickt, um jene zu suchen. Sie
bemächtigen sich der Herrschaft der nun Dia
benannten Insel und fallen schliefslich im
Kampf gegen einander. Dort wurden sie auch
später als Heroen verehrt (Diod. 5, 51. 52); da-
her auf einer Inschrift auf Naxos ein Temenos
i des Otos und Ephialtes erwähnt wird (C. I.
Gr. 2, No. 2420). In Kreta befand sich eben-
falls ein Grab des Otos (Flin. 7, 73. Sali. b.
Serv. Aen. 3, 578). Dort soll nach Steph. Byz.
s. v. Bis wog die Fesselung des Ares stattge-
funden haben. In Mylasa in Karien wurde
Iphimedeia verehrt (Paus. 10, 28, 4). Vgl. Kal-
lim. hymn. iu Dian. 264. Qu. Smyrn. 1, 516.
Norm. Dion. 1, 277. Stat. Theb. 10, 848. Plato
conv. 190 B. Arist. de mundo 1. Luc. Ilcarom.
23. rhet. praec. 13. contempl. 3 mit Schol.
Agatli. mare Erythr. 7 D. Chrysost. or. 29
p. 297. Die moderne Deutung sieht in ihnen
entweder Repräsentanten von Erdrevolutionen
(Creuzer, Symb. 22, 386; zugleich 'Tennenmän-
ner’ ), oder Lichtgottheiten (Schwench, Andeutun-
gen p. 222), oder gewaltige dem Olymp, den
Göttern und ihrer Weltordnung feindliche
Mächte (Wehrmann in Jahns Archiv 18, p. 5ff.),
oder die mythischen Heerführer der thrakischen
Kolonieen , Kanalgräber und Austrockner der
Sümpfe (0. Müller, Orchom. p. 387). Die mei-
sten Erklärer jedoch deuten sie als Personifi-
kationen des Ackerbaues , indem sie Aloeus
und die Aloaden von die oy (die Tenne oder
das Saatland) ableiten und Otos und Ephial-
tes auf das Stofsen und Stampfen des Getrei-
des oder Keltern der Trauben beziehen (von
calH'ca und scpdlloycu). Somit sind es Wachs-
tumsgeister , wie sie von Mannhardt in den
antiken Wald- und Feldkulten so vielfach auf
griechischem Boden nachgewiesen sind , die
sich teilweise zu ausgebildeten mythischen Fi-
guren entwickelten, teilweise (wie der Dämon
’Ecpiddrris, s. d.) , entsprechend den deutschen
Alpen, zu Hausgeistern wurden. Vgl. noch:
Welcher, Anh. zu Schwencks And. p. 313. Kl.
Sehr. 2 , 102 ; Ebers in Zeitschr. f. d. Alter-
tumswissenschaft 1846 No. 99. Nitzsch Erl. z.
Aloeus
255
Hom. Od. 3, p. 247; Schwende, Myth. p. 297;
Lauer 1, p. 244. Gerhard 1 §. 356. 670; Brei-
ter l3, p. 81 f. H. I). Müller Ares p. 51. Stoll,
die ursprüngliche Bedeutung des Ares p. 39.
Bott in Zeitschr. f. vergl. Sprachw. 9 , p. 205.
Bimtzer in Jahns N. Jalirh. 1849 Bd. 56,
p. 61. [Schultz.]
Aloeus (’Alcosv g), 1) Sohn des Poseidon und
der Kanake, Bruder des Hopleus, Nireus, Epo-
peus und Triops, vermählt mit Iphimedeia, der
Tochter des Triops, Vater der Aloaden, Apol-
lod. 1 , 7,4, s. Iphimedeia und Aloadai. Die
Stadt Alos in Atolien (?) soll von ihm gegrün-
det sein, Schot. Ap.Bh. 1, 482. — 2) Sohn des
Helios und der Antiope (Perse , Tzetz. vgl.
Schot. Od. 10, 139), Bruder des Aietes, Vater
des Epopeus. Er erhielt von seinem Vater
das Land Asopia, während Aietes Korinth be-
kam; dieser aber zog nach Kolchis und gab
Korinth an Bunos, Sohn des Hermes, und als
dieser starb, empfing Epopeus die Herrschaft von
Korinth. Baus. 2, 1, 1. 2, 3, 8. Eumelos b.
Schot. Bind. Ol. 13, 74^52). Tzetz. 174. 1024.
Marlischeffel, Hesiodi, Eumeli cet. fr. p. 397 ff.
Welcher in Schwenck Andeutungen 325. Ger-
hard Myth. 2 §. 823 u. p. 237 f. [Stoll.]
Alöpe ( ’AXong ), die schöne Tochter des Ker-
kyon, des eleusinisclien Unholds. Sie gebar
ohne Wissen des Vaters dem Poseidon ein
Kind, das sie durch eine Amme aussetzen liefs.
Eine Stute säugte das Kind; ein Hirte fand
es , in ein königliches Gewand gehüllt, und
nahm es mit sich nach Hause. Da ein andrer
Hirte das Kind zu haben wünschte, gab er
ihm zwar das Kind, aber nicht das kostbare
Gewand; deshalb klagt der zweite Hirte bei
dem König Kerkyon, und so kommt die ganze
Sache ans Licht, indem der König das Kleid
erkennt und die Amme alles gesteht. Alope
wird zum Tode eingesperrt, das Kind aufs
neue ausgesetzt und wieder von einer Stute
genährt. Die Hirten finden es wieder und
ziehen es auf, da sie hier ein göttliches Wal-
ten erkennen. Der Knabe erhält von den Hir-
ten den Namen Hippothoon (Hippothoos) und
wird der Eponymos der attischen Phyle Hip-
pothoontis. Die Alope selbst verwandelt Po-
seidon in eine Quelle gleichen Namens, die
im Gebiete von Eleusis gezeigt wurde und
auch den Namen (Jhlozrjg hatte ( Eesych . v. j
’AX uTtg. Hygin. f. 187. 238. 252. Harpolcr. v.
’AXüng. Demosth. Epitaph, p. 1398. Iieislc. Schot.
Aristopli. Av. 560. Et. M. Inmo-thov . Baus.
1, 5, 2). Im Gebiete von Eleusis nahe an der
Grenze von Megara befand sich ein Grabmal
der Alope, und nicht weit davon wurde der
Ort gezeigt, wo Kerkyon die Fremden nie-
dergerungen und getötet haben soll, bis The-
seus auf seiner Wanderung von Troizen nach
Athen ihn tötete. Baus. 1 , 39 , 3. Bursian,
Geogr. v. Griechenl. 1. S. 331. Damals kam
Hippothoon zu dem Sieger und erbat sich
von ihm die grofsväterliche Herrschaft , und
Theseus übergab sie ihm gern , da Kerkyon
keinen Sohn hatte und er wufste, dafs Hippo-
thoon ein Sohn des Poseidon war, von dem
er selbst stammte, Hygin. f. 187. Die Erzäh-
lung Hygins ist ein Auszug aus der euripidei-
Alpheios 256
sehen Tragödie Alope. Welcher, gr. Tr. 2. S. 711
— 717. Ein Relief an der Vorderseite eines Sar-
kophags in Villa Pamiili zu Rom, bei Windcel -
mann Mon. ined. 94, scheint auch die Tragödie
des Euripides zum Vorbilde zu haben. [Vgl. Matz
— v. Bulin, Antike Bildwerke in Bom 2 No. 2888.
(Sehr.)] Welcher a. a. O. und Alte Denkmäler
2, S. 20211'. Stephani compt. rend. 1864, 147 ff.
Welcher schliefst aus der Darstellung des Re-
io liefs, dafs die Erkennungsscene von Euripides
auf den Tag verlegt worden sei , wo Alope
von dem Vater eben mit einem Jüngling ver-
mählt werden sollte, ln der Tragödie Alope
des jüngeren Karkinos sagte Kerkyon zu sei-
ner Tochter, wenn sie ihm ihren Buhlen nenne,
wolle er sich nicht betrüben. Als sie dies
that, entsagte Kerkyon aus Kummer dem Le-
ben. S. Welcher, gr. Trag. 3. S. 1064. Nach
Plutarch. Thes. 29 soll Theseus nach Erlegung
;o des Sinnis und Kerkyon deren Töchter mit
Gewalt mifsbraucht haben. Die thessalische
Stadt Alope an der Südküste der Achaia
Phtliiotis hatte ihren Namen von Alope , der
Tochter des Kerkyon, oder (nacliPhilonides) von
der gleichnamigen Tochter des Aktor. Stepli.
Byz. v. ’Alöng. [S. auch C. I. Gr. 6047. R.] [Stoll.]
A lopekos (’AXconexog') s. Astrabakos.
Alopios ( ’Alomog ), Sohn des Herakles und
der Thespiade Antiope, Apollod. 2, 7, 8. [Stoll.]
!0 Alos (’AXog) , eine Dienerin des Athamas,
die ihm verriet, dafs Ino, um Mifswachs und
dadurch den Tod ihrer Stiefkinder herbeizu-
führen , die Saatfrucht geröstet habe. Er be-
nannte nach ihr die Stadt Alos im phthioti-
schen Thessalien. Stepli. Byz. s. v. Vgl. Atha-
mas. [Stoll. J
Alotiauus , Name eines Genius auf einer
Inschrift zu Florenz, Orelli 2363: Ex imperio
genii Alotiani Euaristus seroitor deorum ex
io viso lih. an. Bei dem griechischen Namen des
Weihenden darf man vielleicht an die ’AXio-
z icc der Tegeaten, d. h. also an einen Genius
der Sonne denken. [Steuding.]
Aloun(ae), in der Gegend von Salzburg ver-
ehrte Gottheiten, auf einer Inschrift ebendaher
C. I. L. 3, 5581: Bedaio Aug. et Alounis sacr.
etc. (219 n. Chr.) und auf einer solchen aus
Chieming bei Traunstein, C. I. L. 3, 5572:
Bedaio Aug sacr Äloun Ar Setonius Maximia-
,0 nus etc. (237 n. Chr.). Beide Male sind sie
also neben Bedaius, dem Gotte von Bedaium
genannt, so dafs sie wohl als Schutzgöttinnen
( rnatres ) dieser Gegend aufgefafst werden dür-
fen. Orelli zu 1964 vergleicht passend die
Acounae aus dem nicht weit südlich davon
gelegenen Innichen, die auf einer Inschrift
( Orelli 1995) ganz derselben Zeit (219 n. Chr.)
erwähnt werden. [Steuding.]
Alplieios (’AXcpsiog), der Gott des durch Ar-
ie kadien und Elis fliefsenden Alplieios, des gröfs-
tenFlussesin der Peloponnes. Bei Hesiod. Theog.
338 finden wir ihn im Katalog der Flüsse, der
Söhne des Okeanos und der Tethys, vgl. Hy-
gin. praef. Bei Homer II. 5, 545 ff. (vgl. Od.
3, 489. 15, 187) heilst er Vater des Orsilo-
chos (von Telegone, Tochter des Pharis, Baus.
4, 30, 2), Grofsvater des Diokles, des Herr-
schers von Pherä in Messenien. Der Arkader
257 Alpheios
Phegeus heifst Solin des Alpheios, Hygin. f.
244. 245. Wie die Flüsse allgemein, hatte Al-
pheios in seinem Lande Verehrung und Opfer,
i besonders bei den Eleern, Paus. 5, 10, 7. Leu-
i kippos in Arkadien weihte ihm sein Haupt
haar, Paus. 8, 20, 1. Nestor opferte dem Al-
pheios an seiner „heiligen Strömung“ einen
i Stier, und einen Stier dem Poseidon, ein Rind
. der Athene, II. 11, 725 ff. In Olympia, das
am Ufer des Alpheios lag, opferte ihm Hera- l
kies, als er nach seinem Sieg über Augeias das
Fest einsetzte, unter 12 Göttern, Pind. 01. 11,
48. Er errichtete dort 6 Doppelaltäre, sodafs
je zwei Götter einen Altar gemeinschaftlich
hatten ; davon war einer dem Alpheios und
der Artemis geweiht. Pind. Ol. 5, 5(10) und
[ Schol. Paus. 5, 14, 5. In der Nähe desselben
war noch ein andrer Altar des Alpheios, Paus.
a. a. 0. Mit dem „nährenden“ Flusse Alpheios
wurde die arkadisch- eleische Artemis , eine 2
Göttin der nährenden Feuchte, der Seen, Quel-
len und Flüsse, in Elis unter dem Namen Al-
(piLKLa [Paus. 6 , 22, 5. Schol. Pind. Nem. 1,
3. Pyth. 2, (7) 11), ’AhpSKüvCu und ’Alcpeiovoa
{Strab. 8 p. 343; vgl. Meinehe, Vindiciae Stra-
bonianae p. 105) und als noz ciyioc (Find. Pyth.
2, 7) in Verbindung gebracht. Zu Letrinoi am
Ausflufs des Alpheios ins Meer hatte Artemis
Alpheiaia einen Tempel, und die Einwohner
, erzählten als Veranlassung zu dem Bau des 3
: ( Tempels, der "von Liebe zu Artemis entbrannte
Alpheios habe, da er durch Überredung und
Bitten nichts bei ihr erreicht habe, beschlossen,
Gewalt gegen sie zu gebrauchen; Artemis aber
Ihabe zu Letrinoi sicli und ihren Nymphen, mit
denen sie hier ein nächtliches Fest feierte,
das Antlitz mit Schlamm bestrichen, so dafs
Alpheios sie nicht erkennen konnte und sich
entfernte. Paus. 6, 22, 5. Gurtius Peloponn.
2. S. 73. Nach anderer Sage verfolgte Al- i
pheios die Artemis bis auf die im Hafen von
Syrakus gelegene Insel Ortygia, wo sie auch
als Alpheiaia einen Tempel hatte. Schol. Pind.
Pyth. 2, 12. Nein. 1, 3. Artemis vor Alpheios
flüchtend, Telesilla fr. 1 Bergk. An die Stelle
der nach alter Landessage von dem Flufsgott
geliebten Artemis. Alpheiaia trat in jüngerer
Sage die Quellnymphe Arethusa. Die Nymphe,
zu dem Kreise der Artemis gehörig, war eine
Jägerin; Alpheios, ebenfalls Jäger, liebte und i
verfolgte sie, und als sie, um seinen Bewerbungen
zu entgehen, auf die Insel Ortygia üoli und dort
eine Quelle ward , wurde Alpheios durch die
sehnsüchtige Liebe in einen Flufs verwandelt,
der , unter dem Meere fortfliefsend , mit der
Quelle sich vereinigte. Paus. 5, 7, 2. Oder:
die Nymphe Arethusa badet einst in dem
Flufs Alpheios; der Flufsgott erhebt sich und
verfolgt die Nackende. Artemis umhüllt sie
mit einer Wolke, verwandelt sie in eine Quelle (
und läfst diese wieder auf Ortygia zu Tage
kommen, vereint mit dem Wasser des Alpheios,
der seine menschliche Gestalt abgelegt hatte.
Ovid. Met. 5, 752ff. Vgl. Serv. Verg. Ecl. 10,
4. Verg. Aen. 3, 694. Lulcian. Dial. marit. 3.
Stat. Silv. 1,2, 203. Theb. 1, 271. 4, 239.
Ibylc. b. Schol. Theokr. Id. 1, 115. Pind. Nem.
1. in, u. Schol. Mosch. Id. 7. Bursian Geogr.
Roscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
Alpheios 258
v. Griechen l. 2. S. 288. Eine Quelle Arethusa
war in Elis am unteren Alpheios sowie auf
Ortygia bei Syrakus, s. E. Curtius in Finder
u. Friedländers Beiträgen zur älteren Münz-
kunde 1, S. 234ff. Paulys Bcal-Encycl, 1, 2.
S. 1507. An der Gründung von Syrakus {Ol. 5)
durch die Korinthier hatten sich auch Leute
aus der Gegend von Olympia beteiligt, nament-
lich Mitglieder des Iamidengesclrlechtes , das
zu Olympia am Altar des Zeus, welchem vor
allen Flüssen Alpheios lieb war {Paus. 5, 13,
5), das Weissageramt verwaltete. Diese Aus-
wanderer von Olympia brachten den Kultus
und die Sage von ihrer Artemis Alpheiaia mit
nach der Insel Ortygia , auf welche die ur-
sprüngliche Niederlassung sich beschränkte,
und da auf der Insel kein Flufs war, Artemis
Alpheiaia oder nozayia aber des geliebten Flus-
ses Alpheios nicht entbehren konnte , so bil-
dete sich der Glaube, die ihrem Tempel be-
nachbarte Quelle Arethusa enthalte heiliges
Alpheioswasser {Ibylc, bei Schol. Theokr. Id. 1,
117), und diesem Glauben kam zu Hilfe, dafs
sich in der wasserreichen Quelle grofse Fische
befanden ( Diod . 6, 3. Schol. Find. Nem. 1, 1).
Daraus entstanden dann die Sagen, Alpheios
sei der Artemis oder der Arethusa unter dem
Meere hindurch nach Ortygia gefolgt. O. Mül-
ler Prolegg. z. e. wiss. Mythol. S. 135ff. Dorier
1. S. 375ff. Dissen, Explic. ad Find. Nem. 1.
p. 350. Die Vermischung des Alpheios mit
der Quelle Arethusa bewies man durch die
Erzählung, dafs eine Schale, die man zu Olym-
pia in den Alpheios warf, zu Ortygia wieder
zum Vorschein gekommen sei, und dafs die
Quelle trüber werde, wenn man in Olympia
Stiere schlachte. Strab. 6. p. 270. Vgl. Se-
neca Quaest. natur. 3, 26. Serv. Verg. Ecl. 10,
4 u. Aen. 3, 694. Fulgent. Mythol. 3, 12, der
überdies dem Wasser des Alpheios die Wir-
kungen der Lethe zuschreibt. Das Tauchen
unter dem Meere hin aber hatte Alpheios schon
in Arkadien gelernt, wo er öfter unter die
Erde taucht und unter ihr eine Zeitlang fort-
fliefst. Paus. 8 , 44 , 3. 54 , 1—3. Strab. 8.
p. 343. Bursian, Geogr. v. Griechenl. 2. S. 186 f.
Pseudo-Plut. fluv. 19 erzählt , Alpheios , ein
Abkömmling des Helios, habe mit seinem Bru-
der Kerkaphos in der Tapferkeit gewetteifert
und ihn erschlagen; von den Erinnyen verfolgt,
stürzte er sich in den Strom Nyktimos , der
nun den Namen Alpheios erhielt. Nach Ea-
rip. Iph. Aul. 270 ff. war an Nestors Schiff das
Bild des Alpheios, ein Stierleib mit mensch-
lichem Antlitz , und darnach ist zu erklären
die Gemme bei Mülin P. gr. 46 A.; Alpheios
in menschlicher Gestalt mit Füllhorn, Zoega
Bassir. Ant. 1, 1. Müller, Denlcm. d. a. K. 2.
Taf. 7. n. 76. Sein Bild im Ostgiebel. .des
Zeustempels zu Olympia, Paus. 5, 10, 2. Über
die Bildung der Flüsse (Alpheios als Mann) s.
Aelian. Var. hist. 2, 33. Nicht vollkommen
gesichert ist die Authenticität eines Gemäldes
der von Alpheios verfolgten Arethusa, Mon.
d. Inst. 3, 9. Bull. 1853. p. 22. Kupfermün-
zen des Caracalla und Septimius Severus mit
dem Bilde des Alpheios bei Curtius, Pclopon-
nesos 1. S. 394 A. 15. [Stoll.]
9
Althaimenes
259 Alphenor
Alphenor (AXcprjvcoQ) , Sohn der Niobe und
des Ainphion , von Apollon erschossen , Ov.
Met. G, 248. Stark, Niobe p, 9G. [Stoll.]
Alpliesiboia (’AXcpsoißoia), 1) Gemahlin des
Phoinix und Mutter des Adonis , Hesiod bei
Apollod. 3, 14, 4. Probus zu Verg. Ecl. 10, 18.
Vgl. Adonis. — 2) Tochter des Phegeus in Pso-
phis, Gemahlin des Alkmaion, Paus. 8, 24, 4.
Hyg. f. 244. Von Apollod. 3, 7, 5 wird sie
Arsinoe genannt. Curtius Peloponnesos 1, 388.
400, 34. Vgl. Alkmaion. — B) Tochter des Bias
und der Neleustochter Pero, Gemahlin des Pe-
lias, Theokr. 3, 45 u. Schol. Plierekydes b. Schol.
Od. 11, 287. Bei Apollod. 1, 9, 10 heilst sie
Anaxibia. — 4) Eine asiatische Nymphe, die,
von Dionysos heftig geliebt, nicht bewogen
werden konnte sich seinem Willen zu fügen,
bis er, in einen Tiger verwandelt, sie durch
Furcht dahin brachte, sich von ihm über den
Flufs Sollax tragen zu lassen. Er zeugte mit 2
ihr den Medos , der , nachdem er erwachsen,
jenen Flufs Tigris nannte. Plut. de fluv. 24.
[Stoll.]
Alpliios (’AXcpiog), einer von den Leuten des
Menelaos auf dem Polygnotischen Gemälde in
Delphi. Paus. 10, 25, 2. [Schultz.]
Alpliito (fAlgnxca) , ebenso wie Akko (s. d.)
ein Popanz, mit welchem die Weiber die un-
artigen Kinder zu schrecken pflegten: Plut. de
Stoic. rep. 15. S. die unter Akko gegebene 3
Erklärung des Namens. [Roscher.]
Alsir, Name einer Göttin oder Heroine auf
einer Cista aus Präneste, C. I. L. 1, 1501. Die-
selbe erscheint daselbst nackt, nur mit Schu-
hen, Arm- und Halsschmuck versehen; sie
stützt sich auf eine Säule, neben ihr stehen
Atalanta und Helena und diesen gegenüber
Paris, so dafs wohl an ein Analogon des be-
kannten Parisurteils zu denken ist. Der Name
Alsir ist vielleicht etruskisch, doch bezeichnet 4
ihn Deecke, etr. Forsch. 3 p. 23 als rätsel-
haft. Die bildliche Darstellung erinnert aber
ganz an die jugendlicher Göttinnen des aphro-
disischen Kreises auf etruskischen Denkmälern.
O. Müller, Etrusker hrsg. v. Deecke 2 p. 1 1 2 f .
[Steuding.]
Altes ('AX König der Leleger zu Peda-
sos, dessen Tochter Laothoe , eine Frau des
Priamos, diesem den Lykaon und Polydoros
gebar, II. 21, 85. Vgl. 8 trab. 13, 584. Deim- r,
ling Leleger 11. [Stoll.]
Althaia (’AX&aia) , Mutter des Meleagros,
Tochter des Thestios und der Eurythemis,
Schwester der Leda , Gemahlin des Oineus,
Königs von Kalydon in Atolien. II. 9, 529 ff.
Ewr.fr. 519, 4 (V.). Apollod. 1, 7, 10; 8, 2 — 3.
Diod. Sic. 4, 34. Paus. 8, 45, 6; 10, 31, 3 — 4.
Strabo 10, 466. Hygin. f. 27, 19; 28, 2, 18;
29, 7; 47, 4, 7, 8; 112, 8; 134, 2; 138, 9 (ed.
Schmidt). Anton. Lib. 2. Ov. Met. 8, 445 ff. Nach ci
Schol. Apoll. Ph. 1, 146 u. 201 u. war sie Tochter
der Deidameia, oder der Laophonte. Bei Hyg. 47,
10 heifst sie auch Schwester des Iphiklos von
der Mutter Leukippe. Als Meleagros 7 Tage
alt war , traten die Moiren zu Althaia und
weissagten: das Kind werde sterben, wenn
das auf dem Herde brennende Scheit von
der Flamme verzehrt sein werde. Von dieser
260
Weissagung bewogen, nimmt Althaia das Scheit
und birgt es in einer Lade. Meleagros wuchs
nun heran zum tapferen, unverwundbaren Mann.
Da geschah es, dafs er bei der Jagd des kaly-
donischen Ebers um den Ehrenpreis des Kam-
pfes (s. Meleagros) mit den Brüdern seiner
Mutter in Streit geriet und diese tötete. Al-
thaia aber streckte im Zorn und Schmerz über
den Tod der Brüder den Brand ins Feuer und
o Meleagros mufste so eines plötzlichen Todes
sterben. Nach einer andern Sage tötete er
seine Vettern in dem Kampfe zwischen Kureten
und Kalydoniern (s. Meleagros) , den Artemis
im Zusammenhang und Verlauf der kalydoni-
schen Jagd erregt hatte , und nachdem ihn
deshalb Althaia mit schrecklichen Flüchen ver-
wünscht, findet er kämpfend den Tod, wäh-
rend Althaia mit eigener Hand ihrem Leben
ein Ende macht. Vgl. Ovid. Met. Apollod. Hom.
o Eurip. Ant. Lib. a. a. O. Diod. 4, 34. Paus.
10, 31, 3ff. [Bernhard.] ln Darstellungen der
Meleagersage erscheint Althaia sehr häufig
z. B. Clarac M. de sc. pl. 201. Zoega Passiv,
tv. 46. Benndorf- Schoene Later. Mus. Tfl. 10
No. 509, Matz-Duhn , Antike Biläw. in Rom
No. 3236 ff. Vgl. Kelcule, de fabula Meleagr.
p. 33 ff. A. Surber, Die Meleagersage. Zürich
1880. [Schreiber.]
Althaimenes {AXfroapivris) , Sohn des Ka-
o treus , Königs von Kreta, Enkel des Minos,
Bruder der Apemosyne, Aerope und Klymene.
Da Katreus den Orakelspruch erhalten hatte,
dafs er durch seinen Sohn sterben werde, ver-
liefs Althaimenes, begleitet von seiner Schwe-
ster Apemosyne, freiwillig Kreta und landete
in Rhodos an einem Orte , den er Kretinia
nannte (zu Kameiros , Diod.). Er bestieg den
in der Nähe gelegenen Atabyrios, den höch-
sten Berg der 1 nsel , von wo man bis nach
o Kreta sehen konnte, und gründete hier in Er-
innerung an die Götter seiner Heimat den
(ursprünglich phönikischen) Dienst des Zeus
Atabyrios. (Nach Lactant. 1, 22 thut dies ein
Atabyrios, der einmal den Zeus bei sich be-
herbergt hatte.) Darnach wurde Althaimenes
zuerst der Mörder seiner Schwester, dann der
seines Vaters. Hermes verfolgte mit seiner
Liebe die Apemosyne, und als er sie nicht er-
haschen konnte — denn sie war schneller als
o er — breitete er ihr frische Felle auf ihren
Weg, so dafs sie ausglitt und seine Beute
ward. Althaimenes wollte die Angabe der
Schwester nicht glauben und tötete sie, erbit-
tert über ihre Schande, durch einen Fufstritt.
Katreus batte inzwischen seine beiden andern
Töchter wegen ihrer gemeinen Leidenschaft
dem Nauplios gegeben, dafs er sie in fremde
Länder verkaufe, und wünschte nun in seinem
verwaisten Alter dem Althaimenes sein Reich
3 zu übergeben. Er geht zu Schiff und landet
an einer öden Küste von Rhodos , wo er mit
Hirten , welche ihn und seine Schar für Räu-
ber halten , in Kampf gerät. Althaimenes
kommt hinzu und tötet den Vater, den er
nicht erkennt, durch einen Speerwurf. Als er
erfuhr, was geschehen, irrte er verzweifelt in
den Einöden umher und grämte sich zu Tode
{Diod.) oder wurde auf sein Gebet von der
m
Altliephios
L ,
irde verschlungen. Infolge eines Orakelspruchs
vurde er von den Rhodiern als Heros ver-
hrt. Apollod. 3, 2, 1. 2. Biod. 5, 59. Vgl.
leffter, Gottesdienste auf Rhodos 3. S. i6ff. 81.
Preller, gr. Mythol. 2. S. 127ff. [Stoll.] Vgl.
,uch Aug. Beclcer, de Rhodiorum primordiis
Dissert. Jen. 2) p. 121 ff'. [Schreiber.]
Altliephios (’Al&ycpiog), ein Nachkomme des
Ylpheios, von welchem eine Weinsorte Ali bp
piag hiefs. Athen. 31c. Suid. s. v. ’AXrhrjcptug. io
Zonar. 12G. [Roscher.]
Althepos f'AlQ’gnog), nach welchem der trö-
.enische Bezirk Althepia den Namen erhalten,
lohn des Poseidon und der Le'is (Saat), der
Tochter des trözenischen Königs Oros (Zeiti-
ger). Unter ihm stritten Poseidon und Athene
im das Land. Raus. 2, 30, G. 32, 7. Über
lie Bedeutung des Namens (uXJaCva) und sei-
Iien Zusammenhang mit Poseidon yvuxlyiog
i. Preller , gr. Mythol. 1. S. 480. Völcker, Ja- 20
net. Geschl. S. 164. 169. Welcher zu Sclnvench
Et.-myth. Andeutungen S. 296. [Stoll.]
Altor s. Indigitamenta.
Alus, wohl ein celtischer Gott auf zwei In-
schriften aus der Gegend von Brescia, C. I. L.
5, 4197: Alo Sex. Nig. Sollonius v. s. I. m.
md 5, 4198: Beo Alo Saturno Sex. Gommodus
Valerius v. s. I. m. (— Orelli 1510, der falsch
irvalo hat; beide sind trotz Orellis Verdacht
seht). Da Alus in letzterer Inschrift mit Sa- 30
urnus zusammen genannt wird, dürfte auch er
Ich auf den Ackerbau beziehen. Jedenfalls
längt derselbe mit der auf einer wenig nörd-
ich von Brescia gefundenen Inschrift erwähn-
ten Göttin Alantedoba (s. d.) zusammen.
[Steuding.J
Alykos (’/llvKog) , Sohn des Skiron. Er
kämpfte auf Seiten der Dioskuren, als diese
Apliidnä stürmten, und fiel. Nach Hereas soll
r durch die Hand des Theseus gefallen sein. 10
Er lag in Megaris begraben. Blut. Thes. 32.
[Stoll.]
Alyzeus (’AXv£svg), Sohn des Ikarios, Bruder
ler Penelope und des Leukadios, herrschte mit
lern Bruder nach des Vaters Tod in Akarna-
lien. Die Stadt Alyzia war nach ihm benannt.
Alhnaionis b. Strab. 10, 452. Stegh. Byz. v.
4lv£s icx. [Stoll.] [J. Gr. 3064. | Roscher.]
Alxenor (’AX'gyvcoQ) , ein teischer Heros: C.
Alxion (Aljgicov), Vater des Oinomaos, der 50
;onst für einen Sohn des Ares gilt, Paus. 5,
5. [Stoll.]
Amakleides (’Aga-nXsiöyg , vielleicht falsche
Lesart für ’Avav.Xcibrjg von Avcc/.Xrjg: Fiele 8. 11),
einer der Tritopatoren nach den orphischen
<bvGiv.ix bei Tzetz. ad Lyhophr. 738. Schol. Od.
0, 2. Suid. s. v. TQLxonccTOQsg (wo kaum rich-
tig ’Aytxlnsidrjg überliefert ist, vgl. den zweiten
TlQwzoKlrjg) = Etym. M. p. 768. Vgl .Lobech
Aglaopli. p. 753 ff. [Crusius.] 00
Anialens (AfuxXsvg), Sohn des Amphion und
der Niobe (oderHippomedusa). Aedon (s.d.), die
Gemahlin des Zethos, wollte ihn aus Neid
über den Kindersegen der Niobe ermorden,
tötete aber durch Verwechselung in der Nacht
ihren eigenen Sohn Itylos. Schol. u. Fustath.
Ad. 19, 518. Stark, Niobe 96. 370. 383. Bei
Eust. heifst er Amphialeus, s. Aedon. [Stoll.]
Amaltheia
262
Amaltheia (’AyuX&eux), 1) Nährerin des Zeus-
kindes, entweder als Nymphe oder als Ziege
gedacht. Der eben geborene Zeus wurde in
Kreta von der Mutter Rhea der Themis und
von dieser der Nymphe Amaltheia übergeben,
die den Knaben mit der Milch einer Ziege
nährte. Diese Ziege (Aiga, Aix), von Helios
stammend, war von so schrecklichem Aussehen,
clafs die Titanen ihren Anblick fürchteten, und
die Erde sie auf ihr Bitten in einer Höhle
Kretas barg , wo sie den Zeus nährte. Als
Zeus, zum Manne herangewachsen, den Kampf
gegen die Titanen unternahm, wappnete er sich
auf den Rat der Themis mit der Aigis (s. d.),
dem Felle jener Ziege, welches undurchdring-
lich und mit dem Gorgoneion versehen war.
Diese aus der dem Musaios zugeschriebenen
Theogonie genommene Erzählung (bei Era-
tosth. cat. c. 13. Hygin. poet. astr. 2, 13) wird
von Schümann (de Iovis incunab. p. 12 = Opusc.
acad. 2 p. 258) für die verhältnismäfsig älteste
Form der Fabel gehalten. Der Schol. z. 11.
15, 229 hat aus derselben Quelle geschöpft,
nur setzt er für die Nymphe Amaltheia eine
Ziege Aiga. Eine Nymphe, die den jungen
Zeus mit der Milch einer Ziege nährte, heifst
Amaltheia an vielen Stellen, Tochter des Okea-
110s (Schol. II. 21, 194. Hygin. F. 182 und
dazu Mancher) oder dgs Haimonios (Apollod.
2, 7, 5. Tzetz. Lyh. 50), oder des kretischen
Königs Melisseus (Lactant. Inst. 1 , 22 , 19.
Hygin. Poet. Astr. 2, 13. Fab. 182), oder des
Olenos (Theon zu Arat. 64). Nach Ovid. Fast. 5,
115 barg die Nais Amaltheia den Zeus in Kreta
in Wäldern und nährte ihn mit der Milch der
olenischen Ziege. Nach Lactant. a. a. O. nährten
des Melisseus Töchter Amaltheia und Melissa
den Zeus mit Milch und Honig; daher sieht
man auf kretischen Münzen sowohl die Ziege
als die Biene. Als Kronos
das Zeuskind suchte, um es
zu vernichten, hängte seine
AmmeAmaltbeia .es in ei-
ner Wiege an einen Baum,
damit das Kind weder im
Himmel noch auf der Erde
noch im Meere zu finden
wäre, und liefs die Kure-
ten um den Baum Lärm
machen, damit Kronos den Amaltheia mit d. Zeus-
Knaben nicht schreien hörte. kmde, Münze von Aigeai
Hyg. F. 139. Die Orphi- (Imhoofs Sammlung),
ker haben die Amaltheia
zur Gemahlin des Melissos gemacht und deren
Töchter Ida und Adrasteia (s. d.) zu Ammen des
Zeus, s. Lobech, Aglaopli. p. 614. Bei Hygin.
F. 182 heifsen die Ammen des Zeus Ida, Amal-
theia und Adrasteia, Töchter des Okeanos oder
des Melisseus, auch wurden sie dodonäische
Nymphen genannt, was darauf hindeutet, dafs
man den Zeus auch zu Dodona erzogen glaubte.
Auch Apollod. 1, 1, 6 nennt die drei Namen;
aber nur Ida und Adrasteia sind dort Nymphen
und Töchter des Kreters Melisseus, Amaltheia
dagegen die nährende Ziege. Als die Ziege,
welche den jungen Zeus auf Kreta säugte und von
ihm zum Lohn unter die Sterne versetzt wurde,
erscheint Amaltheia vielfach : Hygin. Poet.
9 *
263
Amaltheia
Amalt, heia
264
Astr. 2, 13. Aral. Phaen. 163. Kallim. 11. in
lov. 49. Apollod. 1, 1, 6. Zenob. 2, 48 u. a.
Andererseits heifsen Aix oder Capra, Aiga und
Helike (Töchter des Olenos) als Aminen des
Zeus Nymphen, Anton. Lib. Met. c. 36 p. 46
{Koch). Hygin. Poet. Astr. 2, 13. Unter die
p. 5 u. a. s. Böttiger a. a. 0.) und in manche
Mythen des Altertums verflochten ist, be-
sonders in den Mythus von Acheloos (s. d,).
Acheloos hatte das Horn der Ziege von Amal-
theia, der Tochter des Okeanos, erhalten und
tauschte dagegen das seinige, das ihm Herakles
abgebrochen, von diesem ein.
Schot. 11. 21, 194. Apollod. 2, 7
5. Tzetz. Lylc. 50. Oder das den
Acheloos abgebrochene Horn gal
Herakles den Hesperiden oder der
Nymphen, welche es mit Früchten
füllten und Horn des Überflusses
nannten. Hyg. f. 31. „Sie gaber
es der Göttin des Überflusses,
Copia (s. d.), Ov. M. 9, 87. Nach
Hesych. v. ’/Jgal&s lag y-iyag gal
Hermes dem Herakles das Horn
der Amaltheia, als er nach den
Rindern des Geryones auszog. Von
einer Nymphe Amaltheia in Thes-
piä, „die im Besitze des Hornesl
des Überflusses war, spricht Pa-
laeph. c. 46. Strab. 10 p. 458
sagt, manche erklärten das Horn
der Amaltheia und das des Ache-
loos für identisch, und Herakles
habe es dem Oineus als Preis für
seine Tochter Deianeira gegeben.
Auch bei PHod. 4, 35 ist das Horn
der Amaltheia identisch mit dem
des Acheloos. Natürliche Erklä-
rungen des Mythus liefern Strdbo't
u. Diodor a. a. 0. PHod. 3, 68
erzählt, dafs der libysche König
Ammon die Amaltheia, eine über-
aus schöne Jungfrau, mit der ei
den Dionysos gezeugt, zur Be-
herrscherin einer sehr fruchtbaren
Gegend, welche die Gestalt eines
Kuhhornes hatte, gemacht habe,
und dafs von ihr die Gegend den
Namen des Hornes der Amaltheia
erhielt, der dann überhaupt auf
Amaltheia mit dem Zeuskinde (?) und Pan , Belief im Lateran (vgl. Benn- jedes fruchtbare Land Übertragen
dorf U. Schöne, u. aut. Biidw. d. lat. Mus. s. worden sei. Über Amaltheia, das
Sterne wurde die Ziege jedenfalls versetzt, Horn der Amaltheia und seine Bedeutung als
mochte sie heifsen, wie sie wollte. Nach Symbol materieller Segensfülle s. Böttiger,
Schot. Kallim. H. in lov. 49 flofs aus dem Amalthea 1 S. 26. Hoch, Kreta 1 S. 185.
einen Horn der Ziege Amaltheia Nektar, aus so Völcher, Mythol. d. Iapet. Gesellt. S. 89. Prü-
dem andern Ambrosia (s. d.). Als die Ziege des ler , gr. Mythol. 1 S. 30f. 105. 453. 2 S. 244.
Zeus an einem Baume das eine Horn abbrach, Lauer, System d. gr. Mythol. S. 190 f. Schömann,
umwand es seine Amme, die Nymphe Amal
theia, mit frischen Kräutern, füllte es mit
Früchten und brachte es dem Zeus, der das-
selbe später zugleich mit der Ziege unter die
Sterne versetzte. Ovid. Fast. 5, 115 — 128.
Nach andern brach Zeus der ihn nährenden
Ziege Amaltheia ein Horn ab, gab es den
Opusc. ac. 2 p. 258 ff. Zinsow,hist. gr.primord.
p. 26. Welcher, gr.Götterl. 2 S. 231. Gerhard ,
gr. Mythol. § 211, 3. Braun, gr. Götterl. § 352.
Während Schömann annimmt, dafs die nährende
Amaltheia ursprünglich als eine Nymphe, wel-
che als Besitzerin aller guten Gaben sich zur
Amme des Zeus eignete, und später erst als
Töchtern des Melisseus und legte in dasselbe co die nährende Ziege aufgefafst worden sei
einen solchen Segen, dafs es mit allem, was
sie nur wünschten, sich füllte, s. Böttiger, Amal-
thea „1 S. 26. So entstand das berühmte Horn
des Überflusses, cornu copiae, welches vielfach
sprichwörtlich verwendet (vgl. Antiphan. fr. 109
= Athen. 11 p. 503 B. Phohylides 7 Berglc,
Lyr. gr. p. 358. Philoxenos 3, 5 Berglc p. 990.
Tyahian merc. cond. 13. Plut. de absurd .' Stoic.
kehren andere die Sache um und behaupten,
dafs die Ziege Amaltheia das Ursprüngliche
sei. Die Ziege aber nimmt man als Symbol
der Wolke, und zwar teils der stürmenden
Wetterwolke, teils der befruchtenden, nähren-
den Wolke. Der junge Himmelsgott nährte
sich von dem strömenden Segen der Wolke.
Nach Braun (a. a. 0.) wurde die Ziege dem für
Hr L
Amaltheia
Amata
266
265
lie Herrschaft des Äthers bestimmten Gotte
ils Amme ausersehen, weil die Bergziege, dem
Adler gleich, auf den höchsten Spitzen der
b Berge in der Nähe des Himmels weilt. — Der
Afame Amaltheia (vgl. Althaia) stammt wahr-
scheinlich von aXd'co, dX&cdvco, pflegen, nähren;
Hesych. erklärt dpccXAtvec durch ■nXrjQ'vvsi,
nXovzit,si, zgicpsi. Schümann a. a. 0. p. 260 lei-
det das Wort ab von oippu (Amme, Mutter)
md äX&co und erklärt alma mater, nutricia.
|i Schwenck Et. -myth. Andeut. S. 41 u. Jacohi,
Kandwörterb. d. gr. u. röm. Myth. denken an
ipslyco, andere an apdX&ccuog (dpaXcvHiozicc,
Uiod. 4, 35. Tiaqu. zo pr\ pccXdooeoftca , Suid.).
Welcher, über eine leret. Kolonie in Theben S. 6
eitet es von dpalg ftsiu ab, das er „göttliche
Hege“ übersetzt, weil dpuXf\ b i Hom. II. 22,
HO Beiname der Lämmer ist Lauer a. a. 0.
3. 190 möchte es zusammenbringen mit dpdXg =
dpaXXa, Garbe ; vgl. Sichler de Amaltheac etymo
et de cornutis deorum imaginibus 1821. Der
Mythus der Amaltheia ist in Kreta ausgebildet,
scheint aber auch zu Dodona in Epirus heimisch
geworden zu sein, wo ebenfalls von der Ge-
burt und Ernährung des Zeus erzählt ward,
und von da aus wird das Horn der Amaltheia
mit dem nährenden und befruchtenden Ache-
(oos in Verbindung gekommen sein. Auf seinem
Landgut in Epirus hatte Atticus, Ciceros Freund,
‘ äin Amaltheum , ein Heiligtum der Nymphe
Amaltheia, eingerichtet, das er durch park-
trtige Anlagen und durch Reliefs, die sich auf
len Mythus der Amaltheia bezogen, zu einem
ingenehmen Sommeraufenthalt machte, Cic. de
egg. 2, 3, 7. ad Att. 1, 13, 1. 16, 15. 18. 2, 20, 2.
Schümann a. a. 0. p. 260 u. 261. Preller, gr.
Mythol. 1 S. 30. Vgl. Völclcer a. a. 0. — Amal-
heia als Ziege dargestellt, das Zeuskind näh-
end, umtanzt von den Kureten , an der capi-
;olinischen Ara, Mus. Cap. 4, 7. Millin , Gal.
Myth. 5, 17. S. Braun , gr. Götterl. § 354. Als
Hege, das Zeuskind auf dem Rücken tragend,
luf einer Münze Valerians, Millin. 10, 18. Als
nenschliche Pflegerin mit dem Kind auf dem
Ichofse, Campana Opere in plast. 1. Mon. d.
tnst. 3, 17. (Vgl. auch die Abbildungen oben
3. 262 f.). Mehr bei Overbeck, K. AI. Zeus
>22 ff. Das Horn der Amaltheia findet sich
lach Paus. 4, 30, 4. 7, 26, 3 besonders
iei Abbildungen der Glücksgöttin, s. Alüller, ;
Denhn. d. a. K. 2. n. 315. 316. 925. 927—930.
135. Aufserdem sieht man dasselbe an Statuen
md Bildern des Zeus ( Müller , Handb. d. Arcli.
550, 6), des Herakles ( Visconti Pio Clem. 2,
i. Millin, Gal. Myth. 122, 478; s. Preller, gr.
Myth. 2 S. 275), des Pan ( Peilerin , JRecueil
Tom. 1 pl. 37), des Pluton ( Müller , Denkm. 2.
i. HO), der Flufsgötter und Landesgottheiten
Müller, Denlcm. 2 n. 76. 1 n. 320 g), des Bo-
nus Eventus {Müller 2 n. 943. 944) u. a. (
Vgl. auch B. P. Hartwig, Herakles mit dem
Füllhorn. Diss. Leipzig, 1883. Sehr.] — 2)
Amaltheia, eine Sibylle, bei Tibull 2, 5, 67
verschieden von der cumanisclien, aber von
lactant. Inst. 1, 6, 10 mit dieser identificiert.
^gl. Io. Lyd. de mens. 4, 34. Serv. Verg. Aen.
>, 72. Schol. Plat. Phaedr. tom. 8 p. 287 Tauchn.
Suid. s. v. Zh'ßvX.hx. Sie galt vielleicht auch
für die Erzieherin des Zeus, Klausen, Aen. u.
d. Pen. S. 299. — 3) Amaltheia, Tochter des
Phokos, mit welcher Zeus in Gestalt eines
Bären Umgang pflog. Clem. Born. Homil. 5,
13. S. Schümann Op. ac. 2 p. 260. A. 52.
[StoR]
Amarakos (Apaganog), ein königlicher Knabe,
Sohn des kyprischen Königs und Aphrodite-
priesters Kinyras. Während er gerade Salben
> trug, fiel er, uncl durch die Ausgiefsung ver-
breitete er einen noch gröfseren Duft als vor-
her. Deshalb nannte man die besten Salben
amarakinische. Der Knabe wurde durch den
Schreck in das wohlduftende Kraut Sampsuchon
verwandelt, das später Amarakos hiefs, eine
Art Majoran, die auf Kypros sehr häufig wuchs.
Diese Pflanze sowie die Myrrhe (Myrrha, die
in den Myrrhenbaum verwandelte Tochter des
Kinyras) wurde in dem kyprischen Aphrodite-
i kult viel zu Salben und Spezereien gebraucht.
Serv. Verg. Aen. 1, 693. Enget, Kypros 2, 95.
125 f. Preller, gr. Mijth. 1, 285, 1. Pauly, B.
Encycl. 1, 1 p. 826. [Stoll.]
Amarynkeus {’Apagvynevg, v. dp agveam, der
Strahlende, was auchAugeias bedeutet), König
der Epeier in Buprasion, Sohn des Alektor
und der Diogeneia ( Eustath . Hom. p. 303),
welchem seine Söhne in Buprasion Leichen-
spiele feierten, an denen sich Nestor in seinen
jungen Jahren beteiligte. II. 23, 630, vgl.
Quint. Sm. 4, 517. Nach Paus. 5, 1, 8 war
sein Vater, Pyttios aus Thessalien nach Elis
gekommen, und als Augeias sich gegen den
Angriff des Herakles rüstete, gewann er dessen
sehr kriegstüchtigen Sohn Amarynkeus als
Bundesgenossen und gab ihm Teil an der
Herrschaft, vgl. Paus. 5, 3, 4. (Nach Heka-
taios bei Strab. 8 p. 341 kämpften jedoch
die Epeier mit Herakles gegen Augeias). Sein
Sohn Diores war einer der 4 Führer der Epeier
vor Ilion. II. 2, 622. Ein Sohn des Amaryn-
keus namens Hippostratos wird Apollod. 1,
8, 4 genannt, den Hesiod {fr. 88 Lelirs ) bei
Schol. Find. Ol. 11, 38 (10, 46) wahrschein-
lich als Enkel desselben ansieht. Hygin. E.
95 läfst den Amarynkeus, Sohn des Onesi-
machos, von Mykene aus mit 19 Schiffen mit
nach Troja ziehen — eine verderbte Stelle,
wo für Mykene vielleicht Hyrmine oder Myr-
sinos {11. 2, 616) einzusetzen ist. [Stoll.]
Amarynthos (Apdgvv&og), 1) ein Jäger der
Artemis , nach welchem der Flecken Amaryn-
tlios mit dem berühmten Heiligtum der Artemis
Amarynthia {Strab. 10, 448) benannt war {Stepli.
B. s. v.), ein König auf Euböa {Et. 31. 77, 42),
Vater des Narkissos (Akusilaos b. Probus zu
Verg. Ecl. 2, 48, wo Amarynthos für Amaran-
tlios und Eretriensis für Erechtheis zu schrei-
ben ist). Nach Hom. Hy. in Ap. Pyth. 33
scheint er ein Geliebter des Apollon gewesen
zu sein, s. Baumeister z. d. St. — 2) Hund des
Aktaion, Apollod. 3, 4, 4. [Stoll.]
Amastris {"Apaargig), Amazone, Eponyme der
Stadt am Pontus. Demosthenes bei Stepli.
Byz. s. v. [Klügmann.]
Alllastros {’ApaGzgog), ein Dolione, von Nestor
getötet, Val. Flacc. 3, 145. [Schultz.]
Amata, Gemahlin des Königs Latinus und
Amatheia
267
Amazonen(Kämpfe)
Matter der Lavinia. Sie wurde, als Latinus
dem Aeneas seine Tochter zur Gemahlin anbot,
durch Iuno angestachelt, diese Heirat zu hin-
tertreiben, zumal da sie ihre Tochter vorher
schon ihrem Schwestersohn Turnus versprochen
hatte. Verg. Aen. 7, 343 ff. Als sie wähnte,
dafs Turnus vom Aeneas getötet sei, erhing sie
sich selbst: Aen. 12, 602 f. Jedenfalls hängt
die Sage von Amata mit dem alten latinischen
Vestakulte in Lavinium zusammen, da jede io
Vestalin bei ihrer captio durch den Pontifex
maximus Amata genannt wurde (Gell. N. A. 1,
12, 14. 19). Vgl. Schwegler , röm. Gesch. 1,
287. Preller, röm. Myth 3 2, 161. 330. Premier,
Hestia-Vesta 276 u. 396 f. Klausen, Aeneas
u. d. Penaten 775. [Roscher.]
Amatheia (AyuAsia), Nereide, II. 18, 48.
Braun, gr. Götterl. § 96. 99. [Stoll.]
Amatiios ('Ayufi-og) , 1) Sohn des Königs
Aerias, welcher den Tempel der Aphrodite zu 20
Amatlius auf Kypros gebaut haben soll: Tacit.
Arm. 3, 62, vgl. Steph. B. s. v. ’Agcc&ovg, nach
welchem Amathos ein Sohn des Herakles sein
sollte. — 2) Sohn des Makedon, Gründer der
Stadt Amathia in Makedonien, Bruder des
Pieros, der die Stadt Pieria gründete, Schol.
II. 14, 226. [Stoll.]
Amatlnisa (Agudovoa), Mutter des Kinyras,
Gründerin von Amathus auf Kypros. Steph.
Byz. s. v. ’Aga&ovg. [Roscher.] 30
Amazonen (’Aycc&vtg, episch ’Aga^oviösg).
1. Mythologisch. Die Amazonen er-
scheinen als mythische Kriegerinnen fremden
Stammes, welche mit den berühmtesten Heroen
der Griechen kämpfen , auf ihren Zügen Epo-
nyme von Städten werden und auch in Ver-
bindung mit dem Kultus von Gottheiten treten.
Ihre Kämpfe sind fast die einzigen, deren die
Ilias in älterer Zeit in Asien Erwähnung thut;
aber sie gedenkt der Amazonen überhaupt nur 40
kurz. Eingeführt in die nationale Poesie hat
sie erst Arktinos, welcher Penthesileia die
erste der von fernher Troja zu Hilfe eilenden
Helden sein läfst. Die in voller heroischer
Würde, aber einzeln auftretende, nach tapferem
Kampfe Achill erliegende Amazone ist eine
Schöpfung von höchstem poetischen Interesse,
die zu allen Zeiten Nachahmung gefunden hat.
Die Heraklessage läfst umgekehrt den Vor- •
kämpfer der Griechen in das Land der Ama- 50
zonen ziehen und dort das ganze Volk besie-
gen. In der attisch-theseischen Sage folgt der
Raubfahrt des Theseus der Rachezug der Krie-
gerinnen und ihre Niederlage in Attika. Wäh-
rend diese drei Sagen in Litteratur und Kunst
hochgefeiert sind, haben die in der Ilias er-
wähnten nur geringe Entwicklung gefund en. Den
Kampf mit Bellerophon (II. 6, 186) denken
sich die Schol. in Lykien, vgl. Aristid. Areop.
118; Pindar Ol. 13, 86 vielleicht im Norden; 60
die einzige Kuustdarstellung, ein W andgemälde
gehört einem Bellerophoncyklus an (Bullet, d.
Inst. 1871 p. 204; vgl. aufserdem Anmali 1873
p. 48). Die Hilfe, welche Priamos den Phry-
gern gegen die Amazonen geleistet (II. 3, 186),
liefs sich, wie Strabo 12, 552 meint, nicht
wohl mit Penthesileias Auftreten vereinigen.
Die vielspringende Myrine, als deren Grabmal
die Sprache der Götter den Hügel bei Troja
bezeichnete (II. 2, 814), hat in den lokaler
Eponymiesagen eine Rolle gespielt. — Am
Arktinos1 Aithiopis überliefert Proklos: Pen
thesileia, Tochter des Ares von thrakischem
Stamme, kommt den Troern zu Hilfe; nach
einer Aristeia ihrerseits tötet Achill (s.d.) sie; die
Troer bestatten sie, vgl. Welcher, Ep.Cyhl. 2]
S. 169 ff. Jahn- Michaelis Bilder Chroniken S. 27
111. Diese Hauptzüge finden sich im ersten
Buche von Quint. Smyrn. reiner wieder als in
den von epischer Auffassung weit entfernten'
militärischen Schilderungen von Tzetzes Postli
Amazone des Polyklet (?) , Berliner
Museum (s. S. 277 Z. 15).
init. Dictys Gr et. 4, 2. Malalas 5 p. 125. Phi
lostratos, der Heroic. 20, 49—47 einen Zug de:
Amazonen nach Leuke zu Achills Grab fre
erfindet, ahmt ibid. 3, 34 — 36 in der Sage voi
Hiera und den Myserinnen Arktinos nach
Sehr gefeiert wurde AchilLs Liebesgefiihl fiii
die sterbende Feindin, vgl. Achilleus u. Penthe
sileia. - — Herakles’ Zug an den Tliermodon
um den Gürtel der Königin zu gewinnen, wir.
entweder von ihm allein unternommen, wie ii
den Darstellungen der Zwölfkämpfe, in wel
chen diese That gewöhnlich die neunte, seltene
die sechste Stelle einnimmt, vgl. Annali 186
p. 304, oder er ist von vielen Heroen begleitet
sodafs das Unternehmen dem Argonautenzugi
ähnlich wird, mit welchem es auch von eini
gen Epikern in nähere Verbindung gesetz
wird, vgl. Apoll. Bhocl. 2, 967. Schol. Find
Nein. 3, 38. Valer. Flacc. Arg. 5, 132. Figuren
reich war der Kampf am Zeusthron in Olyn»
269 Amazonen(Kämpfe)
; pia (Paus. 5, 11, 4), vgl. die grofsen Friese von
; Phigaleia, vom Maufsoleum und von Magnesia
und manche Vasen Annali 1864 p. 230 ff. Mo-
j numcnti 9, 11. — Apollodor 2, 5, 9, 7, Diodor.
4, 16 und jene Epiker geben verschiedene Be-
richte über den Kampf. Die Königin wird
| getötet oder giebt den Gürtel, um eine ge-
j fangene Schwester auszulösen, letztere Scene
| auch auf Vasenbildern Mus. Borbon.. 6, 5. Bull.
\ Nap. N. S. 7, 13, in den anderen Darstellungen l
tritt der Gürtel nicht besonders hervor, vgl. Hip-
j polyte, Melanippe. — Die the seisch-attische
; Sage überliefert hauptsächlich Plutarch Thes.
26 ff. Theseus ist Genosse von Herakles in den
Nosten Paus. 1, 2, 1 und bei Philochoros ; nach
Pherekydes raubte er Antiope auf einem selb-
ständig unternommenen Zuge, nach der Tabula
Albani (Jahn- Michaelis Bilder ehr on. S. 73) und
Schol, Arist. Panath. 118, 4 nahm er sie erst
in Attika gefangen. Der Rachezug derAma- 2
zonen ist von den attischen Künstlern des
; 5. Jahrh., von Mikon in der Poikile (Arist. Ly-
j sistr. 679. Arrian Anab. 7, 3, 10) und im The-
I seion (Paus. 1, 17, 2), von Pheidias am Schilde
der Partlienos (Michaelis Parthenon Taf. 15
I Schreiber, Athena Parthenos. Abh. d. sächs.
Gesch. d. Wissenscli. 1883 p. 601 ff), auch in
Olympia (Paus. 5, 11, 7), ebenso von Aeschy-
los Eumen. 655 als Vorbild der Perser-
kämpfe gefeiert. Die Atthidenschreiber, be- 3
< sonders Kleideinos knüpften viele Traditionen
von Örtlichkeiten und Kultusgebräuchen an
den Kampf an. ln den Prunkreden des 4. Jahrh.
I wurde die völlige Niederlage der Amazonen
eine stehende Phrase. Fürsten wie Attalos
und Hadrian ehrten die Stadt noch mit monu-
mentalen Darstellungen derselben (Paus. 1, 17,
2, 25, 2); vgl. den Artikel Antiope. Stephani
C. B. 1866. Klügmann, Die Amaz. in der
alt. Bit. u. Kunst. Die einzelnen Sagen wer- i-
den bei Diodor. 2, 46 f. Iustin. 2, 4 in prag-
matischer Weise durch Aufstellung einer länge-
ren Reihe von Königinnen, einer Doppelherr-
I scliaft und weit ausgedehnter Kriegszüge, die
durch Herakles oder Theseus ihr Ende finden,
vereinigt.
Die Ilias nennt die Amazonen dvziüvsiQcu,
' d. i. Aristarchs Lehre und dem epischen Sprach-
gebrauche gemäfs männergleich, nach Auffas-
sung anderer aber männerfeindlich, vgl. Schol. 5'
u. Eust. ad II. 3, 189. 6, 186. Pind. Ol. 11.
17. Letztere entspricht auch dem Beiwort bei
Aeschylos Prom. 726 GTvyuvaQ. Sie galten als
der Liebe abgeneigt, die sjjäteren Dichter feiern
mit Vorliebe ihre Keuschheit. Nach allge-
meiner Annahme bildeten sie einen Weiber-
staat. Die Überlegenheit der Weiber ward
auf eine in einem auswärtigen Kriege erfolgte
Niederlage der Männer oder auf klimatische,
selbst auf astronomische Verhältnisse zurück-
geführt: Steph. Byz. v. ’Aya^ovsg. Ptolem. de
astr. judic. 1,2p. 18. Für den Staat nahm
man entweder gynaikokratische Einrichtungen
an, die Männer wären vorhanden aber geknech-
tet gewesen, die Knaben nach der Geburt ge-
blendet oder gelähmt, später als Handwerker
verwendet: Hesych. v. ßovlsi pty. Diod. 2, 45. 3,
53. Sext. Emp. 3, 217. Steph. Byz. a. a. 0.,
Amazonen (Charakter etc.) 270
vgl. das Sprichwort ägtata %a>los oiepsi bei den
Parömiographen. Oder die Amazonen sollten
zu bestimmten Zeiten mit Fremden zusammen-
gekommen sein, um Kinder zu erzeugen, und
nur die Mädchen zu Jagd und Kampf aufge-
zogen haben, vgl. Bion bei Plut. Thes. 26.
Hellanicus und Lysias bei Tzetz. Posth. 14.
Ephoros fr. 103. Iustin. 2, 4, 9; die Erzählungen
von Alexander und Thalestris bei Glitarch,
Strabo 11, 504. Schol. Apoll. Bhocl. 2, 965.
Philostr. Ileroic. 20, 42. — Das homerische
Beiwort Myrines 7t olvaxagü'yos (II. 2, 814)
wird nach Analogie der svouaQ&yoi. innot Po-
seidons auf die Schnelligkeit ihres Gespannes
bezogen, allein wie onatgnv ein rhythmisches
Hüpfen und Tanzen bezeichnen kann, so gab
es auch eine nach den Amazonen benannte
Tanzweise pecten Amazonicus , von Stat. Ach.
2, 84 dem Ringtanz gegenübergestellt. Kalli-
maclios bei Schol. Theolcr. 13, 25 nennt die
Pleiaden als die ersten Jungfrauen, welche
Chortanz und Nachtfest feierten, Töchter der
Königin der Amazonen. Im Hymnus auf Ar-
temis 237 ff. schildert derselbe, wie die Ama-
zonen der Göttin in Ephesus erst Kreistänze,
dann Reihentänze aufführen; letztere hatten
in Aufstellung und Bewegung etwas Militäri-
sches, Gebrauch der Angriffswaffen wird nicht
erwähnt. Dabei erschollen Syringen, Flöten
aus Knochen waren noch unbekannt, vgl. die
Erzählung bei Mart. Capell. 9, 313, Alexander
habe die Königin durch das Geschenk einer
Flötenbläserin sehr erfreut. — Die Gottheit,
welcher sie vorzugsweise dienen, ist Ares, der
auch Vater vieler einzelner und selbst aller
Amazonen genannt wird ; sie bringen ihm
Pferdeopfer auf der Aresinsel im Pontus (Ap.
Bh. 2, 387) und in Athen dar (Aristoph. Lysistr.
191 c. Schol.) Ihre Mutter ist nach Pherekydes
bei Schol. Apoll. Bhod. 2, 990 die Najade Har-
monia am Thermodon, nach dem Rhetor Nilco-
laos Progymn. 6, 11 Athene; im übrigen wer-
den sie mit Athene nur selten in Verbindung
gebracht, vgl. Diod. 3, 71. Statius Theb. 12,
531, häufiger mit Artemis, sie sind ihre Jagd-
genossinnen (Diod. 4, 16), opfern der nordischen
Tauropolos (Diod. 2,46) und werden besonders im
Kultus der ephesischen Artemis (vgl. unten)
genannt, bei Pyrrhichos im Peloponnes schrieb
man ihnen die Kultusbilder der Artemis Astra-
teia und des Apollon Amazonios zu (Pausan.
3, 25, 3). Nach Pindar Olymp. 8, 47 ist Apollo
ihnen freundlich, aber in ihren Kämpfen mit
Herakles und Theseus begünstigt er letztere,
vgl. Macrob. Saturn. 1, 17, 18 und den Fries
von Phigaleia. Auch Dionysos kämpft gegen
sie in der ephesischen Sage (Tacit. Ann. 3, 61.
Plutarch Quaest. gr. 56), was auf einem Sarko-
phage in Cortona (Arch. Ztg. 1845 Taf. 30) an-
gedeutet ist. — Zu manchen Erzählungen bot
der N ame Anlafs. Die meisten Späteren leiten
ihn ab von d priv. und (ux£6g und berichten,
die Amazonen verstümmeln den Mädchen die
eine oder beide Brüste, damit sie besser den
Bogen spannen und den Speer schleudern
(Schol. und Eust. II. 3, 189. Diodor. 2, 45.
Iustin. 2, 4, 5. Apollod. 2, 5, 9. Arrian Anab.
7, 13, 2) ; vgl. auch die lateinische Bezeichnung
271 Amazonen (Name u. Tracht)
Unimammia bei Plaut. Curcul. 3, 75 und den
Namen Oinumama auf einer pränestinischen
Ciste ( Montmi . 6 , 55). Abweichend erklärt
Philostr. Ileroic. 20, 42, die Amazonen wurden
nicht an der Brust gesäugt. Herodian bei
Cramer Anecd. 3 p. 293, 9 mifsbilligt jene
Etymologie, denn f ia£6g habe ein kurzes <x,
’Juagcov aber ein langes wie yä£a Gerstenbrot.
Einen Hinweis auf letzteres Wort kann man
auch bereits in dem Beiwort der Amazonen
bei Aeschyl. Sappl. 274 ugsoßopoi erkennen.
Ygl. die Notiz bei Step'h. Byz., dafs die Ama-
zonen Sauropatiden heifsen tckqu to actvQctg
noLzsLV nal sg&lsiv. Andere Etymologieen von
Themistagoras bei Cramer, Anecd. Oxon. 1
p. 80 (xl avv xaig gcovaig uycoGcu und bei Isidor
Orig. 9, 2, 64 quasi ayu £oögcu. — Einzelna-
m e n sind sehr zahlreich, Genossinnen der Pen-
thesileia zählen Q. Smyrn. 1, 42 ff. Tzetz. Posth.
174 ff. , Gegnerinnen von Herakles Diodor. 4,
16, audere Hygin. 163, Schol. II. 3, 189, Tra-
jans Gedicht in Antli. lat. n. 392 Riese auf;
dazu kommen viele auf Vasenbildern , vgl.
Stephani C. P. 1866 S. 175 n. 2. Pott, Ztschr.
f. vgl. Sprachf. 8, 425 ff. hebt hervor, dafs die
Namen wenig oder nichts Barbarisches än sich
haben; den Gesamtnamen hatte derselbe Etym.
Forsch. 1836. 2 S. 261 von cc priv. und zend.
mas'ya Mensch abgeleitet (ein etymologisches
Gegenstück zu den skytlrischen ’Evagssg Herod.
1, 105), Göttling, Comment. de Amaz. 1848 von
a priv. und f uxggslv = quae contrectari sese a viro
non patitwr. — Ihre Tracht ist diejenige der
Männer, der Griechen sowohl als der Fremden.
Wie griechische Krieger tragen sie oft den
kurzen Chiton in der Weise, dafs er die rechte
Brust nackt läfst; in der späteren Kunst ist
dies Gxrjfux Aya^ovunöv ( Pliilostr . Imag. 2, 5, 2),
habitus Arnazonicus ( Lampridius Vita Commodi
11), das von den römischen Dichtern oft ge-
feierte seminudum pectus ganz konventionell.
Arrian 7, 13, 2 und Curtius 6, 5, 19 wissen diese
Tracht mit der Verstümmelung der Brust nicht
zu vereinigen, Servius ad Aen. 1, 492 sagt kurz
nudant quam adusserunt mammam. In der
Kunst ist die Verstümmelung nie dargestellt.
Der berühmte Gürtel der Königin, nach Apol-
lod. 2, 5, 9, 2 das Symbol der Herrschaft,
heifst gewöhnlich ^cogt/jq wie derjenige der
Männer. Dio Chrysost. 8, 136, Nonn. Dion.
25, 250 und Claudian 11, 37, welche von rQcovr\
und [cltqu sprechen , fassen das Lösen des
Gürtels in erotischem Sinne auf. Der lateini-
sche Ausdruck schwankt zwischen balteus und
cingulmn. Euripides Here. für. 410 u. Ion 1143
gedenkt eines reichverzierten Mantels der Köni-
gin, den Herakles in Delphi gestiftet habe.
Die fremdländische Tracht erwähnt Strabo 11,
504. Palaephatus 33. — Nach der älteren im
Epos meist beibehaltenen Anschauung kämpfen
die Amazonen mit den schweren Waffen der
griechischen Heroen; andererseits bezeichnen
sie schon Pindar Ol. 13, 125. Nem. 3, 38.
Aeschylgs Suppl. 292. Eum. 564. Polygnot bei
Pausan. 10, 31, 8 als ruhmvolle Schützinnen,
ihr Bogen ist der skythische oder gekrümmte,
der mit dem Köcher an der linken Hüfte ge-
tragen wird. Amazonenköcher als Kampfpreise
Amazonen (Waffen u. Wohnsitz) 272
ausgesetzt bei Vergil Aen. 5, 311. Nonnus Dion.
37, 117. Daneben führen sie wie die Schützen
die GKyaQig, securis, die Axt mit einer Schneide
und einer Spitze, von Xenophon Anab. 4, 4,
16 der persischen Waffe gleichgestellt. Pen-
thesileia ist Erfinderin der securis bei Plin. 7,
201. Spätere weisen ihnen auch die zwei-
schneidige Axt nslsYxug, bipennis zu, vgl. Q.
Smyrn. 1, 597 und besonders Plutarch Quaest.
gr. 45, wo das bekannte Attribut des Zeus von
Labranda von Herakles’ Beute hergeleitet wird.
Ihr Schild heifst nslta oder ysqQov wie der
Schild der Thraker oder Perser. Verglichen
wird er einem Rhombos ( Paus . 1, 41, 7. Plut.
Thes. 27) oder häufiger einem Halbmond, wie
die Glossa Placidi bei Mai 3 p. 496 genauer
sagt, einem Viertel- oder Drittelmond. Neben
der rundlichen Pelta mit einem Ausschnitte
findet sich auch die breitere mit zwei neben
einander liegenden Ausschnitten. Xenophon bei
Pollux 1, 134 vergleicht sie einem Epheu-
blatte, Plinius 3, 43 der Formation der Ost-
küste von Bruttium (eine zweite Notiz bei Plin.
12, 5 ist irrtümlich, vgl. Theophrast. Hist, plant.
4, 4, 4). Dargestellt ist sie zuerst auf apuli-
schen Vasenbildern. Bei Vergil. Aen. 11, 611;
Stat. Theb. 12, 524, auf einigen Vasen und dem
bemalten Sarkophag aus Corneto Monum. 9, 60
kämpfen sie vom Streitwagen herab. Gröfse-
ren Ruhm aber hatten sie als Reiterinnen, zu-
mal in der attischen Sage ( Pindar Ol. 8, 62.
Euripid. Here. für. 405. Hippol. 306. 582.
Aristoph. Lysistr. 679). Nach Lysias Epitaph.
4 waren sie die ersten , welche zu Pferde
kämpften. — Ihr gefeiertster Sitz ist Themis-
kyra am Thermodon im späteren Pontus. Nach
epischer Anschauung {Paus. 1, 2, 1. Diodor 4,
16) ist Tliemiskyra eine Stadt mit einer Königs-
burg; auch leiten Appian Mithrid. 78. East,
ad 11. 2, 814 Namen und Gründung der von
Lucull belagerten gleichnamigen Stadt von
den Amazonen her; die Logographen jedoch
bezeichnen damit eine Ebene am Thermodon.
Pherekydes fr. 25 nennt als Teile von ihr die
doiantische Ebene uud den akmonischen Hain,
wo Ares mit der Najade Harmonia die Ama-
zonen gezeugt habe. „Nicht vereinigt in einer
Stadt, sagt Apollon. Phod. 2, 996, wohnen sie,
sondern über das Land hin zerstreut, in drei
Stämme gesondert, die einen in Themiskyra,
getrennt von ihnen die Lykastischen und wie-
derum getrennt die speerwerfenden Chadisi-
schen.“ Von letzteren hatte schon Ilekataios
gesprochen; vgl. Schol. Nach Herodot 4, 110
kommen die Amazonen vom Thermodon (s. d.) an
die Ufer der Maiotis, nach Aeschylos Front .
723 umgekehrt von Kolchis zum Thermodon,
ebenso nach den späteren Historikern Nicol,
Damasc. fr. 153. Sallust. fr. 3, 46. ed. Kritz.
Justin. 2, 4, 2. Ainrnian. Marcell. 22, 8, 17. 18.
Ihre Anwesenheit im Norden der Maiotis ent-
sprach besonders den Vorstellungen der Athe-
ner. Für Euripid. Ilerc. für. 416 ist die Maio-
tis sogar das Ziel des herakleischen Zuges,
auch bei Propert. 3, 11, 14. Statius Achill, 2,
86. Scneca Hippol. 400. Claudian de raptu
Proserp. 2, 60 gilt der Norden als die eigent-
liche Heimat; der Tanais wird zum Amazonen-
io
20
30
40
50
60
273
Amazonen (Wohnsitze)
Amazonen in Ephesos etc.
274
Hufs, oder der Thermodon wandert mit in den
Norden. Dort sind sie auch Feindinnen der
Greife geworden, viele spätere Vasenbilder und
Terracottenreliefs zeigen ihre Kämpfe mit diesen
Fabeltieren , vgl. Klügmann a. a. 0. S. 54 f.
Aeschylos Prom. 415 nennt sie des kolchischen
Landes einheimische Jungfrauen, und hei Sta-
tins Silv. 1, 6, 53 ist selbst der Phasis ein
Amazonenflufs. Der Kaukasos wird auch in
Clitarchs Erzählungen von Thalestris erwähnt; io
doch wandert dabei alles vom Schwarzen zum
Kaspischen Meere, vgl. Strabo 11, 505. Diodor
17, 77. Curtius 6, 4, 17. 5, 24. Genauer be-
sprochen werden die kaukasischen Amazonen
von Pompejus’ Begleitern im mitliridatischen
Kriege Strabo 11, 504. — Andere Sagen gehen
westlich. Wie nach Arktinos Penthesileia von
thrakischem Stamme war, so sprechen auch an-
dere Epiker von Amazonen in Thrakien, vgl.
Vergil Aen. 11, 659 ff. Q.Smyrn. 1, 168. Ama- 20
zonen in Illyrien erwähnt Servius Aen. 11,842,
bei den Vindeliciern ibid. 1,243, vgl. Ilorat.
Carm. 4, 4, 17, der wohl auf Domitius Marsus’
Amazonis anspielt. Yindelicia ist als Amazone
dargestellt und noch die Sagen von Augsburg
in Sigm. Meisterlins Chronik kniffen an den
troisclren Krieg an, während die Erzählungen
von Libussa und dem böhmischen Mägdekriege
den Einflufs der libyschen Märchen des Mi-
tylenäers Dionysios zu zeigen scheinen. Letz- 30
tere liest man bei Diodor 3, 53 ff. mit Beru-
fung auf erdichtete uralte Quellen. Von ihrem
Sitze am Tritonsee durchziehen die Amazonen
unter ihrer Königin Myrine Libyen und Asien
bis in die äolische Heimat des Dionysios, von
der aus sie auch Samothrake besuchen; dann
kehren sie heim und werden von Herakles ver-
nichtet. Von diesen Thaten der Myrine weifs
sonst nur ein Epigramm der Anthol. lat. n.
860 Riese. Amazonen in Aithiopien schildert 10
Zenothemis Schol. Apollon. 2, 965. — Wichtiger
sind die Eponynriesagen von Städten an
der kleinasiatischen Küste, vgl. Philologus 1870
S. 524 ff. Westlich von Themiskyra ist zu-
nächst Sinope zu nennen, die dortige Ama-
zonensage erwähnten ILekataios und Andron
von Teos bei Schol. Apollon. Bhod. 2, 946.
Scymn. Ghius 941. Tabula Albani Jalin-
Michaelis Bilder ehr. S. 72; vgl. Iustin. 2, 4, 17.
Herakles vertrieb die Amazonen von dort, wie 50
die Städtesagen überhaupt besonders an seinen
Zug anknüpfen. Der Bithyner Demosthenes
nannte eine Amazone als Eponyme der Stadt
Amastris (s. d.) Steph. Byz. s. v. Tzetzes. Ghil. 13,
134. Ein anderer Bithyner Arrian hat das-
selbe für viele Städte seiner Heimat über-
liefert, (s. d.) vgl. Steph. Byz. v.’Aya'zövsiov, &i-
ßul's , Kvvva , MvqIeik. JEustath. ad Dion.
Perieg. 828. Eudocia p. 38. Für Pythopolis
bei, Nikaia beruft sich Plutarch Thes. 26 auf eo
Menekrates’ Geschichte der letzteren Stadt.
Nach Eustath. a. a. 0. sollen hier auch
einige Quellen gleichnamig mit Amazonen sein,
womit wohl die Sage der von Nonnos Dion.
15, 313. 16, 26. 225. 247. 17, 6. 48, 825 als
Amazone bezeichneten Nymphe Nikaia Zusam-
menhänge Für Äolis und Ionien ist die An-
gabe von PFcrakleides Pont. fr. 34 wichtig,
Herakles habe den Amazonen das Gebiet von
Pit.ane bis Mykale überlassen, denn ihre Sagen
linden sich nur innerhalb dieses Gebietes,
sogar, wie es scheint nur in bestimmten Ge-
genden desselben. Besonders hat Ephoros die-
selben behandelt und in Verbindung mit der
Ilias gebracht, vgl. Strabo 11, 505. 12, 550,
die äolischen auch der Mytilenäer Dionysios;
die äolischen Städte sind Myrine, der in der
Ilias (2, 814) gefeierten Amazone gleichnamig,
Kyme , deren alten Namen Amazoneion schon
Hecatäus erwähnte {Steph. Byz. v. Kvyrj. Dio-
dor. 3 , 55. Mela 1 , 90) , Gryneia , wo nach
Scrv. Aen. 4, 325 Apollo die Amazone Gryne
schändete, Pitane uncl Mitylene {Diodor a. a. 0.).
Dann ist Smyrna eine Amazonenstadt: Tacit.
Ann. 4, 56. Steph. Byz. s. v. Plin. 5, 118.
Aristides p. 372. 440, vgl. Synkcllos p. 310
Mvqlvcc t] nciQ(i. tuti SyvQva Isyoysvri
Besonders reich und mannigfaltig sind die
e p Ire s i s c h e n Sagen, vgl. Guhl, Ephesiaca.JEz
Eponymie schlofs sich an verschiedene Ört-
lichkeiten in der Stadt, so an das dortige Sa-
morna oder Smyrna, Sisyrbe, seltener an Ephe-
sos selber; vielmehr galt die Priesterin Ephe-
sos als Mutter der Arnazo oder der Stifter des
Heiligtums Ephesos als Enkel von Penthesileia.
Andere erzählen im Anschlufs an die Ableitung
von squlvca, Herakles habe den Amazonen das
Land überlassen, die Göttin ihnen Rettung zu-
gestanden , vgl. Strabo 14 , 633. Schol. II. 6,
186. Steph. Byz. v. ’Ecpsao g, Etavgßrj. Hesych.
v. Etymol. M. v. "Ecpsaog Kavotpog.
Eustath. ad Dion. Perieg. 828. Sie sind die
frühesten unter den Sterblichen, die das Asyl
des Tempels genossen {Tacit. Ann. 3,61. Paus.
7, 2, 7), auch die berühmte Statuenreihe stellt
sie wohl als Schützlinge dar. Nach Pindar
bei Paus. a. a. 0. haben sie das Hieron er-
richtet, d. i. das berühmte Bild der Göttin,
Kallimachos IT. in Dian. 238 schildert ihr
Opfer und ihre Tänze. Später schreibt man
ihnen in summarischer Weise den Bau des
Tempels und die Gründung der Stadt zu,
Mela 1, 88. Ilygin. 223. 225. Ampelius 8, 18.
Solin. 40, 2, oder läfst sie als Vorgänger Hero-
strats den Tempel verbrennen: Euseb. Chronic,
ad ann. 871. Clemens Alex. Protr. 4, 52. In
der Nähe hatten Latoreia {Athen. 1, 57), Pygela
{Strabo 12, 551), Anaia, {Steph. Byz. s.v.), Samos
{Plutarch Quaest. gr. 56), auch Patmos {Stadias-
mus Maris magni 283) Amazonensagen. Wie
alle diese Orte am Meere liegen, so wird auch
die Eponymie von Meeresteilen auf Amazonen
zurückgeführt, vgl. Aege bei Paul. Diac. p. 21
und Myrto bei Schol. Apoll. Bhod. 1, 752. — •
Im eigentlichen Griechenland haben nicht
Städte , sondern nur Gräber und Lagerplätze
Namen von ihnen, vgl. Plutarch Thes. 27, so
in Athen, wo das Amazoneion nicht vom Areo-
pag zu trennen ist, in Challcis, Megara {Paus.
1, 47, 7), Troezen (Paus. 2, 32, 9), bei Chaironeia
in Böotien {Steph. Byz. v. ’Aya^ovsiov), wo cs
auch einen Flufs Thermodon gab, bei Skotussa
und Kynoskephalai in Thessalien. Während
diese Sagen sich an die attische anschliefsen,
bleibt die auf die Amazonen zurückgeführte
Stiftung der Noana der Artemis Astrateia und
275 Amazonen (Deutung)
des Apollon Amazonios zu Pyrrhichos in La-
konien isoliert ( Pausnn . 3, 25, 3). In Unter-
italien endlich soll die Stadt Klete nach Pen-
thesileias Amme benannt sein: Lykophr. 993.
Schol. vs. 1331 und Steph. Byz. v. ’Aga^ovsg.
0. Müller, Dorer 1, 391 hat aufgestellt, dafs
den Griechen die Amazonensage aus dem Kul-
tus und speziell dem Hierodulenwesen der
Göttin von Komana am Iris erwachsen sei.
Viele haben dies gebilligt und die Züge und
Kämpfe der Amazonen im allgemeinen als
Ausbreitung des Dienstes asiatischer Mond-
und Naturgöttinnen aufgefafst, vgl. StacTcelberg,
Apollotempel zu Bassä, Ilichlefs und Gruber
in der Encyklop. Gerhard, Gr. Myth. 2 S. 175 ff.
332. Preller, Gr. Mytliol. I3, 254 f. 23, 85 f.
Doch sind Hierodulen, an welchen die Griechen
den kriegerischen und jungfräulichen Charakter
ausgeprägt finden konnten, der für sie das
Wesen der Amazone ausmachte, weder in je-
nem Komana (vgl. Strabo 12, 559) noch anders-
wo bekannt. Mit den asiatischen Gottheiten
kommen die Amazonen überhaupt nicht in Be-
rührung, ebensowenig mit Minos undKadmos;
Züge in das innere Asien werden kaum erwähnt
(über Pindai’s Bezeichnung der Amazonen als
syrisches Heer vgl. Hermes 5 S. 444 f.) , und
die berühmtesten Niederlassungen der Phöni-
kier weisen keine Amazonensagen auf. An-
dere Gelehrte, wie Freret, Memoir. de l'acad. d.
inscr. 21p. 106 ff. Welcher, Ep. Cylcl. 2 S. 200 ff
Stoll in Paulys Bediene, s. v., Elügmann in der
angeführten Schrift haben die grofse Überein-
stimmung der Sitten der Frauen nordischer
Völker mit denen der Amazonen hervorge-
hoben. Was die Ilias 13, 5. Aeschyl. fr. 192.
Ilippokrates de aere 10. Herodot 1, 125 f. 216.
4, 9. 116 f. Plato leyy. 7 p. 804. Pausan. 1,
21, 6 über das Reiten und Jagen, die Kriegs-
dienste der Weiber, die Pferdeopfer, den Ares-
kultus, die Ernährung durch Fleisch und Milch,
die Verstümmelung des Busens, die Waffen,
die Gürtel bei den Hippomolgen, Skythen, Sau-
romaten, Massageten erzählen, findet sich in
den Amazonensagen wieder; Tomyris tritt auf
wie eine Amazonenkönigin ; die Skythen bezeich-
nten die Amazonen als Oiorpatai, d. i. Männer-
töterinnen oder Männerherrscherinnen : Herod.
4, 110. Zeufs , Die Deutschen S. 295. Möllen-
hoff, Bcr. d. Bert. Alcad. 1866 S. 555. Cuno,
Forschungen S. 197. 282. Einen Stamm bei
ihnen nennt Fiphorosrvvcay.oyiQazovgsvoi-.Skyvin.
Chius 881. Skylax p. 70. Mcla 1 , 19, 116.
Plin. 6, 7, 19. Die nordischen Völker, Kim-
merier und Skythen, sind mehrfach in Klein-
asien eingebrochen; ihre Züge dehnten sich
weit aus und führten an einzelnen Stellen zu
Niederlassungen, so in Antandros und beson-
ders in Sinope, das Themiskyra nicht ferne
liegt. Auch die Völkerschaften im Osten des
Thermodon, die Chalyber, Slcythenen weisen
Spuren von Verbindungen mit dem Norden
auf. Es gab dort Waffen und auch Tänze,
welche an diejenigen der Amazonen erinnern,
Xenophon Anab. 4, 7, 16. 5, 4, 12. Ein Heilig-
tum des Herakles und ein nach ihm benanntes
Vorgebirge in der Nähe des Thermodon (Apoll.
Bhod. 2, 367 ff. 963 ff. c. schol.) wird zur Loka-
Amazonen in d. Kunst 276
lisierung der Sage beigetragen haben, ln den
äolisch-ionischen Sagen scheint die Eponymie
wichtiger zu sein als der Kultus, um so be-
merkenswerter ist, dafs der den Göttern be-
kannte Name der Myrine sich an den drei
Hauptstätten jener Sagen wiederholt. In Ephe-
sus sind die Amazonen als Fremde Stifterinnen
des fremdartigen Kultusbildes, das Wesen der
Göttin bleibt ihnen fern; ihren Kultus haben
sie nicht verbreitet. Normaler ist ihre. Ver-
bindung mit Ares in Athen. Für Eponymie-
sagen waren sie ihres Geschlechtes, ihres ge-
feierten, kriegerischen Charakters, ihrer un-
begrenzten Zahl wegen sehr geeignet. Für
die Sagen im Westen läfst sich auf gynaiko-
kratische Sitten illyrischer und liburnischer
Stämme (Skylax p. 21. Nicol. Damasc.fr. 111),
für Dionysios’ libysche Erzählungen auf die
seltsamen Jungfrauenkämpfe bei libyschen Stäm-
men (Herocl. 4, 80) hinweisen. Bei römischen
Soldaten Amazonensagen hervorzurufen genügte
die Beteiligung der Weiber am Kampfe oder
auch Analogie der Waffen, so in dem Kriege |
am Kaukasus und gegen die Rhäter. — Lit- (
teratur. Die ältere s. bei V dicker , Mytliol.
Geogr. S. 217 ff Von der neueren sei hier aufser
den bereits angeführten besonders Ukert, Abhdl.
d. I. Kl. der bayer. Akad. 1849, dann A. D.
Mordtmann , Die Amazonen Hannov. 1862,
Bergmann , Les Amazones dans l’histoire et
clans la fable. Colmar. W. Stricker, die Ama-
zonen in Sage und Geschichte Berlin 1868 ge-
nannt.
II. Kunstarchäologisch. Die Künstler
haben siestets alsKriegerinnen aufgefafstund
durch Tracht wie Haltung deutlich von Athene
unterschieden, von den Sagen aber nur den
allgemeinen Inhalt dargestellt. Auf archaischen
Vasen mit Tierreihen sind Amazonenbilder sehr
selten, auf allen späteren häufig, besonders die
Gruppe, in welcher der Grieche vordringt, die
Amazone halb unterliegt halb flieht. Auf den
schwarzfigurigen, wo Herakles’ Kampf am be-
liebtesten war, sind sie griechisch gerüstet
und kämpfen zu Fufs, von den Heroen nur
durch Farbe, Form der Augen und den das
Gesicht weniger bedeckenden Helm unterschie-
den; die in der Tracht skythiseber Schützen
auftretenden sind nur Nebenfiguren, vgl. z. B.
Gerhard, A. V. 95. 104. 207. Auf den rot-
figurigen erscheinen sie häufig als Reiterinnen,
sind dann nie besiegt, oft sogar im Vorteil;
die fremdartige Tracht und Bewaffnung ist
ihnen gegeben, um Uniformität zu vermeiden.
Die Gruppierung ist meist einfach. Die Namen
weisen oft nach Athen, vgl. die Zusammen-
stellungen Annali 1867 p. 211 ff. 1874 p. 1 ff,
aulserdem Kämpfe mit den Greifen. Die spä-
ten grofsen unteritalischen Vasen haben fries-
artige, figurenreiche Kompositionen mit leb-
hafteren, mannigfaltigeren Gruppen, die weib-
lichen Körperformen sind deutlicher angegeben,
die rechte Brust entblöfst, die Tracht farbig,
die Waffen kaum jemals noch griechisch, die
Schilde epheublattförmig ; vgl. Annali 1876
p. 173. Unter den Statuen gehört allein das I
berühmte Fragment in Wien, dessen Ergän-
zung zu der von Achill gehaltenen Penthesi- I
io
20
30
40
50
60
277
Amazonen in d. Kunst
Amazonen in d. Kunst
278
fl
M
VI
S;
leia durch die Darstellung eines geschnittenen
Steines gesichert ist ( Sacken , die ant. Skulpt.
Taf. 1 S. 3 f.) der archaischen Kunstweise an,
die Sterbende ist von grofser Amuut und Züch-
tigkeit. Stattliche, wenn auch ermattete Krie-
gerinnen stellen die Statuen dar, welche, in
zahlreichen Exemplaren vorhanden, als Kopieen
der von Pheidias, Polyklet, Kresilas u. a. her-
riihrenden und im Tempel zu Ephesus gestif-
teten betrachtet werden. Da es nur wenige
litterarische Nachrichten über sie giebt (vgl.
Plinius 34, 8, 18, 48. Lucian Imag. 4, 6),
so ist man für die Bestimmung der einzelnen
gröfstenteils auf stilistische Beobachtungen
angewiesen. Für die polyldetische (s. die Ab-
bildg. S. 268) wird jetzt insgemein diejenige
gehalten, welche den rechten Arm auf den Kopf
gelegt hat (Monum. 9, 12); über die beiden an-
deren, welche sich auf Lanzen stützen (Müller -
Wieseler, Denkm. 1, 137. 138), schwankt das Ur-
teil nicht nur zwischen
Pheidias und Kresilas,
sondern es werden auch
andereKtinstler genannt,
die nicht für Ephesus
gearbeitet haben, na-
mentlich Strongylion,
Plinius 34, 82. Eine
Entscheidung ist um so
schwieriger, da einer
der beiden Typen noch
nicht in einer völlig er-
haltenen sicheren Kopie
vorliegt und es zweifel-
haft ist, ob er, wie die
übrigen, eine ermattete
Kriegerin dargestellt
hat, vgl. Jahn, Ber. d.
scichs. Ges. d. W. 1850
S. 37 ff. Steiner, über den Amazonenmythus in
der ant. Plastik 1857 S. 55 ff. Schöll, Philo-
logus 20 S. 416 ff. M. Hofmann ebendas. 23
S. 397 ff. Klügmann, Rhein. Mus. 1866 S. 322 ff
Friederichs Bausteine S. 114 f. Kekule in Com-
mentat. in hon. Momms. S. 481 ff.
Von einigen wird auch die Bronzestatuette
einer Reiterin von einfacher , aber kräfti-
ger Bewegung (Mus. Borb. 4, 21) auf Stron-
gylion zurückgeführt. Von sehr grofsartigem
Stile ist die Statue einer, wie es scheint
knieend fortgeschleppten Amazone in Palazzo
Borghese zu Rom (Matz-Dahn , Ant. Bildw.
No. 947, abgebildet Monum. 9, 37). Unter
den Statuen, welche von Brunn Annal. 1870
p. 292 ff. als Überreste der von Attalos auf
der Akropolis zu Athen gestifteten Gruppen
erkannt sind, befindet sich nur eine Amazone;
tot auf einen Felsen ausgestreckt, läfst sie die
Eigentümlichkeiten der pergamenischen Kunst
nur in geringem Mafse erkennen. Eine Reihe
anderer unter einander nicht verwandter, meist
noch wenig behandelter, später Statuen und
Gruppen ist aufgezählt von Klügmann , Die
Amaz. in d. alt. Litt. u. Kunst S. 83 n. 117.
Unter den Reliefs hat die Komposition des
Schildes der Parthenos von Pheidias, die durch
die steil aufsteigende, an den Schauplatz des
Kampfes in Athen erinnernde Fläche sehr
Amazonenkampf , (Kamee,
Arch. Ztg. 1876. Taf. 1).
Amazone des Pheidias (?)
mit Lanze, vgl. Klügmann ,
d. Amaz. i. d. alt. L. u. K.
S. 64.
mannigfaltig wurde, sich nicht nur mit grö-
fserer oder geringerer Treue an späteren Athena-
schilden wiederholt, vgl. Michaelis Parthenon
Taf. 15, sondern hat mit ihren höchst charak-
teristischen Kampfmoti-
ven auch auf andere
Werke Einflufs gehabt.
Die grofsen Friese zu
Phigaleia und Magnesia
io und am Maussoleum
feiern Herakles’ Zug wie
eine nationale Grofs-
that Auf dem Friese
von Phigaleia (gut ab-
gebildet in den Anc. marbles vol. 4) sind die
Figuren stämmig, die Gesichter ohne viel Aus-
druck , die Gewänder nicht immer glücklich
gelegt, die Bewegungen energisch, die Kampf-
scenen wild , zugleich aber in anziehender
20 Weise von Scenen des Mitleids und der Göt-
terhilfe unterbrochen; günstiger urteilt Kekule
Kunstmus. zu Bonn No. 140. Der Fries des
Maussoleum, an welchem Skopas und seine Ge-
nossen wetteiferten , nur zum Teil erhalten
(Monum. 5, 1 — 3, 18 — 21), hat bei grofser Man-
nigfaltigkeit der Erfindung von Kampfmotiven
schönen Flufs der Linien, klare Umrisse, No-
blesse in den Formen und eine sehr feine Cha-
rakteristik der verschiedenen Geschlechter und
30 Lebensalter. Der Fries am Tempel der Arte-
mis zu Magnesia Glarac. pl. 117 C — I, dessen
Entstehungszeit nicht feststeht, zeugt von tief-
gesunkener künstlerischer Bildung. Erfindung
und Ausführung sind gleich schwach. Von
anderen gleichfalls späten Marmorfriesen giebt
es an manchen Orten dürftige Reste. Aus der
Zeit der höchsten Kunstblüte rühren noch ein-
zelne kleinere Metall und Th onreliefs her,
so vor allem die schönen Bronzen (Bröndsted,
40 Bronzes of Siris 1837), welche einen Harnisch
oder Helm verzierten, auch die Phalerae aus
der Krim Comjrte Rendu 1865 pl. 5. Aber
nicht nur Waffen, sondern auch Geräten ver-
schiedenster Art gab man ähnlichen Schmuck,
vgl. die in Unteritalien wie in Etrurien häufigen
vergoldeten Thon vasen mit ringsumlaufen-
den Kämpfen (Monum. 9, 26), einzelne Gruppen
auch von Greifenkämpfen auf kleinen Gefäfsen,
bisher noch wenig publiciert, die Gruppe von
50 Achill und Penthesileia und eigentümlich kom-
ponierte Kämpfe auf den Friesplatten aus Ter -
racotta bei Campana Op. in plast. tav. 74 ff
Ferner Reliefs und Zeichnungen aus der ili-
schen und herakleischen Sage auf Toiletten-
cisten und Spiegeln bei Gerhard Etr. Sp.
Taf. 9. 10. 136. 233. 341 u. s. w. Schöne, Annali
1866 p. 163. 166. 171. Monum. 6,55. Arch. Ztg.
1876 Taf. 1. Auf den Wandgemälden der
campanisehen Städte sind Amazonensagen sel-
eo ten ;als rein dekorative Figuren sind die Krie-
geriunen benutzt Mus. Borb. 6 tav. 3, Helbig
n. 1248f. u. S. 460. Wie am Maussoleum, so
sind Amazonenkämjffe später auch an vielen an-
deren Gr abmonumenten dargestellt, worauf
vielleicht die Rolle , welche sie in den Epita-
phien spielten, eingewirkt hat, vgl. die Stele
aus Apollonia Monum. grecs 1877 pl. 3, dann die
Sarkophage. Von ihnen zeigen eine centrale
279
Amazonen in d. Kunst
Ambrosia u. Nektar
280
Komposition mit feinabgewogener Symmetrie
der Nebengruppen der berühmte Wiener Sarko-
phag ( Sacken , die ant. SJculpt. Taf. 2. 3) , ein
früher in Vigna Altoviti zu Rom befindlicher,
und die Reihe der besonders in Rom häufigen
Penthesileiasarkophage, z. B. Visconti Mus. P.
GL 5, 21, auf deren Deckel dann auch wohl
andere Scenen der ilischen Sage dargestellt
sind, Mülin Gail. myth. n. 592; vgl. auch den
etruskischen Monum. 8, 18 und den schönen
bemalten aus Corneto Monum. 9, 60. Die übri-
gen Sarkophage scheiden sich hinsichtlich der
auf ihnen dargestellten Gruppen in zwei Klas-
sen; die eine, welche mehr Scenen der Nieder-
lage als des Kampfes zeigt ( Arch . Ztg. 1876
Ambi. sagrus primus operi. po l. I. Der Name
ist wohl aus ambhi = um, zu beiden Seiten
und einer Ableitung von saghura — haltend,
gewaltig, gebildet, so dafs er der Bedeutung
nach mit conservator oder den Beinamen tutor,
tutator, custos zusammenfallen würde.
[Steuding.]
Ambrakia (’Ay ßguxia) 1) Tochter des Phor-
bas, Mutter des Dexamenos. St. B. v. As-
iü ^aysvixi. — 2) Tochter des Augeias. St. B.
s. v. u. Eust. zu Dionys. Per. 492. — 8) Toch-
ter des Melaneus, Schwester des Eurytos.
Ant. Lib. 4. Von ihnen soll der Ort Ambra-
kia den Namen haben. [Bernhard.]
Ambrax ('Ay ßga£), Sohn des Thesprotos,
Taf. 7) schliefst sich vielleicht an Athen an, Enkel des Lykaon, nach welchem die Stadt
die andere, von welcher das Umgekehrte gilt, Ambrakia benannt war, Steph. B. s. v. ’Ayßgania.
ist nur in Rom und Italien vertreten , vgl. Eustath. z. Dionys. Per. 492. Dionys. A. 11.
z. B. Foggini Bassiril. d. Plus. Cap. tav. 23. 1, 50 nennt ihn Sohn des Dexamenos, Kö-
Über die Darstellungen des Dodelraathlos vgl. nig von Ambrakia. [Stoll.]
Annali 1864 p. 304ff. 1868 p. 249 fl'. Die Mo- 4ü Ambrosia, 1) Ambrosia(«fi(J^ooua)und Nek-
numente, auf welchen die Amazonen als Re- tar (vldrag). Gewöhnlich ist unter Ambrosia
präsentanten von Städten oder Ländern die Speise, unter Nektar der Trank der Göt-
erscheinen, sind nicht zahlreich; das früheste ter zu verstehen, auf deren Genufs wesentlich
scheint das sogenannte Schwert des Tiberius ihre Unsterblichkeit mit beruhte (vgl. die Sa-
(Lersch, Bonner Winckelmannsprogr. 1849) mit gen von Demophoon und Achilleus , welche
der Darstellung der die Doppelaxt haltenden durch Salben mit Ambrosia unsterblich wer-
Vindelicia. zu sein. Auf der puteolanischen den sollten, von Tantalos, der nach Find. Ol.
Basis vereinigt keine der 14 kleinasiatischen ; 1 , 91 durch den Genufs von Ambrosia und
Städtefiguren die Tracht einer Amazone mit Nektar unsterblich geworden war, sowie Stel-
den ihr eigentümlichen Waffen; ebensowenig 50 len wie 11. E340f. T 38f. Hes. Theog. 793 ff.
ist dies der Fall bei den auf der Piazza Pietra Od. e 197, endlich die Gleichsetzung von.
zu Rom gefundenen Darstellungen der Provin- dyßgoGi'a und a ftuvaeiu Luc. Dial. Deor. 4.
ciae, und unter den kleinasiatischen Münzen Sc hol. Find. P. 9, 113). In den homerischen
der Kaiserzeit bieten nur diejenigen Smyrnas Gedichten werden Ambrosia und Nektar in dem
häufige und zweifellose Amazonentypen. Phi- angegebenen Sinne häufig neben einander ge-
lologus 1870 S. 530 ff. [A. Klügmann.] [Auch stellt (II. T 352. Od. s 199 u. 92. 1 359; vgl.
die neuerdings von Benndorf aufgefundenen in auch Hymn. Merc. 248. in Cer. 49. Hes. Theog.
Wien befindlichen Reliefs des Heroon von Gj öl- 639, 796), ebenso wie Giros yb's norys, Giros
baschi (Lykien) enthalten einen Kampf zwischen yial ysftv , Giros xai. olvos u. s. w. Bisweilen
Griechen und Amazonen : vgl. darüber den 60 wird auch jeder der beiden Ausdrücke allein,
„Vorläuf. Bericht über zwei österr. archaeol. Ex- ohne den andern, gebraucht (II. A 597. A 3.
peditionen nach Kleinasien“ von 0. Benndorf, Od. y 62. Ilymn. in Ap. Del. 10). Sehr son-
Wien 1883, sowie die „Archäolog.- epigraph. derbar ist daher Hymn. in Ven. 231 die Ne-
Mittheilungen aus Oesterreich“ 6, 2. [Roscher.] beneinanderstellung von airco r dyßQOGiy rs,
Ambas s. Abas 12. wofür wahrscheinlich airco dyßQOOicp (vgl. uy-
Ambisagrns, Beiname des Iuppiter auf der ßgoaiov ildctg u. ähnl. II. N 35. E 369) zu
Inschrift eines kleinen Altars aus Aquileia, C. schreiben ist. Aber schon in den homerischen
I. L. 5, 790: I. 0. AI. & (= conservator ) et Gedichten kommt Ambrosia aufserdem auch
Ambrosia u. Nektar
281
in der Bedeutung Salbe und Reinigungs-
mittel (gvgga) vor, z. B. II. & 170, wo von
Hera erzählt wird, dal's sie ihre Haut mit «f i-
\ ßgoGirj gereinigt habe , Od. a 192, wo Athene
die Penelope mit ambrosischer Seife (* aXXsi
agßgoGup) wäscht, II. TI 670, wo der Leichnam
des Sarpedon, wahrscheinlich, um ihn vor Ver-
wesung zu schützen , mit Ambrosia gesalbt
wird u. s. w. (Vgl. auch Ilymn. in Cer. 237.
II. W 185. Ap. Rh. 4, 871 u. Schol. Apollod.
3, 13, 6.) Diese ambrosische Salbe wird so-
gar gelegentlich von den Göttern zum Hei-
len von Wunden benutzt ( Bion . 11. Very.
Aen. 12,419). Ferner erscheinen II. T 38 Nek-
tar und Ambrosia als Ein balsamiere ngs-
mittel, da von Thetis erzählt wird, sie habe
der Leiche des Patroklos, um sie vor Verwe-
sung zu schützen, Ambrosia und Nektar durch
die Nase eingeflöi'st, wie es nach Herodot 2, 86,
die Ägypter mit ihren Einbalsamierungsmitteln
J zu tliun pflegten. Vielfach wird auch der
: aufserordentliche Wohlgeruch des Nektars
und der Ambrosia, sowie ihre Lieblichkeit
und Süfsigkeit hervorgehoben, daher z. B.
Eidothea dem Menelaos, um den Übeln Robben-
geruch zu vertreiben, Ambrosia unter die Nase
I legt (Od. d 445. Vgl. auch Theogn. 8. Philox.
b .Ath. 409e. Tlieocr. Id. 17, 28. Lucr. 2,847.
Anth. Gr. 6, 275. Verg. Geo. 4, 415. Ov. Met.
4, 250. 10, 731). Höchst merkwürdig ist es 3
endlich , dafs neben der Tradition des Homer
und Hesiod, welche in Ambrosia die Götter-
I speise, in Nektar den Göttertrank erblicken,
j noch eine zweite, ebenfalls recht alte bestand,
I wonach das Umgekehrte der Fall ist. Vgl.
j Sappho fr. 51 Berglc. Allcman fr. 97 B, An-
i axandrides b. Ath. 2, p. 39 a u. JEurip. Hipp.
748, wo von einer Quelle der Ambrosia im
Hesperidengarten die Rede ist. Offenbar ist
hier derselbe Ort gemeint, von wo nach Od. i
g 62 die nileiui = nXrjidSsg (vgl. Ath. 489 eff.
\ Eustath z. Od. g 62) dem neugebornen Zeus
Ambrosia bringen, indem sie dabei durch die
I Irrfelsen hindurchfliegen müssen. Neugebo-
rene Götterkinder dachte man sich auch
! sonst mit Nektar und Ambrosia gefüttert (Ilymn.
in Ap. Del. 123. Find. Pyth. 9, 64 Boeckh).
Wenn Ambrosia auch als Futtergras für die
Götterrosse erscheint (II. E 369. 777. N 35),
i so beruht dies wohl auf einer Übertragung
des Begriffes Unsterblichkeitsspeise von den
Göttern auf ihre Rosse. — Wie erklärt sich
nun die Vieldeutigkeit des Ausdruckes Ambro-
sia, welcher nicht nur die Speise, sondern auch
die Salbe und das Reinigungsmittel, eine Ein-
balsamierungsessenz und ein Parfüm, ja sogar
im Austausch mit Nektar den Trank der Göt-
ter bezeichnet? Sehr wahrscheinlich aus der
mannigfaltigen Verwendung des Honigs, der
genau dieselben Funktionen wie Ambrosia und
Nektar hat, d. h. bald als Speise, bald in
verdünnter Form als Trank gebraucht wurde
(Met, gsXiKQCiTov, vd'Qogsh.)- Ein berauschender
i Honigtrank spielte bei den Griechen vor Ein-
führung des Weinbaues eine grofse Rolle
(Hehn, Kulturpflanzen'2 S. 134. Orpheus h. Por-
phyr. de antro n. 16. Ath. 468 a), ferner wurde Ho-
nigalsSalbe (Plin.n.h. 11, 37f. 22,108. Aristot.
Ambrosia u. Nektar (= Honig) 282
de an. h. 9, 40, 21. Probl. 1,2. Galen, ed. K.
13, 731. 12, 70. Cels. 6, 6, 34), als Seife (Ari-
stot. Probl. 1, 2. Galen, ed. K. 10, 569. 11,
744. Cels. 5, 16. Porphyr, de antro n. 15. Ja-
cobs Del. epigr. gr. 6, 46), als Einbalsamie-
rungsmittel (Htrod. 1, 198. Strab. 746. Diod.
15, 93. Ken. Hell. 5, 3, 19. Lucr. 3, 886. Co-
lum. 12, 45. Stob. Flor. 6, 3. Stat. Silv. 3, 2,
117. Joseph. Ant. 14, 7, 4. Plin. n. h. 22, 108
etc.) benutzt. Auch schrieb man dem Genüsse des
Honigs eine gesundmachende, lebenver-
längernde Wirkung zu (Ath. 2, 46eff. Geopon.
15, 7. Laert. Diog. vita Pyth. 18, 19. Jamblich,
v. Pyth. 97. Plin. h. n. 22, 114) und brauchte
ihn in unzähligen Krankheitsfällen als wirk-
samstes Arzeneimittel (Aristot. Eth. Nie. 5, 9,
15. Plin. n. h. 22, 107 u. 110). Ja es läfst
sich sogar nachweisen , dafs der Honig gera-
dezu als Götterspeise, und der aus ihm
bereitete Met als Göttertrank betrachtet
wurde (vgl. Hymn. in Merc. 562: fit Oe gdsea
idcodfj. Orph. b. Porphyr, de antro n. 16. Ba-
trachom. 39). Auch als erste Nahrung neu-
geborener Götterkinder kommt Honig vor, ge-
radeso wie sonst Nektar und Ambrosia (vgl.
Apoll. Ph. 4, 1131. Diod. 5, 70. Anton. Lib.
19. Kallim.hy. in Jov. 48 u. s. die Artikel Me-
lissa und Melisseus). Vom jungen Zeus gab
es demnach zwei Traditionen. Nach der einen
o sollten ihn die Peleiai, d. i. die Pleiaden (s.
oben), mit Ambrosia und Nektar (Od. g 62.
Moiro b. Ath. 491b. Overbeck, Kunstmyth. 1,
1 (Zeus) S. 329), nach der andern Bienen mit
Honig ernährt haben. Beide Versionen ge-
hen offenbar auf denselben Grundgedanken
zurück, denn die Bienen fangen erst nach dem
Aufgang der Pleiaden an Honig einzutragen
(Aristot. II. a. 5 , 22 , 4. Plin. n. h. 11, 30 :
nec omnino prius Vergiliarum exortu [viel fit]).
o Endlich ist noch auf die für unsere Gleichsetzung
von Ambrosia - Nektar und Honig besonders
beweiskräftige Thatsache zu achten, dafs das
ganze Altertum den Honig für einen wie
Manna vom Himmel auf Pflanzen und Bäume
fallenden Tau , also schon an und für sich
für eine Art Himmels- oder Götterspeise hielt.
(Vgl. unsern Ausdruck „Honigtau“ = <xeqo-
gsXi, dyoGopiXi, vor gsXi und folgende Stellen:
Theophr.fr. 190. Galen, ed. K. 6, 739. Aristot.
o h. an. 5, 22, 4. Plin. n. h. 11, 30. Ath. 500 c.
Polyaen. 4, 3, 32. Diod. 17, 75 u. s. w.). Auch
insofern stimmen die Vorstellungen von Am-
brosia undNektar mit denen vomHonig wunder-
bar überein, als beide als Inbegriff der Süfsig-
keit, Lieblichkeit und des Wohlgeruchs be-
trachtet und in metaphorischer Bedeutung von
der Süfsigkeit der Rede und des Gesanges ge-
braucht wurden. (Vgl. z. B. II. A 249. Res.
Tlieog. 83. Find. Nem. 3, 74. Ol. 7, 7. Anth.
o Gr. 7, 29, 3). Ibykos (b. Ath. 39 b; vgl. Schol.
Pind. Pyth. 9, 113. Tzetz. Hist. 8, 984) bezeichnet
die Ambrosia als neunfache Potenz des Honigs.
— Litte ratur: Koscher, Nektar und Ambro-
sia, Leipzig 1883. Berglc in Fleckeisens Jahrbb.
1860 (Bd. 81) S. 377 ff. Stoll in Paulys Peal-
enc.2 1 unter Ambrosia. Buttmann , Lexil. 1,
p. 133. Nügelsbach, Ilom. Tlieol.2 p. 41. Prel-
ler, Gr. Myth.2 1, 88, 1. — 2) Tochter des At-
283
Ambrosius
las und der Pleione , eine Hyade und dodo-
näische Nymphe , Amme des Dionysos ( Uyg .
F. 182 u. 192. P. Astr. 2, 21. Pherekydes b.
Schol. II. 18, 48G). Nach Nonnos Dion. 21,
17 ff. und Asklepiades b. Hyg. P. Astr. 2 , 21
wurde sie, als der König Lykurgos den Dio-
nysos und seinen Thiasos verfolgte, in eine
Rebe verwandelt. Vgl. das Sarkophagrelief
der Villa Borghese b. Müller- Wieselcr, D. d.
a. K. 2, 37, 441 und das Bildwerk des von io
de Witte Ami. d. Inst. 17, p. 114 Anm. 7 be-
schriebenen Glasbechers ( Stoll in Paulys lieal-
enc V 1, 848). Was die Deutung dieser Ambrosia,
anbetrifft, so war dieselbe ursprünglich wohl
die Personifikation des Honigtaus ( vov ysh,
asQOfish, dgoGoysh.) , worüber zu vergleichen:
Roscher , Nektar u. Ambrosia S. 14ff. Dafür
spricht auch die Sage von der Ernährung des
neugeborenen Dionysos mit Honig ( Roscher
a. a. 0. S. 62, wo auf Ap. Rh. 4, 1134 ver- 20
wiesen ist,) und der Umstand, dafs die Hyaden
ebenso wie die Pleiaden , die ebenfalls die
deutlichsten Beziehungen zum Honig haben (s. o.),
Töchter der Pleione sind ( Roscher S. 28 ff).
[Roscher.]
Ambrosius, ein Dolione, von Peleus getötet,
Val. Flacc. 3, 138. [Schultz.]
Ambrosos (’AyßQcoco g), Heros eponymos der
phokischen Stadt Ambrosos, Paus. 10, 36, 2.
Der Name lautet auch ’'AyßQvaog ( Strcibo ), ’Ay- so
cpQVGog ( Steph . Byz,). Vgl. Bursian Geogr. 1,
183, 3. [Stoll.]
Ameiaias (Ayeivia g), Liebhaber des spröden
Jünglings Narkissos (s. d.) in Thespiai. Als
dieser ihn hartherzig verschmähte und ihm
zuletzt ein Schwert schickte , tötete er sich
mit demselben vor der Thüre des Narkissos,
nachdem er vorher um einen Rächer gefleht.
Narkissos verfällt in Liebe zu sich selbst, fühlt
sein Unrecht und bringt- sich um, Konon 24. 40
Vielleicht ist ’Ayvviug , d. i. der Rächer , zu
schreiben , oder auch ’Afuviag , da in vielen
Namen t für v eingetreten ist, Welcher Aesch.
Tril. 613. A. Denkm. 4, 166, 5. [Stoll.]
Amestrios (’AyfjOTQLog), Sohn des Herakles
und der Thespiade Eone, Apollocl. 2, 7, 8.
[Stoll.]
Amisodavos ( ’AfuGcööuQog , auch ’AyiGobccQog),
König in Lykien oder Karien, der die Chimaira
zum Verderben der Menschen aufgezogen haben 50
soll, 11. 16, 328. Apollod. 2, 3, 1. Fustcdh.
Hom. 1062, 57. Aelian. N. A. 9, 23. Euheme-
ristische Erklärungen s. bei Tzetz.L. 17, p. 300
Müller. Plut. de mul. virt. 9, nach welchem
Amisodaros bei den Lykiern ’loäqug hiefs und
aus der Kolonie der Lykier in der Gegend des
troischen Zeleia war. Preller, Mytli. 2, 82, 3.
Seine Söhne Atymnios und Maris , Gefährten
des Sarpedon, wurden vor Troja von den Söh-
nen des Nestor getötet, 11. 16, 317ff. Von eo
Späteren wird er mit Iobates vertauscht und
Schwiegervater des Bellerophon genannt, Schol.
11. 6, 170. 16, 328. [Stoll.]
Ammon, richtiger Amon (‘Ayycov) ist der
Name des Stadtgottes des ägyptischen The-
ben. Durchweg haben in Ägypten die lokalen
Distrikte, die Nomen, ihre besonderen Gott-
heiten, die in den Tempeln des Hauptortes
Ammon (in Theben)
284
verehrt werden. Gewöhnlich steht neben dem
obersten Gotte seine Gemahlin und ein Sohn
(oder eine Tochter); an sie schliefsen sich die
untergeordneten Gottheiten und Dämonen des
Ortes an. So besteht die Trias von Theben
(oder richtiger des diospolitischen Nomos) aus
Amon, seiner Gemahlin Mut (oder Mut urt == die
grofse Mutter) und ihrem Sohn, dem Mondgott
Chunsu. Die Etymologie des Namens Amon
kennen wir so wenig wie die der meisten ande-
ren ägyptischen Götter; die Theologen der spä-
teren Zeit erklären ihn als den rgekeimnisvollen’,
r verborgenen’ und dachten dabei unzweifel-
haft an den schon früh in der Geheimlehre
vorkommenden Gott, „dessen Namen verbor-
gen (amen) ist“, d. h. die grofse pantheistische
Gottheit, von der alle Einzelgötter nur Namen
sind und deren eigentlicher Name unbekannt
ist. Daher Plut. de Is. 9, wo der Name
’Ayovv nach Manetho xb HSHQvyfievov ned rf/v
V-Qvrpiv bedeuten soll (vgl. Jambl. de myst. 8,
3). Seiner ursprünglichen Funktion nach scheint
Amon ein Gott der Fruchtbarkeit und Zeu-
gung gewesen zu sein; daher wird er so häufig
ithyphallisch dargestellt; sein heiliges Tier,
in dessen Gestalt er erscheint ( Ilerod . 2, 42),
ist der Widder, und zwar ein Widder mit
nach unten gekrümmten, die Ohren utnschlie-
fsenden Hörnern, den sogen. Ammonshörnern.
Dagegen wird der in
der Gegend des ersten
Katarakts heimische,
aber auch sonst in Ägyp-
ten viel verehrte Gott
Chnum(Kneph) als Wid-
der mit horizontal ver-
laufenden Hörnern dar-
gestellt, s. Lepsius, Z.
für äg. Sprache 1877 S.
11 ff., der die von WH- f^~\l
lcinson , Parthey u. a. 7
vertretene Behauptung ,
Ammon werde in Ägyp-
ten nie widderköpfig dargestellt, völlig wider-
legt. Auch die grofsen Widderfiguren, welche
in langen Reihen an
den thebanischen Tem-
pelstrafsen standen,
sind Darstellungen des
Gottes. Noch gewöhn-
licher bildet mau ihn
allerdings in Menschen-
gestalt, mit blauer Haut-
farbe ; dann kommen ih m
als charakteristisches
Abzeichen zwei hohe
Federn zu, die er auf
der Haube trägt. Alle
Götter der Zeugung,
die meist als Stiere
oder Widder aufgefafst
werden, sindin Ägypten
teils von Anfang an,
teils infolge theologi-
scher Kombination zu-
gleich Sonnengottheiten. Denn die Sonne, deren
tägliche Schicksale den Mittelpunkt der ge-
samten ägyptischen Mythologie bilden, wird
Amon als Widder.
Amon mit Federliaube.
285
Ammon (in Theben)
286
a. a. auch sehr häufig als 'kräftiger Stier’ ge-
dacht, der zeugend inmitten des Himmels steht
md von der Himmelsgöttin den Sonnengott des
lächsten Tages, zugleich seinen Sohn und sich
'.elbst, erzeugt. So ist auch Amon schon sehr
Tüll zum Sonnengott geworden und trägt
ils solcher den Diskus mit der Uraeusschlange
— dieselbe bedeutet die vernichtende Sonnen-
flut — auf dem Haupt.
In der ältesten Epoche der ägyptischen Ge- 10
jchichte, als der Schwerpunkt des Landes in
VIemphis lag, spielten wie Theben, so auch
seine Götter gar keine Rolle. Erst als die
Dynastien der Pyramidenbauer ins Grab ge-
sunken waren, etwa gegen Ende des dritten
lahrtausends v. Chr. , mit dem Regierungsan-
tritt der 12. Dynastie, wurde Theben die Haupt-
stadt des Landes. Damals waren die religiö-
ien Anschauungen ganz Ägyptens bereits völ-
lig von der monotheistischen Geheimlehre be- 20
herrscht , nach der alle Götter nur Namen
oder Formen des Einen uranfänglichen und
ewigen Sonnengottes waren. Der Hauptname
dieses Gottes war nach den lokalen Kulten
verschieden; für die Reichsreligion traten be-
ireiflicher Weise die Gottheiten der Haupt-
stadt in den Vordergrund. So wurde Amon-
Ba', d. i. der mit dem Sonnengott identifizierte
imon, die angesehenste Gottheit ganz Ägyp-
tens, in dessen Namen die Könige kämpften 30
md siegten , der ihnen , seinen Söhnen , die
;frone aufs Haupt setzte, dem sie gewaltige
['empelbauten errichteten und einen bedeuten-
len Anteil von den Einkünften des Reiches
md der Kriegsbeute überwiesen. Amenemha't
, der Begründer der 12. Dynastie, legte zu-
1 jleich den Grund zu dem grofsen Reichstem-
iel des Amon in Theben (Karnak) , an dem
die folgenden Geschlechter bis auf die Ptole-
näer hinab weiter gebaut , aus dem sie all- 40
nählich das gigantischste Tempelgebäude der
frde geschaffen haben. Auch die Zeiten des
Verfalls, der Fremdherrschaft der Hyksos, hat
lie Herrscherstellung des Amon überlebt. Ein
hebanisches Königsgeschlecht war es , dem
(etwa um 1530 v. Chr.) die Befreiung des Lan-
des gelang, und unter den grofsen Kriegsfür-
| den und Bauherren der 18. Dynastie, vor al-
len Dhutmes III und Amenhotep III, stieg das
\nsehen und der Wohlstand des Gottes im- 50
ner mehr.
Dann trat eine höchst interessante Reaktion
ün. Es hatte sich eine Partei gebildet, welche
nit der Geheimlehre Ernst machen , den
Monotheismus wirklich durchführen wollte.
Ule Götter sollten nicht wie bisher lediglich
ür Formen des einen Sonnengottes erklärt,
;ondern definitiv beseitigt werden, die „Son-
lenscheibe“ (absichtlich wählte man das Appel-
ativum , nicht einen der alten Namen der co
lonnengottheiten) ausschliefslich verehrt wer-
ten. Der König Chuenaten („Abglanz der
ionnenscheibe“, urspr. Amenhotep IVj wurde
Ür die Reformation gewonnen und führte
lieselbe mit gröfster Energie durch ; dem einen
lonnengotte baute er (in Teil Amarna) einen
leuen Tempel und verlegte die Residenz hier-
her. Alle alten Götter wurden beseitigt, ihre
Ammon (in Äthiopien)
Namen an den Tempelwänden wo man sie
erreichen konnte, ausgemeiselt. Begreiflicher-
weise wurde kein Gott stärker von der Ver-
folgung betroffen als der bisherige Hauptgott,
Amon. — Dauernden Bestand hat die Refor-
mation indessen nicht gehabt; in den lang-
wierigen Wirren nach Chuenatens Tode ge-
langte die alte Orthodoxie wieder zur vollen
Herrschaft, die Bauten des Königs wurden zer-
stört, die Tempel und die Priesterschaft ge-
wannen ihre alte Macht aufs neue. Die
nächste Dynastie (die neunzehnte) , der vor
allem Seti I und Ramses II angehörten, war
dem Amon eifrig ergeben , von ihnen stammt
u. a. die berühmte grofse Säulenhalle von Kar-
nak. Das Ansehen und der Wohlstand des
th^banischen Gottes, d. h. der Oberpriester des
Amon, wuchs immer mehr und drängte scliliefs-
lich das Königthum völlig in den Schatten.
Die Inschriften der späteren Ramessidenzeit
lehren uns, dafs alle wichtigen Angelegenhei-
ten, z. B. politische Prozesse, direkt von dem
Gotte entschieden wurden, indem die Amons-
statue selbst die Orakel ertheilte. (S. darüber
vor allem Naville, inscr. histor. de Pinodgem
III, 1883). So konnte schliefslick um 1050
v. Chr. der Oberpriester Hrihor es wagen, die
legitimen Herrscher bei Seite zu schieben und
sich selbst die Krone aufs Haupt zu setzen.
Auf die Dauer hat sein Geschlecht dieselbe
nicht behauptet ; in Tanis erhob sich ein neues
(das 21.) Königshaus, das auch über Theben
die Herrschaft gewann. Aber während der
folgenden Jahrhunderte, in denen die äufsere
Macht des Staates mehr und mehr verfiel, be-
hielten die Amonspriester von Theben (jetzt
gewöhnlich königliche Prinzen) , immer die
angesehenste Stellung nach dem König.
Inzwischen hatte sich in dem lange Zeit
von Ägypten beherrschten L ande Kusch (griech .
Äthiopien, das heutige Nubien) ein neuer mäch-
tiger Staat gebildet, mit der Hauptstadt Na-
pata. Die Kultur und Religion von Äthiopien
war völlig ägyj) tisch , und so erscheint auch
hier der (menschenköpfig gebildete) „Amon
von Theben“ als Hauptgottheit. Neben ihm
wird , wie es scheint von Taharka (um 7 00
v. Chr.) an ein zweiter, widderköpfig gebilde-
ter „Amon vom heiligen Berge“ (d. i. Gebel
Barkal bei Napata) verehrt. Die Inschriften
lehren, dafs auch die Theorie der ägyptischen
Priester hier völlig durchgeführt war ; das Ora-
kel des Amon entscheidet über alles, ja der
Gott erwählt die Könige und kann sie ab-
setzen. Wie wir aus Diodor 3, 6 erfahren,
hat zur Zeit des Ptolemäos Philadelphos Kö-
nig Ergamenes diesem Unfug ein Ende ge-
macht.
In der zweiten Hälfte des achten Jahrhun-
derts eroberten die äthiopischen Könige Ägyp-
ten und haben um den Besitz desselben lange
Jahre hindurch erst mit den einheimischen
Fürsten , dann mit den Assyrern Kriege ge-
führt. Schliefslich unterwarf Asarhaddon von
Assyrien (um 671) ganz Ägypten und plünderte
Theben; sein Sohn Assurbanipal stellte nach
einem Aufstande die Herrschaft wieder her
und schlug die Ätliiopen 'aufs neue’ aus dem
287 Ammon (in d. lib. Wüste)
„ Ammon (b. d. Griechen) 288
Lande. Die Befreiung von der Fremdherrschaft
gelang dann Psammetich I (seit 663 v. Chr.),
der einem unterägyptischen Fürstengeschlecht
wahrscheinlich libyscher Herkunft entstammte.
Er nahm seine Residenz in Sais im Delta, und
seitdem ist der Schwerpunkt des Landes
dauernd in Unterägypten geblieben; Theben
hat seine herrschende Stellung für alle Zu-
kunft verloren. Daher kommt es , dafs von
jetzt an auch der thebanische Amon zurück-
tritt. An den einzelnen Hauptkultusstätten
verehrt man nach wie vor die lokalen Gott-
heiten als die höchsten und „einzigen1''; für
die Reichsreligion gelangen namentlich die
Götter von Memphis , Ptah und sein Kreis,
wieder zu maßgebender Bedeutung.
Wie nach Äthiopien ist der Amonskultus
auch in die anderen Dependenzen des altägyp-
tischen Reichs gedrungen; z. B. wissen wir
von Ramses III, dafs er einen Ammonstempel
im südlichen Palästina errichtete; doch findet
sich von einem Eindringen des Amon in die
Religion der syrisch- phönikischen Stämme keine
Spur. Dagegen hat er in den Oasen der liby-
schen W ü s t e dauernd Eingang gefunden. Die-
selben , oder jedenfalls die wichtigsten von
ihnen, die grofse Südoase (Uäh ed-dächile und
el-chärige) und die kleinere Nordoase (Uäh
el-bachrije) sind jedenfalls seit dem Anfänge
des neuen Reichs in ägyptischem Besitz und
werden in den Volkslisten der Pharaonen seit
Dhutmes III häufig erwähnt. Die weiter west-
lich gelegene und durch grofse Sandwüsten von
den Kulturländern getrennte Oase von Siwa,
oder wie die alten Ägypter sie nennen, die
„Oase des Palmengefildes“, soll dagegen nach
Herodot 2, 42 eine Kolonie der Äthiopen und
Ägypter sein , wäre also , wenn die Angabe
zuverlässig ist , erst zur Zeit der Äthiopen-
lierrschaft um 700 v. Chr. besetzt worden. In
Hibis, der Hauptstadt der grofsen Oase (daher
’Afitvrjßig d. i. Amon von Hibis C. I. Gr. 4955),
wie in Siwa haben die ägyptischen Könige
dem Amon Heiligtümer gebaut. Der grofse
Tempel von Hibis (el-chärige), dessen Wände
einen berühmten Hymnus auf Amon enthal-
ten, in dem er als der einzige , ewige Gott,
der Schöpfer, von dem die andern Gottheiten
nur Gestalten sind, gepriesen wird, ist erst
in der Perserzeit, von Dareios I erbaut und von
Nechtharheb , einem der letzten einheimischen
Herrscher Ägyptens (um 375 v. Chr.) , er-
weitert worden , und dem Namen des letzte-
ren begegnen wir auch in den Überresten des
Amonstempels von Ummbeida bei Siwa. In-
dessen zweifellos hat es hier schon früher
kleinere Heiligtümer desselben Gottes gegeben,
und es ist sehr möglich, dafs die noch wenig
untersuchten Ruinen des Haupttempels der
Anionsoase (in Agarmi, etwa 10 Min. nördlich
von Ummbeida vgl. Diod. 17, 50, 4) um mehrere
Jahrhunderte älter sind. Dargestellt wird Am-
mon in den Tempelskulpturen von Siwa im-
mer als widderköpfiger Gott Herod. 4, 181;
s. die Abbildungen bei Jomard, voyage ä Sy-
ouah , und v. Minutoli, Meise zum Tempel des
Jup. Amon.
In der von den Griechen Ammonion ge-
nannten Oase von Siwa erteilte der Gott Orakel.
Die Schilderung , welche die Griechen von
dem Verfahren dabei geben — dieselbe geht
bei allen Schriftstellern auf Alexanders Be-
gleiter Kallisthenes zurück, dem sie zunächst,
wie es scheint, Aristobul entlehnte ( Strabo 17,
1, 43. Diod. 17, 50 f. Gurt. 4, 7, 23 f. ; vgl.
Herod. 2, 58) — entspricht genau den bild-
lichen Darstellungen, welche die Berichte über
io die Orakelerteilung des Amon in Theben in
der Zeit der letzten Ramessiden und der 21.
Dynastie begleiten (s. o.). Das Bild der Gott-
heit [Gurt. 4, 7, 23 umbilico maxime similis est
habitus (des Götterbildes) beruht auf einem
absurden Mifsverständnis] befindet sich in einer
Kapelle (crfjxo g), die inmitten der heiligen reich-
verzierten Sonnenbarke steht. Letztere wird
von den Priestern in feierlicher Prozession auf
den Schultern getragen, ein langes Gefolge
20 von heiligen Frauen, die Hymnen zu Ehren
des Gottes singen, schliefst sich an. Dann er-
teilt das Götterbild selbst das Orakel, und
der Oberpriester (Trpoqp^t^s) legt es aus.
Durch die Gründung der Kolonieen in Kyre-
naika (um 630 v. Chr.) haben die Griechen
den Ammon zunächst kennen gelernt , und
zwar als den Orakelgott der Ammonsoase. Dafs
man den Hauptgott Ägyptens und der Oase
dem Zeus gleiclisetzte, ist natürlich. Als solcher
so wurde er seit alten Zeiten eifrig, ja geradezu
als Hauptgott Kyrenaikas verehrt {Find. Pyth.
4, 28. Fiat. Politic. 257 B., vgl. Pausan. 10,
13, 5). Wollte man den Zeus Ammon bildlich
darstellen, so fügte man dem gewöhnlichen
Zeustypus die nach unten gewundenen Widder-
hörner bei (vgl. u.). In dieser Gestalt erscheint
er wiederholt schon auf archaischen Münzen
der kyrenaischen Städte
(Kyrene, Barka, Euesperi-
40 des u. a.) und wird spä-
ter der bei weitem häufigste
Miinztypus derselben. Ne-
ben ihm findet sich auf
den Münzen vereinzelt vor
Alexander und sehr häufig
in der Ptolemäerzeit ein
bartloser Kopf mit Amons-
hörnern, dessen Bedeutung
unsicher ist. Müller nennt
50 ihn den libyschen Bac-
chus (num. de l'anc. Afr.
1, 101 ff.); [daneben findet sich in späterer
Zeit auch der griechische Dionysos], Der be-
kannte Mythograph Dionysios von Mitylene
erzählt nämlich (bei Diod. 3, 66 — 74), der li-
bysche Dionysos sei ein Sohn des Ammon und
der Rhea gewesen, und werde von den Libyern
wie Ammon widderhörnig gebildet (c. 73).
Natürlich ist, was Dionysios von seinen Thaten
60 erzählt, absolut wertlose Fabelei; aber die
letztere Angabe mag richtig sein. Möglich ist
es, dafs wie Lepsius Z. f.äg.Spr. 1877, 19 aus-
geführt hat, der einheimische, widderköpfige
Gott Harschef, der namentlich in Herakleopolis
als Hauptgott verehrt wurde, aber auch im
Ammonium vorzukommen scheint, diesem
griechisch libyschen Typus zu Grunde liegt.
[Von anderen Münztypen findet sich namont-
Ammon b. d. Griechen
Ammon b. d. Griechen
290
289
lieh Apollo, der bekanntlich in einer der Grün-
dungssagen eine Rolle spielt, und Athene, d. i.
offenbar Neit, die Hauptgöttin der libyschen
Stämme an der Grenze des Delta, die von
den Griechen seit alter Zeit mit der tritoni-
i. sehen Göttin identificiert wurde. Beide Typen
sind rein griechisch gebildet. Das Wappen
der Städte ist bekanntlich das Silpliium, aufser-
dem findet sich einige Male ein Rofs. Siehe
vor allem Mütter , Numism. de l'anc. Afrique
1. 1800.
ln Griechenland ist der Ammonkultus nie
weit verbreitet gewesen. Pindar war ihm,
wohl wegen seiner Beziehungen zu Kyrene,
besonders ergeben und hat dem Gott einen
Hymnus geweiht, der später im Ammonium auf
einem Altar aufgezeichnet war {Pausan. 9, 16, 1,
vgl. Find. fr. 36 Berglc)-, ebenso hat er ihm in
Theben ein von Kalamis gearbeitetes Götter-
bild errichtet. Sonst werden Kultusstätten
des Gottes nur in Sparta und Gythion erwähnt
( Pausan . 3, 18, 3. 21, 8). Dagegen genofs das
Ämmonsorakel seit dem fünften Jahrhundert,
wo man bekanntlich überall begann, sich aus-
ländischen Kulten zuzuwenden und den frem-
den Göttern mehr zu trauen als den einheimi-
schen, hohes Ansehen, ln der delphischen
Kroisosfabel wird es unter den angesehensten
Orakeln genannt {Her. 1,46), und die Prophe-
tinnen von Dodona erzählten dem Herodot
eine Geschichte , dafs zwei schwarze Tauben
aus Theben in Ägypten ausgeflogen seien und
die eine das Ammonium, die andere Dodona
■ gegründet hätten, eine Geschichte, die natür-
lich die thebanischen Priester mit geringen
Modifikationen (die Tauben wurden in heilige
Frauen verwandelt) bestätigten {Her. 2, 54 f.).
Die Spartaner sollen seit alten Zeiten den Gott
eifrig befragt und geehrt haben; bekanntlich
mchte dann Lysander (der dem Gott auch in
eiern thrakischen Aplyyte einen Tempel bauen
liefs) mit Hilfe des Ammoniums seine ehr-
geizigen Pläne durchzusetzen {Flut. Lys. c. 20).
Auch die Athener holten sich im Ammonium
wie in Delphi und Dodona Rat {Aristoph. Aves
1 619. 716. Flat. legg. 5, 738 C. Alcib. 2 p. 149 D.
Flut. Nie. 13. Cim. 18), und eine Rechnung
ius dem Jahre 333 v. Chr. erwähnt u. a. die
/on den Strategen dem Ammon ausgerich-
i :eten Opfer {G. I. gr. 157 = G. I. Att. 2,
141). Zum höchsten Ansehen gelangte das
: Orakel dann durch den Zug Alexanders. Was
ler Priester dem König verkündete, hat die-
• ser bekanntlich nie verraten; wohl aber ist
3S allgemeine Überlieferung, dafs er ihn als
. "lohn des Ammon (Zeus) angeredet habe, und
,‘s knüpfen sich daran die bekannten , wie
is scheint zum Teil von Alexander begün-
stigten Erzählungen von seinem übermensch-
ichen Ursprung. Im Munde des Ägypters war
lie Anrede durchaus keine übertriebene Schmei-
chelei; seit den ältesten Zeiten gelten die
Pharaonen als Inkarnationen und Söhne der
höchsten Götter , des Rar, des Horus u. s. w.,
md unzählige Male wird der König des
leuen Reiches in den Inschriften von Ammon
wie von allen anderen grofsen Göttern) als
ein Sohn, den er sich gezeugt und zur Herr-
Roscher, Lexikon der gr. u. rüm. Mytliol.
schaft berufen hat, angeredet. Mehrere der
ägyptischen Könige, vor allem Amenhotep III
und Ramses II, haben die letzte Konsequenz
dieser Anschauungen gezogen und „ihrem leben-
den Abbild auf Erden“ in Nubien (als Lan-
desgottheit der Provinz) Tempel gebaut. Hier
pflegen die divinisierten Könige in mensch-
licher Gestalt, aber mit dem Ammonshom an
der Schläfe, also ganz in der Weise der grie-
chischen Ammonsbilder dargestellt zu werden.
Die beigegebene Abbildung zeigt König Amen-
hotep III in dieser Gestalt; durch den ihm
aufgesetzten Halb- und Vollmond wird er zu-
gleich mit dem thebanischen Mondgott Chunsu,
dem Sohne Ammons, identificiert. Diese Sitte
ist von den Griechen übernommen. Ptolemäos I
König Amenhotep als Yon einer Lysimachos-
Ammon. münze.
und Lysimachos haben auf ihren (teils auf
Alexanders, teils auf ihren eigenen Namen ge-
prägten) Münzen häufig den Kopf Alexanders
mit Ammonshörnern dargestellt (s. Müller,
numism. d’Alex. S. 29 ff. Münzen des Lysima-
chus S. 8 ff- ; vgl. auch Ephippos bei Athen.
12, 537 c); ebenso hat sich Seleukos häufig
mit den Hörnern abbilden lassen. Bis in die
arabische Tradition haben diese Anschauungen
nachgewirkt; wenn die Koraninterpreten den
sagenhaften König von Jemen Dhu-lqarnain
d. i. „den Herrn der beiden Hörner“ für Alexan-
der erklären, so liegt dabei eine Erinnerung
an die ihm zugeschriebenen Ammonshörner zu
Grunde.
In der hellenistischen Zeit tritt, wie in
Ägypten selbst (abgesehen von den jetzt rein
lokal gewordenen Kulten in Theben, in der gro-
fsen Oase u. a.), so auch in der griechischen
W eit, der Gott wieder völlig zurück. Das Ansehen
des Orakels erlosch {zo sv ’Ayycovi aysdov ti
BuXslemtaz XQVGTVQI0V sag't Strabo 17 , 1, 43),
nur die römischen Dichter verwerten es__noch
mitunter. In Inschriften wird (aufser in Ägyp-
ten selbst) Ammon kaum je erwähnt; während
Isis, Osiris, Sarapis überall gefeiert und als die
mystischen Urgötter eifrig verehrt werden,
nennt eine einzige Inschrift aus Kios, die den
Anubis verherrlicht, als seine Eltern die Isis
und den Osiris, der mit Zeus Sarapis, und dem
fisyas oßgigos ’Ayycov identisch sei {G. I. Gr.
3724). Sonst findet sich Ammon im G. I. Gr.
nur 4535 bei Beirut, 4696 in Kanopos, 5142 in
Kyrene, ferner in thebanischen und Oasenin-
schriften genannt; in lateinischen Inschriften
kann ich ihn nirgends nachweisen. Etwas
häufiger (abgesehen natürlich von Kyrenaika)
10
io
20
30
40
50
GO
Ammudates
291
findet er sich auf Münzen abgebildet; verein-
zelt finden sich Büsten und Masken (s. die Zu-
sammenstellung bei Overbeck, gr. Eunstmyth.
2, 277 ff.)- Die ganz hysterogenen und wertlosen
Bearbeitungen der Mythengeschichte, in denen
er vorkommt — das Orakel wird in die Ge-
schichte von Perseus und der Kassiopea und von
Herakles’ Zug nach Ägypten verflochten (beides
knüpft an die Alexandergeschichte an und ist
zuerst von Kallisthenes erfunden, s. Strabo l. c. xo
Arrian 3,3); Dionys von Mitylene erzählte
ausführlich von den Thaten Ammons und sei-
nes Sohnes Dionysos ( Diod . 3, 68 ff. s. o.) u. a.
- verdienen keine eingehendere Besprechung.
Dagegen ist Ammon von den Griechen
und Römern mit einem phönikischen, in
Nordafrika eifrig verehrten Gotte verschmol-
zen worden, dem Ba‘al chammän d. i. dem „feu-
rigen Ba‘al“, einer Form des Sonnenba‘als; der-
selbe erscheint namentlich im karthagischen 20
Gebiet in zahllosen Inschriften als Hauptgott
und wird hier immer mit seiner Gemahlin Tut
(Aussprache unbekannt, vgl. ZDM. 31, 728)
zusammen verehrt. Ihm verdankt Ammon zu-
nächst das H, das ihm die Römer gewöhnlich
geben (z. B. auch C. I. Lat. 8, 9018 Juppiter
Hammon) , um seinetwillen nennt Vergil Aen.
4, 198 den Jarbas Hammone satus. Auch die
Angabe des Macrobius (Sat. 1, 21, 19), der
übrigens bekanntlich alle Götter zu Sonnen- 30
gottheiten macht, die Libyer hielten den widder-
hörnigen Ammon für die untergehende Sonne,
wird hierher gehören , und auf alle Fälle die
äuget. ’Aggcovog BuXi&covog bei Thapsos ( Strabo
17, 3, 16, vgl. Steph. Bys. s. v. Bcilig).
Litteratur. Böclch, Staatshaushalt 22 132f.
Partliey, das Orakel und die Oase des Ammon,
in Äbh. d. Berl. Ale. 1862. Overbeck, gr. Kunst-
mytliol. 2, 273 ff. (der durch Partliey und an-
dere verführt, die Existenz des widderköpfigen 40
ägyptischen Ammon bestreitet und den Gott
aus Griechenland ableiten will). Lepsius , die
widderköpfigen Götter Ammon und Chnumis,
in Ztsclir. f. äg. Sprache 1877, 8 ff . Ferner die
numismatischen Werke von L. Müller u. s. w.
sowie die betr. Abschnitte meiner Gesell, d.
Altert. Bd. 1. [Eduard Meyer.]
Amnuxdätes* is, Beiname des Sol auf einer
Inschrift aus Szöny bei Komorn, C. I. L. 3,,
4300 : Leo Soli Alagdbal{o ) Amvmdati mil. 50
leg. I. ad ( iutricis ) etc. Sonst erwähnt ihn nur
Commodianus instr. 1, 18: Ammudatemque suum
cultores more colebcmt. Magnus erat Ulis, quando
fuit aurum in aede. Mittebant capita sub nu-
mine quasi praesenti. Ventum est ad summum,
ut Caesar toller et aurum: Lefecit numen, aut
fugit , aut transit in ignem etc. Hier ist also
von seiner vergoldeten Standsäule die Rede.
Der Name bedeutete die cStandsäule’ (arab.
' ammudat\ kegelförmig zu denken). Ygl .Mordt- so
mann, Z. d. dtsch. niorg. Ges. 31, 91 ff. u. Beds-
lob ebenda 32, 733, sowie den Artikel Elaga-
balus. [E. Meyer u. Steuding.]
Amnisiades (Agviaidösg und ’Afivioideg), die
Nymphen der Quelle und des Flusses Amnisos
auf Kreta, welche besonders im Dienste der
Artemis standen, Kallim II. in Dian. 15. 162.
Ap. Bli. 3, 881. Stepli. B. v. ’Agvioog. [Stoll.]
Ampelos 292
Amoime (’Agoigi j) , Danaide , vermählt mit
dem Aigyptiden Polydektor , Hyg. F. 170.
Bunte schreibt nach Apollod. 2,1,5 Polyktor.
Auch Amoime scheint korrupt; eine Oime
kommt Apollod. a. a. 0. vor. [Stoll.]
Amor s. Eros.
Ampelos ('Agitslog), der Weinstock als Per-
sonifikation. ' Ein junger schöner Satyr, Sohn
eines Satyrs und einer Nymphe, Liebling des
Dionysos in Thrakien. Während der Knabe
von einer an einer Ulme aufrankenden Rebe
Trauben pflückte, stürzte er herab und starb.
Dionysos versetzte ihn als Vindemitor unter
die Stei’ne. Ovid. Fast. 3, 407 ff. Nach Nonnos
Dionys. 10, 175 ff. kam der in den Wäldern
Lydiens gefundene Liebling des Dionysos um
durch einen Sturz von einem wildgewordenen
Stiei’, auf dem er spielend ritt. Zeus verwan-
delte ihn dem Dionysos zu Liebe in eine Rebe,
deren Frucht ihn seitdem entzückt. Eine schöne,
zwischen Rom und Florenz gefundene Marmor-
gruppe des Britischen Museums ( Ancient Mar-
blcs in the British Museum P. 3. pl. 11. Spe-
cimens of ancient Sculpture Vol. 2. pl. 50
Müller, Denlan. d. a. K. Taf. 32, n. 371) stellt
den Knaben dar, wie er, eben in der Verwand
lung begriffen, dem ihn liebevoll umarmender
Dionysos eine Traube darbietet. Vgl. Himer
Or. 9 p. 560. Plin. 18,31,74. Ouvaroff, Non-
nos S. 29 ff. Köhler, über die Dion, des Non-
nos S. 23 ff. Müller, Ilandb. d. Arch. §. 385, 3
E. Braun, gr. Götterl. §. 531. Gerhard, Prodromus
mytliol. Kunsterlüärung S. 221, 50. [Stoll.]
293 Ampheres
Amplieres (’AycpfiQr]s) , Sohn des Poseidon
und der Kleito, Herrscher in Atlantis, Fiat.
Kritias 114b. [Stoll.]
Ampliialos (’Aycpia2.og), 1) ein Phaiake, Sohn
des Polyneos , bei den Spielen des Alkinoos
Sieger im Sprang, Od. 8, 114. 128. — 2) Sohn
des Neoptolemos und der Andromaclie, Hyg.
F. 123. — 3) Name eines Griechen auf dem
polygnotischen Gemälde der Iliupersis zu Del-
phi, Paus. 10, 25, 2. [Stoll.]
Amphianax (’Aycpuxva^), 1) König in Lykien,
der dem aus Argo'lis geflüchteten Proitos seine
Tochter Anteia oder Stheneboia zur Ehe gab
und ihn wieder nach Argolis zurückführte.
Er wird auch Iobates genannt. Apollod. 2, 2,
1. Schol. II. 6, 200. Pherekydes b. Schol. Od.
11, 326. vgl. II. 6, 157 ff. — 2) Sohn des An-
timachos, Vater des Oitylos, nach welchem die
Stadt Oitylos in Lakedämon benannt war,
Paus. 3, 25, 7. Plierekydes b. Schol. II. 2, 585.
[Stoll.]
Amphiaraos (dor. ’AycpuxQäog, Pind. Nein.
9, 30 ’Aycpidgriog, ion. Agcpuigecog, oft auch bei
Attik. u. Sp. ’Acpiagscog G. I. Gr. 7710. Overb.
Bildw. 102 , 13. ’AyqndgTjg Pind. Nem. 9 , 57.
vgl. Meineke, Anal. Alex. p. 109. "Agcpig Aescli.
fr gm. 404 ed. Nauck; vgl. Fick, gr. Personen-
namen S. 10), Sohn des Oikles und der Hyper-
mnestra (Klytaimnestra b. Hygin f. 250) Pind.
Pyth . 8, 55. Apollod. 1, 8, 2. 3, 6, 3. Paus.
з, 12, 5. Diodor 4, 68. Schol. Aescli. Sept. v.
569. Hygin f. 70. 73 — bei Späteren auch
Sohn des Apollo, Hygin f. 70. 128. Welcher, ep.
Cykl. 2, 322, 5 — , Enkel des Antiphates (nach
Paus. 6, 17, 6 des Mantios), Urenkel des nebst
dessen Bruder Bias von Pylos nach Argos ein-
gewanderten Melampus ( Odyss . 15, 225 — 248.
Schol. Pind. Nein. 9, 30 u. Böckhs Anmerkg. z.
d. St. Herod. 9, 34. Paus. 2, 18, 4) — Amphia-
raos wird daher von Dichtern als Hogcoveiögg
bezeichnet {Paus. 7, 17, 7) — Vater des Alkmaion
und Amphilochos (Od. 15,248. Paus. 2, 18, 4
и. 20, 5. Apollod. 3, 7, 2. Herod. 3, 91), des
Oikles nach Diodor 4, 32, ferner der Eurydike
und Demonassa und, nach Asios, der Alkmene
(Paus. 5, 17, 4. L. Attius Epigon. frgm. 11).
[Seine Stammtafel s. bei Gerhard, Mythol. 2,
[ S. 225 Eckermann, Melampus S. 171. Al-
exida als Tochter des Amphiaraos nennt Plu-
\tarch quaest. gr. 23 (Panofka, Asklepios u. d.
Askl. Berlin 1846. p. 1.) Bei lateinischen
| Schriftstellern werden drei andere Söhne als
! die Erbauer von Tibur erwähnt (nach Solin.
c. 2 , 8 Enkel des Amphiaraos , von dessen
I Sohne Catillus abstammend): Tiburtus, Coras,
Catillus (Aen. 7, 670. 11, 640. Hör. od. l, 18,
2. 2, 6, 5. Plin. 16, 44, 87).
Als berühmter Held und Seher war er ein
' Liebling des Zeus und Apollon (Od. 15, 245,
1 253. u. Eustath. ad h. I. Plato , Axiochus
i 368 A). Die Sehergabe erhielt er in dem
I „mantischen“ Hause zu Phlius, in welchem er
eine Nacht geschlafen hatte Paus. 2, 13, 6.
| Eine ganz hervorragende Rolle spielte er im
Zuge gegen Theben, weshalb er den Mit-
itelpunkt der kyklischen Thebais (auch ’Au-
| ipiugsü) e^slceai ’a genannt) bildete (Welcher, ep.
\Cylcl. 1, 187. 2, 324, 8 gegen Bergk, de reliq.
Amphiaraos 294
com. Att. p.219). Seine Heldentugenden und
seine Sehergabe finden wir vielfach gerühmt,
Pindar Nem. 10, 16. Ol. 6, 26 — 30. Asklepia-
des b. Schol. z. d. St. Sopli. Oed. Col. 1313, seine
Besonnenheit, Gerechtigkeit und Frömmigkeit
war selbst von den Feinden anerkannt, Aesch.
Sept. 568, 609 — 612. Von der späterenSage wird
er auch in die wichtigsten Ereignisse der vor-
historischen Zeit verflochten. Eckermann, Mel.
S. 72. So nimmt er an der kalydonischen
Jagd teil (Apoll. 1, 8, 2. Hygin f. 173, vgl.
Xenoph. Cyneg. 1, 2), im Giebelfeld des Athene-
tempels zuTegea war Amphiaraos in der einen
.Jägergruppe mit dargestellt, Paus. 8, 45, 4;
ebenso ist er unter den Argonauten (s. d.) zu
finden (Apoll. 1,9,16, Deilochosh. Schol. Apoll.
Rh. 1, 139) und zwar als Seher neben Mopsos
und Idmon (vgl. Schol. Pind. Pyth. 4, 337). Bei
den Leichenspielen zu Ehren des Pelias siegt
er im Lauf, Stesichoros b. Ath. 4, 172 e (Bergk
fr. 3).
Amphiaraos verdrängte in Verbindung mit
den Anaxagoriden (Proitiden) den Adrastos
aus Argos und nötigte ihn zur Flucht nach
Sikyon, Menaichmos b. Schol. Pind. Nem. 9,
30. Herod. 5, 67. Paus. 2, 6, 6. Dieser söhnte
sich aber später wieder mit Amphiaraos aus,
indem er ihm seine Schwester Eriphyle zum
Weibe gab, deren Entscheidung bei etwaigen
neuen Zwistigkeiten Amphiaraos sich zu un-
terwerfen eidlich gelobte, Schol. Pind. a. a. O.
Apollod. 1,9,13.3,6,2. Diodor 4, 65, Asklepia-
cles b. Schol. Od. 11, 326. Als nun Adrastos
das seinem Schwiegersöhne Polyneikes gege-
bene Wort, ihn nach Theben zurückzuführen,
einlösen wollte, verweigerte Amphiaraos seine
Teilnahme an dem Zuge, wohl beim Königs-
mahl im Hause des Adrastos (Apoll. 3, 6, 1.
Antimachos b. Athen. 11, 475 d, 482 f. Stat.
Theb. 3, 345), da er dessen unglücklichen
Ausgang vorauswufste , und warnte auch die
übrigen; vgl. die Darstellung der Weissagung
des Amphiaraos (mit Beischrift) im Hause des
Adrastos in Gegenwart des Adrastos, Polynei-
kes, Tydeus, Parthenopaios auf einem etrus-
kischen Karneolskarabäus, Welcher, ep. Cykl,
2, 322, 25. Overb., Bildw. S. 81, Taf. 3, 2,
anders Preller, Myth. 2, 357, 2, und die Ab-
bildung auf einem etruskischen Spiegel: Am-
phiaraos (mit Beischrift) dem Adrastos vom
Kriege abratend, während Tydeus für denselben
spricht (Overb., Bildw. S. 84, Taf. 3,3; vgl.
auch Christodor Anthol. Palat. ed. Jac. 1 p. 48,
259). Da gewann Polyneikes auf den Rat
des Anaxagoriden Iphis die Eriphyle (nach
Schol. Od. 11, 326 Tochter des Iphis) , durch
das goldene Geschmeide der Harmonia für
sich (Hom. Od. 11, 326. 15, 247. Soph. El,
836 u. Schol Plat. Reip. 9, 590. Paus. 9, 41.
Cic. Verr. 4, 39 , vgl. Athen. 6 p. 232 f.), und
so wurde Amphiaraos von Eriphyle, die trotz
seines Verbotes von Polyneikes das Geschenk
angenommen, zur Teilnahme gezwungen. Da
er aber seinen Untergang vorherwufste, so trug
er seinem Sohne Alkmaion (s. d.) als dem älteren
(Asklep. a. a. O. Diodor 4, 65. Hygin f. 73. Paus.
5, 17, 7. 10, 10, 4), nach Apollod. 3, 6, 2 seinen
Söhnen (vgl. Welcher, ep. Cykl. 345, 52) auf,
10*
io
20
30
40
50
60
295
Amphiaraos
Amphiaraos
296
vor dem eigenen Zuge gegen Theben ihn
an der Urheberin zu rächen. Mythogr. gr. 345,
8, vgl. auch Philostr. Vit. Apoll. 4. 38. Hör.
Od. 3, 16, 11. Dem jüngeren Sohne Amphilochos
(s. d.) gab er bei seinem Abschied noch gute
Lehren, in denen er bescheidenes Wesen und
Fügsamkeit gegen Fremde wie im Unglück
fordert (Find, fr gm. inc. 68 — 70 ed. B. Wel-
cher, ep. Gykl. 324, 8. 346). Abweichend von
der allgemeinen Tradition, welche die Schuld
der Eriphyle anerkennt (vgl. Hom. Od. 11,
325. Soph. El. 844. Atli. 6 p. 233 a), stellte
Stesichorus in seiner „Eriphyle“ (Berglc, P.
lyr. p. 979) als das Motiv ihrer Handlungs-
weise die Vaterlandsliebe hin, Schleier macker,
z. plat. Pep. p. 608. Welcher, ep. Gyld. 392.
Eckermann, Mel. S. 50. Overb., Bildtu. S. 101.
Von der Bestechung der Eriphyle durch Adra-
stos vermittelst eines Halsbandes, das er hatte
anfertigen lassen, berichtet Hygin f. 73 (vgl.
Schol. Soph, El. 836. Eustath. Od. 11, 325
(Eudok. p. 22) Ribbeck, röm. Trag. S. 488, 1),
ebenso von einem geheimen Versteck des Am-
phiaraos, das Eriphyle verraten; vgl. Serv. Verg.
Aen. 6, 445. Hierauf scheint sich auch die
Äufserung des Cic. Epist. ad fam, 6, 6 zu be-
ziehen : vcl pudore victus ut in fabulis A. W el-
cker, ep. Gyld. 345, 51 vermutet hier eine Ver-
wechslung mit Alkmaion. — So kommt es zum
Aus zuge, Giern. Alex. Strom. 1, 400 P, trotz
der ungünstigen Zeichen des Zeus Pind. Nein.
9, 44 f. Der Abschied des Amphiaraos bil-
dete mit eine der Darstellungen auf dem Kyp-
seloskasten, Paus. 5, 17, 4. Vor dem Hause
Eriphyle und Amphiaraos ( Overbeck , Bildw. d. theb.
Ueldenkr. S. 102).
steht Eriphyle mit dem Halsschmuck, daneben
Eurydike, Demonassa und Alkmaion, den Am-
philochos trägt eine Alte, Amphiaraos schon
im Begriff den Wagen zu besteigen (die Rosse
zügelt sein Wagenlenker Baton) wendet sich
zornigen Antlitzes mit gezücktem Schwert nach
Eriphyle zurück. Das Hauptmotiv dieser Scene
findet sich auch auf einem alten Amphorage-
mälde: Overb. S. 92, Taf. 3, 5. O. Jahn, arch.
Aufs. S. 155. Ber. d. sächs. G. 1858 S. 105.
Bedeutend milder ist die Auffassung auf dem
Avers einer Neapler Vase: Amphiaraos (mit
Beischrift G. I. Gr. 7711) neben Baton in voller
Ruhe auf dem Wagen, vor demselben Eriphyle
io den Blick zur Erde gewandt, Overb. S. 94, Taf.
3, 7. Hierher gehören ferner eine Vase von
Caere und eine Lekythos von Cervetri, Overb.
S. 102: Amphiaraos (mit Beischrift C. I. Gr.
7710) mit dem Helme in der Hand, Eriphyle
piit einem Söhnchen auf dem Arme, das Hals-
band erhebend. Ein freundlicher Abschied
findet sich nur auf einer Hydria von Vulci,
Overb. S. 104, Taf. 4, 1 : Amphiaraos (mit Bei-
sclirift C. I. Gr. 7709) reicht der Eriphyle die
20 Rechte, hinter ihr eine Tochter, ferner Oikles (?)
und Baton (?) Overb. S. 105, 26. Aufserdem wer-
den hierher gerechnet ein Amphoragemälde aus
Caere, Overb. S. 97, Taf. 3, 6, zwei andere im
Britischen Museum, Overb. S. 97 u. 99, und zwei
aus der Durandschen Sammlung Overb. S. 103 u.
104, ferner die Gemälde auf einer Hydria ( Ger-
hard, auserles. Vasenbild. 2, Taf. 9 1 . Overb. S. 96)
und einer anderen imBritischen Museum (Overb.
S. 99). Über zwei andere Vasengemälde s. Overb.
so S. 104, über eine Vase im Britischen Museum
s. Robert, Ami. 1874 S. 82; vgl. auch J. de Witte,
Ann. 1863 S. 233 [u. Revue arch. 22. 1870.
p. 261 ff]
Das erste Abenteuer bestehen die Helden
bei Nemea. Während Hypsipyle, die
Wärterin des Opheltes, Sohnes des dor-
tigen Königs Lykurgos, dem dürstenden
Heere einen Brunnen zeigt, wird der
Knabe von einer Schlange getötet. Die
Helden erlegen dieselbe (trotz d^s Ein-
spruches des Amphiaraos) und bestatten
darauf das Kind. Amphiaraos, der in
dem Schicksale des Knaben das Vorzei-
chen ihres eigenen Unterganges erkennt,
giebt ihm den bezeichnenden Namen
Ar cliem or os (s. d. u. vgl. Argument 3
zu Pind. Nein.). Nach der Aussöhnung
mit den Eltern (Hygin. f. 74. Myth. Vat.
2, 141) stiften die Helden, dem Toten
zu Ehren, die nemeischen Spiele (Apoll.
3,6, 4, Argumente zu Pind. Nein., Schol.
Find. Nein. 8, 85. Paus. 2, 15, 2 u. 3.
Hyg. f. 74. Tzetzes zu Lykophron 373.
Stat. Theb. 5, 738.4, 718—722, vgl. Rib-
beck, röm. Trag. S. 160, 157 u. 158). Auf
einer ruveser Amphora finden wir drei
Helden im Kampfe mit dem Drachen,
den Amphiaraos aber in warnender Stel-
lung abgebildet, Overb. S. 112, Taf. 4,
2. Als Lykurgos in der Wut des Schmer-
zes an der Wärterin blutige Rache neh-
men will, tritt Tydeus ihm feindlich ent-
gegen, doch gelingt es dem Adrastos und
Amphiaraos diesen zurückzuhalten und die
Sache zum gütlichen Austrage zu bringen, Stat.
Hieb. 5, 660 f. Eine Darstellung am amykläi-
sclien Throne bezieht sich hierauf (Paus. 3, 18,
7), wo aber Tydeus und Amphiaraos verweck-
u. troj.
297 Amphiaraos
seit sind, vgl. 0. Jahn, arcli. Aufs. S. 158.
Welcher, ep. Gyld. 351, dagegen Boules, Vases
clu m. de Leide p. 55; vgl. ferner 6 Vasen-
bilder besprochen von Jahn, Ber. d. sächs. G.
1853 S. 21 — 30 u. Taf. 3. Nach Argument 2
zu Bind. Nem. läfst Eurydike, die Gemahlin
des Lykurgos, die Hypsipyle einkerkern. Am-
phiaraos aber zeigt vermöge seiner Kunst
deren Söhnen Thoas und Euneos das Gefäng-
nis und bewirkt so deren Befreiung. Eine l
ruveser Amphora ( Ov . S. 114, Taf. 4, 3) zeigt
uns in der Mittelscene den Amphiaraos (mit
Beischrift C. I. Gr. 8432) als Beistand der Hyp-
sipyle vor Eurydike; die ebenfalls abgebildete
feierliche Besorgung der Leiche deutet Overh. auf
den Erfolg des Amphiaraos und fafst sie als
Hinweis auf die folgenden Leichenspiele. Ver-
mutliche Quelle des Bildwerkes ist die Hypsi-
pyle des Euripid.es ( Welcher, gr. Tr. 2, 554 f.)
Overh. S. 115, 30. Ein anderes Vasenbild be- 2
schreibt Jahn, Ber. d. sächs. G. 1853 S. 30.
Auch die Darstellung auf einer apulischen Am-
phora Ov. S. 119, Taf. 4, 4 {Jahn, a. a. 0. S. 31
u. 32) und (?) ein etruskisches Asclienkistenre-
lief (vgl. Overh. S. 121, Taf. 5, 1) werden hier-
her gerechnet, vgl. noch Arcliäol. Ztg. 1854.
t. 67, 68. Boules, Arm. 1867 S. 150 if. Bibheck,
röm. Trag. S. 160, 159. Bei den Leichenspie-
len siegte Amphiaraos im Wagenrennen (Val-
chen. dlgaxi. Welcher, ep. Cykl. 353, 74) und
Diskuswerfen, Apollod. 3, 6, 4.
Das Heer rückte darauf gegenT heben her-
an. Die 7 Heerführer besetzten die 7 Thore der
Stadt {Sophohl. Oed. Col. 1323. Eur. Suppl. 925.
Apollod. 3, 6, 8. Diodor 4, 65. Hyg. f. 70, vgl.
Stat. Th. 8, 353), Amphiaraos nach Aesch. Sept.
570 das Homoloische, nach Eur. Phoen. 1109
das Proitische, vgl. Apollod. 3, 6, 6. Auch hier
scheint Amphiaraos seine Wahrsagung wieder-
holt zu haben, dafs es dem Adrastos allein
beschieden sei heimzukehren. Aesch. Sept. v. 50
u. Schol. Welcher, ep. Cykl. 326; vgl. die Dar-
‘ Stellung des Amphiaraos auf dem den Opfer-
tod des Menoikeus darstellenden Gemälde Phi-
1 'lostr.imag . 1,4. Als Tydeus, der nach Aeschy-
■ los am proitischen Thore steht, kampfbegierig
I den Ismen os überschreiten will, widersetzt
sich Amphiaraos der ungünstigen Opfer wegen
! {Aesch. Sept. 378, 273 — 276, vgl. Eur. Plioin.
171 — 174 u. Schol,; 1110) und gerät so mit
jenem in Streit (v. 382—394. 571 — 575; über-
haupt ist Tydeus Hauptgegner des Amphia-
raos bei Aescliylos).
Nach dem Tode der Brüder entbrannte der
Kampf von neuem. Am Tage vor der Schlacht
flog ein Adler herab, entführte die Lanze des
! Amphiaraos, der mit den übrigen Führern beim
I Mahle safs, und liefs sie dann wieder fallen.
i Sie grünte als Lorbeerbaum aus der Erde auf.
| Trisimachos bei Plut. parall. gr. et rom. c. 6.
ln der Schlacht selbst tötet Amphiaraos den
Melanippos, Sohn des Astakos, durch welchen
Tydeus schwer verwundet worden war, nach
'Schol. Find. Nem. 10, 12 auf Tydeus’ Bitten,
I und bringt demselben das Haupt. Dieser
j schlürft das Gehirn des gespalteten Schädels,
worauf sich Athene, die eben im Begriff war,
jihm die Unsterblichkeit zu verleihen, entsetzt
Amphiaraos 298
abwendet. Plierekyd. b. Schol. II. 5 , 126.
Eustath. II, 5, 413. Paus. 9, 18, 1. Tzetzes zu
Lyhophr. 1066. Mythogr. gr. p. 374, 16 f. Nach
Apollod. 3, 6, 8 verleitet Amphiaraos aus Hafs
gegen Tydeus denselben zu der erwähnten
Ünmenschlichkeit, um ihm die Unsterblichkeit
zu entziehen; in betreff des Textes des Apol-
lod. vgl. Welcher, ep. Cykl. 365, 107. Over-
beck, Bildtv. S. 131, Taf. 5, 8 u. 9 bezieht die
Darstellung einiger Gemmenbilder hierauf (Am-
phiaraos mit dem Kopf des Melanippos in
ruhiger nachdenklicher Haltung; andere Er-
klärungen s. ebendas.).
Doch auch den Amphiaraos ereilt schliel’s-
lich sein Geschick. Infolge des Schreckens,
den Zeus in die Reihen der Argeier sandte
{Find. Nem. 9, 63. Paus. 9, 9, 2), wendet sich
auch Amphiaraos am Ismenos zur Flucht, ver-
folgt von Periklymenos , wird aber, noch ehe
dessen Lanze ihn erreichen kann, in die vom
Blitzstrahl des Zeus gespaltene Erde nebst sei-
nem Wagenlenker und Zweigespann aufgenom-
men. Find. Nem. 9, 57 — 65.10, 14 — 16. Olymp.
6,19 — 22. Apollodor a. a. 0. Diodor 4, 65. Paus.
2,23,2. Eur. Suppl. 925 — 927 . Aesch. Sept. 587
{Welcher, ep. Cykl. 366, 111). Soph. El. 837.
Athen, 6 p. 232 f. Diogenes I. 4, 48. Agathar-
chides b. Photius Bibi. p. 443 b, 18 B. Mythogr.
gr. 374, 15. Dygin f. 73. Stat. Hieb. 7, 816
— 820, 8. So endet er in der Blüte seiner Jahre
Odyss. 15, 246. Von nun an waltet er als
göttlicher Prophet. Soph, Electr. 841 rr. Schol.
{Suid. s. v. Ttdgrpv^og) , Schol. Aesch. Sept. v.
589. Strabo 16 p. 762. Paus. 1, 34, 2 u. 5.
Xenoph. Cyneg. 1 , 8. Philostr. vit. Apoll. 2,
37, vgl. heroic. 680. Cic. de div. 1, 40. Vater.
Maxim, 8, 15, 3.
Die beiden Rosse Thoas und Dias stamm-
ten nach Stat. Theb. 4, 214. 6, 319 — 322 aus
Amyklai von Kyllaros, dem Rosse des Kastor,
(vgl. Antimachos b. Schol. Bind. Ol. 6, 21 {cod.
dßvGTtxzovs), Stoll, Antim. fr gm. 34), nach an-
deren waren sie von thessalischer Rasse {Schol.
Find. a. a. 0., Euphorion frgm. 19), bei dem
sie zur Quelle (hvaddsia entfliehen (vgl. Mei-
nehe, Anal. Al. p. 54). Ein Viergespann wird
erwähnt bei Soph. frgm. 870 cd. Nauch., Eur.
Suppl, 501, 927. Propert. 2, 25, 39 und fin-
det sich auf den betreffenden bildlichen Dar-
stellungen {Overh. Taf. 3, 5 ist nur ein Drei-
gespann erkennbar).
Die älteste Sage nennt die Gegend von
Theben als den Ort seiner Niederfahrt,
vgl. die Dichter von Homer Od. 15, 247 und
der Thebais an bis Pindar und Sophokles, ebenso
Hygin, Plin. nat. h. 16, 44, 87. Solin. c. 2, 8;
mit der Verpflanzung seines Kultus wandert
aber auch diese Sage. So erzählte man von
seiner Niederfahrt bei Oropos Schol. Pind. 6,
18, 22, 23. Tertull. de anim. 46. Nach tana-
gräischer Sage fand dieselbe bei Harm a in der
Nähe von Mykalessos statt {Paus. 1, 34, 2. 9,
9,4, Trisimachos bei Plut. parall. c. 6), das
seinen Namen von dem hier gebrochenen
und zurückgelassenen Wagen des Adrastos
erhielt (nach anderen vom Wagen des Am-
phiaraos, der leer hierhergeeilt, nachdem Am-
phiaraos in der Schlacht aus demselben ge-
299
Amphiaraos
Amphi araos
300
stürzt) Strabo 9, c. 404, vgl. Eustath. II. 2,
202, 31. Hermann, Gottd. Altt. § 13, 4; auch
das attische Harma hei Phyle wurde später
in diese Sage von der Flucht liineingezogen,
TJnger, Farad. Theb. p. 41, vgl. Bursian, Geogr.
1, 252. Auf seine Niederfahrt bei Oropos be-
zieht sich das Gemälde, das Philostrat. Imag.
1, 27 ( Eudolcia 23) beschreibt: Die beiden
weifsen Rosse in wilder Flucht, Amphiaraos
scheint ( Preller , Ber. d. sächs. Ges. 1852 S. 167).
Aus diesem Heiligtum erteilte Amphiaraos
auch den Epigonen den Orakelspruch (ein spä-
teres versificiertes Machwerk besafs das oro-
pische Paus. 1, 34, 3) Find. Pyth. 8, 55—78.
Hissen ad Find. p. 288 gegen Böckh , adnot.
p. 313 — 315. Welcher, ep. Cykl. 381, 1. Auch
bei Plutarch Arist. 19 u. de def. orac. 5 ist
wohl an dieses Heiligtum zu denken. Dasselbe
auf dem Wagen statt des Helmes die Infula io war vermutlich zwischen Potniai und Theben
auf dem Haupt, mit den verklärten Zügen des
Sehers, der gähnende Schlund mit dem Thore
der Träume sichtbar, Oropos als Jüngling dar-
gestellt. Der Wagenlenker wird nicht erwähnt,
vgl. Eur. Plioen.il 2. [Erhaltene bildliche Dar-
stellungen sind selten. Ein Sarkophagrelief
der Villa Panfili ( Matz - v. Huhn, Antike Bild-
werke in Rom No.' 3339. Overb. S. 148. Taf.
6, 9) zeigt Amphiaraos in voller Rüstung mit
in der Nähe des Ortes gelegen, wo Amphia-
raos nach thebanischer Sage von der Erde ver-
schlungen worden war. Noch Paus. 9,8,2
fand jenen Platz umfriedigt und mit Säulen
geziert vor , vgl. Schol. Trick Soph. Elect.
v. 838 ; Welcher, gr. Götti. 3, 296.
Ob das Heiligtum des Amphiaraos zu Kno-
p ia, von dessen Verlegung nach Oropos Strab.
9 c. 404 berichtet, mit dem genannten iden-
Helrn vornübergebeugt auf einem Zweigespann 20 tisch ist (so Preller, Ber. S. 167. Müller, Or-
fahrend; unter den Rossen eine weibliche Ge- chom. p. 475), bleibt zweifelhaft, vgl. TJnger,
stalt mit blofser Brust aus einer Felsspalte Farad. Theb. 162—170. 408 — 416. Welcher, a.
hervorragend. Auf einer etruskischen Aschen- Henkm. S. 174. Bursian, Geogr. 1, 200. Das
hochberühmte oropische,
schliefslich das einzige Ora-
kel des Amphiaraos, stand
in dem Bezirke von Psophis
( Strabo 9, A. 612. Suid. s.
v.), y2 Stunde vom Meere
entfernt (Bionys. ccvayg. p. 142
ed. Mein.), 1 ’/2 Stunde süd-
östlich von Oropos (irrige
Angabe b. Pausan. 1 , 34,
1) an der Strafse von Oro-
pos über Aphidnai nach Athen
(Hikaiarch p. 142 ed. Fuhr),
am linken Ufer eines was-
serreichen Baches (Liv. 45,
27), und war von bedeuten-
dem Umfange. Der Philo-
soph Menedemos weilte hier
längere Zeit (Biogen. L. 2,
142. Philol. 1854," 25). Lea-
kes Annahme N. Greece 2, 440,
dasselbe an die jetzt Mccv-
QoSr\\iGGi genannte Stelle zu
setzen, ist durch die dort vorgenommenen Aus-
grabungen bestätigt worden: Preller, Ber. 1852
Amphiaraos’ Niederfahrt, von e. etrusk. Ascheukiste (vgl. Overbeck, Bildw. z. theb.
u. troj. Heldenkr. S. 148).
kiste zieht eine Furie das Viergespann mit
Amphiaraos und Baton in den Erdschlund
(Overb. S. 148. Taf. 6, 8). Andere Darstellungen
S. 140 ff. mit Berichtigungen von Bursian, Ber.
(das herrliche Relief von Oropos Overb. Taf. 50 1859 S. 110; vgl. Geogr. 1, 220. Der aus
6 , 6 und das sog. Monochrom aus Herculaneum
ebend. Taf. 6 , 7).. sind jetzt richtiger als auf
die agonistische Übung des Apobaten bezüg-
lich gedeutet. Vgl. Koerte, Antike Sculpturen
aus Boiotien (Mitth. d. deutsch, arch. Inst, in
Athen Bd. II) S. 413 No. 193. Schreiber.]
Die älteste Verehrung des Amphiaraos
ist in der Gegend von Theben zu suchen.
Hier besafs er ein Traumorakel (AyguagdtsLov,
weifsem Marmor erbaute Tempel (Paus. 1, 34,
2) lag am linken Bachufer oberhalb des Ab
banges (Reste einer antiken Terrassenmauer
erkennbar) , das Stadion auf dem Abhange
selbst hart am Bache (die Seite gegen den-
selben durch eine Mauer gestützt) , das Te-
menos erstreckte sich auch auf das rechte
Ufer. Nach der Tradition der Oropier ver-
ehrte man ihn hier zuerst als Gott , als sol-
AyqnciQeiov), das noch zur Zeit des Mardonios 60 eher wird er auch Zeus ’A. genannt: Hikaiarch
in hohem Ansehen stand (Herod. 8, 134), später
aber durch das oropische in Vergessenheit ge-
riet. Den Thebanern selbst war die Befragung
desselben untersagt. Herod. a. a. O. Die reichen
Gaben des Kroisos, der es ebenfalls befragt
hatte, sah Ilerodot 1, 42 im Tempel des isme-
nischen Apollo, mit dem ein unmittelbarer
Kultuszusammenhang stattgefunden zu haben
a. a. 0., Preller, Mythol. 2, 362, 1. Welcher,
gr. Götterl. 3 , 296. ' Im Innern des Tempels
stand ein Marmorbild des Gottes: Paus. a. a. 0.
Sein Bild war dem des Asklepios ähnlich,
vgl. den Kopf auf einer oropischen Münze
Overb. S. 151, Taf. 6, 10. Der Hauptaltar hatte
5 Abteilungen, vou denen die erste dem
Zeus, Herakles und Apollo-Paion , die zweite
301 Amphiaraos
den Heroen und Heroinen, die dritte der Hestia,
dem Hermes, dem Amphiaraos und seinem
Sohne Amphilochos, die vierte der Aphrodite,
Panakeia, Iaso (Tochter des Amphiaraos [oder
Asklepios], Aristoph. Schol. Flut. 701. lies. s. v.),
Hvgieia und Athene Paeonia, die fünfte den
Nymphen, dem Pan, Acheloos und Kephissos
geweiht war, Paus. 1, 34, 2. Wer den Gott
befragen wollte, mufste auf diesem Altar zu-
3rst ihm und den übrigen Göttern ein
■nov darbringen (nachdem er sich 3 Tage des
Weines enthalten und einen vollen Tag ge-
fastet Philostr. vit. Apoll. 2, 37, 90) — alsdann
jinen Widder opfern, auf dessen Felle er hierauf
im Tempel schlief und die Offenbarungen des
3ottes im Traume erwartete, Paus. a. a. 0. § 3.
Ryperid., Iiede f. Euxenippos. Herrn., gottesd.
Alt. § 41 , 8. In der Nähe des Tempels be-
fand sich eine Quelle (’A. nriyff). Da Amphia-
:aos hier als Gott aus der Erde emporgestiegen
sein sollte, so war der Gebrauch derselben zu
gottesdienstlichen Verrichtungen verboten; da-
gegen erforderte die Sitte, dafs die durch die
iingebungen des Gottes Genesenen aus Dank-
barkeit Gold- oder Silbermünzen hineinwarfen,
Paus. a. a. 0.
Aufserdem werden noch die Bäder des Am-
bhiaraos ’AycpioiQocov oder Aficpiugsia)
genannt, eine von der genannten verschiedene
md nach Bursian ebenfalls innerhalb des hei-
igen Bezirkes liegende Quelle (vgl. Preller,
Ber. S. 185, 97. 148, 17. Antli. Pal. Epigr. d.
A rat. p. 490 Jac. Euphorion b. Steph. B. v.
ÜQcaTtoq. Meinelce, Anal. Al, p. 108) mit be-
;onders kühlem Wasser (Xen. Memor. 3, 13, 3.
irasistratos und Euenor b. Athen. 2 p. 46 c u. d.
Aristoph. frgm. ed Meinelce 2 p. 950). Die hohe
Bedeutung und Wirksamkeit dieser Heilanstalt
irsieht man aus C. I. Gr. 1570b.
Auch Festspiele fanden zu Ehren des Am-
bhiaraos (AyepnxQÜKx, C. I. Attic. 1171 u. 1177,
jen. ’Aggnsgdcov, 1174 u. 1198 ’Aycpngsicov, 1193
IgcpLcuQiCcov) in Oropos statt (Didymos b. Schol.
Find. Olymp. 7, 153). Sieger in den musischen
md gymnischen Spielen sind uns inschriftlich
bezeugt, Pittahis, ephem. archaeol. 1853 n. 1317
l. 1319. Preller, Ber. 1852 S. 150 u. Ber. 1854
3. 203 u. 204, wie auch Agonotheten für diese
Spiele. C.I.Att. 1171, 1173, 1174, 1177, 1193,
L198. Als Beamte des Tempels lernen wir
lufser dem isgsvs (C. I. Gr. 1570 a. Preller,
Ber. 1852 S. 158 n. 5, S. 167 n. 7) die ff qccq-
'cu und den ovlloysvq kennen, G. I. 1570 a.
Dafs das Amphiareion eine Art Staats-
irchiv für die Oropier war, geht namentlich
lus C. I. Gr. 1566 hervor. In betreff dieses Am-
bhiareions vgl. noch Preller, Ber. 1852 S. 145,
) u. 10. C. I. Att. 3, 25 u. 61 A. 1 Z. 13.
Philostr. vit. Apoll. 4, 24. Imag. 1, 27. Steph.
Byz. s. v. Kogong. Giern. Al. Protrept. 10 P.
Auch in Harma bei Mykalessos scheint ein
deiligtum gewesen zu sein; Stellen siehe bei
Unger (der Harma mit Knopia identifiziert)
x 164, desgleichen bei dem attischen Har-
na: Müller, Orchomenos S. 475. Eclcermann
Melamp. S. 66, vgl. Bursian, Geogr. 1, 252.
Beiden waren Aovtqu ’A. zugesellt : Eustatli.
II 2, 202, 31. Steph. Byz. s. v. "Agger, vgl.
Amphiaraos 302
Preller , Ber. d. sächs. Ges. d. W. 1852. S.
148, 17.
Sölin. 7, 24 (Pomp. Mela 2, 3, 6) erwähnt
ein fanurn Amphiarai in Ramne. Auch in
der Stadt Argos gab es ein Heiligtum des
Amphiaraos in der Nähe des Dionysos-
tempels und des Hauses des Adrast (Paus.
2, 23, 2), ferner ein von den Söhnen des
Tyndareos ihrem dvcipibq ’A. errichtetes He-
roon in Sparta, Paus. 3, 12, 4; ebenso hatte
er ein Heroon in Sykai, einer Vorstadt von
Byzanz, Hesych. Mil. frgm. 16, Frgm. histor.
Gr. 4, 148.
Sein Standbild befand sich in Athen neben
dem der Eirene, Paus. 1, 8, 2. In Delphi zeigte
man unter den Weihgeschenken der Argiver
aufser der Gruppe der 7 Führer (unter denen
Amphiaraos) auch den Wagen des Amphiaraos
mit Baton, ein Werk des Aristogeiton und Hy-
patodoros: Penis. 10, 10, 2. Welcher, a. Denkm.
S. 178, 11.
Abgesehen von der kyklischen Thebais, die
das meiste, was wir über Amphiaraos Teil-
nahme an dem Zuge gegen Theben wissen,
enthalten haben mufs, und den Thebaiden des
Antimachos von Kolophon, Antagoras von Rho-
dus, Menelaos von Aigai, des Ponticus Lyn-
ceus (Teuffel, li. L. 244, 3) und der des Sta-
tius, der vielfach von der Tradition ab weicht (bei
ihm kommt Amphiaraos zuerst, das Brüder-
paar zuletzt um, vgl. Welcher, hl. Sehr. S. 395 ff.)
und den erwähnten Tragödien des Aischylos
und Euripides, den Phoinissen des Strattis und
Aristophanes, der Septem des Amphis und Ale-
xis, in denen Amphiaraos eine gröfsere oder
geringere Rolle spielte, war Amphiaraos auch
der besondere Gegenstand dramatischer Poesie.
So schrieb Karkinos einen Amphiaraos (Nauch,
tr.gr.fr. 619), desgleichen Kleophon (Suid. s. v.),
Sophokles ein Satyrdrama gleichen Namens
(Nauch p. 122. Welcher, Nachtr. z. A. Tr. S. 287.
318. Eckermann, Mel. S. 56); Komödien gab es
von Aristophanes (Meinelce, frgm. com. 2, 2
p. 949 ff.) Apollodor (H. crit. p. 463). Philippides
(ib. p. 472; vgl. noch p. 167). Die römische
Tragödie eines Anonymos erwähnt Ribbech,
trag. rom. frgm. p. 364.
Amphiaraos gehörte zunächst als heil- und
sühnkräftiger Prophet den chtlionischen
Gottheiten und zwar wie Melampus dem
Kreise des Dionysos an. Als Lokalgott war
er kein anderer als Hades selbst, Suid. s. v.
’Ttd.yipv'ioq, Eckermann, Mel. S. 70. Darauf ist
wohl auch das Symbol des Wagens zu deuten,
das seinen Kultus stets begleitet (vgl. Ger-
hard, Mytli. § 436, 2 e. Müller, Orchom. S. 140).
Später tritt er dann gleich der Mehrzahl der
Melampodiden in den Kreis apollinischer
Mantik, weshalb wir ihn als Seher und als
Sohn des Apollo bezeichnet finden. Als Heil-
gott wird ihm ähnlich wie dem Asklepios die
Iaso beigesellt. Böotien, das eigentliche Land
der chtlionischen Götter und der Mantik, war
die Hauptstätte seines Kultus, der sich dann
nach Argos und über ganz Griechenland ver-
breitete, Paus. 1, 34, 2. Val. Max. 8 a. E.
Seinem Kult wurde später auch Fremdartiges
beigemischt; so soll Amphiaraos sich zuerst
303
Amphibia
Amphiktyon
304
der Bohnen enthalten haben, welche die Pytha-
goreer mieden: Didym. Geopon. 2, 35 p. 183.
Eckermann, Mel. S. 67. Die böotischen Orakel
mögen seine Persönlichkeit schon vor der dich-
terischen Ausbildung in den tbebiseben Sagen-
kreis aufgenommen und dadurch zur Ausdeh-
nung und Erweiterung seines Mythus beige-
tragen haben, Müller, Orchom, 222; auch die
Sage von seiner Aufnahme in die Unterwelt
scheint am Orakelorte selbst entstanden zu
sein, WelcJcer, ep. Cylcl. 2, 366. Jedenfalls
stand er zur Zeit des Säugers der The-
bais bereits in hohem Ansehen. Deshalb
spielt er jene bedeutende Rolle auf dem
Zuge gegen Theben, namentlich als Seher,
ohne den die Heere der Heroen nie auszogen.
Fast aus allen Zügen seines Mythus leuchtet
sein göttlicher Ursprung hervor, wie sich
derselbe auch bei seinem Ende zeigt, wo
er mit seinem Wagenlenker lebend in die
Tiefe fährt , während die übrigen Helden
vom Tode dahingerafft werden oder ent-
kommen; zu vergleichen ist die Sage von
lasion. Der Name ’AycpiaQuog selbst wird von
Welcher, Trilog. S. 164. Preller, Mythol. 2,
354 als der Beter (aggz-riQ) gedeutet, vergl.
Eckermann, Mel. S. 41, 2, von Pape-Benseler,
Wörterb. d. gr. Eigenn. 1 S. 78 als der Er-
flehte. Eine seltsame Ableitung giebt Ptole-
mäus Heph. bei Phot. bibl. 140 , A. 36 {My-
thogr. gr. p. 186, 27) : ozi ’A. sv.hqQ'g, snsi
äyq>co oi zrj g yyzQog yovsig rjQtxGavro ctvxrjv
avev t ehslv yoyov. Vgl. auch Fick, gr. Ei-
genn. S. 9, 9 u. 10, 103. [0. Wolff’.]
Amphibia (’AyepißCci) , Tochter des Pelops,
Gemahlin des Sthenelos, Mutter des Eurystheus,
Pherehydes bei Scliol. 11. 19, 116. Hesiod
a. a. 0. nannte sie Artibia, Tochter des Am-
phidamas ; bei Apollod. 2, 4, 5 heilst sie Ni-
kippe, Tochter des Pelops. [Stoll.]
AmpMdämas (’Aycpidayag) , 1) Arkader aus
Tegea, Sohn des Lykurgos und der Eleophile
oder Eurynome, Vater des Meilanion und der
Antimache [oder Admete (s. d.) R.], der Gemah-
lin des Eurystheus. Apollod. 3, 9, 2. [ G . I.
Gr. 5984 G. R.] Nach Hesiod bei Schol. II.
19, 116 war die Mutter des Eurystheus, Ge-
mahlin des Sthenelos , Artibia (nach andern
Antibia), eine Tochter des Amphidamas. Bei
Schol. II. 2, 603 ist der Stammbaum dieser :
Zeus, Arkas, Amphidamas, Aleos, Ankaios,
Agapenor; ibid. 609: Zeus, Arkas, Amphida-
mas, Lykurgos, Ankaios, Agapenor. Nach
Paus. 8, 4, 6 u. Ap. Pli. 1, 161 ff. (vgl. 2, 1046)
ist dagegen Amphidamas Sohn des Aleos und
somit Bruder des Lykurgos, des Eepheus und
der Auge, und selbst mit Eepheus und An-
kaios, den Söhnen des Lykurgos, ein Teil-
nehmer am Argonautenzug, womit auch Hyg.
f. 14 (der seine Mutter Kleobule nennt) über-
einstimmt. — 2) Sohn des ägyptischen Königs
Busiris, von Herakles mit diesem zugleich er-
schlagen, als sie ihn opfern wollten. Apollod. 2,
5, 11. Bei Schol. Ap. Eh. 4, 1396 heifst erlphida-
mas. — 8) Ein Held aus Skandeia auf Eythere,
Gastfreund des Molos, dem er den von Auto-
lykos empfangenen Helm des Amyntor schenkte,
welchen dann des Molos Sohn Meriones vor
-
Ilion trug. II. 10, 266 ff. — 4) Ein Eönig von
Chalkis auf Euböa, der gegen die Eretrier fiel
und zu dessen Andenken seine Söhne Spiele
stifteten, bei denen Hesiod (über Homer siegend)
den ersten Dichterpreis gewann, einen golde-
nen Dreifufs, welchen er den Musen vom He-
likon weihte. lies. Opp. 652 f. lies, et Hom.
certamen 3. 14. Flut. conv. sept. Sap. 10. —
5) Vater der Naupidame [Nausidame? R.],
io welche mit Helios den Augeias zeugte. Hy-
gin. f. 14. — 6) Vater des Elytonymos (oder
Eleisonymos , Eleonymos u. s. f. s. Heyne ,
not. ent. ad Apollod. a. a. 0.) in Opus, wel-
chen Patroklos als Eind erschlagen hatte. II.
23, 87 mit den Scholien und Schol. 12, 1. Apol-
lod. 3, 13, 8. In den Scholien heifst der Enabe
auch Aianes (s. d.) und Lysandros. — 7) Va-
ter der Harmothoe , der Gemahlin des Pan-
dareos. Schol. Od. 20, 96. — S) Einer der Hel-
20 den , die im trojanischen Pferde waren. Try-
pliiod. excicl. II. 182. [Stoll. |
AmpMdikos {’AyyCöiiio g), Sohn des Astakos,
ein tapfrer Thebaner, der 'in der Schlacht mit
den Sieben vor Theben, nach der Sage der
Thebaner, den Parthenopaios erlegte. Dies that
nach Euripides ( Phoen . 1160 ff.) und der ky-
klischen Thebais Periklymenos , der Sohn des
Poseidon. Apollod. 3, 6, 8. Paus. 9, 18, 4.
Pausanias nennt ihn Aspliodikos und sah
30 sein Grab bei Theben an der Oidipusquelle.
[Stoll.]
Ämpliklokos (’Aycpidoxog), Sohn des Orcho-
menös, Bruder des Aspledon und Elymenos.
Hesiod bei Eustath. p. 272, 18. Steph. Byz.
Aonlridcav. [Stoll.]
AmpMklos ('Agcpi-Aog), ein Trojaner, von
Meges getötet II. 16, 313. [Schultz.]
Amphiktyon (’AycpiHzvcov), 1) ein in das at-
tische Eönigsgeschlecht eingeschobener Auto-
40 chthon, der seinen Schwiegervater Eranaos, Eö-
nig von Athen, vertrieben und sich die Herrschaft
angemafst hatte, aber nach 10 Jahren von
Erichthonios wieder gestürzt wurde. Paus. 1,
2, 5. Apollod. 1, 7, 2. 3, 14, 6. Nach lustin
2, 6 lebte er zur Zeit der deukalionischen Flut,
gab der Stadt den Namen Athenai und weihte
sie der Athene. Von Apollodor (1, 7, 2) so-
wie von Eusebius, Chronic, fragm. G. • p. 118
ed. Scaligcr wird er Sohn des Deukalion und
50 der Pyrrha genannt und mit No. 2 identificiert.
Mit seinem Namen verknüpfen die Athener die
Einführung des Dionysoskultus von Eleutlierai
nach Athen. Pegasos soll von Eleutherai nach
Athen eingewandert und dort mit seinen bak-
chischen Heiligtümern von dem Eönig Am-
phiktyon freundlich aufgenommen, Dionysos
selbst von Amphiktyon bewirtet worden sein.
Paus. 1,2,4. 20, 2. 38, 8. Schol. Aristoph.
Acharn. p. 383. G. Der Name Pegasos , der
60 Quellmann, der Wassermann, deutet auf die
Mischung des Weines mit Wasser, welche Dio-
nysos den Amphiktyon gelehrt haben soll,
weshalb dieser ihm im Tempel der Horen einen
Altar' und daneben den Nymphen einen Tem-
pel weihte. Philochoros bei Athen. 2 p. 38 c u. d.
4 p. 179 e. Eustath. zu Homer 1815, 61. —
2) Der mythische Stifter der delphiscli-pyli
sehen Amphiktyonie, ein Sohn oder Enkel des
305 Amphilochos
Deukalion. Theopomp, bei Ilarpolr. s. v. Dio-
nys. Hai. Ant. 4, 25. Taus. 10, 8, 1. 2. Schol.
Eurip. Or. 1087. Marmor Ox. Ep. 8 p. 19.
21. Suid. u. Zonar, s. v. Er hatte bei Anthela
an den Thermopylen , einem Mittelpunkt der
Amphiktyonie , neben dem Heiligtum der De-
meter Amphiktyonis einen Tempel (. Herodot .
7, 200) und soll nach der parischen Chronik
in Thermopylai, nach Skymnos v. Chios (v. 587)
über die Lokrer geherrscht haben. Nach
Eustath. zu Horn. p. 277, 19 zeugte er mit
Chthonopatra den Physkos, den Vater des
Lokros; nach Steph. Byz. v. <Pvo/.og war Aito-
los der Sohn, Physkos der Enkel Amphiktyons.
Itonos wurde in Thessalien von Amphiktyon
erzeugt, Schol. Ap. Eli. 1, 551, vgl. Tzetz.
Lylc. 1206 S. No. 1. [Stoll.]
Amphilochos (’dpqpilo/og), 1) Sohn des Am-
phiaraos und der Eriphyle, aus Argos, jünge-
rer {Paus. 10, 10, 2) Bruder des Alkmaion.
Hom. Ocl. 15, 248. Als Amphiaraos (s. d.) von
Eriphyle in den Krieg gegen Theben und den
vorausgesehenen Tod geschickt wurde, trug ei-
sernen beiden Söhnen (oder dem Alkmaion
allein, wahrscheinlich weil Amphilochos noch
unmündig war , Diod. 4 , 65) auf, wenn sie
herangewachsen wären , seinen Tod an der
Mutter zu rächen. Apollod. 3, 6, 2. 7, 2. S.
Amphiaraos und Alkmaion. Den Muttermord
führte entweder Alkmaion allein aus oder mit
Amphilochos, Apollod. 3, 7, 5. Alkmaion allein
nach Asklepiades bei Schol. Ocl. 11. 326. Diod.
4, 65. Ilyy. f. 73, wahrscheinlich auch in dem
kyklischen. Epos Epigonen und in den Epigo-
nen des Äscliylos. In Sophokles’ Epigonen
(oder Eriphyle) stand ihm sein Bruder zur
Seite, wie Pylades dem Orestes. Welcher, ep.
Cylcl. 2 S. 345. Gr. Tray. 1 S. 270. 273. Am-
philochos zog mit seinem Bruder in den Krieg
gegen Theben. Apollod. 3, 7, 2. Schol. II. 4,
404. Taus. 2, 20, 4. in dem Verzeichnis der
Teilnehmer bei Hyy. f. 71 fehlt er. Die ky-
klischen Nostendichter machten ihn zum Teil-
nehmer des trojanischen Krieges, und so kommt
er unter die Freier der Helena ( Apollod . 3, 10,
8) und in das hölzerne Pferd {Quint. Sm. 12,
323). Nach Trojas Fall soll Amphilochos, als
Weissager mit Kalchas und Mopsos zusammen-
gebracht, an verschiedenen Orten der klein-
rsiatisclien Küste Städte und Orakel gegründet
naben. Nach Schol. II. 2, 135 blieben Kalchas
und Amphilochos, als die Sieger von Troja heim-
kehrten, zurück, weil ihnen die Schiffe nicht
nehr seetüchtig schienen, und zogen zu Land
von Troja weg. Oder sie blieben beide zu-
rück, da sie als Seher das Verderben der grie-
chischen Flotte an den kaphareischen Felsen
.'Oraussahen ; „denn beiden war es bestimmt,
'.u den Städten Pamphyliens und Kilikiens zu
Icommen.“ Quint. Sm. 14, 360 ff. Sie kamen
iach Klaros bei Kolophon, wo Kalchas starb
ms Gram, dafs der Weissager Mopsos ihn be-
legt hatte. Strab. 14 p. 642. Nach Kalliuos
■sollen darauf die Leute des Kalchas mit Mo-
jsos über den Taurus gegangen und zum Teil
n Pamphylien geblieben, zum Teil sich in
filikien und Syrien zerstreut haben, Strab. 14
i. 668. Sophokles verlegte den Seherstreit
Amphilochos 306
des Kalchas und Mopsos und den Tod des Kal-
chas, wie auch andere thaten, nach Kilikien,
indem er es Pamphylien nannte. Strab. 14
p. 675. Pamphylien und Kilikien, Stammsitze
semitischer Nationen, waren ein rechtes Prophe-
tenland, weshalb die Griechen bei zunehmen-
der Hellenisierung dieser Gegenden auch ihre
Propheten hierher gelangen liefsen. Die Pam-
phylier leitet Herodot. 7, 91 von dem mit Kal-
lo chas und Amphilochos aus Troja gekommenen
Volke ab. Vgl. Strab. 14 p. 668. Quint. Sm.
14, 367. Die Stadt Poseideion an der Grenze
von Kilikien und Syrien nennt Herod. 3, 91
eine Gründung des Amphilochos. Zu Mallos
in Kilikien hatte Amphilochos ein berühmtes
Orakel (yccvxdov äipsvdioxuxov xcov in iyov,
Paus. 1, 34, 2). Es galt als eine gemeinschaft-
liche Gründung des Mopsos und Amphilochos.
Strab. 14 p. 675, vgl. Cic. de divin. 1, 40, 88.
20 Nach der Gründung ging, wie Strab. 14 p. 676
erzählt, Amphilochos nach Argos, kehrte aber,
da ihm die dortigen Verhältnisse nicht gefielen,
nach Mallos zurück , und da Mopsos ihm den
Anteil an dem Orakel verweigerte, gerieten
sie in einen Zweikampf, in welchem beide
fielen. Ihre Gräber bei Megarsa am Flusse Py-
ramos waren feindlich geschieden, man konnte
von dem einen aus das andere nicht sehen.
Vgl. Lykophr. 439 ff. Tzetz. zu Lyh. 439. 440.
30 444. 980. Lukian. Alex. 29. Deor. cqncil. 12.
Eupliorion bei Meinehe, Anal. 90. Über das
Orakel zu Mallos G. Wolff, de noviss. orac. aet.
30. Vgl. Preller, gr. Myth. 2 S. 481 ff. Nach
Hesiod b. Strab. 14 p. 676 ward Amphilochos
von Apollon bei Soloi getötet. Selbst in Spa-
nien glaubte man an eine Einwanderung des
Sehers Amphilochos. Strab. 3 p. 157. Justin.
44 , 3. Nach Thukyd. 2 , 68 (vgl. Strab. 7
p. 326. 10 p. 462. Paus. 2, 18, 4) kehrte Am-
40 philochos von Troja nach Argos zurück und
begab sich dann, unzufrieden mit den dortigen
Verhältnissen, nach Akarnanien, wo er Argos
Amphilochikon gründete. Vgl. No. 2. Amphi-
lochos hatte ein Heroon zu Sparta, Paus. 3,
15, 6; in Athen einen Altar, Paus. 1, 34, 2.
In Oropos wurden er und seine Kinder neben
Amphiaraos verehrt , Paus. 1. 34, 2. S. Alk-
maion. — 2) Sohn des Alkmaion und der Manto,
der Tochter des Teiresias, s. Alkmaion. Er
50 gilt für den Erbauer von Argos Ampliilochi-
kon in Akarnanien, dessen Gründung übrigens
auch seinem Vater Alkmaion und dem Amphi-
lochos No. 1 zugeschrieben wird. Apollod. 3,
7, 7. Tzetz. Lykophr. 440. 980, wo auch in
anderer Beziehung die beiden Amphilochos ver-
wechselt werden. Von väterlicher wie mütter-
licher Seite vongrofsen Sehern abstammend, von
dem Melampodideu Amphiaraos und von Tei-
resias, wurde er, selbst ein Seher, als der
oo Stammvater der ätolischen und der akarnani-
schen Sehergeschlechter angesehen. Aristid.
1 p. 77. Melampodideu in Akarnanien, dessen
Seher vor allen berühmt waren {Paus. 9, 31,
.4. Lübeck, Aylaoph. 310), werden erwähnt He-
rodot. 7, 221. S. Preller , gr. Mythol. 2 S. 369 f.
— fl) Sohn des Dryas, Gemahls der Alkinoe,
einer Tochter des Korinthiers Polybos. Par-
titen. Erot. 27. [Stoll.]
307
'Aiupiloyica
Amphion
308
’Afitpikoyiai , personificierfce Wortstreite-
reien, Töchter der Eris, lies. Tlieog. 229. Braun,
gr. Götter! § 261. 267. [Stoll.]
AmpliiinäcllOS (Agcpigaxo?) , 1) Sohn des
Elektryon, Königs von Mykene, und der Anaxo,
des Alkaios Tochter, Bruder der Älkmene, der
mit seinen Brüdern im Kampfe mit den Söh-
nen des Pterelaos, welche des Vaters Rinder
wegtreiben wollten, umkam. Apollod. 2, 4,
5. 6. — 2) Sohn des Kteatos und der Thero- io
nike, Freier der Helena ( Apollod . 3, 10, 8.
Hygin. f. 81), Enkel des Aktor oder des Po-
seidon (II. 13, 185. 206), einer der Anführer
der Epeier vor Troja (11. 2, 620 u. Scho! Hyg.
f. 97), von Hektor erlegt, I! 13, 185. Paus.
5, 3, 4. Aristot. Pep! 31 (Rergk). — 3) Sohn
des Polyxenos , eines Führers der Epeier vor
Troja (II. 2, 623), der seinem Sohne, welcher
ihm nach der Heimkehr von Troja geboren
wurde, aus Liebe zu seinem gefallenem Freunde 20
Amphimachos No. 2 dessen Namen beilegte.
Sein Sohn war Eleios. Paus. 5, 3, 4. — 4)
Sohn des Nomion, der mit seinem Bruder
Nastes die Karer den Trojanern zu Hilfe führte,
aber von Achilleus in den Skamander gestürzt
ward. II. 2, 870 f. u. Scho! Quint. Sm. 1, 281.
Auson. Epigr. 17. — 5) Ein Grieche, der im
trojanischen Pferde war. Quint. Smyrn. 12,
325. — 6) Amphimachos und Donakinos fan-
den die im Gebiete von Schoinus gelandeten 30
Leichen der Ino und des Palaimon und brach-
ten sie nach Korinth zu Sisyphos. Tzetz. Ly-
Ttophr. 107. 229. Eudoc. p. 238. [Stoll.]
Auiphiiuaros (AgcpCyugo g), Sohn des Posei-
don , zeugte mit Urania den Linos. Paus. 9,
29, 3. Vgl. Eustath. p. 1163, 62. [Stoll.]
Amphimedoii (’Acptytdcav), 1) Ithakesier, Sohn
des Melaneus, bei welchem sich Agamemnon
als Gastfreund aufhielt, als er den Odysseus
zum Zuge nach Troja aufforderte. Als Freier 40
der Penelope wurde er von Telemachos er-
schlagen. Od. 22, 284. 24, 103. 115. — 2) Ein
Libyer, Genosse des Pliineus, bei der Hochzeit
des Perseus getötet. Ovül. Met. 5 , 75. — 8)
Trojaner, von dem Lokrer Aias erlegt. Quint.
Smyrn. 13, 211. [Stoll.]
Ampliinöme (’Aycpivöfig) , 1) eine der Ne-
reiden. I! 18, 44. Eustatli. p. 1130, 10. Hyg.
praef. — 2) Mutter des Iason, Gemahlin des
Aison, welche, als Pelias das ganze Geschlecht so
des Iason vertilgen wollte, sich selbst tötete,
nachdem sie den Pelias an seinem eigenen
Herde verflucht hatte. Hiod. 4, 50, Vgl. Apoll.
1, 9, 27. Dieser nennt sie (1, 9, 16) Polymede,
Apoll. Rh. (1, 45 ff.) Alkimede. S. Aison und
Iason. — 8) Tochter des Pelias, von Iason mit
Andraimon vermählt. Hiod. 4, 53. — 1) Mutter
des Böotiers Harpalion, welchen Aineias vor
Troja erlegte, Gemahlin des Arizelos. Quint.
Smyrn. 10, 75. [Stoll.] eo
Ampliinomos (’Aycpivoyos), 1) Sohn des Ni-
sos aus Dulichion, Freier der Penelope, von
Telemachos erlegt. Od. 16, 394. 18, 395. 412.
22, 89. Strab. 7 p. 328. — 2) Vater der Thy- ■
ria, mit welcher Apollon den Kyknos zeugte.
Ant. Lib. 12. — 3) Ein Trojaner, von Neo-
ptolemos erschlagen. Quint. Smyrn. 10, 88. —
4) Nach Pherekydes einer von den Gefährten
des Odysseus , welche von der Skylla ver-
schlungen wurden. Scho! Od. 12, 257. [Stoll.]
Amphion (’Agrpioiv), 1) Sohn des Zeus und
der Antiope (s. d.), einer Tochter des Asopos
oder des Nykteus, Königs in Ilyria oder in
dem an der Nordseite des Kithairon gelegenen
Hysiai (Müller, Orchom. S. 99. Stark, Niobe
361 f. Preller, gr. Myth. 2 S. 30), Zwillings-
bruder des Zethos. Vgl .Horn. Od. 11,260. Apol-
lod. 3, 10, 1. Paus. 2,6,2. Ap. Rh. 1, 735 und
Scholiast, der fälschlich zwei Antiopen an-
nimmt, Tochter des Nykteus und Tochter des
Asopos, und diese zur Mutter der Zwillingsbrüder
macht. An den Kithairon (vgl. über dessen Be-
deutung in der griechischen Mythenwelt Stark
a. a. O. S. 364. 387) und seine Umgebung sind
besonders die Sagen von Antiope und der
Jugend ihrer Kinder geknüpft. Im Kithairon
war ihr wegen ihrer Schönheit (Paus. 2, 6, 2.
Ap. Rh. 4, 1090. Hygin. f. 8. Proper! 1, 4, 5;
ihr Bild war von den Sikyoniern in den Tempel
der Aphrodite gestellt, wie eines der Helena,
Paris. 2, 10, 4) Zeus genaht, und zwar in Gestalt
eines Satyrs, was vielleicht zuerst von Euripi-
des in seiner Tragödie Antiope gedichtet war
(Stark S. 365). Scho! Ap. Rh. 4, 1090. Ovid.
Met. 6, 110. Stat. Theb. 9, 423. Mythogr.
Vat. 1, 204. Io. Mala! p. 49. Georg. Oedr. 1
p. 44. S. Welcher, gr. Trag. 2 S. 817, der
S. 811: — 828 die Antiope des Euripides be-
spricht. Vgl. Valckenaer Hiatr. c. 7. 8 p. 58 —
— 87. Ilcyne, Antiqu. Aufs. 2 S. 206 — 212.
NaucJc , fragm. trag. Graec. p. 326 sqq. Preller,
gr. Myth. 2 S. 32. Den Inhalt der euripide-
ischen Tragödie, welche Ennius nachgebildet
hat (0. Ribbeck, Tragic. lat. reliqu. p. 279)
giebt Hygin. f. 8 folgendermafsen : Antiope,
die Tochter des Nykteus, wurde wegen ihrer
Schönheit von Zeus geschwächt. Da der Vater
sie deswegen strafen wollte, entfloh sie und
traf zufällig mit Epopeus (Hygin schreibt Epa-
phus für Epopeus, wie auch sonst die römi-
schen Grammatiker, z. B. Scho! Stat. Theb. u.
Mythogr. Vatic .), dem König von Sikyon zu-
sammen, der sie mit sich nach Hause nahm
und heiratete. (Oder sie floh direkt nach Sikyon
zu Epopeus und heiratete ihn, Apollod. 3, 5, 5
vgl. Scho! Ap. Rh. 4, 1090). Nykteus starb
aus Gram und Zorn (oder tötete sich selbst,
Apollod.), beschwor aber sterbend seinen Bruder
Lykos, dem er die Herrschaft hinterliefs, dafs
er Antiope (und Epopeus) bestrafe. Lykos zog
gegen Sikyon, tötete den Epopeus und führte
Antiope in Fesseln mit sich fort. Im Kithai-
ron (bei Eleutherai, Apollod.) gebar Antiope
Zwillinge und liefs sie dort zurück. (Nach
Scho l. Ap. Rh. hatte sie schon vor dem Kriegs-
zug des Lykos gegen Sikyon die Zwillinge ge-
boren und im Kithairon bei einem Hirten aus-
gesetzt). Ein Hirte (ein Höriger des Pandio-
niden Oineus, wohnhaft zu Eleutherai am Nord-
abhang des Kithäron, Dio Ghrys. 15 p. 447,
ohne Zweifel nach Euripides) zog die Knaben
auf und nannte sie Zethos und Amphion. Ly-
kos übergab Antiope seiner Gemahlin Dirke
zur Peinigung (Lykos und Dirke peinigen sie
in Gemeinschaft, Apollod.)-, aber sie entflieht
später bei günstiger Gelegenheit (die Fesseln
309* Amphion
waren ihr von selbst abgefallen, jedenfalls auf
Veranstaltung des Zeus, Apollod.) und kommt
in dem Kitliairon zufällig zu dem Gehöfte, wo
ihre indes herangewachsenen Söhne wohnten.
Zethos hält die um Schutz Flehende für eine
flüchtige Sklavin und weist sie zurück. Unter-
dessen kam Dirke , welche als Bakekantin
mit andern Frauen im Ivithairon umher-
schwärmte, zu demselben Gehöfte, fand An-
tiope und schleppte sie fort, um sie zu töten. 10
(Dirke übergab sie ihren Söhnen, um sie zu
töten, Schul. Ap. Rh.). Da entdeckte der Hirt
den Jünglingen, dafs Antiope ihre Mutter sei.
Sie eilen der Dirke nach und entreifsen ihr
die Mutter; die Dirke aber binden sie mit den
Haaren an die Hörner eines Stieres und töten
sie so. Da sie im Begriffe waren, auch den
Lykos (welchen sie unter dem Vorwand her-
beigerufen, ihm die Antiope übergeben zu wol-
len, Schol. Ap. Eh.) zu töten, verbot es ihnen 20
Hermes, der dem Lykos befahl, die Herrschaft
dem Amphion abzutreten (nach Apollodor töten
sie ihn). So die Erzählung bei liygin. f. 8,
womit im allgemeinen Apollodor und Schol.
Ap. Eh. a. a. 0. übereinstimmen. Nach Paus.
2, 6, 2 hatte Epopeus des Nykteus Tochter aus
Theben geraubt. Nykteus zog gegen Sikyou,
wurde in einer Schlacht besiegt und auf den
Tod verwundet. Sterbend übertrug er seinem
Bruder Lykos die Rache. Da aber Epopeus 30
unterdessen ebenfalls an einer in der Schlacht
empfangenen Wunde gestorben war, so war
Lykos des Kriegs überhoben; denn Lamedon,
der Nachfolger des Epopeus, lieferte freiwillig
die Antiope aus. Auf dem Wege nach The-
ben gebar sie die Zwillinge. Als den Ort, wo
Antiope die Knaben niederlegte, nennt Paus.
1, 38, 9 eine Grotte bei Eleutherai; in deren
Nähe war eine kalte Quelle, in welcher der
Hirte die Knaben wusch, liygin. f. 7 giebt 10
uns noch eine andere Version der Sage : Antiope,
des Nykteus Tochter, war des Lykos Gemah-
lin und wurde von ihm, da Epopeus ihr heim-
lich beigewohnt, verstofsen, worauf Zeus ihr
nahte. Lykos heiratete jetzt die Dirke, und
da diese Verdacht hatte, dafs ihr Gemahl heim-
lich noch die Antiope liebte, liefs sie dieselbe
durch ihren Diener fesseln und einkerkern.
Als die Zeit ihrer Geburt nahte, entfloh An-
tiope mit dem Willen des Zeus in den Kithai- 50
ron, wo sie eine Stätte zur Niederkunft suchte
und an einem Zweiwege gebar. Deshalb be-
nannten die Hirten, welche die Knaben wie
ihre Kinder aufzogen, den Zethos ctn'o zov £1 p
zslv z 07tov und den Amphion ozt sv 8io8co r)
ozl dficpl bSov avzov irii isv. Ebenso Euripi-
des: nccQa zb nctQa zrjv aycpoSov ’r'iyovv naget
zo apcpl zr\v bSov yevvri&rjvcu (Fr. 182 bei
Nauck, fragm. trag. gr. p. 328) und Zethos
von 'Qyztiv (vgl. 184). Et. M. p. 92, 27. Art- 60
stoph. fr. 304. S. Stark S. 3G7, der den Namen
Amphion von der Doppelseitigkeit der Brüder
und Zethos von fs co herleitet. Eifersucht der
Dirke gegen Antiope bei ihrer Peinigung neh-
men auch an Propert. 3 , 15. Lutat. zu Stat.
Titelt. 4, 570. Mythogr. Vat. 1, 97. 2, 74. Epi-
gramm v. Kyzik. 7. Nach Schol. Eurip. Phoen.
102 wurde Antiope von Dirke dem Zethos und
Amphion 310
Amphion, welche auf einem Gehöfte der Dirke
aufgewachsen und daher ihre Diener waren,
übergeben, damit diese sie durch Stiere zer-
reifsen (dheionctoca) liefsen, weshalb Dirke her-
nach derselben Strafe verfällt. Wahrschein-
lich erlitt auch bei Euripides Dirke die de:-
Antiope zugedachte Strafe durch die Zwillings-
brüder, indem sie von einem wilden Stier
zu Tode geschleift wurde. Welcher S. 825.
Die Scene , wie Dirke von den beiden Brü-
dern zur Strafe an den Stier gebunden wird,
ist dargestellt in der berühmten Kolossal-
gruppe in Neapel, dem sogen. Farnesischen
Stier (toro Farnese), gearbeitet von den tral-
lianischen Künstlern Apollonios und Tauriskos,
Plin. 36, 4, 10. Winckeltnann, W. 6, 1 S. 128 ff.
(vgl. 2 S. 233). 7 S. 190. Heyne, antiquar.
Aufs. 2 S. 182. Welcher, alte Dcnkm. 1 S. 352 ff.
0. Jahn in der archäol. Zeitung 1853, n. 56 f.
vgl. 11. 58. Müller, Handb. d. Arch. § 157.
Denkm. d. a. K. l, Taf. 47 , n. 215 a. Over-
beck, Gesell, d. griech. Plastik 2 S. 240 ff. Die-
selbe Gruppe auf einer Münze von Thyateira
(Eckhel, N. aneccl. tb. 15, 1, vgl. J). N. 3 p. 91.
122. Müller a. a. 0. n. 215 b) und auf Reliefs
etruskischer Totenkisten (archäolog. Zeitung
1852, S. 502 f.). Eine freiere Nachbildung die-
ser Gruppe auf einer Gemme bei Millin Gail,
myth. pl. 140, n. 514. Müllern,, a. 0. n. 215c,*)
Dirke wurde von Zethos und Amphion in die
gleichnamige Quelle geworfen (Apollod. 3, 5, 5.
Paus. 9, 25, 3) oder von Dionysos, dessen Ba-
kchantin sie war (Paus. 9, 17, 4), in diese Quelle
verwandelt. Hyg. f. 7. Eine Quelle Dirke war
im Kithairon, der bei Stat. Theb. 9, 678 ff.
mons THrcaeus heilst, Preller , gr. Myth. 2 S.
33. Stark, Niobe S. 365. Bekannter ist die
Quelle Dirke bei Theben, von der dieselbe
Sage gilt. Stellensammlung über Dirke bei
Unger, Theb. Paradox, p. 82 — 103. Antiope
ward von dem durch den Tod der Dirke er-
zürnten Dionysos in Wahnsinn versetzt und
schweifte umher, bis Phokos in Titkorea sie
heilte und heiratete. Hier starb sie und ruhte
mit Phokos in gemeinsamem Grab. Paus. 9,
17, 4. 10, 32, 7. Den Lykos versetzte Posei-
don auf die Seligen Inseln. Apollod. 3, 10,
1 , s. Stark, Niobe 393. — In der Stille des
Landlebens hatten die Zwillingsbrüder sich zu
zwei ganz verschiedenen Charakteren heraus-
gebildet. Zethos war kräftig, rauh und harten
Sinnes (Horaz nennt ihn severus, Properz du-
rus, Seneca trux) und der Jagd und Vieh-
zucht ergeben, Amphion dagegen, von weiche-
rem und zarterem Gemüt (mollis, Properz),
liebte Gesang und Saitenspiel, ein Gegensatz,
der von Euripides in der Antiope und von
anderen Schriftstellern so entwickelt ward, dafs
sie zu Vertretern des musischen und banausi-
schen, des philosophischen uud praktischen
Sinnes und Lebens geworden sind : Eubul. bei
Athen. 2 p. 47, vgl. 8 p. 351 B. Apollod. 3,
5, 5. Au et. ad llerenn. 2, 27, 43. Cie. de inv.
1, 50, 94. de or. 2, 37, 155. de rep. 1, 18, 30.
Verg. Ed. 2 , 23 und Serv. Lutat. zu Stat.
*) Andere Monumente sind publiciert von Dilthey,
Archäol. Zeitung 1878 Taf. 7 — 9. [Schreiber]
311 Amphion
Amphion 3 12
Achill. 1, 13. Horat. Ep. 1, 18, 41. Propert.
3, 15, 19. 41. Senec. Here. für. 916. Dio Chrys.
or. 73 extr. S. Welcher, gr. Trag. 2 S. 818 —
823. Auch in der Gruppe des farnesischen
Stieres ist der Kontrast im Charakter der
Brüder sichtbar. [Noch deutlicher ist er an-
gegeben in dem schönen Relief des Palazzo
Spada, wo Zethos als rüstiger Jäger, Amphion
als Freund des Leierspiels fein charakterisiert
wird (Matz-Buhn, Antike Bildwerke in Rom
No. 3565. Braun , Zwölf antike Basreliefs Taf.
3. Schreiber]. Asios in den Versen bei Baus.
2, 6, 2 scheint den Amphion als Sohn des
Zeus, den Zethos als Sohn des menschlichen
Epopeus anzunehmen (das gleiche Verhältnis
bei Kastor und Polydeukes), und darin schei-
nen ihm manche von den Späteren gefolgt
zu sein. Das musikalische Wesen, das auch
in den Dioskuren von
Sparta vorausgesetzt
wird, aber wenig ent-
wickelt ist ( Theo -
krit. Id. 22, 24 ruft
sie an als Imtrjeg, v.i-
üaQiGuxl , ds&lrjTrj-
q eg, doiSoi), tritt bei
Amphion (dem böo-
tisclien Dioskuren)
ganz besonders her-
vor. Er war berühmt
unter den mythi-
schen Sängern und
Musikern, wurde ne-
ben Thamyris , Or-
pheus und Linos ge-
stellt und galt wohl
auch für den älte-
sten Sänger, den Her-
mes mit der Leier
beschenkte und das
Spiel lehrte , der
Tiere und Steine mit
sich fortrifs. SoEu-
melos in der Euro-
pia und der Verfas-
ser der Minyas bei
Baus. 9,5,4. In
den alten musika-
lischen Überlieferun-
gen von Sikyon war
Amphion an die
Spitze der Kitharö-
den gestellt, Plut.
de music. c. 3 p.
1132. Myro (Baus. ,
a. a. 0.) sagte, dafs
Amphion von Her-
mes mit der Leier
beschenkt worden
sei, weil er ihm zu-
erst einen Altar (al-
so einen Kultus) ge-
gründet habe. Vgl.
Panyasis und Alexan-
der Aitolos bei Bro-
bus ad Verg. Ecl. 2,
24, wo zu schreiben:
quod primus ei aram
dedicaverit oder (ju.
pr. ei in ara libave-
rit ( Meineke , Anal.
p. 251). Auf Hermes
wird gewöhnlich die
Kitharödik des Am-
phion zurückgeführt (vgl. Apollod. 3,5,5. Scliol.
Eurip. Bhoen. 115. Horat. Carm. 3,11, 1. Lutat.
ad Stat. Theb. 1, 10. Achill. 3, 11. Blin. N. H.
7, 56, 204. Stark, Niobe S. 373 f. über Am-
phions Stellung zu Hermes) , oder auch auf
Zeus (Eustath. Od. 11, 262. Herakleides bei
Amphion u. Zethos, Relief des Pal. Spada (nach Braun , Zwölf antilce Basrel. Taf. 3).
I
ä
i[i
JJ'
m
i
[s
:
-
.
'
:
:
:
i
£
.
:
.
i
313 Amphion Amphion 314
Vlut. de inusic. 3. Eudoc. Viol. p. 18), oder
ruf' die Musen ( Pherclcydes und Armenidas b.
Schol. Ap.Rh. 1, 740. tichol. Hom.il. 13,301),
ober auf Apollon erst spät; erst Dioskorides,
sin jüngerer Epigramm endichter, läfst den Am-
ohion die Leier von Apollon erhalten, und die
späteren Rhetoren wie die Byzantiner schlie-
ßen sich dann an. Schol. Ap. Rh. 1 , 740.
Menand. n. eniöeiy.z. IG p. 327, 12. Eustath.
Od. 11, 2G2. Eudoc. p. 18. Iul. Valer. de reb. to
■fest. Alex. 1, 66. — Der Mythus von Zetlios
and Amphion haftet an verschiedenen Or-
ien Böotiens und der Nachbarschaft, konzen-
triert sich aber zuletzt auf Theben. Euri-
oides in der Antiope nimmt Hysiai als Wohn-
art des Nykteus und Ly kos an; bei Äpollod.
}, 5, 5. 7 wohnten Nykteus und Lykos, von
Euböa flüchtig, in Hyria, von wo aus Lykos
len Laios in Theben der Herrschaft beraubte;
3r wurde von den Thebanern zum Kriegs- 20
Fürsten (noleyixgxog) erwählt und nach einer
Herrschaft von 20 Jahren von Zethos und Am-
phion, nachdem sie die Dirke bestraft hatten,
jetötet, worauf diese selbst sich zu Herren der
Stadt machten. Nach ihrem Tode wird Laios
König. Nach Paus. 9, 5, 2. 3. 5 ist Nykteus
während der Minderjährigkeit des Labdakos
König in Theben , und nach ihm wird Lykos
Vormund des Labdakos und darauf des Laios.
Zethos und Amphion besiegen den Lykos in 30
ainer Schlacht und nehmen dem Laios die
Herrschaft. Nach Pherekycles bei Schol. Ap.
Eh. 1, 735 ummauerten Zethos und Amphion
f heben, um es gegen die Phlegyer zu schützen,
welche dem damaligen König Kadmos feind-
selig waren. Nach Syncell. p. 15 7. Euseb.
p. 29 n. 632 verjagen sie diesen. Polydoros,
les Kadmos Sohn, vertreibt sie wieder, Diod.
L9, 53. Vor der thebanischen Herrschaft safsen
sie in Eutresis bei Thespiai, das sie ummauer- 40
en, Strabo 9 ja. 411. Steph. Byz. v. Evzgyoig.
Eustath. II. 2, 502. So werden die Mitglieder
lieses kriegerischen Geschlechtes von Hyria
m verschiedenen Stellen in das thebanische
Königsgeschlecht der Kadmiden eingeschoben;
sie unterbrechen es als Usurpatoren der Herr-
schaft und bilden als Kriegsfürsten ( nolsycig -
(oi) einen Gegensatz gegen das priesterliche
Königtum ( ßaailsig ) der Kadmiden. EineVer-
jindung des amphionischen Geschlechtes mit 50
len Kadmiden findet nicht statt. S. Müller,
Orchotn. S. 99. 227 ff. Andere lassen noch vor
Kadmos den Zethos u. Amphion in Theben sitzen
and die Stadt zum Schutz gegen die räube-
•ischen Phlegyer ummauern. Nach ihrem Tode
.cam der Phlegyerkönig Eurymaclios heran und
verstörte Theben. Die Stadt lag verödet bis zur
Ankunft des Kadmos, der sie auf's neue aufbaute.
Schol. II. 13, 301. Eustath. Od. 11, 262. Müller,
Orchom. S. 191. — Allgemeiai bekannt ist die GO
Befestigung Thebens durch Zethos u. Amphioia.
Hom. Od. 11, 262 sagt, dafs beide zuerst
len Sitz des siebenthorigen Thebeais gründe-
'en und ummauerten, da sie, obgleich stai-k,
lie Stadt nicht ohne Mauern und Türme be-
vohnen konnten. Die Unterstadt Theben ( f]
lato) 710hg, 'TjTo&rißri oder auch ©rißg) wurde
ron den Brüdern ummauert, als Neustadt zu
der von Kadmos erbauten Burg Kadmeia, Paus.
2, 6, 2. 9, 5, 3. Homer sagt nichts von der
anusischen Kunst des Amphioai und der Zu-
sammenfügung der Mauern durch seine Leier.
Schon Hesiod , der böotische Sänger-, soll nach
Palaepli. 42 erzählt haben , dafs Zethos und
Amphion die Mauer voia Theben durch die
Kithara erbaut hätten (lies. fr. 204. Lehrs).
Auch Eumelos in der Europia hatte davon
berichtet, Paus. 9, 5, 4. Die weitere Sage bringt
auch in diesen Mauerbau den Gegensatz der
Brüder: während der rauhe und starke Zethos
die Steinblöcke mit gewaltiger Kraft zur
Mauer auftürmte, setzte Amphion an seiner Bau-
stelle die Steine, und noch gröfsere, ohne Aaa-
strengung durch seiaae Laute in Bewegung,
ein Gegensatz , wie wir ihn auch zwischen
Poseidon und Apolloaa bei dem trojanischen
Mauerbau seheai. Ap. Rh. 1, 735. Über den
Mauerbau von Theben s. Apollod. 3, 5, 5. Schol.
Ap. Rh. 1, 740. 763. Schol. Eurip. Phoen. 116.
Tzetz. Lylc. 436. 598. 1209. Hygin. f. 9. Ho-
rat. Od. 3, 11, 2. Ars poet. 394. Propert. 1,
9, 10. Ovid. Met. 6, 178. Senec. Here. für.
262 f. 915. Phoen. 566 ff. Stat. Silv. 2, 2, 60 ff.
Theb. 4, 357 ff. und sonst. Plut. de princ. 5.
Nonn. Dionys. 25, 415 ff. Unger Hieb. Parad.
c. 2. 3. Die Stadt erhielt 7 Thore, weil die
Leier Amphions 7 Saiten hatte ( Eustath . Od.
11, 263), und Amphion benannte die Thore
nach deia Namen seiner Töchter, Hygin. f. 69,
doch stimmen die angeführten Namen der
Töchter nicht mit denen der Thore, s. Stark,
Niobe S. 381 ff. Auch die Bewohaaer von Epi-
damiaos rühmten sich von Amphion erbauter
Mauern (Stellen bei Unger, Theb. Parad. 1, 3
p. 43 — 52), und eine athenische Inschrift einer
treffiicheir Mauer stellt die zauberische Sanges-
kunst des Amphion uaad Ivyklopenhände zu-
sammen. Göttling in Ber. d. K. S. Ges. der
Wiss. 1853 Mai. Stark, Niobe S. 376. — In
Theben vermählte sich Zethos mit Thebe (Apol-
lod. 3 , 5 , 6) oder Niobe (Schol. II. 24 , 602)
oder mit Aedon und starb aus Trauer , als
diese durch eine unglückliche Verwechselung
ihren eigenen Sohn getötet hatte , s. Aedon.
Amphion heiratete Niobe , die Tochter des
Tantalos. Dies ist vielleicht schon seit He-
siod (s. Apollod. 3, 5, 6), entschieden aber seit
Pherekydes von Lei-os die herrschende Angabe
(Stark, Niobe S. 368 f.), während eine ältere
Tradition ihm die Hippomedusa zur Gattin
giebt, Eustath. Od. 19, 518. Spätere Autoren
erzählen, dafs Pelops, als er aus Asien nach
Griechenland flüchtete, seine Schwester Niobe
dem Amphion in Theben vermählt habe. Ni-
col. Damasc. Müller, Frgm. hist. gr. 3 p. 367,
17. Strab. 8 p. 360. vgl. Paus. 6, 20, 8. Bei
der Hochzeit der Niobe wurde nach Pindar
(Plut. de mus. 15 p. 1136, 22. Find. Fr. 42
Bergk) zuerst die lydische Harmonie gelehrt und
lyrische Weisen kamen dabei zur Aufführung;
Amphion hatte sie infolge der Verwandtschaft
mit Tantalos gelernt, Paus. 9, 5, 4. Über die
Kinder des Amphion und der Niobe und das
tragische Ende des Amphionischen Hauses s.
Niobe. (Amphion bei der Tötung seiner Kin-
der in Reliefdarstellungen auf Sarkophagen s.
315
Amphion
Amphios 316 31
Stark, Niobe S. 192. 196; ob auch in der be-
kannten Niobidengruppe? S. 31 lf.). Amphion
selbst gab sich nach dem Untergang der Söhne
den Tod ( Ovid . Met. 6, 271) oder ward eben-
falls nach Erlegung seiner Kinder erschossen
( Apollod . 3 , 5 , 6). Nach Paus. 9,5,5 kam
die ganze Familie des Amphion, also wohl
auch er selbst, durch eine Pest (die Pfeile des
Apollon) um. Nach LuJcian. cle satt. c. 41 ward
Amphion wahnsinnig. Als er den Tempel des io
Apollon (das Ismenion bei Theben oder den del-
phischen) zu stürmen und zu vernichten ver-
suchte, erschofs ihn Apollon. Hygin. f. 9. My-
thogr. Vat. 1, 156. Nachher Angabe des Tima-
goras in den Thebaika (Schot. Eurip. Phoen. 159.
Müller frgm. hist. gr. 4, p. 520) kam Amphion
mit seinem Hause uui durch eine Reaktion
der älteren Bevölkerung gegen die mächtigen
Eindringlinge. Er erzählt , dafs die Spartoi,
von Amphion und seiner Familie bedrückt, 20
diesen, als sie nach Eleutherai zu einem Fa-
milienopfer gingen, einen Hinterhalt legten
und sie erschlugen. In der Unterwelt ward
Amphion auf dieselbe (jedoch nicht bekannte)
Weise wie Thamyris, der wegen seiner Prah-
lerei gegen die Musen biifste , gestraft , weil
er gleich Niobe gegen Leto und ihre Kinder
mit Worten gefrevelt (ix .. . axiSQQiifs). Minyas
bei Paus. 9, 5, 4. Welcher Ep. Cycl. 1. S. 258.
Stark, Niobe S. 386. — - In Theben existierten 30
später noch manche Erinnerungen an Amphion
und seine Familie. Eine Anhöhe nordöstlich
von der Kadmeia liiefs t 6 ’Agyuov. Xenoph.
Hellen. 5, 4, 8. Arr. Anab. Alex. 1, 8, 6. Stark
S. 378. Bursian, Geogr. v. Griechenl. 1. S. 228.
Nicht weit davon war das gemeinsame Grab
des Amphion und Zethos. Paus. 9, 17, 3. 10,
32, 7. Aeschyl. S. c. Tlieb. 527. Eurip. Phoen.
146 mit Scliol. Suppl. 665. Aristot. Pepl. 41.
Plut. gen. Socr. 4. Stark S. 378 f. Bei dem- 40
selben lagen als Grundmauer benutzte, nicht
sehr sorgfältig bearbeitete Steine, welche nach
dem Volksglauben der Leier des Amphion ge-
folgt waren. Paus. 9, 17, 5. In demselben
Stadtteil, in der Nähe des prötischen Thores
waren auch die Grabdenkmäler der Kinder des
Amphion, die der Töchter getrennt von denen
der Söhne. Paus. 9, 16, 4. Stark 379 f. Ein
halbes Stadion davon lag die Pyra derselben,
von welcher man noch in Pausanias’ Zeit Asche 50
bewahren wollte. Paus. 9, 17, 1. Auch zu
Tithorea am Parnafs, wo Antiope begraben war,
hatten Zethos und Amphion ein gemeinsames
Grab. Steph. Byz. v. Ti&oQaia. Paus. 9, 17,
3. 10, 32, 6. Wenn die Sonne in das Zeichen
des Stiers trat (im April, Ovid. Fast. 4, 716.
5, 603), suchten die Tithoreer von dem Grabe
des Zethos und Amphion in Theben Erde zu
rauben, um sie auf ihr Grab der Antiope zu
bringen, weil dadurch ihr Land fruchtbar, das go
thebanische unfruchtbar würde, und deshalb
bewachten die Thebaner um diese Zeit das
Grab des Amphion. — Amphion und Zethos
waren ursprünglich göttliche Potenzen (Mächte
des Lichts), welche sich zu einem ähnlichen
engverbundenen Zwillingspaar von Zeussöhnen,
Dioskuren, wie Kastor und Polydeukes zu Lake-
dämon, herausgebildet hatten; doch ist ihre
Grundidee nicht so stark und vielseitig ent-
wickelt, wie bei den spartanischen Dioskuren,
die einen weitverbreiteten Kultus hatten. Eu- '<
ripides (Here. für. 29. Phoen. 606) nennt sie
die weifsrossigen Söhne des Zeus , die weifs-
rossigen Götter, Schutzgötter Thebens. Vgl.
Hesych. u. Phavor. v. Jlogkovqoi, Pherekyd.
bei Schot, Od. 19, 523. Welcher, Gr. Göiterl. j
1. S. 614f. Der Kaiser Tiberius errichtete vor
dem Tempel des Dionysos zu Antiochia zwei
hohe Säulen zu Ehren zcov sl; AvzLonrjg ysv-
vyd'svxaiv /Eogkovqcov. Io. Malal. p. 234, 17.
In ihre Sage, in welcher manche Namen noch
an ältere allegorische Naturmythen erinnern,
sind dann historische Bestandteile, welche ver-
schiedene Orte und besonders Theben betref- !
fen, eingewebt. Uber das Verhältnis des Am- |
pliion zum Apollo und zum Dionysoskult s. 1
Stark, Niobe 385 f. 387 f. — Vgl. im allgemei-
nen Burmeister de fabula, quae de Niobe eius-
que liberis agit , Wismar 1836. Welcher, Gr. \
Trag. 2. S. 811 — 828. Alte Henkm. 1. S. 352 ff.
Kret. Kolonie in Theben S. 82 ff. Heyne, Ob- \
serv. in Apollod. 3, 5, 5f. Schwenck, Et. myth, I
Andeutungen S. 196 f. O. Jahn, Archäol. Zeitg.~ =■
1853 n. 56. 57. C. Bötticher, Dirke als Quelle i
u. Heroine, Berl. 1864; s. auch Bit. Gentralbl I
1866, 369. Stark, Niobe u. d. Niobiden, Leip-
zig 1863, besonders S. 361—395. Enger, Theb. '
Farad, p. 14 ff. Stuhr, Mythol. 2 S. 108 ff.
Gerhard, Gr. Myth._2. §. 716. 739—741. Frei- [
ler, Gr. Mythol. 2. S. 21. 30 — 34. — 2) Sohn
des Iasos (oder Iasios) , König im böotischen
Orchomenos. Seine jüngste Tochter Chloris,
die er mit Persephone, der Tochter des Min-
yas, zeugte, heiratete den Neleus, König in
Pylos. Hom, Od. 11, 281 ff. c. Schot, Paus. 9,
36, 4. Auch Pelias, der Bruder des Neleus,
hatte eine Tochter dieses Amphion namens
Philomaclie zur Gemahlin. Tzetz. Lyk. 175
(p. 434 Müller). Chloris ist öfter mit der Toch-
ter des thebanischen Amphion gleichen Na-
mens verwechselt. Apollod. 3, 5, 6. Diod. 4,
68. Hygin. f. 10, 14. Paus. 2, 21, 10. Heyne |
z. Apollod. 1, 9, 9. T11 der älteren Sage ist er
vielleicht identisch mit No. 1 , mit dem er
auch später öfter vermengt wird. Müller, Or-
chotn. S. 231. 370. Buttmann, Mythol. 2 S. 214f.
Stark, Niobe S. 356 — 360. Preller , Gr. Myth.
2 S. 315. Schwenck, Bit, Mus. N. F. 10, 3.
S. 369—392. — 3) Ein Sohn des thebanischen
Amphion und der Niobe, mit seiner Schwester
Chloris von Apollon verschont. Apollod. 3,
5, 6. Paus. 5, 16, 3. Stark S. 354. — 4) Ein
Anführer der Epeier vor Troja. II. 13, 692. —
5) Sohn des Hyperasios und der Hypso , Bru-
der des Asterios (Asterion, Hygin.), Argonaut
aus Pellene in Achaia. Ap. Ith. 1, 176. Orph.
Arg. 214. Hygin. f. 14. Vater. Flacc. 1, 365ft.
nennt den Bruder Deukalion, Stark S. 367. —
6) Ein Waffengefährte des Epeios vor Troja.
Quint. Sm. 10, 110. — 7) Ein Kentaur. Diod.
4, 12. [Stoll.]
Ampliios ('Apcpiog), 1) Sohn des Selagos aus
Paisos in Mysien, Bundesgenosse der Troer,
von dem Telamonier Aias erlegt. II. 5, 612.
Tzetz. Homeric. 89. — 2) Sohn des Sehers
Merops aus Perkote in Mysien , mit seinem
fc
:il|i
I Es
e
1
iS
1
h
ii
:
I
.
'
.J
in
:
-
:u
Hl!
j :a
'
r
U
Im
■.
.3,
k
TO
rat
*11
Ut
ii
15a
317 Amphiro
Bruder Adrastos vor Troja von Diomedes ge-
tötet. Der Vater hatte beide nicht in den
Krieg ziehen lassen wollen, weil er ihren Tod
voraussah. II, 2, 828ff. 11, 328ff. [Stoll.]
Ampliiro (Apcpigco) , Okeanide, lies. Thcog.
360. Schoemann, Opusc. Ac. 2, 148 übersetzt:
Bifida. Braun, Gr. Götterl. §. 161. [Stoll.]
Amphis (’Agcpig), verkürzter Name für Am-
phiaraos ( ov ovynony , «11« fisraGxrjfuxziGyög),
Aeschylos (fr. 404 Nauck) bei Et. M. p. 93,
51; vgl. p. 159, 31. Zon. Lex. p. 165.
[Stoll.]
Amphissa (’AycpiGGtx), 1) Tochter des Makar,
Enkelin des Aiolos, eine Geliebte des Apollon,
nach welcher die gleichnamige Stadt der Lo-
krer benannt war. Sie hatte hier auch ein
Denkmal. Baus. 10, 38, 2. 3. — 2) Tochter
des durch seine Grausamkeit berüchtigten Eche-
tos, Königs von Epirus, der sie, weil Aichrno-
dikos sie geschwächt , blendete und eiserne
Gerstenkörner mahlen liefs, mit dem Verspre-
chen, er werde ihr die Sehkraft wiedergebeu,
wenn sie die Gerste gemahlen habe. Auch
den Aichmodikos verstümmelte er aufs grau-
samste. Amphissa wird auch Metope ge-
nannt. Schot. Od. 18, 85. Eustath. Hom. 1839,
1. [Stoll.]
Amphissos ('Ay.cpi.GGog), Sohn des Apollon
und der Dryope , einer Tochter des Dryops,
Königs im Oita; sein Stiefvater war Andrai-
mon, der Sohn des Oxylos. Zu einem starken
Manne herangewachsen, baute er im Oita die
Stadt Oita , wo er herrschte , und dem Apol-
lon einen Tempel. Auch den Nymphen, welche
seine Mutter in ihre Gemeinschaft aufgenom-
men hatten , gründete er einen Tempel und
Spiele , bei denen Frauen sich nicht zeigen
durften. Anton. Lib. 32. Vergl. Ov. Met. 9,
326 ff. [Stoll.]
Ampliistlienes (’Aycpio&svrig), Lakedämonier,
Sohn des Amphikles, Enkel des Agis , Vater
des Irbos, dessen Söhne Astrabakos und Alo-
pekos das Bild der Artemis Orthia fanden und
rasend wurden. Paus. 3, 16, 6. [Stoll.]
Ampliistratos (’Aycpiotgazog) , mit Krekas
Wagenlenker (yvtoxog) der Dioskuren; beide
blieben von dem Heere des Iason in Kolcliis
zurück und wurden dort Stammväter des Vol-
kes der Heniochen, Strab. 11, 496. Arist. Pol.
8, 3, 4. Justin. 42, 3. [Stoll.]
Amphitliea (Aycpi&sa), 1) Gemahlin des Au-
tolykos , dem sie die Antikleia, Mutter des
Odysseus, und den Aisimos, Vater des Sinon,
gebar, Od. 19, 414ff. Tzetz. Lyk. 344. — 2)
Gemahlin des Adrastos , Tochter des Pronax,
Apollod. 1, 9, 13. — 3) Gemahlin des Lykur-
gos in Nemea, der ein Sohn des Pheres war,
Mutter des Opheltes; sie heifst auch Eurydike,
Apollod. 1, 9, 14. — 4) Gattin des etruski-
schen Königs Aiolos, Plut. par. min. 28. Stob.
Flor. 64, 35. — 5) Amphithea oder Hemithea,
Tochter des Kyknos , Schwester des Tenes,
PLekat. b. Steph. Byz. v. TsvsSog. Vgl. Paus.
10, 14, 2. Tzetz. Lyk. 232. [Stoll.]
Ampliitheinis (AiKpi.Jtyig), 1) auch Garamas
genannt, ein Sohn des Apollon, welchen ihm
Akakallis (s. d.), die Tochter des Minos, in Li-
byen gebar, nachdem Minos sie während ihrer
Amphitrite 318
Schwangerschaft dorthin gebracht. Er zeugte
mit der Nymphe Tritonis den Nasamon und
Kaphauros, welchen Ilyg. f. 14, p. 44 Bunte
Kephalion nennt. Ap. Bh. 4, 1490ff. u. Schol,
Agroitas b. Herodian. n. aov. leig. p. 11, 19
nennt eine Anzahl von Söhnen, welche Amphi-
themis in Libyen mit Nymphen erzeugte; doch
sind ihre Namen schwer zu entziffern, s. Mül-
ler fr. hist. gr. 4 p. 294, 1. — 2) Kentaur, be-
gleitet den Dionysos nach Indien, Nonn. Ilion.
14, 191. [Stoll.']
Amphitlioe (’Äycpi&örj), Nereide, II. 18, 42.
Hyq. praef. p. 28 Bunte. Braun, Gr. Götterl.
§.98. [Stoll.]
Amphitrite (’AyqnxqCzrf) , die Königin des
Meeres, ihrem Namen nach die „die Erde um-
rauschende Meeresflut“; denn der zweite Teil
des Wortes wird von einem in zgi^ca, zgvgco
enthaltenen Stamme abzuleiten sein, der auch
dem Namen des Triton , des lärmenden und
tosenden Brausers des Meeres, zu Grunde liegt.
Sclitvenck ( Etym.-myth . Andeutungen S. 182)
leitet das Wort von zgsu>, „drehen, zittern,
d. i. psw“ ab und erklärt die „Erdumwogende“ ;
ähnlich Welcher (Gr. Götterl. 1 S. 311), mit
Berufung auf Hesych. zgizca , gsvycc, zgoyog,
<po ßog, und Schömann Opp. 2 p. 167 (= Cir-
cumflua). Homer erwähnt sie nicht in der
Ilias, dagegen mehrmals in der Odyssee, doch
kaum als eine lebensvolle Persönlichkeit.
Während Poseidon bei Homer ein lebendiger,
frei über dem Meere waltender Gott ist, er-
scheint Amphitrite mehr wie eine Allegorie
des Meeres, des Meeres als Elementes des Welt-
ganzen; sie wird in der Odyssee immer nur
in Bezug auf die Meereswoge (nvycc ’Aycpizgi-
r gg, Od. 3, 91. 12, 60), die sie wider die Fel-
sen treibt, und auf die Meerwunder und See-
ungeheuer genannt, die sie nährt und pflegt,
mit denen sie bisweilen die Schiffer aus der
Tiefe schreckt (5, 422. 12, 97). Nitzsch, Anm.
z. Odyssee 2. S. 64. Nägelsbach, hom. Theolog.
S. 78 f. Ihre Epitheta bei Homer sind rlvx q,
dyccazovog , Hvccvcomg. Wahrscheinlich ist sie
auch Od. 4, 404 (vgl. Schol.) als naXy ’AXo-
Gvdvrj bezeichnet, ein Wort, das als Epitheton
ihrer Schwester Thetis und der andern Nerei-
den gebraucht wird (II, 20 , 207. Ap. Bh. 4,
1599 u. Schol.). Bei späteren Dichtern wird
ihr Name oft für das Meer gesetzt , Eurip.
Kykl. 702. Oppian. Halieut. 1, 83f. 343. 422f.
Dionys. Perieg. 53. 99. Quint. Smyrn. 8, 63.
Catull. 64, 11. Ovid. Met. 1, 14 u. sonst. Op-
pian. Hat. 1,14. 386 nennt sie geradezu ©«-
Xccggcc. Homer erwähnt nichts von verwandt-
schaftlichen Verhältnissen der Amphitrite. He-
siod. Theog. 243 u. 254 nennt sie unter den
Nereiden, den Töchtern des Nereus und der
Doris, vgl. Apollod. 1, 2,7, der sie aber 1,2,2
unter den Töchtern des Okeanos und der Te-
thys aufzählt, vgl. 1, 4, 6. In dem angebli-
chen Hymnus des Arion auf Poseidon b. Bergk
Lyric. Gr. 2 p. 662 heifst sie die Mutter der
Nereiden, so dafs hier eine Okeanide Amphi-
trite statt der Okeanide Doris als Gattin des
Nereus angenommen werden mufs. Überhaupt
werden Okeaniden und Nereiden, sowie Okea-
nos und Nereus öfter vermengt, wie auch in
io
20
30
40
50
GO
319 Amphitrite
den Katalogen des Ilesiod ( Tlieog . 240 ff. 349 ff’.)
manche Namen von Okeaninen und Nereiden
identisch sind. Sclioemann Opp. 2. p. 165 ff.
Amphitrite und Thetis erscheinen als die aus-
gezeichnetsten unter den Nereiden ; sie sind
die Chorführerinnen derselben , und Amphi-
trite verkehrt auch als Herrscherin der See
noch gerne mit den Schwestern. Mit Rück-
sicht auf diesen Chor der Schwestern , der
snatögnodeg NgoySsg ( Soph . 0. B. 722), heifst
Amphitrite bei Sophokles (fr. 607) in den Hy-
drophoren nolvnoivog. Hesych. v. -notvog. Schol.
Soph. Antig. 1. Poseidon, der in ältester Zeit
vielfach mit Demeter in Verbindung gestan-
den, erwählte sich die schöne Nereustochter
Amphitrite zur Gemahlin. Er sah sie auf
Naxos mit ihren Schwestern den Reigen tan-
zen und entführte sie. Schol. Od. 3, 91. Eu-
stath. Horn. p. 1458, 40. Oder als Poseidon
um sie warb, flüchtete sie verschämt zu Atlas,
in die tiefe Verborgenheit des Weltmeers (Op-
pian. Halieut. 1, 388 sv ’Qusuvoio doyoiGi);
nach langem Suchen fand sie der Delphin und
führte sie dem Poseidon als Gattin zu, wes-
halb der Gott zum Danke den Delphin unter die
Sterne versetzte. Eratosth. Cat. 31. Hygin. Poet.
Astr. 2, 1 7. Der Raub der Amphitrite auf Vasen
dargestellt: Elite ceramogr. 3. pl. 19 — 25. Als
Poseidon mit der schönen Nymphe Skylla Um-
gang pflog , warf seine Gattin aus Eifersucht
Zauberkräuter in die Quelle, in welcher Skylla
badete , und verwandelte sie dadurch in das
bekannte Ungeheuer. Tzetz. Lylcophr. 45. 650.
Vgl. Verg. Cir. 70ff. Dem Poseidon gebar Am-
phitrite nach Ilesiod Theog. 930 (vgl. Hygin.
praef.) den Triton, wozu Apollod. 1, 4, 6. 3,
15, 4 (vgl. Lylcophr. 886) noch die Töchter
Benthesikyme (die Wogerin der Tiefe) und
Rhode oder Rhodos (die Rauscherin, vgl. qoJsco)
fügt. Bei Pindar jedoch heifst Rhodos Toch-
ter der Aphrodite, Gemahlin des Helios, nach
Aslclepiades Tochter der Amphitrite und des
Helios, nach andern Tochter der Aphrodite
und des Helios, nach Herophilos Tochter des
Poseidon und der Aphrodite. Find. Ol. 7, 14
(24) u. Schol. Als Gemahlin des Poseidon ge-
langte die Meernymphe zu hohen Ehren. In
dem homerischen Hymnus in Apoll. Del. 94 ist
sie mit den ehrwürdigsten Göttinnen bei der
Geburt des Apollon zugegen, wie auch in dem
Relief des Gitiadas zu Sparta (Paus. 3, 17, 3)
mit Poseidon bei der Geburt der Athene.
Neben dem Meereskönig Poseidon ist sie die
Königin der See , wie Hera neben Zeus Köni-
gin im Olympos, Persephone neben Hades in
der Unterwelt. Oppian. Hai. 1, 391 nennt sie
albg ßccGilsiu, sie hiefs nooeidcovicc oder JTo-
Gsidmvr] in demselben Sinn, wie die dodonische
Gattin des Zeus Auövy hiefs. Schol. Od. 3,
91. Lobeck Proleg. Pathol. p. 32. n. 27. Wie
Zeus 7i oGig "Hq gg genannt wird, so Poseidon
TioGig Agcpugirgg , Pind. Ol. 6, 104. Quint.
Smyrn. 7, 374. Die Seeleute opferten dem
Poseidon , der Amphitrite und den Nereiden,
Arrian. de venat. 34. Als die weibliche Seite
des Meeres wurde Amphitrite an vielen Orten
zugleich mit Poseidon verehrt und in Kunst-
werken ihm ebenbürtig an die Seite gestellt.
Amphitrite 320
Tempel und Feste hatte sie mit Posei-
don zusammen in Tenos , wo der Erzgiefser
Telesias beide in Kolossalstatuen von 9 El-
len Höhe dargestellt hatte (Clem. Alex. Protr.
p. 41. Strab. 10. p. 487. Böclch C. I. Gr. 2.
n. 2329. [Tacit. Ann. 3, 63. Schreib.] 2331
— 2334), auf Lesbos, wo (’nata ^ggagov ’Ag-
(piTQLTrjg) Poseidon als Opfer einen Stier, Am-
phitrite und die Nereiden eine Jungfrau aus
dem königlichen Stamm der Pentheliden ver-
langten, die lebendig ins Meer versenkt wurde
(Flut. Sept. Sap. conv. 20. de sol. anim. 36.
Athen. 11, 15) , ferner in Syros und Mykonos
(Rofs, Inselreisen 1. S. 9. Inscr. P. 2. n. 107.
135). Dargestellt war Amphitrite mit Posei-
don am Altar des Hyakinthos zu Amyldai
(Paus. 3, 19, 4), am Thron des Zeus zu Olympia
(Paus. 5, 11, 3), im westlichen Giebelfelde des
Parthenon (Müller, Denhn. d. a. K. 1. Taf. 27,
n. 121. Overbeck, Gesell, d. griech. Plastik 1.
S. 275. 288). Mit Hestia, der Göttin der fest-
gegründeten Erde , wurden Amphitrite und
Poseidon als die Rejn'äsentanten des erdum-
gürteten Meeres öfter in Bildwerken verbun-
den, wie zu Olympia, Paus. 5, 26, 2. Auf der
Schale des Sosias (Monum. ined. d. Instit. tn.
24. n. 25. Müller, Denhn. 1. Tf. 45. n. 210b)
sitzt Amphitrite neben Hestia.*) In gröfseren
Kompositionen erscheint Amphitrite an der
Seite des meerbeherrschenden Poseidon ent-
weder thronend oder auf dem Wagen (den sie
dem Gatten wohl auch ausspannt, Ap. Pli. 4,
1325. 1365 ff.) über das Meer hin fahrend oder
im feierlichen Hochzeitszuge heimgeholt, um-
geben von den mannigfaltigen niederen Wesen
der See. In dem Heiligtum des Poseidon auf
dem Isthmus standen im Pronaos zwei Bilder
des Gottes mit einem Bilde der Amphitrite
und dabei das derTlialassa; im Innern befand
sich als ein Weihgeschenk des Herodes Atti-
cus ein kostbares Kunstwerk: Poseidon und
Amphitrite auf einem Viergespann stehend, in
der Nähe Palaimon auf einem Delphin, neben
dem Gespann Tritonen, auf dem Postamente
des Wagens die Geburt der Aphrodite (Tha-
lassa das Kind Aphrodite emporhebend) und
auf beiden Seiten derselben Nereiden, ferner
die Dioskuren , die Retter zur See , Galene
(Windstille), Thalassa, ein Hippokamp, Ino,
Bellerophon mit seinem Pegasos. Paus. 2, 1,
7 f. Der Hochzeitszug des Poseidon und der
Amphitrite ist dargestellt auf einem schönen
Relief zu München, O. Jahn in d. Berichten
d. sächs. Gesellschaft 1854 p. 160ff. t. 3—8.
S. 160 ff. Overbeck, Atlas d. griech. Kunstmytli.
Tf. 13, 16; vgl. Ber. d. sächs. Ges. 1876 p. llOff.
Unter den erhaltenen Bildwerken sind noch
weiter zu nennen der in Constantine gefun-
dene Mosaikboden mit dem Herrscherpaare auf
einem Viergespann, Explor. scient. de l'Alge-
*) Inschriftlich bezeugt erscheint Amphitrite auf der
von Euphronios gemalten Schale aus Ciire, jetzt im
Louvre, neben Theseus und Athena (nach dem von Paus.
1, 17 erzählten Mythus), während Poseidon ausgelassen
ist. Abgebildet Monuments grecs 1S7‘2 pl. 1. Conze, Yor-
legeblätter 5, 1. Vgl. Klein, Euphronios (auch in den Denk-
schriften d. Wiener Akad. d. Wiss. Bd. 29 p. 9 u. G7 ff.) und
überhaupt Overbeck. K. Myth. Poseidon p. 350 ff. [Schreiber.]
10
20
30
40
50
60
321 Ampliitryon Amphi tryon 322
rie. Archeol. pl. 19. 20, 139 — 141. Amphitrite
auf einem Relief bei Zoega Bassir. t. 1 ; Am-
phitrite bei der Hochzeit des Peleus auf der
Franfoisvase, Mon. d. Inst. 4. t. 54. 55. Overb.
Gail. T. 9 , 1 ; Amphitrite und Poseidon beim
Göttermahle, Mon. d. Inst. 5, 49. Die thro-
nende Amphitrite El. ceramogr. 3 , 10 u. 25.,
i Amphitrite mit der königlichen Kopfbinde,
ib. 27. Die Kunst giebt der Amphitrite die
Bildung der Nereiden , nur wird sie oft durch
königliche Attribute vor den Schwestern aus-
gezeichnet und kenntlich gemacht, sie erscheint
dann als eine schöne, reizende Göttin, der Aphro-
dite ähnlich, mit feuchtem fliefsenden Haupt-
des Elektryon (s. Alkmene), bei Apollod. a. a. 0.
u. Tzetz. Lylcophr. 932 Gemahlin des Mestor,
eines Bruders des Alkaios und Elektryon. Eine
Tochter dieses Mestor , Hippothoe , hatte dem
Poseidon auf den echinadischen Inseln an der
akarnanischen Küste , wohin er sie gebracht,
den Taphios geboren, der sich auf einer die-
ser Inseln, Taphos, niederliefs und sein Yolk
Taphier oder Teleboer nannte. Sein Sohn war
io Pterelaos (nach Schot. Ap. Rh. 1, 747 war er
Sohn, nicht Enkel des Poseidon und der Hip-
pothoe), dessen Söhne, sechs an der Zahl, mit
den Taphiern (schlimmen Seeräubern, Schot.
Ap. Rh. a. a. 0.) nach Argolis kamen und von
Aus d. Hochzeitszuge des Poseidon u. der Amphitrite ( Relief in München).
, iaar, das wohl auch mit dem Netze umflochten
ist. Als Meeresgöttin trug sie bisweilen, wie 40
rach Thetis und andere Wassergottheiten, an
len Schläfen Scheren des Seekrebses; so eine
Itatue zu Rhodos, die nach Konstantinopel über-
jeführt wurde, vgl. Cedren. comp. hist. p. 265.
Winckelmann Werke 2. S. 505 ( Fernow ). Auf
. demmen und Münzen und Vasenbildern er-
. icheint sie häufig auf Seetieren sitzend oder
ron ihnen gezogen. Ihre Büste auf Münzen
ler Gens Crepereia, auf Gemmen und am Bo-
jen des Augustus zu Ariminum, Müller, Handb. 50
l. Arch. §. 356, 2. Denkm. 2. Tf. 7. n. 79—81.
Die auf Amphitrite bezügl. Inschriften s. im
ndex z. C. I. Gr. Vol. 4, 3 p. 17. R.] [Stoll.]
Amphitryon ( ’AycpixQvwv , Amphitryo, in älte-
er Schreibweise Amphitruo, der „Vielgeprüfte“,
,Vielgeplagte“, ein von seinem Sohne Hera-
:les abstrahierter Name, von tqvco, E. Braun,
Ir. Götterl. §. 542; doch s. auch Preller, Gr.
Mythol. 2. S. 176), Sohn 'des Alkaios, Königs
■'On Tiryns, und der Astydameia, der Tochter go
les Pelops (Peleus fälschlich bei Schot. II. 19,
116), oder der Laonome , Tochter des Menoi-
reus, ein Enkel des Perseus. Apollod. 2, 4, 5.
Paus. 8, 14, 2. Schot. II. a. a. 0. Nach Pan-
amas a. a. 0. mufs die Mutter des Amphitryon
on. manchen auch Lysidike, Tochter des Pe-
ops , genannt worden sein ; gewöhnlich aber
leifst diese Mutter der Alkmene , Gemahlin
Koscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
Elektryon, dem König von Mykene, den An-
teil ihres Grofsvaters Mestor an der Herrschaft
forderten. Da Elektryon sie abwies , trieben
sie dessen Rinder fort. Die 8 Söhne des Elek-
tryon, die Brüder der Alkmene, eilten zur Ab-
wehr herbei und fielen alle im Kampfe; auch
die Söhne des Pterelaos kamen alle um mit
Ausnahme des Eueres, der die Schiffe bewachte.
(Nach Schot. Ap. Rh. a. a. 0. fiel auch Elektryon,
und Alkmene versprach dem die Ehe, der den
Tod ihres Vaters rächen werde; dies that Am-
phitryon und ward ihr Gatte). Diejenigen
Taphier, welche entkamen, nahmen die Rin-
der mit und übergaben sie dem Polyxenos,
König der Eieier. Von dem kaufte sie Amphi-
tryon und brachte sie nach Mykene zurück.
Als nun Elektryon, um den Tod seiner Söhne
zu rächen, gegen die Taphier auszuziehen be-
absichtigte, übergab er dem Amphitryon die
Herrschaft und seine Tochter Alkmene, nach-
dem er ihn hatte schwören lassen, dals er sie
bis zu seiner Rückkehr nicht berühren wolle.
Bevor aber Elektryon auszog, tötete ihn Am-
phitryon , ohne es zu wollen. Als nämlich
Amphitryon die ihm übergebenen Rinder in
Empfang nahm , lief eins von der Herde
fort; Amphitryon warf nach ihm seine Keule,
und diese, von den Hörnern des Rindes ab-
springend, traf den Elektryon tötlich. (Nach
dies. Scut. 11 erschlug ihn Amphitryon
11
323 Amphitryon
gsvog tcsqI ßovci. Vgl. Schol. 11. 14, 323 ßocov
&[x,(pt.Gßr]TrjG£cos %uqiv). Dies nahm Sthenelos,
der Bruder des Elektryon, zum Vorwand, den
Amphitryon aus Argolis zu vertreiben und sich
der Herrschaft von Mykene und Tiryns zu be-
mächtigen. Amphitryon zog mit Alkmene nach
Theben , wo er von dem König Kreon vom
Morde gereinigt ward. Da Alkmene dem, der
den Tod ihrer Brüder rächen werde, ihre Hand
versprach, so beschlofs Amphitryon den Zug
gegen die Taphier oder Teleboer. (Nach Hes.
Scut. 12 ff. folgte Alkmene aus grofser Liebe
dem wegen des Mordes ihres Vaters Flüchti-
gen als Gattin nach Theben und lebte dort
mit ihm, doch ohne ehelichen Umgang; denn
Amphitryon hatte ihr schwören müssen, nicht
eher ihr Lager zu berühren, als bis er ihre
Brüder an den Taphiern gerächt habe, vgl.
Schol. Find. Nein. 10, 15(25). Schol. II. 14,
323. Schol. Od. 11, 265. Nach Diod. 4, 10
floh Amphitryon erst nach der Geburt des He-
rakles von Tiryns nach Theben). Amphitryon
forderte den Kreon zur Teilnahme an dem
Zuge auf, und der versprach sie, wenn Amphi-
tryon Theben von dem teumessischen Fuchs
befreie. Dies geschah mit Hilfe des Atheners
Kephalos (s. d.). Amphitryon zog jetzt mit
Kephalos, Kreon, Heleios von Argos und Pa-
nopeus gegen Pterelaos aus (vgl. Hes. Scut.
23 ff.) und verwüstete die Inseln der Taphier.
Solange aber Pterelaos, den sein Vater Poseidon
durch ein goldenes Haar unsterblich gemacht
hatte, am Leben war, konnte er Taphos nicht
nehmen. Da zog die Tochter des Pterelaos, Ko-
maitho, die sich in Amphitryon (oder Kephalos,
Tzetz. Lylc. 932 u. 934) verliebt hatte, dem Vater
das Haar aus, dafs er sterben mufste, und alle
Inseln wurden nun unterworfen. Amphitryon
fuhr, nachdem er die Komaitho getötet, mit
der Beute nach Theben und übergab die In-
seln dem Heleios und Kephalos, welche dort
nach ihnen benannte Städte gründeten. (Nach
Kephalos wurde Kephallenia benannt, Tzetz.
Paus. 1, 37, 4.) Apollod. 2, 4, 5 — 7. Vergl.
Tzetz. Lylc. 932. Schol. Ap. Bh. 1, 747. Flut,
narr. am. 3. Die Hypothesis A des hesiodi-
schen Schildes bei Göttling enthält manche
Abweichungen. Dort sind Elektryon und Am-
pKitryon Brüder und Söhne des Alkaios. Der
ältere Elektryon enthält dem jüngeren Amphi-
tryon, als er erwachsen, seinen Teil von dem
väterlichen Vermögen vor, weshalb Amphi-
tryon die Taphier und Teleboer zu Hilfe ruft.
Elektryon mit seinen Söhnen wird besiegt und
getötet. Die Sage von dem Zuge gegen die
Taphier war berühmt, und es gab sogar ein
eigenes Gedicht darüber, s. Schol. Od. 3, 267.
Auch Pindar gedenkt der Thaten des Amphi -
tryon gegen die Teleboer, Nein. 10, 13. Er ist
ein tapferer Krieger und besonders geschickt
in der Kunst des Wagenlenkens, worin er auch
seinen Sohn Herakles selbst unterrichtete, Find.
Fyth. 9, 81. Apollod. 2,4,9. Theolcr. 24, 120.
Attius scheint eine Tragödie über diesen Zug
gegen die Teleboer gedichtet zu haben, s. Fib-
beclc, Fern. Trag. p. 327 sqq. Über die Tragödie
Amphitryon von Sophokles s. Welcher , Gr.
Trag. 1. S. 371 ff". , üb. Plautus' A. ib. 1478f. Aus
Ainplioteros 324
der von den Teleboern mitgebrachten Beute
weihte Amphitryon zu Theben dem Apollon einen
Dreifufs, Paus. 9, 10,4. Herodot. 5, 59, vgl. Athen.
11, p. 498 c. Theolcr. Id. 24,4. Während seiner
Abwesenheit in diesem Kriege zeugte Zeus in
der Gestalt des Amphitryon mit Alkmene den
Herakles, s. Alkmene. Von Amphitryon gebar
Alkmene den Iphikles. Schol. Ap. Fh. 1, 1241
nennt eine Tochter des Amphitryon und der
lo Alkmene Laonome, Gemahlin des Argonauten
Polyphemos. Nach Hygin. f. 29 zeugte Zeus
den Herakles, während Amphitryon gegen Oi-
chalia ausgezogen war. Vgl. Serv. Verg. Aen.
8, 103. Den Chalkodon, König der Chalkidier,
der gegen die Thebaner in den Krieg gezogen
war, tötete Amphitryon in der Schlacht, Eu-
statli. Hom. p. 281, 45. Paus. 8, 15, 3. 9, 17,
2. Amphitryon fand tapfer kämpfend seinen
Tod in einer Schlacht gegen die Minyer von
!0 Orchomenos und ihren König Erginos , die er
gemeinschaftlich mit Herakles (s. d.) bekriegte
( Apollod . 2, 4, 11), und wurde in Theben be-
graben. Paus. 1, 41, 1. Pind. Fyth. 9, 81.
Nein. 4, 20 mit d. Schol. In Eurip. Here. für.
( Welcher , Gr. Trag. 2. S. 694ff.), dessen Fabel
nach jenem Minyerkriege fällt, ist Amphitryon
noch am Leben und wäre auch von dem ra-
senden Sohne getötet worden , wenn Athene
es nicht noch rechtzeitig gehindert hätte
io (v. 908) , indem sie nach thebanischer Sage
ihm einen Stein an die Brust warf, worauf er
in tiefen Schlaf versank und dann wieder zu
sich kam. Paus. 9, 11, 1. In Theben zeigte
man noch zur Zeit des Pausanias die Trümmer
des Hauses des Amphitryon , in welchem er
nach seiner Flucht aus Argos mit Alkmene
gewohnt hatte , mit dem Gemache der Alk-
mene ; Troplronios und Agamedes (s. d.) sollten
es ihm gebaut haben. Paus. 9, 11, 1. S. das
:0 Vasenbild bei Winckelmann, Monum. ined. P.
1. n. 190. Müller, Denkm. d. a. K. 2. taf. 3.
n. 49. Preller, Gr. Mythol. 2. S. 176 ff. [Vgl.
auch C. 1 Gr. 5984 D. 8492. R.] [Stoll.]
Amphoteros (ilfrqpörfpog), I) ein Sohn des Alk-
maion (s. d.) und der Kallirrhoe, der Tochter des
Acheioos, Bruder des Akarnan (s. d.). Als Alk-
maion von den Söhnen des Phegeus, des Königs
in Psophis, Pronoos und Agenor {Apollod.) oder
Temenos und Axion {Paus. 8, 24, 4 ff.), erschla-
'0 gen worden war, erflehte seine Gemahlin Kal-
lirrhoe von Zeus, der sie liebte, dafs er ihre
beiden noch zarten Söhne alsbald reife Män-
ner werden lasse, damit sie sogleich Rache
nehmen könnten an den Mördern ihres Vaters.
Zeus erfüllte den Wunsch. Amphoteros und
Akarnan, plötzlich grofs geworden, ziehen zur
Rache aus; sie treffen die beiden Söhne des
Phegeus, welche auf dem Wege nach Delphi
waren, um das Halsband und den Peplos der
o Harmonia dort dem Apollon zu weihen , in
Tegea bei Agapenor (s. d.) und töten sie. Darauf
gehen sie nach Psophis und töten den Phe-
geus nebst seiner Frau. Halsband und Peplos,
die sie den Söhnen des Phegeus abgenommen,
weihten sie auf Befehl ihres Grofsvaters Ache-
loos dem Gotte in Delphi. (Nach Athen. 6.
p. 232 E. hatte Alkmaion den Schmuck nach
Delphi geweiht.) In der Hut des beruhigen-
325 Ampykos
len Gottes ruhte der an den Kostbarkeiten
laftende Fluch. Dann ziehen sie nach Epirus,
sammeln daselbst viel Volks und lassen sich
n Akarnanien nieder, das diesen Namen von
Ykarnan erhalten hat. Apollod. 3,7, 6. 7.
Ovid. Metam. 9, 413. Vgl. Paus. 8, 24, 4. S.
Ylkmaion u. Äkarnan. Das Halsband und
len Peplos der Harmonia nahmen später aus
lern Tempel zu Delphi die Führer des heili-
gen Krieges, um sie ihren Weibern zu schen-
ken, uncl bei diesen richteten sie neues Un-
leil an. Athen. 6. p. 232 E. ff. Partlien. Prot.
i5. Mythogr. lat. 1, 151. 2, 78. Das Halsband
vurde auch zu Amathus im Tempel der Aph.ro-
lite und des Adonis gezeigt, Paus. 9, 41, 2,
ler Peplos zu Gabala in Syrien im Tempel
ler Doto, Paus. 2, 1,8. — 2) Ein Lykier, vor
froia von Patroklos getötet. 11. 16, 415.
[Stoll.]
Ampykos (”Aynvnog), 1) Priester der Deme-
;er bei den Kephenern, auf der Hochzeit des
’erseus von Phineus getötet. Ovid. Met. 5,
LlOf. — 2) Vater des Sehers Mopsos, Gemahl
ler Chloris. Hygin.f. 14.128. Hes. Scut. 181.
4 p. Uh. 1, 1083. Schol. Ap. Rh. 1, 65, wo
ler Vater Titavon heifst ; bei Tzetz. Lykophr.
581 (vgl. 980) heifst der Vater Titairon. Paus.
>, 17, 4 nennt ihn ”Ay nv£. — 3) Vater des
dmon. Orph. Arg. 721. [Stoll.]
Ampyx (’'Aynvig), 1) s. Ampykos No. 2. - —
!) Sohn des Pelias, Sohns des Aiginetes. Paus.
, 18, 4. — 3) Ein Genosse des Phineus, von
’erseus durch das Medusenhaupt versteinert.
)vül. Met. 5, 184. — 4) Ein Lapithe, der auf
ler Hochzeit des Peirithoos den Kentauren
icheklos erlegte. Ovid. Met. 12, 450. [Stoll.]
Amuces , Inschrift zweier einander völlig
leichender Spiegel aus Präneste und Madrid,
on denen der eine nach Brunn wohl eine
roderne Nachbildung des anderen, echten sein
ürfte, ist die etruskische Umbildung von "Ayv-
og (s. d.); C. 1. L. 1, 55. Add. 1 p. 554.
I, 4966, 4. [Steuding. |
Amykla (’Ayvxla). Dieser Name beruht auf
rischer Lesart Apollod. 3, 5, 6 statt des hand-
chriftlichen ’Ayvv.hxg-, dieser Niobide wird mit
leliboia dem nach andrer Tradition gerette-
Jn Paare Amphion und Chloris entgegenge-
bellt (vgl. Beryll, Poet. Lyr. Gr. Telesilla fr.
). Ebenso gehört Paus. 2, 21 , 9 der Acc.
yvnhxv, wie sich aus dem folgenden
ovg ergiebt, zu dem Nom. ’Ayvv.lug. S. Amy
las No. 2. [Schirmer.]
Amyklas (’Ayvv.hxg) , 1) Sohn des Königs
akedaimon und der Sparta, einer Tochter des
urotas, Bruder der Eurydike; er zeugte mit
iomede, der Tochter des Lapithas, von Söh-
en den Kynortes und Hyakinthos ( Apollod . 3,
0, 3; letzterer war nach Apollod. 1, 3, 3 Sohn
es Pieros, nach Luc. P>. B. 14. Ov. Met. 10,
)6. 13, 396 des Oibalos), ferner den Harpalos
Paus. 7, 18, 5) oder Argalos, der als der äl-
:ste dem Vater in der Herrschaft folgte ( Paus .
, 1, 3. Biet. Gr et. 1, 9), und nach Ar ist. Mi-
s. b. Schol. Pind. Pyth. 3, 14 (B.) den Leuk-
<pos , der nach Apollod. 3, 10, 3 von Perie-
s, einem Sohne des Kynortes, stammte. Als
jichter des Amyklas werden genannt: Lao-
Amykos 326
dameia {Paus. 10, 9, 5) oder Leaneira ( Apol-
lod. 3, 9, 1), die Gemahlin des Arkas, Daphne
( Phyl . b. Plut. Ag. 9. Parth. Prot. 15), Heges-
andra (Schol. Od. 4, 10 u. 22) und als Schwes-
ter des Hyakinthos Polyboia (Paus. 3, 19, 4)
Amyklas gründete die Stadt Amyklai (Paus.
3, 1, 3. Steph. Byz. s. v.) und war nach Giern.
Homil. 5, 15 ein Liebling des Apollo. — 2)
Sohn der Niobe, welcher von deren Kindern
allein mit seiner Schwester Meliboia oder Chlo-
ris am Leben blieb ( Telesilla b. Apollod. 3, 5,
6. Paus. 2, 21, 9). Er fehlt in der Aufzählung
der Niobiden Apollod. 3, 5, 6 u. Hyg. fab. 11,
sowie in der Schilderung des Ovid (Met. 6,
224 ff.). [Schirmer.]
Amy kos ('Ayvnog, der Zerfleischer, v. äyvaaco),
1) König der Bebryker in Bithynien, in der
Gegend von Chalkedon, ein Sohn des Poseidon
und der bithynischen Nymphe Melie (Bithynis
bei Apollodor), ein roher ungeschlachter Riese,
wie so viele Poseidonssöhne, gewaltiger Faust-
kämpfer und Erfinder des Castus und des über-
trieben künstlichen Faustkampfes, der jeden
Fremden , welcher in sein Land kam , zum
Faustkampfe zwang und so tötete. Ap. Rh.
2, 1 ff. Apollod. 1, 9, 20. Hyg. f. 17. Servius
Verg. Aen. 5, 373. Plat. Legg. 7 p. 796 A.
c. Schol.. Sein Bruder war Mygdon, welchen
Herakles tötete. Apollod. 2, 5, 9, vgl. Schol.
Ap. Rh. 2, 758. Der Faustkampf des Amykos
mitPolydeukes war eine wesentliche Episode der
Argonautensage (s. d.), ausführlich erzählt von
Ap. Rh. 2, 1 — 163 u. Theokr. Id. 22, 27—134.
Vgl. Orph. Arg. 656 ff. Valer. Flacc. 4, 118 f.
Sidon. Apoll, carni. 5, 162 f. Luhian. Bial. B.
26, 1. Tzetz. Lyhophr. 516. Als nämlich die
Argonauten an der Küste des Amykos lande-
ten, kam dieser hinzu und forderte mit wildem
Drohen den Besten unter ihnen zum Zweikampf
heraus. Polydeukes nahm die Forderung an, ein
gewandter und starker Jüngling, schön wie ein
strahlender Stern gegenüber dem plumpen,
dem Typhoeus vergleichbaren Riesen, und
erschlug jenen nach hartem Kampfe (Ap.
Rh.). Nach Theokrit trafen nach der Landung
Kastor und Polydeukes im Walde den gewal-
tigen Amykos, der, in ein Löwenfell gehüllt,
an einer schönen Quelle lagerte und den Trunk
aus derselben nur gestatten wollte, wenn einer
von ihnen im Faustkampf mit ihm sich messe.
Der Besiegte solle sich dem Sieger ganz zu
eigen geben. Polydeukes nahm den Kampf
auf, nachdem die Bebryker und Argonauten
herbeigerufen worden waren, und überwand
den Gegner; aber er tötete ihn nicht, sondern
liefs ihn bei seinem Vater Poseidon schwören,
dafs er in Zukunft keinem Fremden mehr feind-
lich ehtgegen treten wolle. Ppicliarmos , der
eine Komödie Amykos geschrieben, wie So-
phokles ein Satyrdrama desselben Namens
(Böckh, Tr. Gr. c. 10. Welcher, Nachtr. zur
äschyl. Trilogie S. 287), und der Epiker Pei-
sandros lassen den besiegten Amykos von
Polydeukes gebunden werden. Schol. Ap. Rh.
2, 98. Die zu Präneste gefundene, zur Aufbe-
wahrung von gymnastischem Geräte gebrauchte
sog. Ficoronische Cista , [jetzt im Museo Kir-
clieriano des Collegio Romano zu Rom] auf
11 *
327
Amymone
Amyntor
328
welcher die Landung der Argonauten (s. d.) an
der bithynischen Küste dargestellt ist, ent-
hält in dem mittleren breiten Streifen die
Scene , wie Polydeukes in der Nähe einer
Quelle den besiegten Amykos an einen Baum
bindet, wahrscheinlich um eine ähnliche Rache
an ihm zu nehmen, wie Apollon an dem im
musischen Wettkampfe besiegten Marsyas.
Abbildungen dieses schönen Kunstwerkes sind
veröffentlicht von Bröndsted (Kopenhagen 1847),
Marchi 1848. E. Braun (Leipzig 1849) u. 0.
Jahn, (Leipzig 1849), den Mittelstreifen s. in
0. Müllers Derikm. d. a. K. 1, Taf. 61. n. 309,
vgl. Handb. d. Archäol. § 173, 3 (s. Argonauten).
Die Bestrafung des Amykos auch auf einem
etruskischen Aschengefäfs, Bartoli, Sepolcri t.
95. Dempster , JEtr. reg. 1, 9. Auf einem in
der Ficoronischen Cista gefundenen Spiegel
stehen Amykos und Polydeukes zum Kampfe
bereit, Müller, Denlcm. n. 310. Gerhard, Spie-
gel T. 171. Der Mythograph Ptolemäus Chen-
nus ( Script . Ivistor. poet. ed. Gale p. 322) sagt,
dafs nach einigen Iason, nicht Polydeukes mit
Amykos gekämpft habe. Der Platz des Kampfes
heifse Iasonslanze und die nahe Quelle Helena.
In Bithynien, an einer Stelle, die Amykos ge-
nannt wurde, fand sich ein ygcgov Äyvnov, auf
des Amykos Grabe wuchs der Tolllorbeer, der
überall, wo man ihn hinbrachte, Streit erregte,
Schol. Ap. Rh. 2, 159. Plin. N. H. 16, 44.
[Vgl. noch C. I. Gr. 5984 C. R.] — 2) Ein
Kentaur, Sohn des Ophion, der auf der Hoch-
zeit des Peirithoos den Lapithen Keladon
erschlug und dann von Pelates erlegt ward.
Ov. Met. 12, 245 ff. — 8) Ein Troer, Gemahl
des Theano, Vater des Mimas. Verg. Aen. 10.
704. — 4) Sohn des Priamos, Bruder des Dio-
res, Gefährte des Aneas, von Turnus erlegt.
Verg. Aen. 1, 221. 12, 509, vgl. 5, 297. — 5)
Amycus, Elati filius, unter den Weissagern auf-
geführt bei Hyg. f. 128 (eine wahrscheinlich
korrupte Stelle; man vermutet Ampycus). —
6) Amykos (oder Amyklos?), Sohn des Talos,
ein Kreter, Tzetz. Lykophr. 431. [Stoll.]
Amymone ( ’Ayvfidvri ), eine von den Töchtern
des Danaos, die ihm von verschiedenen Frauen
geboren waren. Die Mutter der Amymone hiefs
Europe. Apollod. 2, 1, 5. Als Danaos mit
seinen Töchtern, vor den Söhnen des Aigyp-
tos flüchtend, an die Küste von Argos kam,
fand er das Land wasserlos, weil Poseidon aus
Zorn über Inachos, der das Land nicht ihm,
sondern der Hera zugesprochen, die Quellen
hatte versiechen lassen {Paus. 2, 15, 4). Er
schickte deshalb seine Töchter aus, Wasser zu
suchen. Amymone warf, während sie verein-
zelt suchte, ihren Spiefs nach einem Hirsch,
traf aber einen schlafenden Satyr. Als dieser
ihr Gewalt anthun wollte, erschien Poseidon;
der Satyr entfloh, und Amymone ergab sich
dem Retter, der ihr die Quellen von Lerna
Apollod. 2, 1, 4. Nach Hyg. f. 169
rief die jagende Amymone, von dem getrof-
fenen Satyr bedrängt , die Hilfe des Posei-
don an. Der stiefs an der Stelle, wo sich ihm
Amymone verbunden hatte, mit seinem Drei-
zack Wasser aus der Erde, welches die lernä-
ische Quelle und der amymonische Flufs ge-
nannt ward. Oder: Die nach Wasser für ein
Opfer ausgesandte Amymone war aus Müdig-
keit eingeschlafen. Als ein Satyr sie bewäl-
tigen wollte und der um Hilfe angerufene Po-
seidon seinen Dreizack nach ihm warf, heftete
sich der Dreizack in einen Felsen ein. Nach-
her hiefs er die Amymone, um sie zu belohnen,
denselben herausziehen, und es sprangen drei
Quellen hervor, welche der amymonische, später
io der lernäische Quell genannt wurden. Der
Sohn des Poseidon und der Amymone war
Nauplios, der Gründer von Nauplia. Hyg. a. a. 0.
u. /'. 14. 157. Vgl. Strabo 8 p. 368. 371. Luk.
JDial. Marin. 6. Paus. 2, 37, 1. 38, 2. 4, 35,
2. Ap. Rh. 1, 134. c. Schol. u. Schol. Ap. Rh.
3, 1240. 4, 1091. Eitrip. Phoen. 188. Orph.
Arg. 200. Schol. II. 4, 171. Eustath. II. p. 461.
Propert. 2, 26, 45 ff. Philostrat. 1, 8. Äschylos
hat die Fabel von Amymone in einem Satyr-
20 drama behandelt. Welcher , Nachtr. zur Trilog.
S. 308. Droysen , Übersetzung des Äschylos 2
S. 103. Die „tadellose“, „vortreffliche“ Quelle
Amymone des wasserreichen Distriktes Lerne,
welche sich in der von Natur an Wasser armen
Umgegend von Argos durch die Fülle ihres
Sprudels auszeichnet und als Bach nach kur-
zem Laufe sich in das Meer, den Busen von
Nauplia, ergiefst, hat die Veranlassung ge-
geben zu dem Mythus von der Liebe der
30 Danaide Amymone und des Poseidon. Völ-
cker, lapet. Geschl. S. 192 ff. Buttmann, My-
tliol. 2 S. 93 — 107. Preller, gr. Mythol. 1
S. 480. Curtius, Peloponnesos 2 S. 369. Bursian,
Geogr. von Griechenland 2 S. 67 u. in Paulys
Real-Encylcl. 1, 1 S. 926. Stark, Niobe S. 347.
Die Liebe des Poseidon
und der Amymone war ein
Lieblingsgegenstand der
Kunst, s. Hirt in Böttigers
40 Amaltheia 2, 277 — 301.
Müller, Handb. d. Archäol.
§ 356, 3. Denkm. d. a. K.
1, Taf. 40. n. 172. 2, Taf.
t, n. 82 84. Gerhard, Poseidon u. Amymone,
aUSerl. Vasenb . Tat. 11. Spie- Münze von Argos aus
gel Taf. 44. 0. Jahn, Vasen- imiioofs Sammlung.
bilder S. 34—40 u. Taf. 4.
Archäol. Aufs. S. 28 ff Elite ceramogr. 3, 17. 18.
26 — 30. R. Iiochette,peint. de Pomp. t. 2. Heydc-
50 mann , Neap. Vasens. n. 1980. [C. I. Gr. 8352
R.]*). — Als Danaos seine Töchter mit den
Söhnen des Aigyptos vermählte, ward Enkela-
dos ihr Gemahl, Apollod. 2, 1, 5; bei Hyg. f.
170 hat der Vermählte den wahrscheinlich kor-
rupten Namen Midamos. [Vgl. noch C. I. Gr.
2374. R.] [Stoll.]
Amyntor (Ayvvxcoo), 1) Sohn des Ormenos,
nach Achaios bei Schol. Pind. Ol. 7, 42 (B.)
Enkel desselben, Sohn des Pheres, nach an-
go deren Sohn des Zeus, auf den Amyntor selbst
sein Geschlecht zurückführte, König in Hellas
(II. 9, 447 f.), nach II. 10, 266 in Eleon, das
nach II. 2, 500 in Böotien zu suchen ist. Die
Grammatiker, wie Krates bei Strabo 9, 439,
verlegten es auf den Parnafs, weil in dieser
k
ü
...
lull
1,1
Illi
Ue
)'A
ACJTt
jiili
fei
ill
I s4i
*) Die Denkmäler gesammelt bei Overbeck, Kunstmyth.
roscidon S. 350 ff. Sehr.
329
Anaitis
330
Ainyros
! Gegend Autolykos ansässig war (Ocl. 19, 394.
411), der auf einem Streifzuge in das Gebiet
seines Grenznachbars Amyntor diesem den vor
Troja von Meriones getragenen berühmten
Helm raubte (77 10, 266 ff.). Nach Apolloä. 2,
7, 7 und Diod. 4, 37, 4 fiel er als König von
Ormenion im magnesisclien Thessalien , das
sein Vater Ormenos gegründet hatte ( D . Ske-
) psios bei Strabo 9, 438; vgl. Eustath. p. 762,
34 ff.), im Kampfe mit Herakles. Ov. Met. 12, l
364 keifst er König der Doloper, wohl weil
sein Sohn Phoinix nach seiner Flucht vor dem
Vater jenes Volk beherrschte (II. 9,484. Apol-
lod. 3, 13, 8). Diesen trieb Amyntor, nachdem
er ihn verflucht, nach Apollod. 3, 13, 8 auch
geblendet hatte, aus dem Hause, weil er auf
Geheifs seiner Mutter Hippodameia mit Klytia,
der Geliebten des Vaters, Umgang gepflogen
hatte (Eiist. a. a, 0. 42. Das Nähere s. unter
Phoinix). Kinder des Amyntor waren aufser 2
dem erwähnten Phoinix Euaimon, der Vater
des Eurypylos (Eust. a. a. 0. 36), ferner Kran-
tor, der, vom Vater dem siegreichen Peleus
als Geisel übergeben , dessen Waffenträger
wurde (Ov. Met. 12, 361 ff.), und Astydameia
'(Apollod. 2, 7, 8. Schol. Find. Ol. 7, 42), die
er nach Diod. 4, 37, 5 zu seinem Verderben
dem Herakles verweigerte. — 2) Gemahl der
Danaide Damone, wenn die Lesart Hyg. f. 170
richtig ist. Beide Namen fehlen Apollod. 2,
1, 5. — 3) Sohn des Phrastor, Enkel des Pe-
lasgos und der Menippe, der Stammeltern der
Pelasger (Hellan. b. Dion. Hai. Ant. B. 1, 28).
[Schirmer.]
Ainyros ('AyvQog), Sohn des Poseidon, nach
welchem Stadt und Flufs Amyros in Thessa-
lien benannt sein sollen. Steph. Byz. s. v.
Valer. Flacc. 2, 11. Schol. Ap. Bh. 1, 596.
[Stoll.]
Amytliaon (’Ayv&acov), ein Aiolide, Sohn des
Kretheus in Iolkos und der Tyro, einer Toch-
ter des Salmoneus, Bruder des Aison und Phe-
res, wohnhaft zu Pylos in Messenien, zeugte
mit Eidomene, Tochter des Pheres, den Bias
und den Seher Melampus. Apollod. 1, 9, 11.
Rom. Od. 11, 235. 258. Diod. 4, 68. Anti-
machos bei Schol. Eurip. Phoeniss. 150. Schol.
Ap. Bh. 1, 121. 143 u. nach 4, 1781 im Pevog
’AnoXhov. p. 532 (Keil). Schol. Find. Pyth. 4,
223 (126). Schol. Hom. II. 2, 591. Tzetz. Lyk.
175. 872. Seine Tochter Aiolia war Gemahlin
des Kalydon. Apollod. 1, 7, 7. Nach Pindar
Pyth. 4, 125 (220) kam er mit den übrigen
Gliedern seines Hauses nach Iolkos in das
Haus des Aison, um für dessen Sohn Iason
von Pelias das Reich zu fordern. Paus. 5, 8,
1, nennt ihn unter denen, welche die olym-
pischen Spiele erneuert haben sollen. Die
Amythaoniden waren ausgezeichnet durch Ver-
standeskraft, wie die Aiakiden durch Stärke,
die Atriden durch Reichtum. Hesiod b. Nikol.
Damasc. in Excerpt. Valesii p. 445; vgl. Suid.
’Ahaq. [Stoll.]
Anabestas, Inschrift einer auf dem Palatin
gefundenen Säule C. I. L. 6, 21. NachMomm-
sen ist es ein Dat. plur. eines Götternamens,
der mit derselben Präposition wie Angerona,
anceps gebildet ist. [Steuding.]
Anagyros (’Avayvgo g), ein attischer Heros,
Eponymos des Demos ’Avayvgovg. Wegen Ver-
letzung seines Heiligtumes strafte er furcht-
bar einen in der Nähe wohnenden Greis. Ze-
noh. 2, 55. Apostol. 9, 79. Suid. [Roscher.]
Anaia (’AvaCa), Amazone, Eponyme der Sa-
mos gegenüberliegenden Ortschaft , wo sich
ihr Grab befand; vgl. Epjhoros bei Steph.
Byz. s. v. Schol. u. Eustath. zu 11. 3, 189.
[Kliigmann.]
Anaideia (’Avca'dsi a) , Personifikation der
Schamlosigkeit (Xenoph. Conv. 8, 35), welche
zu dem Sprichworte Veranlassung gab Q'sog fj
avaideia mit dem Sinne: auch Unverschämt-
heit hat ihr Gutes ( Plut . Prov. 25. Suidas v.
ffiog). Nach Cic. legg. 2, 11 gab Epimenides
nach der Reinigung Athens vom kylonischen
Frevel die Weisung, ihr und der "Tßgig einen
Tempel zu errichten. Clemens Alex, ad gent.
2, 26 erzählt, er habe jenen Gottheiten Altäre
geweiht (vgl. Theoph. b. Zenob. 4, 36, wo Epi-
menides nicht erwähnt wird). Istros erzählte
nach Suid. a. a. 0. von einem lsqov ’AvcaSsiag
in Athen. Vielleicht beruhen diese Notizen
auf der von Paus. 1 , 28 , 5 berichteten Tkat-
sache, dafs die beiden Steine, auf welchen vor-
dem Tribunal des Areiopag der Angeklagte
und der Kläger standen, nach der Hybris und
Anaideia benannt waren; sie konnten in spä-
terer Zeit leicht für alte Altäre gehalten wer-
den (vgl. Grote, Gesell. Griech. übers, v. Meißner
2, 68, Anm. 78). Nicol. Dam. fr. 21 ( Müller )
erwähnt einen %mqog ’Avcaösicxg in der Nähe
von Troja, wo ein Herold der Gattin des Sa-
mon, eines Bundesgenossen des Skamandros,
Gewalt anthat. [Schirmer.]
Anaitis (fAvcdxig) pers. Anähita, Name einer
persi sehen Göttin, welche die Griechen in
der Regel der Artemis gleichsetzten. Schon
dadurch ist ausgedrückt, dafs sie eine Göttin
des Naturlebens und der Fruchtbarkeit ist.
Denn wo immer die Griechen eine fremde Göt-
tin als Artemis bezeichnen, ist unter letzterer
die ephesische, und nicht etwa eine Mondgöt-
tin oder etwas Ähnliches, gemeint.
In dem Heimatlande der parsischen (zoroastri-
schen) Religion, dem nordöstlichen Iran, wurde
eine mächtige Göttin verehrt, unter deren Ob-
hut vor allem die Wasser stehen und die den
seiner Bedeutung nach nicht sicher zu erklä-
renden Namen Ardvi süra Anähita (nach Geld-
ner in Kuhns Ztschr. 25, 374 „die hilfreiche
lautere oder jungfräuliche [letztere Übersetzung
ist mir im höchsten Grade unwahrscheinlich]
Ardvi“) führt. Ihrem Ursprünge nach ist sie,
wie es scheint, zunächst die Göttin des Oxus-
stroms. Es heifst von ihr, dafs sie „gewaltig
dahinströmt vom Berge Hukarja zum See
Vorukascha“, dafs sie „tausend Arme und tau-
send Kanäle“ hat, eine Beschreibung, die nur
auf den Oxus pafst. Ein Hymnus des Avesta
(Jascht 5), der freilich in seiner jetzigen Fas-
sung, wie die Behandlung der Mythologie lehrt,
nicht in alte Zeiten hinaufreichen kann , der
aber für uns die einzige einheimische Quelle
für den Kultus dieser Göttin ist und zweifellos
manche alte Züge bewahrt hat, preist sie als
die Göttin des Wassers und der Fruchtbarkeit,
331 Anaitis
welche Herden und Wohlstand vermehrt, den
Frauen Fruchtbarkeit, leichte Geburt und gute
Milch gewährt, den Samen der Männer reinigt.
Wie auf Erden so strömt sie auch im Himmel;
nach einer in allen Mythologieen gewöhnlichen
Übertragung ist der See Vorukascha, der zu-
nächst nur der Aralsee sein kann, zugleich der
Himmelsocean und der Urquell aller Gewässer ;
Anähita wird von Zoroaster angerufen, aus
der Sternenwelt auf die Erde herabzukommen,
um die Verehrung der Gläubigen entgegenzu-
nehmen und ihnen ihre Wohlthaten zu ge-
währen.
Soweit wir bis jetzt die Entwickelung der
iranischen Religion verfolgen können, ist die
reine Lehre, welche an den Namen des Zara-
thuschtra anknüpft und die V erehrung des Ahu-
ramazda verkündet, zunächst eine wesentlich ab-
strakte Religion gewesen. Der gute Gott, wel-
cher Himmel und Erde geschaffen hat , ver-
langt von den Menschen, dafs sie sich seinem
Dienst ergeben, die Wahrheit üben und die
Lüge hassen, die richtigen Formen und Satzun-
gen des Kultus beobachten , das Reich des
Guten durch ihre Thaten, durch Urbarmachung
des Bodens und Pflege des Viehs, durch Opfer
und Bekämpfung der Lüge und der Dämo-
nen mehren. Ihm gegenüber stehen die feind-
lichen Dämonen der Lüge, Ahriman an der
Spitze; umgeben ist er von einer Schar guter
Geister, die im wesentlichen reine Abstraktio-
nen sind. In dieser Form predigen die Gäthä’s
die Religion, in diesen Anschauungen ist Da-
rius aufgewachsen, sie verkündet er in seinen
Inschriften. „Die andern Götter , welche es
giebt“ treten für Darius vollkommen in den
Hintergrund gegen den einen Ahuramazda, „den
gröfsten der Götter“. Indessen diese abstrakte
Religion vermochte sich auf die Dauer nicht
rein zu erhalten. Die Masse des Volks wird
sich von den Naturgottheiten, die es zum
Teil seit uralter Zeit verehrte , nie losgesagt
haben; sie waren ihm weit fafsharer, man
konnte sie weit leichter durch Formeln und
Opfer beeinflussen und von ihnen Schutz er-
hoffen, als von den hohen verstandesgemäfs
gedachten Wesen, die an der Spitze der Reichs-
religion standen. So ist es gekommen , dafs
allmählich diese Gottheiten , an ihrer Spitze
der Sonnengott Mithra und die Anähita, immer
bedeutender hervortraten und den idealen Kern
der Religion ganz in den Hintergrund dräng-
ten. Berossos berichtet uns, Artaxerxes II (404
— 362) habe den Kultus der Anaitis hei den
Persern eingeführt, ihr in Babylon, Susa und
Ekbatana, den drei Hauptstädten seines Reichs,
ferner in Persepolis, Baktra, Damaskos (?) und
Sardes Altäre und Statuen errichtet. Diese
Angabe ist auf das schlagendste durch die
Achämenideninschriften bestätigt worden : Ar-
taxerxes II ist der erste, welcher neben Ahura-
mazda den Mithra und die Anähita (hier Ana-
hata geschrieben) anruft, während in den zahl-
reichen Inschriften des Darius und Xerxes
beide nie genannt werden. — Bei Berossos
fr. 16 , aus dem. Alex, protr. .1,5 [ebenso
in dem angeblich. Berossosfragment bei Aga-
thias 2, 24] wird die Göttin der Aphrodite
Anaitis 332
gleichgesetzt, ebenso in der bekannten Stelle
Her. 1, 131 (of nigacu) emfisga&if/.ccGi y.a'i zrj
OvQcxvi'r] ‘Q'vsiv , n aga x s ’Aaovgiwv fi<x9ovzsg
v-cci Agaßiav. ycxleovGi de ’Acaigioi zyv ’Aopgo-
§bxr\v Mvhrzcc (Belit = Baaltis) , ’Agaßioi de
’Alizza (rect. Ahldx = Allät Her. 3, 8), lieg-
et ai de Mizguv. Hier hat Herodot ohne Zwei-
fel die beiden zu seiner Zeit den Griechen
noch nicht geläufigen Namen Mithra und Anä-
hita verwechselt; im übrigen ist seine Angabe
insofern richtig, als die spätere Form des Kul-
tus der altiranischen Göttin ganz von babylo-
nischen Elementen durchsetzt ist. Dies lehrt
schon der oben angeführte Hymnus des Avesta,
in dem die natürlichen Grundlagen des Kul-
tus sehr zurücktreten; vor allem aber die An-
gaben der Griechen, nach denen der Anaitis-
kult völlig zu einem dem babylonischen Isch-
tar-Nanä- ebenste (s. Art. Astarte) entsprechen-
den Kult der Göttin der Zeugung geworden
ist. Auch das Bild der Anaitis ist dem dieser
babylonischen Göttin nachgebildet; im Avesta j
( Jascht 5, 126) wird eine, wie Halevy (in Dar-
mesteters Zendavesta 2, 53) bemerkt, jedenfalls
der stereotypen Form des G ötterbildes entlehnte
Beschreibung der Göttin gegeben, nach der sie
ein schönes starkes Mädchen ist mit schwel-
lenden Brüsten; auf dem Haupte trägt sie eine
goldene Sternenkrone; Ohrringe und ein Hals-
band von Gold schmücken sie. Bekleidet ist
sie mit einem Gewände von Biber(?)fell. Mit
Ausnahme des letzteren erinnern alle diese
Züge lebhaft an die bekannten Darstellungen
der babylonischen Göttin (s. Art. Astarte). In
der Hand hält sie den heiligen Baresmazweig,
der zweifellos eine Umgestaltung der Blumen
ist, welche semitische Göttinnen tragen.
Seit der Perserzeit hat sich die iranische
Religion nach Westen verbreitet. Armenien
ist ganz iranisiert, in Kappadokien finden wir
in Zela ein Heiligtum der „persischen Götter“
und überall im Lande persische „Feuerzünder“
(äthravan = nvgcu&og, Strabo 15, 3, 15); auch .
im westlichen Kleinasien begegnen uns per-
sische Kulte. So tritt uns denn auch Anaitis
in diesem Gebiete mehrfach entgegen , und
zwar infolge ihrer Gleichsetzung mit der Ar-
temis Tauropolos häufig in der Umformung Ta-
vazg (so auch hei Berossos a. a. 0.; vergl. dazu
Cr. Hoffmann, Auszüge aus syrischen Akten persi-
scher Märtyrer, in Abh. für Kde. des Morgenl.
7, S. 135). Im lydischen Hierocaesarea führte
man den Kult der Diana Persica auf Kyros
zurück ( Tac . Ami. 3, 62, vgl. Paus. 5, 27, 5),
in Philadelphia werden Anaitisspiele ( ’Avaei -
■es iß) gefeiert (Lebas- Waddington, voyage arcli.
inscr. 3, 3424); vgl. Paus. 3, 16, 8 Avdcöv oig
sGziv ’Agzeyidog legov ’Avcai'xidog. In Armenien
wird die Landschaft Akilisene am obern Eu-
phrat auch Anaitica [und Tavcdzig] genannt
(Strabo 11, 14, 16. Plin. 5, 83. 33, 82. JDio Cass.
36,48. 53, vgl. Procop. Goth. 4, 5. Pers. 1, 17).
Von dem Kult der Göttin berichtet Strabo,
dafs ihr Sklaven und Sklavinnen geweiht wur-
den, dafs auch die Töchter des Landes bis zu
den höchsten Ständen hinauf sich ihr zu Ehren
prostituierten. Ferner erfahren wir , dafs ihr
Kühe heilig sind, denen „die Fackel der Gott-
10
20
30
40
50
60
333
Anaitis
Anaxarete
334
heit“ als Mal eingebrannt wird (JPlut. Luc. 24).
Im pontischen Zela ( Strabo 11, 8, 4f. 12, 3,
37) wurde Anaitis mit Omanos und Anadates
; (Amandates?, s. Lagarde, Ges. Abh.) zusammen
I verehrt, von denen jener der Ameschaspenta
Vohumano „der gute Sinn“, dieser vielleicht
Amertatät „der Genius der „Unsterblichkeit“,
ist; nach späteren Anschauungen sind sie die
Schirmherren der Tiere und Pflanzen. Auch
Zela war reich an Hierodulen und allem Fest- l
gepränge. Eng verbunden mit dem Anaitis-
kultus ist nach Strabo überall das Sakaeenfest,
ein Freudenfest, das aus Babylonien zu stam-
men scheint (s. weiter Berossos fr. 3 und Dio
Chrys. or. 4, 66; meine Gesell, des Altert. 1
§ 463). Man sieht , wie der Anaitiskult hier
überall völlig von babylonischen Elementen
durchsetzt ist; den Iraniern ist die Prostitu-
tion zu Ehren der Gottheit immer fremd ge-
blieben. Vgl. noch die „Mysterien der "Aqzs- 2
(US Tlegasici'1 Diod. 5, 77.
Während der Kult des Mithra sich über
die ganze griechisch-römische Welt verbreitet
hat, ist der der Anaitis ihr fremd geblieben.
Die Darstellungen auf Reliefs und Vasen, in
denen G ern.gr d, Arcli. Ztg. 1854, lff. die per-
sische Artemis hat erkennen wollen, scheinen
sämtlich nicht diese, sondern die ephesische
und ihr nahe verwandte kleinasiatische Göt-
tinnen darzustellen. Der Anaitiskult des eigent-
lichen Persiens wird bei den Schriftstellern noch
einige Male erwähnt, so der von Egbatana bei
Blut. Artax. 27. Isid. Charac. 6 (’Avca'tig) und
Polyb. 10,27, 12 (. Al'vg ), der von Susa wahrseb.
Plin. 6, 135; ferner vgl. Strabo 16, 1, 4. Dagegen
scheint, wo von der Artemis in Elymais die Rede
ist, namentlich beim Zuge des Äntioclios Epi-
phanes, durchweg die in Susa und Babylonien
seit uralter Zeit heimische Göttin Nanai (Nä-
vaia) gemeint zu sein (Pol. 31, 11. Maccab. 2,
1, 13 ff. u. a.); nur Aelian. hist. an. 12, 23: „im
Tempel des Adonis in Elymaea werden zahme
Löwen gehalten“, ist für Adonis vielleicht Anai-
tis einzusetzen. Auch ob die von Flut. Ar-
tax. 3 erwähnte persische Athene , in deren
Tempel der König seine Würde antritt, die
Anaitis ist, ist mir sehr fraglich. Ebenso kann
ich der von Ho ff mann a. a. 0. 154 ff. vorgeschla-
genen Gleichsetzung eines auf indoskythischen
Münzen vorkommenden Münzbildes mit der
Beischrift Nccvu mit der Anaitis nicht unbe-
dingt beistimmen. Wie die Armenier eine für
Athene , d. i. die (griech. !) Kriegsgöttin , er-
klärte „Nane Tochter Aramazds“ kennen
(Hoffmann a. a. 0. 134), mag auch die altira-
nische Religion eine Nanai gekannt oder adop-
tirt haben. — In unserem Avesta , dessen
Schlufsredaktion nicht älter zu sein scheint
als die spätere Arsakiden- und die Sassani-
denzeit (s. in. Gesell, des Alterth. 1, § 414ff.),
hat Anähita die Stellung einer mächtigen
Göttin, die sie in der Volksreligion einnahm,
behauptet. Aber sie wird dem zoroastrischen
Religionssystem eingeord.net und erscheint als
eine Vorkämpferin der guten Ordnung, die von
Ahuramazda und allen Heroen angerufen wird
und ihnen Segen und Sieg verleiht.
In früherer Zeit hat mau (so auch Movers,
ferner Stichel, de Dianae pers. monum. Graech-
wyliano, Progr. Jena 1856) die Anaitis vielfach
für eine semitische Göttin erklärt und mit al-
len möglichen andern Gottheiten (fAnat, Tnt,
Heit u. s. w.) identificiert. Alle diese Annah-
men sind völlig unhaltbar; s. m. Aufsatz Z.
F>. M. 31, 716 ff.
Litte r atu r. Aufser den Werken über
iranische Altertümer namentlich Windischmann,
die pers. Anahita oder Anaitis , Abh. d. Bayr.
Ah., pliil. CI. 8, 1858 uud G. Hoffmann a. a. 0.
Geldner, Kuhns Ztschr. 25, 374. [Ed. Meyer.]
Ananke (’Araynrj), die zur Gottheit gewor-
dene Notwendigkeit (Necessitas) , welche in
Korinth mit der Bia zusammen ein Heiligtum
hatte: Paus. 2, 4, 6. Hesiod u. Farm. b. Flat,
symp. 195 c. de republ. 616. Vgl. C. I. Gr.
4379 0, wo sie das Epitheton svzshqg führt.
Mehr unter Necessitas. Vgl. auch Pauly Beal-
enc. u. Necessitas. [Roscher.]
Anatole (’Avazolff), eine der Horen, Hyg. f.
183. [Stoll.]
Anax u. Anakes ('Avcc£ u. "Avansg), 1) Sohn
des Uranos und der Ge, autochthoner Herr-
scher und Eponymos von Anaktoria, dem spä-
teren Milet, Vater des Asterios, der sein Nach-
folger wurde. Paus. 1, 35, 6. 7, 2, 5. Steph.
Byz. s. v. Mihqzog. Eustath. ad Hom. II. 1, 8
(p. 21, 24. An dieser Stelle ist die Schreibung
des Codex ’Aränzogog in "Avanog verwandelt).
— 2) Anakes, ein Name für schützende Dä-
monen, ähnlich dem Namen der Kabiren (vgl.
Preller, Myth. 1, 696), vorwiegend für die Dios-
kuren gebraucht (z. B. Paus. 2, 22, 6. 7 u. ö.
vgl. den Artikel Dioskuren , Preller 2 , 104.
105), aber auch für die Kureten bei Paus. 10,
38, 3 und die Tritopatoren in Athen, Cie. de n.
deor. 3, 21, 53. Der Name ist nicht nur gleich-
bedeutend, sondern sprachlich gleich dvccszeg.
Die Etymologieen der Alten : dvcnußg £%siv oder
unb zrjg zcov dsivcöv uva6%£Ge(og oder uvEtuxg
(uvekci g) in der Bedeutung dvco (Flut. Thes. 33.
Plut.Numa 13. Eustath. ad II. p. 21, 18, ad
Od. 1425, 59) erklären wohl das Wesen, nicht
aber den Namen der Anakes, vgl. Preller, gr.
Myth. 2, 105. Note. [Vgl. noch Index z. C.
I. Gr. (Vol. 4, 3 p. 17) R.] [Oertel.]
• Anaxarete (’Aralagezr]), eine kyprische Jung-
frau aus dem edlen Geschlechte des Teukros,
welche aus hartherzigem Stolze die Liebe eines
Jünglings aus niedrigem Stande, namens Iphis,
so hartnäckig verschmähte, dafs dieser sich
zuletzt voll Verzweiflung an ihrer Thrire er-
hängte. Weit entfernt sich durch diesen Selbst-
mord rühren zu lassen, ging Anaxarete in ihrer
Gefühllosigkeit so weit, dafs sie, als die Leiche
des Unglücklichen zum Begräbnis an ihrem
Hause vorübergetragen wurde, spöttisch aus
dem Fenster den Leichenzug mit anselien
wollte. Kaum hatte sie jedoch den Kopf zum
Fenster hinausgesteckt und des Iphis Leiche
erblickt, als sie zur Strafe in eine Statue ver-
wandelt wurde, welche sodann im Tempel der
Venus prospiciens in Salamis als warnendes
Beispiel liebloser Hartherzigkeit aufgestellt
wurde. So berichtet Ov. Met. 14, 698 fl. Fast
dieselbe Geschichte erzählt Hermcsianax bei
Anton. Lib. 39, welcher nur insofern abweicht,
335 Anaxias
als er den Jüngling Arkeophon, Solan des Min-
nyridas, aus Phönizien, die hartherzige Grie-
chin aber Arsinoe , Tochter des Nikokreon,
Königs von Salamis, nennt und den liebenden
Jüngling sich durch Enthaltung jeglicher Speise
töten läl'st. Bei Flut. Amat. 20, 12 dagegen
heilst der Jüngling Euxynthetos, das Mädchen
Leukomantis, f welche noch jetzt in Kypros
TIccQccuvmovGa genannt wird’. — Derselbe
Schriftsteller vergleicht damit die kretische
Geschichte von Asandros und Gorgo. Nach
Welcher, Götterl. 2, 711 ist die Sage „wohl aus
einer Geschichte, die tiefen Eindruck gemacht
haben mufs, als Legende hervorgegangen. Ein
kleiner , in Rom wiederholt vorkommender
Marmor (vgl. Annali d. Inst. 1839 tav. ä'agg.
K. Braun, Vorschule Taf. 59. Archäol. Ztg.
1857 No. 97), höchst wahrscheinlich nach der
Statue in Salamis, stellt die rächende Göttin
[d. i. die ’Acpgodltr] n<xga.vivnxov6cc = prospiciens ]
so dar, dafs leise göttliche Trauer auf ihren
schönen Zügen schwebt, die Versteinerung
aber ausgedrückt ist durch eine mit ihr in
tiefe Trauer versunkene Gorgo, die auf ihrem
Haupte liegt.“ Welcher meint, dafs in diesem
Falle, wie auch sonst, der Name von der be-
straften.Schönen auf die Göttin übergegangen
sei (?). Übrigens macht Wyttenbach, Index verb.
in Flut. 2, 1187 darauf aufmerksam, dafs das
7i<xQcr/,vnzELV vorzugsweise ein 6%ryjisy. nogvi%6v
war, was trefflich zu der Rolle, welche die
Aphrodite (Astarte) gerade im phönizischen
Kypros und in unserem Mythus spielt, pafst.
Das Vergehen der Anaxarete möchte daher
nicht blofs in dem Verschmähen des phöni-
zischen Jünglings, des Verehrers der Astarte
(s. d.), sondern wohl auch in der höhnischen
Persiflage eines auf die Göttin zurückgeführten
und ihr gewissermafsen geheiligten gestus me-
retricius seitens einer Griechin bestanden
haben. Die Legende eröffnet sonach einen
Einblick in das ursprüngliche Verhältnis der
griechischen Kolonisten zu dem Kultus der
kyprischen Astarte. [Roscher.]
Anaxias (’Ava^üu g) oder Anaxis ("Avalgig) und
Mnasinos, rSöhne der Dioskuren und der Hi-
laeira und Phoibe’ waren in Holzbildern von
Dipoinos’ und Skyllis’ Hand im Tempel der
Dioskuren zu Korinth aufgestellt (Paus. 2, 22,
5) und am Throne des amykläischen Apollon
angebracht (Paus. 3, 18, 13). Wahrscheinlich
ist Anaxis identisch mit Anogon, den Apol-
lod. 3, 11, 2 Sohn des Kastor und der Hilaeira
nennt, Mnasinos derselbe wie Mnesileos, der
Sohn des Polydeukes und der Phoibe (Apollod.
a. a. 0.). [Roscher.]
AnaxiMa (’Avcc^ißicc) , 1) Tochter des Bias,
Gemahlin des Pelias, Mutter des Akastos,
der Peisidike, Pelopeia, Hippothoe und Al-
kestis. Apollod. 1, 9, 10. Hygin. fab. 14. 51.
— 2) Tochter des Kratieus, Gemahlin des
Nestor und Mutter des Perseus, Stratichos,
Echephron, Aretos, Peisistratos , Antilochos,
Thrasymedes und der Peisidike und Polykaste.
Apollod. 1, 9, 9. — 3) Tochter des Pleisthenes
und der Aerope, Schwester des Agamemnoxa,
Gemahlin des Strophios und Mutter des Pyla-
des. Paus. 2, 29, 4. Ilesiod bei Tzetz. exeg. in
Anckiale 336
lliad. p. 68, 20. [Bei Ilygin. fab. 117 heifst
die Gemahlin des Strophios Antioche], Eusta-
thius ad lliad. 2, 588 (p. 296, 25) und Dictys
Cretensis 1, 1 sagen, die zweite* Gemahlin
Nestors sei Agamemnons Schwester gewesen.
Da nun ein Kratieus sonst nirgends vorkommt, so
wird es wahrscheinlich, dafs bei Apollodor statt
Kgaxiscog ’Axgseog zu lesen und 2) und 3) iden-
tisch sind. Demnach hätte die Schwester des
Agamemnon zuerst eine Ehe mit Nestor und
dann mit Strophios, dessen Spröfsling Pylades
war, eingegangen. — 4) Eine Nymphe in In-
dien, die Helios liebte. Sie floh vor seiner
Verfolgung in den Tempel der Artemis Orthia
am Ganges; Helios aber, von weiterer Nach-
stellung abstehend, fuhr von hier auf. Der
Ort hiefs danach Anatole: Flut, de fluv. 4, 3.
— 5) Gemahlin des Kerkaphos, Mutter des
Maiandros. Flut, de fluv. 9, 1. [Oertel.]
Auaxileia (’Ava^ilsia) , Amazone auf einer
Hydria in England, vgl. Bröndsted, Vases of
Gampanari n. 28. C. I. Gr. 7573. [Kliigmann.]
Anaxiroe, Tochter des Koronos, Gemahlin
des Epeios und Mutter der Hyrmina. Paus. 5,
1, 6. [Oertel.]
Auaxis ('Av a|tg) s. Anaxias.
Auaxithea (’Ava^i&sa), eine der Danaiden
(s. d.), sie gebar vom Zeus den Olenos. Steph.
Byz. s. v. Hlsvog . Eustath. ad Hom. II. 11,
756 (p. 883, 2). (Unter den bei Hygin. fab.
170 und Apollod. 2, 1, 5 genannten Danaiden
kommt Auaxithea nicht vor). [Oertel.]
Anaxo (’Avce£c6), 1) Tochter des Alkaios und
der Hipponome (oderÄstydameia oder Laonome),
Gemalilin des Elektryon und Mutter von 8
Söhnen und der Alkmene (s. d.) Apollod. 2, 4,
5. Schol. ad lliad. 14, 323. Arsenius, viol. 131
(Leutseh, paroemiogr. t. 2). Tzetzes ad Lycoplir.
933. — 2) Eine trözenische Jungfrau, von The-
seus geraubt, dessen Gemahlin vor der Phaidra,
Flut. Thes. 29. comp. Tlies. et Bomul. 6. Athe-
naeus 13, 557 B. [Oertel],
Ancasta dea, eine jedenfalls celtische Göt-
tin auf einer Weihinschrift aus Clausentum
(Bittern bei Southampton) C. I. L. 7, 4. Zu
vergleichen ist der Name des britannischen
Stammes Ancalites bei Gaes. bell. galt. 5, 21.
[Steuding.]
Ancharia, eine zu Faesulae verehrte Göttin,
von der Tertull. Apolog. 24 sagt: unicuique
provinciae et civitati suus deus est, ut Syriae
Atargatis , Faesulanorum Ancharia [Roscher];
vgl. auch die allerdings etwas verdächtige In-
schrift aus Faesulae, Orelli 1844: L. Magilius
L. F. Paullinus Variscus III vir signum An-
cliariae sua pec. restitu L. I). D. D. Nach
Müller - D eecke , Etrusk. 2 p. 62 Anm. 86 ist
Ancharia ein echt etruskischer Name und mit
dem der Familie Ankare nebst Ableitungen
zusammenzustellen. Vgl. Steph. Byz. vAynaga,
nbXig ’lxuXiag. xo id'vinov ’AyHccguxyg u. Gerh.
Gottli. d. Etr. n. 110. [Steuding.]
Ancliiale (’Ayxuxhq), 1) Tochter des Iapetos,
Gründerin und eponyme Heroine der Stadt
Anchiale in Kilikien am Kydnos, die nach an-
dern von Sardanapal gegründet sein soll. Sie
wird Mutter des Kydnos genannt. Steph. Byz.
s. v. ’Ay%t,<xXr]. — 2) Nymphe in Kreta, die
io
20
30
40
50
60
Anchises
337 Anchialos
Mutter der idäischen Daktylen. Apoll. Rhod.
1, 1130. [Oertel.]
Anchialos (’Ayxialog), 1) Vater des Mentes,
König der Taphier und Freund des Odysseus
( Hom . Od. 1, 180). — 2) Ein Phäake, der sich
an den Festspielen zu Ehren des Odysseus be-
teiligt (Od.- 8, 112). — 3) Hirte, Erzieher des
Paris. Aslilep. bei Schol. ad II. 3, 325. — 4)
Grieche, mit Menesthes zusammen von Hektor
erlegt. II. 5, 609. [Oertel.] i
Ancliimaclie (’Ayxiydxy), Amazone, Gefähr-
tin Penthesileias bei Tzctz. Postli. 182.
[Kliigmann.]
Ancliimos ('Ayxigog), einer von den Gefähr-
ten des Odysseus, der von der Skylla ver-
schlungen wurde, Pherckydes b. Schol. Od. 12,
257. [Stoll.]
Anchinoe ( ’Ayxt-vor] oder ’Ayx^ögl), 1) Toch-
ter des Neilos, Gemahlin des Belos (s. d.) :
Apollod. 2, 1,~4. Schol. II. 1, 42. — 2) Ge- 2
mahlin des Proteus, Mutter der Kabeiro (welche
von Hephaistos den Kadmilos gebar): Steph.
Byz. unter Kaßupia. [Roscher.]
Anchios (’Ayxiog ?), zweifelhafter Name eines
Kentauren, den Herakles (s. d.) zu Pholoe er-
legte, als er hier den Pholos (s. d.) besuchte,
Apollod. 2, 5, 4 (wo jedoch nach Roscher, 'Über
: lie Kentaurennamen ’ in Fleckeisens Jahrb. 1872
S. 426 wohl ”AQv.zog (vgl. lies. Sc. Here. 186)
?u lesen ist). [Oertel.] 3
Anchiroe (oder -rrhoe) (’AyxiQÖrp -QQog), 1)
Tochter des Erasinos (s. d.) , Schwester der
Byze, Melite und Moira, welche in dem My-
thus der Britomartis (s. d.) eine Rolle spielte:
Anton. Lib. 40. — 2) Gemahlin des Penthilos
)s. d.), Mutter des Andropompos, eines Vor-
fahren des Kodros, vielleicht mit der vorigen
dentisch: Hellan. b. Schol. z. Plat. Symp.
208 d. — 3) Tochter des Neilos, Gemahlin des
Belos (s. d.), Mutter des Aigyptos und Danaos 4
's. d.), deren Name auch ’Ayxivog (s. d.) ge-
ichrieben wird. — 4) Beigeschriebener Name
;iner Statue, welche eine zum Brunnen tretende
Wasserträgerm (Danaide?) darstellt: (geschrie-
ben: Anchyrrhoe)*) O. Jahn, archäol. Aufs. 26.
Brunn in Paulys Realenc. 2 1, 1 , 972. — 5)
fochter des libyschen Flufsgottes Chremetes,
iemahlin des Psyllos, Mutter des Libyers Kra-
aigonos: Nonn. Dion. 13, 380. [Roscher.]
Ancliises ( ’Ayxiogg ), 1) Sohn des Kap.ys und 5
ler Themis, der Tochter des llos, und Enkel
les Assarakos. II. T 239. Apoll. 3, 12, 2, 3.
Ennius bei Philargyr. z. Verg. Georg. 3 , 35.
Itammbaum: Zeus, Dardanos, Erichthonios,
fros, Assarakos, Kapys II. T215 — 40; er heifst
Jäher bei Homer avu | dvögcov E 268 ; vgl.
riadstone, hom. St., übers, v. Schuster S. 86 ff.
Aff. Dionys v. II. 1, 62 nennt als Mutter die
iajade Hieromneme, und Serv. Verg. Aen. 5, 30
!ie Aigesta (Egesta). Abweichend bezeichnet c
lygin. f. 94 (p. 88, 17 M. Schmidt ) den Assa-
akos als Vater. Anchises war Herrscher in
lardanos, fan Gestalt Unsterblichen ähnlich’ :
■ hom. Hymn. v. 55. Hyg. f. 270 (p. 145 M.
Schmidt). Zeus flöfste der Aphrodite zur Strafe
*) Vgl. Matz , Archäol. Zeit. 1874 p. 31 und Michaelis
od. 1875 p. 24. Matz-Duhn, Ant. Bilclw. in Rom nr. 821
-820. [Schreiber.]
338
für ihre Überhebung Liebe zu Anchises ein;
als er einst auf dem Ida seine Rinderherden
weidete, trat Aphrodite geschmückt zu dem
schönen Hirten und nannte sich Tochter des
phrygischen Königs Otreus. Hermes habe sie
aus der Mitte ihrer Gespielinnen entrafft un:l
hierher gebracht, damit sie des Anchises Gat-
tin werde. Das Beilager der Göttin und des
Sterblichen, eine Parallele zu der heiligen Hoch-
zeit des Zeus und der Hera, besingt der 4.
hom. Hymnus ; vgl. II. B. 820. E 247. T 208.
Hes. Th. 1008. Apollod. u. Hygin. a. a. 0.
Vergib Aen. 1, 617 u. Servius z. St., Tlieocrit.
1 , 106. Nonnus Dionys. 15, 210. Nach dem
Beilager gab sich die Göttin dem Anchises zu
erkennen , weissagte ihm die Geburt eines
Sohnes, gebot ihm aber, diesen für den Sohn
einer Nymphe auszugeben , denn Zeus werde
ihn mit seinem Blitze treffen , wenn er die
wahre Mutter nenne; hom. Hymn. v. 286 ff.
Darstellung dieser Scene bei Müller- Wieseler
2. Bd. 2. II. S. 225 No. 293. Förster, Hochz. des
Zeus u. der Hera S. 7. No. 2. Gerhard arch.
Ztg. 1847. No. 1. T. 1, Münze der Hier bei
Millin, mythol. Gail. T. 44. No. 644. Nach
Verg. Aen. 1, 617f. gebar die Göttin den Ai-
neias am Simois. Da Anchises unter seinen
Genossen beim Wein das Geheimnis ausplan-
derte, wurde er vom Blitzstrahl des Zeus ge-
troffen, nach einigen davon getötet, Hygin. a.
a. O., nach anderen nur gelähmt, Verg. Aen.
2, 647 ff. u. Servius z. 2, 649, oder des Augen-
lichts beraubt, Servius Verg. Aen. 1, 617. u.
2, 687, letzteres nach Angabe des Tlieocrit.
Bei Vergil ist Anchises sehend. Dafs er 80
Jahre alt geworden sei, sagt Eustatli. z. II.
M 98. Aufser Aineias wird auch Lyros oder
Lyrnos, der Gründer von Lyrnessos, ein Sohn
der Aphrodite und des Anchises genannt. Apol-
lod. 3, 12, 2, 3. Von seiner Gattin Eriopis
hatte er die Hippodameia II. N 429 u. Schol.
z. St. , Hesych. ; ein natürlicher Sohn des An-
chises soll Elymos gewesen sein nach Tzetz.
z. Lykopin, v. 965 (Kinkel) u. Servius Verg.
Aen. 5 , 73. Laokoon ist sein Bruder nach
Hygin. f. 135 (p. 115, 1 M. Schmidt ), der hierin
wohl dem Laokoon des Sophokles gefolgt ist.
Welcher, gr. Trag. 1, 151 ff. Da Laokoon bei
Hygin. f. 135 (p. 115 M. Schmidt ) Sohn des
Tyrrheners Acoetes heifst, und Elymos nach
Steph. Ryz. unter Aiavr) ein nach Macedonien
eingewanderter König der Tyrrhener ist, so
scheint es, dafs manche den Anchises aus Tyr-
rhenergeschlecht ableiteten. Vgl. K. 0. Müller,
Orchomenos 2 S. 438. Von den Pferden Laome-
dons, die Zeus dem Tros geschenkt hatte, liefs
Anchises heimlich seine Stuten belegen und
erzog sich aus ihnen sechs Rosse, deren zwei
er dem Aineias schenkte. II. E 265 ff. Anchi-
ses war Gastfreund des königlichen Sehers
Anios auf Delos, Verg. Aen. 3, 82 oder gar Ver-
wandter desselben nach einem Palaephatus
Serv. Verg. Aen. 3, 80; ebenso hatte er nach
Verg. 8, 156 mit dem Arkader Euander in
Pheneos Gastfreundschaft geschlossen noch vor
derZeit des troischen Kriegs. Aineias trug ihn
aus derbrennenden Stadt (vgl. Aineias Kap. 3,
und über die Darstellungen dieser Scene ebenda
339
Anchises
Anculi
340
Kap. 22. vgl. Archäol. Ztg. Jahrg. 38. 1880. S. 189),
die Sage ist durch eine Münze von Aineia be-
zeugt, welche der Mitte des 6. Jhds. v. Chr. ange-
hören soll (s. ohenS. 167). Von Gattinnen desAn-
• chises und Aineias, die unter Thränen Ilion ver-
liefsen, wufste Naevius: Serv. Verg. Aen. 3, 10.
vgl. oben Eriopis. Aineias bediente sich sei-
ner auf der Fahrt als Ratgeber, denn es wohnte
ihm die Gabe der Weissagung inne. So nach
Naevius ( scliol . vet. z. Verg. Aen. 2, 678), nach
Ennius ( Probus z. Verg. Ed. 6, 31) und nach
Vergil (Serv. z. Aen. 2, 687), vgl. Dion. 1,
48; Vergil stellt ihn als aller priesterlichen
Weisheiffkundig hin: Servius z. Verg. Aen. 3,
607. — Über den Ort, an dem Anchises ge-
storben sein soll , schwanken die Angaben
aufserordentlich. Ein Grab des Anchises am
Ida, welches die Hirten jährlich bekränzten,
erwähnt Eustathius zu ILM 98; oder er war
während der Irrfahrten seines Sohnes auf der
Halbinsel Pal lene am Berg Kalauros unweit
des Anthemosflusses gestorben und hatte dort
sein Grab. Scliol. z. II. N 459. Dind. (wo iv
Tlvdvy Konjektur ist für sv nvcivy), vgl. IIo-
non Narr. 46, oder zu Aineia Steph. Byz.
Ai'vsia , oder in Arkadien am .Berge Anchisia
Paus. 8, 12, 8 in der Nähe eines Aphroditetem-
pels, oder zu Anchisos in Epirus Prolcop.
Gotli. 4, 22, wo er verschwunden sein sollte;
der Ort ist mit Onchesmos und dem Anchises-
hafen bei Dionys. 1, 51 gleichbedeutend, vgl.
E. Hübner, Flecheis. Jalirbb. 1879. S. 413 ff. ;
oder im südl. Italien am Aphroditehafen bei
dem iapygischen Vorgebirge. Diomedes führte
seine Gebeine, die offenbar für segenbringend
galten, mit sich umher, vgl. Aineias Kap. 11;
oder er stirbt in Drepanum auf Sicilien:
Verg. Aen. 3, 710 und erhält auf dem Berge
Eryx ein Heroon. Verg. Aen. 5, 760f. Hy-
gin. f. 260 (p. 144, M. Schmidt ). Bei Vergil 1. 5
werden ihm dort am Jahrestage seines Todes
Leichenspiele gefeiert, darunter die ludi Tro-
iani; Hygin. f. 273 (p. 118 M. Schmidt ); von
dieser Leichenfeier leitete man die Gebräuche
bei den Totenopfern in Rom und Latium, das
novemdiale sacrificium und die ludi novemdia-
les her: Verg. Aen. 5, 64. Ov. Fast. 2, 543.
Preller r. M. 480. 482 ; oder endlich Anchi-
ses stirbt in Latium; so schon Cato nach
Serv. Verg. Aen. 1, 570; 3, 711 (Hygin. fab.
260). Nach Dion. 1, 64 gab es eine Sage, dafs
Aineias das Heroon am Numicius dem ein
Jahr vor dem Krieg mit Mezentius verstorbe-
nen Anchises geweiht habe, vgl. Strabo 5, 229.
Nur. Vict. de orig. g. II. 10. 11. Nach dem
Namen des Anchises soll Remus eine Stadt
Anchise in Latium gegründet haben. Dion. 1,
73. Vergil versetzt den Verstorbenen nach
eigener Erfindung in das Elysium, damit da-
durch die Fahrt des Aineias in die Unterwelt
motiviert werde. Der Name wird im Etym. m.
abgeleitet i iccqoc z6 ciy%i, xo eyyvg ysvio&ca xyg
’AcpQodixyg, vgl. dazu Klausen, Aen. u. d. Pen.
1, 33; wahrscheinlich ist er nichtgriechischen
Ursprungs; Müllenlioff, d. Altert. S. 21 glaubt,
er sei einem phrygischen nachgebildet. — 2)
Vater des reichen Echepölos aus Sikyon II.
W 296. Davon:
Anchisiades (Ay%iai6iSyg, ov), 1) Nachkomme
des Anchises, Aineias II. P 754. T 160. Verg.
Aen. 8, 521. 5, 407 u. ö. — 2) Echepölos
aus Sikyon II. W 296.
Ancliisias (Ayxioicig, uöog), Beiname der Aphro-
dite nach einer Inschrift aus Ilium novum,
Le Bas, As. min. 1039. [Wörner.]
Ancliuros ('Ay%ovQog), Sohn des phrygischen
Königs Midas, Gemahl der Timothea. Bei Ke-
ro lainai, der Stadt des Midas, öffnete sich einst
die Erde, der Schlund wuchs mehr und mehr
an und drohte der Stadt Verderben. Der Kö-
nig bekam vom Orakel auf seine Frage die
Antwort, der Schlund würde sich schliefsen,
wenn er sein kostbarstes Besitztum hineinge-
worfen. Da Gold und Edelsteine nichts hal-
fen, stürzte sich Anchuros in den Schlund, der
sich sofort schlofs. Die Quelle der ganzen Er-
zählung scheinen die Metamorphosen des Kal-
20 listhenes gewesen zu sein. Plut. parall. 5.
Ancitia s. Angitia. [Oertel.]
Anculi und Ancmlae hiefsen nach Paul. p. 20
s. v. ancillae dienende Gottheiten, so genannt
rquod antiqui anculare dicebant pro ministrare.’
Vorzugsweise scheint diese ganze Wortfamilie im
alten Latein dem Gebiete der Priestersprache
angehört zu haben, wie dies durch die Erklä-
rung von anclabris mensa bei Paul. p. 11 s. v
und p. 77 escariae mensae (vgl. die von II. 0.
30 Müller hergestellte Glosse des Labbaeus an-
clabres) bestätigt wird. In sakralem Sinne
sehen wir das Verbum anclare auch in einem
Fragment des Livius Andronicus bei Priscian.
6, 17 p. 208 II. angewandt. Eine Nebenform
vojr anculae ist ancillae, wovon es ebenfalls
eine Ableitung anciliare = servire (= ancu-
lare) gab, vgl. Non. p. 71 s. v. Anculus ist
natürlich das Deminutivum von Ancus, das in
dem Namen des Königs Ancus Marcius sich
40 erhalten^ hat. Varro hielt das Pränomen An-
cus für sabinisch, vgl. Inc. auct. de praenom.
4; und dafs die Sabiner wirklich das Wort
kannten, ersehen wir aus Serv. Aen. 12, 348
und dem Zusatz des Interpolator Servii z. d.
St., der uns die Cupenci (Diener des Guten)
als Priester des Hercules kennen lehrt, vgl.
Cupra und Hercules. Noch eine weitere Ver-
zweigung des Stammes ancus hat Preller II
31. 3 1, 411 ermittelt in den Ancites und An-
50 gitiae einiger Inschriften verschiedener itali-
scher Völkerschaften, die wir gleichfalls als
dienende Gottheiten aufzufassen haben. Ganz- ;
lieh abzuweisen ist selbstverständlich die An-
sicht einiger alten Grammatiker, die anclare 1
als griechisches Lehnwort auffafsten und es
von ccvxXslv ableiteten, vgl. Priscian. a. a. 0.,
Paul. p. 11 anclare, Non. p. 107 exanclare,
p. 292 exanclare, G. Löwe, Prodrom, gloss. lat.
p. 371 ff. — Derselbe Begriff dienender Gott-
00 heiten männlichen und weiblichen Geschlechts
findet seinen Ausdruck in den Famuli Divi
und Virgines Divae der Arvalakten. Wie ij
der Kultus zwischen Anculi, Anculae und
Famuli, Virgines unterschied, läfst sich nicht
feststellen. Es war eine Lehre der römischen
Theologie ' singula numina habent inferiores
potcsta.tes quasi ministros’’ , Serv. Aen. 5 , 95,
vgl. Mart. Cap. 2, 152. Einzelne Vertreter
341 Andarta dea Aug.
dieser dienenden Götterklasse sind in die Sage
eingetreten und Laben es zu einer mythologi-
schen Entwickelung gebracht, so Virbius, der
Diener der Diana, und der in einem gleichen
Verhältnis zu Mars stehende Picus. Horat.
A. P. 239 nennt den Silen Diener des Bacchus,
Seneca Here. für. 100 f. die Furien Dienerinnen
des Dis; Mart. Cap. 1, 36 läfst die Discipli-
nae im Dienst des Merkur stehen. Als die-
nende Gottheiten erscheinen vor allem die
Genien, besonders wenn sie den Göttern opfern,
vgl. Hercules. Ferner werden die den einzel-
nen Gottheiten geweihten Tiere als deren fa-
muli und famulae betrachtet; wir werden solche
zu erkennen haben in den Corniscae Divae, die
unter dem Schutz der Iuno standen (Paul.
p. 64 s. v.); der picus Martins gehört hierher
als der heilige Vogel des Mars, ln der um-
brischen Auguraldisziplin wird eine Klasse von
Auspicalvögeln , die den lat. oscines zu ent-
sprechen scheint, anclar ( nom . pl.) und anglaf,
angla (acc. pl.) genannt und mithin, da diese
Wörter olfenbar = lat. anculae, als dienende
Vögel einer Gottheit aufgefafst ( Iguv . Taf. 6 a.
16. 5. 1. 3. 6. b. 49; vgl. Aufrecht-Kirchho/f,
Umbr. Spr.-Denkm. 2, 32. 41. Huschke, Iguv.
Taf. 46 f. Bücheier , N.Jlibr. f. Pli. 111, i.875
p. 317). Interessant ist es, dafs der Genius
selbst noch einen famulus erhält in der Schlange,
die seine Gegenwart anzeigt, vgl. Bel ff er scheid,
De Darum picturis Pompeianis, Annali d. inst.
35 (1863) p. 130. Als Diener der Verstorbe-
nen erscheint die Schlange bei V erg. Aen. 5,
95 u. Vater. Flacc. 3, 457 f. , als famulus der
Naiaden bei Sil. Itdl. 6, 288 f. Auch die Prie-
ster der Gottheiten wurden famuli genannt,
wie die Priester des Hercules Cupenci , vgl.
Cie. de leg. 2, 9, 22. Seneca Agam. 254 f. Dem
Syrer Elagabal ist nicht zuzutrauen, dafs er
an die dienenden Gottheiten der altrömischen
Religion dachte bei seinem Ausspruch 'omnes
deos sui dei ministros esse , cum alios eius
eubicularios appellaret, alios servos, alios di-
versarum rerum ministros’ (Ael. Lamprid. v.
Elag. 7), dem nur die Vergleichung mit sei-
nem Hofstaat zu Grunde liegt, vgl. Henzen,
Acta fr. Arv. p. 145. [R. Peter.]
Andarta dea Aug., eine keltische Göttin auf
;iner Inschrift aus der col. Dea Augusta Vo-
iontiorum (Die in der Dauphine) Orelli 1958:
Deae Aug. Andartae L. Carisius Serenus Illlvr
Aug. v. s. 1. m. Aufserdem auf den Inschrif-
ten bei Gruter 88, 9 u. 10. Dom Martin, Be-
ig. des Gaulois 2 hält sie für eine Victoria.
Vielleicht ist Juppiter Andero zu vergleichen.
[Steuding.]
Andero oder Anderomis , ein keltischer,
•ielleicht (nach Hübner) von einer Örtlichkeit
ntlehnter Beiname des Juppiter auf einer In-
chrift aus Gallaecia, C. I. L. 2, 2598: I. 0. M.
inderon sac. M. Ulpius Aug. lib. Eutyches.
Proc. Metall. Alboc. Wohl desselben Stam-
mes sind die keltischen Ortsnamen Anderitum
n Aquitanien und Anderida in Britannien.
[Steuding.]
Andes ('Avdrjs). Dieser Name beruht auf
bischer Lesart, Steph. Byz. s. v. "Adavce. S.
! andes. [Schirmer.]
Androgeos 342
Andescox, wohl Beiname des Mercurius auf
einer Inschrift aus Camulodunum, Colonia vic-
trix (Colchester), C. I. L. 7, 87 : Numinib. Aug.
et Mer cu. deo Andescoci vov. etc. Vergl. die
von ande (ävxC) abgeleiteten kelt. Namen b.
Fick, gr. Pers. p. LXX. [Steuding.]
Audraimon (’ArdgcEycov), 1) Vater des Thoas,
Gründer von Amphissa, wo noch sein Grabmal
gezeigt wurde, Paus. 10, 38, 5. Er war ver-
heiratet mit Gorge, der Tochter des Oiueus
von Kalydon. Dieser wurde von den Söhnen
des Agrios eingekerkert, von seinem tapferen
Enkel Diomedes aber befreit und gab nun die
Herrschaft seinem Schwiegersöhne Andraimon.
Sein Sohn Thoas führt dann die Ätolier vor
Troja: II. 2, 638. Od. 14, 499. Dictys Cre-
tensis 2, 13. Apollod. 1, 8, 1. Paus. 5, 3, 7.
Arist. bei Harp. s. ’AurpioGa. Vgl. Preller 2,
370. — 2) Sohn des Oxylos und Gemahl
der Dryope, die vom Apollon den Amphissos
gebar. Ovid. Metam. 9, 363. Antonin. Lib.
32. Bei Apollodor 2 , 8 , 3 wird Oxylos Sohn
des Andraimon genannt. Dies ist entweder
eine Verwechslung Apollodors, oder auf eine
immerhin mögliche Textkorruptel zurückzufüh-
ren: tc5 ’AvSgaigovog = zä Aiyovog. Der Stamm-
baum des Andraimon von Amphissa und Ka-
lydon ist nämlich dieser: Andraimon, Thoas,
Haimon, Oxylos, Andraimon d. J. [Oertel.]
Andreus (’AvSgsvg), Sohn des Peneios, ein
Thessalier, Eponymos und Gründer von Andreis,
dem späteren Orchomenos. Er teilte dann sein
Reich mit dem eingewanderten Athamas und
heiratete dessen Tochter Euippe, mit der er-
den Eteokles zeugte , den einige allerdings
auch einen Sohn des Kephissos nennen, Paus.
9, 34, 6—9. Diod. Sic. 5, 79. Über Andreus,
als Gründer von Andros (Paus. 10, 13, 4) vgl.
Andros. [Oertel.]
Andro (’AvSgeo), Amazone, Gefährtin Penthe-
sileias bei Tzets. Posth. 179; auf der fragmen-
tierten Vase aus Ruvo Annali d. Inst. 1856.
Tav. 15 wohl zu Andromache (s. d.) zu ergän-
zen. [Klügmann.]
Androdaixa (Avd'godai'£,<x), eine Führerin der
Amazonen vor Troja, von Achilleus getötet,
Tzetz. Posthorn. 179. [Stoll.]
Androgeos (’Avdgoyecog, lat. Androgeus und
-eon), 1) Sohn des Minos und der Pasiphae
(nach Asklepiades der Krete, Tochter des Aste-
rios), Bruder des Katreus, Deukalion, Glaukos,
der Akalle, Demodike, Ariadne und Phaidra
(Apollod. 3, 1, 2. Diod. 4, 60. Sero. Verg. Aen.
6, 14). Er kam nach Athen, beteiligte sich
an den panathenäischen Spielen und besiegte
alle anderen Wettkämpfer. Da sandte ihn der
eben von Troizen heimgekehrte Aigeus gegen
den marathonischen Stier aus, wobei er um-
kam (vgl auch Paus. 1, 27, 10). Nach an-
derer Überlieferung wurde er auf dem Wege
nach Theben, wo er den äycov des Laios mit-
machen wollte, von seinen neidischen Mitbe-
werbern heimtückisch überfallen und ermordet.
Als Minos, der gerade auf Paros den Chariten
opferte, den Tod seines Sohnes erfuhr, voll-
endete er zwar das angefangene Opfer, aber
er warf seinen Kranz fort und hiefs die Flöten-
spieler schweigen, was von da an auf Paros
io
20
30
40
50
60
343
Androkles
Andromache
stehende Opfersitte wurde. Darauf rüstete er
eine Flotte gegen Athen, eroberte das von
Nisos beherrschte Megara (nach einigen Quel-
len, z. B. Sero. z. Verg. Ed. 6, 74 waren
auch Megarer am Morde des Androgeos be-
teiligt gewesen) und belagerte alsdann Athen.
Als sich die Belagerung in die Länge zog,
bat er Zeus, ihm' Genugthuung zu ver-
schaffen, worauf Pest und Hungersnot aus-
brach. Um diese Plagen abzuwenden, opfer-
ten die Athener, einem alten Orakel folgend,
die Töchter des Hyakinthos am Grabe des
Geraistos. Als dieses Opfer jedoch nichts
nützte, befragten sie das Orakel. Dieses ant-
wortete, sie sollten dem Minos die Genug-
thuung geben, die er verlange. Da verlangte
dieser von ihnen jährlich 7 Jünglinge und 7
Jungfrauen, welche dem Minotäuros zum Frafse
dienen sollten. So Apollod. 3, 15, 7 (vgl. auch
die ähnlichen Berichte b. Cat. 64, 77 ff. JDiod.
4, 60 f. Hyg. f. 41. Ov. Met. 7, 458. Flut. Thes.
15. Paus. 1, 27, 10. Schot. Fiat. Min. 321 A.
Serv. Verg. Aen. 6, 14. Ed. 6, 74. Schot. II.
A590. Eust. z. Od. p. 1688, 32). Nach Biod.i, 60
wurde Androgeos von Aigeus bei Oinoe auf dem
Wege nach Theben erschlagen, weil er nach sei-
nem panathenäischen Siege mit den Söhnen des
Pallas innige Freundschaft geschlossen hatte.
Hettadios b. Phot. bibl. p. 534 B. will das
Opfer der Pharmakoi am Feste der Thargelien
(vgl. Mommsen Heort. 417 ff.) auf den Mord
des Androgeos zurückführen. Nach Phitochor.
b. Ptut. Thes. 16 behaupteten die Kreter, dafs
die athenischen Jünglinge und Jungfrauen, die
die Athener jährlich nach Kreta senden mufs=
ten, nicht dem Minotäuros preisgegeben wor-
den seien, sondern die Preise in gymnischen
Wettkämpfen gebildet hätten, welche Mi-
nos zum Gedächtnis des Androgeos veranstal-
tete. In Phaleron befand sich ein Altar des
Androgeos, genannt Altar des Heros (Paus.
1,1,4. CI. Al. Protr. 26 a Sylb. nennt ihn
naxa TiQVfivuv pgcog. Vgl. d. Schot, z. d. St.).
Meiesagoras b. Hesych. s. v. sn’ Evgvyvr] ayiiw
berichtet , dafs im Kerameikos zu Athen
ein uycdv imxäcpiog zu Ehren des Eurygyes,
des Sohnes des Minos , stattgefunden habe.
Ebenda wird ein Eragment des Hesiod (fr. 106
Götti.) angeführt, in welchem dieser den An-
drogeos Eurygyes nennt, ('EvQvyvyg ö’ sxi
uovqos ’Ad'gvaicov fepdcov’?). Nach Pr op. 2, 1,
61 soll Asklepios den Androgeos durch Zauber-
kräuter wieder lebendig gemacht haben. Auch
war von Söhnen des Androgeos die Rede,
denen Herakles die Insel Thasos geschenkt
haben sollte ( Apollod . 2, 5, 9). Verg. Aen. 6,
20 erzählt, Dädalus habe die Thüren des
Apollotempels zu Cumä unter anderem auch
mit der Darstellung des Todes des Androgeos
geschmückt. — 2) Grieche, von Aineias bei
der Eroberung Ilions erlegt: Verg. Aen. 2, 370 ff.
[Roscher.!
Androkles (’Ardgonlfis), Sohn desAiolos(s. d.)
und der Kyane (Tochter des Liparos) , be-
herrschte mit seinem Bruder Pheraimon Sici-
lien and xov nog&yov ys%gi Ailvßodov. Diod.
Sic. 5, 8. Apostol. 1, 83. [Oertel.]
Androkrates (fAv8goY.gd.xi jg), ein platäischer
Heros , der bei Platää ein Heiligtum hatte,
Herodot. 9, 25. Thule. 3, 24. Phil. Aristid. 11.
Clem. Alex. adm. ad gent. p. 26 A. [Stoll.]
Androktasiai (’AvdgoYxceoicu) , Töchter der
Eris, Göttinnen des Männermordes (Hes. Theog.
228). [Schirmer.]
Andromache (’AvSgoydxri), 1) a) bei Homer
Tochter des Eetion , Königs von Thebe am
Plakos, welches von Kilikern bewohnt wurde,
io Schwester von 7 Brüdern, Gattin des Hektor
(s. d.), Mutter des Astyanax oder Skamandrios
(II. 6, 395 ff.). Ihren Vater und ihre 7 Brüder
erschlug Achilleus (s. d.) , als er auf einem
Streifzuge Thebe zerstörte (II. 6, 414 ff.), ihre
Mutter führte er mit sich fort , entliefs sie
aber später gegen Lösegeld ; doch starb sie
bald darauf, getroffen von dem Pfeile der Ar-
temis (425 ff). Ihrer Eltern und Brüder be-
raubt, hängt sie mit um so innigerer Liebe an
20 ihrem Gatten , der ihre Gefühle mit gleicher
Zärtlichkeit erwidert (s. d. berühmte Stelle II.
6, 429 ff. u. 450 ff). Nach II. 22, 470 scheint
sie in einem besondern Verhältnis zur Aphro-
dite gestanden zu haben, die ihr am Hoch-
zeitstage allerlei Kopfschmuck (ugnv’g, YtYgv-
(palog, avccdeafiT], Yggdsgrov) schenkte. Herz-
zerreifsend ist ihre Trauer und Klage um den
geliebten Gatten (II. 22, 460ff. u. 24, 725ff.).
Ihre Schönheit wird durch XevYwXsvog bezeich-
30 net: II. 6, 371. 377. 24, 723. — b ) Als Troja
zerstört wurde, giug ihre düstere Ahnung hin-
sichtlich ihres Sohnes Astyanax (II. 24, 735)
in Erfüllung, er wurde entweder von Neopto
lemos von der Mauer herabgeschleudert oder
SB
von Odysseus getötet (s. Ep. Gr. fr. ed. Kin-
kel 1, p. 46 u. 50; vgl. auch die Bildwerke b.
Overbeck Gail. S. 622 ff). Sie selbst fiel nach
der Ilias parva (fr. 18 Kinkel) und der Uiu-
persis (p. 50 K.) dem Neoptolemos (s. d.) zu,
40 der sie mit nach Thrakien und ins Land der
Molosser nahm (Ep. gr. fr. ed. K. p. 53). Hier
gebar sie dem Neoptolemos nach Paus. 1, 11,
1 drei Söhne, den Molossos (Myth. Vat. 1, 41.
2, 208), Pielos und Pergamos, nach Hyg. /’.
123 auch den Amphialos (?). Als Neoptolemos
(s. d.) zu Delphi ermordet wurde, soll er ster-
bend befohlen haben, dafs Llelenos (s. d.), der
bisherige Schwager der Andromache, welchem
er die Rettung seines Lebens verdankte und
so den er auch mit nach Epirus genommen hatte,
sein Reich erben und die Andromache heira-
ten solle (Verg. Aen. 3, 295 u. Serv. z. d. St.
Myth. Vat. 1, 41. 140. 2, 208; s. auch Soph.fr.
201 ff A. Paus. 1, 11, lff 2, 23, 6. Vgl. Wel-
cher, Gr. Tr. 1, 223. Stiehle, Philol. 8, 70ff).
Euripides dagegen läfst den Neoptolemos und
die Andromache in Plithia wohnen und letztere
nachdem Tode des Neoptolemos, dessen Gattin
Hermione (s. d.) die Andromache und ihren Sohn
eo ermorden lassen will, auf den Rat der Thetis
dem Helenos vermählt, und mit diesem und
ihrem Sohne Molossos nach Epirus geschickt
werden. Thetis weissagt die künftige Herr-
schaft des Molossos in Epirus (Eur. Andr.
1243 ff. und die Hypothesis dazu; auch der Tra-
giker Antiphon schrieb eine Andromache, Nauck,
fr. tr. gr. 615). Aus der Ehe mit Helenos ent-
sprofs ein Sohn, Kestrinos, nach welchem die
B
| l#i
ül
| *
B
Ist I
!ffl[
|%l
345
Andromachos
Andromeda
346
Andromeda in der Gegend von Iope lokalisiert
war) und der Kassiepeia (Kassiope). Da diese
sich gerühmt hatte, schöner als die Nereiden
zu sein , so schickte Poseidon zur Strafe eine
Überschwemmung und ein Seeungeheuer («jj-
tos). Da nun das Orakel des Ammon Erlösung
verhiefs, wenn Andromeda dem Seeungeheuer
preisgegeben würde, so liefs Kepheus dieselbe
Landschaft Kestrine benannt wurde ( Paus . 1,
11, lf. 2, 23, 6). Nach Verg. Aen. 3, 295ff.
trifft Aineias auf seiner Wanderung in Epirus
die Andromache als Gattin des Helenos und
läfst sich ihr Schicksal von ihr erzählen
v. 324 ff.)- In Epirus sollten Helenos und An-
Jromache ein zweites Ilion erbaut haben (336).
Nach Helenos’ Tod w änderte sie mit ihrem
Sohne Pergamos, der in
Teuthrania durch den
Zweikampf mit Areios
ein Königreich gewann
und Gründer der nach
dim benannten Stadt
wurde, nach Asien zu-
rück. Zu Pergamos gab
es noch zu Pausanias’
Zeit ein Heroon der An-
dromache {Paus. 1, 11,
2). Was die erhaltenen
Bildwerke anbetrifft, so
vgl. Overbeck, Gail. 402ff.
622 f. und Brunn in Pau-
lys Realenc.'1 1, 1, 990.
Schon Polygnot hatte
sie in der Lesche von
Delphi gemalt, wie sie
ihren Sohn an der Brust
hielt {Paus. 10, 25, 4).
Plut. Brut. 23 gedenkt
eines den Abschied der
Andromache von Hek-
tor darstellenden rüh-
renden Gemäldes. Vgl.
auch Ov. A. A. 2, 645
und Tzetzes Posth. 368;
aufserdem s. G. I. Gr.
6047. 6125. 7690. 8142.
(Roscher.] — 2) Für
die Vasenmaler der ge-
bräuchlichste Amazo-
nenname. Gegnerin von
Herakles : Gerhard, Etr.
u. camp. Vasenb. 17, 2.
Brit. Mus. n. 820.
Brundsted, VasesofCam-
panari n. 28. Gegnerin
vonTheseus: Gerhard A.
V. 4 , 329. Salzmann,
Kameiros pl. 58. An-
nali 1856. tav. 15. Ohne
Gegner : Gerhard A. V.
103. 199. Museo Bor-
bon. 10, 63. in der Lit-
teratur seltener : Eust.
und Schol. II. 3, 189-
Tzetz. Postli, 176. Hy.
(/in. 163? [Klügmann.].
Andromachos {’AvdQ6yu%os), 1) Sohn des an einen Felsen am Strande festbinden. Da
Aigyptos , vermählt mit der Danaide Hero, 60 erschien Perseus (s. d.), von der Erlegung der
Perseus u. Andromeda (Relief des Capitol. Museums; vgl. Braun, 12 antike
Basreliefs Taf. 10).
llyg. f. 170. — 2) Ein Kreter vor Troja, von
Aineias getötet, Quint. Sm. 11, 41. [Stoll.] —
3) Name eines beim Untergange Ilions Getö-
teten auf einer Vase : C. I. Gr. 8142. [Roscher.]
* Andromeda (’Ardgoysdcc), Tochter des Ke-
pheus, Königs der Aithiopen (oder der Phöni-
4er nach Gon, narr. 40; vgl. Strab. 43. 759.
Paus. 4 , 35 , 9 , wonach die Geschichte von
Gorgo zurückkehrend, verliebte sich in Andro-
meda und versprach dem Vater, das Ungeheuer
zu erlegen, wenn er ihm die Andromeda zur Frau
geben wolle. Kepheus und Perseus beschworen
beide was sie versprochen , und letzterer be-
freite die Andromeda. Als aber Phineus (nach
Hyg. f. 64 Agenor), der Bruder des Kepheus,
dem Andromeda vorher verlobt gewesen war,
347 Andros
Angerona 348
Anspruch auf seine Braut erhob und dieselbe
mit seinen Anhängern dem Perseus streitig
machte, wurde er von diesem durch Vorhal-
ten des Gorgonenhauptes versteinert. Hierauf
folgte Andromeda dem Perseus nach Hellas
und herrschte mit ihm zusammen über Tiryns.
Sie gebar ihm 6 Kinder (vgl. jedoch Herodor
b. Schol. Ap. Rh. 1, 747). Der älteste Sohn,
den Andromeda noch in Aithiopien • geboren
und beim Kepheus zurückgelassen hatte, hiefs
Perses; von diesem sollten die Perser abstam-
men (vgl. auch Herod. 7, 61. 150). Die andern
in Mykenai geborenen Kinder hiefsen: Alkaios,
Sthenelos, Heleios, Mestor, Elektryon, Gorgo-
phöne. So berichtet Apollod. 2, 4, 3 u. 5, wohl
nach Pherekydes. Vgl. Müller fr. liist. Gr. 1,
frgm. 26 u. Redde, de Perseo etA. p. 5. S. aufser-
dem Ar. Thesm. 1012 ff. u. Schol. und 1056 f.
u. Schol. Ov. Met. 6, 670 ff. (O. schöpfte teil-
weise aus Euripides: vgl. Fedde p. 14). Hyg.
f. 64. Sophokles b. Erat. Kat. 16. 36. Eurip.
ib. 17. Agatharchides b. Phot. Bibi. p. 442 A.
Lykophr. 834ff u. Schol. Schol. Ap. Rh. 4, 1091.
Diod. 4, 9. Schol. Ar. Nub. 556. Luc. Dial.
mar. 14. de domo 22. Myth. Vat. 1, 73. Schon
früh fabelte man von einer Versetzung der
Andromeda wie auch des Perseus, Kepheus und
des Seeungeheuers unter die Sterne (durch
Athene). So schon, wie es scheint, Euripides
{Erat. a. a. O. 36. 16. 17 — vgl. jedoch Fedde
a. a. O. p. 34ff — Arat. Phaen. 198. Hyg. Poet.
Astr. 2, 11 ff. 3, 10. Luc. s alt. 44. Schol. Germ.
191. Nonn. 25, 142. 47, 450). Die Geschichte
der Andromeda war ein beliebter Gegenstand
der tragischen Kunst. Vgl. Hauch fr. tr. Gr.
p. 736. Mehrb. Fedde p. 5ff. Welcher a. a. 0.
1, 349 ff. 2, 644. 3, 1335. Ebenso wurde An-
dromeda häufig von der bildenden Kunst dar-
gestellt: Luc. de clomo 22. Ach. Tat. 3, 6.
Vgl. inbetreff der erhaltenen Monumente Mül-
ler, Hdb. d. Arch. 414, 3. K. F. Hermann,
Perseus u. Andromeda , Göttingen 1851. Stark,
Archäol. Stud. 96. Fedde, de Perseo et Andro-
meda, Berlin 1860. S. 47 ff. Minervini, Memo-
rie academiche, Neapel 1862 p. 33 ff. Stoll u.
Brunn in Paulys Realenc. I2, 1, 991. [ Hey -
demann, 7. Hall. WincTcelmannsprogr. p. 9 ff
Sehr.] Eine euhemeristische Deutung giebt Co-
non narr. 40. Neuere Deutungen s. bei Hug,
über d. Myth. 280; vgl. Preller 2 2, 71. Mir
scheint der Kampf des Perseus mit dem %rj-
rog der eigentliche Kern der Sage zu sein.
Dieses Ungeheuer aber ist wohl nur eine so
zu sagen östliche Variante der furchtbaren
Gorgo, der Tochter der Krjzd>, welche Perseus
am westlichen Okeanos erlegt. S. Roscher,
Gorgonen Kap. 1. [Roscher.]
Andros ('AvÖQog), Sohn des Eurymachos oder
Anios ( Steph . Byz.) , bekam die Insel , deren
Heros eponymos er wurde, von Rhadamanthys
geschenkt und besiedelte sie. Als er, durch
eine Empörung bewogen, die Insel verliefs,
gründete er Antandros. Auf Andros herrsch-
ten nach ihm Pelasger. {Con. narr. 41). Pau-
sanias nennt 10, 13, 4 den Gründer des an-
clrischen Reiches Andreus und erzählt , dafs
eine Statue von ihm nach Delphi geweiht sei.
Dafs der Name des Heros nicht vollkommen
io
fest stand, sondern mehrere Bildungen existier-
ten, beweist Steph. Byz. zivig ds epaoev ’AvöqRcc
zovzov Y.KL ’Aviov naida. [Oertel.]
Andrusteliiae matronae werden bei Or.-Hen-
zen 5931 aus einer Inschrift bei Lersch , C. M.
1, 21 angeführt. Wahrscheinlich sind sie nach
einer Örtlichkeit genannt; vgl. den Namen der
Insel Andrus zwischen Irland und Britannien
{Plin. n. h. 4, 30, 2). [Steuding.]
Anexibie {’Avs^ißig) , eine Danaide ; s. Ai-
gyptos.
Angelia {’AyysMcc), die Verkünderin, Perso-
nifikation, Tochter des Hermes, Pind. Ol. 8,
82(106). Vgl. ’H%di Pind. Ol. 14, 21. [Stoll.]
Angelos ('Ayyslog), 1) Nach Sophron b. Schol.
Theokr. 2 , 12 war Angelos die Tochter des
Zeus und der Hera. Unter der Pflege der
Nymphen zur Jungfrau herangewachsen, stahl
sie der Mutter ihre Salbe und gab sie der
I«
kli
P
i
H
SU
l’lttt
iiki
3
-
2 (
■S
M
I:1
3
20 Europa, der Tochter des Phoinix. Vor dem
Zorne der Hera flüchtete sie sich zuerst in
eine Wochenstube, dann unter einen Leichen-
zug und wurde endlich am Acherusischen See
von denKabeiren gereinigt; von nun an stand
sie in Beziehung zur Unterwelt. — 2) Beiname
der Artemis iu Syrakus ( Hes . s. v.), die mit
Hekate, der Mondgöttin und Herrscherin der
Nacht, identisch war {Theokr. 2, 14. 33). ”Ay-
yslog hiefs sie wohl wegen ihres Verhältnisses
so zu Persephone (vgl. Hom. Hymn. in Cer. 25.
52. 438 ff Paus. 8, 31, 2), nach anderen als
auf den Strafsen wandernde Göttin {Preller,
Gr. Myth. I3, 259). — 3) Falsche Lesart statt
"Ayslog (s. d.), Paus. 7, 4, 8. [Schirmer.]
Angelus bonus, dienender Geist (= Her-
mes?) auf einem Grabgemälde von der via
Appia, Or.-Henzen 6042. Derselbe führt eine
Frau Namens Vibia in die Versammlung der
Toten ein (vgl. Aeracura). [Steuding.]
40 Angerona. . Die cliua Angerona oder Ange-
ronia gehört zu den römischen Gottheiten,
welche zu der Zeit, als die grammatisch- anti-
quarische Forschung sich der Beschäftigung
mit den einheimischen religiösen Institutionen
zuwandte, bereits aufgehört hatten im Bewufst-
sein des Volkes lebendig zu sein. Direkte
Urkunden der Verehrung, Votivinschriften und
ähnliches scheinen den alten Grammatikern
ebensowenig Vorgelegen zu haben wie uns
50 (denn die Inschrift Orelli 116 ist wohl fraglos
eine Fälschung des Pirro Ligorio), und so wa-
ren sie für ihre Deutungen des Wesens der
Göttin völlig auf Rückschlüsse aus den we-
nigen ihnen noch vorliegenden Thatsachen
angewiesen. Vor allem wurden noch in der
augusteischen Zeit der Angerona am 21. De-
zember feriae publicae gefeierf, die Angerona-
lia oder Diualia {Fast. Maff. u. Praen. Varr.
I. I. 6, 23. Plin. n. h. 3, 65. Macr. 1, 10, 7) ;
eo an diesem Tage wurde ihr von den Pontifices
in dem (an den gradus der noua uia am Pa-
latin unweit der porta Romanula gelegenen,
vgl. Varro I. I. 5, 164. Becker, Topogr. 114)
sacellum Volupiae ein Opfer dargebracht; dort
nämlich war auch das Bild der Göttin aufge-
stellt u. zwar in eigentümlicher Auffassung,
indem ihr Mund rverbunden und versiegelt’
(ore obligato atque signato Masur. Sabin. bei
■AI
1(1 !
Üs
IT
1 ii
Nie
i|it
349 Angerona
Wacr. 1, 10, 8 ore obligato obsignatoque Plin.
>, 65 vgl. Solin. 1, 6) war und sie wahrschein-
ich aulserdem noch dadurch, dafs sie den Fin-
der an den Mund legte , eine Gebärde des
Jtillschweigens machte ( Macr . 3,9,4). Je
ärglicher dieses thatsächliche Material war,
in um so weiterer Spielraum war den Kom-
nnationen der alten Gelehrten geboten, welche
labei teils an die Etymologie des Namens,
eils an die merkwürdige Darstellungsweise
Les Bildes anknüpften. Den Namen leitete
nan bald von einer bräuneartigen Krankheit
.ngina ab, von der das römische Volk durch
in Gelübde an die Angerona sollte befreit
vordcn sein (Jul. Modest, bei Macr. 1, 10, 9.
Paul. p. 17), bald davon, dafs diese Göttin
len Menschen von Angst und Beklemmung
rlöse (quod angores et sollicitudines animo-
um propitiata depellat Verrius bei Macr. 1,
.0, 7). Eine symbolisierende Richtung der
dythendeutung ( Masurius Sabinus bei Macr.
!, 10, 8) fand in dem Stillschweigen gebieten-
len Gestus des Bildes und in dem Standorte
les letzteren 'in ara Volupiae’ einen Hinweis
larauf, dafs wer seinen Schmerz und seine
Ingst standhaft unterdrücke, vermittelst der
leduld zur Freude gelange. Am verbreitet-
ten jedoch scheint eine andere Ansicht ge-
wesen zu sein, welche den genannten Gestus
nit dem Geheimnisse zusammenbrachte, wel-
hes über dem wahren Namen der Stadt Rom
chwebte (Plin. 3 , 65; über die Sache vgl.
ran zu Macr. 3, 9), weshalb manche sie auch
ür die eigentliche Schutzgöttin der Stadt Rom
delten (Macr. 3, 9, 4). Ganz vereinzelt end-
ich steht die Notiz des Gloss. Labb. 'Ange-
onia g &sbg rrjg ßovlrjg xal xaiqdv’, die mög-
icherweise auf einem für uns nicht mehr kon-
rollierbaren Mifsverständnisse beruht.
Was die Deutungsversuche der Neueren
nlangt, so können die Kombinationen von
Gausen, Aeneasu.d. Penaten 2, 1037 und von
£. Gerhard, alcacl. Abhandl. 1, 319 f. als auf
3tzt gänzlich beseitigten Voraussetzungen be-
uhend füglich übergangen werden. Hartung
Uelig. d. Köm. 2, 247) fafst Angerona unter
linweis darauf, dafs von ango angero gebildet
ei wie lambero von lambo (Paul. p. 118), als
ine Göttin der Angst, ihre Gebärde als die
es unterdrückten Angstschreies, nähert sich
Iso der Auffassung des Masurius Sabinus.
°reller dagegen (Köm. Myth.3 2 , 37) leitet
en Namen von demselben Stamme ab wie
mgitia (so früher zweifelnd auch Mommsen,
Jnterit. Dial. p. 250) und erklärt die Göttin
slbst, da ihr Fest zeitlich denen des Satur-
ns, der Ops u. s. w. benachbart war und das
acellum Volupiae in derselben Gegend sich
'efand wie das sogen. Grab der Acca Laren-
ia, für eine der Ops, Acca Larentia, Dea Dia
erwandte Göttin der römischen Stadtllur, die
bendarum auch habe zur Stadtgottheit wer-
ten können. Gegenüber diesen beiden wenig
wingenden Kombinationen ist sehr anspre-
hend die Deutung von Mommsen (C. I. L. 1,
>. 409), der, geleitet durch den Umstand, dafs
as Fest der Göttin in die Zeit des Winter-
olstitiums fällt, dieselbe für eine Gottheit des
Angerona 350
neuen Jahres erklärt , die Bruchstücke der
pränestinischen Fasten in diesem Sinne er-
gänzt und den Namen Angeronalia ableitet ab
angerendo , dno xov avacpsQSGQ'ca tov rjfoov,
wie Agonalia ab agendo. Zur Evidenz fehlt
dieser Kombination nur der Umstand, dafs sie
die Stillschweigen gebietende Gebärde des Bil-
des, sowie auch die Verbindung der Angerona
mit der Volupia unerklärt läfst.
Die Nachrichten, welche wir über die Be-
schaffenheit des Bildes der Angerona im Hei-
ligtume der Volupia besitzen, haben nament-
lich in früherer Zeit öfter die Gelehrten ver-
anlafst , unter dem vorhandenen Denkmäler-
material nach Repliken jener Statue zu suchen,
ohne zu bedenken, dsfs es doch im höchsten
Grade unwahrscheinlich ist, dafs das schon in
varronischer Zeit nicht mehr vorhandene Bild
einer so gut wie ganz verschollenen Göttin
noch sollte häufig nachgebildet worden sein.
So ist denn auch eine Klasse der früher auf
Angerona bezogenen Bildnisse jetzt mit Sicher-
heit als blofse Amulettfiguren erkannt; es sind
nackte Frauen , welche die eine Hand an den
Mund, die andere mit ausgespreizten Fingern
auf das Gesäfs legen (z. B. Montfaucon , ant.
expl. 2, 191, 3. 4. Gaylus, Kecueil 7, 4, 5. 6),
beides Gesten, deren unheilabwehrende Bedeu-
tung sich durch viele Analogieen feststellen
läfst; vgl. 0. Jahn, über den Aberglauben des
bösen Blickes, Ber. d. sächs. Gesellschaft 1855,
47 f. Eine andere früher mit Unrecht hierher
bezogene Reihe von Figuren, welche Frauen
in dorischem Chiton mit etwas geneigtem
Haupte und an den Mund gelegtem Finger
darstellen (z. B. Montfaucon, ant. expl. 1, 213,
1. Müller - Wieseler , Denkm. cl. alt. Kunst 2,
948), sind sicher griechischen, nicht römischen
Ursprungs, wenn man auch über die Deutung
des Motivs im Zweifel sein kann; vgl. Boetti-
ger , kl. Schriften 3, 288 ff. 0. Jahn a. a. 0.
p. 48, 68. Hübner, ant. Bildw. in Madrid zu
No. 531. Noch schlimmer endlich steht es
mit einigen andern Denkmälern, welche teils
ganz, teils in dem entscheidenden Punkte auf
moderner Fälschung beruhen; man hat näm-
lich einigen kleinen Bronzestatuetten beklei-
deter Frauengestalten, um das 'os obligatum
obsignatumque’ der Angerona herzustellen, ei-
nen wirklichen Mundverschlufs angelegt und
diese gefälschten oder interpolierten Bildnisse
haben verschiedene ältere Gelehrten zu den
abenteuerlichsten Kombinationen verführt. Eine
derartige Bronzestatuette ist von Joach. van
Vliet, diatribe academica de dea Angerona, Ut-
recht 1766 publicirt und in gutem Glauben an
ihre Echtheit besprochen, eine zweite ist zu-
gleich mit einigen andern gefälschten oder
mifsverstandenen Denkmälern Veranlassung zu
den wüst-mystischen Erörterungen Sichel' s (Re-
vue archeol. 2 (1845) 633ff. 676 ff. 3, 221ff. 321ff.
3 64 ff. 4, 20 ff.) über Angerona gewesen. Ge-
genüber diesen Ausschweifungen ungezügelter
Phantasie hat Letronne, Revue archeol. 4, 130 ff.
den wirklichen Thatbestand festgestellt und
zugleich mit Recht betont, dafs wir die Hoff-
nung, Bildnisse der Angerona zu finden, ein
für allemal aufzugeben haben. [Wissowa.]
io
20
30
40
50
60
351 Angitia
Angitia (od. Ancitia), eigentlich eine altitali-
sche Göttin, nach späterer Auffassung eine Toch-
ter des Aietes, Schwester der Medeia und Kirke,
welche sich in der Umgebung des Fucinersees
niedergelassen haben sollte und wegen ihrer Heil-
und Zauberkunst von den dortigen Bewohnern
göttlich verehrt wui-de (Sil. Ital. 8, 500. Caelius
b. Solin. 2, 27). Nach ihr war ein an jenem
See gelegener Hain benannt ( Verg . Aen. 7,
759). — Serv. ad. Aen. 7, 750 identificiert sie mit
Medeia, die, als sie mit Iason aus Kolchis ent-
flohen, nach Italien gekommen und von den
zum Marserstamme gehörigen Marrubiern, die
sie über die Heilmittel gegen Schlangen be-
lehrte ( quod eins carminibus serpentes ange-
rent), Angitia genannt worden sei. Die Form
Anguitia wird durch die besten Handschriften
widerlegt. Auch die in Luco gefundene In-
schrift Orelli-Henzen 115 (= 5826 u. Momm-
sen, I. B. N. 5592) , nach welcher der ihr
heilige Hain mit einer Mauer umgeben gewesen
zu sein scheint, bietet die Form Angitiae. Die
Pluralformen Angitiis auf der in Sulmo auf-
gefundenen Inschrift Orelli-Henzen 1846 (=
Mommsen, I. B. N. 5433 u. 7255) und Anciti-
bus auf der Inschrift Mommsen , I. B. N. 6012
beziehen sich wahrscheinlich auf die drei zau-
berkundigen Töchter des Aietes (s. ob. 340, 49).
Als wohlthätige Heilgöttin, etwa der Bona Dea
in Born entsprechend, fand die Göttin Angitia,
wie die Fundorte der zuletzt erwähnten Inschrif-
ten beweisen, eine weitere Verbreitung, aber der
Zentralsitz ihrer Verehrung blieb wohl das an
Schlangen und offizineilen Kräutern reiche
Gestade des Fucinersees. (Vgl. Plin. N. H. 7,
2, 2 (15). 25, 2, 5 (10). Gell. N. A. 16, 11.
Hartung, Belig. d. Böm. 2, 198. Preller, röm.
Myth ,3 1, 410ffi). [Schirmer.]
Anigemius, Beiname eines Genius auf einer
Inschrift aus Celeia, Or.-Henzen 5771: Genio
Anigemio cultores ejus v. s. I. m. Das W ort ist
vielleicht von ano Ahne und gama verschwistert,
verwandt abzuleiten, vgl. ani-cula u. geminus.
[Steuding.]
Anigl’ides (’Ariygidsg, ’AviyguxSsg), Nymphen,
nach dem Küstenflusse Anigros in Triphy-
lien benannt. Nahe bei seiner Mündung am
Abhange des Berges, der einst Samikon trug,
befinden sich zwei noch jetzt bemerkbare
Höhlen, in denen lauwarme Schwefelquellen
entspringen; die eine war den vvyepca’Aviygi-
8s g oder ’Ariygiudsg heilig. Ihnen weihten
dort Gebete und Opfer Leute, welche an weifsen
Flecken im Gesicht, einer Art Aussatz oder
Flechten litten. Hierauf wurden die leidenden
Körperteile in dem schwefelhaltigen Schlamme,
der sich am Höhlenrande ahlagert, abgerieben,
und der Patient schwamm durch den Flufs
hindurch, dessen Fluten den Schaden völlig
liinwegnahmen ( Strabo 8, 346. Paus. 5, 5, 11.
Eust. p. 880, 50. Vgl. Curtius, Pelop. 2, 80 ff.).
[Schirmer.]
Aniketos (ylvtv.rjxog) , Sohn des unter die
Götter versetzten Herakles und der Hebe ( Apol -
lod. 2, 7, 7), der mit seinem Bruder Alexiares
die unbesiegbare und das Böse abwehrende
Kraft des Herakles Kallinikos und Alexikakos
repräsentierte ( Preller , gr. Mytliöl. 23, 257).
Anios 352
Nach Baton b. Schol. Pind. Istlnm. 3, 104 (B.)
war er ein Sohn der Megara. [Schirmer.]
Anio und Anien, ienis, linker Nebenflufs des
Tiber. Serv. zu Verg. Aen. 1, 273 erzählt, dafs
der Anio (statt des Tiber) die Ilia nach
der Geburt des Romulus und Remus zur Frau
genommen habe, und hierauf bezieht sich wohl
auch die Bemerkung des Porphyr, zu Hör.
Od. 1, 2, 20, llia sei früher die Frau des Anio
gewesen. Dieses Schwanken ist vielleicht auf
eine ursprüngliche Namensgleichheit beider
Flüsse zurückzuführen, zumal wenn wir beden-
ken, dafs Tibur am Anio liegt, und dafs dieser
jetzt (doch wohl imAnschlufs an die alte Vulgär-
sprache) Teverone heifst. Auch soll ja der Tiber
einst Albula (s.d.) genannt worden sein, und eine
Albula, Albunea (s.d.) oder aquae Albulae finden
wir unterhalb Tiburs am Anio wieder. Dann wäre
wohl Tiburtus, einer der Gründer von Tibur, als
der ältere Name des Flufsgottes Anio aufzufas-
sen (vgl. Preller , r. MS 2, 139. [Steuding.]
Allion ( ’Avicov ), Heerführer des Rhadaman
thys, der die Insel Delos erhielt ( Diod . 5, 79, 2).
[Schirmer.]
Anios ("Avlo g), 1) ein delischer Priester des
Apollon, vgl. Preller gr. M. I3, 226. Sein Va-
ter ist entweder Apollon oder nach Tzetzes
ad Lykophr. 580 Zarex , der Sohn des Ka-
rystos , der nachherige Gemahl seiner Mut-
ter. Die Notiz bei Steph. Byz. s. v. Mv-
j lovog von einem Ainios oder Anios , dem
Vater des Mykonos, der der Sohn des Kary-
stos gewesen sei, ist zu erklären aus der V er-
wechslung des Grofsvaters mit dem Vater. Es
lassen sich diese Angaben also vereinigen : Vater
war Apollo, Stiefvater Zarex und Stiefgrofs-
vater Karystos. Seine Mutter, Rhoio, ist eine
rein dionysische Heroine, Tochter des Staphy-
los und der Chryseis, väterlicherseits Enkelin
des Dionysos selbst (vgl. Tzetzes , a. a. 0. 570 und
die unten angeführten Stellen). Als Staphylos
die Schwangerschaft seiner Tochter bemerkt,
setzt er sie in einer lagvcitg auf dem Meere
aus. Diese gelangt nach Euböa (Tzetzes).' Hier
gebiert Rhoio einen Sohn, den sie Anios nennt
diu to uviu&rivca 8T uvxov. Apollo, der Vater,
bringt ihn nach Delos und verleiht ihm die
Gabe der Mantik. Nach andern ist die lag-
vaE, gleich in Delos angeschwommen und Anios
in Delos geboren, Diod. 5, 62. Luc. Apul., de
orth. § 4, 4. Schon seiner Abstammung nach
ist Anios also ein alter apollinisch-dionysischer
Kultheros, eine Personifikation der Beziehungen
zwischen Dionysos und Apollon. Apollon und
Dionysos sind in ihrem Naturwesen verwandt,
und haben auch in ihrer Ausprägung im Kulte
vieles gemeinsam, so die Kathartik, Mantik
und den Enthusiasmus. Daher finden wir
gleiche Beinamen (vgl. Preller 1, 221 u. ö.),
gemeinsame Heiligtümer (Preller 1, 222) und
sehen auf antiken Vasen beide mit ihrem Ge-
folge vereint oder ihre Attribute vertauscht
(vgl. Stephani, compte rendu 1861, 58 ff. 1862,
147, Archäol. Zeitung 1865, 97 ff.). Ein wei-
terer Beweis für diese Verwandtschaft und zu-
gleich eine Personifikation dieser Beziehungen
ist Anios. Sein Grofsvater Staphylos, die Wein-
rebe, seine Mutter, Rhoio, die Granate, sind
io
20
30
40
50
60
353
Anios
Ankaios
354
echt dionysische Gestalten; sein Vater ist
Apollon. Der Sage von der Aussetzung der
lihoio liegt wohl eine Kultwanderung zu Grunde.
In den dionysischen Kult war viel Apollinisches
eingedrungen; die Neuerer wurden vertrieben
und fanden auf Delos einen Platz für ihren
Apollon-Dionysoskult. Dafs der neue Kult sich
dem Dionysos nicht entfremdete , geht daraus
hervor, dafs die sofort zu behandelnden Töchter
des Anios wieder bakchische Wesen sind. n
Mit der Dorippe zeugt Anios 3 Töchter:
Dino, Spermo, Eiais ; diese bekommen vom
mütterlichen Urgrofsvater die Gabe, Wein, Ge-
treide und Öl in Fülle zu schaffen und werden
deshalb die Weinverwandlerinnen, Oinotropoi,
genannt. Tzetzes a. a. 0. Dictys 1, 23. Serv. ad
Virg. Aen. 3, 80. Ovid. Met. 13, 633 ff. Etym.
magn. s. v. AmQLmrrj, vgl. Preller -l3, 557. —
Diese Töchter waren im Altertume bekannt,
1) als Versorgerinnen der Griechen vor Troja, 2>
2) als Wirtinnen des nach Italien fliehenden
Aineias.
1) Die Sage von der Versorgung der Grie-
chen ist in 3 verschiedene Formen überliefert.
a) Die älteste Wendung ist jedenfalls die-
jenige, die nach Tzetzes die Kyprien und nach
dem Schot, ad Hom. Od. C, 164 Simonides von
Keos überlieferten (vgl. Welcher, ep. Cylcl. 2,
t97 ff. Meinehe, An. Alex. 16 ff.). Nach dieser
vurden sie entweder von Palamedes ( Kyprien ) 31
>der von Menelaos und Odysseus ( Simonides )
lach Troja geholt, um die Griechen dort zu
/ersorgen. Gegen diese Sagenform spricht
«ich nicht die Notiz bei Tzetzes, Pherekydes
jrzähle, Anios habe den auf dem Zuge nach
Troja in Delos landenden Griechen geweissagt,
lafs sie 9 Jahre würden vor Troja liegen müs-
en, und sie aufgefordert, diese 9 Jahre in De-
os zu verbringen, zugleich aber ihnen ver-
prochen, dafs seine Töchter sie mit Lebens- 4
nitteln versorgen würden.
b) Eine zweite, gewifs jüngere Wendung,
esen wir bei Dictys und Servius (a. a. 0.).
■Jach dieser wären die Oinotropoi nach Aulis
gekommen und hätten die Griechen für die
fahrt und den Krieg verproviantiert.
c) Die dritte Wendung, deren Quelle wir
■bensowenig, wie die der zweiten kennen, hat
ms Ovid (a. a. 0.) überliefert. Er erzählt, die
linotropoi wären dem Agamemnon nicht frei- 5
willig gefolgt und als dieser Gewalt brauchen
md sie in Ketten hätte legen wollen, wären
ie von Dionysos in Tauben verwandelt wor-
len. Dafs diese Wendung eine späte Wuclie-
ung der Sage ist, ist auf den ersten Blick
inleuchtend.
2) Die zweite erst unter römischem Ein-
lusse entstandene Sage ist die von der Be-
virtung des Aineias durch die Oinotropoi (s.
iben S. 167 f.). Ovid. a. a. 0. Verg. Aen. 3, c
JO. Dion. Halle, hist. Rom. 1 , 59. Aurelius
Victor, de origine gentis Romanae 9, vgl. Heyne,
’xcursus 1 ad Verg. Aen. 3. Dieser Aufent-
lalt des Aineias auf Delos stimmt nicht mit
ler gewöhnlichen Überlieferung, wonach Ai-
ieias mit den Henetern über Thrazien und die
ngrenzenden Länder in das adriatische Meer
gekommen sein soll, Verg. 1, 242. Liv. 1,
Roscher, Lexikon der gr. u. rüui. Mytliol.
1, [vgl. Stiehle im Philologus 15, 593], Aure-
lius Victor macht sogar die Latinerin Lavinia
zur Tochter des Anios. Zwei Söhne werden
von Anios erwähnt: Thasos, der von Hun-
den zerrissen wurde (vgl. Hygin. f. 247. Kal-
limachos in den Schot, ad Ov. Ib. 479, Prel-
ler 1, 380 — dafs diese Zerreifsung von den
Hunden nichts anderes bedeutet , als die
nach der Meinung der Alten verderbliche Wir-
kung des Sirius, ist wohl allgemein ange-
nommen) und Andros (s. d.), der Gründer
der Stadt und Bebauer der Insel gleichen Na-
mens bei Steph. Byz. s. v. "AvÖQog und Ovid
Met. 13, 644. Von einigen wird auch Anios
selbst Bebauer von Andros genannt, vgl. Apo-
stolius 16, 2. Phavorinus s. v. 'Poico. Dion.
Halle, hist. Rom. 1, 50. — 2) Sohn des Aineias
und der Lavinia, nur einmal erwähnt von Ser-
vius ad Verg. Aen. 3, 80. — 3) Localgott der
Eleer [Delier? R.] , Clemens, adm. ad gentes
26 A. Sylb. [Oertel.]
Ankaios ( Ayv-cdog ), 1) Sohn des Lykurgos
und der Eurynome oder Kleophile oder Anti-
noe, Bruder des Iasos, Epochos , Amphidamas
und Kepheus (letztere beiden werden von Ap.
Rh. 1, 164 Söhne des Aleos genannt), Apollod.
3, 9, 2, ein tegeatischer Heros, zu dessen Ehren
die Arkader noch in späten Zeiten ein Fest
feierten. Er nahm teil an der Argonauten-
fahrt ( Apollod . 1, 9, 16. Hygin. f. 14. 17. Apoll,
Rhod. 1, 164. Paus. 8, 4, 7) und gilt nächst
Herakles für den stärksten, er sitzt mit die-
sem auf der mittelsten Ruderbank (Ap. Rh. 1,
398. 531), schlägt mit ihm die Opferstiere
( ibid . 1 , 426) und greift zuerst die Bebryker
an (ibid. 2, 118). Zurückgekehrt nimmt er teil
an der Jagd des kalydonischen Ebers (Apol-
lod. 1, 8, 2. Paus. a. a. 0. u. 8, 45, 2. Ov.
31et. 8, 315) und wird von diesem getötet (Ov.
Met. 8, 391). Diese seine Teilnahme an der
Jagd ist auch monumental bezeugt. Er war
mit dargestellt von Skopas im Giebel der
Athena Älea in Tegea, verwundet und mit
seiner stehenden Waffe, der Doppelaxt, Paus.
8, 45, 4 (Overbeck, Schriftquellen -1150), fer-
ner in einem Gemälde des Aristophon von
Thasos, Plin.n.h, 35, 138 (Overb. 1127 No. 1,
vgl. Jahn, Berichte der k. s. Ges. d. W. 1848
S. 127). Erhalten ist sein Bild noch auf einem
griechischen Terracottarelief, vgl. Jahn a. a. 0.
und auf mehreren Vasenbildern: Gerhard, aus-
erl. Vasenb. t. 235—237. 327. Stephani, compte
rendu 1867, 58 ff. 80 ff. Annali delT instituto
1868, 320, vgl. Bulletino delV inst. 1846 p. 131.
Kekule, de fab. Meleag. 34 ff. Körte, die Personi-
fikationen etc. S. 56ff. Preller gr. M. 23, 306. 307.
Der allen bildlichen Darstellungen gemeinsame
Zug ist die auch litterarisch bezeugte V erwun-
dung und seine Charakterisierung durch Bären-
fell und Doppelaxt. — Sein Sohn ist Agapenor,
der mit um Helena wirbt (Apollod. 3, 10, 8)
und den Griechen 60 Schiffe zum Kriege gegen
Troja stellt (II. 2, 609). — 2) Sohn des Zeus
oder Poseidon und der Astypalaia oder Alta
(Hygin. fab. 14), König der Leleger in Samos,
Gemahl der Samia, der Tochter des Maiander
und Vater des Enudos, Samos, Perilaos, Ali-
therses und der Parthenope, Paus. 7, 4, 2. Er
12
355
Anna
356
Ankyor
wird vielfach mit dem vorhergehenden ver-
wechselt, weil er sowohl Argonaut war als
auch seinen Tod durch einen Eber fand. Trotz-
dem ist er, wenigstens als Argonaut, das strikte
Gegenteil des Arkaders Ankaios. Während sich
jener durch Kraft auszeichnet, ist der Samier
ein kluger, der Schiffahrt kundiger Mann. Ap.
Bh. 1, 188. Er wird nach dem Tode des Ti-
phys Steuermann Ap. Uh. 2, 867 — 900 4, 210.
Apollod. 1, 9, 23. Hygin. fab. 14 (vgl. Thir-
wall , philol. Museum 1, 106 — 121), seine Reden
haben viel Einflufs auf die Argonauten Apoll.
Bhod. 2, 1258. Auch mit Landbau und beson-
ders mit Rebenanpflanzung beschäftigte ersieh.
Als er einst einen Weinstock pflanzte, sagte
ihm ein Seher, dafs er die Rebe des gepflanz-
ten Stockes nicht kosten werde. Der Wein
ward reif, er kelterte ihn und hatte schon den
Becher, mit Most gefüllt, am Munde, um des
Sehers Wort zu nichte zu machen. Da sagte
dieser das geflügelte Wort: 7ioV.cc yszatgv ns-
Ist, hvXlko g xai %stXsog uhqov. In demselben
Moment bekam er die Kunde , dafs ein Eber
seine Felder verwüste. Er setzte den Becher
ab, zog aus und ward vom Eber getötet, Schol.
ad Apoll. Bhod. 1, 188. Tzetzes, ad LyTcophr.
488 — 490. In beiden Stellen liegt die oben
schon erwähnte Verwechslung vor. Nach
Tzetzes hat Lykophron das geflügelte Wort
auf den Arkader angewandt. Nach dem Sclio-
liasten soll Pherekydes erzählt haben, dafs der
Eber der kalydonische gewesen sei. — 3) Ein
ätolisclier Heros aus Pleuron, den Nestor am
Leichenfeste des Amarynkeus im Ringkampfe
besiegte. II. 23, 635. Quint. Smyrn. 4, 312.
[Oertel.]
Ankyor ( ’AyuvcoQ ), Sohn des Arkaderkönigs
Lykaon; er wurde mit seinem Vater und sei-
nen Brüdern , den Nyktimos ausgenommen,
von Zeus mit dem Blitzstrahl erschlagen, da
sie diesem die Eingeweide eines Knaben als
Speise vorgesetzt hatten ( Apollod . 3, 8, 1).
[Schirmer.]
Anna, 1) A. Perenna. — Ovids (fast. 3, 523
— 696, vgl. 145 f.) ausführliche Beschreibung
ihres Festes, welches an den Iden des März
in einem Hain nahe dem linken Tiberufer, nicht
weit von der Stadt gefeiert wurde (vgl. dazu
unter dem genannten Tage die Basti Vat.
C. I. L. 1 p. 322 [u. Mommsen z. d. St. p. 388
vgl. p. 375 u. Ephem. ep. 1 p. 34] = 6 p. 633:
„feriae Annae Perennae via Flamfinia] ad
lapidem prim [um]“, also etwa in der Gegend
der heutigen Porta del popolo ; ferner die
Fasti Farn . , O. I. L. 1 p. 330 = 6 p. 635:
„Annae. Per[ennae]u; Martial. 4, 64, 16 f. : „et
quod virgineo cruore gaudet Annae pomiferum
nemus Perennae“ , sichtbar von des Dichters
Besitzung auf dem Ianiculum aus), läfst von
der öffentlichen Bedeutung desselben nichts i
mehr erkennen, während bei Macrob. Sat. 1,
12, 6: „eodem quoque mense et publice et pri-
vatim ad Annarn Perennam sacrifcatum itur,
ut annare perennareque commode liceat“, bez.
Lyd. de mens. 4, 36: „siöoig MaQzi'cug . . .
sv%ctl SryioGLUL vnsg xov vyistvov ysveo&ou tov
sviavrov“, ihrer noch gedacht wird. Ob für
die weitere Ausbreitung ihres Kultus der in
eine der Erzählungen bei Ovül (v. 581 — 588)
eingeflochtene Zug, wonach die flüchtige pu-
nische Anna am Crathis Zuflucht suchen will
(vgl. Klausen, Aeneas und die Penaten 2, 270;
Merkel, proleg. ad Ov. fast., Berol. 1841, p. 216),
und die Äufserungen bei Sil. It. 8, 46 f. 201 f.
in ausreichender Weise Zeugnis ablegen, mufs
mindestens zweifelhaft bleiben.
Nach Ovid zog an dem Festtage das nie-
i dere Volk (plebs) nach dem Hain der Göttin
aus, lagerte sich paarweise (wobei nach Mar-
tial. a. a. O. eventuell noch an weiteres zu
denken wäre) teils unter freiem Himmel, teils
unter Zelten und anderweitigen improvisierten
Schutzdächern im Gras und trieb allerlei aus-
gelassene Kurzweil. Vor allem wurde scharf
getrunken; man trank sich Jahre zu, indem
man deren einander so viele wünschte oder
selbst zu erreichen hoffte, als man Becher
i hinter einander leeren konnte. Dazwischen
wurden Reigentänze aufgeführt und mit leb-
hafter Gestikulation Lieder vorgetragen, teils
solche, wie man sie in den Theatern gehört,
teils — und dies geschah von den weiblichen
Festgenossen — herkömmliche Gesänge obseö-
nen Inhaltes (v. 675 f. 695 f ). Um letzteren
Gebrauch, wie er sagt, zu erklären, webt Ovid
im Anschlufs an den letzten unter seinen weiter-
hin zu erwähnenden Versuchen zur Deutung
des Mythus die folgende Erzählung ein, die
vermutlich selbst einem derartigen Lied ent-
nommen ist: Au die jüngst zur Göttin erhobene
Anna, die „freundliche Alte“, habe sich Mars
mit der Bitte gewandt, dafs sie die Minerva
bestimme ihm zu Willen zu sein, indem er es
mit dem Hinweis auf das Einfallen ihres Festes
in seinen Monat und auf ihr Wesen als „comis
anus“ motivierte, dafs er gerade sie darum
angehe; Anna habe sich in schalkhafter Weise
scheinbar dazu bereit gezeigt, habe ihn längere
Zeit mit vorgespiegelten Hoffnungen hingehal-
ten, endlich auf sein fortgesetztes Drängen die
Erfüllung seines Wunsches ihm zugesagt, nun-
mehr aber sich selbst als Braut verhüllt ihm
zuführen lassen und den nach erfolgter Ent-
hüllung zwischen Zorn und Beschämung schwan-
kenden Gott weidlich ausgelacht, wie denn
auch Venus sich an der Sache höchlich erfreut
habe. Soweit die Erzählung. War nun von
den Feiernden der Lust Genüge gethan, so
kehrten diePärchen taumelnd heim, eine Augen-
weide für die ihnen Begegnenden, die sie wohl
scherzhaft als „Selige“ (fortunati) bezeichne-
ten. — Zur Ergänzung ist dem vorbezeichne-
ten Thatbestande noch hinzuzufügen der Hin-
weis auf einen Mimus des D. Laberius na-
mens Anna Peranna, dessen spärliche Frag-
mente ( Scaen . Born. poes. fr., rec. O. Bibbeek,
ed. 2, vol. 2 p. 279) jedoch keinerlei weiteren
Aufschlufs geben, ferner auf eine aus Varros
Ey.ioycc%iu (Gell. n. A. 13, 24, 4) unter ande-
ren erhaltene Anrufung „te Anna ac Peranna “,
endlich auf ein in den Fasti des Philocalus
(C. I. L. 1 p. 344) zu a. d. 14. Kal. Iul. er-
wähntes „Annae sacrum“, für welches keine
anderweitige Überlieferung vorliegt.
Über das Wesen der Göttin war man sich
zu Ovids Zeit im Unklaren und erging sich in
fii
:
>(
:
ü!
ES
i
So
iis
101
kl
I in
I«
fei
In
I ine
.
1.
r„
h
Bi.
h
k
-or
I 13*
1
-
p
357
Anna
Anna
358
Vermutungen, über die der Dichter mehr oder we-
niger ausführlich — in ersterem Falle nicht ohne
auch seinerseits einigen poetischen Schmuck
hinzuzufiigen — referiert. Einesteils identifi-
cierte man sie also mit Anna, der Schwester der
Dido-Elissa. Drei Jahre nach dem selbstge-
wählten Tode der letztem, als der verschmähte
Bewerber larbas Karthago eingenommen habe,
sei jene zu dem befreundeten König von Mal-
ta, Battus, entflohen (über die Einsetzung von
Kyrene statt Malta bei Silius Lt., der sich
sonst in der einschlägigen Partie, l. 8, v. 28
— 202, ausschliefslich von Ovid abhängig zeigt,
s. Klausen, Aeneas und die Penaten 2, 721),
habe jedoch nach abermals drei Jahren auch
von hier weichen müssen, da der Gastfreund
ihr gegen Pygmalion, der in noch immer nicht
gesättigter Rachgier mit Krieg drohte, kei-
nen Schutz mehr zu gewähren vermochte.
Im Begriff am Flufs Krathis in Unteritalien
eine neue Heimat zu finden, sei sie vom Sturm
an das Gestade von Laurentum verschlagen
worden, hier mit Aineias zusammengetroffen und
von ihm freundlich in sein Haus aufgenommen
worden. Hier jedoch von der eifersüchtigen
Lavinia mit Nachstellungen bedroht, sei sie
nachts, durch die im Traum ihr erschienene
Schwester gewarnt, entflohen und vom Flufs
Numicius (j. Rio torto, südlich von Lavinium
ins Meer mündend) in seine Wellen aufge-
nommen worden. Denen, welche sie suchten,
habe es aus demselben wie von ihrer Stimme
entgegengetönt (v. 653 f.): placidi sum nympha
Numici, amne perenne lutens Anna Perenna
vocor. — Andere hielten die Göttin für iden-
tisch mit Luna, die mit ihren monatlichen Um-
läufen das Jahr füllte, andere mit Themis,
andere mit Io, wieder andere mit einer der
Töchter des Atlas, die dem Zeus die erste
Nahrung gereicht habe. Besondere Glaub-
würdigkeit spricht der Dichter der zuletzt von
ihm wiedergegebenen Erklärung zu: Als die
auf den Heiligen Berg ausgewanderte Plebes
nach Aufzehrung der mitgenommenen Vorräte
Mangel zu empfinden begann, habe eine zu
Bovillä wohnhafte alte Frau namens Anna all-
morgendlich frisch bereitete Kuchen noch dam-
pfend unter sie verteilt , und .es sei ihr daher
aus Dankbarkeit nach erfolgter Rückkehr in
die Stadt ein signum perenne errichtet worden.
Hiervon sondert sich ohne weiteres eine
Reihe von Zügen aus, welche augenscheinlich
gelehrter Spekulation oder *volksmäfsigen Er-
klärungsversuchen ihren Ursprung verdanken,
somit höchstens indirekt zur Aufhellung des
Wesens der entschieden italischen Göttin bei-
tragen können. Die Zusammenstellung mit
Luna ebenso wie mit Themis, der Mutter der
Horen, und mit Io (Merkel, a. a. 0., p. 214 ff.)
läfst am ehesten eine Beziehung auf das Jahr
und dessen Verlauf erschliefsen; diejenige mit
der Tochter des Atlas dürfte nur auf den Na-
mensanklang mit ’Ayvut zurückzuführen sein.
Das letztere Moment war auch, mindestens
vorwiegend, für die Verbindung mit der pani-
schen Anna mafsgebend, die in ihrer speciellen
Ausführung den Stempel des künstlich Ge-
machten deutlich an sich trägt. Weil wesent-
lich auf diesen Elementen fufsend, kann daher
auch die nach Andeutungen von Movers (s.
bes. Phon. 2, 2, 95 f.) neuerdings wieder von
E. Teltscher ( Über das Wesen der Anna Pe-
renna u. d. Dido, Progr. v. Mitterburg 1877)
versuchte Deutung am wenigsten befriedigen,
wonach die phönikische Anna einerseits das
Vorbild der griechischen Xocqig , bez. Xclgizt-g,
andererseits dasjenige der italischen Anna ab-
gegeben habe: letzterer Vorgang aber habe
sich, ohne griechische Vermittelung, im An-
schlufs an den frühzeitigen Verkehr der Phö-
niker mit Italien vollzogen, und Anna ent-
spreche speciell derjenigen Xocgig, welche bei
den Griechen als JTsi&co erscheine, gleichwie
Dido der Evcp Qoovvrj. — In der von Ovid an
letzter Stelle gegebenen Deutung bleibt aller-
dings neben dem westvollen Element der
„freundlichen Alten“ und neben der sich selbst
als Produkt der Volksetymologie hinreichend
kennzeichnenden Ableitung des zweiten Na-
mens der Göttin das meiste noch unverständlich.
Von den durch den echten Bestand des
Mythus an die Hand gegebenen beiden Mög-
lichkeiten der Deutung vertrat in neuerer Zeit
die eine, welche an den Begriff des fliefsenden
Wassers anknüpft, zuerst eingehender, obwohl
mit vielfach unzulänglichen Beweisgründen,
Klausen ( Aeneas u. d. Penaten 2, 717 — 728:
Anna Perenna ist die Nymphe des weichen
Wassers, wie es aus unversiegbarem Quell das
ganze Jahr hindurch rinnt — insofern auch ein
Bild der rinnenden Zeit — und in Gestalt des
jeweiligen Landesflusses, wie z. B. des Numi-
cius für Lavinium, des Tiber für Rom, den
Gau befruchtet), dann, jedoch ohne dieses Mo-
ment ausschliefslich zu betonen (vgl. auch
C. I. L. 1 p. 388), Th. Mommsen , unterital.
Dialekte, S. 248 f. ; dieser betrachtet die Göttin
als „die Volle, ganz Volle“ (Zusammenstel-
lung wie Dea Dia u. dgl. m. ; zu Grunde liegt
eine Participialbildung *amnus „gesättigt, voll“,
vgl. äaai, aazca etc.), „zu der man betet, ut
annare perennareque commode liceat, welche
aber auch die Göttin des vollen, ganz vollen
Flusses ist, die verehrt wird in der Mitte des
März zur Zeit der Hochwasser“.
Die andere, sich unmittelbar darbietende
Beziehung auf das Jahr stellte zuerst Creuzer,
Symbolik etc. 22, S. 972 ff. in den Vordergrund,
indem er das Fest der Göttin für eine Feier
des mit dem Frühling neugewordenen Jahres,
sie selbst als eine Personifikation desselben,
zugleich als die Beherrscherin der feuchten
Sphäre , als die Nährmutter und Spenderin
aller guten Gaben auffafste. Ähnlich und
gleichfalls unter Anknüpfung an tvy zul via
etc. fafste sie dann Preller, röm. Mythol.-,
S. 304 ff. als „die wechselnde Mondgüttin des
laufenden Jahres, die in jedem Monat alt und
wieder jung ist, vollends in dem Frühlings-
monat März, wo sie nicht ohne Grund gerade
zur Zeit der Iden, d. h. des Vollmondes, als
Freudenspenderin und als Buhle des Mars mit
ausgelassener Lustbarkeit verehrt wird“, und
wies namentlich auch auf den Mamurius Ve-
turius der Mamuralienfeier am Vortage der
Iden des März als eine entsprechende Gestalt,
12*
359
Anna
Annona
360
sowie auf die Beziehung des Märchens vom
Mars und der Anna Perenna zu dem Bündnis
des Mars mit der Nerio hin.
Zum vorläufigen Abschlufs erscheint die
Frage gebracht durch II. Usener, italische My-
then, Ithein. Mas., n. F. 30 S. 182 — 229: Anna
und Peranna (denn das ist die ursprüngliche
Form, und sie läfst keine andere Beziehung
als diejenige auf annus zu) sind an sich zwei
bezogen. Die wesentlichen mythischen Züge
der Ehe zwischen Mars und Nerio müssen
auch ehemals bei den Italikern ein Bestand-
teil der Hochzeitsriten gewesen sein, und wie
bei stammverwandten Völkern, neben der Vor-
stellung von einem Gott und einer Göttin des
alternden Jahres, die abgethan werden, sich
in den Hochzeitsbräuchen vielfach die Sitte
findet, dafs der Bräutigam oder dessen Stell-
verschiedene Persönlichkeiten, die nur unter io Vertreter erst mit einem alten Mütterchen ge-
einem bestimmten Gesichtspunkt zu einer ein-
heitlichen verschmolzen. Anna ist das lau-
fende Jahr mit seinem Segen (und in dieser
Eigenschaft allein galt ihr wohl die Feier im
Juni, mit Bezug auf die nahe Erntezeit), Per-
anna ist das abgelaufene, das ,,durchgejahrte“
Jahr, und erst mit Rücksicht auf den sich voll-
endenden Jahresring, bei der Feier des Jahres-
schlusses, traten beide Begriffe zu der Einheit
neckt wird , ehe die Herausgabe der wahren
Braut erfolgt, so hat der Mythus der Anna
Perenna in ihrer Beziehung zu Mars auch das
zweite Moment noch in enger Vereinigung mit
dem ersteren erhalten. — 2) Anna, Schwester
der Dido (Elissa), s. diese und unter Anna 1.
[Meitzer.]
Annona. Aus der grofsen Wichtigkeit, welche
im kaiserlichen Rom die Versorgung der Stadt
der Anna Perenna zusammen. Auch bei den 20 mit überseeischem Getreide für sich bean-
Italikern wurde augenscheinlich ehedem, wie
dies bei stammverwandten Völkern in zahl-
reichen Beispielen und bis auf die Gegenwart
herab nachweisbar ist, das alte Jahr feierlich
abgethan (daher der Sturz in den Flufs), um
durch die bei Ovicl beschriebene Festlichkeit,
unter Wünschen für das Gedeihen des kom-
menden Jahres, erneuert zu werden. Das männ-
liche Gegenstück zu der Göttin nach ihren
spruchte (vgl. 0. Hirschfeld, Philologus 29, lff.
Mommsen, Staatsrecht 2, 992 ff.) erklärt es sich,
dafs sich in der römischen Staatsreligion nach
und nach die Vorstellung einer eignen diesem
wichtigen Zweige der Verwaltung, der cura
annonae, vorstehenden Gottheit bildete. Diese
Göttin Annona wird in der uns vorliegenden
alten Litteratur nie erwähnt, um so häufiger
aber ist ihr Vorkommen sowohl auf Inschriften
zwei Modifikationen, bez. deren Vereinigung, 30 als namentlich auf Münzen, welch letztere uns
bietet Mars als Jahresgott. Er ist einerseits
der mit jedem neuen Jahre neugeschaffene,
andererseits der Gott des absterbenden Jahres
(Mamurius Veturius, d. i. Vetusius). Auch der
letztere mufste abgethan werden, um dem Gott
des neuen Jahres Platz zu machen; und wenn
der darauf bezüglichen Feier, den Mamuralia,
der 14. März zugewiesen war, während das
neue Jahr doch schon mit dem 1. März be-
noch die ganze Entwicklung der Vorstellung
verfolgen lassen (vgl. darüber H. Brunn, An-
nali cl. inst. 1849, 138 f.). Gröfstenteils sind
es Bronzemünzen, vom Senate zu Ehren von
Kaisern geprägt, welche sich besondere Ver-
dienste um die annona erworben hatten; doch
findet sich die Göttin auch auf Gold- und Sil-
bermünzen vereinzelt. Die ältesten einschläg-
lichen Münzen zeigen die Annona nicht allein,
gönnen hatte, so erklärt sich dies daraus, dafs 40 sondern mit Ceres gruppiert: letztere sitzt an
der neue Jahresgott erst herangewachsen und
erstarkt sein mufste, um den alten überwinden
und abthun zu können. Die männliche und
die weibliche Personifikation des scheidenden
der einen Seite eines Altars, auf dem der Mo-
dius, das Symbol des Erntesegens, steht; an
der andern Seite steht Annona, das Füllhorn
im Arm; im Hintergründe erblickt man ein
361 Anociticus
aber finden wir nur noch zwei unter sich nahe
verwandte Typen neben einander im Gebrauch ;
beide zeigen die Göttin in der allgemeinen
Auffassung einer Ceres gleichend zwischen
Modius und Schiffsvorteil stehend mit Ähren
in der einen Hand; verschieden ist nur das
Attribut der anderen Hand , bei der einen
Reihe das allgemeine Abzeichen der segen-
spendenden Gottheiten, das Füllhorn , bei der
anderen als Andeutungen des Seeverkehres
Steuerruder oder auch Anker; natürlich geben
die einzelnen Münzen die Normaltypen nicht
immer rein und vollständig wieder, sondern
lassen einzelnes fort, namentlich hei den spä-
teren Kaisern; Musterbeispiele des ersten Ty-
pus bieten Golien, med. imp. Adrien 667 — 671.
Suppl. 75. Antonin Je Vieux 470—472, des
zweiten Cohen, Adrien 662. 663. Ganz in der-
selben Weise tritt Annona auch auf den tes-
serae frumentariae auf. Vgl. 0. Benndorf, Bei-
träge zur Kenntnis des att. Theaters S. 47 ff.
Marquardt , Köm. Staatsiv. 2, 124, 8. Daneben
findet sich auf den Münzen der Kaiser Hadrian
( Cohen 93 — 95. 664), Antoninus Pius ( Cohen 7)
und AI. Aurelius ( Cohen 410) auch der blofse
Modius als Symbol der Annona. Inwieweit
die Münzdarstellungen der Göttin auf statua-
rische Typen zurückgehen, mufs bei der Lücken-
haftigkeit des Materials dahingestellt bleiben;
dafs es aber Statuen der Annona gab , zeigen
uns die Inschriften. So weiht zu Rusicada in
Numidien ein M. Aemilius Ballator aus eige-
nen Mitteln Statuen des Genius seiner Vater-
stadt und der Annona sacrae urbis (C. I. L. 8,
7960) und Reliefdarstellungen der Göttin fan-
den sich auf dem Votivaltare des mensor per-
petuus dignissimi corporis pistorum siligina-
riorum Aelius Vitalio (C. I. L. 6, 22) und wahr-
scheinlich auch auf dem Grabstein des adiutor
praefecti annonae Carpus ( C . I. L. 6, 8470. vgl.
Brunn, Annali 1849, 137 f.). Darnach hat man
auch mit Erfolg versucht auf erhaltenen Denk-
mälern die Figur der Annona nachzuweisen;
namentlich hat Brunn ( Annali 1849 , 135 ff.
Sitz. Ber. d. bayr. Ahad. 1881, 2, 119 ff.) ein
Relief des vatikanischen Museums ( Arcli . Zeit.
1847, Taf. 4) und einen in der Vigna Aquari
bei Rom gefundenen Sarkophag (Matz- Duhn
No. 3095) in diesem Sinne erklärt. Es mufs
zugegeben werden, dafs auf beiden Denkmälern
die für Annona in Anspruch genommenen Fi-
guren keinem der Münzbilder ganz genau ent-
sprechen; doch finden sich derartige Differen-
zen auch anderweit, und gerade Brunns Deu-
tung der Figur des Sarkophages Aquari findet
ihre glänzende Bestätigung durch die inschrift-
lich beglaubigte Annona auf der (jetzt nicht
t mehr vorhandenen) Ara des Aelius Vitalio,
welche nach der Beschreibung des Smetius
! mit jener in allen Punkten übereinstimmte
j ( C . 1. L. 6, 22). [Wissowa.]
Anociticus, wohl ein britannischer Gott auf
der Inschrift eines Altars aus Condercum (Ben-
well), C. I. L. 7, 504: Deo Anocitico iudiciis
, optimorum maximommque Impp. n. sub Ulp.
Marcello cos. Tineius Longus etc. W ahrschein-
lich ist er mit dem Antenociticus (s. d.) iden-
i tisch. [Steuding.J
Antaios 362
Anogou (’Avcoycov), Sohn des Kastor und der
Hilaeira, der Tochter des Leukippos, Apollod.
3, 11, 2. Bei raus. 2, 22, 6. 3, 18, 7 heifst
er Anaxis (s. Anaxias). Tzetz. Lylc. 511 nennt
als Söhne des Kastor und der Hilaeira ’Avuycov
r) nal Avlo&og. Preller, Mytliol. 2,
98. [Stoll.]
Anonyinos (’Avwvvgog), ein Gigant, der in
Gemeinschaft mit Pyripnoos der Hera nach-
stellte und von Herakles getötet wurde, Ptolem.
Heph. 2. [Stoll.]
Antaios (’Avzccio g) , 1) Sohn des Poseidon
und der Ge , ein libyscher Riese und gewalti-
ger Ringer, der alle zu ihm kommenden Frem-
den zum Zweikampfe zwang und mit den
Schädeln der Besiegten seines Vaters Tempel
schmückte. Find. Istlun. 3, 70. Flat. Theaet.
169 B. legg. 7, 796 A. Von Herakles, der dem
Ungestüm des Wüstenunholdes die Regeln der
griechischen Palaistra entgegensetzte, ward
er endlich trotz der Unterstützung seiner Mut-
ter besiegt und getötet, Diod. 4, 17. Nach
der späteren Überlieferung wird diese Unter-
stützung der Ge so erklärt, dafs er unbesieg-
bar gewesen sei, so lange er die Erde berührte,
dafs ihn deswegen Herakles in die Höhe ge-
hoben und in der Luft erdrückt habe. Apol-
lod. 2, 5, 11. Dygin. fab. 31. Quint. Smyrn.
6, 286. Lucan. Fharsal. 4, 590. Stad. Theb.
6, 893. Juven. sat. 3, 89. Ovid, Ibis 393. Dafs
diese letztere Version der Sage späteren Ur-
sprunges ist, scheint aus den monumentalen
Quellen hervorzugehen , die erschöpfend Ste-
phani im compte-rendu pour 1867 S. 13ff. ge-
sammelt hat. Wenn auch Gerhard, auscrles.
Vasenb. 2, S. 105 zu weit geht, wenn er behaup-
tet, den Zug des Hebens hätten erst römische
Kunstwerke , so haben doch die archaischen
Vasen diesen Zug entschieden nicht (vgl. Ger-
hard, a. V. 2, t. 114. Stuart vol. 3, ch. 1. pl.
3. 11. 14. mus. etr. 528), und auch in den jün-
geren griechischen Kunstwerken erscheint er
verhältnismäfsig selten (vgl. Steph. a. a. O.
Gerhard a. a. 0.). Wohl ist aber auf den
meisten dieser Vasenbilder, wie auf den Gem-
men und einigen anderen unten noch im Zu-
sammenhänge zu besprechenden Kunstwerken
Gaia als Gehilfin des Antaios und Pallas als die
des Herakles dargestellt, so dafs die Sage von
einer Unterstützung des Antaios durch Ge alt
und ursprünglich zu sein scheint. Gerhard
a. a. 0. 104 meint, das Heben sei erst durch
die Kunst in die Sage gekommen. Eher ist
diese Erweiterung der Sage das Werk mytho-
graphischer Spekulation. Wäre sie alt, so
hätte man diesen Kampf nicht als einen pro-
totypischen für die griechische Palaistra an-
sehen können; denn dann hätte eben Hera-
kles nicht vermöge seiner palästrischen Fer-
tigkeit, sondern durch eine List gesiegt.
Dieser Kampf des Herakles mit Antaios ist
in den kyklischen Thaten des Herakles selten
dargestellt, doch finden wir ihn am Theseion
zu Athen (vgl. Welcher, ahad. Kunstmus. 156
Anm. 9. 174 Anm. 34) und in den praxiteli-
schen Metopen am Herakleion in Theben, Paus.
9, 11., 6 ( Overb . Soliriftq. 1285). Aufserdem
sind uns noch zwei Beschreibungen von statua-
10
20
30
40
50
60
363
Autaios
Anteia
364
rischen Gruppen dieses Gegenstandes erhalten
bei Brunclc, anal. 3, n. 284 und hei Libanios,
clcphr. 4 p. 1032 sowie die eines Gemäldes bei
Philostr. 2, 21. Die erhaltenen Werke sind in
dem oben citierten compte-rendu zusammenge-
stellt. Herauszuheben sind
a) von kleinen Gruppen die fragmentierte,
in Aquileja gefundene Marmorgruppe, Wiener
Jahrbücher 48. Taf. 1. No. 3; vgl. 0. Müller,
Handbuch der Archäologie 410, 14. :
b) Das Relief im Museo Kircheriano.
c ) Verschiedene echte Gemmen, Tassie 5814
— 5823, vgl. lmpr. d. Inst. 1, 68.
d) Das Mosaik aus dem Grabe der Naso-
nen, vgl. Stephani a. a. 0. 15.
e) Von Vasenbildern aufser den obenge-
nannten die Vase des Euphronios, Annali dell'
instituto 1855. tav. 5.
[Gegen die Echtheit der von Stephani an-
geführten Marmorgruppen Glarac 802, 2016 u.
804, 2018 A. sowie der Bronzegruppe Monum.
d. inst. 1856, 105 sind gegründete Bedenken
erhoben worden.] *)
Das. Lokal der Sage ist nach der gewöhn-
lichen Überlieferung bei Tingis in Mauretanien
zu suchen, welche Stadt von der Gemahlin des
Antaios Tinge ihren Namen haben soll. Hier
wurde auch des Riesen Grab gezeigt, jenes
berühmte Grab, welches, wenn man seine Erde
lockerte, Regen herbeizog (Pomp. Mela 3, 10).
Sertorius soll es haben öffnen lassen, um die
überlieferte Länge des Riesen zu kontrollieren,
soll aber, nachdem er sich von der Wahrheit
der Tradition überzeugt, das Grab wieder zu-
geschüttet und geweiht haben, Strabo 17 p. 829.
Blut. Sert. 9. Die mauretanischen Könige leite-
ten ihr Geschlecht von Herakles und der Tinge
ab. Diese sollen nach der Besiegung des An-
taios einen Sohn , Namens Sophax (Flut. a.
a. 0.) oder Palaimon (Tzetz. Lylc. 622, vgl. Ile-
sych.a. TLcdcdywv) oderPolemon ( Etyrn . magn.)
gezeugt haben. Das Nähere hierüber s. b. Mo-
vers, Phönizier 2, 2. S. 39. Keil, neue Jahrb.
Suppl.-Bd. 4, 621 und vgl. die einschlagenden
Artikel. Andere verlegen den Ort des Kampfes
nach Lixos, Plin. n. h. 5, 3 (vgl. 19, 63), einer
benachbarten Stadt. So viel steht fest, dafs
Antaios eine mauretanische Persönlichkeit, das
Lokal seiner Sage Mauretanien ist.
Von Pind. Pyth. 9, 185 wird Irasa iu Ky-
rena'ika die Heimat des Antaios genannt, vgl,
Herod. 4 , 158. Dieser kyrenaische Antaios
hat eine schöne Tochter, die Barke oder Al-
kers, die er demjenigen zu geben verspricht,
der ihn selbst im Wettlaufe besiegt, und in-
folge dieser Bedingung dem Alexidamos geben
mufs, vgl. Müller, Orchomenos S. 346 Aber
schon der Scholiast zu Pindar will diesen An-
taios von dem Mauretanier unterscheiden. Die
lokale Verschiedenheit liefse sich noch erklären,
aber Antaios der Mauretanier ist ein anderer
Heros als sein kyrenaischer Namensvetter, die-
ser ein Schnellläufer, jener ein gewaltiger, ur-
kräftiger , ungestümer Ringer , so disparate
Züge, dafs sie ein und derselben Persönlichkeit
*) Vgl. Klein, Euphronios in den Wiener Denksehr. Bd.
29 S. 53 des Sep.-Abdr., wo auch die übrigen Vasenbilder
zusammengestellt sind. [Schreiber.]
selbst an verschiedenen Orten wohl kaum ange-
dichtet werden können [?]. Über die Bedeutung
der Antaiossage vgl. Gerhard, a. V. 2, 105 ff.
Creuzer, Symbolik 1,326. 2, 338. 2, 77 ff. Müller,
Dorier 1, 452. Von einer Naturbedeutung*) des
Mythus wird derjenige sofort absehen, der den
Sagenzug von der Hilfe seitens der Mutter für
das Werk später Spekulation hält. Auch von
dem Berichte des Mela über die Eigenschaft des
Grabes, Regen herbeizuziehen, ist abzusehen,
er ist nichts als eine Lokalsage , wie wir sie
noch häufig in der norddeutschen Geeste und
Mai schebene finden, wo die Hünengräber auch
das Wetter beeinflussen. Antaios ist nichts
als einer jener von Poseidon stammenden Un-
holde, eine Repräsentation des libyschen Barba-
rismus (wie Busiris des ägyptischen) und im
allgemeinen der vis consilii expers-, der Sieg
des Herakles ist der Sieg des Hellenentums
und das Eindringen seiner Kultur in Libyen,
vgl. Preller 23, 216 — 19. — 2) Ein Heerführer
des Turnus, Verg. Aen. 10, 561. [Oertel.]
Antandre (’Av zuvögg), Amazone, Gefährtin
Penthesileias, Q. Smyrn. 1, 43. 531.
[Klügmaun.]
Antandros ('Avzccvöqos) , Name eines Teil-
nehmers an der kalydonischen Eberjagd auf
der Eran^oisvase : C. 1. Gr. 8185. [Rosoher.]
Autariste (’Avzagiozg), Amazone auf einer
Hydria in England, Bröndsted, Vases of Cam-
panari n. 28. [Kliigmann.]
Anteia (”Avzsiu) , Tochter des Iobates (oder
Iobatos, Schol. Find. Ol. 13, 82), oder Amphia-
nax (Apollod. 2,2, 1. Schol. Hom. X 325. Hy-
gin. astr. 18. Ädiuvarces b. Schol. Stat. Theb.
4, 589 ist wohl nur aus Iobates verderbt), Gat-
tin des Proitos. Als es ihr nicht gelingt, den
Bellerophontes , der an ihrem Hofe weilt , zu
verlocken (Hom. Z 164 reg ds yvvrj IIqolzov
£7C(ggvazo Sl’ ’Avzsia , ’SQvnzaöi'T] cpiXözyn fu-
yrgiBvcu), verleumdet sie ihn bei Proitos, als
ob er ihr schmähliche Anträge gestellt habe;
Proitos scheut sich seinen Gast selbst zu töten
und schickt ihn deshalb nach Lykien zu sei-
nem Schwiegervater mit todbringenden Zei-
chen. Nach Hygin. astr. 18 verleumdet sie
ihn nicht, sondern Bellerophontes entfernt sich
freiwillig, 'ne saepius audiret quocl nollet’. Von
den Tragikern an wird sie Stheneboia genannt
und als Tochter des Apheidas, Königs von Ar-
kadien , bezeichnet (Apollod. 3 , 9 , 1). Ihre
und des Proitos Tochter ist Maira (Schol. Hom.
X 325. Paus. 10, 30, 2). Vgl. noch Schol. Ari-
stoph. Ban. 1043. Lulc, de cal. 26. H. A. Fi-
scher, Belleroplion, eine mytholog. Abhandlung,
*) Mir ist eine Naturbedeutung der beiden wohl iden-
tischen Antaios doch sehr wahrscheinlich. Verschiedene
Züge deuten auf die in der libyschen Wüste so häufi-
gen Windhosen „die sich bald sehr schnell, bald mit
1 majestätischer Langsamkeit bewegen“ ( Cornelius , Meteoro-
logie 222), also auch personificiert als Schnellläufer
gefafst werden können. Dafs Winde und Windhosen als
furchtbare Unholde aufgefafst werden können, lehren die
Mythen von Typhoeus und Skeiron. Solche Windhosen
scheinen T wenn sie ihren Höhepunkt erreicht haben, auf
der Erde zu fufsen, sie erlöschen, indem die Verbindung
aufhört. Das Verhältnis des Antaios zu Poseidon erklärt
sich wohl aus der Vorstellung der Wasserhose.
[Koscher.]
365 Anteias
Leipzig 1851, 8. Über Kunstdarstellungen vgl.
die Artikel Bellerophontes und Stlieneboia.
Engelmann, Bellerofonte c Pegaso, Ami. d. Inst.
1874, S. 5. [Engelmann.]
Anteias (’Avrsiag, ’Avt(ag), Sohn des Odys-
seus und der Kirke, der Antium in Italien ge-
gründet und nach sich benannt haben soll.
( Xenagoras b. Dion. Hai. Ant. Jl. 1 , 72, wo-
nach Euseb. Chr. p. 205. Syncell. p. 193 A.
Steph. Byz. s. v. ’ 'Avxeia ). [Schirmer.]
Anteuoeiticus, wohl ein britannischer Gott
auf der Inschrift eines Altars aus Condercum
(Ben well), G. I. L. 7, 503: Deo Antenocitico
et numinib. Augmtor. Ad. Vibius etc. Neben
der Inschrift sind Blumengewinde, ein Messer
und ein Krug dargestellt. Vgl. Anociticus.
[Steuding.]
Autenor (’Avtt'ivcoq), Sohn des Aisyetes oder
Hiketaon und der Kleomestra ( Eust . ad Hom.
349. Dict. 4, 22. Schol. ad II. 3, 206), einer
der vornehmsten troischen Geronten , Gemahl
der Athenapriesterin Theano, der Tochter des
Kisses (II. 6 , 298) und Vater einer stattli-
chen Reihe heldenhafter Söhne. Homer nennt
den Archelochos und Akamas, die mit Aineias
Führer der Dardaner waren (II, 2 , 822),
den Iphidamas,- der von Agamemnon getötet
wurde (II. 11, 22), den Helikaon, den Gemahl
der Priamidin Laodike (3, 123, vgl. Paus. 10,
26, 3), den Laodokos, in dessen Gestalt sich
die Athene verwandelte (4, 87), den Erstgebo-
renen Koon, der bei der Rettung seines Bru-
ders Iphidamas selbst umkommt (11, 248), den
Demoleon , der dem Achill zum Opfer fiel
(20, 395), den Pedaios, der von Menes erlegt
wurde (5, 69), endlich den Polybos und Age-
nor (11, 59). Aus anderen Quellen sind noch
bekannt Hippolochos (Schol. Pind. Pyth. 5,83),
Eurymachos (Paus. 10, 27, 3), Medon, Thersi-
lochos (Verg. Aen. 6, 483) und Glaukos (Verg.
und Paus. a. a. O. Mythogr. Vat. 1, 204. Dict.
3, 26. 4, 7. 5, 2), ein Begleiter des Paris auf
seiner Reise nach Griechenland und Genosse
seines Frevels, von seinem Vater infolge dessen
verstofsen, von Agamemnon getötet. Als Toch-
ter wird bei Paus. a. a. O. Krino erwähnt.
— Nach der älteren Tradition ist Antenor
der Nestor der Trojaner (Eurip. b. Athen. 15,
1. Plato, sympos. 221 C), klug und gerecht im
Rate(Zh'cl. 3, 26), Feind aller Frevelthat und Un-
gerechtigkeit, 'boni honestique sectator’ (Dict.
1, 6. 11. 12). Weil er in dem Raube der He-
lena einen Frevel sieht, rät er zum Frieden
und nach dem Zweikampfe des Aias und Rek-
tor zur Rückgabe der Helena und der mit ihr
geraubten Güter (II. 7, 347); von einem Ver-
rate an seiner Vaterstadt oder von der später
hinzugedichteten prinzipiellen Opposition ge-
gen Priamos ist nicht die Rede. Im Gegenteil,
wir finden ihn mit Priamos zusammen am
skäischen Thore dem Kampf zuschauend (II.
3, 148), wir sehen ihn mit Priamos zusammen
den Vertrag über den Zweikampf des Paris
und Menelaos abschliefsen (II. 3, 262), wir
finden ihn auf der Framjoisvase neben Priamos
stehend (vgl. Mon. dell' inst. 4. Weizsäcker,
rhein. Mus. 1877, 1 ff.). Dafs er die Gesandten
(Odysseus und Menelaos) aufnimmt (II. 3, 207.
Antenor 366
Dict. 1, 6), ist kein Verrat, sondern die Pflicht
jedes Mannes. Daher stammt in der älteren
Sage die Freundschaft der Griechen mit ihm
und seinem Hause. Nach der kleinen Ilias(Paws.
10, 26, 3) erkennt Odysseus in der Eroberungs-
nacht den Helikaon , den Sohu Antenors, urd
führt den Verwundeten lebend aus der Schlacht.
Da nun diese Scene von Polygnot in seinem
Leschegemälde verwandt ist, wird es wahr-
scheinlich, dafs auch die von Polygnot dar-
gestellte Scene (Paus. 10, 27, 2) am Hause des
Antenor aus der kleinen Ilias geflossen ist.
Danach steht Antenor mit dreien seiner Kin-
der an seinem mit einem Pardelfelle als zu
schonend bezeichneten Hause und rüstet sich
zur Flucht (vgl. Welcher, ep. Cykl. 2, 246).
Ganz anders ist sein Verhältnis zu den Grie-
chen in der späteren Sage. Schon vor dem
trojanischen Kriege war er in Griechenland
gewesen, um die Hesione zurückzufordern, und
hatte mit den griechischen Fürsten Freund-
schaften geschlossen (Dar. 5). Er wird als Ge-
sandter der Troer ins Lager der Griechen ge-
schickt und verhandelt hier mit Agamemnon,
Odysseus, Idomeneus und Diomedes über die
Bedingungen des Verrats. Die Hälfte der Güter
des Priamos werden ihm als Preis versprochen,
einer seiner Söhne soll König werden (Dict.
4, 22). Zurückgekehrt hält er eine den Pria-
miden offen feindselige Rede , in der er zur
Übergabe auffordert (Dict. 5, 1) und die Grie-
chen gegenüber seinen Landsleuten lobt. Noch-
mals mit Aineias als Gesandter zu den Grie-
chen gesandt (Dict. 5, 4) befestigt er den Ver-
rat (Serv. ad Aen. 1, 246. 651). Er oder seine
Gattin Theano, die Äthenepriesterin, verschaff-
ten den Griechen das Palladion (Dict. 5, 8.
Tzetzes, Posthorn. 515 Ders. ad Lykophr. 658.
Saidas, s. v. naXladiov] vgl. Welcher, gr. Tr. 1,
147), er öffnete das Pferd und das Thor (Tzetz.
Lykophr. 340 — 47. Serv. Aen. 2 , 15. Dion.
Halic. 1, 46, vgl. Aurel. Victor, de orig.
9. Serv. Aen. 1, 245). Über sein und seiner
Söhne Schicksal nach der Eroberung der
Stadt existieren mehrere Versionen: 1) Nach
Pindar Pyth. 5, 83 (vgl. Schol.) kamen die
Antenoriden mit Helena nach Kyrene und
liefsen sich dort nieder, wo sie noch zu
des Scholiasten Zeit heroische Ehre hatten.
— 2) Die verbreitetere Sage , die wir nach
Eust. ad Hom. p. 405 auf die Antenoriden des
Sophokles zurückführen können, ist diese (vgl.
Welcher, gr. Tr. 1 , 166) : Antenor und seine
Söhne, oder seine Söhne allein, seien mit den
Henetern, deren Führer Pylaimenes vor Troja
gefallen war, nach Thrakien und von da nach
Venetien gekommen, hier hätten sie die Euga-
neer vertrieben und u. a. Patavium gegründet,
Strabo 5,212. 12,543.544.552. 1,48. 3,150.
13, 607. Schol. Pind. Pyth, a. a.O. Quint. Smyrn.
13, 293. Tryphiod. 656. Liv. 1, 1. Serv. ad
Verg. Aen. 1, 246. 5, 605 (vgl. Heyne, ex-
curs. 7 ad Aen. 1). Solin. 13. Plin. 3, 19. Ja,
einzelne Gefährten seines Zuges seien bis nach
der iberischen Halbinsel gekommen und hätten
dort Okella gegründet (Strabo 3, 157). — 3)
Die dritte, wohl späteste Version ist die, dafs
er nach der Eroberung Trojas dageblieben sei
io
20
30
40
50
60
367 Anteros
und ein Reich gegründet habe (Biet. 5 , 17.
Bar. 43). Diese Version hat wieder Varia-
tionen:
a) Er vertrieb den Astyanax aus Arisbe,
den dann Aineias wieder einsetzte (Serv. Aen.
9, 264).
b) Er wurde selbst von Aineias vertrieben
und gründete Korkyra Melaina (Biet. 5, 17).
Über den Antenor vgl. den reichhaltigen
Aufsatz Stiehle's, Philol. 15, 593 ff. [Oertel.]
Anteros ( ’Arttgcog ) s. Eros.
Antevorta s. Indigitamenta.
Antlias fAv&ag , "AvQ’rjs), Sohn des Poseidon
und der Alkyone, der Tochter des Atlas, Vater
des Aetios (nach Steph. Byz. s. v. ’Av&yd civ
auch des Dios). Er gründete Antheia , sein
Bruder Hyperes Hypereia. Neben seinem Sohne
Aetios, der das Reich des Vaters mit dem des
Oheims erbte , machten sich die Pelopiden
Troizen und Pittheus geltend, und der letztere
vereinigte nach dem Tode seines Bruders jene
beiden Städte unter dem Namen Troizen.
Spätere Nachkommen des Aetios gründeten
Halikarnassos und Myndos in Kleinasien (Paus.
2, 30, 8 f.). Daher hiefsen die Halikarnassier
poetisch Antheaden (Steph. Byz. s. v. ’AQ'fjvca),
besonders aber war dies der Name des Ge-
schlechts, das im Besitze der Priesterschaft
bei dem aus Troizen mitgebrachten Kultus des
Poseidon blieb (vgl. Boeclch z. C. I. Gr. 2655).
Die Gründung von Halikarnassos schreibt Strabo
8, 374 dem Anthas selbst zu, den er von Pit-
theus vertrieben sein läfst. (Vgl. Strabo 14,
656. Steph. Byz. s. v. 'AhHccQvaGoog. 0. Mül-
ler, Bor. I2, 108 f.) Die Stadt Anthedon in
Böotien soll nach demselben Anthas benannt
sein (Paus. 9, 22, 5; vgl. jedoch Anthedon),
und die Insel Kalauria, so lange Anthas und
Hyperes in Troizen herrschten, Anthedonia
und Hypereia geheifsen haben ( Aristot . b.
Plut. Qu. Gr. 19). Plutarch (a. a. 0.) fügt
die Erzählung des Mnasigeiton hinzu, dafs
Anthas als Knabe verloren gegangen und in
Pherai bei Akastos oder Adrastos, wo er als
Mundschenk diente, wiederaufgefunden wor-
den sei (vgl. Athen. 1, p. 31 C.). Auch die la-
konische Stadt Anthana hatte von Anthas,
dem Sohne des Poseidon, ihren Namen nach
Steph. Byz. s. v. ’Av&ocva, wo nach Philoste-
phanos erzählt wird, Kleomenes, der Bruder
des Leonidas, habe jenen getötet und auf sei-
ner abgezogenen Haut Orakel aufgezeichnet.
Es ist dies wohl eine Erfindung des am Hofe
des Ptolemaios IV. lebenden Philostephanos,
welche die von Ptolemaios Philopator an Kleo-
menes, dem Sohne des späteren Königs Leo-
nidas, vollzogene grausame Strafe rechtferti-
gen sollte (vgl. Müller, F. H. G. 3, 30 ad
fr. 8). [Schirmer.]
Anthe ("Avthrj), eine Tochter des Alkyoneus,
s. Alkyonides.
Anthedon (’Av&rjddv) , 1) Sohn des Dios,
Enkel des Anthas, eines Sohnes von Poseidon
und der Tochter des Atlas Alkyone, Gründer
von Anthedon an der Nordküste von Böotien
(Steph. Byz. s. v. Avß'rj&cov). Daraus, dafs diese
Stadt, in welcher Glaukos Pontios als Stamm-
vater verehrt wurde (Bilcaiarch. de Gr. Urb.
Antheus 368
1, 23 ff. Paus. 9, 22, 6; vgl. Strabo 9, 405.
Schol. Apoll. Bh. 1, 1310. Nonn. Panop. 13,
73 ff. 39, 100), nach anderer Tradition (Paus.
9, 22, 5) von Anthas (s. d.), dem Grofsvater des
Anthedon, einem Sohne der Alkyone, ihren
Namen erhielt, erklärt sich die Athen. 7, 296 B.
nach Mnaseas gegebene Notiz, dafs Anthedon
Gemahl der Alkyone und Vater des Glaukos
Pontios gewesen sei (s. Glaukos). — 2) Eine
Nymphe, nach welcher die Stadt Anthedon be-
nannt sein soll (Paus. 9, 22, 6). [Schirmer.]
Antheia (’AvQ'sik) , 1) Beiname der Hera
mit Bezug auf den tsgog yeegog. Als solche
hatte sie in Argos einen Tempel, vor welchem
sich der Grabhügel der Weiber befand, welche,
von den ägäischen Inseln mit Bakchos gekom-
men, im Kampfe gegen die Argiver gefallen
waren, Paus. 2, 22, 1. Poll. 4, 78. Suid. s. v.
Welcher zu Schwenchs Andeutungen S. 267 ff.
274f. Preller, Gr. Mythol. 1 S. 132. Gerhard,
Gr. Myth. §. 220, 1. 222, 4. — 2) Beiname
der Aphrodite bei den Knosiern, Hesych. s. v.
Preller, Gr. Myth. 1 S. 283. Welcher, Gr.
Götterl. 1. S. 374. Gerhard, Gr. Myth. §. 366,
1. 372, 3. — 3) Tochter des Thespios. Apol-
lod. 2, 7, 8. [Stoll.J — 4) Eine Hesperide auf
einer Vase von Paestum: C. I. Gr. 8480.
[Roscher.]
Autheias (’Av&sia g), Sohn des Autochthonen
Eumelos (= der Schafreiche, der Hirte), ein
Achäer. Als Triptolemos aus Attika kam und
den Eumelos den Getreidebau lehrte, spannte
heimlich Antheias die Drachen an dessen W agen,
um zu säen; aber er fiel vom Wagen und fand
so seinen Tod. Triptolemos und Eumelos grün-
deten zu seinem Andenken die Stadt Antheia
auf dem Boden, wo später Paträ stand. Paus.
7, 18,2. Curtius Peloponnesos 1, S. 436. S. An-
thos. [Stoll.J
Antheios (’Av&seog), 1) s. Antheus. — 2) Bei-
name des Zeus , Welcher zu Schwench, Andeu-
tungen S. 275. Gr. Götterl. 2. S. 196. Ger-
hard, Gr. Mythol. §. 199, 7. Lauer , System d.
gr. Myth. S. 204ff. [Stoll.]
AutheTs (Avürgg), Tochter des aus Lakedai-
mon in Athen eingewanderten Ilyakinthos,
die mit ihren Schwestern Aigleis, Lusia (Ly-
taia?) und Orthaia auf dem Grabhügel des
Kyklopen Geraistos geschlachtet wurde, als
Zeus auf Bitten des Minos über Athen Hun-
gersnot und Pest verhängt hatte (Apollod. 3,
15, 8. Hyg. f. 238; s. Androgeos). [Schirmer.]
Antheleia (’Avd'fjlsLa), eine Danaide, s. Ai-
gyptos.
Autliemone (’Av&syovri), eine Arkaderin, die
dem Aineias in Nesos eine Tochter gebar
(Agathyll.b. Bion. Hai. Amt. B. 1, 49; s. oben
Aineias Kap. 8). [Schirmer.]
Antlies (’Av&rjg), 1) ein mythischer Sänger,
Zeitgenosse des Amphion und Linos, aus dem
thrakischen Anthedon in Böotien, Ps.-Plut. de
mus. 3. S. Anthos. — 2) s. Anthas. [Stoll.]
Antheus (’Av&svg), 1) Beiname des Diony-
sos, wie Paus. 7, 2, 6 angiebt, nach der Stadt
Antheia in Achaia, wie denn überhaupt kleine
Ortschaften dergleichen sie mit religiösem
Glanze umgebende Herleitungen gern sahen.
Wahrscheinlicher aber ist, dafs jener Name
io
20
30
40
50
60
369 Anthippe
wie "Avfhos (Paus. 1, 31, 4) den Gott des Früh-
lings bezeichnet, wo alles treibt und schwillt,
(vgl. Pott in Kulms Z. 6, 329. Preller, Gr. Myth.
I3, 584). — 2) Gefährte des Dionysos, Sohn
des Agelaos mit dem Beinamen Lyktios nach
seiner Vaterstadt Lyktos auf Kreta; er wurde
vom Inderfürsten Deriades getötet (Nonn. Pa-
j nop. 35, 382. 32, 187). — 3) Ein Antenoride,
Liebling' des Paris und De'iphobos , den Paris
widerWillen im Spiele tötete ( Tzetz . Lykoplir.
134). — 4) Gefährte des Aineias, der, auf der
stürmischen Fahrt von der Küste Italiens nach
Afrika von jenem getrennt, in Karthago sich
wieder mit ihm vereinigte und später mit ihm
gegen Turnus kämpfte ( Verg . Aen. 1, 181. 510.
12, 443). — 5) Ein schöner Jüngling aus Ha-
likarnassos von königlicher Abkunft. Als er
sich bei Phobios , dem Herrscher von Milet,
als Geisel aufhielt , suchte dessen Gemahlin
Kleoboia oder Philaichme, von leidenschaft-
licher Liebe zu dem Jünglinge entbrannt, bei
diesem vergeblich Gegenliebe. Aus Zorn über
die entschiedene Zurückweisung veranlafst sie
ihn, in einen Brunnen zu steigen, und wirft
einen schweren Stein auf ihn, der ihn sofort
tötet ( Parthen . Erot. 14 nach Aristot. u. Alex.
Aetol., derAntheus einen Sohn des Königs von
Assesos und Liebling des Hermes nennt). —
6) Sohn des Nomion, Vater des Aigypios, der
im äufsersten Thessalien wohnte (Anton. Lib.
5). Er ist wahrscheinlich identisch mit dem
bei Leon. Tar. 94 (Jacobs Anth. Gr. 1, 245)
erwähnten Antheus, der nach glücklich über-
standener Seefahrt am Peneios in Thessalien
ums Leben kam. — 7) Hyg. f. 157 in der Auf-
zählung der Söhne des Poseidon ist statt An-
theus ex Astyphile nach Paus. 7,4,1 und
Apollod. 2, 7, 1 zu lesen Ancaeus ex Astypa-
laea. [Schirmer.]
Anthippe (’Av&rmiri), 1) Tochter des Thes-
pios, mit welcher Herakles den Hippodromos
'zeugte: Apollod. 2, 7, 8. — 2) Eine Chaone-
rin, Geliebte eines vornehmen Jünglings, welche
jvon Kichyros , dem Sohne des chaonischen
[Königs bei einer Pantherjagd unversehens ver-
wundet wurde, worüber Kichyros so erschrak,
dafs er besinnungslos vom Pferde fiel und starb.
Die Chaoner erbauten sodann ihm zu Ehren
die Stadt Kichyros. Parthen. Narr. amat. 32.
[Roscher.]
Anthippos ("Av&ii. z7iog), Vater der Hippe, der
Gemahlin des Elatos und Mutter des Argo-
nauten Polyphemos (Hyg. f. 14, wo die Hand-
schrift hippea antippi bieten. [Schirmer.]
Antlios (’ 'Av&og ), 1) Sohn des Autonoos und
der Hippoclameia, der von seines Vaters Pfer-
den zerrissen und in einen Vogel verwandelt
wurde, welcher, das Geschrei der Pferde nach-
ihmend , beständig vor ihnen flieht , Anton.
Lib. 7. Plin. N. H. 10, 42. — 2) Bruder des
Hyperes aus Anthedon (s. Anthas), als unmün-
diges Kind abhanden gekommen, von seinem
Bruder gesucht und zu Pherä bei Akastos
wiedergefunden, dessen Sklave und Mundschenk
}r geworden, Plut. Quaest. graec. 19. — Anthos,
Anthas, Anthes, Antheus ist trotz der ver-
schiedenen - Endungen immer derselbe Name
v7on derselben Grundbedeutung, der an verschie-
Antigone 370
denen Orten auftaucht. Er bedeutet ursprüng-
lich das Blumenkind, wie Hylas das Waldkind,
und ist ein schöner Knabe oder Jüngling, der,
die aufsprossende und schnell vergehende Vege-
tation personificirend, mit so vielen andern ver-
wandten Knaben und Jünglingen der Sage
(Hylas, Hyakinthos, Abderos) dasselbe Los hat,
früh auf gewaltsame Weise den Tod findet,
verschwindet und gesucht und betrauert wird.
Dafs er sich in mehrere Personen zersplittert
hat, hier als König, dort als Sänger auftritt,
hat er mit andern ähnlichen Wesen gemein
(Linos, Orpheus, Adrastos u. a.). Sein Name
wird zur Benennung von Städten verwandt,
wie der des Kyzikos, Abderos u. a. Vergl.
Welcher, Gr. Trag. 3. S. 995 f. [Stoll.]
Antlirakia (’Av&Quru'cc), eine arkadische Nym-
phe, die der Bedeutung ihres Namens gemäfs
(vgl. LI. 9, 213. Hom. h. in Merc. 140. 238.
Hes. s. v. dvQ-Quruov) eine Fackel tragend ab-
gebildet war (Paus. 8, 31, 4. 47, 3).
[Schirmer.]
Antliylla ('Av&vllu) , Zuschauerin bei der
Erlegung des Minotauros auf einer schwarz-
figurigen Vase in München: C. L. Gr. 8139.
[Roscher.]
Antiades (’Avziädr;g), Sohn des Herakles und
der Aglaia, der Tochter des Thespios: Apol-
lod. 2,7,8. [Roscher.]
Antianeira (’Avzkxvsiqcc), 1) Tochter des Me-
netos, von Hermes Mutter der Argonauten Ery-
tos und Echion (Apoll. Rh. 1, 51 ff. LLyg. f.
14. 160. Vgl. Find. Pyth. 4, 316 B). — 2) Toch-
ter des Aioliden Pheres, die dem Apollo am
thessalischen Flusse Amphrysos den Argonau-
ten Idmon gebar (Orph. Argon. 188 ff.). Da
dieser a. a. 0. natg vo&og des Abas heifst
(vgl. Apoll. Rh. 1, 142), so wird Antianeira mit
diesem, dem Sohne des ihr stammverwandten
Aioliden Melampus (s. Abas 10), vermählt gewe-
sen sein. Nach Plierekyd. b. Schol. Apoll. Rh.
1, 139 war die Mutter des Idmon Asteria, die
Tochter des Koronos. — 3) Amazonenführerin,
nach ihrer die Männer beschämenden Tapfer-
keit benannt (Pott in Kuhns Z. 8, 426); sie fiel
nach Penthesileia mit andern Amazonen durch
das Schwert der von Achilleus geführten Grie-
chen (Tzetz. Posthorn. 176). Plutarcli (Proverb.
15) und Eustathios (p. 403, 9) legen einer Ama-
zone dieses Namens das Sprichwort uqiotcc %(n-
Xbg olqxU in den Mund. [Schirmer.] — The-
seus’ Gegnerin auf einer Vase aus Cumä. Fio-
relli Racc. Cum. tav. 8. [Klügmann.]
Antias (AvzCag), Zuschauer bei der Erlegung
des Minotauros auf einer Vase (s. Anthylla),
C. L. Gr. 8139. Vgl. Anteias. [Roscher.]
Antibrote (’Arzißgozy), Amazone, Gefährtin
Penthesileias, Q. Smyrn. 1, 45. 532.
[Klügmann.]
Anties (’Avn'rjs), Satyr auf einer schwarzfig.
Vase in Leyden: C. L. Gr. 7459. [Roscher.]
Antigone (Avzryövri), 1) Tochter des Oidi-
pus, Schwester der Ismene, des Polyneikes und
Eteokles. Nach der böotischen Landessage
und dem alten Epos sind diese vier Kinder
nicht mit Epikaste oder lokaste, der Mutter
und Gemahlin des Oidipus, gezeugt, sondern
mit Euryganeia, der Tochter des Phlegyerkönigs
io
20
30
40
50
60
371 Antigone
Hyperphas (oder Periphas). Auch hei Homer
(Od. 11, 271 ff.) liegt diese Form der Sage zu
Grunde. Aus der Angabe des Homer, dafs die
Götter sofort die unnatürliche Ehe von Mutter
und Sohn den Menschen offenbar gemacht
hätten, folgert Paus. 9, 5, 5 mit Recht, dafs
Iokaste dem Oidipus die vier Kinder nicht
geboren haben könne. Die Mutter derselben
sei Euryganeia, die Tochter des Hyperphas;
und er beruft sich dabei auf die Oidipodeia l
des Kinaithon und den alten Maler Onasias,
der in dem Tempel der Hera zu Plataiai den
Feldzug der Sieben gegen Theben dargestellt
hatte (Paus. 9, 4, 1). Hier sah Euryganeia
betrübt dem Zweikampf ihrer Söhne zu. Oidi-
pus hatte also, nachdem Iokaste sich erhängt
und er selbst sich geblendet, als König von
Theben mit Euryganeia eine zweite Ehe ge-
schlossen, aus der ihm die genannten Kinder
entsprossen; vgl. Schol. Eurip. Phoen. 13 u. 2
17G0 (wo Eurygane). Apollod. 3, 5, 8.
Pherelcydes bei Schol. Eurip. Phoen. 53
( Müller , fr. hist. gr. 1 p. 85 fr. 48) giebt dem
Oidipus sogar drei Frauen hinter einander : Io-
kaste gebar ihm den Phrastor und Laonytos (?),
welche im Kriege gegen die Minyer umkamen;
die zweite war Euryganeia, welche nach dem
Scholiasten von manchen für eine Schwester
der Iokaste gehalten wurde , die Mutter der
Antigone und Ismene, des Eteokles und Poly- 3
neikes, und nach deren Tode heiratete er Asty-
medusa, die Tochter des Sthenelos. Schneide-
win, die Sage v. Oedipus. Welcher, ep. Cyld.
2, 313 f. Preller , gr. Mytli. 2, 344. Erst die
Tragiker haben, um das Grausenhafte in dem
Geschicke des Oidipus zu erhöhen, die Mutter
desselben, Iokaste, auch zugleich zur Mutter
seiner Kinder gemacht, und dies ist für die
Folge die herrschende Sage gehlieben. Auch
die Sagen von der heldenmütigen Liebe, mit 4
welcher Antigone ihren im Elende herumwan-
dernden Vater begleitet und ihren dem Grabe
vorenthaltenen Bruder Polyneikes bestattet,
sind erst von den attischen Tragikern ge-
dichtet. Das alte Epos weifs nichts von einem
in der Fremde wandernden und in der Ver-
bannung sterbenden Oidipus, Schneidewin a.
a. 0. S. 11. Einl. zu Soph. Oed. Col. S. 3. In
Sophokles Oed. Col. begleitet Antigone, hoch-
herzig allen Entsagungen und Gefahren trotzend, 5
den greisen blinden Vater, eine Bettlerin den
Bettler, in seiner Verbannung bis auf den at-
tischen Kolonos, wo der Vater den ersehnten
Tod findet, und begiebt sich dann wieder mit
der gleichfalls dorthin von Theben gekom-
menen Ismene nach Theben zurück , um wo-
möglich die einander bekriegenden Brüder zu
versöhnen (vgl. Eurip. Phoen. 1679 ff. Apollod.
3, 5, 9. Hyg. f. 67 extr.) — Nach Aeschyl. Sept.
c. Th. 861 ff. 1005 ff. bestattet Antigone mit 6i
ihrer Schwester und thebanischen Jungfrauen
die beiden vor Theben im Zweikampf gefal-
lenen Brüder, obgleich die Ältesten der Stadt
den Befehl gegeben hatten, nur den Eteokles,
der die Stadt verteidigt hatte, ehrenvoll zu
begraben , den Polyneikes aber , der fremdes
Kriegs volk gegen die Vaterstadt geführt, den
Raubvögeln preiszugeben. Hieran schliefst sich
Antigone 372
Sophokles in seiner Antigone an, doch so, dafs
Antigone die Bestattung des Polyneikes gegen
das Verbot des Kreon, der nach dem Tode der
Söhne des Oidipus als nächster Verwandter
die Regierung übernommen hat, allein auf sich
nimmt und ausführt als eine heilige Familien-
pflicht, welche kein Gesetz einer willkürlichen
Staatsgewalt verhindern darf. Sie wird füi
ihre heroische That von Kreon verurteilt, in
dem Grabgewölbe der Labdakiden lebendig
begraben zu werden ( Apollod . 3, 7, 1). Sie
erhängt sich in der Gruft, und Haitnon, Kreons
Sohn, welchem die Jungfrau verlobt ist, er-
sticht sich vor ihrer Leiche , nachdem er in
einer Anwandlung verzweifelnden Zornes ge-
gen den Vater, der ihn zu beruhigen und von
der Leiche abzuziehen versucht, das Schwer!
gezogen hat. Auch die Gemahlin des Kreor
giebt sich den Tod unter Flüchen gegen
den Gemahl, der sie des einzigen Sohnes be j
raubt hat. So wird Kreon, der hartherzig ii
einseitiger Aufrechterhaltung seiner Herrscher
gewalt die heiligen Rechte der Familie ge
kränkt hat, in der eigenen Familie schwer be l
straft und erkennt, dafs menschliche Satzung
nicht streiten soll wider die ewigen ungeschrie j
benen Gesetze der Götter. Auch am Ende de:!
Phoinissen des Euripidcs erklärt Antigone den
Kreon, dafs sie die Leiche des Polyneikes ge1
gen sein Verbot bestatten werde. Die verlo
ren gegangene Tragödie Antigone von Euri
pides, von der nur weniges erhalten ist ( Naue ,
trag. gr. fragm. p. 322 ff.), scheint im ganze;
mit dem Inhalt der sopliokleischen Antigon
übereinzustimmen, nur dafs die Tragödie eine;
heiteren Schlufs hatte, indem Kreon, der die mi
Haimon bei der Bestattung des Polyneikes ei
griffene Antigone bestrafen wollte, durch di
Dazwischenkunft des Dionysos dahin gebrach
wurde , sie dem Haimon zur Frau zu geber
Sie gebar ihm den Maion. Aristoph. Arguii
Soph. Antig. u. Schol. Soph.. Ant. 1350. Schnei
elewin, Einleit. z. Soph. Antig. S. 29. Prelle)
Gr. Myth. 2, 364. Anders suchte diese Tra
gödie nach Hyg. f. 72 zu konstruiren Welcher
gr. Trag. 2 SÄ563-72. 3 S. 1588 f. Der Ir
halt von Hyg. f. 72 ist wohl einem spätere
Tragiker entnommen. Nachdem Kreon de
Befehl gegeben hatte, die Leiche des Polyne
kes unbestattet zu lassen, hoben Antigone un
Argeia, die Gemahlin des Polyneikes, heimlic
in der Nacht dessen Leiche auf und legte
sie auf denselben Scheiterhaufen, auf welchei
die Leiche des Eteokles verbrannt wurde. A
sie von den Wächtern ergriffen wurden, ent
floh Argeia; Antigone ^ aber wurde zu Kreo
geführt und von diesem seinem Sohne Ha
mon übergeben, dafs er sie töte. Haimon, dc!|
die Antigone liebte, gehorchte nicht, sondei
brachte die Jungfrau auf das Land zu Hirte
und lebte mit ihr in heimlicher Ehe. Als eiji
Sohn aus dieser Ehe erwachsen war, kam <
nach Theben, um sich an der Feier von Le
clienspielen (vielleicht des Ampliitryon) zu bi
teiligen, und wurde an dem Zeichen des Dr;
eben, welches alle Nachkommen der theban
sehen Sparten als angebornes Adelszeichen a:
Leibe trugen, von Kreon erkannt. Herakh
373 Antigone
bittet umsonst den Kreon um Verzeihung für
Haimon und Antigone; deshalb tötet Haimon
sich und seine unglückliche Gattin. Kreon
aber gab, nachdem der letzte Sprofs des Spar-
tengeschlechtes (denn den Enkel betrachtet er
als Bastard) zu Grunde gegangen, seine Toch-
ter Megara dem Herakles zur Frau, damit er
ein neues Geschlecht begründe. Diese spätere
Form der Sage scheint zwei Vasenbildern zu
Grunde zu liegen , deren eines die Hauptper-
sonen: Haimon, Antigone, Herakles, Kreon,
Isinene durch Inschriften bezeichnet, Ileyde-
mann, über eine nacheuripideische Antigone,
Berlin 1868 u. Arcli. Ztg. 1870, 108 ft'. Die Be-
stattung des Polyneikes durch Antigone auf
einem Gemälde, Thilostr. Im. 2, 29. Eine
Parodie dieser That auf einem Vasengemälde
bei Gerhard , Antike Bildiv. Tf. 73. Wieseler,
Theatergebäude etc. Tf. 9 No. 7 S. 55 ff. Welcher,
A. Denkm. 3 S. 504 ff. Tf. 35, 1. Overbeck,
Gallerie her. Bildiv. 1. S. 143 (die Deutung
ist indes nicht sicher). Bei Theben gab es
einen Platz ZvQpu ’Avziyovyg ; dort soll
Antigone die Leiche des Polyneikes zu dem
brennenden Scheiterhaufen des Eteokles ge-
schleppt und auf denselben gelegt haben, Paus.
9, 25, 2. — Das bräutliche Verhältnis des Hai-
mon und der Antigone ist eine Dichtung des
Sophokles, auf welche Euripides in seinen
Phoinissen (v. 756. 1635 ff’.) Rücksicht nimmt,
indem er dichtet, dafs Kreon gemäfs dem Auf-
trag des Eteokles die Antigone seinem Sohne
Haimon vermählen will, was jedoch Antigone
zurück weist, da sie ihren Vater in die Ver-
bannung zu begleiten entschlossen ist. Nach
der älteren Sage vor Sophokles ist Haimon,
der schönste Jüngling in Theben , durch die
Sphinx, die er bekämpfen wollte, umgekom-
men, Kinaithon in der Oidipodeia und Pseu-
do-Pisander bei Schol. Eurip. Phoen. 1760.
Vgl. 45. Apollod. 3, 5, 8. Damit stimmt II.
4, 394, wo Maion , der Sohn des Haimon, ein
Führer des dem Tydeus von den Thebanern
gelegten Hinterhaltes heifst, Stoll Ares 21. —
Nach einem Dithyrambos des Ion von Cliios,
eines Zeitgenossen des Sophokles , lebten An-
tigone und Ismene noch zur Zeit des Epigo-
nenkrieges; beide Schwestern sollten von Lao-
damas , dem Sohne des Eteokles , im Tempel
der Hera entehrt worden sein (■x.urcenQoiG&rivcn,
richtiger nazaTtgoi^rivcu , doch lesen dafür
andre Y.azoinQriGQ'rjvea) , Aristoplianes' Argum.
Soph.Antig. Preller, Gr. Myth. 2,363, 2. — Bild-
licher D ar Stellungen aus der Geschichte der
Antigone giebt es wenige, s. Hirzel , Arcli. Ztg.
1862, Lief. 59. Heydemann, über eine nacheuri-
pideische Antigone S. 1 5 f. Overbeck , Gallerie
1 S. 70 ff. — 2) Tochter des Eurytion (Eury-
tos, Tzetz.) in Phthia, Enkelin des Myrmido-
nenherrschers Aktor , mit dem nach Phthia
geflüchteten Peleus vermählt, dem sie die Poly-
dora gebar. Als darauf Peleus , der mit sei-
nem Schwiegervater zur kalydonischen Jagd
gezogen war , diesen durch einen unglück-
lichen Lanzenwurf tötete, floh er nach lolkos
zu Akastos, der ihn von dem Morde reinigte.
Hier verliebte sich des Akastos Gemahlin
Astydameia in ihn , und da er ihr nicht zu
Antiklos 374
willen war, so meldete sie, um sich zu rächen,
seiner Gemahlin nach Phthia, dafs Peleus des
Akastos Tochter Sterope heiraten wolle, wor-
auf Antigone sich erhängte. Apollod. 3 , 13,
1 — 3. Pherekydes b. Tzetz. L. 175 p. 444 Müll.
( O . Müller , fr. hist. gr. I p. 73. fr. 16). Schol.
II. 16, 175. — 8) Tochter des Laomedon,
Schwester des Priamos. Da sie sich der Hera
gegenüber mit ihrem schönen langen Haare
brüstete, verwandelte diese ihre Haare in
Schlangen; die Götter aber erbarmten sich
ihrer und verwandelten sie selbst in einen Storch,
der den Schlangen feind ist. Serv. V. Georg.
2, 320. Vgl. Aen. 1, 27. Ov. Met. 6, 93. —
4) Tochter des Pheres, von Pyremos Mutter
des Argonauten Asterion, Hyg. f. 14. Der
Vater des Argonauten Asterion heifst Kome-
tes bei Ap. Bh. 1, 35. Orph. Arg. 161. Val.
Fl. 1, 355. Paus. 5, 17, 4. [Stoll.]
Antikleia (’AvzUXsia), 1) Tochter des Auto-
lykos, Gemahlin des Laertes, Mutter des Odys-
seus ( Od . 11, 85. Paus. 10, 29, 8. Hyg. f. 97.
Istros b. Plut. Qu. Gr. 43), den sie nach Silen.
b. Schol, Od. 1, 75 bei dem Berge Neriton auf
Ithaka, von einem Regenschauer überrascht,
gebar (daher die Etymologie STtsiSy nar « zyv
bdov vgsv o Zeig), und der Ktimene (Od. 15,
363). Odysseus sprach mit ihr bei seinem Be-
suche im Hades (Od. 11, 152 ff. Hyg. f. 125).
Sie war aus Schmerz über die lange Abwesen-
heit des Sohnes gestorben (Od. 11, 202f. 15,
358). Hyg. f. 243 erzählt von Selbstmord, der
von Homer (Od. 16, 356 f.) nur leise angedeutet
wird. Antikleia war eine Freundin der Jagd
(Od. 11, 172 f. 198f.) und deshalb ein Lieb-
ling der Artemis (Callim. Hymn. in Dian. 211).
Die von Plutarch (a. a. O.) erwähnte Tradition,
dafs Antikleia von Sisyphos Mutter des Odys-
seus war, giebt Hyg. f. 201 : Der schlaue Äu-
tolykos hatte dem Sisyphos Vieh gestohlen;
als dieser, um das entwendete Gut wiederzuer-
halten, bei Autolykos verweilte, ergab sich ihm
dessen Tochter Antikleia, die, später dem Laer-
tes vermählt, den Odysseus gebar. Es liegt
dieser Sage der Versuch zu Grunde, den ver-
schlagenen Odysseus von dem v. igdiczog <xv-
Sqüv abstammen zu lassen (vgl. Soph. Aias
190 u Aesch. b. Schol. z. d. St. Philokt. 417.
448 f. 625. 1311. Eurip. Kyll. 104. Iph. Aul,
524. Suid. s. v. ZTcvcpog. Ov. Biet. 13, 31f.
Serv. Verg. Aen. 6 , 529). — 2) Mutter des
Keulenträgers Periphates, den sie nach Apol-
lod. 3, 16, 1. Paus. 2, 1, 4. Hyg. f. 158 dem
Hephaistos, nach Hyg. f. 38, wenn die Lesart
Corynetem Neptuni filium richtig ist, dem Po-
seidon gebar. Vielleicht ist sie mit No. 1
identisch. — • 3) Tochter des Diokles, des Kö-
nigs von Pherai, Schwester des Krethon und
Ortilochos, die dem Machaon, dem Sohne des
Asklepios, den Nikomachos und Gorgasos ge-
bar (Paus. 4, 30, 3). [Schirmer.]
Antiklos ('AvziuXog), ein Grieche im troja-
nischen Pferde. Als Helena mit De'iphobos,
der nach der späteren Sage ihr Gatte war,
dasselbe betrachtete und die darin versteckten
Haupthelden der Griechen, die Stimmen ihrer
Gattinnen nachahmend, bei ihren Namen rief,
wollte Antiklos antworten, Odysseus aber hielt
io
20
30
40
50
60
375
Antilochos
376
Antikyreus
ihm den Mund zu, bis Athene die Helena weg-
geführt hatte, und rettete so die Helden von
der in der Anwesenheit des Deiphobos beste-
henden Gefahr (Od. 4, 271 ff. Qu. Smyrn. 12,
317. Vgl. Nitzsch , Anrn. z. Od. 1, p. 259 f.
Welcher, Ep. Cylcl. 2, 255 ff.). Die Geschichte
wurde nach Schol. Od. 4, 285 in einem kykli-
schen Epos, wahrscheinlich in der Thag iuhqü
des Lesches, ausführlich behandelt. (Vergl.
Welcher a. a. 0. 244 f.). Nach Tryphiodor, der v
v. 454 ff. nach Lesches erzählt, erstickte Anti-
klos unter den Händen des Odysseus (vgl.
Tzetz. Posthorn. 647). [Schirmer.]
Antikyreus (’Avriv.vQsvg), Eponymos vonAn-
tilcyra und Zeitgenosse des Herakles, welchen
er , als er raste , mit Nieswurz geheilt ha-
ben sollte: Steph. Byz. s. v. ’Avti-hvqk. Paus.
10, 26, 5. [Roscher.]
Antileon ( ’Avtilscov ), der eine der Zwillings-
söhne, welche Prokris, die älteste von den 2
Töchtern des Thespios, dem Herakles gebar.
( Apollod . 2, 7, 8). [Schirmer.]
Antilochos (’AvTilo%og), Sohn des Nestor von
Pylos und der Anaxibia (nach Od. 3, 452 der
Eurydike), Bruder der Peisidike, Poly käste,
des Perseus, Stratichos, Aretos, Echephron,
Peisistratos, Thrasymedes ( Apollod . 1, 9, 9.
Diel. Gret. 1, 13), neben welchem er der äl-
teste der Nestoriden war (Paus. 4, 31, 11),
Vater des Paion (Poms. 2, 18, 8). Nach Hyg. f. 3
252 wurde er als Kind auf dem Ida ausgesetzt
und von einer Hündin ernährt, nach Xenoph.
Venat. 1, 2 von Cheiron unterrichtet. Er ge-
hörte zu den Freiern der Helena (Apollod. 3,
10, 8. Dio Clirys. 11 p. 327 R. Iiyg. f. 81)
und zog dann (nach Hyg. f. 97 mit 20 Schiffen)
gegen Troja mit seinem Bruder Thrasymedes
und seinem Vater, der, durch ein Orakgl vor
einem Athiopen gewarnt, ihm den Chalkon als
Schildknappen zugesellte. (Ashlepiades b. Eust. i
Hom. p. 1697, 54. Ptolem. Nov. Hist. 1 ed.
Westermann p. 184). Nach einer anderen Er-
zählung kam er im 5. Jahre der Belagerung
vor Troja an ohne Wissen des Vaters und er-
bat sich aus Furcht vor dessen Unwillen die
Fürsprache des Achilleus. Dieser bewunderte
den schönen Jüngling, Nestor führte ihn stolz
zu Agamemnon (Philostr. Her. 3 , 2). Er ge-
hört zu den Lieblingshelden Homers , der ihn
als jugendkräftigen Läufer und Kämpfer rühmt 5
(II. 15, 569 ff. Od. 3, lllf. 4, 202) und Wun-
der der Tapferkeit verrichten läfst (II. 4, 457 ff.
5, 565 ff. 580 ff. 6, 32. 13, 396 ff. 418 ff. 545 ff'.
14, 513. 15, 575ff. 16, 317 ff., womit jedoch
Hyg.f. 114 nicht übereinstimmt), sogar unter per-
sönlicher Teilnahme des Poseidon (13, 93. 554 ff.).
Dieser und Zeus unterwiesen ihren Liebling in
der Kunst , Rosse zu lenken (II. 23 , 306 ff.).
Tzetz. PostJi. 262 ff. wird neben seinen kriege-
rischen Eigenschaften (vgl. Dio Clirys. 11, 6
353 R.) seine jugendliche Schönheit (vgl. An-
tehom. 226. Koluth. Iiapt. Hel. 264. Eust. u.
Pliilostr. a. a. 0.) und seine Klugheit hervorge-
hoben (vgl. Aus. Epit. 7). Den durch solche
Vorzüge ausgezeichneten Helden liebt Achilleus
(s. d.) nächst Patroklos am meisten (II. 23, 556.
Od. 24, 78 f. Tzetz. Posth. 263. Anonym. Symm.
3 ed. Westerrn. p. 345). Wegen dieser Freund-
schaft uud zugleich wegen seiner Schnellfüfsig-
keit wird er von Menelaos auf Wunsch des
Aias dazu bestimmt, den Tod des Patroklos
dem Achilleus zu melden (II. 17, 652 ff. 681 ff.
Ael. H. A. 1, 42); mit ihm zusammen beweint
er den Freund (II. 18, 32 ff). Er trägt sodann
mit anderen auserlesenen Helden die von Aga-
memnon für Achilleus gelobten Geschenke in
die Volksversammlung (II. 19, 238 ff.). Bei
den zu Ehren des Patroklos veranstalteten
Leichenspielen erringt er im Wagenrennen mit
Hilfe seiner vortrefflichen Rosse und einer
List den zweiten Preis, obwohl er ihm Anfangs
streitig gemacht wird (II. 23, 301 ff 354. 402ff.
514 ff. 612); im Wettlauf mit Odysseus und
Aias wird er besiegt, dennoch erhält er von
Achilleus ein halbes Talent Gold neben dem
ausgesetzten letzten Preise. (II. 23, 755 ff.
785 ff). Nach Dict. Cret. 3, 19 siegte.er auch
mit dem Diskos. Er fiel durch den Athiopen
Memnon, den Sohn der Eos (OP 3, 111. 4, 188.
Eust. a. a. 0. Tzetz. Posth. 260. Dict. Cret. \
4, 6. Hyg. f. 112), dem er nach Dio Clirys.
11 p. 352 R. eine tödliche Wunde beibrachte,
nach Hyg. f. 113 durch Hektor (vgl. Ov. Her.
1, 15). Nach Find. P. 6, 28 ff. rief Nestor,
als Paris das eine seiner Rosse getötet hatte
und Memnon ihn bedrängte, den Sohn zu Hilfe.
Dieser fing mit seinem Leibe den Speer des
Feindes auf und rettete so das Leben des j
Vaters. Wegen dieser aufopfernden Liebe er-
hielt er den Beinamen cpdonduog (Xenopli.
Ven. 1, 14) und wurde als Muster kindlicher
Pietät nach dem Vorgänge der Aithiopis des
Arktinos (Prolcl. Chrest. ß. Welcher, ep. Cylcl. ' t
2, 173 f. 521. Boeclcli, explic. ad Find. p. 299)
im Altertume hoch gefeiert (Arist. Pepl. 11
(15). Dio Clirys. a. a. 0. Pliilostr. Im. 2, 7. Her. j
3, 2. Auson. a. a. 0.). Die Trauer des Vaters j |
(S021I1. Phil. 424 f. Trypliiod. 18. Tzetz. Posth.
281. Hör. Od. 2,9, 13 f.) teilte das ganze Heer !
(Philostr. Im. 2, 7. Quint. Smyrn. 2, 633. 3, 516f. !
5, 604 f. ), besonders aber Achilleus (s. d.), den
der Tod des Freundes zur äufsersten Wut ge-
gen die Troer und gegen Memnon reizte (Qu.
Smyrn. 3, 10 ff. Prolcl. Clirest. ß.). Nach Dares >
Pliryg. 34 fiel Antilochos durch die Hand des
Paris zugleich mit Achilleus, als dieser sich
durch das Versprechen der auf Rache sinnen-
den Hekabe, ihm ihre Tochter Polyxena zum
Weibe zu geben, in den von Feinden besetzten
Tempel des Apollon zu Thymbra hatte locken
lassen. Die Asche beider Helden ruhte, wie
Achilleus es gewünscht hatte, zusammen mit
der des Patroklos in einem Kruge, der ein
Werk des Hephaistos und ein Geschenk des
Dionysos an Thetis war (Od. 24, 72 ff. Tzetz.
Lylcophr. 273); dieser wurde in dem berühm-
ten Grabhügel am Gestade des Hellespontos
beigesetzt, wo die Bewohner von Ilion noch
zur Zeit Strabons den drei Freunden und dem
Aias Toten opfer darbrachten (Tzetz. Posth. 465.
Strab. 13 p. 596). Diese vier Helden zusam-
men sah auch Odysseus iu der Unterwelt (Od.
11, 467 ff 24, 15 ff.). Nach Paus. 3, 19, 3
verweilten sie als verklärte Heroen auf der
Insel Leuke an der Mündung des Istros, wohin
schon nach der Aithiopis (Prolcl. Clirest. ß.)
377
Antilochos
Antimachos
378
Thetis den Leichnam ihres Sohnes aus dem
brennenden Scheiterhaufen brachte (vgl. Preller,
gr. Myth. 2, 438, s. oben S. 53). Die Klage des
Achilleus und der Griechen um den gefallenen
Antilochos war dargestellt auf dem bei Philostr.
2, 7 beschriebenen Gemälde (vgl. Overb. Gail.
p. 531). Antilochos in der Unterwelt neben
Achilleus und Patroklos in der Nekyia des
Polygnot in der Lesche zu Delphi {Paus. 10,
30, 3) und als Herrscher von Messenien neben
Nestor und Thrasymedes auf einem Gemälde
des Omphalion , eines Schülers des Nikias
{Paus. 4, 31, 11). Die erhaltenen Darstellungen
beziehen sich auf sein Verhältnis zu Achilleus.
So auf der den Auszug zum Kampfe darstellen-
den Vase des Epigenes ( Ann . d. inst. 1850.
tav. d'agg. H. /.), auf der Abbildung der Aus-
lieferung der Leiche des Hektor {Overbeck
Gail. T. 20. n. 4, wo Amphilochos statt Anti-
lochos steht. Vgl. p. 473 u. 515 ff.) und auf
einer Vase von Volci, wo der Kampf um die
Leiche des Patroklos und die Überbringung
der Trauerbotschaft durch Antilochos und Phoi-
nix, welche Iris begleitet, dargestellt ist. {Miiller-
Wieseler 1, Taf. 44 n. 207. Overb. Gail. Taf. 18.
n. 2 u. p. 428). Sein Tod ist dargestellt auf
einem etruskischen Urnenrelief {Millin, Gal.
der Admete (s. d. u. vgl. Apollod. 3, 9, 2. 2,
5, 9). Auf dem Relief der Villa Albani {Zoiiga
tab. 70) heilst die Gattin des Eurystheus wie
ihre Tochter, die Herapriesterin, ’Adpaztx. (Vgl.
Heyne, ad Apollod. 2, 5, 9.) [Schirmer.]
Äntimaclios {’Avzificexog), 1) Sohn des Hera-
kles und der Nikippe, einer von den 50 Töch-
tern des Thespios {Apollod. 2, 7, 8). Pherekyd.
b. Schol. Find. Isthm. 3, 104 (P>.) macht ihn,
wie den Sohn der De'ianeira Glenos {Apollod.
2, 7, 8) und deren Bruder Klymenos {Apollod.
1, 8, 1), neben Therimachos und Ivreontiades
(vgl. Apollod. 2, 4, 11) zu einem Sohne der
Megara und erzählt, dafs er mit seinen Brü-
dern von Herakles ins Feuer geworfen worden
sei. — 2) Sohn des Pyles , Bruder des von
Herakles getöteten Kyathos, der nach Paus.
2, 13, 8 ein Sohn des Oineus war {Athen. 9,
411 Ä.). — 3) Sohn des Thrasyanor, Vater
des Deiphontes, des Schwiegersohnes des Te-
menos {Paus. 2, 19, 1. Nicol. Hamasc. fr. 38
Müller ), und des Amphianax {Paus. 3, 25, 10).
— 4) Einer der Söhne des Aigyptos(s. d.), von der
Danaide Idea (Idaia, Midea?) getötet {Hyg. f.
170). Das Paar ist Apollod. 2, 1, 5 nicht er-
wähnt. — 5) Ein Kentaur, mit vier anderen
von dem Lapithen Kaineus auf der Hochzeit
Antiloclios auf Nestors Wagen gehoben, Relief e. etrusk. Aschenkiste (vgl. Overbeck, Bildio. z. theb.
u. tro. Heldenkr. S. 530 f.)
myth. pl. 163 n. 596. Overb. Gail. Taf. 22 n.
12 u. p. 530) und vielleicht auf der tyrrheni-
schen Amphora bei Gerhard A. V. Taf. 208.
(Vgl. Taf. 205 u. 220). [Vgl. auch C. I. Gr.
6125. 6126. 3128. 7691. 8158. 8200. 8407. 8409.
R.] [Schirmer.]
Antimache (’Avzigäxrf), Tochter des Am-
phidamas, eines Sohnes des Lykurgos und
der Kleophile oder Eurynome , Schwester des
Melanion, Gemahlin des Eurystheus, Mutter
des Peirithoos getötet {Ov. Met. 12, 460). —
60 0) Ein Troer, der, durch das Gold des Paris
bestochen, die Zurückgabe der Helena wider-
raten {II. 11, 123 ff.) und den mit Odysseus zu
jenem Zwecke nach Troja geschickten Mene-
laos zu töten befohlen hatte, weshalb seine
Söhne Peisandros und Hippolochos mitleids-
los von Agamemnon getötet wurden {II. 11,
138 ff. Vgl. Tzetz. Antehom. 158 ff. Ad. Nat.
An. 14,8). Ein anderer Sohn des Antimachos,
AntinoS
379
Hippomachos, wurde von Leonteus getötet (11.
12, 188 f.). Nach Biet. Cret. 4, 21 wurden die
Söhne des Antimachos von Aias und Diomedes
ergriffen und von den über die That des Vaters
entrüsteten Griechen gesteinigt; Antimachos
seihst wurde wegen seines für die Troer ver-
hängnisvollen Rates aus ganz Phrygien ver-
bannt (5, 4). Quint. Smyrn. nennt als Tochter
des Antimachos die kampfesmutige Tisiphone,
die Gattin des Meneptolemos, und erwähnt den
Brand seines Hauses (1, 405. 13, 433). — 7)
Ein Grieche im trojanischen Pferde (Quint.
Smyrn. 12, 323). — 8) Ein Kreter im Gefolge
des Idomeneus, mit Pheres von Aineias getötet
(Quint. Smyrn. 6, 622 1). — [9) Teilnehmer an
der kalydonischen Eberjagd und am Kentau-
renkampfe: C. 1. Gr. 8185 a u. c. Roscher.]
[Schirmer.]
Antinoe (’Avzivorj), 1) Tochter des Kepheus,
die auf Geheifs des Orakels einer Schlange
folgend die Mantineer aus der alten Stadt
führte und die neue Ansiedelung am Fliifschen
Ophis veranlafste, wo ein Denkmal ihr An-
denken ehrte (Paus. 8, 8, 4. u. 9, 5). — 2)
Tochter des Pelias, die mit ihrer Schwester
Asteropeia nach der von Medeia unter falscher
Vorspiegelung angeratenen Zerstückelung des
Vaters nach Arkadien floh; in der Nähe von
Mantineia wurden ihre Grabmäler gezeigt. Die
Namen dieser Töchter des Pelias überlieferte
der Maler Mikon (Paus. 8, 11, 3); sie werden
weder Apollod. 1, 9, 10 ff. noch Biod. 4, 51 ff.
erwähnt. (Vgl. Hyg. f. 24). — 8) Gemahlin
des Arkaderkönigs Lykurgos, Mutter des An-
kaios und Epochos (Schot. Apoll. liliod. 1, 164),
welche Apollod. 3, 9, 2 Eurynome oder Kleo-
phile heifst. [Schirmer.]
Antinoos (’Avzivoog), 1) Sohn des Eupeithes
aus Ithaka (Od. 1, 383. 4, 641 u. öfter), der
unverschämteste unter den Freiern, der nicht <
nur in frecher Weise zur Verheiratung der Pe-
nelope drängte (2, 113 ff'. 18, 288 f.), sondern
sogar dem Telemach nach dem Leben trach-
tete, um sich selbst die Herrschaft anzueignen
(4, 660 ff. 773 ff. 16, 363 ff. 418 ff. 20, 271 ff.
22, 52 f.). Er schmäht den Eumaios, weil er
den als Bettler auftretenden Odysseus in den
Palast geführt hat (17, 375 ff), wirft einen
Schemel nach diesem (17, 462 ff.) und reizt
ihn zum Faustkampfe mit Iros (18, 36 ff.). Als i
nach den vergeblichen Versuchen, den Bogen
des Eurytos zu spannen, Odysseus sich dazu
bereit erklärt, weist ihn Antinoos mit bitte-
rem Hohne ab (21, 288 ff.). Daher wendet
Odysseus gegen ihn zuerst das Geschofs; er
sinkt zusammen, als er im Begriff ist, aus dem
zweihenkeligen Weinkruge zu trinken, und
reifst im Fallen den Tisch mit den Speisen
und Getränken um (22, 8 ff. 24, 179. 424). Den
Versuch, seinen Sohn zu rächen, büfst Eupei- c
thes mit dem Leben (24, 426 ff. 522 ff.). — 2)
Der unter die Heroen versetzte Liebling des
Kaisers Hadrian gehört nicht in eine Mytho-
logie im strengeren Sinne. [Schirmer.]
Antioclies (Avzioxgg), statt des sonst nicht
vorkommenden Namens ist Apollod. 1, 8, 5
wohl ’Avzlo%og einzusetzen. S. Antiochos No. 2.
[Schirmer ]
Antiope 380
Antiochos ( ’AvzCoxog ), 1) Sohn des Herakles
und der Meda, der Tochter des von ihm be-
siegten Dryoperkönigs Phylas (Paus. 1, 5, 2.
10, 10, 1. Biod. 4, 37, 1), Vater des Phylas
(Paus. 2, 4, 3. Apollod. 2, 8, 3), Eponymos
der attischen Phyle Antiochis (Paus. 1, 5,
2). [Vgl. auch G. 1. Gr. 8185. Roscher.] —
2) Sohn des Melas , mit seinen Brüdern von
Tydeus wegen Empörung gegen dessen Vater
Oineus getötet. (Apollod. 1, 8, 5. Andere Les-
art ist ’Avzio%r\v). — 3) Sohn des Pterelaos,
des Sohnes des Taphios, Bruder des Chromios,
Tyrannos , Chersidamas, Mestor und Eueres.
Als Taphios mit den Söhnen des Pterelaos
gegen Elektryon von Mykene zog, um das
Reich seines mütterlichen Grofsvaters Mestor
zu erobern, kamen jene alle bis auf Eueres
um (Apollod. 2, 4, 5 f.). — 4) Einer der Söhne
des Aigyptos, von Itea ermordet (Hgg. f. 170).
Beide sind, ebenso wie Antimachos und Idea,
Apollod. 2, 1, 5 nicht erwähnt. [Schirmer.]
Antion (’Avziiav), Sohn des Lapithen Peri-
phas und der Astyagyia; er zeugte mit Peri-
mela, der Tochter des Amythaon, den Ixion,
der nach anderen ein Sohn des Peision oder
Plilegyas oder Ares war (Biod. 4, 69, 3. Aesch
b. Schot. Find. Pytli. 2, 39 (B.). Pherekydes
b. Schot. Ap. Rh. 3, 62). [Schirmer.]
Antiope (’Avziong), 1) Tochter des Flufs-!
io gottes Asopos (Od. 11, 260. Asios b. Paus. 2,
6, 4. Ap. Rli: 1, 735), nach den Tragikern und
Späteren Tochter des Thebaners Nykteus (Schot.
Od. 11, 260. Rust, ad Hom. p. 1682, 43) und
der Polyxo (Apollod. 3, 10, 1). Die Identität,
welche der Scholiast z. Apoll. Rh. 1, 735 be-
streitet, ergiebt sich aus Paus. 2, 6, 1. Ge-
boren wurde Antiope nach Hesiod in Hyria,
nach Euripides in Hysiai (Steph. Byz. s. v.
Ttdct und 'Tg ia. Apollod. 3, 5, 5), welche bei-
o den Namen nach einigen identisch waren (Strab.
9, 404). Ihre aufserordentliche Schönheit (Ap.
Rh. 4, 1090. Paus. 2, 6, 1. Prop. 1, 4, 5. Hyg.
f. 8) gewann ihr die Liebe des Zeus, der ihr
in Satyrgestalt nahte (Schot. Ap. Rh. 4, 1090.
Nonn. Panop. 31, 218. Ov. Met. 6, 110 f.). Sie
gebar ihm die Zwillinge Amphion (s. d.) und Ze-
thos (Od. 11, 262), nach Asios a. a. O. nur den
einen, den andern dem Epopeus von Sikyon.
Dieser hatte nach Paus. 2, 6, 2 ff. Antiope ge-
o raubt und sich mit ihr vermählt. In dem
Kampfe , der sich deshalb zwischen ihm und
den Thebanern entspinnt, wird sowohl er als
Nykteus verwundet. Letzterer wird nach The-
ben gebracht und tibergiebt dort sterbend die
für den minderjährigen Labdakos übernom-
mene Regierung seinem Bruder Lykos mit
dem Aufträge, Epopeus mit einem gröfseren
Heere zu bekriegen. Dieser aber ist unter- 1
dessen gestorben, und sein Nachfolger Lame-
) don liefert Antiope aus. Auf dem Wege nach
Theben gebiert sie bei Eleutherai die Zwillinge
(vgl. Paus. 1, 38, 9). Auch nach den Excerp-
ten des Proldos aus den Kyprien des Stasinos
(Chrest. 1), wo Antiope mit Verwechselung des
Vaters und seines Stellvertreters Tochter des
Lykos (nach der Emendation von Heyne) ge-
nannt wird, wird sie von Epopeus geschwächt
und deshalb Sikyon zerstört. Apollod. 3, 5, 5
1..
I.s:
I
j :
ww
38 1 Antiope
erzählt also: Antiope flieht, von Zeus schwanger,
vor den Drohungen ihres Vaters zu Epopeus.
Nachdem sich Nykteus in der Verzweiflung
über die Tochter selbst den Tod gegeben, er-
obert in seinem Aufträge Lykos Sikyon, tötet
dessen König und führt Antiope gefangen hin-
weg. Auf dem Wege nach Theben gebiert
sie in Eleutherai die beiden Knaben, die, von
ihr ausgesetzt, von einem Hirten aufgezogen
werden. Den Mifshandlungen, welche Antiope 1
von Lykos und seiner Gattin Dirke zu leiden
hat, entkommt sie auf wunderbare Weise; sie
gelangt nach dem Wohnsitze ihrer Söhne und
veranlafst sie zur Bestrafung ihrer Peiniger.
Die Verwandtschaft dieser Tradition mit der
epischen des Pausanias geht daraus hervor,
dafs hier wie dort Antiope nach ihrem Aufent-
halte in Sikyon die Zwillinge gebiert. Das-
selbe berichtet Nicol. Dam. fr. 14 ( Möller ),
der darin von Apollod. abweicht, dafs er An- 2
tiope beim Wasserschöpfen im Garten des Ly-
kos mit ihren vom Lande herbeigekommenen
Söhnen die Bestrafung ihrer Peiniger verab-
reden läfst. Die Fabel der Tragödie Antiope
des Euripides und Ennius (Pacuvius?) war
nach Hyg. f. 8 folgende: Antiope flieht, von
Zeus schwanger, aus Furcht vor der Strafe
des Vaters in den Ivithairon. Nachdem sie
! hier geboren und die Zwillinge ausgesetzt hat,
geht sie mit Epopeus, mit dem sie zufällig 3
zusammentrifft, nach Sikyon und wird dessen
Gattin. Epopeus aber wird von Lykos im
Aufträge des Nykteus, der vor Gram über die
Tochter gestorben ist, getötet und Antiope
gefangen nach Theben geführt. Hier hat sie
von Dirke, der Gattin des Lykos, schwere
Qualen zu erleiden, bis sich eine Gelegenheit
zur Flnclit bietet. Sie gelangt zu ihren Söh-
nen, wird aber von Zethos, der sie für eine Skla-
vin hält, nicht aufgenommen. Dirke, die einer 4
bakchischen Feier wegen ebendahin kommt,
läfst Antiope ergreifen, diese aber wird ihr
von Zethos und Amphion, nachdem sie von
ihrem Pflegevater ihre Herkunft erfahren, wieder
i entrissen, und Dirke erleidet nun die bekannte
Strafe. S. Amphion. (Vgl. Welcker, gr. Trag.
2, 811 ff. Hartung, Eurip. restit. 2, 415 ff.).
■ Mit dieser Form der Sage stimmen Schol. Ap.
Eh. 4, 1090 und Prop. 4, 14 (15) im wesent-
lichen überein; ebenso Schol. Eurip. Phoen. 5
102, wo hinzugefügt wird, dafs Dirke der er-
i griffenen Antiope dieselbe Strafe zugedacht
habe, der sie dann selbst anheimfiel. Hygin
schickt der Euripideischen Fabel folgende vor-
aus (j f. 7): Antiope, die Gattin des Lykos, war
’ von Epopeus überlistet und deshalb von ihrem
Gemahl verstofsen worden. Nachdem sie sich
aber dem Zeus ergeben hatte, warf sie Dirke,
die zweite Gemahlin des Lykos, in dem Arg-
wohne, dafs dieser mit Antiope geheimen Um- ci
gang gepflogen, gefesselt ins Gefängnis. Aus
demselben entfloh Antiope beim Herannahen
der Geburt unter dem Beistände des Zeus in
den Kithairon, wo sie an einem Doppelwege die
Zwillinge gebar. Nach Kephalion b. Matal, p. 45
(fr. 6. Müller ) , vgl. Suidas v. ’üvtionrj, Cedren.
p. 24, dessen Tradition deutliche Spuren von
Euhemerismus zeigt, war Antiope, die Tochter
Antiope 382
des Nykteus, Priesterin des Helios und Bak-
chantin. Nachdem sie ein Argiver, dessen
Geschlecht sich der Abstammung von Zeus
rühmte, im Tempel geschändet, übergab sie
ihr Vater seinem Bruder Lykos, dem Könige
von Argos, mit dem Aufträge, das Vorkommnis
genau zu untersuchen und Antiope nebst ihrem
Verführer streng zu bestrafen. Dieser aber
fühlt Mitleid mit der Sünderin und beschliefst,
die Strafe erst nach ihrer Niederkunft zu voll-
ziehen. Die von ihr gebornen Zwillinge läfst
er auf dem Kithairon aussetzen. Während aber
Lykos auf einem Kriegszuge abwesend ist,
nimmtDirke, die wegen jener Nachsicht argwöh-
nischeGattin des Lykos, Antiope und eine An-
zahl bewaffneter Begleiter mit sich in die
Gegend des Kithairon und ist dort im Begriff,
Antiope auf einen wilden Stier binden zu lassen,
als deren Söhne mit anderen Landleuten her-
beieilen und, von ihrem Pflegevater über ihre
Herkunft aufgeklärt, die Mutter befreien. Nach
Paus. 9, 17, C wurde Antiope wegen der an
Dirke, einer eifrigen Verehrerin des Dionysos,
vollzogenen grausamen Strafe von diesem Gotte
in Raserei versetzt, Phokos, der Sohn des Or-
nytion , ein Enkel des Sisyphos , heilte die
durch Griechenland Schweifende in Tithorea,
einer pliokischen Stadt am Parnassos , und
vermählte sich mit ihr. Dort wurde ihr ge-
meinsames Grabmal gezeigt (vgl. Paus. 10, 32,
10 f. Steph. Byz. v. Tiftoguicc.) Die Bewohner
von Tithorea suchten auf jenes Grabmal von
dem des Zethos und Amphion in Theben Erde
zu bringen, wenn die Sonne in das Zeichen
des Stiers trat , weil nach einem Orakel des
Bakis hierdurch die Fruchtbarkeit ihres Lan-
des gefördert werden sollte (Paus. 9, 17, 4).
Zu Sikyon stand im Heiligtume der Aphrodite
das Bildnis der Antiope. (Paus. 2, 10, 4.) Der
Name!drTtöjr?} (nach Pott in Kuhns Z. 6,268 „der
uns entgegenblickende Mond“), ferner die Be-
ziehung zu Nykteus (d. i. der Nächtliche) , zu
Lykos (d. i. der Lichte) , zu Epopeus (d. i.
König der Höhe) , zu den Aid g kovqol Isvy.o-
naloi (Schol. Od. 19, 518) Zethos und Am-
phion, die wie die spartanischen Dioskuren
als göttliche Mächte des Lichtes aufzufassen
sind , ferner zur Aphrodite Urania in Sikyon
und zu Helios deutet darauf hin, dafs Antiope
ursprünglich eine Naturmacht und zwar den
zur Nachtzeit leuchtenden Mond bedeutete
(v gl. Preller, griech. Myth. 23, 31 f.). E>ie Figur
der Antiope im Hintergründe der Kolossal-
statue des Farnesischen Stiers ist bei einer
Restauration des Bildwerkes hinzugefügt wor-
den (Müller- Wiesel er, Denkmäler 1, zu Taf. 47,
n. 215 a.) Die Darstellung des etruskischen
Spiegels bei Inghirami , Mon. Etr. Ser. 2,
tav. 17 ist nach neueren Gelehrten nicht auf
das Liebesverhältnis des Zeus zu Antiope
zu beziehen (vgl. Wieseler zu Müller, Denk-
mäler 2 , Taf. 3 , n. 46 u. Overbeck , Kunst -
mythöl. 1 Zeus 405 f. Mehr unter Amphion,
vgl. namentlich Jahn in Arcli. Ztg. 1853 S.
65 ff). [Schirmer.] — 2) Amazone, Toch-
ter des Ares (Hygin f. 241), Schwester der
Hippolyte (Paus. 1 , 41 , 7), Königin mit
Otrere (Apollon. Bhod. 2 , 387). Bei lustin.
I
383 Antiope
2 , 4 , 19 führt Herakles’ Gegnerin diesen
Namen , gewöhnlich aber die von Theseus
Geraubte, besonders bei denjenigen , welche
Theseus zum Teilnehmer an Herakles’ Zug
machten. Nach den Nosten {Paus. 1, 2, 1)
überliefert sie Themiskyra aus Liebe zu The-
seus, von dieser Liebe sprechen auch I sokrates
Panath. 193 und Menekrates in der Sage von
Pythopolis {Plutarch Thes. 26). Nach Philocho-
ros bei Plutarch. a. a. 0. erhielt Theseus sie als
Ehrenpreis, nach Bion lockte er sie durch
List auf sein Schiff. Nach der Tabula Albani,
{Jahn- Michaelis Bilderchronik S. 73) und dem
Schol. Ar ist. Panath. 118, 4 nahm er sie in der
Schlacht in Attika gefangen. Pinclar bei Plu-
tarch a. a. 0. nennt sie Mutter des Demo-
phon, Asklepiades von Tragila b. Schol. Eurip.
Hippol. 10. 307. 581 u. Hygin 241. 250 Mutter
des Hippolytos. In der Theseis empörte sie
sich mit ihrem Gefolge und griff Theseus an,
als er Phaidra heiraten wollte, wurde aber
von Herakles erschlagen. Nach der patrioti-
schen Tradition aber stirbt sie, nachdem die
Amazonen gegen Athen gezogen, entweder als
Opfer von Theseus’ Hand {Hygin 241. Ovid.
Heroid. 4, 117. Seneca Phaedr. 227. 927) oder sie
wird von der Amazone Molpadia getötet {Plu-
tarch und Paus. a. a. 0. Diodor 4, 28). Ihr
Grabmal befand sich am itonischen Thore zu
Athen Plato Axioch. p. 364 d. Pausan. a. a. 0.
Auf den Vasen ist ihr Name selten; vgl. die
Rüstungsscene Gerhard, A. V. 103 und die Bil-
der von Theseus’ Raub: Monum. 1, 55. München
n. 7. Brit. Mus. n. 827. Die Darstellungen von
Theseus’ und Antiopes Hochzeit auf Vasen
sind sehr zweifelhaft, vgl. Klügmann, die Amaz.
in d. alt. Bit. u. Kunst S. 6 ff. [Klügmann.]
— 8) Von Helios Mutter des Aloeus, der nach
Paus. 2, 1, 1 Vater des Epopeus ist, und des
Aietes, des Vaters der Medeia, der bis zu
seiner Auswanderung nach Kolchis Korinth
beherrschte. {Eumelos b. Schol. Pind. Ol. 13,
74. Tzetzes z. Lykophr. 174. Diophanes b.
Schol. Apoll. Ith. 3, 242.) Ihre nahe Beziehung
zu Helios und Epopeus deutet auf ursprüng-
liche Identität mit No. 1. — 4) Tochter des
Aiolos (s. d.), von Poseidon Mutter des Boio-
tos und Hellen , wenn die Lesart Hygin f.
157 richtig ist. Diod. 4, 67 heifst die Mut-
ter des Boiotos und Hellen Arne (s. d.). —
5) Tochter des Thespios , die dem Herakles
den Alopios (s. d.) gebar {Apollod. 2, 7, 8.)
— 6) Tochter des Pylon, Gemahlin des Eu-
ry tos , des Königs von Oichalia , Mutter der
Argonauten Klytios und Iphitos, des Deion,
Toxeus und der Iole oder loleia {Schol. Soph.
Tr ach. 266, wo die Handschrift Antioche bie-
tet. Schol. Apoll. Rli. 1 , 87. Hygin f. 14.
Vgl. Diod. 4, 37.) — 7) Schwester des Melea-
gros {Anonym, b. Westermann, Mythogr. p. 345.)
— 8) Gemahlin des Laokoon {Serv. ad Verg.
Aen. 2 , 201.) — 9) Nach Scrv. ad Verg. Ecl.
6, 48 Gemahlin des Proitos. Wie sich aus der
Hinzufügung des bei den Tragikern üblichen
Namens Stheneboia ergiebt, liegt eine Ver-
wechselung mit Anteia vor (vgl. Apollod. 2,
2, 1.) [Schirmer.]
Antipaplios (Avzinaqiog), Sohn des Aigyptos,
Antiphos 384
vermählt mit der Danaide Kritomedia, I/ya. f.
170. fStoll.]
Antiplias {’Avticpcxg), an der einzigen Stelle,
wo dieser Name sich findet, Hygin. fab. 135,
lesen Bunte und M. Schmidt Antiphaten statt
des handschriftlichen Antiphantem. S. Anti-
phates No. 6. [Schirmer.]
Antiphates ( ’Awicpäzrig ), 1) Sohn des Sehers
Melampus und der Iphianassa oder Iphianeira,
Bruder des Mantios, Abas (s. Abas 10), Bias und
der Pronoe. Er zeugte mit Zeuxippe den Oik-
les, der nach Paus. 6, 17, 6 Sohn des Mantios ist,
und Amphalkes; durch Oikles war er Grofs vater
des Amphiaraos {Od. 15, 242 ff'. Diod. 4, 68,
5. Apollod. 1,9, 13.) — 2) König der men-
schenfressenden Laistrygonen , der einen von
den auf Kundschaft ausgeschickten Gefährten
des Odysseus ergriff, um ihn als Mahl zu be-
reiten, bei der Verfolgung der beiden andern
aber mit seinen riesigen Laistrygonen alle
Schifte bis auf das des Odysseus vernichtete
{Od. 10, 80 ff. u. 199. Ovid. Met. 14, 234 ff.
Pont. 2, 9, 41. Horat. A. p. 145. Tibull. 4, 1,
59.) Daher sprichwörtlich für einen Wüte-
rich luv. 14, 20. Nach Dictys Cret. 6, 5 waren
Antiphates und Polyphemos Söhne des Ky-
klops und Laistrygon. — 8) Ein Troer, den
Leonteus tötete {11. 12, 191.) — 4) Natürlicher
Sohn des Sarpedon von einer Mutter aus (dem
mysischen) Theben, der in der Begleitung des
Aineias von Turnus getötet wurde {Verg. Aen.
9, 696 ff.) — 5) Ein Grieche im trojanischen
Pferde {Trypliiod. 180. Tzetz. Posth. 648.) —
(>) Sohn des Laokoon, der mit diesem und
seinem Bruder Thymbraios durch die Schlangen
erwürgt wurde {Hyg. f. 135.) [Schirmer.]
Antiplionos {’Avzicpovog), Sohn des Priamos
{II. 24, 250. Hyg. f. 90. Tzetz. Hom. 447.
Posth. 51), von Neoptolemos getötet {Quint.
Smyrn. 13, 215), nach Dictys Cret. 4, 7, wenn
die Emendation des handschriftlichen Antipus
richtig ist, von Aias Telamonios. [Schirmer.]
Antiphos (’ 'Avxupog ), 1) Sohn des Thessalos
und als solcher Enkel des Herakles und der
Chalkiope, einer Tochter des Eurypylos , des
Königs von Kos {II. 2, 678 f. Apollod. 2, 7,
8. Schol. Pind. Nein. 4, 40 <B.) Dict. Cret. 1,
14. 2, 5.) Nach Hyg. f. 97 ist er Sohn des
Thessalos und (wohl mit Verwechselung der
Mutter und Grofsmutter) der Chalkiope. Er
herrschte mit seinem Bruder Pheidippos über
die Koer und führte auf 30 Schiffen die Be-
wohner von Nisyros, Krapathos , Kasos, Kos
und den Kalydnischen Inseln (vgl. Strabo 10,
489) gegen Troja (17. 2, 676 f. Diod. 5, 54, 1.
Dict. Cret. 1, 17.) Mit Pheidippos und Tlepo-
lemos ging er als Abgesandter zu Telephos
{Dictys Cret. 2, 5.) Nach Aristot. Pepl. 39
{Berglc) beteiligte er sich an der Zerstörung
von Troja und hatte mit seinem Bruder ein
gemeinschaftliches Grabmal im thesprotischen
Ephyra, das die Vaterstadt beider heilst. Diese
Stelle sowie Strabo 9, 444, wonach von Ephyra
Nachkommen der beiden Brüder in das Land
zogen, das sie nach ihrem Stammvater Thes-
salien benannten , deutet auf Thesprotien als
die eigentliche Heimat (vgl. Apollod. 2, 7, 0.
Hyg. f. 225) , von wo aus sie die Herrschaft
Anubis
385 Antippos
über Kos als Urenkel des Eurypylos sich an-
eigneten, nachdem schon Kalydna und Nisy-
ros in den Besitz ihres Vaters Thessalos ge-
langt waren ( Diod . 5 , 54.). Den engsten Zu-
sammenhang mit dem griechischen Stammlande
beweist auch die Teilnahme am trojanischen
Kriege, da die Ilias aufser diesen beiden Brü-
dern und dem 2,671 erwähnten Nireus keinen
Krieger aus einer Kolonie von der Ostküste
des ägäischen Meeres oder den kleinasiatischen i
Inseln im Heere der Achäer kennt. — 2) Sohn
des Priamos und der Hekabe, der den Leukos,
einen Gefährten des Odysseus, erlegte. (II. 4,
489 ff. Apollod. 3, 12, 5. Tzetz. Hom. 40, wo
er im Gegensatz zu II. 11, 102 ein natürlicher
Sohn des Priamos heilst.) An der Seite seines
unechten Bruders Isos, mit dem er von Achil-
leus beim Weiden der Schafe auf dem Ida er-
griffen, aber gegen Lösegeld wieder freige-
geben worden war, wurde er von Agamemnon 2
getötet (II. 11, 101 ff. Hyg . f. 113); nach
i Dict. Cret. 2 , 43 fiel er im Kampfe mit den
I beiden Aias, Diomedes und Idomeneus. — 3)
Sohn des Talaimenes und der Nymphe des
gygäischen Sees, wenn nicht die Worte rvyairj
z sxs Xifivrj II. 2, 865, wie Eustaih. p. 365, 41
angiebt, bildlich (als Geburtsort oder Lieblings-
aufenthalt) zu verstehen sind. Er führte mit
seinem Bruder Mesthles die Maioner vom Tmo-
los den Troern zu (II. 2, 864 ff. Dict. Cret. 2, 3
| 35.) Nach Dar es Phryg. 21 tötete ihn Dio-
medes. — 4) Ein Grieche aus Mykene, der von
der Hand des Mysierkönigs Eurypylos, eines
Verbündeten des Priamos, fiel (Qu. Smyrn. 6,
616). — 5) Sohn des mit Odysseus befreun-
deten Ithakesiers Aigyptios, Bruder des Freiers
Eurynomos; er war der letzte von den Ge-
fährten des Odysseus, die Polyphemos ver-
schlang (Od. 2, 19 f. Qu. Smyrn. 8, 126). Vor
Troja kämpfte er mit Eurypylos, tötete dessen 4
Genossen Meilanion und entkam glücklich
seiner Verfolgung (Qu. Smyrn. 8, 115 ff.). — 6)
Neben Mentor und Halitherses Od. 17, 68 als
väterlicher Gastfreund des Telemachos erwähnt.
Da aber Od. 2, 15 Aigyptios, der Vater des
vorigen, in Verbindung mit Halitherses (v. 157)
und Mentor (v. 225) genannt wird, so ist an-
zunehmen, dafs an unsrer Stelle eineVerwech-
: selung des Aigyptios mit seinem Sohne Anti-
phos vorliegt. — 7) Sohn des Myrmidon und b
der Peisidike, einer Tochter des Aiolos, Bruder
des Aktor (Apollod. 1,7,3.) — 8) Sohn des
Herakles und der Thespiade Laothoe, wenn
die Heynesche Lesart Apollod. 2,7,8 "Avzi-
cpoe statt des handschriftlichen ”Avzt,dos rich-
tig ist. [Schirmer.]
Antippos s. Anthippos.
Antissa ('Avzigocc), Tochter des Makar, nach
welcher die gleichnamige Stadt auf Lesbos
genannt war, Steph. Byz. s. v. ; vgl. Schol. II. c
24, 544. [Stoll.]
Antoci(les(?), britannischer Gott auf der In-
i Schrift eines kleinen Altars aus Borcovicium
(Housesteads), C.I. L. 7, 656: D. Antocidi etc.
; (das folgende ist nicht recht lesbar). Momm-
sen vermutet, dafs auch hier der sonst An-
Tenociticus oder Anociticus (s. d.) genannte
{Gott gemeint sei. [Steuding.]
Roscdek, Lexikon der gr. u. rüm. Mytliol.
386
Autodike (’AvzoSUr] ?) , Danaide , mit dem
AigyptidenKlytos vermählt, Hyg. f. 170. Wahr-
scheinlich ist zu schreiben Autodike. Bei
Apollod. 2, 1, 5 heilst ein Aigyptide Kleitos.
[Stoll.] |
Anton ("Avzcov), fingierter Sohn des Hera-
kles, von welchem die römische gens Antonia
abzustammen sich rühmte: Plut. Ant. 4 u. 36.
[Roscher.]
Antores (’Avzcagiqg) , Genosse des Herakles,
der von Argos nach Italien auswanderte und
sich dort dem Euandros anschlofs. Er wurde
an der Seite des Aineias von Mezentius, dem
mit Turnus verbündeten Könige von Cäre, ge-
tötet. (Verg. Aen. 10, 778 ff. Vgl. Serv. z. d.
St. über die griechische Form dieses Namens.)
[Schirmer.]
Antyllos (" 'AvzvXXog ), Name eines Satyrs auf
einer Vase: C. I. Gr. 8439. [Roscher.]
Anubis ("Avoyßt g), ägyptisch geschrieben An-
pu, ist beiden Ägyptern der Herrscher des Gra-
bes und der Totenwelt. In den Texten heifst er
„der Herr des Grabes“, „er gewährt eine gute
Bestattung nach hohem Greisenalter“, er wird
in den Formeln angerufen , durch die dem
Toten die Opferspeisen, welche ihm zustehen,
zuteil werden. Er leitet und überwacht die
Balsamierung; er beschützt den Toten auf sei-
ner Wanderung in das Westreich, gewährt ihm
„zu wandeln auf den schönen Pfaden, auf de-
nen clie Frommen wandeln“. In dieser Eigen-
schaft heifst er sehr gewöhnlich „der Pfadöffner“
(ap nat). Gebildet wird er mit einem Schakal-
kopf; denn offenbar dachten sich die Ägypter
die Schakale, welche die Grabbautefi draufsen
am Rande der Wüste umschwärmen, deren
dumpfes Geheul die Nacht durchdringt , als
Inkarnationen der Gottheit, welche das Grab
bewacht. Die Angaben der Griechen, welche
dem Anubis einen Hundskopf geben, sind ir-
rig. Besonders verehrt wurde Anubis in den
mittleren Teilen Oberägyptens, im Nomos An-
taiopolites (äg. Duf) und in den von den Grie-
chen infolge einer Mifsdeutung des schakal-
köpfigen Gottes Lykopolites (Hauptstadt Siut)
und Kynopolites (Hauptstadt die „Anubisstadt“
Kynopolis) genannten Gauen.
Schon in unseren ältesten Texten beginnen
die Geheimlehren der Osirisreligion in die äl-
teren Formen des Totendienstes einzudringen,
durch die derselbe alsbald völlig umgestaltet
worden ist. Infolgedessen tritt a.ueh Anubis
gegen Osiris und die Götter seines Kreises
zurück und wird eine untergeordnete Gottheit,
Er besorgt die Bestattung des Osiris, assistiert
mit Thoth beim Totengericht und ist wie
dieser, aber ihm weit untergeordnet, der Füh-
rer der Toten, der Leiter in die Unterwelt.
Nach einer auch bei Plutarcli de Is. 14 vor-
liegenden Sage, auf die auch in einem ägyp-
tischen Zauberpapyrus der römischen Zeit (s.
Erman, Zeitschr. für ägypt. Sprache 1883, S. 102)
angespielt wird, hat ihn Osiris von seiner
Schwester Nephthys in heimlicher Ehe ge-
zeugt.
Im Gefolge der Gottheiten der ägyptischen
Geheimlehre, unter denen für die Griechen Isis
obenansteht, ist auch Anubis der griechischen
13
387
Auxur
388
Kulturwelt bekannt geworden und wird bei
den Schriftstellern und in Inschriften einige
Male erwähnt. Dafs man ihn als ipvxonogTcog
dem Hermes gleichsetzte oder gelegentlich mit
diesem zu einem Hermanubis verschmolz ( Flut .
de Isid. 61) , ist begreiflich genug. Auf In-
schriften werden in Ambrakia und auf De-
los und Chios Sarapis Isis Anubis Harpokra-
tes als gemeinsam verehrte Götter angerufen
(C. I. Gr. 1800. 2230. 2297ff. , vgl. 6841;
ferner 3724 aus Kios: ovgtxviav ndvzcov ßaoi-
Xsv %<xlqs cecp&tz’ ’ 'Avovßi , Sohn des Osiris). Die
Deutungen, welche die Schriftsteller der spä-
testen Zeit, vor allem Plutarch de Is., von
Anubis geben, brauchen hier nicht angeführt
zu werden. [Ed. Meyer.]
Auxur, Verbündeter des Turnus, dem Ai-
neias im Kampfe die linke Hand samt dem
eisernen Schilde herunterhieb ( Verg. Aen. 10,
545 f.). [Schirmer. |
Anxurus (Axur), Beiname des Juppiter ( Verg.
Aen. 7, 799), der nach Sero. z. d. St. in der
Gegend der uralten volskischen Stadt Anxur
oder (wohl etruskisch) Tarracina als bartloser
Jüngling, wie der albanische und römische
Vejovis, mit der jungfräulichen Feronia (s. d.)
verehrt wurde. Serv. erwähnt aufser der Ety-
mologie avsv £,vqov, dafs in der Nähe von
Tarracina eine Quelle sich befinde, die einst
Anxur geheifsen habe. Münzen der gens Vi-
bia zeigen das Kultusbild des Iovis Axur, wie
er hier heilst: ein thronendes, jugendliches
Götterbild mit Scepter und Schale, das Haupt
mit einer grofsen Blätterkrone geschmückt
( Cohen Cohs. T. 41 Vib. 13, vgl. Fabretti Gloss.
Lt. 123. L. Stephani Nimbus u. Strahlenkranz
S. 18f. Rasche, Lex. rei num. s. v. Anxur.
Morell. Th.es. Num. Farn. T. 2, t. 2. Har-
tung, Relig. d.Röm. 2, 194. Preller, röm, Myth.
I8 2671). ^Schirmer.]
Anytos (Avvxog), Titane, der die Despoina,
die arkadische Persephone, erzogen haben
sollte und daher im Tempel dieser Gottheit
neben derselben (bewaffnet) dargestellt war
(Paus. 8, 37, 5). [Schirmer.]
Ao '(Aw), Name des Adonis (s. d.): Et. M.
117, 33. [Roscher.]
Aoa (Ao 5a), Mutter des Theias, Vaters des
Adonis: Zoll, im Et. M. 117, 35 ff.
[Roscher.]
Aoide (’Aoidr'i, lat. Aoede), der personifizierte
Gesang, eine der ältesten drei Musen (s. d.),
Schwester der Melete und Mneme: Paus. 9,
29, 2. Vgl. Cic. de n. deor. 3, 54, der vier
Musen nennt: Thelxinoe, Aoide, Arche, Me-
lete. [Roscher.]
Aon (’ 'Amv ), ein böotischer Heros, Sohn des
Poseidon, Vater des Dymas, auf den die Na-
men ’'Ao veg, ’Aovlk, ’Aüviog zurückgeführt wur-
den ( Schol . Stat. Thcb. 1, 34. Ach. 1, 19. St.
B. s. v. ”Aovsg). [Schirmer.]
Aooi (’ 'Acooi fffol, wohl = ’Eaoo), nach He-
sych. s. v. ffjol ot er. Agopov gszaYogLG&svzsg
tig Eafio^QÜYrjv (rjy Argivov (so Lübeck, Ag-
laoph. p. 1284**; cod. ligvrjv). Ein noch un-
gelöstes Rätsel der griechischen Religionsge-
schichte; vermutlich aus einer hieratischen
Sage von Samothrake. Wenn man in dem
Aphai'eus
gänzlich unbekannten Agogog die Ortschaft
TtioSqo gog Al&ionioxg ( Ptolem . 4, 6, 7) suchen
darf, würden damit die lemnisch-samothraki-
schen Gottheiten (doch wohl aus dem Kabi-
renkreise) aus dem heiligen Lichtlande Äthio-
pien hergeleitet , wie auch nach Phavorinos
bei Stcph. Byz. s. v.^AGKoip (= Müller, F.
LI. G. 3 p. 583) die Äthiopen ngwxoi ftsovg
szigyacxv. Diese Annahme eines mythischen
Zusammenhanges zwischen Samothrake und
'Äthiopien’ wird bestätigt durch Hesycli. Ai-
IhonCci' 7] ZctyoQ'QixYrj. [Crusius.]
Aoos ("Acoog =’Ecpog) 1) Name des Adonis: [
Etym. M. s. v.,*vgl. Ahrens , Kuhns Zeitschr. .
3 S. 173ff. s. oben Ao u. Aoa. — 2) Sohn der
Eos und des Kephalos , König von Cypern :
Et. M. s. v., vgl. Engel, Kypros 2 S. 119 ff.,
646, Ahrens a. a. 0. — 8) Sohn des Kephalos,
Eponymos der 'Aoer’ genannten Kilikier: Lle-
sych. s. v. "Acool. [Crusius.]
Aora (Autgci), Nymphe, nach der die kre- l
tische Stadt Aoros benannt sein soll , Steph. j v
Byz. s. v. "Acogog p. 154 M. [Crusius.]
Aoris (”Aogig — "Aßccgog^ 'wie’Aßavzsg — ”Ao-
vsg, Javanim = ’ldovsg), Sohn des Aras, Bru- | -
der der Araithyrea (s. d.), Paus. 2, 12, 5.
[Crusius.]
Aornos (’ ’Aogvog ) s. Avernus.
Aortes (? ’Auqzt] g) , naqd (bsQSYvdsi sig zäv
KvyXwtuov: Poll. 10, 139. [Roscher.]
Apate ( ’Andczrj ), Personifikation der Täu-
schung und des Trugs, eine Geburt der Nacht,
lies. Theog. 224. Braun, Gr. Götter l. §. 252.
259. Nonn. Dion. 8, 113 ff. [Stoll.] Ihre Ge-
stalt erscheint auf Vasen (vgl. Mon. ined. p.
la section frang. de Vinstit. arch. tab. 21 = C.
I. Gr. 8437 und die Dareiosvase: Gerhard,
Arch. Anz. 1854 p. 483 ff. = C. I. Gr. 8447 c.
[Roscher.]
Apemosyne (’AnyfioGvvri), Tochter des kre-
tischen Königs Katreus, Schwester des Althai- !■
menes , der mit ihr nach Rhodos ging. Als
sie dort von Hermes wider ihren Willen ge-
schwächt worden war, tötete sie der Bruder
durch Fufstritte , weil er ihr die Erzählung
von dem Attentate des Hermes nicht glaubte.
Apollod. 3, 2, 1. S. Althaimenes. [Stoll.]
Apenninus, Beiname des Iuppiter nach ei-
nem Tempel desselben auf dem Apennin in
der Nähe von Iguvium an der via Flaminia;
vgl. Orelli 1220 u. Henzen 5613 (Appenninus)
(vgl. Aur. Vict. Caes. 9 u. Epit. 9. Claudian.
Cons. Lion. 6, 502 ff.). Dort war auch ein Ora-
kel (vgl. Scr. hist, august. Claud. 10 u. Vopisc.
Firm. 3). [Steuding.]
Apesas (’Ansaag), ein alter Heros und König
in Nemea, nach welchem der dem Zeus gehei-
ligte Berg Apesas bei Nemea benannt war,
Steph, Byz. s. v. [Stoll.]
Aphaia (AqwCa), eine auf Aigina und Kreta
verehrte Göttin, welche Pindar besungen hatte,
nach Pausanias identisch mit der Britomartis
(s. d.) und Diktynna: Paus. 2, 30, 3. Hesycli.
u. ’Acpaia u. M. Schmidt z. d. St. [Roscher.]
Aphareus (’AcpaQsvg), 1) nach messenisclier
Sage (Paus. 3, 1, 4) ältester Sohn des messe-
nischen Königs Periores (der für einen Sohn
entweder des Aiolos oder des Kynortas galt)
389 Apheidaa
und der Gorgophone, der Tochter des Perseus.
Seine Brüder waren Leukippos, Tyndareos und
lkarios ( Apollod . 1 , 9, 5. 2, 4, 5. Stesich. ib.
3, 10, 3; vgl. Paus. 4, 2, 4). Nach Paus. 3, 1,
4 wohnte er in Thalamai und nahm den von
Hippokoon und lkarios vertriebenen Tynda-
reos, der nach lakonischer Sage Sohn des Oi-
balos und der Gorgophone war, bei sich auf.
Seine Gemahlin war Arene , die Tochter des
Oibalos und der später mit diesem verheiratet l
gewesenen Gorgophone (daher sie zugleich
Gattin und Schwester des Aphareus heilst,
Paus. 4, 2, 4), welche ihm drei Söhne, den
Idas, Lynkeus und Pisos gebar ( Apollod . 3, 10,
3. PhereJc. b. Schol. Ap. Ith. 1, 152. Theocr.
22, 139; hinsichtlich des Pisos vgl. auch Paus.
5, 17, 9. Schol. z. Tlieokr. 4, 29), der zu Ehren
er die Stadt Arene gründete (Paus. 4,2, 4).
Nach Peisandros hiel's seine Gemahlin Poly-
dora, nach TheoJcrit (Id. 22, 206) Laokoos(s)a 2
(vgl. Schol. Ap. Pli. a. a. 0.). Nach Paus. 4,
2, 4 nahm er auch seinen Vetter Neleus, Sohn
des Kretheus, als derselbe vor Pelias floh, bei
sich auf und gab ihm das Gebiet und die Herr-
schaft von Pylos. Auch Lykos, der Sohn des
Pandion, soll vor Aigeus fliehend nach Arene
gekommen sein und den Aphareus und seine
j Gemahlin in die Orgien der grofsen Götter
eingeweiht haben. Sein Grabmal befand sich
auf dem Markte in Sparta, wohin die Sparta- 3
ner wahrscheinlich später seine Gebeine ge-
schafft hatten (Paus. 3, 11, 11, vgl. Tlieokr.
22,141. 199.207). Ein Gemälde von ihm und
seinen Söhnen und Nachfolgern in der messe-
nischen Königsherrschaft befand sich nach Paus.
4, 31, 11 an der Hinterwand des Tempels der
Messene zu Messene. — 2) Sohn des Kaletor,
von Aineias vor Troja erlegt (II. 9, 83. 13, 478.
541, vgl. C. I. Gr. 6125). — 3) Kentaur, auf
rler Hochzeit des Peirithoos von Theseus ge- i
tötet: Ov. Met. 12, 341. [Roscher.]
Apheidas (’Acpsiöctg), 1) Sohn des Arkas und
Ter Leaneira, oder der Meganeira, oder (nach
iEumelos) der Nymphe Chrysopeleia (Apollod.
1, 9, 1), oder der Dryade Erato, Bruder des
l ilatos (Apollod. a. a. 0.) und des Azan (Paus.
1, 4, 2. 10, 9, 5; vgl. auch Tzetz. u. Schol.
. Lykophr. 480), nach Scliol. u. Eust. z. II.
!, 603 auch des Ainphidtimas, der vielleicht
nit Apheidas identisch ist. Nach dem Tode 5
Iles Vaters fiel ihm die Herrschaft überTegea
u, welches daher von Dichtern ’Acpsihtxvzsiog
driQos (vgl. Ap. Pli. 1, 162 u. Schol.) genannt
vurde, während Azan die Landschaft Azania,
ilatos das Gebiet von Kyllene erhielt. Seine
tinder waren Aleos und Stheneboia (Paus. u.
1 pollod. a. a. 0.). Nach Ariaithos b. Schol.
■ II. 4, 319 war auch der Arkader Ereutlia-
ion ein Sohn des Apheidas (oder Amphida-
uas? vgl. Schol. u. Eust. z. II. 2, 603). Von 6
lim hiefs eine tegeatische Plryle ’Acpsiduvzsg
Paus. 8, 45, 1. Curtius, Peloponneses 1, 251.)
üne Statue von ihm stand nach Paus. 10, 9,
'f. in Delphi, ein Werk des Argivers Antipha-
>es. Vgl. Brunn, Künstler gesell. 1, 283. — 2)
önig eines Stammes der Molosser, der nach
!nn ’AcpsitUxvzeg hiefs (Stepli. Byz. u. ’Acpsi öav-
fs). — 3) Sohn des Polypemon aus Alybas,
Aphrodite (orient.) 390
Vater des Eperitos, für den sich Odysseus aus-
giebt (Od. 24, 305; vgl. Eust. z. d. St.). — 4)
Kentaur b. Ov. Met. 12, 317ff. Vgl. Roscher
in Fleclceisens Jahrhh. 1872. S. 426.
[Roscher.]
Aphidnos ('A(piövog), nach Stepli. B. v. ’Aipi -
öva ein attischer Autoclithon, nach welchem
die Stadt Aphidnai genannt wurde. Er war
ein Freund des Theseus, welchem dieser die
geraubte Helena und seine Mutter Aithra in
Aphidnai zur Verwahrung gab, als er mit Pei-
rithoos in die Unterwelt ging. Als später die
Dioskuren nach Erstürmung von Aphidnai und
Befreiung der Helena in Athen gastliche Auf-
nahme fanden, wurden sie von Aphidnos als
Söhne angenommen und in die eleusinischen
Mysterien eiugeweiht, Plut. 1 lies. 31. 33. Nach
Schol. II. 3, 242 war Aphidnos zur Zeit der
Erstürmung von Aphidnai daselbst König und
verwundete den Kastor am Schenkel. Vgl.
Preller, Gr. Myth. 2, 114, 1. [Stoll.]
Aplmais (l’Acpvaig), eine Nymphe, von wel-
cher die phry gische Stadt (’Äcpvtiov) benannt
sein sollte. Stepli. Byz. u.’Acpvsiov. [Roscher.]
Aplmeios (Acpvsiog), Eponymos von Acpvsiov .
Stepli. Byz. u. "Acpvsiov. [Roscher.]
Aphrodite (’AcppoSizg). Dafs der ganze Mythus
und Kultus der Aphrodite, wie er uns überlie-
fert und in den gangbaren Handbüchern der
griechischen Mythologie dargestellt ist, das
Produkt einer höchst merkwürdigen, frühzei-
tigen Vermischung griechischer und
orientalischer (semitischer) Religion sei,
ist zwar schon längst erkannt worden ; dennoch
aber hat noch niemand den Versuch gemacht,
die orientalischen und griechischen Vorstel-
lungen im Aphroditemythus streng von einan-
der zu sondern und dadurch das Verständnis
des ursprünglichen Wesens dieser Göttin zu
fördern.
a) Die orientalische Aphrodite (vgl.
Astarte).
Alle uns bekannten semitischen Völker mit
einziger Ausnahme der Hebräer verehrten eine
höchste weibliche Gottheit, die zugleich als
Göttin des Mondes (oder Venussternes; vgl.
Sayce, in Transact. of the soc. of Bibi. Arch.
3, 1, S. 196 ff.) und als Prinzip aller weibli-
chen und irdischen Fruchtbarkeit gedacht
wurde. Beide Funktionen hängen auf das in-
nigste mit einander zusammen, da der Mond
einerseits durch die Katamenien das ganze
weibliche Geschlechtsleben zu regeln, anderer-
seits durch Spendung des für den Pfianzenwuchs
in den südlichen regenarmen Ländern, speziell
im Orient, so notwendigen Taues die (durch
Feuchtigkeit bedingte) Fruchtbarkeit des Bo-
dens zu fördern scheint (vgl. die Stellen bei
Roscher , Iuno u. Hera. Stud. z. vgl. Mythol.
d. Gr. u. Römer Heft 2, S. 19 ff. Winer, Bibi.
Redlwörterb. unter Tau. v. Baudissin , Stud.
z. Semit. Religionsgescli. 1, 241. 2, 151. Ders.
Jahre et Moloch 23). Diese Göttin nun führte
bei jedem der semitischen Stämme einen be-
sonderen Namen: sie hiefs z. B. bei den Phö-
niziern Astarte (s. d.), bei den Assyrern Istar,
bei den Syrern Aschera (zu Askalon Atarga-
tis = Derketo; vgl. Herzogs Realenc. u. Atar-
13 *
391 Aphrodite (orient.)
gatis), in Babylon Mylitta (eigentl. Moledeth,
d. i. die Gebärenmachende). Gehen wir ge-
nauer auf die einzelnen Funktionen, Mythen
und Kulte ein , so ist Folgendes hervorzu-
heben.
1) Dafs wir in den genannten Göttinnen in
der That ursprüngliche Mondgöttinnen zu
erkennen haben, erhellt zunächst aus den Über-
lieferungen des Altertums selbst. So sagtJFe-
rodian (5, 6, 10) von der mit der griechischen
Aphrodite Urania identificierten phönizischen
Astarte: Ovqccvi'mv (boivinsg Aorgoag^yv ovo-
ptx^ovGi, csl/jvrjv sivca ftehovreg. Vgl. auch
Lucian de dea Syr. 4: ’Aazägzgv S’ lycö donem
Stbqvcdriv eyysvcu, und (hinsichtlich des Na-
mens ’Agtqokqxt]) die den Mond als Königin
der Sterne feiernden Bezeichnungen regina si-
derum ( caeli ) und ’AGzgdgxrj {Hör. ca. saec. 35.
Appul. Met. 2, 254 Bip. Orpli. hy. 9, 10. Pliil-
astrius de liaer. 15.). So erklären sich auch auf
das einfachste die römischen Bezeichnungen
der karthagischen Hauptgöttin „Virgo caele-
stis“ oder „luno caelestis“ {Munter, Bel. d.
Karth. 74f. Preller , B. M.3 2, 406 f.), worunter
man ebenso wie unter der griechischen Ov-
guviu (vgl. Her. 1, 105) in der eben angeführ-
ten Stelle des Herodian wahrscheinlich nur
Übersetzungen eines auf die Mondgöttin be-
züglichen semitischen Namens zu verstehen
nat (vgl. Jerem. 7, 18 u. 44, 17ff.). Dafs die
römische Iunö, mit der später die karthagische
Astarte identificiert wurde, eine Mondgöttin
sei, habe ich im zweiten Hefte meiner Studien
zur vgl. Mythol. der Gr. u. B. nachgewiesen.
Wenn Astarte gehörnt oder mit dem Attribut
der Mondsichel dargestellt (s. Astarte u. vgl.
Gen. 14, 5. Sanchon. fr. ecl. Orelli p. 34. Eclc-
hel, Hoctr. num. 1, 3 , 369ff. v. Baudissin,
Sind. z. Semit. Bel. 2, 264 u. in Herzogs Enc.
1 , 72 1 f.) und als avgßcoyog des Sonnengottes
Baal verehrt wurde {v. Baudissin in Herzogs
Enc. 1 , 720 u. 723) , so scheint auch dies
direkt aus ihrer Mondbedeutung zu folgen.
In einer von Oppert mitgeteilten Beschwö-
rungsformel endlich wird Istar geradezu die
Erhell er in der Nächte genannt {Bosclier
a. a. O. S. 20).
2) Wie schon oben angedeutet wurde, waren
die genannten Mondgöttinnen zugleich, so viel
wir wissen, die Förderinnen aller weib- i
liehen und überhaupt aller animali-
schen und vegetativen Fruchtbarkeit.
Hierher gehört vor allen Dingen der babyloni-
sche Name Mylitta oder Moledeth, welcher
geradezu die G ebärenmachende bedeutet
{Hunclcer, Gesch. d. Alt.3 1, 220), ferner die
Rolle, welche die altchaldäische Istar in einem
von Schräder {Höllenfahrt d. Istar 1874) be-
handelten Hymnus spielt, wo sie als Göttin
der Fruchtbarkeit auftritt, insofern bei ihrem i
Hinabsteigen in die Unterwelt alle Zeugung
und Befruchtung aufhört (vgl. Haug , Beil. z.
Augst. Allgem. Ztg. 1875. S. 1092 u. Herzogs
Bealenc. 1, 721). Sicherlich hängt mit dieser
Funktion auch die für Kypros , Karthago,
Babylon u. s. w. bezeugte Sitte des Opfers der
.Jungfrauschaft und mancher andere anstöfsige
Gebrauch auf das innigste zusammen {Herod.
Aphrodite (orient.) 392 j
1, 93. 94. 196. 199. Strab. 745. Iust. 18, 5.
21, 3. August, c. D. 2, 4. 2, 26. 4, 10. Luc.
D. S. 6. Athen. 572f'. Lactant. 1, 17. Val.
Max. 2, 6, 15. Vgl. oben u. Adonis S. 74f.
Herzogs Bealenc. 1 , 724. Hunclcer a. a. O.
349). Eine interessante kyprische Legende
von der sog. ’A. ncegccKVTtzovGa {Venus pro-
spiciens) , welche wahrscheinlich auf den ur-
sprünglichen . Antagonismus der griechischen
i Kolonisten auf Kypros gegen den phönizischen
Astartekultus zurückzuführen ist, s. oben u.
Anaxarete.
Überhaupt scheint die orientalische Aphro-
dite vorzugsweise eine Göttin der Frauen
und von diesen verehrt gewesen zu sein. Inbetreff
der vielfach erwähnten obseönen Gebräuche in
ihrem Kultus wird hier und da hervorgehoben, j 1
dafs auch verheiratete Frauen an ihnen teil-
genommen hätten {Val. Max. a. a. 0. August. ' *
i G. H. 2, 26. Hunclcer a. a. 0. 349. Herzogs
B. 1 , 724). Besonders eifrige Verehrerinneh
der Göttin waren aber die Hetären (2. Kön. . j
23, 7. Aug. C. H. 2, 26), die mehrfach gera-
dezu als ihre Hierodulen auftreten.
Berühmt waren namentlich die Hierodulen
vom Berge Eryx und von Korinth, wo schon
in den frühesten Zeiten pliönizischer Einüufs
nachweisbar ist {v. Baudissin , Stud. 2, 174.
198. 201). „In Korinth hatte Aphrodite in den
besten Zeiten der Stadt über tausend solcher
Mädchen in ihrem Dienst, welche dem Frem-
den ebenso gefährlich waren, als sie. dem Got-
tesdienste Glanz und Ansehen verliehen. Hat-
ten doch auch sie in der Not der Perserkriege |
durch brünstiges Gebet zu ihrer Göttin zum
Woble der Stadt mitgewirkt, wie dieses hei-- i
nach von der Stadt dankbar anerkannt wurde,
und hat doch selbst die Muse Pindars es nicht
verschmäht, den Dienst der Mädchen mit zier-
lichen Worten zu verherrlichen, als ein vor-
nehmer Korinthier nach einem Siege in Olym-
pia der Aphrodite seiner Vaterstadt eine An-
zahl davon geweiht hatte {Athen. 13,33. Strab.
8, 378. Alkiphr. 3, 60). Im Dienste der ery-
cinischen Venus auf Sicilien aber hat dasselbe
Institut sich bis in die Zeiten der Römer er-
halten, welche jenen Gottesdienst auch in die-
ser Hinsicht unter ihren mächtigen Schutz
nahmen“ {Strab. 6,-272. Hiod. 4, 83. Cie. in
Q. Gaec. div. 17. Vgl. Preller, gr. ML 1, 285.
Welcher, Götterl. 1, 670. 2, 712. Hermann,
Gottesd. Altert. 20, 16).
Dafs die orientalische Aphrodite überhaupt
als Göttin aller animalischen und vegeta-
tiven Fruchtbarkeit gedacht wurde, scheint
aus folgenden Thatsachen hervorzugehen. Auf
dem Eryx glaubte man, dafs die Göttin an je-
dem Morgen durch Tau und frischen Gras-
wuchs alle Spuren der auf ihrem unter freiem
Himmel errichteten Hauptaltare dargebrachten
Brandopfer wieder vertilge {Aelian N. A. 10,
50, vgl. Tue. II. 2, 3. Pervigil. Ven. 15). Da
der Tau , wie schon oben bemerkt , als eine
Wirkung des Mondes (oder Venussternes) be-
trachtet wurde und in den südlichen im Som-
mer fast ganz regenarmen Ländern das Ge-
deihen der Vegetation hauptsächlich vom Tau
abhängt , so kann man auch in diesen beiden
393 Aphrodite (orient.)
Zügen direkte Beziehungen zum Monde er-
blicken. Hierher gehört die Paphische Sitte
der Göttin Gärten zu heiligen ( A . leQoynqnU ;;
v. Baudissin a. a. 0. 2, 210) und die Rolle,
welche Astarte- Aphrodite im Mythos von Adonis
(s. d.) spielt. Die karthagische Virgo caelestis
galt sogar als Wetter- und Regengöttin ( plu -
viarum pollicitatrix Tert. Apol. 23) ; auf kartha-
gischen Kaisermünzen führt sie , auf einem
rennenden Löwen sitzend, in der Rechten den
Blitz, in der Linken die Lanze, während ,,ein
Fels neben ihr, aus welchem Wasser hervor-
quillt, an den Segen der Höhe erinnert, um
den sie in Karthago angegangen wurde“ ( Prel-
ler', R. M.3 2, 407). Diese Anschauung mag mit
dem im Altertum verbreiteten Gedanken Zu-
sammenhängen, dafs der Mond das Wetter
beeinflusse und Regen oder Sturm anzeige
[Verg. Geo. 1, 427 ff. Aratus Diosem. 4 6 ff. Plin.
n. h. 18, 35, 79. Vgl. Roscher, Hermes d. Wind- 2
gotti&u. 101). So erklärt sich wohl auch die
Auffassung der orientalischen Aphrodite als
Glücksgöttin (Fortuna Caeli; vgl. Preller , R.
M.s 2, 407. Gr. M.2 1, 281; — Ascliera = die
Glückliche, Beglückende: Herzogs II. 1, 723)
und die Bezeichnung des besten Wurfes im
Würfelspiel mit dem Namen der Aphrodite
[Becker ', Gallus 3, 329). Zugrunde liegt wohl
die Vorstellung, dafs die das Wetter beherr-
schenden Gottheiten auch das menschliche
Schicksal leiten (vgl. Roscher, Hermes 83 ff.
App ul. M. 11, 1).
3) Schon die orientalische Aphrodite scheint
ebenso wie die griechische deutliche Beziehun-
gen zum Wasser oder feuchten Element gehabt
zu haben. „Nach einer von Nigidius Figulus bei
Schol. German. Arat. v, 243 und Ampelius lih.
\mem. 2, S. 3, 35 W. erhaltenen Legende fan-
den die Fische ein grofses Ei im Euphrat,
welches sie ans Ufer schoben, wo es von einer
Taube ausgebrütet wurde. So sei, heifst es,
die syrische Venus entstanden, eine gute und
gnädige Göttin, welcher dm .Menschen sehr
viele Wohlthate'n verdanken.“ Überhaupt hiel-
ten einige diese Göttin für das feuchte Prinzip
in allen natürlichen und für das gute in allen
menschlichen Dingen ( Plutarch vita, Crassi 17).
Zu Hierapolis in Syrien war nach Lucian [de
dea Syr. 46 f.) ein heiliger Teich mit einem
Altar in der Mitte, zu welchem täglich viele;
hinzuschwammen, um ihn zu bekränzen; an
dem Teiche wurde ein Fest gefeiert, bei wel-
chem man die Götterbilder ans Wasser trug.
Wie in Hierapolis Hauptgottheit die Atargatis
(= Astarte) war , so hatte auch die in dem
philistäischen Askalon verehrte Derketo (=
Atargatis) einen grofsen und tiefen See in der
Nähe ihres Tempels; dieser See war wie der
von Hierapolis voller Fische ( Diod . Sic. 2, 4,
2. Aelian. h. n. 12, 2). In diesen See sollte i
nach einer späteren euhemeristischen Erzäh-
lung Derketo sich gestürzt haben; sie wurde
bis auf das Antlitz in einen Fisch verwandelt.
Nach einer andern Angabe hatte ein Fisch die
Derketo aus einem See gerettet oder sie war
mit ihrem Sohne in den See bei Aska-
’on versenkt worden zur Strafe für ihren Über-
mut. Auf den Kult der Derketo gehen auch
Aphrodite (orient.) 394
zurück die abendländischen Erzählungen von
Aphrodite oder Diana, welche mit ihrem Sohne
Eros sich ins Wasser (den Euphrat) gestürzt
habe und in einen Fisch verwandelt worden
sei (s. die von v. Baudissin in Herzog-Plitt,
Realenc. unter Atargatis gesammelten Belege
und aufserdem denselben in Studien etc. 2,
165. Preller, Ii. M.3 2, 396ff.).
Den Grund für alle diese Vorstellungen
i müssen wir wieder in der ursprünglichen Mond-
bedeutung der orientalischen Aphrodite er-
blicken ; denn der Mond galt vielfach als Tau-
spender und Prinzip lebenschaffender Feuch-
tigkeit (v. Baudissin a. a. 0. 2, 151 ff. Roscher,
Juno und Hera S. 17 , Anm. 12). Auch der
wahrscheinlich phönizische Mythus von der
Geburt der Aphrodite aus dem Meere, sowie
die der Aphrodite svnloi-ce , nsluyia zugrunde
liegende Vorstellung gehört wohl hierher (vgl.
namentlich die schöne Legende vom Polychar-
mos b. Athen. 675 f. u. Achill. Tat. 1, 1, 2).
Den schon frühzeitig weite Seefahrten unter-
nehmenden Phöniziern wird die Wichtigkeit
der Gestirne für die Orientierung auf dem
Meere und der Einflufs des Mondes auf Ebbe
und Flut ebenso wenig wie den Griechen ent-
gangen sein (vgl. Arist. de mu. 4. de mirab.
ausc. 55. Plin. n.'h. 2, 212). Auch die in der
semitischen wie in der griechischen Mytholo-
gie vorkommende Vorstellung, dafs der Mond
ebenso wie die Sonne und die Sterne aus dem
Meere (Okeanos) aufsteige, mag jenen Ideen
mit zugrunde liegen (vgl. v. Baudissin, Stud.
2, 183f. Preller, gr. Myth.2 1, 340. 347. 1).
4) Wie aus dem neuerdings so berühmt ge-
wordenen von Oppert und Schräder [Höllenfahrt
d. Istar. 1874; vgl. Delitzsch in G. Smiths
Chalcl. Genesis, deutsche Ausg. 1876. S. 203 u.
313) behandelten Hymnus auf die Istar, sowie
aus dem Mythus von Adonis (s. oben S. 72)
hervorgeht, gab es eine Sage, wonach die orien-
talische Aphrodite in die Unterwelt oder das
Totenreich hinabsteigend gedacht wurde.
Vielleicht hängt damit die Thatsache zusam-
men, dafs auf Cypern das Grab der Aphrodite
gezeigt wurde [Preller, gr. MJ 1, 275). Wahr-
scheinlich erklärt sich diese Vorstellung aus dem
zeitweiligen spurlosen Verschwinden des Mon-
des an den Tagen des Mondwechsels und bei
Verfinsterungen, die auf alle Naturvölker einen
Entsetzep erregenden Eindruck zu machen
pflegen.
5) . Mehrfach, z. B. in Cypern, Babylo-
nien und Karthago stellte man sich Aphro-
dite (Astarte) mit einer Lanze oder einem
Blitze oder auch mit einem Köcher und Bogen
bewaffnet vor [Welcher, G. 1, 669f, Preller,
gr. MI 1, 267 f. , röm. 31. 3 2, 407 Fr. Delitzsch,
in Smiths Chald. Genesis, deutsche Ausgabe
(1876) S. 272. v. Baudissin in Herzog-Plitt,
Realenc. f. prot. Theol. 1 , 721. Vgl. 1. Sam.
31, 10). Das erklärt sich ebenso wie die Be-
waffnung der Artemis, Diana und des Apollon
einfach aus dem nahe liegenden Vergleiche
der Mond- und Sonnenstrahlen mit Pfeilen oder
Lanzen, sowie aus dem oben berührten Einflüsse
auf das Wetter, welchen man dem Monde zu-
schrieb (vgl. Roscher, Juno u. Hera 29).
395
Aphrodite (in Hellas)
6) Kultu s. Im Kultus waren der orientali-
schen Aphrodite von Tieren der Widder, der Zie-
genbock (s. S. 419), das Rebhuhn, die Taube (S.
409), die Purpurmuschel und gewisse Fische,
von Pflanzen die Cypresse, Myrte und Granate
geheiligt ( Duncker , Gesell, d. Alt.3 l,-348f. Prel-
ler, gr. M ,s 1, 290ff. Welcher, G. 2, 716. v.
Baudissin, Stud. 2, 181 f. 192. 197. 199. 208 ff.).
Die Taube galt im Altertum bekanntlich für
das fruchtbarste und zärtlichste Geschöpf (s.
Lenz, Zoologie d. Gr. u. E. 351 ff.). Die an-
geführten Pflanzen dagegen wurden zur Be-
reitung von Arzneien, welche Störungen der
menschlichen Fruchtbarkeit heilen sollten, ge-
braucht (Plin. n. h. 23, 107 ff. 28, 102. 24,
14ff. 23, 160ff.). Zu Paphos scheint man auch
vom Himmel gefallene S.teine (Meteorsteine)
der Aphrodite geweiht zu haben ; wenigstens
zeigen kyprische Münzen einen von Leuchtern
und Fackeln umgebenen pyramiden- oder kegel- 2(
förmigen Stein (s. unten S. 407 u. vgl. Preller Gr.
AI.2 1, 291), den v. Baudissin (St. 2, 220) ge-
wifs mit Recht als einen nach dem Glauben der
Alten aus dem Monde gefallenen Meteorstein
ansieht. Endlich scheint Aphrodite schon bei
den Phönikern hie und da auf Bergen verehrt
worden zu sein (v. Baudissin , Stud. 2, 262).
Vgl. in betreff der orientalis'chen Aphrodite na-
mentlich den Artikel Astarte , ferner Movers,
Phon. 1, 559ff. 601 ff. Stark, Gaza 258ff. v.Bau- 3'
dissin bei Herzog- Plitt, Encyclop. 1, 719ff. (wo-
selbst S. 725 eine reichhaltige Litteraturüber-
sicht gegeben ist) , Sclilottmann bei Eiehm,
Handwörterb. unter Astarte. Duncker, Gesell,
d. Alt.3 1, 220, 348ff. Meitzer, Gesell, d. Kar-
thager 1, 129 u. 476.
b) Die orientalische Aphrodite bei
den Griechen.
Diese soeben in ihren wesentlichsten Funk-
tionen behandelte orientalische Göttin hat be- 4
reits in so früher Zeit bei den .Griechen Ein-
gang gefunden und ist von diesen in dem
Grade hellenisiert worden , dafs sie schon in
den homerischen Gedichten fast ganz den Ein-
druck einer echtgriechischen Gottheit macht.
Dennoch war in homerischer Zeit das Be-
wufstsein von der ausländischen Abkunft der
Göttin noch keineswegs erstorben, wie schon
aus den Namen und Beinamen Kvngig (II. 5,
330. 422. 760. 883), Kvngoysvrig, Kvngoysvsia 5
(Hesiod. Th. 199. Panyasis b. Athen. 2, 3), Ku-
nglet (Find. Oh 1, 75. N. 8, 7) und aus der
besonderen Hervorhebung ihres Kultus zu Pa-
phos (Od. 8, 362. Hy. in Ven. 58, 59, 66, 292)
erhellt, wovon sie auch geradezu IhxepCcc hiefs.
Ein zweiter Hauptausgangspunkt ihres Dien-
stes war die Insel Kythera (Kv&yga u. Kv&rj-
grj), ebenfalls eine schon sehr frühzeitig wegen
der daselbst ergiebigen Purpurschneckenfische-
rei gegründete Kolonie der Phöniker (Bur- (
sian, Geogr. v. Gr. 2, 140), von der die Göt-
tin schon bei Homer den Namen Kv&sqsux
führt (Od. 8, 288. 18, 193. Vgl. II. 15, 432.
Hom. II. 10, 1). Teils von diesen beiden In-
seln , teils von anderen schon in ältester Zeit
in Hellas gegründeten phönikischen Kolonieen
aus scheint sich bereits in vorhomerischer Zeit
der Aphroditekultus über ganz Hellas nach
Aphrodite (Mondgöttin) 396
Lemnos , Lesbos, Böotien, dem Peloponnes,
nach Korinth u. s. w. verbreitet zu haben,
während die westlichen Ivolouieen Griechen-
lands in Italien und Sicilien vorzugsweise von
den punischen Niederlassungen daselbst be-
einflufst wurden. Die berühmtesten Kulte der
karthagischen Astarte befanden sich bekannt-
lich in Karthago selbst, in Panormos und auf
dem Eryx (Aphrodite ’Egvxlvw, Venus Erycina).
Vgl. über die Verbreitung des Aphroditekultus
in Griechenland Preller, gr. M.2 1, 260f. Ger-
hard, Mytliol. § 360 ff. Scheiffele in Paulys Bedi-
ene. 6, 2, 2452. Wir wenden uns nunmehr zu
den Funktionen der hellenisierten Aphro-
dite, welche wir im genauen Anschlufs an
die im vorigen Abschnitt nachgewiesenen j
Grundideen der orientalischen Göttin behan-
deln wollen.
1) Von direkten Bezügen der Aphrodite zum
Monde lassen sich in der griechischen Mytho-
logie nur verhältnismäfsig wenige nachweisen.
Der Grund davon ist wohl in folgenden beiden
Thatsachen zu suchen, erstens dafs die Grie-
chen, als sie die orientalische Aphrodite ken-
nen lernten , bereits mehrere Mondgöttinnen
(Hekate , Artemis , Selene) besafsen und zwei- -
tens, dafs die ursprüngliche Bedeutung dev
Aphrodite schon im Oriente selbst so sehr ver-l /,
blafst war, dafs sie hinter den übrigen Funk- 1
tionen notwendiger Weise stark zurücktreten I
mufste. Eine deutliche Beziehung zum Monde i
dürfte zunächst in den Beinamen naoicpdeoGu
Tcacicpäg, nccoicpctrjg (Arist. Mirab. 133. Io t
Lyd. de mens. 44 p. 214 R. Man. 3, 346 R. ; vgl
auch Paus. 3, 26, 1) zu erblicken sein, zuma)
da nayepagg, naßicparig auch von dem Sonnen
gott Helios, der Mondgöttin Artemis und vor
den Sternen gebraucht wird. Ferner gehört, (■
unzweifelhaft der schöne sinnige, vielleicht
auch ursprünglich phönikische Mythus vor
Phaetlion (s. d. und vgl. v. Wilamowitz in
Hermes 1883 S. 416 ff.), dem schönen jugend- <
liehen Sohne der Eos (Hemera) und des Kepha
los, hierher, den Aphrodite seinen Eltern ent-
führt und zum nächtlichen Aufseher ihres fl
Tempels (d. i. des Himmels) gemacht hat (Hes
Th. 986 ff'. Ders. b. Paus. 1, 3, 1, wo Aphro
clite ausgefallen ist. Hyg. A. 2 , 42). Da I
unter Phaetlion zweifellos der Venusstern za
i verstehen ist, welcher neben dem Monde
am Himmel als leuchtendstes Gestirn zt
stehen pflegt, so wird man auch hierin eint
direkte Beziehung zum Monde erblicken dür-
fen. Übrigens hiefs derselbe Stern nach Arist
de mu. 2. Tim. Locr. 96 e. Plotin. p. 64‘.
Ox. auch ’AcggoSirgg oder r’Hgug dazyg ; mai
hielt ihn ebenso wie den Mond für tauspen-
dend und befruchtend (Plin. n. li. 2, 37. V erg \
Aen. 8, 589. Anthol. lat. 1023, 11. 17. 1167
i 7) und betrachtete seinen Aufgang als da:
Signal zu Vermählungen und Liebeszusammen
künften (vgl. Anthol. gr. cd. Br. 3, 75, 13. 3
113, 9. Sapph. fr. 133B. Bion. 9. Gatull. 62
Himer, or. 13, 9. V erg. cd. 8, 30 u. Serv. z
d. St. Fest. s. v.j oatrimi). Dieser Stern schein
_ schon im Mythus der orientalischen Aphrodite
eine bedeutende Rolle gespielt zu haben. Auel
die Beinamen ’Aßzegict (Grameri Anecd. Paris
397 Aphrodite (G. d. Fruchtbarkeit)
1, 318. Welcher, G. 1, 073) und Ovoaviu wird
man wohl am besten auf die Mondgöttin
Aphrodite beziehen. Letzterer dürfte, wie schon
oben angedeutet wurde, ursprünglich nur die
' Übersetzung eines phönikischen Namens sein
(vgl. die Himmelskönigin bei Jeremias und die
Virgo caelestis in Karthago). Auf Grund des
Namens Urania entwickelte sich wahrschein-
lich der Mythus von der Entstehung der Aphro-
dite aus den ins Meer gefallenen Schamteilen
des Uranos ( Hes . Theog. 190) oder von ihrer
Abstammung von Caelus und Hemera (Cic. N.
B. 3, 59).
2) Aufserordentlicli reich entwickelt ist im
Mythus der griechischen Göttin die Funktion
einer Förderin der weiblichen und überhaupt
aller animalischen und vegetativen
Fruchtb a r k e i t , wie sie sich vorzugsweise in
der schönsten Zeit des Jahres , im Frühlinge
äufsert. Am schönsten schildert das Wesen
dieser Frühlingsgöttin der Homerische Hym-
nus auf Aphrodite (5, 3 ff. u. 09 ff). Hier er-
scheint sie als eine alles Lebendige in Luft
und Wasser, Menschen und Tiere, ja sogar die
Götter beherrschende Göttin, welcher, als sie
ihren geliebten Ancliises auf dem Ida besucht,
Wölfe, Löwen und Panther paarweise huldi-
gen , alle dem süfsen Triebe der Liebe fol-
gend. Denn die Liebe ist in diesem Mythus
im Grunde nichts anderes als der auf Frucht-
barkeit gerichtete Trieb der Menschen , Tiere
und Pflanzen. Alles Treiben und Werden, so-
wohl der vegetativen, als der animalischen
Natur legt Aphrodite sich bei in Versen aus
den Danaiden des Aiscliylos (fr. 43 cd. N.),
die so sinnreich und schön sind, dafs ich nicht
umhin kann sie hierherzusetzen:
sqü glv ayvog ovgavbg zQcaGcu x&ova,
SQag de yaiav lagßdvsi ydfiov zv%siv,
bfißgog d an svvdsvzog ovQctvov nsaaiv
t'y.vcs yaiav r\ dl zinzszai ßgozoig
(irjlcov zs ßoGv.ag Hat ßiov ArjugzQiov
äsvdQcözig copa d’ 7h voxi^ovxog yagov
zsksibg tazi. rav d’ eycb nagaiziog.
Ähnlich feiert Lukrez in den begeisterten
(Eingangsworten seines philosophischen Gedich-
tes die Macht der grofsen Liebesgöttin im Be-
reiche der ganzen organischen Natur (cpvGig),
und viele -andere Dichter sind ihm gefolgt
von Vergil und Ovid an bis herab zu den
Orphikern (vgl. die Stellen b. Preller 1, 204
u. Welclcer, G. 2, VOOff). Aber bereits die
älteren Dichter und Philosophen, namentlich
Hesiod, Parmenides und Empedokles, hatten die
allgewaltige Göttin gepriesen, die fruchtbare
Liebesgöttin, der schon beim ersten Betreten
des festen Bodens , bald nach ihrem Empor-
tauchen aus dem Meere, üppiges Gras unter
den Füfsen emporspröfst (lies. Th. 194. Ath.
600. Plat. Symp. 178 B). „In einem Chorliede
der Medeia des Euripides haucht Aphrodite,
aus des Kephissos Wellen schöpfend, die Flur
an mit lieblicher Lüfte sanft gemischtem We-
hen, mit Rosen im Haar geschmückt, zugleich
aber hier aussendend die der Weisheit gesell-
ten zu allerlei Tugend wirkenden Eroten ( Eit-
rip. Med. 830 ff). Und im Hippolyt (447) _ sagt
Euripides von ihr: sie wallt durch den Äther
Aphrodite (G. d. Fruchtbarkeit) 398
und in den Meereswogen, alles entsteht durch
sie, sie ist es, welche säet und welche Liebe
eingiebt.“ Auf die Göttin der vegetativen
Fruchtbarkeit beziehen sich wohl die Beina-
men £slöa>Qog, riniodcoQog, svxagnog und dcüQi-
zig. Aphrodite ist ferner „die Göttin der Gär-
ten, der Blumen, der Lusthaine, die reizende
Göttin des Frühlings und der Frühlingslüfte.“
Ihr war besonders der Frühling geweiht ; zur
Nachtzeit bei Mondenschein dachte man sie
sich im Frühling ihren Reigen anführend
(Hör. ca. 1, 4, 5); ihre vornehmsten Feste
scheinen Frühlingsfeste gewesen zu sein (K. Fr.
Hermann, Gottesd. A. 52, 30). Man verehrte
Aphrodite häufig in Gärten und feuchten,
üppige Vegetation erzeugenden Niederungen
gleich Artemis und den Nymphen. So hiefs
sie in Paphos iSQO-/.rjitig ; in Athen ist von ei-
ner Urania sv nrinoig , zu Samos von einer
Aphrodite sv naldgoig oder sv slsi die Rede
(vgl. Strab. 8, 343. Athen. 13, 31). „Anders-
wo wurde sie im Schmucke der Blumen als
av&sia verehrt ( Preller 2 1, 271, 2), und immer
ist sie mit Blumen bekränzt , die durch sie
gedeihen und blühen, vor allen mit Myrten
und Rosen, den Blumen der schönsten Jahres-
zeit.“ Ein überaus häufiges Attribut der Aphro-
dite in der älteren Kunst ist die Blüte (s. un-
ten Aphrodite in der Kunst). Eine ganz be-
sonders innige Beziehung der Aphrodite zur
Vegetation des Frühlings verrät der schöne
tiefsinnige Mythus von Adonis (s. d.). Wenn
ferner die Horen häufig der Aphrodite ge-
sellt erscheinen, z. B. zu Olympia (Paus. 5,
15, 3. Hom. hg. 6, 5), so deutet dies eben-
falls auf Aphrodites Beziehungen zum Früh-
ling und zur Fruchtbarkeit der Vegetation hin.
„Stasinos aus Cypern läfst der Aphrodite, die
auf dem Ida für Paris sich schmückt, die Ho-
ren und die Chariten farbige Kleider anlegen,
getaucht in die Fülle der Frühlingsblumen und
vom Dufte sämtlicher Horen durchhaucht. An
einer andern Stelle des reizenden Gedichts
winden Aphrodite und ihre Dienerinnen, Nym-
phen und Chariten , duftige Kränze aus den
Blumen der Erde unter schönem Gesang im
quellenreichen Gebirge des Ida“ (vgl. Epic. gr.
fr. ed. Kinkel p. 22 f.).
Aber nicht blofs die vegetative, sondern auch
die animalische Fruchtbarkeit und der
mit dieser zusammenhängende Gesell lechts-
trieb wurde auf die Aphrodite zurückgeführt,
wie dies in den schon angeführten herrlichen
Versen des homerischen Hymnus, sowie in dem
HesiodischenMytlius von der cpdoggriär'ig Aphro-
dite (Hes. Th. 200) angedeutet ist. Darum
waren der Aphrodite besonders die durch star-
ken Geschlechtstrieb und Fortpflanzungsfähig-
keit ausgezeichneten Tiere, wie die Taube, die
Gans, das Rebhuhn, der Sperling, der Ziegen-
bock , der Widder , das Kaninchen und der
Hase (s. d. Bild S. 399) geheiligt (vgl. Wel-
cher, G. 2, 710 ff. Preller, gr. M." 1, 290f. und
die betr. Stellen in Lenz, Zoologie d. Gr. u.
Börner. Gotha 1856).
Bei den Menschen lieifst der Fortpflanzungs-
trieb, der das Band der Ehe knüpft, Liebe,
und darum ist Aphrodite zur Liebes - und Ehe-
390
Aphrodite (G. d. Liebe)
göttin geworden. Sehr schön sagt Welcher,
G. 2, 709: „Beides geht von ihr aus, alles
Zauberische, Glückliche, Quälende, wodurch
der von Lieblichkeit ergriffene Sinn und aller
Drang des Verlangens der Geniefsliclikeit und
mehr als tierischen Begehrlichkeit , wodurch
die Sinne gereizt und entflammt werden. Sie
Aphrodite (G. d. Liebe)
400
Altertümliche Aphrodite auf e. Throne sitzend, unter
dem ein Hase (Kaninchen?) liegt. Relief d. Villa
Albani (Müller- Wieseler , D. a. K. 2, Tf. 24 n. 257).
reicht von den unschuldigsten reizendsten Be-
thörungen und Gaukeleien zu den innigsten und
heiligsten Banden unter Menschen, zu himm-
lischen Gefühlen und Ahnungen hinauf und zu
dem blofsen Tier im Menschen und tief da-
runter hinab.“ Die edlere, reinere Liebe, welche
zur Vollendung in der Ehe (zslog Q'cdeQOio ya-
[ioio) führt, vertritt vorzugsweise Aphrodite
OvQccvea, den gemeinen rein sinnlichen Trieb
aber die Aphrodite ndvdryiog. Diese Unter-
scheidung scheint schon einer ziemlich frühen
Zeit anzugehören, da mehr-fach, z. B. in The-
ben und in Athen, die Ovqccvlcc der Hccrdryiog
als eine erhabenere , edlere Göttin ausdrück-
lich gegenüber gestellt wird (vgl. Paus. 9, 16,
2. Xen. Symp. 8, 9. Welcher, G. 1, 672ff.),
welcher Gegensatz namentlich von Platon
(Symp. 180 D. und Hug z. d. St.) besonders
betont worden ist. Für wie ehrwürdig z. B.
die Aphrodite Ovqccvlcc in Athen galt, geht
aus ihrer Benennung „älteste der Moiren“ deut-
lich hervor (Paus. 1, 19, 2. Vgl. Orph. hy. 55).
Ein anderer Beiname dieser Aphrodite war
’Olvyniu. Sie wurde als solche in Sparta und
Sikyon verehrt, und ihre Priesterinnen mufsten
sich der gröfsten Keuschheit befleifsigen (Paus.
3, 12, 9. 2, 10, 4). Urania spendet Eheglück
nach einem schönen Epigramme Tlieokrits (13).
Als in Rom ein Bild der Venus nach den grie-
chischen Sibyllinen eingeweiht wurde, wählte
man dazu aus hundert erlesenen Matronen die
Sulpicia aus (Plin. 7, 35). Pheidias bildete die
Urania mit einer Schildkröte unter dem Fufse
ab, weil dieses Tier ein Symbol der Häuslich-
keit war (Paus. 6, 25, 2. Plut. pr. coni. 32.
Preller, gr. M.~ 1, 268, 1). Nach Artemidor
2, 37 ist Aphrodite Urania eine Helferin zur
Ehe (vgl. auch II. 5, 429) und eine Göttin des
Kindersegens; sie wurde bei allen Vermählun-
gen angerufen (Diod. 5, 73. Paus. 2, 34, 11.
3 , 13 , 6. Muson. b. Stob. Flor. 67 , 20 ; vgl.
auch Empedolcl. v. 205. lies. s. v. Qcddywv
dvaaaa) und wachte über der Erfüllung von
Eheversprechen , wie aus der Geschichte von
Ktesylla und Hermochares (s. d.) oder von Ky-
dippe und Akontios (s. d.) hervorgeht (vgl. An-
ton. Lib. 1. Ovid. Her. 21. Buttmann, Mythol.
io 2, 115 ff'.)- Die hierher gehörigen Beinamen der
Göttin sind Aphrodite Hera (in Sparta: Paus.
з, 13,6), Harma (zu Delphi: Plut. Amat. 23, 7,
von uQyo^SLv), Kurotrophos (in Athen: Plato b.
Athen. 10, 58. Sophokles ib. 13, 61. Brunch,
Anal. 2, 383) und Kolias oder Genetyllis, welche
letztere, wie schon der Name lehrt, eine Ge-
burtsgöttin war (vgl. Ar. Nab. 52 u. Scliol.
Lys. 2. Hesych. Suid. Paus. 1, 1, 4. Welcher,
G. 2, 713, 69 etc.). Dafs die Funktion der
20 Aphrodite Kurotrophos uralt ist, erhellt schon
aus der Geschichte von den Töchtern des
Pandareos, welche Od. 20, 67 ff', erzählt ist.
Übrigens lassen sich alle diese Funktionen
auch bei anderen Mondgöttinnen, z. B. bei
Hera und Artemis nachweisen. (Roscher, Juno
и. Hera 51 ff'.).
Im engsten Zusammenhänge mit diesen Vor-
stellungen steht es, wenn Aphrodite als Göttin
der Liebe und ihrer Genüsse, als eine Her-
30 rin über die Herzen sowohl der Menschen als
der Götter gilt, die imstande ist Abneigung
oder Zuneigung einzuflöfsen, wie dies nament-
lich aus ihren Beinamen ccyioGzgocpüx und sm-
GzQocpia (Paus. 1, 40, 5; 9, 16, 2) hervorgeht.
Schon Homer betont diese Seite im Charakter
der Aphrodite, wenn sie (II. 14, 215) von ihrem
buntgestickten Busengurt redet , worin alle
ihre Bezauberungsmittel sind, cpdö zyg, eysgog,
otxgiGzvg, nagqxxGig (vgl. auch Hes. Th. 205 ff),
40 oder wenn er (ib. 198) die Hera sie um die
Gabe der Liebe anflehen läfst, womit sie Göt-
ter und Menschen zu bezwingen weifs. Ihren
Lieblingen wie Paris (II. 3, 54), Kinyras, Ai-
neias, Phaon (s. diese
Art.) verleiht sie die
Gabe zauberischer
Schönheit und ver-
führerischerLiebens-
würdigkeit, während
so die Frauen die Macht
der Aphrodite vor-
zugsweise als eine
verderbliche empfin-
den, indem sie durch
sie von unglücklicher
Liebesleidenschaft
heimgesucht werden
(vgl. die Mythen von
Helena, Ariadne, Me-
60 deia, Pasiphae, Phai-
dra und andere von
Preller, gr. MJ 1,
283 f. angeführte Sa-
gen). Auch die Er-
findung des Liebes-
zaubers wurde der Aphrodite zugeschrieben,
wie aus den Sagen von Iason (Pincl. Py. 4,
215 ff.) und von Phaon (s. d.) erhellt.
Aphroditebüste im Louvre
(Paris): vgl. Müller- Wieseler, D.
a. K. 2, Tf. 24 No. 256.
401 Aphrodite (G. d. Schönheit) Aphrodite (G. d. Meeres etc.) 402
Natürlich mufste eine solche Göttin, welche
Schönheit und Liebreiz zu spenden vermag, auch
selbst als ein Ideal aller weiblichen An-
mut und Schönheit gedacht werden (in betr.
der Schönheit d. M o n d göttin s. Roscher, Stucl. 2,
36). Darum preist schon Homerihr süfses Lächeln
(cpdoggeiörig II. 3, 424. 4,10. 5, 375 u. ö.), ihren
wunderschönen Hals, ihre reizende Brust, ihre
strahlenden Augen (II. 3 , 396) , ihre weifsen
Arme (5, 314), und spätere Dichter überbieten
sich förmlich in der üppigen Ausmalung ihres
Bildes, wobei sogar die feinsten Details ihrer
Toilette nicht vergessen werden (vgl. Rom. hy.
in Ven. 86. hy. 6, 7 — 11. Od. 18, 192 und über-
haupt die schöne Darstellung Prellers, gr. M.-
1, 277f.), Wenn ein schönes Weib geschildert
werden soll, so wird sie mit Aphrodite vergli-
chen (II. 9, 389. 24, 699. Od, 4, 14. 17, 37 ö.).
Die Anmut der Göttin liegt auch in dem schö-
nen Mythus von ihrem Verhältnisse zu den
Chariten ausgesprochen, welche als ihre Die-
nerinnen gedacht werden (II. 5, 338. Od. 18,
194). Die hierher gehörigen Beinamen sind
MoQcpcö (Paus. 3, 15, 8), yXvuvgslXtxog, v.cdv-
nämg, sXiHoßXscpuQog, ßcacom'g (Hesych.), xQVGsg,
noh >xQvaog, xQVGoaticpcevog, svczecpavog u. s. w.
Hieran schliefst sich passend die Funktion
der Aphrodite als Göttin und Vorsteherin
I cler Hetären, welche, wie schon oben gezeigt
worden ist, bereits im Oriente vielfach die
Bolle von Hierodulen spielten, ursprünglich also
’ religiösen Zwecken dienten. In Korinth, wo
phönizischer Einflufs besonders deutlich wahr-
nehmbar ist, gab es zur Zeit der Blüte mehr
als tausend Hierodulen (Strabo 378); viele
reiche Männer setzten ihre Ehre darein , ihre
schönsten Sklavinnen der Korinthischen Aphro-
dite zu weihen. „Wie feierlich dieser Gebrauch
genommen wurde, zeigt ein Epigramm des Si-
monides und das Skolion des Pindar (fr. 99),
aufzuführen im Tempel der Aphrodite für Xe-
nophon , der ihr für den Sieg in Olympia
.• schöne Mädchen gelobt hatte, worin der Dich-
! ter nach einem Eingang zu Ehren eines sol-
1 chen Chors sich wundert, was die Herren des
Istlimos sagen werden zu diesem mit fgemein-
i samen Mädchen’ verknüpften Anfang“. In
Athen gründete Solon, in der Absicht das He-
tärenwesen zu ordnen, einen Tempel der Aphro-
dite Pandemos, d. i. der öffentlichen oder all-
gemeinen Liebesgöttin, und weihte derselben
eine Anzahl öffentlicher Mädchen, die hier wie
in Korinth sich, wie es scheint, jedem, der es
wünschte, zur Verfügung stellen mufsten (vgl.
Welcher, G. 1, 672. 2, 712 f. Preller, gr. M.°
1, 288, 1. K. F. Hermann, GotteSd. Alt. 62, 45).
Aufserdem besafs Athen noch einen Tempel
der Aphrodite Hetaira, welcher, wie Apollodor
(b. Athen. 571c. Phot. Lex. s. v.) berichtet,
weibliche und männliche Hetären versammelte.
Derselbe Beiname kommt auch anderwärts,
z. B. zu Ephesos und Samos vor (Athen. 572 f.).
Zu Abydos gab es eine Aphrodite Porne (Athen.
ja. a. 0.). Noch andere hierher gehörige Kulte,
die zum Teil die widerwärtigsten Ausschwei-
fungen verraten, erwähnt Welcher, G. 2,
714 ff.
3) Wie schon die orientalische Aphro-
dite , so hatte auch die hellenische Göttin
die deutlichsten Beziehungen zum Wasser
oder zum Meere, was, wie schon erwähnt,
sich leicht aus ihrer ursprünglichen Mondbe-
deutung erklären läfst. Bereits Hesiod(Tli. 188ff.)
kennt denMythus von der Entstehung der Aphro-
dite aus dem Schaume, der sich im Meere um
das Zeugungsglied des Uranos bildete, als Kronos
dasselbe nach der Entmannung des Vaters her-
10 abgeschleudert hatte. Nach einer sehr ver-
breiteten Auffassung soll sogar der Name
Aphrodite auf diesen Mythus zurückweisen
(vgl. Res. Th. 195 ff. u. Plat. Krat. 406 C.),
während er in Wahrheit wohl aus dem Semi-
tischen zu erklären ist (Rommel in Fleckeisens
Jahrb. 125 (1882) Heft 3; vgl. jedoch 0. Gruppe
in d, Philol, Wochenschr. 1883 S. 1348). Auch
nach dem homerischen Hymnus auf Aphrodite (6,
3 ff.) wird sie im weichen Schaume durch die
20 Meereswoge vom Westwind nach Kypros getrie-
ben, wo sie die Horen aufnehmen und schmücken,
um sie zum Olymp emporzuführen. Bion nennt
Aphrodite darum ein Kind des Zeus und der
See (10, 1), und es gab Bildwerke, welche die
personifizierte See (Thalassa) darstellten , die
eben geborene Göttin auf dem Arme tragend
(Paus. 2, 1, 7). Auf zahlreichen Sarkophagen,
Gemmen und Münzen begleiten Tritonen uncl
Nereiden die Schaumgeborene durchs Meer
30 (Welcher, G. 2,706). Ihre hierauf bezüglichen
Beinamen sind EvtcXolk (berühmt geworden
durch die Knidische Statue des Praxiteles und
nach einem Epigramme der Anyte (A. 9, 144)
die den Schiffern günstige Fahrt verleihende
Aphrodite bezeichnend) , rcdyvca’a , neXayia
(— Venus marina), TIovtlu , At-gvgßia , quXog-
yLGzsiQcc (Anthol. 10,21,7), ’Avadvoysvr], dcpgo-
yevyg, OaXaGGÜx. Mit Bezug auf ihre Funktion
den Schiffern günstige Fahrt zu verleihen und
4o die See zu beruhigen scheinen ihr öfters Tem-
pel und Statuen am Meeresufer errichtet wor-
den zu sein (Brunch, Anal, 3, 205, 265). Die
Aphrodite Alvnäg, die göttliche Beschützerin
des Aineias (s. d.) -auf seinen Irrfahrten, dürfte
wohl am besten als Göttin des Meeres aufzuiässen
sein. Die der Meeresgöttin Aphrodite gehei-
ligten Tiere waren der Schwan und der Del-
phin (Ror. Ca. 4, 1, 10. Ovid. Met. 10, 708.
Welcher, G. 2, 717). Vgl. Welcher , G. 2, 705ff.
50 Preller , gr. MA 1, 263 f. u. 269 f.
4) Wie die orientalische Aphrodite, so
hatte auch die griechische Göttin wenigstens
eine deutliche Beziehung zum Totenreiche
oder zur Unterwelt. Es gab nämlich zu
Delphi ein Bild der Aphrodite STUXvpßCcc,
Tig'og 6 rovg tuxroLXoysvovg sni rccg x°hs uvcc-
■nalovvrcu (Flut. Q. Rom. 23). Die von Prel-
ler, gr. MA 1,275, 3 damit verglichene Aphro-
dite tvgßcoQvxog (Clern. Al. Protr. p. 24 S.)
60 gehört, wie Welcher, G. 2, 715 wahrscheinlich
gemacht hat, entschieden nicht hierher (vgl.
übrigens Gerhard , Archäol. Nachl. aus Rom.
S. 121 ff). Wahrscheinlich hängt jener Del-
phische Kult mit der schon oben besproche-
nen orientalischen Vorstellung zusammen, dafs
die Göttin der Fruchtbarkeit und des Mondes
im Winter, also in der unfruchtbaren Jahres-
zeit, oder an den Tagen des Mondwechsels so-
403
Aphrodite (bewaffnet)
Aphrodite (Kultus etc.)
404
wie bei Mondfinsternissen , in die Unterwelt
hinabsteige, wie man denn in Cypern ihr eige-
nes Grab zeigte, so gut als das des Zeus auf
Aphrodite v. Melos (Louvre in Paris); vgl. S. 414,
Z. 56 ff.
Kreta ( Preller , gr. M.2 1, 275. Anders Wel-
cher, G. 2, 716).
5) Wenn Aphrodite mehrfach alseine krie-
gerische Göttin gefafst und demnach be-
waffnet (S. 408) dargestellt wurde, so ist hierbei
sicherlich an eine Übertragung altorientalischer
V orstellungen und Kulte zu denken (s. oben S. 394)
So findet sich eine bewaffnete Aphrodite nicht
blofs in Cypern (Hesych. I'y^sio« ’A.) , in Ky-
thera (Paus. 3, 23, 1) und auf Akrokorinth
(Paus. 2, 5, 1), an welchen Orten orientali-
scher Einflufs deutlich nachweisbar ist, son-
dern auch in Sparta (Paus. 3, 15, 8; vgl. auch
G. I. Gr. 1444. ’Acpg, svonhoc;) und sonst
io (Mionnet 3, 231 ff.). Die Anthologie enthält
mehrere auf eine mit Helm und Speer be-
waffnete Aphrodite gehende Epigramme (An-
thol. gr. 2, S. 677 ff. cd. Jacobs). So erklären
sich zugleich ihre Beinamen ’Aqslu und vLy.y-
cpoQog; zweifelhaft erscheint, ob, wie Welcher
vermutet (Götterl. 1, 669), auch die häufig vor-
kommende Verbindung der Aphrodite mit Ares
auf die Idee einer bewaffneten Göttin zurück-
zuführen ist (vgl. Welcher , Götterl. 1 , 669. 2,
20 708. Preller, gr. Myth.2 1, 267 f. und dagegen
die gründliche Untersuchung von Tümpel,
Ares und Aphrodite. Leipz. 1880).
6) Kultus der helleni sierten Aphro-
dite. Was zunächst die der Aphrodite heiligen
Tiere und Pflanzen betrifft, so sind aufser den
schon oben (S. 395) bei der Besprechung der
orientalischen Göttin aufgeführten noch zu er-
wähnen von Tieren: der Sperling als Symbol der
Fruchtbarkeit (Sapph. fr. 1 cd. B., vgl. Paul.
30 p. 312), der Wendehals, der als Liebeszauber
eine Holle spielte (Find. Pyth. 4, 215 ff. Schal.
Theohr. 2, 17), der Schwan (Hör. ca. 4, 1, 10.
Stat. Silv. 1, 2, 142. 3, 4, 22. Preller 1, 291)
und der Delphin, welche der Aphrodite Pela-
gia heilig gewesen zu sein scheinen, der Hase
oder das Kaninchen wegen ihrer Fruchtbarkeit
(Welcher, Götterl. 2, 717), endlich die Schild-
kröte (s. oben S. 399), von Pflanzen: die Rose
(Bion id. 1, 74), der Mohn und die Linde (Hör.
40 ca. 1, 38, 2. Paus. 2, 10, 4. Cornut. 24). Der
Planet Venus hiefs ’AcpQo8(xr]q daxyg oder ilqpgo-
Si't y, was wohl auf orientalischen Ursprung
liinweist (Plat. Epin. 987 b. Tim. Locr. 97 a.
S. Emp. adv. math. 5, 29 etc.). Hinsichtlich
der weiten Verbreitung des Kultus der Aphro-
dite ist auf die Zusammenstellungen bei Ger-
hard, Mythol. 1 S. 380 ff. und bei Schümann,
gr. Alt.2 2 S. 496 zu verweisen. Die Feste
der Aphrodite hiefsen ’ArygoScaicc. Davon hatte
50 wahrscheinlich der Monat ’AcpgoÖioiog seinen
Kamen erhalten, dem wir in den Kalendern
von Bithynien, Cypern und Iasos begegnen.
Auf Cypern entspricht dieser Monat ungefäh
unserem Oktober (K. Fr. Hermann, gr. Mo
natshunde S. 48). Mehr b. Gerhard a. a. O
§ 374 ff. u. 377 ff Paidy Bealenc. 6, 2, 2458
c) Spuren einer echtgriechischen Göt
tin, welche schon sehr frühzeitig mit de
orientalischen Aphrodite verschmol
zen wurde. Wie wir soeben gezeigt haben,
lassen sich bei weitem die meisten V orstellun-
gen, welche der Grieche an den Namen der
Aphrodite zu knüpfen pflegte, ohne weiteres auf
die orientalische Aphrodite (Astarte) zurückfüh-
ren. Etwas anders steht es mit einigen wenigen
nunmehr zu besprechenden Zügen, welche echt-
griechisches Gepräge tragen und sich am
besten durch die Annahme einer althellenischen,
405 Aphrodite (= Hebe u. Charis?)
wegen der Ähnlichkeit ihres Wesens schon
sehr frühzeitig mit der orientalischen Aphro-
dite identifizierten Göttin erklären dürften.
Diese nicht leicht aus orientalischem Mythus und
Kultus erklärbaren Züge sind, die Beziehungen,
welche Aphrodite zu echtgriechischen Gottheiten
wie Zeus, Dione, Hephaistos, sowie zum Ares
hatte. Die schon sehr früh bezeugte Sage von
der Abstammung der Aphrodite von Zeus und
Dione ( Hom . II. 20, 107. 5, 371) läfst mit io
ziemlicher Sicherheit auf eine Vermischung von
Aphrodite und Hebe , der Tochter des Zeus
und der Hera, schliefsen, wenn man bedenkt,
dafs Dione (= Inno) der epirotische Name der
Hera war ( Apollod . b. Scliol. z. Od. 3, 91), und
dafs sich eine wirklich auffallende Wesens-
gleichheit der Aphrodite und Hebe in mehre-
ren Zügen nackweisen läfst, die wir für uralte
halten dürfen ( Roscher , Juno u. Hera S. 26).
Ähnliches gilt auch von
Aphrodites Ehe mit He-
phaistos (Od. 8, 270; vgl.
auch Welcher , Götterl.
2, 707), als dessen Ge-
mahlin in der Ilias (18,
383) Charis (s. d ), die
personifizierte Anmut,
eine ebenfalls der Aphro-
dite vielfach wesens-
gleiche Göttin, genannt
wird. Wahrscheinlich
ist in diesem Falle die
Verbindung des kunst-
sinnigen Göttersclnnie-
des mit Charis das Ur-
sprüngliche und Hepha-
istos’ Ehe mit Aphrodite
nur die Folge einer Ver-
schmelzung der we-
sensgleichen Göttinnen.
Auch der Mythus von
dem mütterlichen Ver-
; hältnis der Aphrodite zu
I Eros ist vielleicht eclit-
i griechischen Ursprungs,
, aber erst nach Hesiod
| entstanden , als Aphro-
! dite schon völlig lielle-
nisiert und zur weibli-
- chen Personifikation der
Liebe geworden war
(vgl. Hesiod. Th. 120.
Platon. Symp. 178 B).
Wenn endlich Aphrodite nach Hesiod die Gat-
tin des Ares, mit dem sie Pliobos, Deimos
und Harmonia zeugte (Theog. 933 ff.), gewesen
sein soll, so ist dieser Mythus wohl derselben
dichterischen Spekulation entsprungen , die
| später in dem philosophischen Mythus des
Empedokles von Philia und Neikos (Liebe und eo
Hals) einen Ausdruck gefunden hat (vgl. übri-
i gens Welcher, Götterl. 1, 069. 2, 707 1'.). Als
S derjenige Ort, wo diese Sage vorzugsweise
j heimisch war, wird uns Theben genannt ( Wel-
! eher a. a. O.).
Litteratur: Manso, Mythol. Versuche 1794,
S. 1 — 308. Creuzer, Symb. 2, 461 ff. 3, 201 ff.
| Stuhr, Bel. Syst. d. Hell. 2, 376 ff. Engel,
Aphrodite (in d. Kunst) 406
Kypros 2, 3 — 649. Gerhard, über Venusidole
( Berl . Alcad. 1843). Ilers, gr. Mythol. § 358 ff.
Scheiffele in Paulys Bealenc. 6, 2, 2448 ff.
Jacobi, Hanäwörterb. d. Myth. unter Aphro-
dite. Preller, gr. Myth.2 1, 259 ff. Welcher,
Götterl. 1, 239. 666 ff. 2, 699 ff. Bernoulli,
Aphrodite. Beitr. z. gr. Kunstmyth. Leipzig
1873. Weiteres s. b. Scheiffele in Paulys
Bealenc. 6 , 2, 2463 ff. Einzelne Mythen , in
denen Aphrodite eine Rolle spielt, s. unter Ado-
nis, Aineias, Anchises, Ares, Eros, Helene, He-
phaistos, Kinyras, Paris, Phaethon, Pygmalion
u. s. w. Von den bisherigen Deutungen ist die
von M. Müller ( Vorles . üb. cl. Wissenschaft, cl.
Spr.2, deutsch von Böttger 2, 405) zu bemerken,
welcher sie für die Göttin der Morgenröte hält,
ohne ihre semitische Abkunft zu berücksichtigen.
Ähnlich L. Meyer, Bemerh. z. alt.' Gesch. d.
Griech. Mythol. Gott. 1857 S. 36. [Roscher.]
Die orientalische nackte Göttin.
Unter den verschiedenen Typen, welche
die orientalische Kunst der unter verschiede-
nen Namen verehrten und nach so verschie-
denen Seiten wirksamen grofsen Göttin gab,
ist einer, dessen Weg nach Griechenland sich
aufs deutlichste verfolgen läfst. Es ist der
des völlig nackten Weibes, das steif auf-
recht stehend, in der Regel mit beiden Hän-
den sich die Brüste hält. So ward sie in
Babylonien und Assyrien verehrt (doch ist der
Typus offenbar von Babylon ausgegangen), wie
Aphrodite u. Ares (attisches Votivrelief, vgl. Monuments Grecs Taf. I).
Aphrodite in der Kunst.
407
408
Aphrodite (in d. Kunst)
Aphrodite (in d. Kunst)
die Cylinder von dort zeigen, auf denen — immer
im älteren Stile — jene Figur oft wiederkehrt
(z. B. Lajard, culte de Mithra pl. 30, 1. 53, 6.
Perrot et Chipiez, hist, de l'art 2 p. 505. Berlin,
Petermannsche Sammlg. No. 18. 83. 103. 112.
75. 130. 178. 200; a.ls kleine Nebenfigur Lajard
pl. 26, 1. 40, 9); ebenso ferner in Terracotten
aus Babylon (im Louvre; Heuzey, terresc. du
Louvre pl. 2). Durch Phönizier ward der Ty-
pus nach Ägypten geführt, wo er strenger
stilisiert wird und die Arme in der Regel ge-
rade herabhängend gebildet werden (Terra-
cotten aus Ägypten, geprefst, mit stehenge-
lassenem Hintergrund, im British Museum);
phönikische Elfenbeinarbeiten brachten diesen
modifizierten Typus wieder nach Assyrien zu-
rück (Elfenbeinstatuetten aus Nimrud im Brit.
Mus., z. B. Perrot et Chip., hist, de l'art 2,
p. 508). In Griechenland finden wir zunächst
jenen altbabylonischen Typus genau wieder
in mykenäischen Goldblechen, wo die Göttin
von den ihr heiligen Tauben umflogen wird
( Schlicmann , Mykenae No. 267. 268), ferner
in Troja (Schliemann , Ilios No. 226) und in
den rohen Marmoridolen der Inseln (Ger-
hard, Ges. ah. Abhandlgn. Taf. 44, 1 — 4.) —
Besonders wichtig als der Ort, von dem die
Göttin hauptsächlich zu den Griechen kam, ist
Cypern. Hier ward sie in ihrem uralten
Heiligtume zu Paphos in Gestalt eines Kegels
verehrt ; zahlreiche Münzen der römischen Zeit
zeigen uns den Tempel mit dem Idole; der
Kegel endet oben immer in einen Knopf, zu-
weilen sind auch armartige Ansätze angegeben
(die einzelnen Münzen variieren sehr; eine abg.
D. a. K. 2, 285 e, vgl. 285 f.);
auch hier wie bei manchen an-
dern sog. anikonischen Idolen
wird eine primitive Nachbildung
menschlicher Gestalt zu Grunde
liegen. — Wir finden ferner auf
Cypern, in Terracotten erhal-
ten, nackte Idole, die sich je-
nen babylonischen anschliefsen,
roh, mit überbreiten Hüften,
grofsen Ringen in den Obren,
beide Hände an den Brüsten,
vogelartige Gesichter (z. B. Ber-
lin Cypr. 109. 110 von Dali , s.
Holzschnitt); hierauch das merk-
würdige Motiv: eine Hand an
der Brust, die andere am Unter-
leib ( Heuzey , terresc. pl. 10, 7);
Kyprisdie Aphro- t?rner Idole - die sich der in
dite (Berliner m- Ägypten mit dem Typus vorge-
seum). nommenen strengen Stilisierung
anschliefsen, mit straffen klaren
Formen, teils die Hände an den Brüsten (be-
sonders gut Berlin Cypr. 127), teils die Arme
gerade herabhängend. Dieser ägyptisierende
Typus des nackten Idols fand sich nun ebenso
in Kameiros auf Rhodos (Terracotten, Elfen-
bein, glasierter Thon) und selbst in der tief-
sten Schicht zu Ephesos ( British Mus.) und
im Westen auch in Sardinien (beide Hände
an den Brüsten, Br. Mus). Auf Cypern sind
ferner vertreten Idole in Gestalt eines Brettes
mit Kopf und Brüsten (Berlin, Cypr. 108) der-
art , wie sie auch anderwärts in Griechenland
für weibliche Gottheiten verwendet wurden.
Endlich finden wir das nackte Idol, in ent-
wickelterem, echt eyprisch-archaischem Stile
mit reichen Halsketten geschmückt, entweder
die Hände an den Brüsten (Berl. Cypr. 128.
126; vgl. auch den Sarkophag Cesnola- Stern,
Cypern Taf. 45, 1) oder die eine gesenkt, auf
der andern die Taube (Berl. Cypr. 125); auch
io eine Hand an der Brust, die andere auf dem Bauch
(Cesnola- Stern, Cypern Taf. 50, 3). In Grie-
chenland selbst hat sich das nackte Idol noch
nicht oft gefunden; vielleicht gehören einige
rohe Figuren aus den tiefsten Schichten in
Olympia hierher und in Sparta die sehr ar-
chaische Marmorstatue einer knieenden nackten
Frau mit zwei Kindern neben sich (Mitt. d.
arcli. Inst. 2 S. 297), jedenfalls eine Geburts-
göttin, an das ägyptische Idol bei Cesnola-
20 Stern, Cypern S. 414 erinnernd. ■ — Bereits ent-
wickeltem, archaischem Stile gehören zwei grie-
chische Bronzestatuetten an, die Aphrodite mit
Blüte und Knospe in den Händen nackt dar-
stellen (arch.-ep. Mitt. aus Öst. 2, Taf. 8 S. 159
u. 194; Replik in Dresden No. 16; beide dien-
ten als Gerätstützen; denselben Zweck hatte
eine dritte, sehr merkwürdige nackte Aphro-
ditestatuette aus Bronze, die auf einer Schild-
kröte steht (vgl. unten) bei M. Wilde, signa
30 aut., aes tob. 11). — Die in Cypern bezeugte
bärtige und überhaupt doppelgeschlechtige
Aphrodite (Lajard, culte de Venus p. 65) ist
in Denkmälern nicht sicher nachweisbar. Da-
gegen ist von der vielfach (besonders Cy-
pern, Kythera, Korinth, Sparta) verehrten be-
waffneten Aphrodite, wie ich glaube, ihr
spartanisches Idol auf einer Münze erhalten
(mit Helm, Lanze und Bogen, zur Seite ein
Bock und ein Schiffsakroterion , Numism.
40 chron. n. s. 13 pl. 5, 3; Percy Gardner, types
of gr. coins pl. 15, 28, von andern für Apoll
oder Athena gehalten).
Die bei weitem überwiegende Bildung in der
archaisch-griechischen Kunst ist die völlig
bekleidete. Diese war 1) in nichts unter-
schieden von der anderer Göttinnen ; ein sol-
ches Idol auf den Münzen römischer Zeit von
Aphrodisias (von vorn D. a. K. 2, 284 c, von
der Seite 285 d. Lajard, cnlt. d. Ven. pl. 3 A,
50 1 — 4; 19, 13), langbekleidet, Kalathos auf dem
Kopfe, die Fiifse ganz geschlossen, beide Un-
terarme leer vorgestreckt; derart war das Idol,
das Theseus nach Delos gebracht haben soll
(Paus. 9, 40, 2 -zcitsigi slg ’citQaycovov G%r\ycc,
doch mit vorgestreckten Armen) und wohl
auch das hermenförmige der Urania in Athen
(Paus. 1, 19, 2). — 2) Sich anschliefsend an
die Motive der nackten Idole; also beide
Hände au die Brüste gelegt: in Cypern ( Ccs -
eo nola, Salaminia p. 202); oder die eine Hand
an die Brust fassend, die andere an den Unter-
leib, wo sie das Gewand vor der Schamgegend
zusammenrafft: so in Ephesos eine Marmor-
statuette aus der tiefsten Schicht (Brit. Mus.)-,
in Olympia sehr archaische Bronze mit phöni-
kisierendem Gesichtstj'pus (Ausgr. v. Ol. Bd. 3,
Taf 24); auf der Akropolis zu Athen streng-
archaische Marmortorse. — 3) Charakterisie-
409 Aphrodite (in d. Kunst)
Aphrodite (in d. Kunst) 410
rung durch Attribute ; Blume, Apfel und Taube
sind die wichtigsten derselben; in Cypern fan-
den wir dies zum Teil schon bei nackten Ido-
len. Bekleidete kommen auch in Cypern viel-
fach vor; doch ist die überwiegende Menge
der weiblichen cypriscben Kalksteinfiguren, die
Blüten, Taube, Ähren, Ziege, Harfe, Leier
u. dgl. tragen, für Sterbliche mit Weihge-
schenken zu hal-
ten; diese brin- 10
gen die Objekte
dar , Aphrodite
hält sie als At-
tribute. Eine Gat-
tung von Tlion-
statuetten , die
zum Teil als Salb-
gefäfse verwandt
wurden und die
in gleicher Wei- 20
se in Phönikien,
Rhodos , Delos,
Kleinasien,
Athen , Etrurien
auftritt , zeigt
Aphrodite in ar-
chaisch - griechi-
scherGewandung,
mit langen Lo-
cken, noch etwas 30
phönikisieren-
dem Gesichtsty-
pus , den einen
Arm gesenkt, auf
der andern an die
Brust gelegten
Hand meist die
T aube ( MuseeNa -
pol. 3 pl. 26 ff.
Sächs. JBer. 1860, 40
223. Arcli. Ztg.
1882, S. 333).
Derart ferner eine
vorzügliche, so-
eben erst auf
der Akropolis in
Athen gefundene
Statue (mit den
Schnabelschuhen
kleinasiatischer 50
Sitte) und ein
ausgezeichneter
Torso in Marseille
( Gaz . arcli. 1876,
pl. 31, mit Kala-
Aphrodite mit Taube (archaische thos auf dem
Thonstatuette; vgl . Longperier Musee Kopfe, die 1 aube
Napoleon pl. 26). auf der Rechten),
'ähnlich eine Ter-
racotte aus Samos Arch. Ztg. 1864, Taf. 182, 1. oo
— Die Hand des gesenkten Armes ist schon in
diesen Beispielen das Gewand zuweilen an-
fassend gebildet; dies Motiv wird im ent-
wickelteren archaischen Stil immer nachdrück-
licher und zierlicher ausgebildet; die andere
auf die Brust gelegte Hand erhält dann statt
der Taube gewöhnlicher die Blüte; der Kopf
oft mit Kalathos. Dieser Typus ist in zahl-
reichen Thon- und Steinstatuetten aus Cypern
und Griechenland bekannt; doch ist der Typus
ein so allgemeiner, dafs er auch für andere
Gottheiten, ja auch Sterbliche, die Yotivgaben
darbringen , benützt wurde. Man kann daher
meist nicht mit Sicherheit sagen, ob Aphro-
dite gemeint ist ( Stephani , Compte r. 1873, 14tf. ;
1875, 74 erkennt einseitigerweise immer Eilei-
thyia). Dasselbe ist der Fall bei der späteren
Modifikation des Typus (die besonders in Mar-
mortorsen von Athen und Delos erhalten ist),
wo der eine Arm mit der Blüte nicht auf die
Brust gelegt, sondern vorgestreckt ist (über
diesen siehe besonders Bernoulli, Aphr. S. 40 ff.
und Gherardo-Gherardini im Bull, della comm.
arcli. com. di Roma 1881, wo die vollständigste
Zusammenstellung; Arcli. Ztg. 1882, S. 326);
die Römer nahmen, wohl schon in früher Zeit,
diesen überaus weit verbreiteten Typus für
ihre Spes an. Die Tracht des Typus besteht
immer aus ionischem Chiton und auf der einen
Schulter geheftetem und unter der andern
Achsel durchgezogenem Obergewande mit Über-
schlag. — Mit Eros verbunden erscheint Aphro-
dite wesentlich in diesem Typus auf einem (im
Artikel fEros’ abgebildeten) Relief aus Calabrien
(Ann. d. 1. 1867, D), wo Aphrodite eine Granat-
blüte in der Rechten hält, auf dem vorge-
streckten linken Arme aber Eros steht, nach
der alten Gewohnheit, beigeordnete Gottheiten
der Hauptfigur auf Hand oder Arm zu stellen.
Eine vorzügliche archaisierende Thonstatuette
aus Kleinasien (Berlin No. 7676) zeigt den
Typus, doch mit der Taube auf der Linken,
und Eros auf der Schulter sitzend mit Füll-
horn; letzteres ist sicher ein Motiv späterer
Kunst; an einem archaistischen Relief ähnlich:
n. a. E. 2, 260.
Neben diesen Typen der stehenden Aphro-
dite treten Sitzbilder sehr zurück. Es fehlen
meist sichere Kennzeichen, um aus den so sehr
zahlreichen archaischen Thonstatuetten sitzen-
der Gottheiten Aphrodite herauszukennen; eine
Blüte, die bei solchen mannigfaltig vorkommt,
reicht dazu nicht hin; sehr selten geben Taube
und Apfel in den vorgestreckten Händen sichern
Aufschlufs (solche Figuren z. B. aus Ägina).
Doch mufs der sitzende Typus nicht selten
gewesen sein; eine bedeutende Statue derart
war von Kanachos für Sikyon gefertigt (Paus.
2, 10, -5); sie trug den Kalathos oder Polos
auf dem Kopf, in der einen Hand Apfel, in
der anderen Mohn. Noch älter war das Sitz-
bild der Morpho in Sparta (Paus. 3, 15, 10)
mit Schleier und Fesseln an den Füfsen (über
deren ursprüngliche Bedeutung als Schmuck
s. Curtius in den Nuove Mcmor. d. Inst. p. 374).
Vielleicht Aphrodite auf einem Relieffragment
]). a. K. 2, 257 mit dem Hasen unter dem
Thron (s. oben S. 399), wie auf einer Münze
von Nagidos ibid. 258 a.
Auf archaischen Vasen (vgl. besonders die
Darstellungen des Parisurteils) ist Aphrodite
nicht besonders charakterisiert; von Hera wird
sie zuweilen durch den Mangel von Kalathos
oder Scepter unterschieden; als Attribut trägt
sie oft die Blüte. — Archaische K öp fe der Aphro-
dite finden sich besonders auf den Münzen von
411 Aphrodite (in d. Kunst)
Aphrodite (in d. Kunst) 412
Knidos, wo sich die Typen so folgen: mit Haube,
kurz aufgenommenes Haar (z. ß. D. ci. K. 2S,
255); dann ohne Haube, dasselbe Haar; dann
mit einfach in den Nacken herabfallendem
Haar; endlich in feinstarchaischem Stile mit
an dem Ende im Nacken unten zusammen-
gebundenem Haare und zuweilen einem Myr-
thenkranze statt der einfachen Binde. Mit
grofser Wahrscheinlichkeit hat v. Sallet in
seiner numism. Zeitschr. Bd. 9, 1881, S. 141 io
einen schönen Berliner Bronzekopf (Arch. Ztg.
187G, Taf. 1. 2, S. 20 ff.) von Kythera wegen
seiner Übereinstimmung mit jenen Münzen für
Aphrodite erklärt. — Möglich ist es ferner
auch, dafs wir in dem vortrefflichen Kolossal-
kopfe der Y. Ludovisi ( Mon . cl. I. 10, 1. An-
nali 1874, 38 ff.) eine archaische Aphrodite
mit einfach herabfallendem Haare besitzen. —
Yon Münzen vgl. ferner Zweidritteldrachme von
Korinth {Mionnet S. 4, 33, 183): Aphroditekopf 20
mit hinten aufgenommenem Haare in der Art
des Mannorkopfes der Akropolis in Athen
Mitt. d. arcli. Inst. 6, Taf. 7, 1, der vielleicht
auch Aphrodite darstellt. Da die genannten
drei Köpfe alle sehr schmale, längliche Augen
zeigen, so darf man vermuten, dafs bereits die
archaische Periode das Auge der cpiloyyndr'is
damit charakterisierte. — Von vorne stellt
eine sehr archaische Münze von Eryx den Kopf
der Aphrodite dar ( Brit . Mus., catal., Sicily 30
p. 62). _
Periode des strengen Stiles. Erhalten
sind vor allem mehrere griechische Bronze-
statuetten, die als Spiegelstützen dienten {Gaz.
arch. 1876, 40. Arch. Ztg. 1879, Taf. 12 S. 100
u. 204, wo auch die anderen citiert) ; sie zeigen,
dafs die Umwandlung der Tracht in dieser
Zeit sich auch auf Aphrodite erstreckte; sie
trägt den einfachen dorischen Chiton mit un-
gegürtetem Überschlag; das Motiv des An- 40
fassens des Gewandes mit der gesenkten Linken
ist geblieben; auf der vorgestreckten Rechten
pflegt Apfel, Granate oder Taube zu sein. —
Eine bedeutende Statue, die von Kalamis ge-
fertigte, die wahrscheinlich den Beinamen Sos-
andra hatte {Arcli. Ztg. 1864, 190) und die
auf der Akropol-is stand, ist uns, wie ich ver-
mute, in einem Relief {Braun, Vorsch. cl. KM.
Taf. 79. D. a. K. 2, 259, s. beistehenden
Holzschnitt) nachgebildet erhalten; sie trägt 50
zwar noch den ionischen Chiton, doch jenen
dorischen mit dem Überschlag darüber; die
gesenkte Rechte fafst das Gewand, in der
Linken die Granatblüte; das Haar von der
Haube bedeckt (dafs dies der Beschreibung
der Sosandra nicht widerspricht , hat schon
Bernoulli, Aphr. S. 63 bemerkt); der Chiton
so kurz, dafs die Knöchel sichtbar sind, wie
dies eben von der Sosandra überliefert ist; die
Stellung streng, rechtes Standbein. — Eine 60
nackte Aphroditestatue vom Esquilin {Bull,
della comm. arch. munic. 3, tav. 3 — 5), welche
sich ein Haarband umlegt, zeigt zwar einen
strengen, fast archaischen Typus in Haar und
Gesicht, ist jedoch sicher ein Produkt später,
willkürlich eklektischer Kunstweise.
Pheidiasische Periode, a) Aphrodite als
einzelnes Götterbild: von der Golclelfen-
beinstatue des Pheidias in Elis {Paus. 6, 25, 1)
wissen wir nur, dafs sie den Fufs auf eine
Schildkröte setzte, ein Tier, dessen Symbolik
hier nicht ganz verständlich ist (Häuslichkeit
nach Plutarch de Is. et Os. 75), die aber un-
ter den Füfsen der Aphrodite auch in einer
altgriechischen (M. Wilde, signa ant. aes tab.
11, vgl. oben) und einer altetruskischen
Bronze {Gerhard, , Abh. Taf. 29 , 3) wieder-
kehrt. Die berühmte Aphrodite iv v.gnoi<z des |
Alkamenes {Overbeck, Schriftqu. 812 ff.) glaube
ich in einem in sehr zahlreichen Nachbil-
dungen erhaltenen Typus zu erkennen , den
umstehende Abbildung (nach dem Pariser Exem-
plar, s. D. a. K. 23, 263 und die Litteratur
im Texte) zeigt; freilich gehören die Exem-
plare (aufgezählt bei Bernoulli, Aphr. S. 86 ff.)
alle römischer Kopistenarbeit an — mit Aus-
nahme etwa eines in Villa Wolkonsky in Rom
schlecht erhaltenen — und auch die neuer-
dings in Kleinasien gefundenen Terracotta-
repliken {Fröhner, terresc. de V Asie min. pl.
22, 1. Bull, de corr. hell. 6, pl. 18) gehen
schwerlich über das 1. Jahrh. v. Chr. zurück.
Trotzdem ist der ältere Charakter, der Pheidia-
sische Stil in Proportionen, Brust, Gewand,
Haar und besonders dem Gesicht in den bessern
Exemplaren unverkennbar. Die Linke hielt
wahrscheinlich den Apfel, die zierliche Rechte
zog den Mantel empor; der Chiton läfst nur
413 Aphrodite (in ct. Kunst)
Aphrodite (in d. Kunst) 414
die linke Brust entblöfst. Einen diesem Ty-
pus verwandten Kopf (das Haar wie dort hin-
ten in eine Binde gefafst) von vorzüglicher
Arbeit besitzt das Berliner Mus. (No. 457 A);
er zeigt auch wieder die schmalen Äugen. Auf
römischen Mün-
zen erscheint
der Typus mit
der Beischrift
genetrix ; viel-
leicht hat ihn
Arkesilas bei
seiner Statue
der genetrix in
Rom (. Plin . 35,
156) benutzt.
Gemmen zeu-
gen von einer
interessanten
späteren Modi-
fikation des Ty-
pus : die Göt-
tin legt das
Schwert um,
ohne dafs ir-
gend etwas We-
sentliches sonst
geändert wäre
(Cades 7, T. 76).
Wahrscheinlich
war es diese
selbe Aphrodi-
te, mit der Al-
kamenes den
Agorakritos be-
siegte; des letz-
teren W erk
ward zwar als
Nemesis in Rha-
mnus aufge-
stellt (Plin. 36,
17), ist aber doch für Aphrodite zu verwen-
den; auch diese Statue (wie die des Alka-
menes) hielt den Apfelzweig in der Linken,
in der Rechten aber die Schale , auf dem
Kopfe hohen Stephanos, wohl feierlicher, steifer
i als jene; sie trug, wenn die Münze numism.
I chron. 1882, pl. 5, p. 89 mit Recht auf sie
bezogen wird, den gegürteten dorischen Chi-
I ton wie die Parthenos des Pheidias. — Ein
schönes Votivrelief aus Megara (Sybel , Catal.
' d. Sculpt. zu Athen No. 388) zeigt einen ge-
wifs noch im 5. Jahrli. geschaffnen Typus:
streng stehend , ionischer Chiton , Mantel an
Unterkörper und linker Schulter, Haare auf-
i genommen, auf der vorgestreckten Linken
Granatapfel, auf der etwas gesenkten Rechten
Taube. — Ans Ende dieser Periode gehört ein
Typus, der bereits das Weichlich-Bequeme in
IderGöttin durch angelehnte Haltung ausdrückt;
als Stütze dient zuweilen ein archaisches Idol
der Göttin selbst; ionischer Chiton mit über
den Gürtel fallenden Falten, Mantel mit drei-
eckigem Überschlag vorn, über den Hinter-
kopf als Schleier gezogen und von der Rechten
gefafst; Beine gekreuzt; bestes Exemplar, mit
Kopf, der aufs deutlichste ebenso wie die Fal-
ten den Stil dieser Periode zeigt, in Berlin
Paris).
(Gerhard, ges. Ahli., Tf. 29, 6); andere Clarac
498 C, 1019 A und B; ferner etwas vereinfacht,
ohne Mantel, auf hermenförmiges Idol gestützt
mit Kalathos in einem schönen Fragment eines
offenbar attischen Votivreliefs 4. Jahrh. im La-
teran, Benndorf-Schöne, Lateran Taf. 13, 2. —
Thronend ward Aphrodite seltener gebildet;
Münzen von Eryx (zum Theil noch 5. Jahrh.)
zeigen sie so, auf der Rechten eine Taube
io (z. ß. D. a. K. 2, 258), ferner die Münzen von
Nagidos, mit der Schale in der Rechten, den
linken Arm auf die Rücklehne gestützt, mit
oder ohne Kalathos, unter dem Throne ein
Hase(?); auch Terracotten von Cypern, freien
griechischen Stiles, den Apfel vor die Brust
haltend, mit Kalathos (z. B. Berlin C. 153).
Späterer Erfindung ist die in der Art des Phei-
diasischen Zeus thronende mit Scepter, auf
der rechten Hand eine Nike, auf römischen
20 Münzen (Lajard, culte de Ven. pl. 21A, 11.
D. a. K. 2, 274. Bernoulli, Aphr. S. 200).
h) In Darstellung. Am Parthenonfriese
(Michaelis Taf. 14, 41) sitzt Aphrodite in ioni-
schem Chiton und Mantel, der über den Kopf
gezogen ist, die Linke auf Eros gelehnt. In
Metope (Michaelis Tf. 4 , 25) sehr zerstört,
ganz bekleidet. Im Westgiebel des Parthe-
non sitzt Aphrodite ganz nackt im Schofse
einer Frau, die man gewöhnlich Thalassa nennt;
30 die Veranlassung zu der in dieser Zeit sehr
überraschenden Bildung ist wohl die, dafs
Pheidias eine bestimmte Aphrodite , wohl
die von Kolias darstellen wollte, die wohl als
ein altes nacktes Idol verehrt wurde. Wie
die Anadyomene an der Basis des Zeusthro-
nes beschaffen war (Paus. 5, 11, 8), wissen
wir nicht; was Stephani (C. r. 1870/71, 50 ff.)
darüber vermutet, ist haltlos (vgl. Fleckeisens
Jahrh. 1875, S. 588 ff.); wahrscheinlich war
40 sie indes ganz nackt, am ehesten so, wie der
gewöhnliche Typus sie zeigt (Stephani ibid.
S. 7 9 ff. Aufzählung der Exemplare) , dessen
Motiv dasselbe ist wie das des sich die Binde
umlegenden avccdov gevog, den Pheidias an dem-
selben Throne bildete.
Epoche des vierten Jahrhunderts.
Auf dem Üb er gange von der vorigen zu dieser
Periode nenne ich zunächst eine Statue (Clarac
698, 1655. Matz-Dahn, Cat. No. 606), die dem
5ü Urbilde der Venus von Milo verwandt ist; die
Stellung ist sehr ähnlich, doch hat sie noch
den Chiton, zog, wie es scheint, den Mantel
mit der Linken empor und legte die Rechte
ans Gewand; ihr Kopftypus trägt noch den
Charakter vom Ende des 5. Jahrh. — Das
Original der Venus von Milo, mit welcher wir
zu den halbbekleideten Einzelstatuen über-
gehen, war, wie ich glaube, ein Bronzewerk;
die Göttin hielt den Schild, um sich darin zu
eo spiegeln; es war die Umbildung einer alten
bewaffneten Aphrodite, nicht der Schild des
Ares ; vgl. die römischen Münzen von Korinth
und Patras D. a. K. 2a, 269. 269 a; auch Mitth.
d. Inst, in Athen 2, 10; die späte Replik von Ca-
pua (Millingen anc. mon. 2, 4 giebt das Motiv
und die Haartracht wieder; die Nike von Bre-
scia (Dütsclilce, Bildiv. in Oherit. Bd. 4, No. 375)
modificiert das Gewand etwas, behält aber im
415 Aphrodite (in d. Kunst)
Aphrodite (in d. Kunst) 41G
Kopfe am meisten von dem ursprünglichen
strengen Charakter bei|; der Kopf Matz-Buhn,
Bildic. in Born No. 797) ist eine schöne, doch
ins Weiche umgebildete Replik. Auch der Chiton
mag dem ursprünglichen Motiv angehört haben,
das auch Apollon. Rh. (Arg. 1, 742ff.) vorschwebte.
Die Melische Figur (s. oben S. 403) rührt je-
denfalls von einem sehr bedeutenden Künstler
her, der indes wie es scheint erst im 3. Jhrh.
v. Chr. arbeitete ; er gestaltete das Motiv zwar io
in wenig glücklicher Weise um, indem er, den
Schild beseitigend, den Oberkörper mehr von
vorne, den Kopf aufgerichtet darstellend, ihr
in die erhobene Linke einen Apfel gab und
die Rechte nur nach dem Gewände greifen
liefs; aber er gab der Ausführung eine wun-
derbare Naturwahrheit und Frische; der Kopf
bewahrt noch etwas von der Strenge des äl-
teren Originales; das Gewand ist ganz in Mar-
morstil übersetzt. Von dieser Gestalt des 20
Typus scheinen keine direkten Repliken erhal-
ten zu sein. Die Litteratur bei Wieseler, T). a. K.
23, No. 26S — 270; dazu Overbeck, Plastik 23,
S. 331 ff. mit der verfehlten Annahme der Zu-
gehörigkeit einer Inschrift; wegen Zugehörig-
keit der Hand mit dem Apfel und Restauration
der Arme s. Hasse, Venus v. Milo , 1882, wo
nur die Annahme des Haarbandes falsch ist.
— Ein verwandter Typus ist der der Aphro-
dite von Arles (D. a. E. 23, 271), von der 30
neuerdings ein viel besseres Exemplar, doch
nur als Torso in Athen gefunden ward; sie
hielt vermutlich einen Spiegel in der Linken.
— Ferner, ebenfalls mit dem Mantel um den
Unterkörper, die Aphrodite von Ostia (Ber-
noulli, Aphr. S. 178), die vielleicht den Spinn-
rocken in der erhobenen Linken hielt und den
Faden mit der Rechten zog und einem Origi-
nale des Praxiteles nachgebildet sein kann (vgl.
Furtwängler, S. Sabouroff , zu Taf. 82); jeden- 4,0
falls hat ihr Kopf bereits rein Praxitelischen
Charakter. — Ferner, in stolzer Haltung die
Linke in die Seite, die Rechte auf eine belie-
bige Stütze (spätere Kopisten setzen einen
Delphin) gestützt, mit Mantel um den Unter-
körper und mit jugendlichen Formen: Bcr-
noulli , Aphr. S. 366 ff. I). a. K. 23, 274 a.
Furtwängler, S. Sabouroff, zu Taf. 95. — Von
einzelnen Köpfen ist als vorzügliche griechi-
sche Arbeit einer von Tralles zu nennen ( arch .- 50
ep. Mitt. aus Oest. 4, Taf. 1. 2. S. 66 ff.), der der
Melischeu Statue verwandt ist, ohne zu ihr in
näherer Beziehung zu stehen. — Von Münzen
sind besonders die Köpfe auf denen freien Stiles
von Knidos zu bemerken, wo die Haare immer
aufgenommen sind; ferner Königsmünzen von
Cypern, wo der Typus etwas lokal Abweichen-
des hat.
Ganz nackt oder nur mit einem leichten
Gewandstücke drapiert, ward Aphrodite wohl eo
erst seit Praxiteles und Skopas häufiger dar-
gestellt; doch besitzen wir einen Torso der-
art (Bernoulli , Aphr. S. 279 ff.), dessen über-
aus einfache keusche, fast etwas strenge For-
men mehr mit der Tradition Phidiasischer
Kunst Zusammenhängen als mit der Praxite-
lischer; die Figur stemmte die Linke in die
Seite und stützte die Rechte auf einen Pfeiler;
sehr ähnlich die schöne Paste Cades, impr. 7 K,
28. — Die berühmteste Aphrodite des Praxi-
teles war die zu Knidos ( Overbeck , Schriftqu.
Knidisohe Aphrodite d. Praxiteles auf e. Münze von
Knidos (Müller- Wieseler B. a. K. I, No. 146 a).
1227 ff.), deren Nachbildung auf Münzen römi-
scher Zeit und Statuen erhalten ist (s. Arch.
^.1876 ff. Ber-
noulli S. 20G ff. ;
beistehend im
Holzschnitt das
Exemplar in
München) ; sie
war ganz nackt
und fafste nur
mit der Linken
ein Gewand-
stück , wie es
scheint so, dafs
esungewifswar,
ob sie es an
sich ziehen oder
auf die Hydria
unten niederle-
gen wolle; die
Rechte war vor
die Scham ge-
halten; derKopf
hatte neben
vollendetem
Liebreiz auch
den schmach-
tenden Aus-
druck in den
schmalen Au-
gen, der von nun
an der Aphro-
dite fast immer
gegeben ward.
Ein vortreffli-
ches Köpfchen
dieses Typus,
Original der
Praxitelischen
Zeit, ward in
Olympia gefun- Praxiteles (Münchener Glyptothek ; nach
den (Ausgr. Bd. v' Lützow, Münch. Antiken Tf. 41).
5.). Die Haare
sind hier noch immer einfach zur Seite ge-
strichen. — Etwas späteren, wohl hellenisti-
schen Ursprungs ist der dem vorigen verwandte
Typus, der uns in fast zahllosen geringen, aber
417
Aphrodite (in d. Kunst)
Aphrodite (in d. Kunst)
418
auch in zwei vorzüglichen Statuen spätgriechi-
scher Arbeit vorliegt, die beide in der Aus-
führung sehr von einander abweichen , der
Mediceischen ( Chirac 612) und der Capitolini-
schen ( Clarac 621);
beide Hände machen
die Schamgebärde (vor
Brust und Schofs), die
wir in anderm Sinne
bereits an einem alten
cyprisclien Idol gefun-
den; das Standbein ist
immer das linke, der
Blick nach ihrer Lin-
ken; die Zuthaten wie
Delphin oder Badege-
fäfs sind gleichgültig
und wechseln. Die
Haare sind wie an den
späteren Apollotypen
auf dem Oberkopfe in
einen Knoten geschlun-
gen (Aufzählung Ber-
noulli, Aphr. S. 223 ff.)
— Viele Varianten fer-
ner lassen sie ein mehr
oder weniger grofses
Gewandstück vor den
SckofsLalten(iSmiOMZ-
li , Aphr. S. 248 ff.).
Von Interesse durch
die Inschrift die J).
a. K. 2, 275; durch
schöne Ausführung die
in Syrakus (Chirac pl.
608, 1344). Ein sin-
kendes Gewand stück
zwischen den Knieen:
Clarac 625, 1403, eine
vortreffliche Figur mit
Kopf, griechischer Ar-
beit, einfache Haar-
tracht des 4. Jahrh.
Näherten sich schon
die eben besproch-
nen Typen einem Situationsbilde , so ist
dies ungleich mehr der Fall bei den fol-
genden, die ihre Entstehung erst der Zeit
um und nach Alexander verdanken. Es wur-
den damals gern Motive, die vordem nur in
der Malerei oder in Reliefdarstellungen oder
in der Kleinkunst üblich waren, in die statua-
rische Kunst übertragen. Auch werden Grup-
pierungen mit Eros häufiger. Dafs die überaus
häufigen Repliken der sich die Haare aus-
pressenden, auf dem linken Beine stehenden
nackten Anadyomene (< Stephani CB. 1870/71,
S. 79 ff.) vielleicht mit dem Pheidiasisehen Re-
lief übereinstimmen, ward oben bemerkt; die
berühmte Anadyomene des Apelles mag im
Oberkörper wenig verschieden gewesen sein,
da sie sich die Haare ausrang; ihr Unterkörper
scheint aber im Wasser verborgen gewesen zu
sein ( Benndorf in den Mitt. d. Inst, in Athen
1, 50 ff.). Eine andere Komposition der Geburt
Aphrodites, die mit dem Oberkörper aus einer
geöffneten Muschel herauskommende oder in
einer Muschel kauernde (Arth. Ztg. 1875, Taf.
Roscher, Lexikon der gr. u. rüm. Mythol.
6. 7. Mitt. d. Inst. 7, Taf. 13. Stephani CB.
1870/71, S. 66ff.) scheint indes nicht über das
Gebiet der Kleinkunst herausgedrungen zu sein;
sie ist schon aus dem 4. Jahrh. bezeugt. Sie
ward später verdrängt durch die in späterer
Malerei und Reliefs gewöhnliche Darstellung
der von Meerdämonen auf einer Muschel em-
porgehobenen neugeborenen Göttin (vgl. Baus.
2, 1, 7. Stephani CB.. 1870/71, S. 128 ff.) —
io Die sich badende, kauernde Aphrodite war ein
in Malerei (Vasen) und Kleinkunst (Gemmen
30
Mediceisclie Aphrodite
(Florenz).
40
Aphrodite im Bade kauernd (Museo Pio-Clement.
vgl. Müller- Wieseler , D • a. K. 2, No. 279).
z B.) schon zu Anfang des 4. Jahrh. beliebtes
Motiv; statuarisch wurde es erst später; die
erhaltenen Statuen ( Clarac 627; 629 — 631.
Stephani, CB. 1870/71, S. 58 ff. Gaz. archeol.
50 18 7 0, pl. 13. 14) gehen auf ein Original von
sehr reifen, ja fetten Formen zurück; die Haare
sind die späteren mit der Schleife oben; jeden-
falls ist die gewöhnliche, übrigens ganz haltlose
Zurückführung auf den Sikyonier Daidalos
falsch. — Ein besonders reizvolles Motiv zeigt
die nackte Aphrodite, die mit der Rechten die
Sandale des linken erhobenen Fufses zu lösen
sucht; der linke Arm ist erhoben und zuweilen
gestützt; inkleinen Bronzen, doch auch kleineren
Go Marmorstatuen sehr häufig; die Haartracht ist
die spätere ( Wieseler zu D. a. K. 23, 283. Furt-
wängler, S. Sabouroff, Taf. 37.) — Den Kestos
sich um die Brust legend, oft in kleinen Bronzen
( D . a. K. 23, 282). Mit erhobener Sandale
(Eros drohend?) ebenfalls in Bronzen (II Gese-
ier zu D. a. K. 23, 285 b.) — Die sog. Kalli-
pygos (I). a. K. 2, 276. Bernoulli, Aphr. 341 ff.)
ist eine ganz ungewisse Aphrodite; es ist
14
419
Aphrodite (in d. Kunst)
Apis
420
durchaus nicht nötig für das bei Athen. 12,
p. 554 erwähnte Heiligtum einer Aphrodite
v.alli-jtvyog eine Darstellung jener Art voraus-
zusetzen; jene Statue mag einem niedereren
Kreise angehören. — Endlich kömmt Aphrodite
auch nackt vor, sich ein Wehrgehäng umlegend,
(. Bernoulli , S. 448); auf Münzen des Augustus
und römischen Gemmen oit angelehnt, halb-
bekleidet mit Helm und Lanze in den Händen,
als victrix {Bernoulli S. 185), eine römische
Schöpfung, vielleicht im entfernten Anschlüsse
an die alte bewaffnete Aphrodite.
Von besonderen Bildungen sind folgende
bemerkenswert: trauernd verhüllt, so dafs vom
Gesichte nur die Augen sichtbar sind, thronend,
in Terracotten freien griechischen Stiles von
Cypern {Mon. grecs 1874, vgl. Preller, gr. Myth.
23, 287, 4.) — Zu Hofs reitend: Stephani , CB.
1867, 48. Bernoulli S. 412. Bull. d. I. 1870,
36, griechische Spiegelkapsel; vielleicht die
sog. Selene vom grofsen Pergamenischen Friese
{vorl. Ber. 1 S. 54, H.) — Auf einem Schwane
durch die Luft oder übers Wasser getragen,
öfter in Vasen und Terracotten vom 4. Jahrh.
an ( Wieseler zu J). a. K. 23, 286. Cesnola, Sa-
laminia 1882, p. 204.) — Auf einem Bocke
reitend: die ndvdryiog des Skopas in Elis {Paus.
6, 25, 1); Bronzespiegelkapsel im Louvre, Aphro-
dite auf Bock reitend, rechts und links ein
Reh; über die enge Beziehung der Ziege zu
Aphrodite s. Stephani , CB. 1869, 84 ff. 1859,
126; einige zweifelhafte Terracotten, wo Aphro-
dite ganz verhüllt, s. Treu, Winclcelm.-Progr.
Berlin 1875, S. 15. — Auf einem Widder rei-
tend; wie es nach Münzen scheint, in Cypern
und Kleinasien, s. Stephani, CR. 1869, 87. —
Aphrodite den Eros säugend : Gemme bei
Stephani, CR. 1864, pl. 6, 1 S. 184. — Mit
Ares gruppiert, statuarisch nur in Werken
römischer Zeit {1). a. K 2, 290. 291). — In
gröfsern Darstellungen erscheint Aphrodite
besonders in denen der Sage von Alexandros-
Paris und Menelaos (von ältester Zeit an), von
Anchises, Adonis (erst seit hellenistischer Zeit),
im Streite mit Persephone, mit Ares, s. d.
[Furtwängler.]
Apis (Anus). 1) der ägyptische Apis. Be-
kanntlich glaubte das ägyptische Volk, dafs
die Gottheiten in Bäumen und Tieren, aber
auch in anderen Gegenständen , wie z. B.
einer Stabsäule, ihren Wohnsitz genommen
hätten und aus ihnen wirkten. Unter den
in den einzelnen Orten verehrten Tieren be-
gegnen uns namentlich heilige Rinder in gro-
sser Anzahl , von denen für die spätere Zeit
neben dem in Heliopolis verehrten Stiere Mne-
vis der in Memphis verehrte Hapi , griech.
^Amg, besonders hervortritt. Schon in der Pyra-
midenzeit werden Priester desselben gelegent-
lich erwähnt, z. B. J. de Rouge, inscr. 4; zu
gröfserer Bedeutung ist er erst in den Zeiten
des neuen Reichs gelangt. Im Totenbuch
findet er sich nur in dem ziemlich späten
Cap. 97, ZI. 7. [Die Tradition bei Manetho,
der Kult der Stiergottheiten Apis und Mnevis
und des Bocks von Mendes sei vom zweiten
König der zweiten Dynastie Kakau {Kcus%cog)
d. i. „Stier der Stiere“ eingeführt, ist aus dem
Namen des Herrschers gebildet und historisch
wertlos; eine analoge Angabe des Artapanos
bei Euseb. praep. ev. 11, 27, 12.]
Die Aufgabe der Theologie war es, die Ver-
ehrungswesen des Volksglaubens dem System
einzureihen und mit den grofsen Gottheiten der
officiellen, frühzeitig von Geheimlehren über-
wucherten Religion in Verbindung zu setzen.
Beim Apis geschah dies in der Weise, dafs
io man ihn für eine Inkarnation des Hauptgottes
von Memphis, des Ptah, erklärte. Daher heifst
er sein Sohn oder sehr gewöhnlich „das neue
Leben des Ptah“. Dieser Gott selbst, dessen
ursprüngliche Bedeutung sehr dunkel ist, war
im System wie alle grofsen Götter ein Licht-
gott geworden und wurde gewöhnlich mit
Osiris (und Sokar) identificiert. Daher hat
auch Apis (wie übrigens alle Stiergottheiten
Ägyptens) eine solare Natur; als Symbol wird
20 ihm der Sonnendiskus zwischen die Hörner
gesetzt. [DieScheibezwischen zweiHör-
nern ist in Ägypten immer die Sonne,
nie der Mond.] Insofern ist es auch nicht
ganz unrichtig , wenn die Griechen den Apis
für eine Inkarnation des Osiris erklären {Strabo
17, 1, 31. Plut. de Is. 20. 29. Diod. 1, 85;
s. indessen unten). Ein Lichtfunke, so erzählte
man, fuhr, wenn der alte Apis gestorben war,
vom Himmel hernieder und zeugte den neuen
30 Gott von einer Kuh, die darnach nicht wieder
gebar {Herod. 3, 28; darnach zahlreiche andere,
z. B. Mela 1, 9). Die Zeichen, an denen man
ihn erkannte , beschreiben die Griechen viel-
fach, mit einzelnen Abweichungen {Her. 3, 28.
Strabo 17, 1, 31. Plin. 8, 184 [daraus' Am-
mian. 22, 14, 7]. Aelian. hist. an. 11, 10 u. a.;
nach den Späteren hätte er namentlich auf
der rechten Seite eine Mondsichel getragen,
weshalb er dann meist im vollen Widerspruche
40 mit den Monumenten, im Gegensatz zu dem
Sonnenstier Mnevis zu einem Tiere des Mon-
des gemacht wird, so Aelian. hist. an. 11, 11.
Plut. de Is. 43. Porphyr, bei Euseb. praep.
ev. 3, 13, 1. Schol. Stat. Th. 3, 478; an-
ders Macrob. Sat. 1, 21, 20). Auf den Denk-
mälern wird er, in Übereinstimmung mit den
griechischen Angaben , als schwarzer Stier
mit einzelnen weifsen Flecken dargestellt;
auf dem Rücken trägt er gewöhnlich ein
50 rotes Tuch.
einer der rohen Skiz-
zen auf den Stelen
des Serapeums ent-
nommen. Zu den
Feierlichkeiten, mit
denen ein neuer Apis
eingeführt wurde,
vgl. Ilerod. 3, 27 ff.
Diod. 1, 85. Aelian
60 a. a. O. Die Angabe,
dafs er nur eine be-
stimmte Anzahl von Jahren habe leben dürfen,
und wenn er nicht vorher starb, von den Prie
stern in einen Brunnen gestürzt worden sei
{Plin. 8, 184. Plut. de Is. 56), läfst sich mo-
numental nicht belegen. Die von neueren Chro-
nologen {Ideler, Handbuch 1, 182) aufgestellte,
auch von Lepsius vertretene Annahme einer
Die beigegebene Zeichnung ist
421 Apisaon
Apisperiode von 25 Jahren ist durch nichts
begründet.
Seit Amenhotep III (18 Dyn., ca. 1400 v. Chr.)
hat man den Apis in der Totenstadt von Sak-
kara ■westlich von Memphis bestattet. Unter
Rarnses II legte sein Sohn Cha'mus, der Ober-
priester des memphitisclien Ptah, einen grofsen
unterirdischen, in den Felsen gehauenen Grab-
bau mit 28 Grabkammern für ihn an. Psam-
metich I hat dann eine neue weit grofsarti-
gere und kostbarere Gallerie hinzugefügt , in
der die folgenden Stiere beigesetzt sind. Dar-
über erhob sich der Tempel des verstorbenen
Gottes, das Sarapeum von Memphis (s. darüber
die Publikation des Entdeckers desselben,
Mariette , le Serapeum de Memphis 1857 , in
neuer Bearbeitung von Maspero seit 1882).
Denn wie jeder Tote, sei es ein Mensch oder
ein Gott, ist auch der verstorbene Apis iden-
tisch mit Osiris, dem in das Totenreich ein- 2
gegangenen Sonnengotte, und -keifst daher
Osar-kapi = Sciganeg , d. i. Osiris-Apis. Be-
kanntlick ist der Kult dieses Gottes in der Ptole-
mäerzeit einer der wichtigsten Ägyptens ge-
worden, s. Art. Sarapis; der wakre Sackver-
halt, den Paus. 1, 18, 4 andeutet, schimmert
auch in den bei Flut, de Is. 29. Clern. Alex.
Strom. 1, 21, 106 bewahrten Angaben noch
durch. [Zur Bestattung des Apis und den un-
geheuren Kosten derselben vgl. Diod. 1, 84].
In den späteren Zeiten des neuen Reichs
wuchs die Verehrung wie des verstorbenen,
so auch des lebenden Apis fortwährend an
Ansehen und Bedeutung. Psammetick I (663
— 610) hat ihm in Memphis einen grofsen
Tempel gebaut ( Her . 2, 153), auf den die An-
gaben Strabos 17, 1, 31 zu beziehen sind; auch
die Mutter des Gottes wurde hier verehrt.
Dafs man aus dem Verhalten des Stieres Ora-
kel entnahm — dafs er von Germanicus kein
Futter annehmen wollte, bedeutete diesem den
Tod ( Plin . a. a. 0.) — , ist begreiflich genug. Aus
dem Ansehen des Stiers von Memphis erklärt es
sich, dafs er den Griechen, als sie seit Psanime-
tich I Ägypten genauer kennen lernten, sofort
bekannt wurde. Sie nannten ihn Epaphos (vgl.
Herod. a. a. O.) und machten ihn zum Sohne der
mit der Isis (die sie für eine Mondgöttin hiel-
ten) identificierten Io (vgl. Diod. 1, 21, 96),
Dinge , von denen die Ägypter begreiflicher
Weise nichts wissen wollten ( Aelian . a. a. 0.). ln
späteren Fabeleien wird er dann gar mit dem
Argiver Apis (s. d.), dem Sohne des Plioroneus,
dem ersten Arzte ( Aeschyl . suppl. 262), nach dem
der Peloponnes Apia hiefs, zusammengeworfen
I {Clem. Alex. Strom. 1, 16, 75. 21, 106; nach
Apollodor 2, 1, 4 wird Apis der Sohn des Pho-
roneus nach seinem Tode unter dem Namen
Sarapis als Gott verehrt). [Ed. Meyer.] —
2) Sohn des Phoroneus und der Nymphe Te-
ledike (Laodike?), Enkel des Inaclios und der
Ökeanide Melia, Bruder der Niobe, ererbte von
i seinem Vater die Herrschaft über die ganze Pe-
loponnes, welche von ihm Apia (s. Gurtius,GrdzA
469) genannt wurde (vgl. Alcus. b. Tzetz. Lylc.
177. Rhian. b. Steph.Byz. u. ’Ania. Schol. II. 1,
22. Schol. Ap. Rh. 4, 263) , herrschte aber so
j gewaltthätig, dafs er von Thelxion und Tel-
Apollon (Sonnengott) 422
cbin ermordet wurde. Er starb kinderlos und
wurde nach seinem Tode für einen Gott ge-
halten und als solcher Sarapis genannt [Apol-
lod. 2 , 1 , 1 . Aristeas b. Clem. Al. Str.
p. 322 Sylb.) Wenn Apollod. 1, 7, 6 u. Schol.
11. 13, 218 ihn von Aitolos getötet werden
lassen, so ist das wohl eine Verwechselung
mit Apis 4. Später rächte Argos, der Sohn
der Niobe und des Zeus, seinen Tod [Apollod.
2, 1, 2). Vgl. auch Polemon b. Eus. pr. ev. 10,
10. Infolge der Gleichheit des Namens wurde
er mehrfach mit dem ägyptischen Apis (s. d.)
identificiert, und es entstand die Sage, dafs er
Hellas verlassen, in Ägypten regiert und hier
Memphis gegründet habe ( Aristipp . b. Giern.
Al. Str. p. 322. Sylb. Euseb. Ghron. 271. August,
civ. d. 18, 5 u. 6). Der Name Apis ist wohl erst
aus ’Ania — ntlonowgoog abstrahiert. — 3)
Sohn des Sikyoniers Teichin, Vater des Thel-
xion, nach welchem die Peloponnes Apia ge-
nannt worden sein soll. [Paus. 2, 5, 7). Offen-
bar ist dieser Apis der sikyoniscken Sage ur-
sprünglich identisch mit Äpis 1. — 4) Sohn
des Iason aus Pallantion in Arkadien, von
Aitolos unabsichtlich bei den zu Ehren des
Azan gefeierten Leichenspielen getötet [Paus.
5, 1, 8, vgl. oben Apis 1.) — 5) Sohn des
Apollon , Seher und Arzt [IctzgoycivTig) aus
Naupaktos, der Argos von schädlichen Tieren
befreite, so dafs das Land ihm zu Ehren Apia
genannt wurde [Aesch. Suppl. 262 ff.), vielleicht
identisch mit dem b. Porphyr, de abst. 3, 15
genannten. [Roscher.]
Apisaon [’Ajuoocwv) , 1) Sohn des Pliausios,
ein Troer, welchen Eurypylos erlegte [II. 11,
578.) — 2) Ein Paionier, Sohn des Hippasos,
von Lykomedes getötet [II. 1 7, 348.) [Roscher.]
Apistia [’Amoziu) , Inschrift eines geschnit-
tenen Steines, auf welchem die Köpfe des Pan
und einer Frau [’Atugtlcc'I) abgebildet sind:
C. I. Gr. 7040 b. [Roscher.]
Apollon (bei Homer und den Späteren ge-
wöhnlich 'AnblXcov, dorisch ’Ai isXlwv : Ahrens
de dial. 2, 122, tliessalisch ”AnXovv : vgl. über
diese Formen sowie über die verschiedenen
Deutungen des Namens Lauer , System d. gr.
Myth. 255 f. Welcher, Götterl. 1, 460 f. Preller,
gr. Myth.- 1, 183). Dafs Apollon, dessen Kult
seit den ältesten Zeiten bei allen griechischen
Stämmen, namentlich bei den Doriern [Müller,
Dorier 1, 199 ff.) und Ioniern ( Milclihöf er , der
attische Apollon, München 1873), verbreitet
war und folglich schon der Periode ihrer Ein-
heit angehört, ursprünglich die Bedeutung eines
Licht- und Sonnengottes hatte, darf als
eine der sichersten Tkatsacken der Mythologie
bezeichnet werden. Nicht blofs die meisten
Züge des Gottes in Kultus und Mythus lassen
sich aus dieser Anschauung erklären, sondern
es führt darauf auch die auffallende Überein-
stimmung aller wesentlichen Funktionen des
Apollon mit denen des altitalischen Licht -
und Sonnengottes Mars und des Helios (vgl.
Roscher , Apollon u. Mars Leipzig 1873).
I. Apollon als eigentlicher Sonnengott.
Diese seine ursprüngliche Bedeutung zeigt
sich noch am klarsten in einigen Beinamen,
14*
423
Apollon (Sonnengott)
welche etymologisch leicht verständlich sind
und ihn als den Lichten, den Lichtgeborenen
oder Glänzenden charakterisieren sollen. Die
bekanntesten unter ihnen sind Avunog, AvAiog,
Avnrjysvi jg (II. 4, 101, 119), welche allgemein
auf die Wurzel Xva leuchten zurückgeführt
werden ( Curtius , Grundz. d. gr. Etym.b 160 L),
und <$oißog, als dessen Wurzel cpap scheinen,
leuchten anzusehen ist ( Cuitius a. a. 0. 296).
’AnoXXwv AvALog oder AvASiog hatte Kulte zu
Argos (Patts. 2, 19, 3. Soph, EL 6 u. Schol.),
Sikyon (Patts. 2, 9, 7) und Athen ( ibid . 1,
19, 3). Vergl. auch C. I. Gr. 466. 1119.
ln den Tempellegenden dieser Orte leitete
man freilich den Namen von XvAog Wolf ab,
was jedoch wohl nur auf einer falschen Volks-
etymologie beruht, und sich einerseits aus dem
frühzeitigen Verluste eines von der Wurzel
Xva gebildeten Substantivums in der Bedeu-
tung von Licht, anderseits aus dem Umstande 2
erklärt, dafs der Wolf dem Apollon geheiligt
war (vgl. den Juppiter Lucetius, die Artemis
AvabCu zu Troizen und die Diana Lucina).
Aufserdem gehören noch hierher die die gol-
denen Lichtstrahlen des Sonnengottes trefflich
charakterisierenden Beinamen %gvaoA6yag{Pind.
Ul. 6, 41. 7, 32. Eur. Suppl. 975; vgl. Ion
887) oder xQnGoi&iiQog {C. I. Gr. 2342), rä-
xsGcov TcatiiQ aqtfftrog ( C . I. Gr. 2342), cfiasoiy-
ßgozog { ib . n. 6797), ferner der Apollon AiyXrp
xri g von Anaphe ( Strab . 484. Apollod. I, 7,
26. Apoll. Hk. 4, 1718, 1729. C. I. Gr.
2482), der Apollon Enoynog { Hesych .), ein Bei-
name, welcher auch bei Zeus vorkommt und
wohl dem Zsvg rLavxonxiqg oder nHXiog Ila v-
omyg analog zu erklären ist, endlich der Apol-
lon Ecöiog von Thynias (Ap. Uh. 2, 686, 700
u. Schol. z. 684) und der ’Evavgog von Kreta
( Ilesycli . vgl. ib. s. v. tvavgco' ngcot. Egg rsg),
welche beiden Namen offenbar den Gott der
aufgehenden Sonne bezeichnen sollen, der viel-
fach als Sieger über Nacht und Winter mit
Päanen begrüfst wurde ( Preller , gr. Mylh. 1,
192, 4. Schwalbe, über d. Paian S. 26).
II. Apollon als Gott des Jahres , der
Jahreszeiten und Monate.
Da alle natürliche Zeitrechnung auf der
Beobachtung des scheinbaren jährlichen Son-
nenlaufes und der durch den Wechsel der
Jahreszeiten und Mondphasen gebotenen Ein-
teilung desselben beruht, so lag es sehr nahe
den Sonnengott auch als Zeitordner zu den-
ken und clemgemäfs alle natürlichen Zeit-
bestimmungen seinem Wirken zuzuschreiben
(vgl. Ov. Met. 2, 25). Diese sind: a) das
Jahr , d. i. nach Aratos (749) der Zeitraum,
welchen die Sonne braucht, um ihre grofse
Bahn zu vollenden (yiyav ’bygov iXccvvsiv),
weshalb es schon bei Homer „Lichtbahn“ {Xv-
Aaßag ■ vgl. Curtius, Grundz. d. gr. Et.6 161)
genannt wurde. — b) Die Jahreszeiten, deren
man seit ältester Zeit bald zwei {%siyu und
ftigog) bald vier (xsiga, tag, frigog, oncoga)
unterschied (vgl. darüber Koscher , Apollon u.
Mars S. 20). — c) Die 12 Monate. — d) Die
Monatsteile oder die 7- und 10- tägigenWochen
(Roscher a. a. 0 21). — e) Die sogenannten
Apollon (G. d. Jahres etc.) 424
Ennaeteriden oder grofsen Jahre {ysyuXot. oder
cUölol smavzoi), d. h. Cyklen von 99 Mond-
monaten oder 8 Jahren, nach deren Verlauf
Mond und Sonne wieder in dasselbe Verhält-
nis treten, und deren Gebrauch, wie die Mythen
von Kadinos ( Apollod . 3, 4, 2), Apollon {Mül-
ler, Dorier 1, 322, 2) und Herakles {ib. 437)
lehren, sicher ein uralter war (vgl. K. 0. Müller,
Orchomenos 218 f. Dorier 1, 330. Proleg. 423.
i Scliömann, gr. Alt.2 2, 425). Im Kultus zeigt
sich nun die Beziehung des Apollon zu allen
diesen Zeitabschnitten in der Thatsache, dafs
alle für die Einteilung des Jahres wichtigen
Tage, nämlich die der Neu- und Vollmonde,
die siebenten und zwanzigsten Tage des Monats,
endlich die Anfänge des Sonnenjahres und der
Ennaeteris für apollinisch galten.
Auf den Gott des Jahres und der Mond-
phasen bezieht sich ein eigentümlicher Brauch
i der thebanischen Daphnephorien, eines Festes
des ismenischen Apollon, welchen Proklos
bei Photios bibl. 321 folgenclermafsen schildert:
„Sie bekränzen ein Holz vom Ölbaum mit
Lorbeerzweigen und bunten Blumen, an dessen
Spitze eine eherne Kugel befestigt wird, wel-
cher man kleinere anhängt; um die Mitte des
Holzes aber legen sie kleinere Kugeln . . .
und heften purpurne Stemmata an ; das unterste
Ende des Holzes aber umgeben sie mit einem
aqiacozov (d. i. eine Scheibe oder Kugel, welche
aus Bingen bestand und die verschiedenen
Mondphasen darstellte). Die oberste Kugel
bedeutet die Sonne , auf welche man den
Apollon bezieht; die unten befindliche den
Mond, die hinzugefügten kleineren Kugeln die
Gestirne und Sterne, die Stemmata aber den
sviavoiog ögoyog, denn sie betragen gerade
305.“ Das hohe Alter dieses Festes, welches
offenbar die,Grenzscheide zweier Jahresepochen
bildete, erhellt aus dem Umstande, dafs es aul
Polematas, einen mythischen Anführer der Böo-
ter, zurückgeführt wurde, und aus der Sage, dafs
bereits Herakles Daphnephoros des ismenischen
Apollon gewesen sein sollte (vgl. Paus. 9, 10, 4.
Proklos Chrest. p. 988 — p. 387 ed. Gaisf.).
Aufserdem verdient Erwähnung, dafs in den
meisten bekannten Kalendern der Griechen ein
dem Apollon heiliger oder nach einem seiner
Feste benannter Monat an der Spitze des Jahres
stand {Roscher a. a. 0. S. 22 f. vgl. A. Mornm-
sen Delphi/ca 160). Ja, es finden sich so-
gar zwei Beinamen des Gottes, welche ihn
als Gott der Jahreszeiten charakterisieren:
’Slgofiidcov auf einer Inschrift von Tenos {C. I.
Gr. 2342) und Slgizgg b. Lykoplir. 352 (vgl. d.
Schol. z. d. St.), womit die Thatsache überein-
stimmt, dafs Apollon auf Monumenten der bil-
denden Kunst mehrfach mit den Horen ver-
einigt erscheint ( Wieseler, Denkm. d. a. K. 2,
129. Welcher, a. Denkm. 2, 52. Götterl. 1, 469).
Dafs ferner dem Apollon auch die 12 Mo-
nate als die natürlichen Teile des Sonnenjahres
geheiligt waren, geht aus der bestimmten Über-
lieferung hervor, dafs ihm an jedem Neumond-
tag ein Opfer dargebracht wurde, wovon er
den Beinamen Nsoygvio g erhielt {Herod. 6,
57. Schol. Arist. PI. 1126. Schol. Pind. A.
3, 1. Schol. Od. 20, 155). Ein auf den
425 Apollon (G. d. Frühlings)
Neumondtag fallendes Apollonfest kommt be-
reits in der Odyssee vor (| 102, t 307). Auf
die Teilung des Monats in 7-tägige Wochen
bezieht sich wohl die vielfach überlieferte That-
sache, dafs dem Apollon der Siebente jedes Mo-
nats heilig war, woraus sich der Mythus von
der Geburt des Gottes am Siebenten und die
Beinamen 'Eßdogsio? und ’EßdofidytTrjg oder
-yevg? ( Aesch . Sept. 781 u. Schol. Flut. Q.symp.
8, 1, 2. C. I. Gr. p. 463) erklären. Ebenso waren i
auch die Vollmondtage (Plut. Dio 23) und die
zwanzigsten Tage der Monate {sUdösc) dem
Apollon geheiligt ( Etym . M. 298, 1). Die Be-
ziehungen des Apollon zur alten achtjährigen
I Schaltperiode zeigen sich nicht blofs in der
ennaeterischen Feier der thebanischen Daphne-
phorien {Phot, hihi.' 321) und der alten pythi-
schen Spiele {Mittler, Porter 1, 331. Schoe-
Imann, gr. Alt. 2, 64), sondern auch in der
Thatsache, dafs die Athener zur Zeit des The- 2
seus zu dem Apollonfeste von Knossos aller
I 8 Jahre {Stt svvecc iuöv) Menschenzehnten sen-
den mufsten {Müller, Dorier 1, 242). Noch in
der römischen Kaiserzeit war das Bewufstsein
von der zeitordnenden Bedeutung des Apollon
lebendig, wie mehrere Stellen im Horazischen
carmen saeculare beweisen {Roscher a. a. 0.
| 24 f-)-
III. Apollon als Gott der warmen Jahres-
zeit, d. i. des Frühlings, Sommers und
Herbstes.
Da nach der Anschauung der Alten die
Kraft der Sonne im Winter erlahmte oder ganz
zu schwinden schien (Hcsiod, egycc 526 sagt
ausdrücklich, dafs Helios im Winter bei den
Athiopen weile, wie denn im Winter nicht
blofs die Tage kürzer, sondern auch die Wol-
ken viel zahlreicher sind als im Sommer: vgl.
Mommsen, griech. Jahreszeiten S. 141, 378, 421,
464), so dachte man sich den Sonnengott Apol-
lon nur im Sommer thätig und feierte ihn nur
in dieser Jahreszeit. In der That fallen alle
bekannten Feste des Apollon nur in die warme
; 8 bis 9 Monate umfassende Jahreszeit, und
Plutarch de ti ap. D. 9 berichtet ausdrück-
lich von den Delphern , dafs sie während
der drei Wintermonate den Dionysos, in der
übrigen Zeit aber den Apollon verehrt hätten.
Da nun die warme Jahreszeit in Frühling,
eigentlichen Sommer und Herbst zu teilen ist,
j und in jeder dieser Perioden die Sonne sehr
] verschiedene (gute oder schädliche) Wirkun-
gen hervorbringt, so müssen wir Frühlings-,
Sommer- und Herbstfeste des Apollon unter-
scheiden, deren Charakter je nach den zu
Grunde liegenden Anschauungen ein sehr ver-
schiedener war.
a) Apollon als Gott des Frühlings.
Der Frühling bedeutet auch für die Griechen
die schöne heitere Jahreszeit im Gegensatz zu
dem rauhen regnerischen unfreundlichen Win-
ter {Roscher, Apollon u. Mars S. 30 ff). Man
i feierte daher im Frühling heitere Feste, welche
vor allem dem wolilthätigen Sonnengott ge-
heiligt waren. Mythisch wurde das Erwachen
des Lenzes entweder als Rückkehr des in der
Apollon (G. d. Frühlings) 426
Ferne weilenden Apollon (vgl. Hcs. egya 526)
oder als dessen Wiedergeburt und Sieg
über die dämonischen Gewalten des Winters
aufgefafst.
Dafs man den Apollon während des Win-
ters in der Ferne weilend und im Frühling
zurückkehrend dachte , geht zunächst ans der
Sitte der sog. vpvoi xlrjriv.ot hervor, mit de-
nen der Gott im Frühjahr gewissermafsen ein-
i geladen wurde, während man ihm beim Ein-
tritt des Winters mit sog. vyroi dnonsg-nTinot
das Geleite gab. Man sprach geradezu von
dnodrjpicu und smSrjgLceL des Apollon {Menand.
Tr. stciSstkt. 1, 4. Theogn. 775 ff. Pion. Perieg.
525. Plut. demus. 15, 3 — 7. Procop. Soph. Ep.
p. 435 ed. Aur. Allobr. 1606). Nach Pindar
Pytli. 4, 5 orakelt die Pythia ovv. ccnoSdgov
’Anollan’o g tv%ovto s, d. i. am 7. Tage des Mo-
nats Bysios, dem Stiftungstage des Orakels
und Geburtstage des Gottes (vgl. Claudian. 28,
30. Plut. Q. gr. 9 u. Roscher a. a 0. S. 32.
Mommsen, Pelphika 280 ff), welches Fest wahr-
scheinlich den Namen Theophania führte. Ge-
wifs bezog sich darauf ein schöner Päan des
Alkaios, von welchem der Rhetor Himerios {or.
14, 10. Bergk, Poetae lyr. 3 930) eine Skizze
erhalten hat. Nach Alkaios will Zeus den
eben geborenen jugendlichen Gott auf einem
Schwanenwagen nach Delphi senden, wo er
allen Griechen Recht und Gesetz verkünden
soll. Der aber fährt zunächst zu den Hyper-
boreern, bei denen er sich ein ganzes Jahr
aufhält, während die Delpher Päane dichten
und Melodieen komponieren lassen und Chöre
von Jünglingen am Dreifufs aufstellen, welche
den Gott aus dem Hyperboreerl a n de herbei-
rufen. Da nun, als der Gott die Zeit für ge-
kommen hielt, wo die delphischen Dreifüfse
ertönen sollten , flog er auf einem Schwanen-
wagen nach Delphi, und zwar mitten in der
warmen Jahreszeit, weswegen bei der Ankunft
des Gottes derselbe mit einem Frühlingsliede
begrüfst wird, und die Nachtigallen, Schwalben
und Cikaden ihn besingen, und Kastalia und
Kephissos durch Anschwellen ihrer silberhellen
Fluten ihre Freude über die endlich erfolgte
Rückkehr zu erkennen geben. Dafs in diesen
Worten Alkaios eine Frühlingsfeier gemeint
hat, habe ich in meiner Schrift Apollon u.
Mars S. 34 nachgewiesen. Ähnlich besingt
auch Kallimachos in seinem apollinischen
Hymnus eine Epidemia des Gottes, wobei die
Zither und der Paian ertönt, die Schwäne in
den Lüften singen, und von den Jünglingen
heitere Tänze aufgeführt werden (vgl. auch
das Fragment des Ananios b. Bergk , Poetae
lyr.3 986). Man feierte also im Frühling an
den meisten Kultstätten des Apollon seine
Wiederkehr aus einem mythischen Lande, wo
er während des Winters verweilt haben sollte,
mit festlichen Gelagen, Opfern, Tänzen und
Gesängen und nannte dieses Land Aithio-
pien {lies. tgyct 526) , oder Lykien ( Verg.
Aen. 4, 143), d. i. Lichtland, oder das der
Hyperboreer , welcher Name eigentlich die
Leute jenseits der Berge bezeichnet {Curti.us,
Grundz. d. gr. Et.5 348). Von den Hyperbo-
reern heilst es, dafs bei ihnen ein halbes Jahr
427 Apollon (Gehurt).
hindurch Tag und ewiger Frühling herrsche.
Sophokles (hei Strabo29b) redet von einem ur-
alten Garten des Phoibos (Doißov nahubg v.rp
7tog), und verschiedene Schriftsteller ( Diocl . Sic.
2, 47. Plin. v. h. 4, 89. Find. Pyth. 10, 37 f.)
preisen die Heiterkeit des Himmels, das schöne
Klima, die Fruchtbarkeit des Bodens und die
Glückseligkeit der Bewohner jenes apollini-
schen Wintersitzes. Das hohe Alter jener
Frühlingsfeier läfst sich aus ihrer weiten
Verbreitung erkennen, denn sie fand nicht blofs
an den Hauptsitzen des Kultus in Delphi und
Delos, sondern auch in Milet, Megara und
Böotien statt und darf auch in Athen voraus-
gesetzt werden (Menander n. siuSsl-ax. 1, 4.
Theogn. 775ff. A. Mommsen, Heortol. 58 f.). Zu
Delphi hiefs das Fest Osocpuvi. a und wurde
mit lustigen Gelagen begangen, da Herodot
erzählt, dafs der grofse silberne Krater des
Kroisos am Tage der Theoplranien von den 21
Delphiern gefüllt worden sei ( Ilcrod . 1, 51.
Näheres über dies Fest s. b. A. Mommsen,
Delphika 280 ff.)
Mit dieser Vorstellung von der Wieder-
kehr des Apollon im Frühjahr ist die Idee sei-
ner Geburt um dieselbe Zeit nahe verwandt:
man dachte sich den Gott des Sommers im
Beginn des Lenzes geboren, weil seine belebende
Kraft sich in jedem Frühling erneuert. Nach
delphischer Tradition sollte Apollon am 7. By- 3
sios, d. h. am Tage der Theophanien, geboren
sein, an welchem allein in früherer Zeit die
Pythia zu orakeln pflegte ( Plut . Q. gr. 3).
Von dem Verhältnis der Geburtstagsfeier zu
der Epiphanie (Wiederkehr) des Gottes läfst
sich wohl annehmen, dafs seine Geburt als
seine erste Erscheinung und die jährliche
Wiederkehr aus dem mythischen Lichtlande
als eine Wiederholung der ersten Epiphanie
aufgefafst wurde ( Roscher , Apollon u. Mars 37). 4
Wenn inbetreff der Feier a,uf Delos bald
von einer Geburt des Apollon am 7. Tharge-
lion ( Laert . Diog. 3, 2), bald von einem Epi-
phanienfeste im Beginn des Frühlings die Rede
ist ( Verg. Aen. 4, 143. Dion. Perieg. 525), so
erklärt sich dieser scheinbare Widerspruch
wohl aus der Annahme, dafs in der älteren
Zeit auch zu Delos der Geburtstag des Gottes
mit seiner Wiederkehr im Frühling zusammen-
fiel, später aber beides aus einander gerissen j
oder zusammmen auf den siebenten Tharge-
lion , den Tag des attischen Thargelien-
festes , verlegt wurde ( Boscher a. a. 0. 38.
Schreiber , Apollon Pythoktonos 47). Den My-
thos von der Geburt des Apollon auf Delos
findet man ausführlich behandelt im homeri-
schen Hymnus auf den Apollon Delhis und bei
Kallimachos (Hy. in Delum ; vgl. auch Pindar
b. Strab. 10, 485. Theogn. 5—10 und den Ar-
tikel Leto.) e
Eine dritte, höchst eigentümliche und wahr-
scheinlich uralte Geburtstagsfeier fand endlich
auch zu Ortygia bei Ephesos statt, das ebenso
wie Delos, Tegyra (Plut. de def. or. 5. Steph.
Byz. u. Teyvga), Amphigeneia (Steph. Byz. s. v.),
Lykien (Steph. Byz. s. v. Tsyvg a. Hagnon b.
Schol. z. II. J 101), Delphi (Nävius b. Macrob.
Sat. 6, 5, 8) und Zoster in Attika (Steph. Byz.
Apollon (Drachentöter) 428
a. a. 0. Hesycli. u. Zcoaxi'ig. Et. M. 414, 22) der
Geburt des Gottes sich rühmte. Hier wurden
geräuschvolle kuretische Waffentänze aufge-
führt, womit die der Leto feindliche Hera ab-
geschreckt und die gebärende Mutter unter-
stützt worden sein sollte. Dieser Brauch stimmt
auffallend mit der römischen Kultsitte am Ge-
burtstage des Mars überein (Boscher a. a. 0.
39. Strabo 639 £).
Eine dritte im Kultus und Mythus des
Frühlingsgottes Apollon ausgesprochene An-
schauung war die, dafs er während und un-
mittelbar nach seiner Geburt von dämonischen
Mächten in Gestalt von Drachen oder Rie-
sen gefährdet worden sei, diese aber mit seinen
Geschossen siegreich überwunden habe. So
erzählen mehrere Schriftsteller übereinstim-
mend einen Mythus, wonach der junge Apollon
unmittelbar nach seiner Geburt, noch auf den
Armen seiner Mutter getragen, den Drachen
(gewöhnlich Python oder Delphyne genannt:
s. d.) getötet habe, der ihn vernichten wollte,
eine Legende, deren Popularität aus mehreren
Bildwerken erhellt, und welche deutlich be-
weist, wie eng die beiden Ideen der Geburt
und des Drachenkampfes mit einander ver-
knüpft waren (vgl. Hom. hy. in Ap. Pytli.
122 ff u. 178 ff Eurip. Ipli. T. 1250 f. Kallim.
hy. in Apoll. 103. Ap. Bh. 2, 707f. Klearchos
b. Athen. 701. Daris im Et. M. 469, 46. Li-
ba.nios narr. 19 p. 1105 [ Westermann, mythogri
376.] Macrobius Sat. 1, 17, 52. Serv. z. Verg.
Aen. 3, 73. Vgl. Boscher a. a. 0. 40 u. Schrei-
ber, A. Pythoktonos lff., der auch S. 67 die hier-
her gehörigen Bildwerke eingehend behandelt).
Das hohe Alter dieser Sage vom Drachen-
kampfe geht aus ihrer weiten Verbreitung her-
vor; denn nicht blofs zu Delphi, sondern auch
zu Delos (Schreiber a. a. 0. 46 und in den
Jahrb. f. klass. Philol. 1880 S. 685), zu Gry-
neia in Aiolis, zu Sikyon und Tegyra erzählte
man davon (Schreiber a. a. 0. 50. Boscher a.
a. 0. 40 u. in Jalirbb. für dass. Philol. 1880 S.
601 ff.), und als Pythios oder Pythaeus wurde
Apollon vielfach verehrt (Krause in Paulys
Bediene. 6, 336). Hinsichtlich der Pythienfeier
zu Delphi vgl. A. Mommsen, Delphika 149 ff
u. Schreiber a. a. 0. S. 17 ff. , s. auch S. 95
u. Boscher in den Jahrbb. f. klass. Philol, 1879
1 S. 734 f.
Wasnundie Deutung dieses mit der Früh-
lingsfeier des Apollon jedenfalls zusammen-
hängenden Mythus betrifft, so kann der Drache,
welcher unmittelbar nach der Geburt des Früh-
lingsgottes erlegt wird, wohl nur als ein Sym-
bol des Winters gefafst werden: der Drachen-
kampf des Apollon im Frühjahr bedeutet also
den Sieg des lebenspendenden Sonnengottes
über die dämonische Gewalt des Winters, d. i.
der unfruchtbaren und schädlichen Zeit des
Jahres (vgl. Hom. II. P 549 und Od. | 522
mit Hom. hy. in Ap. Pyth. 125). Die Sage
vom Riesen Tityos (s. d.) scheint nur ein an-
derer Ausdruck für dieselbe Idee zu sein ( Bo-
scher a. a. 0. 41). Dieselbe Vorstellung eines
Kampfes zwischen dem Gott des Lichtes und
des Frühlings mit den Dämonen der Finster-
nis und des Winters beim Beginn der warmen
429 Apollon (Delphinios etc.)
Jahreszeit liegt mehreren indischen und ger-
manischen Sagen zu Grunde ( Roscher a. a. 0.
42. Schreiber a. a. 0. 58ff.). Wie der Kampf
des Sommers und Winters im Frühling von
i den Germanen mimisch dargestellt wurde, in-
dem ein vermummter Sommer und Winter auf-
treten und so lange mit einander kämpfen,
bis der Sommer siegt, wobei das zuschauende
Volk gleichsam, den Chorus abgiebt und in
den Preis des Überwinders ausbricht ( Grimm
\ ätsche. Mytli.3 724 ff.), so feierte man auch in
Delphi den Sieg des Apollon mit einer musi-
j kalisclien und dramatischen Aufführung des
Drachenkampfes. Das Fest, an welchem die
I Erlegung des Drachen dramatisch dargestellt
wurde, hiefs Ztstizi ’iqiov { Roscher in Jahrbb. ff.
i Jäass. Philol. 1879, 734 f. ) , der musikalische
• Vortrag, welcher dasselbe Thema behandelte,
voyog nvfhxos (die betreffende Litteratur s.
b. Schreiber a. a. 0. 19 Anm. 48). Dafs die
goldenen Pfeile , welche Apollon bei dem
Drachenkampfe gebraucht, die Sonnenstrahlen
bedeuten, beweisen Stellen wie Eurip. Or. 1259.
Baccli. 458. Here. für. 1090 u. s. w. (. Roscher
a. a. 0. 64 Anm. 126.)
Mit dem Beginn der warmen Jahreszeit
erneut sich aber nicht blofs die Erde, sondern
auch das Meer wird wieder belebt, denn die
Schifte, welche seit dem Untergange der Plei-
aden (Hes. spya 619) auf dem trockenen Lande ;
gelegen haben, können wieder in See gehen
j ( Hes . a. a. 0. 678. Plin. n. li. 2, 122). Daher
verehrten auch die Seefahrer, Fischer und Ko-
lonisten, welche mit Sehnsucht den Frühling
erwarten, um ihre Fahrten zu beginnen, eben-
so wie die Bewohner des Binnenlandes den
ij Frühlingsgott Apollon, insofern im Lenze die
J rauhen Winterstürme auf hören und das Meer
j wieder schiffbar wird. Der gebräuchlichste
Kultname des Gottes in dieser Bedeutung ist i
i dslcpiviog ( G . I. Gr. 442. 2554), als welchem
ihm in Attika das Frühlingsfest der JsXcpivux
j ( Mommsen , Heort. 48ff. 398ff. Dclph. 310f.
( Preller in d. Ber. d. sächs. Ges. d. Wiss. 6
j (1854) 152) gefeiert wurde. Der Name AsX-
cpCviog erklärt sich wohl am besten aus der
Bedeutung, welche der Delphin für die See-
fahrer hatte ( Phile 1549. Plin. n. h. 18, 361;
vgl. auch die liegende im Hymnus in Ap.
Pyth. 222, wo Apollon sich in einen Delphin £
j verwandelt). Da nun im Frühjahr auch die
Auswandererschiffe in See zu gehen pflegten,
so wurde der Apollon Delphinios auch Onti-
ßtfig und Acoyazurig, d. h. Städtegründer und
Erbauer genannt ( Schol . z. Pind. Nein. 5, Sl).
Damit hängt auch die Annahme der Traum-
deuter zusammen , dafs die Erscheinung des
Apollon Delphinios ctnodrifu'ag und KtvyGsig
verkünde ( Artemid . Onirocr. 133, 8 Hercher).
Zahlreiche Kultstätten des Delphinios hat Prcl- e
! ler in d. Ber. d. sächs. Ges. d. Wiss. 6 (1854)
S. 143f. zusammengestellt (vgl. Blut, de sollert.
1 an. 36). Natürlich lagen dieselben ohne Aus-
nahme am Meeresgjestade , und so erklären
sich die Beinamen ’Anxiog, ’En äv-mog und ’An-
T.<xiog, welche sich auf den an der Küste von
1 Fischern und Seefahrern verehrten Delphinios
i beziehen (Ap. Bh. 1, 403. Orph. Arg. 1306.
Apollon (G. d. Sommers) 430
Steph. Byz. s. v. flv.xf. Schol. z. Theocr. Id.
5, 14. Strabo 588). Endlich gehören hierher
noch die Kultnamen des Apollon als Gottes
der Ausfahrt und Landung ’Enißarr'jQiog , ’Ey-
ßdaiog und ’Exßctciog, welchem die Argonauten
mehrfach da, wo sie ein- und ausstiegen, Al-
täre errichteten (Paus. 2, 32, 2. Ap. Bll. 1,
359. 404. 966. 1186).
b) Apollon als Gott der lieifsen Jah-
ireszeit, d. i. des Sommers und Herbstes
Wenn wir die apollinischen Feste der heifsen
Jahreszeit betrachten, um aus den zu Grunde
liegenden Anschauungen ein klares Bild von
der Thätigkeit des Gottes während dieser Zeit
zu gewinnen, so finden wir, dafs alle hierher
gehörigen Feste ihrem Charakter nach ent-
weder Sühn - oder Erntefeste oder beides zu-
gleich sind. Zur Charakteristik dieser Jahres-
zeit ist vorerst zu bemerken, dafs in ihren
i Beginn, welcher am besten durch den attischen
Monat Thargelion bezeichnet wird, wie noch
heutzutage , die Ernte der wichtigsten Feld-
früchte fiel (Hesiod. sgya 383. A. Mommsen,
Progr. d. Schleswiger Domschule 1870, 7. Gr.
Jahreszeiten 1, 54), deren Reifen wesentlich der
im Mai und Juni ausbrechenden dörrenden Son-
nenglut zugeschrieben wurde (Roscher a. a. 0.
55). Ein zweites Charakteristikum dieser Jah-
reszeit ist das durch dieselbe Sonnenglut her-
beigeführte Verdorren der Vegetation und die
Häufigkeit epidemischer Krankheiten (Fieber),
welche viele Menschen dahinraffen. Dem ent-
sprechend verehrte man den Sonnengott Apol-
lon einerseits als eine wohlthätige Macht
des Erntesegens und der Gesundheit,
andererseits als eine verderbliche, durch
Opfer und Gebete zu sühnende Gottheit, in-
sofern man ihm alle in dieser Jahreszeit be-
sonders häufigen Krankheiten und die der Ernte
schädlichen Landplagen zuschrieb.
Das erste hier zu erwähnende Fest war das
der Thargelien, welches nicht blofs zu Athen,
sondern auch zu Milet, Ephesos, Delos und
Massilia , vielleicht auch in Delphi gefeiert
wurde (Roscher a. a. 0. 56; Mommsen, Del-
phika 313 ff). Nach A. Mommsen, (Heortol.
424) kamen bei der attischen Feier zwei
ganz verschiedene Ideen zum Ausdruck. Am
6. Thargelion nämlich war es nach dem Zeug-
nis des Helladios (b. Phot. bibl. 534b) in Athen
Sitte eine Prozession mit zwei Menschen zu
halten (quxQfxanovg aysiv), von denen der
eine zur Sühne für die Männer, der andere
für die Frauen dargebracht wurde. Es war
dieser Sühnbrauch eine Abwehr pestartiger
Krankheiten (Xoifunäv voacov unozQonuxayog),
wie sie im Sommer und Herbst auszubrechen
pflegen und wurde mythisch mit der Ermor-
dung des Kreters Androgeos (s. d.) in Zusam-
menhang gebracht. Ganz verschieden war da-
gegen der Charakter der anderen Hälfte des
Thargelienfestes , d. i. der Feier des nächsten
Tages oder des 7. Thargelion. An der Grenze
der heifsen Jahreszeit nnd des Frühlings galt
es nicht nur den Gott der verderblichen, pest-
bringenden Hitze zu versöhnen, sondern auch
demselben für die ersten Gaben der Ernte zu
danken. Man brachte ihm daher in Verbin-
431 Apollon (G. d. Sommers)
düng mit den Horen am 7. Tage die Erst-
linge der Ernte (fhxQyrjh.cc) dar, bestehend aus
den mannigfaltigsten Erzeugnissen der Jah-
reszeit, -von denen das Fest und der Monat
den Namen erhalten haben. (Vgl. Mannhardt,
antike Wald- u. Feldlculte 228.) Um dieselbe
Zeit wurden auf Delos die JijXux gefeiert,
ebenfalls ein Erntefest, wie aus den Andeu-
tungen des Kallirnachos und Plutarchos her-
vorgeht ( Kallim . hy. in Del, 278. Flut. sept.
sap. conv. 14). Vgl. Mannhardt a. a. 0. 232.
Mommsen FLeort. 402 f. 415. Von den spar-
tanischen Apollonfesten scheinen die Hyakin-
thien den attischen Thargelien ziemlich ähn-
lich gewesen zu sein. Nach den von K. Fr.
Hermann ( Gottesd . Alt. 53, 36 f.) und Schü-
mann (gr. Alt. a2, 435) angeführten Zeugnissen
war es die Rücksicht auf die verheerenden Wir-
kungen der Sonnenhitze, welche nicht nur dem
Mythos des schönen von dem Gotte durch einen 2
Diskoswurf getöteten Hyakinthos (s. d.) zu
Grunde lag, sondern auch dem ersten Tage
das Gepräge der Trauer mitteilte, während an
dem darauf folgenden Tage ein fröhliches Fest
der Ernte mit Spielen, Tänzen und reichlichen
Opferschmäusen gefeiert zu werden pflegte.
Der Monat, in welchen die Hyakinthien fielen,
galt für den heifsesten und gefährlichsten des
ganzen Jahres, es war der Monat des Sirius-
aufganges. Sicher hängt damit die Sage von 3
Kynortas (s. d ), d. h. Hundsaufgang, dem Bruder
des Hyakinthos, zusammen ( Roscher a. a. 0. 58).
ln Argos entspricht den Hyakinthien das Li-
nosfest, an welchem man den Apollon ver-
söhnte, weil er wegen der Tötung seiner Ge-
liebten, der Psamathe, das Land mit Seuchen
heimgesucht hatte, und den Linos (s. d.), den
als Knaben von Hunden zerrissenen Sohn bei-
der, beklagte (Schümann a. a. 0. 509. Schwalbe,
üb. d. Pcian 25). 4
In dem auf den Monat der Hyakinthien
folgenden Karneios wurden in Sparta die Kar-
neia gefeiert, ursprünglich ein rein agrarisches
Fest mit deutlichem Bezug auf die beginnende
Weinernte , worauf noch der Wettlauf der
Staphylodromen hinweist (Paus. 3, 13, 3. He-
sych. s. v. GTacpvXoÖQ. Eekkeri an. 1, 303, 25),
das aber seit der Einwanderung der Dorier zu
einem Rriegerfeste geworden zu sein scheint
und in dieser Bedeutung den attischen Boe- e
dromien vergleichbar ist.
Die meisten anderen Sommerfeste des Apol-
lon galten entweder dem Abwehr er sommer-
licher Landplagen oder dem Spender des
Herbstsegens. So wurden die vielfach ver-
breiteten Sminthia dem Abwehrer der Mäuse
(Hermann, Gottesd. Alt. 67, 10. Schümann , gr.
Alt.2 2, 443. C. I. Gr. add. 2190b, 3577, 6125
1. 7029 c; vgl. auch 3582), die Aktia auch dem
Vertilger der lästigen und nach der Ansicht <
der Alten pestbringenden Fliegen gefeiert
(Clemens Al. Protr. p. 19 D. ed. Lugd. Plin.
n. h. 10, 75. Winer bibl. Peahoörterb .3 1, 376),
während man in Athen und Aiolis Apollon
als noQvömog oder noQvoniwv , d. i. als Ab-
wehrer der Heuschrecken anrief (Paus. 1, 24,
8. Strab. 613. Plin. n. h. 11, 101 f.)
Den Abschlufs des gesamten apollinischen
Apollon (G. d. Sommers) 432
Festcyklus in Athen bildeten endlich die Pya-
nepsia im Beginn des darnach benannten Mo-
nats an der Grenze des Sommers und Winters,
wenn der Frühuntergang der Plejaden erfolgt.
Zu dieser Zeit verlieren die Bäume ihr Laub,
Stürme treten ein, die Seefahrt wird gefährlich,
der Augenblick ist da, wo Apollon und mit
ihm die gute Jahreszeit Abschied nimmt
(Mommsen Heort. 57). Dann sind auch sämt-
1 liehe Herbstfrüchte, namentlich der Wein, ge-
erntet, daher man vor dem Eintritt des Win-
ters dem Apollon als Sonnengott und Zeitiger
der Herbstfrucht die Eiresione darbrachte, d. h.
einen mit Binden und Früchten behangenen
Lorbeer- oder Ölzweig, das Symbol der glück-
lich beendeten Jahresernte. Wir haben dem-
nach die Pyanepsieu, welche nicht blofs in !
Athen, sondern auch in Kyzikos gefeiert wur-
den , entschieden als ein herbstliches Ernte-
j dankfest anzusehen (vgl. aufser den bei Ro-
scher a. a. 0. 61 Anm 120 angeführten Stellen
namentlich noch die schöne Untersuchung von
Mannhardt , ant. Wald- u. Feldkulte 214 ff.).
Erwägt man diese Bedeutung des Apollon als
Erntegott und die von Mannhardt a. a. 0. 246
dargelegte Verbindung der Begriffe der Ernte
und des Friedens, so wird man es wahrschein-
lich finden , dafs „sowohl die sämtliche apol-
linische Daphnepliorie (vgl. Preller, gr. Myth ,2
j 1, 221) als die Verwendung des bekränzten j
Ölzweigs zum Bittzweig (Hiketeria) der um
Flieden und Schutz Flehenden und zum Stabe
des Frieden heischenden Heroldes“ aus dem
Kreise der in der Eiresione verkörperten Vor-
stellungen hervorgegangen sind“ (Mannhardt
a a. 0. 258).
Fassen wir nunmehr die anderweitigen
Überlieferungen ins Auge, welche die aus einer
Betrachtung der apollinischen Sommerfeste '
0 gewonnenen Anschauungen ergänzen und be-
stätigen, so haben wir zunächst der evidenten
Beziehung des Apollon zu Ackerbau und Vieh-
zucht zu gedenken, welche sich ohne weiteres
aus seiner Bedeutung als Gott der alle Feld- ,
fruchte und Futterkräuter zeitigenden Sonne
und aus seiner Funktion als Herr über Ge-
sundheit und Krankheit der Menschen und
Tiere erklärt.
Seine Bedeutung als Go tt desAckerbaues
0 ist besonders klar ausgesprochen in den Kult-
namen ’EpvGi'ßio? und ZirccXiux?, durch welche
er als Abwehrer des Kornbrandes (sQVGtßi))
und Beschützer des Getreides (2. von Giro?
und dXaXy.siv) bezeichnet wird. Auch dies
deutet auf einen Sonnengott, denn die Ent-
stehung des Kornbrandes wurde den scharfen
Sonnenstrahlen zugeschrieben, wenn diese den
in der Nacht gefallenen Tau austrockneten,
wie man denn auch andere Krankheiten des
0 Getreides auf die schädliche Wirkung der Sonne
zurückführte (Roscher a. a. 0. 62). Als ’Eqv-
Gt'ßio? hatte Apollon bekanntlich Kulte auf
Rhodos und Kypros (Strabon 613. Ptolemaios
Flepli. ed. Westermann 198, 11), den Beinamen
Zczdlnccg führte er nach Paus. 10, 15, 2 zu
Delphi. _ H;
Sehr zahlreich sind ferner die Kulte, Bei-
namen und Mythen, welche sich auf Apollon
433
Apollon (Pestgott etc.)
Apollon (Orakelgott etc.) 434
als Beschützer der Viehzucht beziehen,
was wir teils aus seiner Bedeutung als Gott der
warmen Jahreszeit, insofern diese die zur Er-
nährung der Menschen und Tiere notwendigen
Pflanzen hervorbringt, teils aus seiner Funktion
als Gott der Gesundheit und Krankheit auch
der Tiere zu erklären haben; denn nach II.
A 50 sendet er auch diesen die verderbliche
Seuche (vgl. Schol. 11. <T> 447). Es genügt hier
auf die Darstellungen Prellers ( gr . Myth. 1, l
207 f.) und Welcher s (Götterl. 1, 485f.) zu ver-
weisen und darauf aufmerksam zu machen,
dafs die Mythen von dem Hirtendienste beim
Laomedon (s. d.u. vgl. II. <Z>448) und Admetos (s.
d. u. vgl 11. B 766) jedenfalls in dieser Auf-
fassung des Gottes ihren Ursprung haben. So
erklärt es sich zugleich, warum die Wald-
triften (vany , saltus) dem Apollo heilig sind
(Oed. Tyr. 1103: reo y«p nlcevsg ccygövopoL
nccocu cpi'lai), und weshalb er nach Macroh. 2
Sat. 1, 17, 43. Schol. Ar. nub. 144. Steph. Byz.
n.Nany geradezu als Nccnctiog verehrt wurde;
denn die in den Wäldern gelegenen Wiesen
bieten dem Vieh die beste und reichlichste
Nahrung ( Roscher a. a. 0. 63). Die Beinamen
des Apollon als Hirtengottes sind: ’Eiriyyhog ,
’Onucov pylcov (Find. P. 9, 64), Mal oste, TJoi-
yviog , Nöfitog, Agvov.oy.yg, Pal.ci^iog, Tgayiog.
Als Hirt tritt Apollon bekanntlich auch im
Hymnus auf Hermes auf 3
Zum Schlufs haben wir noch des Apollon
als Senders der Krankheiten, namentlich
der Seuchen zu gedenken, der als solcher
natürlich auch ein Heilgott ist und Gesund-
heit verleihen kann, indem er alle verderblichen
Einflüsse fernhält und abwehrt (vgl. Preller, gr.
Myth. 1, 212 f. Welcher, Götterl. 1, 459, 537 f.
540 f.). So sendet Apollon die Seuche den
Achäern 11. A 42, den Trojanern Apollod. 2,
5, 9, den Phlegyern Paus. 9, 36, 2 und Ar- i
givern Cjnon. 19. Die hierher gehörenden
Kultnamen sind OvXiog, d. i. vyiaanvög vctl
ncacovivog ( Strabo 635. Macroh. 1, 17, 21),
’Aviaiog, ’Avsacoövvog ( C . I. Gr. 5973 c.), ngoaxd-
xyg, irjxi'iQ vocuiv ( C . I. G. 6797), Tlctidv oder
Ucadv (Paus. 1, 34, 3. C. I. Gr. 1946. 2342.
5039. 1897. C. I. Att. 210 u. s. w.), vovoolv-
xyg (C. I. Gr. 5973 c), Aoi’fuog/AXsIgivciv.og (Paus.
1, 34), ’Emvovgiog (Preller a. a. O. 213, vgl.
auch Find. Pyth. 5, 59), Opif er (Ov. M. 1, 5
521), Medicus (Auy. C. D. 7, 16). Selbstvei--
ständlich erklärt sich diese Funktion aus sei-
ner Bedeutung als Gott der heifsen Jahres-
zeit, da, wie wir oben gesehen haben, die
pestartigen Krankheiten besonders im Sommer
und Herbst verheerend aufzutreten pflegen und
von den allzuheifsen Sonnenstrahlen veranlafst
za sein scheinen. Da man nun dieselben ganz
allgemein als glühende Pfeile auffafste, welche
Apollon herabsendet — eine Vorstellung, die o
sich auch bei andern indogermanischen Völ-
kern, z. B. den Germanen, findet (lloscher a. a. ,
0. S. 64 Anm. I26f.) — so nannte man alle an
akuten Krankheiten Verstorbenen nach Hippo-
hrates 2 p. 34 cd. Kühn ßlyxoi, d. i. von den
apollinischen Pfeilen Getroffene, und dachte
sich in Pestzeiteu geradezu den Gott mit
j Pfeilen schiefsend, wie ihn uns die Ilias (/4 49f.)
vorführt (lloscher a. a. 0. 64). Hierher gehört
endlich auch die Sage von Asklepios (s. d.),
welcher der Sohn des Apollon sein sollte.
IV. Apollon als Gott der Orakel, der
Musik und der Dichtkunst.
Unmittelbar aus der ursprünglichen Bedeu-
tung des Apollon als Sonnengott erklären sich
o auch seine Beziehungen zur M antik und
Musik. Denn mit Recht meint Welcher, Götterl.
1, 533, Licht und Wahrsagung durch Geistes-
licht seien verwandt (vgl. Farmen, b. Sext.
Emp. adv. math. 7, 111 p. 213 Behh. Find. fr.
74 B. Ol. 7, 72. Boeth, Cons. 5, 2), und des-
wegen wäre dieselbe in manchen Religionen
mit dem Sonnengott verbunden gewesen, da-
her auch Helios (z. B. in Rhodos) als Orakel-
gott erscheine ( Diod . 5, 56). Ganz ähnlich führen
:0 Lauer (275) und Sclnvench (Gr. Myth. 111) die
Weissagung des Apollon auf die Eigenschaft
der Allwissenheit zurück, die man dem Son-
uengotte zuschrieb (’HsXiog, og xidvx’ scpogä
vcd xrdvx ’ tn avovsi Hom. II. 3, 277). Eines
der ältesten und wichtigsten Objekte antiker
Mantik scheint das für den Ackerbauer, Hir-
ten und Seefahrer so bedeutsame Wetter
gewesen zu sein (Koscher, Hermes 102), und um
dieses vorausbestimmen zu können, beobachtete
o man von jeher vorzugsweise die Sonne (Theo-
phr. de sign. pluv. 5, 22,26. Arat. 819 f. T 7 erg.
Geo. 1, 438f. Plin. n. h. 18, 342). Ebenso
beobachtete man aber auch Raben, Habichte,
Wölfe, Delphine und andere Tiere (Theophr.
de sign. pluv. 16, 17, 19, 39, 40, 46, 52. Ari-
stot. fr. 159b), von denen man glaubte, clafs
sie eine bevorstehende Änderung des Wetters
anzeigten, und so wurden dieselben scliliefs-
lich dem mantischen Gotte Apollon geheiligt,
o So erklärt sich wohl auch die innige Beziehung,
welche Apollon als Orakelgott zu Zeus, dem
Gott des Himmels und des Wetters hatte (vgl.
Hy. in Mer c. 468 ff. u. Kallimach. Ap. 29); wie
er denn nach Aischylos (Hum. 19. 612. 705) nui-
der Prophet des Zeus ist, welcher dessen Rat-
schlüsse den Menschen . verkündet (Welcher,
Götterl. 2, 365, Preller, gr. M.'2 1, 213). Die
hierher gehörigen Beinamen des Apollon sind :
7t gooxpiog (Paus. 1, 32, 2), ffsdptoe (ib. 2, 31, 6),
o dlsvQoyctvxig (Hesych.), Ao^i'ag (Curtius, Grdzl
739), , yggaxygiog (C. I. Gr. 3527.
5039). Zusammenstellungen apollinischer Ora-
kel findet man bei Schoemann , Gr. Alt. 2, 298 f.
Hermann, Gottesd. Alt. § 40. Kinch , Bel. d.
Hellenen 2, 440 f. Sie lassen sich in Spruch-
und Zeichenorakel teilen. Die gröfste Bedeu-
tung für das griechische Leben hatte das del-
phische Orakel , sowohl in religiöser als in
politischer Beziehung. Denn infolge dieses del-
3 phischen Einflusses geschah es z. B., dafs auch
nach den nichtdorischen Staaten der delphische
, Kalender gelangte (A. Mommsen , Helphiha
125 ff.), namentlich nach Athen, wo man in-
schriftliche Datierungen vax’ ugiovxu und
nax u fteov zu unterscheiden hat. Und wie in
Griechenland der gesamte Kultus unter der
Oberleitung des delphischen Orakels stand, so
wurde seiner Entscheidung auch Krieg und
435 Apollon (G-. d. Musik etc.)
Frieden, die Gründung von Kolonieen und das
Ordnen bestehender Staaten anheimgegeben
(Hermann, Gottesd. Alt. § 5).
Die Beziehungen ferner, welche Apollon zur
Musik und Dichtkunst hat, können wohl
am besten unmittelbar aus seiner Bedeutung
als Orakelgott, sowie aus dem Umstande, dafs
in seinem Kulte von jeher die Musik eine
grofse Rolle spielte , abgeleitet werden (vgl.
0. Müller, Dorier 1 1, 343 ff.'). Wie nahe sich i
im höchsten Altertum die Begriffe der Weis-
sagung und der Dichtung berührten, erhellt
namentlich aus Odyss. 8, 488, wo Odysseus in
betreff des Demodokos voraussetzt , dafs er
seinen epischen Gesang vom Untergange Trojas
entweder von der Muse oder von Apollon er-
lernt habe. Dafs Apollon hier eigentlich nur
als der inspirierende Gott der Weissagung zu
denken sei , ist höchst wahrscheinlich (vgl.
Nägelsbach, Hom. Theol.2 S. 114). Da nun aber s
epischer Gesang ohne die Begleitung der Phor-
minx , einer Art Zither , undenkbar war (vgl.
den Ausdruck tpoggigcov 8’ avsßäU ex’ aeidsiv
Od. 1, 155. 8, ‘266 u. s. w. u. 0. Müller, Geseh.
d.gr. Lit.1 1, 54), so mufste schon aus diesem
Grunde der inspirierende Gott des Gesanges
auch zu einem Gotte der Musik werden.
Aufserdem mochte die metrische Form der
apollinischen Örakelsprüche, sowie die bedeut-
same Rolle , welche der Paian , (den Apollon 3
selbst nach der Erlegung des pythischen Dra-
chen zuerst angestiramt haben sollte) , ferner
der pythische Nomos, die Zithermusik (Mül-
ler, Dorier 1 1, 342ff. Theognis 776ff.) im Kul-
tus und Mythus des Gottes spielte, dazu bei-
tragen, ihn zu einem Gotte des Gesanges und
der Musik (vgl. fl. 1 , 602. Tlieognis 1 ff. liy.
in Merc. 476. 502), zu einem göttlichen Sänger
und Zitherspieler (hy. in Ap. Pyth. 23. C. I.
Gr. 5039 lvgov.T,vnog), endlich zu einem Freund 4
und Führer der Musen (yovGccystrjg vgl. II. 1,
603. Hy. in Merc. 450. Pind. N. 5, 23. Hes.
scut. Ilerc. 201. Paus. 5, 18, 4. 10, 19, 4. C. J.
Gr. 2342), sowie aller Sänger und Musiker zu
machen. (Vgl. darüber Preller, gr. M? 1, 213ff.
Welcher, Götterl. 2, 369 ff. Müller, Dorier 1 1,
342 ff.) Bei der engen Verbindung von Musik
und Tanz wurde Apollon schliefslich auch zu
einem Tänzer, oQxyGtrig (Pind. fr. 1 15 ed.Boeclch).
5
V. Apollon als Gott des Krieges.
Dafs Apollon vielfach, namentlich aber in
der ältesten Zeit, die Geltung eines Kriegsgot-
tes hatte, ist bereits von mehreren Mythologen
anerkannt (vgl. Müller, Dorier 1, 245 u. 299 f.
Welcher, Götterl. 1, 534f. Preller, gr. Myth. 1,
209 f. Schwenclc 111 u. 145), aber noch immer
nicht gehörig betont worden , wahrscheinlich
deshalb, weil die darauf bezüglichen Thatsa-
chen noch nicht alle unter einen Gesichts- e
punkt gebracht worden sind. Fragen wir nach
dem Zusammenhang dieser Funktion mit der »
Grundbedeutung des Gottes, so ist darauf zu
antworten , dafs der Sonnengott als bewaffne-
ter Held gedacht wurde, welcher die dämo-
nischen, in Gestalt von Drachen oder Riesen
auftretenden Mächte des Winters und der
Finsternis mit seinen Speeren oder Pfeilen,
Apollon (Kriegsgott) 436
d. i. den Lichtstrahlen (vgl. oben), siegreich1
überwältigt. Diese Anschauung des streitba-
ren Licht- und Sonnengottes ist eine so allge- !
meine, nicht blofs in indogermanischen, son-
dern auch semitischen Mythen verbreitete, dafs
sie als eine der begründetsten Annahmen der ;
mythologischen Wissenschaft bezeichnet wer-
den kann. Vgl. Boscher a. a. O. S. 70 ff. und
unten S. 440 Z. 50.
Wie nun Zeus, Indra, Wuotan, Thor und
Herakles wegen ihrer mythischen Kämpfe mit
feindlichen Dämonen zu Göttern des Krieges
geworden sind, so erscheint auch Apollon, der
Besieger des Python, Tityos, der Kyklopen
(Hur. Ale. 5) und der Aloiden (Od. X 318),
nicht selten als Kriegsgott, und zwar am häu-
figsten in der älteren Zeit, so lange die
Einflüsse des ausländischen Areskultus (s. Bo-
scher a. a. 0. S. 9) die Spuren dieser Bedeu-
tung des Gottes noch nicht mehr oder weni-
ger verwischt hatten.
Vor allem kommt hier der sehr verbreitete
Kult des Apollon BogSgoyiog oder Boce&öog in
Betracht (vgl. Boscher a. a. 0. S. 71 Anm. 148),
dessen Etymologie schon auf Schlachtgeschrei
und Sturmlauf hinweist (Curtius, Grundz.5 256).
Leider sind wir über das dem Namen des
Monats BoySgofudv zu Grunde liegende Fest
der BorjÖQÖyice nur hinsichtlich der attischen
Feier genauer unterrichtet: es fand dabei be-
kanntlich eine kriegerische Pompe statt (Momm-
sen, Heort. 211 f. , Hermann, Gottesd. Alt. 55,
4 — 5).
Eine ganz ähnliche Bedeutung mufs der
von Macrohius, Sat. 1, 17, 46 erwähnte, aber
jedenfalls verkehrt erklärte Beiname ’ElsXsv g
gehabt haben. Derselbe bezeichnete ebenfalls
den Gott des Schlachtrufs (fielen oder dhxld
vgl. iS nid. s. v. Schol. Ar. av. 364) , welcher in»
entweder das Kriegslied (ncudv) einleitete (He- io
sych. s. v. e’lelev) oder im Augenblicke des (ln
Angriffs selbst erscholl ( Acliaios fragm. 35 N. ®]
Xen. Anal). 1, 8, 17. 18. 5, 2, 14 etc.).
Ebenso war auch der Paian selbst als 1 tle
Schlachtgesang und Siegeslied dem Apollon
geheiligt (vgl. Schwalbe, üb. d. Bdtg. d. Päan iS
p. 29 ff.) und wurde mythisch auf den Kampf .
des Gottes mit dem Drachen zurückgeführt, (
bei welchem zuerst das fe ncauv angestimmt ,
worden sein sollte (Strab. 422: tovg de nag-
vaGGtovg .... ncttciTolgsvovTog snmslsvsiv i's
ncadv, txcp ov tov nouavioyov ovtcog e| effons
nagixSod’rjvKi toig gillovoi ovynintsiv sig na-
gäta^iv. Schol, Z. II. 10, 391: svgr] gtx yev cre-i
t ov (tov ’Anollavog) b ncuav . . . ystcc 8s tgv ' '
vCv.gv tov ögdxovtog avtov i^svgfv (vgl. Eust.
z. d. St. Ebenso Kallim. Ap. 103. Apollon, i
Bh. 2, 711. Duris b. Etym. M. unter ’lryt.
Athen. 701. Macrob. Sat. 1, 17, 18).
Ungefähr gleichzeitig mit den attischen
Boedromien wurden die dorischen Kameen ge-
feiert ( Hermann,. Monatslcunde 65), welche eben-
falls dem Apollon als Schlachtengott galten,
wie aus den kriegerischen Gebräuchen dieses
Festes deutlich hervorgeht (Schömann, gr. Alt.
2, 437 f. Hermann, Gottesd, Alt. 53, 30). Um
die Mitte des Sommers brachte auch Dion
nach Flut. Dion. 23 dem Apollon ein Opfer
437
Apollon (Kriegsgott)
Apollon (jtccrpcoog etc.)
438
dar, verbunden mit einer Pompe völlig ge-
rüsteter Krieger. Wie in Attika der ’AnoXXcov
Borjdqöyiog als der Gott gedacht wurde, welcher,
im schnellen Laufe gegen den Feind vorge-
hend , den Schlachtruf (ßorj) ertönen läfst, so
scheint man ihn auch bei der Feier der Kar-
neen als Läufer verehrt zu haben; wenigstens
rührt er in einer Inschrift (C. I. G. 1446) den
Beinamen AQoycasvg. Der kriegerischen Pompe
der Boedromien entsprechen die karneischen
Waffentänze zu Kyrene , von denen Kallima-
hos hy. in Apoll. 85 berichtet.
Auf Rhodos wurde Apollon nach einer bei
Jlofs inscr. 3 , No. 282 mitgeteilten Inschrift
[ds Sxgccx ccytog gefeiert, ein Beiname, welcher
in andere Kriegsgötter , wie Zevg Sx qdxiog
>der Sxgaxrjyog ( Preller , gr. Myth. 1, 109),
Igi ]g Sxodnog (Pint. aviat. 14. Etym. M. 729,
56), A&yvä Sxgaxia (Luc. cl. mar. 9, 1. Pint.
braec. reip. g. 5) erinnert.
Was ferner die epische Auffassung Apol-
Sons betrifft, so hat schon Welcher, Götterl.
534 darauf aufmerksam gemacht,
lafs er auch bei Homer mehrfach
,1s Kriegsgott auftritt. So nament-
ich II. T 79 , wo er Xuocaoog ge-
mimt wird, welches Prädikat nur
anz evidenten Gottheiten des Kam-
ifes, wie Ares, Eris und Athene zu-
ornint, ferner H 81, wo ihn Hek-
or um Sieg anfleht und ihm Waf-
enbeute gelobt (vgl. auch Paus. 1,
1, 7. 4, 34, 9 Eurip. Phoen. 200 f.
Hem. Strom. 1, 349), endlich O 229,
08 II 788 und S 456, wo er ent-
weder die furchtbare Aigis (s. d.)
um Schrecken der Krieger führt
vgl. die beistehende von Furt-
fängler (s. u.) freilich bezweifelte
Lekonstruktion des Apollon vom
äelvedere) , oder selbst in den
ampf eingreift, indem er den Pa-
roklos tötet u. s. w. Ganz ähn-
che Anrufungen des Gottes, wie
l. H 81, finden sich bei Aischy-
)S Sept. 131 , wo Apollon als Av-
eiog vom Chor aufgefordert wird,
as feindliche Heer zu vernichten,
nd in einem Fragmente des Lyri-
ers Timotheos (b. Macr. Sat. 1,
7, 20 u. Bergh, poetae lyr.3 p. 1272),
inem Gebete um Rettung vor den
einden:
Sv z’ cö tov dsl nolov ovgccviov
ccht toi XctyrtQixig 'Ahe ßtxXXcov,
Ttsyipov tSuxßöXov ßeXog
aüg ano vevgag, ci> l'e Ilcudv.
Endlich ist noch zu bemerken,
afs die gewöhnliche Bewaffnung
es Apollon, von der er die Bei-
amen ’AcpgrcoQ, ’AgyvQUTolgog , KXv-
itolgog, r'Enatog , 'Ev-cceQyog , ’Exa-
r/ßolog und 'E/a zyßeXexgg erhalten
at (vgl. Welcher , Götterl. 1 , 531.
'r eil er, gr. Myth.2 1, 223), zwar
us Pfeil und Bogen besteht, was wir schon
ben (S. 429) in Übereinstimmung mit anderen
'ythologen auf die Sonnenstrahlen bezogen
haben, dafs daneben aber noch eine andere,
jedenfalls aus uralter Zeit stammende Auffas-
sung vorkommt, derzufolge er als Kriegsgott,
ebenso wie Mars und Ares , aufser mit dem
Bogen auch mit Helm (wie auch Helios b.
Hom. hy. 31, 10), Lanze, Schwert und Dop-
pelbeil ausgestattet wurde. Helm, Bogen und
Lanze führten die uralten Kultbilder zu Amy-
klai und auf dem Thoinax (Paus. 3, 10, 8
io und 19, 2), eine Lanze die von den Mega-
rensern infolge eines Sieges über die Athener
nach Delphi geweihte Statue (Plut. d. Pyth.
or. 16). Helm, Pfeil und Bogen sind Attribute
des Apollon auf den Münzen von Metapont
(Müller, Dorier 1 1, 264). Mehr bei Koscher
a. a. O. S. 75 Anm. 159.
20
VI. ApoHon als iiKTQcöog und aqxriyexrig
von Stämmen und Städten.
Da Apollon, wie wir gesehen haben, für
die wichtigsten menschlichen Verhältnisse als
Apollon v. Belvedere, mit der Aigis ergänzt (vgl. jedoch unten
A. in d. Kunst S. 465 Z. 1).
Gott des Ackerbaues, der Viehzucht, der Ge-
sundheit und des Krieges von der gröfsten
Bedeutung war, so lag es nahe, ihn als na-
439 Apollon (nargmog etc.)
TQcöog (C. I. Gr. 378. 465) und dQxyyszgg ( C . 1.
Gr. 3905. 3906 b; vgl. agxgyog 3595 u. ngo -
nüzcoQ 3497. 3500), d. i. als mythischen Ahn-
herrn oder als Stammgott zu verehren, in-
dem man ihn zu Stämmen und Stadtgemein-
den in einem väterlichen Verhältnis stehend
dachte und sich durch diese Auffassung sei-
nes mächtigen Schutzes zu versichern glaubte.
Andere wahrscheinlich hierher gehörige Bei-
namen sind: FfvhcoQ ( M aerob . Sat. 2, 2, 1),
was Varro mit Genetivus übersetzt. Als sol-
cher wurde er auf Delos verehrt (vgl. Flut,
de Pyth. or. 16: ’A. nagnebv Sozyga Kal na-
zgäov Kal ysvsciov Kal (pildvd'QcoTtov). Ferner
ngoGzdzrjg ( Müller , Dorier 1,225, 8) und TIqo-
yovo g ( Plut . Demetr. 40). Auf diese Weise las-
sen sich alle diejenigen Sagen erklären, welche
Apollon als Ahnherrn mythischer Stammväter
od'er Städtegründer darstellen. Zu den erste-
llen gehören Ion, Doros, Dryops, Lapitbes, Sy-
ros, Amphithemis (s. diese); noch viel zahl-
reicher sind aber die Städtegründer , welche
ausdrücklich als Söhne des Apollon bezeich-
net werden: Amphissos, Chairon . Delphos,
Eleuther, Epidauros, Koronos. Kydon, Lyko-
reus , Marathos, Megareus , Miletos , Naxos,
Oaxos , Onkios , Philandros, Phylakides (s.
diese u. vgl. Roscher a. a. O. S. 78 Anm.
172). Im höchsten Grade beachtenswert ist
es nun, dafs einige dieser Städtelegenden in
auffallendster Weise mit bekannten italischen
Sagen übereinstimmen, in denen Mars als Vater
des Städtegründers erscheint. So soll nach
Nikandros bei Ant. Lib. 30 Miletos, der Sohn
des Apollon und der Akakallis, in einem Walde
ausgesetzt und von Wölfen, die der Vater
ihnen sandte , bewacht und ernährt worden
sein, bis Hirten ihn fanden und seine Pflege
übernahmen. Später, erzählte man, sei er vor
den Nachstellungen seines Grofsvaters Minos
nach Karien geflohen und habe daselbst Milet
gegründet. Fast dieselben Elemente, welche
die Romulus- und Miletossage enthält, finden
wir in der apokryphen Legende von Lykastos
und Parrhasos, welche Plutnrchos ( parall . min.
36) aus einem gewissen Zopyros von Byzan-
tion schöpfte. Auf eine ganz ähnliche Sage
dürften die Münztypen von Kydonia, das nach
Stephanos von Byzanz auch Apollonia hiefs,
führen, da sie den Gründer derselben, den
kleinen Kydon , nach Stephanos einen Sohn
des Apollon und der Akakallis, ebenfalls von
einer Wölfin gesäugt darstellen. Vgl. Pasche,
lexicon rei num. 1,2, 1134f. Ferner wissen
wir aus Paus 10, 16, 5, dafs die Bewohner
von Elyros auf Kreta eine eherne Ziege nach
Delphi weihten, welche die beiden Söhne des
Apollon , Phylakides und Philandros, wahr-
scheinlich die Ktisten der Stadt, säugte. Of-
fenbar gehen alle diese kretischen Gründungs-
sagen auf einen gemeinsamen Urtypus von
sehr hohem Alter zurück (vgl. v. Halm. Sag-
wissenschaftl. Studien 341 ff. Dauer, d. Kyros-
sage u. Verwandtes. Wien 1882. Sepp im Aus-
land 1875 S. 220). Aufser den ebengenannten
Söhnen des Apollon sind noch Folgende zu er-
wähnen: Idmon, Chios, Aristaios , Orpheus,
Hymenaios, Ialemos, Anios, Euripides, Mopsos,
Apollon (G. d. Ivolonieen) 440
Ismenios, Teneros, Linos, Laodokos, Polypoi-
tes, Syros, Kyknos, Galeos, Philammon u. s. w.
(s. die betr. Artikel).
VII. Apollon als Gott der Kolonisation.
Im engsten Zusammenhang mit der soeben
besprochenen Auffassung des Apollon als na-
t. qwoq und aoirtyizpg steht wahrscheinlich seine
10 Funktion als Führer und Schirmer der Kolo-
nistenscharen. Es bestand nämlich in Grie-
chenland wie in Italien seit den ältesten Zei-
ten die Sitte, diejenigen Glieder des Stammes 1
oder der Gemeinde, welche ausgesendet wur-| :
den, um Kolonieen zu gründen, einem Gotte,
zu weihen , an dessen Schutze besonders ge-
legen war. Dieser Gott ist nun bei den Griechen
in der Regel kein anderer als Apollon, der Pro- j
phet, Schutzgott und Ahnherr so vieler Stämme !
20 und Städtegründer. Vielleicht läfst sich aber
noch ein zweiter Grund für diese Bedeutung
des Apollon anführen. Bekanntlich eignet sich j u
keine Jahreszeit besser zur Aussendung von
Kolonieen als das Frühjahr, und zwar nicht 8.
blofs wegen der dann eintretenden Schiffbar- ahs
keit des Meeres und günstigen Witterung,
sondern auch deshalb, weil die vielfachen Ar- fc
beiten und Anstrengungen, welche die Grün- im
düng und Einrichtung der Kolonie erfordert,1! «
30 die ganze warme Jahreszeit in Anspruch neh- üi
men und vor Beginn des Winters im wesent-
liehen vollendet sein müssen, da dieser den, ml;
Bau der Häuser und die etwaigen Kämpfe mit a
den Einwohnern des occupierten Landes (vgl ■ men
Hermann. Staatsalt. 76, 11 — 12) entweder gan?
unmöglich macht oder sehr erschwert. Sc
wissen wir, dafs in historischer Zeit die atti-
sehen Auswandererschiffe bald nach Beginr .
des Frühlings im Munychion abzugehen };)fieg- loloa
40 ten; denn aus dem Jahr 01. 113, 4 ist in Boecldit
Seeurlnmden 14 a., lin. 189f., eine Verordnung ^
enthalten, welche die Anlegung einer Kolonie |g(S
betrifft und denjenigen Trierarchen , die ihre j({
Schiffe zum 10. Munychion bereit machen, Be ^
lohnnngen verhelfst (vgl. A. Mommsen. Heort
398 f.). Ein deutlicher Beweis für unsere Vor- 1
aussetzung, dafs den Auswanderern daran ge
legen war. möglichst zeitig im Jahre aufzu-
brechen. Um dieselbe Zeit rückte man be-
50 kanntlich auch ins Feld, um Krieg zu führen ^
nachdem im Winter die Waffen geruht hatten .. ...
Aus solchen Gründen erklärt sich höchst ein
fach die Thatsache, dafs man die ausziehen ,! ^
den Scharen dem Frühlings- und Kriegsgott;
Apollon befahl und denselben in den Mutter
städten und Kolonieen als Kziazyg ( C . I. Gr , ^
5141) ’Ayrjzcao , ’Aygzris , Agipyszyg, 01kigzz\\
und Amgazizy g (vgl. Roscher a. a. 0. 83 Anm,
180) verehrte. Ja man glaubte sogar, dal
eo Apollon sichtbar oder unsichtbar die Kolo
nisten führe und selbst bei dem Bau de
Städte mit Hand anlege. Vgl. Kallim. hy. m
Apoll. 55 : ,
( hoißcg Ss enogtroi zrohag dieytzgriGavro
av&gconot ‘ <hoißog ydp asl noh'f ggi cpilySi
KTi^ogivyg. avz.bg 81 {tsgeibia bboißog vcpatvsi
Daher tritt er in den Mythen von Alkat-boo,
und Laomedon geradezu als Erbauer von Me
'441 Apollon (Sühngott)
Igara und Ilion auf (vgl. Paus. 1, 42, 2. II.
j H 452). So sollte nach der Gründungssage von
Krisa Apollon die kretischen Kolonisten in Ge-
il statt eines Delphins geführt haben (Hymnus in
'Ayoll. Pyth. 259, 295, 316), während er bei
jier Gründung von Kyrene in Gestalt eines
Raben erschien (Kallini. hy. in Ap. 66). Die
ißewohner von Apollonia am ionischen Meere
dsandten nach Olympia ein Weihgeschenk uiit
['folgenden Versen ( Raus . 5, 22, 2): l
pvapaz’ ’Anuhkcovtctg uvunstp s&a, r uv svi
növzco
1 Iovtcp Hoißog conto antQOSnopag.
Wir knüpfen daran die Bemerkung-, dafs
mit dieser Funktion des Apollon als Städte-
gründers jedenfalls auch die übeiaus häutig
vorkommende Sitte Zusammenhängen dürfte,
Jie Kolonien ex voto nach dem Gotte zu be-
nennen. Stephanos von Byzanz unter ’Anollat-
vLcc kennt deren nicht weniger als 25. 2
Eine ganz besondere Art der Kolonisation
war die Auswanderung infolge eines Gelübdes,
welches wegen eines allgemeinen Unglücks,
z. B. bei Mifswachs (ücpoQia) von Staatswegen
gethan wurde, eine Sitte, die nach Dionysios
von Halikarnatsos 1 , 16 und Air ab. 250 in
Griechenland mehrfach vorkam und entschie-
den mit dem (dem Mars geheiligten) ver sa-
orum der Italiker verglichen werden mufs. In
solchen Fällen weihte man eine bestimmte An- 3
zahl von Menschen dem Apollon und sandte
sie dann unter dem Schutze desselben aus, wie
js z. B. von den Chalkidiern bezeugt ist, von
lenen Strub. 257 berichtet: Kztoptx Ö’ iazi zo
Pyytov XtxhuÖicov, ovg nazot %Qr\Gpov dtnaztv-
tdivzug zcö ’AnoXhcovt dt’ acpoQtav vozsqov tu
dslcpcov cmowriocu ösvqo cpaot. Man erkennt
tus diesen Worten deutlich, dafs derartige
Kolonieen auf Menschenzehnten beruhten, die
im Kultus des Apollon gar nicht selten waren i
vgl. Müller, Dorier 1, 255—260. Hermann ,
{' lottesd . Alt. 20, 17. Schoemann, gr. Alt. 2,
210 f. Athen. 4, p. 173) und an die Stelle von
Menschenopfern getreten sein mochten (Her-
jnann a. a. 0. 27 , 15).
VIII. Apollon als Gott der Sühne und
Reinigung.
Zu den erhabensten und tiefsinnigsten Ideen 5
ler griechischen und aller Religion überhaupt
gehört der Gedanke, dafs der mit Schuld be-
: aaitete Mensch durch eint n Gott gereinigt und
■rlöst werden könne. Dieser den Schuldbelade=
len erlösende Gott ist nun in der griechischen
Religion in der Regel kein anderer als Apol-
on, in dessen Kultus die Reinigungen und
i sühnungen von jeher eine bedeutsame Rolle
gespielt zu haben scheinen , wie man schon
aus der Feier des delphischen Stepterionfestes u
■rkennen kann, bei welcher Apollon selbst als
ein vom Morde (des Drachtn) Gereinigter auf-
jgefafst wurde (vgl. darüber A. Mommsen, Del-
\ohilca 209 ff. uucl Roscher in Fleckeisens Jahrbb.
!1 87 9 S. 734ff.). Fragen wir, woher es komme,
lafs gerade Apollon die Funktionen der Reini-
gung und Sühnung zugeschrieben wurden, so ist
dnesteils an die antike Auffassung der Schuld
Apollon (Ideal d. Jünglinge) ' 442
als einer pestartigen Krankheit (Näyelsbach,
Nachhom. Theol. 357 f. Schoemann , Gr. Alt. 2,
343 ff.) , andernteils an die oben besprochene
Funktion des Apollon als Senders und Abweh-
rers von ansteckenden Seuchen, welche in der
Regel als Folge von Sünde und Verschuldung
gefafst wurden, endlich auch an die nahe Ver-
wandtschaft der drei apollinischen Thätigkei-
ten der Weissagung, Heilung und Reinigung
(Preller, gr. MS 1, 222) zu erinnern. Eine be-
sonders hervorragende Stellung unter den
apollinischen Heiligtümern scheint in dieser
Beziehung das delphische Orakel eingenommen
zu haben , wie namentlich aus der Sage von
Orestes (s. d.) erhellt, in welcher Apollon als
Leiter der Blutrache und als Sühner derselben
zugleich erscheint. Gewifs mit Recht vermutet
Welcher (Götterl. 2, 378), dafs von Delphi aus
zuerst oder am nachdrücklichsten dem Morde
gesteuert worden und eine bestimmte Ordnung
der Reinigung durchgesetzt worden sei. „Der
flüchtige Mörder wurde aus dem bürgerlichen
Leben und aus der religiösen Gemeinschaft
auf volle 8 Jahre (e. Ennaeteris) ausgestofsen,
und man dachte sich ihn von den Furien ver-
folgt und bösem Wahnsinn verfallen. Aber
wenn er sich als Büfsender nnd Schutzflehen-
dtr (tHszrjg, nQoozQoncuog) an Apollon wendet,
so hat dieser Reinigung und Sühnung für ihn,
indem er ihn mit dem Blute des Sühnopfers
besprengt und mit dem heiligen Lorbeerzweige
alle Unsauberkeit von ihm abkehrt. Zugleich
legt er ihm heilsame Werke der Bufse auf,
die der Sünder dann im Dienste Apollos und
als sein Eigner verrichtet, bis die Zeit abge-
laufen ist und er wieder in das Leben zurück-
kehren kann. Apollon ist in dieser Hinsicht
der wahre Heiland und Reiniger, ocozr'iQ und
y.ccQ'uqoio g, als welchen ihn Aischylos in sei-
nen Eumeniden feiert.“ Ein anderer hierher
gehöriger Beiname ist IcczQopuvzig, d. i. der
Seelenarzt , welcher zugleich die Gabe des
Hellsehens oder der Weissagung und der Hei-
lung besitzt (Aisch. Eum. 62). Vgl. Welcher,
Götterl. 1, 459f. 2, 375ff. Preller , gr. MS 1,
220ff. Ü. Müller, Dorier1 1, 332 ff. Stoll in
Paulys RealencS 1, 1276 ff
IX. Apollon als Ideal der männlichen
Jugend.
Da Apollon wie fast alle bekannten Son-
nengötter seit ältester Zeit als ein schöner,
stattlicher und kräftiger Heldenjüngling ge-
dacht wurde (vgl. Hymn. inAp. Pyth. 271. Fal-
lt t/t. Ap. 36. Apoll. Rh. 2, 674 ff) , welcher
alle Gegner siegreich überwindet, so eignete
er sich trefflich zum idealen Vorbilde und
zum göttlichen Beschirmer der männlichen
Jugend. Besonders verbreitet war seine Ver-
einung als viovQozQocpog , welchem die erste
Schur des Haupthaares geweiht zu werden
pflegte (üd. T 86. Hesiod. Theog. 347. Fal-
lt m. Ap. 12 ff. Thcophr. Char. 21. Preller, gr.
MS 1, 209, 3), und als Vorstand der Gymna-
sien und Palästren (neben Hermes und Hera-
kles; vgl. Plut. quaest. conv. 8, 4, 4). Und
zwar galt er hier für einen Vorsteher entwe-
443 Apollon (Attribute)
Apollon (Attribute) 444
der des Faustkampfes, wie er denn einst selbst
den gewaltigen Phorbas (s. d.) im Faustkampfe
besiegt haben sollte (II. 23, 660 u. Schul. II.
in Ap. Pyth. 33; vgl. auch das Vasenbild b.
Gerhard t. 70 u. Paus. 10, 32, 6), oder des
Wettlaufs {Sgoguiog) , oder der Jagd und des
Bogenschiefsens {aygevg, aypcaog, uygsv rag,
&ggsizocg {II. 23, 872. Soph. Oed. Col. 1091.
Xen. de ven. 1 , 1 ; 6,3. Pollux 5 , 39 und
mehr b. Stall in Paulys Pealenc } 1, 1266). So
erklärt es sich endlich auch, dafs eine Reihe
apollinischer Feste, wie z. B. die Gymnopädien
in Sparta , die Theoxenien zu Pellene , die
Aktia und vor allem die Pythien zu Delphi
mit gymnischen Agonen verbunden waren.
(Mehr b. Preller, gr. M.2 1, 209 f. Welcher,
Götterl. 2, 382. Müller, Dorier1 1, 294.)
X. Symbole und Attribute.
1) Der Wolf (vgl. Ad. h. an. 10, 26. Plut.
de Pytli. or. 12. Eustatli. ad II. 449, 1). Man
pflegte an den Kultstätten des Apollon Wölfe
aufzustellen , z. B. in Delphi {Ael. a. a. 0.
Paus. 10, 14, 7. Plut. Pericl. 21) und vor den
Gerichtshöfen in Athen , welche unter dem
Schutze des Apollon standen {Müller, Dorier 1
1, 245, 3 und 335). Nach dem Scholiasten z.
Soph. El. 6 wurden dem argivischen Apollon
sogar Wölfe geopfert (vgl, Xen. An. 2, 2, 9),
wovon er den Beinamen Ivnox- tovog erhalten
haben soll. Diese Bedeutung des Wolfes im
Kultus des Apollon beruhte, wie Müller ( Do-
rier1 1, 305) und Welcher {Götterl. 1, 481) ge-
wifs richtig vermuten, nicht auf einer später
öfters geltend gemachten Paronomasie (Apol-
lon IvKSiog , Xvnriyevr'ig — kvnog; vgl. Aisch.
Sept. 131), sondern mufs einen andern Grund
haben, der freilich bis jetzt noch nicht mit
Sicherheit erkannt ist. Bedeutungsvoll er-
scheint, dafs der Wolf sowohl das Bild des
siegreichen Helden als des flüchtigen Mörders
oder Totschlägers und ein prophetisches Tier
ist (vgl. Mannhardt, Ant. Wald- u. Feldkulte
336. Schoemann, Gr. Alt.2 2, 242. 0. Jahn
in d. Der. d. Sächs. Ges. d. Wiss. v. 1847 S.
423. Theophr. de sign. pluv. 46) und auch sonst
als Attribut von Sonnengöttern (z. B. des ita-
lischen Mars und Soranus) vorkommt (vgl.
Mannhardt a. a. 0. 31 8 ff.).
2) Das Reh oder die Hirschkuh (vgl. un-
ten: Apollon in der Kunst S. 541 und die von
Preller, gr. AI.2 1, 225, 2 gesammelten Stel-
len). Dies Tier war wohl ursprünglich dem
Apollon (ebenso wie der Artemis) als Jagd-
gott geheiligt (vgl. Stoll in Paulys Pealenc.2
1, 1266).
3) Die Ziege oder der Bock (auf Münzen
von Tylissos: Müller, Dorier 1 1, 208 u. 318.
Welcher, Götterl. 1, 471). Wahrscheinlich hat
man in diesem Falle nicht an zahme, sondern
wilde Ziegen {doguddsg, cdysg aygiciC) zu den-
ken, welche ebenso wie Rehe und Hirsche ge-
jagt wurden {Xen. An. 5, 3, 10).
4) Der Schafbock, ein Attribut desAap-
vilog {Welcher, Götterl. 1, 471).
5) Die Maus, Heuschrecke, Eidechse
waren in den speziellen Kulten des Apollon
XgLvO'sv g, Tlogvoniiov und Xavgov.z6vog Attri-
bute des Gottes (vgl. über den Xavgoyizövog
Welcher, Götterl. 2, 366 u. A. Denlzm. l,
406 ff. unten S. 462).
6) Von den Vögeln waren dem Apollon der
Schwan, der Habicht {isga'S, , yiignog), der
Geier {yvzp oder ulyvmog) und der Rabe gehei-
ligt (vgl. Welcher, Götterl. 2, 362 ff. 1, 487. Mül-
ler, Dorier1 1, 302. Preller, gr. AI.2 1, 190. Iio-
io scher, Apollon u. Mars 89). Der Schwan scheint
in diesem Falle das Symbol des nahenden Früh-
lingsgottes, der Habicht, Geier und Rabe aber
als wetterprophezeiende Tiere Attribute des
orakelnden Apollon gewesen zu sein (vgl.
A. Mommsen, Sclüeswiger Progr. v. 1870 S. 19.
Poscher a. a. 0. 33ff. Theophr. de sign. 16, 17,
39, 40, 52).
20
30
40
7) Der Delphin, das Symbol des Apollon
als Eröffners der Seefahrt (s. oben S. 429) oder
als Aslcpiviog (vgl. Preller, gr. AI.2 1, 201, l
u. Welcher, G. 1, 471). Nach Theophr. de sign.
19 benutzte man auch den Delphin als Wet-
terorakel.
8) Der Greif, die bekannte aus dem Orient
stammende Mischung von Löwe und Adler,
von welchem man annahm, dafs er im hohen
Norden, in der Nähe des Hyperboreerlandes,
heimisch sei, scheint durch den Mythus von
dem Verhältnis des Apollon zu jenem Lande
zu einem apollinischen Attribut geworden zu
sein (vgl. Aesch. Prorn. 802. Herod. 3 , 116.
Welcher, Götterl. 2, 364. Preller, gr. AI.2 1,
190. Krause in Paulys Pealenc. 3, 974).
9) Der Lorbeer wegen seiner medicini-
schen, prophetischen und reinigenden (sühnen-
den) Kraft (vgl. Boetticher, Baumkultus S. 338 ff.).
Wir finden ihn im delphischen Adyton {Schot.
Ar. Plut. 213. Eur. Iph. T. 1245) und am Al-
tar zu Delos gepflanzt {Eur. Heli. 458. Sen.
Verg. Aen. 3, 91), und die Eingänge des del-
phischen Tempels mufsten von den Tempel-
dienern regelmäfsig mit frischen Lorbeerzwei-
gen geschmückt werden {Eurip. Ion 78. 103).
Zahlreiche Bildwerke stellen den Gott mit
Lorbeer bekränzt dar {Posclier, Apollon u. Mars
90 Anm. 207). Aus der Bedeutung der Pflanze
im apollinischen Kultus entstand bekanntlich
die ätiologische Legende von der Liebe Apol-
lons zur Daphne (s. d.)
'
.
i
'
.
50
XI. Verwandte Gottheiten.
Selbstverständlich zeigen alle Sonnengötter
der verwandten Völker, z. B. der germanische
Freyr, Helios, der italische Soranus in Kultus
und Mythus gröfsere oder geringere Ähnlich-
keit mit Apollon ; keiner aber mehr als der
italische Mars, welcher fast in allen seinen
Funktionen eine so unverkennbare Parallele
eo zum Apollon bildet, dafs für die gräkoitalische
Urzeit eine völlige Identität der beiden Göt-
ter angenommen werden darf. Als die Haupt-
punkte, in welchen sich diese Identität zeigt,
hebe ich folgende hervor. Beide sind ursprüng-
lich Sonnengötter und haben als solche gleich-
bedeutende Namen: Mars (von Wu. mar
glänzen) und^otßog oder Avus log, AvA rjy fvyg (der
auf Inschriften vorkommende Mars Leucetius
1:45 Apollon (verw. Götter)
»der Loucetius ist möglicherweise keltischen
Jrsprungs). Da der scheinbare Sonnenlauf die
Grdnung des Jahres bestimmt, so wurde der
Beginn des Jahres mit einem Feste gefeiert,
las bei den Griechen dem Apollon, bei den
tömern dem Mars galt. Wahrscheinlich waren
Aich die Anfangstage der Monate beiden
Göttern geheiligt. Beide werden vorzugsweise
n der warmen Jahreszeit wirkend gedacht,
weswegen ihre sämtlichen Feste nur in
liese Zeit fallen. Weiter galt der Früli-
ing als beiden Göttern geheiligt; ihr Ge-
>urtstag wurde beim Beginn desselben fest-
ich begangen. Im Sommer dachte man sich
leide entweder wohlwollend und segnend,
ider strafend und zürnend, und suchte sie
leshalb mit Gebeten und Sühnopfern zu be-
ch wichtigen. Alle Krankheiten der war-
nen Jahreszeit, vor allem die Menschen
ind Tiere mordende Fest, welche man für die 2
Wirkung der Sonnenstrahlen hielt, allen Mifs-
vachs, wie er namentlich aus dem ebenfalls
,uf die Sonne zurückgeführten Kornbrand (ro-
ngo, igvoißg) hervorging, aber auch anderseits
,lie Segnungen durch gute Ernte und
Gesundheit schrieb man der Wirkung dieser
Gottheiten zu und verehrte sie demgemäfs als
oder averrunci. Wie Apollon so galt
Aich Mars als Orakelgott; die Beziehung
,uf Kampf und Schlacht ist beiden ge-
nein, sie werden beide als bewaffnete Strei-
er gedacht. Wie Apollon in mannigfachen
sagen griechischer Stämme und Städte als
cßTpöiog und aQxgysvgs erscheint , so auch
dars-Quirinus in den Sagen von der Gründung
toms und Cures’. Dieselbe Sage, welche vom
tomulus, dem Sohne des Mars , handelt, läfst
ich auch in allen wesentlichen Zügen bei
diletos und Kydon, den Gründern von Milet
ind Kydonia und Söhnen des Apollon, nach-
veisen. Apollon und Mars führen oder be-
chützen gleicherweise die wandernden Ko-
onistenscharen; die eigentümliche damit
usammenhängende Sitte des ver sacrum fin-
let sich auch im Kulte des Ajiollon. Endlich
iahen Apollon und Mars drei identische
Symbole: den W olf, den Habicht und den
jorbeer (vgl. Roscher, Apollon u. Mars 6f.).
L itteratur. Creuzer, Symbolik 2, 3. 0.
Füller, Dorier 1, 200 — 370. Haupt, de A.
ultu post Troiana tempora propagato ( Allg .
'chulzeitung 1830, 2 No. 74). Schwenck, My-
hol. Skizzen , Frankf. 1836 p. 98 — 168. Gott-
chick, Apollinis cultusBerol. 1839. Fresenius ,
e Apollinis numine solar i , Marburg 1840.
laym, de Apollinis origine etc. Spec. 1 Laub.
841. W. Sclvwartz , de antiquissima Apollinis
atura, Berol. 1843. Schönborn, Über das We-
rn Apollons und die Verbreitung seines Dien-
tes, Berl. 1854. Schwalbe, Über die Bedeutung
es Paian als Gesang im Apollinischen Kultus,
lagdeburg 1847. Lersch , Apollon der Heil-
igender, Bonn 1848. Bauer, Syst. d. gr. My-
Uol., Berl. 1853. S. 253ff. Gerhard, Griech.
Hythol. Preller, Gr. MythA 1 , S. 182 ff.
yeleker, Götterl. 1, 45 7 ff. 2, 33 7 ff. Stoll und
yädechens in Paulys RealencA 1, 1253 ff. Ro-
her, Apollon «w. Mars, Leipz. 1873. Milch-
Apollon (b. d. Körnern) 446
liöfer, Über den attischen Apollon, München
1873. Schreiber , Apollon Pythoktonos, Leip-
zig 1879.
XII. Apollon bei den Körnern.
Der Kult des griechischen Apollon ist schon
in sehr früher Zeit, unter Tarquinius Super-
bus zugleich mit den sibyllinischen Büchern
von Cumae nach Rom gekommen und hat hier
bald so feste Wurzel geschlagen, dafs er fast
den Eindruck eines altitalischen Kultus macht.
Mit seiner Einführung beginnt die allmähliche
Hellenisierung des gesamten römischen Got-
tesdienstes. Das innige Verhältnis der Sibyl-
len (s. d.) zum Apollon ist mehrfach be-
zeugt (vgl. Verg. Aen. 6, 36. Serv. z. Aen. 6,
36 u. 321. Ov. Met. 14, 133ff. Liv. 10, 8.
Klausen, Aeneas S. 203 ff. Paulys Realenc.
6, 1150. Preller, röm. M.s 1, 2991’.). In Rom
erzählte man von der Rumänischen Sibylle,
sie habe dem Könige Tarquinius zuerst 9, dann
6, endlich 3 Bände immer für denselben Preis
angeboten ( Dionys . H. 4, 62. Gell. N.. A. 1,
19. Tzetzes z. Lykophr. 1278ff.). Diese Er-
zählung läfst mit ziemlicher Sicherheit die
Verehrung des Rumänischen Apollon, dessen
Priesterin die Sibylle (s. d. u. vgl. Marquardt,
Staatsverw. 3, 336ff.) war, von jener Zeit an
voraussetzen. Ebenso aber wie die sibyllini-
schen Bücher scheint auch das delphische
Orakel auf den römischen Apollokultus früh-
zeitig eingewirkt zu haben. Dafs die Städte
Caere und Spina zu Delphi Schatzhäuser hat-
ten, ist bekannt (vgl. Strab. 214. 220. Herod.
1, 167). Auch Rom selbst hatte alte Verbin-
dungen mit diesem Centrum apollinischen Got-
tesdienstes. Schon zur Zeit der Tyrannenver-
treibung, sodann während der Belagerung von
Veji sollen die Römer Gesandtschaften zur
Befragung des Orakels nach Delphi ge-
schickt haben (Liv. 1, 56. 5, 15 u. 21. Diod.
14, 93). Ebenso nach der Schlacht bei Can-
nae (Liv. 22, 57. 23, 11. Appian. Han-
nib. 27). Vielleicht ist auch der Apollokult
von Rhegion nicht ohne Einflufs auf Rom
gewesen, wie aus der von Hyg. /'. 261 (vgl.
Serv. z. Aen. 2 , 116) berichteten Erzählung
von der Übertragung der Gebeine des Orestes
nach Aricia und Rom hervorzugehen scheint
(Hecker, de Apollinis ap. Rom. cultu. Leipz.
1879 , 14). Wie die Römer hatten auch die
benachbarten Etrusker schon in sehr früher
Zeit den griechischen Gott als Aplu oder Apulu
(vgl. das thessalische "Anlovv G. I. Gr. n. 1766
u. f.) bei sich aufgenommen. In Rom hiefs er
ursprünglich Apello (vgl. Paul. p. 22. Mac-
rob. 1, 17), wobei man an die Ableitung von
pellere dachte (vgl. auch das griechische ’Anil-
lav : C. I. Gr. 1065. 8426. Ahrens de dial.
2, 122. Herodian. b. Fast. z. II. 183, 11),
später Apollo , gen. Apollonis , -enis u. -inis
(Preller, röm. Myth.3 1, 302). Auch eine an das
Verhältnis von Proserpina zu IIsQGscpovg er-
innernde , auf alte V olksetymologie zurück-
gehende Form Aperta (von aperire oder =
cmsLQyuiqsl) läfst sich nach weisen (Paid. 22:
Aperta . . . vocabatur, quia patente cortina re-
447
Apollon (b. d. Römern)
Apollon (b. d. Römern)
448
sponsa ab eo dentur. Vgl. Eitsclil im Eh. Mus.
1857. 106 ff. u. 476 f. = Op. 2, 492. 514).
Der älteste nachweisbare Tempel des Apol-
lon zu Rom befand sich auf den sogenannten
Flaminischen Wiesen, auf einer Fläche, welche
schon früher dem Apollon geweiht worden
zu sein scheint ( Liv . 3, 63, wo statt des hsl.
Apollinarem mit Jordan in Preller E. 31. 3 1 , 303,
1 wahrscheinlich Apollinar oder -are zu lesen
ist). Jener Tempel wurde im Jahr 432 v. Chr.
zur Abwehr einer verderblichen Pest gelobt
und vier Jahre später geweiht {Liv. 4, 25).
Der daselbst verehrte Apollo hiefs Medicus
{Liv. 40, 51 vgl. Preller, r. Myth.3 303, 1 u.
Heclcer a. a. 0. 9). Der bei Liv. 7, 20 erwähnte
Tempel ist wahrscheinlich damit identisch.
Denn nach dem ausdrücklichen Zeugnis des
Asconius (z. Cic. in toga cand. p. 91 Or.) gab
es bis auf Ciceros Zeit nur einen einzigen
Apollotempel in Rom, welcher aufserhalb der
porta Carmentalis zwischen dem Forum Oli-
toriurn und dem Circus Flaminius gelegen
war. (Mehr bei Heclcer a. a. 0. 4 ff.)
Eine Hauptrolle spielte Apollon bei den so-
genannten Lectisternien, einem jedenfalls
griechischen, durch die sibyllinischen Bücher in
Rom eingeführten Brauche, wobei auch Latona
und Artemis bedeutungsvoll hervortreten. Das
erste Lectisternium fand im Jahre 399 v. Chr.
statt {Liv. 5, 13. Dion. H. 12, 9). Auch sie
galten dem Abwehrer sommerlicher Seuchen,
also ebenfalls dem Apollo Medicus {Liv. a.
a. 0. Augustin, de civ. d 3, 17). Vgl. Mar-
quardt, Eöm. Staatsverw. 3, 46 u. ob. S. 433.
Die apollinarischen Spiele führte man
212 v. Chr. während des zweiten punischen
Krieges ein, als Hannibal nach der Eroberung
von Tarent abermals bis Campanien vorrückte,
während Hasdrubal Oberitalien mit einem Ein-
falle bedrohte, in dieser schweren Zeit be-
fragte man die sibyllinischen Bücher und die
Sprüche des Marcius, von denen einer lautete:
„ hostes , Eomani, si expediere voltis, vomica quae
gentium venit longe, Apollini vovendos censeo
ludos, qui quotannis Apollini fantu (Liv. 25, 12.
Macrob. 1, 17, 28). Das Resultat dieser Be-
fragung waren die genannten Spiele (ludi Apol-
linares) , welche unter Leitung des Praetor
urbanus im Circus ' Max. abgehalten wurden,
wobei das Volk mit Lorbeer bekränzt zu-
schaute, die sibyllinischen Decemvirn aber das
Opfer nach griechischer Weise zu verrichten
hatten {Macrob. a. a. 0. 27 ff.). Später (208
v. Chr.) wurden diese Spiele auf Veranlassung
einer Pest ein für allemal gelobt und auf ei-
nen bestimmten Tag, den 13. Juli festgesetzt
(vgl. Friedländer b. Marquardt a. a. 0. 480).
Wenn man sich später darüber stritt, ob die
ludi Apollinares des Sieges oder der Gesund-
heit wegen {victoriae an valetudinis ergo Liv.
u. Macrob. a. a. 0.) gestiftet worden seien,
so erklärt sich dies einerseits aus der doppel-
ten Stiftung der Jahre 212 und 208, anderseits
aus der doppelten Bedeutung des Apollo als
Gott des Sieges und der Gesundheit. Vgl.
auch die Legende über die erste Feier der
Spiele bei Macrob. 1, 17, 25 und Fest. p. 326.
(Mehr darüber b. Marquardt a. a. 0. und in
at
*zi
13:
ls
Paulys Eealenc. 4, 1 203 f. Preller, röm. 3Iyth.3
1, 305.) Wie aus den angeführten Thatsachen
hervorgeht, wurde also Apollon von den älte-
ren Römern vorzugsweise als Orakelspender
und als rettender Gott des Sieges und der Hei-
lung verehrt undf.mit scenischen und circen-
sischen Spielen gefeiert (nach Macrob. 1, 17,
15 indigitierten die Vestalischen Jungfrauen den
Gott als Medicus und Päan. Sonstige Beina-
io men des Apollo als Heilgott s. b. Hecker a.
а. 0. S. 29 ff.).
Für die spätere Auffassung des Apollo ist
die ins Jahr 83 v. Chr. fallende grofse Feuers-
brunst nicht unwichtig/ insofern sie unter an-
derem auch die ältere Sammlung der für den
apollinischen Kult so mafsgebenden sibyllini-
schen Sprüche vernichtete, in die neue Samm-
lung fanden namentlich Sprüche der erythräi-
schen Sibylle Eingang, welche ein eigentüm-
20 lieh orientalisches Gepräge tragen {Dion. Hm.
4, 62, der sich auf Varro beruft; Tac. Ann.
б, 12. Lact. 1, 6. Justin. 31. Coli. 16. August.
C. D. 18, 23. Paus. 10, 12, 5). Hierzu kam
noch die infolge der Verbreitung der stoischen
Philosophie in Rom immer mehr um sich
greifende Anschauung des Apollon als Son-
nengottes (vgl. Gornut. Fat. deor. 32. Cic.
Fat. deor. 2, 68. 3, 51), welche namentlich
von Dichtem vertreten wird (vgl. den häufi-
30 gen Gebrauch von Plioebus = sol, Phoebe =
iuna. Ovid. Fast. 3, 109 ff. Hör. ca. saec. lff.
u. 9 ff.).
Eine ganz aufserordentliche Bedeutung er-
hielt der Kultus des Apollo unter Augustus,
dessen Vorfahren schon uralte Beziehungen zu
diesem Gotte gehabt haben sollten {Seiv. z.
VereJ.Aen. 10,316). Vielleicht hängt dies mit
der Nachricht von einem von der Iulischen
Familie gepflegten Gentilkult des schon früh-
40 zeitig mit Apollo identificierten Veiovis zusam-
men (Preller, r. M.3 1, 307). Hierzu kam noch,
dafs mehrere höchst merkwürdige Thatsachen
und Erfahrungen in Augustus einen ganz be-
sonderen Schützling des Apollo erblicken
liefsen. Vor allem ist hier auf die Erzählung
des Suetonius {d. Aug. 94; vgl. auch Plutarch
Brutus 24) zu verweisen, wonach Augustus
für einen Sohn des Apollo galt , ferner auf
den Schutz, den ihm der Gott in den Schlach-
50 ten von Philippi und Aktium gewährt haben
sollte (vgl. Val. Max. 1, 5, 7. Eoscher in Fleck-
eisens Jahrbb. 1880, 603ff. Verg. Aen. 8, 704.
Propert. 4, 6, 29); endlich auf die Nachricht,
dafs Augustus sich sogar in apollinischer Hal-
tung oder mit den Insignien des Gottes dar-
stellen liefs {Suet. Aug. 70. Serv. z. Verg. Fel.
4, 10. Comm. Cruq. Hör. Ep. 1, 13, 17. Vgl Klau-
sen, Aeneas S. 1102f. C. I. Gr. add. 2903 f.). So
ist es zu erklären, dafs Augustus für die Verherr-
oo lichung des Apollo mehr als alle Römer vor und
nach ihm gethan hat. Unter seinen Stiftun-
gen sind vor allen die Erweiterung und Aus-
stattung des Tempels zu Aktium und die
Gründung des palatinischen Apolloheiligtums
zu erwähnen {Strab. 325. Suet. Aug. 18. Dio
Cass. 51, 1. Vellej. Pat. 2, 81. Suet. Aug. 29.
Dio. 49, 15), womit die Feier der Aktien nicht
blofs in Aktium selbst {Strab. ,_325) , sondern
.
i :j
li«is
iörl
«i
üfet.
449
Apollon in d. Kunst
Apollon in d. Kunst
450
auch in Rom {Dio 53, 1. 54, 19 u. s. w.) eng
zusammenhängt. Über die Ausstattung des
römischen Tempels s. 0. Müller, Hdb. d. Arch.
§ 125, 4. 361, 4 und 0. Jahn, Arch. Aufs , 22 ff.
Ferner räumte Augustus dem Palatinischen
Apollo an den von ihm im Jahre 17 v. Chr.
neu eingerichteten ludi Saeculares , die früher
nur den unterirdischen Göttern gegolten hat-
ten , den hervorragendsten Anteil ein , wie
schon aus dem im palatinischen Apollotempel jo
einst gesungenen Carmen saeculare des Horaz
hervorgeht (vgl. Paulys Bealcnc. 4, 1208. Mar-
quardt, 11. Staatsv. 3, 370. Hecker a. a. 0. 49 ff.).
Wie lange sich der Apollokultus in Rom be-
hauptete, erhellt aus der Nachricht, dafs erst
unter Stilicho die sibyllinischen Bücher ver-
nichtet wurden ( Preller , r. M.3 1, 312 A. 1). Spe-
zielle Beinamen des römischen Apollo waren
Sandaliarius (von seiner Bildsäule in der San-
dalenstrafse), Tortor (= Schinder des Marsyas) : so
Suet. Aug. 57 u. 70, ferner Salutaris, Conser-
vator, oft auf Münzen der Kaiserzeit und wahr-
scheinlich mit dem palatinischen Apollon iden-
tisch: Lersch, Apollon der Heilspender 15. Prel-
ler, r. M.3 1, 276, 3. Eine Anzahl auf Apollon
bezügl. lat. Inschriften s. hei Orelli-Henzen
1433 ff. 5700 ff. Über Apollo Grannus, Belenus,
Soranus s. diese Beinamen u. vgl. Preller, II.
M.3 1, 312.
Litteratur: Hartung, Bel. d. B. 2, 105ff. 30
Klausen, Äneas 110. Preller, röm. Myth.3 1,
299 ff. 147 ff. Schwenck, Myth. d. Böm. 104.
Marquardt, Böm. Staatsvenv. 3 , 369 ff. Stoll
in Paulys Bealenc ,2 1, 3 281 f. Hecker, de Apol-
linis apud Born, cultu, Lips. 1879. [Roscher.]
Apollon in der Kunst.
Wohl kein Gott ward so häufig dargestellt
wie Apollon. Selbst unsere fragmentarischen
Nachrichten weisen noch gegen vierzig Künst- 40
ler auf, die ihn gebildet. Auch durch die er-
haltenen Denkmäler läfst sich eine ziemlich
yollständige Entwicklungsreihe durch alle Zeit-
alter feststellen.
Durch alle Zeiten erhielten sich die der
Verehrung des Apollon uyvisvg dienenden Spitz-
jfeiler, die jedoch weniger zu den Darstellun-
gen als zu den Symbolen des Gottes gehören;
sie erscheinen öfter auf Münzen ( Mionn . Suppl.
!, 318,366). — Der vorhellenischen Periode noch 50
gehörte wohl ein Idol mit vier Ohren und
hmen in Amyklä an ( 0 . Müller, Hör. 1, 358),
ind mehrarmige Bronzeidole mit Bogen u. dgl.
laben sich wirklich in Griechenland gefunden
Athen, Kunsthandel). Schon ganz menschlich
var indes das Hauptbild von Amyklä {Paus.
B 19, 1), dessen Körper einem Pfeiler glich,
m welchem ein behelmter Kopf und mit Lanze
tnd Bogen bewehrte Arme sowie Fiifse an-
i gesetzt waren (über die angebliche Nachbil- GO
lung auf einer Münze s. oben unter Aphro-
üte.S. 408).
Aus dieser Stufe des symbolischen Idols
wird Apollon erst durch die ältesten Schulen
monumentaler Kunst erhoben, die von Kreta
jind Kleinasien ausgingen. Es bilden sich, wie
s scheint, gleichzeitig zwei Typen, die sich
mr dadurch unterscheiden, dafs bei dem ei-
Koscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
nen die Arme mit leeren, doch geschlossenen
Händen straff an den Seiten anliegen, während
bei dem andern die Unterarme vorgestreckt
sind, um gewisse Attribute aufzunehmen. Im
übrigen sind dieselben gleich : Apollon ist
jugendlich und bartlos, und das Haar fällt ihm
lang in den Nacken herab; die Stellung ist
steif; die Beine sind getrennt und das linke
ist etwas vorgestellt. Dem ersteren Typus
(Arme anliegend) gehörte das in Nachahmung
des ägyptischen Kanon gefertigte Werk des
Telekles und Theodoros an {Diod. Sic. 1, 98,
dessen Nachricht zu verwerfen kein genügen-
der Grund vorliegt); indes ist der Typus kei-
neswegs für Apollon geschaffen , sondern nur
auf ihn angewandt worden; er dient ebenso
anderen, besonders auch menschlichen Figu-
ren, weshalb ohne äufsere Indicien nicht ent-
schieden werden kann, ob eine derartige Statue
Apollon darstelle oder nicht; gerade die be-
kannten erhaltenen Hauptstücke dieses Typus,
die Figuren von Thera und Tenea {Overbeck,
Gesell, d. Plast. I3, 299 No.
33) waren wahrscheinlicher
menschliche Bilder , woge-
gen bei den im Apolloheilig-
tum zu Actium {Arch. Ztg.
1882. S. 52) und auf Delos
{Arch. Ztg. 1882, S. 323) ge-
fundenen Torsen wahrschein-
licher Apollo gemeint war;
vgl. auch das Arch. Ztg. 1882,
S. 58 erwähnte Wandbild,
wo eine Apollofigur dieses
Typus nachgebildet ist. —
Auch von den nicht seltenen
kleinen Bronzen dieses Ty-
pus mögen manche hierher
gehören; die bekannte von
einem Argiver Polykrates ge-
weihte, jetzt in Petersburg
befindliche Statuette (Litte-
ratur bei Böhl, inscr. antiqu.
31) ist indes schwerlich Apol-
lon, vielmehr nur ein deko-
rativer Gerätfufs. — Reich-
haltiger und deutlicher liefs
sich die Idee des Gottes aus-
drücken durch den andern
Typus , wo die vorgestreck-
ten Arme Attribute hielten.
Ein bedeutendes Werk die-
ser Art war der aus der Apollon (?) von Tenea
Dädalidenschule (Tektaios (München),
und Angelion) hervorgegan-
gene Apollon in Delos, den wir aus Nach-
bildungen auf attischen Münzen kennen {Beule
monn. d'Atli. p. 364 ff., falsch für die Ko-
lias erklärt, s. Arch. Ztg. 1882, S. 331); er
hielt den Bogen in der Linken und auf der
Rechten die drei Chariten mit musikalischen
Instrumenten; unten standen symmetrisch zwei
Greife , wie es scheint. Ein noch in den
Steinbrüchen von Naxos erhaltener {Bofs, In
selreisen 1, S. 39), sowie ein von Naxos nach
Delos geweihter Kolofs (s. Arch, Ztg. 1882, S. 329),
gehörten hierher; doch ist von den Attributen
nichts erhalten; der letztere zeichnet sich durch
15
451 Apollon in d. Kunst
Apollon in d. Kunst 452
einen sonst bei Apollon nicht vorkommenden
breiten Gurt um die Lenden aus. Der Typus
wurde auch in der Zeit des reifen archaischen
Stiles, wo der erstere verschwand, noch bei-
behalten; ein bedeutendes Werk derart war
die Statue des Kanachos für das Didymaion
bei Milet (Paus. 8, 46, 3; Plin. 34, 75); wir
besitzen Nachbildungen desselben auf spätem
autonomen Kupfermünzen Milets und auf Kai-
sermünzen derselben Stadt; auf letztem ist die io
Figur straffer und steifer, und wohl am ge-
nauesten, sowohl im Profil als von vorn nach-
gebildet; Apollon hält in der vorgestreckten
Linken den Bogen gefafst ; auf der Rechten
aber ruhte ein kleines Hirschkalb , das sich
nach dem Gotte umsieht; aufser dem langen
Nackenhaare fallen auch Locken auf die Schul-
tern. Eine kleine Bronze des British Museum
(Eayet et Thomas, Milete pl. 28, 2; Overbeck,
Gesch. d. Pl. 13,‘S. 109) stimmt hiermit fast 20
ganz genau; an einer schönen Bronzestatue
des Louvre ferner ( Ray et et Thomas, Milete
pl. 29; Overb. I3 S. 179) stimmt zwar die Hal-
tung der Arme, nicht aber die Haartour. Eine
kleine Bronze aus Naxos im Berliner Museum
ferner (Arch. Ztg. 1879, S. 84 ff.), die sich noch
durch eine Weihinschrift an Apollon auszeich-
net, zeigt die Haartour ganz wie jene Münzen,
und die Linke hielt den Bogen; doch auf der
rechten Hand ruht ein anderes Attribut, ein 30
kleines kugeliges henkelloses Gefäfs , ganz
gleich den in ägyptischen Denkmälern sehr
oft ebenso gehaltenen kleinen Töpfen für
Darbringungen ; vielleicht war dies Gefäfs im
lokalen Kultgebrauche von Naxos üblich und
vertritt die späterhin so häufige Schale*).
Eine Münze von Apollonia in Thessalien
(. Brit . Mus. Cat. Thess. pl. 13, 6) zeigt den
Typus mit Bogen in der vorgestreckten Hand.
— Zahlreich sind endlich die kleinen echt 40
altertümlichen Bronzen, die im wesentlichen
denselben Typus wiederholen, denen jedoch
die Attribute fehlen (z. B. Memorie d. I. 2,
tav. 12, 1 p. 401 von Milet. Ausgr. v. Olym-
pia 4, Tf. 25, 2 mit einem umlaufenden Kopf-
aufsatze, wozu der dem Delischen Apoll auf den
oben genannten Münzen gegebene, auch Revue
arch. 1873 Bd. 25 , pl. 6 zu vergleichen ist;
Mon. d. I. 1, 15 aus Lokroi in Italien). Eine
archaistische Marmorfigur in Rom ( Gerhard , 50
ant. Bildw. Tf. 11. Ann. d. I. 1834 , D. 3)
giebt dem Apollon das Reh nicht auf die
Hand, sondern rationalistisch natürlicher, in
den rechten Arm. An den Yorderfüfsen hält
er das emporspringende Reh , in der andern
Hand den Bogen: auf einer in Gemmen nach-
gebildeten archaischen Statue (Müll.- Wies.,
I). ci. K. 1, 61. Cades, impronte 4, 19. 20); mit
beiden Händen je ein Reh haltend in einer
60
*) Mit Unrecht fafsten Frankel {Arch. Ztg. 1879 , 88)
und v. Sallet ( Ztschr . f. Num. 9, 138) dasselbe als Salbge-
fäfs mit palästrischem Bezug ; aber weder dürfen wir
einen so unheiligen Gegenstand hier vermuten, noch pafst
die Form dazu, denn jene Salbgefäfse haben immer einen
Henkel und werden an einem Bande am Arme getragen.
Curtius {Arch. Ztg. 1879, 97) erkennt jedenfalls viel pas-
sender einen Granatapfel , wozu nur die Form des Ob-
jektes nicht ganz stimmt.
Statue, die eine Münze von Tarsos (des Mac-
rinus) kopiert (Lajarä, culte de Venus pl. 5, 1).
Nichts Näheres wissen wir von der alten Apol-
lon-Statue des Kreters Cheirisophos (Paus. 8,
53, 7) und dem kretischen Holzbild in Delphi,
Apollon, Statuette von Naxos {Archäol. Ztg.
1879 , Taf. 7).
auf das Pindar (Pyth. 5, 40) anspielt. — Die
steif stehenden Jünglinge (in Bronzen), die ein
Lamm auf der Schulter tragen (Friedcriclis,
Ap. m. d. Lamm 1861) sind nicht Apollon,
sondern eher Hermes (s. d. und vgl. Ann. d
Inst. 1879, 143ff.), wenn nicht menschliche
Opfertierträger (vgl. Milchhöf er , Anfänge der
Kunst S. 214f.).
Die archaische Kunst hat aufser dem ruhig
»Di
* A
l;(l k
WOD
453 Apollon in d. Kunst
j stellenden Typus einen lebhaft bewegten ge-
j schaffen , der auf Athena, Zeus, Poseidon und
auch auf Apollon angewandt ward. Die sehr
alten Münzen von Kaulonia bilden eine solche
Statue nach (oft abgebildet, z. B. T). a. K. l,
72); der Gott, von dem Reh begleitet, schreitet
weit aus, schwingt in der erhobenen Rechten
als Reinigungssymbol einen Lorbeerzweig und
streckt die Linke vor, auf welcher eine kleine
i Figur im Schema laufender , umblickender
Dämonen gebildet ist; sie trägt Zweige oder
Früchte und hat zuweilen Flügel an den Füfsen
(s. Friedländer u. Sollet, Berl. Münzlt. No. 666 ;
Numism. Glironicle 30 , 1 S. Birch) ; von den
vielen für sie versuchten Deutungen trifft die
Bärtiger Apollon v. e. altatt. Vase (vgl. Monum.
d. I. 3 Taf. 44.)
des Duc de Luynes (Ap. und Aristaios) wohl
am ehesten zu; eine ganz befriedigende ist
noch nicht ge'funden. Apollon hat natürlich
[auch hier das lang herabfallende Haar; erst
die späteren Münzen zeigen es kurz aufgenom-
men; der Typus ward auf den Münzen von
'Kaulonia lange festgehalten, später mit Weg-
Fassung des kleinen Dämons. — Die in die
iKnice gesunkene laufende Figur auf sehr alten
Apollon in d. Kunst 454
Münzen von Tarent ( Friedl . u. Sollet, Münzh.
v. Berl.* No. 653; sehr ähnlich ein archaischer
Scarabäus bei Codes, impr. 4, Ap. 44) mit Leier
und Blume wird indes schwerlich Apollon
sein; die Leier wurde in alter Zeit nur dem
Kitharöden Apollon gegeben.
Die Darstellungen des Gottes als Musiker
sind in alter Zeit scharf geschieden von den
übrigen; die Leier ist nicht blofses Attribut,
sondern, wenn Apollo sie trägt, so ist er
auch ganz als Musiker gefafst. Das älteste
Denkmal ist die grofse , auf Melos gefun-
dene Vase (Conze , Mel. Thongef. Taf. 4),
wo der Gott, in kurzem Chiton die Phor-
minx spielend, mit zwei Frauen auf einem
Wagen fährt, dem gegenüber Artemis steht.
Apollo ist hier bärtig, und merkwürdiger-
weise ist gerade auch der Kitharöde Apollo
auf einigen altattischen Vasen bärtig: so Mon.
d. I. 3, 44, einem alten und sehr sorgfältigen
Gef als (s. den Holzschnitt; ferner Gerhard,
Auserl. Vasen Taf. 1 ; wahrscheinlich auch Mi-
cali mon. 85, 3; vgl. Gerh. , Ausirl. Vasen 1
S. 117 Anm. 64). Der Maler der Framjoisvase
(Mon. d. I. 4 , 54. 55) bildet Apollo bärtig
und doch nicht als Kitharöden und fast nackt;
bärtig, bewaffnet, gegen Tityos kämpfend auf
einer Scherbe von der Akropolis (’Ecprjg. kqx-
1883, nCv. 3; vgl. Mitt. d. ath. Inst. 1883, S.
286). Von andern Monum entengattungen ken-
nen wir die bärtige Bildung bis jetzt nicht
sicher; vielleicht ist sie auf einer kretischen
Bronzeplatte zu erkennen Ann. d. I. 1880,
tav. T (vgl. Herakles.) Die altattischen
schwarzfigurigen Vasen zeigen den Gott ge-
wöhnlich jugendlich und in langem Chiton
mit Kitharödenmantel (oft unten gezackt),
die Kithara spielend, häufig mit Artemis
und Leto , denen auch Hermes, Poseidon und
Dionysos sich gesellen, immer in feierlicher
Ruhe (z. B. Gerhard, Auserl, Vasen 32. 33. 35.
39. 67); auch sitzend (ib. 15. 34) oder ein Vier-
gespann besteigend (ib. 20. 21) oder andere
Gottheiten zu Wagen geleitend (ibid. 40. 53.)
Eine sehr altertümliche Gruppenbildung,
in der Apollo eine Hauptrolle spielt, ist der
Raub des delphischen Dreifufses durch He-
rakles, den schon Dipoinos und Skyllis gebil-
det zu haben scheinen (Plin. 36, 10; gegen
die gew. Annahme jedoch Arch. Ztg. 1876,
122); von drei alten korinthischen Künstlern
(um die Zeit der Perserkriege) befand sich
die Gruppe in Delphi (Poms. 10, 13, 7); die in
archaistischen Reliefs (s. das Bild Seite 455)
mehrfach erhaltene Komposition geht gewifs
auf ein altes statuarisches Vorbild zurück
(Welcher, alte Denkm. 2, 298 ff., Taf. 15, 27.
28; ebenda No. 29 ist dagegen nur eine späte,
rein dekorative Erfindung. Ausführliches über
Litteratur und Kunst des Dreifufsstreites bei
Stephani, Compte rendu 1868, S. 37 ft.)
Die Kunst des strengen Stiles, d. h. der
nächsten Vorgänger und teilweise Zeitgenos-
sen des Pheidias, bringt bedeutende Änderungen,
die jedoch alle mehr der allgemeinen stilisti-
schen Wandlung entspringen als dem Streben
nach individueller Ausbildung des Apollonidea-
les, zu der jetzt erst Anfänge gemacht worden. —
15*
io
20
30
40
50
00
455
Apollon in d. Kunst
Apollon in d. Kunst
456
Die Gestalt Apollons wird schlanker und straffer ;
die Haare fallen nicht mehr lang herab , son-
dern sind in verschiedener, zuweilen recht künst-
licher Weise aufgenommen; nur an der Seite
läfst man zuweilen noch Locken herabfallen.
Unter den Attributen nimmt neben dem Bogen
der Lorbeerzweig die Hauptstelle ein; die Ki-
types 2,24, Haar in einfachem Wulst aufgenom-
men), wo in dem grofsen weitoffnen Auge schon
eineCharakteristik des Lichtgottes versucht wird.
— Statuarisch bezeichnen den Höhepunkt
dieser Entwicklung für uns der von Conze,
Beitr. z. Gesell, d. PI. Taf. 3 ff. publicierte
Apoll nebst seinen Repliken (die im Journal
of hellen, stud. 1, 178 f. aufgezählt);
mit Unrecht hat man denselben
für einen Athleten erklären wollen;
er hielt vielmehr wahrscheinlich in
der gesenkten Rechten einen Lor-
beerzweig mit Binde (arsfiya), wo-
von Reste an dem Londoner Exem-
plar erhalten scheinen ; allerdings
stand er nicht auf dem Omphalos,
wie ein in der Nähe des atheni-
schen Exemplars gefundner Ompha-
los schliefsen liefs (der indes eine
sehr ähnliche Statue getragen ha-
ben mufs); sein Haar ist in Zöpfen
um den Kopf gebunden (vgl. Mitth.
d. atli. Inst. 1883, Taf. 11, S. 2514.).
Wahrscheinlich (vgl. auch Conze
Herakles, d. Dreifufs raubend, u. Apollon (von d. arcliaist. Dreifufsbasis
in Dresden).
thara ist auch hier nur dem Kitharöden im ein offenbar ebenfalls auf ein berühmtes Original
langen Festgewande eigen. — Am Eingänge 40 in Athen zurückgehender Typus, dessen Re-
der Entwicklung stehen, noch an die in § 2
besprochnen Typen sich anschliefsend: Mon.
d. I. 9, 41, ungewifs, ob Apollo, da ohne At-
tribute , wahrscheinlich äginetische Schule ;
ferner Arch. Ztg. 1874, Taf. 2, geringe spätere
Kopie. Bedeutende Kopftypen liefern Münzen
einiger ionischer Städte: den ältesten hat
Leontini, wahrscheinlich von 480 — 478 (s. Nu-
mism. Chronicle n. s. 16, 1876, p. 10 pl. 1, 5;
pliken zuletzt Benndorf in den Annali d. I.
1880, 198 aufgezählt hat. Der ebenfalls sehr
kräftig gebildete Apollon steht hier auf dem
linken Beine und setzt das rechte etwas vor;
auch hier wie in dem vorigen Typus sind
starke Schamhaare (hier jedoch nicht mehr
archaisch) angegeben, was späterhin nicht
mehr vorkommt; auch hier hielt die Linke
den Bogen, und die gesenkte Rechte wahr-
3, 19; Percy Gardner, types 2, 30; Mitth. d. 50 scheinlich den Zweig. Das Haar ist zwar
ath. Inst. 1883, 12, 2; S. 257); das Haar ist in
Zöpfen hinten herumgebunden, je eine einzelne
Locke fällt auf die Schul-
Apollon auf e. Münze
v. Leontinoi.
folgen im Stile die Mün
zen von Katane (num.
chron. a. a. 0. pl. 3, 20.
Catal. Brit. Mus. Sie.
p. 43; Percy Gardner, types 2, 23; Haar hinten
heraufgenommen) , dann die zweite Serie von
Leontini aus der Mitte des 5. Jahrh- (ib. pl. 3, 21.
Catal. Brit. Mus. Sic. p. 87 ff., Percy Gardner,
auch hier in Zöpfen herumgelegt, doch fallen
jederseits zwei lange Locken auf die Schulter.
Bedeutender Fortschritt ist indes im Ausdruck
des Kopfes gemacht, wo die grofsen ruhigen,
etwas weit auseinanderstehenden Augen mit
dem vollen, weichen, etwas geöffneten Munde
Zusammenwirken. — Alter, und zwar bestimmt
kurz vor die Mitte des 5. Jahrh. zu datieren
ist die sehr wahrscheinlich als Apoll gedeutete
keine Seitenlocke). Es co Mittelfigur des Westgiebels von Olympia, die
das kurze hinten in einen Wulst heraufgenom-
mene Haar und einen Mantel auf der linken
Schulter hat; der Kopf ist intact erhalten. —
Auf Münzen erscheinen noch manche Typen,
die Statuen dieser Entwicklungsreihe nachzubil-
den scheinen: besonders vorzüglich, in strengem
Stile in Metapont ( Friedländer u. v. Sollet, Mänzlc.
zu Bert. 2 No. 679; Percy Gardner, types 1, IG),
a. a. 0.) geht die Statue auf den
genannten Apoll des
Kalamis zurück {Paus. 1, 3, 4), der
im Kerameikos stand und wahr-
scheinlich in der auf attischen Sil-
bermünzen als Beizeichen und im
Kupfer als Haupttypus oft erschei-
nenden Apollofigur {Beule monum.
d'Ath. p. 271) gemeint ist, die in
der gesenkten Rechten den Zweig,
in der Linken den Bogen trägt
und auf dem rechten Beine steht,
alles wie jene Statue. — Nah ver-
wandt, doch entschieden später, ist
:1t
: ; ,
ter; (s. die Abbildg.);
einen ähnlichen Typus
hat Kolophon {Friedlän-
der u. Sollet, Münze.
Berlin 2 No. 77) (Zöpfe
hinten herum , doch
tiiyh
lorzüc
i
fctkfi
feer
di
toll
llitke
457 Apollon in d. Kunst
stehend mit kurz aufgenommenem Haare, in der
Linken den Bogen, in der Rechten ein Lorbeer-
. stamm; in Side (Pamphylien, Friedl. u. Sollet
No. 824) in der Linken den Lorbeerstamm aufge-
stützt, mit der Rechten aus einer Schale über Al-
tar spendend, Mäntelchen über den Schultern,
Haare einfach in den Nacken fallend ; auf ei-
| nein altern Exemplar hält er den Bogen in der
Linken und den Zweig in der Rechten, Haar
i aufgenonnnen (vgl. Percy Gardner, types 1U, C).
ln Leontini (arg.) ähnlich streng, doch kurz-
haarig und ohne Gewand , in der Linken
I grofser Zweig , mit der Rechten aus der
; Schale spendend. Ferner erscheint er ganz
.■ nackt, die Linke gesenkt, die Rechte etwas
j vorgestreckt, in einer strengen Bronzestatuette,
|j die dem Asklepios geweiht ist ( Annali 1834,
«tav. E, vgl. Böhl, inscr. gr. antiqu. 549); ähn-
lich auf Münzen: von Apollonia Thraciae (ae.,
Sept. Severus, in einem Tempel) und Kythnos
(ae., Augustus). Endlich : Gemme strengen Sti-
; les bei Codes , inipr. 4, Ap. 35 (Linke mit
Bogen und Pfeil, Rechte mit Lorbeerstamm.)
: Späterer Umbildung eines ähnlichen strengen
Originales ist wahrscheinlich die schöne Bronze-
i statue aus Pompei (Kelcule, Künstler Menelaos
1 S. 37, No. 7) zuzuschreiben, da mit obigem
Typus das Leierspielen verbunden ist, was auf
den sicher strengen nackten Apollodarstel-
lungen nie vorkommt; auch die in Olympia
gefundene strenge Statue mit Resten der Leier
( Arch . Ztg. 1880, 51. 117) wird römischer Zeit
zugeschrieben. Die Marmorreplik der pom-
peianischen Bronze in Mantua ( Kelcule , Künst-
ler Menelaos Taf. 3, 1) hat indes keine Leier,
sondern in der gesenkten Rechten den Köcher
(falsch als Fackel erg.), ganz wie auf einer
Münze Gordians von Deultum. Hierher ge-
hört auch eine lebensgrofse Bronzestatue des
Hm. v. Sabouroff, wahrscheinlich ein Original
I aus der jüngern argivischen Schule ( Kurt -
I wängler, Samml. Sabur. Taf. 8 — 11.) Auf ein
vorzügliches Werk dieser Art geht der sogen.
. vatikanische Adonis zurück (Mus. Bio CI. 2,
31). Auch die von einem gewissen Apollonjos
'gefertigte, resp. kopierte Statue in Madrid
'•.(Hühner, Bildw. in M. No. 718 S. 297) scheint
hierher zu gehören. Merkwürdig ist ein Apollo
dieser Klasse, der in der Linken wie gewöhn-
lich den Zweig , auf der Rechten bald die
i Schale, bald aber eine kleine Kabirenfigur trägt
11 (Münze von Thessalonike des Gordian III ff.). —
Auf ein strenges Original ging wahrscheinlich
die in Alexandria Troas befindliche und auf
den Münzen kopierte Statue des Smintheus
zurück (de Witte, Ap. Smintliien in revue num.
n. s. 3, 1858, pl. 1; Percy Gardner, types 15,
: 23). Derselbe ist abweichend von dem sonst
Üblichen mit dem Mantel bekleidet, der die
rechte Brust frei läfst , auf dem Rücken der
Köcher , in der Linken Bogen und Pfeil , auf
der Rechten Schale oder Maus; die Stellung ist
steif, das linke Bein vorgesetzt. Später bil-
dete Skopas einen Smintheus, der den Fufs
auf eine Maus setzte (Urlichs, Slcoqjas S. 112; vgl.
unten). — Eine bedeutende Komposition , wo
Apollo in Aktion erschien, war der den Drachen
.Python erschiefsende Apollon des Pythagoras
Apollon in d. Kunst 458
von Rliegion (s. Schreiber, Ap. Pytholctonos
S. G7 ff. Michaelis, Annali 1875 p. 85), den wir
wahrscheinlich auf Münzen von Kroton frei
nachgebildet sehen (s. beistehende Abbildung) ;
der Rhythmus in dem Körper des mit dem
rechten Bein nach rechts ausschreitenden, sich
Münzen v. Kroton {Friedländer- SalLet, Münzk. Berl.-
Taf. 8, 759 u. 761).
jedoch mit dem Oberkörper zurückwenden-
den und schiefsenden Apollo scheint ganz
im Geiste des Pythagoras. — Auf Vasen des
strengen Stiles erscheint Apollo in Aktion oft
mit einem Mäntelchen oder Shawl und zu-
weilen mit kleinem Backenbartflaum, wie ihn
jener Stil eben auch den Epheben giebt (z. B.
Gerhard, Auserl. Vas. 22. Elite cer. 2, 55.)
Wir haben im Vorigen zwar zuweilen weit
über Pheidias’ Zeit hinausgegriffen, um nächst
Verwandtes anzuschliefsen, betrachten aber
jetzt die Monumente des Pheidiasischen Sti-
les selber. Von dem dem Pheidias zugeschrie-
benen Apollon Plagvoniog auf der Akropolis in
Athen (Paus. 1, 24, 8) wissen wir nichts. Im
Parthenonfriese dagegen, dem letzten Werke
des Pheidias und seiner Werkstatt, ist Apollon
unter den Göttern jedenfalls dargestellt; man
vermutete ihn gewöhnlich in der Figur neben
Poseidon, doch Flasch (Zinn Parthenonfries
1877) hat gewichtige Gründe dafür geltend
gemacht, ihn in der sich auf Hermes lehnen-
den Gestalt zu erkennen, die nur einen kurzen
Mantel um die Oberschenkel trägt, die Linke
wahrscheinlich auf einen Lorbeerstamm auf-
stützte und, was das wichtigste ist, wie alle
jugendlichen Götter des Frieses ganz kurzes
Haar hat, in dem ein Kranz befestigt war.
Der Apollon des Frieses von Phigaleia, dessen
Gesicht leider fehlt, hat gleichfalls ganz kur-
zes Haar. Dasselbe ist der Fall auf dem noch
in Pheidiasischem Stile gehaltenen Votivrelief
des Sohnes eines Bakchios (Lc Bas, voy. arch.
mon. fig. pl. 41; Bötticher, Gipsabg. in Ber-
lin No. 546), wo Apollon auf dem Dreifufs sitzt,
den Unterkörper im Mantel, die Rechte wahr-
scheinlich auf den einst gemalten Lorbeer-
stamm gestützt, daneben Leto, und Artemis
auf den Bogen gelehnt. — Sehr wichtig sind
die für das letzte Viertel des fünften und den
Anfang des vierten Jahrh. ziemlich zahlreichen
Münztypen namentlich ionischer Städte; es
herrscht unter ihnen der ganz kurzhaarige '
Apollokopf fast ausschliefslich, und fast über-
all sind es erst die stilistisch späteren Stücke,
welche wieder das lang herabfallende Haar
aufnehmen. Ich nenne als Prägeorte beson-
ders Abdera (Friedl. u. Sollet a. a. 0. No. 321),
Amphipolis, den Bund der Chalkidike (ibid.
No. 217, Percy Gardner, types 7, 12, 13), Les-
bos (noch etwas strengen Stiles und sicher
459 Apollon in d. Kunst
aus dem 5. Jahrh.) Neandria in Troas (eben-
falls noch etwas streng), Kolophon ( Percy
Gardner, types 4, 35 noch etwas streng, 37 frei),
König Philipp von Makedonien (aur. , Nach-
ahmung der chalkidischen) , Patraos in Paio-
nien (Nachahmung derselben), Epidauros, Cy-
pern (arg., König Nikokreon, 4. Jahrh.), dann
in Sicilien vor allem Catana und Leontini Percy
Gardner , types 4, 9. 10, (noch etwas strengen
Stils etwa um 430 v. Chr.) , dann vom Ende io
des 5. Jahrh. ein Stück des Euainetos, wo die
kurzen Enden- der Haare hinten etwas zu-
sammengeknotet sind); ferner Leontini (eben-
falls ziemlich streng, Friedl. u. Sallet No. 566),
dann Rhegium («m chron. 20, 1, 1), endlich
Allifae in Campanien.
Der Kitharöde Apollon ist auch im
strengen und dem Pheidiasischen Stile noch
scharf von dem nackten Bogenträger geschie-
den. Die attischen Vasen strengen und schö- 20
neu Stiles zeigen ihn sehr häufig, besonders
gern aus einer Schale spendend, wie es wirk-
liche Kitharöden wohl zu thun pflegten ; er
trägt natürlich den langen Chiton, darüber
aber nicht mehr den Mantel, sondern die Clila-
mys; in der Regel hat er das lange lockige
Haar (vgl. Gerhard, Auserl. Vas. 24. 27. 28. 30;
sitzend 29, Elite cer. 2, 36 etc.). So erscheint
er auch auf dem Relief von Tbasos im Louvre
( Overbeck , Gesell, d. PI. I3, 1671 in derselben 30
Tracht mit den Nymphen und Chariten. Ein
anmutiges Relief strengen Stiles aus Athen
bei Stackeiberg, Gr. d. Hell. Taf. 56 zeigt den
Kitharaspieler Apollo von seinem Reh begleitet
im ionischen Chiton und Chlamys und mit
kurzaufgenommenem Haare. Eine vatikanische
Statue ( Clarac 481, 926 A), kopiert einen Apollo
strengen Stiles als sitzenden Kitharaspieler im
Chiton und Mantel; eine strenge schöne Bronze,
ein sitzender Kitharaspieler nur im Mantel, 40
wahrscheinlich Apoll b. Stephani, Compterendu
1867, 49. Auf ein Original um 400 mag eine
Kolossalstatue in München ( Clarac 494 a, 927
Brunn, Glypt. No. 90) zurückgehen, die ihn
feierlich stehend zeigt. Die zahlreichen ar-
chaistischen Kithar Ödenreliefs (aufgezählt bei
0. Jahn, Bilder Chroniken S. 45 f.) schliefsen sich
an den spätem Kitharödentypus an. Eine selb-
ständige späte Änderung ist es indes , wenn
der Verfertiger des archaistischen Puteais von so
Korinth ( Gerhard , ant. Bildw. Taf. 14. Over-
beck, Plastik l3, 142) dem Leierspieler Apollo
nur die Chlamys giebt.
Sehr reichhaltig ist das Material für die
Pr axitelis ch e Zeit, wenigstens durch römi-
sche Kopieen, während Originale freilich nur
sehr wenige erhalten sind. Von dem üblichen
Kopftypus dieser Epoche geben uns die Mün-
zen eine gute Anschauung. Es verbreitet sich
in dieser Zeit fast ganz allgemein auf Mün- eo
zen ein gewisser Typus , der späterhin noch
lange festgehalten wurde. Das Haar ist ge-
scheitelt, an den Seiten zurückgestrichen und
fällt, den Linien des Schädels und Halses
durchaus folgend, in einfachen Locken auf
den Nacken (nicht die Brust); nur ein Kranz
schmückt das Haar ; keine Schleife oder Knauf.
Auch charakteristische Gesichtszüge setzen
Apollon in d. Kunst 460
sich jetzt erst fest, besonders die hohe, nach
unten vortretende Stirn und der volle weiche
Mund. Der Ausdruck ist indes in der Regel
völlig ruhig, nur edle Reinheit aussprechend;
selten ist der Kopf etwas zurückgeworfen, der
Mund etwas geöffnet und der Ausdruck en-
thusiastisch (z. B. auf Phokischen Stücken);
selten sind die Locken steif drahtförmig wie in
Teos (Ae.). Als Hauptprägeorte des Typus
nenne ich: den Chalkidischen Bund (Arg. spä-
tere Serie wie Percy Gardner, types 7, 28;
Ae.), Milet (Arg. sehr zahlreiche Stücke 4.
u. 3. Jahrh.; Ae.), Klazomenai (Ae.), Kolophon
(Ae.), Mytilene, Chalkedon in Bithynien, Ale-
xandria in Troas, Phokis, Anaktorion, Korinth
(Ae.), Sikyon (Ae.), Megara ( Percy Gardner,
types 7, 26); Delos (Arg. und Ae.), Kythnos;
in Sicilien besonders Tauromenion (sehr schön
zuweilen), Tyndaris (Ae.), in Italien Tarent (Au.),
Kroton ( Percy Gardner, types 11, 8) und Rhe-
gium, in Campanien Cales, Nola, Suessa, Nea-
polis, Allifae. Mit diesem Münztypus hat Ke-
kule einen Marmorkopf in Taormina verglichen
( Arch . Ztg. 1878, Taf. 1), nach dessen Abbil-
dung ich nicht be-
stimmt urteilen
möchte. Ein Kopf
in Wien ( Man . d. I.
11, 10, 3. 4), den
Benndorf (Annali
1880, 204) für Apollo
und jenem ähnlich
hält, sowie ein ähn-
licher Pariser Kopf
( Gazette archeol. 1875,
pl. 1) scheinen mir
sicher weiblich zu
sein (vgl. Furtwäng-
ler, Samml. Sabou-
roff zu Taf. 22) ; zwei-
felhaft ist auch ein
vortrefflicher Origi-
nalkopf Skopasi-
scher Arbeit vom
Maussoleum in Ha-
likarnafs (Brit. Mus.
No. 35) mit patheti-
schem Ausdruck und
Wendung nach
rechts oben.
Die Lieblingsty-
pen, die Praxiteles
geschaffen , wurden,
sei es schon von ihm,
sei es von seinen
Schülern auch auf
Apollon übertragen.
Im Hermes des Praxi-
teles besitzen wir das
authentische Exem-
plar eines Hauptty-
pus dieser Art: der linke Unterarm aufgestützt,
ein rechtes Standbein , der rechte Arm erho-
ben, Schema voll Grazie, Weichheit und allseiti-
ger Abrundung. Eine Serie von Apollostatuen
((die bekanntesten Exemplare im Capitolini-
schen Museum und im Louvre, Uenlivi. a. K.
2, 127 a. 128, ein gutes auch in Berlin No. 11,
461 Apollon in d. Kunst
danach beistehende Abbildung, vgl. Clarac 479,
916; 540b, 921c; 267, 921) wiederholt nicht
; nur dieses Schema überhaupt, sondern, wie
'genauere Vergleichung lehrt, auch mit den
I speziellen Körperformen des Praxitelischen
Hermes; die einzig bedeutende Modifikation ist,
’ dafs der rechte Arm höher als beim Hermes
erhoben und ruhend auf den Kopf gelegt ist;
i sonst könnte man Torsi dieser Art (die zahl-
! reich existieren) für Kopieen des Praxiteli-
iwie in dem athenischen Münztypus, der wohl
diese Statue reproduziert (Beule, monn. d'Ath.
p 285), erscheint. Die Kitbara, welche viele
jder römischen Kopieen (auch eine kleinasiat.
Terracotte römischer Zeit, im Kunsthandel) in
oder neben den linken Arm stellen, ist gewifs
eine spätere Zuthat; auch die Praxitelische Zeit
Apollon in d. Kunst 462
hat den Kitharöden nicht nackt gebildet.
Der Kopf, der mehrfach auch in einzelnen
Repliken erhalten ist (z. B. zwei Exemplare
in London anc. marbl. of the Brit. Mus. 11,
4), die freilich künstlerisch alle nicht hervor-
ragend sind , mit Ausnahme von einem klei-
nen, aber trefflichen, echt griechischen Exem-
plarin München, das dort auf einer römischen
amazonenartigen Statue sitzt (C. Bötticher,
lu Berl. Gipsabg. No. 532 A), ist durch seine Haar-
tracht leicht kenntlich; das Vorderhaar bildet
einen starken Wulst und ist in der Mitte an
Stelle des Scheitels durch einen kleinen Zopf
getrennt, an die bei Knaben übliche Frisur des
Zopfes in der Scheitelmitte erinnernd; im
Nacken ist das Haar einfach durch ein Band
aufgenommen, die Enden sind gelockt. Im
Gesichte sind die wesentlichen Züge des spä-
teren Apolloideales schon alle da, doch mafs-
20 voll, ohne die Übertreibungen jenes; besonders
die hohe dreieckige Stirne, die weitgestellten
mit den innern Winkeln tiefeingesenkten gro-
fsen Augen und jener Zug unbestimmter Sehn-
sucht, der sich schon in der leisen Wendung
nach rechts oben kundgiebt. — Später, viel-
leicht erst in römischer Zeit, variierte man den
Typus durch Zufügung eines gleitenden Man-
tels um den Unterkörper; dabei ist denn auch
dieKithara ständig (s .Clarac. 490, 954; 486 B,
30 948F; 480, 921 B). — Dagegen ist der berühmte
Apollino in Florenz ( Clarac 477, 912 C) wohl
eine Umbildung hellenistischer Zeit: die raffi-
nierte Eleganz, das Weichlich-Zierliche und
allzu Jugendliche, sowie vor allem die in Pra-
xiteles’ Zeit noch unerhörte Art der Haar-
schleife über der Stirne sprechen dafür.
Ein mit ziemlicher Sicherheit auf Praxite-
les zurückgeführtes Werk ist der sogen, ein-
giefsende Satyr. Das Motiv desselben finden
40 wir (wie auf Dionysos) auch auf Apollon über-
tragen: eine sehr gut erhaltene, d?>ch gering
gearbeitete Statue des Louvre (Fröhner, notice
No. 74) ist Zeuge dafür; Stellung und Körper-
bildung sind ganz die jenes Satyrs (der Stamm
ist nur Stütze); der rechte Arm ist jedoch
auch hier ruhend auf den Kopf gelegt, der in
Neigung und Ausdruck etwas Schwermütiges
hat (das Gesicht indefs sehr überarbeitet);
Locken auf der Schulter, Haare in die Stirn
50 fallend, im Nacken ein schwerer, an Alter-
tümliches erinnernder Schopf. — Eine ganz
neue und eigenartige Schöpfung des Praxite-
les war dagegen der sog. Sauroktonos ( Plin .
34, 70), eine Bronzestatue, von der wir eine
gute Bronzekopie ( Clarac 486 A, 905 E) und
verschiedene meist geringere Marmorrepliken
(Clarac 268, 905; 476 B, 905B; 475, 905A;
die besten Abbildungen des Sauroktonos
in O. Bayet, mon. de Varl antique) besitzen;
60 Apollo ist hier ganz knabenhaft gebildet, aber
auch in knabenhaftem Spiele dargestellt, eine
laufende Eidechse mit dem Pfeile zu erhaschen
suchend. Über die Bedeutung ist viel gestrit-
ten worden (s. besonders Welcher, alte J)enkm.
1, 406 ff. Stephani, Comptc rendu 186.2, 166);
erwiesen ist nur eine gewisse Beziehung der
Eidechse zur Mantik und ihre symbolische Be-
deutung als ein Tier des Lichtes; wie der
463 Apollon in d. Kunst
Apollon in d. Kunst 464
Smintheus eine Feldmaus auf der Hand hielt,
so mochte ein älteres Bild des Kultus, auf den
sich der Sauroktonos bezieht, eine Eidechse
besten Begriff von dem Kopftypus des Ori-
ginales giebt ein im British Museum (guide to
the graeco-rom. sculpt. 2 p. 44 No. 99) be-
findlicher Kopf; das volle weiche Gesicht, der
schmerzlich begeisterte Ausdruck, die leicht
gewellten Haare, dies alles kommt liier Werken
des vierten Jahrh. am nächsten. Der Typus
erscheint im kleinen indes auch schon auf
einer attischen Vase des 4. Jahrh. ( Elite cer.
iu 2, 65, schlechte Abbildung) und viel geringer
auf einer unteritalischen (Elite 2, 97). Münzen
besonders römischer Zeit zeigen häufig den-
selben Typus; doch variieren sie ihn häufig
dahin, dafs die Rechte eine Schale ausgiel'st
(Kolophon Ae. des 2. und 4. Jahrh.; Delphi
Ae. röm.; Athen, Beule p. 388; in denen des
Augustus und Nero Denhn. a. K. 1 , 141 b. c
venputet man die Nachbildung des Palatini-
schen, vgl. Urliclis, Skopas S. 69). — Wahr-
20 scheinlich vom Kitharödentypus gehen die spä-
teren gewaltsamen Steigerungen aus, die im
Pourtales’schen Kopfe ( Denkm . a. K. 2, 123)
und besonders einem neuerdings gefundenen,
jetzt auch im British Mnseum befindlichen
( Mon.d . I. 10, 19. Ann. 1875, 27 ff.) vorliegen;
die einfach gescheitelten Haare des 4. Jahrh.
haben hier der pompösen , erst in hellenisti-
scher Zeit aufkommenden Art der Haarschleife
Platz gemacht , die sich mächtig über der
30 Stirne aufbaut. — Vielleicht noch ins 4. Jahrh.
gehört eine Variante, die in einer Statue in
England (Clarac 496, 967. Braun, Vorschule
d. K.-M. Taf. 46) vorliegt, wo der Kitharöde
nur mit dem weiten auf der Schulter geknüpf-
ten Mantel bekleidet ist.
Münze von Amphipolis ( Friedländer-Sallet , Münzte.
Berlin 1 Tf. 4, 325).
tragen; Praxiteles übertrug das leblos Symbo-
lische in künstlerisch Lebendiges. Die Figur
ist äufserst anmutig angelehnt, so dafs ihre 50
linke Körperhälfte entlastet, die rechte aber
in Spannung ist. Das Haar ist hinten sehr
einfach heraufgenommen und über den Ohren
unter der Binde etwas herausgezupft.
Vom Kitbaröden hat diese Epoche einen
sehr bedeutenden Typus geschaffen , dessen
Schöpfer wahrscheinlich Skopas war; seiner
später im Palatinischen Tempel zu Rom be-
findlichen Statue kömmt wahrscheinlich eine
bekannte Vatikanische Statue (s. Denkm. a.K. eo
1, 141a. Clarac 496, 967 und beistehende Ab-
bildung) nahe; der Gott steht hier nicht mehr
feierlich, sondern er schreitet und spielt dabei
begeistert dieKithara; die Gestaltbedeutetnicht
mehr den Dichter und Sänger, sie ist es; der
lange Chiton ist hoch gegürtet; auf den Schul-
tern ist der hinten herabwallende Mantel be-
festigt; der Kopf ist pathetisch erhoben. Den
Einen bedeutenden , schon um 400 v. Chr.
existierenden Typus, der Apollons Eigenschaft
als Lichtgott auszudrücken versucht, lernen
wir zunächst aus Münzen jener Zeit kennen
(besonders Amphipolis ( Percy Gardner , typcs
7 , 11 und beistehende Abbildung) und Klazo-
menai, ferner Katane u. a. vgl. Percy Gardner,
types 10, 37. 36; Arch. Ztg. 1882. S. 252), die
den Kopf von vorne und dem Helioshopfe
sehr verwandt zeigen. Ein Künstler der hel-
lenistischen Zeit arbeitete den Typus in einem
glänzenden Werke (wahrscheinlich von Bronze)
aus, dessen Kopie wir in dem Belvederischen
Apollon (Denhn. a. K. 23, 124, wo auch die
Literatur) besitzen, während ein früher Stein-
häuserscher Kopf ( Mon. d. I. 8, 39. 40. Ann.
1867, 124 ff. Arch. Ztg. 1878, 9ff.; 1882, 253)
uns eine etwas ältere Fassung desselben Typus
zeigt. Die Figur schreitet, in der Linken wahr-
scheinlich ursprünglich den Bogen vorstreckend,
doch in einer Bronzereplik (Arch. Ztg. 1883,
465 Apollon in d. Kunst
Taf. 5, S. 27 ff.) einen noch nicht ganz aufge-
i klärten, gewöhnlich für eine Aigis gehaltenen
| Rest eines Gegenstandes haltend , den Kopf
1 etwas zur Seite wendend; die Hypothese, er
beziehe sich auf Gallierkämpfe, ist nicht hin-
reichend begründet (vgl. Ärch. Zty. 1882,
j S. 247 ff.).
Es bleibt eine Reihe von Typen übrig, die
teilweise vielleicht dem 4., meist wohl erst
dem 3. Jahrh. angehören. Zunächst sitzend w
Apollon Steinhäuser, jetzt im Museum zu Basel.
ruhende Figuren: so der auf den Münzen der
syrischen Könige , von Antiochos I Soter an
immer wiederholte Typus eines auf dem Om- 5u
f phalos sitzenden Apollon mit kleinem Gewand
am den Oberschenkel, mit der Linken den
Bogen aufstützend, in der Rechten einen Pfeil
prüfend ; sehr ähnlich auch auf Münzen von Boio-
Itien ( numism . chronicle ser. 3 vol. 1, pl. 13, 4)
md Akarnanien (D. a. K. 2, 138), auch Chal-
kedon (D. a. K. 2, 138 a) und Delphi. Ganz
:ackt sitzend, den rechten Arm auf dem Kopfe,
len Bogen in der Linken zeigen ihn späte
Kaisermünzen von Milet. Als Kitharöde im co
ibiichen Gewände wird er öfter sitzend dar-
■ gestellt , so auf einer delphischen Ampliiktio-
lenmünze ( D . a. K. 2, 134b; Percy Gard-
\ier , types 7, 44) sinnend auf clie Kithara ge-
stützt, den Lorbeerzweig im linken Arm. Ein
i jlyprisches Relief stellt ihn ähnlich dar, doch
•ie Schale auf der Rechten vorstreckend; es
jst ein Kultusbild , dem Anbetende nahen,
Apollon in d. Kunst 466
während daneben Andere festliche Tänze auf-
führen und Festschmaus halten (Dult, Samml.
Cesnola Taf. 11, 5). In Statuen ähnlich erhalten,
z. B. Chirac 494 A, 926 0. Nur im Mantel,
sitzend, mit Kithara, auf Münze des 4. Jahrh.
von Kyzikos ( Percy Gardner, types 10, 23). Nur
halbbekleidet, doch aufser dem Lorbeerzweig in
der Rechten auch mit Leier ausgestattet er-
scheint er auf späten Kaisermünzen von Kolo-
phon, auch in einem Tempel, vor dem geopfert
wird ( Mionnet 6, 108); in Statuen ähnlich Cla-
rac 485, 937; 486 B, 737 A; sitzend mit Kithara,
halbbekleidet, römisch, Gas. arcli. 1876, pl. 2.
— Von stehenden Typen sind noch zu er-
wähnen: auf Delphischen Münzen stehend
neben Dreifufs, Lorbeerzweig in der Rechten,
in der Linken einen Pfeil erhebend ; so auch
innerhalb eines Tempels; ähnlich auf Silber-
münzen des Seleukos II, auf Dreifufs lehnend,
Pfeil in der Rechten. Dafs man auch das, wie
es scheint, in Lysipjis Kreise besonders beliebte
Motiv des einen auf eine Erhöhung gestützten
Fufses auf Apollo übertrug, zeigen Kaisermün-
zen ( Comrnodus , Caracalla ) von Alexandria in
Troas ( Mionnet , suppt. 5, 519 No. 142), wo er
nur einen Lorbeerzweig in der Rechten hält
(vielleicht das Motiv der Statue des Smintheus
von Skopas, die den einen Fufs auf eine Maus,
resp. ein Mauseloch, setzte? vgl. oben).
Die Bildungen, die ihn ganz nackt, die Lyra
spielend darstellen, scheinen alle erst später
griechischer Zeit zu entstammen: die frühesten,
467
468
Apollon in d. Kunst
aus dem 3. Jahrh. ungefähr, auf Münzen von
Metapont (Zf a. K. 2, 134 d) und Thurii (Mion-
net Suppl. 1, 324, 871, Schale in der Rechten,
Leier in der Linken); schreitend z. B. D. a.
K. 2, 132; angelehnt und die Beine überschla-
gend;, unten ein Schwan: 1). a. K. 2, 131.
Chirac 479, 918; 483, 928A; 490, 954A; ruhig
angelehnt die Leier spielend, Beine kreuzend,
weichlich: Bronzestatue von Pompei (. Friede -
richs Bausteine No. 850); verwandt auf einem io
athenischen Relief (D. a. K. 2, 130), wo er
verschiedene Beinamen hat. — Als Haartracht
setzt sich in dieser Periode besonders die
Schleife über der Stirne fest; im Nacken be-
findet sich meist ein Knoten, von dem noch ein-
zelne Locken herabfallen. Die Körperformen
sind regelmäfsig, . sehr jugendlich und weich,
oft denen des Dionysos sich nähernd.
Wir haben bis jetzt nur die handlungslosen
Einzelbilder betrachtet. Apollo in Situation 20
und Gru p p e darzustellen gab zunächst die
Geburtssage Anlafs. Eine in zwei Statuen auf
zahlreichen römischen Münzen Kleinasiens und
einem römischen Cippus erhaltene Komposi-
tion, Leto darstellend mit den zwei Kindern
auf dem Arme, fliehend vor dem Drachen Py-
thon, den Apollo erlegt, geht wahrscheinlich
auf Euphranor zurück (s. Schreiber, Apollo
Pythoktonos S. 70 ff. 88 ff); auch ein Vasenbild
scheint von dieser Gruppe abhängig (Tischbein 30
vas. 3 , 4 in unzuverlässiger Abbildung) ; dem
besten Capitolinischen Exemplar der Statue zu-
folge ( Schreiber a. a. 0. Taf. 1) hatte die Gruppe
einen gewissen strengen einfachen Charakter.
— Die Hyperboreersage gab Anlafs den Gott
wandernd darzustellen: eine prächtige attische
Vase des 5. Jahrh. zeigt ihn auf dem Drei-
fufse sitzend über das Meer fahrend (Lyra,
Bogen, Köcher, kurzes Haar, Elite cer. 2, 6);
später erscheint er auf dem Schwane ( Elite 40
cer. 2, 42) oder Greif ( Elite 2, 5, 44) reitend.
— Häufig waren statuarische Gruppen von
Apollon, Artemis und Leto, doch handlungs-
los. [Vergl. unter Artemis § 12, 1]. —
In Liebesaffairen erscheint Apollon seiten; auf
einer Vase strengen Stiles Mon. d . I. 3 , 12
in Liebesverfolgung; das Mädchen ist nicht
sicher zu benennen; erst auf Pompeianischen
Wandbildern erscheint die Sage von Daphne,
zum Teil in sehr lüsterner Weise ( Helbig , 50
Wandb. d. camp. Städte No. 206 ff.); auch die
Sagen von Kyparissos und Admet (s. d.) er-
scheinen erst seit hellenistischer Zeit. Den
Kampf mit Idas um Marpessa zeigt eine vorzüg-
liche Vase strengen Stiles {Mon. d. I. 1, 20);
seine Mutter Leto befreit er von Tityos schon
auf altattischen Vasen (Apollon behelmt) Mon. d.
I. 1856, 10, 1,’Ecpgg. <xq%. 1883, niv. 3, dann auf
solchen strengschönen Stiles (Mon. d. I. 1, 23.
Elite cer. 2, 57). Am häufigsten wurde indes 60
die Marsyassage, der Wettstreit des Apollo
und Marsyas dargestellt, jedoch erst in Denk-
mälern vom 4. Jahrh. an (s. Stephani, Compte
rendu 1862, 106 ff. Michaelis, Annali 1858,
298 ff). Das letztere gilt auch für die Darstel-
lungen der Sühnung des Orest durch Apollon,
die der Tragödie folgen. Apollon durch Hand-
schlag einen Vertrag mit Dionysos schliefsend,
Aquatiles dii
erscheint auf einer schönen Vase ( Compte rendu
de St. Peter sb. 1861 pl. 4); ähnlich sind Apollo
und Perseus auf einer Münze des Hadrian von
Tarsos durch Handschlag vereint ( Zeitschr . f.
Numism. 3, 9, 3.) — Apollon und Hermes um
die Lyra streitend war Gegenstand einer Gruppe
auf dem Helikon (Paus. 9, 30, 1.) — Abnorm
der Apollon vpatsccvog im Kitharödengewande
und gehörnt (. Dethier , et. arclieol. 1881 p. 45.)
— Über die Beziehung Apollons zum Greif s.
Stephani, Compte rendu 1864, 57; zum Reh ib.
1870/71, 165; zum Schwan ib. 1863, 28ff.
[A. Furtwängler.]
Aponius auf einer Inschrift aus Testur (col.
Bisica Lucana, prov. procons.) C. I. L. 8, 10615:
Aponio Valerius TJiocletianus etc. ist wohl
nur eine Nebenform für Aponus , den Gott
der heifsen Quellen des Dorfes Abano, süd-
westlich von Padua (Sil. It. 12, 218. Martini.
6, 42, 2). Nach Claudian, idyll. 6 wurden ihm
viele Weihgeschenke in der Nähe der Quelle,
die auch als Orakelstätte diente ( Suet . Tib. 14 u.
Lucan. 7, 193), von Geheilten aufgestellt. In
den Inschriften, die C. I. L. 5, 2783 — 2790 u.
8990 (vielleicht auch 3101 aus Vicenza) zu-
sammengestellt sind, wird er immer mit A. A.,
d. h. entweder aquis Aponi oder Apono Augusto
bezeichnet. (An Apollo ist trotz Schol. Veron.
zu Verg. Acn. 1, 249 nicht zu denken). Cas-
siodor. var. 2, 39 leitet den Namen höchst
unwahrscheinlich von novog ab, das 0 scheint
vielmehr trotz der Stelle des Lucan. ursprüng-
lich lang zu sein, da das davon gebildete Apo-
nius mit einer Ausnahme stets durch ’Anaviog
umschrieben wird. Dann dürfte ap Wasser,
Quelle als Stamm zu betrachten und die Wasser-
gottheit des Sanskrit und Zencl apäm, Sohn
der Wasser zu vergleichen sein (vgl. Curtius,
Gr dz. d. gr. Et.5 469). [Steuding.]
Appias , Nymphe der appischen Quelle zu
Rom. Der appische Brunnen befand sich nicht
weit von dem Tempel der Venus Genetrix aut
dem Forum des Julius Cäsar und war rings
mit Statuen von Nymphen (Appiades) geziert,
Ovid. A. A. 1 , 82. 3 , 452. Plemed. Am. 660.
Plin. 36, 5, 4 n. 10 (§ 33.) Vgl. Mus. Pio-
Cl. 1. O. Jahn, Abh. d. sächs. Ges. d. W. 1861
S. 116 f. Cic. ad fam. 3, 1, 1 nennt eine Mi-
nerva Appias, aus Schmeichelei gegen Appius
Pülcher. [Stoll.] _ [d.): II. 18, 46.
Apseudes CAipsvögg), eine der Nereiden (s.
Apsyrtos ("AipvQTog) s. Absyrtos.
Aquae Albulae s. Albunea.
Aquae Aponi s. Aponius.
Aquae Sinuessanae, bekannte Heilquelle an
der Südgrenze Latiums. Personificiert ist sie
in einer Inschrift aus dem Jahre 186 n. Chr.,
die sich auf einer Basis neben dem Tempel
des Asculap und der Salus der Civitas Lam-
baesis in Numidien befindet; C. I. L. 8, 2583:
(Aquis Sin)uessanis ob. . . I.T. Caunius Pris-
(cus) etc. [Steuding.]
Aquatiles (lii werden auf einer Weihinschrift
aus Como genannt, C. I. L. 5, 5258 : Neptuno
et düs Aquatilib(us ) pro salute et incolumit(ate )
etc. Natürlich sind die Gottheiten einer Heil-
quelle gemeint. Vgl. Aquae und Aponus.
[Steuding.]
fi
:
ft
Sri
1,1
tl
!?i
Ib.
ton
fe.
M
t-
’lp
um
ja.
fei
Ai
lli.
IJ>:
Ar
rat,-
¥
Iah
IM.)
Ar,
ik gi
Ir
Vft
Ali
ä -
»H
ht
t
ü v(
n,
Jra
-“1:
ö a>
■-y,
" JA
-t-i
s Pli
M
t,4.
■r
460
Arbelos
470
Aquila
Aquila sancta wird als eine dea militaris
bezeichnet auf einer Inschrift aus Moara Doni-
neasca in Moesia inf., C. I. L. 3, 6224: Dis
militaribus Genio Virtuti Aquilae sanc(tae)
signisque leg I Ital Severianae etc. [Steuding.]
Aquili (lii. Mit dem Namen der dii aquili ,
d. h. der dunkeln Götter (über die Bedeutung
des veralteten Wortes aquilvs = subniger, vgl.
Paul. p. 22. Placid. p. 30, 16 Deuerl. und die
von G. Loeiue, Prodrom, p. 296 ff. zusammen- io
gestellten Glossen ; di atri coloris erwähnt
Plin. n. h. 2, 17) bezeichnete man in Rom
den ganzen Kreis der Unterweits- und Todesgöt-
ter ( Placid . a. a. 0. Mart. Cap. 2, 164. Arnob.
3, 14), welche man sich nach italischer Vor-
stellung nicht nur als von abschreckender Häfs-
lielikeit, sondern auch von dunkler Farbe vor-
stellte; belehrend sind hierfür namentlich die
Wandgemälde etruskischer Gräber (z. B. der
von Vulci bei Noel des Vergers, l'Etrurie et 20
les Etrusques, Atlas t. 21 ff.), auf denen Cha-
run in einer dunklen, blauschwarzen Färbung
erscheint. — Die Angabe des Gloss. Papiae
'aquili species daemonuvi qui in similitudine
aquarum (aquilarum?) adparent ’ beruht wohl
nur auf Willkür oder Mifsverständnis; [vgl. je-
doch den Ausdruck gelav vdcog b. Homer R]
[Wissowa.]
Ara ( ’Agd ), 1) = Erinys (s. d.): Aesch. Eum.
417. Sept. 70. 954. — 2) Begleiterin der Eri- 30
nys.- Sopli. El. 111. Ilesych. — 3) Tochter des
EAtliamas: St. Byz. u. Tsmg. [Roscher.]
Arabios ( ’Agdßiog ) oder Arabos (’Agaßog),
Vater der Kassiepeia (Anton. Lib. 40. Schol.
Ap. Bh. 2, 178), Sohn des Apollon und der
Babylo, Erfinder der Medicin (Plin. n. h. 7,
196.) [Roscher.]
Araciis, eine sonst unbekannte, vielleicht
siegverleihende Gottheit auf der Inschrift eines
ihr geweihten Altars zu San Paulo (Olisipo in 40.
Lusitania) C.I.L. 2,4991: ABACOABA NIO
NI CEO- 1- MAXVMA | A VVI-V-A ■ S ■ L-S.
Mit Aracus ist wohl der Name der Stadt
Wacelium in Cantabrien zusammenzustellen;
'iranius dürfte aber ein von der nicht gar weit
(om Fundort entfernten Stadt Aranni ent-
eignter Beiname sein. Niceus = vinodog kommt
sonst nur als Epitheton des Zeus und der Pal-
as vor , so dafs also Aracus dem ersteren
jleichgesetzt scheint. [Steuding.] 50
Arachne ( ’Agd%vri ), Repräsentantin der ly-
tischen (nach Nonn. Dion. 18, 215. 40, 303
der assyrischen) Kunst des bilderreichen Ge-
webes, die im Wettstreite mit Athene (’Egydvg)
) <u Grunde geht. ( Verg. Georg. 4, 246 u. Serv.).
Ov. Met. 6, 5 ff. wird der im kunstreichen Ly-
lien spielende, vielleicht schon frühzeitig unter
ler Rivalität des griechischen und orientali-
} sehen Kultus dort entstandene Mythus (Creuzer,
• b' ymb . 2, 748 f. Preller , gr. Myth. 1 , 181) in eo
jilexandrinischer Ausschmückung also erzählt:
(Arachne, die Tochter des Purpurfärbers Idmon
tus Kolophon, wohnhaft in der lydischen Stadt
jUypaipa am Tmolos (aus dem Wohnort erklärt
'ich der Myth. Vat. 1, 91 der Mutter beige-
iegte Namen Hippope), hatte sich durch ihre
iunst im Weben so grofsen Ruhm erworben,
lafs sogar die Nymphen des Tmolos und Pak-
tolos sie oft besuchten, um ihrer Arbeit zu-
zuschauen. Als sie einst ihre Wissenschaft
über die der Pallas stellte, erschien ihr die
Göttin in Gestalt einer alten Frau und warnte
die Frevlerin. Diese aber entgegnet ihr so
dreist, dafs Athene auf den Wettkampf dringt,
zu dem Arachne sich bereit erklärt hatte.
Pallas wirkt in ihr Gewebe die olympischen
Götter in ihrer ganzen Majestät und zum
Zwecke nochmaliger Warnung Beispiele von
strenger Züchtigung menschlicher Vermessen-
heit. Arachne dagegen stellt, um den Stolz
der Göttin zu kränken, die Liebesabenteuer
des Zeus, Poseidon, Apollon, Bakclios, Kronos
dar. Über diesen Gegenstand entrüstet und
neidisch zugleich wegen der Vortretflichkeit
der Ausführung, zerreibst die Göttin das Ge-
webe ihrer Nebenbuhlerin und schlägt ihr die
Spindel vor die Stirn. Arachne will sich er-
hängen, aber Athene verdammt sie, hängend
weiter zu leben, indem sie mit ihr die Ver-
wandlung in eine Spinne vornimmt. (Vgl.
Myth. Vat. a. a. 0. u. 2, 70. Lact. Narr. Fab.
6, 1. 2 p. 825. 827.) Eine bildliche Darstel-
lung dieses Mythus enthält vielleicht der Fries
vom Forum transitorium des Nerva in Rom
( Müller- Wiesele r 1 , 66. n. 346), den aber an-
dere als rein genrehaft auffassen. [Schirmer.]
Arai s. Erinyen, Ara, Arantides.
Araitl]yrea(’Reaithj{ffa:), Tochter des Autoch-
thonen Aras (s. d.), Schwester des Aoris, wie ihr
Bruder erfahren in der Jagd und im Kriegs-
handwerk , der zu Ehren Aoris die Gegend
von Phlius benannt haben soll (Paus. 2, 12,
5. Steph. Byz. unter Agcn&vgsa und TXiovg.
[Roscher.]
Arantides (’AgdvrLdeg) , Name für die Eri-
nyen bei den Makedoniern nach Hesych. ägeiv-
tloi • igivvai Mcmedo veg. Wohl kaum Weiter-
bildung von aga — rFluchgöttin’, noch di-
rekt neben Erinys zu stellen , wie Legerlotz
will Kuhns Zeitschr. 8 S. 418 (von * [ojcrpatVco
= saran-ya-ti), sondern von "Agag, St. ’Aguvx-,
einer älteren Form von "Agqg, St. ’Agq r- : vgl.
Paus. 2, 12, 4. Steph. Byz. s. ’Aguvxeu (Panoflca,
' Terracottcn1 S. 137.) Die Erinyen werden
damit als Aresgenossinnen gekennzeichnet: eine
Bestätigung für die von K. Tümpel in Fleclc-
eisens Jahrbb. Suppl. 11 p. 685 — 722 nachge-
wiesene Zusammengehörigkeit des Ares und
der Erinys als Götterpaar, sowie für die nor-
dische Herkunft des Areskultes. [Crusius.]
Arardus, ein celtischer Gott, der nur auf
einer Inschrift aus St. Beat, Dep. des Basses-
Pyrenees, erwähnt wird, Grell i 1959: Arardo
daeo I. P. F. V. S. L. M. Vielleicht hängt der
Name, wie der des Flusses Arar, mit araf mild,
ruhig zusammen. [Steuding.]
Aras ("Agag), ein Autochthone, welcher auf
einem nach ihm benannten Hügel (ßovvog ’Agav-
Tivog) in der Nähe der Akropolis von Phlius,
eine Stadt gründete, die nach ihm Arantia ge-
nannt wurde. Sein Grabmal befand sich zu
Keleai. Seine Kinder waren Aoris und Arai-
thyrea (s. 0.): Paus. 2, 12, 4. Steph. Byz. u.
Agtti&vgicc u. Agctvzia. Curtius, Pelop. 2, 470Ü.
Bursian, Geogr. v. Gr. 2, 33. [Roscher.]
Arbelos ('AgßqXog), 1) Sohn des Aigyptos,
471
Arcecius
Archemoros
472
vermählt mit der Danaide Oime, Apollod. 2,
1, 5. — 2) Sohn des Athmoneus, Gründer der
Stadt Arbela in Assyrien, Steph. Byz. v. ’'Aq-
ßylcc. Stroh. 16, 737. — 3) Sohn des Anebos,
Vater des Ninos, Ahyd. in Euseb. Chron. p. 36.
— 4) Grofs vater des Armeniers Araxes, der ihn
im Kampf um die Herrschaft tötete und, von
den Erinyen verfolgt, sich in den Flufs Bak-
tros stürzte, welcher nach ihm Araxes benannt
ward, Plut. de fluv. 23, 1. [Stoll.] io
Arcecius auf einer Inschrift aus Brigantinen
(nach Orelli 1414), Beiname des Mercurius
(s. d.). [Steuding.]
Archaleus (’Agxcdev g), Sohn des Plioinix,
Gründer der Stadt Gades (= Herakles): Clau-
dius im Etym. AI. s. v. Vciö s ioa. Nach Preller,
gr. M? 2, 209, 1 ist der Name wohl erst aus
dem italischen Hercules entstanden. Vgl. auch
Müllenhoff , I). Altertumslc. 1, 69 u. Movers,
Phoen. 1, 431. [Roscher.] 20
Arcliebates (’Agxeßcc ryg), Sohn des Lykaon,
mit seinem Vater und seinen Brüdern von
Zeus wegen ihrer Gottlosigkeit mit dem Blitz
erschlagen, Apollod. 3, 8, 1. [Stoll.]
Archedike QAgxeSiv-ri), eine Danaide, Marm.
Par. Ep. 9 v. 16. C. Müller p. 544. 561 (=
C. I. Gr. 2374). ^ [Stoll.]
Arcliedikos (’Agxidiy-os), Sohn des Herakles
und der Eurypyle, der Tochter des Thespios:
Apollod. 2, 7, 8. [Roscher.] 30
Archelaos (’Ag%elcxo g), 1) Heraklide, Sohn
des Temenos, der, von seinen Brüdern aus
Argos vertrieben, nach Makedonien zu dem
König Kisseus kam. Da dieser von seinen
feindlichen Nachbarn in seiner Hauptstadt be-
lagert wurde, versprach er dem Archelaos das
Reich und seine Tochter zum Weibe, wenn er
ihn von seinen Bedrängern befreien würde.
Archelaos schlug den Feind in einer Schlacht;
Kisseus aber, von falschen Ratgebern verleitet, 40
verweigerte den versprochenen Lohn und sann
sogar darauf, den Archelaos durch heimtücki-
schen Mord zu beseitigen. Er füllte eine Grube
mit glühenden Kohlen und überdeckte sie mit
Reisig, damit Archelaos unversehens hinein-
falle und umkomme. Dieser aber, von einem
Sklaven des Königs gewarnt, warf den Kö-
nig selbst in die Grube. Darauf floh er auf
Apollons Gelieifs und gründete, von einer Ziege
geleitet, die Stadt Aigai. So wurde er der 50
Stifter der makedonischen Dynastie und ihrer
Residenzstadt. Hygin. f. 219. Dies war der
Inhalt der euripicleischen Tragödie Archelaos,
welche der Dichter während seines Aufent-
haltes an dem Hofe des makedonischen Königs
Archelaos schrieb, Welcher, gr. Trag. 2, 698 —
709. Nauck trag. gr. fr. p. 339 — 347. 0. Abel,
Makedonien vor König Philipp 93 f. 103. Nach
Dio Chrysost. Or. 4 p. 163 hatte Archelaos in
Makedonien bei dem König als Ziegenhirt ge- eo
dient (mit Bezug auf die Stadt Aigai), was der
Kyniker Diogenes dem Alexander als einem
Nachkommen des Archelaos zu Gemfite führt.
Vgl. über die Einwanderung der Temeniden
in Makedonien Thule. 2, 99. Herodot. 8, 137 f.
Welcher a. a. 0. S. 702, 5. Müller, Hör. 1, 156, 1.
[Vgl. C. I. Gr. 6047.] — 2) Sohn des Aigyptos,
vermählt mit der Danaide Anexibia, Apollod. 2,
1, 5. — 3) Sohn des Königs Elektryon von Myke-
kenai und der Anaxo, Bruder der Alkmene, der
im Kampfe um die Rinder seines Vaters mit den
Söhnen des Pterelaos und den Taphiern fiel, Apol-
lod. 2, 4, 5 f. — 4) Sohn des Maiandros in Asien.
Als der Vater gegen die Pessin untier in den
Krieg zog, gelobte er der Göttermutter, dafs
er im Falle des Sieges den, der ihm bei der
Heimkehr zuerst glückwünschend begegne,
opfern wolle. Es begegneten ihm der Solin
Archelaos mit der Mutter und Schwester; diese
führte er als Opfer zum Altar und stürzte sich
dann in seinem Schmerze in den Flufs, der
nach ihm Maiandros genannt ward. Plut. de
fluv. 9, 1. — 5) Bei Tzetz. L. 138 u. Eudok.
p. 329 lieifst der Sklave des Priamos, welchem
dieser den eben gebornen Paris übergab, um
ihn auf dem Ida auszusetzen, Archelaos; bei
Apollod. 3, 12, 5 heifst er Agelaos, bei Scliol.
II. 3, 325 Arcliialas, s. Heyne zu Apollod. a.
a. O. [Stoll.]
Archelochos ( ’Agxtto%o ?), 1) Troer, Sohn
des Antenor, von Aias dem Telamonier er-
legt, Horn. II, 12, 100. 14, 464. [C. I. Gr.
6125.] — 2) Ein Bundesgenosse der Troer, der
unter dem feuerspeienden korykischen Berge
in Ivilikien wohnte, von Menelaos erlegt, Quint.
Sm. 11, 91. [Stoll.]
Ai’chemachos (’Agxigaxog), 1) Sohn des He-
rakles und der Thespiade Patro, Apollod. 2,
7, 8- — 2) Sohn des Priamos, Apollod. 3, 12,
5. Hyg. f. 90. f Stoll.]
Archemoros ( ’Agxegogos ), 1) eigentlich Ophel-
tes genannt, das Kind des nemeischen Fürsten
Lykurgos und der Eurydike (oder Amphithea,
Apollod. 1, 9, 14). Als die gegen Theben
ziehenden sieben argivischen Helden in dem
Thale von Nemea Wasser suchten, liefs die
Wärterin des Kindes, Hypsipyle, die frühere
Königin von Lemnos, welche den Weg zur
Quelle zeigen wollte , dasselbe unbewacht zu-
rück, sodafs es von einem Drachen umgebracht
wurde, s. Hypsipyle. Die Sieben bestatteten
den Knaben, nannten ihn aber, da Amphiaraos
(s. cl.) in diesem Vorgänge ein böses Zeichen er-
blickte, Archemoros (Vorgänger im Tocle) und
stifteten ihm zu Ehren die nemeischen Spiele.
Sein Tod war ein häufiger Gegenstand der
Kunst. Apollod. 3, 6, 4. Stat. Tlieb. 4, 624ff.
5, 498 fl'. Hyg. f. 74, vgl. f. 273. Tzetz. L. 373.
Serv. V. Eci. 6, 68. Argum. Find. Ncm. 2. 3.
Paus. 2, 15, 2. 3. 3, 18, 7. 8, 48, 2. Find.
Ncm. 8, 51. 10, 28. Simonides bei Athen. 9,
396 e. Anlli. Pal. 13 p. 530 f (Jacobs). Wel-
cher, ep. Cycl. 2, 350ff. Griech. Trag. 2, 554ff.
Preller, gr. Mytli. 2, 356 f. Curtius, Peloponn.
2, 507. 509. Müller, Handb. d, Arch. § 412, 3.
Gerhard , Archem. u. die Hesperiden in d. Ab-
liandl. d. Perl. Ahad. 1836 S. 253 ff. Ges. Ab-
handl. 1, 5ff. Köhler, ges. Sehr. 5, 130ff. O. Jahn,
Per. d. sächs. Ges. 1853 S. 2t — 32. Panofka,
Gemmen mit Insehr. 1853 S. 56. Overbeck, Gal-
lerte 1. S. 107 — 121. Quaranta, de' funerali di
Archcmoro rappres. sopra un vaso greco, Neapel
1852 mit 3 Taf. Friedländer, arch. Ztg. 1869
S. 99. — 2) Sohn des Ampliion und der Niobe,
Lactant. ad Stat. Tlub. 3, 198. Mythogr. Vat.
1. Stark , Niobe 96. [Stoll.]
i
4
in
nid
a
nor ti
Ire
kt
fli;
kos f
in
ileiis
an™
slr v
Üi;i
Archenor
Ardeskos
474
Archemoros’ Tod (Relief d. Palazzo Spada in Rom ;
Overbeck , B. d. theb. u. troj. H. S. 110).
Archenor (’AQxrircoQ) , Sohn des Amphion
und der Niobe, HellaniJcos b. Schol. Eur. Phoen.
159. Die Namen Archenor, Alphenor und Age-
nor treten in den Reihen der Söhne der Niobe
für eina.nder ein, Stark, Niobe 96. [Stoll.]
Archeptolemos (’AQxsnzoXsgog) , Sohn des
Iphitos, Wagenlenker des Hektor, von Teu-
kros erlegt, 11. 8, 128. 312. [Stoll ]
Archetius (?), Gefährte des Turnus, von Mne-
theus getötet, Verg. Aen. 12, 459. Die Eigen-
namen dieses Verses sind in den Handschriften
sehr verschieden geschrieben; -wahrscheinlich
ist Tarchetius vorzuziehen. [Stoll.]
Arcliia, die Tochter des Okeanos, Gemahlin
des Inachos. Bei Hyg. f. 143 ist Argia (AgyeCcc)
zu schreiben nach Hyq. praef. p. 28, 3 Bunte
u. f. 145. [Stoll.]
Archilykos (’Aqxü.vy.os) , Sohn des Itonos
(Eteonos, Schol. II. 2, 494), Enkel des Boiotos,
Vater des Prothoenor und Arkesilaos, welche
lie Böotier vor Troja anführten, Diod. 4, 67.
Nach der Ilias (14, 451) mufs er Areilykos
(s. d.) heifsen. [Stoll.]
Arcliiteles (’^pyiTs'/lrjs), 1) Sohn des Achaios,
wandelte mit seinem Bruder Archandros aus
Phthiotis nach Argos, wo beide Schwieger-
söhne des Danaos wurden, indem Architeles
lie Automate, Archandros die Skaia heiratete.
Sie herrschten einige Zeit zu Argos und
Lakedämon , woher die Einwohner des
Landes den Namen Achaier erhielten.
Baus. 7,1,3. 2, 6, 2, vgl. Herodot. 2,
98. Strab. 8 p. 383. S. Manso, Sparta
1, 52ff. H. C. Schubart, Quaest. geneal.
hist. 1 ( Argolica ), Marb. 1832 p. 140.
Müller, Orcliom. 112. Curtius, Pelop. 2,
344. — 2) Vornehmer Kalydonier, Ver-
wandter des Oineus , Vater des Knaben,
welchen Herakles bei einem Gastmahl im
Hause des Oineus wider Willen durch
eine Ohrfeige tötete. Der Knabe hiefs Eu-
nomos , Eurynomos , Ennomos oder Kya-
thos, Archias, Chersias. Apollod. 2, 7, 6.
Athen. 9 a. E. Tzetz. Lylc. 50. Chil. 2,
456. Diod. 4, 36. Schol. Ap. Rh. 1, 1212.
Baus. 2, 13, 8. Heyne zu Apollod. a. a. 0.
Preller, gr. Myth. 2, 245, 3, s. Kyathos
u. Eunomos. | Stoll.]
Archomlas (’Aqxg ivd'ug), ein Bundesge-
nosse der in die Peloponnes einfallenden
Herakliden, welcher die von den Tyr-
rhenern erfundene Kriegstrompete zuerst
zu den Hellenen brachte, Eusthath. zu II.
18, 219. Schol. Soph. Ai. 14. Schol. Eur.
Phoen. 1377. Suid. v. xcod'cov. Müller,
Etrusker 2, 208. Vgl. Hegelcos. Beide
Namen bezeichnen den Heerführer.
[Stoll.]
Arciaco, wohl ein britannischer Gott
auf der Inschrift eines Altars zu Eburac-
um (York) aus dem Anfang des 2. Jahrh.
n. Chr., 6. I. L. 7, 231: Deo Arciaconii)
et niumini) Aug(u)st(i ) etc. De- Vit vermu-
tet, dafs Arciacon = Arciacorum der Name
einer Ortschaft sei. [Steuding.]
Arculns s. Indigitamenta.
Ardalos ("AgSalog), Sohn des Hephaistos,
der in Troizen den Musen einen Tempel ge-
baut haben soll, weshalb sie hier ’Agöcdidsg
(AgdaMca, ’AgSuXcözidsg) genannt wurden. In
dem Tempel soll Pittheus, der weise König
von Troizen, die Kunst der Rede gelehrt haben.
In der Nähe befand sich ein alter Altar, eben-
falls eine Stiftung des Ardalos , an welchem
die Troizenier den Musen und dem Hypnos
opferten. Auch die Erfindung der Flöte wurde
dem Ardalos zugeschrieben. Paus. 2, 31,4. 5.
50 Flut, de mus. 5. Steph. Byz. und Hesych. v.
’AgdctXidsg. Müller, Dor. 1, 344, 7. Hock, Kreta
3,376. Curtius, Peloponnesos 2,434. Roediger,
Musen (8. Suppl.-B. d. Jahrb. f. dass. Philol.)
p. 282 f. Einen jüngeren Ardalos aus Troizen,
einen Aulöden und Priester der ardalischen
Musen, Zeitgenossen der sieben Weisen, er-
wähnt Flut. sept. sap. conv. 4. [Stoll.]
Ardeas ('Agdsag), Sohn des Odysseus und
der Kirke , Bruder des Romos und Antias,
ßo Gründer der Rutulerstadt Ardea in Latium, Dio-
nys. A. R. 1, 72. Euseb. Chron. 205 Mai. Syncell.
193 A. Steph. Byz. v.’Avzsiu u. "AgSscc. [Stoll.]
Ardeskos ("Agdga-nog), Flufsgott im europäi-
schen Sarmatien, Sohn des Okeanos und der
Tethys, lies. Th. 345. Eine andre Lesart ist
hier "Agdianog u. ’AXöiGy.og ; Dionys. Per. 214
hat "AMriG-zog neben andern Lesarten, s. Mül-
ler, Geogr. gr. min. 2 p. 120 a. [Stoll.]
vgl.
475
Arduinna
Areion
476
Arduinna, wohl eine gallische Göttin, die
nach der silva Arduenna genannt ist ( Grut .
31t. 3.) Auf der Inschrift (unbestimmten Fund-
orts) C. I. L. 6, 46 steht ihr Name über
einem Bilde der Diana, so dafs sie mit dieser
identisch zu sein scheint. Vgl. ardh-va = ar-
duus und Ardea. [Steuding.]
Area (' ’Agsu ), Tochter des Athamas: Phere-
Icydes b. Schob Flat. vol. 6 p. 286 Hermann.
[Koscher.]
Aregonis (’Agyyovi 's), Gemahlin des Ampy-
kos, Mutter des Mopsos, Orph. Arg. 126. Sonst
heilst sie Chloris, Hyg. f. 14 p. 40 Bunte.
[Stoll.]
Ai •eia (’Aqslcx.), 1) Tochter des Kleochos, von
Apollon Mutter des Miletos (s. d.): Apollod.
3, 1, 2. Aristolcritos b. Schob Ap. Bit. 1, 186.
— 2) Beiname der Athene und Aphrodite (s. d.).
[Roscher.]
Areilykos (Agriilvrog) , 1) Vater des Boio- 21
ters Prothoenor, II. 14, 451. Suid. Bei Diod.
4, 67 heifst er Archilykos (? s. d.) — 2) Troer,
von Patroklos erlegt: 11. 16, 308. [Roscher.]
Areion (’Agsicov, nicht ’Aqlcov, Eust. II. 23,
346), 1) das berühmte schnelle und starke Helden-
rofs des Adrastos (s. d.), mit dem er den Rache-
zug gegen Theben unternahm, eine Hauptfigur
der vorhomerischen und späteren Thebaiden.
Es repräsentierte den Zorn des Ares und der
Erinys gegen Theben (s. Ares) und stammte 3
von Poseidon und Demeter Erinys. Die Thel-
pusier in Arkadien erzählten nach Paus. 8,
25, 3 ff. , dafs Demeter, die geraubte Tochter
suchend und von der Liebe des Poseidon ver-
folgt, in ihrem Gebiet sich in die Gestalt ei-
nes Rosses verwandelt und unter die Rosse
ihres Königs Onkos gemischt habe; Poseidon
aber habe sich gleichfalls in ein Rofs verwan-
delt und mit ihr eine Tochter , deren Name
nicht genannt werden dürfe, Kora oder Des- 4
poina, — eleusinische Einwirkung — und das
Rofs Areion gezeugt. Darüber zürnte Deme-
ter und erhielt deshalb den Namen Erinys, die
Zürnende; denn tgvvvsiv, sagten die Thelpu-
sier , hiefs auf Arkadisch x 'o tivgcp
(vgl. Et. M. p. 374); Poseidon aber erhielt
von diesem Vorfall bei den Thelpusiern den
Beinamen l'mtLog. Vgl. Paus. 8, 42, lif. Auf
Münzen von Thelpusa Areion mit der Beischrift
’Egicov, s. Imhoof-Blumer Zeitschr. f. Numism. 5
Berl. 1873, 126 ft'. Dieselbe Sage von der Er-
zeugung des Areion wird auch an die Quelle
Tilphussa im Gebiet von Haliartos (Schol. II.
23, 346) verlegt, an einen Ort, der mit Thelpusa
Kultus und religiöse Ideen gemein hat. Über
die Abkunft des Areion von Poseidon und
Demeter Erinys s. Tzetz. Lylcophr. 153. 766.
Philar gyr. z. Verg. Georg. 3, 122. Ovid. Met. 6,
118. Nach Apollod. 3, 6, 8 hatte sich Deme-
ter in eine Erinys verwandelt. Hesych. s. v. c
’Aqsioov nennt ihn Sohn des Poseidon und einer
der Erinyen. Auf den Vater Poseidon weist
auch hin das charakteristische Beiwort des
Areion v.vuvoxodxgg in dem Verse der kykli-
schen Thebais bei Paus. 8, 25 ,( 5. Hes. Scut.
120. (Deshalb hat Adrastos einen Sohn Kyanip-
pos, Apollod. 1, 9, 13). Der Name Areion ist
ein Patronymikon von Ares und bedeutet Ares-
sohn. Es scheint, dafs er ursprünglich von
Ares und Demeter Tilphussa Erinys stammte,
welche ja auch an der Quelle Tilphussa den
Aresdrachen, den Feind Thebens, gezeugt hat-
ten, und dafs Ares mit der Zeit von Poseidon
(imciog), der so häufig, namentlich in Arkadien,
mit Demeter verbunden erscheint, verdrängt
worden ist. O. Müller , Eutneniden S. 173.
C. Fr. Hermann, de sacris Coloni p. 22. A. 69.
) II. I). Müller, Ares S. 24. Stoll, Ares S. 8f.
Mit Rücksicht auf Ares erklärt Preller Areion
als „Schlachtrufs“, „Streithengst“, andere als
Rofs von kriegerischer Wildheit (vgl. 11. 2,
767 cpößov "Aggog cpogsovaou). Homer kannte
aus alten Thebaiden den Areion und seine
Abstammung; aber er umging das Seltsame
der uralten Natursymbolik in den Worten:
’AÖgyGxov zaxvv i'nnov , og sx tbtoqnv yivog gsv,
II. 23, 346. Antimachos (Paus. 8, 25, 5) setzt
) rationalistisch an Stelle der Demeter die Erde,
welche bei Thelpusa den Areion hervorbrachte;
doch zeigen die Fragmente (26 — 30. Stoll), dafs
bei ihm Poseidon auch der Vater ist; der Gott
hat ihn also wohl mit dem Dreizack aus der
Erde gestofsen, wie das Rofs Skyphios (Et.
M. 473, 42. Vgl. Tzetz. Lylcophr. 766. Serv.
Verg. Georg. 1, 12). Spätere Dichter vergafsen
das Symbolische in Areion und sahen in ihm
nur das schnelle Rofs, indem sie ihn von Po-
tt seidon Hippios und einer Harpyie (Schob II.
23, 346), oder von Zephyros und einer Harpyie
(Quint. Smyrn. 4, 569), gleich den Rossen des
Achilleus (II. 16, 149) abstammen liefsen. —
Auf dem ersten Zuge des Adrastos gegen The-
ben zeichnete sich Areion bei der Leichenfeier
des Archemoros in Nemea durch seine Schnel-
ligkeit vor allen aus. Stat. Theh. 6,301. Vgl.
Antimach. fr. 26 (Stoll), wo das Nebenrofs des
Areion Kcugög („die bestimmte Zeit“ für The-
0 bens Untergang?) heifst. Mit Vernunft und
Stimme begabt , wie die Rosse des Achilleus,
brach Areion in rührende Klagen über den
Tod des Archemoros aus, Propert. 2, 34, 37.
Als das Heer des Adrastos vor Theben erlag,
rettete ihn allein das schnelle Rofs Areion
nach dem attischen Kolonos. KyJel. Thebais
bei Paus. 8, 25, 5. Strab. 9. p. 404. Apollod.
3, 6, 8. Hygin. f. 70. 71. Et. M. p. 474, 34.
Beide. Anecd. p. 350. Schol. II. 23, 346. Schob
0 Soph. O. C. 712. Schob Eurip. Phoen. 409.
Aus den Thebaiden wurde das einmal, berühmte
Rofs auch in die Herakleen herübergenommen;
Herakles gebrauchte es auf dem Rachezug ge-
gen Elis und im Kampfe gegen Kyknos. Zu-
erst soll es Kopreus, der König von Haliartos,
oder Onkos, der König von Thelpusa, in deren
Gebiet Areion geboren war, besessen haben,
dann Herakles, darauf Adrastos; vor allen aber
hatte es auch Poseidon selbst gebraucht. Paus.
0 u. Schol. II. a. a. O. lies. Scut. 120. Stat. Theh.
6, 301 ff. Glaudian IV. cons. Ilonor. 555 (Ne-
reidum stabulis nutritus). — Vgl. im allgemei-
nen Preller, Demeter u. Pers. S. 149 ff. Gr.
Mythol. 1 S. 484. O. Müller, Eumcniden 173 t.
C. Fr. Hermann, de sacr. Col. p. 8 ft. H. B.
Müller, Ares 24 ff. Stoll, Ares 5. 10. 27. zu
Antimach, rell. fr. 26 — 30. Curlius, Pelop. 1,
37 1 f. (Milchhöf er, die Anfänge der Kunst in
iin'i
ff
'
ist
i 'i;
li
ä
p)
'Mli
der
i.i:
k
äilt
lliil'
fen,
er, ;
h< 3
-
Jl I
las
Sani
er e
dafs
Itle
:
les \
MM
ii/liii
teil
V
Md 1
III
M)j
Mi ;
f.!._
Itku
iie
■ifii.
in
*
'
r •
■'S
‘Jüi,
Areios
Ares (b. Homer)
478
477
Griechenland, Leipz. 1883 S. 57. 61. Voigt,
Beitr. z. Mythol. d. Ares u. d. Atliena Leipz.
1881 p. 304 ft'. Tümpel, Ares u. Aphrodite
S. 687. Roscher.] — 2) Ario heifst das ge-
flügelte Rol's des Bellerophon auf einem Spie-
: gel aus Prärieste, Mon. d. Inst. C, 29, 1. Ann.
1859 p. 135 ft'. — 3) Ario» ( ’Agicov ), Trojaner,
von Neoptolemos getüdtet. Quint. Stnyrn. 10,
, 86. — 4-) Arion s. Hesione. [Stoll.]
; Areios (' ’Agyiog ), 1) Sohn des Bias und der i
Pero, Bruder des Talaos und des Leodokos
G aus Ärgos, unter den Argonauten genannt von
Ap. Bh. 1, 118 und Orph. v. 150 (als Aban-
I tiade). [Bei Pherelcydes in Schal. Od. 11, 287
I heifst er "Agyzog (?). Roscher.] — 2) ein Ken-
taur Ov. Met. 12, 310. Vgl. Roscher in Flecli-
eisens Jahrb. 1872 S. 420. [Seeliger.]
Arei'thoos (’Agytöoog) , 1) ein starker Held
mit dem Beinamen Kogovyzyg (Keulenschwin-
ger), weil er weder mit der Lanze noch mit 2
| dem Bogen kämpfte , sondern nur mit einer
t eisernen Keule. Er fiel durch die Hand des
Arkaders Lykurgos, der ihm in einem Hohl-
i wege, wo er die Keule nicht gebrauchen konnte,
mit List auflauerte und ihn mit der Lanze
mitten durchstach. Lykurgos nahm seine Waf-
fen, die Ares ihm geschenkt, und trug sie, bis
er, alt geworden, sie seinem Waft'engenossen
Ereuthalion überliefs. Dieser trug sie, als der
jugendliche Nestor ihn im Kampfe erlegte. 3
II. 7, 132 — 156. raus. 8, 4, 7. Man zeigte
das Grabmal des Areithoos im Gebiete von
Mantineia in der Nähe des Hohlwegs, in dem
er erschlagen worden war, Paus. 8, 11, 3.
Curtius Peloponn. 1, 240. 11. 7, 8 ff. heifst es,
dafs Menesthios aus (dem böotischen) Arne,
welchen Arei'thoos Korynetes mit Philomedusa
gezeugt, von Paris erlegt ward. Da Koryne-
tes viel älter war als Nestor, der im trojani-
; sehen Kriege schon in hohem Alter stand, so i<
i nehmen die Scholiasten zu den beiden home-
rischen Stellen einen doppelten Areithoos Ko-
rynetes an, Arkader und Böotier, Grofsvater
und Vater des Menesthios. Pherekydes b. Schol.
II. 7, 8 sagt, dafs der Böotier Areithoos, wäh-
rend die Arkader und Böotier wegen der Gren-
zen Streit hatten, Beute machend in Arkadien
eingefallen und durch einen Hinterhalt von
Lykurgos getötet worden sei. — 2) Thraker,
Wagenlenker des Rhigmos, von Achilleus vor 5
Troja erlegt, II. 20, 487. [Stoll.]
Arene {Agfivy) , Tochter des Oibalos , von
Aphareus Mutter des Lynkeus u. Idas , Apol-
lod. 3, 10, 3. Schol. Ap. Rh. 1, 152. Tzetz.
Lylc. 511. S. Arne No. 4. Nach ihr wurde die
von A25hareus gegründete Stadt Arene in Mes-
senien und die Quelle Arene bei Lepreon in Tri-
phylien genannt, Paus. 4, 2, 3. 5, 5, 4. [Stoll.]
Ares {"Agejg, äol. "Agsvg, -svog, s. Berglc, Lyr.
yjraec. (2. Auf!.), Alcaeus fr. 28 — 31 (vgl. Callim. 61
,hy. in Iov. 77), der Kriegsgott der Hellenen,
jeiner der Olympier, Sohn des Zeus und der LIera,
jund somit Bruder der Hebe und Eleithyia, II.
5, 890ff. Hes. Th. 922 ff. Jüngeren, vielleicht
italischen Ursprungs ist die von dieser allge-
mein gültigen Abstammung abweichende Er-
zählung bei Ovid {Fast. 5, 229 ff.), dafs Hera
]ohne Vermittelung des Zeus, befruchtet durch
die Berührung einer Wunderblume vom ole-
nischen Gefilde , welche ihr Flora gereicht,
den Ares geboren habe : ein Gegenstück zu der
Geburt der Athene, die ohne Mutter aus dem
Haupte des Zeus entsprungen war. Im Zorn
hierüber gebar sie ohne Zeus den Ares, wie
auch aus demselben Grunde den Hephästos
nach Hesiod. Theog. 927 ff. Vgl. Apollod. 1,
3, 5. Über die Blume als Sinnbild der Ver-
mählung s. Schwenclc, Sinnbilder S. 45. — Die
Ableitungen und Deutungen des Namens Ares
aus alter und neuer Zeit, sehr mannigfaltig
und verschieden, aber auch durchgehends sehr
unsicher, sind zusammengestellt bei Gerhard,
Gr. Mythol. 1. §. 347 Anin. 1 — 3. Preller, Gr.
Mythol? 1. S. 262 Amu. 2. Lauer, System d.
Gr. Mythol. S. 241. Am ansprechendsten sind
noch die von Cornut. N. 11. c. 21 angeführten:
v. eigen, cti'gco , tollere, töten, oder v. cigd (rj
sazi ßXaßrj) , Verderben , Rache u. Fluch (s.
Arantides). Vgl. jedoch Curtius, Grdz ? 540.
und Fiele, Spraclieinheit 411. — Bei Homer
[vgl. v. Sybel, M. der Ilias 267] ist das
Bild des Ares als Kriegsgottes s Aon nach
allen Seiten vollständig ausgeprägt; er ist
dem Dichter das Idealbild eines von der Furie
der Schlacht ergriffenen Helden der heroi-
schen Zeit , der , von wildem Kriegsmut ge-
trieben, sich tummelt im Schlachtenlärm und
Kampfgewühl. Blutvergiefsen und Männermord
ist seine Freude; wo der Kampf am wildesten
tobt, da stürzt er hinein, ohne Besonnenheit
und ohne zu fragen , auf welcher Seite das
Recht ist (ccqjgeov, ds ovzevu oiös &t[UGz<x, II.
5, 761); ein Parteigänger {uXloTcgoGcdlog), II. 5,
831. 889) kämpft er wechselnd bald auf dieser
bald auf jener Seite. Vor Ilion war er auf
Seiten der Troer, und doch hatte er der Mut-
ter Hera und der Athene versprochen, dafs er
den Achäern helfen wolle. II. 5, 832. 21, 412.
Erzgepanzert , mit schimmerndem Helm und
wallendem Helmbusch, den gewaltigen stier-
ledernen Schild in der Linken, rast er tobend,
leuchtenden, blutgierigen Blickes {II. 8, 349)
durch die Schlacht, stark, schnell und heftig,
in riesiger Gröfse; laut schreiend schwingt er
die Lanze, durchbohrt die Schilde, durchbricht
die Reihen, unersättlich im Mord, ein Schrecken
der Kriegswag'en und der ummauerten Städte.
Selbst dem Zeus ist er verhafst, und seine
Mutter sogar tritt ihm feindlich entgegen, II,
5,890. 7 1 7 ff". 762ff. Seine gewöhnlichen, auch
bei den folgenden Dichtern gangbaren Attribute
sind: oßgiyog, ntXchgiog , ftodg, &ovgog, o!j,vg,
f icavoysvog, ßgi r\nvog, ßgozoXoryog, atSyXog, cizog
noXsyoio, yicagiovog, x<xXv.tog, xQUCSonriXy^, no-
QV&oiioXog , iy%£G7tcxlog , givozogog , zexXavQivog,
ßgiGccgyazog, z£i%£GLnXyzr]g u. a. — Gewöhnlich
kämpft er zu Fufs, doch nicht selten auch auf
dem Streitwagen, mit zwei oder vier prächti-
gen Rossen, die zu den berühmtesten der epi-
schen Sage gehörten. II. 5, 356 ff. 15, 119 ff.
Vgl. lies. Seid. 109. 191. Find. P. 4, 87. Verg.
Ge. 3,90. Aen. 8, 433. — Quint. Sm. 8, 241 tf.
nennt die 4 feuerschnaubenden , von Boreas
und Erinys gezeugten Rosse des Ares: Aithon,
Phlogios, Konabos und Phobos. Antimachos
fr. 45 {Stoll), verleitet durch 11. 15, 119, nennt
479
480
Ares (b. Homer)
Ares (b. Hom. Hes. n. A
•)
I
Deimos und Phobos die Rosse des Ares. Wenn
er in die Schlacht geht, so schirren ihm seine
wilden Söhne Deimos und Phobos, Furcht und
Schrecken, den Wagen an und begleiten ihn
in den Kampf (II. 13, 299. 15, 119 ff. 4, 440.
Hes. Th. 933. Scut. 195); es gesellen sich hin-
zu Eris , die Erzeugerin des Streites , seine
Schwester und Genossin (II. 4, 440), die wü-
tige Schlachtengöttin und Städtezerstörerin
Enyo, des Ares Tochter oder Amme oder Mut-
ter ( Cornut . Ar. D. c. 21), die Keren, die Göt-
tinnen des blutigen Schlachtentods, Kydoimos
(Kampfgewühl) und andre Dämonen der wür-
genden Schlacht, furchtbare Wesen , von der
ältesten Kunst auf Schilden und sonstigem Ge-
rät oft in abenteuerlichen Gestalten einzeln
oder in Gruppen, dargestellt. II. 5, 592 ff. 18,
535 ff. Hes. Scut. 154 ff'. Paus. 5, 19, 2. 4. 6.
Vgl. 0. Müller, Id. deutsche Schriften 2. S. G18.
Aus dem Begriff der Enyo ist für Ares der
Name Enyalios erwachsen , der teils allein
steht für Ares , teils als Adjektiv hinzugefügt
ist. II. 13, 518 vergl. mit 2, 512. 20, 69. 17,
211. Hes. Scut. 371. ’EvvdXiog "Aogg im atti-
schen Ephebeneid, s. Preller, Mylh. 1. S. 265 A. 6.
Erst spät ist Enyalios (s. d.) als besondere Per-
sönlichkeit neben Ares gestellt und für seinen
Sohn erklärt worden. Wahrscheinlich schon
seit ältester Zeit war es Sitte, dem Ares unter
dem Namen Enyalios beim Beginn der Schlacht
das Kriegsgeschrei zu erheben , tat ’EvvdcXlco
dXaXdget-v. Xenoph. An. 1, 8, 18. 5, 2, 14. Gyr.
7, 1, 26. — Dieser gewaltige Kriegsgott Ares
scheint unwiderstehlich und unbesiegbar, und
doch wird er besiegt. Gerade in seinem tollen
Mute und seiner verwegenen Kampfeswut, die
keine Besonnenheit kennt, liegt seine Schwäche.
Wenn Athene, die Göttin besonnener Kriegs-
führung, ihm entgegentritt, dann zieht er je-
desmal den Kürzeren. Auf dem Schlachtfelde
vor Troja , wo Ares auf Seiten der Asiaten
ficht, Athene es mit den Griechen, dem Volke
höherer Kultur, hält, treffen beide öfter feind-
lich zusammen. Als er einst mit Hektor in
den Kampf schreitet, und die Griechen von
beiden bedrängt werden , da fassen Hera und
Athene den Entschlufs , den Ares aus der
Schlacht zu treiben, und Zeus, giebt der Hera
den Rat, dafs sie Athene ihm entgegenschicke;
„denn die pflegt ihn zumeist in schlimme
Schmerzen zu bringen“ (II. 5, 766). Als sie
aufs Schlachtfeld gekommen, steigt Athene zu
Diomedes auf den Wagen und lenkt ihn, un-
sichtbar durch die Kappe des Hades, nahe an
Ares heran, der eben einem Erschlagenen die
Rüstung auszieht. Sowie er den Diomedes
sieht, eilt er auf ihn los und stöfst mit dem
Speer nach ihm; aber Athene lenkt mit der
Hand den Speer ab, dafs er vorbeistöfst, und
richtet nun die Lanze des Diomedes, mit Kraft
nachdrückend, so, dafs sie dem^Ares in den
Unterleib dringt. Der eherne Gott schrie vor
Schmerz laut auf, wie 9 — 10,000 Männer im
Kampfe , und eilte , einer schwarzen Wolke
gleich, hinauf in den Olympos, wo er bei Zeus
klagte über Athene und Diomedes. Aber Zeus
sprach zornig: „Winsele mir nicht hier zur
Seite; du bist mir der verhafsteste der olym-
pischen Götter. Stets ist Streit dir lieb und
Kriege und Schlachten; deiner Mutter bist du
gleich an Starrsinn und trotziger Streitsucht.“
Doch liefs er den Sohn durch Paieon sogleich
wieder heilen. II. 5, 590 — 909. (Nägelsbach,
hom. Theologie S. 97 sieht in Ares gewisser-
mafsen den persönlichen Ausdruck des zwi-
schen Zeus und Hera waltenden Verhältnisses.)
Als vor Troja die Götter gegen einander in
loden Kampf gingen, (II. 20, 32 ff.), stellte
Athene sich dem Ares entgegen (V. 69). Der
stiefs mit der Lanze gegen die Aigis der Göt-
tin, ohne sie zu durchbohren; Athene aber
warf ihm einen grofsen Feldstein an den Hals,
dafs er betäubt mit klirrenden Waffen in den
Staub fiel, sieben Hufen Landes mit seinem
Leibe deckend. Aphrodite ergriff den Gefalle-
nen bei der Hand, um ihn fortzubringen; doch
auch sie ward durch einen mächtigen Schlag
20 vor die Brust niedergeworfen. Gehöhnt und
verspottet von der gewaltigen Schlachtengöt-
tin lagen beide am Boden. II. 21, 391—433.
Ares erkennt selbst die Überlegenheit der
Athene an. Als er, in der Versammlung der
Götter im Olympos sitzend , hörte , dafs sein
Sohn Askalaphos vor Troja gefallen war,
stürzte er hinaus, um ihn zu rächen, obgleich
Zeus eine Einmischung der Himmlischen ver-
boten hatte; aber Athene eilte ihm nach und
30 brachte ihn zur Besinnung, indem sie ihn mit
ernsten Worten anging und ihm die Waffen
abnahm. Ruhig liefs sich der Stürmende von
der besonnenen Göttin auf seinen Thron zu-
rückführen. II. 15, 110 — 142. — Auch mit
Herakles, dem Schützling der Athene, bringt
die Sage den Ares öfter in feindliche Berüh-
rung, und wenn Athene ihrem Helden beisteht,
so behält er, wie auch Diomedes vor Troja,
die Oberhand. Als Herakles in dem Haine
40 des pagasäischen Apollon bei Iton in Thessa-
lien den Kyknos, Sohn des Ares und der Pe-
lopia , im Kampfe erlegt hatte, wollte Ares
gegen die Mahnung der Athene den Sohn rä-
chen und griff den Herakles an; aber Athene
wehrte dem Herakles den Lanzenstofs ab, und
dieser verwundete nun denAres mitdemSchwert
in den Schenkel, dafs er zu Boden stürzte.
Deimos und Phobos führten ihn aber auf seinem
Wagen zum Olympos empor. Inhalt von He-
50 siods Scutum. Am Flusse Echedoros in Make-
donien erschlug Herakles einen andern Kyk-
.nos, Sohn des Ares und der Pyrene, im Zwei-
kampf. Ares nimmt, um den Sohn zu rächen,
den Kampf mit Herakles auf; aber Zeus trennt
beide durch einen Blitzstrahl. Apollod. 2, 5,
11. So schreckte auch Zeus den Ares durch
seinen Blitz zurück , als er den Tod seiner
Tochter Pentliesileia an Achilleus rächen wollte.
Quint. Smyrn. 1, 675 ff Vgl. S, 340 ff. Als
00 Ares einst für Pylos gegen Herakles kämpfte,
durchbohrte ihm dieser mit der Lanze den
Schenkel , streckte ihn zu Boden und nahm
ihm die Waffen. lies. Scut. 359 ff. Schlim-
mes duldete Ares auch nach einer alten sehr
verschieden gedeuteten Sage (II. 5, 385 ff.) durch
die Aloaden (s. ch), welche ihn fesselten und
13 Monate lang in ehernem Fasse oder Ker-
ker gefangen hielten, und er wäre zu Grunde
-
:
k.
1(5!
i]
irl ;
]i(
k .
lern
ii d
Jen
E;iil
als i
«ü
rar
h;j-
y»
Lid;
feilt
ii d
5: L
10: ;
ätS 1
k
-
*1
Üb
Ile (
liiitfc
:-r
Bei
■fet
■■1 1
4 Ai
U
Ä.
. C,
- L
u
fr
e
.
■1 i;
fe.
•mit
481 Ares (u. Aphrodite)
gegangen, wenn nicht Eeriboia, die Stiefmut-
ter der Aloaden, es dem Hermes gemeldet und
dieser den schon ganz hinsiechenden Ares aus
seinen Banden listig befreit hätte. Nach Apol-
lod. 1, 7, 4 banden sie ihn, als sie den Him-
mel stürmen wollten. Als Hermes ihn befreit
hatte, floh er nach Naxos, wo er sich in der s. g.
OLÖrjQoßQGÖTLg nsTQcc verbarg. Schol. B. zu 11.
\ a. a. 0. Nach demselben Schol. fesselten ihn
»die Aloaden aus Zorn, weil er den Adonis, den
Liebling der Aphrodite, aus Eifersucht auf der
Jagd getötet hatte. — Die zarte, für den Krieg
so wenig geschaffene Aphrodite (s. d.) ist dem
starken Kriegsgott Freundin und Geliebte. In
ihrer Liebe findet der wilde Stürmer Ruhe
und Befriedigung. Schon in der Ilias tritt das
freundschaftliche Verhältnis beider hervor. Als
Aphrodite ihren verwundeten Sohn Aineias aus
der Schlacht davontragen wollte und von Dio-
medes verwundet ward, gab ihr der liebe Bru-
der Ares seinen Wagen, damit sie darauf nach
dem Olympos komme (II. 5, 311 — 364), und
in der Götterschlacht (II. 21, 416ff.) will sie
den von Athene niedergeworfenen Ares vom
Kampfplatz führen. Nach thebanischer Tradi-
tion war Ares der Gemahl der Aphrodite, und
als ihre Tochter galt Harmonia (s. d.), die Ge-
mahlin des Kadmos; nach lemnischem Glauben
war Aphrodite mit Hephaistos vermählt, und
daraus konnte das Gedicht Od. 8, 266 ff. (vgl.
Quint. Smyrn. 14, 47 ff.) von der heimlichen
Liebschaft des Ares und der Aphrodite ent-
gehen. Diese ist in der Odyssee die Gemah-
lin des Hephaistos (während in der Ilias Cha-
ns mit ihm vermählt ist) ; sie liebt aber mehr
len schönen, schnellen Ares und hat im Hause
des Hephaistos heimliche Zusammenkünfte mit
hm. Als Hephaistos das durch Helios erfuhr,
imgab er sein Lager mit einem feinen Netze
md umstrickte beide so, dafs sie kein Glied
■ühren konnten , ein lustiges Schauspiel für
die Götter, welche Hephaistos herbeigerufen,
iuletzt löste Hephästos das Netz auf Bitten
les Poseidon, und Aphrodite enteilte beschämt
lach Kypros, Ares nach Thrakien. In Sage,
Dichtung imd Bildwerken wie in lokalen Kul-
;en (Theben, Athen, Argos, Megalopolis u. s. w.)
st Ares vielfach mit Aphrodite verbunden (En-
tel, Kypros 2. S. 207 ff. Gerhard, Gr. Mytliol. 1.
i. 353, 3. Tümpel, Ar. u. Aph. 6 ). Als ihre Kin-
; ler gelten Eros und Anteros (Schol. Ap. Bhod. 3,
!6. Cie. N. I). 3, 23), Deimos und Phobos und
Harmonia (lies. Theog. 9341b), Priapos (Schol. Ap.
■ Thod. 1, 932), von welchem andrerseits ein von
. Lukian (de salt. c. 21) als bitliynisch bezeich-
nter Mythus sagt, dafs er, ein kriegerischer
Dämon, im Auftrag der Hera den noch sehr
ungen , aber wilden Ares in der Tanzkunst
itnd dann in der Hoplomachie unterrichtet
labe. Aphrodite soll die Eos mit beständiger
hebe behaftet haben , zur Strafe dafür . dafs
ie mit Ares der Liebe gepflogen. Apollod. 1,
•, 4. Ares aber war gleichfalls von Eifersucht
;egen Aphrodite erfüllt, als diese den Adonis
iebte. Er verwandelte sich in einen Eber, der
'en Adonis (s. d.) tötete. Serv. Vergil. Ecl. 10,
8. — Von verschiedenen Frauen hat Ares eine
;röfsere Zahl von Kindern (Hygin. f. 169),
Roscher, Lexikon der gr. u. rüm. Mytliol.
Ares (Kinder u. Wohnsitz) 482
meist kriegerische Helden von zum Teil wil-
dester Art: in Ätolien zeugte er mit Protoge-
neia deu Oxylos (Apollod. 1, 7, 7), mit Demo-
doke den Euenos, Molos, Pylos, Thestios (ibid.),
mit Althaia den Meleagros (Apollod. 1, 8, 2);
ferner gebar ihm Astyoche die minyeischen
Helden Askalaphos und Ialmenos (II. 2, 511),
Chryse den Phlegyas (Paus. 9, 36, 1), Kyrene
den Diomedes (Apollod. 2, 5, 8), den wilden
König der kriegerischen Bistonen , eine bisto-
nische Nymphe den Thraker Tereus (Apollod.
з, 14, 8), Sterope oderHarpinna den Oinomaos
и. s. w. Auch die Amazonen (s. d.) stammten
von Ares, der sie mit der Nymphe Harmonia
gezeugt haben soll. Ap. Bhod. 2, 990. Tzetz.
Antehom. 23. Überhaupt kann bei den Epi-
kern jeder tapfere Krieger ein Sprosse des
Ares, o'£og ’ 'AQrjog heifsen (II. 2, 540. 745, wie
bei Ibykos v.luSog ’Evvuliov, Ihyc. fr. 29. Berglc,
Lyr. Gr.2). — Zu erwähnen ist noch der ho-
merische Hymnus auf Ares (8), in welchem
dem Ares manche Eigenschaften beigelegt wer-
den, die mit dem Kriegsgott der homerischen
Epen durchaus nicht stimmen; er heifst näm-
lich Schirm des Olympos , Helfer der Themis,
Führer der gerechtesten Männer, er wird ange-
fleht um Frieden, um Beruhigung der Leiden-
schaften und erhält kosmische Beziehungen, die
auf den Planeten Mars deuten. G. Hermann
hat den Hymnus daher mit Recht unter die
orpliischen verwiesen. S. Hymn. Hom. cd. Bau-
meister p. 103. 343. — Als W ohnsitz und Lieb-
lingsland des Ares gilt seit Homer Thrakien.
11. 13, 301. Od. 8,361. Vgl. Soph. Antig. 970.
0. B. 196. Herodot. 5, 7. Callim. Hel. 63 ff.
125. 133 ff. Verg. Aen. 3, 35. 12, 331. Ovid.
Fast. 5,257. Stat. Theb. 7, 35 ff. Quint. Smyrn.
8, 355. Das rauhe nordische Land mit seinen
Stürmen und wilden kriegerischen Völkern
(Eustath. zur Od. a. a. 0.) konnte wohl als ein
Lieblingsland des stürmischen Kriegsgottes an-
gesehen werden, und die Bewohner desselben
verehrten auch , wie die Skythen (Herodot. 4,
59. 62) , die Ägypter (ib. 2 , 64) u. a. , einen
Kriegsgott , dem die Griechen ihren Namen
Ares beilegten ; aber der Kriegsgott dieser bar-
barischen Thraker , die wohl erst von den
Griechen nach ihrer Einwanderung in das schon
früher Thrakien genannte Land den Namen
erhalten haben, hatte mit dem griechischen
Ares nicht viel gemein. (Vgl. inbetreff der
thrakischen Einflüsse auf den Areskult Bo-
scher , Apollon u. Mars S. 11 ff.) In diesem
Lande hatten in ältester Zeit die s. g. mythi-
schen Thraker gewohnt , ein altgriechischer
Volksstamm, der sich in Böotien und Attika
(Wachsmuth, d. Stadt Athen 1, 399) niederliefs
und mit den dortigen Stämmen verschmolz
(vgl. jedoch Boscher a. a. 0. S. 10; anders
Biese in d. Jahrbb. f. cl. Phil, 1877 S. 225 ff.)
Gerade in diesen Landschaften finden wir
uralten Areskult. — Einer der ältesten Sitze
der Aresreligion ist das böotische Theben.
Ares war, mit Aphrodite verbunden (vgl. dar-
über jetzt Tümpel, Ares u. Aphrodite Leipz.
1880), einer der ersten unter den atsoi ngo-
ytvsig, den alten Stammgottheiten der Kad-
meionen (Hes. Th. 937). In Aeschyl. Sept. c.
16
io
20
30
40
50
60
483
484
Ares (in theb. Sage)
Tli. 105 ruft ihn als ncO.ctiiQ'wv "Agrig der Chor
um Hilfe an für seine bedrängte Lieblings-
stadt, ygl. ib. 135. Er ist der Stammvater
des Kadmidengeschlechts; denn mit Aphro-
dite , der nQOjxatcoQ yivovg (Aeschyl. Sept.
137 Hes. a. a. 0.), erzeugte er Harmonia, des
Kadmos Gemahlin , und der ganze Adel der
Stadt, die aus den Zähnen des Aresdrachen
erwachsenen Sparten (s. Kadmos), führte sei-
nen Ursprung auf ihn zurück; die gesamte io
thebanische Bürgerschaft sah sich als eine
Mavortia proles an. Die Mauern von Theben
hiefsen rsi%og "Agnov. II. 4, 407. Vgl. Eurip.
Phoen. 835. Aeschyl. Sept. c. Th. 292 yaia g
7i£Öov x ijgds ”Aq£iov. Die Gründungssage von
Theben ( Apollod . 3, 4, lff. vgl. Eurip. Phoen.
638 ff. s. Kadmos) hängt eng mit Ares zusam-
men. Bevor Kadmos die Stadt gründete, er-
schlug er an der Aresquelle (’Agsia yigyrr]
Apollod. a. a. 0. Schol. Eurip. Phoen. 660. ’'Aqsoo g 20
•HQrjvrj Eurip. Suppl. 662. Paus. 9, 10, 5. Agy-
xiag v.q. Ap. Bhod. 3, 1181; fälschlich nennt
sie Hygin. f. 6 Castalius fons ; Eurip. Phoen.
831 verwechselt sie mit der Dirke) den Dra-
chen, der von Ares stammte und der Tilphossa
Erinys (Schol. Soph. Antig. 128), welche am
Tilphossion bei Haliartos wohnte und gleich
ist der Demeter Erinys zu Thelpusa in Arka-
dien (Stoll , Ares S. 3. 5 ff.). Für diesen Dra-
chenmord mufste er dem Ares ein grofses Jahr 30
dienen. Vgl. Apollod. a. a. 0. und die von Heyne
hierzu citierten Stellen. 0. Müller, Orchorn.
S. 218. Ares als Vater des Drachen (des yyysvrjg
ÖQcincüv, Eurip. Phoen. 932) ist hier eine chtho-
nische Gottheit; den Drachen , einen Reprä-
sentanten des finsteren Erdgottes, der neidisch
dem Menschen den aus der Erde quellenden
Segen und in der Wildnis die Stätte zur Grün-
dung einer blühenden Ansiedlung und eines
geordneten Staatenlebens verwehrt, tötet Kad- 40
mos, und dadurch erkämpft er sich einen Sitz
für höhere Kultur, ähnlich wie Apollon durch
Besiegung des Python zu Delphi den Grund
legt zu einer höheren sittlichen Ordnung. Wie
Apollon wegen des Mordes des Python, mufste
auch Kadmos ein grofses Jahr Knechtesdienste
thun, wodurch Ares soweit versöhnt ward,
dafs er ihm seine Tochter Harmonia, hier die
Vertreterin geordneten einträchtigen Staäts-
lebens, zur Ehe überliefs und die Gründung 50
des thebanischen Staates zugab. Aber trotz-
dem blieb Ares ein Feind des Kadmos; alles
Unheil, welches in der Folge über sein Ge-
schlecht kam , war begründet in dem Zorne
des Ares (Eurip. Phoen. 934) und der Demeter
Erinys, wenn auch die Dichter später dies
und jenes neue Motiv eingeschobeu haben.
Stoll, Ares S. 24 ff. Die Bewohner des theba-
nischen Landes, die Kadmeionen, waren ein
Zweig di r Pelasger, welche über das südliche 60
Böotien, über Attika und Megara und einen
grofsen Teil des Peloponneses, Argos, Korinth,
Sikyon, Arkadien, Achaia, Elis verbreitet waren.
Diese Gegenden nahmen mehr oder weniger
an der thebanischen Sage von dem Kadmiden-
geschlechte teil und haben auch in späterer
Zeit noch die meisten Heiligtümer des Ares,
die wohl aus ältester Zeit stammen. Stoll
Ares (in att. Sage)
S. 36 ff. In die thebanische Sage sind ver-
flochten der attische Kolonos und Areopag,
Megara, Argos, Sikyon, Korinth, Elis, Thel-
pusa in Arkadien. In Athen war ein Tempel
des Ares am Fufse des Areshügels, mit zwei
Bildern der Aphrodite , Bildern des Ares , der
Athene und der Enyo. Paus. 1 , 8 , 5. Der
Areshügel (Agnog nctyog), der von Ares den
Namen hat , war durch ihn die Stätte des
Blutgerichts geworden. Er hatte an der nahen
Quelle, die im Tempel des Asklepios entsprang,
den Halirrhothios (s. d.), einen Sohn des Poseidon,
erschlagen, weil er der Alkippe, einer Tochter
des Ares und der Aglauros (s. d.), Gewalt ange-
than, und als Poseidon ihn bei den Göttern ver-
klagte, setzten sich diese auf dem Areopag zu
Gericht über Ares. Apollod. 3, 14, 2. Paus. 1,
21 , 7. 1, 28, 5. Eurip. El. 1258. Iplüg. T.
945. Et. M. u. Et. Gud. u. Suid. v. "Ageiog
nctyog. Beide. Anecd. 1. p. 444. Demosth. in
Aristocr." p. 641, 26 R. Von dieser Ortssage
weicht Äschylos, der die Einsetzung des Ge-
richts auf dem Areopag anders erklärt, ab,
indem er den Namen Areshügel von den Ama-
zonen (s. d.) ableitet, die bei der Belagerung der
athenischen Burg hier sich verschanzt und
dem Ares geopfert hätten. Eumenid. 655 ff.
Apollodor sagt, dafs Ares von den 12 Göttern
freigesprochen worden wäre , was eine später
entstandene Parallele zu Orests Freisprechung
zu sein scheint. Die Strafe für einen Mord,
selbst für den unfreiwilligen, konnte nicht feh-
len; sie bestand in Kneclitesdienst. Und Ares
hat Knechtesdienste gethan nach Panyasis bei
dem. Alex. Protr. c. 2, 36. p. 30. Fr. 15 ed. Hüh-
ner. Nachdem der Gott sich selbst der Bufse
unterworfen, liefs er auf dem ihm geweihten
Hügel für clie Folge die Blutschuld richten,
ähnlich wie Apollon in Delphi über die Blut-
rache waltet, seit er selbst die Sühne des an
Python vollführten Mordes auf sich genom-
men. Ares, der mit Demeter Erinys und den
Erinyen (s. Arantides) zusammenhängende
chthonische Gott, war auch Vorsteher und
Vollstrecker der Blutrache; doch ging die-
ses Amt zu der Zeit, wo das Wesen der De-
meter sich zersetzte und die Erinyen sich
von ihr ablösten, ganz auf die Erinyen über.
Stoll S. 33 ff. — Kult. Zwischen Argos und
Mantineia war ein Doppeltempel des Ares
und der Aphrodite, in welchem Polyneikes
und die argivischen Helden bei ihrem Aus-
zuge gegen Theben die Bildnisse beider Göt-
ter geweiht haben sollten, Paus. 2, 25, 1.
Fermer verehrte man in Argos einen Ares als
Q'iog yvvcurwv. Lucian. Amor. 30. Vgl. En-
gel, Kypros 2. S. 212. In Troizen stand ein
Tempel des Ares an der Stelle, wo Theseus
die Amazonen schlug. Paus. 2, 23, 8. Zu Her-
mione fanden sich Tempel und Bild des Ares
neben einem Tempel des Klymenos (Hades)
und diesem gegenüber ein Tempel der Deme-
ter Chthonia. Paus. 2, 35, 3 ff. vgl. Corp.
Inscr. nr. 1197 mit Böcldis Note. 0. Müller,
Prolegg. S. 243. Ein Priester des Ares Enya-
lios zu Hermione wird genannt Corp. Inscr.
nr. 1221. In Korinth erwähnt den Ares Pin-
dar Ol. 13, 23. In Arkadien findet sich zu
1
l!
E
3
«
fr.
i'
s;
f
ei
irr
!1,
rer
:•
hl
lä,
mit
ft
j .
:
L
st
f
-• E
l
hat
■■ ii
hr
d'iB
'Ul
tu
485 Ares (Kult)
Stymphalos eine Andeutung von Ares in den
todbringenden stymplialischen Vögeln, welche
von ihm aufgezogen sein sollten ( Serv . Verg.
Aen. 8, 300), weshalb sie auch, von der Poe-
sie in die Argonautensage verwebt , auf die
fingierte Insel Aretias versetzt wurden. Die
Tegeaten verehrten auf dem Berge Kresion
einen Ares Acpvnög und erklärten den Beina-
men durch die Legende : Ares habe mit Aerope,
(s. d.), der Tochter des Kepheus , einen Sohn
Aeropos erzeugt; da aber die Mutter bei der
Geburt starb, bewirkte Ares, dafs der Knabe
an der Brust der Mutter dennoch reiche Nah-
rung fand. Paus. 8, 44, 6. Auf dem Markte
zu Tegea stand eine Bildsäule des Ares rvvca-
Ho&oi'vag, des Frauenbewirters, welchem die
Frauen ohne Zuziehung der Männer opferten
und Opferschmäuse hielten , weil nach der
Sage die Frauen einst über ein lakonisches
Heer einen Sieg davongetragen. Paus. 8, 48,
3. In der Nähe von Lykosura war ein Tem-
pel des Ares bei einem Heiligtum der Des-
poina, die hier mit ihren Eltern Demeter und
Poseidon AmcLog vereint war. Paus. 8, 37,
lff. 9. Mit dem arkadischen Aresdienst hängt
der in Achaia zusammen, zu Patrai {Paus. 7,
21, 1), zu Tritaia {Paus. 7, 22, 5. 6), das frü-
her zu Arkadien gehörte; hier sollte Ares mit
Tritaia, der Tochter des Triton, den Melanippos
erzeugt haben. In Elis war Ares ein Stammgott
{&sb s nurgcöog) des Oinomaos. Schol. Pind. Ol.
13, 150. Zu Olympia wurde Ares als "inmog
mit Athene ’lnm'a verehrt. Paus. 5 , 15 , 4.
Mit _dem Areskult von Elis stand wieder der
in Atolien in Verbindung. Nach Lakonien
kam Ares durch die thebanischen Aigiden. Zwi-
schen Sparta und Therapne war ein für sehl-
alt geltender Tempel des Ares Oggsirag {He-
sycli. ©ggirag) mit einem Bildnis, das die
Dioskuren aus Kolchis gebracht haben sollten.
Paus. 3, 19, 7 f . Die Einwohner der Gegend
führten das Epitheton auf @ggd>, die Amme
des Ares, zurück; Pausanias aber bezweifelt
dies, weil die Hellenen keine Amme des Ares
dieses Namens kennen, und möchte das Wort
auf kriegerische Wildheit beziehen. Zu The-
rapne selbst wird der Enyalios erwähnt, dem
die Epheben junge Hunde opferten. Paus. 3,
20, 1. 14, 9. In Sparta stand ein gefesselter
Enyalios. Paus. 3, 15, 5. Geronthrai hatte Tem-
pel und Hain des Ares. Paus. 3, 22, 5. Dafs
die Lakedämonier dem Ares einen Menschen
opferten, sagt Apollodoros bei Porphyr, de abs-
tin. 2, 55. — Von den Pelasgern Thebens
haben die am Helikon wohnenden Thraker den
Ares überkommen, sowie andererseits der or-
Iphische Dionysosdienst von ihnen zu den Kad-
Imeionen übergegangen ist. Stoll, Ares S. 38.
Es herrscht vielfach die Ansicht, dafs die Kad-
jtneionen den Ares von den Thrakern erhalten
jhaben {Welcher, Gr. Götterl. 1. S. 415 f. H. I).
Müller, Ares S. 80. Gerhard, Gr. Mythol. 1.
8. 368 u. A.) ; allein das Umgekehrte ist annehm-
barer, da es bei den Thrakern, mit Ausnahme
ler Sage von den dem Ares feindseligen Aloa-
len und einiger spät entstandenen genealogi-
schen Notizen, keine besonderen Mythen über
Ares giebt, während dieser Gott in die älteste
Ares (Deutung) 486
Geschichte von Theben vielfach verflochten
ist. Ferner ist zu den in dem nördlichen Böo-
tien sefshaften Minyern und Phlegyern, deren
Helden Askalaphos, Ialmenos, Plilegyas Ares-
söhne sind, die Idee des Ares von Theben aus
gekommen. Stoll, Ares S. 39. Namentlich ist
aus der thebanischen Gründungssage manches
in die minyeische Argonautensage übertragen
worden: Iason erschlägt wie Kadmos einen
Aresdrachen in dem Haine des Ares, er pflügt
wie Kadmos das Feld des Ares, säet Drachen-
zähne und tötet die daraus erwachsenen ge-
wappneten Männer. Das meiste hiervon sind
dichterische Ausschmückungen, die mit dem
Kern der Sage in nur losem Zusammenhänge
stehen, wie auch die stymphalischen Aresvögel
auf der vor Aia gelegenen Insel Aretias, wo
die Amazonenköniginnen Otrere und Antiope
dem Ares einen Tempel gebaut hatten. Apoll.
Bhod. 2, 385. — Deutung. Da Ares als ein
uralter Gott nicht wohl die blofse Personifikation
der abstrakten Idee eines Kriegsgottes sein
konnte, so hat man vielfach in seinem Wesen re-
ellere Bezüge zur Natur gesucht; da sich aber
für solche Untersuchungen nur rrnbestimmte und
vieldeutige Momente in Sagen und Kultus fin-
den, so sind die Resultate verschieden und
unsicher. Die Einen legen ihm die ursprüng-
liche Bedeutung eines tobenden Sturmgottes
der Luft bei {Preller , Gr. Mythol. 1. S. 266),
andre fassen ihn allgemein als Himmelsgott
{Lauer, Syst. d. Gr. Mythol. S. 242), als Licht-
gott {Schwenck, Mythol. d. Gr. S. 224), als
Sonnengott {Welcher, Gr. Götterl. 1. S. 415.
üschold, Zeitschr. f. Altertumsw. 1842. S. 359.
Dilthey, Jahrb. d. V. v. Alterthums fr . i. Rheinl.
Heft 53, S. 4lff. vgl. Gott. Gel. Anz. 1874 S. 1402f.
Voigt, Beitr. z. Myth. d. Ares u. d. Athena.
Leipz. Studien 4, 239 f.); wieder andere ( H . D.
Müller, Ares 1848. Stoll, die ursprüngl. Be-
deutung des Ares 1855) als einen der chthoni-
schen Götter, welche sich durch ihr Wirken
aus der dunkeln Tiefe der Erde als Leben
und Segen, andrerseits als Tod und Verderben
bringende Mächte erweisen. Andeutungen der
ersten Art sind enthalten in der Sage vom
’Aepvuog, vielleicht auch in dem Epitheton
®t]Q£L zag; der Ares rvvcaxo&oi'vctg mit seinem
Frauenfeste scheint eine Beziehung auf die
fruchtbare gebärende Natur zu haben , Stoll
S. 18. Deutlicher tritt die furchtbare verderb-
liche Seite des clrthonischen Gottes hervor,
namentlich in der Urgeschichte Thebens. Der
Zorn des Ares suchte das unglückliche Land
und sein Königshaus heim durch Unheil jeg-
licher Art , durch Mifswachs und Hungersnot,
Pest, Mord und Krieg und vielfache sittliche
Irrungen, und da die thebanischen Kriegsge-
schichten ein Hauptgegenstand für das vorhome-
rische Epos waren, wie man aus Homer selbst er-
kennt {II. 4, 365 ff. vgl. 5, 800 ff. 10, 283ff
14, 113 ff. 23, 346. Ocl. 11, 271. 326. 15, 244.
Vgl. lies. Erg. 169 ff. Stoll S. 48), so ist Ares
zu einem Kriegsgotte geworden, an welchem
die ursprüngliche Bedeutung fast ganz ver-
wischt wurde. Doch hat sich seine Bedeutung
als Pestgott und als Verderber überhaupt auch
noch später erhalten. Besonders scheint dein
16*
. io
20
30
40
50
GO :
487
Ares (Symbole)
Sophokles die alte Bedeutung des Ares noch
nicht ganz entschwunden zu sein. Soph. 0. R.
185. Aias 254. 70G. 0. Col. 1386. El. 1365.
1400. Unter den Alten spricht sich Artemidor
Oneirocrit. 2, 34 p. 200f. ed. Reiff über Ares,
gewifs nicht aus sich selbst, sondern nach ei-
ner verbreiteten Ansicht aus, dafs er teils ein
über der Erde waltender, teils ein chtlionischer
Gott sei. — Als Sinnbilder des Ares gelten
der Speer, der auch ein Sinnbild der Blutrache
und des Blutgerichts war ( Harpocr . v. snsvsy-
hsIv Soqv. Suid. v. "Agsiog näyog) , und die
brennende Fackel, mit der nach alter Sitte
zwei Priester des Ares den zur Schlacht schrei-
tenden Heeren vorausgingen, um sie dem Feinde
als Zeichen zum Kampfe zuzuschleudern. Eu-
rip. Plioen. 1377. Schot, Ygl. Xenopli. de rep.
Laced. 13, 2. Unter den Tieren entsprachen
seinem Wesen am meisten die Hunde (s. S.
489 Z. 65) und Geier ( Cornut . 21 extr.), die
Gäste des Schlachtfelds. In betr. des Schwanes
s. Gott. gel. Anz. 1874 S. 1405. Im Götter-
kampf gegen Typhon verwandelte sich Ares
fliehend in einen Fisch. NiJcandros bei Anton.
Lib. c. 28. [Stolh]
Ares in der bildenden Kunst.
In der bildenden Kunst hat die Gestalt des
Ares ähnliche Wandlungen durchgemacht wie
die des Hermes oder des Dionysos. Aus ei-
nem bärtigen vollgerüsteten wilden Krieger
wurde er zum schönen nackten Jüngling, den
Liebesgedanken quälen.
Ares auf der Frangoisvase in Florenz (vgl. Mon.
d. Inst. 4, 57).
1. In der archaischen Kunst pflegt sich
die Erscheinung des Ares nicht zu unterschei-
den von der eines menschlichen bärtigen Ho-
Ares in d. Kunst 488
pliten in voller Ausrüstung. So war er, als
Enyalios bezeichnet , die Aphrodite führend,
auf dem Kypseloskasten gebildet {"Aqiqg onlcc
ivdsdvtMog Raus. 5, 18, 5). So erscheint er auf
der altattischen Francois-Vase {Mon. d. I. 4,
54tf.) mit Aphrodite zusammen im Festzuge
der Götter und nochmals bei der Scene der
Rückführung des Hephaistos in den Olymp,
wo er gedemütigt dasitzt, da Dionysos mit
io dem Weine erreichte, was er mit den Waffen
nicht vermochte (s. d. nebenst. Abbild.), Und
auch sonst erscheint er so nicht selten auf den
schwarzfigurigen altattischen Vasen; so beim
Kampfe seines Sohnes Kyknos mit Herakles,
wo er jenem beisteht und Herakles bekämpft,
bis Zeus die beiden trennt ( Gerhard , Auserl.
Vasenb. Tf. 121 — 124); ferner bei der Geburt
der Athena, bei deren Darstellung Ares seiner
hervorragenden Stellung in Attika gemäfs ge-
20 rade von den altattischen Malern der überlie-
ferten Komposition zugefügt wurde ( Arcluiol .
Ztg. 1876, 108 ff.). Auch in den alten Dar-
stellungen der Gigantomacliie bat Ares öfter
eine Stelle und zwar, wie es scheint nicht nur
auf den Vasen {Overbeck, Kunstmyth. des Zeus
S. 354) , sondern auch in der alten Giebel-
gruppe , die den Thesauros der Megareer in
Olympia schmückte und neuerdings ausgegra-
ben wurde.
30 ln der Periode des strengen rotfigurigen
attischen Vasenstiles um Ol. 80 ist Ares’ Er-
scheinung zwar noch im wesentlichen dieselbe,
doch tritt die Darstellung der obenerwähnten
Sagen sehr zurück; statt dessen tritt zuweilen
Neues auf. So erscheint Ares friedlich in der
Götterversammlung des Olympes neben Aphro-
dite gelagert, mit dem langen ionischen Chiton
und dem Mantel bekleidet, mit langen bekränz-
ten Locken , den Helm abgenommen in der
Hand nebst der Lanze {Monmn. d. I. 10, 23. 24,
Schale des Euxitheos und Ottos).
2. In der freien Kunst des 5. Jahr-
hunderts zeigt gleich die Pheidiasische Epoche
eine bedeutende Umwandlung des Arestypus.
In dem Friese des Parthenon erscheinen nicht
nur Hermes und Dionysos, sondern auch Ares
als bartloser Jüngling, und zwar weder voll-
gerüstet, noch im langen ionischen Festge-
wande , sondern fast nackt und nur an den
Speer sich lehnend (wohl mit Recht wird die
Figur Michaelis, Parthenon Taf. 14 No. 27 von
Petersen, Pheidias S. 251 ft', und Flasch, zum
Parthenonfries S. lOlf. auf Ares gedeutet). Auch
zwei statuarische Typen, die uns in späteren
Wiederholungen erhalten sind, doch ursprüng-
lich der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts
angehören, zeigen den bartlosen, nur mit Helm
und Lanze bewaffneten Gott: a) in dem einen,
etwas älteren und strengeren, steht der Gott
ruhig auf dem rechten Beine, die beiden Ober-
arme sind gesenkt, das Haar hängt hinten
noch in altertümlichem Schopfe in den Nak-
_ ken; das Gesicht hat strenge Formen; gewöhn-
lich hat er die Chlamys um {Schreiber, Villa Lu-
dovisi S. 219 No. 242; Benndorf u. Schöne,
Beschr. des Laterans No. 127); Repliken ohne
Kopf bei Clarac, mus. de sc. 634 A, 1436A
und 950, 2445 A. b) Der Gott steht auf dem
489
Ares in d. Kunst
Ares in d. Kunst
490
linken Beine rirhig, die Oberarme sind eben-
falls gesenkt, er trägt die Lanze, hat den at-
tischen Helm, kurzes Haar, das nur vor den
Ohren länger herab fällt, zuweilen auch Bart-
flaum an den Wangen als echter ecprjßo? (vgl.
Stark , JBer. d. sächs. Ges. 1860 , S. 181). Das
berühmteste Exemplar ist der „Achill Borghese“
(s. Figur 2) ; vgl. Urlichs, Gruppe des Pasquino,
Bonn 1867, S. 35 ff. wo auch die übrige Litte-
ratur; ferner Dilthey, Jahrb. des Ver. d. Altert, io
im Bhcinlande Heft 53, S. 32 ff ; die Repliken
S. 86 aufgezählt). Es ist eine mächtige gedrun-
gene Gestalt, deren Bildung den deutlichsten
Anschlufs an den Doryphoros des Polyklet zeigt;
der Kopf jedoch deutet auf attische Umbildung;
jbwohl er Grundzüge jenes selben Typus be-
wahrt und voll männlicher Kraft ist, so ist
ler Ausdruck doch ein weicher, in trübes Sin- 60
nen versunkener; ein Kopist hat, darin schwer-
lich dem Originale folgend, den Grund dieses
Ausdrucks durch das Relief des vordem Helm-
Schmuckes, da, wo sonst die dem Ares attri-
butiven Hunde erscheinen (s. Dilthey a. a. 0.
8. 37) durch einen kleinen Eros angedeutet
Kopf im musco Torlonia zu Rom No. 102; abg.,
loch ohne den Eros, Galler. Giustiniani 2, 45).
Moderne Erklärer wollten in dem Ringe, den
er über dem rechten Fufsknöchel trägt, eine
Fessel erkennen; doch ist es wahrscheinlicher
nur die Andeutung der Beinschienen (s. Ur-
lichs a. 0. S. 37) , der sniacpvQia Homers
( r 331 u. a.).
3. Unter den statuarischen Typen, deren
Entstehung wahrscheinlich später als das
fünfte Jahrhundert fällt, stellen wir voran:
c) einen Typus, der sich äufserlich in Stellung
und Bewegung an a) anlehnt; doch ist aus
dem festen Stande ein leichtes Schreiten ge-
worden; die gesenkte Rechte hält das Schwert,
dessen Scheide an der Seite hängt; die Chla-
mys liegt auf der linken Schulter; auf der lin-
ken Hand trägt er wahrscheinlich eine kleine
Nike als Sieger in der Schlacht; der kräftige
kurzgelockte Kopf entbehrt des Helmes ; ein
leichter Bartflaum deckt auch hier die Wan-
20 gen (Clarac, mus. de sc. 871, 2219; 633, 1438 A;
zum Backenbartflaum vgl. Typus b) und Mars-
köpfe der Münzen der gens Fonteia und lunia).
Dieser Typus ward auch für Diomedes benutzt
(Brunn, Beschr. d. Glyptothek zu No. 163), doch
scheint die Bedeutung als Ares die ursprüng-
lichere. d) Der allgemeinen Bildung höherer
Götter, wie Zeus, Poseidon u. a., am nächsten
steht ein, wie es scheint, auch in Rom belieb-
ter Typus (vgl. das Fastigium des Capitolini-
30 sehen Tempels in dem Relief Arcli. Ztg. 1872,
Tf. 57 (s. Figur 3)), wo der Gott mit zurück-
geschobenem korinthischem Helme majestätisch
dasteht , die Rechte auf die hoch erhobene
Lanze stützend, in der linken Hand das nach
aufwärts gerichtete Schwert, und meist eine
Chlamys umgeworfen. Ein bedeutenderes sta-
tuarisches Exemplar des
Typus ist uns nicht er-
halten; er erscheint in-
40 des öfter auf Münzen,
die ein solches voraus-
setzen lassen (s. Dilthey
a. a. 0. S. 28); auch in
kleinen Bronzen (die
treffliche von Dilthey
ebda. Tf. 11 u. 12 publi-
cierte Statuette gehört
wahrscheinlich hierher,
indem der wohl nur ver-
50 bogene Arm den Speer
gehalten haben wird).
e) Wahrscheinlich in der
zweiten Hälfte des vier-
ten Jahrhunderts ist
das Original der uns
in dem bekannten Ares
Ludovisi vorliegenden Komposition entstan-
den (s. Fig. 4). Hier sehen wir wirklich den
verliebten Ares, während aus dem Typus b)
wahrscheinlich nur die Auffassung des Ko-
pisten einen solchen hat machen wollen. Er
blickt sinnend in die Ferne; ein kleiner Eros
ist spielend ihm zuFiifsen; von einem zweiten
seiner linken Seite scheinen Spuren vor-
Mars (vom Capit. Fasti-
gium).
handen (vgl. Schreiber, Beschr. d. Villa Ludo-
visi, S. 82 tf. No 63). Der stilistische Charak-
ter zeigt deutliches Anlehnen an Lysippische
Kunst, namentlich im Körper, während der
491
Ares in d. Kunst
Ares in d. Kunst
492
Kopf jenen Charakter etwas der attischen
Weise nähert und verfeinert. Ein spezieller
Anschlufs des Typus an den des Ares im fünf-
ten Jahrhundert ist nicht erkennbar, f) Noch
eines charakteristischen Typus , der Lysippi-
scher Richtung entsprungen ist, mag hier ge-
dacht sein , obwohl er nur in einer kleinen
Ares Ludovisi, Marmorstatue in Villa Ludovisi in Rom.
(Nach einer Photogr.).
Bronze (abg. bei Dilthey a. 0. Tf. 9 u. 10 und
Sachen, Bronzen in Wien 1 , 44) erhalten ist. so
Es erscheint nämlich der jugendliche lockige
Gott mit dem zurückgeschobenen korinthischen
Helme in derselben schwankend elastischen
Stellung und denselben Proportionen wie der
Lysippische Apoxyomenos und dazu in einer,
momentanen Situation, nämlich im Begriffe
das in der erhobenen Rechten gehaltene Schwert
in die mit der Linken gefafste Scheide herabzu-
stofsen. — Der Lysippische Gesichtstypus bleibt
für Ares in der hellenistischen und römischen so
Zeit beliebt; für die letztere zeugen nament-
lich einige Bronzebüsten (bei Dilthey a. a. 0.
Tf. 1 — 8 abg.). Es ist Ares als lockiger schö-
ner Jüngling mit dem Helme, im Gesichte
mit einem gewissen unbefriedigt, unruhig und
sehnsuchtsvoll hinausstrebenden Ausdruck. —
g ) Endlich nennen wir einen häufigen, doch weder
ursprünglich noch später dem Ares allein zu-
gehörigen Typus, den eines nackten weitaus-
schreitend vorstürmenden Kriegers. Das Mo-
tiv erscheint schon auf attischen Grabreliefs
und griechischen Münzen der besten Zeit, doch
für gewöhnliche Sterbliche oder Heroen. Auf
mehreren Münzen, besonders denen der Brut-
tier und Mamertiner, ferner in kleinen Bron-
zen deutet man jedoch die Figur mit Recht
auf Ares (s. Dilthey a. 0. S. 24ff.). h) Wie
Ares hier zu Fufs in den Kampf stürmt, so
thut er es auch, gleich den Kriegern der He-
roenzeit, d. h. auf einem von Rossen gezoge-
nen Wagen. Nicht nur Schriftsteller schildern
ihn so (vgl. Preller, gr. Myth.3 1, 265 Anm. 3);
auch die Darstellungen der Gigantomachie auf
einer schönen attischen Vase vom Anfang des
vierten Jahrhunderts ( Monum . grecs de l'asso-
ciation des et. grecs 1875 pl. 2: Ares ausnahms-
weise bärtig und in langem Gewände) und auf
den kolossalen Reliefs des Pergamenischen
Altars (die Gruppe 5 auf S. 63 des vorl. Be-
richts über die Ausgrab, zu Pergamon darf mit
völliger Sicherheit auf Ares bezogen werden)
zeigen Ares zu Wagen in der Schlacht.
Vereinzelt steht ein Torso in Madrid (abg.
b. Stark, Berichte d. sächs. Ges. 1864. Tf. 1. S.
1 7 3 ff . ; in Abgüssen verbreitet), wo Ares auf
der linken Schulter die Aigis trägt, offenbar
in Anlehnung an die Verallgemeinerung der
Aigis in der späteren Kunst, wo sie auch Köni-
gen und Imperatoren zugeteilt wird und zu-
gleich vielleicht in Erinnerung an die alte
Naturbedeutung des Ares. Der Torso ist üb-
rigens von sehr mittelmäfsiger später Aus-
führung, während der Typus namentlich des
Gesichtes ein strengerer ist.
Wir sahen, dafs Ares schon seit derPheidi-
asischen Epoche bartlos oder nur'mit einem
Flaume versehen gebildet zu werden pflegte ;
gleichwohl erscheint er auch in späterer Kunst
zuweilen noch bärtig. Ein nicht unwichtiges
Beispiel attischer Kunst auf einer Vase mit
der Gigantomachie aus dem 4. Jahrh. erwähn-
ten wir soeben. Interessant für den gleich-
zeitigen Gebrauch beider Typen neben einan-
der sind zwei Serien von Münzen der Bruttier,
alle etwa aus dem dritten Jahrh. vor Chr. :
Die eine a) zeigt einen bärtigen schönen Kopf,
offenbar den des Ares, mit greifengeschmücktem
Helm (auf dem Revers Nike oder die eilende
Athena) ; b) die andere zeigt den jugendlichen
bewaffnet vorstürmenden Ares ohne Bart (auf
der andern Seite Zeuskopf.).
Auch in voller Rüstung tritt Ares verein-
zelt noch in der späteren Kunst auf (vergl.
Wieseler, Denhn. a. K. 2, 246 a u. b. 247; 251).
Die Mythen, in denen Ares, wie oben er-
wähnt , in der archaischen Kunst erscheint,
treten später mit Ausnahme des Gigantenkam-
pfes ganz zurück. Dafür wird sein Verhältnis
zu Aphrodite ein Lieblingsgegenstand der Kunst,
vor allem in römischer Zeit (vgl. namentlich
Ilincli in den Annali dell' inst. arch. 1866, 98 ff.
s. auch S. 406). Die schönsten und bedeutendsten
Zeugnisse haben wir dafür in den mannig-
fachen, zum Teil wohl noch auf hellenistische
Vorbilder zurückgehenden Kompositionen der
Wandbilder der verschütteten campanischen
üno(
totl
-
493
Arestkanas
Arethusa
494
Städte (s. Helbig , Wanägetn. d. Städte Camp.
No. 313 ff. Sogliano, pitt. murali Campcme scop.
da 1867 — 79 No. 133ff. Dazu Annali d. Inst.
1875 tav. B, p. 15 ff. \Dilthey]). Die statuari-
schen Gruppen von Aphrodite und Ares sind
dagegen nur späte äufserliche Zusammenstel-
lungen älterer, als Einzelwerke komponierter
Motive (s. Clarac. mus. de sc. 634, 1428 u. 1430;
326, 1431).
Blicken wir zurück, so erkennen wir zwar,
wie vielen Schwankungen und Veränderungen
die Bildung des Ares je nach Geschmack der Zeit
und nach Richtung der jeweiligen Kunstschule
ausgesetzt war, aber doch auch, dafs gewisse
Züge seit der Periode der freien Kunst überall
durchgehen; es ist Ares der vollausgewachsene
kräftige Jüngling, etwas älter schon als Her-
mes, dem er sonst am nächsten steht; im gei-
stigen Ausdrucke aber ist es dem Ares durch-
aus eigen, dafs neben Kraft und Energie auch
eine gewisse düstere Melancholie oder ein Zug
unruhigen, unbefriedigten Daseins hergeht.
[A. Furtwängler.]
Arestlianas {AgiaQ-dvag) , der Ziegenhirt,
der im Lande der Epidaurier den neugebornen
Asklepios fand, Paus. 2, 26, 4. Preller, Myth.
1, 426, s. Asklepios. [Stoll.]
Arestor ( ’Aqsgzcoq ), 1) Sohn des Phorbas,
Vater des Argos Panoptes ( Pherelcydes b. Schol.
Eurip. Phoen. 1116 u. Apollod. 2, 1, 3. Ov.
Met. 1, 624. Serv. Verg. Aen. 7, 790), Gemahl
der Mykene, der Tochter des Inachos ( Grofse
Eoeen bei Paus. 2, 16, 3. Schol. Od. 2, 120),
Vater der Io, Charax bei Anonym, de incred.
5, Sohn des Ekbasos, Enkel des Argos, Vater
des aus Argos nach Arkadien ausgewanderten
Pelasgos, Charax b. Steph. Byz. v. nagoaeta.
— - 2) Ein Inder, Nonn. Dion. 35, 379. — 3)
Vater des im Kriege des Bakchos gegen die
Inder gefallenen Knossiers Oplieltes, Nonn. Dion. 40
17, 85. [Stoll.]
Areta (’Aqstu), Weib des Alkimos, deren
Grrabmal der gleichnamige Flufs im Gebiet
ron Kroton umflofs, Et. M. p. 138, 24 nach
Philochoros. Sylb. schreibt hier Aggz rj u. ’AXhi-
i’oog. [Stoll.]
Aretaon (’Agszdav), ein Troer, von Teukros
jrlegt, II, 6, 31. Tzetz. Hom. 117. [Stoll.]
Arete (Agi/pri), l)Gemahlin desPhaiakenkönigs
\lkinoos, Tochter seines Bruders Rhexenor, Od.
7,54ff. Hesiod nannte sie eine Schwesterdes Al-
iinoos, Schol u. Eust. zu Od. 7,54. Eine
duge, würdevolle Frau, hochgeehrt
.’on ihrem Gemahl, ihren Kindern
md dem ganzen Volke, von grofsem
'üinflufs im königlichen Hause wie
»ei dem Volke, Od. 6, 305 ff. 7, 6 6 ff.
durch sie erhielt Odysseus im Königs-
lause freundliche Aufnahme und das
Versprechen, dafs die Phaiaken ihn
lach der Heimat bringen würden,
he wirkt aber bei Homer für
hren Schützling in echt weiblicher
Weise, nicht laut und herrschend,
fondern durch die stille Macht
hres Ansehens und ihrer Würde,
Vitzsch zu Od. 7, 75 — 77. Ihrem Einfiufs ge-
ang es auch , dafs Medeia , als sie auf
ihrer Flucht von Kolchis mit Iason nach
Scheria kam, den von Aietes zur Verfolgung
nachgeschickten Kolchiern nicht ausgeliefert
wurde. Ap. Bk. 4, 1010—1222. Orph. Arg.
1311 ff. Apollod. 1, 9, 25. Tzetz. L. 175 p. 440
Müller. Hyg. f. 23. Vgl. Areta, Alkinoos, Ar-
gonautai. [Stoll.]
Arete (’AQSzrj), 1) Personifikation der dgszrj
in kriegerischem und ethischem Sinne, nahe
10 verwandt mit der Idee der Athene. Sie wird
aufgeführt in der bekannten Allegorie des Pro-
dikos von Herakles am Scheidewege, Xenoph.
Mein. Socr. 2, 1, 21 ff. S. die Kunstdarstellungen
b. Müller, Handb. d. Arch. § 411, 6. Am Grabe
des Telamoniers Aias sitzt ’Aqszcc, trauernd,
dafs bei dem Streit des Aias und Odysseus
um die Waffen des Achilleus die ’Anüzci über
sie gesiegt hat, Epigr. d. Asklepiades in Anth.
Pal. 7, 145. Ihr Bild war auf dem Schilde
20 des Achilleus, Quint, Sm. 5, 50 ff. Über bildl.
Darstellungen der Arete s. Welcher, Ann. d.
Inst. 4, 385. Müller, Handb. d. Arch, § 405,
3 (Hellas, von Arete bekränzt, Gruppe des
Eupliranor). Vgl. auch C. I. Gr. 2786. — 2)
(Zeus) Soter zeugte mit seiner Schwester Pra-
xidike einen Sohn Ktesios und die Töchter
Homonoia und Arete, welche nach ihrer Mut-
ter nga^iSUai genannt wurden, Suid. v. Ilga-
^löi-sg. [Stoll.]
30 Arethusa (’Aqs&ovgcc) , 1) eine der Hespe-
riden, Apollod. 2, 5, 11 (wo auch ’EQt&ovßa
gelesen wird). Serv. Verg. Aen. 4, 484. — 2)
Eine Nereide {Hyg. Praef. p. 29 Bunte), Nymphe
einer Quelle in Elis und auf der Insel Ortygia
zu Syrakus, s. Alpkeios. Ihr Kopf, mit schilf-
durchfloclitenem oder im Netz getragenem Haar
und von Fischen umgeben, auf Münzen von
Arethusa, alte Münze v. Syrakus (vgl. Müller- Wieseler,
Denkm. a. K. 1, Taf. Iß no. 78).
50 Syrakus in verschiedenen Typen vom ältesten
bis zum vollendetsten und elegantesten Stil,
Arethusa, Münze v. Syrakus (vgl. Müller -Wieseler, Denkm. a. K, 1,
Taf. 42 no. 197).
z. B. Müller, Denkm. a. K. 1 n. 78. 197. 198.
Überhaupt ist Arethusa ein häufig Vorkommen-
495
Aretias
der Quellname, der den Segen des quellenden
Wassers ausdrückt, Herodian. dict. sol. p. 13,
4. Steph. Byz. v. ’Ags&ovoa. — B) Tochter des
Herileos (Hesperos? Nereus?), von Poseidon
Mutter des Abas, nach welchem Euboia Aban-
tis hiefs, Hyg. f. 157. Steph. Byz. v. ’Aßcevzlg.
— 4) Tochter des Abas, Schwester des Alkon
und Dias, welcher in Euboia Athenai Diades
gründete. Nach ihr war wohl die Quelle Are-
tliusa bei Chalkis (oder die gleichnamige Stadt
in Euboia, Baumeister, Euboia p. 45, 22) be-
nannt. Steph. Byz. v. ’A&rjvcu. — ■ 5) Ithake-
sierin, deren Sohn Korax auf der Jagd durch
den Sturz von einem Felsen den Tot fand.
Der Fels erhielt den Namen Fels des Korax;
Arethusa aber erhängte sich aus Trauer an
einer nahen Quelle, die nach ihr benannt ward.
Eust. u. Schot, zu Od. 13, 408. — 6) Kreterin,
welche dem Thersandros am Flusse Lethaios
den vor Troja von Aineias getöteten Hyllos 2
gebar, Quint. Sm. 10, 80. — 7) Ein Hund
des Aktaion, Hyg. f. 182. [Stoll.]
Aretias (Aggzidg), die Insel, auf welcher die
Argonauten (s. d.) die Söhne des Phrixos treffen.
(Ap. Bh, 2 Schlufs). Auf ihr hausen die 'arei-
schen’ (Ap. Bit, 2, 1033), todbringenden Stym-
phaliden, die 'aliminae Martis ’ ( Serv . Aen. 8,
300), vgl. Bhcin. Mies. 37 S. 308. Wie schon
der Name andeutet, war Ares (St. ’Agqz-) Herr
der Insel, die ursprünglich wohl das Toten- 3
reich der Aresreligion darstellt nach der weit
verbreiteten Auffassung des Jenseits als Insel:
vgl. H. I). Müller, cAres’ S. 101. K. Tümpel,
r Ares und Aphrodite ’ Fleckeis. Jahrbb. Suppl.
11 S. 708 ff. Später wurde sie lokalisiert an
der Küste von Pontos (Arr. peripl. § 16, 4 u. a.)
und als irdisches Reich gefafst. Sie soll dann
von Otrera (s. d.) , der Tochter des Ares, be-
siedelt worden sein (nach Timaget. Schot. Apoll.
Bhod. 2, 1031 = Müller, FHG 4 p. 520); als 4
ihre Herrscher werden genannt Askalaphos
und Ialmenos (s. d.) , Söhne des Ares. Vgl.
O. Müller, Orchom. S. 283. [Crusius.]
Areto (’Agszco), Amazone auf einer Hydria:
Bröndsted, Vases of Campanari No. 28 [vgl.
G.I.Gr. 7573. 7676.] [Roscher u. Klügmann.J
Aretos (Aggzog), 1) Sohn des Priamos, von
Automedon erlegt, II. 17, 494. 517. Apollod.
3, 12, 5 (Arretos). — 2) Sohn des Nestor, Od.
3, 414. Apollod, 1, 9, 9. — 3) Sohn des Bias 5
und der Pero, Bruder des Perialkes und der
Alphesiboia, Pherekydes b. Schot. Od. 11, 287.
— 4) Heerführer des Bakchos in Indien, Norm.
Ilion. 32, 188. — 5) Ein Bebryker , von dem
Argonauten Klytios im Kampfe getötet, Ap.
Iih. 2, 65. 114! 117. [Stoll.]
Argaios ( Argqeus ) hiefs Justin. 13, 7 nach
früherer Lesart ein Sohn des Apollon und
der Kyrene, Bruder des Nomios, Aristaios und
Autuchos; jetzt wird dort richtiger Agreus e
(’Aygsvg) gelesen nach Find. Pyth. 9, 65. Diod.
4, 81. Ap. Bh. 2, 507. S. Aristaios und Ag-
reus. — 2) Jüngster Sohn des Temenos, Paus.
2, 28, 3, s. Deiphontes. — 3) Beiname des Zeus
in Kappadokien, Eckhel D. N. 3, 189. Ger-
hard, gr. Myth. 1. § 198, 3. [Stoll. |
Ai’galos (Agycdog), Sohn des Amyklas und
dessen Nachfolger in der Herrschaft über Lake-
Argei 496
daimon, Bruder des Kynortas und Hyakinthos
Paus. 3, 1, 3. [Stoll.]
Arge (’Agyri), 1) Eine Jägerin, die, weil sie
einem vor ihr fliehenden Hirsch zurief, sie wolle
ihn einholen , wenn er auch die Schnelligkeit
der Sonne hätte, vom Sonnengott aus Zorn in
eine Hirschkuh verwandelt ward, Hyg. f. 205.
Gerhard, auserl. Vasenbilder 2 S. 52 fl. Preller,
gr. Myth. 2, 197. — 2) Eine hyperboreische
Jungfrau, welche mit der Jungfrau Opis nach
Delos gekommen war und dort gleich dieser
an ihrem Grabe verehrt und in Hymnen an-
gerufen wurde, Ilerodot. 4, 35. Müller, Dorier
1, 369. Welcher, gr. Götterl. 2, 351. Sclmartz,
de ant. Apoll, not. 53. Lauer , System 266.
289. Preller, gr. Myth. 1, 239, 1. Gerhard,
Myth. 1. § 320. — 3) Kretische Nymphe, von
Zeus geliebt, Plut. de fluv. 16, 3. — 4) Hund
des Aktaion, Hyg. f. 181. [Stoll.]
Argei. Überlieferung: a) Nach Varro de
l. 1. 5, 45 — 54 lagen siebenundzwanzig oder
besser (vgl. Boeper lucubr. pontif. P. 1. Ged.
1S49. p. 19 fl'. Marquardt, B. A. 4, 200.
Jordan, Top. 2 p. 238. Müller, Festus p. 385,
vgl. jedoch Dionys. 1 , 38) nach 7 , 44 vier-
undzwanzig Argea oder Argeorum sacella oder
sacraria rings in den vier ältesten latinisch-
sabiiiischen Regionen Roms verteilt; diese Ar-
gea sind vielleicht mit Mommsen ( inscr . lat.
ant. p. 393 f.) als Mittelpunkt der Compita zu
betrachten, wozu sowohl die Worte des Varro
a. a. O. Beliqua Urbis loca olim discreta, quom
Argeorum sacraria in septem et XX partis ur-
bis sunt disposita stimmen würde u, als auch
die aus den Inschriften meist ersichtliche Lage
auf erhöhten Punkten, wie solche auch sonst
als Mitte der Ortschaften betrachtet zu wer-
den pflegen.
b ) Zu jedem dieser sacella zogen nun die
Einwohner des betreffenden Quartiers am 16.
und 17. März ( Ooid . Fast. 3, 791, vgl. En-
nius , frg. 123 — 124 ed. Vahlen.) Dafs sich
dabei schon die Fiaminica Dialis in Trauer
beteiligt habe, ist aus der Übereinstimmung
der Worte des Ovid: itur ad Argeos und des
Gellius n. a, 10, 15 cum it ad Argeos schwer-
lich zu schliefsen (vgl. Plut. Q. B, 86.)
c) An den Iden des Mai (Dion. 1, 38, 97.
Ovid. Fast. 5, 621), d. h. am 15. (nicht, wie
bei Grimm, Marquardt, Preller und Mannhardt
im Texte steht, am 13.), wurden dann 24 aus
Binsen geflochtene Menschengestalten (Varro
de l. I, 7, 44. Dion. 1, 38 nennt 30), die eben-
falls Argei hiefsen, mit gebundenen Händen
und Füfsen durch die Vestalinnen vom pons
sublicius herab in den Tiber gestürzt (Paul.
Diac. p. 15. Fest. p. 143, 16). Bei dieser Cere-
monie, die Plut. Qu. Born. 86 zbv gl yiazov
zäv yKx&agycbv nennt, waren die Pontifices,
nachdem sie, wie stets an den Iden, ein weifses,
weibliches Lamm geopfert, so wie die Prä-
toren und Vollbürger anwesend (Dion. a. a. 0.
Ovid. Fast. 1, 56. Paul. Diac. p. 104, 17).
Auch erschien die Fiaminica Dialis mit trauern-
der Miene, ungekämmt und ungewaschen (s. o.).
d) Das Opfer wurde dem Saturnus (Lact.
I. 1, 21, 6 u. epit. ad Pcntad. 23, 2. Ov. Fast.
5, 627.) oder Kgovog (Dion. a. a. O.) oder dem
Dis pater ( Festus p. 334. "Alöt\ g nach Macrob. 1,
| 7, 28) dargebracht, und man erzählte, es seien
in alter Zeit Greise von 60 Jahren in den
Flufs gestürzt worden, bis Hercules diese Sitte
abgeschafft und durch das Opfer der Biusen-
idole ersetzt habe. Es wird dann auch eine
etymologische Sage aufgeführt, nach der die
Argei mit den argivischen Begleitern des Her-
cules identisch wären ( Macrob . a. a. 0. u. 1,
11, 47. Fest. a. a. 0. Ovid. Fast. 5. 650—660.
R. Sachs, die Arg. 2 p. 3 ff.). Obwohl man
also in späterer Zeit die eigentliche Bedeutung
dieses Brauches nicht mehr kannte , hat er
sich doch sehr lange erhalten; gewifs fand das
Opfer noch in der ersten Hälfte des zweiten
Jalirh. n. Chr. statt ( Plut . Qu. R. 32).
Deutung: a ) Grimm D. 31. p. 733 Anm.
4 vergleicht das Tod- resp. Winteraustragen
zu Lätare, wogegen Preller, R. AI. p. 516, 2
mit Recht erinnert, dafs dem die Jahreszeit
nicht entspricht. Preller denkt an das jähr-
liche Opfer, das der Stromgott oder die Nixe
an vielen Orten verlange. Mannhardt, a. W.-
u. F.-K. p. 269 ff. stellt das Argeeropfer den Mitt-
i sommerbräuchen, d. h. dem Hinaustragen des
sterbenden Frühlingsdämons (Jarilo) und seiner
! Wassertauche, einem Regenzauber, gleich, wo-
bei er eine Verschiebung aus dem Hochsommer
in den Mai durch Beziehung auf die Vestalien
wahrscheinlich zu machen sucht.
b) Diese Annahme ist aber durchaus un-
nötig, da andere Gebräuche beweisen, dafs der
Erntebeginn wirklich im Mai gefeiert wurde.
IVgl. Serv. Verg. Ruc. 8, 82. Uenzen, acta fr.
Arv. p. 26 ff. Preller R. 31. p. 426 Anm. 3. —
Man denke auch an die im Mai gefeierten at-
tischen Thargelien und vergl. A. Mommsen,
gr. Jahreszeiten 1 p. 41, p. 54 u a.)
c ) Demnach ist das Argeeropfer auch ohne
solche Verschiebung als ein vorbedeutender
Erntegebrauch zu fassen, bei dem wohl ur-
sprünglich wirklich, wie die Sage angiebt, der
Tod des Getreidedämons durch den eines Men-
i sehen zugleich symbolisch dargestellt und ge-
sühnt wurde. Es wäre dann zunächst neben
die porca praecidanea , sowie das praemetium
Izu stellen; denn nur durch diese Nebenbedeu-
tung einer Bufse erklärt sich, dafs jedes Com-
pitum ein solches Opfer stellte, und also auch
in jedem derselben (vielleicht im Mittelpunkte
s. o.) eines der Argea lag.
d) Bei der Einstimmigkeit der Überlieferung
müssen wir also annehmen, dafs dabei Greise
von über sechzig Jahren in den Flufs gestürzt
wurden {Paul. I)iac. p. 75. Festus p. 334. Varro
bei Nonius p. 61a G. u. p. 145b. Lactant. epit.
ad Pentad. 23, 2. Vgl. Dion. 1, 38. Prudent.
c. Symmach. 2, 295. Cicero pro Roscio Am.
35, 100. Gatull. 1 7, 8, 23. Siehe auch Wagner,
Lüneburger Pr ogr. 1831. Rüper p. 13 ff. Schweg-
ler 1, 382. Marquardt R. A. 4 p. 202 Anm.
1213), ein Gebrauch, für den sich auch in der
Urgeschichte anderer Nationen vielfache Ana-
logieen finden ( J. Grimm, d. Rechtsalt. p. 486 ff.
Schwegler 1, 382 Anm. 20. Roeper p. 18. 3Iann-
1 iardt , Baumle, p. 364). Sind doch bei den
ebenso von den Strafsenquartieren gefeierten
Uompitalien die aufgehängten Puppen u. s. w.
jedenfalls auch statt früherer Menschenopfer
eingetreten {Marquardt a. a. 0.); merkwürdig
genug werden sie nach der Mania selbst 31a-
niae genannt, wie Argei sowohl die Binsen-
männer als die sacella, resp. die in denselben
verehrte Gottheit bezeichnet {Liv. 1, 21).
e) Die Zahl 24 erinnert dabei an die der
palatinischen und collinischen Salier, so dafs
sie also auch als ein doppeltes 12 System zu
betrachten wäre, und, wie diese, ursprünglich
zur einen Hälfte den Latinern, zur andern den
Sabinern zukommeu würde, wofür auch die
Beschränkung der Argea auf die Subura, regio
Fsquilia, Collina und Palatina spricht. Da-
gegen berichtet freilich Festus p. 334 s. v.
Sexagenarios nach Alanilius, einem Zeitgenos-
sen des Sulla, es sei nur ein Sexagenarius
geopfert worden, an dessen Stelle die Binsen-
figuren getreten wären, und Lactant. 1. 1, 21
bestätigt dies gegen Ovid, der {Fast. 5, 623
■ — 31) von 2 solchen Opfern spricht. Wenn
diese Beschränkung der Zahl nicht aus dem
auch sonst hervortretenden Streben der spä-
teren Berichterstatter, diese Grausamkeit ihrer
Vorfahren abzuleugnen oder zu vermindern
(vgl. Non. Marc. p. 358b ed. G., Ovid. F. 5,
623 u. 633. Festus p. 334b., Macrob. Sat. 1,
5, 10) hervorgegangen ist, so dürften dabei
verschiedene Zeiten in Betracht kommen (Com-
pita — Stämme — Staat; bei Ersetzung durch
die Binsenfiguren ging man auf ersteres zurück).
f ) Da nun die Sonne das Getreide belebt,
aber auch wieder tötet, so wird ihr das Opfer
dargebracht, so bei den Ioniern dem Apollo
@aQyfßi.o? (auch Menschenopfer), hier dem
Saturnus-Kronos , für welchen dann, als man
nur noch an die Ernte und den Tod dachte,
Hades - Dis pater eintrat. Der Greis ist da-
bei sicher ein Bild des vertrockneten Getrei-
des , wie ja auch Kronos-Saturnus selbst als
Symbol des Alters und der verlebten Natur
{Preller, gr. 3Iyth. 1 p. 44) aufgefafst wirfl.
g) Diese Opfer wurden gewifs, wie aus den
vielen von Mannhardt beigebrachten Analogieen
hervorgeht , ursprünglich in frisches Grün ge-
hüllt; als aber später nur noch die Hülle übrig
blieb, ersetzte man diese in der Stadt durch
die noch heute zu künstlichen Flechtereien in
Rom so vielfach verwendeten immergrünen
Binsen, aus denen sich leichter und eleganter
eine menschenähnliche Gestalt herstellen liefs
(vgl. Grimm D. 31. 731. Mannh. W.- u. F.-K.
p. 264), wie ja an anderen Orten bei dem-
selben Gebrauch das Laubwerk zuletzt sogar
nur noch durch grüne Kleider angedeutet wurde
{3Iannh. Bk. p. 317. 368. 426. 448.)
h) Ferner erinnert das Hinabstürzen in den
Landesflufs an das Begiefsen des Erntemais
und des in die letzte Garbe eingebundenen
Schnitters mit Wasser oder das Hinabstürzen
desselben in einen Bach oder Teich {Mannh.
Bk. 215 u. a m. ; auch symbolisches Ent-
haupten desselben kommt vor), in welchen
Gebräuchen überall ein Regenzauber, d. h.
jedenfalls das vorbedeutende Wiederaufleben
des erstorbenen Getreides durch den Einflufs
des Regens im nächsten Jahre zu suchen ist.
Auf Menschenopfer deutet aber gewifs auch
io
20
30
40
50
60
499
500
Argei
die Erzählung, dafs sich bei einer Hungersnot
im Jahre 440 v. Chr. viele Plebejer freiwillig
in den Tiber gestürzt hätten; wahrscheinlich
geschah dieses aber nur, um die Getreidegott-
heiten zu versöhnen und so die Hungersnot zu
beenden (Liv. 4, 12.)
i) Die den Zug begleitende Flaminica
Dialis vertritt wohl die römische Stadtflur,
die den Tod ihrer Kinder betrauert, während
Yestalinnen und Pontifices, wie bei den For-
dicidien, das Opfer an Stelle des römischen
Volkes, d. li. der dabei allein anwesenden
Vollbürger, darbringen. Die Prätoren mö-
gen erst später, etwa seit Übergang an den
Gesamtstaat, ebenso wie bei dem dem Her-
cules als Segen spendenden Genius vom Praetor
urbanus gebrachten Opfer an der Feier Anteil
erhalten haben.
k) Was dürfte nun die Feier am 16. und
17. März bedeuten? Wenn wir bedenken, dafs
die Mamuralien, d. h. die Austreibung des al-
ten Jahres oder des Winters, wie es sonst
heifst, unmittelbar vorher (wohl am 15. März
s. Mar cp B. A. 4 p. 375) begangen wurden,
so mufs dieser Besuch der Argeerkapellen, der
jedenfalls mit einem Opfer verbunden war, als
eine Feier des einziehenden Vegetationsgeistes
gefafst werden. Es mögen vielleicht in diesen
sacellis (ohne Dach? vgl. Fest. p. 318 u. 319
s. v. sacella) wirklich in alter Zeit schon vom
16. März an die Opfer bereit gehalten worden
sein, ein Gebrauch, der möglicher Weise Ver-
anlassung zu der (ev. freilich rein etymologi-
schen) Erzählung von dem in einem solchen
festgehaltenen (daher arcaea) und verborge-
nen Greise Veranlassung gab (Fest. p. 334 b
7). In späterer Zeit aber wurden dann wohl
die Binsenpuppen daselbst aufgestellt, worauf
aufser den Worten des Ovid. F. 3, 791 itur
ad Argeos auch der Umstand deutet, dafs die
sacella selbst in der priesterlicken Sprache (Liv. 1 ,
21) als Argei bezeichnet werden. (Vgl. auch Glos-
sar. Labb. Argiarra ugud'gv gccra, ersteres wohl
aus Argea XXIV). In diesem Falle wäre dies
direkt mit der Aufrichtung des Maibaums in
jedem Viertel oder jeder Strafse zumal fran-
zösicher Städte zu vergleichen (Manrih. Bk.
p. 169.)
T) Etymologie. Nach Göttling , Gesch.
d. röm. Staatsvei-f. p. 61 bedeutet Argei (vgl.
Festus p. 334 Argea) die Sünden Abwendenden,
die Versöhner (von arcere ), was bei der er-
schlossenen Bedeutung der Argeer wenig Wahr-
scheinlichkeit hat. Ebensowenig entspricht
dem die Ableitung Hartungs (Bel. der Bömer
2 p. 104) von agyos Ebene, und die Klausens
(Aen. u. die Pen. 2, 937 ff.) von Wurzel arg —
weifs. Wenn wir dagegen bedenken, dafs der
Getreidedämon meist als Wolf vorgestellt wird,
und dafs auch der Mensch oder die Garbe, die
ihn vertreten, gewöhnlich diesen Namen füh-
ren (Mannhardt , Iioggenwolf od. Boggenhund.
Danzig 1865. W - u.F.-K. p. 318 ff.), so wäre
vielleicht an das als Grundform für dieses
Wort anzusetzende varka-s zu denken. Der
Übergang des k in g bietet dabei, wie Corssen,
A. u. B. d. I. Spr. 1 p. 77 ff. beweist, keine
Schwierigkeit. Ebensowenig die Länge der
Argeios
vorletzten Silbe, vgl. Bitschi, Progr. der Bon-
ner Vorl. 1853. 1 p. 5 und B. Sachs a. a. 0.
2 p. 10, 3 ; allerdings würde noch leichter die
Form Argi als Argei daraus entstehen können.
Das sonst zwar im Lateinischen noch nicht
nachgewiesene Schwinden des v vor vocali-
schem Anlaut dürfte hier durch das sabinische
irpus (Festus p. 106 s. v. Irpini, vgl. Prel-
ler, B. M.3 1, 269. 1) gesichert sein. So blieb in
dem sacralen Wort die altertümliche Form,
während sich sonst das vielleicht auch dia-
lektisch davon verschiedene lupus aus demsel-
ben Stamme entwickelte.
m) Litteratur. Bunsen, Beschr. d. St.
Born 1 p. 146 ff. , 688 ff'. Müller in Böttiger,
Archäol. 1, 1 p. 69 f. und ad Festum p. 385.
Hartung , Bel. d. Beim. 2 p. 103 ff. Huschke,
Verf. d. Serv. Tüll. p. 62ff, 86ff, 706 ff*. Am-
broscli, Studien 1 p. 198, 211. Klausen , Aeneas
2 p. 934 ff. Hertzberg, de düs Born, patriis
p. 54 ff. Göttling, G. d. B. Staatsverf. p. 59,
191. Mommsen, d. röm. Tribus p. 15 ff, 211 ff.
Boeper, lucubr. pont. spec. p. 8 — 29. Sclnvegler,
B. G. 1 p. 379 ff. Marquardt, röm. Alt. 4 p. 200 ff.
Preller, röm. Myth. 2 2 p. 135 ff. B. Sachs, die
Argeer im römischen Kultus , Progr. v. Metten
1865/66 u. 1867/68. Mannhardt, a. Wald- und
Feldkulte p. 265ff. Jordan, Top. 2, 237 ff. Über
das Sprachliche in den Argeeriuschriften: Prei-
bisch, Tilsiter Osterprogr. 1867 p. 61 u. Havet,
Mem. de linguist. 4, 234ff. [Steuding.I
Argeia (’Agysia), 1) Tochter des Okeanos
und der Tethys, Schwester und Gemahlin des
Inachos, dem sie den Phoroneus und die Io
gebar, Hgg. Praef. p. 28 Bunte. F. 143. 145.
— 2) Mutter des Pelasgos , nach welcher Ar-
gos Pelasgikon in Thessalien benannt war,
Schol. II. 2, 681. — 3) Gemahlin des Polybos
(nach andern des Danaos), Mutter des Argos,
der die Argo baute, Hyg. f. 14 p. 41. — 4)
Tochter des Adrastos und der Amphithea,
Gemahlin des Potyneikes, dem sie den Thers-
andros gebar, Apollod. 1, 9, 13. 3, 6, 1. Diod.
4, 65. Hellaniltos u. Mnascas b. Schol. Eurip.
Phoen. 71. 410. Schol. II. 4, 376. 5, 412. Hyg.
f. 69. Serv. Verg. Aen. 2, 261. Sie bestattete
mit Antigone die Leiche ihres Gemahls, Hyg.
f. 72, s. Antigone. Nach Hesiod. b. Schol. II.
23, 679 kam sie nach des Oidipus Tod nach
Theben zu dessen Bestattung, s. Adrastos. —
5) Tochter des Autesion, Gemahlin des Hera-
kliden Aristodemos, Mutter des Eurystheues
und Prokies, Herodot. 6, 52. Paus. 3, 1, 6. 4,
3, 3. Apollod. 2, 8, 2. Diogenian. Vind. 1, 83.
— 6) Eine Nymphe, Steph. B. v. 'Tllsüg. —
7) Beiname der Hera, s. d. [Stoll ]
Argeios (’Agysio?), 1) einer der Kentauren,
welcher bei dem Versuch, die Höhle des Pko-
los zu stürmen, von Herakles erschlagen wurde,
Diod. 4, 12. — 2) Sohn des Likymnios, der
dem Herakles in seinem Kampfe gegen Lao-
medon (oder gegen Eurytos, Apollod.) beistand,
dabei aber umkam und von Herakles feierlich
bestattet wurde, nach der Sage die erste F eier-
lichkeit der Art. Andron b. Schol. II. 1, 52.
Apollod. 2, 7, 7. Preller, gr. Myth. 2, 235, 4.
— 3) Niobide, Plierekyd. b. Schol. Eur. Phoen.
159. Stark Niobe 96. — 4) Sohn des Deiphon-
501
Argeiphontes
Argo
502
tes, Paus. 2, 28, 3. — 5) Solin des Pelops
und der Hippodameia, heiratete die Tochter
des Amyklas, Hegesandra, welche ihm den
Alektor gebar, Pherekyd. b. Schol. Od. 4, 22.
Schol. Eur. Or. 5. — 0) Ein Argeios trat hei
den Leichenspielen des Pelias, die auf dem
Kasten des Kypselos dargestellt waren, als
Kämpfer im Laufe auf, Paus. 5, 27, 4. [Stoll.]
Argeiphontes (’Agyeicpovzgg), s. Hermes.
Argele (’Agyilg) , Thespiade , welche mit
Herakles den Kleolaos zeugte, Apollod. 2, 7, 8.
^ [Stoll.]
Argennos, Argynnos ("Agy swog, ’Agyv wog,
d. i. Weifsling, mit Bezug auf seine jugend-
liche Schönheit, die zarte weifse Haut; vgl.
die weifse Schulter des Pelops,
Find. Ol. 1, 27), ein schöner Jüng-
ling, Sohn der Peisidike, derToch-
ter des Athamantiden Leukon
(vielleicht Sohn der Peisidike und
des Leukon), aus der Gegend von
Orchomenos und des Kopaissees
(der auch Aevxcavi'g hiefs). Als
er seiner Gewohnheit gemäfs sich
im Kephissos badete, sah ihn Aga-
memnon (s. d.), der in Aulis mit
seiner Flotte weilte, und fafste
Liebe zu ihm. Argennos ertrank
im Kephissos (Agamemnon ver-
folgte ihn auf der Jagd, und er
stürzte sich in den Flufs), und
Agamemnon begrub ihn und er-
baute der Aphrodite Argennisoder
Argynnis, einer Göttin lydischer
Knabenliebe, in jener Gegend
einen Tempel. Im Hause der Pe-
lopiden soll die aus Lydien nach
Hellas gebrachte Knabenliebe auf-
gekommen sein, weshalb hier Agamemnon mit
Argennos zusammengebracht wird. Des Argen-
nos Liebling war Hymenaios, nach Likymnios
und Chios bei Athen. 13, 603 d. Steph. Byz. v.
'Agyvvvog. Flut. Gryll. 7. Plianokles b. Clem.
Alex. Protr. p. 32. Propert. 3, 7, 31. Welcher ,
Trilog. S. 356. Gr. Götterl. 2 S. 383. Rhein.
Mus. f. Philol. N. F. 4, 404. Müller, Orchom.
S. 215. Gerhard, gr. Myth. § 362, 2. [Stoll.]
Argentinus s. Indigitamenta.
Argepos (’ 'Agygnog ), Sohn des Kepheus, Vor-
fahre des Parthenopaios , Hellanikos b. Schol.
Eurip. Phoen. 150. [Stoll.] [Roscher.]
Ar ges (’Agygg), einer der Kyklopen (s. d.)
Argiope ( ’Agyiony ), 1) eine Nymphe am Par-
nafs, mit welcher Philammon Umgang pflog;
da er ihr aber die Ehe verweigerte, begab sie
sich nach Thrakien und gebar dort den Tha-
myris. So war also Thamyris ein Thraker.
Apollod. 1, 3, 3. Paus. 4, 33, 4. Schol. 11. 2,
595. — 2) Tochter des Königs Teuthras von
Mysien. Der Vater verheiratete sie an Tele-
phos, der dadurch sein Nachfolger in der Herr-
schaft wurde, Diod. 4, 33. — 3) Tochter des
Neilos, Gemahlin des Agenor, dem sie den
Kadmos, die Europa u. s. w. gebar, Pherekyd.
b. Schol. Ap. Rh. 3, 1186. Ilyq. f. 6. 178. Sie
leifst Antiope, Tochter des Belos bei Schol.
Eur. Phoen. 5, wo Valcken. vorschlägt: ’Ag-
nongg Neilov. [Stoll.]
Argios ('Agyio g), Aigyptide, vermählt mit
der Danaide Euippe, Apollod. 2, 1, 5. [Stoll.]
Argo, das Schiff, auf welchem die Argo-
nauten unter des lason Führung das goldene
Vliefs holten, novronogog vrjvg ’Agyw Ttaoi gs-
Xovccc Hom. ft. 69, vaiig Aoyovg Find. Pyth. 4,185.
Sie soll das erste grofse Schiff gewesen sein,
nach andern das zweite nächst dem, welches
den Danaos nach Argos trug, Schol. Ap. Rh.
io 1, 4 (z. T. nach PhereJcydes), Schol. Eur. Med.
1. Tzetz. Lylc. 883. Gebaut wurde sie unter
der Leitung der Athene (Ap. Rh. 1, 19. 2,
1187. Apollod. 1, 9, 16. Hyg. f. 14 — nach
anderen der Hera Find. Pyth. 4, 185. Val.
Flacc. 1 , 305) von Argos , dem Sohne des
Bau der Argo (?) unter Athenes Leitung (Terrakottarelief des Britischen
Museums).
Phrixos ( Pherekydes bei Schol. Ap. Rh. 1 , 4.
40 Apollod. 1, 9, 16) oder dem Sohne des Arestor
(Ap. Rh, 1, 111. 2, 1188. Val, Fl. 1, 93. 124
— des Polybos Hyg. f. 14) oder nach Possis
bei Athen. 7, 12 von Glaukos oder nach Ptol,
Heph. bei Phot, hihi, p. 147, 28 von Herakles.
Als Bauort galt Pagasai (ngyvvgi) , Kallima-
chos bei Hyg. astr. 2, 37. Schol. Ap. Rh, 1,
238. Strah. 9, 436. Plin. h. n. 4, 8; das Holz
war auf dem Pelion gefällt, Eur. Med. 3. Ap.
Rh. 1, 386, 525 (ngheig) 2, 1188. Diod. 4, 41,
50 nach Ptol. Heph. a. a. O. auf dem Ossa, nach
Plin. h. n. 12, 22 von ionischem Holz gezim-
mert, das im Wasser nicht faulte. Die Göttin
brachte darin ein Stück von dem Holz der
dodonischen Eiche an, welches die Gabe zu
sprechen und zu weissagen besafs, Apollod. 1,
9, 16. Ap. Rh, 1, 52411'. Val. Flacc. 1, 302.
Claud. h. gct. v. 14. Tzetz. Lylc. v. 1319; da-
her dichtete auch Aischylos: 'ng S’ tozlv ’Aq-
yovg lqov ccväaoov tgvlov’ Philon. Jud. 2
60 p. 468 , vergl. Hyg. astr. 2, 37. Lykophr.
v. 1370. C. I. Gr. 4721. Das Schiff galt als
Fünfzigruderer, Apollod. 1, 9, 16. Orph. Arg.
v. 302, daher mit fünfzig Helden bemannt,
eine Zahl, die in den erhaltenen Verzeichnissen
um einige Namen überschritten wird, (s. Argo-
nautensage II). Nach Vollendung der Fahrt soll
lason das Schiff dem Poseidon auf dem Isth-
mos geweiht haben, Apollod. 1, 9, 27. Diod.
503 Argonautensage (n. Ap. Eh.)
4,53; ein Bruchstück davon glaubte man noch
zur Zeit des Martialis zu besitzen Mart. 7, 9;
die Argo unter die Gestirne versetzt, Eratost.
Kal. 35. Arat. Phain. 342 ff. Cic. Ar. 126.
Hyg. f. 14. astr. 2, 37.
Schon die Alten leiteten den Namen fArgo’
verschieden ab: von dem Baumeister Argos,
PhereJcydes b. Schol. Ap. Pli. 1, 386. Apollod.
1,9, 16. Diod. 4, 41. Schol. Eur. Med. 1.
Etym. M. s. v. Hyg. astr. 2, 37, von Argos,
dem Sohne des Iason, als dem Lieblinge des
Erbauers Herakles, Ptol. Hepli. 2, von dem
Bauort Argos, Hegesandir bei Tzetz. Lylc. 877.
Etym. M. s. v., von der Bemannung, den Ar-
givi , poeta vetus bei Cic. Tusc. 1, 20, von ap-
yog „schnell“, Diod. 4, 41. Schol. Eur. M. 1.
Et. M. s. v. Hyg. astr. 2, 37. Serv. Verg. Ed.
4, 34. Bei Gregor v. Tours steht Argis im
Sinne von navis s. Du Cange, gloss. s. v. Ab-
leitung aus dem Semitischen, s. W eichert, Leben
des Ap. Pli. p. 126 Anna. Die Neueren bien
ben entweder bei der antiken Etymologie von
aQyog „schnell“, wie Preller, gr. Myth. 2, 324,
Anrn. 1, oder erklären Argo von ciQyög „weifs“
als das „Lichtschiff“, Gerhard, gr. Myth § 686,
3 c. M. Duncher, Gesch. d.Alt.3, 43; dagegen
leitet A. Kuhn, Abh. der Perl. Alcad. 1873. 138 ff.
den Namen von sk. rag ani „Nacht“ ab („die
Fahrtim Dunkel des Nachthimmels“). Forchham-
mer, Jahrb. für lcl. Pli. 1S75. 391 ff. deutet ihn
„Nässe“. Das Weitere s. im folgenden Artikel
unter bildliche Darstellungen. [Seeliger.]
Argonautai und Argonautensage.
I. Übersicht nach desApolloniosRlio-
dios Argo nautika (vgl. Apollod. bibl. 1, 9, 16
— 26). Pelias, der König von Iolkos, hatte das
Orakel erhalten, er werde durch den Mann mit
einem Schuh umkommen. Als nun Iason,
der im Anauros den einen Schuh verloren hatte,
in diesem Aufzug zum Opferschmaus, den Pe-
lias dem Poseidon darbrachte, gekommen war,
gebot ihm der König die gefahrvolle Fahrt
nach Kolchis, von wo er das goldene Vliefs
holen solle. Das Schiff, nach Anweisung der
Athene von Argos gebaut und Argo (s. d.) ge-
nannt (einen Fünfzigruderer, Apollod.), bestie-
gen am Strande des magnesisehen Hafens Pa-
gasai die aus ganz Griechenland berufenen
Helden. Herakles, der einstimmig zum Füh-
rer erwählt wurde, entsagte zu gunsten Iasons.
Nach Verlosung der Plätze — die mittelste
Bank wurde ohne weiteres an Herakles und
den Tegeaten Ankaios abgetreten — nach Opfer
und Gebet zum Apollon ayixiog und iyßuoio g
rudern die Helden mit der Morgenröte aus
Pagasai fort; Tiphys führt das Steuer. Unter
dem Gesänge des Orpheus fahren sie vorbei
am Vorgebirge Tisaion, an den Felsenklippen
des Pelion, landen abends am dolopeischen
Grabmal, wo sie dem Dolops Opfer bringen;
erst am 3. Tage fahren sie weiter die Küste
entlang am Flusse Amyros vorbei, bis sie über
Kanastron und Athos zur ersten Station, nach
Lemnos, gelangen (1, 1 — 608. Apollod. 1, 9,
16). Da die lemnischen Weiber, welche ihre
Männer ermordet haben, die Ankömmlinge für
Thraker halten und ihnen bewaffnet entgegen-
Argonautensage (n. Ap. Rh.) 504
eilen, vermittelt Aithalides als Herold den
Frieden; ja die Frauen beschliefsen auf Vor-
schlag der Polyxo die Fremden zu sich ein-
zuladen. So betritt Iason mit seinen Gefähr-
ten die Stadt und empfängt von Hypsipyle
die Einladung, auf Lemnos die Regierung zu
übernehmen. Nur Herakles bleibt mit wenigen
auf dem Schiffe zurück; er ist es, der die un-
ter reichlichen Genüssen ihr Vorhaben ver-
gessenden Helden durch ernste Mahnung end-
lich zum. Aufbruch bewegt (1,609 — 909. Apol-
lod. 1, 9, 17). In Samothrake lassen sie sich
auf des Orpheus Rat in die Mysterien einwei-
hen und fahren dann zwischen Samothrake und
Imbros am Chersones vorüber, bei Pityeia vor-
bei in den Hellespont und die Propontis zur
Insel Kyzikos. Von den Bewohnern, den
Dolionen, und ihrem König Kyzikos freund-
lich empfangen, errichten sie dem Apollo
einen Altar, am Morgen aber besteigen sie
den Dindymos, um sich über die weitere Fahrt
zu orientieren. Unterdessen werden die auf
dem Schiffe zurückgebliebenen Gefährten von
den sechsarmigen Giganten angegriffen, die
schliefslich dem Geschosse des Herakles er-
liegen. Dann segeln die Argonauten ab; in
der Nacht durch ungünstigen Wind zu den
Dolionen zurückverschlagen steigen sie wieder
aus und werden unerkannt von ihren Gast-
freunden angegriffen; die Argonauten siegen
in dem Kampfe , Kyzikos fällt von Iasons
Hand. Eine dreitägige Totenfeier sühnt den
Irrtum; nachdem der idäischen Mutter Rheia
auf dem Dindymos ein Altar errichtet worden
ist, wird die Fahrt fortgesetzt (1, 910—1152.
Apollod. 1,9, 18). Am Ausflusse des Rhyn-
dakos bei dem Grabhügel des Aigaion zer-
bricht Herakles sein Ruder und sieht sich
nach der Landung am Ivios genötigt sich im
Wald ein neues zu suchen. Inzwischen wird
Hylas vermifst, der an der Quelle Pegai von
den Nymphen herabgezogen worden ist. Wäh-
rend Herakles undPolvphemos nach ihm suchen,
fährt die Argo unter günstigem Wind weiter;
die Weissagung des Glaukos, dafs Herakles
nicht beschieden sei zur Stadt des Aietes zu
kommen , macht jedem Bedenken ein Ende.
(1, 1152—1362. Apollod. 1, 9, 19).
Am Vorgebirge Posideion (1, 1279) vorbei
gelangen die Argonauten zu Amykos, dem
König der Bebryker , der dem Polydeukes
im Faustkampf erliegt; die Bebryker, die ihren
König rächen wollen, werden blutig zurück-
geschlagen. Am Eingänge des Bosporos tref-
fen sie auf den Agenoriden Pliineus. Der
blinde Seher wird durch die Boreaden Zetes
und Kalais von den Harpyien, der. täglichen
Qual, befreit und offenbart zum Dank dafür
die den Argonauten drohenden Gefahren.
Nachdem sie den zwölf Göttern am asiatischen
Strand einen Altar errichtet haben, fahren sie
weiter und gelangen unter dem Beistand der
Athene ebenso glücklich, wie die von Eupke-
mos losgelassene Taube, durch die Symple-
gaden. (2, 1—618. Apollod. 1, 9, 20—22). In
den Pontos gelangt fahren die Helden zur
Mündung des Phyllis, am Denkmal des Pi-
psakos vorbei zur Mündung des Kalpes und
äf
;«
%
?
A
i
tu
a
st:
‘.Hü
nul
WDt
ithr
1«]
labe
ke-
ilt;
Fahr
len
neu
Sape
len
lia,
ies i
tag
fiele
u
la
1(5 1
.lebe.
!k s
Eros
•oim-
it:
üt
Wb
Mil.
ä!':
Ire i
iepe
r ret
it® x
U-u
ü-
&i
Übe
kn
y
Ü*
«Lai
iiio
505 Argonantensage (n. Ap. Eh.)
laufen im Hafen der unbewohnten Insel Thy-
nias ein, die sie dem ihnen erscheinenden
Apollon sd)io? weihen, indem sie sich zugleich
durch Eidschwüre zu ewiger Eintracht ver-
pflichten. Nach dreitägiger Rast setzen sie
die Fahrt bis in den Hafen des acherusischen
Vorgebirges fort, wo sie von dem Fürsten der
Mariandynen Lykos bewirtet werden. Hier
verlieren sie den Seher Idmon, der von einem
Eber verwundet wird, und den Steuermann 1
Tiphys durch Krankheit; an dessen Stelle tritt
der Samier Ankaios , Poseidons Sohn. Am
Acheron und Kalliclioros vorbei fahren sie
zum Grabmal des Aktoriden Sthenelos, dessen
Schatten ein Opfer erhält; beim Orte Lyra er-
bauen sie dem Apollon vstjgooos einen Altar.
Weiter geht die Fahrt zum Vorgebirge Ka-
Irambispbei Sinope werden Deileon, Autolykos
und Phlogios, die Herakles gegen die Ama-
zonen begleitet haben, aufgenommen; von da 2
fährt man am Halys und Iris vorbei zum Ther-
modon und weiter zur Insel Aretias (s. d.), wo
fabelhaite, deu Stympbaliden ähnliche Vögel
durch Zusammenschlagen der Schilde ver-
scheucht werden. Hier werden auch die vier
Söhne des Phrixos und der Chalkiope, Argos,
Kytissoros, Phrontis und Melas, die auf der
Fahrt nach Hellas begriffen schiffbrüchig an
den Strand geworfen worden sind, aufgenom-
men und Führer der Argonauten, die weiter 3
die Insel Philyreis, die Makronen, Becheiren,
Sapeiren und Byzeren passieren und nachts in
den Phasis hineinfahren, links die kytäische
Aia, rechts das Feld und den heiligen Hain
des Ares, wo der Drache das an einer Eiche
hängende Vliefs bewacht. Nach Spende und
Gebet geht man in einem Sumpf vor Anker
und ruht bis zum Anbruch der Morgenröte.
[2, 619 — 1285).
Iason, Telamon, Augeias, von den Söhnen 4
des Phrixos begleitet, kommen von Hera in
Nebel gehüllt unbemerkt in den Wunderpalast
des Aietes, zuerst erblickt von Medeia, der
Eros auf Befehl der von Hera und Athene ge-
wonnenen Aphrodite leidenschaftliche Liebe
nnflöfst. Als Aietes von seinem Enkel Argos
lasons Begehren erfahren hat, verspricht er,
obwohl in Zorn entbrannt, doch auf List be-
lacht, das goldne Vliefs , wenn Iason die ge-
itellten Aufgaben lösen würde. Medeia, durch 5
hre von Argos gewonnene Schwester Chal-
dope noch mehr in ihrem Entschlüsse, Iason
'.u retten, bestärkt, begiebt sich in Begleitung
7011 zwölf Jungfrauen nach dem Tempel der
lekabe und hält mit dem Helden eine Zu-
■ammenkunft, welche das Geständnis gegen-
■ eitiger Liebe und die Übergabe der prome-
heischen, gegen Feuer und Eisen schützenden
< ialbe zur Folge hat. ln der Nacht badet sich
ason im Phasis, opfert der Hekate im schwär- 6
;en Gewand und salbt seinen Körper. (3, 1 —
i.224). Am nächsten Morgen findet auf dem
. <’elde des Ares vor Aietes das Schauspiel statt.
Zuerst bewältigt Iason die auf ihn losstiirzen-
len Stiere, zwingt sie unter das Joch, ackert
las Land und streut die Drachenzähne des
vadmos aus. Gegen Abend spannt er die
’tiere aus und erwartet bei dem Schiff das
Argonautensage (n. Ap. Rh.) 506
Aufspriefsen der Saat. Als er das Feld von
Schilden, Lanzen und Helmen strotzen sieht,
greift er, der Lehren Medeias eingedenk, vom
Boden einen mächtigen Felsblock auf und
wirft ihn mitten unter die Drachensaat, wor-
auf sich die geharnischten Männer teils untei ■
einander aufreiben, teils durch Iason vertilgt
werden. (3, 1224—1407). Während aber Aie-
tes die Nacht hindurch mit den Seinigen auf
den Untergang der Minyer denkt, sendet Hera
über Medeia Furcht und Angst vor dem väter-
lichen Zorn, so dafs sie sich heimlich aus
dem Palast an den Phasis begiebt. Mit Iason
betritt sie den Hain des Ares und schläfert
den Drachen ein; das Vliefs wird von
der Eiche genommen; ehe noch Aietes und
die Kolcher morgens an den Flufs eilen, sind
die Argonauten bereits auf dem Ocean. (4, 1
— 240. Apollod. 1, 9, 23).
Mit ihrer zweifachen Beute, der Königs-
tochter und dem Vliefse, beeilen sich die Ar-
gonauten der sie verfolgenden kolchischen
Flotte zu entrinnen. Der Weissagung des
Phineus, dem Rate des Argos und den Him-
melszeichen folgend, fahren sie mitten durch
das Meer in gerader Richtung in den Istros
hinein. Von den kolchischen Schiffen geht
die eine Abteilung durch den Bosporos, die
andere unter Absyrtos, der Medeia Bruder, in
einen kürzeren Arm des Istros, gewinnt dadurch
einen Vorsprung und besetzt vor den Argo-
nauten die Mündung des Istros in das adria-
tische Meer. (Nach antiker Vorstellung fliefst
der Istros vom rhipäischen Gebirg nach zwei
entgegengesetzten Seiten.) So finden die Ar-
gonauten die Mündung besetzt; nur die beiden
Inseln der Artemis haben die Kolcher aus Ehr-
furcht vor den Göttern leer gelassen; auf der
einen landen die Argonauten. Als sich nun
beide Teile zu einem Vertrag neigen, nach
welchem das Vliefs den Argonauten überlassen
werden, Medeia aber bis zu einer schieds-
richterlichen Entscheidung im Artemistempel
bleiben soll, greift diese zum Verrat: Absyr-
tos, durch köstliche Geschenke berückt, fällt
bei seiner Zusammenkunft mit. Medeia von
Iason meuchlerisch ermordet. (Über die Zer-
stücklung des Knaben Absyrtos berichtet Apol-
lod. 1, 9, 24). Noch in derselben Nacht ent-
fliehen die Minyer, während die Kolcher durch
Hera von weiterer Verfolgung abgeschreckt
aus Furcht vor Aietes au der epeirotisch-illy-
rischen Küste und auf den benachbarten In-
seln sich niederlassen , bis zur Insel Elektris,
wo die Hy Heer sie durch die Inselgruppe ge-
leiten und dafür mit einem der pythischen
Dreifüfse beschenkt werden. Dann gelangen
sie bei der schwarzen Kerkyra, bei Melite, Ive-
rossos und Nymphaia vorbei , werden aber
durch widrige Winde von Hera nach der elek-
trischen Insel zurückverschlagen, da Zeus we-
gen der Ermordung des Absyrtos zürnt. Da die
Argo das Gebot des Zeus verkündet, sich von
der aiaisclien Kirke sühnen zu lassen, fährt
man in den Eridanos ein, aus ihm in den Rho-
danos; hier wären sie durch einen Arm des-
selben sicher in den Okeanos verschlagen wor-
den, wenn nicht Hera sie gewarnt hätte; sie
507 Argonautensage (Verzeichnis d. Arg.)
Argonautensage (Verzeichnis d. Arg.) 508
fahren also in einen anderen Arm und ge-
langen zu den ligystischen Inseln, den Stoi-
chaden, darauf zur Insel Aithalia und durch
das ausonische Meer an die tyrrhenische Küste
in den aiaischen Hafen zur Kirke, die zwar
Iason und Medeia von dem Morde des Absyr-
tos sühnt, aber, als sie in ihr ihre Nichte er-
kennt und ihre Erlebnisse erfährt, ihr befiehlt
sofort den Palast zu verlassen. (4, 241 — 752.
Apollod. 1, 9, 24). io
Unter dem Schutze der Hera setzen sie die
Fahrt fort; des Orpheus Gesang bewahrt sie
vor den Lockungen der Seirenen, denen allein
Butes zum Opfer gefallen wäre, wenn ihn
Aphrodite nicht nach Lilybaion gerettet hätte.
Mit Hilfe der Thetis gelangen sie glücklich
durch Skylla und Charybdis und über die
Plankten hinweg bei Thrinakia vorbei auf die
Insel Drepane, wo sie von den Phaiaken
und Alkinoos freundlich aufgenommen werden. 20
Hier trifft auf sie die andere Abteilung der
kolchischen Flotte, welche durch den Bospo-
ros gefahren ist, und verlangt die Auslieferung
der Medeia. Nach der Entscheidung des Kö-
nigs , clafs dieselbe nur dann statthaft sei,
wenn Iason und Medeia noch nicht vermählt
seien, besorgt seine Gemahlin Arete noch in
derselben Nacht das Beilager. (4, 753 — 1222.
Apollod. 1, 9, 25). Nach siebentägiger Rast
fahren die Argonauten bei günstigem Wind 30
weiter und sind bereits dem Peloponnes nicht
mehr fern, da verschlägt sie ein furchtbarer
Orkan auf die Sandbänke der Syrtis in Li-
byen. Einem rätselhaften Rat libyscher Schutz-
göttinnen folgend tragen die Helden ihr
Schiff zwölf Tage und zwölf Nächte auf den
Schultern bis an den tri tonischen See. Mit
Hilfe des Triton, dem ein zweiter Dreifufs ge-
weiht wird, und von welchem Euphemos die
Erdscholle als Gastgeschenk erhält, finden sie 40
den Ausgang aus dem See in das Meer und
fahren vom Westwind begünstigt nach Kreta
zu. (4, 1223-1622).
Hier erliegt Talos, der sie an der Lan-
dung im diktäischen Hafen durch Steinwürfe
zu hindern sucht, dem Zauber der Medeia. Nach
eintägiger Rast auf Kreta wird die Fahrt fort-
gesetzt; plötzlich durch Sturm in finstre Nacht
gehüllt empfangen sie durch die Erscheinung
des Phoibos einen Lichtstrahl , der ihnen den 50
Weg zu einer Sporade, Anaphe von ihnen
genannt, zeigt. Hier wirft Euphemos die
Erdscholle ins Meer, die zur Insel Kalliste
wird. Über Aigina kehren die Argonauten
durch den Euripos in den pagasaischen Hafen
zurück. (4, 1622 — 1781. Apollod. 1, 9, 26).
II Verzeichnis der Argonauten. Pin-
dar , Pyth. 4, 171 ff., nennt aufser Iason nur
zehn gottentsprossene Helden und v. 191 den
Seher Mopsos. Nach Schol. Pind. Pyth. 4, 60
303 gaben Aischylos in den Kabeiren und So-
pliolcles in den Lemniai einen Katalog der Ar-
gonauten. Apollonios 1, 20 — 233 zählt 55 He-
roen auf; sein Verzeichnis ist abgeschrieben
in den Scholien p. 535 ed. Keil, in der Eudo-
Icia Violarium 439, bei Tzetz. Lylc. 175 ( cod .
Vatic.), von Hyg. f. 14 (67 Heroen) mit Be-
nutzung der Scholien und einer zweiten
Quelle, von dem Dichter der Orphika v. 119
• — 231 (48 Heroen, v. 302 von 50 Ruderern ge-
sprochen), noch freier benutzt von Valerius
Flaccus 1, 350 — 486 (51 Heroen). Ein abwei-
chendes, übrigens aus schlechter Quelle ent-
lehntes und unvollständig überliefertes Ver-
zeichnis bringt Apollodor 1, 9, 16 (mit
Hylas § 19 und ldmon § 23 die Namen von
46 Heroen). Diod. 4, 41 nach Dionysios
von Mytilene zählt 54 Begleiter des Iason,
nennt aber nur wenige. Über das Quellenver-
hältnis vergl. M. Schmidt im Philologus 25,
427 ff. Stender, de Argonautarum ad Colchos
usque expeditione 5 ff. Ew. Meier, quaest. Ar-
gonaut. 47 ff. Von den Neueren haben die
Argonauten zusammengestellt Natalis Comes,
mythol. libri 10 p. 592, besonders Burmann
im Catalogus Argonautarum in seiner Ausgabe
des Val. Fl. Leidae 1724, abgedruckt in der
Ausgabe von Harles 1781, Krause, Catal. Arg.
Halle 1798. Fr. Vater, der Argonautenzug.
Heft 1, 125 ff. Gerhard, Mythol. 2, 51 f. ; vgl.
auch Müller, Orchomenos 2 253 ff
• -
Nur 28 Helden (mit * bezeichnet) werden
übereinstimmend als Teilnehmer bezeichnet.
*Admetos, Sohn des Pheres aus Pherai.
Aithalides, Sohn des Hermes und der Eu-
polemeia aus Alope. *Akastos, Sohn des
Pelias aus lolkos. ( Orph . v. 224). Aktor,
Sohn des Hippasos. Amplaiaraos, Sohn des
Oikles aus Argos. Amphidamas, Sohn des
Aleos aus Tegea. Amphion, Sohn des Hype-
rasios aus Pallene. Ainyros s. Steph. Byz.
s. v. *Ankaios, Sohn des Lykurgos aus Te-
gea. Ankaios, Sohn des Poseidon und der
Astypalaia aus Samos. Areios, Sohn des
Bias aus Argos. Argos, Sohn des Arestor
aus Thespiai, der Erbauer des Schiffes (n. A.
Argos, Sohn des Phrixos). Askalaphos,
Sohn des Ares aus Orchomenos, nur bei Apol-
lodoros. Asklepios, Sohn des Apollo und der
Koronis aus Trikka, nur bei Hygin. und Cle-
mens Alexandr. Stromata 1 p. 382. *Aste-
rion, Sohn des Kometes aus Peiresiai. Aste-
rios, Sohn des Hyperasios aus Pallene. Ata-
1 an te , Tochter des Schoineus aus Tegea nur bei
Apollodoros und Diod. 4,41. Augeias, Sohn des
Helios aus Elis. Autolykos, Sohn des Dei-
machos aus Trikka , kam in Sinope hinzu.
Apollod. 2, 955. Val. Flacc. 5, 114. Strabo
mos).
aus I
weif
Fl l
tos ai
des £
36t
ehlia
(48.
aus A
ins Oi
12" p. 546. Plut. Luc. 23. Azoros 6 xvßsQrrj- ^ H:
r gs rrjs ’Agyovg. Hesych. s. v. Steph. Byz.
s. v. *Butes, Sohn des Teleon aus Kekro-
pia. Daskylos, des König Lykos Sohn, Ap.
Rh. 2, 803. 814. Deileon, Sohn des Deima-
chos in Trikka, s. Autolykos. Deukalion,
Sohn des Minos aus Kreta. Hyg., nach Val.
Fl. 1, v. 366 Bruder des Amphion. Echion,
Sohn des Hermes und der Antianeira aus Alope.
*Erginos, Sohn des Poseidon aus Milet(?
Müller, Orchomenos- 257). Eri botes (Eury-
bates), Sohn des Teleon. Ery tos (Em-ytos),
Sohn des Hermes und der Antianeira aus Alope.
Eumeclon, Sohn des Dionysos und der Ari-
adne aus Phlius, nur bei Hyg. *Euphemos,
Sohn des Poseidon und der Europe aus Tai-
naron. Euryalos, Sohn des Mekisteus aus
Argos, nur bei Apollodoros. Eurydamas, Sohn
iieoi
509 Argonautensage (Verzeichnis d. Arg.)
des Ktimenos aus Ktimene. Eurytion, Sohn
des Iros. Glaukos aus Anthedon, Erbauer
und Steuermann der Argo nach Possis bei
Athen. 7 p. 296a. Herakles, von Ptolemaios
Heph. bei Photios, hihi. 190 p. 147, 28 Erbauer
der Argo genannt, als Führer von Dionysios
von Mytilene, Apoll ocl. 1, 9, 19. Diod. 4, 41,
auf der Fahrt zurückgelassen nach Llerod. 7,
193. Schol. Ap. Rh. 1, 1289. 1168. Schol. Pind.
Pytli. 4, 303. Apollod. 1, 9, 19 u. a., kommt
mit nach Kolchis nach Demaratos bei Apollod.
1, 9, 10, vgl. Theolcr. 13, 75. Seine Teilnahme
geleugnet von Herodoros bei Apollod. 1, 9, 19.
Hippalkmos, Sohn des Pelops und der Hip-
podameia aus Pisa, nur bei Hyg. (Hippalki-
inos). * Hy las, Sohn des Theiodamas, Dryoper.
Apollod. f, 9, 19. Ialmenos, Sohn des Ares
aus Orchomenos, nur bei Apollodoros. *iaso n.
■Adas, Sohn des Aphareus aus Arene. *Id-
mon, Sohn des Abas aus Argos (?), Apollod.
1, 9, 23 genannt Thestor“ Schol. Ap. Bll. 1,
139. Iolaos, Sohn des Iphiklos aus Argos,
uur bei Hygin. (vielmehr Sohn des Iphikles ?)
^Iphiklos, Sohn des Phylakos aus Phylake,
iweifelhaft bei Valer. Fl. 1, 370; gegen seine
Teilnahme Schol. Ap. Rh. 1, 45. Iphiklos,
Sohn des Thestios aus Kalydon. Iphis, Val.
Fl. 1, 441. 7, 423. Iphitos, Sohn des Eury-
;os aus Oicbalia. *Iphitos, Sohn des Nau-
aolos aus Phokis. Kaineus, Sohn des Elatos,
Vlagnete. *Kalais, Boreade. Kanthos, Sohn
les Kanethos aus Kerinthos. *Kastor. *Ke-
pheus, Sohn des Aleos aus Tegea. Kios,
Strabo 12 p. 564. Klymenos (?) Valer. Fl.
I, 369. *Klytios, Sohn des Eurytos aus Oi-
halia. Koronos, Sohn des Kaineus aus Gyr-
on , auch bei Sophokles in den Lemnierinnen,
dteph, Byz. s. v. Acoxiov. Laertes, Sohn des
irkeisios aus Ithaka, bei Apollodoros und Diod.
1, 48. Laokoon, Sohn des Parthaon aus Ka-
ydon. Leitos, Sohn des Alektor aus Böotien,
mr bei Apollod. Leodokos, Sohn des Bias
ius Argos. *Lynkeus, Sohn des Aphareus
ius Arene. *Meleagros, Sohn des Oineus
ms Kalydon. *Menoitios, Sohn des Aktor
ius Opus. Mopsos, Aynmulörig aus Titaros.
Lauplios, Sohn des Klytoneos, Nachkomme
les Nauplios, des Sohnes des Poseidon Ap.
1h. 1, 134, n. A. der Sohn des Poseidon selbst,
leie us aus Pylos, nur bei Hyg. (als Sohn
les Hippokoon). Nestor, Sohn des Neleus
tus Pylos, nur bei Valerius Flaccus. Oileus
ms Naryx. *Orpheus, dagegen vgl. Schol.
1 p. Rh. 1, 23. Palaimonios, Sohn des Ler-
tos, Aitoler. Peirithoos, Sohn des Ixion aus
lyrtoii, nur bei Hyg., dagegen Ap. Rh. 1, 103.
Peleus, Sohn des Aiakos aus Phthia. Pe-
i eie os, Sohn des Hippalmos aus Böotien,
mr bei Apollodoros. *Periklymenos, Sohn
les Neleus aus Pylos. P haieros, Sohn des
vlkon aus Kekropia. Phanos, Sohn des Dio-
lysos, nur bei Apollodoros. Philammon, Sohn
les Apollon aus Delphi nach Pherelcydes bei
ichol. Ap. Rh. 1, 23. Philoktetes, Sohn
'es Poias aus Meliboia. Phlias, Sohn des
•ionysos aus Araithyrea. . Phlogios, Sohn
es Deimaclios aus Trikka, s. Autolykos. Pho-
os nur bei Hyginus: Focus et Triasus, Caenei
Argonautensage (im ält. Epos) 510
ßlii ex Magnesia. Poias, Sohn des Thaurna-
kos (? Phylakos aus Meliboia) , nur bei Apollo-
doros. *Polydeukes. *Polyphemos, Sohn
des Elatos aus Larissa. Priasos s. Phokos.
Staphylos, Sohn des Dionysos, nur bei Apol-
lodoros. Talaos, Sohn des Bias aus Argos.
*Telamon, Sohn des Aiakos aus Salamis.
Thersanon (?) Solls et Leucothoes f. ex Andro.
Hyg. Theseus bei Apollodoros, Hyginus, Stat.
Theh. 5, 431, dagegen Ap. Rh. 1, 101 f. 8sg-
tilov TtaiSsg Diod. 4, 41, vielleicht Gsgxlov n. ?
*Tiphys, Sohn des Hagnias aus Siphai. Ty-
deus, Sohn des Oineus aus Kalydon, nur bei
Valerius Flaccus. *Zetes, Boreade.
III. Litterarische Tradition der Sage.
Vgl. darüber G. E. Groddeck, über die Argo-
nautilca des Ap. Rh. in der Bibi, der alten
Litteratur und Kunst 2, 61 ff. A. Weichert,
Leben und Gedicht des Ap. Rh. 133 ff Ukert,
Geographie der Griechen und Römer 1, 2, 320 ff.
Pyl, Litteratur des Sagenkreises der Medeia.
Ztsclir. f. Altertumswissenschaft 1854, 405 ff.,
481 ff 1855, 505 ff. F. Vater, der Argonauten-
zug 1, 66 ff.
1) Im älteren Epos. Dafs die Argonau-
tensage in ihren Grundzügen zur Zeit der
homerischen Dichtungen nicht nur bekannt,
sondern auch ein beliebter Stoff der Sänger
war, geht aus der Art hervor, wie dieselbe in
der Odyssee erwähnt wird: y 70 ’AQyco näai
(i sIovgcc. Iason, der Liebling der Hera, und
der unheilsinnende Aietes, Sohn des Helios
und Bruder der Kirke (x 135 ff.), Pelias und
Aison (X 254 ff.) werden als bekannte Gestalten
der Sage vorausgesezt. Die gefährlichen Klip-
pen, die die Argo glücklich passierte , (y 69 ff.),
sind sicher identisch mit den Symplegaden,
die erst von Späteren nach dieser Stelle als
Plankten im westlichen Meer lokalisiert wor-
den sind, und mag auch die homerische Dich-
tung das Aiaie der Kirke sich im Westen vor-
gestellt haben — wenn die herkömmliche To-
pographie der Odysseusmärchen, was nicht un-
zweifelhaft ist (vgl. Karl Neumann, Hellenen
im Skythenland 336 ff.), auf richtiger Auffas-
sung beruht — , so hat sich doch eine Spur
von der ursprünglichen Annahme eines öst-
lichen Aia in den Versen y 3 und 4, wenn sie
unbefangen interpretiert werden, erhalten. Die
Ilias kennt das Geschlecht des mit der Hy-
psipyle vermählten Iason auf Lemnos ( H 467 ff.
0 40. W 747). Die wesentlichsten Züge der
Sage liefern bereits die dem H e s i o d und seiner
Schule gehörigen Gedichte. Nach Theog.9b6H.
992 ff. ist der Aisonide Iason — von Cheiron
auf dem Pelion erzogen, fr. 38 cd. Kinkel —
im Aufträge des übermütigen Pelias ausge-
fahren — um das goldene Vliefs zu holen
fr. 14 — und hat die Medeia, die Tochter des
Aietes und der Okeanide Idyia, die Nichte der
Kirke (vgl. fr. 87) nach loikos geführt. Na-
mentlich dem nazdkoyog, bez. Eoien gehören
die Fragmente an, welche sich auf den Zug
beziehen: aus fr. 74 ist wohl ohne Berechti-
gung auf einen Katalog der Teilnehmer ge-
schlossen worden; fr. 169 handelt von Hera-
kles’ Zurücklassung, fr. 53. 75. 78. 80. 221 von
der Befreiung des Phineus durch die Boreaden,
io
20
30
40
50
60
511 Argonautensage (im Epos u. b. d. Lyrikern)
fr. 163 von den vier Söhnen des Phrixos, fr.
83 und 84 von der Rückkehr der Argonauten
den Phasis hinauf durch den Okeanos nach
Libyen. Ausführlich ist die Argonautensage
in den Naupaktien (vgl. übrigens G. Bern-
hard]), Griechische L.3 2, 1, 334) behandelt
gewesen. So bezieht sich fr. 3 cd. Kinkel
auf das Abenteuer mit den Harpyien, fr.
4 — 9 auf die «Mot des Iason vor Aietes,
die Entwendung des Vliefses und die Ent-
führung der Medeia, fr. 10 läfst Iason aus
Iolkos nach Kerkyra auswandern. Noch wich-
tiger für die Geschichte der Sage sind die
Bruchstücke des sogenannten Eumel os ( Bern-
hardy a. a. 0. 332), der als das Ziel der Fahrt
Kolxl g Podcc angegeben hat, wohin des Helios
Sohn Aietes aus seiner Vaterstadt Ephyra
(Korinth) gewandert sei {fr. 2 ed. Kinli.), und
der Medeia mit Iason aus Iolkos nach Korinth
kommen läfst (fr. 3), mithin die lokale Tradi-
tion von Korinth vertritt. Ungewifs ist, wie
weit Eumelos die Fahrt selbst behandelt hat;
doch wissen wir von dem Scholiasten (fr. 9),
dafs die auf des Iason Steinwurf im Kampf
mit den erdgeborenen Riesen sich beziehenden
Verse des Apollonios (3, 1372 — 1376) wörtlich
dem Eumelos entlehnt sind, der sie der Me-
deia im Gespräch mit Idmon in den Mund
gelegt hat. Mit Kinaithon, dem eine He-
rakleia zugeschrieben wird , aus welcher
eine Notiz über Hylas in Kios erhalten ist
(. Schol . Ap. Bh. 1, 1357), berühren wir die
Herakleien, die hier nicht übergangen wer-
den dürfen, da ja Herakles , wenn auch nicht
in der ursprünglichen, so doch in der tradi-
tionellen Sage eine hervorragende Rolle spielt.
Allerdings besitzen wir aus ihnen weiter kein
bestimmtes Fragment , das hierher gehört ;
denn zweifelhaft bleibt, ob der Schol. Ap.
Bh. 2, 98, 1088 - — die Stelle betrifft Amykos
und die Harpyien — citierte Peisandros der
Epiker aus Kameiros ist und nicht vielmehr
der Verfasser der riQouyicxi ftsoyagCcu aus spä-
terer Zeit ( Suid . Zosim. hist. 5, 29) ; vgl. Sten-
der, de Argon. exped. p. 52. Zuletzt erwähnen
wir noch den Phokaier Prodikos, der nach
Paus. 4, 33, 7 eine Minyas schrieb, und ein
dem Epimenides von Kreta zugeschriebenes
Gedicht Agyov s vavmqylcc %txi laoovog stg KoX-
%ovs dnonXovs, Diog. Laert. 1, 10, 5, mit zwei
hierher gehörigen Fragmenten Schot. Ap. Bh.
2, 1122, 3 242, von denen sich das erste auf die
Söhne des Phrixos, das zweite auf den korin-
thischen Ursprung des Aietes bezieht.
2) Lyrik. Gerade hier ist manches Alter-
tümliche überliefert, wie wenn Mimnenn os
singt , Iason habe das Vliefs aus Aia geholt,
der Stadt des Aietes an des Okeanos Mündung,
wo in goldner Kemenate des schnellen Helios
Strahlenkrone liegt, fr. 11 ed. Bergk. Sirno-
nides bezeichnete das Vliefs, von ihm nach
Et. M. p. 597, 6 vcchos genannt, bald als weifs,
bald als purpurn fr. 21, nannte die Symple-
gaden Synormaden fr. 22, sang von den Wett-
kämpfen der Argonauten mit den Lemnierinnen
fr. 205 und erzählte, dafs Iason von Medeia
verjüngt in Korinth geherrscht habe fr. 204. 48.
Diese Einzelheiten treten aber weit zurück hinter
Argonauten sage (b. Pindaru. Antimachos) 512
dem vierten pythischen Siegesgesang des Pin-
daros, der zu Ehren des Arkesilaos von Kyrene
den Argonautenzug besingt, eine Darstellung,
die trotz der besonderen Zwecke des Gedichts
die Spuren echter, altertümlicher Fassung un-
verkennbar an sich trägt.
Anknüpfend an die Erdscholle, welche Eu-
phemos von Tainaron als Geschenk von Triton
erhielt, und von welcher, als sie bei Anaphe
io ins Meer versank, Medeia weissagte, dafs aus
derselben Thera, die Metropole von Kyrene,
entstehen werde, erzählt der Dichter ausführ-
lich die Vorgeschichte des Zuges, wie Iason
als stattlicher Held vom Gebirge herunter-
steigt, nur den rechten Fufs mit der Sandale
bekleidet, und wie er von seinem Onkel Pelias
schliefslich aufgefordert wird, dem Aietes das
zottige Fell des Widders zu entreifsen. So
versammelt denn Iason die von Hera begei-
20 sterten Helden, darunter zehn Göttersöhne, zur
gefährlichen Fahrt; als Seher begleitet sie
Mopsos. Angelangt am Schwarzen Meere weihen
sie dem Meergott ein Heiligtum und entrinnen
glücklich den Symplegaden, die seitdem stehen
bleiben. Dann gelangen sie zu den schwarzen
(■ntXcuvconsoGi) Kolcliern am Phasis. Von Aphro-
dite in Liebeswahnsinn versetzt, entsagt Me-
deia der Ehrfurcht vor ihren Eltern und hilft
Iason durch das Geschenk der Wundersalbe
so die ihm auferlegten Arbeiten bestehen, sodafs
er die Flammen schnaubenden, erzfüfsigen Stiere
des Aietes an den Pflug spannt und den bunt-
gefleckten Drachen im Gebüsch durch Zauber
tötet, Medeia aber zum Morde des Pelias ent-
führt. Die Rückfahrt geht durch den Okean
und das rotfarbige Meer; zwölf Tage lang
tragen die Helden das Schiff über den wüsten
Rücken der Erde ; da erscheint ihnen Tri-
ton mit dem Geschenke der Erdscholle. Auf
40 die Rückfahrt — abweichend von der son-
stigen Überlieferung (vgl. jedoch Myrsilos bei
Schol. Ap. Bh. 1, 615) — wir.d auch der
Aufenthalt auf Lemnos verlegt; dort auf der
Insel der männermordenden Weiber sollen die
Helden die Kräfte ihrer Glieder im Kampf um
die Gewänder (vgl. Ol. 4, 19 und Schol. z. d.
St. Schol. Pyth. 4, 251) gezeigt und das Bei-
lager gehalten haben.
Neben dieser glänzenden Darstellung kom-
50 men Stellen, wie Ol. 13, 53. Nein. 3, 54. fr.
149 wenig in Betracht. Von den Späteren ist
Antimachos von Kolophon mit seinem ele-
gischen Gedicht AvSg hervorzuheben, in wel-
chem der Argonautenzug nicht minder als an-
dere mythologische Stoffe behandelt worden
ist, wie die fr. 7 — 14 beweisen; er läfst den
Drachen durch Iason und Medeia einschläfern,
verlegt das Beilager derselben nach Kolchis
und stimmt in Bezug auf die Rückfahrt mit
co Iiesiod überein. Zuletzt ist noch Theokrit zu
erwähnen, der in der 13. Idylle die Entrückung
des Hylas, in der 22. den Kampf zwischen
Amykos und Polydeukes besungen hat.
3) Drama. Da selbst die Tragiker, wenig-
stens die älteren, von der herkömmlichen Über-
lieferung ihrer Stoffe nicht ohne Not abzu-
weichen pflegten, so würden wir auch aus
ihren Werken manche Züge der älteren Sage
513 Argonautensage (in Drama u. Prosa)
entnehmen können , wenn uns mehr als der
Titel derselben überliefert wäre; so gewinnen
wir" nur die Kenntnis, dafs auch die Stoße der
Argonautensage mit Vorliebe dramatisch be-
i handelt worden sind. Im einzelnen ist auf
j Welclcers griech. Tragödien und Trilogie Pro-
! metlieus zu verweisen. Aeschylos bearbeitete
die Abfahrt der Argo und die lemnischen
Abenteuer in 3 Stücken: Argo (fr. 20—22 ed.
Nauck), Hypsipyle (fr. 242 u. f.), Kabeiren (fr. io
90 — 92), die Welcher zur Trilogie Iasoneia zu-
sammenstellt. Der Katalog im cod. Med. führt
j aufserdem den Titel Aryivioi (sic) an. Pliineus
(fr. 253) gehört zur Persertrilogie. Auch So-
phokles bat die Landung auf Lernnos in den
Afyivica (fr. 352 — 356) behandelt, die Abenteuer
in Kolcbis in den Kol% iöig (fr. 311 — 322), viel-
leicht die Aufnahme bei den Phaiaken in den
At '&cu (fr. 501 — 505), die jedenfalls auf die
Rückfahrt zu beziehen sind. Dazu kommen 20
das Satyrspiel Amykos (fr. 108 u. f.) und Pbi-
neus (fr. 636—645).
Von Euripides kennen wir keine Tragödie,
die sich unmittelbar auf die Argonautenfahrt
bezieht; denn die Hypsipyle gehört in den
thebanischen Sagenkreis. Di eMivvca des Chai-
remon (fr. 12) beziehen sich wahrscheinlich
auf das lemnische Abenteuer. Aus der Komö-
die lassen sich nur Namen nennen, wie ’Jä-
acov von Alexis und Antiphanes, Afgivica 30
desAristophanes, Nikochares, Antiphanes, Ale-
'xis u. s. w. Vgl. Meinelce 1, 316. 391. 2, 421.
1096—1103.
4) Prosa. Zu den wichtigsten Quellen der
jSage, aus denen ebenso Apollonios Rhodios
.wie seine Erklärer geschöpft haben, gehö-
ren die Logographen , die mit sparsamer
Kritik die Überlieferung, besonders die lokale,
1 ziemlich treu festgehalten haben. Von Heka-
taios von Milet sind uns in den Scholien zu 40
Apollonios mehrere Nachrichten über den Ar-
,gonautenzug erhalten: der Widder des Plirixos
habe geredet, fr. 337 ed. Müller, fragm. hist.,
die Argo sei mit Hilfe der thessalischen Athene
Itonis erbaut worden, fr. 338; zuletzt zwei sich
widersprechende Ansichten über die Rückfahrt
der Argo, fr. 339 und 187, von denen die erstere,
die sich an Hesiod anschliefst, dem Heka
iltaios zu gehören scheint. Pherekydes von
Leros, der die Sagen rein und unbefangen den 50
alten Dichtern entnahm, behandelte in 10 Bü-
chern die alten Mythen , darunter im 6. und
7. den Argonautenzug. Es beziehen sich fr.
52 — 55 auf Phrixos und seine Familie, fr. 59
1 a. 60 auf Iasons Vorgeschichte, nach fr. 61
wurde von ihm der Name Argo auf Argos, den
Sohn des Phrixos, zurückgeführt; dafs er aus-
führlich von den Teilnehmern des Zuges ge-
sprochen hat, beweisen fr. 62—67; von den
Ereignissen auf der Hinfahrt handeln fr. 68 co
1 ' ns 70, fr. 71 u. 72 (wozu noch hinzuzufü-
>'en Schol. Ap. 3 , 1093) von den Abenteuern
n Kolchis, endlich fr. 73 von der Zerstück-
Iung des Absyrtos. So können wir aus diesen
Bruchstücken den ganzen Verlauf des Unter-
tehmens verfolgen. Weit weniger wissen wir
ron dem, was Akusilaos von Argos in den
P \ svsaloyi(u von den Argonauten berichtet
Koscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
Argonautensage (in d. Prosa) 514
hat; fr. 8, 9, 23 allein gehören hierher, dar-
unter die Nachricht, dafs das Vliefs vom Meer
purpurn gefärbt gewesen sei. Auch von Hel-
lanikos, der die Sagen bereits als Mittel zu
historisch - geographischer Forschung benutzt,
ist wenig über die Sage erhalten: fr. 35 er-
klärt den Namen ’AcpsrcA aus dem Argonau-
tenzug, fr. 33 belehrt uns, dafs alle Argonau-
ten dem Herakles gegen die Amazonen Bei-
stand geleistet hätten; dazu kommen fr. 49.
32. 38. 87. 34. Hieran schliefsen wir den älte-
sten Mythograplien Herodoros aus Hera-
kleia, welcher Argonautika und eine Ilerakleia
geschrieben hat , eine ergiebige Quelle für
die Kommentare des Apollonios. Auf Phri-
xos beziehen sich fr. 35 u. 36, auf einzelne
Helden des Zuges fr. 37 — 43; den Herakles liefs
Herodor nicht am Zuge teilnehmen fr. 27 u. 38,
erzählte aber in dem Argonautenzug von einem
Kampfe des Herakles mit den Giganten auf Kyzi-
kos fr. 45. Dafs Herodor die Fahrt der Argo
fast in der Ausführung des Apollonios erzählt
hat, beweisen die fr. 44—50. 56. 57, nur dafs des
Tiphys Tod auf die Rückfahrt nach Herakleia
verlegt und als sein Nachfolger Erginos ge-
nannt wurde fr. 58. 59. Von den Abenteuern
in Kolchis berichten fr. 51 — 54; nach Herodor
schickt Aietes selbst den Iason nach dem Vliefs ;
dieser tötet den Drachen und bringt das Vliefs
zu Aietes, der in böswilliger Absicht ihn mit
seinen Gefährten zum Gastmahl einladet und
während der darauf folgenden Nacht zurück-
hält, um ihr Schiff verbrennen zu lassen; Me-
deia aber flieht mit den Unheil ahnenden Hel-
den aus dem Palast. (Ebenso die Naupaktien
fr. 7 u. 8.) Die Rückfahrt verlegte Herodor
auf den Weg der Hinfahrt fr. 55.
Von den Historikern ist es vornehmlich
H e r o d 0 1 , der, wenn auch nicht für die Kennt-
nis der vulgären Sage, so doch für deren Zu-
sammenhang mit der Stammesgeschichte der
Minyer wichtig ist; so namentlich in 4, 145 ff'.,
wo von der Auswanderung der lemnischen Mi-
nyer aus Lakedaimon nach Tliera und der
Gründung von Kyrene durch den Euphemiden
Battos erzählt wird. Eigentümlich ist die Über-
lieferung 4, 179, nach welcher Iason vor sei-
ner Unternehmung nach Kolchis um den Pelo-
ponnes gefahren , von Malea aber nach Li-
byen in den tritonisehen See verschlagen wor-
den sei, wo der Triton den erhaltenen Drei-
fufs für die Nachkommen der Argo bestimmt
ha oe — ein Seitenstück zu Pindars Erzählung.
Eine verfehlte Kombination finden wir 1 , 2,
wo der Zug nach dem kolchisclien Aia und
dem Phasis als ein Raub der Königstochter
Medeia, aus Rache für die Entführung der Io
von den Vätern der Helden des trojanischen
Krieges unternommen, dargestellt wird; 7, 193
ist an den Namen Aphetai die Erzählung von
der Abfahrt der Argo geknüpft.
Von den späteren Historikern kommt vor-
zugsweise nur Timaios in Betracht, der bei
den auf griechische Einwanderung zurückge-
henden Traditionen italischer Städte Gelegen-
heit hatte auch der ältesten Seefahrt, nament-
lich aber des Rückwegs zu gedenken. So er-
zählte er, die Argonauten seien durch den
17
515 Argonauten sage (in d. Prosa)
Tanais bis zu den Quellen gefahren, hät-
ten das Schiff zu Lande in einen in den
Okeanos mündenden Flufs gezogen, seien ans
dem Okean bei Gadeira in das Mittelmeer ge-
langt und auch nach Libyen gekommen; als
Beweis dafür benutzte er lokale Traditionen
fr. 6. Die Hochzeit des Iason und der Medeia
verlegte er nach Kerkyra fr. 7,8, Orikon
nannte er eine Kolonie cler Kolcher fr. 53, er
erwähnte nediov Ki’gticaov in Kolchis fr. 9 und
den kolchischen Drachen im italischen Phaiakis
fr. 13. Nach Kolchis verlegte die Hochzeit von
Iason und Medeia Timonax, der zum Beweise
lokale Traditionen anführte fr. 2 bei Müller ,
fr. liist. 4, 522; den Weg durch den Ister führte
die Argo Timagetos fr. 1 (bei Müller, fr.
hist. 4, 519, aufser.dem fr. 2. 3. 5); ihm ist darin
der Rhodier Apollonios gefolgt, dessen Haupt-
quelle nach Schol. Ap. 1 , 623 (vgl. Schol. zu
1, 77. 587) Kleon von Kurion, der Verfasser
von Argonautika, gewesen sein soll. Damit
sind wir zu den Mythographen der alexandri-
nischen Zeit gelangt, von denen aber wenige,
wie der spätere Apollo doros, sich mit einer
schlichten Erzählung begnügten; vielmehr hatte
die philosophische Richtung der Zeit bereits
eine skeptische oder euhemeristische Auffas-
sung der alten Mythen angebahnt. So behaup-
tete Demetrios von Skepsis gegen Neanthes
von Kyzikos, dafs Homer von der Fahrt des
Iason nach dem Phasis noch nichts wisse, und
leugnete damit wohl überhaupt die historische
Wirklichkeit derselben, wie er auch mit Mim-
nermos die Wohnung des Aietes rein poetisch an
den östlichen Erdrand setzte, wogegen Strabo,
auf Gewährsmänner und lokale Traditionen ge-
stützt, Widerspruch erhebt 1, p. 45 f. Andere
bemühten sich durch euhemeristische Deutung
einen historischen Kern aus der Sage heraus-
zuschälen, wie Kleidemos, der von einem
von Iason unternommenen Feldzug gegen die
Seeräuber sprach, Flut. Thes. c. 19, wie auch
Charax von einer Flotte der Argonauten re-
dete, Eustath. zu Dion. Per. 687, und Possis
von einer Schlacht, welche die Argonauten
den Tyrrhenern von Lemnos lieferten, Athen.
7, 296 D. (ähnlich Ephoros von den Dolionen
in Kyzikos, Schol. Ap. 1, 1037). Am ausführ-
lichsten aber ist uns die euhemeristische Dar-
stellung des Mytilenäers Dionysios (wie-
derholt verwechselt mit dem Milesier, von dem
sich Argonautika nicht nachweisen lassen, trotz
PL achtmann, de Dionysio Mytilenaio p. 48,
Ewald Meier, Quaestiones Argonauticae p. 11)
durch Diodor 4, 40 ff. überliefert: das von Ia-
son und den berühmtesten Helden — zusam-
men 54 — benannte Schiff, das vom Erbauer
Argos oder wegen seiner Schnelligkeit Argo
benannt wurde, lief unter Anführung des Hera-
kles aus. Unterwegs befreite derselbe die Ge-
mahlin Kleopatra und die Söhne des Phineus
von den väterlichen Mifshandlungen durch
Tötung desselben. Das Ziel der Fahrt war
das Land der menschenopfernden Taurer; Aie-
tes, des Helios Sohn, war König von Taurike
und Kolchis , von seiner Gemahlin Hekate
Vater der Kirke, Medeia und des Aigialeus.
Während die ersten wegen ihrer Schandthaten
Argouautensage (in d. Prosa) 516
vertrieben worden waren, bemühte sich Medeia
die an den Strand geworfenen Fremden vor
dem Opfertod zu retten — • eine zweite Iphige-
neia. Auch die Argonauten versicherte sie ihres
Beistandes unter der Bedingung, dafs Iason sie
heirate. Nachts zogen sie aus zum Raube des
Vliefses. Die Sage von Phrixos wird nun da-
hin gedeutet, dafs Phrixos auf einem mit dem
Wappen des Widders geschmückten Schiffes
io geflohen und mit seinem Pädagogen Namens
Krios an den taurischen Strand gekommen sei,
während Helle ins Meer stürzte; Phrixos sei
hier freundlich aufgenommen, Krios dagegen
geopfert und seine Haut vergoldet im Tempel
des Ares aufgehängt worden. (Ebenso Hera-
kleitos n sgi oiulgtcov 24.) Dieses Vliefs nun,
welches nach einem Orakel dem Aietes die
Herrschaft sicherte, hing gesichert hinter star-
ken Mauern und war beschützt von Wächtern, die
20 der Volksglaube zu feuerschnaubenden Stieren
umdichtete, unter einem Befehlshaber Namens
Drakon. Nach diesem Heiligtum des Ares, 70
Stadien von der kolchischen Hauptstadt Syba-
ris, führte Medeia die Argonauten; während der
Königstochter das Thor geöffnet wurde, dran-
gen sie mit ein ,* besiegten die Besatzung und
flohen, nachdem Drakon von Medeia vergiftet
worden war, mit dem Vliefs zum Meer. Am
Strande kam es zum Kampf mit dem kerbei-
30 eilenden Aietes , der durch Meleagros’ Hand
fiel. Über Byzantion , wohin Dionysios das
Beilager von Iason und Medeia verlegte Schol.
Ap. 4, 1153, kehrten die Argonauten nach Iol-
kos zurück. Die Deutung des goldnen Vliefses
haben Euhemeristen auf verschiedene Weise ver-
sucht. Man bezog es am liebsten auf das Gold
des kolchischen Landes; so bei Strabo 11,
p. 499 und Appian. b. Mithr. 103, nach denen
die Bäche des Kaulcasos Gold mit sich führen,
40 das von den Einwohnern in durchlöcherten
Mulden und wolligen Vliefsen gewonnen werde.
(V on dem kolchischen Goldreichtum auch Plin.
33, 15). — Charax bei Eustath. zu Dion. Per.
689 und Suidas, s. v. dsgag igvGoyullov hal-
ten das goldene Vliefs für ein aus Tierhaut
gefertigtes Buch , in welchem die Bereitung
des Goldes gelehrt sei; Palaiphatos nsgi
ciniGzwv c. 31ff. (vgl. Apostol. 11, J>8) denkt
an ein goldenes Bild, das Phrixos mit dem
50 Hofmeister Krios auf einem Schiffe rettet. So
sank denn die Heldenfahrt der Argonauten zu
der Bedeutung einer Handelsexpedition oder
eines gewöhnlichen Raubzuges herab. {luven.
6, 153 mercator Iason). Zu dieser rationalisti-
schen Auffassung trat dann weiter die Manier
christlicher Schriftsteller, die heilige Ge-
schichte mit der antiken Sage zu vermischen,
wozu ein Beispiel für unsere Sage der von
Charax abhängige Iohannes von Antiochia
go bietet, Müller, frgm, hist. gr. 4, 548.
5) Das spätere Epos. Nicht nur die ge-
lehrte Prosa, sondern auch die gelehrte Dich-
tung behandelte die Argonautensage. Kalli-
m ach os hat wenigstens die Rückfahrt der
Argonauten poetisch behandelt, Strab. 1, p. 46,
vielleicht in dem 2. Buch der Ai'ucc , Schnei-
der, Callimachea 2, 7 8 ff. Aber das bedeu-
tendste Werk der alexandrinischen Poesie die-
!■
Ir
1 'rin
|
.
'fl !«k
■ I
A
1®
!:-
I ‘
lau
: *;
: ; .
( k 1
V .
- 31i Ij
i J' •
i k I;
i ...
loch
ItllJ.
je:
iieie
loit
i t P;
j iinii i
s
I iss Cr
-ü
»ib.
Je '
C-'
Sil“
-Ci-
äl S“
J E
Kj'L
tllfb
I ,
E ■
Je
i u
,
«eiet
Sffldfc
ütif>
517 Argonauten sage (im spät. Epos)
' 1 ses Inhalts ist das Epos der Argonautika
des Apollonios Ehodios. Mangelt dieser
Dichtung auch die Frische der homerischen
Gedichte und mufs die gelehrte Quellenfor-
schung .die Originalität ersetzen, sind auch die
alten Überlieferungen mit der erweiterten,
allerdings vielfach irrtümlichen Erdkunde der
späteren Zeit merkwürdig vermischt und ver-
wirrt, so hat dieselbe doch für alle spätere
Zeit der Sage ihre feste Form gegeben und 10
bleibt für die Kenntnis derselben von unschätz-
barem Wert. Ebenso wertvoll sind aber auch die
Scholien zu diesem Epos, in welchen mehrere
Kommentatoren ihre reiche Kenntnis der für
uns verlorenen Litteratur niedergelegt haben.
ä(vgl. Weicher t, Lehen und Gedicht des Ap. JRh.
p. 391 ff. Stender, de Arg. expeditione p. 14ff.).
IDer byzantinischen Zeit gehören die unter
dem Namen des Orpheus überlieferten Argo-
nautika an, ein episches Werk von 1.384 Hexa- 20
metern, von höchst mittelmäfsigem Wert mit
der Tendenz , Orpheus zum Haupthelden des
Unternehmens zu machen, auch im übrigen
mit bemerkenswerten Abweichungen von Apol-
i lonios (so in der Phineussage vs. 069 ff.). Ganz
■; eigentümlich und sonderbar ist die Darstellung
der Rückfahrt, in welcher der Dichter, indem
er nach möglichster Altertümlichkeit strebt,
doch beständig in die verwirrten geographi-
schen Anschauungen der alexandrinischen Zeit 30
, verfällt. Darnach fahren die Argonauten auf
einem Nebenarm des Phasis gegen Osten durch
viele am Abhang des Kaukasus wohnende
Volksstämme, gelangen an eine grüne Insel,
wo Phasis und Saranges zusammenströmen,
dann weiter durch den kimmerischen Bospo-
10s zum See Maiotis, von wo die Fahrt duicli
das Gebiet der glücklichen Makrobier, der son-
nenlosen Kimmerier, an den Thoren des Hades
vorbei, zum Okean fortgesetzt wird, an dessen 40
iufsersten Rand sie ein Sturm zur Insel der
Demeter verschlägt. Hier lenken sie um und
gelangen zum Palast der Kirke, weiter zu den
üäulen des Herakles, an die latinisch-tyrrhe-
1 rische Küste, zum Strudel der Charybdis und
len Seirenen , die durch des Orpheus überle-
gene Kunst besiegt sich ins Meer stürzen. Auf
ler phaiakischen Kerkyra erreicht sie die köl-
nische Flotte ; das schnell veranstaltete Bei-
ager befreit Medeia nach dem Urteil des Al- 50
i dnoos von der Gefahr der Auslieferung. Von
la gelangt die Argo in die Syrtis, über Kreta
lurcb die Sporaden (Anaphe) nach Iolkos
.urück.
6) In der römischen Litteratur lebte die
ius alexandrinischen Quellen geschöpfte Argo-
mutensage fort; 'eine Bereicherung unserer
Cenntnis derselben ist aus ihr nicht zu ge-
winnen. Es wäre überflüssig die Titeln eini-
ger Dramen zu nennen, wie die Argonauten co
les Attius und die Lemniae des Turpilius;
lervorgehoben sei, dafs, wie im späteren grie-
chischen Drama, der pathetische Stoff der Me-
. -ileiasage mit Vorliebe behandelt worden ist;
huch des Absyrtus wird in der römischen Dich-
tung öfter gedacht. Natürlich hat die lyrische
■’oesie unsere Sage nicht übersehen ; so findet
ich bei Propertius 1, 20 die Hylassage aus-
Argonautensage (b. d. Römern) 518
geführt. Ovidius hat Heroid. 6 einen Brief
der Hypsipyle an Iason fingiert (der gleiche
Stoff bei Statius, Tlieh. 5, 397 ff.), die kolclii-
schen Abenteuer, wieden Seelenkampf derMedeia
im 7. Buch der Metamorphosen, bekanntlich auch
in einem besonderen Drama behandelt. Wäh-
rend aber P. Terentius Varro Atacinus seine
Landsleute mit dem Epos des Apollonius durch
eine freie Übersetzung bekannt machte (vgl.
darüber, wie über das Vorausgehende Teuffels
Gesell, d. r. L. und M. Schmidt im Fhilolog. 25,
431 f.), unternahm es C. Valerius Flaccus, die
Sage mit freier Nachahmung des alexandrini-
schen Dichters in seinem unvollendeten Werke
,, Argonauticon libri octou darzustellen. Die
geographische Gelehrsamkeit seiner Quelle,
aufser welcher noch andere, vielleicht Hero-
dor und Diodor {Thilo p. 8, dagegen JEw. Meier,
quaest. Argonaut, p. 4) benutzt sind, ist ge-
kürzt, dafür die bedeutenderen Scenen effekt-
voller , mit kräftigerer Charakteristik ausge-
führt, besonders Iasons Aufenthalt in Kolchis
romanhaft ausgesponnen. Überall verrät sich
die Darstellung des Rhetors. Das erste Buch
enthält nur die Vorbereitung der Fahrt, die
besonders rhetorisch gefärbte Abschiedsscene
und die Ermordung von Iasons Eltern durch
Pelias , die mit der gewaltsamen Mitnahme
des Akastos motiviert wird. Ausführlicher dar-
gestellt sind der Aufenthalt in Lemnos (2, 82
— 427) — hier, wie auch sonst, wird das Ein-
greifen der Götter in die Handlung mit home-
rischer Ausführlichkeit behandelt — , der Kampf
mit Arnykos (4, 99 — 343), die Befreiung des
Phineus (4, 344—636). Ganz abweichend von
Apollonius werden die kolchischen Abenteuer
erzählt, wohl nach des Dichters eigener Er-
findung. Darnach verspricht Aietes das gol-
dene Vliefs unter der Bedingung, dafs die Ar-
gonauten ihm gegen seinen Bruder Perses Bei-
stand leisten, der, weil er den König beschworen
hatte, das Vliefs nach Thessalien zurückzu-
schicken , zur Flucht und gewaltsamen Rück-
kehr genötigt worden war. Dadurch dafs der
treulose König, im Kampfe gegen Perses von
den Argonauten erfolgreich unterstützt (B. 6),
sein Versprechen nicht hält, sondern nun erst
noch die bekannten Bedingungen stellt (7, 61 ff.),
entschuldigt sich die List der Minyer, die ja
bereits gerechte Ansprüche auf das Vliefs ha-
ben, entschuldigt sich ihre Verbindung mit
Medeia, deren Leidenschaft von Hera erregt
und von Kirke unterstützt wird. Nachdem sich
Iason mit ihrer Hilfe des Vliefses bemächtigt
hat und mit ihr glücklich entkommen ist (8, 174),
wählen die Helden auf den Rat des Erginos
den Weg auf dem Istros. Die Hochzeitsfeier,
die Iason und Medeia auf der Insel Peuke be-
gehen, wird durch die Ankunft des Absyrtus jäh
unterbrochen; im ersten Schrecken beschliefst
man Medeia auszuliefern. Mit den Vorstellun-
gen dieser gegen einen solchen Tlan bricht
das Gedicht ab.
Es erübrigt noch, da wir von gelegentlichen
Bemerkungen anderer Schriftsteller und den
verworrenen Darstellungen eines Dar es oder Z)m-
contius (Medea, Bührens , poet. lat. min. 5, 192 ff.)
hier absehen, einige mythographische Werke der
17 *
519 Argonautensage (lokale Tradit.)
Argonautensage (lokale Tradit.) 520
römischen Litteratur hier anzuführen: nament-
lich die den Namen des Hyginus tragenden
fabulae , von denen 14 — 23 ausschliefslich die
Argonautensage ohne besondere Abweichung
von der Vulgata behandeln, ferner den sog.
Mythographus Vaticanus 1 mit den Fabeln 23
—25. 27. 49. 93. 133. 136. 199. und den Mytli.
Vatic. 2 mit den f. 134—136. 140 — 142. 199.,
während der Mytli. Vat. 3 (10 — ll.Jahrh.) die
Sage nur beiläufig in allegorisierender Manier io
anführt.
IV. Lokale Tradition. EineSage, die von
früher Zeit an ihre Weiterbildung wesentlich den
Fortschritten der hellenischen Schifffahrt ver-
dankte, mufste ihre Spuren in zahlreichen lokalen
Traditionen zurücklassen. Und in der That
lernen wir eine Kette solcher Traditionen ken-
nen, angeknüpft an Orte, die von der Argo
berührt sein sollten, natürlich von dem. ver-
schiedensten Alter und Ursprung, die zum Teil 20
auf alter Überlieferung beruhen, zum Teil aus
mehr oder minder gelehrten Erklärungen be-
stehender Gebräuche oder Namen hervorge-
gangen sind, alle aber von der weiten Ver-
breitung der Sage zeugen. So konnte es dem
eifrigen Verteidiger ihrer historischen Grund-
lage, Strabon, nicht schwer fallen, allenthal-
ben Spuren von der Landung der Argo zu ent-
decken, 1, 46: ncd f lyv v.cn nsql Zhvomyv nul
xyv xccvxyg nccgccXiav x«i xyv ÜQOTiovxida ncd 30
tov 'EXXycxcovxov xcov %az<x xyv Ayyvov
xoncav Xsysxcu noXXu. xsv.gyqicc xyg xs laoovog
G xQKXEiag v.cd xyg d?Qi^ov • xyg ös ’lcxaovog Kai
xcöv snichwigavxwv Kol%cov v.cd tyg Kqy~
xyg xcd xyg ’lxaXCag %cti xov ’ASqiov.
1) Von Iolkos bis zum Bosporos. Dafs
schon die Alten in dem Namen Iolkos (nach
E. Curtius, Ionier S. 22 „der Iaoner Schiffslager“)
eine Erinnerung an die erste Seefahrt gefunden
haben, ist nicht überliefert. Pagasai haben 40
sie von dem Bau der Argo hergeleitet, Schol.
Ap. Uli. 1 , 238. Kallimachos bei Hyg. astr.
2, 37. Strab. 10, p. 436. Der Name Aphetai
erinnerte sie an die Abfahrt des Schiffes, Ap.
Bh. 1, 591. Strab. 9, 436, genauer Herod. 7,
193 , welcher hier die Argo landen und von
hier auf die hohe See auslaufen läfst, vgl. auch
des Hellanikos dsvxtQa acpeGig, Steph. B. s. v.,
während der Verfasser des Kyvuog ydgog (Schol.
Ap. Bh. 1, 1289) den Namen von der Zurück- 50
lassung des Herakles ableite ce. Unter dem
Namen Aphormion führt Steph. Byz. einen
Ort der Thespier als Vaterstadt des Steuermanns
Tiphys an, von wo die Argo ausgelaufen sein
soll, während nach Baus. 9, 82, 4 Tiphys aus
Tipha gebürtig ist, wo die Argo nach ihrer
Rückfahrt gelandet sein soll. Wichtiger er-
scheint, dafs die Erinnerung an die Abfahrt
des Schiffes in dem thessalischen Feste der
’ExcnQideux bewahrt wurde, dessen Stiftung zu 60
Ehren des Zeus demlason zugeschrieben wurde
( Hegesander b. Athen. 13, 573 d), ebenso wie
die Gründung eines Tempels des ’AnoXXmv m-
xiog ( IIccyccGcciog ) bei Pagasai, Kallimachos bei
Hyg. astr. 2, 37. Schol. Ap. Bh. 1, 238.
Von besonderer Bedeutung ist die Insel
Lemnos, ein alter Minyersitz, besonders die
Stadt Myrina, deren Eponym die Gattin des
Thoas, Tochter des iolkischen Königs Kre-
tbeus, heifst, Schol. Ap. Bh. 1, 601. Homer
11 467 ff. kennt die Herrschaft der Iasoniden
auf der Insel, Hcrodot 4, 145 uud Bind. 4, 50f.
252 ff. sichern ihr den Platz in den Traditio-
nen des Minyerstammes. Der Männermord der
lemnischen Frauen wurde sprichwörtlich zum
slyyviov kcckov , Aesch. Ghoepli. 631. Zenob.
4, 91, sein Gedächtnis jährlich durch ein Trauer-
und Sühnfest gefeiert , ja die dvooGyicc der
Frauen soll sich mit der Entfremdung der
Männer daselbst jährlich zu bleibender Erin-
nerung wiederholt haben, Myrsilos bei Schol.
Ap. Bh. 1, 615. In nächster Nähe von Lem-
nos, auf der Insel Chryse (Baus. 7, 33,2), galt
nach einigen (Bhilostr. iun. imag. 17) der Al-
tar der (Athene) Chryse als eine Stiftung Ia-
sons. Mit mehr Recht läfst sich ein zweiter
Sitz des Kabeirendienstes, Samothrake, mit der
Argosage verbinden: die Landung daselbst
wurde noch in später Zeit durch die Weihge-
schenke der Seefahrer, Pbialen, den gläubigen
Reisenden bestätigt, Hiod. 4, 49. Willkürlich
ist die Ableitung des Meerbusens Melas von
dem gleichnamigen Sohne des Phrixos, der hier
ins Meer gefallen sein soll, Schol. Ap. Bh. 1,
922, eine Kopie der älteren und allgemeineren
Etymologie des ' EXXycnovxog von Helle, Steph.
Byz. s. v. u. a, deren Grab in der Lokalsage
nach Paktye verlegt wurde, Hellanikos bei
Schol. Ap. Bh. 2, 1144. Herod. 7, 58, während
Phrixos der Landschaft Phrygien den Namen
gegeben haben soll, Schol. Ar. nub. 257.
Eine wichtige Station der Argofahrt ist
Lampsakos mit dem älteren Namen Pityusa
oder Pityeia, der, von Hom. B 829 in der
Form Thxv y angeführt, auch einem Orte in der
Nachbarschaft der Stadt angehört, Steph. Byz.
s. v. Adpxpanog und Ihxvy. Strab. 13 , 589.
Der Name wurde von dem thrakischen Wort
mxvy „Schatz“ abgeleitet ; in Lampsakos näm-
lich habe Phrixos seinen Schatz niedergelegt,
Schol. Ap. Bh. 1, 933. Nach Charon bei Schol.
Ap. Bh. 2, 2 hiefs das Land' der Lampsakener
früher BeßQvxi'u von den daselbst wohnenden
Bebrykern, deren König Amykos in dem Kreis
der Argonautensagen einenPlatz fand. In gleich
naher Beziehung zu denselben steht die Stadt
Kyzikos, deren Namen an den gastfreund-
lichen Dolionenkönig erinnert, Schol. Ap. Bh.
1, 948; hier sollten vor den Milesiern thessa-
lische Pelasger gewohnt haben, Konon, öiyyy-
oeig c. 41, Schol. Ap. Bh. 1, 987. 1037. Meh-
rere Namen und Reliquien erinnerten an die
Landung der Argonauten: ein Tempel des
Apollon iv.ßciGiog, auch der iasonische genannt,
Schol. Ap. Bh. 1, 966, wie auch Athene hier
als iasonische verehrt wurde, in deren Tempel
der Ankerstein lag, den Tiphys an der Quelle
Artakia zurückgelassen haben sollte, Ap. Bh.
1, 955 ff. Blin. n. li. 36, 23. Nach Iason war
ebenso der Weg auf den Dindymos, Ap. Bli.
1, 988, wie eine Quelle auf demselben benannt,
Ap. Bh. 1, 1 1 4 8 f . ; der Tempel der idäischen
Mutter daselbst , deren aus einem trockenen
Rebenast geschnitztes Bild noch später vor-
handen war, Schol. Ap. Bh. 1, 1117, Zosim.
hist. 2, 31, 2, galt als eine Gründung der Ar-
:
S
f
b
y.
k
ii
;r
hl I
k
Ipii
bl
.1
iielir
Jach
j ..
i -j
tu
v
Hii
L: /
;ll 4
a zf
A
-
i rrn
- n
äth 1
:th,
~ 'kn
312.
521 Argonautensage (lokale Tradit.)
gonauten, Strab. 1, 45 (nach Neanthes von Ky-
zikos). 12, 575. In Kyzikos selbst zeigte man
das Grabmal des Kyzikos, Ap. j Rh. 1, 1061 f.
und nannte eine Quelle nach seiner Gemah-
lin Kleite, die das Schicksal ihres Gatten
teilte, Schol. Ap. Rh. 1, 1065, wie auch ein
jährliches Opfer das Gedächtnis des königli-
chen Paares feierte, Ap. Rh. 1, 107511'. In
der Stadt Kios, später Prusias, in Bithy-
uien ist die Hylassage lokalisiert. Noch zu
Strabons (12, 564) Zeit feierten die Bewohner
ein Pest, an welchem sie unter dem Rufe „Hy-
las“ auf die Berge zogen, vgl. Nikander bei
Anton. Lib. 26. Den Namen der Stadt leitete
Strabon von dem Argonauten Kios, einem Ge-
ährten des Herakles ab, während Aristoteles
lach Scliol. Ap. Rh. 1, 1177. 1346. den Anfüh-
rer der Milesier Kios nannte und Charax bei
^chol. Ap. Rh. 4, 1470 den Argonauten Poly-
jhemos als Gründer der Stadt bezeichnete, vgl.
Äpollod. 1, 9, 19. 'Den Namen des Amykos
gewahrte ein Ort an der Propontis , wo man
len Lorbeerbaum zeigte, an den der Besiegte
gebunden wurde, und wo ein Heroon sein Ge-
lächtnis fortpflanzte, Schol. Ap. Rh 2, 159.
‘lach Ptolem. Heph. bei Phot. bibl. 150 a, 20 soll
ason, nicht Polydeukes, mit Amykos gekämpft
iahen , wie der an dem Ort haftende Name
yoovos cd%[iri mit der Quelle ’Elsvt j be-
reise.
Häufig werden Altäre erwähnt, die die Ar-
onauten am Bosporos errichtet haben sollen,
ach Ap. Rh. 2, 539 ff. Schol. Dem. Lept. p. 468
en zwölf Göttern, nach Polyb. 4, 39, 6 auf der
Rückfahrt. (Die Altäre bei den Kyaneen erwähnt
Aristoti] nEQL &avfi. ätiovay. 105.) Nach Ile-
odoros und Timosthenes bei Schol. Ap. Rh.
, 532 sollte das Heiligtum von des Plirixos
öhnen geweiht sein; jedenfalls existierte es
och in späterer Zeit. Den Altar des Zeus
v qlos als Iasons Stiftung führt Mela 1, 19, 5
a, den der Artemis Ptolem. 5, 1, p. 311. 10,
312, den des Poseidon Arist. in Nept. p. 21,
1 Jepp (vgl. Pind. Pyth. 4, 204), den der
era Ulpian. zu Dem. Lept. p. 468. Am Ein-
mge des Pontos gab es einen IDql^ov h-fiyv
■ > rij XcclnySovLu nsgccicc nach Nymphis bei
ieph. Byz. s. v. cE>^t|og; ebendort soll auf
iropäischer Seite eine Stadt Kytaia gelegen
iben, ein Name, der mit der Argonautensage
ig verwachsen ist, Schol. Ap. Rh. 2, 399 ; und
ils auch Bv^avziov in diesen Kreis hinein-
izogen wurde, beweist namentlich die Nach-
oht des Dionysios von Milet bei Schol.
p. Rh. 4, 1153, dafs hier das Beilager von
son und Medeia gehalten worden sei. Als
rnehmste Erinnerung an die gefahrvolle Fahrt
iftete der Name Kvdvtca oder Bvynhpycidss
i gewissen Klippen des Bosporos, deren Lage
lerdings von den Schriftstellern verschieden
■gegeben wird. Vgl. Fr. Wieseler , de Cya-
is sive Symplegadibus. Göttinger Lektions-
■talog v. J. 1879.
2) Im Pontos. a) Nördliche Richtung.
, 1 m y d e s s o s hat die l’hineussage am treuesten
wahrt und daher allgemein als die Residenz
s phönikischen Heros gegolten; in der Nähe
■ iser Stadt giebt Strab. 7, 319 (vgl. Steph.
Argonauteusage (lokale Tradit.) 522
Byz.) eine Anvonohg an {Steph. Byz. führt
aufserdem einen Ort >Mvtiov am Pontos an),
nördlich von derselben Johannes Kantakuze-
nos , hist. 4, 10 p. 62 f. eine Stadt Namens
Mydsicc. (Phineus in Paphlagonien Schol. Ap.
Rh. 2, 178. Salmydessos am Thermodon Aesch.
Prom. 726.) Auf der taurischen Chersones
veranlafste der Name des Vorgebirges Kqiov
pszcanov („Widderstirn“, in der Landessprache
„Brixaba“ genannt, von der auffallenden Form)
die Legende, dafs der Widder des Phrixos ge-
opfert worden sei, Pseudoplut. tz.tcox. 14, 4, und
II<xvzzyi<x7tDuov galt nach einigen als Grün-
dung eines Sohnes des Aietes, Eust. Dion. 311.
Steph. Byz. s. v. Zuletzt sei das skythische
Kvxci oder Kvzcucc erwähnt, Steph. Byz. s. v.,
von Skylax 68 ed. C. Müller 1, p. 57 zugleich
mit Kriumetopon und Pantikapaion genannt.
b) Östliche Richtung. Der Flufs Phyllis
in Bitliynien, andessen Mündung die Argonauten
vorbeifuhren, galt als der Vater des Königs
Dipsakos , der Phrixos gastfreundlich aufge-
nommen haben soll, Ap. Rh. 2, 652 ff. und
Schol. (die Bemerkung zu vs. 653 an fal-
scher Stelle). Auf der Insel Thynias erinner-
ten zwei Tempel des Apollon und der Homo-
noia an die Landung der Seefahrer, Ap. Rh.
2, 684 ff. und Schol. Herakleia verehrte die
hier gestorbenen Argonauten Tiphys und Id-
mon (unter dem Namen Agamestor) als Schutz-
heilige; des letzteren Grab nahe am ache-
rusischen Vorgebirge trug einen wilden Öl-
baum , um welchen nach einem Orakel die
Stadt gebaut wurde , befand sich also auf
der Agora, Ap. Rh. 2, 842 ff. und Schol. Am-
mian 22 , 8 , 22. Auch der umwohnende
Stamm der Mariandynen trat zu der Sage in
Beziehung, indem einige deren Eponymos Ma-
riandynos zum Sohne des Phrixos machten.
Am Kallichor os, wo das Grabmal des Ak-
toriden Sthenelos gezeigt wurde, bezeichnete
der Ort Lyra die Stelle, wo Orpheus am Al-
tar des Apollon seine Leier aufgehangen hatte,
Ap. Rh. 2, 929 und Schol. Weiter östlich liegt
Kytoros, eine Faktorei von Sinope {Dom.
B. 853), deren Namen von des Phrixos Sohne
Kytoros (oder Kytissoros) abgeleitet wurde,
Ap. Rh. 2, 943. Strab. 12, 544. Mela 1, 19, 8.
Steph. Byz. s. v. Sinope selbst verehrte als
Schutzheiligen den Autolykos, der hier mit
seinen Brüdern in die Argo aufgenommen wurde;
hier befand sich ein Orakel dieses Heros, Strab.
12, 546. Plut.Luk. 23. App. b. Mithr. 83. Am
Halys, wohin die Helden auch auf der Rück-
fahrt gelangt sein sollten, galt ein Hekatetem-
pel als Gründung der Medeia, Ap. Rh. 4, 245 ff
und Schol., an Iason selbst aber erinnerte das
auch von Xenophon , Anab. 6 , 2 , 1 als Lan-
dungsplatz der Argo erwähnte Iasonische
Vorgebirge, noch jetzt Iassun-Burun. Hier-
beisei äev’laoövicc gedacht, welche die Küsten-
bewohner am Strande zu Ehren des als Gott
verehrten Argonautenführers errichteten, Strab.
11, 531. Justin. 42, 3, wie auch der nrjTioi
’lecoövioz, die nach Timonax bei Schol. Ap.
Rh. 4, 1217 sich innerhalb des Pontos befanden.
Der ursprünglich mythische Name Aretias
wurde nachher auf eine Insel östlich vom ia-
523 Argonautensage (lokale Tradit.)
sonischen Vorgebirge übertragen, Arrian. Pe-
ripl. 24. Wir gelangen nach Kolcbis. Stra-
bon, der eifrigste Verteidiger des historischen
Kolchis, nennt 1, 45 einen Ort Aia am Pha-
sis , Plinius 6,4,4 kennt einen Ort dieses
Namens 15 Meilen, Steph. Byz. 300 Stadien
vom Meere, den die Flüsse Kyamos und Plip-
pos umfliefsen, Ptolemaios 5, 9 einen Ort Aio-
polis am Phasis, unbestimmter Schol. Ap. Bh.
2, 417: y Aia noXiq zyg KoX%idog avzy stc’
sGxcczoLg Heizen zyg oinovyevyg. Kytaia, wie
von Kullimachos bei Strab. 1, 45 Medeias Ge-
burtsort genannt wurde, wird von Steph. Byz.
als noliq Kolinti] bezeichnet (Kvzu), vgl. Schol.
Ap Bh. 2, 399 ; später suchte man den Namen
im Kastelle Kutatision, welches vorher Kotyaion
geheifsen habe, Procop. b. cjot. 4, 14. 180 Sta-
dien von der Küste entfernt giebt SIcylax p. 32
einen Ort Medeia an, Strab. 11, 499 eine
Q>qC'E,ov 7t 6hg als Grenzort von Kolchis; eben-
derselbe p. 497 und Plin. 6,5,5 erwähnen
Pityus (s. Lampsakos) und das zu Ehren der
Dioskuren genannte Dioskurias, vgl. Mela
1, 19, 14. Hyg. f. 275, das nach Nilcanor bei
Steph. Byz. früher Aia geheifsen haben soll;
im Hochlande von Kolchis lag das nsdtov
Kiguyg, Timaios bei Schol. Ap. Bh. 2, 400.
Plin. 6, 4, 4. Während aber Arrian. Peripl. 11
behauptet, aufser einem eisernen Anker und dem
Bruchstücke eines steinernen , von denen der
erstere nicht einmal alt sei, existiere in Kol-
chis kein Andenken an die Argonauten, kennt
Timonax bei Schol. Ap. Bh. 4, 1217 in Aia
yvfivuGia zai öi'ghol ncd zyg Mydeiccg ftulayog
xai TtQog zy Ti ölet isqov Ictaovog kuI ttqo g zov-
zoig [sqcc nolhx , wie auch Mela 1, 19, 12 von
einem Tempel und Hain des Phrixos am Pha-
sis spricht, Strabon 1, 45. 11,498 ein Phrixeion
(yavzsiov) und ’laaovt, a im inneren Lande er-
wähnt. Von dem oraculum Plirixi , in dem
niemand einen Widder geopfert habe, berichtet
auch Tacitus, annal. 6, 34; ebenderselbe er-
zählt, dafs die Iberer und Albaner des kol-
chischen Landes ihren Ursprung auf die Thes-
saler zurückführten, welche mit Iason den
zweiten Zug nach Kolchis unternahmen. Der
Stamm der Heniochen sollte von den Dios-
kuren oder ihren Wagenlenkern abstammen,
Strab. 11, 496. Ammin n. 22, 8, 24. JEust. z.
Dion. 5, 687 ; ebendaselbst (nach Cliarax ) wird
von einem Stamm der Tyndariden in dieser
Gegend gesprochen. Am Pontos wohnte ein
Stamm der: Ach ai er, der von Strab. 11, 496
auf die Genossen des Iason, von anderen auf
die Kämpfer vor Troja zurückgeführt wird;
aber auch die Armenier und Meder brachte
der Grieche mit Iason und Medeia in Verbin-
dung, Herod. 7, 62. Strab. 11, 503. 526. 530.
Just. 42 , 2 f. Zur Bestätigung dessen weifs
Strabon a. a. O. ’Iugovik ygcpa in diesen Län-
dern anzuführen , dazu den Iasonischen Berg
südlich vom Kaspischen Meer, ja Ammianus 23,
6, 54 kennt eine Stadt Iasonion in Margiana.
3) Stationen der Rückfahrt. Mehrere
Plätze wurden mit dem Morde des Absyrtos
in Verbindung gesetzt. So zeigte man sein
Grab in Apsaros, früher ”Anpvgzog , an der
Südkiiste des Pontos, Arrian. Peripl. 7., Steph.
Argonautensage (lokale Tradit.) 524
Byz. s. v. ’AipvQzibsg; von der Zerstückelung
des Knaben wurde der Name Tomi an der
Westküste abgeleitet, Ov. trist. 3, 9. 21 ff.
Steph. Byz. s. v. Toyevg; ihm sollte die Insel-
gruppe der Apsyrtides ihren Namen ver-
danken, Ap. Bh. 4, 480 f. Strab. 7, 315. Steph.
Byz. s. v.
Auf den Inseln und der Küste des adria-
tisch-ionischen Meeres suchte man Nieder-
lassungen der zurückgebliebenen Kolcher, Ap.
Bh. 4, 507 ff. 1210tf. Apd. 1, 9, 25, so auf den
Apsyrtides, Dion. Perieg. 488f., in Polai in
Istrien, der Stadt der „Flüchtlinge“, Kallima-
chos bei Strab. 5, 216. Tzetz. Lylc. 1022. Mela
2, 3. 13, im illyrischen Olchinium, früher
Colchinium, Plin. 3, 26, in Orikon an den
keraunischen Bergen, wohin die Kolcher von
der Phaiakeninsel Kerkyra gewandert sein soll-
ten, Ap. Bh. 4, 1215 u. Schol. Über den bei
dem illyrischen Stamm der Hy 11 eis vergrabe-
nen Dreifufs des Iason s. Ap. Bh. 4, 522 ff.
Kerkyra gehört als Phaiakeninsel auch in
die Argonautensage (Drepane, Ap. Bh. 4, 990
und Schol. zu 4, 984). Hierher wurde von
den meisten das Beilager von Iason und Me-
deia verlegt , woran noch zu des Timaios
Zeit ein jährlich wiederkehrendes Fest erin-
nerte, Schol. Ap. Bh. 4, 1217, wie auch die
von Medeia errichteten Altäre der Nymphen
und Moiren beim Heiligtum des Apollon und
die heilige Grotte der Medeia, Ap. Bh. 4,
1217. 1153.
Selbst nach Pannonien hinein verfolgte
man iasonische Spuren; Aemona und Nau-
portus werden mit der Sage in Verbin-
dung gebracht, Plin. 3, 8. Zosim. hist. 5, 29.
Dafs die Kelten die Argonautensage ge-
kannt hätten, schliefst Timaios bei Diod. 4,
56 aus dem Dioskurendienst; nicht wenige
keltische Küstenorte leiteten ihren Namen von
den Argonauten und den Dioskuren ab. Letz-
tem läfst Ap. Bh. 4, 65 lf. auf den Stoicha-
den (b. Massilia) einen Tempel errichtet werden.
Weitere Denkmäler fanden sich im tyrrheni-
schen Meer und Italien: auf der Insel Ai-
thalia (Ilva) der argoische Hafen mit ver-
schiedenen Reliquien, Timaios bei Diod. 4, 5G.
Ap. Bh. 4, 6571'. Strab. 5, 224. [Aristot.] negl
{tavy. dnovGy. 105, p. 839, 20. Der Hafen
Telamon erinnerte an den Argonauten glei-
chen Namens, Timaios a. a. O., Caieta sollte
Aiyzyg geheifsen haben, ebendas, und Lylc. Käs.
1274. Circei, früher eine Insel, Plin. 3, 9,
galt als Aiaie, der Sitz der Kirke, Ap. Bh. 3,
309 ff. und Schol., Diod. 4, 45. Strab. 1, 21
Mela 2, 4, 9. Im poseidoniatischen Meerbusen,
dem sinus Paestanus , kennt Strab. 1, 21 'zfjg
zäv ’Agyovavzüv Griyeia’’ , 6, 252 an der Mün
düng des Silaros einen von Iason erbauter
Tempel der "Hqcc ’Agytpu, vgl. Plin. 3, 9
endlich erwähnte Timaios bei Tzetz. Lylc. 61;
den kolchischen Drachen im Daunischei
Phaiakis (Apulien).
Wir wenden uns nach Libyen: hier hal
tete die Sage an dem tritonischen See
der früher in Cyrenaica gesucht, später mein
nach W. , gewöliulich an die kleine Syrte ge
rückt wird. Der argoische Hafen daselbst
525 Argonautensage (in d. bild. Kunst)
Altäre des Poseidon und des Triton und Re-
liquien der Argo bezeugten auch hier die An-
wesenheit der Argonauten, Ap. Rh. 4, 1620 u.
[ Schul. Der mit altertümlicher Schrift bedeckte
eherne Dreifufs, den Iason dem rettenden Tri-
ton weihte, wurde nach Diod. 4, 56 in Euesperides
(Berenike , westl. von Kyrene) bewahrt. Über
Krete haben wir nur die unbestimmte Notiz
des Strali. 1, 46 ’r sv.griQia .... w.cd gsxQ1 Z*IS
KQrirr]s,1 vielleicht zählte darunter ein Heilig-
tum der minoischen Athene, vgl. Ap. Rh. 4,
1691. Die Insel Anaphe, deren Name von
der Erscheinung des Apollon abgeleitet wurde,
Ap. Rh. 4, 1717. Apd. 1, 9, 26. Steph. Byz.
s. v., gehört ganz der Argonautensage an, in
enger Verbindung mit ’Anollcav AlyXr\rr\g, Kal-
limachos bei Strab. 1, 46. Im dortigen Apollo-
tempel wurde jährlich ein Fest gefeiert, bei
dem Männer und Weiber sich aufzogen zur
\ Erinnerung an die Neckereien der Helden mit
; den phaiakischen Mägden, Ap. Rh. 4, 1721 ff.
Konon bei Pliot. bibl. 141b. 27 ff. Apd. 1,
9, 26. Ein wichtiges Glied in der Stammesge-
schichte der Minyer bildet die Insel Kallist e
(Thera) als Brücke zur afrikanischen Kolonie
Kyrene. Die Legende von ihrer Entstehung
brachte sie in Verbindung mit der Argonau-
tensage, Rind. Ryth. 4. Schol. zu v. 15. Ap.
1 Rh. 4, 1755ff'. Schol. zu v. 1750. Die letzte
Station der Argofahrt, Aigina, feierte die Er-
innerung an den Wettlauf der mit gefüllten
Krügen belasteten Helden durch die jährliche
Wiederholung desselben, Ap. Rh. 4, 1770 ff.
Endlich sei noch die aufserhalb der vulgären
■ Tour liegende Insel Samos erwähnt; denn der
daselbst befindliche Heratempel sollte eine,
Gründung der Argonauten sein, Paus. 7, 4, 4.
V. Monumentale Tradition. 0. Müller,
Archäologie der Kunst § 412, 4. C. Th. Pyl,
de Medeae fabula 2, 1850. Flasch, Angebliche
Argonautenbilder. 1870.
Eine • an Motiven so reiche Sage, wie die
Argofahrt , bot wegen der Mannigfaltigkeit
ihrer Scenen und Gruppen namentlich für das
Gemälde und Relief einen unerschöpflichen
Stoff. Am Kypseloskasten befanden sich
mehrere auf unsere Sage bezügliche Gruppen:
die Leichenspiele des Pelias mit den berühm-
testen Argonauten, Phineus von den Harpyien
durch die Boreaden befreit, Medeia zwischen
Iason und Aphrodite, Paus. 5, 17, 9ff. 18, 3.
Eine Statuengruppe der Argonauten von Ly-
kios, dem Schüler des Myron, erwähnt Plin.
34, 79. Im Dioskurentempel zu Athen stellte
ein Gemälde des Mikon aus Aigina die Ar-
gonauten wahrscheinlich bei den Leichenspie-
len des Pelias dar, Paus. 1, 18, 1; ein Gemälde
des Kydias im Tusculanum des Hortensius
die Argonautenfahrt, Plin. 35, 130, dieselbe
auch ein Wandgemälde im Porticus des Nep-
tun auf dem campus Martius, luv. 6, 153 f.
Mart. 2, 14, 5f. Die häufige Behandlung des
Stoffes ergiebt sich indirekt aus den philo-
stratischen Schilderungen: so imag. 2, 15
Glaukos Pontios, der den Argonauten im Pon-
tos erscheint, Phil. iun. im. 7 Medeias erste
Begegnung mit Iason , im. 8 das Würfelspiel
des Eros und Ganymedes auf dem Olymp mit
Argonautensage (in d. bild. Kunst) 526
der Argo am Phasis (vgl. Ap. Rh. 3, 114 ff.
Sophokles bei Athen, p. 602), im. 11 Flucht der
Argonauten von Kolchis.
In den erhaltenen Darstellungen finden
wir mit Vorliebe dieMedeiasage, Iasons Kämpfe,
die Phineussage behandelt; die Argo selbst
erscheint nur auf wenigen. Ob die Terracot-
ten des Brit. Museums, descr. of anc. terrae.
16, vgl. Campana 5, in Villa Albani, Zoega
hass. 45 , und das Bronzetäfelchen im Museo
Borgia bei Millin, gal. myth. 418 den Bau
der Argo oder des Schiffes des Danaos oder
allgemein den ersten Schiffsbau darstellen, ist
nicht zu entscheiden. Vgl. Jahn, Ber. d. hönigl.
säclis. Gesellsch. d. W. 1861 p. 333 f. Dagegen
ist auf einer tuskischen Gemme bei Micali ,
ant. mon. 116, 2 der Argobau gesichert durch
das beigeschriebene EAS VN, vielleicht auch
anzunehmen auf der Gemme in den Impronte
• gemm. delV instit. 3, 64. Helbig, Wandgemälde
Campaniens, erkennt in einem herkulanischen
Gemälde n. 1259 den Bau der Argo, vgl. dag.
p. 460. Die fahrende Argo glaubt man auf
einer Münze, Millin g. m. *420 und auf einem
Basrelief, ebend. 419 zu erkennen. Die Vasenbil-
der, die das Opfer am Altar der Chryse dar-
stellen, Archäol. Zeitg. 1845 T. 35f. , sind der
Heraklessage zuzuweisen, Flasch 13 ff. Auf die
Landung der Argonauten auf Kyzikos und
des Herakles Kampf mit dem Dolionenkönig
wird ein Vasenbild bei Gerhard, Auserl. Vas.
3, 27 bezogen, vgl. Arch. Ztg. 1851 No. 27.
Millin g. m. 421. Die Landung bei Amykos
und die Besiegung desselben durch Polydeu-
kes findet sich dargestellt auf den Seitenflä-
chen eines bronzenen Schmuckkastens, der
berühmten Fic oronischen Cista des Colle-
gio Romano (aus Präneste), bei Müller-Wie-
seler, Denkmäler 1, No. 309, vgl. E. Braun,
die ficoronische Cista, Leipzig 1850. Wieseler
im Pliilol. 5, 577 ff. Rechts sieht man denSteuer-
bord der Argo, Tiphys am Steirer, auf dem
Schiffe einen zweiten Argonauten schlafend,
einen dritten knieend mit einem Schlauche be-
schäftigt; andere schöpfen an einem Quell
Wasser, während in der Mitte Polydeukes den
im Faustkampf besiegten Amykos an den Lor-
beerbaum fesselt. Von göttlichen Wesen ist
sicher Athene zu bestimmen, vielleicht neben
ihr Apollon (nach Gerhard Iason); am Quell
äfft ein Silen einen mit Vorübungen zum Faust-
kampf beschäftigten Genossen nach. Die glei-
che Scene, weniger reich, findet sich auf einem
Vasengemälde bei Gerhard, Auserl. V. T. 153;
hier ist Amykos an einen Felsen gefesselt, dabei
die Boreaden in ruhiger Haltung, neben ihnen
vielleicht Iason; von der Argo ist nur ein
kleiner Teil sichtbar. Inschriftlich gesichert
sind Polydeukes und Amykos auf einem Spie-
gel bei Müller- Wieseler 1, No. 310; eine ab-
gekürzte Darstellung findet sich noch auf ei-
nem etruskischen Relief, Jahn, Rhein. Mus. 6,
298. Von den Phineus bildern (s. „Phi-
neus“ und „Boreaden“) gehört hierher nur die
Ruveser Vase, Catalogo del Museo Jutta No.
1095, insofern die Scene durch Argonauten be-
lebt ist, die von der hinter dem Felsen ver-
steckten Argo gestiegen sind, um Wasser zu
527 Argonautensage (in d. bild. Kunst)
Argonautensage (in d. bild. Kunst) 528
a
r?
a>
i-3
■S'
oi
5
schöpfen und sich zu baden. Auf das Aben-
teuer mit den Stymphaliden auf Aretias wird
das Bild Mon. ddl’instit. 4, 29 bezöget). Zahl-
reicher sind die auf die kolchischen Aben-
teuer bezüglichen Darstellungen, worüber das
Nähere unter „Iason“ und „Medeia“. Dafs das
mittlere Bild der Ruveser Yase in München
No. 805 Iasons Ankunft vor Aietes (0.
Müller , Pyl a. a. 0.) oder die Hochzeit bei
io den Pliaiaken ( Panofka ) darstelle , leugnet
Flasch 30 ff. ; dagegen bezieht er (p. 34) das
Bild Millingen, vas. div. 7 auf Iasons Audienz
bei Aietes. [Vgl. Festgrufs d. pliilol. Ges. zu
Würzburg zur 26. Philol.-Vers. 1868 p. 77 ff.
(. Flasch .)]. Die Unterredung zwischen Iason
und Medeia findet sich dargestellt auf einer
apulischen Yase bei Gerhard 10, vgl. Jahn ,
Pli. Mus. 6, 295. Pyl glaubt auch Gerhard ,
Apul. V. 6 und 8 gegen Gerhard hierher rech-
20 nen zu können. Combe , terrae. 53 zeigt Her-
mes, der dem Iason die Iynx ( Find . Pyth. 4,
214) überbringt. Von den aymvsq’lKGovog
findet sich das Anschirren der Stiere darge-
stellt auf dem Marmorrelief bei Clarac, mus.
de sc, 199, dem Relief bei Beger, spicileg. an-
tiquit. p. 118 (Wiener Relief, Arneth No. 171),
dem Fragment eines Turiner Relief, Mülin g.
m. 424, einer Münze des Nero bei Pedrusi,
Mus. Farnes. 5, 3. 6. Aufserdem s. K. Purgold,
30 Arch. Ztg. 1883, p. 163 fF. (mit Taf. 11, Vase von
Ruvo u. dens. Bull, dell' Inst. 1879 p. 76). Eine
Reihe von Bildern behandelt den Kampf mit
dem Drachen und die Entwendung des Vlie-
fses, vgl. Jahn, Arch. Ztg. 1860, p. 74 ff. Auf
einem Terracottarelief im Brit. Museum, Combe
terr. of the Brit. mus. 52, Campana ant. op. in
plast. 63 reicht Medeia dem Drachen die
Schale, während Iason mit dem Schwerte her-
beischleicht, ebenso Millingen, v. as. div. 6;
40 zwei Vasengemälde in der kaiserlichen Eremi- i
tage zu Petersburg, Mon. d. instit. 5, 12, und!
in Neapel, Neapels antike Bildw. p. 326, 143 !
vgl. Pli. Mus. 6, 298 stellen den Kampf dar,1
in welchem Iason durch die Waffen der Argo-,
nauten (inschriftlich „Kalais“) unterstützt wird;
auf der Ruveser Vase in München No. 805j
(siehe die Abbildung) führt Iason allein den
Kampf, hinter ihm Medeia mit den Zauber-
mitteln, während die Genossen ruhig zuschauen.
50 Auf den Sarkophagreliefs bei Beger, spicil. an-
tiq. p. 118, Wiener Relief bei Arneth 171, h
Villa Ludovisi ( Schreiber , Antike Büdiv. n
V. L. No. 81) nimmt Iason mit erhobe-
ner Rechten das Vliefs vom Baum , wäh
rend der Drache eingeschläfert oder getöte
den Kopf senkt. Die Einschläferung vermit
telst der Iynx (?) vielleicht auf Gemmen im
pronte dell' instit. 1, 75. 76, Millin g. m. 146
424. Eine eigentümliche Wendung der Sage
eo nach welcher Iason vom Drachen verscliluu
gen und wieder ausgespieen wird, findet siel
zu Grunde gelegt der Darstellung auf den
Innenbild einer Cäretaner Schale, Mon. d. inst
2, 35, einem etrusk. Spiegel bei Gerhard, Spie
gel 2, 138. (Nicht hierher gehört die peru
giner Vase Mon. d. inst. 5, 9 nach Wieselet
Ztschr. f. Alterth. 1851 p. 318. Flasch 2Gff.
Da die auf die Hochzeit bei den Phäiaken be
529 Argonautensage (in d. bild. Kunst)
Argonautensage (neuere Litteratur) 530
zogenen Bilder mit Recht bezweifelt werden,
bleibt für die Heimfahrt nur die Darstellung
des T alosabenteuers übrig auf einer neapo-
litanischen Amphora, Bull. Napol. 3, 2, 6.
Arch. Ztg. 1846. T. 44 f. 1848 T. 24; ebenda-
hin gehören zwei etruskische Spiegel bei Ger-
hard 1, 58. 56; vgl. Micali, mon. 46, 1.
VI. Die neuere Litteratur. Während
die Byzantiner die Kenntnis der Argonauten-
sage aus griechischen Quellen schöpften und
G. T. Grotefend in der geogr. Ephemer is, 1815.
261 ft'. Neue geogr. Eph. 1,277 . Völcker, Über
homerische Geographie. Hannover 1830. 129 ff.
Forbiger, Alte Geographie 1, 290ff. Zhisman,
die Isterfahrt im griech. Sagenkreis. Triest 1852.
Die wissenschaftliche Behandlung der Sage be-
gründete K. 0. Müller in Orchomenos und die
Minyer 1820, 2. Aufl. 1844; währender aber
den ursprünglichen Kern der Sage durchaus
io ideell fafste (s. S. 268) , hat Forchhammer,
Erbeutung des Vlieises durch die Argonauten , von e. Vase in München No. 805. (Nach Ann. d. Inst. 1848 tv. G).
fortpflanzten ( Tzetzcs ), blieb im Abendland wäh-
rend des Mittelalters sogar Valerius Flac-
cus unbekannt; nur Ovid, Statius und die
bekannte Quelle des trojanischen Kriegs, Da-
tes Phrygius, welche als Einleitung eine
kurze Übersicht der Argonautenfahrt enthält,
erhielten das Gedächtnis an Iason und Medeia;
von dort stammen die Anführungen bei I s c a -
nus, Albertus Stadensis, Benoit, Her-
. bart von Fritzlar, Konrad von Würz-
i] bürg u. a. in ihren Erzählungen vom troja-
nischen Krieg. Vgl. Dünger, die Sage vom
\ trog. Krieg im Mittelalter, ProgrAdes Vitzthum-
schen Gymn. in Dresden 1869. Poggio ent-
deckte während des Kostnitzer Concils in St.
Gallen den Valerius Flaccus, der Humanist
Basin i (um 1450) dichtete Argonautica im
Anschlufs an Apollonios vgl. G. Voigt, Wie-
derbelebung d. kl. A. 1, 588.
Eine üeifsige Zusammenstellung des Mate-
rials , allerdings mit der ihm eigentümlichen
allegorisierenden Deutung gab Natalis Comes
in Mythologiae libri 10. Francofurti 1596.
590 ff. Citiert finde ich Kirchmeieri dissertatio
de Argonautarum expeditione. Wittenberg 1685.
Material ist gesammelt in den Ausgaben des
Valerius Flaccus und des Apollodor, bes. von
Burmann, Heyne und Cluvier, namentlich aber
bei Weiche rt, Leben und Gedicht des Apollo-
nios von Rhodus 1821, wo sich p. 1 1 4 ft', die von
den Alten bereits aufgestellten, von den Neuern,
wie Is. Vossius, Mezira, Raoul-Rochette
u. a. neu redigierten rationalistischen Deutun-
gen der Sage zusammengestellt finden. Ebenso
antiquiert wie diese sind die Auslegungen von
E. G. Lenz, Encycl. der lat. Dichter 6, Bd. 2
p. 403, und Greuzer, Symbolik 4, 30. 235. Mehr
Beachtung verdienen die geographischen Schrif-
ten von Schoenemann, de geogr aphia Argon.,
Göttingen 1788, von Vofs, Alte Weltkunde
p. 7. Männert, Geographie der Gr. u. Römer.
1795. 4, 22 ff., Ukert in der geographischen Ephe-
meris 1814, 203, besonders aber in der Geo-
graphie der Gr. u. Röm. 1816. 1, 2. 320—350.
Hellenika 1837. 170ff. und Jahrb. f. kl. Phi-
lol. 1875. 391 ff. zuerst eine physikalische Er-
klärung gegeben; die von ihm hervorgeho-
bene agrarische Bedeutung des Mythos ver-
traten nach ihm Lauer , System der griech.
30 Mythol. 1853. 21 9 f., E. Gerhard, Gr. Mytliol.
2, § 677—700., Preller, Griech. Myth ,2 2, 308ff.
Eine andere Richtung der Erklärung schlu-
gen Kuhn, Abh. der Berliner Akad. 1873.
138 f. und W. Mannhardt, Ztschr. f. Ethno-
logie7, 1875. 243 ff. ein. (Darüber s. VII.) Etymo-
logische Bemerkungen zu unsrer Sage finden
sich, wie in den zuletzt genannten Schriften,
so bes. bei Pott, Philol. Suppl. 2, p. 265. Nur
Material wird gegeben von K. Schwenck, Myth.
40 der Gr. 1843. 478 ff., K. Eckermann, Lehrbuch
der Religionsgeschichte und Mythologie. 1845.
1, 249 ff. Welcher, epischer Cyklus 1, 82 ff'.,
Grote, Gr. Geschichte 1, 185 ff. (Meifsner). Spe-
zialarbeiten haben, abgesehen von den betref-
fenden Artikeln in Grubers Wörterbuch der
altklassischen Mythologie, Jacobis Handwörter-
buch der griech. röm. Mytholoegie 1835, in der
Höllischen Encyklopädie V (von Ukert und
Ricklefs), in Paulys Realencyklopädie (1. Aufl.
50 von G. F. Grotefend, 2. Aufl. von H. W. Stoll),
in neuerer Zeit geliefert: F. Vater, der Argo-
nautenzug 1845. 2 Hefte. Pyl, de Medeae fa-
bula. Berol. 1850 und in der Ztschr. f. Älter-
tumswissensch. 1854 u. 1855., Kral, die Argo-
nautenfahrt. Brünn 1852. J. Stender , de Ar-
gonautarum ad Colchos usque expeditione fabu-
lae historia critica. Kiel 1874. Ew. Meier,
Quaestiones Argonauticae. Moguntiae 1882 (über
die Quellen des Valerius Flaccus).
60 VII. Die Entwicklung der Sage. 1)
Dafs die Argonautensage nicht nur aus der
Tradition von den ältesten Seefahrten im Pon-
tos hervorgegangen ist, sondern in ihrem in-
nersten Kern auf einem physikalischen
Mythos beruht, wird kaum geleugnet werden
können. Der Widder des Phrixos, Aia mit
dem goldnen Vliefs an der vom Drachen be-
wachten Eiche, die Erbeutung des Schatzes
531 Argonauten sage (Entwickelng. n. Deutg.) Argonautensage (Entwickeln", u. Deutg.) 532
durch lason und dessen Fahrt auf der Argo
durch die Symplegaden sind die wesentlich-
sten Elemente dieses Mythos. Forchham-
mer hat ihn als agrarischen Jahresmythos ge-
deutet: Er versteht unter dem mit Phrixos
und Helle belasteten Widder die aus den Dün-
sten des Kopaissees um Frühjahr aufsteigende
Wolke, die vom Kaikias über den Hellespont
getragen und im Winter vom Notos aus Li-
byen nach der unter der Sonnenhitze schmach- 10
tenden Heimat zurückgebracht wird. Dagegen
erkennen Kuhn und Mannhardt einen Tages-
mythos, der die Vorgänge des Sonnenunter-
gangs und Sonnenaufgangs zum Ausdruck
bringt. So deutet Mannhardt Helle als die
Sonnentochter, die ins Meer versinkende schim-
mernde Dämmerung, Phrixos als die starren-
den Sonnenstrahlen, die Fahrt der Argo durch
die Symplegaden als den Untergang der Sonne
im Westen, Aia als das Sonnenland, in dem 20
die Eiche mit dem goldnen Vliefs den Nacht-
sonnenbaum darstellt , den der Drache , das
Symbol der Finsternis, bewacht (vgl. Mimner-
mos fr. 11). Kuhn findet in dem Widder mit
goldnem Vliefs den Ausdruck des Tages, in
Helle sprachlich und sachlich die untergehende
Sonne, deutet das Anschirren der feurigen Stiere
als den anbrechenden Morgen, die aus den
Drachenzähnen hervorgehenden geharnischten
Männer als die aus dem Dunkel hervorbrechen- 30
den Lichtstrahlen, ebenso als Sonne den von
lason unter sie geworfenen Stein, während die
Fahrt der Argo sich nach ihm im Dunkel des
Nachthimmels bewegen soll.
Die zweite besonders von Mannhardt durch
zahlreiche Analogieen gestützte Erklärung
scheintim Bezug auf Aia unwiderlegbar, während
die Phrixossage mancherlei Anhaltpunkte für die
Forchhammersche Deutung bietet, deren kon-
sequente Durchführung in allen Einzelheiten 40
der späteren Sage sich allerdings ins Wunder-
liche verliert. So ist die Annahme einer Ver-
mischung zweier Mythen nicht ausgeschlossen;
jedenfalls aber ist eine alles erklären wollende
Auslegung um so bedenklicher, da Figuren
wie Helle für die Argosage sekundäre zu sein
scheinen, gewisse Züge der Iasonischen Ago-
nen leicht der Kadmossage entlehnt sein kön-
nen und auch die Verbindung des Helden mit
der Zauberin Medeia nicht notwendig dem 50
Argomythos anzugehören braucht. (Darüber
s. die Artikel: lason, Medeia, Helle.)
2) Aus dem physikalischen Mythos ging die
Sage von der ersten Fahrt griechischer
Schiffer nach einem im Osten liegenden Zau-
berland Aia hervor , in welchem ein goldnes
Vliefs , das , seines physikalischen Charakters
entkleidet, zu einem unbestimmten Ideal, dem
klassischen Gral, wurde, gehütet von dem her-
kömmlichen Drachen und einem grausamen Für- .60
sten, nur unter schweren Kämpfen zu gewinnen
war. Zu dieser Umwandlung trug wesentlich
das Gedächtnis an die ältesten Fahrten grie-
chischer Schiffer im ägäischen Meer und nach
dem Pontos bei. Die Sage gab zunächst der
Fahrt zwar eine wohl bereits vom Mythos vor-
gezeichnete Richtung, aber noch kein bestimm-
bares Ziel. Es wäre thöricht Aia geographisch
bestimmen zu wollen; am äufsersten Osten
gelegen zieht es sich, wie der Horizont, im-
mer weiter vor dem nach ihm strebenden
Schiffer zurück. Mit Aia gehört auch der
Phasis der ältesten Sage an, ein Name, wel-
cher, wie später auch der Tanais, als östlicher
Grenzflufs seit frühester Zeit typisch gewesen
zu sein scheint. Hierzu kommen noch einige
andere Namen von durchaus idealer Bedeu-
tung: Kytaia, von Kallimachos fr. 113 ed.
Schneid, als des Aietes Vaterland bezeichnet,
sonst auch als das Ziel der Fahrt genannt,
ein Name, der ebenso am Eingang des Pon-
tos, wie an der Südküste desselben und in der
taurischen Chersones lokalisiert wurde ( Schol .
Ap. Rh. 2, 399. Steph. Byz. s. v.) , auch in
rKytoros’, 'Kytissoros’ (Steph. Byz. s. v.) durch- 1
klingt und , wenn nicht von 'nvtos Haut’ ab-
zuleiten, doch von der Sage nach dieser Ety-
mologie erklärt wurde; Pityeia oder Pitya,
nach Schol. Ap. Rh. 1 , 933 ein thrakisches
Wort, soviel wie „Schatz“ bedeutend, ein
Name, der in Lampsakos und bei Dioskurias
im Kolcliischen (Tlixvovs Strab. 11, p. 497) und
als liburnische Insel (Ap. Rh. 4, 563) wieder-
kehrt; endlich Sybaris, die Sonnenburg bei
Diod. 4, 48. Mit Kolchis ist das Ziel der
Fahrt an die SO. -Ecke des Pontos lokalisiert;
bevor dies geschah, haben vielleicht näher ge-
legene Orte am Hellespont, der Propontis und
der Südküste des Pontos als die Stätte des
goldnen Vliefses gegolten , wie 0. Müller, Or-
chomS p. 280ff. und nach ihm andere, aus Lo-
kalsagen von allerdings unbestimmbarem Alter
geschlossen haben. Sicher scheint allein dies:
als die Ioner, besonders die Milesier, im ach-
ten Jahrhundert diese Küsten befuhren und
kolonisierten, wanderte mit ihnen die Legende
von der Argo; wohin sie kamen, übertrugen
sie dieselbe auf den neuen Ort; ein dem ge-
leitenden Apollon (sTtccKtiog, iyßdaios, snßdoio?,
cdylritrjg) oder der Athene ( laaovCa in Kyzi-
kos) geweihtes Heiligtum oder ein zu Ehren
des ersten Seefahrers gegründetes Iasonion
diente nicht allein dazu, die Sage lebendig zu
erhalten, sondern wurde später als vollgültiger
Beweis dafür genommen, dafs die Argo wirk-
lich den Ort berührt habe. Noch im 8. Jahr-
hundert aber, wenn anders Eumelos (?) in die-
ses Zeitalter zu setzen ist, wird bereits Kolyl?
Faece als das Ziel der Fahrt genannt , ein
Name, der gewifs nicht, wie Vater. 1 p. 23 be-
hauptet, ideell zu fassen ist, sondern allein an
dem auch in historischer Zeit so genannten
Lande haftet. Nicht begründet scheint 0. Mül-
lem Ansicht (Orch.2 285), dafs die Lokalisierung
der Sage zuerst die nördliche Richtung nach
der taurischen Chersones genommen habe;
während eine reiche, ältere Tradition nach der
Südküste des Pontos weist, sind die Lokal-
sagen in jener Richtung nur spärlich und, wie
es scheint, von jüngerem Alter. Skythien, hier
und da als das Ziel des Phrixos und der Ar-
gonauten genannt (zweifelhaft im Fragment des
Hcsiod bei Schol. Ap. Rh. 2, 181, aufserdem
Schol. Ap. Rh. 1, 256, arguni. Ap. Rh. bei Keil
p. 533 u. a.), ist ein viel zu unbestimmter
Name , der ebenso auf die Ostküste bezogen
533 Argonauteusage (Entwickelung)
werden kann ; dagegen beweisen D i o d o r und
der späte Dracontius, beide wertlose Quel-
len für unsre Sage, wie durch die Verwirrung
der Medeiasage mit der Iphigeneiasage Tauri
an die Stelle von Kolchis getreten sein mag.
Wie die Strömungen des Pontos von der W.-
und N. -Küste südlich nach dem Bosporus und
von da an der kleinasiatischen Küste von W.
, nach 0. gehen ( Forchliammer in der Augsb.
A. Z. 1880. B. 317), so gingen die ersten See-
! fahrten der Griechen die Südküste entlang,
nicht direkt durch das Meer nach N.
13) Nach mannigfachen Spuren in der Über-
lieferung ist die Argonautensage dem Stamme
der Minyer zu vindicieren und darf, so lange
die Herkunft derselben noch dunkel ist, weder
«den Aiolern (so K. 0. Müller, Gesch. d. gr.
Stämme 2 , 159) , noch den Ionern (so E. Cur-
; tius, Ionier 24 f.) ohne weiteres zugeschrieben
; werden. Die Minyerstädte Orchomenos und
Iolkos sind Ausgangspunkte der Sage; Minyer
werden die Argonauten selbst genannt, Find.
' Pyth. 4, 69 u. Schol. Schol. Find. Isthm. 1,
79. Ap. Rh. 1,229. Hyg. fab. 14. Tzetz. LyTc.
« 874; und so werden unter den vielen Namen
diejenigen als die relativ ursprünglichsten gel-
ten müssen, die mit minyeischen und weiter-
hin thessalischen Genealogieen und Sagen zu-
Isammenhängen. (Vgl. 0. Müller, Orchomenos 2
253 ff.). Dazu gehören: Iason, Iphikles, Adme-
tos, Akastos, Neleus, Erginos, Euphemos, da-
zu die Lapithen Peirithoos, Asklepios, Kaineus,
Polypliemos, Koronos, Asterion, Idmon, Mop-
!sos, die Thessaler Aktor, Peleus, Eurydamas
und Eurytion, Aithalides, Eurytos und Echion,
der böiotische Tiphys. Dies scheinen Namen
der älteren Überlieferung. Erst nachdem die
Sage allgemeiner geworden war, mögen die
Namen des Herakles, der Dioskuren und Bo-
readen, des Orpheus (bestritten vom Schol.
Ap. Eh. 1, 23) und auch des Theseus (bestrit-
ten von Ap. Eh. 1, 101 f.) in die Reihe der
! Teilnehmer gekommen sein ; ferner wurden die
i Verzeichnisse der Argonauten und der kalydo-
nischen Jäger aus einander ergänzt; so kamen
aus diesem in jenes die Namen des Meleagros
i und der Atalante ; und da die Argonautenfahrt
ein Menschenalter vor dem trojanischen Krieg
angesetzt wurde, so boten sich leicht die Na-
men von Vätern trojanischer Helden dar: Ty-
deus, Poias, Laertes und Telamon; den alten
Nestor schlofs diese Chronologie nicht aus.
' Endlich finden wir in dem Verzeichnis des
; Apollodor auch andere trojanische Helden
wieder: die boiotischen Minyer Askalaphos und
Ialmenos {Ilom. B 512), die Boioter Leitos und
Peneleos (B 494), den Argiver Euryalos ( B 565).
Ganz bedeutungslos sind Namen der Epony-
men von Städten, wie Azoros, Amyros, Kios.
So gingen auch diejenigen über die Zahl 50
hinaus , welche die Argo leicht erklärlicher
Weise zu einem Fünfzigruderer machten.
4) Zu den hervorragenden Stationen der
I Argonautensage in der ältesten Überlieferung
gehört der Minyersitz Lemnos mit der heili-
gen Samothrake; hier berührt sich die Stam-
mesgeschichte der Minyer mit dem Kultus der
[ Kabeiren, dem vielleicht der dem Ivadmilos
Argonautensage (Entwickelung) 534
verwandte Iason , dessen Nachkommen nach
Homer auf Lemnos herrschten, nicht fernsteht.
Minyeischen Abkömmlingen gehört die für die
Argofahrt so wesentliche Sage von Triton, der
Erdscholle des Euphemos und der Entstehung
von Kalliste-Thera; denn Lemnos, Lakedaimon,
Thera und Kyrene kehren in gleicher Verbin-
dung in der Geschichte des Minyerstammes
bei Herodot (4, 145 ff.) wieder, wie in dem Ar-
goliede des Pindar {Pyth. 4); und wenn auch
Kyrene als das letzte Glied erst nach der Mitte
des 7. Jahrhunderts in die Überlieferung ge-
kommen ist , so stammt sie doch in ihren
wesentlichen Elementen aus weit älterer Zeit.
Zweifelhafter ist, ob Kyzikos als alter Sitz thes-
salischer Pelasger {Schol. Ap. Eh. 1, 987. 1037,
vgl. Marquardt, Sinope p. 48. Stender p. 43) be-
reits der minyeischen Tradition der Argonauten-
sage, in der es eine hervorragende Station ist,
angehört. Hier mag man im einzelnen vielleicht
zu weit gehen; im allgemeinen aber bleibt die
zuerst von 0. Müller aufgestellte und begrün-
dete Ansicht unabweisbar, dafs die Argonau-
tensage durch minyeische Traditionen einen
wesentlichen Zuwachs erhalten habe. Und
wenn sich auch sonst Sagen- und Stammes-
verwandtschaft zwischen Iolkos , Orchomenos
und Korinth feststellen läfst, so bestätigt
sich dies durch die Argonautensage. In Ko-
rinth wurde die thessalische Medeia als ein-
heimische Heroine verehrt {Eumelos fr. 2. 3.
Paus. 2 , 3. 6 u. a.) , dahin die Anfänge des
Aietes und seines Hauses verlegt. So reprä-
sentiert Korinth insbesondere die kolchische
Seite der Überlieferung; durch dieselbe wur-
den die korinthisch-kerkyräischen Inseln des
Adriatischen Meeres in den Sagenkreis hinein-
gezogen, so Kerkyra, wohin das Beilager von
Iason und Medeia lokalisiert wurde , Orikon
und die nördlich davon liegenden Niederlas-
sungen der Kerkyraier, die die Sage zu Kolo-
nieen der die Argonauten verfolgenden Kolcher
machte. Die Hauptquelle der korinthisch-ker-
kyraiischen Argonautensage scheinen für die
Späteren die naupaktischen Gesänge gewesen
zu sein. Vgl. 0. Müller, Orchomenos 3 133.
264ff 292 f.
5) An den Kern der Argonautensage setz-
ten sich ursprünglich selbständige Lokalsagen
derjenigen Orte , die von der Argo berührt
sein sollten, oder diese selbst veranlafsten die
Aufnahme des Ortes in den gröfseren Sagenkreis.
So ist unabhängig von der Argofahrt die Phi-
neussage entstanden, die nach der gewöhn-
lichen Annahme die phönikische Epoche der
pontischen Schiffahrt repräsentiert; in früher
Zeit bereits wurde sie einer der populärsten
Bestandteile der Argosage; vielleicht sind durch
dieselbe die Boreaden zu Teilnehmern an der
Fahrt geworden. Selbständigen Ursprungs ist
die Sage von Kyzikos, in der Herakles, wie
es scheint , ursprünglich die Hauptrolle ge-
spielt hat — er überwindet die Giganten Ap.
Eh. 1, 989 ft'., nach Orph. 522 hat er den Ky-
zikos getötet — ; ebenso die Hy las sage, ein
unter griechischem Einflufs weitergebildeter
mysischer Mythos (vgl. 0. Kaemmel, Heracleo-
tica. Plauen i/V. 1869 p. 25). Einen beson-
io
20
30
40
50
60
535 Argonautensage (Entwickelung)
ders günstigen Boden fand die Herakles sage
in dem pontischen Herakleia, das zugleich
eine wichtige Station der Argofahrt wurde und
aus einheimischer Sage neue Gestalten in die-
selbe übertrug: Lykos ist sicher ein einheimi-
scher Flufsgott, Idmon, wenn auch mit ver-
ändertem Namen, zum Schutzheiligen der helle-
nischen Kolonie geworden, Scliol. Ap.Bli. 2, 845.
Wie noch in späterer Zeit die Herakleen zur Aus-
stattung der Ärgonautensage beitrugen, beweist i
das Opfer in Chryse , das , ursprünglich nur
dem Herakles zugeschrieben , irrtümlich auf
die Argonautensage übertragen wurde, Phüostr.
tun. imag. 17, beweisen die Stymphaliden auf
Aretias , die den arkadischen Wundervögeln
getreu nachgebildet sind, während der an Ares
und die kadmische Quelle ( Scliol . Aesch. sept.
106. Sehol. II. 2, 494) erinnernde Name der
Insel, wo die Söhne des Phrixos gefunden wer-
den, der älteren Sage angehört. Ferner lie- 2
ferte ihren Beitrag die Dioskur ensage, die,
von den griechischen Schiffen über das Meer
von Küste zu Küste getragen, sich leicht mit
der ebenso verbreiteten Argosage verband. So
wurde zur Episode der letzteren die Besiegung
des Amykos; auch als Sieger über Kyzikos
werden die Dioskuren genannt, Scliol. Ap. Bh.
1, 1040; die Sage berichtet wiederholt von
Heiligtümern, die den Tyndariden errichtet
worden sind, so bei den Mariandynen, Ap. Bh.
2, 806, auf den Stoichaden, Ap. Bh. 4, 65 lf.
Dafs die Dioskurensage auch im Lande der
Kol eher heimisch war, beweisen Namen und
Ableitung von Dioskurias, den Heniochen und
Tyndariden. Nach Timaios bei Diod. 4, 56
ist es. der Dienst der Dioskuren d. h. der den-
selben analogen Landesgottheiten gewesen, der
die Kelten mit der Argonautensage in Verbin-
dung gebracht hat.
Verschiedene Abenteuer im westlichen Meer
hat unsre Sage mit der Odyssee gemeinsam.
Die Schiffermärchen von den Seirenen, von
Skylla und Charybdis liefsen sich leicht in
die Erzählung einer abenteuerlichen Seefahrt
entflechten; fast scheint es, als ob Apol-
lonios oder seine Vorgänger dieselben aus
der Odyssee in ihre Dichtung übertragen hät-
ten. Dagegen sind die Plankten die in das
westliche Meer verlegten Symplegaden, mit-
hin unserer Sage eigentümlich und von den
Späteren nach der Odyssee als Wunder des
westlichen Meeres müfsig wiederholt. Auch
die Erzählung von dem Aufenthalt bei Kirke
scheint im Bezug auf die Lokalisierung von
der Odyssee beeinflufst zu sein , ist aber im
Grunde der Aiasage angehörig und daher dem
Argonautenmythos ursprünglich, so dafs die
Gestalt der Kirke aus ihm In die Odysseussage
gekommen wäre (Kirchhoff , .. die Komposition
der Odyssee p. 84 ff. 129). Übrig bleibt der
Aufenthalt bei den Phaiaken, der auf korin-
thisch-kerkyraiische Legenden zurückzuführen
ist, übrigens in der alexandrinischen Vulgata
nach der Odyssee ausgeführt wurde.
Vereinzelt steht die kretische Sage vom
ehernen Talos, sicher zu den jüngeren Zu-
sätzen gehörig.
Zu diesen Episoden kommen die Beiträge
Ärgonautensage (Entwickelung) 536
der etymologischen Legende, die auch für
die Argosage überaus thätig gewesen ist, wie
die unter IV. beigebrachten Notizen beweisen;
ich erinnere an Pagasai, Aphetai, Kriumeto-
pon, Tomoi, Apsyrtides, Anaphe. Vgl. Pott,
Philolog. Suppl. 2, 265 ff. Ebenso ergiebt sich
aus IV., wie Lokalgebräuche und Feste an
vielen Orten mit unsrer Sage verknüpft wor-
den sind, während die fast überall gezeigten
Reliquien der Eitelkeit der Bewohner und
dem Bedürfnis der Fremdenführer ihren Ur-
sprung verdanken.
6) Der Weg der Hinfahrt war durch die
Richtung nach Kolchis vorgezeichnet und weist
bei den Schriftstellern, wenn wir von Diodors
Bericht absehen, keine bedeutenden Variatio-
nen auf. Erwähnt sei, dafs bei Homer g 69 ff.
die Fahrt durch die Symplegaden, wenn an-
ders die Plankten mit ihnen ursprünglich iden-
tisch sind, bei Pindar , Pyth. 4, 252 ff. (vgl.
v. 50 svQrjOsi.) die Landung in Lemnos auf
die Rückfahrt verlegt ist. Möglich, dafs in
der ältesten Überlieferung die Helden densel-
ben Weg auf der Rückkehr genommen haben,
wie auf der Hinfahrt. Dieser Tradition sind
Herodoros und Sophokles gefolgt; sie
wurde auch von denjenigen vorgezogen, welche
die Unhaltbarkeit einer zweiten Überlieferung
vom geographischen Standpunkte erkannten,
wie Eratosthenes und Artemidoros.
Diese nämlich, von dem Verfasser des Kata-
logos bez. Eoien, Antimachos und Heka-
taios angenommen und auch von Pindar be-
nutzt, liefs die Argo durch den Phasis in den
Okeanos, aus diesem nach Libyen und von da
ins Mittelmeer gelangen , zugleich auch eine
Strecke zwölf Tage lang von den Helden ge-
tragen werden, letzteres vielleicht nach uralter
Überlieferung. Nach Forchhammer würde sich
dieser sonderbare Umweg aus dem ursprüng-
lichen Mythos erklären, indem nach seiner
Auslegung Argo d. i. die Nässe dem schmach-
tenden Hellas durch den Notos zurückgeführt
wird. Wir begnügen uns mit der Vermutung,
dafs die libyschen Abenteuer mit den Traditionen
von Thera und Kyrene in kausalem Zusam-
menhang stehen. (Über die Rückfahrt Scliol.
Ap. Bh, 4 , 259 , wonach Scliol. zu 4 , 284 zu
berichtigen ist. 0. Schneider, Callimacliea 2,
p. 81. Stender, de Argon, expedit. p. 8. Th.
Bcrgk , Gr. L. 1006).
Je mehr sich der Sagenkreis durch Auf-
nahme neuer Stationen erweiterte, desto nöti-
ger machte sich die Annahme einer längeren,
ins westliche und südliche Meer sich er-
streckenden Fahrt; so erfand man die nörd-
liche Durchfahrt aus dem Pontos in das west-
liche Meer, eine Hypothese, die in den sonder-
baren Vorstellungen der alexandrinischen Ge-
lehrsamkeit von dem nördlichen Europa ihre
Erklärung findet. Als Fahrstrafse der Argo gal-
ten von nun an vorzugsweise der Tanais und
Istros; der Tanais, dessen Quellen nicht all-
zufern vom nördlichen (Jkeanos gedacht wur-
den, weshalb Timaios bei Diod. 4, 56 und
Skymnos von Chios bei Scliol. Ap. Bh. 4, 284
die Argo den Strom hinauffahren, dann eine
Strecke zu Lande in den Okean getragen wer-
538
537 Argonautensage (Entwickelung)
Argos
den und aus demselben durch die Meerenge
von Gades in das Mittelmeer gelangen lassen;
der Istros , welcher nach alexandrinischer
Lehre — Eratosthenes bei Strab. 1, 57 — vom
rhipäischen Gebirge nach zwei Richtungen,
östlich in den Pontos, westlich in das Adria-
tische Meer fliefsen sollte, so dafs er den Vor-
teil gewährte, die torinthisch-kerkyräischen Sa-
gen und die Abenteuer im westlichen Meer
leicht an die Pontosfahrt anzuschliefsen, wo- io
bei der Eridanos , der rätselhafte Flufs des
Westens, den Übergang ins Keltenland vermit-
telte. Diesen Kurs, der nicht nur von Timagetos
(Schol. Ap. Rh. 4, 259. 284. 306), sondern auch
von Kallimachos (vgl. Schneider, Callima-
chea 2,81) angenommen worden ist, hat Apol-
lonios zur Vulgata gemacht. Diejenigen aber,
die an den Ausflufs des Ister in das Adriatische
Meer nicht glaubten, liefsen die Argo aus dem
Ister in den Savus gelangen, aus dem sie über 20
die Alpen nach dem Meere getragen worden
wäre ( Plin . h. n. 3, 8 vgl. Peisandros in den
T/Qtaizal &soyupica bei Zosim. hist. 5, 29). Da-
gegen läfst der Dichter der Orphika die Argo
aus der Maiotis eine nördliche Richtung nach
dem Okeanos einschlagen; in seiner verwor-
renen Darstellung bleibt jedoch unklar, ob,
wie nach Timaios und Skymnos, durch den
Tanais oder unmittelbar aus der Maiotis in
den Okeanos, deren Verbindung nach Plin. 30
2, 67 von manchen angenommen wurde, oder
durch das Kaspische Meer, dessen Zusammen-
hang mit dem Okeanos in alexandrinischer
Zeit fast allgemein geglaubt wurde. Vgl. Ulcert
1, 2, 340f. Forbiger 1, 296. [Seeliger.]
Argos ('jQyog), 1) Sohn des Zeus und der
Niobe , der Tochter des Phoroneus ; er heira-
tet die Euadne, die Tochter des Strymon und
der Neaira ( Apollod . 2. 1, lff. Hygin. f. 123.
145. 155), oder nach Pherekydes die Peitho, 40
die Tochter des Okeanos (Schol. Eurip. Phoen.
1123); als Kinder werden genannt Ekbasos,
Peiras oder Peirasos (Pirantkus), Epidauros,
Kriasos, Tiryns , vgl. Paus. 2, 25, 7. 26, 3.
Schol. Eurip. Or. 932. Er folgt dem Phoro-
neus in der Herrschaft und benennt das Land
nach seinem Namen. Vgl. noch Constcmt. Porpli.
de them. 2, 6 S. 52 u. dagegen Hygin. f. 275
Argus Agenons fdius Argos condidit. Nach
Schol. Arist. Panath. 3 S. 321 ed. Ddf. führt 50
er aus Libyen das Getreide und den Getreide-
bau in Griechenland ein. Unweit der Stadt
Argos lag sein Hain und Grabmal, von Kleo-
menes verwüstet. Paus. 2, 16, 1. 22, 6. 34, 5.
3, 4, 1. — 2) Sohn des Agenor, oder des
Arestor und der Mykene (Tochter des Ina-
chos) oder des Inachos, oder des Argos und
der Ismene (Tochter des Asopos) , oder des
Piranthus und der Kallirrhoe, nach andern Sohn
der Erde (Apollod. 2, 1, 2. Hygin. f. 145. Schol. «0
I Eurip. Phoen. 1123. Schol. Ambr. ei Hart, ad
j Hom. ß 120 [ Kinkel fragm. ep. gr, S. 58]. Paus.
|2, 16, 3. Aesch. Prom. 568. 678. Suppl. 305.
I Nonn, Dion. 20, 84). Er hatte nach Phere-
|kydes ein Auge auf dem Kopfe, nach dem
Verfasser des Alyipiog dagegen hatte er vier
Augen, zwei vorn, zwei hinten (ztzgaav ucp-
&cdpoiGi,v oqwptvov t'v&cc Hai iv&a). Schol.
Eurip. Phoen. 1123. Tzetz. ad II. S. 153, 21;
andere geben ihm hundert Augen (Ovid. met.
1, 625. Myth. Vat. 1, 18); andere lassen ihn
überhaupt mit vielen Augen versehen sein, die
nach Macrob. sat. 1, 19, 12 am Kopfe ange-
bracht (quem ferunt per ambitum capitis mul-
torum oculorum luminibus ornatuni), nach an-
dern über den ganzen Körper verteilt sind
(Aesch. Prom. 569: zov pvqeumov sigoqcögix ßov-
zav. 679 nvHvoig oGGoig Ssöoqhcos. Eurip). Phoen.
1115 u. Schol. Luc. deor. dial. 3. 20, 8. quom.
hist, conscr. 10. Mcnandriinc. fab. fragm. 1, 16.
Apollod. 2,1,3. Hygin. f. 145. Myth.gr. S. 319,
29. Nonn. Dion. 1, 341. 3, 266. 8, 58. 13, 25.
Mosch. 1, 57. Plaut. Aulul. 3, 6, 19. Propert.
1, 3, 20). Wegen der vielen Augen wird er
navonzqe genannt. Meist wird er als über-
haupt schlaflos dargestellt; erst Eurip. Phoen.
1116 end nach ihm Quint. Smyrn. Posthorn. 10,
190 lassen die Augen abwechselnd zum Schlaf
sich schliefsen. Er ist von gewaltigem Kör-
perbau (Quint. Smyrn, Posthorn. 10, 190 piyaq
’Wpyos, vgl. Aesch. Prom. 678 u. Apollod. a. a. O.)
und dadurch befähigt als ein Retter und Be-
freier des Landes aufzutreten; so befreit er
Arkadien von dem Stier, welcher das Land
verwüstet , und bekleidet sich mit dem Fell
desselben (Apollod. a. a. O. Schol. Eurip. Phoen.
1116 Alovvglos — ßvQGav avzdv r’ipcpieG&ai
cprjGl, neu hvhIg) zo Gcopu olov coppazmGO'uL)-,
er tötet ferner den Satyr, welcher den Arka-
dern Schaden zufügte und ihre Herden weg-
trieb; die Echidna (<Jie Tochter des Tarta-
ros und der Ge) , welche die V orüberziehen-
den packte und fortschleppte , überfiel er im
Schlaf und tötete sie; auch rächte er den Mord
des Apis, vgl. Apollod. 2,1,2 (hier sowohl
wie an andern Punkten sind Argos 1 u. 2 viel-
fach in einander übergegangen). Von Hera
wird er mit der Bewachung der in eine Kuh
verwandelten Io betraut. Er bindet sie im
Hain der Hera an einen Ölbaum an, entweder
in dem zwischen Argos und Mykene gelegenen,
an einem Orte, der Nepia genannt wird (Apol-
lod. a. a. O. Etym. M. s. v. ’AysGios. Luc.
dial, deor. 3), oder auf Euboia (Etym. M. s. v.
Evßoict. Steph. Byz. s. v. Aßarzig u. ’Agyovqa.
Strabo 10 , 1 , 3) dem Berge der Argivischen
Ebene, an dem das Heraion liegt, vgl. Cur-,
tius, Peloponnes 2, 397. Bursian, Geogr. von
Griechenland 2, 47. Steffen, Karte von My-
kene (Berl. 1884); der Baum wurde noch in
später Zeit gezeigt (Plin. n. h. 16, 239). Her-
mes naht im Aufträge des Zeus, die Kuh zu
stehlen; er schläfert deshalb den Argos mit
der Syrinx und seinem schlafbringenden Stab
ein (Ovid. met. 1, 687. Val, Fl. Arg. 4, 384),
oder gräbt ihm mit einer Sichel die Augen
aus (Myth. lat. 3, 9, 4) und tötet ihn dann,
oder er tötet ihn durch einen Steinwurf (Apol-
lod. a. a. O.) , nachdem er durch den Schrei
des Habichts oder ein^s nachher in den Habicht
verwandelten Jünglings (Natalis Com. S. 500)
an der Ausführung seines Voiliabens verhindert
worden war. Die Augen des Argos Panoptes
werden von Hera in den Schweif des Pfau
gesetzt (Mosch. 1, 59. Myth. gr. S. 319, 29.
Nonn. Dion. 12, 70. Schol. Aristoph. av. 102.
539
Ai’iadne
540
Argös
Ovid. met. 1, 722. Myth. lat. 2, 5). Das Schat-
tenbild des Argos Panoptes treibt Io ruhelos
auf der Erde umher (Aesch. Prom. 568 si'dco-
Xov ’Agy. ygysvovs). Tzetzes (Exeg. II. S. 153)
läfstlo durch einen vieläugigen Hund Namens
Argos bewachen, vgl. Hippon. fr. 1 ( lyr . gr.
ed. Bergk S. 688).
Nach Apollod. 2, 1, 3 stammt von ihm und
der Ismene (der Tochter des Asopos) Iasos,
dessen Tochter Io ist. Eine pragmatische Um-
deutung des Mythos bei Myth. gr. ed. Wester-
mann S. 324, No. 15. Vgl. noch Schol. Ar ist.
Ecclcs. 80 u. 81. Norm. Dion. 33, 70. Schol.
Hom. Sl 24. Luc. de satt. 43 (Argos und Io
wurden in Pantomimen vorgeführt). Verg.
Aen. 7, 790. Darstellungen des Argos al-
lein sind nicht vorhanden; über Argos und
Io s. u. Io.
Dafs Argos nuvontrjq den vielgesternten
Himmel bedeute, ist wohl allgemein angenom-
men. Vgl. noch II. Engelmann, de Ione, diss.
arch. Ilal. 1868. Overheck, Kunstmythologie,
Zeus S. 465. — 8) Sohn des Plirixos und der
Chalkiope oder der Iophossa, Tochter des
Aietes. Mit seinen Brüdern Phrontis , Melas
und Kytissoros (Epimenides fügt, nach Schol.
Ap. Rh. 2, 1122 noch den Presbon hinzu, nach
Hygin. f. 14 heifsen die Söhne des Phrixos
aber Phronius, Demoleon, Autolycus, Phlogius)
verläfst er Kolchis, um die Erbschaft seines
Grofsvaters Athamas anzutreten ; sie leiden
aber Schiffbruch im Pontos und werden auf
der Insel Aria oder Aretias von den Argonau-
ten angetroffen und aufgenommen. Nach Val.
Fl. Arg. 5, 461 und Orph. Arg. 858 trifft Ia-
son den Argos erst im Palast des Aietes. In
Kolchis leistet Argos dem Iason wesentlichen
Beistand, indem er durch seine Mutter den
Verkehr zwischen Iason und Medeia anbahnt.
Nach der Kückkehr der Argonauten nach Grie-
chenland heiratet er die Perimeie, die Tochter
des Admetos, und wird Vater des Magnes.
Apoll. Rh. Arg. 2, 1122 ff. Vgl. Schol. Apoll,
Rh. 2, 388. 1122. Anton. Lih. transf. 23. Apol-
lod. 1, 8, 9. Hygin. f. 3, 14. 21. Nach Apol-
lod. 1, 9, 16 und Schol. Apoll. Rh. Arg. 1, 4
( Pherelcydes ) ist dieser Argos der Erbauer der
Argo , danach von vornherein Teilnehmer des
Argonautenzuges. — 4) Sohn des Polybos und
der Argia, oder des Danaos, oder des Arestor,
ein Argiver, mit Stierfell bekleidet (offenbar
durch Verschmelzung mit Argos 2, s. o.),
Erbauer der Argo und Teilnehmer an der Ar-
gonautenfahrt. Apoll. Iih. Arg. 1, 4, 19. 226
u. a. Hygin. f. 14. astr. 37. Nach Athen,
deipn. 7, 296 d. ist dagegen Glaukos der Er-
bauer und Steuermann des Schiffes. Valerius
Fl. Arg. 1, 93 u. 124 läfst Argos aus Thes-
piai stammen. Wohl von ihm rührt das in
Tiryns verehrte Schnitzbild der Hera her.
Giern. Alex. Protr. c. 4, S. 14, 7, (vgl. Apoll.
Rh. Arg. 1, 1119; 2, 613). — 5) Sohn des
Iason. Myth. gr. S. 185, 16. Nach ihm nennt
Herakles das von ihm erbaute Schiff, und
nimmt aus Liebe zu ihm an der Argonauten-
fahrt Teil. — 6) Einer derKyklopen, gewöhn-
licher Arges genannt. Schol. Eurip. Alk. 5. —
7) Sohn des Neoptolemos und der Leonassa,
Bruder des Pergamos, Pandaros, Dorieus, Eraos,
der Danae, des Eurymachos und Troas. Schol.
Eurip. Andr. 24. — 8) a) Hund des Odysseus,
Horn, q 292. b) des Äktaion, Apollod. 3, 4, 4.
Über den Hund, welcher Io bewacht, s. o. Ar-
gos 2 gegen das Ende. [Engelmann.]
Argynnos s. Argennos.
Argyphic (Agyvcp Cg), Gemahlin des Aigyptos :
Apollod. 2, 1, 5. [Roscher.]
Argyra (’AgyvQu), Nymphe einer gleichna-
migen Quelle in Ächaja. Nach einer einhei-
mischen Sage der Patraier liebte sie einen
schönen Hirtenknaben, Namens Selemnos und
besuchte ihn häufig, bis seine Schönheit ver-
blüht war. Selemnos, der sich diese Treulosig-
keit seiner Geliebten zu Herzen nahm, starb
vor Sehnsucht, und Aphrodite verwandelte ihn
in den gleichnamigen Plufs. Als er aber auch
dann noch sich in Sehnsucht nach der Gelieb-
ten verzehrte , schenkte ihm Aphrodite die
Gabe alle Liebesschmerzen zu vergessen. Es
ging die Sage , dafs das Wasser des Selem-
nos alle Liebesqual heile, indem jeder, der
darin badete, Mann oder Frau, seine Liebe
vergafs , Paus. 7, 23, 1 — 3. Vgl. die Sage
von Alpheios und Arethusa. [Roscher.]
Ariadne (’Aqr.üdvg). Der Name bedeutet
entweder „die Wohlgefallende“, Schivenck,
Andeutungen S. 158. Welcher, Gr. Götterl. 2,
590, oder die „Hochhehre“, „Hochheilige“
statt ’AQulyvg , Hesych. udvov. ayvöv , K q lj - feit
x vgl. Hock, Kreta 2, 145 Anm. u. 3, 522 [ref:
(Register). Buttrn. Lexil. 1, 236. Panofka Ann. a
d. Inst. arch. 1835 p. 83 f. Meineke zu Theo- ; fc
krit. 4, 17. Schoernann Opusc. Ac. 2, 156. G. Cur- i Jfe i
tius, Grunds. 688. Die Form ’Aguiyvrj i.’AgiuSvg j ;a;(
erscheint auf Vasen, O. Jahn, Vasenb. S. 28. fej;
Arch, Beitr. S. 261. Einl, in d. Vasenk, 205. I | [(n
Auf einem Vasenb. b. Jahn, Vasenb. 2 Agiydu. fejfe
II. 18, 592 schrieb nach den Scholien Zenodot j fett,
’AgLr'idvy, Suidas bietet ’Agscidvg , ein etruski- j iljnj.
scher Spiegel Areatha. Aufserdem hatte sie Stofe
in Kreta den Namen ’AgiSrila, „die Strahlende“, i ,e
„Hellleuchtende“. Hesych. ’Agidfjlav. Sie war • n
Tochter des Minos und der Pasiphae oder der !j
Krete (. Aslclepiades b. Apollod, 3, 1, 2), welche , t
aus Liebe den Theseus durch den bekannten von | ^
Daidalos empfangenen Faden aus dem Laby- fe;:
rinthe rettete und dann bei seiner Abreise jjj
von Kreta begleitete, um seine Gattin zu wer-
den, eine Geschichte, die auf sehr mannigfal- .
tige Weise erzählt wird: Plut. Thes. 19, 20.
Ap. Rh. 3, 997 ff. Hyg. f. 42. Verg. Aen. 6, L
28. Serv. Aen. 6, 14. Georg. 1, 222. Mythogr.
Vatic. 1, 43. 2, 124. Schol, u. Eustatli. zu Ud.
11, 321. vgl. Schol. II. 18, 590. Diod. 4, 61.
Schol, Stat. Thcb. 12, 676. Der Kampf des
Theseus mit Minotauros und seine Unter-
Stützung durch die ihn liebende Ariadne war
Gegenstand des euripideischen Theseus, Welcher,
Gr. Tr erg. 2, 733 ff. Hartung, Eurip. restit. 1
p. 547 ff. Nauck, trag. gr. fr. p. 378ff. O. Jahn,
Archäol. Beitr. 252 ff. — Theseus brachte Ariadne
nicht bis nach Athen; sie blieb zurück auf
der Insel Dia d. i. Naxos; vielleicht aber war
es ursprünglich eine kleine Insel hei Knosos,
Steph. Byz. v. Alu. Eustatli. zu Od. 11, 324.
Preller, Gr. Myth, 1, 559; dagegen Welcher ,
io
20
30
40
50
00
541
Ariadne
Ariadne
542
Gr. Götterl. 2, 591. Schol. Tlieoikr. 2, 45. Eine
wahrscheinlich in attischem Interesse eingefügte,
aber jedenfalls mehrfach umgedichtete home-
rische Stelle, Od. 11, 321—325, bietet durch
ihre Dunkelheit der Erklärung grofse Schwie-
rigkeiten. Es liegen hier nach den erhaltenen
Lesarten zwei Versionen der Sage über das
Zurückbleiben der Ariadne auf Naxos mit
einander vermischt vor; nach der einen ward
Ariadne auf Dia von Artemis getötet, und zwar
nach dem Willen des Dionysos {Jlovvgov /. iag-
rvQirjGL, ein Ausdruck, der in alter und neuer
Zeit verschiedene Erklärungen und Ausdeutun-
gen zur Motivierung der Tötung der Ariadne
erfahren hat); nach der andern, die später die
gangbarste geworden ist , fährt Theseus von
Dia ab , und Ariadne bleibt zurück und wird
dem Dionysos vermählt. Nitzsch, Anm. 3
S. 251—254. Huck, Kreta 2, 141 fl'. Welcher,
Griech. Götterl. 2, 591 ff. Preller, Arch. Ztg.
1855 S. llf. Gr. Myth. 1, 559. O. Jahn,
Arch. Beitr. 279. L. Schmidt, Arianna rapita
da Diana, Ann. d. inst. arch. 1859 p. 258—
267. Gerhard, Ariadnes Tötung, Rhein. Mus.
18. S. 441 — 444. Auch hat man beide Ver-
sionen zu verschmelzen und zu vermitteln ge-
sucht. Nach Pherekydes b. Schol. Od. 11, 322
läfst Theseus die Ariadne auf Naxos zurück;
Dionysos erscheint und gesellt sich ihr, aber
Artemis tötet sie, weil sie ihre Jungfräulich-
keit preisgegeben. Es hiefs auch, schon auf
Kreta habe sich Ariadne, von Theseus verlas-
sen, selbst den Tod durch Erhängen gegeben,
Plut. Thes. 20. — Der Grund, weshalb Theseus
die Ariadne auf Naxos zurückliefs , wird sehr
verschieden angegeben , (vergl. Serv. Georg.
1 , 222 vel consulto , vel necessitate, vel movitu
Mercurii) : entweder that er es aus Treulosig-
keit, während sie schlief, oder aus Vergefs-
lichkeit, oder von Athene gemahnt, oder von
Dionysos , der sie zur Gattin begehrte , durch
Drohungen fortgescheucht, oder Dionysos raubt
sie, Plut. Thes. 20. Paus. 1, 20, 2. 1, 22, 5.
10,29,2. Diod. 4,61. 5,51. Hyg.f. 43. Schol.
Ap. Rh. 3 , 997. Schol. Theokr. 2, 45. Schol.
Od. a. a. 0. Athen. 13 p. 557 a. Namentlich
suchten die Athener die Fabel so zu wen-
den, dafs ihr Theseus nicht der Treulosigkeit
und des Undanks bezichtigt werden konnte,
weshalb nach Hereas von Megara schon Pei-
sistratos einen dem Theseus ungünstigen Vers
aus den Gedichten des Hesiod entfernt haben
sollte. Hesiod hatte gedichtet, dafs Theseus
die Ariadne treulos verlassen aus Liebe zu
einer andern. Der getilgte Vers hiefs: „Ihn
verzehrte die Liebe zu Aigle, Panopeus’ Toch-
ter“ , die er heiratete. Plut. Thes. 20 u. 29.
Athen. 13, 557a. Ferner wurde erzählt, weil
Theseus aus Liebe zu einer andern die Ariadne
(auf Kreta) verlassen , hätten Schiffer sie auf
die Insel Naxos gebracht, wo sie den Bakchos-
priester Oinaros heiratete, Plut. Thes. 20. Den
Jammer der von Theseus verlassenen Ariadne
schildern besonders römische Dichter mit rüh-
renden Worten, Gatull. 64, 124ff. Ov. Her. 10.
ars am. 1, 527. Met. 8, 176. vgl. Nonn. 47,
265 ff. Aber ihre Trauer ward verscheucht
durch das Erscheinen des Dionysos , der sie
zu seiner Gattin erhob. Zeus macht sie un-
sterblich, und sie wird in den Olympos ein-
geführt. Eine goldene Krone, die ihr Dionysos
(Aphrodite und die Horen) als Brautgeschenk
giebt, versetzen die Götter dem Dionysos zu
Liebe unter die Sterne. Hesiod Theog. 947.
Pherekyd. in Schol. Od. a. a. 0. Ap. Rh. 3, 1002.
Schol. Ap. Rh. 3, 997. Hyg. f. 43. P. Astr.
2, 5. Eratosth. Gatast. 5. Diod. 4, 61. 6, 4.
Athen. 15 p. 684f. Serv. V. Georg. 1, 122. Pro-
pert. 3, 15, 8. Ov. Fast. 3, 510. Met. 8, 177.
Müller Proleg. 202. Höck, Kreta 2, 152, 154.
Welcher , Gr. Götterl. 2, 592. Preller, Gr. Myth,
1, 560. Die Vermählung des Dionysos mit
Ariadne wird gewöhnlich nach der Dionysi-
schen Insel Naxos verlegt, doch auch nach
Kreta {Hyg. P. Astr. 2, 5. Himer. Or. 1, 5.
Schol. Germ. 69). — Als Kinder des Dionysos
und der Ariadne werden genannt Oinopion,
Thoas, Staphylos, Latramys, Euanthes, Tauro-
polis, Schol. Ap. Rh. 3, 997. Theon zu Arat.
638. Hemsterh. zu Aristoph. Plut. 1022 ; auch
der Thraker Maron , Theophil. 2 , 8 {Müller
hist. gr. fr. 3, 165, 21); der Athener Keramos,
Paus. 1, 3, 1; die Argonauten Phliasos (Phleias,
Phlius) und Eumedon aus Phlius , Hyg. f. 14
p. 41 u. 43 Bunte ; doch heilst der erstere b.
Schol, Ap. Rh. 1, 115 u. Steph. Byz. v. Jhovg
Sohn des Dionysos und der Chthonophyle,
deren Wesen dem der Ariadne ähnlich war;
Ferner Enyeus, der Gründer der Stadt Skyros,
Schol. II. 9, 668. Manche lassen die in Chios
wohnenden Dionysischen Heroen Oinopion und
Staphylos von Theseus und Ariadne abstam-
men, Ion v. Chios b. Plut. Thes. 20. Jahn,
Arch. Beitr. 276. Auch heifsen bei einem Schol.
zu Od 11, 321 Demopkon und Akamas Söhne
des Theseus und der Ariadne. Über die Liebe
des Meergottes Glaukos zu Ariadne s. Athen.
7 p. 296 a. u. c. Gaedechens, Glaukos d. Meer-
gott (Göttingen 1860) S. 149f. Höck, Kreta
2, 157 Anm. Bei Hyg. f. 255 wird Ariadne
unter den impiae aufgezählt, weil sie Bru-
der (den Minotauros, vgl. f. 42) und Söhne
getötet. — Ariadne scheint eine in der Sage
zur Heroine herabgesunkene , besonders auf
Naxos und Kreta verehrte Naturgöttin zu
sein , die der Aphrodite sehr nahe stand
und den fruchtbaren Erdboden bezeichnet,
wie er im Laufe der Jahreszeiten zwischen
Lust und Schmerz, schwellendem Leben und
erstarrendem Schlafe wechselt, Preller, Gr.
Myth. 1, 559ff. 0. Müder, Handb. \d. Arch,
§ 384, 3 nennt sie eine Kora des naxischen
Kultes, vgl. Welcher, Gr. Götterl. 2, 590. Ger-
hard, Gr. Myth. 1 § 461. Engel, Kypros 2,
657 und dessen Quaest. Naxiae p. 40ff. 51, wo
dargethan wird, dafs der Zusammenhang der
durchaus dionysischen Ariadne mit dem alt-
kretischen Gestirndienst, den Höck, Kreta 2,
144 ff. annimmt, indem er sie als Mondgöttin
erklärt, nur ein ganz äufserer pragmatischer
ist. Sie war eng mit dem Kultus des Diony-
sos verbunden und galt als dessen Geliebte
und Gattin (axotrig, lies. Th. 948; Alovvgov
Öuyao , Eurip. Hippol. 339) , mit der er sich
in der Festfeier des Landes jährlich von neuem
hochzeitlich verbindet Wie das Leben der
543
Ariadne
Ariadne
544
Naturgötter und auch das des Dionysos selbst
geteilt ist zwischen Freude und Schmerz, Jubel
und Trauer, so auch das der göttlichen Ariadne ;
man - feierte sie auf Naxos bald als die
trauernde Verlassene oder die unglücklich Ge-
storbene mit düsteren Gebräuchen, bald ,als
die beglückte Braut des Dionysos mit bakchi-
scher Festeslust, weshalb nach der Angabe
einiger Schriftsteller aus Naxos von den Na-
xiern zwei verschiedene Ariadnen angenommen
wurden. Die eine habe sich mit Dionysos in
Naxos vermählt und den Staphylos geboren,
die jüngere sei, von Theseus entführt und dann
verlassen, nach Naxos gekommen, mit ihrer
Amme Korkyne , deren Grab noch gezeigt
werde. Auch Ariadne sei dort gestorben und
werde verehrt, aber auf andre Weise als die
ältere; denn das Fest der älteren werde mit
Heiterkeit und lustigen Spielen gefeiert, die
Feste der jüngeren dagegen seien mit Trauer
und Wehmut verbunden. Plut. Thes, 20. Hoch,
Kreta 2, 153. Welcher, Nachtr. z. Äschyl. Tril.
237. Gr. Götterl. 2, 589. Preller, Gr. Mythol.
1, 560. Auf eine derartige Festfeier bezieht
sich wohl auch ursprünglich der Tanzplatz
(lOQog), welchen Daidalos der schönlockigen
Ariadne zu Enosos verfertigt, II. 18, 591, d. i.
ein Belief aus weifsem Marmor nach dem Zeug-
nis des Paus. 9, 40, 2. Die Naxier erzählten
auch von einem Verschwinden des Dionysos und
der Ariadne, Diod. 5, 51. Auf das Zurück-
kehren und Wiedererscheinen der verschwun-
denen Ariadne im Frühling bezieht Preller,
Gr. Myth. 1, 560 ihren Namen Aridela, vgl.
Welcher, Gr. G. 2, 590. Buttmann, Mytliol. 2,
139. Hoch, Kreta 2, 145 erklärt Aridela als
den hellleuchtenden Mond und vergleicht den
Namen mit Pasiphae. Mit dem naxischen Kult
der Ariadne ist der zu Amathus auf Kypros
verwandt. Paion b. Pint. Thes. 20 erzählt,
Theseus sei auf seiner Fahrt von Kreta durch
einen Sturm nach Kypros verschlagen worden
und habe die schwangere, von den Beschwer-
den der Beise erschöpfte Ariadne dort ans
Land gesetzt, er selbst aber sei wieder mit
dem Schiffe auf die hohe See getrieben wor-
den. Einheimische Frauen nahmen sich der
Kranken in ihrer Vereinsamung an, trösteten
sie, leisteten ihr bei den Wehen der Geburt
Hilfe und bestatteten sie , da sie , ohne zu
gebären, gestorben war. Nachdem Theseus
nach Kypros zurückgekommen war, stiftete er
tief betrübt ein Fest, auch weihte er der Ver-
storbenen zwei Bilder, das eine von Silber,
das andre von Erz. An ihrem Feste, das in
den Monat Gorpiaios fiel (in die zweite Hälfte
des Sommers , in welcher auch die Adonien
und Korafeste gefeiert wurden) fand der selt-
same Brauch statt , dafs ein Jüngling sich
niederlegte und unter Geschrei sich gebär-
dete wie eine in Kindesnöten liegende Frau.
Den Hain aber, worin man das Grab der
Ariadne zeigte, nannten die Amathusier Hain
der Aphrodite - Ariadne. „Diese Aphrodite-
Ariadne mufs eine Lebens-, Liebes- und Todes-
göttin gewesen sein , und ihr Kult mufs
wie in Naxos, von wo er wahrscheinlich ge-
kommen, aus einem Trauer- und einem Freu-
denfeste bestanden haben; durch die Ceremo-
nie von der Entbindung einer Schwangeren
wird auf Leben, Fruchtbarkeit und Zeugung
hingewiesen, das Sterben der Göttin aber hat
eine Totenbeziehung.“ Engel, Kypros 2, 656 ff.
vgl. Hoch, Kreta 2, 146 ff. Welcher, Gr. G.
2, 590. Preller, Gr. Myth. 1 , 561. Ein Grab
der Ariadne befand sich auch zu Argos in dem
Heiligtum des kretischen Dionysos, und neben
io diesem war ein Tempel der Aphrodite Ura-
nia, Paus. 2, 23, 8. Auch hier scheint Ariadne
mit Aphrodite, welche ja auch im Mythos der
Ariadne eine so bedeutende Bolle spielt, ähn-
lich wie in Kypros verbunden. Eine Vermi-
schung des Dionysischen Ariadnedienstes mit
dem der Aphrodite liegt ferner in der Sage,
dafs das Bild der Aphrodite, welches Theseus
zu Delos weihte, von Ariadne herrührte. Plut.
Thes. 21. Paus. 9, 40, 2. Kallim. H. in Del.
20 307 ff. u. Schot. Zu den Inseln im ägäischen
Meere, wo man von Ariadne erzählte, gehören
noch Ikaros, Plot, Heph. 5, Bhodos und die
kleine daneben liegende Insel Donusia, Steph.
Bys. v. Aovovaw , Chios, wo ihre Söhne Oino-
pion und Staphylos wohnten, Theopomp. b.
Athen. 1, 26 c. Diod. 5, 79. Plut. Thes. 20.
Hoch, Kreta 2, 146. Preller , Gr. Mythol. 1,
561, 2. Ein Fest der Ariadne zu Oinoe im
Lande der Lokrer am euböischen Meer wird
30 erwähnt im Certamen Homeri et Hes. 16. Auch
in Alexandria wurde Ariadne neben Dionysos
verehrt, Meinehe, Anal. Alex. p. 347. — Neben
dem speziell als Weingott gefafsten Dionysos
galt Ariadne im allgemeinen Volksglauben
als Weingöttin (in Italien als Libera neben
Liber, Hyg. f. 224. Ovid. Fast. 3, 511. Ho-
rat. Carm. 2, 19, 16. Propert. 2, 3, 18. 3, 17,
8) und hatte mit dem Gotte zusammen ihre
Feste als seine unzertrennliche Gefährtin und
40 geliebte Gattin. In Athen feierte man dem
Dionysos und der Ariadne in dem Frucht-
monat Pyanepsion das heitere Fest der Oscho-
phorien, das von Theseus nach seiner Bück-
kehr aus Kreta eingesetzt sein sollte ; doch
waren bei dem Feste auch schmerzliche Kla-
gen mit dem Freudenjubel verbunden, und wie
bei dem Feste in Kypros ein Jüngling ein
Weib vorstellte, so traten auch hier Jünglinge
in Mädchenkleidung auf, Plut. Thes. 22. 23.
50 Mommsen, lleortologie S. 271 ff. Engel, Kypros
2, 658. Preller, Gr. Myth. 1, 170f. 56lf. Wel-
cher, Gr. G. 2, 597; [vgl. jetzt -namentlich
Mannhardt , Ant. W. u. Feldh. 2 16 ff. u. 233 ff.
Boscher]. — Die zahlreichen Bildwerke aus
dem Kreise der Ariadne behandelt O. Jahn,
Archäolog. Beiträge S. 251 — 299, alle Scenen
vom ersten Liebesbunde mit Theseus bis zur
Auffindung durch Dionysos. Die wichtigsten
Ergänzungen dazu bieten die Publikationen
60 der von Jahn schon erwähnten Vase des Glau-
kytes und Archikles (München No. 333), Ger-
hard, auserl. Vas. 135 — 136. Mon. d. Inst. 4,
59; und die Fran9oisvase ib. 54 — 58. Ferner
einige Vasen mit Inschriften, ib. 6, 15. Bou-
lez , Vases de Leide pl. 10; eine Replik des
von Jahn S. 279 Girierten Spiegels; ein Sar-
kophag, Arch. Ztg. 1857, Tf. 100; pompejaniscke
Wandgemälde, Bull. d. Inst. 1861, 234. 1863,
| Im
ra
Im
Ui
UJP
Dt«
t s
lä
I«
« 0;
rer-
di-
1 aal
: I
..
-
I BJäij!
lim v
I Lii
| Irr. 1
Sri
l 82
|ty
545
Ariadne (in d/Kunst)
Arimnus
546
94. 11 all. arch. ital. 1, 95. Heydtmann, Arch.
Ztg. 1872, 89 f. Welcher zu Müller Handb. d.
Arch. § 412, 1. In den Darstellungen, welche
das Abenteuer des Theseus in Kreta zum Ge-
genstände haben, kommt die liebende und hel-
fende Ariadne häufig vor. Die betreffenden Bild-
werke sind zusaxnmengestellt von Stephani, der
Kampf zwischen Theseus und Minotauros, eine
kirnst geschichtliche Abhandlung, Leipzig, 1842.
i naler 2 No. 418. TT. Jacobs, vermischte Sehr.
5, 403. Welcher, A. TJenhm. 1, 449. Braun,
Gr. Gotterl, § 515. Ein häufiger Gegenstand
der Kunst ist dann weiter die Hochzeit des
Dionysos und der Ariadne und der Dionysische
Zug, in welchem Ariadne als Braut oder Gat-
tin des hohen Gottes dahinfährt, umrauscht
von dem Getümmel baltchantiseher Lust, Böt-
tiger , Ideen zur Kunstmythol. 2 S. 519. Hirt,
Jahn S. 252 — 275. Müller, Handb. 412, 1. io mythol. Bilderb. 1 S. 80. Müller, Handb. § 384,
Hierher gehört auch das Bild am Kasten des
Kypselos, Paus . 5, 19, 1. Preller in Gerhard,
Denhm. u. Forsch. 1855 S. 77. Gr. Mythol,
2 , 29G. Anders Stephani compte-rendu 1865,
123. Welcher, Gr. Götterl. 2, 594. Ein gleich
beliebter Gegenstand für die bildende Kunst
wie für die Poesie der späteren Zeit war die
auf Naxos von Theseus verlassene Ariadne;
die dahin gehörigen Bildwerke sind behandelt
von Raoul-Rochette, clioix depeint. p. 3011'. Jahn 20
S. 281 ff. Hervorzuheben sind besonders meh-
rere bedeutende Statuen, Nachbildungen eines
berühmten Originals, welche die Heroine auf
einem Felsblocke sitzend darstellen, den Kopf
auf die Rechte gestützt, in bekümmertes Nach-
denken versunken. Die berühmteste darunter
in Dresden, ehemals unter dem Namen Agrip-
pina bekannt. Augusteum 17; vergl. Müller,
Handb. a. a. 0. Welcher, Bonner Mus. S. 69 f.
3. 4. Denhm. 2 No. 422 — 426. Millin, my-
thol. galt, N. 244. 245. Gerhard, auserl. Vas.
t. 56, 2. Arch. Ztg. 1859 No. 130. Jahn ib.
1860 N. 141. Gerhard, Spiegel 299 ff. Helbig,
Mun. d. Inst. 6, 70. Welcher, Zeitschr. f. a.
K. S. 475 — 489. Gr. Götterl, 2, 595 ff. Braun,
Gr. Götterl. § 516 u. S. 727. [Stoll.]
Ariagnc (Ägtdyvg) — Ariadne (s. d.): C. I.
Gr. 7441. 7692. [Roscher.]
Arian[n]e (’Agiocv[v]ri) — Ariadne (s. d.):
C. I. Gr. 7448. 7719b. 8185b. 7719. [Roscher.]
Aricia, fälschlich für eine Nymphe gehal-
ten bei Verg. Aen. 7, 762 ( Virbius . . . quem
mater Aricia misit ), wo unter Aricia mit Serv.
z. d. St. die „ civitas iuxta Albamu zu verste-
hen ist. Vgl. übrigens Diana. [Roscher.]
Aridela ( ’Agidrjlce ) = Ariadne (s. d.) : C. I.
Gr. 8439; vgl. Hes. s. v. ’Agiörilav. [Roscher.]
Arimanius tleus wird auf zwei Inschriften
[vgl. aber Matz-Duhn , Antike Bildwerke in 30 aus Alt-Ofen genannt, G. I. I,. 3, 3414: Deo
Rom I Nr. 833 Anm. Sehr.] Die Vereinigung
der trauernden Ariadne mit Dionysos ge-
schieht in den Kunstwerken gewöhnlich so,
dafs der Gott die schlafende Ariadne über-
rascht; so das Gemälde im Tempel des Dio-
nysos zu Athen, Paus. 1 , 20, 2, mit welchem
im wesentlichen die Beschreibung eines Ge-
mäldes bei Philostr. 1, 15 übereinstimmt.
Hieran erinnern viele Darstellungen in
men und Münzen, Jahn S. 289. 293
ler, Denhm. 2 No. 417. 419 — 421.
Ber. d. sächs. Ges. d. Wiss. 1860
S. 23 ff. Gerhard , etr. u. camna
har d, Arch. Ztg.
1859 S. 97—110.
Braun, Gr. Gut-
Schlafende Ariadne (Vatikan).
! terl. § 516 u. S. 727. Die verlassene und
von Dionysos aufgefundene Ariadne ist der
häufigste Gegenstand der Gemälde in Pom-
peji , Overbeck, Pompeji S. 252. 259. 274.
, 305. 327. 520. Berühmt ist die Statue einer
schlafenden Ariadne (früher Kleopatra ge-
nannt) in der vaticanischen Statuen samm-
; lung, Visconti Pio-Clem. 2, 44. Müller , Denh-
Koscher, Lexikon rlev gr. n. röm. Mythol.
Arimanio u. 3415 : Deo Arimanio Libella leo
fratribus voto die. , aufserdem auch in der
Inschrift eines dreiseitigen Marmoraltars , der
am Fufse des Esquilin zu Rom gefunden wor-
den ist , C. 1. L. 6, 47 : D. Arimanio Agre-
st/ius v. c. defensor magister et pater patrum
voti c. d. — Theod. Mopsuest. bei Phot, bibl,
81 p. 63 Behle, erklärt Ari-
manius durch Saxavcig, was
jedenfalls auf den Ahriman
(der Übelgesinnte) oder’^pa-
gccviog der Perser zu bezie-
hen ist. Die Richtigkeit die-
ser Vermutung beweisen die
Ausdrücke leo und pater pa-
trum in obigen Inseln-., denn
diese bezeichnen verschie-
dene Grade der Weihe in
den gleichfalls persischen
Mithrasmysterien. Auch de-
fensor und magister dürften
ähnlich zu erklären sein.
Siehe auch Arimnus.
[Steuding.]
Arimnus, ein etruskischer
Heros oder König. Nach
Paus. 5, 12, 5, wo die Les-
art mit ’Agigvrjaxog wechselt,
soll er zuerst von allen Bar-
baren dem Zeus zu Olympia ein Weihgeschenk,
und zwar einen Thronsessel, gesendet haben.
Auf ihn bezieht sich wohl auch die Inschrift
Arirnn auf dem von Hensen 6110 beschriebenen
und in den Ann. dell' Inst. Arch. 1854 p. 83 ff. ab-
gebildeten Steine aus der Nähe von Äriminum.
Auf demselben ist mit dieser Unterschrift das
Brustbild eines Kindes dargestellt, umgeben
von Symbolen und Gottheiten der Zeugung.
18
547
Arisbas
Aristaios
548
Über den wahrscheinlich etruskischen Ursprung
von Ariininmn siehe Müller-Deecke, die Etrus-
ker 1 p. 138, 53. De- Vit vermutet dagegen,
clafs Arimanius gemeint sei. Auf den Münzen
von Ariminum findet sich die Inschrift Ari-
mon ( Cavedoni im Bullet. delV Inst. Ar eh. 1850
p. 79. — Fahretti, Gloss. Ital. s. v. Arimnurn).
[Steuding.]
Arisbas (’Agioßag, arzog), 1) Vater des Mo-
luros aus Arges, Hesiod b. Paus. 9, 36, 4. — l
2) Vater des vor Troja von Aineias getöteten
Leiokritos, 11. 17, 345. [Stoll.]
Arisbe (’Agioßrj), 1) Tochter des Merops,
erste Gemahlin des Priamos, dem sie den Aisa-
kos gebar. Priamos trat sie an Hyrtakos ab,
um sich mit Hekabe zu vermählen. Ephoros
bei Steph. Byz. macht sie zur ersten Gemahlin
des Paris. Nach ihr war die troisclie Stadt
Arisbe benannt. Apoilod. 3, 12, 5. Steph. B.
v. ’Agioßr]. Tzetz. L. 224. Schol. II. 24, 497. 2
Serv. Verg. Aen. 2, 32. 9, 264. Deimling, I.e-
leger S. 31. — 2) Tochter des Kreters Teu-
kros, vermählt mit dem aus Samothrake nach
Troas gekommenen Dardanos, Mutter des Erieh-
thonios. Auch von ihr soll die obengenannte
Stadt den Namen haben. Kephalon b. Steph.
Byz. Tzetz. L. 1306. Eustatli. zu H om. p. 894,
30. Et. M. p. 143, 55. — 3) Tochter des Ma-
kar oder Makareus, nach welcher die gleich-
namige Stadt auf Lesbos benannt war, Steph. 3
Byz. u. Eustatli. a. a. 0. Serv. Verg. Aen. 9,
264. [Stoll.]
Aristaios ( ’Agißzatog ), ein Gott der Urbe-
wohner Griechenlands, der gütige Spender des
ländlichen Segens , der den Menschen durch
Landbau, Viehzucht und Jagd zuteil wird.
In seinem Namen ist, wie in "Agzsfug agißz p,
Zsvg o XcSßzog, ein fromm ergebenes Vertrauen
auf die Gottheit ausgedrückt. Sein Kultus,
wohl eine lokale Gestaltung des einfachsten 4
ländlichen Heliosdienstes, erhielt sich in vielen
Gegenden mit dem Gepräge der alten bildungs-
losen Zeiten, während andre ähnliche aus He-
lios entsprungene Lokalgottheiten in den hel-
lenischen Gesamtuamen Zeus und Apollon (vgl.
’Anollcav voyiog u. dygsvg) aufgegangen waren
( Müller , Dorier 1, 283 f. Welcher, Gr. Gotterl.
1, 487ff). Diesen Gottheiten wird daher auch
Aristaios ausdrücklich gleichgestellt {Bind.
Pyth. 9, 66. Schol. Ap. Bh. 2, 498. Serv. Verg. 5
G. 1, 14), obwohl er nach der späteren allge-
meinen Tradition als ein zum Gotte erhobener
Mensch erscheint. Nach der kyrenaischen, aus
der Ebene bei Iolkos und am Pelion stam-
menden Sage, welche Find. Pyth. 9, 5 ff. nach
den Eoien des Hesiod (vgl. Schol. ad v. 6) er-
zählt wird, war Aristaios der Sohn der Kyrene,
einer Tochter des Lapithenkönigs Hypseus, den
die Naiade Kreiusa, eine Tochter des Posei-
don und der Gaia (oder Phillyra, der Tochter er
des Asopos) , dem Peneios in Phthia gebar
( Phereh . u. Akesandros b. Schol. Pind. Pyth.
9, 27. Diod. 4, 69, 1. u. 81, 1. Schol. Ap.
Bli. 2, 498. 500). Diese sah Apollon in den
Thalgründen des Pelion als rüstige Jägerin im
Kampfe mit einem Löwen und entführte sie,
von Liebe ergriffen, auf einem goldnen Wagen
nach Libyen (vgl. Norm. Dion. 13, 300ff.).
Nachdem sie hier den Aristaios geborpn hatte,
brachte Hermes das Kind zu ihrer Urgrofs-
mutter Gaia und den Horen, die es mit Nek-
tar und Ambrosia aufzogen und so zu einem
Gotte umwandelten, rzu einem Zeus und Apol-
lon , Helfer seiner Freunde, Jäger und Be-
schützer der Herden, Agreus und Nomios, auch
Aristaios genannt’ (vgl. Boeckli, expl. ad Pind.
p. 323 f). Nach Ap. Bh. 2, 500 ff. liefs Apol-
lon, nachdem er Kyrene zu einer Nymphe des
Berges Myrtusa in Libyen gemacht hatte,
Aristaios in der Höhle des Cheiron aufziehen.
Als er herangewachsen war, unterwiesen ihn
die Musen in der Heilkunst und Weissagung
und machten ihn zum Wächter ihrer Herden,
welche in der Athamantischen Ebene von Phthia,
am Othrys und an den Fluten des Apidanos
weideten. Nach Diod. 4, 81, 2f. wurde Ari-
staios von seinem Vater den Nymphen über-
geben und erlernte von ihnen das Gerinnen-
machen der Milch, die Bienenzucht (vgl. Just.
13, 7, 10) und Olivenkultur; und weil er in
diesen Künsten die Menschen unterwies, ge-
nofs er göttliche Ehre wie Dionysos (vgl. Paus.
8, 2, 4) und erhielt (nach Ap. Bh. 2, 511 auf
Anstiften der Musen) von Ivadmos dessen Toch-
ter Autonoe zur Gemahlin, die ihm den Ak-
taion gebar. (Vgl. lies. Theog. 977. Apoilod.
3, 4, 2 u. 4. Paus. 10, 17, 3. Norm. Dion.
5, 214 ff. u. 288. Myth. Vat. 2, 8). Am aus-
führlichsten handelt über die von Aristaios
ausgehenden Segnungen Norm. Dion. 5, 229 ff.
Er feiert ihn als Erfinder der Jagd mit allen
ihren Hilfsmitteln (daher riefen ihn nach Plut.
Amat. 13 die Jäger an, wenn sie Wölfen und
Bären durch Gruben und Netze nachstellten),
der Bienenzucht (vgl. Norm. Dion. 13, 253 ff.
19, 240ff., wo er als Spender des Honigs mit
Dionysos vor den Göttern einen erfolglosen
Wettkampf wagt, Athen. 14, p. 643b. Ov.
Pont. 4, 2, 9), der Ölbereitung (vgl. Cic. N.
D. 3, 18), der Weidekunst und als Urheber
der kühlenden Passatwinde. (Vgl. Schol. Pind.
Pyth. 9, 113.) Auch die künstliche Behandlung
der Wolle hat Aristaios erfunden und den Ar-
kas gelehrt, wenn Paus. 8,4, 1 die Lesart nag’
’Agiozalov (andre Lesart: ’Ad'gißzu-, s. Adristas)
richtig ist. Auf seine Bienenzucht bezieht sich
die Verg. G. 4, 317 ff. erzählte Sage: Aristaios,
der in Arkadien wegen der Pflege des Acker-
baus und der Viehzucht in hohen Ehren stand
(vgl. vv. 28-3. 326 ff), hatte sich an der Dryade
Eurydike, der Gemahlin des Orpheus, vergrei-
fen wollen; diese war vor ihm geflohen und
dabei durch den Bifs einer giftigen Schlange
umgekommen (vgl. Myth. Vatic. 1, 76. 2, 44.
3, 8, 20). Im Zorn über den Tod ihrer Schwe-
ster lassen nun die Nymphen alle Bienen des
Aristaios sterben. Um sie zu besänftigen,
opfert er ihnen auf den Kat seiner Mutter,
welche er im Peneios aufsucht (Kyrene gilt
hier wie Schol. Ap. Bh. 2, 500. Hyg. f. 161.
Myth. Vat. 2 , 44 als Tochter des Peneios),
und nach Befragung des Proteus von seinen
auf dem Lykaios weidenden Rindern vier Stiere
und vier Kühe. Aus ilirenKadavern nun kommen
neue Schwärme von Bienen hervor. Wie nach
dieser Sage, ist Aristaios in Arkadien ansässig
549
Aristaios
Aristaios
550
auch nach Nonn. Dion. 13, 277 u. 280 (vgl. Ap.
Rh. 2, 520f.), ebenso nach Just. 13, 7, der neben
Autuchos (vgl. Scliol. Ap. Rh. 2, 498) irrtüm-
lich noch Agreus und Nomios Brüder des
Aristaios nennt und in Thessalien sich ansie-
deln läfst. Nach Nonn. Dion. 13, 27511’. zog
Aristaios an der Spitze eines arkadischen Hee-
res mit Dionysos gegen die Inder und stand
unter dem persönlichen Schutze des Apollon
(24, 83). Er heilte mit Phoibischer Kunst die i
verwundeten Bassariden (17, 357ff.) und be-
stand einen Ringkampf mit Aiakos (37, 55411'.).
Besonders segensreich wirkte Aristaios auf der
parrhasischen Insel Keos. Nach Ap. Rh. 2,
5 16 ff. begab er sich von Phthia (nach Sali. b.
S. z. Verg. G. 1, 14 von Theben, und zwar, wie
bei Diod, 4, 92, 1 u. Myth. Vat. 2, 82, nach dem
Tode seines Sohnes Äktaion) auf Geheifs sei-
nes Vaters mit Parrhasiern dahin, von den
Einwohnern zu Hilfe gerufen , als infolge der 2<
sengenden Hitze des Seirios eine Pest die
Kykladen (nach Diod. 4, 82, 2 ganz Griechen-
land) verheerte. Er errichtete dort dem Z svg
’lMfuxios, dem Gott der Feuchte, einen Altar
und führte für ihn und den Seirios einen regel-
mäfsigen Opferdienst auf den Bergen der In-
sel ein. Seitdem sandte Zeus die Etesien, die
jedes Jahr 40 Tage lang die Luft abkühlen.
Auch soll Aristaios die Bewohner von Keos
gelehrt haben , nach dem Aufgange des Sei- s
rios auf die Temperatur des kommenden Jah-
res zu schliefsen und durch sühnende Opfer
(nach Schol. Ap. Rh. 2, 526 durch Zusammen-
schlagen von Waffen, womit man dämonische
Einflüsse abzuwenden suchte,) die verderbliche
Wirkung des Gestirns zu bannen. Wegen die-
ser Verdienste wurde er auf Keos als Ztvg
’Aqigzuios verehrt. (Schol. Ap. Rh. 2, 498. Nonn.
Dion. 5, 269 ff. Iheophr. de vent. 14. Herold.
Pont. b. Cic. de äiv. 1, 57. Hjg. Astr. 2, 4 4
Plin. N. II. 2, 123. 127. Varro Atac.h. Prob.
Verg. G. 1, 14.) Nach einer die Wirkung des
Seirios noch weiter allegorisierenden Sage war
die Insel Keos, früher Hydrusa genannt, von
guten Nymphen bewohnt (vgl. Ov. Her. 20,
221; auch nach Serv. Verg. G. 1, 14 war Keos
menschenleer). Von ihnen wurde Aristaios er-
zogen und in der Schaf- und Rinderzucht unter-
wiesen; von den vvgcpca Bqiocu lernte er die
Bienenzucht (nach Et. M. v. Bqiocu auch den 5
Olivenbau), welche er nach Schol. Ap. Rh.
a. a. 0. selbst, wie sein Bruder Autuchos in
Libyen, erfand. Aber ein Löwe (d. h. die ver-
zehrende Sonnenglut) vertrieb die Nymphen
(d. h. liefs die Quellen versiechen) nach Kary-
stos auf Euboia, bis Aristaios in der oben er-
zählten Weise Abhilfe schaffte (Herald. Pol. 9.
Aristot. b. Schol. Thcocr. 5, 53; vgl. J1 fand-
st ed, voyages et rech. d. I. Gr. 1, 30ff u. pl. 11,
über einen Löwenkolofs auf der Spitze eines c
Berges von Keos). Von Keos ging- Aristaios
nach Pindar nach Arkadien und wurde hier
besonders wegen seiner Verdienste um die
Bienenzucht als Zeus verehrt, nach Sallust zog
er mitDaidalos nach Sardinien (Serv. a. a. 0.).
Nach Diod. 4 , 82 , 4 begab er sich zunächst
zu seiner Mutter nach Libyen (in Kyrene
pflanzte er nach Schol. Arist. Equ. 894 das
berühmte Silphion) und dann erst nach Sar-
dinien, welches er durch Ackerbau kultivierte
(vgl. Arist. mir. ausc. 100 u. Paus. 10, 17, 3,
der ihn aus Schmerz über den Tod seines
Sohnes dahin auswandern läfst); hier zeugte
er zwei Söhne, Charmos und Kallikarpos. So-
dann läfst ihn Diodor in Sicilien segensreich
wirken, dessen Bewohner ihn besonders wegen
seiner Olivenkultur wie einen Gott ehrten,
und scliliefslich nach Thrakien gelangen, wo
er an den Orgien des Dionysos teilnahm und
viel Nützliches von diesem lernte. Als er sich
am Haimos aufhielt , soll er eine Zeit lang
unsichtbar geworden sein und auch bei den
Barbaren göttliche Ehren erlangt haben (Diod.
4, 82, 5f.). Durch diese Wanderungen, von
denen die Sage berichtet, ist der Weg ange-
deutet, welchen der Aristaioskultus von Arka-
dien, Thessalien und Boiotien aus genommen
hat (vgl. Müller, Orcliom. 342. Dor. 1, 283.
Welcher, Gr. Götterl. 1, 488). Wie in der Er-
zählung Dioclors und in der des Nonnos vom
Bakehoszuge wird Aristaios zu dem ihm in
mehrfacher Hinsicht verwandten Dionysos auch
in Beziehung gebracht durch die Angabe, dafs
eine Tochter desselben Nysa (nach Ap. Rh. 4,
1132ff. Makris auf Euboia, später auf Ker-
kyra) den kleinen Dionysos wartete und Ari-
staios selbst ihn erzog. (Diod. 3, 70, 7. Opp.
Cyneg. 4, 265ff. Schol. Arist. Acharn. 1212.
Vgl. Clem. Alex. Protr. 2, p. 24 P., wo der ar-
kadische Nomios als Sohn des Seilenos gilt.)
Wegen dieses Zusammenhangs stand das Bild
des Aristaios in Syrakus im Tempel des Bak-
chos (Cic. Verr. 4, 57, 128. Die Worte cum
Libero patre , deren falsche Auffassung die
Glosse ut Graeci ferunt, Liberi filius veranlafst
haben mag, sind nicht auf Aristaios zu be-
ziehen). Von Aristaios, dem Sohne der Ky-
rene, scheidet Bakchylid. b. Schol. Ap. Rh. 2,
498 den Sohn des Karystos, den des Cheiron
und einen Sohn der Gaia und des Uranos.
Ohne Zweifel aber ist der Sohn des Karystos
identisch mit dem zu den Nymphen von Kary-
stos in naher Beziehung stehenden Gotte von
Keos; andrerseits konnte dieser wegen seiner
Heilkunde auch ein Sohn seines Erziehers Chei-
ron oder Paion ( Plierehycl . b. Schol, Ap. Rh,
3, 467, wo Hekate eine Tochter des Aristaios
heifst ,) genannt werden. Ob der Sohn des
Uranos und der Gaia ein Gigant war, wie
Suid. v. ’Aqiotcilos angiebt, oder ob der Segeas-
gott allegorisch als Sohn des Himmels und
der Erde bezeichnet wird, steht nicht fest.
Ein von Welcher, gr. Götterl, 1, 489 beschrie-
benes Relief aus Kyrenaika zeigt Aristaios mit
einem Schafbock auf dem Rücken, ein Pedum
in der Hand, von Schafen umgeben, zugleich
Fische im Umkreise. Auf den Münzen von Keos
und der Stadt Karthaia b. Bröndsted a. a. 0.
pl. 14 u. 27 sieht man den bärtigen Kopf des
Aristaios (lies. Theog. 977 heifst er ßcWv/aL
zrjg) und ein grofses Gestirn, entweder allein
oder das Bild eines Hundes umgebend. Auch
die Weintraube, Biene und Ziege sind auf ihnen
zu sehen. Auf Sardinien hat sich in einem
Grabe eine mit Bienen an der Brust bedeckte
Apollinische Jünglingsgestalt aus Erz gefun-
18 *
551
Aristandros
Arkas
552
den , welche man fiir Aristaios hält {Bull,
arch. Sardo 1855, p. 65- Arch. Ans. 1857, 30.
Vgl. Preller , gr. Myth. 1, 373 ff.). S. auch G.
I. Gr. 6126 B. [Schirmer.]
Aristandros (' Aqlgt<xvSqos ), einer der Teil-
nehmer an der Kalydonischen Eberjagd: G. I.
Gr. 8185. [Roscher.]
Aristodeme (fAgiaxodfiyr]), 1) Tochter des Pria-
mos, Apollod. 3, 12, 5. — 2) Eine Sikyonie-
rin, die nach dortiger Sage von Asklepios, der
ihr in Gestalt eines Drachen nahte , den Ara-
tos geboren haben sollte; ihr Bild mit dem
Drachen hing in dem Tempel des Asklepios
zu Sikyon, Paus. 2, 10, 3. 4, 15, 5 ( ’Aqigto -
Öäficc). [Stoll.]
Aristodemos {Agtozodipios) , 1) Sohn des
Plerakles und der Megara (. Eurip . b. Schol.
Pind. Isthm. 3(4), 104 u. Boeclch, expl. ad Find.
p. 509). S. Megara. — 2) Sohn des Aristo-
machos, eines Urenkels von Herakles, Gemahl
der Argeia, der Tochter des Autesion, Vater
des Eurysthenes und Prokies ( Apollod . 2, 8, 2.
Paus. 2, 18, 7. 3, 1, 5. 4, 3, 4). Nach der
gewöhnlichen, von den Epikern recipierten Sage
(vgl. Müller, Bor. 1, 52), welcher Apd. a. a. 0.
folgt , wurde Aristodemos in Naupaktos vom
Blitze erschlagen, als Temenos im Begriff war,
mit Heer und Flotte der Dorier zur Eroberung des
Peloponnes aufzubrechen. Paus. 3, 1, 6 refe-
riert die Sage, er sei in Delphoi durch das Ge-
schofs des Apollon getötet worden, weil er
wegen der Rückkehr in den Peloponnes nicht
sein Orakel, sondern den ihm erschienenen He-
rakles befragt habe; er hält es aber für wahr-
scheinlicher, dafs er durch die Söhne des Pyla-
des und der Elektra, Medon und Strophios,
die Verwandten des Tisamenos, umgekommeu
sei (vgl. Paus. 2, 18, 7). Nach der spartani-
schen Landestradition beteiligte er sich an
der Eroberung des Peloponnes, und es fiel ihm
nach derselben durch das Los Lakonien zu;
hier herrschte er als König, und erst nach
seinem Tode trat das Doppelkönigtum seiner
Söhne ein ( Hcroä . 4 , 147. 6, 52. Xen. Ages.
8, 7. Plato Legg. 3, p. 692 B. Plut. Ages. 19.
Vgl. Thule. 5, 16, 3. Nep. Ages. 7. Müller, Bor.
1, 91 f.). [Schirmer.]
Aristomaclie {’Agi6Toyci%rf) , 1) Tochter des
Priamos, Gemahlin des Kritolaos, eines Soh-
nes des Hiketaon, Slesichoros in d. Nosten, b.
Paus. 10, 26, 1. — 2) Amazone auf einer Vase
ans Cumä: Fiorelli Pacc. Cum. tav. 8.
[Klügmann u. Stoll.]
AristomacllOS {Aqiazoyaxof) , 1) Sohn des
Talaos und der Lysimache , Bruder des Adra-
stos , Vater des Hippomedon, den übrigens
andre zum Sohne des Talaos machten, Apol-
lod. 1, 9, 13. 3, 6, 3; s. Hippomedon. — 2)
Heraklide, Sohn des Kleodaios (Kleodamos Sa-
tyr os in Müller fr. hist. gr. 3, 165, 21), Enkel
desHyllos; er fiel in einer Schlacht beim Ver-
such eines Einfalls in den Peloponnes, Apol-
lod. 2, 8, 2. Vater des Aristodemos, Teme-
nos und Kresphontes, welche den Peloponnes
eroberten, Herodot 6, 52. Paus. 2, 18, 6. 5,
3, 5. 5, 4, 1. 8, 5, 4. 10, 38, 5. Hyg. f. 124.
Biod. 7, 16. Phlegon u. Porphyr los in Mül-
ler fr. hist. gr. 3, p. 603 u. 690. — 3) Freier
der Hippodameia, von Oinomaos getötet. Paus.
6, 21, 7. [Stoll.]
Aristonoos ( ’Agiazovoog ), ein Aigyptide, von
der Danaide Palaino (?) getötet, Hyg. f. 170.
Eine Danaide Kelaino kommt vor Apollod. 2,
1, 5. [Stoll.]
Ar kan ia {Agnccvlci) , Danaide, mit dem Ai-
gyptiden Xanthos vermählt, Hyg. /'. 170. Der
Name ist korrupt. Askania? [Stoll.]
io Arktis ( [’Agyuxg ), 1) Stammhei'os der Arkader,
Sohn des Zeus und der Kallisto (s. d.), der Jagd-
genossin der Artemis ( Epimenid . b. Schol. Vat.
Eurip. Blies. 36 macht ihn zum Zwillingsbru-
der des Pan). Nach dem Tode oder der Ver-
wandlung der Mutter übergab Zeus das Kind
der Maia zur Erziehung unter dem Namen Ar-
kas {Apd. 3, 8, 2. Hyg. f. 224). Nach Istros
b. St. B. v. AqyuxSloi hiefs die Mutter Themisto,
nach Ariaithos b. Hyg. Astr. 2, 1 Megisto ; nach
20 Buris b. Schol. Ap. Rh. 4, 264 war Orchome-
nos der Vater. Wie Hyg. Astr. 2, 4 erzählt,
setzte Lykaon dem hei ihm einkehrenden Zeus,
um seine Allwissenheit zu prüfen, mit ande-
rem Fleische auch das seines Enkels Arkas vor.
Aber der Gott stiefs den Tisch um (an der
Stelle, wo dies geschah, gründete nach Hyg.
f. 176 Arkas später die Stadt Trapezus) , zer-
schmetterte mit seinem Blitze das Haus und
verwandelte Lykaon in einen Wolf, die Glie-
30 der des Knaben aber setzte er wieder zusam-
men und übergab ihn einem Aitoler zur Er-
ziehung Als Arkas herangewachsen war, traf
er auf der Jagd seine in eine Bärin verwan-
delte Mutter und verfolgte sie bis in den Tem-
pel des Zeus Lykaios. Da nun beide nach
arkadischem Gesetze hätten getötet werden
müssen, versetzte sie Zeus aus Mitleid unter
die Gestirne, den Arkas als Arktophylax, wel-
cher der Bärin folgt. Nach einer andern Tra-
40 dition {Hyg. Astr. 2, 1) wurde Kallisto, als sie
im Walde als Bärin umherschweifte, von den
Aitolern ergriffen und mit ihrem Sohne zu
Lykaon nach Arkadien gebracht. Hier drang
sie, indem Arkas ihr folgte , des Gesetzes un-
kundig in den Tempel des Zeus. Dieser aber
errettete sie in der erwähnten Weise von der
verdienten Strafe. — Ov. Biet. 2, 496 ff. Fast.
2, 183 f. u. Myth. Vat. 2, 58, wo die Verwand-
lung eintritt, als Arkas sich anschickt, auf die
50 Bärin zu schiefsen, wird von einer Entweih-
ung des Tempels nichts erwähnt (vgl. Nonn.
Bion. 13, 295 ff. Schol. Arat. Phaen. 27. Pseu-
do-Erat. Catast. 1. Schol. Caes. Aug. Arat. 17
u. 89. Eyssenh. Stat. Silv. 5, 1, 106. Valer.
Fl. Argon. 5, 370). Nach Paus. 8, 4, 1 folgte
Arkas dem Nyktimos, dem von Zeus verschon-
ten Sohne des Lykaon, in der Herrschaft über
Pelasgien , das nach ihm Arkadien genannt
wurde, führte den von Triptolemos erlernten
oo Ackerbau, die Bereitung des Brotes, die Webe-
rei und andre auf Behandlung der Wolle be-
zügliche Künste ein, in welchen er von Adristas
(s. d.) unterwiesen worden war. Erzeugte mit
Leaneira, der Tochter des Amyklas, oder mit
Meganeira, der Tochter des Krokon, oder (uach
Eumelos) mit der Nymphe Chrysopeleia (s. d.),
welche er nach Charon Lamps. b. Tzetz. Ly-
Jcophr. 480 [hier heilst Arkas Sohn des Zeus
553
Arke
Arktos
oder des Apollon] auf der Jagd durch Ablen-
kung eines Giefsbaclis rettete, den Elatos und
Apkeidas ( Apd . 3, 9, 1), nach anderen aufser
diesen mit der Nymphe Erato noch den
Azan ( Schol . Eurip . Or. 1G42). Unter diese
3 Söhne verteilte er das Land. Ein Bastard
von ihm liiefs Autolaos (Paus. 8, 4, 2). Lao-
dameia, die Tochter des Amyldas, gebar
ihm den Triphylos (Paus. 10, 9, 5). Auch
Dryops und Mainalos galten als Söhne des i
Arkas ( Anst . b. Strabo 8, p. 373. Iiellan. b.
1 Schol. Ap. Rh. 1, 769) Sein Grabmal war
ursprünglich auf dem unwirtlichen Mainalos
da, wo sich der aus dem Innern Arkadiens
I kommende Weg in der Richtung nach Manti-
neia, Pallantion und Tegea spaltete; später
ruhten die Überreste des gemeinsamen Stamm-
königs in Mantineia neben dem Altäre der
Hera, nachdem das Orakel befohlen hatte, dem
Heros da, wo Dreiweg, Vierweg und Fünfweg 2
Isicli träfen , einen heiligen Bezirk und eine
Opferstätte einzurichten (Paus. 8, 9, 3f. 36, 8.
Ourtius, Pelop. 1, 238. 315). Die Statuen der
iKallisto , des Arkas und seiner Nachkommen
standen in Delphoi als Weihgeschenke der
Tegeaten (Paus. 10, 9, 5). Eine Münze von
Pheneos zeigt Hermes , wie er seiner Pflege-
rin Maia den kleinen Arkas zuträgt (Müller-
Demeter, Hermes u. Arkas, Münze v. Pheneos (nach
Friedländer- Sollet, Münze. Berl.- Taf. 2, 153).
Wieseler 1, T. 41 n. 179). S. Arkturos. — 2)
Beiname des Hermes wegen seiner Geburt auf
dem arkadischen Kyllene (Lucan. 9, 661. Mart.
9, 34, 6. Myth. Vat. 3, 9, 8. Marc. Cap. 1,
7 , 24. 6, 705) und des Pan, des arkadischen
Berggeistes (Simonid. Epigr. Anth. Plan. 232).
— 3) Ein Hund des Aktaion bei Iiyg. /'. 181
(Schm, verwirft den Namen nach Ov. Met. 3,
210). [Schirmer.] 50
Ai’ke ("Aqi ig), Tochter des Thaumas, Schwes-
ter der Iris. Im Titanenkampfe stand sie auf
Seiten der Titanen und wurde deshalb nach-
her von dem siegreichen Zeus in den Tartaros
verstofsen und ihrer Flügel beraubt, welche
er der Thetis bei ihrer Vermählung mit Pe-
leus schenkte. Thetis aber schenkte die Flü-
gel dem Achilleus bei seiner Geburt. Ein spät
erfundenes Märchen zur Erklärung des Bei-
worts des Achilleus 7tod'ctg-nr}s. Ptolcm. Heph. go
6 b. Phot. Bibi. 153, 15 und dazu Roulez-
Welclcer im Rhein. Mus. 6 (1839) S. 583 Anm.
10. [Stoll.]
Arkeisios (’Agueicuog, auch ’Agntatog), Vater
! des Laertes, Grofsvater des Odysseus, Od. 16,
118. 24, 270. 14, 182. Apollod. 1, 9, 16. Hyg.
/'. 173. Er war Sohn des Zeus und der Eu-
| ryodeia (Euryodia), Gemahl der Chalkomedusa,
554
der Mutter des Laertes, Schol. u. Eustath.
(p. 1786, 34) zu Od. 16, 118. Ov. Met. 13, 144.
Andre nennen ihn einen Sohn des Kephalos
aus dem attischen Thorikos, der mit Amphi -
tryon gegen die Teleboer gezogen war und
die Herrschaft über das nach ihm benannte
Kephallenia und die Kephallenen erhalten
hatte, und der Prokris, Hyg. f. 189 a. E., oder
einen Sohn des Killeus oder Keleos , der
ein Sohn des Kephalos war, Schol. u. Eustath.
zu II. 2, 631. Oder Kephalos zeugte ihn mit
einer Bärin. Als Kephalos nämlich auf den
kephallenischen Inseln wohnte, fragte er den
Gott in Delphi, wie er zu Kindern kommen
könnte, und erhielt die Weisung, er solle sich
mit dem ersten weiblichen Wesen, das ihm
begegne, vermählen ; in die Heimat gekommen,
stiefs er auf eine Bärin, und diese, von ihm
schwanger geworden, ward in ein Weib ver-
wandelt und gebar den Arkeisios. Aristot. in
d. Politie der Ithakesier im Et. M. p. 144, 22.
Heraldeid. Pont. 38 (Müller fr. hist. gr. 2,
p. 223). Eustath. Hom. 1961, 19 vgl. 1756, 53.
Das Märchen ist erfunden wegen der Ähnlich-
keit von AgKitaiog u. ägyzog = ägy.og. Sclvwenclc,
Rheih. Mus. 6. S. 527. [Stoll.]
Arkeoplion (’Agnsoqxäv) s. Anaxarete.
Arkesilaos (’Agxsoilaog), 1) Führer der Böo-
tier vor Troja, von Hektor erlegt, 11. 2, 495.
15, 329. Qu. Sm. 8, 304. Seine Gebeine wur-
den von Leitos, einem andern Führer der Böo-
tier, nach Böotien zurückgebracht, wo er in
der Nähe der Stadt Lebadeia ein Grabmal
hatte, Paus. 9, 39, 2. Er war nach Schol. II.
2, 494 (p. 80 a 40 Reich.) ein Sohn des Areily-
kos und Bruder des Prothoenor, Prothoenor
aber heifst II. 14, 450 Sohn des Are'flykos;
also wird auch Arkesilaos bei Homer Sohn
des Areilykos sein. Bei I)iod. 4, 67 heifst der
Vater des Arkesilaos und Prothoenor Archily-
kos. Bei Hyg. f. 97 p. 87 Bunte ist Arkesi-
laos Sohn des Lykos und der Theobule. — 2)
Sohn des Odysseus und der Penelope, Eustath.
zu Hom. p. 1796, 50. — 3) Vater des Mela-
neus, Grofsvater des Eurytos , Pherelcydes (fr.
34 Müller fr. hist. gr. 1, p. 80) bei Schol. Soph.
Trach. 354. [Stoll.]
Arktopliylax s. Arkturos.
Arktos ("Agnzog), 1) einer der Kentauren auf
der Hochzeit des Peirithoos, Hes. Scut. 168.
(Wohl auch statt Anchios zu lesen b. Apol-
lod. 2, 5, 4. Vgl. oben Anchios). — 2) yAgu-
zog, cd Agnzoi, der grofse und der kleine Bär
('A. ysycclrj u. fuugd , ursa maior u. minor ),
zwei aus je 7 Sternen bestehende Sternbilder
am nördlichsten Horizont , wichtige Gestirne
für die Schifffahrt, da sie nie untergehen.
Beide Bären waren von Zeus unter die Sterne
versetzt, weil sie, die idäischen Nymphen He-
like und Kynosura, ihn ein Jahr lang in einer
Grotte des kretischen Ida verborgen und ge-
nährt hatten. Arat. Phaen. 30. Hygin. Poet.
Astr. 2,2. — Die grofse Bärin war schon
dem Homer bekannt und heifst bei ihm auch
der Wagen (Hya'ga, plaustrum, currus ), II. 18,
487ff. Od. 5, 273. Sie gilt für die in eine
Bärin verwandelte und unter die Sterne ver-
setzte Arkaderin Ivallisto (s. cl.) , Tochter des
555
Arkturos
Arnos
556
Lykaon, von Zeus Mutter des Arkas; daher
ihre Beinamen: Lycaouis, Parrhasis, Maenalia,
Tegeaea, Erymanthis, Nonacrina, Kallim. 11.
in Jov. 41. Ovid. Her. 18, 152. Trist. 1, 11,
10. 3, 11, 8. Fast. 2, 1 67. 192. Met. 2, 409.
460. Auch heilst sie Themisto und Megisto,
Tochter des Keteus, Steph. B. v. Ag-uccg. Eu-
stath. p. 300, 30. Hygin. P. Astr. 2 , 1 , oder
Helike, Serv. Verg. Georg. 1, 68. 138. Hygin.
P. Astr. 2, 2. Fab. 177. Ob man aus Hyg.
P. Astr. folgern darf, dafs Hesiod schon die
Kallisto am Himmel als Bärin gekannt habe,
ist fraglich. Weil das Gestirn nicht untergeht,
nicht in das Meer taucht, so erzählte man,
die eifersüchtige Plera habe den Okeanos und
die Tethys gebeten, die an den Himmel ver-
setzte Kallisto nicht zum Bade im Meere zu-
zulassen. Ovid. Met. 2, 508ff Fast. 2, 191.
Hygin. f. 177. P. Astr. 2, 1. Serv. V. Georg.
1. 246. Vgl. Hom. Od. 5, 275. Soph. Tracli.
130. Mus. Her. et Leand. 214. Aus demsel-
ben Grunde nannten die Römer das stets im
Kreise sich drehende Gestirn Septemtriones,
die 7 Dreschochsen, die auf der Tenne des
Himmels stets im Kreise herumgehen. [Vergl.
auch M. Müller, Vorl. üb. d. W iss. d. Spr .2
2, 39711'.] — Die kleine Bärin befindet sich
in der Nähe der grofsen. Der äufserste
Stern derselben im Schwänze, der Polarstern,
heifst Kynosura, wie auch das ganze Gestirn
genannt wird; die idäische Nymphe Kynos-
ura, Amme des Zeus, war von diesem als
Bärin an den Himmel versetzt Aral. Phaen.
36. Schol. II. 18, 487. 488. Hygin. P. Astr.
2, 2. Das Gestirn liiefs auch fpotvLv.rj, und man
erzählte von einer Nymphe Phoinike, die, weil
sie mit Zeus Umgang gepflogen, von Artemis
in eine Bärin verwandelt, von Zeus aber unter
die Sterne versetzt wurde. Eratosth. c. 2.
Hyg. P. Astr. 2, 2. Die griechischen Schiffer
richteten sich nach dem leicht kenntlichen
grofsen, die phönikischen nach dem kleinen
Bären, auf dessen Beobachtung erst Thaies
seine Landsleute aufmerksam gemacht haben
soll, Hyg. P. Astr. 2, 2. Schol. II. 18, 487.
Die Namen Wagen und Septemtriones sind
von dem grofsen Bären auch auf den kleinen
übertragen worden ; beide heifsen aya^cu,
currus , plaustra, Septemtriones, ursae , ferae.
— S. Müller, Prolegg. S. 191 ff. Preller,
Gr. Mythol. 1, 385. Pauly , Realenc. unter
Arctus. [Stoll.]
Arkturos ( ’AQY.xovgog ), später auch Arkto-
phylax (’Agxzocpvla^) genannt, der Bärenhüter,
ein Sternbild in der Nähe des grofsen Bären,
in der Gestalt eines Mannes gedacht, der mit
der ausgestreckten Hand die Bärin berührt
( Analcreont . 31, 2 Berglc). Homer (Od. 5, 272)
hat für dasselbe Gestirn den Namen Bootes
(vgl. Ovid. Fast. 3, 405), der Ochsentreiber,
insofern der grofse Bär als Wagen gedacht
wird, ln der späteren Zeit unterschied mau
Arktophylax und Arkturos so, dafs jener das
ganze Gestirn, dieser den hellsten Stern, auf
dessen Gürtel, bezeichnete. Arat. Phaen. 94.
Schol. Ap. Rh. 2, 1099. Suhl. v. ”Agnzog. S.
Paulys Realenc. unter Arcturus. Das Sternbild
Arkturos oder Arktophylax gilt für Arkas, der
zugleich mit seiner in die Bärin verwandelten
Mutter Kallisto an den Himmel versetzt wurde,
s. Arkas und Kallisto. Eratosth. cat. 8. Serv.
Verg. Georg. 1, 68. Ilygin. P. Astr. 2, 1. 4.
Schol. Arat. 27. Ovid. Met. 2, 496 ff. Fast. 2,
187ff. Oder es war Lykaon, der Vater der
Kallisto, Ovid. Fast. 6, 235. Als Ochsentrei-
ber, Bootes, gedacht, ist er der unter die
Sterne versetzte Attiker lkarios (s. d.), Hy-
10 gin. f. 130. P. Astr. 2, 4. Schol. II. 22, 29.
Daher der grofse Wagen boves Icarii, Pro-
pert. 2, 24, 24. S. Preller, Gr. Myth. 1,
385. [Stoll.]
Armadas ('Agynxig), ägyptischer Gott: C. I.
Gr. acld. 4999. Mehr bei Reinisch in Pau-
lys RealencS 1, 1732. [Roscher.]
Armenios (’Agytviog), einer der Argonauten
(s. d.), aus llhodos oder Armenion in Thessa-
lien stammend, von dem Armenien benannt
20 sein soll: Steph. Byz. s. v. Aggsvicc (”Aq ytvog).
Just. 42, 2f. [Roscher.]
Armic[os?] (Dat.-um ; vgl. Zeufs,gr. C. 222 ff),
vielleicht ein britannischer Gott auf der Inschrift
eines kleinen Altars zu Magnae (Cärvoran); C. I.
L. 7, 744 : DEO ■ AR [| MI( VMS (= Sextus?) ||
HO EH I VS • || V. S. L. AI. Nach Hübner ist
entweder = c oder = l. [Steuding.]
Arnaios (’Agvcdog), Name des Bettlers bei
den Freiern im Hause des Odysseus, gewöhn-
30 lieh Iros (Botengänger) genannt, Od. 18, 5.
Vgl. Iros. [Stoll.]
Arnalia, wohl celtischer Beiname der Mi-
nerva auf einer Inschrift aus Villeium in Bur-
gund; Orelli 1961 und vollständiger bei Alaf-
fei, Ant. Gail. p. 29: Mercurio et Minerme
Arnaliae numinibus Augustorum sacrutn C. Luc-
cejus Alarccllinus decurio v. s. I. ( m .) Es dürfte
wohl derselbe Stamm in dem Worte enthalten
sein , wie in dem Namen des Gottes Arnus
40 oder Aevnus. [Steuding.]
Arn e('AQvri), 1) Tochter des Aiolos (s. d.), von
Poseidon Mutter des Boiotos , nach welcher
zwei Städte der äolischen Böotier im thessa-
lischen Aolis (das spätere Kieron) und in Böo
tien, benannt waren. Schol. II. 2, 494. 507.
Steph. Byz. u. Et. AI. v. "Agvg u. Boumia
Diod. 4, 67. Paus. 9, 40, 3. Schol. Tliuli. 1,
12. Bei Tzetz. Lylc. 644 heifst sie Amme des
Poseidon, die diesen verleugnete (ä7zggvrjGtxzo),
50 als Kronos ihn verlangte. Kopf der Arne mit
Widderhorn auf Münzen von Kieron und Me-
tapont, Ann. d. Inst. 19, 222. Arch. Ztg. 1853.
t. 58, 7. 8. S. 115. 116. Alüller, Orchom. 391 f.
Preller, Gr. Myth. 1, 481. 521. Vgl. auch Au
tolyte. — ■ 2) Gemahlin des Aison, Mutter des
Iason, Tzetz. Lylc. 872. — 3) Eine Frau, die
ihr Vaterland, die Insel Siphnos, um Gold an
Minos verriet und deshalb in eine Dohle ver-
wandelt ward, die auch jetzt noch das Gold
eo liebt, Ovid. Met. 7, 465. — 4) Tochter des
Oibalos, Schwester des Tyndareos und lkarios,
Schol. II. 2, 581. Übrigens wird man schrei-
ben müssen Arene (s. d.) nach Tzetz. Lylc. 511.
Apollod. 3, 10, 3 u Heyne Obss. [Stoll.]
Ai •neos ("Aqvso g), Vater derMegamede, welche
dem Thespios 50 Töchter gebar, Apollod. 2,
4, 10 (wo Heyne ’Agvcciog schreibt). [Stoll.]
Arnos ('Agvog), mythischer Eponymos von
Arnus
558
557
Arna in Lykien, welcher den Protogonos, den
Vater der Rhea ( Orph . h. 6 u. 14, I), be-
kämpft haben soll (ßteph. Byz. s. v. "Aqvu).
Arnus s. Aernus. [Roscher.]
Aroeris (’AQÖriQig/AQwriQig), ägyptischer Gott,
C. I. Gr. 471G e. 4860. 4859. 4697. add. 4716 d.
5793. 7045; vgl. Beinisch in Paulys Bealenc .2
1, 1751. [Roscher.]
Arpeninus, eine celtische Gottheit auf einer
Inschrift im Museum zu Toulouse; Gr. -Uenzen
5872: Arpenino deo Belcx Belexconis f. v. s.
I. m. Das Wort dürfte vielleicht auf arpa
dunkel, zurückgehen, und an einen Gott der
Finsternis zu denken sein. [Steuding.]
Arquis s. Indigitamenta.
Ai'rlictos ('Aggyzog) , 1) Sohn des Priamos,
Apollod. 3, 12, 5. — 2) Genosse des Deriades,
Nonn. Dion. 26, 250. 265. [Stoll.]
Arrlion ("Aggav, -tavog), 1) Orchomenier, Sohn
des Klymenos Paus. 9, 37, 1, Bruder des Er-
; ginos, Stratios, Pyleus, Azeus, (s. diese). Vgl.
O. Müller, Orchotn. 129. — 2) Arkadier, Sohn
des Erymanthos, aus dem Geschlechte des Nyk-
timos (s. d.), Vater des Psophis, Gründers
von Psophis. Paus. 8, 24, 1. Nach Steph.
Byz. s. v. WaxpCg heifst Psophis Sohn des
Lykaon. [Crusius.]
Arsaciae liiatres, auf einer Inschrift bei
Orelli 2093: Matribus Arsacis paternis sive ma-
ternis (vgl. matronis Arsacis bei Murat. 94),
sind nach Orellis Vermutung von einer gal-
lischen Ortschaft genannt. [Steuding.]
Arsalte, verderbter Name einer Danaide hei
Hyg. f. 170. [Roscher.]
Arsinoe (: ’AgGivoy ), 1) Tochter des Phegeus
und Alkmaions Gemahlin, s. Alkmaion. — 2)
Amme des Orestes, welche diesen den Händen
der Ivlytaimnestra entrifs und zu Strophios,
Agamemnons Schwager, brachte, Find. Pyth.
II, 18(25). Vgl. über die verschiedenen Namen
dieser Amme die Schol. zu d. St. u. daselbst
Büclch p. 418, Anm. 1. Schol. Aeschyl. Choeph.
733. — 8) Tochter des Leukippos und der
Philodike, nach messenischer Sage Mutter des
Asklepios- (s. d.) von Apollon, Schwester der
Hilaeira und Plioibe. Apollod. 3, 10, 3. Ile-
siod b. Schol. Find. Pyth. 3, 14. Paus. 2, 26,
6. 4, 3, 2. 4, 31, 5. 9. Cic. de N. D. 3, 22.
Lactant. 1, 10. Preller, Gr. Mythol. 1. S. 427.
Sie hatte in Sparta ein Heiligtum, Paus. 3,
12, 7. Bei Schol. II. 4, 195 heifst sie Mutter
des Machaon von Asklepios. — 4) Eine der
Hyaden, Hygin. f. 182. — 5) Tochter des Mi-
nyas , Flut. Quaest. gr. 38. S. Alkithoe. — 6)
s. Anaxarete. [Stoll.]
Arsinoos ( Agaivoog ), aus Tenedos, Vater der
von Achilleus erbeuteten, dem Nestor als Skla-
vin übergebenen Hekamede, II. 11, 626. [Stoll.]
Arsippe (’AgGinnrj) s. Alkithoe.
Arsippos ("Agaimrog) erzeugte nach Cic. de
N. I). 3, 22 mit Arsinoe den dritten Askle-
pios. [Stoll.]
Artakes (Agzanrig), einer der Dolionen, im
Kampfe mit den Argonauten von Meleagros
getötet, Ap. EU. 1, 1047. [Stoll.]
Artemiche ( ’Agztyi%r] ), Tochter des Kleinis
(s. d.) und der Harpe, von Apollon in einen
Vogel verwandelt, Anton. Lib. 20. [Stoll.]
Artemis (Etymol.)
Artemis (Agzsfii g, ido g, boiotisch u. dorisch
"Agztxyig, izog, etruskisch Artumes oder Arte-
mes, Bezzenbergers Beiträge 2, p. 163, davon
der Monatsname ’Agzuyiziog G. I. Gr. 3052 ff ),
der gemeinsame Name, unter welchem ver-
schiedene Gestalten einer Naturgottheit zu-
sammengefaf st werden, die nach und nach dem
Lichtgott Apollon angenähert und zu seinem
weiblichen Gegenbilde ausgeprägt wurde, deren
ursprüngliche Bedeutung aber, wenn auch in
Lokalkulten noch späterhin vielfach klar her-
vortretend, doch nicht leicht in einen Begriff
zusammengezogen werden kann. Mannigfache
Beziehungen der Göttin zum Gedeihen der
Fluren und der Tiere , die sie nähren , zum
weiblichen Geschlechtsleben, Geburt und Tod
werden durch Mythen und Kultgebräuche an-
gedeutet. Dafs sie ältere Vorstellungen sind,
die Steigerung der Artemis aus einer physi-
schen zu einer mehr ethischen Macht einer
späteren Zeit angehört, ergiebt sich auch aus
dem allgemeinen Entwicklungsgänge der hel-
lenischen Religion, Erst dem Bestreben, die
oberen Gottheiten in festen genealogischen Zu-
sammenhang zu bringen, entsprang die Paralle-
lisierung der Artemis mit Apollon , die Ver-
bindung beider mit Zeus nnd Leto , während
ältere Traditionen die Geschwister aus einan-
der halten , von einer V erwandtschaft nichts
wissen. Wie weit diese Traditionen sich auf
eine einzige, ihrem inneren Wesen nach ein-
heitlich ausgestattete Gottheit beziehen, ist
nicht immer festzustellen; doch läfst sich ver-
muten, dafs der allgemeine Namen Artemis
auch auf wesensverwandte Gottheiten übertra-
gen worden ist, wie ja allmählich selbst dispa-
rate Kultgestalten, wie die Tauro , Britomar-
tis, Hekate , die ephesische Göttin u. a. mit
Artemis in Verbindung gebracht wurden. Die
verschiedenen Erscheinungen der Artemis, hel-
lenische und übertragene Kulte für sich zu
betrachten , die Epochen der Entwickelung-
möglichst zu scheiden, ist daher hier mehr als
hei anderen Gottheiten notwendig.
§ 1. Etymologieen.
Dunkel, wie die Grundbedeutung der Arte-
mis , ist auch der Sinn ihres Namens. Nach
der gewöhnlichen Ableitung von ugzsyrig, un-
verletzt, heil ( Hom . II. 7, 308. Od. 13, 43)
deutet man Artemis entweder als die unver-
letzte, jungfräuliche. So schon Platon ( Kra -
tyl. p. 406 b, vgl. Et. M. v. "Agzsyig) , dann
Preller, Griecli. Mythol. l2p. 228. Welcher, Gr.
Gott. 1 p. 603. Oder man fafst Artemis als die
Gesunde, Heile ( Vofs , Mythol. Br. 3, 54, die
Fehllose, Integra), die auch Heil und Kraft ver-
breitet (O. Müller, Dorier 1“ p. 374, im Alter-
tum Strabon 14 p. 635, dem Eust. p. 377, 43.
1732, 27 folgt, u. Kormitos 32 nach Apollodor).
Aber weder Jungfräulichkeit, noch Heilkraft
ist ihr ursprünglich eigentümlich, sondern bei-
des erst aus der Gleichsetzung mit Apollon
entwickelt. Noch ferner liegen Erklärungen,
wie die von Pott, Etym. Forsch. 1 p. 101 u.
Zeitschr. f. Völkerpsych. 1882 p. 40 (ccsgözsfug,
aerem secans nach dem Vorgänge von Macrob.
Sat. 7, 16^), von Welcher z. Sclnvenck, Andeut.
p. 263f. (AgiO-syis) , von Gocbel, Lexilogus zu
559 Artemis (Deutung)
Artemis (Quell- u. Flufsgöttin) 560
Homer u. d. Homeriden 1, 594 (Artemis von
Wurzel argaz- oder gut- — iaculatrix). DeD
Zusammenhang des Namens mit einer in per-
sischen Eigennamen, wie Arta-phernes , Arta-
mes erhaltenen Wurzel (darnach die „Grofse
Göttin“) vermutet Ad. Claus {de Dianae anti-
quissima apud Graecos natura. Diss. Breslau
1881, p. 10), während G. Curtius sich jeder
Erklärung enthalten hat.
§ 2. Deutungsversuche. io
Liegt in dem Namen der Göttin kein siche-
rer Anhalt für die Bestimmung des Grundbe-
griffs ihres Wesens, so kann die Summierung
der hervorragendsten Eigenschaften, welche
die spätere Zeit ihr beilegte , noch weniger
über die ursprüngliche Idee ihres Kultes auf-
klären. Die Anschauungen einer jüngeren
Epoche werden freilich durch viele Züge der
sich fort entwickelnden, auch zu Neubildun-
gen neigenden Legende verdeutlicht. Parade- 20
len, wie Artemis-Hekate und Eileitliyia, die
nicht der Urzeit angehören, Attribute wie die
Fackel, die ihr neben Pfeil und Bogen fast
ständig beigegeben wird, weisen auf eine Mond-
göttin. Als solche, als nächtliche Himmels-
und Lichtgöttin fafsten sie Welcher, Preller u.
Lauer und versuchten mit dieser Deutung auch
einen grofsen Teil der Funktionen der Arte-
mis in Einklang zu bringen. Bosclier {Studien
2, lOOf.) nimmt eine Stufenleiter mythischer. 30
Entwickelung an, eine Reihe von mehr oder
weniger gleichartigen Gestaltungen derselben
Naturerscheinung, deren älteste die Mondgöt-
tin Hera sei, während eine jüngere Artemis-
Hekate an ihre Stelle trat, nachdem Heras
Wesen sich in den Begriff der Ehegöttin und
Gemahlin des Zeus zusammengezogen hatte.
0. Müller {Hör. I2, 378) stellte die nymphen-
artige Natur der Göttin voran und unterschied
zuerst die ältere, hauptsächlich in Arkadien 40
verehrte Artemis, welche nicht Mondgöttin
schlechthin gewesen, von einer jüngeren, dem
Apollon eng verschwisterten Artemis. Nach
Claus (a. a. 0. p. 22) wäre überhaupt nicht
ein Lichtprinzip, sondern die Vorstellung der
Nacht (im Begriff mit der Erde identisch) die
Grundidee gewesen, weil sie in ältesten Mythen
mit Zeus, dem Himmelsgott, in ein eheliches
Verhältnis gebracht werde. Aber Genealogieen
entstehen noch nicht im Anfang der Entwicke- 50
lung religiöser Anschauungen, und wenn solche
Vorstellungen auch ursprünglich gewesen sein -
sollten, so ist damit noch nicht bewiesen, dafs
sie allen Gestaltungen der Göttin gemeinsam
sein mufsten. Wir werden uns daher begnü-
gen zunächst die einzelnen Seiten im Wesen
der Artemis , welche mit einigem Grund als
ursprünglich angesehen werden dürfen, aufzu-
zählen, und dann die jüngeren Züge für sich
betrachten. 60
§ 3. Artemis als Quell- und Flufs-
göttin.
1. In dreifacher Weise scheidet sich, von
fremdartigen, erst später hinzugetretenen Bil
duügen wie Britomartis u. a. abgesehen , das
Wesen der Artemis. Sie ist einmal als Quell-
und Flufsgöttin von weitverzweigter Wirksam-
keit, als solche auch zum Gedeihen der Feld-
flur und des Wildes in Bezug gesetzt, ferner
Geburtsgöttin und als Zwillingsschwester des
Apollon endlich in den Gesamtbereich sei-
ner Funktionen als Teilhaberin seines Wesens
gezogen worden.
2. Nach ältester Anschauung, die sich be-
sonders deutlich in arkadischen Kulten aus-
spricht , ist sie eine „Naturgöttin von ähn-
lichem, nur allgemeinerem Wesen, als die Nym-
phen der Berge, Flüsse und Bäche“. Besonders
sind Seen, Quellen, Flüsse und sumpfige Nie-
derungen zu ihr in nächsten Bezug gebracht.
Daher sagt Maximus Tyrius 38, 8 : Heiligtümer
der Artemis sind Quellen der Gewässer und
hohle Waldtliäler und blumige Auen, uud Alh-
man {fr. 32 Welcher ) bemerkt, dafs die Göttin
von zehntausend Bergen, Städten und Flüssen
Namen trage, nolvävvfiog nennt sie Kalli-
machos Hian. 7, und zahlreiche, von Orten ent-
lehnte Beinamen beweisen, wie eng verbunden
sie mit der Gegend, die sie bewohnte, gedacht
wurde. Sie heifst Lykoatis auf dem Berge
Mainaion Paus. 8, 36, 5, Stymphalia hei
Stymplialos Paus. 8 , 22 , 5 , vgl. Eustath.
11. 2, p. 228 Bas. und für die Lage des Hei-
ligtums Bull, de corr. hell. 1883 p. 490,
Skiaditis zu Skiadis bei Megalopolis, Paus.
8, 35, 5, Kondyleatis von dem Flecken Kon-
dylea bei Kaphyae, Paus. 8, 23, 5, Der-
rhiatis, Paus. 3, 20, 7, Karyatis in Lakonika,
Paus. 3, 10, 8. Hesych. v. Kctgvcu, Oinoatis
bei Argos, Saronis bei Troizen, Amarysia, Ky-
donias, Sipylene, Astyrene in Mysien. Sie
führt ferner Namen wie Mysia, Pergaia, Phe-
raia , Aitole , Aiginaia (so aber auch in
Sparta genannt Paus. 2, 30, 2. 3, 14, 2).
Nur hat man andere Fälle zu unterscheiden,
wo die Göttin den Berghöhen oder Orten
den Namen gegeben, wie Ivnakalesia, Isso-
ria etc. Vgl. die Stellen bei 0. Müller, Hör.
12, 377f. Immer aber ist die Feuchtigkeit
in Wald und Flur das befruchtende Ele-
ment , in dem sich ihr Wirken äufsert. So
ward sie als Artemis "Eheia in Messenien und
Triphylien verehrt, Strabo 8, p. 350. Hesycli.
s. v., als Aipvata oder Atpvornc an vielen Orten
des Peloponnes, zu Sikyon, Patrae, Tegea, Epi-
dauros Litnera, Sparta, Messene, besonders in
dem berühmten Limnaion an der Grenze La-
koniens und Messeniens, vgl. Fränhel, Arch.
Ztg. 1876, p. 28ff. Flüsse und Seen spielen
nicht selten in den heiligen Legenden eine
Rolle, z. B. Paus. 8, 22. 5. Quellen finden sich
häufig in Tempeln der Artemis oder in deren
Nähe, so zu Korinth, Paus. 2, 3, 5, zu Dereion
und Marios in Lakonika, Paus. 3, 20. 7 und
22, 6, zu Mothone, Paus. 4, 35. 6, in Aulis,
Paus. 9, 19. 7 ; so stand auch ein altberühm-
tes Heiligtum der Göttin bei der Quelle im
Kleitorischen Lusoi, Paus. 8, 18. Müller, Hör.
I2, 379, dessen Name schon auf eine mehrfach
hervortretende Seite ihres Wesens anspielt.
Sie wird Aoucia an Orten, wo heilsame Quel-
len entspringen, sie wird Göttin der warmen
Quellen {rj rag nyyctg zag frsgyctg £%si, Aristid.
1 p. 503 Hdf.) , daher in Kyzikos als Geppoda
{Aristid. a. a. 0.) und in Mitylene verehrt als
Qeppia euoiKooc, C. I. Gr. 2172f. 2185. 2187.
1 561 Artemis (Göttin d. Seefahrer)
2566. Conze, Reise auf Lesbos p. 15 ff. Bull,
d. corr. hell. 1880, p. 430. Hermes 7, 407 ft', u.
Blelin, Lesbiaca p. 117, in Baiae als Artemis
Baiiavf], C. I. Gr. 3695 e 2 p. 1135. Diesen
Anschauungen entspricht es , wenn Atalante,
die durch Wesensspaltnng aus Artemis sich
entwickelt hat, bei Kyphanta selbst eine
Quelle aus d*em Felsen hervorruft, indem sie
auf der Jagd von Durst gequält mit der Lanze
an das Gestein schlägt, Paus. 3, 24, 2. Zu
Troizen ist sie dsanoiva \lpvq$, Hurip . Hipp.
>230 und anderwärts als TTora|ula mit Flüssen,
dem Kladeos, Paus. 5, 14, 4 und besonders
mit Alpheios, dem grofsen Hauptstrom von
Arkadien und Elis , verbunden gedacht, von
dem sie den Namen ’AXfpeioua, AXcpeiumu oder
AXcpeioöca führt, Strab. 8, 343. Paus. 6, 22, 5.
IVgl. Find. Pyth. 2, 7, und über den Namen
i Meineke, Vinci. Strab. p. 105. Genaueres oben
unter d. W. Alpheios. Zwei Flüsse gaben der
1 Göttin auf Samos die Namen Xqcidc und ’lp-
|3padq ( Kallim . Dian. 228 , vgl. Panofka, Res
Samiorum p. 3, 63), als a.mnium domina feiert
äie Horaz c. 1, 21, 5 und Catull 34, 12. ln die-
ser Eigenschaft sind ihr auch die Fische hei-
ig , Diod. 5 , 3. Müller , Fragm. hist. gr. 4,
130, 39; mit schilfdurchflochtenem Haar, von
! fischen umgeben, erscheint der Kopf der Är-
gernis Potamia auf Münzen von Syrakus, Mion-
iet, Descr. pl. 67, 3, 5. Vgl. Streber, Münchener
Denkschriften Phil. -hist. CIA , Taf. 2, 1 p. 134.
§ 4. tlngewifs bleibt es, ob die unterwärts
ischartig (in der Weise der Tritonen) gebil-
lete, geheimnisvolle Göttin der Phigalier, Eu-
lynome, welche eine Tochter des Okeanos
ein sollte, vom Volk mit Recht als eine Neben-
orm der Artemis angesehen werden konnte
Paus. 8, 41, 4; s. unter Eurynome). Eine ge-
wisse Verwandtschaft beider Gottheiten mochte
ber wenigstens in späterer Zeit um so mehr
as Auge fallen , als der Wirkungskreis der
rkadischen Quell- und Flufsgöttin Artemis
Umählich auf Seen und Meer sich erstreckte,
in dieser Auffassung wurde sie zur Schutzgöt-
in der Seeleute, zur Göttin, welche gute Fahrt
nd glückliche Heimkehr giebt und daher in
läfen, auf Vorgebirgen und an den Küsten viel-
ich verehrt ward. Daraus erklären sich Beina-
len, wie AijAvecctv ’Guickottoc, Aipevoocöiroc,
iallim. Dian. 39, 259, [’GrricKOTroc in Elis Plut.
u. Gr. 47 vgl. aber § 14, 5], Nqoccöoc zu Paga-
te Apoll. Rh. 1, 570, Gimopia in Rhodos und
:Kßarr|pia zu Siphnos Hcsych. v. sußarrjQLa, Ai-
• evrrtc in Lakonika und Messenien , Meurs.
acon. 1, 2 p. 6, TTapaXia auf Kypros ( Cesnola ,
ijprus p. 429 No. 37). Auch das Opfer der
riechen in Aulis und die Tempel und Altäre,
eiche Agamemnon ihr gegründet haben sollte,
3zeugen diese Seite ihres Wesens, Paus. 1,
i, 1 ; 9, 19, 5. Strab. 14, p. 639. Liv. 45, 27*).
rtemis mit dem Bogen in der einen Hand,
Jif dem Schiffsvorderteil sitzend, sieht man auf
i , „
*) Nicht auf Artemis, sondern auf ALcpQOöL'ti] Alvsiuz
id aber die Darstellungen auf Didrachmen und Kup-
münzen von Leukas in Akarnanien ( Hubers numisrn.
. i tschr . 1378 Taf. 1, S. 132 ff. Denbrn. d. all. K. 2, 16.
>. 175a) bezüglich. Vergl. Eugen Oberhummer , Phöni-
fi . r in Akarnanien p. 58 ff.
Artemis (Göttin d. Fruchtbarkeit) 562
Münzen der Magnetenstadt Demetrias , einer
Gründung des Demetrios Poliorketes ( Cadal -
vene Recueil pl. 2, 10. Mionnet 3, 143. 599).
Ihr Kultbezug zu Poseidon in Hermione und
Sparta kann demnach nicht auffallen, vergb
Welcher, Götterl. 2, 398. In anderer Weise
wird Apollon als ötXcpiviog mit falscher Um-
deutung des Namens zum Meergott, was dann
bei der noch zu besprechenden Gleichsetzung
io mit Artemis auch für diese den Beinamen
AeXqnvia (in Athen, Pollux 8, 119. C. I. Gr.
442) zur Folge hat.
§ 5. Artemis als Göttin vegetativer
Fruchtbarkeit.
1. ln manchen Kulten (in Karyae, Letri-
noi u. s. w.) teilte Artemis die Verehrung mit
den Nymphen , welche ihr auch nach der von
Artemis mit dem Böcklein. Statue in Villa Albani, Rom.
Nach Gerhard, Aut. Bildw. Taf. 12. Ygl. § 18, 5.
der Dichtung, Hom. Od. 6, 102 ff., und bilden-
den Kunst weiter ausgeschmückten Volksvor-
stellung ständig Gesellschaft leisten, auf den
Auen oder in den Wäldern mit ihr spielen, in
den Quellen mit ihr baden und auf der Jagd
563 Artemis (in Aitolien)
ihre Begleiterinnen sind. Schon darin prägt
sich eine Anschauung aus, -wonach Artemis als
Spenderin der nährenden Feuchtigkeit auch
zur Vegetation in Beziehung tritt, Nährerin
der Triften wird und zugleich Nährerin der
auf ihnen lebenden, durch sie erhaltenen Tiere
des Waldes und der Weiden. Die Göttin,
deren Walten sich am kühlen Quell, im schat-
tigen Hain äufsert, bedarf nicht immer eines
Tempelkultes; es genügt wohl, wie bei den 10
Nymphen, ein Bild, das an der Quelle auf-
gestellt (so die Statue der Artemis Aepecmc
an der Quelle Anonos , Paus. 3 , 20 , 7 ; das
Bild der Hagna, welche mit Artemis identisch
zu sein scheint, in Andania ( Lebas-P'oucart 2, 2
No. 326 a) oder in die Zweige eines heiligen
Baumes gesetzt ist (Bild der Artemis Keöpea-
tic auf einer grofsen Ceder bei Orchomenos in
Arkadien, Paus. 8, 13, 2), vgl. Artemis Aaqp-
vala in Hypsos Paus. 3, 24, 8, oder Acupvia 20
Strab. 8 p. 343 , vgl. Gott. gel. Anz. 1 880,
p. 32 und unten § 14, 2. So ist ein Kultbild
der Artemis in kurzem gegürtetem ärmellosem
Doppelchiton und hohen Stiefeln, auf einen
mit Binden geschmückten Baum gesetzt, dar-
gestellt in dem, Votivrelief aus Thyrea, jetzt
im Zentralmuseum zu Athen, Kelcule, Theseion
No. 284. Exped. de Moree 3, pl. 90, 2. Ann.
delV Inst. 1829 , tav. C. Vgl. auch Anthol.
Palat. 6, 268 und Boetticher, Baumhuttus der 30
Hellenen p. 99 u. 140 ft. Fig. 48. Auf waldigen
Bergspitzen hat Artemis häufig Wohnung ge-
nommen, daher Kopucpcda genannt bei Epidau-
ros, Paus 2, 28, 2. Steph. Byz. v. Koqvcpctiov,
’OpetTic in Thyatira, Spon, Miscell. p. 88. Po-
lyb. 32, 25, 11 oder ’Opela, ’Opecndc, ’OpeiXoxp
etc., Welcher, Gr. Götterl. 2, 387; einmal, bei
Dyme, hat sie vom Walde den Beinamen Ne-
(uiöla, nemorensis, Strab. 8, p. 342, vgl. 5, p. 239.
Kultformen, wie die der Artemis Kökkuikoi (von 40
vouuog , Fruchtkern, Fichtenzapfen?), deren
Altar in Olympia stand, Paus. 5, 15, 4, mögen
in diesem Zusammenhang vielleicht ihre Er-
klärung finden.
2. Noch deutlicher tritt das Wesen der
Artemis als einer die vegetabilische Fruchtbar-
keit befördernden Göttin in den Sagen von
der Aitolischen Artemis hervor. Wie diese
Ernteopfer , Ha Xvaict II. 9 , 533 , fordert von
dem Segen, den sie dem Feldbesitzer gewährt, so
so kann sie auch den Aitolern den das Ge-
treide verwüstenden Eber senden, als Oineus
ihr die gebührenden Ehren versagt, II. a. a. 0.
Apollod. 1, 8, 2. Anton. Lib. 2. Ovid. Met.
8, 273, oder Mifswaehs und Hungersnot über
das Land verhängen, was sie dem Volksglau-
ben nach in Brauron gethan haben sollte ( Schol .
Aristoph.Lys.Qi5. Suid.ltQv.zo g). Dieser Dop-
pelnatur der Göttin, der nicht blofs segnenden,
sondern auch verderbenden, entspringen manche 60
Kultformen (§ 14, 4). Aus letzterer Eigenschaft
wird es wohl zu erklären sein, wenn der Ar-
temis AlxuiXri zu Naupaktos ein Speer gegeben
wird, den sie in der Hand schwingt, Paus. 10,
38, 6. Ihr, als der Erntegöttin, weiht auch ein
gewisser Leonteus die eiserne Sichel, die er
als Athlon erhalten, Bull, dell' Inst. 1873, p. 143.
Dafs Fruchtbarkeit und alles Gedeihen des
Artemis (G. d. Wildes etc.) 564
Feldes in ihrer Hand liegt, ist ein Gedanke,
dem noch Kallimachos, Dian. 125 ft'., das Epi-
gramm der Anth. Palat. 6, 157. 267, der Ver-
fasser des Hymn. Orph. 36, 4 (’A. ctyovooc va-
Xovg vctQnovg dnb yaLtjg) und Catull. 34, 17
in verschiedener Weise Ausdruck geben, und
wenn bei Suidas (v. ßaHsta vvyr\ und ßa&v-
nXovxog) von der ’A. Aacppla , di£ mit der Al-
zcoXig identisch zu sein scheint , gesagt wird,
sie sei glücklich und überreich (svSca'ycov vui
ßct&vnXovzog), wenn Artemis ebenso wie Kora,
die ihr im arkadischen Dienste nahe stellt
(§ 8), TToXußoia Vielnährende ( Hesych . v. no-
Xvßoict) lieifst, so wird damit auch nur die
von ihr ausgehende Segensfülle angedeutet.
§ 6. Artemis als Pflegerin des Vieh-
standes und der Wildbrut.
Die asiatische Artemis. Bronzeplatte aus Olympia
( Ausgrab . zu Olympia 3 Taf. 2, 3).
1. Andere Eigenschaften wachsen der Quell
und Flurengöttin, die im Wald und aut dei
Triften herrscht, mit Notwendigkeit zu, dii
Sorge für wilde und zahme Tiere, die in um
auf diesen ernährt werden, und weiter di<
Pflege der Jagd, die im Kult ursprünglicl
wohl sehr zurücktretend, allmählich vornehmst!
Thätigkeit der Göttin wird und auf die Ge
staltung ihres Typus bestimmenden Einflui
hat. So wird sie zur nözvicc d'rjQwv II. 21
470. Unter ihrem Schutze gedeiht das ihr zur
Opfer auserwählte Vieh besser als alles übrig'
565
Artemis (G. d. Wildes etc.)
Artemis (G. d. Viehzucht)
566
und Lleibt frei von Seuchen (zu Hyampolis
Paus. 10, 35, 4). „Sie hält in ihrer Hut die
Brut reifsender Löwen und die brustliehenden
■Jungen aller Tiere des Gefildes“ sagt Aeschy-
los (Ag. 140), und zwar hegt und pflegt sie
wilde wie zahme Tiere, die ihr jährlich in
grofser Anzahl beim Feste der Laphria in
Patrai geopfert wurden, Paus. 7, 18, 7. Käse
in Form eines Löwen pflegte man der Artemis
Limnatis und ihren Nymphen auf den Bergen
darzubringen, Alcman fr. 25 ecl. Welcher. So
konnte auch der orientalische Typus einer mit
ler einen Hand einen Löwen , mit der anderen
einen Panther haltenden, beflügelten Göttin (ge-
wöhnlich Anähita genannt, vgl. -Ad. Meyer, Gesell,
i. Alth. 1 § 450. 451. u. oben unter d. Worte
Anaitis) frühzeitig auf Artemis übertragen wer-
den, wie er z. B. auf der Kypseloslade bereits
vorkommt, Paus. 5, 19, 2. Plbenso auf einer
in Olympia gefundenen Bronzeplatte (s. die
Abbldg. u. Ausgrab. z. Olympia
3, Tfl. 2, 3). Vgl. Arch. Ztg. 1854
Tf. 61 — 63. Langbelm , Flügelge-
stalten der ältesten griech. Kunst,
München 1881, p. 64ff. Milch-
höf er , Anfänge der griech. Kunst
p.86f. Allerlei Wild wurde häufig
in den Hainen der Göttin gehal-
ten, und wenn reifsende Tiere
darunter waren, so hat der fromme
erlaube gern hervorgehoben, dafs
de sich mit den zahmen friedlich
vertrugen, wie zu Lusoi in Ar-
kadien , wo Artemis als Zähme-
dn der Tiere ‘Hpepada hiefs,
Paus. 8, 18, 3. Polyb. 4, 18, 10,
was erst die spätere Sage auf die
Heilung der Töchter des Proitos
bezogen hat. Vergl, Gas. arch.
1879, p. 126. Auch im Hain der
Artemis Aitolis am Timavus im
Lande der Heneter sollten wilde
Tiere von selbst zahm werden
and Hirsche zu Wölfen sich ge-
sellen, Strab. 5, p. 215; zu Syra-
kus aber pflegte man im Hain
der Artemis bei festlichen Umzü-
gen neben allerlei wilden Tieren
mch eine Löwin aufzuführen, Theolcr. 2 , 67.
Eber und Bär sind deshalb in vielen Mythen
(ersterer besonders in ätolischeu, letzterer in
Arkadien und Attika) eng mit der Göttin ver-
bunden. KaTrpocpdpoc heifst sie in Samos von
den Opfern , die ihr dargebracht werden (JIc-
sych. s. v.), ’GX-aqpla, ’EXaipioua in Elis in der
Niederung des Alpheios Strab. 8 p. 528; Paus.
6, 20, 1; 22, 5; 5, 13, 5. Ihr Fest wird im
Frühlingsmonat ’Elacpiog gefeiert. Hermann,
Gottesdienst. Alt er th. 2 §51,8.
2. Aber sie ist auch Pflegerin der Haus-
tiere, und alle Vieh zucht, die auf freier Weide
tattfindet, steht unter ihrer Obhut. Dies gilt
zunächst von Ziegen und Böcken (xvrc|, kvu-
'toj, v-vanmv, der Bock von gelblicher Farbe),
lie ihr mit Vorliebe geopfert werden (in Brau-
on, Samos, Thessalien u. s.) und von denen
de in Lakonika den Beinamen Kvay(ci Paus.
i, 18, 3, in Kaphyai KvaKCiXpda Paus. 8, 23,
3 und bei Tegea KvciKecmc Paus. 8 , 53 , 5,
führt. Auf einem vergoldeten Silbermedaillon
aus Herculaneum, jetzt im pariser Münzkabi-
net, sind neben dem Kopfe der durch die ge-
wöhnlichen Attribute bezeichneten Göttin zwei
Böcke angebracht (s. die Abbildung). In zahl-
reichen statuarischen Typen trägt sie ein Böck-
lein, Kälbchen oder Kaninchenauf dem Arme,
z. B. in der Marmorstatue des Dresdener Mu-
10 seums Chirac 575 , 1235 , an welcher aber
Kopf und rechter Arm modern sind (s. die Ab-
bildung p. 567, auch die Statue der Villa Albani
auf S. 562 und unten § 18, 5), und noch in Bild-
werken römischer Zeit wird sie mit schützen-
den Flurgottheiten, wie Hercules und Silvan (?)
zusammengestellt (Relief des Louvre bei Cla-
rac , mus. de sculpt. pl. 164, 63). Sie ist
Göttin des freien Feldes, der Steppen im In-
nern des Peloponnes, zumal Arkadiens, wo
20 noch jetzt nur Ziegenzucht getrieben wer-
Artemis Knagia. Silbermedaillon aus Herculaneum,
Welcher, Alte Denkm. 2, Taf. 3, 5.
den kann, daher cp claygoxig überhaupt, //. Orph.
35 , 6 , ivSiaygog Hesych. s. v. , aygoux In-
schrift aus Apollonia in Illyrien ( Mitteil . des
deutsch, arch. Inst, in Athen 6, p. 135), aygav-
log Aristoph. Thesm. 538, dygorlgcc (z. B. C. I.
Gr. 2117. 5173. Kaibel , Epigr. 873 u. Müller,
F. II. G. 2, 114, 23), gleich den uygovoyoi
Nvycpca, was nicht blofs und vielleicht nicht
60 ursprünglich von der Jagdgöttin verstanden
werden mufs. Wenigstens deutet die Le-
gende von Aigeira darauf hin , von der Ret-
tung der Stadt durch die Ziegen (alysg),
deren schönste die Stelle andeutete, auf wel-
cher der Artemis dygotega zum Danke für
gnädige Hilfe von den Bewohnern ein Tem-
pel errichtet wurde (Paus. 7 , 26 , 2). Vgl.
§ 13, 4.
567
Artemis (Tauropolos etc.)
Artemis (Tauropolos etc.)
568
§ 7. ”A qt s [i l s TavQonöXog, sgaicc
u. s. w.
1. Aber auch Stieren und Rossen verleiht
die Göttin Gesundheit und Gedeihen. Dieser
Glaube liegt sehr wahrscheinlich einigen be-
sonderen Kultformen der Artemis zu Grunde,
obgleich die Überlieferung lückenhaft, auch
vielfach entstellt auf uns gekommen ist. Es
ist einmal die TauporröXoc, ein Name, der auch
der Demeter (in Böotien Lebas 604 und auf
Münzen von Tralles), der Athena (Jlesych. s. v.
Scliol. Arist. Lys. 448), dem Helios als Herden-
gott gegeben wird und von Artemis später in
einem einzelnen Falle (Aelian N. A. 11, 9)
auf den Letoiden Apollon übergeht, vorzugs-
weise aber der ionischen Artemis eigentümlich
im Haar und den der Mondsichel gleichen-
den Stierhörnern an den Schultern. Der Re-
vers trägt die ganze
Figur mit denselben
Hörnern, einem po-
losartigen Aufsatz
und zwei Fackeln,
deren eine aufge-
stützt ist , während
io die andere zu Boden
gekehrt scheint ( Sc -
stini , Medaglie di
Fontana tav. 2, 11.
Müller - Wieseler 2,
16. 173). Kultorte der
Tauropolos waren
Samos, Herod. 3, 48.
Artemis Tauropolos.
Silbcrmünze von Makedonien.
Stepli. Byz. TuvQonoXiov ,
die benachbarte Insel Ikaria, *S 'trab. 14, 639. Kal-
limach. Dian. 187, von wo aus das Tauropolion
io der gleichnamigen lusel i m persischen Meerbusen
gestiftet worden, Aelian a. a. 0., Dionys. Der.
m
leich
Artemis Tauropolos. Münze von Amphipolis.
30
■10
60
Artemis mit Nebris und Kälbchen. Statue des Dresdner
Museums ( Claraa pl. 575, 1235). Vgl. § 6, 2.
ist. Die einfachste Erklärung fafst sie als Rin-
dergöttin (vgl. ßovnoXog, cdnolog, tnnoTiolog),
und eine Silbermünze von Makedonien (Am-
phipolis) zeigt sie dementsprechend als Reite- 60
rin auf einem Stier, bekleidet und mit zwei
brennenden Fackeln ( Millingen , Sylloge of anc.
uned. coins pl. 3, 23. Friedländer- Sollet, Ber-
liner Münzlcabinet p. 121). Vergl. Stephani,
Compte-rendu, 1866, p. 102 f. 0. Jahn, Ent-
führung der Europa S. 16, n. 7. Auf anderen
Münzen sieht man die inschriftlich als Tau-
poTiokoc bezeugte Büste der Göttin mit Kranz
610, And ros , Mitteil. d. ath. Inst. 1, 240 und
Amphipolis in Thessalien, Diod. 18, 4. Liv.
44 , 44. 45 , 30. Auch in der Nähe von Ma-
gnesia am Sipylos G. I. Gr. 3137, und in My-
lasa in Karien C. I. Gr. 2699 ist sie zu Hause.
Sie assimiliert sich in den Grenzgebieten hel-
lenischer Kultur asiatischem Naturdienst, wie
in Komana in Kappadokien ( Meyer in Ersch
u. Grubers EncyJcl. Kappadolden S. 384). Doch
sind dies hybride Bildungen mit orgiastisclien
Kultgebräuchen. Ganz anders die rein griechische
Tauropolos. Nichts deutet in ihrem Dienst auf
Verwandtschaft mit der blutheischenden Tau-
rischen Göttin (TaupiKp, Taupw etc.); friedlich
ist die Festfeier auf Samos, wo ihr Chöre von
Jungfrauen und Jünglingen abgehalten und
statt blutiger Opfer Sesam und Honigkuchen
dargebracht wurden. Nur weil die Tauropolos
Herrin der Stiere ist (bemerkt Welcher, Griech.
Götterl. 1 , 593 mit Recht), und nach dem an
Namen haftenden Aberglauben fragt bei Sopho-
kles im Aias (172) diesen der Chor, ob Tau-
ropola, wie hier die Form ist, ihn gegen die
Stiere der Heerde angetrieben habe; er denkt
nicht an die Taurische wilde, grausam fana-
tische Göttin, wie die neueren Ausleger (auch
0. Müller, Dor. I2, 391) annehmen. Aber schon
frühzeitig ist die Vermischung beider vorberei-
tet worden. Euripides Iph. T. 1424 nennt die
Göttin von Brauron Artemis Tauropolos, und
spätere, wie Nikander bei Anton. Lib. 27 wis-
sen auch durch Umänderung der Legenden die
Verwechselung zu rechtfertigen. Ihr entspricht
es, wenn in einem späten Grabgemälde aus
der Krim ( Compte-rendu 1876 p. 219 mit Ab-
bildung) neben Apollon auf dem Greif eine
auf dem Stier reitende Artemis abgebildet ist.
2. Anderwärts wird der Artemis die Obhut
'j! t
:
EU
ill
idi
A
}t)p
H
Ai
■
Jen.
k
569
Artemis (Kurotrophos)
Artemis (Verh. zu Demeter u. s. w.) 570
der Pferdezucht zugeschrieben. In Pheneos
bah Pausanias (8, 14, 4) einen Tempel der ”Ap-
ireptc COpimra, deren Namen die Legende da-
j nit erklärte, dal’s Odysseus das Heiligtum er-
richtet, nachdem er hier die verlorenen Pferde
ivviedergefunden. Den eigentlichen Gedanken
] les Kultus noch stärker zu betonen, war neben
ilem Tempelbild eine Erzstatue des Poseidon Hip-
nos aufgestellt. Diese Artemis erkannte Eckhel
\0. N. 1, p. CV vgl. 2 p. 147 auf Münzen von io
’heneos, deren Revers ein Pferd zeigt, und
1 hnlich findet sie sich auf Münzen von Pherai,
ollbekleidet mit einer Fackel auf sprmgen-
em Rofs, Müller -Wieseler, Denlcm. d. a. K. 2,
6, 173, als Artemis cfiepcua, deren Kult von
em thessalischen Pherai auch nach Athen,
u'gos und Sikyon übertragen worden war,
lesych.v. <I>SQaia. Paus. 2, 10, 6. 23, 5. Aus
leichen Anschauungen erklärt sich vermutlich
in Relief von Krannon in Thessalien mit 20
iner fackeltragenden Artemis , der ein Rofs
nd ein Windhund zur Seite gestellt sind
lillingen, Uned. mon. 2, IG. Mit dem Bei-
ainen 'lmrocöa belegt sie Pind. Ol. 3, 27 und
ierbei nur an ein bedeutungsloses Attribut,
n das Fahren oder Reiten der Göttin auf
ossen zu denken, verbietet sich umsomehr,
is ihr gewöhnliches Gespann von Hirschen
I sbildet wird, wie Denkmäler in Menge, der
ultgebraucli von Patrai, Paus. 7, 18, 7 u. a. 30
weisen. Gerade weil an letzterem Orte am
este der Artemis Laphria ein Hirschgespann
e Priesterin als Stellvertreterin der Artemis
ug, wird man aber Bedenken tragen müssen
m Münztypus von Patrai, Müller- Wieseler 2,
>, 174, eine weibliche Gottheit auf einem
erde reitend , für Artemis in Anspruch zu
Innen, wogegen auch das bogenförmig über
m Haupte flatternde Gewandstück spricht,
n Motiv, welches deutlich auf die Mondgöt- 40
1 Selene hinweist. Vgl. noch Welcher , Gr.
ötterl. 1 p. 590ff. Müller, Handb. § 3G4, 7.
3. Fafst man die angegebenen Eigenschaf-
n im weitesten Sinne , so konnte Artemis
!;ht blofs die Pflege des Viehstandes und der
ildbrut, sondern auch die Fürsorge für das
ugeborene Menschenkind anvertraut
irden. So begegnet uns bei Sparta Artemis
i KopuOaWa, als Göttin, in deren Tempel die
iahen lustriert werden (Athen. 4 p. 139). In 50
los bringen die Knaben beim Eintritt in die
hebie den Hyperboreischen Jungfrauen, deren
men nur Epitheta der Göttin sind (§ 14, G),
•jf dem Grabmal derselben im Bezirk des
•temision ein Erstlingsopfer ihrer Haare dar,
1 i Mädchen legen auf den Gräbern vor der
1 chzeit eine mit Haarlocken umflochtene
> ndel nieder , Herod. 4, 34. Artemis heifst
lliborpöcpoc zu Korone in Messenien, cpiAopei-
If in Elis, Kouporpöcpoc, Paus. 4, 34, 3. G, co
l 6. Diod. 5, 73 vgl. H. Orph. 3G, 8. Anth.
4l. G, 242. 271. Aber wenn auch die Keime
'/■ diesen Vorstellungen von Anfang an gege-
1 1 sein mochten, ihre volle Ausbildung haben
8 wohl erst durch die Ausgleichung des Ar-
tpisdienstes mit der apollinischen Religion
(“alten, in welcher die KoQV&cdeux ebenso
hieutungsvoll ( Müller , Dor. 1% p. 339) wie
der Beiname -/.ovQotQocpog gewöhnlich war. Die
verschiedenen Seiten im Wesen der Göttin zu-
sammenfassend sagt Kallim.Dian. 125: „wenn
Artemis zürnt, dann verkommt das Vieh durch
Hunger, die Saaten durch Hagel. Wenn sie
gnädig ist, gedeihen vierfüfsige Tiere und Saa-
ten und die Kinder“. Selbst von der Jagdgöt-
t-in Artemis wird die älteste Zeit schon ge-
wufst haben — Feste, wie die weitverbreiteten
’Elacprjßoha sind schwerlich überall junge
Stiftungen gewesen — , obgleich sie als solche
im Kultus nie die.-elbe Bedeutung ei langte, zu
welcher Dichtung und bildende Kunst diese
Eigenschaft der Göttin später entwickelten.
§ 8. Verhältnis zu Demeter, Perse-
phone und Dionysos.
Noch einige andere Züge aufser den ange-
führten scheiden die im Peloponnes von alters
her hochverehrte Quell- und Tiergöttin durch-
aus von der Letotocliter und Schwester Apol-
lons. In dem Heiligtum der Despoina nicht
weit von Megalopolis war sie mit dieser und
Demeter zu einem Dreiverein verbunden, dem
noch die Göttermutter hiozugefügt war. Ihr
Bild von der Hand des Damophon zeigte sie
mit dem Hirschfell bekleidet, den Köcher auf
der Schulter , in der einen Hand eine Fackel,
in der anderen zwei Schlangen, einen Jagd-
hund zur Seite. Zur Despoina scheint sie in
nächster Verwandtschaft zu stehen ; sie hat
mit ihr denselben Beinamen TToXußoia gemein,
Hesych. s. v. Der Hirsch ist auch jener bei-
gegeben, Paus. 8, 10, 4. Die Einzelheiten die-
ses Mysteriendienstes sind nicht weiter be-
kannt, aber auf gleicher Anschauung beruht
es wohl, wenn Äschylos Artemis eine Tochter
der Demeter nennt, wie Herod. 2, 156 berichtet.
Vgl. auch Cie. de not. dcor. 3, 23, wo Artemis-
Tochter des Zeus und der Persephone heifst.
Eben wegen ihres Verhältnisses zu Persephone
scheint sie in Syrakus den Beinamen ’'A'rre\oc
zu führen (s. oben unter Angelos). Auch mit
Dionysos berührt sie sich mehrfach; sie wird
häufig mit ihm in feuchten Niederungen ver-
ehrt, Serv. ad Verg.Ecl. 8, 30; ja sie bat wie
dieser phallische Feste ( Hesych . v. Aoyßai),
vgl. 0. Müller, Dor. T2, 382. Nicht als die
keusche Jungfrau erscheint sie hier, ein or-
giastisches Element durchdringt manche ihrer
Kultusfeste und leicht begreiflich ist es, dafs
diese Züge, welche man ganz zu beseitigen
religiöse Scheu trug, in einer spätem, allein
die Letoide Artemis kennenden Epoche als
fremd , vom Orient her eingetragen erklärt
wurden. So spricht Pausanias G, 22, 1 von
einem Tempel der ’A. Kopödira in Elis, der an-
geblich von den Begleitern des Pelops erbaut
worden sei, die dort ihren einheimischen Kor-
daxtanz getanzt hätten. Bei dem Feste der
’A. KopuOalAia traten Spafsmacher mit hölzer-
nen Masken auf (Hesych, v. y.vqlztoC). Beson-
ders verrufen waren die lakonischen, zu Ehren
der Artemis ausgeführten Chöre der Bryalli-
chai und Kalabides (Poll. 4, 14, 104. Eupolis
bei Athen. 14, G19. Hesych.), von denen nach
0. Müller, Dor. 2, 3341“. ausführlich Lobcclc,
de myst. prio. P. 2, p. 959 gehandelt hat. Alle
diese ausgelassenen und lasciven Tanzweisen,
57 1 Artemis (G. d. Mondes u. d. Geburt)
Artemis (Eileitliyia)
572
welche Welcher, Gr. Götterl. 2, 392, (vgl. aber
dens. 1, 590) auf lydischen Einflufs zurückfüh-
ren möchte , wird man richtiger wohl mit
0. Müller, Prolegg. p. 427 der Urbevölkerung
des Landes zuschreiben, deren Kulteigentüm-
lichkeiten auch von den einwandernden Do-
riern nicht aufgegeben wurden.
§ 9. Artemis alsGeburts- und Mond-
göttin; ihr Verhältnis zu Hekate und
Eileitliyia.
1. Eine der schwierigsten Aufgaben ist es, die
in nachhomerischer Zeit immer deutlicher hervor-
tretenden Beziehungen der Artemis zum weib-
lichen Geschlechtsleben und andererseits
die Mondnatur der Göttin bis in ihre Wurzeln
zurück zu verfolgen. Diese beiden Seiten ihres
Wesens können leicht in inneren Zusammen-
hang gebracht werden, auch nach antiker An-
schauung, welche dem Mondlicht einen grofsen
reits vollzogen. So nennt sie Euripides (Hipp.
166): rav f vXo^ov ovqccvluv to£cov fisSsovactv
"Agrspiv, und zumal in Böotien findet der Kult
der J'Apx€|uic GiXefGuia seit dem 4. Jhrh. grofse
Verbreitung in Chaironeia (C. I. Gr. 1596. 1597),
Thespiai ( P . Decharme, Inscr. ined. de Beotie
No. 28 = Mitt. 5 p. 129) Tanagra ( Athenaion
4 p. 294), Orchomeuos (Mitt. 7 p. 357), viel-
leicht auch in Koronea (Bangabe Ant. Hell.
io No. 3064 = Keil, zur Sylt. Inscr. Boeot.
p. 589). Ja die Eileithyien (vervielfacht wie
die Moiren, Hekate, Eros u. s. w.) können
nun ihrerseits ’ÄQvsfiiSsg genannt werden (C.
I. Gr. 1598 Chaironeia). Ebenso giebt Äschy-
los (Agrsfiiv S’ 'Ekutuv Suppl. 696 vergl.
frgm. 158 Ddf.), dem Euripides (nai Au-
rovg ’Exdra Plioen. 110, vgl. ib. 176 "Aqts-
tug ZJihxvca'a, dazu Med. 394 ff.) folgt, bereits
ein Beispiel von der Identificierung der Arte-
I
Einflufs auf Menstruation und Entbindung zu- 20 mis mit Hekate , die inschriftlich in Athen
schrieb, Plut. Symp. 3, 10 u. a. Koscher, Iuno
u. Hera. Studien z. vergl. Myth. d. Gr. u.
Börner 2, 19 ff. Aber nicht unbedenklich ist
es gerade die eigentümlichste Gestaltung der
Artemis , die altarkadische „an Quellen und
Teichen wohnende Naturgöttin , welche die
Jungen des Wildes wie das Menschenkind
tränkt und erzieht und gedeihen läfst“ , als
Mondgöttin aufzufassen und letztere als nächt-
(C. I. A. 1, 208, vgl. Paus. 2, 30, 2), in De-
los (Bull, de corr. hell. 6, 344 u. s.) beglau-
bigt ist und von hier ausgehend besonders in
ionischen Staaten Anklang gefunden zu haben
scheint. In dieser Auffassung heifst Artemis
aber auch Beschützerin der Landwege und der
Wanderer auf denselben (ccyviuig iniov.onoq
Kallim. Dian. 38, svoSi'a Hesych. Anthol. Pal.
6, 199). Vgl. Giirtius, Gesell, d. Wegebaus b. d.
liehe Tauspenderin und mit dem Tau be- 30 Griechen p. 81. Sie wird als Tuuccpöpoc, welehcn
fruchtende Naturkraft zu erklären (Preller).
Zwar wird diese Eigenschaft des Mondes auch
sonst hervorgehoben und die Regenarmut des
Südens , welcher auf die feuchten Nieder-
schläge der heiteren Mondnächte wesentlich
mit angewiesen ist, läfst die Ideenverbindung
begreiflich erscheinen (Koscher a. a. O. Winer,
Biblisch. Bealwörterb . s. v. Tau. v, Baudissin,
Studien zur semit. Beligionsgesch. 1, 241. 2,
Beinamen Euripides bald der Artemis Ipli. T. 21,
bald der Hekate (Hel. 569. frg. 83 Ddf.) giebt.
verehrt in Athen (C. I. A. 2 , 432 , auch auf
einer athenischen Bleimarke, Benndorf, Beitr
z. Kenntnis d. att. Theaters in Zschft. f. oest j
Gymn. 22, S. 618), wie in Messene, Paus. 4
31, 8 (Statue des Damophön; vgl. auch C. 1
Gr. 6797), als CeXaccpopoc zu Phlyai in Attik;
(Paus. 1, 31, 2, vgl. Ann. delV Inst. 188
C
|ta
151). Aber es ist nicht klar, wieweit die auf 40 p 92 n. 1), als CeXada in dem gleichnami
das Mondlicht weisenden Züge ursprünglich
sind (im arkadischen Kult der nymphenartigen
Artemis treten sie gerade am wenigsten her-
vor) und wieviel durch sp^L—A Anpassung an
den Lichtgott Apollon , durch die frühzeitig
(aber nicht vor Hesiod) ein tretende Vermi-
schung der Artemis mit Eileitliyia und Hekate
geneuert worden ist. Dafs die eigentliche
Mondgöttin Selene seit ältester Zeit verehrt
gen Orte in Lakonika ( Hesych . s. v.). Siche
ist darnach der Synkretismus von Artemis un<
Selene schon im 4. Jahrh. dichterisch vorbe
reitet und nicht erst in alexandrinischer Zei
erfolgt, wie E. Maafs, Ann. d. Inst. 188
p. 92 angenommen hat.
3. Artemis als Geburtshelferin heifst Xoxl
oder Xoxeia (C. I. Gr. 3562. 7032, Xo%sici 1768
auch Ivoi^wvog (Plut. Symp. 3, 10. Schot . Aj
»s Jm
und erst in nachhomerischer Zeit hinter Arte- 50 Bh. 1, 288), cokvX6%iux (H. Orph. 36, 8), fiu
mis zurückgedrängt worden ist, hat B. Grofse
in seiner Dissertation de Graecorum dea Luna
(Lübeck 1881) auseinandergesetzt. Unmöglich
ist Welclcers Annahme, dafs der uralten Mond-
göttin Artemis, nachdem sie in einer mittleren
Epoche zur keuschen Jägerin geworden, erst
nachträglich wieder von Brauron und Muny-
chia aus die Würde einer Geburtshelferin zu-
rückgewonnen worden sei.
yoGTÖHog Theolcr. 27, 29, aocoSivci C. 1. Gr. 159:
Vgl. Welcher, Kl. Sehr. 3, 202 ff. Koscher, Sh
dien 2, 50 f. Die Frauen weihen ihr für di
glückliche Entbindung Haarlocken, Gewandt
u. s. w., Anth. P. 6, 59. 201 f. 271-273, 27’
vgl. 9, 46, die gelegentlich auch zur Schmücl
ung des Tempelbildes verwendet werden. De
artige Bekleidung der Tempelstatue, die fre
lieh auch sonst nicht ungewöhnlich ist (vg
fcE
2. Bei Homer wird Hekate gar nicht er- 60 Arch. Ztg. 1883, S. 292 ff.), giebt Anlafs zu eine
wähnt, sie tritt auch im hymn. Hom. in Cer.
25 , 52 ff. mit selbständiger Genealogie auf.
Ebenso sind Artemis und Eileithyia noch ge-
trennt, und durch alle Zeit behielt letztere an
vielen Orten ihre eigenen Tempel (z. B. in
Athen Paus. 1, 18, 5, in Hermione ib. 2, 35,
8). Zur Zeit der attischen Tragiker ist die
Vermischung von Artemis und Eileithyia be-
Beinamen der Göttin, dem der ’A. ev x>tw'
XtTuivr| oder Xixiuvfa , ion. KiOwve; , den
Kult aus Athen nach Milet (das Fest hie
Nylrfig Plut. mul. virt. riu-gia. Polyaen. 8, 3
übertragen, aber auch in Syrakus und Seges
nachweisbar ist (Athen. 14, 629 e. Steph. Bj
v. XiTcovy. Cic. Verr. 4, 34). Das offenbar ei
jüngere Auffassung wiedergebende Kultbild
573 Artemis (Eileithyia etc.)
Segesta beschreibt Cicero a. a. 0. mit den Wor-
ten: erat admodum amplmn et excelsum signum
cum stola — , sagittac pendeliant ab umero ; si-
nistra manu retincbat arcum , dextra ardentem
\facem praeferebat. Für Athen vgl. Schol. Kallim.
\inIov. 77. in Dian. 225. Hesyeh. v. KiQavcda.
4. Näher betrachtet enthält diese in histo-
i rischer Zeit gewöhnliche Auffassung der Ar-
, temis als der Geburtshelferin einen auffälli-
gen Widerspruch mit dem Wesen der Leto-
tochter Artemis, die vielmehr das Vorbild un-
befleckter, die Ehe scheuender Jungfräulich-
keit ist. Wenn gleichwohl die Verschmelzung
der Artemis mit Eileithyia, Selene, Hekate,
Bendis und anderen Gottheiten immer inniger
wurde, so kann die Erklärung nur darin ge-
funden werden, dafs sich verwandte Eigen-
schaften in einzelnen, die älteste Form der
Göttin bewahrenden Kulten erhalten hatten.
Man konnte sich erinnern, dafs die arkadische
Artemis nicht ursprünglich jungfräulich, son-
dern als mütterliche Gottheit, ja in gewissen
Mythen als Zeus’ Gemahlin gedacht wurde,
, 0. Müller , Prolcgg. p. 73 f. Claus, de antiqu.
Dian, natura p. 25. Besonders aber liegt in
k einigen Beinamen der Artemis, die sich frühzei-
zeitig von ihr abgelöst und zu selbständigen
Wesen ausgebildet haben, eine Hindeutung teils
i auf die Geburtshilfe (’lyi-yivsicc ?), teils auf die
lunare Seite der Artemis. Letzteres in dem Na-
men Chryse, die nach Müllers wahrscheinlicher
Vermutung nur eine andere Form ihrer Schwe-
ster Iphigeneia (d. i. der Artemis selbst) ist:
K. 0. Müller, Dor. I2, 387ff., und in dem Bei-
namen AiOoiria, „das Brandgesicht“, den die
Brauronische Artemis führt, vielleicht auch in
lern Namen der Artemis Mouvuxia, wenn er
ils Movvovv%icc ( sola noctu dominans ) erklärt
sverden darf. Einzelne Gebräuche im Kultus
. tieser Göttin , deren hohes Alter durch ihre
Sigenart bezeugt sein dürfte (Statue derselben
/on Dipoinos u. Skyllis § 19), beziehen sich
ruf eine solche Doppelnatur der Artemis: dafs
ede Jungfrau vor ihrer Ehe die Weihe der
iqv.zcia empfangen haben mufste und dafs
nan der munychischen Göttin am IG. Muny-
:hion, also unmittelbar nach dem Vollmond,
igcpLcpcövTSs (Iyuchehi mit Lichtern umsteckt)
ilarbrachte. Überhaupt scheint in dem ihr
sehr häufig beigegebenen Attribut der bren-
lenden Fackeln (sie heilst davon dpcpünvQog,
lopli. Trach. 214, vgl. Oed. R. 205ff.) ein Be-
’.ug auf das Mondlicht gegeben zu sein, wenn
mch nicht immer der Fackel gleiche Bedeu-
ung zukommt (z. B. nicht bei Demeter). Vgl.
mch 11. F. Suchier , de Diana Brauronia.
fiss. Marb. 1847. Hirschfeld, Berichte d. süchs.
res. d. Wiss. 1878 p. 28.
§.10. Artemis ’l o o co g oc, 'II y s p 6 v g,
Tyvicc, 2c6z s lq a.
1. Andere Beinamen, welche teils noch
licht erklärt, teils sehr vieldeutig oder all-
gemeinen Inhalts sind, lassen sich hier am
geeignetsten anreihen. Doch mufs man die
Möglichkeit im Auge behalten, dafs einzelne
on ihnen vielleicht erst durch die apollinische
Religion auf Artemis übergeleitct worden sind.
Venn Artemis in Sparta ’lccwpa oder -ptu
Artemis (G. d. Hochzeit) 574
heifst ( Baus . 3, 14, 2. Folyaen. 2, 1, 14. Kal-
lim. in Dian. 172, Flut. Ages. 32. Hesyeh.
Steph. Byz ■ s. v.) , so könnte darin ein Bezug
auf den Mond als Zeitmesser gegeben und Ar-
temis als „die ihre Zeiten immer gleich ein-
haltende“ gedacht sein, wie Welcher, Gricch.
Götterl. 1, 585 erklärte, während Claus a. a. 0.
S. Gl sie als Berggöttin fafst. Aber Fausa-
nias giebt ausdrücklich an, dafs die Issoria,
die auch Limnaia hiefs, wohl nicht Artemis,
sondern die Britomartis der Kreter sei und
diese ist ursprünglich vermutlich eine selbstän-
dige Gottheit gewesen (s. Britomartis).
2. Dagegen erkennt man leicht, wie aus
der Geburtsgöttin auch eine Hochzeiterin
werden konnte, als welche Artemis später mit
Apollon ständig fungiert. So z. B. auf Vasen-
bildern und Reliefs: Müller- Wiesel er , Denlcm.
d. alt. Kunst 1, 11, 42. 2, 17, 182 u. ö. Sie
ist es , welche die Jungfrauen dem erwünsch-
ten Ziel der Ehe entgegenführt, Anth. Pal. G,
276 f. 280; ihr weiht man vor der Hochzeit
den Gürtel (daher Artemis XvGi£avog , Suid.
Hesyeh. Schol. Ap. Iih. 1, 288), und einen ähn-
lichen Sinn hat es, wenn in Delos die Jung-
frauen vor der Hochzeit eine Locke auf dem
Grabe der Hyperboreerinnen im heiligen Be-
zirk der Artemis niederlegten, Herod. 4, 34.
Vielleicht beziehen sich auf diese Eigenschaft
der Göttin die Beinamen 'Hysgovy, nsi&co u.
'Tgvia. Den ersteren teilt sie als Brautführe-
rin mit Aphrodite ( Hesyeh . s. v.). Nun ist
zwar in Milet die 'HYepövr) als Kolonistenfüh-
rerin, als Geleiterin des Oikisten Neleus, Kal-
lim. in Dian. 226, oder auch als die Führerin
auf schwierigen Gebirgspfaden ( Preller ) erklärt
worden. Aber derselbe Name kehrt in Athen,
wo sie im Ephebeneid angerufen wurde, Poll.
8, 105, in Ambrakia, Anton. Lib. 4. Polyaen.
8, 52, in Tegea Paus. 8, 47, 4 und in Akake-
sion Paus. 8, 37, 1 wieder, und wird demnach
schwerlich jenen engeren Begriff ursprünglich
gehabt hallen. Im letzteren Ort war Artemis
Hegemone mit Fackeln in einem Tempel vor
dem Eingang des Heiligtums der Despoina
aufgestellt, wie Welcher vermutet (Alte Dcnlc-
rnäler 2, 1G7) als Hochzeiterin mit Bezug auf
die Verbindung von Demeter und Poseidon.
Wie Aphrodite mit Peitho verbunden, erhält
Artemis den Beinamen TTeiOui in Argos, der
Sage nach von Hypermnestra, die das Heilig-
tum der Göttin nach ihrer Vermählung mit
Lynkeus errichtete Paus. 2, 21, 1. Auch die
Artemis GimpaHa, welche aus einem sicilischen
Relief (Ann. delV Bist. 1849 tav. H. C. I. Gr.
add. 5613 b) bekannt ist, wird eine der Aphro-
dite (als I7p(5|ig bezeugt von Paus. 1 , 43 , 6)
vergleichbare Bildung sein.
3. Am wenigsten bestimmten Charakter
trägt Artemis in einigen Kultformen, welche
Macht, Ehrwürdigkeit und Ansehen der Göt-
tin ganz allgemein zu verherrlichen scheinen,
daher in den Legenden auch sehr verschieden
erklärt werden konnten. So deutet der Name
‘Yiuvia, unter welchem sie in ganz Arkadien
hochverehrt war und besonders zwischen Or-
ehomenos und Mantineia einen altheiligen Tem-
pel und Feste hatte (Paus. 8, 5, 8. 13, 1; vgl.
io
20
30
40
50
60
575
Artemis (Soteira ete.)
Artemis (b. Homer)
576
Ourtius , Peloponnes 1, 223. 230 und dens. in
Finder u. Friedländer, Beiträge p. 89), zunächst
doch nur auf die mit Jungfrauen-Chören (wie
sie die Ilias 16, 183 erwähnt) gefeierte Göt-
tin und erinnert an das „vielstimmige Test“
der Limnatis auf dem Taygetos in dem Frag-
ment des Alkman, an den Jungfrauenchor, den
die Lakedaimonier jährlich der Artemis nach
Karyai sandten, Baus. 4, 16, 5. 3 , 10 ,
Markt ein Tempel geweiht (Baus. 1, 14, 5.
C. I. Gr. 467), und aus Anlafs der Schlacht
bei Leuktra, wie Urlichs, Slcopas p. 77 ff. ver-
mutet, ein Tempelbild in Theben von der Hand
des Skopas. Artemis als ‘lepeia , die priester-
liclie, wurde verehrt zu Haimonia in Arkadien,
Baus. 8, 44, 2.
§ 11. Die homerische Artemis,
ln der Epoche, welche die homerischen tie-
u. a. m. Ansprechend hat Welcher, Gr. Gut- io sänge wiederspiegeln, ist bereits ein gewalti
terl. 1, 586 auch die spartanische "Aprere Xe
Xuxic unter Ableitung des Namens von %slv g
(Schildkröte, Laute) in diesen Zusammenhang
eingereiht. In den Bildwerken tritt die Musik-
liebe der Göttin häufig hervor, sobald sie mit
Apollon, dem Musengott vereint dargestellt
wird. Der arkadischen Auffassung scheint aber
das Relief bei Staclcelberg , Gräber d. Ilell. Tf.
56 zu entsprechen, wo sie mit Phorminx und
ger Umschwung in der Auffassung der Arte-
mis eingetreteu. Sie ist mit Apollon in engste
genealogische Verbindung gebracht und zum
völligen Gegenbild des Bruders geworden, eine
Gleichsetzung, die allmählich zur Umformung
vieler Mythen der Göttin führt und neue Eigen-
schaften , Attribute und Beinamen derselben
hervorruft. Wie Apollon ist sie Vorbild kräf-
tiger Jugendschöne, sie ist jungfräulich ( Od .
Plektron im langen Sängergewande neben ihrem 20 4, 122. 6, 151. 17, 37. 19, 54), was in der
Itehkalb erscheint. [V on Furtwängler oben S . 459
irrig auf Apollon bezogen, dem aber das Reh
nicht zukommt.] Ebenso , die Leier in der
Hand und von der Hirschkuh begleitet, malte
sie Sosias in der vulcenter Schale des Berliner
Museums , Müller- Wieseler 1 Tf. 45. Andere
Vasenbilder Elite ceram. 2 pl. 7. 42. 50. 50A.
70. 72. Mon. dell' Inst. 1855 tav. 3. 4. Vgl.
E. Braun, Artemis Hymnia. Rom. 1842.
folgenden Zeit (schon in den homerischen Hym-
nen) mehr und mehr betont wird. Sie ist Pfle-
gerin der Jugend (xovQOTQucpog) und verleiht
schlanken Wuchs (fiijxog) den Mädchen, Od.
20, 71; vgl. 6, 107. Durch Chorgesang wird
sie verehrt und führt selbst den Reigen, II.
16, 183; vgl. Hymn. 27, 18. Wie Apollon ist
sie mit dem Bogen bewehrt (xo^ocpÖQog , io-
Xskiqcc II. 21, 483. 20, 39, 71; [eigentümlich
4. Wenn Artemis, gleich Zeus, Poseidon, 30 und verschiedendeutig ist das Beiwort %qvo-
Athena und anderen Olympiern, den Namen
die Erhalterin, Retterin, Cwxeipa, er-
hielt, so war damit wohl nur ein Gesamtbe-
griff für alle in der altarkadischen Naturreli-
gion ihr beigelegten Eigenschaften ausgespro-
chen. Sie führt ihn zu Pegai und Megara,
Baus. 1, 44, 7. 40, 2, zu Troizen wie zu Pel-
lene in Achaia Paus. 2, 31, 1. 7, 27, 1, zu
Boiai in Lakonika Paus. 3 , 22 , 9 , Megalopo-
r]l dxttrog II. 16, 183 u. ö., auch Hymn. in Ven.
16, 118. Hymn. 27, 1]) sie gebraucht ihn auch
als Waffe um die Frauen schnell und ohne
Krankheit zu töten (II. 6,428. 19,59. Od.11,171.
323 u. s.), bisweilen sanft (Od. 15, 409. 18,
201), doch auch im Zorn (II. 6, 205), wie sie
die Niobiden (II. 24, 606) und Orion (Od. 5,
123) durch den Tod straft. Selbst die Heil-
kraft des Bruders ist bereits auf sie überge-
lis Baus. 8, 30, 5, Phigalia Baus. 8, 39, 3 und 40 gangen, II. 5, 447. Ein Unterschied in der
erscheint mit ihm auf Münzen von Syrakus,
wie sie auf Münzen von Gela CcucmoXic ge-
nannt wird Fiorelli, nummi aliquot Sic. nunc
primum ed. Neap. 1825. Vgl. Mitscherlich ,
de Diana Sospita. Gott. Progr. Sommer 1821.
Als OÖKXeiot hatte Artemis bei den Böotiern
und Lokrern in jedem Orte auf dem Markte
einen Altar, auf dem die Brautleute vor der
Hochzeit zu opfern pflegten, Blut. Ar ist. 20.
Auffassung der Ilias und Odyssee, in welcher
sie dem Gegenstand des Gedichtes nach mil-
dere Züge trägt, ist kaum zu erkennen (anders
Glaus, de Dianae antiqu. nat. p. 32 ff). Ihr ur-
sprüngliches Wesen tritt nur vereinzelt her-
vor. Der arkadischen Vorstellung von der
nymphenartigen Artemis folgt die Schilderung'
der Od. 6, 102 ff. : xegnogsvr] nccngoiOL nal w-
tyg ehxyoioiv, wie die Göttin mit ihren Ge-
Auch in Korinth (Fest Evr-ltia Xen. Hell. 4, 50 fährtinnen im Waldrevier des Taygetos her-
4, 2) ist sie nachweisbar, in Kerkyra- (Monat
Eukleios) vorauszusetzen. Die im Namen lie-
gende Vorstellung einer sittlichen, für guten
Ruf sorgenden Macht wird auch durch die
Verbindung mit Eunomia ausgesprochen, und
zwar im attischen Kult, wo sie als selbständi-
ges Einzelwesen erscheint (ein Cegsvg Evnlsi'ug
•nal Evvogiccg C. I. Gr. 258. Ecp. ccq%. 2686.
G. I. A. 3, 277). Doch wurde, von einer die
spätere Umdeutung schützenden Genealogie eo
abgesehen, wonach sie des Herakles’ Tochter
sein sollte, die Identificierung mit Artemis all-
gemein angenommen (Blutarch a. a. O.); sie
ist inschriftlich bezeugt in Paros (Le Bas 1062).
In kriegerischen Zeiten verführte der Name
bei der Eukleia wie bei der Soteira zur Bezie-
hung auf kriegerische Ehre. Nach der Schlacht
on Marathon wurde ihr deshalb zu Athen am
umstreift, den Ebern und Hirschen nachstel-
lend als weidlustige Jägerin, II. 5, 51. 31, 485.
Einmal , bei der Erzählung von Oineus’ und
Meleagros’ Schicksalen, wird auch die lokale
Kultform der den Getreidesegen verleihenden
ätolischen Artemis (§ 5, 2) erwähnt, welcher
Oineus die Ernteopfer (ftedvotu) darzubringen
unterlassen hat, II. 9, 534. Vgl. v. Sybel, Myth.
d. Ilias p. 267.
§ 12. Artemis die Letoide, Geburt
und Kämpfe.
1. Sobald die Gleichsetzung von Artemis
und Apollon als der Kinder des Zeus und der
Leto (II. 21, 5 04 ff Hesiod, Theog. 918. Ilymn.
in Dian., in Ap. Pyth. 21: Aiog AvyuzqQ, %6qu,
oft wie ein ehrender Beiname II. 9, 536. Ae-
scliyl. Suppl. 144. Anth. Bai, 6, 240 u. ö.) zur
Anerkennung gekommen, entwickeln sich ihre
| 577 Artemis (mit Apoll u. Leto) . ,
Mythen durchaus konform. Artemis wird i.
als die Agzan'g , Latonia ( C . I. Gr. 1064), Agzcoa
■sögg, Ayzoyarsia (Soph. El. 557. Acscli. Sept. c.
Th. 148). Sie ist die avzonceGiyvr'izg, die öfio-
zQoepog ’Anöllavog, Hymn. in Dian. 9, 1. 27, 3,
oyöanoQog Soph. Tr ach. 212. Die gleiche Liebe,
welche die Geschwister unter einander verbin-
det, vereint sie auch mit der Mutter. Altehr-
würdig und in vielen Kulten verherrlicht ist
dieser Drei verein von Apollon, Artemis und io
Leto. Er wird ausgesprochen in der Eidfor-
mel G. I. Gr. 1688. Tansanias fand ihn vor
in Sparta (3, 11, 9), Mantineia (Gruppe des
Praxiteles 8, 9, 1), Olympia (5, 17, 3), auf dem
Berge Lykone (Gruppe des Polykleitos 2 , 24,
5), in Megara (von Praxiteles’ Hand 1, 44, 2),
in Tanagra (9, 22, 1), Abai (10, 35, 4), Kirrha
(10, 37, 8). Im Giebel des Äpollontempels zu
Delphi sah man Apollon mit Mutter und Schwe-
ster von den neun Musen umgeben, Werke 20
des Praxias, eines Schülers des Kalamis, Paus.
10, 19, 4; denselben Gegenstand wiederholt in
römischer Zeit Philiskos von Rhodos für den
Porticus der Octavia in Rom, Plin. 36, 34.
Hier ist Apollon der natürliche Mittelpunkt,
wie wohl in den meisten Kultusgruppen, deren
eine auf einer römischen Erzmünze von Kolo-
phon dargestellt zu sein scheint ( Streber , Nu-
rnism. nonn. yraeca. Äbh. der Bayr. Akad. d.
Wiss. 1835, Taf. 3, 10; vgl. dazu Schreiber, 30
Apollon Pytlioktonos p. 71. Anm. 15), wo Ar-
temis mit langer Fackel und Köcher, und Leto
mit Scepter, beide stehend, den sitzenden Apoll
umgeben. Beliebt ist eine Form des Anathems
für Apoll zum Ausdruck des Dankes für er-
rungenen Sieg im Kitharöden- Wettkampfe, die
der sogen, choragischen Reliefs, welche neben
dem von Nike mit der Spende begrüfsten
pythischen Gott Schwester und Mutter zeigen,
im Hintergrund den delphischen Tempel ( Frie - 40
derichs, Bausteine No. 70—73. Fröhner , Notice
du Louvre No. 12 — 18). Auf Vasenbildern fin-
det sich sehr häufig Artemis vor Apoll, ihm
einschenkend ( Stephani , Compte-rendu 1878,
p. 202 ff. Furtwängler, Mitt. d. deutsch, arch.
Inst. 1881 p. 116f.), beide auch neben einan-
der in einem pompejanischen Gemälde, Hel-
big , Wandgem. Campaniens No. 200. Gleich
eng vereint sind sie auch in vielen Kulten,
in Delphi wie in Delos, in Sikyon und Les- 50
bos , im Didymaion , im lykischen Dienste
und in dem von Metapont , wofür die Zeug-
nisse O. Müller, Dor. I2 p. 372 zusammenge-
stellt hat.
2. Geschwisterlich an einander geknüpft
sind von der Geburt an beider Schicksale. Als
Geburtstag galt nach delischer Version für
Apollon der 7. Thargelion , für Artemis der
sechste (Inschrift aus Ephesos bei Wood, Dis-
cov. at Ephesus, Gr. Theat. No. 1. Diog. Laert. 60
2, 44. 3, 2. Boeckh, C. I. Gr. 1 p. 255). Es
war die Zeit des Erntefestes der Delien, welche
den attischen Thargelien parallel gingen, wäh-
rend ursprünglich wohl auch zu Delos die Ge-
burt beider Götter n#it der Wiederkehr des
Frühlings zusammenfiel, wie in Delphi, wo
Apollon am 7. Bysios geboren wird (Schreiber ,
Apollon Pytlioktonos p. 47 u. 52). Einen Tag
Artemis (Drachenkampf)
578
früher kommt Artemis zur Welt und kann als
Xoxitu, XvGL^covog der Mutter bei der Geburt
des Bruders bereits behilflich sein (Apollod. 1,
4, 1. Sen. Virg. Ecl. 4, 10. Aen. 3, 73). Ihre
eigene Geburtsstätte heifst nach dem Hymn.
in Ap. Del. 15f. (vgl. Hymn. Orph. 34, 5) Or-
tygia. Hier ist nach Welcher Rheneia, die
kleine Nachbarinsel von Delos, gemeint. Doch
ist der Name (von ijQzvig, Wachtel, als Sinn-
bild des Frühlings?) auch mit anderen Lokal-
sagen verknüpft; er kehrt überall wieder, wo
man die Autorität eines alteinheimischen Ar-
temiskultes durch eine Geburtslegende beglau-
bigt hatte. So gab es als Geburtsstätten der
Artemis einen Hain Namens Ortygia bei Ephe-
sos ( Tac . Ann. 3, 61. Ariston b. Schol. Pind.
Nem. 1, 1. Strab. 14 p. 639 f. Nikander im
Schol. Apoll. Bh. 1, 419), eine gleichnamige
Insel bei Syrakus, eine Berggegend Ortygia
in Ätolien ( Nikander a. a. 0.). Ja die Göttin
selbst . heifst ’OpTuyia auf der Insel Euboiaf
Soph. Trach. 214; vgl. 637f. Ovid. Met. 1, 694,
und ihre Amme führt diesen Namen in Ephe-
sos (Strab. a. a. 0.). Doch verdrängte allmäh-
lich für die Anschauung der Dichter das Vor-
recht von Delos alle derartigen Ansprüche
anderer Lokalkulte. Über Deutungen des Na-
mens Ortygia vgl. Stark, Mythologische Paral-
lelen in den Berichten cl. Seichs. Ges. d. Wiss.
1856 p. 62 ff.
3. Ihre erste That verrichten die Letoiden
— und zwar, wie die Sage hervorhebt, unmit-
telbar nach der Geburt — zum Schutze der
geliebten Mutter. Vielgefeiert war in Dich-
tung, Musik und bildender Kunst besonders
der Kampf mit dem Drachen. Nach der
sikyonischen Ortssage (Paus. 2, 7, 7) sind die
Geschwister am Kampfe sowohl, wie an Flucht
und Sühne gemeinsam beteiligt. In den bild-
lichen Darstellungen erscheinen sie meist in
Kindergestalt auf den Armen der flüchtenden
Mutter (Schreiber, Apollon Pytlioktonos Taf. l
u. 2. S. 67ff.). Beide auch stellen sich dem
ungeschlachten Tityos entgegen, der sich an
Leto vergreifen will, und erlegen ihn mit ihren
Pfeilen. Ortssagen von Euboia bei Homer (Od.
7, 321 ff. Strab. 9 p. 423), von Panopeus (Mül-
ler, Orchom. 2 p. 184) und von Tegyra (Flut.
Pelop. 16). Plastisch in Delphi (Paus. 10, 11,
1), Amyklai (Paus. 3, 18, 15), Kyzikos (Anth.
Pal. 1 p. 41 Diibner), häufig auf Vasenbildern
(z. B. Elite cerain. 2, 55 ff.). Am berühmtesten
aber war ihr Strafamt den Niobiden gegen-
über, wobei Apollon die Söhne, die pfeilfrohe
Artemis die Töchter der Niobe niederstreckt
(Litteratur u. Denkmäler bei Stark, Niobe und
die Niobiden. Leipzig 1863. Heydemann in
den Berichten der Sachs. Ges. d. Wiss. 1877,
p. 70 ff. 1883 p. 159 ff.).
4. An der Seite ihres Bruders kämpfte sie
auch gegen die Giganten und zwar hat sie
Rhaion (vulg. Gration) zum Gegner nach Apol-
lodor Bibi. 1, 6. 2. 5; vgl. Glaudian. Gig. lat.
v. 40 ff. Ihre Mitwirkung wird in den Vasen-
bildern mehrfach deutlich gemacht ( Overbeck ,
K.-M. Zeus p. 355 u. 373. Heydemann, Gigan-
tomachie etc. Sechstes Haitisches Winclcelmanns-
programm 1881). Auf einer schwarzfigurigen
Koscher, Lexikon der gr. n. rüm. Mythol,
19
579 Artemis (Gigantenkampf etc.) Artemis (als Letoide) 580
Amphora der kaiserlichen Sammlung in Wien
{Elite ceram. 1 pl. 6) führt sie Speer u. Bogen,
ln Bildern jüngeren Stils wird sie bedeutsamer
charakterisiert: in einer Petersburger Vase aus
Ruvo (Stephani No. 523, abgeb. Müller- Wiese-
let' 2, 66, 843) als echte Jägerin und Bogen-
schützin mit Köcher, Pfeil und Bogen und den
hohen Jagdstiefeln, bekleidet mit dem kurzen,
gegürteten Chiton. Ähnlich ist die Auffassung
im grofsen pergameper Altarfries (abgeb. Mit- io
chell, a history of anc. sculpt. p. 580) und in
dem von letzteren abhängigen Relief Mattei
(Stark, Gigantomachie Taf. No. 1. Overbeck,
K. M. Atlas Taf. 5, 2 a u. p. 381 A.). In bei-
den plastischen Bildwerken ist, wie sonst der
Adler bei Zeus, die Schlange bei Athena, der
Hund als Mitstreiter an ihrer Seite. Noch
prächtiger hat sie der Maler der schönen Am-
phora aus Milo im Louvre ( Mon . grecs 1875,
Wiener Vorlegeblcitter 8, 7) ausgestattet. Neben 20
dem Bruder kämpfend und wie dieser mit dem
* Lorbeerkranz geschmückt, in reich verziertem
Chiton und flatternder Chlamys, führt sie aufser
V; dem Bogen noch zwei Packeln. Nur mit den
Fackeln kämpft sie in der vulcenter Kylix der
Sammlung Luynes (Gerhard, Trinksch. Tf. A. B),
und zwar gegen den bereits gestürzten Aigaion,
Artemis in mädchenhafter Haartracht, mit lan-
gem , dorischem Chiton, den Köcher auf dem
Rücken. Die übrigen Darstellungen sind weni- 30
ger sicher, zweifelhaft die Metopenreliefs in
Selinunt (Benndorf, Met. von Sei. Taf. 5) und
vom Parthenon (Metope 12 vgl. Michaelis,
Barth, p. 147.). Vergl. noch Koepp , de Gi-
gantomachiae in poeseos artisque monumen.
Bonn. 1883.
5. Anderen Frevlern tritt Artemis allein entge-
gen. Nach naxischer Version war sie es, welche
die unbändigen Aloiden (s. cl.) tötete (Bind.
Bytli. 4, 88), was Apollodor und die Scholien 40
dahin erweitern, dafs Artemis, in eine Hindin
verwandelt, zwischen ihnen hindurchlief, sodafs
sie beide zugleich die Speere werfend sich ge-
genseitig vernichteten. Auf dem Berge Pho-
loe in Arkadien sollte Artemis den Bupha-
g 0 s , der sich böser Dinge gegen sie vermessen,
mit ihren Pfeilen erlegt haben (Baus. 8 , 27,
17). — Erst aus alexandrinischer Zeit kennen
wir die Erzählung vom Tod des kühnen Jägers
Orion durch die Hand der Artemis, wofür SO
der Grund sehr verschieden angegeben wird.
Orion habe gegen die Göttin mit seiner Stärke
und Jagdkunde geprahlt oder sich gegen sie
unziemlich vergangen oder auch die von Ar-
temis geliebte Jungfrau Upis, welche von den
Hyperboreern Ähren brachte (Ovnig agaXlocpo-
qog), auf Ortygia (gemeint ist die Insel Delos)
mit wilder Begierde angetastet und sei des-
halb von ihr getötet worden ( Eupliorion bei
Schol. Od. 5, 120. Apoll. 1, 4, 3). Vgl. 0. Mül- so
ler, kleine deutsche Schriften 2, 131, dazu Wel-
cher, Griech. Götterl. 1 p. 689.
§ 13. Epitheta der Letotochter.
1. Während der altarkadischen Nymphen-
I göttin , wie besonders der Hintergrund des
I Mythus von Kallisto zeigt (Müller , Brolegg.
| p. 73 ff.), manche mehr zu einer mütterlichen
Jf Gottheit passenden Züge eigen waren, ist die
Letoide Artemis ihrem ganzen Wesen nach
zumGegenbild des Apollon geworden. Die
„lichte Reinheit und Klarheit seines Wesens“,
die in dem alten Beinamen (Poißog ’AnöXXcov
ausgesprochen, als ayvozyg in kathartischen
Kulten oft betont und zumal in den Legenden
vom Drachenkampf, von Bufse und Sühnung
des Gottes eindringlich gelehrt wurde, wirft
ihren Schein nun auch auf die Schwester und
verleiht ihr jene jungfräuliche Herbigkeit und
Spröde, die in den Mythen von Aktaion und
in der Umbildung des Kallistomythus zum Aus-
druck kommt. Auch äufserlich sind beide
einander angenähert. Der jugendlich schönen,
schlanken Gestalt des Lichtgottes (Hymn. in
Apoll. Bytli. 271) entspricht diejenige der
Schwester. Ihrem hohen Wuchs wird schon
bei Homer die Schönheit von Frauen und Mäd-
chen, wie Nausikaa, Helene, Penelope ver-
glichen, vor allem aber ihre J u n g f r äu 1 i c h k e i t
unzähligemale gepriesen. Als ayvy (Od. 18,
202. 20, 71. Aesch. Ag. 135. Suppl. 144. Si-
monid. Epigr. 110 Bergk. G. I. Gr. 1051) gleicht
sie dem uyvog ’AnoXXcav. Als die naQ&tvog
adygg (Od. 6, 109), ctilv dSggza (Soph. El.
1239), als 7tc<Qdivog oddoü] (Hymn. in Dian.
27, 2), sv7tceg&ei’og ( Anth . Bai. 6, 287) trotzt
sie der Macht der ihr verhafsten Liebesgöttin
(Eurip. Hipp. 1301) und schützt die Keusch-
heit reiner Jünglinge und Mädchen (Aeschyl.
Suppl. 144; vgl. Theokr. Id. 27, 15). Wie ihr
selbst Männerliebe fremd ist, fordert sie jung-
fräuliche Reinheit ebenso von den Nymphen,
ihren Genossinnen, wie von den Priesterinnen
ihrer Tempel und bestraft unerbittlich jeden
Fehltritt derselben (Kallisto u. Baus. 7, 19, 2.
8, 13, 1). Kopip, die Magdliche (wie Athena
in Kleitor genannt wurde), heifst sie bei Ar-
gos, und hier, wo Proitos ihre Macht an sei-
nen Töchtern erfahren, sollte er ihr den Tem-
pel erbaut haben ( Hcsych . v. orngov%si. Kal-
lim. in Dian. 233).
2. Einen eigentümlichen Zusatz giebt zu die-
ser Herbigkeit ihres Wesens eine Eigenschaft,
die schon in den ältesten arkadischen und atti-
schen Formen ihres Kultes ausgezeichnet ge-
wesen sein mufs. Der späteren Auffassung
nach ist zwar Artemis Feindin und Richterin
über die das Gebot der Keuschheit übertretende
Nymphe Kallisto. Ursprünglich aber waren —
nach O. Müllers überzeugender Auseinander-
setzung in den Brolegg. p. 73 ff. — Nymphe und
Göttin identisch, Artemis selbst war Kallisto
und durch Zeus Mutter des Arkas, des Vaters
des arkadischen Volkes*), also genealogisch
mit der Urgeschichte ihres Stammlandes eng
verknüpft, wie ähnliche Fälle vielfach nachzu-
weisen sind. Daher wurde das Grab der Nymphe
Kallisto in den Hügel beim mainalischen Ge-
birge in Arkadien verlegt, der den Tempel der
Artemis KuWicxii trug (Baus. 8 , 35 , 8). Den
Beinamen, die Schönste, aber behielt sie durch
alle Zeit. Sappho nennt sie agiery neei v.aX-
liazrj (Baus. 1, 29, 2), tialXiozr] auch ein Hym-
nus des Pamphos, den Bausanias für älter, als
■■■
;»■
11«:
nvt
j lür
I aiii.i
1 f'lr-
I«!
I . i
A
aut
SKI
rii ;
.
U
(m
fen
0, 41
161
im
: s
r j
*) Der argivische Mythus von Kallisto und Arkas
ist auf Münzen Arkadiens nachgewiesen in der Wiener
numism. Ztschr. 1877 p. 25.
J581 Artenais (Jägerin)
die lesbische Dichterin hält (Paus. 8, 35, 8),
und eine Inschrift aus Beroia in Syrien G. I.
' Gr. 4445. Euripides ( Hippol . 64) ruft sie an
als y.6qci Aaxovg Agrsgr Hai Atog r.aXXiaxa noXv
tuxqQ'svcov, Aristophanes (Ran. 1359) nennt sie
"Agrsgig Halde. Ein Holzbild der Artemis huX-
■\ Harri erwähnt Pausanias 1, 29, 2 in Attika im
1 i Heiligtum derselben bei der Akademie. Als
■KovQäv naXHarrj wird sie in einem Epigramm
■ des Leonidas von Tarent (20) gepriesen. Vgl.
ftj auch Weidcer, Gr. Götterl. 1, 580 f.
3. Mit ausgesprochener Vorliebe behandelt
, die Dichtung eine im Kultus ganz zuriiek-
I tretende Seite im Wesen der Artemis, ihre
Jagdliebe. Das poetische Bild, dafs-die Pfle-
fi gerin der Wildbrut auch weidlustig durch die
$1 Bergwälder streife, wird schliefslichmafsgebend
, für die volkstümliche Auffassung und liegt
I auch der plastischen Entwicklung ihres Ideals
I zu Grunde. Die Natur des Landes , die in
manchen Gegenden, namentlich in den Ge-
tbirgsthälern Arkadiens und in Lakonien (des-
sen Spürhunde berühmt waren) auf das Weid-
i werk als hauptsächlichen Erwerbszweig hinwies,
I anderwärts die Jagd als edelste an den Krieg
, mahnende Beschäftigung des Freien erschei-
» nen lief?, hat diese Auffassung wesentlich bc-
| gtinstigt, die Poesie aus ihr immer neuen Stoff
gewonnen. Daher die grofse Zahl ihrer dar-
tauf bezüglicher Beinamen die zunr gröfsten
Teil rein dichterisch sind, im Kultus nicht
1 anerkannt waren. So heifst sie die Wildtöte-
! rin Q-rigonrovog, ^ggoepovy (llieogn. 11. Aristoph.
Lysistr. 1262. Thesmopli. 327. Eurip. Ipli.
M Aul. 157), sXXocpovog (C. I. Gr. 5943. Kallim.
! Dian. 190. Suid. Etym. M. 331, 54), sXacpg-
ßöXog (Soph. Trach. 214), Q'ggoav.onog (H. Hymn.
in Dian. 27, 2); als Freundin der Berge und
1 Waldeshöhen ovgsia, ogsaxega, ogsaxcdg, ogsc-
ßaxig , ogstxig (in Thyatira Polyb. 32, 25, 11),
'■ ovQEGi'cpcuxig (Cornut. 34). Bogen und Pfeil
II sind ihre Freude, sie ist io%scugu (II. 5, 447.
6, 428, C. I. Gr. 6280 B. eloiscuqu C. I. Gr.
1064), xoigoepogog (II. 21, 483. C. I. Gr. 1051),
snaxgßoXog (Hymn. in Dian. 9, 6). Beim Lär-
i men der Jagdhunde ist ihr wohl (nsXadsivg
II. 16, 183. 20, 70. Hymn. in Ven. 16. nvv-
aycg Soph. El. 550).
4. Ihr Kultname als Jägerin ist gewöhn-
lich ’Aypoxepa; aber man verehrte sie als
i solche keineswegs nur in wildreichen Jagd-
gründen, hat sie doch ihre Tempel sowohl in
Athen (Paus. 1, 19, 7), wie in Aigira (Paus.
7, 26, 2 u. 4), in Megara (Paus. 1, 41, 1), wie
in Syrakus (Schol. II. 21, 471) und in Kyrene
(Kaibel, Epigr. graeca No. 873), einen Altar
auch in Olympia (Paus. 5, 15, 5). War sie
ursprünglich vielleicht nur als segensreiche
Flurenschützerin aufgefafst (s. oben § 6 , 2),
; so mag darin auch die Erklärung liegen, dafs
man in Kriegszeiten , wenn alle Feldkultur
vom Feinde gefährdet schien, ihre Hilfe an-
: rief, wie es vor der Schlacht von Marathon
geschah. Das damals vom Polemarchen an-
! gelobte Ziegenopfer (Flut, de malign. Her. 26)
; wurde seitdem regelmäfsig am 6. Boedromion
dargebracht und war mit einem kriegerischen
Festzug verbunden, in welchem die dg i-
Artemis (Jägerin) 582
cxtia von Jünglingen getragen wurden. Vgl.
A. Mommsen, Heortologie p. 212 ff. Auch die
Spartaner opferten ihr im Felde eine Ziege
(Xenoph. II. Gr. 4, 2, 20. de rep. Lac. 13, 8).
Als eigentliche Jagdgöttin wird sie wohl nur
in kleineren Kulten verehrt worden sein. Eine
schlichte Kapelle, ein Bild auf oder unter einem
heiligen Baume (§ 5 , 1) , dieser allein oder
auch nur ein Altar genügen den Jäger ihres
Schutzes zu versichern. Hier legt er den für
die Göttin bestimmten Airteil der Jagdbeute
nieder, heftet als Siegeszeichen die Köpfe und
Klauen erlegter Eber und Bären, die Geweihe
der Hirsche an, oder hängt das Tierfell auf,
stiftet wohl auch sein Jagdgerät als Weihe-
gabe, wie dies auf Denkmälern oft dargestellt
ist, in Epigrammen vielfach besungen wird.
Vgl. Anth. Pal. 6, 111. 112. 121. 326. Diod.
4, 22. Schol. Aristoph. Plut. 944. Stat. Theb.
9, 589. Eine solche Waldkapelle mit den Erst-
lingen der Jagd (Tigcardygca, 7tQcox6Xn.cc, cchqo-
ftivia) geschmückt, schildert Philostr. (Im. 1,
28); das Anheften des Hirschgeweihs zeigt ein
Sarkophagrelief des Louvre (Clarac, Mus. de sc.
pl. 178). Eine offene, das Bild der Artemis
Agrotera einschliefsende aedicicla, mit einem
Hirschschädel , Jagdspeeren und Guirlanden
geschmückt, weist in dem Relief des Palazzo
Spada Braun, Ant. Basrel. Taf. 3 und oben
5, 311 auf die Jagdliebe des Zethos. Auf einer
dreiseitigen Basis des Vatikan sind allerlei
Anathemata für die Göttin, Jagdgerät an den
Baum gebunden, ein Hirschgeweih an einer
Spitzsäule u. a. dargestellt (Gerhard, Ant. Bild-
werke Taf. 83. Boetticher, Baumkultus der Hel-
lenen Fi g. 9 u. 10; vgl. p. 77). Mit einer Geld-
spende findet sich ein Jäger bei Arrian (de
venat. 33) ab. Andere Kultnamen der Jagd-
göttin sind Artemis ’GX.acprißöAoc (daher der
Monatsname ’EXaqpyßoXicöv und das Fest ’EXa-
cpgßoXia ; vgl. Hermann, Gottesd. Altert. §§ 59,
2. 64, 8) und ’€A.acpia, ’0*.aqpicua in Elis (Paus.
6, 22, 5 mit dem Festmonat Elaphios im
Frühling).
§ 14. Parallelen zur apollinischen
Religion.
1. Ungemein zahlreich sind die Parallelen,
die sich zwischen den Kulteigenheiten der bei-
den Letoiden ziehen lassen. In vielen Fällen
mag die gemeinsame V erehrung an einer
Stätte den Austausch der Beinamen, der Attri-
bute und Funktionen veranlafst haben. Wenn
Apollon von der Schwester spezielle Namen,
wie Aacpgaiog (bei Kalydon, wo Artemis Aa-
cppla zu Hause war; vgl. O. Müller, Dor. I2,
p. 381 Anna. 5), ixßaxgQiog ("Agreyig sreßarg-
qi'u § 4) , TavQOTcoXog (auf der Insel llraria,
wo auch ein Tauropolion der Artemis Aelian
N. A. 11, 9. Dionys. Perieg. 611) erwarb, so
empfing anderseits Artemis verschiedene Bei-
namen aus der apollinischen Religion. „Apol-
lon teilte die Stierpflege mit der Schwestei-,
Artemis mit dem Bruder' die Jagd“ bemerkt
J. II. Vofs, Mythol. Briefe 3 p. 150, und so
giebt auch die gemeinsame Waffe, l'feil und
Bogen, ihnen gleiche Namen. Als Hekaergos
und 'GKueppa feierte beide Götter ein alter,
dem mythischen Branchos zugeschriebener Hynr-
19*
583 Artemis (Parallele z. Apollon)
Artemis (Parallele z. Apollon) 584
nus ( Clem . Alex. Strom. 5, 8). Dem Apollon
’AcprjtcoQ, Pfeilentsender (II. 9, 404) tritt "Apxe-
,uic dcpodct zur Seite, die in Aigina verehrt
ward und der Pindar einen Hymnus dichtete.
Die von Paus. 2, 30, 3; vgl. Anton. Lib. 40
und PLesych. v. dcpaia erzählte Legende wider-
streitet dieser Deutung nicht und rechtfertigt
keineswegs die künstliche Auslegung Prellers
1“ p. 243, welcher den Hamen auf das Ver-
schwinden des Mondes
Meer bezog. Als io Paus. a. a. 0.
6). Sie führt den Namen Auxeia in Troizen,
was sich Paus. 2, 31, 6 auf verschiedene Weise,
aber sehr ungeschickt, zu deuten sucht. Je-
denfalls geben die Sülmgebräuche in Kulten
des Apollon Avxsiog die richtige Aufklärung
und machen auch begreiflich, warum vor dem
troizenischen Tempel ein heiliger Stein gezeigt
wurde , auf dem der Sage nach Orestes vom
Muttermorde gereinigt worden sein sollte,
;
1,3!
’Aypoxepcx hat sie mit Apollon Aygc/.iog zusam-
men einen Tempel in Megara, Paus. 1~ 41, 3.
Zu beiden soll nach Kenophons Vorschrift (ve-
nat. 6, 13) der Jäger beten, wenn er den
Hund losläfst.
2. Wie hier war in vielen anderen Fällen
die Anknüpfung durch verwandte Elemente
lokaler Artemiskulte erleichtert. Hm die her-
vorragendste Thätigkeit des Apollon, die kathar-
4. Bezeichnend ist die Zwittergestalt ein-
zelner Kultformen , welche ebenso die verder-
bende, wie die hilfreich heilende Macht der
Gottheit in sich schliefsen. Wie sie Seuchen
sendet, kann sie solche auch abwehren. Paus.
7, 19, 2. 2, 7, 7 ; sie wird daher als AOrj zur
Abwehr von Krankheiten angerufen in Karyai
und Syrakus (Diomed. 3, p. 483 Putsch. Prob
zu Virg. Ecl. p. 2, 28 Keil) und heifst in Lindos
tisch-mantische, auf die Schwestergottheit über- 20 OuXia, wie Apollon Ovho g (Hofs, Inscr. gr. f.
zuleiten, bedurfte e3 nur der Weiter entwiche
lung eines Zuges, den schon die homerische
Theologie stark hervorhebt. Wie Apollon hat
Artemis Gewalt über Leben und Tod des Men-
schen (§ 11); weniger den wilden Tieren, als
den Frevlern gelten nach den ältesten Dich-
tungen ihre Pfeile, wie die ihres Bruders; vgl.
Kallimach. in Dian. 124. Beide sind Todes-
gottheiten, die schnell und unversehens da-
hinraffen, von denen nicht blofs Heil und Segen, 30 Heilquellen zusammengebracht werden
sondern unter Umständen auch Verderben aus-
geht. Zu einer Löwin für die Frauen hat sie
Zeus gemacht (stiel ge Ieovtcc yvvaiQv Zsvg
Q’gv.Ev, Kcd sScoxe xataxzccysv r\v x s&ElyG&a
sagt PLom. PI. 21, 482 f.). Daher hat sie weit-
tragende Waffen, ja nach altmessenischer Sage
selbst volle Rüstung (mit Schild Paus. 4, 13,
1). Sie verleiht Fruchtbarkeit den Feldern,
aber kann sie auch vernichten (Legenden von
3 n. 271). Denselben Namen führt sie in De-
los und Milet (Pherekydes und Leandrios bei
Macr. 1, 17; vgl. Spanheim zu Kallim. Apoll.
40, 46. Strab. 14 p. 635). Den Namen erklärt
Strabon durch vyLccGxixog und ntxLcovLxög , aus
einem Worte, das noch in dem Grufs ovli zs
■xoä fisyu xaiQE (Od. 24, 401) übrig blieb. Diese
Heilkraft konnte dann auch mit der Wirksam-
keit der Göttin im frischen Wasser und in
o. _ _ (§ 3). .
Sie wird angerufen von den Kranken (Anth.
Pal. 6, 240; vgl. T/teogn. 13). — Auch die
Hauptseite des apollinischen Kultes, die Man-
tik, ist auf Artemis übergegangen. Sie heifst
Ztßvlla Aslcpig (Clem. Alex. Strom. 1 p. 323.
Said. s. v. vergl. Paus. 10, 2, 1) und hat mit
Apollon zu Adrastea ein Orakel Strab. 13
p. 91.
Durch Kultverbindung mit dem Apollon
fei
fWS
llöD l
feit
per,
fiter]
bIu
leer
fisch ii
fas)
lifemi
Aitolien und Brauron § 5, 2). Es sind dies 40 Delphinios (C. I. Gr. 442) erlangt sie ferner
Eigenschaften, die an den durch Hungersnot,
Pest und schnellen Tod verderbenden Apollon
erinnern. Ebenso wie dieser mufs sie nun auch
versöhnt und besänftigt werden. So geht der
apollinische Lorbeerzweig auf sie über; sie
wird Aaqpvia zu Olympia (Strab. 8 p. 343),
Aaqpvaia in Hypsos (Paus. 3, 24, 8). Wie
Apollon vielfach auf Münzen mit dem Lor-
beerzweig abgebildet wird (vgl. oben u. d. W.
den Beinamen AeXqpmcc in Attika, vgl. Pollux
8, 119. Im Branchidenheiligtum bei Milet gilt
sie als Artemis TTu9ir| (C. I. Gr. 2866. 2885.
add. 2885 b. c.). Besonders zahlreich sind die
Beziehungen , die sie durch ihn zu staatlicher
Ordnung, zu Schutz und Pflege der politischen
und sozialen Gemeinwesen, des Staats- und
Familienlebens erlangt. Sie wird TTuxpüja gleich
dem Apollon Patroos, so zu Sikyon, wo ein
Apollon p. 456 f.), wird letzterer einigemale 50 anikonisches Bild derselben in Gestalt einer Säule
auch der Artemis gegeben. So auf Münzen
von Abdera, wo Artemis in langem Chiton
dargestellt ist, den Bogen in der Linken, den
Zweig in der Rechten, ein Reh zur Seite, Gott,
gel. Am. 1880 p. 31 f. Emen jüngeren Typus
zeigt der Revers einer Bronzemünze von
Kyparissa in Messenien mit dem inschriftlich
bezeugten Bilde der Artemis KYTTAPICCIA:
Artemis im Jägergewande , mit dem Köcher
auf der Schulter, einen Zweig in der Hand co
(Sallets Zeitschr. f. Numism. 6 p. 17). Vergl.
Stephani im Compte-rendu 1868, p. 16ff. Die
Sühnzweige (ixsaiat, f HEzygica.) waren mit
Olivenkränzen und frischen Wollflocken ( gal-
lo £s) umwunden. An den apollinischen Bitt-
festen , den Thargelien und Pyanepsien war
Artemis beteiligt (Et. Ma.gn. 443 , 20). Auch
ihr wurde der Päan gesungen (Et. Magn. 657,
(xicor sagt Paus. 2, 9, 6 und meint wohl ein Idol
von der gewöhnlichen konischen Form, wie es
dem Apollon Agyieus errichtet zu werdenj^flegte,
vgl. z. B. Denlcm. alt. Kunst 1, 1 , 2) neben
einem pyramidenförmigen Idole des Zeus Mei-
lichios aufgestellt war. Als TTaxpiwxic wurde
sie in Pherai verehrt (C. I. Gr. 1444), und aus
ihrem Heiligtum stammt wohl das Weihrelief
von Asopos (publ. Arcli. Ztg. 1882 Taf. 6 , 1
p. 145 ff.), in welchem die Göttin in hochge-
schürztem Jägergewande mit Jagdstiefeln und
Lanze (wie in Naupaktos die Aitole Paus. 10,
38, 6. vgl. § 5, 2) abgebildet ist. Sie ist in
demselben Sinne crfopoua in Olympia (Paus. 5,
15, 3), dpicxoßouXi'i in Athen, wo ihr Themisto-
kles einen Tempel errichtet (Plut. Tliem. 22.
de malign. Herod. 37), ßouXqcpöpoc in Milet (Rev.
arch. 1874 N. S. 28 p. 104). Vielleicht ist auch
fc de:
schaff,
♦io?, £
“fl1
§15.
Mia. (
Ui
4 vo:
» Eii
585 Artemis (Orthia etc.)
Artemis (Taurike etc.) 586
die Artemis eiricKOiroc von Elis hierher zu
ziehen ( Flut . Qu. gr. 47). Vergl. aber auch
§ 4. Mit Apollon teilt sie gelegentlich die
Funktionen alsTTpoOupcua und TTpouuXala {Paus.
1, 38, 6. Kallim. t)ian. 34); auch jener ist
ngonvlaiog, {tvQawg. Sie ist TTpocTaxripla, wie
er TtQoaxazriQLog (. Acscliyl . Septem 450) und zu
Erythrae cxpoqpcncx, im Bild als Hüterin bei
der Thürangel aufgestellt {Athen. 6 p. 259 b),
eine Aufsicht, die sonst dem Hermes als gtqo io
cpaiog ( Arist . Flut. 1153 mit den Schol.), auch
dem Apollon Agyieus beigelegt wird.
6. Anteil hat Artemis die Letoide auch an
der Kultussage von den Hyperboreern. Von
ihnen kommen, die Heiligtümer tragend, die
Jungfrauen Arge und Opis nach Delos. Ein
alter, Olenischer Hymnus feierte ihre Ankunft.
Hochzeitliche Gebräuche begingen die delischen
Mädchen und ähnliche die Jünglinge noch
späterhin an ihrem Grabe, dem ein besonde- 20
rer Kultus gewidmet war (§ 7, 3). Die Namen
dieser Sendbotinnen sind nur Epitheta der
Göttin selbst. ''Apyp ist wohl die Schnelle,
nach andern die Schimmernde, Tmc (ionisch
Ovnig) aber ein gewöhnlicher Beiname der
Artemis in ionischen Kulten (Ephesos) , in
Sparta und Troizen, ihre wachsame Fürsorge
für den Menschen bezeichnend, eine Eigen-
schaft, die sie wiederum mit Apollon {’Enu-
xpiog, Hesych.) teilte. Von ihr führten gewisse, 30
in Troizen herkömmliche Hymnen den Namen
ovTuyyoi {Athen. 14 , 10. Poll. 1 , 38. Schol.
Apollon. 1, 92). Nach anderer Überlieferung
hiefsen die hyperboreischen Jungfrauen €k a-
epyr] (die Ferntreffende , so auch Artemis im
Hymnus des Branchos vgl. § 14, 1) und Ao£ui),
letztere nach Preller auf die krummen Bahnen
des Mondlaufs bezüglich. Ygl. 0. Müller, Dor.
I2 p. 273. 373.
§15. Artemis Orthia, Tauro. Iphige- 40
neia, Chryse.
1. In einigen Kulten der Artemis zeigen
ich von den bisher erwähnten sehr abwei-
hende Züge, orgiastische Elemente und
blutige Ceremonien, welche auf eine primitive
Stufe des unentwickelten Naturdienstes und
len Einflufs asiatischer Religionsgebräuche
linweisen. Das Gewebe der mannigfach ent-
' stellten, durch einander gewirrten Überlie-
’erung hat 0. Müller scharfsinnig aufgelöst 50
rnd den Gang der Mythenentwickelung klar
jemacht {Dorier l3 p. 385 ff.). Eine eigentüm-
iche und doch ihrem Ursprünge nach rein
lellenische Gestalt ist die Artemis ’OpOia oder
OpOuuda, welcher in der Legende und in Lokal-
culten auch der Name ’lcprfeveia gegeben wird
Hesych.). So gab es iu Hermione ein Heilig-
um der Artemis mit dem Beinamen Iphige-
leia {Paus. 2, 35, 1). In Aigeira gilt Iphige-
leia als eigentliche Besitzerin des Tempels der co
Xrtemis; noch Paus. 7, 2G, 5 sah darin ein
altertümliches Bild derselben neben der aus
ömischer Zeit stammenden Kultusstatue. Die
spätere Legende stellt sie aber als Priesterin
ler Artemis dar , welche in Taurien deren
dienst pflegt und ihn von da verbreitet. Von
’aurien kommend sollte sie nach Brauron das
Ite Schnitzbild der Göttin gebracht haben
{Paus. 1, 23, 9. 33, 1. Dur. Ipli. T. 1440 ff. Kal-
lim. in Dian. 173). In Argos erzählte man
Ähnliches {Paus. a. a. 0) , ebenso in Sparta,
wo das im Tempel der Artemis Orthia befind-
liche Schnitzbild als Stiftung des Orestes und
der Iphigeneia angesehen und mit blutigen
Ceremonien geehrt wurde {Paus. 3, 16, 6). In
ältester Zeit sollte man Menschenopfer dar-
gebracht, seit Lykurgos aber dafür die Geifse-
lung der Jünglinge eingeführt haben, mit deren
Blut nun der Altar besprengt wurde. Die
Priesterin hatte mit dem Bilde im Arm über
die richtige Ausführung der Kultvorschriften
zu wachen {Hermann, Gotte sdienstl. Alt. d. Gr.2
§ 27 , 14 und 53 , 28). Ein lydischer Aufzug
{noynri Avääv) schlofs die Handlung {Plut.
Arist. 17), auch dies ein fremdländischer Brauch,
wie denn der ganze Kultus, obgleich vollkom-
men eingebürgert, als barbarischen Ursprungs
galt. In der That mufs Lemnos als Mittel-
punkt desselben angesehen werden. Spuren
der Sage vom taurischen Bild sind hier nach-
weisbar; den Namen Taurien führt die Insel
in ältester Sage; Thoas gilt als Herrscher, und
selbst von Menschenopfern, die der grofsen
Göttin dargebracht wurden, weifs die Sage zu
berichten, wenn sie auch die Züge der Überlie-
ferung dadurch wieder trübt, dafs sie neben
Iphigeneia als Parallelgestalt die Xpucr| , eine
neue Form der Artemis, stellt. Die Einfügung
derselben in den Mythenzusammenhang ge-
schieht durch genealogische Gleichsetzung mit
Iphigeneia. Sie soll Schwester derselben sein,
Tochter des Agamemnon und der Troerin Chry-
seis {Etym. Magn. 815, 59). Aber im Argo-
nautenmythos erscheint sie als selbständige
Gottheit, verehrt auf Lemnos und Samothrake,
oder auf der später untergegangenen Insel
Chryse {Paus. 8, 33, 4). Ihr opfern Herakles
und Iason, und Philoktetes wird an ihrem
Altar von der Schlange gebissen. (Darstellung
des Opfers mit dem inschriftlich beglaubigten
Xoanon der Chryse auf dem Vasenbild bei
Millingen peint. de vases pl. 51 = Müller- Wie-
seler 1, 2, 10). Andere Überlieferung, der Wel-
cher, Gr. Götterl. 1 p. 308 folgt, identificiert
sie mit Athena, was darauf schliefsen lassen
könnte, dafs Chryse weder mit Artemis noch
mit Athene ursprünglich zusammengehangen
habe, sondern nur ihrer, durch den Namen
angedeuteten Lichtnatur wegen ihnen assimi-
liert worden sei.
2. Die Entwickelung des Mythus kann dem-
nach nur so verstanden werden, dafs Artemis
Iphigeneia in Lemnos, dem Grenzlande helle-
nischer Kultur, zu einer nach Menschenblut
dürstenden Gottheit wird. Phallischer Dienst,
auf den der Name Orthia (vgl. Dionysos Or-
thos, die oQ&ict vßqig der Esel bei Find. Pyth.
10, 32 und Aristoph. Lysistr. 944) deutet, könnte
zu Grunde liegen. Die von Artemis abgelöste
Iphigeneia aber wird zuerst zur geopferten
Jungfrau, dann zur opfernden Priesterin sel-
ber. In den Kyprien wurde davon gesungen,
wie Artemis sie entführt, zu den Tauriern
hinüberführt , sie unsterblich macht und an
ihrer Stelle eine Hirschkuh dem Opfermesser
des Kalchas unterschiebt {Proklos Chrestom.
587
Artemis (Taurike etc.)
Artemis (Ephesia)
588
vgl. Kinkel, Epicor. gr. frg. p. 19). So schil-
dert die Scene ein bekanntes pompejanisches-
Wandbild ( Overbeck , Heroische Galerie Tat.
14, 7. S. 318), wo neben dem trauernden Aga
memnon auf einer Säule ein altertümliches
Idol der blutheischenden Göttin mit dem Polos
auf dem Haupte , zwei Pfeilen in den aus-
gestreckten Händen und zwei Hunden zur
Seite dargestellt ist. Phanodemos setzte für
die Hirschkuh eine Bärin , Nikandros einen
Stier ein ( Etym . Magn. v. TocvqotcoIov) in leicht
verständlicher Anlehnung an die symbolischen
Tiere des brauronischen und taurischen Kul-
tus. Die Vermischung mit Chryse scheint auf
die Mondnatur dieser Göttin anzuspielen, und
schon Hesiod {Paus. 1, 43, 1 = Kinkel a. a. 0.
Fragm. 118) stellte deshalb die Iphigeneia
mit der Hekate zusammen. In dieser umge-
formten Gestalt kehrt der Kultus nach Grie-
chenland zurück; er ist aber nach seiner gro-
fsen Verbreitung gerade im Binnenlande in
seinen primitiven Elementen schon vorher vor-
auszusetzen. In Lakonien (Sparta, Bull, de
corr. hell. 3 p. 19Gf. Kaibel, Epigr. No. 874),
Arkadien , Elis , Megara und Athen ist er an-
sässig, aber auch weiterhin gedrungen. Von
Megara ( C . I. Gr. 1064 = Kaibel, Epigr. gr.
870, Inschrift der Statue einer Priesterin der
Artemis ’OQ&coGcr], jetzt in England, Brocklesby
26, bei Michaelis, Anc. marbles in Great Bri-
tain ) z. B. nach Byzanz (Herod. 4, 87, 103).
Übertragen auch nach Rhegion in Italien, wo
das altertümliche mit Reisig {cpduslov) umge-
bene Idol der Göttin den Namen "ApTepic <t>a-
KeXixic einbringt {Prob. Virg. Bucol. p. 3. ed.
Keil). Vergl. Schneidewin, Diana Phacelitis.
Gotting. 1832. Dies erklärt sich aus der noch
in historischer Zeit bestehenden Sitte , die
formlosen hölzernen Agalmata der anikoni-
schen Kultzeit mit heiligen Pflanzen (Sträu-
chern, Sträufsen u. s. w.) zu umgeben. So ist
beispielsweise auf Münzen ein Idol der Deme-
ter {Overbeck, K.-M. Dem. u. Kora. Münztaf.
8 No. 1 — 5. Archäol. Zeit. 1883 p. 290) bald
mit Mohn und Ähren umpflanzt , bald mit
Fruchtsträufsen besteckt. Hermen , mit grü-
nen Zweigen geschmückt, sind mehrfach auf
Vasenbildern dargestellt ( Boetticher , Baumkult
d. Hell. fig. 42 — 44). Eine ähnliche Ausstat-
tung mufs man in Sparta für das Bild der
Artemis Orthia angewendet haben, da sie den
Namen AuTobecpa führte, also mit Weiden-
zweigen umwunden war. Pausanias 3, 16, 11
erklärt nach der naiven Volkslegende, sie sei
so genannt „weil sie unter W eidenzweigen ge-
funden wurde , die sie umschlungen hatten,
dafs sie aufrecht stand.“ Letztere Bemer-
kung giebt ohne Zweifel zugleich die volks-
tümliche Deutung des Namens Oq&lcc, die
Preller wieder aufgenommen hat, obgleich es
völlig unwahrscheinlich ist, dafs ein allen
ältesten Schnitzbildern gemeinsames Merkmal
des Kultidols Anlafs zur Benennung einer so
eigenartigen Gottheit gegeben habe. Von Tau-
rien her führt die Göttin den Namen die Tau-
rische, TaupiKp, Taupuj, womit allmählich die
TciVQonblog (s. § 7) zusammengeworfen wurde.
Die Verwandtschalt ihres orgiastischen Dien-
stes mit den fanatischen Gebräuchen westasia-
tischer Kulte beförderte ihr Vordringen auch
in Kleinasien, namentlich in Lydien, Kappa-
dokien und am Pontus.
§ 16. Ephesische Artemis,
l. Innerlich den eben betrachteten Kulten
in einigen Zügen verwandt, in anderen aber
sehr unähnlich und durch den Namen bestimmt
von ihnen unterschieden ist der weit verbrei-
10 tete Kult der Artemis von Ephesos ("Aprepic
€cpeda), ein seinem Ursprünge nach vollkom-
men unhellenischer Naturdienst, welchen die
Ionier bereits einheitlich entwickelt vorfanden
30
40
50
Artemis Ephesia. Alabasterstatuette iu Neapel.
go und nur äufserlich ihrem Göttersysteme ange-
gliedert haben. Wenn noch in römischer Zeit
die Epheser gegen Tiberius Apollon und Arte-
mis als bei ihnen ureinheimisch geltend mach-
ten und eine Geburtslegende der Letoiden, im
Haine Ortygia bei Ephesos lokalisiert, zur Be-
glaubigung ihres Vorrechtes anführten {Tac.
Arm. 3, 61), so meinten sie gewifs nicht die
grofse Muttergöttin des Artemisions, zu wel-
|: 589 Artemis (Ephesia)
■ eher Apollon nie in ein genealogisches Ver-
j hältnis gesetzt worden ist. Eine vereinzelte
Notiz, wonach Leto sie hei Koressos ( Steph .
Byz. s. v.) in der Ephesia geboren, kann hier-
; | gegen nicht in Betracht kommen. Nur die
| äufserliche Ausstattung der mit höchstem Pompe
1 gefeierten Tempelfeste war den hellenischen
Gebräuchen mehr und mehr angepafst worden.
Hippische, gymnische und musische Wettkämpfe
j zu Ehren der Göttin kennt die historische
I Zeit (Thule. 3, 104. Dion. H. 4, 25. C. I. Gr.
I 2954. Wood, Discoveries at Ephesus, inscr. Gr.
I' Theat. No. 8. 17. 18. 20. Achill. Tat. 6, 4.
r 1 7, 12. 8, 17). Das Ritual und die Zusammen-
I Setzung des Tempelpersonals bewahrt auch
I späterhin den halbasiatischen Charakter, den
I das altertümliche Kultbild am deutlichsten er-
kennen läfst.
2. Es galt als uralt und vom Himmel ge-
fallen (öionsxsg). Auf Münzen von Ephesos
( Numism . Chrohicle N. S. vol. 20, pl 5 — 9. vol. 15,
pl. 2, 3) wird es mit seinem Schmuck allein
oder in dem ephesischen Tempel häufig ab-
gebildet. Darnach hatte es, wie alle ältesten
Schnitzbilder, cylindrische , nach den Füfsen
zu sich verjüngende Form. Der Oberkörper
allein war menschlich gebildet; die Unterarme,
rechtwinklig vom Körper vorgestreckt, waren
mit Binden (nlrjtdsg genannt bei Hesych. 2,
p. 277, die Göttin selbst wird in einem Ge-
dicht — vermutlich dem Hymnus des Timo-
theos ■ — als ’Agxsyi nolv&vaavs angerufen,
Meinelce, Anal. Alex. p. 226 f.) behängen, die
meist neben den Füfsen am Boden befestigt
scheinen, aber auch frei herabhängen (z. B. in
dem noch zu erwähnenden Amulett). Ein Polos
deckt das Haupt und hält einen schleierarti-
gen, halbkreisförmigen Kopfputz, der ebenso
wie alle übrigen Teile des Bildes mit symbo-
lischen Figuren überdeckt ist. Neben ihr steht
, jederseits ein zu ihr aufschauendes Tier (Hirsch-
ül kuh? vgl. Liban. or. T. 2, p. 665: ’EcpsGioig
ös Kal x'o voyioya t yv tlaqjov sepsgsv. Wood,
1 Ephesus, inscript. from tlie gr. theat. p. 10 1. 21
’Agxsyig XQvasa — Kal at nsgl avxgv ugyvgsoi
I sXacpoL dvo). Nach den schriftlichen Zeugnissen
war das Agalma, wie es die spätere Zeit (vielleicht
schon in Umbildung, denn ein Agalma der
Göttin in Ephesos bildete Endoios von Athen)
kannte, aus Ebenholz .( Plin . 16, 40, nach an:
deren aus schwarzgewordenem Cedern- oder
Weinrebenholz), Gold und Elfenbein. Die sta-
tuarischen, unter sich aber in den Einzelheiten
abweichenden Nachbildungen sind deshalb zum
Teil polylith behandelt, Kopf und Hände aus
Bronze oder schwarzem Marmor, das übrige
aus weifsem Stein. Ygl. die beistehende Ab-
bildung der neapler Statue (nach Collignon,
Mytliol. figuree de la Grece fig. 41). Andere
Statuen bei Chirac, mus. de sculpt. pl. 361,
1195 u. 1198. 562B, 1198B. u. C. 563, 1199.
| Vgl. auch das Mosaik vonPoggio bei Visconti,
Opere varie 2 tav. 5, und Menetreius, Diana
\ Ephesia. Ein Bild dieser Kultfigur von der
Malerin Timarete, der Tochter des Mikon, er-
wähnt Plin. 35 , 59. Unter den Emblemen
sind besonders die am Oberarm sitzenden Lö-
wen und die beflügelten Widder- und Stier-
Artemis (Ephesia) 590
figuren charakteristisch, auch die Biene, welche
auf ephesischen Münzen als ständiges Symbol
auftritt — Attribute, die ebenso wie die Menge
der Brüste (Artemis daher nolv yaexog , multi-
mammia genannt) auf die segensreiche Natur
einer alles irdische Wachstum, Fruchtbarkeit
der Tiere und des Feldes befördernden Gott-
heit liinweisen, daher auch auf der Basis eines
solchen Bildes ( Chirac pl. 563, 1199, jetzt in
Villa Rufinella zu Frascati bei Rom) allerlei
Getier um einen Felsen versammelt ist. Ihrer
Unheil abwehrenden Kraft glaubte man sich
zu versichern, indem man das Bild auf irde-
nen Amulettäfelchen (mit den ygciyyaxa ’EcpD
aia beschrieben) anbrachte, vgl. Stephani, Me-
langes greco-romains 1 Taf. 1.
3. Genauer in das Wesen dieser vieldeu-
tigen Gottheit einzudringen, sind wir nicht im
stände; auch scheint die spätere Zeit selbst
keine klare Vorstellung mehr davon gehabt
zu haben; wenigstens zeigt sich in der Wahl
der Symbole an den Nachbildungen keine bin-
dende Tradition, in Beinamen wie Kggoia cpasG-
epogog (Inschrift römischer Zeit, C. I. Gr. 6797
= Kaibel , Epigr. 798), Ovmg avaGoa ( Kal -
lim. in Dian. 204. Timotheos b. Macrob. 5, 22)
eine bedenkliche Vermischung mit heteroge-
nen Kultvorstellungen. Mond , Sonne oder
Sterne, auch die Fackel wird dem Bilde auf
ephesischen Münzen gelegentlich beigegeben
(Mionnet 3, 215, 361. 400 etc.), aber die Licht-
natur konnte ihr aus Analogie des hellenischen
Artemisdienstes jüngerer Auffassung beigelegt
werden. Ebendaher wird die von Kallimachos
(Dian. 237, vgl. 248) und Paus. 7, 2, 4 (vgl.
Dionys. Perieg. 828) nacherzählte Legende ab-
geleitet sein, dafs vor Errichtung des Tempels
ein heiliger Baum mit dem Bild darauf oder
darin vorhanden gewesen (goI Kal ’Aya'Qoviösg
ßgtxag iSgvcavxo cpgyov vnb ngeyvca). Vergl.
Boctticher , Baumlcult d. Hell. p. 142. Wenig
Gewähr haben auch die romantisch gefärbten
Erzählungen des Achilles Tatios. Alle speziel-
len Deutungen (die ephesische Artemis als
Mondgöttin: Preller, Griech. Mythol. lä, 243,
als Wasser- und Sumpfgöttin: Guhl, Epliesiaca
p. 80, der den Parallelismus der griechischen
Artemis mit der Göttin von Epihesos überhaupt
aufs strengste durchzuführen sucht) können
nicht als gesichert bezeichnet werden. Aller-
dings darf der deutliche Bezug des Heilig-
tums zur Seefahrt — vielleicht nur die Be-
kräftigung der weitgreifenden Macht dessel-
ben — nicht übersehen werden. Am Meeres-
strande war es errichtet (Plin. 2, 87) und
erhielt sich auch nach der vorschreitenden
Versandung desselben den unmittelbaren Zu-
sammenhang mit der See durch künstliche
Bassins und Kanäle (daher das Tempelamt der
vavßaxovvxs g C. T. Gr. 3956). Fisch und Eber
werden in der Gründungssage genannt (Athen.
7, 361), die Okeanide Hippo als älteste Prie-
sterin angeführt (Kallirn. Dian. 239) und See-
vögel sind der Göttin heilig, woraus Curtius,
Beitr. zur Gesch. u. Top. Kleinasiens in d. Ab-
handl. d. Berlin. Akad. 1872 p. 67 den Schlufs
zog, dafs die erste Anlage des Küstenheilig-
tums durch phönikisclie Seefahrer erfolgte.
591 Artemis (Ephesia)
Doch führen die Eigenheiten des Priesterstaa-
tes vielmehr auf binnenländische Einflüsse.
4. Darnach ist wahrscheinlich, dafs die
ephesische Artemis eine ähnliche Bildung ist,
wie die grofse, im zwiefachen Komana verehrte
Muttergöttin (Ma), welche mit wilden Orgien
gefeiert wird, bei denen die Priester und Ver-
ehrer sich mit gezücktem Schwert zerfleischen,
die Schar heiliger Weiber sich preisgiebt
u. s. w. Vgl. Ersch und Gräber, Allgem. Encycl.
2 , 32 u. d. W. Kappadokien p. 384. So ist
auch in Ephesos die Kultpflege in orientalischer
Weise geordnet. An der Spitze der verschnit-
tenen, von auswärts sich ergänzenden Tempel-
diener steht ein Oberpriester, <xq%ieq£vs ( C . I.
Gr. 2955, sein Amt ccqiieqcogvvyi ib. 2987 1. 7),
der den Kamen ’Eoariv (d. h. König Etym. M.
383) führt und dem eine Schar entmannter
Priester, die Mtydßv'Qoi oder gräcisiert Mtya-
lößvgoi (, Strdb . 14 p. 950. Xen. Anab. 5, 3, 6. 2
Apostol. 5, 44), unter ihnen einer Namens Mv-
, ferner Priesterinnen in drei Rangstufen
geteilt, die MeXXieqki, ’Isqcu u. IIkqisqki. (Flut,
an seni sit ger. resp. 24. C. I. Gr. 3001 — 3003),
endlich eine Menge von Hierodulen unterstellt
waren. Von letzteren war auch das voagypa
zyg AgzipiSog, die Schmückung des Kultbildes
mit Binden und Gewändern, zu besorgen ( C . I.
Gr. 3002. 3003. Wood, Ephesus inscr. gr. theat.
p. 38, die Grabschrift einer voaprjZEtQri ib. cit. 3
and suburbs No. 14). Für einzelne Verrich-
tungen bei den Opfern und Festen sorgten be-
sondere Tempeldiener , deren Zahl sehr be-
trächtlich war. Es fungierten die tGzuxzoQtg,
welche einen eigenen Raum des Artemisions,
das £6ziu.z()qiov , bewohnten (Paus. 8, 13, 1.
Hesych. s. v.), am Altar die ETuAvpiazQoi u.
uHQiroßäzcu (Hesych. s. v. C. I. Gr. 2983), beim
Opfer und bei den Aufzügen die ie QovfjQvvsg
(C. I. Gr. 2982. 2983. 2990. Wood, Ephesus, i
inscr. Aug. 6, 8), GnovduvXcd und ugocttlTciyn-
zcd (ib. 2983), aufserdem ngonoXot und Ato-
ngbnoi (Hesych. s. v. vtcovogog, &eu>qol), auch
die tsQo l innaQxoL , die Anführer einer beritte-
nen Schutzwache des Heiligtums. Das Haupt-
fest des Kultus, ’EcpiGux oder AgzEgiGia, auch
Otr.ovptviv.oi genannt, fand im Frühling statt,
im Monat ’AgzEpiaicov, der überhaupt ganz mit
Feierlichkeiten für die Göttin ausgefüllt war
(C. I. Gr. 2954 A. Lebas- Waddington, Voyage 5
n. 137). Prächtige Agonen, Faust- und Stier-
kämpfe, Wettkämpfe im Stadion und im Thea-
ter versammelten ganz Ionien und gaben der
bildenden Kunst fortdauernd Anregung und
Aufträge (z. B. Gemälde des Apelles Plin. 35,
93: pinxit Megabyzi sacerdotis Dianae Ephe-
siae pornpam), wie denn mit Kunstwerken der
Tempel reichgeschmückt war. Vgl. G. A. Zim-
mermann, Ephesos im ersten christlichen Jahrh.
Jena 1874 p. 1 1 3 ff. , 76f. Bursian in d. Allg. 6
Encycl. 1 , 82 p. 401. Wood, Ephesus. Ein
Aufzug mit Gelagen verbunden, die dtinvoyo-
Qiav.g Tcoynp, in gleichem Monat (Wood, Eph.
inscr. gr. Theat. 19. G. Curtius , Hermes
4, 204).
5. Ein eigener Legenden- und Götterkreis
scheint sich um die Göttin des Artemisions
gebildet zu haben, wovon aber nur Spuren auf
Artemis (Ephesia) 592
uns gekommen sind. Hesychios s. v. ’Appccg er-
wähnt einer Amme der Artemis , die den un-
hellenischen Namen ’Appdg führt. Paus. 10, 38,
3 sah in ihrem Tempelbezirk einen Altar der
Artemis als TigazoAgovia. Zu Füfsen des Kult-
bildes angeschriebene Namen wurden auf die
Idäischen Daktylen bezogen (Lübeck, de Idaeis
Dactylis 2 = Agl. 1163 f.). Eng verbunden sind
mit der Göttin die Amazonen, doch beziehen sich
alle Angaben über sie nur auf die Geschichte
des Tempels und des Bildes, welche von ihnen
gestiftet sein sollen oder deren Ursprung mit
ihrer eigenen Entstehung in Zusammenhang
gebracht wird. Vgl. die Stellen unter d. Arti-
kel Amazonen S. 274. Die reiche dichterische
Ausschmückung der Sage, z. B. die Schilde-
rung des Kallim. Dian. 237 , wie die Amazo-
nen der Göttin in Ephesos unter Syringenklang
zuerst Kreistänze, dann Reigentänze aufführen
und Opfer darbringen , giebt natürlich keinen
historischen Anhalt, denn der Stoff reizte zu
selbständiger Behandlung und die griechische
Kunst, besonders die bildende, hat sich über-
haupt die Verherrlichung des Amazonenmythus
zu Ehren des ephesischen Kultus sehr angele-
gen sein lassen (Amazonenstatuen im Artemi-
sion von Plieidias, Polyklet, Kresilas u. a. s.
oben S. 277). Direkt bezeugt ist der orgia-
stische Charakter des Kultus durch Timotheos
von Milet, welcher zur Einweihung des von
Herostratos eingeäscherten Tempels in einem
Hymnus die Artemis als ycuvdd'u Ava da qr-ot-
XvGGccda pries (Flut, de aud. poet. p. 22 a.
MeineJce, Anal, Alex. p. 226), was zusammen-
gehalten mit dem Eunuchentum der Priester,
deren Namen persischen Ursprung verraten,
die erwähnte Parallele mit dem Dienste der
asiatischen Ma nahe legt. Aus dem Hierodu-
lenwesen wollte O. Müller, Dor. I2, 393 ff., die
Keime der Amazonensagen (freilich liegen sie
uns nur in vollständig hellenischer Umbildung
vor) erklären, und entschieden ist dies anspre-
chender als der Gedanke an nordische Ein-
flüsse (Klügmann im Artikel Amazonen p. 275 f.),
deren Einwirkung auf asiatische Naturdienste
kaum wahrscheinlich zu machen ist.
6. Das Ansehen der ,.grofsen Herrin von
Ephesos“ (Artemis pEydXy C. I. Gr. 2963 c.
'Eepsaov dvcccaa ib. 6797 , y ptyCazy Atu Ag-
ztpig. Wood , Ephes. inscr. gr. theat. p. 24
u. ö.) und die Vorrechte ihres Heiligtums (da-
runter das noch in römischer Zeit festgehal-
tene Asylrecht Tac. Ann. 3, 61), die Bestim-
mung zum Mittelpunkt ionischer Stammgenos-
senschaft (Dion. Hai. 4 , 25) befördern die
Verbreitung des Kultus weit durch Kleinasien
und über die Inseln. Nach Inschriften und
Münzen findet er sich in Mitylene, Kyzikos,
Klaros, Klazomenai, auf Samos, Chios, auf
Kreta u, s. w. (Guhl, Ephes. p. 104). Arte-
raisbilder, dem ephesischen ähnlich, sieht man
auf Silbermünzen, die wahrscheinlich während
der Herrschaft des Mithradates geprägt wor-
den sind (Ile ad , coinage of Ephesus pl. 5,
2 — 6. Friedländer- Sollet, Münskab. zu Berlin
No, 2 1 9 f . ) , auf Silbermünzen des Demetrios III.
von Syrien (Cat. of greec coins. Seleucid Icings
No. 449). Ihm nachgebildet ist die Figur der
593 Artemis (Letikophryene etc.)
Artemis Astvrene auf Münzen von Antandros
in Mysien ( Zeitschr . /'. Numism. 7, 1880 Tf. 2,
14; vgl. Strab. 13 p. 006. 613). Ferner ist der
ephesische Kult, doch wohl erst in jüngerer
Zeit, im Peloponnes vielfach zur Anerkennung
gekommen, in Alea (Paus. 8, 23, 1) , Megalo-
polis (mit Pan verehrt, der in Ephesos und
auch sonst in Kleinasien gern zu der Göttin
des Artemisions gesellt wird, Paus. 8, 26, 2.
Zimmermann a. a. 0. p. 125), in Sikyon, Korinth
u. s. w. (Guhl, Ephes. p. 97). Nach Messenien
wird er von Xenophon gebracht (Anab. 5 , 3.
4 — 13), durch die Phokäer nach dem ionischen
Massalia übertragen (Strab. 4, 179. Hermann,
Gottesel. Alt. § 68, 39) , von hier aus au der
spanischen Küste verbreitet (Strab. 3, 159.
179 ff.). Litte r atu r: Guhl, Epliesiaca. Berl.
1843. E. Gurtius, Beitr. zur Gesell, u. Topogr.
Kleinasiens (in den Abhandl. d. Berlin. Akad. d.
Wiss. 1872 Phil. -hist. CI. p. lff.). Drs., Ephe-
sus. Vortrag, Berl. 1874. G. Ad. Zimmermann,
Ephesos im ersten christl. Jahrh., Jena 1874.
J. T. Wood, Uiseoveries at Ephesus, including
ilie site and remains ofthe great temple of Diana.
London 1877. [Ed. Meyer, Gesell, d. Altertums
1 § 253],
§ 17. Artemis Leuk opliry ene, Per-
gaia, Koloene etc.
1. Wahrscheinlich aus gleicher Wurzel, wie
der epliesische Kult , erwuchs derjenige der
Artemis AeuKoqppuvr) (so durchgängig auf Mün-
zen; vgl. Bofs, Hellenika p. 41), die auf In-
schriften meist AeuKoqppupvri , bisweilen auch
Aeuxoeppue, wie der gleichnamige Ort, benannt
wird. Sie wurde in Phrygien an einem süfseu
und warmen Teiche verehrt (Xenoph. Hell. 3,
2, 19) und war Hauptgottheit der Magneten
in Kreta (an ihrem Altar der Vertrag zwischen
Itania und Hierapytna geschlossen, G. I. Gr.
2561b), welche den Dienst bei ihrer Übersied-
lung nach Magnesia am Mäander übertragen,
wo sie mit ähnlichen Glanz, wie die ephesische
Artemis in einem prächtigen Tempel verehrt
wurde (G. I. Gr. 2914. 2934. 3137. Tue.
Ann. 3, 62). Über den Tempel vgl. Bursian
in der Allgemeinen Encyclopädie 1, 82 p. 452.
Auch Themistokles pflegt den Kult, und seine
Söhne weihen ein Bild der Göttin nach Athen
( Pausan . 1, 26, 4). Ebenso stiftet Bathykles
von Magnesia ihr Bild in den Tempel des
Apollon Amyklaios , für den er den gold-
1 elfenbeinernen Thron geschaffen hatte (Paus.
3, 18, 9; vgl. Arcli. Ztg. 1883 p. 291 Anm.
41). Auf Münzen wird sie ganz ähnlich darge-
| stellt, wie die Artemis ’Ecptoia, unterwärts
I konisch , vielbrüstig und mit Polos (Mion-
net 3 , p. 137. Bernte de numismatique beige
4, Ser. Bel. 3, 1865 pl. 18, 18. Denhn. d. alt.
K. 1, 2, 14); heilige Büffel sind ihr beigege-
ben. Über die Verbreitung des Kultus u. s. w.
| (er ist auch in Milet angesiedelt) vgl. Appian
I b. c. 5, 9. Strab. 14, 647.
2. Eine besondere Form der asiatischen
I Göttin finden wir in Perge in Pamphylien, mit
(Artemis identificiert als Artemis TTep'fui«. Ei-
I gentümlich sind ihrem Orakeldienste die das
Land durchstreifenden Bettelpriester (Hesych.
| Suid. Phot. s. v. Strab. 14, 667. Cie. in Vcrr.
Artemis (Kunst, Kulttypen)
594
1, 20, 54; vgl. G. Bitter, Asien 9, 2 p. 585 ff).
Auf einer Inschrift von Perga wird sie g rieg-
yai'cov fffer "Agzegig genannt (G. I. Gr. add.
4342 b) , in Halikarnafs Artemis Hsgyaia (ib.
2656). Das Heiligtum in Perge hatte Asyl-
rechte, wie auf Münzen der Stadt angegeben
wird, welche den Tempel mit dem Bilde dar-
stellen. Der ursprüngliche Name warManapsa
(Wt addington, Voyage en Asie Mineure au point
io de vue numismatique p. 94 ff.) Es ist ein un-
förmlicher, konischer Stein, mit metallenem
Zierat reichlich bedeckt, welcher meist bän-
derartig den untern Teil umgiebt, oberwärts
in einen weiblichen Kopf ausläuft. Darüber
sind zwei Sterne abgebildet, zur Seite zwei
stehende Figuren (Gerhard, Ant. Bildiu. Taf.
307. 308. Ders. Gesammelte Abhandl. Taf. 59).
Dafs auch in diesem Kult die griechische Kunst-
auffassung der Artemis im Jagdkleide angenom-
20 men war, zeigen Silbermünzen des vollkom-
menen Stils (Friedländer -Sollet, Berl. Münzlc.
2. Aufl. p. 90, No. 238), deren Typen ohne
die Beischrift ’Agz sgidog nigyaiag etwa der
Agrotera oder Lapliria zugeschrieben werden
würden.
3. Andere Formen der kleinasiatischen Ar-
temis sind die Artemis Ko\or|vfi am Gygäi-
schen , später Kolög genannten See in der
Nähe von Sardes (Strab. 13, 626; vgl. Arch.
30 Ztg. 1853 p. 150), die am Sipylos mit aus-
gelassenen Tänzen verehrte Artemis (Paus.
6, 22, 1), endlich die persische Artemis (Arte-
mis TTepda, TTepciKf)), worüber zu vgl. u. d.
Worte Änaitis. Andere Kultbildungen sind zu
besprechen unter Bendis, Britomartis, Hekate,
Eileithyia, Selene.
Kunstmythologie der Artemis.
§ 18. Kulttypen.
40 1. In den Kunstdarstellungen der Artemis spie-
gelt sich die Vielseitigkeit ihres Wesens nur un-
vollkommen wieder. Manche Kultvorstellungen
sind in der bildenden Kunst nicht zum Ausdruck
gekommen oder wenigstens bildlich nicht mehr
nachweisbar. Die homerischen Schilderungen
(also die jüngere Auffassung) beherrschen die
künstlerische Phantasie und führen dazu, zwei
Seiten hervorzuheben, Artemis darzustellen als
die das Wild liebende , jagdfreudige Göttin
50 und als Spenderin von Licht und Leben, da-
her Bogen und Fackel, allein oder verbunden,
ihre Hauptattribute werden. Specielle Bildun-
gen , die in einzelnen Lokalkulten ausgeprägt
werden, sind bereits erwähnt worden : die Ar-
temis Kray Ca §6,2, nazgtmztg § 14, 5, d>£~
guia § 7, 2, Tavgonölog § 7, 1, tbcoGcpogog
§ 9, 2, ’Tpvaia § 10, 3, Evnga^ia § 10, 2 u. a.
2. Hier sollen zunächst ähnliche Gestalten,
die sich nur nicht mit besonderen Kultnamen
eo belegen lassen, und alle speciellen, vom mitt-
leren Artemisideal sich entfernenden Typen zu-
sammengestellt werden. Die Lanze, das Sym-
bol ihrer verderbenden Natur, hat Artemis auf
dem Relief von Asopos (Arch. Ztg. 1882 Taf.
6, 1) und auf Vasenbildern gelegentlich (z. B.
Denhn. d. alt. Kunst 1, 2, 11. Arch. Ztg. 1869
Taf. 17. El. ceram. 1, pl. 97. 100. 103. 103 A).
Vollgerüstet sah sie Paus. 4, 13, 1 in Messe-
595 Artemis (Kunst, Kulttypen)
nien, wie denn aucli die Alxcohi] in Naupaktos
als Speerwerferin aufgefafst war (§ 5, 2). Be-
fliigelung zeigt die asiatische Artemis, welche
Löwe und Panther hält (§ 6) und ausnahms-
weise ein attisches Vasenbild reifen Stils auf
einer rotfigurigen Oinochoe der Sammlung Du-
tuit ( Frölmer , Musees de France pl. 4). Arte-
mis trägt hier den langen Armeichiton , auf
dem Kopfe eine Haube, im Rücken den Köcher
und in der Linken Pfeil und Bogen, während l
sie mit der Rechten ein Rehkalb liebkost.
3. Am Anfang der Entwickelung stehen die
formlosen Idole der anikonisclien Epoche, säu-
lenartige Kultobjekte, wie dasjenige zu Sikyon
(§ 14, 5) oder das AvyoSsagci der Artemis Or-
tliia zu Sparta (§ 15 , 2) , das steinerne Idol
der Artemis TLsgyakcc (§ 17, 2). Das Bild der
ikarischen Artemis nennt Arnobius (adv. gent.
6, 11) ein lignum indolatum. Die Kubus- oder
Cy linder form, doch mit angesetztem Kopf und 2
Gliedmafsen, haben manche altertümliche Ar-
temisdarstellungen auf Vasenbildern. Ein rot-
figuriger Krater des neapler Museums - z. B.
( Heydemann No. 2200 abgeb. Arcli. Ztg. 1853
Taf. 55) zeigt das Opfer des Oinomaos im
Beisein von Pelops und Hippodameia vor dem
auf einer Säule stehenden Kultbild der Arte-
mis , welches um den pfeilerartigen Körper
einen Mantel, auf dem Haupte den Polos, in
den Händen Schale und Bogen trägt. Die 3'
Brüste sind unbedeckt. Über Artemis Chryse
siehe § 15, 1.
4. Eine Reihe von nicht sicher zu benennen-
den Kultbildern ist auf attischen Tetradrach-
men als Beiwerk abgebildet. Der älteste Ty-
pus wird bei Beule, Monnaies d'Athenes p. 287
wiedergegeben und auf Artemis Eukleia be-
zogen, Artemis im langen Gewände, in ruhi-
ger Stellung, Schale und Bogen in den Hän-
den, den Hund zur Rechten. Die übrigen ge- &
ben ihr eine oder zwei Fackeln, bald das
kürzere Jagdgewand (p. 325. 375 n. 214, letz-
teres ein der Praxitelischen Statue in Anti-
kyra verwandter Typus), bald den langen, glatt
niederfallenden oder im Vorschreiten aufge-
blähten Chiton (Beule p. 325). So berührt sie
sich in einzelnen Fällen mit Typen der Deme-
ter, nur dafs diese den faltenreicheren Über-
wurf, als Abzeichen der mütterlichen Gottheit,
führt. Wie in attischen Votivreliefs Demeter 5
in ruhiger Haltung mit jeder Hand eine Fackel
emporhält (z. B. Le Bas, Mon. fig. pl. 45), ist
Artemis als Kultbild mit doppelter Fackel an
einem Altar des Museo Chiaramonti (Comp. 6,
No. 123) dargestellt, umgeben von ihren Attri-
buten, Bogen, Pfeil, Lanze und Krone, dazu
ein heiliger Baum mit daran geknüpften Opfer-
gaben. Ähnlich die Götterbilder auf einem
pompejanisclien Wandbild mit Meleager und
Atalante [Helbig No. 1165. Mus. Borb. 7, 2) 6
und auf einer Gemme, Sammlung Luynes (Nar-
cifs sich spiegelnd, King, Antique gems rings
pl. 41, 1). Diese besonders würdige Auffas-
sung ist noch auf Vasenbildern nachweisbar,
so auf der Prachtamphora aus Cegli im Ber-
liner Museum (No. 1016. Gerhard, Apul. Va-
senbild. Tf. B, 2), wo Artemis im langen Chi-
ton, die brennende Fackel in jeder Hand er-
Artemis (Kunst, Kulttypen) 596
hebend, inschriftlich gesichert ist. Delphische
Kultverhältnisse scheinen auf der Vase Elite
ceram. 2 pl. 45 gemeint zu sein, Apollon mit
dem Lorbeerzweig auf dem Omphalos sitzend,
vor ihm Artemis, der eben erwähnten glei-
chend, und die Hirschkuh, hinter beiden das
delphische Heiligtum. Aufserdem Satyr und
Mänade und Hermes, der den pythischen Gott
zur Reise in das Hyperboreerland auffordert.
Einen direkten Vergleich mit den erwähnten
attischen Typen geben Münzbilder von Tana-
gra (Prolcesch- Osten, Inedita 1859 Taf. 2, 31)
und von Tyrrheion in Akarnanien ( Wiener
numism. Zeitschr. 1878 Taf. 3, 23).
5. Ist hier dieLicht und damitLeben gebende
Göttin versinnlicht, so prägt sich in einer grofsen
Reihe von statuarischen Typen , deren nahes
Verhältnis zum Kultus unverkennbar ist, die
Beziehung der Artemis zu animalischer Frucht-
barkeit aus. Als Jagdfreundin fafst sie das
Wild am Gehörn oder an den Füfsen , als
Schätzerin desselben trägt sie es auf dem Arm
oder über der Schulter. Letzteres findet sich
auf einem Relief des Palazzo Colonna in Rom,
Artemis., leicht archaisierend, als Kultfigur im
langen Ärmelrock, ein Tierfell um die Hüften,
das Böcklein auf der linken Schulter tragend,
neben einem ländlichen Heiligtum aufgestellt
(Gerhard, Antilce Bildwerke Taf. 42 = Bötti-
cher, Baumkult d. Hell. Fig. 26). Die Anmut
Praxitelischer Kunst verrät die schöne Sta-
tuette des Dresdner Museums, Artemis im
Amazonengewande, darüber die schärpenartig
geknüpfte Nebris , in deren Falten sie das
Kälbchen trägt (s. die Abbildung zu § 6).
Ein verwandter Typus mit vollerer Bekleidung
in Rom, Palazzo Piombino (Matz-Bulm, An-
tike Bildw. in Rom No. 668). Strenger auf-
gefafst ist die Statue der Villa Albani , Arte-
mis noch im langen, gegürteten Gewände, das
Kälbchen auf ihrem linken Arm (Gerhard,
Ant. Bildw. Taf. 12 = Chirac 678 F, 1621B
vgl. die Abbildung zu § 5). Zweifelhaft kami
man bei einigen Terrakotten der volleren
Gewandung (Chiton und Mantel) wegen sein,
ob die tiertragende Göttin Artemis oder
nicht vielmehr Persephone zu nennen ist, be-
sonders bei einer Thonfigur aus der Krim
(Compte-rendu 1859 Taf. 4, 2), wo noch Schleier
und Granatapfel auffällig sein würden. Sicher
ist wenigstens eine Figur durch den beigefüg-
ten Bogen (Compte-rendu 1872 Tf. 3, 4); aber
ganz ähnlich wie hier das kaninchenartige
Tier auf den rechten Arm gesetzt ist, findet es
sich bei einer mit dem Doppelgewand beklei-
deten Figur (Panofka , Terrakotten des Ber-
liner Museum Taf. 29) , welcher der Bogen
fehlt. Wenn hier die Beziehung auf Artemis
richtig ist, würde auch ein Torso des Bri-
tischen Museums (Clarac 566, 1207 A), mit
Chiton und Mantel bekleidet, ein Stierkopf zur
Seite, der Artemis zugewiesen werden dür-
fen. Unzweifelhaft ein Tempelbild ist in der
Statue aus Gabii in der münchener Glyptothek
(No. 93. Benkm. d. alt. Kunst 2, 16, 168 und
Clarac pl. 566, 1246 B. Friederichs, Bausteine
No. 61) wiedergegeben. Köcher und Rehkalb,
das an den Vorderbeinen gcfafst wird, cha-
597 Artemis (in d. arcli. Kunst)
Artemis (in d. arcli. Kunst) 598
rakterisieren die Göttin, aueli die Stirnkrone,
liier aus kleinen Rehböcken und Kandela-
bern zusammengesetzt, wird ihr seit helleni-
| stischer Zeit häufig gegeben. Ungewöhnlich
ist der Schleier, der vom Haupte langwallend
über den Rücken herabfällt. Die im Flattern
der Gewänder angedeutete lebhafte Bewegung
ist hieratisch gebunden, archaistisch auch die
Haarbehandlung. Eine Kultfigur könnte ferner
in demlntaglio eines Siegelringes ( Comptc-rendn 10
1873 pl. 3, 9) nachgeahmt sein, Artemis im
Chiton poderes mit dem Köcher, den Pfeil er-
hebend, zur Rechten Altar und Lorbeerbaum,
zur Linken die Hirschkuh , emporblickend.
Eine Mischgestalt, Hekate nach Welcher, nach
Furtwängler ( Eros p. 12) Artemis als Eupra-
xia oder Peitho , vielleicht richtiger Artemis
die Wildgöttin, auf dem von Eros gelenkten
Greifengespann , sie selbst ein Hirschkalb auf
der rechten Hand tragend, zeigt eines der meli- 2o
sehen Terrakottenreliefs (aus Aigina stammend,
Welcher, Alte Denkmäler 2 Tf. 3, 6; vgl. ein
anderes Exemplar, wo das Tierattribut weg-
gelassen. Bull, de corresp. hellen. 1879 pl. 13).
6. Solche Lokalauffassungen mag es in
Menge gegeben haben, sie wurden aber all-
mählich von den Idealtypen der Kunst zu-
rückgedrängt, deren Bildersprache volkstüm-
lich verständlicher war, und deshalb scliliefs-
lich selbst in fremdartigen Kulten Eingang ao
fand. Bezeichnend dafür ist das Beispiel der
Münzen von Ephesos , die seit dem dritten
Jahrhundert den Kopf der hellenischen Arte-
mis, endlich selbst den Typus der kurzgeschürz-
ten Jägerin führen ( Numism . chronicle N. S. 20
pl. 5 — 9). Ebenso ist auf Münzen von Kydo-
nia in Kreta die Britomartis vollkommen hel-
lenisiert , im Amazonentypus aufgefafst , mit
der Linken die lange Fackel aufstützend, zur
Rechten den Jagdhund ( Bellerin , med. de 40
peupl. et de villes 3 pl. 99, 35. Mionnet 2 p. 273
No. 123).
§19. Entwickelung des Artemis-
ideals: Archaische Zeit.
Obgleich Kultvorstellungen die ganze ältere
Plastik bedingen, giebt doch die Zusammen-
stellung der Artemis mit Apollon dem sie als
Zuschauerin bei seinen Thaten beigegeben wird,
frühzeitig Veranlassung, die Göttin vom rein
j künstlerischen Standpunkte aus zu betrachten 50
I und einen möglichst einfachen Ausdruck für
' sie zu suchen. Schon die Schule kretischer
Daidaliden behandelt sie in Darstellungen des
Dreifufsraubes (Dipoinos und Skyllis, Mar-
i morgruppe in Sikyon, Plin. 36 , 10, dieselben
fertigen ein Schnitzbild der Artemis Munychia
am gleichen Orte Giern. Alex. Protr. 4 p. 42
Pott.). Diese Statuengruppe war vielleicht
Vorbild für manche nachbildlich erhaltene ähn-
1 liehe Kompositionen. Nochmals statuarisch 60
behandelt, kehrt sie in Delphi wieder, als Werk
1 der korinthischen Meister Diyllos, Amy-
klaios und Chionis, von denen letzterer
; Athene und Artemis ausführte, als Gegen-
stücke so aufgefafst, dafs Athene den Dreifufs-
: räuber Herakles zurückhielt, Artemis dem Bru-
! der beistand (Paus. 10, 13,4). In einem Drei-
| fufse brachte Gitiadas von Sparta ihr Bild an
(Paus. 3, 18, 5). Aufserdem werden Statuen
des Arkesilaos von Paros (Diog. Lacrt. 4,45),
desDionysios von Argos (aus dem Weihge-
schenk des Mikythos in Olympia Paus. 5, 26,
2) genannt. Zahlreiche Bilder hatte sie in De-
los, wo ihr im Monat Artemision das Fest der
Artemisia Britomartia gefeiert wurde (Bull, de
correspond. hellen. 1882 p. lff.). Eine Anzahl
höchst altertümlicher
selbst neuerdings auf«
ter die nebenstehend
geschenk der Nikan-
dra aus Naxos, in-
schriftlich gewidmet
der SKrjßoXcp lo%euiQr]
(Bull, de corr. hell.
1879 pl. 1; vgl. Ar-
chäolog. Zeitung 1879
p. 85 ff.). Die Göttin
tragt den langen, ge-
gürteten Chiton ; reich-
liches Haar, in symme-
trisch gelegte Flech-
ten geordnet, fällt auf
die Schultern nieder,
während die Arme
steif am Körper an-
liegen. Unsicher ist,
ob eine an Rücken
und Füfsen geflügelte,
in heftigem Ausschritt
zur Seite stürmende
weibliche Gewand-
figur, ebenfalls in De-
los gefunden, ein W erk
des Mikkiades und
seines Sohnes Archer-
m o s , Artemis oder
Nike darstellt (Bull, de
corresp. hell. 1879 pl. 6.
7, vgl. Böhl, Inscr. gr.
antiqu. 380 a). Die Söh-
ne des letzteren arbei-
ten gleichfalls für De-
los und haben Bilder
der Artemis für das
kretische Lasos und
für Chios geschaffen
(Plin. 36 , 13). Ein
Werk des Tektaios
und Angelion in De-
loserwähnt Athenago-
ras (Leg. pro Christ.
14 p. 61 ed. Dechair.).
Eine bestimmte Typik,
die fortan für einen
Teil der Artemisbil-
der mafsgebend bleibt,
finden wir zum ersten
Mal bei dem Werke
der Naupaktier Men-
aichmos und S o i d a s
Marmorstatuen ist da-
jefunden worden, darun-
abgebildete, ein Weih-
Statue der Artemis, gefunden
in Delos. (Nach Collir/non,
Myth. de Ict Grece).
(c. Ol. 80 = 460 v. Chr.)
angewandt. Von ihrer Hand war die Goldelfen-
beinstatue der Artemis Laphria, in jagender Stel-
lung aufgefafst (ro gsv G%ripa. T°v ayälgazoe ftg-
qevovaä egtlv (Paus. 7, 18, 6). Etwa derselben
Zeit gehört das Vorbild der kleinen, durch die
wohlerhaltene Bemalung merkwürdigen Mar-
599
Artemis (in d. fr. Kunst)
Artemis (in d. fr. Kunst)
morstatue an, die in Pompeji innerhalb eines
Tempelchens gefunden wurde und sich jetzt im
neapler Museum befindet (Müller -Wieseler,
Denlcm. d. alt. Kunst 1, 10, 38. Clarac 565,
1200). Ein Ärmelchiton und ein feingefälte-
ter Mantel bekleiden sie, ein Köcher und ein
mit Rosetten besetztes Diadem , sowie der
weite Ausschnitt dienen zur Charakteristik. Sie
hebt mit der Rechten einen Gewandzipfel
und hielt (nach einer Berliner Gemme) in der io
Linken die Fackel. Das Gesicht zeigt mäd-
chenhafte Züge, deren ,, jungfräuliche Schüch-
ternheit“ noch ursprünglicher in einem ver-
wandten Marmorkopf des Capitolinischen Mu-
seums zum Ausdruck kommt. Eine geringe
Wiederholung derselben Figur enthält die
Sammlung von S. Marco in Venedig (Clarac
561, 1196). Archaistische Bildungen, wie diese,
sind nicht zahlreich erhalten. Den erwähnten
Statuen kommt am nächsten die Figur der 20
Artemis in den sogenannten choragischen Re-
liefs (Nike vor Apollon Kitharoidos, Artemis
und Leto), deren Vorbild in Delphi zu suchen
ist (Fröhner , Notice du Louvre No. 12 — 18,
p. 41 ff. Welcher, Alte Denkmäler 2 Taf. 2, 3
p. 37 ff. 0. Jahn, Archäol. Beiträge p. 209 f.).
Hier ist der feine vom Rücken herabwallende
Schleier bemerkenswert. Ohne diesen, doch
in gleicher Doppelgewandung, erscheint die
Bogen und Hirschkuh führende Artemis auf 30
dem korinthischen Puteal (Denlcm. cl. alt. Kunst
1, 11, 42). Aus dem Motiv der pompejanischen
Statuette scheint auch dasjenige der Artemis-
figur des oben (S. 311) abgebildeten Spada-
reliefs entwickelt zu sein. Den einfachen Chi-
ton poderes mit Überschlag , im langen Haar
ein reifenartiges Diadem, trägt Artemis in der
Aktaiondarstellung einer jüngeren Metope von
Selinunt (Benndorf, Meiopen von Selinunt Tf. 9 ;
s. ob. S. 215). Von den Gemälden, welche litte- 40
rarisch bezeugt sind, fällt nur eines in diese
ältere Epoche, das Wandbild des Aregon von
Korinth im Tempel der Artemis Alpheionia bei
Olympia, Artemis nach der Hyperboreerlegende
darstellend, wie sie vom Greifen emporgetra-
gen wird (Strab. 8, 343; vgl. Kl. cer. 2, 44).
§ 20. Zeit der freien Kunst.
In der ersten Blütezeit ist Artemis noch
wenig Gegenstand künstlerischer Behandlung,
während sie im vierten Jahrhundert mit den 50
übrigen jüngeren Gestalten des Olymp die
bildende Kunst sehr lebhaft beschäftigt. Die
attische Plastik ist zunächst dem Ideal des
Zeus und der Athene zugewendet; nur im
Peloponnes veranlagt das Ansehen des Arte-
miskultus eine Reihe von Darstellungen der
Göttin. Unter den Bildwerken des Parthenon
kehrt Artemis einmal wieder im Kreis der
XIl Götter des Ostfrieses (Michaelis, Parthenon.
Taf. 14 Fig. 26), und zwar an der Seite des 00
Apollon sitzend, mit Chiton und Mantel be-
kleidet und durch die lange Fackel in ihrer
Linken ausgezeichnet. Vgl. Flasch, zum Par-
thenonfries S. 48. Noch schlichter ist ihre Er-
scheinung auf dem Friese des phigalischen
Tempels (Denlcm. d. alt. Kunst 1, 28, 123 b);
es fehlen alle Attribute, im einfachen, nach
attischer Sitte über der Brust kreuzweis ge-
gürteten Chiton lenkt sie das Hirschgespann,
welches auch den Bruder trägt. Doch wird
bei diesen mehr dekorativen Darstellungen
eine genauere Charakteristik nicht vermifst.
Mit grofser Würde ist dagegen eine Statue
der Sammlung Lansdowne (Clarac 564 A, 1213 A)
ausgestattet, die ihrer ganzen Auffassung nach
der attischen Kunst perikleischer Zeit voll-
kommen würdig zu sein scheint, und ebenso fes-
selt durch Strenge und Schönheit der Formen
das Votivrelief des Sohnes eines Bakchios (Le
Bas, Voyage archeol. Mon. fig. pl. 41) , Apoll
auf dem Dreifufs, Leto und Artemis, die sich
auf den Bogen lehnt. Von den Zeitgenossen
des Pheidias bildet K 0 1 0 1 e s Artemis in Relief
an dem Preistisch in Olympia (Paus. 5, 20, 1),
Praxias sie statuarisch für das Giebelfeld des
delphischen Tempels zusammen mit Apollon,
Leto und den Musen (Paus. 10, 19, 4). Wir
wissen nichts Sicheres über ihre Auffassung
und nur wenig . über die der gleichzeitigen
peloponnesischen Kunst. Überliefert sind die
Namen desDameas (Paus. 10, 9, 4), welcher
eine Statue der Artemis für das grofse Weih-
geschenk der Lakedaimonier nach dem Siege
über Athen (Ol. 93, 4) schuf, und des jünge-
ren Po ly kl et, von dem (Paus. 2, 42, 6; vergl.
Loeschcke, Archäol. Ztg. 1878 p. 10ff.) im Tem-
pel der Artemis Orthia auf dem Berg Lykone
zwischen Argos und Tegea eine Marmorgruppe
der Leto mit ihren Kindern sah. Den argivi-
schen Typus der Artemis in jener älteren Zeit
dürfen wir uns nach einem Votivrelief aus Ar-
gos, jetzt im Berliner Museum (Le Bas, Voyage
etc. Mon. fig. pl. 102 No. 1), vorstellen mit
der Einzelfigur der Artemis , die in ruhiger
Stellung, mit dem dorischen Chiton bekleidet,
die volle Ausrüstung trägt, den Bogen in der
erhobenen Linken, in der Rechten die gesenkte
Fackel, den Köcher auf dem Rücken. Sehr
schön wird durch das nach dorischer Sitte am
Hinterkopf in einen Knauf zusammengefafste
Haar und durch die Neigung des Hauptes das
jungfräulich trotzige Wesen der Göttin an ge-
deutet, welche die Liebe schüchtern meidet
und allen Schmuck des Hauptes verschmäht.
Vor allem war Arkadien und Messenien mit
Tempeln und Bildwerken der Artemis erfüllt.
Die sehr individuell entwickelten Ortskulte
gaben hier gewifs auch Anlafs zu speziellen
Bildungen, wie sie oben (§ 18) beschrieben
worden sind. Einheimische und attische Künst-
ler wetteifern seit dem Ende des 4. Jahrh. in
der Ausschmückung der Heiligtümer und am
meisten sind D am ophon vonMessene und die
til
Hit
w w — - — o o
Einige der Werke des ersteren scheinen direkt
von attischer Kunst beeinllufst zu sein. Seine
Statue der jagenden Artemis Laphria in Mes-
sene (Paus. 4, 31, 7) hielt sich an den Typus,
der in Athen zuerst seine formelle Durchbil-
dung erlangt hat. Seiner Vaterstadt schuf er
ferner im Tempel des Asklepios (Paus. 4, 31,
10) ein Bild der Artemis Pliosphoros , der
Fackelträgerin, welche uns athenische Münzen
am besten verdeutlichen können. In Relief
bildete er Artemis als Thürhüterin des heili-
gen Bezirks der grofsen Göttinnen (Demeter
601
Artemis (in d. fr. Kunst)
Artemis (amazonenhaft)
602
und Kore) zu Megalopolis {Paus. 8, 31, 1) des
nahen Bezuges wegen , den sie im Kult zur
Persephone hatte (vgl. § 8). Deshalb war ihr
Standbild auch dem der beiden Göttinnen zu-
gefügt im Tempel der Despoina bei Akakesion
{Paus. 8, 37, 4), der geheimnisvollen Myste-
riengöttin, mit der sie Beinamen und manche
Züge gemein hat. Über die Auffassung dieses
Bildes berichtet Pausanias , dafs es mit dem
Hirschfell bekleidet war und in einer Hand r
eine Fackel {lag-truda), in der anderen zwei
Schlangen hielt, was recht wohl aus der Sym-
bolik des Mysteriendienstes der Erdgöttinnen
(die Cista mystica lag im Schofse der De-
spoina) erklärt werden könnte, wenn nicht der
dem Bilde beigegebene Köcher und der Jagd-
hund auf eine Verderbnis des Textes (statt
r>] Si dQuxovtag dvo vielleicht zu lesen rg di
axovrag dvo, vgl. Blümner, N. Jahrbb. f. Pliil.
1872 p. 390) schliefsen liefse. Regsamer noch, %
als die argivisch-messenische Künstlerschaft,
ist die attische, die sich unermüdlich an dem
Typus der Artemis versucht und das Ideal der-
selben ohne Zweifel in absehliefsender Weise
durchbildet; doch spitzt sich die Entwickelung
nicht zu einer einzigen, vorherrschenden Bil-
dung zu, sondern läfst für allerlei, vielleicht
örtlich bevorzugte Nebenformen Raum , auf
welche noch die römische Kunst, besonders in
len Münzbildern, gern zurückgriff. Die litte- 3
rarisclie Überlieferung nennt folgende Künstler.
Zunächst Eupliranor und Skopas, welche
Artemis als unmündiges Kind darzustellen
»vagen; jener setzte sie auf den Arm der flüch-
tenden Leto ( Schreiber , Apollon Pythoktonos
Taf. 1—3), dieser auf den der Amme Ortygia
1 n der für den gleichnamigen Tempelhain bei
Zphesos geschaffenen Gruppe ( Strab . 14 p. 640).
fon letzterem war auch das Bild der Artemis
liukleia im Tempel zu Theben {Paus. 9, 17, 1). 4
/ on Timotheos, einem der Genossen des
Gkopas am Maussolleion zu Halikarnafs, er-
vähnt {Plin. 36, 32) eine Marmorstatue der
Artemis, die in römischer Zeit sich im Apollo-
empel auf dem Palatin befand. Aufs engste
st aber der Name des Praxiteles mit der
l ollendungdes Artemisideals verknüpft. Bereits
ein Vater, der ältere Kephisodot, arbeitet
nit Xenophon zusammen ein Marmorbild der
röttin (der Artemis Soteira) für Megalopolis 5
Paus. 8, 30, 5), von dem wir zwar nichts Ge-
aueres erfahren, aber annehmen dürfen, dafs
f s bereits die Grundlinien der Schöpfungen
eines gröfseren Sohnes vorzeichnete. Von
iesem wissen wir, dafs er sich sechsmal der-
elben Aufgabe zuwendete. Er bildete Statuen
er Göttin für die Gruppe der 12 Götter im
• 'empel der Artemis Soteira zu Megara {Paus.
, 40, 3, von Klein irrig dem älteren Praxi-
eles zugeschrieben), ferner mit Apollon und e
»eto zusammen für Megara und Mantineia
Paus. 1, 44, 2; 8, 9, 1), Einzelstatuen für den
empel bei Antikyra {Paus. 10, 37, 1) und
ir das Heiligtum der Artemis Brauronia auf
er Burg von Athen {Paus. 1 , 23 , 7) ; end-
ch wird auch ein ihm zugeschriebener Altar
n Artemision zu Ephesos {Strab. 14 p. 64)
is Bild der Göttin enthalten haben. Noch
von seinen Söhnen hat der eine, Kephisodo-
tos d. j., die ererbten Traditionen gepflegt und
eine Marmorstatue der Artemis hinterlassen,
die später im Tempel der Iuno innerhalb des
Porticus der Octavia zu sehen war {Plin. 36,
24). Über Strongylion vergl. das Folgende.
Aufserdem wird noch eine Marmorgruppe,
Apollon und Artemis auf einem Viergespann,
von dem nicht zu datierenden Künstler Ly sias
{Plin. 36,36) und ein Gemälde des Nikoraa-
chos, Apollon und Artemis darstellend {Plin
35, 109), erwähnt.
§ 21. Artemis amazonenhaft.
1. Genauer bekannt sind uns aus Münzbildern
nur zwei von diesen Bildwerken , eine Statue
der Artemis Soteira von der Hand des Stron-
gylion, die als Weihgeschenk nach den Per-
serkriegen in Megara aufgestellt wurde {Paus.
1, 40, 6) und das praxitelisehe Tempelbild von
Antikyra. Das erstere Werk war für den Tem-
pel zu Pagai in Megaris genau wiederholt wor-
den {Paus. 1, 44, 4) und findet sich auch auf
den Münzen von Megara und Pagai nachgebil-
det {Denkm. d. alt. Kunst 2, 16, 174b. Over-
beck, Plast. I3, Fig. 83). Die Statue des Praxi-
teles kennen wir aus Münzen von Antikyra
{Revue numismatique 1843 pl. 10, 3), deren
Reversbild mit der Beschreibung des Pausa-
nias, die Verwechselung von rechts und links
abgerechnet, übereinstimmt. Beide fassen sie
amazonenhaft auf, in kurzem gegürteten Chi-
ton, mit Jagdstiefeln, das Haar rückwärts in
einen Bund zusammengeschnürt, lebhaft als
d'riQtvovG a ausschreitend , ein Typus , den be-
reits Menaichmos und Soi'das (c. 460 v. Chr.)
festgestellt hatten, und dessen Gewandmotiv
durch das diesen Künstlern gleichzeitige Re-
lief von Asopos (§ 18, 2) als längst bekannt be-
zeugt ist. Strongylion giebt der jagenden
Artemis zwei Fackeln, Praxiteles Fackel und
Bogen , den Köcher auf den Rücken , den
Jagdhund an die Seite , Attribute , die sich
eigentlich widersprechen, aber als von alters
her überliefert in Kultstatuen gern verbunden
werden. So hat Artemis auch als Jägerin
häufig die Hirschkuh an Stelle des Hundes
neben sich (z. B. in der Statue von Versailles)
oder sie ist, obgleich zur Jagd bewehrt, von
dem sich lustig tummelnden Wild des Wal-
des umgeben (Flachrelief griechischer Erfin-
dung im Mus. Ghiaramonii im Vatikan Comp.
29. No. 731). Am deutlichsten wird sie als
Bändigerin des Wildes durch einen vermutlich
Lysippischer Zeit angehörenden Typus charak-
terisiert, in welchem sie die Hirschkuh ereilt
hat und sie, mit dem Knie auf den Rücken
des Tieres gestützt, am Gehörn zu sich reifst
(Votivreliefs aus Philippi in Thrakien, Heuzey,
Mission en Macedoine pl. 4. — Münzen von
Ephesos, Denkm. d. alt. Kunst 2, 16, 170, von
Kilikien , Zeitschr. f. Numism. 10 p. 271 Taf.
10, 9 = Imhoof-Blumer, Monn. <jr. pl. H No. 7
— statuarisch: Glarac 564D, 1246c; vgl. 574,
1230 — auch auf einem Vasenbild der Samm-
lung Blacas, wo Artemis aber den langen dori-
schen Chiton trägt, Archäolog. Ztg. 1846.
Taf. 46).
2. Die übrigen statuarischen Typen ent-
603
Artemis (amazonenliaft)
Artemis (amazonenliaft)
wickeln sich aus ruhigen zu immer kompli-
zierteren Stellungen , sie können hier nur in
den Hauptvarianten angeführt werden. Eine
sich vielfach abwandelnde Klasse bilden die
dem bekannten (auf Polykleitos und Pheidias
zurückgeführten) Amazonentypus sich anschlie-
fsenden Statuen: Clarac pl. 580, 1237 B. 576,
1240. 5G8, 1209 C. u. s. w. — mit Untergewand,
einfach gegürtet Clarac 566, 1246 A. (Variante
567, 1208 A). Ebenfalls in ruhiger Stellung,
doch mit der Nebris, die schärpenartig über
das Gewand gelegt ist: Statue im Palazzo
Vidoni ( Matz-Duhn , Antike Bildwerke in
Born No. 687. Clarac 833 B, 2026 A. Braun,
Ant. Marmorw. 1 , 2) und ähnlich in Villa
Borghese {Clarac 567, 1209). Vgl. das Vasen-
bild Panofka Cab. Pourtales pl. 21. Selbst
die Entblöfsung der einen Brust wird nicht
Artemis von Versailles, Marmorstatue im
Louvre.
gescheut, um dem geläufigen Amazonentypus
noch näher zu kommen. Sie findet sich auf
dem Votivrelief für Artemis Eupraxia (§ 10, 2) so
und in sehr charakteristischer Weise mit dem
Überfall des Gewandzipfels, wie ihn die sog.
Amazone des Sosikles im Capitolinischen Mu-
seum zeigt ( Clarac 812B, 2032), kombiniert in
einem durch zwei Kopieen bekannten Werke
{Mus. Chiaram. 27, 651 = Friederichs, Baust.
No. 772 und Clarac 576, 1241), ein Fall, wo
die Abhängigkeit von dem älteren Ideal (des
604 i
Pheidias oder Kresilas ?) nicht zweifelhaft sein
kann. Der ersterwähnte Typus mit dem Motiv
des Ausschreitens verbunden in der schönen
Bronze in Lyon {Graz, archeol. 1876 pl. 13): \
Artemis mit Fackel und Bogen, den Hund zur
Linken.
3. Eine zweite Klasse fügt dem kurzen,
doppeltgegürteten Chiton die shwalartig um die
Hüften geschlungene Clilamys hinzu, und auch
hier werden zwei Momente behandelt , das
ruhige Stehen und das lebhafte Ausschreiten J
der Jägerin. Ersteres z. B. Clarac 558 B, 1239 A.
569, 1215. 577, 1243. 573, 1228, auch in Ter-
rakotten Clarac 576, 1239, letzteres in der an-
mutigsten Weise durchgeführt in der Statue der
Artemis von Versailles im Louvre (s. die neben-
stehende Abbildung und Clarac pl. 284. Fröh-
ner, Notice du Louvre No. 98), aber statuarisch
oft wiederholt, auch in Reliefs und auf Münzen
nachgebildet {Clarac 572, 1224 u. s. Heuzey,
Mission en Macedoine pl. 4, 2, 3. Bull. mun. j]
di Borna 1 tav. 2. Numism. chron. N. S. 16
pl. 9, 8). Sie greift mit der Linken in das J
Geweih der neben ihr springenden Hirschkuh,
mit der Rechten rückwärts nach dem gefüll-
ten Köcher, ihr Blick ist weitausschauend zur
Seite gewendet. Ähnlich, doch an Stelle der
Gürtelschärpe die Nebris führend, die neapler
Bronzefigur Mus. Borb. 2, 58 = Clarac 564 C,
1218C.
4. Schon hellenistischer Motivkünstelei
nähern wir uns in der lediglich nach Schön-
heitsgesetzen ohne Rücksicht auf die herkömm-
liche Typik erfundenen Statue aus Gabii {Cla-
rac 285, 1208. Fröhner , Notice No. 97, wo die
Repliken verzeichnet sind) , die gewifs kein
Tempelbild (auf die Brauronische Artemis in
Athen, Werk des Praxiteles, irrig bezogen von
Studuiczka, Vermutungen zur Griech. Kunst ■ •
gesch. p. 18 ff.), und überhaupt nur durch das
amazonenartige Untergewand charakterisiert
ist, während der Mantel, den sie auf der rech-
ten Schulter zirsammenzuspangen im Begriff
steht, eine in hellenistischer Zeit beliebte Zuthat
ist. Er findet sich nochmals in einer ungefähr
gleichzeitigen Terrakottafigur aus Tanagra
{Kelcule, Griech. Thonfig. aus Tanagra Tf. 17).
Die jungfräuliche Göttin trägt über dem kur-
zen Chiton die schurzartige Nebris und dar-
über den Mantel, in den sie den linken, auf
einen Pfeiler aufgestützten Arm gewickelt hat.
Die Rechte stemmt sie in die Seite, auf dem
Rücken der Köcher, am Boden der aufschauende
Hund. Den linken, mit derChlamysbehangenen
Arm eingestemmt, mit zwei Jagdspeeren, sonst
ähnlich eine Thonfignr aus Thisbe im Berliner
Museum {Arch. Ztg. 1881 p. 253). Ohne Chlamys,
mit Fackel und Scliaale in den Händen : eine
Terrakottafigur aus Myrrliina {Bull, de corresp.
hellen. 7 p. 209). Ein leichtes Mäntelchen trägt
sie auch auf pompejanischen Wandbildern (z. ß.
Mus. Borb. 10, 20. Helbig , Camp. Wandgcm.
No. 236 , der andere Darstellungen anführt
p. 454 ff.), und in dem Reliefbilde eines römi-
schen Medaillons (des Antoninus Pius, Jahrb.
d. Kunsthistor. Sammlungen d. österr. Kaiserhau-
ses Bd. 1 Taf. 5, 20): Artemis sich zum Bade
vorbereitend. In ungewöhnlicher Tracht, mit
605
Artemis (langgewandet)
Artemis (langgewandet)
606
einem zweiteiligen Mantel über der Tunica,
Speer und Jagdleine (?) in den Händen, er-
scheint sie zwischen Silvan und Hercules auf
einem römischen Votivrelief des Louvre (Chi-
rac 1G4, 63).
§ 22. Artemis langgewandet.
1. Gleichzeitig mit dem amazonenhaften Ar-
temistypus entwickelt sich ein anderer in man-
nigfacher Abwandlung, doch mit dem deut-
lichen Stilgepräge attischer und zwar Praxi- io
telischer Kunst. Das gemeinsame Kennzeichen
dieser Statuenklasse ist der faltenreiche, auf
30
40
50
Artemis aus Palazzo Colonna, jetzt im Berliner
Museum.
lie Fiifse niederwallende Chiton, zu dem aus-
nahmsweise noch ein Unterkleid und der Man- co
tel tritt. Mit stürmischem Ausschritt (das
inke Bein voran), sodafs die Falten des Ge-
wandes in weitem Bogen Zurückschlagen, die
Vrme vorgestreckt, im ärmellosen dorischen
ihiton , dessen umgegürteter Überfall durch
las Köcherband gekreuzt wird, dazu mit lan-
gem, den Rücken deckendem Schleier, sehen
vir sie in einer Reihe von Statuen, die auf
ein berühmtes Vorbild zurückgehen (bestes
Beispiel die sog. Artemis Colonna in Berlin,
welche Friedericlis , Praxiteles und die Niobe-
gruppe — darnach die nebenstehende Abbil-
dung — wohl mit Recht dem Praxiteles zu-
schrieb, andere Repliken bei Clarac 564, 1207.
568, 1209B. 564 A, 1214B. 572, 1222 u. a. m .).
Dasselbe Motiv schlichter behandelt (ohne den
Schleier im Rücken) in der Bronzestatuette
zu Wien ( v . Saclien, Antike Bronzen in Wien
Taf. 7, 1), mit erhaltenem rechten Arm, wel-
cher noch das Ende einer Fackel hält. Eine
Variante geben einige Statuen, die zu dem
Chiton ein am Oberarm geknöpftes Unterkleid
hinzufügen, sonst aber das beschriebene Motiv
unverändert lassen (Clarac 568, 1210. 354, 1066.
286, 1214).
2. Offenbar demselben Künstleratelier ent-
stammt eine aufserordentlich häufig kopierte
Artemisstatue, von der eine geringe, aber
sehr gut erhaltene Replik sich im Dresdener
Museum ( Ilettner 3 No. 40. Becker, Augusteum
Taf. 45. Clarac 569, 1214A) befindet. Der
mädchenhafte Charakter der Göttin ist glück-
lich im Typus des Kopfes und in der ruhigen
Haltung ausgedrückt, dorischer Chiton, unge-
giirtet, linkes Standbein, die gesenkte Linke
hält den Bogen, die Rechte greift nach dem
Köcher. Manche Wiederholungen sind durch
Restauration unkenntlich geworden, z. B. Cla-
rac 471, 899. 516, 1050. 468, 883 (als Athena),
449, 790 (als Demeter) u. s. w. Derselbe Ty-
pus mit bakcliisehen Attributen bei Clarac
696B, 1621 A.
3. Ist hier die Charakteristik zu gunsten
der Schönheit möglichst vereinfacht , so hat
bei einer verwandten Schöpfung die Rück-
sicht auf den Kultus die Zufügung eines
älteren Kultbildes der Göttin veranlafst, auf
welches sich Ar-
temis mit dem
linken Arm auf-
stützt. Sie trägt
aufser dem hier
gegürteten Chi-
ton ein schär-
penartig geleg-
tes Mäntelchen,
rechtes Stand-
bein, die Linke
hielt den Bo-
gen, die Rechte
griff nach dem
Köcher , neben
ihr steht die Artemis auf einem Bronzemedaillon
emporblicken- des Antoninus Pius,
de Hirschkuh :
Marmorgruppe aus Larnaka (Arch. Ztg. 1880
Taf. 17); dazu die vollständigere Nachbildung
auf Münzen von Eukarpia in Phrygien (a. a. 0.
u. Mon. dell' Inst. 1833 tav. 57, B No. 3), vgl.
auch die Lampe aus Knidos bei Netvton, Dis-
cov. at Halicarnassus pl. 84, 5. Eine Vorstufe
dieses Typus zeigt die Marmorstatuette des
Braccio nuovo im Vatikan ( Clarac 571, 1220).
Artemis im langen, gegürteten Chiton, mit dem
Bogen schiefsend, auf Münzen von Orchomenos
in Arkadien ( Prokesch , Abhandl. d. berl. Alcad.
607
Artemis (Attribute etc.)
Arvagastae matronae
608
d. Wiss. 1845 Taf. 3 No. 48) , und in einer
Bronzestatue des neapler Museums ( Glarac
570B, 1239B). Ruhig stehend neben der Hirsch-
kuh, deren Geweih sie fafst, während die an-
dere Hand den Bogen hält: auf einem ge-
schnittenen Stein (Müller -Wieseler, Denkm. d.
alt. Kunst 2, 16, 169) und in dem Bronze-
medaillon des Antoninus Pius (Cohen, Med. im~
per. 7, 144. Titelvignette. Revue numism. 1861
pl. 4, 1 u. s.). (S. die umstehende Abbildung).
Eigentümlich vollbekleidet , mit Chiton und
langem Armelmantel, worüber das Köcherband
gelegt ist, finden wir die sog. Zingarella des
Louvre (Fröhner , Notice cito Louvre No. 95.
Clarac 287, 1231, eine Replik in England ib.
500, 984).
§ 23. Kop ftypen.
Noch schwieriger als die Klassificierung
der statuarischen Typen, ist die Bestimmung
des Artemisideals , wie es in den Köpfen aus-
geprägt worden ist. Eine Sammlung des zer-
streuten Materials ist noch nicht versucht wor-
den, die Benennung mancher Einzelköpfe da-
her noch zweifelhaft. Doch möchten in einem
überlebensgrofsen Marmorkopf des Capitolini-
schen Museums — einem sicheren Originalwerk
griechischer Zeit — alle Elemente gegeben
sein , welche Artemis von anderen weiblichen
Gottheiten des Olymps unterscheiden , der
„mutige Blick“, welchen ein Epigramm des
Diotimos ( Anthol . Lai. 2 p. 674. No. 158)
an der Göttin hervorhebt , die mädchenhafte
Frische um Mund und Wangen, dazu der
schmale Stirnreif, aus dem sich allmählich die
in campanischen Wandbildern beliebte Zacken-
krone entwickelt. Die attische Kunst scheint
die geschwisterliche Ähnlichkeit zwischen Apoll
und Artemis auch in den Gesichtszügen durch-
gebildet zu haben und zwar schon in einer
den Parthenonskulpturen nahe stehenden Zeit.
Zwei Marmorköpfe , deren einer früher den
Giebelfiguren des Parthenon zugerechnet wurde,
repräsentieren diesen älteren Typus (Laborde,
Atlienes pl. 1. Gaz. archeol. 1875 pl. 1. Mon.
dell' Inst. 1880, 11. tav. 16). Er zeichnet sich
durch volle und doch rundliche Verhältnisse
und eigentümlich knappe Fesselung des Haa-
res aus , Züge, die männlich kräftiger in dem
Kopf der Apollonstatue aus Sammlung Hope
(Apollon auf Hyakinthos gestützt, Clarac 494 B,
966 A) ausgebildet sind. Andere Typen wei-
chen wesentlich von diesem ab, z. B. derjenige
des Kopfes der oben erwähnten Statue im
Braccio nuovo (Clarac 571, 1220), wovon sich
eine Einzelreplik in Villa Ludovisi ( Schreiber ,
Antike Bildw. in V. L. No. 287) befindet. Die
Weiterbildung des Kopfideals vollzieht sich
bei beiden Göttern gemeinsam, so dafs wie-
derum der Typus des belvederischen Apolls
mit dem der Artemis von Versailles die engste
Verwandtschaft hat.
§ 24. Attribute und Opfertiere.
Pfeil und Bogen, Fackel und Lanze kom-
men ihr in den verschiedensten Kulten zu,
frühzeitig auch die Stirnkrone, die in helle-
nistischer Zeit gern zackenähnlichen Besatz
bekommt. Zusammenstellung der Attribute
auf campanischen Wandbildern bei Helbig,
Wandgem. Camp. No. 241—248 p. 454. Hei-
lig ist ihr von Bäumen die Cypresse (Böt-
ticher, Baumkult der Hell. p. 493), von Tie-
ren der Bär (arkadisch-attischer Kult), der
Hirsch , der Hund (ihr Jagdbegleiter und
ihr Kampfgenofs gegen die Giganten) , der
Stier (Artemis TavQonolog), der Eber u. a.
Attributiv wird ihr der Greif auf Mün-
zen von Cherronesos in Taurien beigegeben
io (Koehne, Beiträge zur Geschichte u. Archäologie
von Cherr. in Taur. Taf. 2). Manche dieser
Tiere erscheinen vor ihrem Wagen, oder sie
reitet auf ihnen , z. B. sehr häufig auf dem
Hirsch (Dareiosvase, Wiener Vorlegeblätter Ser.
7 Taf. 6 a. Compte-rendu 1868 Taf. 1, 2 u. 3.
Elite ceram. 2 pl. 43. Gerhard-Körte , Etrus-
kische Spiegel Bd. 5 Taf. 10). Sie wird, wie
ihr Bruder, vom Greifen aus dem Hyperboreer-
lande gebracht (auf dem Gemälde des Aregon
20 im Tempel der Artemis Alpheionia bei Olym-
pia Strab. 8 p. 343) oder fährt mit dem Grei-
fengespann (melische Terrakotta), mit dem
Hirschgespann (Kallim. Dian. 110. Relief von
Phigalia Thonlampe: Lucerne e candelabri di
Ercolano. Nap. 1798 p. 118. 208 u. s. w.\ auf
Vasenbildern auch oft mit Pferden (Elite ce-
ram. 2, 41 u. s.j. Geopfert werden ihr Hirsch
und Eber in Patrai (Paus. 7, 18, 12), Eber in
Samos (Hesych. s. v. ■nangoepctyog. Paus. 1, 27,
30 9; 5, 10, 9), Böcke in Thessalien (Anton.
Lib. 13) i Ziegen in Brauron und Lakedai-
mon. Über ursprüngliche Menschenopfer vgl.
Claus, de antiguiss. Dianae natura p. 36 ff.
[Schreiber.]
Artibia (’AQußio:), Tochter des Amphidamas,
Gemahlin des Sthenelhos, Mutter des Eurystheus,
Ilesiod bei Schol. II. 19, 116. [Stoll.]
Artio, -onis, eine helvetische Göttin der
Fruchtbarkeit. In der Nähe von Bern fand man
40 die Erzstatuette einer sitzenden Göttin, die in
der Rechten eine Schale, in der Linken Blumen
und Früchte hält (Bullet, dell' Instit. Arch. 1832
p. 166). Die Basis zeigt die Inschrift; Deae
Artioni Licinia Sabinilla (Or .-Uenzen 5874 u.
Orelli , Anall. epigr. p. 52). Nach Fick , griech.
Personennamen p. 71 von irisch art = Stein.
[Steuding.]
Ärtifices Minervae, jedenfalls im Sinne von
Künsten der Minerva, werden auf einer Weih-
50 inschrift von der Insel Apsorus (Ossero) in
Dalmatien erwähnt C. I. L. 3, 3136. Zu ver-
gleichen sind: Aures Bonae deae etc., Vires
Aug. u. dergl. [Steuding ]
Arubianus , Beiname des Iuppiter als des
Schutzgottes von Arubium in Moesia infer. auf
einer Inschrift aus Stöttham bei Traunstein,
C. I. L. 3, 5575: JOM Arubiano L. Camius
Celer. sacerdos urbis liomae aeternae etc. und
einer desgl. aus Pidenhart bei Seeon (Salz-
co bürg), G. 1. L. 3, 5580: I. 0. M. Arubiano
et Bedaio Sancto etc. (219 n. Ohr.). Furlanetto
im Anhang zum Forcell. erwähnt noch eine an-
dere Inschrift: In h. d. d. I. 0. M. Arub. et
Sancto Bed. — Immer ist er mit Bedaius (s. d.)
verbunden. [Steuding.]
Arvagastae matronae, nach einer Örtlich-
keit genannt, wohl celtische Gottheiten auf
einer Inschrift aus der Nähe von Köln; Orelli
Arvales
609
2081: Matronis Arvagastis Aul. Titius Victor
\ v. s. I. m. [Steuding.]
Arvales s. Dea Dia.
Asandros (AectvÖQog) s. Anaxarete.
Aslbolos (’AaßoXog), 1) ein Kentaur auf der
Hochzeit des Peirithoos , lies. Seiet. 185, wo
er olcaviaxiqg, Yogelscliauer , heilst. Vgl. As-
bolos augur b. Ov, Met. 12, 309 nach Roschers
Verbesserung statt des früheren Astylos (II o-
■ scher in Fleckeisens Jahrb. 1872 S. 428). Spä- l
! ter wurde er von Herakles gekreuzigt, Phi-
\ lostr. Her. 19. § 17. Tzetz. Chil. 5, 22. Sein
' Name auf einem Kantharos des Berl. Museums
j ( Neuenv . Denhn. n. 1588). Vgl. auch C. I.
! Gr. 7383 u. 8185c. — 2) Hund des Aktaion,
■ Ov. Met. 3, 219. [Stoll.]
Ascensus s. Indigitamenta.
Ascliera s. Astarte.
Asergneliae liiatronae, nach einer Örtlich-
keit genannte, wohl celtische Gottheiten, auf 2
einer Inschrift aus Blankenhain in der Eifel;
j Orelli 2082. [Steuding.]
Asia ( Aalet ), 1) Tochter des Okeanos und
1 der Tethys ( Hes. Theog. 359) , von Iapetos
Mutter des Atlas, Prometheus, Epimetheus und
I Menoitios, Apollod. 1, 2, 2. 3. Tzetz. Lylc. 219.
894. 1283. 1412. Et. M. Schol. Aescliyl. Front.
I 347. Schol. Ap. Rh. 1, 444. Bei Hesiod Theog.
! 508 ist die Mutter der Genannten Klymene.
Asia heifst Gemahlin des Prometheus, Hcro- 3
I dot 4, 45. Steph. Byz. v. Aalet. Nach ihr soll
Asien benannt sein, Herodot a. a. O. Über
ihre ursprüngliche Bedeutung s. Schömann,
j Opusc.Ac. 2,p. 151. Vgl. Völclcer, Japet. Geschl.
i S. 375. Buttmann, Myth. 1, S. 223. 2, S. 172.
175. Preller, Gr. Mythol. 2, S. 117. Braun,
Gr. Götterl. §. 159. — 2) Tochter des Nereus
und der Doris, Hygin. Praef. — - 3) Beiname
der Athene in Kolchis, von wo die Diosku-
ren bei der Rückkehr von der Argonauten- 4
fahrt ihre Verehrung nach Lakonien brachten.
I Sie bauten ihr in Las einen Tempel, Paus. 3, 24,
5. Preller , Gr. Mythol. 2, S. 334, 4. [Stoll.]
Asiades (AaietSiqg), 1) Genosse des Memnon
i vor Troja, Quint. Sm. 2, 364. — 2) Sohn des
Asios: Adamas (II. 12, 140), Phainops (II. 17,
;583)._ [Stoll.]
Asias (Aalag, ov, fco), König in Lydien, Epo-
nymos der sarclischen Phyle Asias , nach wel-
chem, wie die Lydier behaupteten, Asien den r,
Namen hatte, ein Sohn des Kotys (oder Atys),
Enkel des Manes, Herodot 4, 45. Et. M. Aalco
sv Xsiycövi. Strab. 14, p. 650. Tzetz. Byk. 1283.
Eustatli. ad Ilion. Per. 270. 620. Seine Mut-
ter heifst Myio oder Myia, Schol. II. 2, 461.
Vollständiger findet sich die Genealogie (nach
mythologischen Schriftstellern über Lydien)
'bei Dion. Hai. 1, 27: von Zeus und der Erde
i stammt Manes, von diesem und der Okeanide
Kallirrhoe Kotys, der Vater des Asias und 6
;Atys; Atys aber zeugte den Lydos. Bei Steph.
Byz. v. Aalet heifst Asias Sohn des Lydos.
8. Buttmann, Mythol. 2, 175. 235. [Stoll.]
Asine (Aolvri), Tochter des Lakedaimon, nach
i welcher die lakedämonische Stadt Asine be-
nannt sein soll. Steph. Byz. s. v. [Stoll.]
Asios (Aaiog) , 1) Sohn des Hyrtakos aus
Arisbe. Er führte den Troern Hilfsvölker zu
Roscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
Askalaphos 610
aus Sestos, Abydos, Arisbe u. s. w. und wurde
von Idomeneus erlegt, II. 2, 835. 12, 139. 13,
384ff. Strab. 13. p. 585. Dio Chrys. or. 55.
p. 562. C. I. Gr. 6125. — 2) Ein Sohn des
Phrygiers Dymas (oder Ivisseus), Bruder der
Hekabe, in dessen Gestalt Apollon den Hek-
tor zum Kampfe gegen Patroklos aufmunterte,
II. 16, 715ff u. Schol. Nach Dilctys 4, 12
wurde er von Aias getötet , vgl. Eustatli.
p. 1083. Strab. 13, p. 590. — 3) Sohn des
Imbrasos , Kampfgenosse des Aeneas , Verg.
Aen. 10, 123. — 4) Ein weiser Künstler (cp i-
Xoaocpog yoc&ryictxniog, xslsaxyg), Verfertiger des
Palladions, das er dem König Tros schenkte;
deswegen nannte dieser dem Asios zu Ehren
das von ihm beherrschte Land, das bisher
"HnsiQog hiefs, Asia. Tzetz. Lylc. 355. Suid. v.
nalXctSiov. Joann. Antioch. fr. 24, 6. Schol.
II. 6, 311. — 5) Beiname des Zeus, der unter
diesem Namen zu Asos in Kreta ein uraltes
Heiligtum hatte. Steph. Byz. ’Aoog. [Stoll.]
Askalabos (AondXaßo g) , Sohn der Misme,
welche die vom Suchen nach der Tochter er-
schöpfte Demeter in Attika mit einem Tranke
erquickte. Als die durstige Göttin das dar-
gereichte Gefäfs fast ganz austrank, verlachte
und verspottete sie Askalabos. Da gofs De-
meter entrüstet den Rest der Flüssigkeit über
den Knaben aus und verwandelte ihn so in
eine scheckige Eidechse (Nikand. b. Anton.
Lib. 24). Dieselbe Sage, aber ohne Nennung
der Namen, findet sich Ov. Met. 5, 446 ff. (vgl.
Nilcand. Hier. 484 ff. Lact. Harr. Fab. 5, 7).
Sie hat wohl ihren Grund darin, dafs die Ei-
dechse wegen der Hitze, die sie liebt, und
wegen des von ihr angeblich verursachten
Schadens als ein der Demeter verhafstes (Misme
von fuasco) Tier galt. (Vgl. Welcher, a. Denkm.
1, 409. Anders Förster, Raub der Persephone
82A. 4f.). [Schirmer.]
Askalaplios (Aaucclctcpog), 1) Sohn des Ares
und der Astyoche, der mit seinem Bruder Ial-
menos die Völker des minyeischen Aspledon
und Orchomenos auf 30 Schiffen nach Troja
führte (II. 2, 511 ff. Paus. 9, 37, 7. Dict. Cret.
1, 13. 17. 4, 2. Dar. Phryg. 14. Hyg. f. 159
u. 97 , wo die Namen der Eltern Lycus und
Pernis auf Korruption der Stelle beruhen). Er
gehörte mit seinem Bruder zu den sieben Hel-
den der Wache am Graben aufserhalb der Mauer
(II. 9, 82), focht mit Idomeneus gegen Aineias
beim Leichname des Alkathoos (II. 13, 478 ff),
ging mit einigen Genossen auf das Idagebirge,
um Holz zum Scheiterhaufen des Patroklos zu
fällen (Dict. Cret. 3, 12), und kämpfte tapfer
gegen das Fufsvolk der Penthesileia (ibicl. 4,
2). Er wurde von De’iphobos getötet, worüber
sein Vater Ares in die äufserste Wut geriet
(II. 13, 51 8 ff. 15, HOff Hyg. f. 113). Die
Grabschrift beider Brüder bei Ar ist. Pepl. 19(2) B.
Nach einem Nostos, dem Eust. Hom. p. 1009,
31 folgt, wurde Askalaphos in Palästina be-
graben und gab dem Lande Samareia (du i xo
snsi actfict xöv ’Aqi ]v noigaai xm viä) den Na-
men (vgl. Müller, Orcliom. 241. 283. Preller,
gr. Myth. 1, 263 f.). Bei Apd. 1, 9, 16 wird er
nebst seinem Bruder auch zu den Argonauten
und 3, 10, 8 sowie Hyg. f. 81 zu den Freiern
20
611
Askalos
Askanios
612
der Helena gezählt. — 2) Sohn des Acheron
und der Gorgyra (Apd. 1, 5, 3) oder der Örphne
(d. i. der Dunkeln) , einer von den Nymphen
des Avernersees ( Ov . Met. 5, 539), oder der
Styx ( Serv . Verg. Aen. 4, 462 und Georg. 1, 39.
Myth. Vat. 1, 7. 2, 100. Schot. Bern. Lucan.
6 , 740). Er entschied durch seine Aussage,
dafs Persephone von der Granate im Garten
des Pluton gegessen habe , deren Schicksal
und wurde zur Strafe dafür von ihr selbst oder
von Demeter (Serv. a. a. 0. Lact, ad Stat.
Theb. 3, 511. Myth. Vat. 2, 100) in eine Eule
verwandelt. Nach der bei Apd. 1, 5, 3 u. 2,
5, 12 uns entgegentretenden Form des Mythus,
auf welche derjenige von der Verwandlung
des Askalabos (s. d.) in eine unter Steinhaufen
sich verbergende Eidechse eingewirkt zu haben
scheint (Welcher, a. JDenlcm. 1, 409 Anm. 5),
wälzte Demeter im Hades einen schweren
Stein auf Askalaphos, und erst als Herakles
diesen weggewälzt hatte, trat die Verwand-
lung in eine Eule ein. Dieser Mythus von
dem verabscheuten Vogel der Nacht und des
Unheils (äa-nülacpos = Nachtvogel nach Pott
in K. Z. 7, 257. 8, 104) ist der düstern Sce-
nerie der Unterwelt angepafst (vgl. Preller,
gr. Myth. 1 , 681). [Schirmer.]
Askalos (’Aayuxlo?), Sohn des Hymenaios und
Bruder des Tantalos. Er wurde von Alkimos
(Akiamos?), dem Könige von Lydien (vgl. Suid.
s. v. tESuv&os), als Feldherr an der Spitze eines
Heeres nach Syrien gesandt, verliebte sich
aber dort in eine Jungfrau und gründete die
Stadt Askalon. Xanthos und Nicolaos Dam.
b. Steph. Byz. s. v. ’Aa%ödcov. [Roscher.]
Askanios ( ’Aokocvlos , lat. Ascanius), 1) Sohn
des Aineias und der Kreusa, der Tochter
des Priamos, Verg. Aen. 2, 666 oder der La-
vinia, Liv. 1, 1, 11; dagegen läfst Liv. 1, 3, 3
unentschieden, ob Askanios der Sohn der Kreusa
oder der Lavinia gewesen sei, Serv. Verg. Aen.
1 , 7. Bei Homer kommt Askanios als Sohn
des Aineias nicht vor; ob die kyklischen Epen
ihn kannten, wissen wir nicht.
a) Askanios in der Heimat.
Nach der gewöhnlichen Sage verliefs Aska-
nios als Knabe das brennende Troja an der
Hand seines Vaters: so in der Darstellung der
Tabula Iliaca, die nach Stesichoros' Ilm Per-
sis gearbeitet sein soll (G. I. Gr. 6125), und bei
Verg. Aen. 2, 723; auf der alten Münze der Stadt
Aineia trägt Kreusa ein Kind auf dem Arm, unter
welchem man wohl den Askanios zu verstehen
hat; vgl. oben Aineias c. 22. S. 184ff. Varro
nannte bei dieser Scene zwei Söhne des Aineias:
Ascanius u. Eurybates , vet. interpr. zu Verg.
Aen. 2, 717. Einer andern Anschauung folgend
nannte Hellanikos von Mitylene (Lion. 1, 47.
48) ihn den ältesten Sohn des Aineias; er
wurde von seinem Vater in das Daskyliten-
land an der Propontis gesendet, damit er dort
als König herrsche, kehrte aber mit Hektors
Sohn Skamandrios und den übrigen Hektori-
den bald nach Troja zurück. Nach anderen
Sageu wiederum sollte Aineias aus Italien nach
Troja zurückgekehrt sein, dort als König ge-
herrscht und das Reich dem Askanios hinter-
lassen haben, Dion, 1 , 53. Ähnlich läfst De-
metrios v. Skepsis den Askanios u. Skaman-
drios die Stadt Neuskepsis am Ida gründen
und das dortige Fürstentum in diesen beiden
Geschlechtern lange Zeit erblich sein, Strabo
13, 607 (vgl. unter Aineias c. 4 S. 164 f.). Bestä-
tigt wird die Herrschaft des Askanios am Ida
auch durch Konon Narr. 41. Dieser er-
zählt, Askanios habe sich aus der Gefangen-
schaft der Pelasger dadurch befreit, dafs er
i ihnen die Stadt Antandros. überliefs. Die
troischen Städte Askania und Arisbe führten
auf ihn ihre Gründung zurück, Steph. Byz.
’Achccvi'k.
b) Askanios auf der Wanderung und
in L atium.
Askanios geht mit seinem Vater aufser
Landes; so schon nach der Iliu Persis des Ste-
sichoros, wenigstens nach der Darstellung der
Tabula Iliaca ; auch Sophokles scheint ihn in
) diesem Zusammenhang genannt zu haben, Strabo
13 , 608. (Nauck , Trag. Gr. Frg. 133). Der
Gergithier Kephalon (Lion. 1 , 72 , vgl. 49)
kannte vier Söhne des in Thrakien verstorbe-
nen Aineias: Askanios, Euryleon, Romylos,
Romos. Lionys. 1, 53 erwähnt die Sage, dafs
nur Askanios , nicht Aineias nach Italien ge-
kommen sei, und Eratosthenes brachte sogar
Askanios direkt in Verbindung mit Rom, in-
sofern er Romulus einen Sohn des Askanios
i nannte, Serv. Verg. Aen. 1, 273. Lionysios v.
Chalhis bei Dion. v. H. 1, 72 giebt an, dafs
nach einigen Remus (Pägog) der Sohn des
Askanios sei. Bei Plut. Mom. 2 hält ein Un-
genannter die Rome für eine Tochter des As-
kanios. In Vergils Aeneis, die nur von einem
Sohn des Aineias weifs, erscheint Askanios
als schöner, zum Jüngling heranreifender Knabe,
von seinem Vater und von Venus zärtlich be-
hütet: 1, 657 ff. 646, ein trefflicher Jäger und
Pfeilschütz 4, 156; 7, 475, ein guter Reiter
5, 546. Nach der Landung der Trojaner an
der karthagischen Küste entrückt ihn Venus
nach ihrem Tempel zu Idalium auf Cypern,
während sie unter seiner Gestalt den Cupido
zur Dido sendet 1, 657 — 695. In Sicilien führt
Askanios bei den Wettkämpfen zu Ehren des
verstorbenen Anchises das trojanische Spiel an
5, 545—602, in Latium ist sein Jagdabenteuer
am Ufer des Tiber mit dem Hirsch des Tyr-
rhus die Veranlassung zu dem ersten blutigen
Zwist der Eingebornen und der Trojaner 7,
475 — 539. Bei der Verteidigung des trojani-
schen Lagers gegen Turnus und die Latiner
erlegt Askanios mit seinem Pfeil den prahle-
rischen Rutuler Numanus 9, 590 ff, sonst be-
teiligt er sich nicht an den Kämpfen. — Nach
des Aineias Tod übernimmt er das Reich der
Latiner, Dion. 1, 65. Bei Liv. 1, 3, 1 findet
sich der Zug, dafs Askanios damals noch in
jugendlichem Alter und unter Vormundschaft
der Mutter stand. Ungenannte römische Schrift-
steller (Dion. 1, 73) lassen den Askanios das
ganze Reich mit seinen Brüdern Romulus und
Remus teilen. Er besiegte die Etrusker, tötete
denMezentius (so nach Cato) und weihte dem
deus indiges Aeneas am Numicius das Hei-
ligtum an ’ der Stelle, wo dieser in der
Schlacht verschwunden war, Serv. Verg. Aen.
TI
li
>t
I
äf
I
i
Lr
...
,
-
:
:
»
|
fl
L
Q
613
Askanios
Askanios
614
12, 794. 1, 267. vet. interpr. zu Verg. Aen. 1,
260. Cass. Dio frg. 4, 8. Mit einigen Abwei-
chungen findet sich die Sage auch bei Dion.
1, 65: Askanios siegt, nachdem er der Rebe
Frucht im latinischen Land dem Iuppiter ge-
weiht hat; Lausus, des Mezentius Sohn, fällt,
Mezentius schliefst Frieden und enthält sich
j für die Folgezeit aller Feindschaft, vgl. Liv.
1,3,4 und unter Aineias c. 20b. S. 180.
! Dreifsig Jahre nach Laviniums Gründung er-
baut Askanios Alba Longa, Dion. 1, 66. Liv.
1, 3, 4. Verg. Aen. 1, 269. Die Sage er-
' zählt darüber Folgendes: die von Aineias
i schwangere Lavinia flüchtete sich aus Furcht
vor ihrem Stiefsohn Askanios in die Wälder
I zu dem Hirten Tyrrhus; dort gebar sie ihren
Sohn Silvius. Da sich wegen der Flucht der
, Königin der Hafs des Volkes gegen Askanios
i wendete , rief dieser seine Stiefmutter zurück,
überliefs ihr Laurolavinium und erbaute für
j sich Alba Longa, Serv. Verg. Aen. 6, 760.
j Dion. 1, 70 , weiter ausgeschmückt bei Aurel.
! Vict. de orig. g. R. 16, 17. Dort ereignete
i sich das Wunder, dafs die von Lavinium nach
Alba verpflanzten Penaten immer wieder an
ihren früheren Standort zurückkehrten, bis As-
kanios sie in Lavinium liefs, Dion. 1, 67. Serv.
I Verg. Aen. 1, 270, vgl. Aigestes 2 ob. S. 144.
Askanios regierte dreifsig Jahre, Serv. Verg.
Aen. 3, 391. 1, 269, oder achtundreifsig Jahre
i Dion. 1, 70, oder er starb im 4. Jahre nach
Albas Gründung , Appian ed. Belcker p. 12,
Z. 31. Nach seinem Tod kam die Herrschaft
; an Silvius (der auch Ascanius genannt wurde
! Serv. Verg. Aen. 6, 760), entweder weil Asca-
nius kinderlos starb Serv. a. a. O., oder weil
die Latiner entschieden, dafs nicht Julus, des
Ascanius ältester Sohn, sondern Silvius die
I Herrschaft führen sollte. Julus aber, von dem
sich das Geschlecht der Julier ableitete , er-
hielt statt des Thrones eine gewisse priester-
liche Macht und Würde, Dion. 1, 70. Abwei-
chend davon sagt Liv. 1, 3, 6, dafs Silvius des
Ascanius Sohn und Nachfolger gewesen sei,
| vgl. Cass. Dio frg. 4, 10. Die Sitte des apex
auf der Mütze der Flamines sollte Ascanius in
Alba eingeführt haben, Serv. Verg. Aen. 2, 683,
, ebenso das trojanische Spiel Verg. Aen. 5, 596 ff.
Die Tradition weist darauf hin, dafs die Ai-
neiassage zuerst in Lavinium heimisch gewor-
den und von dort ins Binnenland nach Alba
Longa getragen worden ist. Vgl. Preuner,
Hestia-Vesta S. 372. Bamberger, Rhein. Mus.
6, 82 ff. Nach Paulus epit. F. p. 23 war Ai-
mylos, der Stammvater der gens Aemilia, ein
zweiter Sohn des Askanios. Vgl. Aineias 22,
oben S. 184 ff. Er erscheint auch auf den Mi-
niaturen zu Vergib Über Askanius zu Alba
Longa handelt ausführlich Schivegler , B. G.
> l2, 337 ff.
e) Über die Namen des Helden.
Merkwürdig ist die Vielnamigkeit des As-
kanios. Die gewöhnliche Sage hielt nur die
Namen Ascanius und Julus fest, daher bei Uvid.
• Met. 14, 609: Ascanius binominis. Der Name
Askanios selbst weist auf das nordwestliche
! Kleinasien als die Heimat der Sage. Serv.
Verg. Aen. 1, 267 leitet den Namen vom phry-
gischen Flufs Ascanius ab. Überhaupt finden
sich Ascania und Ascanius als geographische
Namen für Landstriche, Städte, Flüsse, Seen
in Bithynien, Phrygien , Troas, Äolis, für In-
seln an der Küste von Troas und im ägäisclien
Meer. Vgl. Pape-Benseler unter ’Aßy lavüx, ’Aa-
v-uviog und Plinius n. h. 4, 71. 5, 138. 144.
148. 121. Wahrscheinlich ist der Name nur
hellenisiert und von Haus aus nichtgriechischen
io Ursprungs. Vgl. Winer , bibl. Realwörterbuch
unter Askenas. Wichtig ist, dafs nach La-
garde ges. Abh. 1866. S. 254 f. griechisch-phry-
gische Münzen den Gott Lunus mit phrygi-
scher Mütze und der Umschrift grjv "Aomivog
(andere grjv Aav-ciiog) zeigen. Klausen , Aen. u.
die Penaten S. 118 ff. 133. 137 sieht im Askanios
einen phrygischen Quelldämon und macht aus
ihm infolge der unrichtigen Ableitung von cce-
Kog auch einen „ Schlauch dämon“, was ihm Ger-
iet hard , gr. AI. 1 § 348 u. ö. nachgesprochen hat.
Dion. 1, 65 sagt, dafs er den Namen Askanios
erst auf der Flucht erhalten, früher aber Euryleon
geheifsen habe. Vgl. Appian. ed. Beklcer p. 12
Z. 27; anders der Gergithier Kephalon bei
Dion. 1, 72. Vergil in der Aeneis 1, 267 nennt
drei Namen: Ascanius, Julus, Ilus „at puer
Ascanius, cui nunc cognomen Julo additur
(Ilus erat, dum res stetit Ilia regno )“ u. s. w.
Serv. zu Verg. Aen. 4 , 159 fügt noch hinzu
30 die Namen Dardanus und Leontodamas oder
Leo[n]damas (keine von beiden Formen findet
sich bei Pape-Benseler) : Dardanus et Leonto-
damas dictus est ad exstinctorum fratrum sola-
cium (die letzten Worte sind dunkel). Die
Namen Ilus (vgl. auch Appian. b. c. 2 , 68),
Dardanus , Ascanius weisen auf die troische
Sage hin; Euryleon und Leontodamas könnten
aus griechischen Epen stammen , da sich die
Namen in den Hexameter fügen; Julus soll
40 Askanios erst in Latium genannt worden sein.
Cato hat dies wohl in den Origines erwähnt,
und zwar erfolgte die Umnennung, als Aska-
nios nach dem Tod des Aineias den Mezen-
tius besiegt und getötet hatte , Serv. Verg.
Aen. 1, 267. 6, 760. 9 , 745. Cato Orig. 1, 9
Peter, bestätigt durch Aurel. Vict. de orig. g.
B. 15 extr. An beiden letzteren Stellen wird
neben Cato auch C. Julius Cäsar als Gewährs-
mann genannt, der bekanntlich auf diese Ab-
50 stammung viel Wert legte. Suet. Caes 6. Ap-
pian b. c. 2, 68. Julus wird Serv. Verg. Aen.
1, 267 abgeleitet entweder von loßolog i. e.
sagittandi peritus oder von iovlog — primae bar-
bae lanugo, quae ei ( Ascanio ) tempore victoriae
nascebatur. Dagegen Aur. Victor : „weil As-
canius eine glänzende Tapferkeit bewiesen
hatte, hielten ihn die Latiner nicht nur für
einen Sohn Iuppiters , sondern nannten ihn
auch mit etwas verkleinertem und abgeänder-
60 tem Namen zuerst Iobus (= Iovus? Jolus?),
dann Iulus.“ Dies ist wahrscheinlich die rich-
tige Überlieferung. Bücheier, lexic. Italic.
Bonn 1881 S. 11 führt an: Iovilus oskisch =
Iovi consecratus. Iulus ist vielleicht durch Zu-
sammenziehung entstanden aus Iovulus (vgl.
Romulus, Proculus , Regulus) oder direkt aus
lovlus = der kleine Iuppiter, luppitersohn, zu
Iuppiter gehörig, vergl. Iovius. Diese Bezeich-
20*
615 Asklepios (Name) Asklepios (Genealogie) 616
nung giebt für den Sohn des Aineias einen guten
Sinn, denn dieser selbst war ein deus indiges,
eine Art Iuppiter Latiaris geworden, vgl. Ai-
neias c. 20. a. c. S. 181 f. ; zu Alba Lon-
ga, woher die gens Iulia stammt, bestand
vor allem der Kultus des Iuppiter Latiaris;
möglich , dafs Iulus zu Alba alter sakraler
Name des Iuppiterpriesters war , der Titel
wurde später zum Eponym für die Iulier (Iu-
lius: Iulus = Flaminius: Hamen). Bei Livius
führen noch mehrere in Staatsämtern stehende
Iulier aus altrepublikanischer Zeit den Na-
men Iulus als Familiennamen, vgl. Dion. v.
H. 8, 1. Die Annahme, dafs Iulus von röm.
Historikern nur den Iuliern zu Liebe erfun-
den worden sei , ist schon wegen des letz-
ten Umstandes kaum glaublich. Vergil ge-
brauchte den Namen dreisilbig, weil er an die
unrichtige Ableitung aus dem Griechischen
glaubte; Hör. Carm. 4, 2, 2 ist Iulus zweisil- 20
big gemessen. Wahrscheinlich stand in den
Hausbüchern der Familien lulischen Geschlechts
bereits der Name des Ahnherrn Iulus (Paral-
lele bei Hör. Carm. 3 , 17 , 4) und kam aus
ihnen an die Annalisten. Damit erkläre ich
mich gegen die Auffassung Schweglers B. G.
I2 S. 338 mit Anm. 8. — 2) Sohn des Pria-
mos, Apollod. 3, 12, 5. 9. — 8) ein Bundes-
genosse der Troer aus dem phrygischen As-
kania, II. B 862. Sträbo 12 p. 564. 565. — 30
4) Sohn des Hippotion, ein Myser, II. N 792
aus Askania, vgl. Strabo a. a. 0. und Faesi-
Franke zur Stelle. — 5) Trojaner, von Neop-
tolemos getötet, Quint. Smyrn. 9, 192.
[Wörner.]
Asklepios.
I. Der Name.
’AcHlamog äolisch und dorisch: Inschriften
von Pherai und Krannon {Keil, inscr. Thessal. 40
p. 7), Elateia ( Bangabe ant. hell. 2 n. 953),
Lesbos {Ephem. epigr. 2 p. 21, C. I. Gr. n. 2194) ;
Hermione {C. I. Gr. n. 1198), Rhodos ( Bidl.de
corr. hell. 2 p. 138) etc. [ ’AgkIcctcos {C. I. Gr.
n. 5131 Kyrene) ist^vohl nur Versehen des
Steinmetzen..] ’Ag xlazziog böotisch {Ban-
gabe 2 n. 898). Aio %lcnc 16 g {Annali 6, 222
tav. E; AlguIutiiÖs gelesen v. Böckh C. I. n.
6737, AiG%laßi6g v. Böhl, Inscr. gr. antiquiss.
n. 549) auf dem Schenkel einer archaischen 50
Bronzefigur zu Bologna. Damit stimmt bis
auf die Aspirata überein Ai s cl apiu s auf einer
etruskischen Schale Bullet. 1864 p. 24, woraus
durch Vokaleinschaltung die lateinische Form
Aesculapius wurde. ’AghXs znt.6 g in der
spartan. Inschr. C. I. Gr. n. 1444 (dieselbe In-
schrift giebt mehrmals sz für 1). Endlich die
ionisch- attische Form Aav-Xrin lo g. — Seit man
sich gewöhnt hatte den Namen als Komposi-
tum mit gmog zu fassen, konnte man auf die eo
Accentuation als Proparoxytonon verfallen.
Das soll nach Ps.-Plut. vit. 10 orat. p. 261
( Hutten ) Demosthenes gethan haben, jedoch
unter Protest der Athener (vgl. Eust. ad II. 4,
202. Ilerodian 1 p. 122 Lenz.). Für densel-
ben Accent sind unter den Neueren eingetreten:
G. Hermann, doctr. metr. § 14 u. BöcJch, not.
crit. ad Pind. p. 455, jedoch nicht überzeugend
(vgl. Spitzner, de versuher. p. 84). — Etymo-
logieen der Alten: Etym. magn. s. v. ’Aansls g,
Etym. Gud. s. v. ’AGv.hqm6g , Eust. zu II. 4,
202. Der Neueren: von ccGHtxXaßog (= Schlange)
Welcher, gr. Götterl. 2 p. 736 mit Anm. 10,
(vgl. Angermann in Curtius, Stud. z. gr. u. lat.
Gr. 9, 247 f.) Mähly , die Schlange im Myth.
p. 6; von yXcccpco Heffter , Bel. d. Gr. 2, 343;
von ctXnco — ’Al^ymog Preller, gr. Myth. 23
10 403 Anm. 1; vgl. auch L. Meyer, Bemerk, zur
ältesten Gesch. der gr. Myth. p. 70. Eine Blu-
menlese von Ableitungen aus dem Semitischen
bei Sichler , Die Hierogi. im Myth. des Askl.
— Der Name ist durchaus dunkel.
II. Die Person des Asklepios.
A. Überlieferte Stemmata und Herkunft
des Kultus.
1. Überlieferung von Trikka in Thessal.
Apollon — Stilbe
Lapithas
Asklepios.
Ilias 2, 732 und dazu Eustath., Strabo p. 437
u. 647..
2. Überlieferung von Lake r eia in Thess.
(Dotius Campus) und Epidauros:
Phlegyas
.1
Koronis — Apollon
Asklepios.
Hes. Eoeen fr. 50 u. 51 {Schäm.), Hom. Hymn.
auf Asklepios. Pind. Pyth. 3, 34. Pherekyd.
fr. 8 {Müll.). Über das Eingreifen des Ischys
in diese Genealogie vgl. unten. — Die epidaur.
Tradition bei Paus. 2, 26, 4 u. 7.
3. Überlieferung der sondernden
Theologen {„theologi et vetustatis abscondi-
tae conditores“ Arnob. 4, 14):
Elatos
I
Ischys — Koronis
Asklepios.
Io. Lyd. de mens. 4, 90: Ssvzegog {’AghX.) ’lG%vog
tov ’EXdzov Hai Kogcovtdog, og £V zoig Kvvog-
ovgiSog hg zoig izacpr}. Vgl. Cie. de nat. deor.
3, 22. 57, wo als Eltern genannt werden Va-
lens u. Coronis, als Ort des zaepog Cynosara.
Cleni. Alex, protr. 2 § 30 stimmt im Namen
des Ortes mit lo. Lyd., die Schol. bemerken
dazu: Hcoyrj Acnis ö az gov 0 g (eine lakonische
Phyle Kynosura bei Hesych. s. v. ; vgl. Paus.
3, 16. 9). Panofka Askl. u. Asldepiaden p. 9
will den arkadischen Berg Kvvocovga ver-
standen wissen.
4. Messenische Überlieferung.
Leukippos
. I
Arsinoe — Apollon
Asklepios u. Eriopis.
Paus. 2, 26. 7. ' HgioSov r) zcöv zzva syTttnoii]-
hÖtojv sg xd Ilaioöov za tnr] Gvv&svza eg zqv
MsGGrjVLcov %dgzv , Apollod. 3, 10. 3. 5. Asklc-
piades bei Schol. Pind. pyth. 3, 14. Ob He-
617 Asklepios (Genealogie)
siod zu den Gewährsmännern für diese Genea-
logie gehörte, ist sehr zweifelhaft ( Lehrs giebt
im Didotschen Hes. die fraglichen Fragmente
als hesiodisch [fr. 87 au. b], Schümann ac-
ceptiert das 1. Fragment, bezieht es aber auf
Koronis. Vgl. auch Böckh zu Schol. Find.).
5. Arkadische (?) Überlieferung (son-
dernde Theologen).
Arsippos — Arsinoe (Tochter Leukipps)
Asklepios.
Cic. de n. deor. 3, 22, 57 : tertius Aesc., cuius
in Arcadia non longe a Lusio flumine sepul-
crum et lucus ostenditur. Io. Lyd. de mens. 4,
90, Ampel. Uh. mein. 9 (verderbt).
Unter obigen Stemmata weisen die drei
ersten auf die Wiege des Asklepioskultes, auf
Thessalien. Dafs Asklepios Stammgott der
tliessalischen Phlegyer und Lapithen sei, wies
0. Müller nach. Er sali in beiden Namen nur
verschiedene Bezeichnungen eines und dessel-
ben vorgeschichtlichen Volksstammes ( Orchom ,2
p- 187ff). Identisch fafst Phlegyer und Lapithen
auch Kuhn, jedoch rein mythisch unter Gleich-
setzung mit den indischen Bhrgus , den Perso-
nifikationen der Blitze {Heroik. des Feuers
p. 20 ff.). Mannhardt , Wald- u. Feldkulte 2,
! 90 berührt die Phlegyer nicht, erklärt aber die
I Lapithen für ursprüngliche Personifikationen von
Sturmeserscheinungen ; A. Schultz (in Jahrb. f. cl.
Phil. 1882 p. 345) hält die Lapithen für mythi-
sche Wesen aus dem Sagenkreise der von ihm
i als Volksstamm gefafsten Phlegyer. Thatsache
ist, dafs die Gestalt des Asklepios mit jenen
(auf der dämmernden Schwelle von Mythus und
Geschichte stehenden Stämmen Thessaliens in-
jnig verwachsen ist. Trikka am Lethaios für
den Ausgangspunkt des Kultus zu erklären,
ward das Altertum durch den Homer. Schilfs-
katalog veranlafst, und nur auf Homer fufst
Strabos Behauptung, das Heiligtum von Trikka
iei das älteste (p. 437) und die Geburtsstätte
ides Gottes (p. 647). Aber mit dem Anspruch
luf gleiche Altertümlichkeit tritt Lakereia
|iuf, die phlegyeische Stadt am böbeischen See
Leake,N. G. 4, 477 ff., Bursian, Geogr. 1, 104).
liier ist die Sage von Asklepios’ Mutter Koro-
lis {Schic ende im Rh. Mus. N. F. 11, 494 ff.)
pon den Eoeen {fr. 50 Schäm.) lokalisiert, und
jiier knüpfen alle Sagen an, welche von der
tivalität zwischen Apollon und Ischys oder vom
iode der Koronis berichten {Hom. hymn. in
1 p. 207 ff. , Pindar , Akusil., Pherekyd. etc.).
I Schon O. Müller hat richtig bemerkt ( Orchom .
>. 194), dafs der Götterkreis der Phlegyer ein
■auz eigentümlicher und von dem apollinischen
[Tundverschiedener gewesen ist. In der That hat
Apollon ursprünglich mit Asklepios gar nichts
ju thun, in der vielfach überlieferten Todfeind-
ehaft der Phlegyer gegen die V erehrer Apolls
J;t vielmehr ein sehr starker Gegensatz der
■eiden Kultkreise ausgedrückt und wenn spä-
er im konsolidierten Göttersystem Asklepios
1s Apolls Sohn erscheint , so ist das nichts
'lehr als ein Ausdruck für einen schliefslichen
rieden nach langen, erbitterten Kämpfen,
emnach ist das verhältnismäfsig so spät über-
eferte Stemma 3 (Asklepios, Sohn des Ischys
Asklepios (im Mythus) 618
und der Koronis) für das ursprüngliche zu
nehmen. Dieser Ischys ist eine thessalische
Gestalt, Sohn des Elatos, des Eponymen von
Elateia im nordöstl. Thessalien {Steph. Byz.
s. v. Liv. 42 , 55. 7). Mit diesem Lapithen
Ischys hat aber die Sage schon verhältnis-
mäfsig früh einen Arkader Ischys verquickt
(den Sohn des Elatos und Enkel des Ärkas,
welcher den Phokern gegen die Phlegyer zu
Hilfe kommt und das phokische Elateia grün-
det Paus. 8, 4. 2 ff.). Doch ist zu beachten,
dafs in dem fr. der Eoeen (52 Schäm.) nur der
Elatide Ischys , nicht der Arkader Ischys er-
scheint und erst durch den Hom. Hymn. auf
Apollo 208 ff. die arkadische Herkunft dessel-
ben bezeugt gelten kann. Andererseits aber
nennt Apollod. 3 , 10. 3 den Liebhaber der
thessalischen Koronis nach alter Überlieferung
noch richtig einen Lapithen (Bruder des Kai-
neus). Einen Versuch, den thessalischen und
arkadischen Ischys zu identificieren und die
Brautfahrt desselben aus Arkadien nach Thes-
salien aus Dietr. Müllers Gesetz der Umkehrung
ursprünglicher Wanderungsrichtungen { Mythol .
der gr. Stämme 1 , 29) zu erklären , macht
A. Schultz, Phleqyersaqen in Jahrb. f. Phil. cl.
1882 p. 346 ff.
Die Sage von Koronis’ Untreue ge-
gen Apollo ist seit den Eoeen für die Dichter
ein beliebter Stoff: Koronis, von Apollon bereits
mit Asklepios schwanger, giebt sich im Hause
ihres Vaters dem Gaste Ischys hin {Hes. ge-
braucht noch den Ausdruck legaler Verbin-
dung, ozi”lG%vg y f a t Koqcovlv, dagegen Pin-
dar, Pyth. 3, 25 svvdad'q | eCvov Iey.zqoi.giv u.
v. 32 yolz ctv a&eyiv zs Solov). Aku-
silaos erfand, um die Bevorzugung des Ischys
vor Apoll zu erklären, das Motiv mg yuzcc dsog
vnsQoipiag &vr]zm ßovlrj&eeGa Gvvsivon {fr. 25.
Müll.). Apollon erhält zu Delphi vom Gesche-
henen Kunde durch seinen Raben Hes. fr. 52
[Find. a. a. 0. v. 27 in seiner Weise eigentüm-
lich abweichend: uCev yolvolvi netq’ sv&vzazo ),
7tavza iGuvri vorn). Apoll entsendet nun seine
Schwester zur Tötung der Ungetreuen und mit
Koronis stirbt viel phlegyeisches Volk (nach
Pherek. fr. 8 wird Koronis durch Artemis,
Ischys durch Apollon getötet; nach Ooid. Met.
2, 605 tötet Apoll selbst Koronis; nach IJyg.
Fab. 202 hätte Zeus den Ischys mit seinem
Blitzstrahl getötet, eine augenscheinliche Ver-
wechselung mit der Sage von Asklepios' Blitz-
tod). Den Flammen des Scheiterhaufens, welche
bereits um Koronis emporschlagen , entreifst
Apoll (nach Paus. 2, 26, 6 Hermes) sein Kind
und übergiebt es Cheiron SiSa^ca nolvnriyovccg
dvO'QanoLGL IccgQ’cu voaovg {Find.). Das bis
dahin weifse Gefieder des Unglücksboten wird
von Apollon in ein schwarzes verwandelt ( Ovid .
Met. 2, 632. Artemon v. Cass. fr. 7. Apollod.
3, 10. 3. 7. Hyg. fab. 202). Ischys und Koro-
nis von Apoll verfolgt hat man erkennen wol-
len auf Vasenbildern ( Mon . 2, tav. 18, Duc de
Luynes, descr. de vas. p. pl. 6 u. 7).
B. Asklepios im Mythus.
An Sagen von Asklepios ist die Überlieferung
auffallend arm. Cheiron war sein Lehrmeister
619 Asklepios (im Mythus)
in der Iatrik; so bereits II. 4,219; nach Pin-
dar , Pyth. 3, 45 (vgl. Nevi. 3, 54) und den
Späteren geschah dies auf Initiative Apollons,
doch liegt hier sicher ein älterer thessalischer
Sagenstoff vor , denn auch der thessalische
Achill und Iason sind Cheirons Schüler. Das
Eingreifen des Asklepios in die bunte Welt
der Heroensage ist fast gleich null. Erst bei
späten Schriftstellern finden wir ihn an heroi-
schen Abenteuern aktiv beteiligt , und zwar
bei dem. Alex. Strom. 1, 21. 105 an der Ar-
gonautenfahrt (vgl. Hygin fab. 14) und nach
Hyg. fab. 173 an der kalydonischen Jagd. —
Der Grund dieser spröden Haltung des Askle-
pios gegenüber der Heroenmythologie liegt
nicht in seinem nüchternen Arztberuf, sondern
tiefer, nämlich in der Thatsache, dafs Askle-
pios in eminentem Sinne Kultgottheit war und
dem Hereinziehen in die Heroensphäre erfolg-
reicher Widerstand geleistet hat, als anderer-
seits z. B. ein Herakles. Ja gerade letzterer
tritt zu Asklepios in eine Beziehung wie Heros
zu Gott, wenn er, im Kampfe gegen Hippo-
koon an der Hüftpfanne verwundet, von Askle-
pios geheilt wird und demselben aus Dank-
barkeit einen Tempel erbaut (als ’AgkI. Koxvlsvg
Paus. 3, 19, 7; vgl. 20, 5). Ebenso stehen
sich im pergamenischen Kult aufs bestimm-
teste der Heros Telephos und der Gott Askle-
pios gegenüber Paus. 5, 13, 2. Das einzige,
was von Asklepiios im Volke gesungen und
gesagt wurde, waren seine wunderbaren
Heilungen und Auferweckungen, an
welche Dichter die Sage von seinem Blitz-
tod durch Zeus schlossen (durch Zeus’ Be-
fürchtung motiviert bei Apollod. 3, 10. 4, durch
Plutons Klage bei Diod. 4, 71). Letzterer Zug
(der Blitztod) ist ziemlich alt, da er sich schon
bei Hesiod, in den Naupaktika, bei Find. u.
Stesich. findet. Hes. fr. 35 giebt blofs die That-
sache des Todes durch Zeus’ Blitzstrahl; doch
ging gewifs die Motivierung durch Aufer-
weckung eines Toten vorher. Der Name des
Erweckten und das Lokal der That (die Nau-
pakt. liefsen Hippolyt zu Troizen, Stesichoros
Kapaneus u. Lykurg, Panyasis den Tyndareos,
Pherekydes zu Delphi Verstorbene vom Tode
erstehen) wechselten je nach dem Mythenkreise
und haben daher in ihrer Masse (Zusammen-
stellung bei Sext. Empir. adv. math. 1 § 260)
für die Mythologie des Asklepios geringen
Wert. Nach zwei Versionen war nicht eine
Totenerweckung, sondern eine einfache Hei-
lung (des Wahnsinns der Proitiden nach Po-
lyanthv. Kyrene oder der Blindheit der Phine-
iden nach Phylarch ) der Grund von Asklepios’
Tod. Ob dieser Blitztod blofs eine dichterische
Erfindung ist, ob ihm eine tiefere, symbolische
Bedeutung zu Grunde liegt (vgl. Schwarte,
Urspr. d. Mythol. p. 124. Mannhardt , antike
Wald- u. Feldlc. 2, 98), lassen wir vorab da-
hingestellt. So viel aber läfst sich doch sagen,
dafs sich aus der oft versierten Sage von As-
klepios’ Tod durchaus nicht der Schlufs er-
giebt, als sei Asklepios ursprünglich eine Ge-
stalt des Heroenkultes gewesen und erst mit
der Zeit zu göttlicher Würde emporgestiegen.
Den Dichtern der alten Zeit ist Asklepios aller-
Asklepios (im Mythus) 620
dings nicht mehr als Heros. Für Homer nach
dieser Seite aus dem Beiworte dyvycov (II. 4,
193) Kapital zu schlagen, ist vielleicht unstatt-
haft, aber die Eoeen nennen den Asklepios oq-
Xayov uvSgmv und ordnen ihn ihrem heroogo-
nischen System ein, Pindar nennt ihn aus-
drücklich r'iQcoa (Pyth. 3, 7) und wie geläufig
die Behandlung seines Todes war, sahen wir
soeben. Aber diese bei den Dichtern und in
der Profanlitteratur herrschend gewordene Auf-
fassung ist auf den Kult des Asklepios fast
ohne jeden Einflufs geblieben. Mochte die
Dichterphantasie ihn unter Zeus’ Blitz zusain-
menbrechen lassen und dann zum Lohn für
seine Verdienste um die Menschheit unter die
Sterne versetzen (als Ophiuchos Ps.-Eratosth.,
katast. 6, Hyg. poet. astr. 2, 14), in seinen Tem-
peln hat Asklepios zu allen Zeiten als Gott
gewaltet. Unter den 320 Asklepieen, welche
dem Unterzeichneten in der Überlieferung ent-
gegengetreten sind, weisen nur 4 Stätten Spu-
ren einer Verehrung nach heroischem Ritus auf
und diese Spuren sind zum Teil sehr zweifel-
hafter Art:
1) Das Grab des Asklepios in dem
problematischen Kynosura (vergl. oben
II A, 3).
Die Anlehnung an die Dichtersagen vom
Blitztod wird hier von Cicero ausdrücklich ge-
geben.
2) Das Grab in Arkadien, non longe a
Lusio ilumine (Cic. vgl. oben II A, 5).
Dieser Asklepios erscheint als fremdar-
tig durch seinen Vater Arsippos. Liegt hier
etwa ein mit Asklepios identificierter Lokal-
heros vor?
3) Ein sepulchrum Aesculapii in
Epidauro(!) nach Bufinus recogn. pseudocl.
10, 17.
Der epidaurische Kult ist uns anderweitig
genau bekannt und weifs von einem Grab des
Asklepios nicht das geringste, trägt dagegen
alle Merkmale des Götterkultes. Deshalb ist
die Zuverlässigkeit der Angabe Rufins im höch-
sten Grade zweifelhaft.
4) Heroische Verehrung des Askle-
pios in Athen.
Hier ist zunächst die angebliche Inschrift
eines Theatersessels [egsoog ’Acy-lyniov ygcoog
Epli. arch. TTrp. ß' No. 135 zu beseitigen als
mit den erhaltenen Schriftzügen unvereinbar,
TJittenb. im C. I. A. 3 n. 287 liest na(i,)co(v)og.
Aber die neuen Ausgrabungen am Südabhang
der Burg haben eine Inschrift (C. I. A. 2a
n.453b) ans Licht gebracht, welche im athen.
Asklepieion gefeierte rjgäa erwähnt. Nun
braucht dieses Totenfest freilich nicht unmit-
telbar mit Asklepios in Verbindung gebracht
zu werden und es liegt nahe, dasselbe auf die
in Athen gleichfalls verehrten Asklepiaden
Pod. u. Mach., welche notorisch dem Heroen-
kult angehören, oder auf andere heroisierte
Tote (ein odcogog rjgcog, Mitteil, des athen.
Inst. 2 , 246) zu beziehen. Indes giebt Tcr-
tullian ad nat. 2, 14 die merkwürdige Notiz:
Athenienses Aesculapio et matri inter mortuos
parentant. Wer auf dies Zeugnis Gewicht
legt, könnte an jenen tjqcSk Asklepios selbst
-
ü
'=
■■
11
11,
621 Asklepios (Familie d. A.)
beteiligt denken und hier ein Beispiel sehen,
dafs die von der Poesie vollzogene Entgötte-
rung denn doch ausnahmsweise auch aut' den
Kult eingewirkt hat. Nur läge hier dann die
Sache nicht wie bei Herakles, der an dem
einen Ort als -Gott {Paus. 1, 32. 4), an einem
andern als Heros {Paus. 2, 10. 1) verehrt wurde
\ {Herod. 2 , 44) , sondern wie bei Kastor zu
Sparta {Paus. 3, 13. 1) und Menelaos zu The-
rapne {ib. 19, 9), wo zacpog und vccog an der-
j selben Stätte mit einander verbunden sind.
— Aber selbst wenn man das Zeugnis Ter-
tullians gelten läfst, so bleibt ihm gegenüber
doch die grofse Masse von Zeugnissen für die
Verehrung nach Götterritus bestehen, welche
gerade Athen durch die Reihe der Jahrhun-
derte aufweist. Und vollends im Gesamtkult
des Griechenvolkes kann von einem Heros
Asklepios keine Rede sein ; demnach ist die
neuerdings in Aufschwung kommende Theorie
der Heroenkulte in ihrer Ausdehnung auf den
Arztgott abzulehnen.
C. Die Familie des Asklepios.
Wie hinsichtlich der Eltern (vgl. oben), so
| schwankt die Überlieferung auch hinsichtlich
I der dem Asklepios zugesellten Gattin. Mit
den stärksten Ansprüchen tritt auf Ep io ne
(nach Schol . II. 4, 195 Tochter des Merops,
:: nach Ps.-Hipp. ep. 10 des Herakles). Sie allein
findet sich auch im Kultus (zu Epid. ver-
j ehrt, Paus. 2, 27, 6, auf Kos Bull. d. c. h. 5
p. 474, wohl auch in Athen C. I. A. 3,
i No. 171b, Böckh , Staatshaush. 3, Urk. 4
! col. 27). Dichternannten abweichend Xanthe
{Hes. fr. 179 Lehrs) , Lampetie {Hermipp.
b. Schol. Plut. 701), Agla'ie {Quint. Smyrn.
p. h. 6, 492), Hipponee {Tzetz. prooern. alleg.
615). Von den Kindern des Asklepios ge-
hören Podaleirios und Machaon der he-
roischen Sphäre an (vgl. Bd. 2 , s. v.) , alle
| übrigen sind offenbar Personifikationen von Be-
griffen: Hygieia (vgl. s. v.), Iaso, Pan-
akeia, Aigle {Hermipp. b. Schol. Plut. 70l),
| Akeso {Suid. s. v. ’Hmovrj), Ianiskos {Schol.
Ar. Plut. 701), Alexenor {ibid.}, Telespho-
ros (vgl. Bd. 2 s. v.), mit welchem Paus. 2,
1 11. 7 Euamerion (Titane) und Akesis (Epi-
i dauros) für identisch hält.
D. Die Bedeutung des Asklepios.
Vom euhemeristischen Standpunkt aus er-
klären Asklepios für einen berühmten Arzt
der griechischen Vorzeit: Kurt Sprengel {pragm.
Gesch. der gr. Arzneykunde 1 p. 181 ff.) und
: Köstlin bei Pauly s. v. medicina. Die orien-
talisierende Richtung vertreten: Fr. Creuzer,
Symbolik (Zurückführung auf den phönik. Es-
mun) ; Böttiger , die heilbringenden Gottheiten
opusc. 1; Sichler , die Hierogi. im Myth. des
Askl. 1819; Roth, G. d. a. Pli. 1 p. 113. 121
und neuerdings Duncker, G. d. A. 55 p. 233
u. 237. Die physikalische Richtung: Forch-
I hammer, „ der Gott der Nässe in der trockenen
i Luft, die Schlange das Symbol des fliefsenden
Wassers“ Hellenika p. 296; Ch. Petersen in d.
A. E. S. 1 Bd. 82 p. 216: „Adklepios ist die
\ milde gesunde Luft des Frühlings und Spät-
Asklepios (Bedeutung) 622
sommers nach dem ersten Regen.“ Als älteste
Verehrer denkt Petersen die thessalischen Mi~
nyer. Lauer, System d. gr. Myth. p. 281 ff.
unterscheidet einen älteren, natürlichen Askle-
pios, Gott der Sonne und Fruchtbarkeit, und
einen später spezialisierten ethischen Askle-
pios als Schützer und ganz speziell als Ge-
sundheitgeber. Vom Standpunkt der verglei-
chenden Mythologie macht Kuhn, Herabkunft
des F. p. 18 die Phlegyer zu Personifikationen
der Blitze und p. 252 ff. frageweise den indi-
schen Götterarzt Dhanvantari, eine Verkörpe-
rung des Göttertrankes, zum Doppelgänger des
Asklepios. Alfred Maury , hist, des religions
de la Grece antique hält Asklejnos für eine
altpelasgische Gottheit und identificiert ihn
mit Agni-Soma (1, 121 u.'449), die Schlange
aber denkt er aus Phönicien {Esmun) in
den Kult importirt (1, 104 u. 454; 3, 247).
Preller, Griech. Mythol. I2 p. 403: „Askle-
pios ist die Heilkraft der gesunden Natur, wie
sie am wirksamsten in schöner Jahreszeit auf
den Bergen und in gesunder Luft empfunden
wird.“ Für Preller ist Asklepios eine Ema-
nation Apollons, den alten Gegensatz der Askle-
piosdiener gegen die Verehrer Apollons läfst er,
wie die meisten , unbeachtet. So hält auch
Schwartz, der ürspr. der Mythol. p. 114 die
Verbindung von Asklepios und Apoll für ur-
sprünglich und zieht ersteren in das Bereich
seiner Gewitterwesen. Asklepios ist ihm der
reinigende Gewitterwind. Hahn, Sagwissen-
scliaftl. Studien p. 215 Anm. 36: Koronis =
Morgenröte, p. 230, Asklepios = die an wolki-
gem Morgen spät aufgehende Sonne (vgl. auch
p. 154). Eigentümlich ist Welckers Auffassung,
G. G.-L. 2, 734ff. , nach welcher die Gestalt
des Asklepios eine dämonische Heilschlange
zum Hintergrund hat , aus welcher sich der
Gott mit dem Schlangenstabe herausgebildet
habe, wie sein Name aus uoxülußog (urspr.
wohl nicht = Eidechse, sondern im allgem.
= Schlange). Eine neue Richtung endlich,
läfst eine gröfsere Reihe von griech. Göt-
tern aus dem Totenkult hervorgehen, un-
ter denselben auch Asklepios. So besonders
Milchhöf er in verstreuten Aufsätzen {Mitteil,
des ath. Inst. 2 p. 461, 4 p. 161 ff. A. Z.
1881 p. 294ff. : „Mehr oder weniger sind alle
Heroen Heilgötter, unter denen Asklepios nur
zum verbreitetsten Namen gelangt ist “ p. 297.
— Quot capita, tot studia! Denselben gegen-
über hat sich 0. Müller jedenfalls auf reale-
rem Boden gehalten, indem er sich damit be-
gnügte, Asklejnos als die Gottheit eines. alt-
thessalischen Stammes nachzuweisen. Über
die Grundbedeutung desselben finden sich Or-
chom. 2 p. 196 nur andeutende Bemerkungen,
wie der Hinweis auf Asklepios’ Beinamen Ai-
ylafiQ („der Strahlende“), welcher auf Askle-
pios’ Feuergeburt und Blitztod vielleicht einen
Lichtstrahl werfe. Eine bestimmte physika-
lische oder anderweitige Bedeutung des Got-
tes aufzustellen verzichtet auch der Unterzeich-
nete , bevor die Überlieferung nicht in allen
Einzelheiten geprüft worden ist ; eine solche
Prüfung aber verbietet der Plan vorliegenden
Unternehmens. Nur so viel sei bemerkt: As-
10
20
30
40
50
60
623 Asklepios (Geschichte s. Kultes)
Asklepios (Geschichte s. Kultes)
624
klepios gehört zu den ältesten Gottheitsbe-
griffen des Griechenvolkes. Seine in histori-
scher Zeit streng begrenzte Sphäre ist sicher
nicht die ursprüngliche, und wie auch am Heil-
gott noch die Mantik als besonders charakte-
ristisch hervortritt , so wird man nicht fehl
gehen, wenn man in Asklepios eine alte thes-
salische Orakelgottheit erkennt. Ob die Erde,
die Luft oder das Licht als ihr Element ge-
dacht wurde, ob nicht vielleicht eine andere
Form altertümlichen Gottesbegriffs in ihm re-
präsentirt war, diese Frage bleibe vorläufig
unbeantwortet.
III. Zur äufseren Geschichte des
Asklepioskultes.
Die Wiege des Asklepioskultes ist Thessa-
lien; an den Heiligtümern des Heimatbodens
haftet demnach die Präsumption höchsten
Alters. Nachweisbar sind aufser Trikka und
Lakereia (vgl. oben IIA.) noch Larisa (Sil-
bermünze mit stehendem Asklepios. Cadal-
vene, rec. des med. gr. p. 122, 2. Kopf des As-
klepios, davor Schlange, Rev. numism. 1844
p. 31 \_Mionn. Su.ppl. 3, 294 hält die Schlange
für das Stück eines Leierarmes und deutet den
Kopf demnach auf Homer]), Kr an non und
Pherai (Keil, ins er. Thess. tres p. 7), die
Landschaft Magnesia (Münchner Münze mit
sitzendem Asklepios. Eine Wiederholung die-
ses Typus deutet Sestini, descr. vet. num. p. 150
n. 26 mit Unrecht auf Apollo, weist aber wohl
richtig die Münze den thessalischen Magneten
zu). — Die älteste erkennbare Wanderung des
Asklepioskultes über die Grenze Thessaliens
war nach Böotien gerichtet. Hier wie in Thes-
salien finden wir eng mit einander verbunden
Minyer und Phlegyer in früher Zeit ansässig,
hier ist daher der Dienst des Asklepios alt.
Zunächst zu nennen ist der Trophonios v. L eba-
deia; denn dafs in der komplicierten Gestalt
dieses Gottes u. a. auch Asklepios aufgegan-
gen ist, beweist das Stemma des Trophonios
(Sohn des Valens [Ischys] und der Koronis
Cie. d. n. d. 3 , 22 , 56) sowie sein Kultbild,
welches den Typus der Asklepiosbilder zeigte
(Paus. 9, 33, 3f.). Asklepios ohne fremdartige
Beimischung erscheint in 0 r ch o me n o s (Tempel
des ’AgxXutuos Rangabe 2 n. 898) und in Hyet-
tos (Bull, de c. hell. 2 p. 502). Die Sage läfst
die böotischen Phlegyer wegen übermütiger
Bedrückung der Umwohner durch Götterzorn
zum gröfseren Teil zu Grunde gehen, den Rest
nach Phokis übersiedeln (Paus. 9, 36. _ 2 ff.).
In letzterer Nachricht erblicken wir die Über-
lieferung einer thatsächlichen phlegyeischen
Wanderbewegung, denn auch in Phokis, und
hier besonders finden wir Phlegyer. Dieselben
sind zwar später von dem Gesamtbegriff Pho-
ker absorbiert worden, der konservative Kultus
aber hat ihre Spur in ihrem Spezialgott er-
halten , denn eine wichtige Notiz meldet uns,
dafs in ganz Phokis Asklepios als Stamm-
gott (’AQxays rrjg) verehrt wurde (Paus. 10, 32.
12). Einzelne Heiligtümer: bei Tithorea
(Paus. I. c.), in der alten Phlegyerstadt Pano-
peus (Paus. 10, 4. 1), in Elateia (ib. 34, 6).
Diese phokischen Phlegyer sind es, an welche
sich zahlreiche Sagen von der Feindschaft ge-
gen Delphi knüpfen, und zu Delphi wird jene
Geschichte von Ischys’ Rivalität und Koronis’
Frevel erfunden, in Phokis der endliche Friede
durch Adoption des Asklepios in den apolli-
nischen Kreis besiegelt worden sein. (Übrigens
ist die Verbindung beider Gottheiten im Kul-
tus eine ziemlich lockere geblieben, wenn auch
io nicht so locker, wie O. Müller dachte (Dorer l2
p. 285) und Stoll in der R.-E. 1 p. 465 wieder-
holte. Schon Welcher, G.-L. 2, 745 wies einen
Doppeltempel des Asklepios und Letos samt ihren
Kindern zu Mantinea nach , sowie drei Askle-
pieen mit Apollo als Gvvvaog (in Megalopolis,
Messene, Akragas); dazu sind noch zu fügen
Sikyon (Paus. 2 , 10. 2) und Epidauros (Le
Bas n. 145 b, ’AQ'rjvcaov 1882 p. 528 n. 3). Den
umgekehrten Fall, Verehrung des Asklepios
20 in apollinischen Heiligtümern, weifs ich zu-
nächst nur mit Aegira (Paus. 7, 26. 7) zu be-
legen. — Eine weitere Wanderung des Kultus
bezeichnet das isq'ov uIgo g bei Epidauros.
Nach lokaler Sage kam einst Phlegyas in den
Peloponnes v.uxciGY.onov nhqQ-ovg tcov svomovv-
xeov. Ihn begleitete Koronis, die Frucht heim-
licher Verbindung mit Apollo bereits unter dem
Herzen tragend Auf dem Mvgyiov ogog bei
Epidauros gebar sie ihren Knaben. Derselbe
30 wird von einer Ziege gesäugt, von einem
Hunde bewacht, bis der Herr der beiden, ein
Hirt Aresthanas das Kind findet und an dem
dasselbe umfliefsenden Lichtglanz seine Gött-
lichkeit erkennt (Paus. 2, 26, 3f. Epidaurische
Münze mit Kind, Ziege und Hirt unter Bäu-
men bei Panoflca Tf. 1, 1). Die Legende des
Hieron hatte also die Erinnerung phlegyeischer
Herkunft bewahrt, beanspruchte aber die Ehre,
des Gottes Geburtsstätte zu sein. Dieser Präten-
40 sion erteilte Delphi seine Sanktion ( Paus. a. a. 0.
§ 7). Neben dem Hieron weist Argolis noch
eine stattliche Reihe anderer Asklepieen auf:
in der Stadt Epidauros (Paus. 2,29, 1), Ar-
gos (hier gab es nicht weniger als 3 Asklepieen
Paus. 2, 21, 1 und 23, 2), Asine (Mionn. B.
2, 224, 73). Hermion e (C. I. G. n. 1198. 1221),
Trözen (Mionn. S. 4, 268, 196). — Im Sikyo-
nischen deutet der Kult der Koronis im Askle-
pieion von Titane auf phlegyeischen Einflufs,
50 während andererseits der mythische Gründer
des Heiligtums, Alexanor, Machaons Sohn auf
das lapithische Trikka zurückweist. Jedenfalls
gehört Titane zu den ältesten Kultstätten
des Asklepios im Peloponnes (vgl. Paus. 2,
11, 6f.). — In Achaja würde Kyros bei Pel-
lene (Paus. 7 , 27. 11) direkten Import aus
Thessalien voraussetzen lassen, wenn Gurtius'
Vermutung (Pel. 1, 484), dafs der Name ur-
sprünglich Trikka lautete, richtig ist. — Sehr
co alt ist der Kult ferner in Arkadien. Hier besafs
Thelpusa ein i sgov AgkIyituov Tlcadog und
eine Kindheitssage, welche der epidaurischen
ähnlich : Tgvycbv (Turteltaube) sollte denKnaben
daselbst genährt haben (man vgl. die nsXsica,
welche das Zeuskind mit Ambrosia versorgen
Ath. 11, 491b und Roscher, Nektar u. Ambro-
sia p. 62 u. M) ), während Autolaos, des Arkas
Sohn, hier die Rolle des Aresthanas spielt
626
625 Asklepios (Geschichte s. Kultes)
Asklepios (relig. latrik)
{Paus. 8, 25, 11). Aus dem Umstand, dafs
auch Megalopolis in dem einen seiner bei-
den Asklepieen den Gott als Kind verehrte
{Paus. 8, 32, 5), also doch wohl den Anspruch
erhob seine Geburtsstätte zu sein, möchte ich
schliel’sen, dafs das Alter dieses Heiligtums weit
über die Gründung der jungen Stadt zurück-
reicht. Unter den übrigen zahlreichen Askle-
pieen der Landschaft sind hervorzuheben das
zu Mantineia mit Kultbild von Alkamenes
{Paus. 8,0. 1), und das zu Gortys mit unbär-
tigem Asklepios von Skopas {Paus. 8, 28. 1).
Phlegyeische Elemente in Arkadien suchtnachzu-
weisen A. Schultz in Jahrh. f. cl. Pli. 1882 p. 348 f.
Koronis ist in den örtlichen Kulten nicht an-
zutreffen. — Von eigentümlichem Interesse ist
der messenische Kult, welcher direkt an Trikka
anknüpft, wie das für Gerenia Strabo p. 360
i ausdrücklich bemerkt. Auch Machaon besafs
hier ein Mnema {Paus. 4, 3. 2). ln Messenien
kehren die Ortsnamen des nördlichen Thessa-
liens (Oichalia, Ithome, Trikka) wieder, hier
behauptete sich neben dem Reiche Nestors
eine selbständige Herrschaft der Asklepiaden
{Paus. I. c. § 1). Aber die Messenier erhoben
den Anspruch , dafs die beiden Asklepiaden
Homers autoclithon messeniseh seien und über-
lieferten ein abweichendes Stemma des As-
klepios (vgl. oben II , A. 4). Vermutlich ist
hier in sehr früher Zeit bereits eine dem
Mythenkreise der Leukippiden angehörige Ge-
stalt mit dem importierten Asklepios verschmol-
zen (hierher gehört auch der im Stemma II,
A. 5 als Asklepios’ Vater genannte Arsip-
pos). — Mit dem messenischen Kult steht wohl
in enger Verbindung der lakonische, welcher
eine besonders grofse Zahl von Asklepieen auf-
weist (Leuktra, Hypsoi, Las, Gytheion,
Sparta, Pellana, Asopos, Boiai, Ky-
phanta [PanofJca p. 42 nimmt hier grundlos
eine Kindheitssage an], Brasiai cet.). — Die
lakonischen Heiligtümer des Asklepios gehö-
ren in ihrem Grundstock jedenfalls einer sehr
frühen Epoche, nicht etwa, wie man gewollt
hat, erst dem Zeitalter der dorischen Okku-
pation an. — In geschichtlicher Zeit ist der
Vorort des Kultus entschieden Epidauros;
alle übrigen Asklepieen übertriff't es durch die
stattliche Reihe nachweisbarer Tochterstätten,
i deren Gründung von frühen Zeiten beginnend
bis in das 3. Jahrh. v. Chr. hinabreicht. Es
sind folgende : Athen Paus. 2, 26.7; Sikyon
Paus. 2, 10. 3; Pergamos, Paus. 2, 26. 7.
(Dafs die Gründung dieses Asklepieions bereits
im Zeitalter der äolischen Kolonisation Klein-
lasiens stattgefunden habe , sucht der Unter-
zeichnete wahrscheinlich zu machen in sei-
len demnächst erscheinenden Pergamena);
Kos, welches seine dorische Bevölkerung von
Epidauros erhielt {Herod. 7, 99); die sakrale
Verbindung beider Orte beweist die für Kos
bestimmte Sendung heiliger Schlangen, welche
ihr Ziel nicht erreichend die Gründung von
Epidauros Limera veranlafste {Paus. 3,
23, 7), Balagrai in Kyrene {Paus. 2, 26. 7),
Taupaktos (die Ursache der angeblich zu
Vnytes Zeit erfolgten Gründung des Asklepieions
var wenigstens der epidaurische Gott Paus.
10, 38. 13); endlich Rom, wohin der Kult im
Jahre 293 überging {Liv. 10, 47 etc., vergl.
die Denkmünze des Commodus, Mülin , Gail.
M. 20, Fig. 100. Panofka t. 2,3 und Schlü-
ter, de Acsc. a Romanis adscito. 1833). Unter
diesen Tochterstätten erwarb sich schon in
der Blütezeit hellenischer Macht Kos, die
Vaterstadt des Asklepiaden Hippokrates, einen
bedeutenden Ruf. Das Heiligtum zu Perga-
10 mos, von dem eine grofse Zahl kleinasiatischer
Städte ihren Asklepioskult erhalten hat, tritt
erst in der Kaiserzeit in den Vordergrund, ver-
dunkelt dann aber durch seinen Ruf alle übri-
gen Asklepieen.
IV. Der Kultus des Asklepios.
Die allgemeinen Formen der Gottesver-
ehrung in Tempeldienst und Tempelbildern, in
20 Brand- und Trankopfern, in Hymnen und Päa-
nen etc. finden sich im Kult des Asklepios
vollständig vertreten. Aber derselbe verlangt
von seinen Gläubigen mehr, er verlangt unter
bestimmten Umständen, wo es sich um das
persönliche Wohl und Wehe handelt, eine sehr
einschneidende praktische Glaubensbethätigung
des Individuums. Demnach sind von besonde-
rem Interesse:
30 A. Die Formen der in den Asklepieen geübten
religiösen latrik.
Dieselben gehören dem Gebiet der Mantik an.
1) Die älteste Form der Heilorakel des
Asklepios ist die Schlangenwahrsagung.
Angenommen hat sie für den Asklepioskult
bereits Röttiger, kleine Schriften 1 p. 130, da-
bei aber übersehen, dafs sich für dieselbe aus
historischer Zeit, wenn man von dem aufser-
halb des Asklepioskultes auf eigene Rechnung
40 unternommenen Schwindel eines Alexandros zu
Abonoteichos absieht, kein Zeugnis beibringen
läfst. Vorausgesetzt kann jedoch diese Form
der Wahrsagung für frühe Zeit werden, wenn
man die notorisch mantische Bedeutung der
Schlange (Beispiele aus griechischem , deut-
schem und nordischem Sagenschatz bei Uhland,
Schriften zur Gesell, d. deut. Dichtung u. Sage
3, 30 ff.) in Betracht zieht und die innige Ver-
bindung der Schlange mit Asklepios als einer
50 Gottheit von entschieden mantisehem Charak-
ter (vgl. unter 2).
2) In historischer Zeit erscheint als die den
Asklepieen charakteristische Form der Mantik
die Erforschung des göttlichen Willens durch
Traumorakel. Die Inkubation, ein uraltes
Institut, ist zu allgemeinem Ansehen durch die
Asklepieen gekommen. Das nazcoiUvsiv stg
’AauXriniov wird nicht früher bezeugt, als durch
Aristophanes { Vesp. 122, Flut. 421 etc.), ist aber
60 natürlich viel älteren Datums. Das Verfahren:
geheimnisvolle, der Inkubation vorangehende
zslszcd sind durchaus nicht anzunehmen, die
Vorbereitung beschränkt sich auf die allge-
meinen Vorschriften der Reinigung. Nach Er-
füllung derselben legte sich der Kranke bei
(Epidauros) oder in (Tithorea) dem Tempel zum
Schlafe nieder und erhielt die ärztliche Offen-
barung des Gottes entweder durch eine direkte
627 Asklepios (Kultnamen)
Bezeichnung des anzuwendenden Mittels oder
durch eine indirekte Andeutung desselben —
ovsiQog ‘ftscoggyceziMÖg resp. dlhqyogiY,6g ( Arte -
»nid. oneirocr. 1, 2. 4, 22). Die Auslegung der
Träume fiel in der Blütezeit des Kultus natür-
lich den Priestern zu. Die Geheilten pflegten
ihrer Dankbarkeit in Votivtafeln mit kurzem
Kurbericht Ausdruck zu geben. Hippokrates
hielt dieselben des Studiums wert (Strabo p.657).
In Epidauros existierten zu Pausanias’ Zeit noch
6 solcher azrjXcu (2, 26. 3). Die neuerdings da-
selbst veranstalteten Ausgrabungen haben bis
jetzt nichts der Art ans Licht gebracht, wohl
aber Votivtafeln mit einzelnen Gliedmafsen. Das
gleiche Ergebnis zu Athen. Beispiele jener er-
steren Art nur in Rom (C. I. Gr. 5980 a — d), aber
aus später Zeit. — Die Anwendung der Incuba-
tion ist bezeugt für Trikka, Tithorea, Athen,
Epidauros, Sikyon, Aigina, Pergamos, Poima-
nenos, Kolophon, Aigai, Rom und Reji (wofür
Welcher, Id. Sehr. 3, 96 Anm. 15 falsch Rhe-
gion nennt). Vergl. Welcher, Inkubation und
Aristides der Bhetor (Kl. Sehr. 3, 89 — 156),
Baumgart, Ad. Aristides. 1874 p. 95 ff.
B. Dem Kultus angekörende Beinamen des
Asklepios:
ScorriQ bezeugt durch Münzen für Epidau-
ros, Kos, Pergamos, Tium, Nikaia, Aigai Kil.,
durch Inschriften für Athen, Hermione, Hyet-
tos, Paros, Mytilene, Milet, Messana etc.; ’lu-
TQog in Balagrai (Paus. 2, 26. 9). ’lyxriQ Smyrna
(Hermes 1874, vgl. C. I. Gr. 3159). TLcaciv,
wohl eine Übertragung von Apollo her (G. I.
A. 3, 171a); JTair/wv, C. I. G. 5974 B., Tlcacov,
Aristoph. Flut. 636, vgl. C. I. A. 3, 263); Avcü-
viog Delos (Mon. gr. 1878 n. 7, p. 45), Koxv-
Isvg (Paus. 3, 19. 7). Beinamen allgemeinerer
Art: ’AQxayszag (vgl. oben unter III, Phokis).
(Pilolaog Asopos (Paus. 3, 22, 9), Aggcu'vsxog
Elis (Paus. 6, 21, 4). ’Aylaong g, Alylayg La-
konien (Hesych. s. v.), ’Ayhxog (Mionn. S. 6,
572, 70); diese Gruppe wird von Welcher, G-
L. 2, 742 auf den Fackelglanz der Asklepieen,
von Stoll in der B.-F. auf die Verwandtschaft
der Begriffe Licht und Leben gedeutet (?).
TJcäg (vgl. oben unter III, Arkad.). 'Tnuxsog
Paros (A&yvcuov 5 (1876) No. 34), Bacilsvg
(Anthol. Pal. app. n. 56. 0. I. Gr. 5974 B,
häufig bei Aristid.), Zeig (G. I. G. n. 1198,
häufig bei Aristid.). Rein äufserlichen Bezie-
hungen sind entlehnt: AvlcovLog (Paus. 4, 36.
7), Kaovaiog (ib. 8, 25, 1), PoQxvviog, Beina-
men einer Statue in Titane (Paus. 2, 11. 8).
’EnräavQrog in Syrakus (Gic. d. n. d. 3, 34. 83.
Giern. Alex, protr. 4, 52), Tgrunuiog in Gere-
nia (Strabo p. 360), Sxotvdxug in Helos (C. I.
G. n. 1444), Ayvixag in Sparta (Paus. 3, 14, 7.
diesem Beinamen giebt eine Beziehung zur
Iatrik Lauer p. 283). — Anzureihen sind die
von Sallet, Numism. Ztschr. 5, p. 330 f. für As-
klepios in Anspruch genommenen Beinamen
fpivaiog, TlayrgaxiSrig, fremd ist ibid. EvnoXog.
C. Die Attribute des Asklepios.
Scepter: Statue des Kalamis Paus. 2, 10, 3.
Auch auf Münzen, aber selten. Sch aale: Sta-
tuen, Mionn. Leser. 2, 239, 70; gewifs nicht
Asklepios (Attribute) 628
„als Sinnbild des heilenden Trankes“. Sclnvartz
will in ihr gar eine Anspielung auf die Son-
nenscheibe sehen. Lorbeerkranz: häufig auf
Münzen , vgl. Aristid. 1 p. 456 Lind. , Festus
s. v. in insula. Diadem als schmale Binde
(Statuen u. Münzen). Wulstige Kopfbinde
für Asklepios charakteristisch, sonst sehr sel-
ten; von O. Müller, Arch. § 394, 1 frageweise
QsQiaxQrov genannt. Fichtenkranz: Berlin.
Bronze Friederichs, a.B. 2 n. 1846b. Pihien-
zapfen: in der Hand der Statue von Kalamis
(Paus. 2, 10. 3); Berliner Gemme Panofka Tf. 1,
10; ara im Mus. P. CI. ( Beschr . d. St. Born
2 p. 271); Athen. Relief mit Inschr. C. I. A.
3, 181a). Cypresse: Im Koischen Asklepieion
wurde „an der Cypresse des Asklepios“ eine
Feierlichkeit begangen Ps. - Hippocr. ep. 11
(Hercher p. 292); Cypressenhain im Asklepieion
zu Titane (Paus. 2, 11.6); Epidaurische Münze
Panofka Taf. 1, 1. Der sogen. Ompha-
1 os: Perg. Münzen Mionn. L. 4 p. 520 von
Schlange umringelt. Eine unedierte perg. Münze
des münch. Kabin. zeigt ihn auf dem Boden
unter dem Gewand des Gottes; in dieser Ver- ,
Wendung nicht selten bei Statuen (Clar. m. de
sc. taf. 550, 1161; 549, 1159), Relief des Late-
ran (Benndorf No. 259) etc. Ich kann in die-
sem Attribut eine Entlehnung von Apollo nicht
anerkennen (heterogen ist, wovon Birch im
num. chron. 5 p. 153 und AocgnQog, vogtag. x.
’Agogyov 1870 handeln. Dafs der omphalos-
förmige Gegenstand neben Asklepios jedenfalls
kein ärztliches Instrument ist , sondern ein
Symbol des Kultus, beweist seine Umwindung
mit Binden). Ein Globus: Statue Clar. 545,
1145. Münzen des Caracalla und Postumus )
(Cohen, med. imp. 3. n. 465, 5. n. 158). Dies J
Attribut ist als Weltkugel zu erklären und
späten Datums. Die Erklärung geben Orph. i
liym. 67, Aristid. 1 p. 64 (Lind.) und Müller-
Wieseler 2, 185 (Askl. und Hyg. umgeben vom
Zodiacus). — Bücherrolle und Tafel, die
ärztliche Wissenschaft bezeichnend: Statuen i
(Clar. 294, 1164, Asklepios Ludovisi), Münzen
(Panofka Taf. 2, 6). Arzneikästchen: Al-
bricus 20 pyxides unguentorurn et alia instrum.
med. in sinu. Neben Askl. Hope Clar. 548,
1158 (moderne Zuthat?). Stab: Er mufs im
Kult des Asklepios eine besondere Bedeutung
gehabt haben, da nur so seine zähe Verbin-
dung mit dem Gotte erklärlich ist. Zudem
erfahren wir aus Ps. -Hippocr. ep. 11 auch von
einer avccXriyug xrjg gäßdov zu Kos. In Bild-
werken erscheint dieser Stab von der übertrie-
benen Form eines grofsen Baumastes und einer
plumpen Keule bis herab zur zierlichen Stab-
form. Gewöhnliche Auffassung als Wander-
stab (Preller), vereinzelt als Heilinstrument des
heroischen Zeitalters (Kenner , Sammlung St.
Florian p. 25). Die knorrige Form (bacillum
nodosum, quod clifficultatem significat artis Fest.
s. v. ins.) wird von Bötticher , Baumkult p. 360
auf den Wege dorn (ayvog) zurückgeführt, als
ein dem Gott speziell geheiligtes Holz. — Die
Schlange: In den Asklepieen wurden Schlan-
gen als heiliges Inventar gehalten, hervorra-
gendes Ansehen genofs eine Epidauros eigen-
tümliche Gattung, grofs, aber ungefährlich und
629 Asklepios (Attribute)
Asklepios (Priestertum) 630
leicht zähmbar (Paus. 2, 28. 1). Von hier
wurde sie nach Sikyon, Epidauros Limera,
Rom übertragen und ist wohl überall als Tem-
pelinventar zu denken, wo eine Tochterstätte
von Epidauros existirte. Aclian Ji. a. 8 , 12
wird der Ttccgsiccg (rot, mit flachem Maul) wegen
seiner Zahmheit dem Asklepios heilig erklärt.
Versuche der Alten, das Symbol zu erklären,
z. B. Schol. Plut. 733, unter den Neueren bes.
Welcher, G. G.-L. 2, 734ff. — Der Sehlan-
genstab: Während die Schlange neben so
vielen Gottheiten erscheint, dafs ihr Vorhan-
densein allein für eine Beziehung auf Askle-
pios durchaus nicht geltend gemacht werden
kann, erscheint das zusammengesetzte Attribut
der um den Stab geringelten Schlange in der
That als spezifisches Symbol des Heilgottes
(eine unedierte Münze der thessalischen Magne-
ten im miinch. Kabinett zeigt einen sitzenden
Asklepios mit Scepter in der Linken und über-
dies noch mit einem kleinen Schlangenstab in
der Kechten). Aber selbst der Schlangenstab
kann in der späteren Zeit nicht mehr als ein
absolut sicheres Indiz auf Asklepios gelten,
denn wir finden ihn auch übertragen auf 1)
Sarapis (King, ant. gems 2 taf. 12, 6, Münzen
von Alexandria Aeg. (Lucius Verus) Mionn. I).
6, 325. 2) Deus Lunus (Mionn. S. 6, 247.
1082 ; ebendas. No. 1086 ist übrigens der
von der Schlange umringelte Gegenstand eine
Fackel, was gegen die Beschreibung von
No. 1082 Mifstrauen erweckt). 3) Herakles (Co-
hen 2 192, 732 Hadrian ). Derartige Wahrneh-
mungen mahnen zur Vorsicht, die neuerdings
nicht immer beobachtet worden ist. (Über
einen problematischen Schlangenstab auf per-
gamenischen Cistophoren vgl. Pinder in den
Abi i. der Perl. Akademie 1856 p. 539 mit A. 1 u.
Taf. 1, 9. Die Schwierigkeit, welche die Er-
klärung einer oropischen Münze [ Cadalvene Pec.
d. m. gr. p. 169 Av. bärtiger Kopf Rev. Schlangen-
stab] bietet, (Stab des Amphiaraos?), sei hier
nur im Vorbeigehen gestreift). — Der Hund:
Er ist nicht nur im epidaurischen Kult dem
Gott geheiligt (vergl. oben p. 624 und die Statue
des Thrasymedes Paus. 2, 27. 2), sondern er-
scheint auch auf Münzen der thessalischen
Magneten neben Asklepios (Sestini, descr. vet.
nimm. p. 149), als Inventar des athenischen
Asklepieions (Plut. mor. p. 1186 Hühner. Ae-
lian. h. a. 7, 13). Panoflcas Phantasie schwingt
sich an diesem Attribut zur schwindelnden
Höhe eines „Asklepios als Hund“ empor
(Text zu Taf. 5, 9). — Die Ziege: Sie galt in
Epidauros als Asklepios’ Amme und durfte
hier deshalb nicht geopfert werden (Paus. 2,
26. 4). (Darf man aus dem gleichen Verbot
im Asklepieion bei Tithorea (Paus. 10, 32. 12)
auf eine ähnliche in Phokis lokalisierte Kind-
heitssage schliefsen?). Auffallend ist, dafs das
Asklepieion von Lebene (Kreta), welches sich
doch durch das Mittelglied Balagrai (Kyrene)
vom epidaurischen Heiligtum herleitete, Zie-
genopfer zuliefs. Pausanias fiel diese Verschie-
denheit auf (2, 26. 9). Allgemein gefafst er-
scheint das Verbot des Ziegenopfers an Askle-
pios bei Sext. Emp. Pyrrh. liypot. 3, 220, wäh-
rend Serv. zu Georg. 2, 380 die Ziege gerade
als legales Opfer betrachtet (mit absurder Moti-
vierung: „cum capra numquam sine fehre sit“).
Scliwenck im Eh. M. 11, 496 fafst die Ziege
neben Asklepios als eine blofse Übertragung
vom Hirtengott Apollo, schwerlich richtig! —
Der Hahn: als Opfer an Asklepios Fiat. Phaed.
am Schlufs, Fest, in insula, nach Stoll in cl.
E.-F. 1, 466 „als Verkündiger des neuen
Lebenstages“ (?). Im athenischen Asklepieion
io wurden heilige Hähne (gtqov&oi ) , gehalten,
Ael. h. a. 10, 17. Vgl. das Fragment eines
daselbst 1876 gefundenen Votivsteines mit
Hahn auf Giebeldach. Der Hahn am Altar
der bekannten selinuntischen Münzen (Müller-
Wieseler 1 , 42. 194. Friedländer- Sollet , das
hönigl. Münzhab. No. 576 ff.) ist kein hinrei-
chendes Indiz auf Asklepios, denn ebenso gut
gehört dieser Vogel Hermes, Mars, Helios,
Kore, dem Heroenkult etc. Auf anderen Seli-
20 nunt. Münzen (Friecll.- Sollet No. 580) ist der
Altar von einer Schlange umringelt. Allge-
mein ist seit O. Müller die Deutung auf As-
klepios. Natürlicher aber erscheint mir in
beiden Fällen die Beziehung des Opfers auf
Apoll, den Sender der Seuche, der Lorbeer-
zweig in der Hand des Opfernden als averrun-
cales Attribut. Auch dem Hahn könnte eine
solche Bedeutung beigelegt werden unter Her-
anziehung von Pausan. 2, 34. 2. Jedenfalls
30 steht eine sichere Deutung dieser Münztypen
noch aus. — Die Taube scheint in Thelpusa
dem Gott heilig gewesen zu sein (vgl. oben
p. 624). Schwein, Schaf und Stier er-
scheinen als dem Asklepios genehme Opfer-
tiere in dem suovetaurile zu Titane Paus. 2,
11. 7, einzeln besonders das Schwein (Sext.
Emp. Pyrrh. hyp. 3, 220, epidaurisches Relief
(Le Pas m. f. 104), Relief v. Patrai (Mitteil. 4,
ja. 126, 5) und mehrere athenische Reliefs
40 (z. B. A. Z. 35 p. 147 n. 15).
D. Das Priestertum des Asklepios
befand sich zunächst in den Händen des Ge-
schlechts der Asklepiaden, welches sich von
Asklepios’ Söhnen Podaleirios und Machaon
(s. diese) ableitete und eine ziemliche Ver-
breitung gehabt haben mufs. Dafs in diesem
Geschlecht wie die Iatrik so auch das Priester-
tum des Asklepios erblich war, ist vorauszu-
50 setzen, unrichtig aber Stolls Behauptung in d.
E.-E. 1 p. 466, dafs alle Priester des Askle-
pios Asklepiaden geheifsen und ihren Ursprung
auf Asklepios zurückgeführt hätten (dagegen
scheint der sonst so verbreitete Eigenname
’AoKlrimced ge in der gens der Asklepiaden nicht
gebräuchlich gewesen zu sein). Das erbliche
Priestertum des Gottes besafsen an einzelnen
Orten auch andere Geschlechter; ein solcher
uQivg dux ysvovg z. B. auf Lesbos (Eph. Epigr.
60 2 p. 21), auf Thera (Eofs, inscr. ined. 2, 221);
ein fsgev g dia ßiov in Athen (C. I. A. 3 n. 132),
aber erst in der Kaiserzeit , früher jährliche
Priester durch Wahl (vgl. Girard, V Asclepicion
d'Athenes p. 22 f.) z. B. ein liQSvg dlg^cog
(’A&yvcuov 5 p. 101), — ysvögsvog in’ iviav-
rov Mitteil. 2, 245; C. I. A. 2, n. 453 b. Ein
gdxoQog C. I. A. 3, n. 68 e. 102 etc.; vno^ccuo-
gog ib. n. 894a., Iccrgog gexuogsvou g ib. n. 780.
632
631 Asklepios (Feste n. Tempel)
Asklepios (in d. Kunst)
SfMog nvQcpOQog ib. n. 693, Kl£idov%og und ccqqjj-
cpOQovccc ib. 2a, 453b -/.avrjcpÖQog ib. 3a n. 916;
ein tagsvg nvgyÖQog im Hieron bei Epidauros
C. 1. Gr. n. 1178; vscctmqol in Pergamon (pas-
sim in den isgol loyoi. des Aristides). ’Aanlg-
mdctca G. 1. A. 2, n. 617 b ( Girard a. a. 0.
p. 87 f.) ’Ogysmvsg Rangabe 2, 1056.
E. Grofse, periodisch wiederkehrende Feste
(Aßuhgnisia. \’Acv.lr]-7tULu\ , ’AGHhrjnsici , ’Acnlg-
niu, ’AßulrjniSsux) zu Epidauros (Plato , Ion
530 A, C. I. Gr. n. 1171. 3208 etc. ’Ecprjg. dg-
Xcaol. 1883 p. 30 n. 10), Kos (Bull. d. c. h. 5
p. 231. Ps.-Hippokr. ep. 11 (3 p. 778 Kühn)),
Pergamos ( C . I. Gr. n. 3208. Aristid. 1 p. 466
Bind.), Athen ( Aesch . inCtesiph. 67, C. I. Gr.
n. 157). Hier auch ’Emdcevgux u. tjqcou (C. I.
A. 2 a. n. 453 b), eine nuvwilg C. I. A. 2 a,
373b; ein Opfer der athenischen Ärzte an As-
klepios zweimal jährlich ib. 352b, ein Opfer
für das ganze athenische Volk ib. n. 567 b.
Asklepieia zu Lampsakos C. I. Gr. n. 3641b,
Ankyra ib. n. 4016, Karpathos Revue Ar ch.
1863, 2 p. 471f. , Akragas Mionn. Descr. 1
p. 214, 53 etc.
F. Die änfseren Verhältnisse der Heiligtümer
des Asklepios
bekunden überall ein nach vernünftigen Prin-
zipien geregeltes iatrisches System. Die noch
heute nachweisbaren Stätten sind stets die
gesundesten der ganzen Gegend (vgl. die be-
ziigl. Abschn. in Curtius' Peloponnes u. Vitr.
1, 21. 7. Plut. quaest. R. 94). Das Hauptge-
wicht wurde auf die Nähe eines gesunden
Wassers gelegt, auf die Nachbarschaft von
Gesundbrunnen aber gar nicht gesehen, was
K. Sprengel fälschlich behauptet. Wo die
Lokalität keine natürliche Wassergelegenheit
von genügenderErgiebigkeit bot, wurden künst-
liche Bäder angelegt, so in grofsem Mafsstab
zu Epidauros ( Curtius , Pel. 2 p. 422 eemen-
tirtes Bassin 40' br. 100' lang). Daneben
fehlte es wohl auch nirgends an Vorrichtun-
gen zu gymnastischen Übungen (Plato, Symp.
186 E, Galen, de San. tuenda B. 6 p. 41 Kühn),
und die Verbindung von Asklepieion und Gym-
nasion zu Smyrna (Aristid. 1 p. 449) und bei
Korinth (Paus. 2, 4. 6) ist gewifs keine zufäl-
lige. Genauere Kenntnis von der Anlage der
Asklepieien besitzen wir nur für Athen durch
die erfolgreichen Ausgrabungen von 1876/77
(vgl. ’Aürivcuov 1876 ff Mitteilungen des Beut.
Inst. 2, p. 171 ff. 229 ff., A. Z. 35, p. 139—72,
Girard, V Asclepieion d’Athenes Par. 1881) und
für das Isqöv bei Epidauros durch Pausan.
ausführliche Beschreibung (2; c. 26 — 28, vgl.
dazu Curtius, Pel. 2, 418ff. mit Taf. 17), sowie
durch die im vergangenen Jahre in Angriff
genommenen Ausgrabungen. Von der Pracht
dieses bedeutendsten aller Asklepiosheiligtü-
mer erhalten wir eine Vorstellung durch Pau-
sanias; derselbe zählt an verschiedenen An-
lagen des Hieron auf: Den Tempel des Got-
tes mit chryselephantinem Kultbild, Heilig-
tümer der Artemis, Aphrodite und Themis, das
Theater des Polyklet (ist wieder freigelegt),
die Tholos des Polyklet (man glaubt sie ge-
funden zu haben ’A&yvcuov 10 p. 545 f.) , eine
überdachte ngfivg, die Stoa des Kotys (Kon-
versationshalle?) , ein Stadion (nach Curtius
a. a. 0. p. 421 aufserhalb des Peribolos gelegen).
Durch Munificenz des Anton. Pius erhielt das
allgemach vor Pergamos zurückgetretene Hei-
ligtum neuen Schmuck, Der Kaiser erbaute
ein lsqov der ’Emdcötca (vgl. das sikyonische
Asklepieion , wo Hypnos als Epidotes verehrt
io wurde) , ein Ao-ulgmov Xovtqov, einen Tempel
der Hygieia, des Asklepios und Apollon unter
dem Beinamen der „ägyptischen“, endlich ein
Gebär- und Sterbehaus aufserhalb des Peribolos.
V. Asklepios in der Kunst.
A. Schriftliche Überlieferung.
1. Plastik. Beispiel der ältesten Art eines
20 puppenartig mit Gewändern umhüllten Idols
zu Titane Paus. 2, 11. 6 ; altertümlich jeden-
falls auch das Kultbild aus Weidendorn zu
Sparta Paus. 3, 14. 7; Asklepios und Hygieia
in figurenreicher Erzgruppe des Dionys, v.
Argos Paus. 6, 26. 2. Chryselephantine
Statuen: in Sikyon von Kalamis (nicht Ko-
rinth, Brunn, K.-G. 1, 126, nicht Kanachos,
Müller, Arch. § 394, 2) Paus. 2, 10, 3. Der
Gott unbärtig, also jugendlich, mit Scepter
30 und Pinienfrucht, wohl thronend. Sicher ist
diese Haltung für das epidaurische Kultbild
von Thrasymedes Paus. 2, 27, 2 (Nachbil-
dungen auf epidaurischen Silbermünzen, Berl.
Blcitt. für Mimzk. 3 T. 30, 3. Erzmünze des
Antoninus Pius mit kleinen Abweichungen,
Mionn. D. 2 , 239 , 70. Panoflca, Asklepios u.
die Aslclepiaden, Abh. d. Berl. Äkad. 1845, Tf.
1, 7). Bei Kvllene (Elis) ein chryseleph. Äskl.
von Ko lotes Strabo p.337 ;
40 von demselben Asklep. u.
Hyg. in Belief, Paus. 5,
29. 1. Auf Alkamenes,
welcher einen Asklepios für
Mantineia arbeitete, möchte
Overbeck, Plastik l3, p. 274:
„ das Ideal des zeusartig
aufgefafsten alteren Askle-
pios“ zurückführen (oder
allgemeiner p. 279 auf die
50 ältere attische Schule).
Nicht überliefert ist der Künstler für das
Weihgeschenk des Theopomp, Aelian
fr. 99 (Asklepios besucht den kranken Dichter)
vgl. Stark in A. Z. 1851 p. 315 ff. Damo-
phon v. Messene scheint mit besonderer Vor-
liebe die Heilgötter dargestellt zu haben; Pau-
sanias nennt von ihm 3 Gruppen : in Messene
’AGxXrjTuov Kt« räv naiScov (Podal. u. Mach.) 4,
31, 8, Askl. u. Hyg. in Megalopolis 8, 31, 1,
60 und in Aigion 7, 23, 5 (Münzen v. Aig. zeigen
sitzen den Askl. und stehende Hyg. Mionn.
S. 4, 26. 152). Die jüngere attische Schule weist
zahlreiche Darstellungen auf: von Skopas für
Tegea Askl. u. Hyg., welche das Kultbild der
Athena flankierten, Paus. 8, 47, 1; für Gortys
unbärtigen Askl. u. Hyg., Paus. 8,28, 1, ( Over-
beck, Plastik 2, 11: „in dieser Statue vielleicht
zum ersten Mal jugendlich dar gestellt“ ; dem ist
Erzmünze v. Epidau-
ros (nacli Panofka
a. a. O.).
633 Asklepios (in d. Kunst) Asklepios (in d. Kunst) 634
entgegenzuhalten die Statue des Kalamis).
Praxiteles darf in diese Reihe aufgenommen
werden mit seinem Tgocpcoviov aycclya ’AanXy-
niä s Ihccg yev ov , Paus. 9, 39, 4 ( Over-
beck, Zeus p. 225 bezweifelt dafs für Pausa-
wias' Urteil neben dem äufserlichen Umstand
des gleichen Attributs (des Schlangenstabes)
auch noch andere Gründe mafsgebend gewesen
seien. Im Hinblick auf die auch in mythol.
Beziehung enge Berührung der beiden Gott- io
heiten (vgl. oben unter III, Lebadeia p. 623)
finde ich indes an einer zu statuierenden »
„Idealähnlichkeit des Trophonios mit Askle-
, pios“ nichts so Bedenkliches). Von Bryaxis
Askl. u. Hyg. zu Megara Pausan. 1, 40. 6;
Askl. allein bei Plin. 34, 73. Von Timo-
!theos zu Troizen ein Askl. (oder Hippolyt?)
Pausan. 2, 32, 3. Hellenistisches Zeitalter:
Xenophilos und Straton mit Gruppe eines
i sitzenden Askl. und einer stehenden Hyg. zu 20
Argos, Paus. 2, 23, 4. Als Nachbildung die-
! ses Werkes betrachtet man nach Viscontis
Vorgang die Gruppe des Vatican (Mus. P. CI.
i 2, 3; Clarac 546, 115lB.; Panofka 3, 6) aber
ohne zureichenden Grund, denn diese Art der
Gruppierung beider Gottheiten war durchaus
nicht singulär (vgl. unter Hy gieia). VonKephi-
; sodot jun. ein Askl. bei Plin. 36, 24. Phy-
romachos v. Athen arbeitete eine durch
! Polybios’ Lob bekannte, aber in ihrer Bedeu- 30
1 tung überschätzte ( Müller , Arcli. § 394. Prel-
j Zer, Gr. Myth. 1, 325. Beule, monn. d'Atlienes
i p. 332 u. A.) Statue des Asklepios, Polyb. 32,
1 25, vgl. Biodl. 31, fr. 46. Helbig, Unters, über
j d. camp. Wandmalerei p. 159 und Overbeck,
! Plast. 2, p. 202 beziehen die Notiz des Polyb.
unrichtig auf Prusiäs I anstatt auf Prus. II,
mit Recht aber tritt Overbeck der Zurückfüh-
rung des Asklepiosideals auf Phyrom. entge-
gen (über die Zeit dieses Künstlers vgl. des 40
Unterzeichneten: „Siege der Pergamener über
die Galater. Felliner Gymnasialprogr. 1877).
Von Nikerat os ein Asklepios gruppiert mit
Hygieia in Rom bei Plin. 34, 88; von Boethos
j ein Asklepios als Kind, Anth. Pal. 3, 92, 19.
- Aus römischer Zeit endlich Timokles u. Ti-
I marchides jun., (Brunn, K.-G. 1, 537) mit
' dem Kultbihl eines bärtigen Asklepios für Ela-
teia, Paus. 10, 34, 6.
A. 2) Malerei.
Nikophanes malte in Gruppe Asklepios
und die 4 Töchter Plygieia, Aigle, Panakeia,
| Iaso, Plin. 35,137; Omphalio an einer Tem-
pelwand zu Messene unter anderen Gruppen
Asklepios mit Podaleirios und Macliaon, Paus.
4, 31, 9; Aristarete einen Askl. Plin. 35,
147. Ein Gemälde, Sophokles umgeben von
i Melpomene u. Asklepios , bei Philostr. jun.
I fix. 14.
B. Erhaltene Kunstwerke.
1. Die Statuen eines stehenden Askle-
pios zeigen geringe Mannigfaltigkeit der Auf-
I fassung. Ihre Masse läfst sich auf 4 Typen
i zurückführen , welche durch ein rein äui'ser-
| liches Moment, die Länge und Verwendung
. des (Schlangen-) Stabes auseinandergehalten
werden, während das Himation in der allgemein
üblichen Weise, nur mit stärkerer Verhüllung
des Nackten als gewöhnlich bei Zeus, angeorcl-
net ist. Die Füfse sind meist beschuht, die
Haltung ist ein ruhiges Dastehen (selten der
Moment des Ausschreitens) , der Kopf nicht
vorgeneigt, der Blick gerade aus, bisweilen
ein wenig aufwärts gerichtet.
Schema I: Der Körper stützt sich
mit der rechten Achsel auf den langen
Stab, der linke Arm ist an die Seite
gestemmt und meist ganz verhüllt. Vor-
anzustellen ist eine Gruppe mit für Askle-
pios charakteristischer Drapierung:
Das unter der rechten Achsel vorgezogene Ge-
wandstück geht mit mehrmals eingeschlagener
Kante vorn um den Leib und dann, das von der
linken Schulter herabfallende Gewandende über-
deckend um den linken Arm nach dem Rücken
herum, wo sein Zipfel von der aufgestemmten
60 linken Hand festgehalten wird. Diese Anordnung
des Gewandes giebt der Gestalt etwas sehr
Geschlossenes und dort, wo die Kante zugleich
fest angezogen ist, geradezu Strammes. Hier-
her gehören: der obenstehend abgebildete As-
klepios von Neapel, von der Tiberinsel, der
Stätte des römischen Asklepieions, stammend;
Olar. 294, 1164 (Askl. u. Telesplioros) ; 545,
1145; 549, 1158, die hervorragende Statue des
635 Asklepios (in d. Kunst)
Lateran (JBennd.- Schöne No. 78), ein schöner,
aus Epidauros stammender Torso im Brit. Mus.
(Anc. M. 9, 5. Clar. 551, 1161 A), besonders
häufig in Athen z. B. Sybel, Katal. n. 431 u. 429
(stimmt auffallend überein mit dem jugend-
lichen Asklepios Chiaravionti Clar. 549, 1159)
etc. Mit gewöhnlicher Drapierung Clar. 548,
1167 (der Stab in der Zeichnung falsch); 552B,
1155D (die linke Hand tritt aus dem Gewand);
der Statue des Louvre ( Clarac 293, 1148) ist
eine gröfsere Entblöfsung des Körpers und
der einfache Stab eigentümlich, während eine
grofse Schlange sich neben dem linken Fufs
des Gottes emporringelt. Der schöne Kopf der
Statue ist nicht zugehörig.
Schema II: Die rechte Hand hält den
kurzen Stab. Damit ist dann meist auch
eine tiefere Entblöfsung der rechten Seite ver-
bunden. Auch hier ist die für Asklepios cha-
rakteristische Drapierung durch einige Exem-
plare vertreten: Clar. 295, 1150; 547, 1154;
562 A, 1155C (falsch restauriert). Gewöhnliche
Drapierung, wobei meist die linke Hand aus
dem Gewand tritt: 547, 1155; 545, 1147; 547,
1153 (falsch restauriert, die Abbildung mit
Asklepios (in d. Kunst)
636 !
Vertauschung der Seiten); 551, 1160B; Askl.
Ludovisi ( Schreiber No. 101), im Moment des
Ausschreitens begriffen, in der linken Hand
eine Schriftrolle, den Blick sinnend ein wenig
aufwärts gerichtet (römische Kopie nach einem
vorzüglichen Original).
Schema III: Der lange Stab unter die
linke Achsel gestemmt. Der linke Unter-
arm tritt bei den wenigen Exemplaren dieses
io Typus stets aus dem Gewand hervor: Clar. 545,
1140; 293, 1149; 551, 1160C, Hellenic Stud. 4
(1883) zu p. 43 (jugendlicher Asklepios).
Schema IV: Die linke Hand auf dem
kurzen Stab. Dieser Typus, auf Münzen
nicht eben selten, scheint statuarisch zufällig
nicht überkommen zu sein. (Vielleicht gehört
her Dütschke, ant. Bildw.in Oberital. 4 n. 312).
Ein Bronzefigürchen des Neapler Mus. (n. 1733)
ist nebenstehend p. 635 nach Antich. di Er -
20 colano 6 p. 73 abgebildet.
Der zahlreichen Statuengruppe der obigen
4 Schemata, deren Hauptcharakteristikum die
Darstellung des Gottes in affektloser Ruhe ist,
stehen zwei Bildwer-
30
ke gegenüber, welche
Asklepios als den see-
lisch affinierten Arzt-
gott vorführen. Wir
zählen sie als
Schema V :
Bronzestatuette des
Berlin. Mus., beiste-
hend nach Panofka
3, 2 abgebildet (vgl.
Friederichs Perl. ant.
Bildio. 2 n. 1846),
eine voll Mitleid und
zugleich auf Abhilfe
sinnend dem zu sup-
40 plierendenBittsteller
zugeneigte .Gestalt.
Auffallende Überein-
stimmung zeigt die
Statue der Uffizien
(Gail, di F. Ser. 4.
B. 1, 26. Clar. 647,
1152. Müller- Wiese-
ler 2,60,771). Übel-
verwandte Darstel-
50 lungen in Relief vgl.
unten.
Den Schlufs macht
eine singuläre
Darstellung, der
Asklepios Pitti (bei
Clar. 846, 2131 mit
V ertaus chung der
Seiten, richtig Mül-
ler - Wieseler 2 , 60,
60 770). Die Statue
wurde von Gori (Mus. Flor. Statue tav. 97) als
Philosoph publiciert, erweist sich aber als Askle-
pios einmal durch das Attribut des sogenann-
ten Omphalos, dann durch die frappante
Übereinstimmung mit dem Asklepios des Dip-
tychon Gaddi (Müller- Wieseler 2, 61. 792 a),
auch vergleiche man die Münze von Amas-
tris bei Panoflca T. 1, 15. Der Gott stützte
Bronze des Berl. Mus.
637
Asklepios (in d. Kunst)
Asklepios (in d. Kunst)
638
sich ursprünglich mit der linken Achsel auf
den Stab (unrichtig ergänzt) , er hält in der
gegen das Kinn gehobenen linken Hand eine
Schriftrolle und blickt gedankenvoll in die
Ferne. In der Erfindung ist die Statue leben-
dig und interessant, in der Ausführung auf-
fallend schwer und fleischig. Auch das wie-
derholt sich im Diptychon. Bütschke , Ant.
Bildw. in Oberit. 2, n. 19 möchte in der Sta-
tue ein Originalwerk sehen (?). io
Thronender Asklepios. Dafs diese Dar-
stellung durchaus nicht selten war, zeigen
Münzen und Reliefs, daher kann es nur Zufall
sein, dafs unter den erhaltenen Statuen nur
4 Exemplare nachweisbar sind: Gruppe des
Vatican ( Clar . 546, 1151B), Asklepios auf M.
Pincio (Matz-Buhn No. 53) angeblicher Askle-
pios im Pal. Farnese (ib. n. 54), Kolossaltorso
bei Messene (Püchler, südöstl. Bilders. 3, 348).
Vielleicht ist auch von den thronenden Zeus- 20
statuen einiges herzuziehen.
B. 2) Büsten und Köpfe.
Sichere Unterscheidung zwischen Köpfen
des Asklepios und Zeus gehört, wo Attribute
fehlen, zu den lieikelen Aufgaben der Archäo-
logie. Im Folgenden nur eine Aufzählung des
Wichtigeren. Gesichert durch die charakt.
Kopfbinde sind: die treffliche Kolossalbüste 30
des Louvre ( Bouill . 1, 68. Müller- Wieset er
2 n. 764; von links, aber fremdartig Clar. 5,
1081, 2785D); Kopf des palat. Mus. ( Matz-
Buhn n. 64), Büste Worsley (Mus. W. 9).
Der aufgesetzte Kopf der Statue Al-
bani (Bouill. 1, 49). Während bei den zwei
ersten Köpfen der
Blick sinnend ein
wenig gehoben,
bei der dritten 40
geradeaus gerich-
tet ist, neigt er-
sieh bei der vier-
ten nachdenklich
abwärts, ebenso
auch bei einer
mantuaner
Büste, dem Un-
terzeichneten
nur durch die auf- 50
fallend wenig
ideal gehaltene
Abbildung bei
Labus , Mus. di
Mant. 3 , 42. be-
kannt (wohl iden-
tisch mit Bütschke
4, n. 854). Um-
stritten ist der
ausgezeichnete «0
Kopf v. Melos (Britisch. Mus.) , früher nach
[Fundort und Gesichtsausdruck für Asklepios
genommen , von Overbeck aber (Kunstmytliol.
1, 88 ff.) sehr entschieden Zeus vindiciert, doch
ffeiben Zweifel obwaltend. Rücksichtlich der
V ertschätzung der vorstehenden, Müller- Wie-
eier entlehnten Abbildung verweisen wir auf
>verbeck a. a. 0., betonen hier aber noch aus-
drücklich, dafs der Blick nicht, wie die Zeich-
nung glauben macht, aufwärts, sondern ge-
radeaus ins Weite gerichtet ist; auch der Bart
ist zu voll und massig, am Original läfst er
den Knochenbau des Kinns deutlich durch-
schimmern. Trefflich ist die Abbildung in Over-
beck, Atlas der Kunstmyth. Taf. 'II. 11 u. 12. —
Die Verwandtschaft der Zeus- und Asklepios-
köpfe ist evident, nur ist bei letzterem alles ins
Mildere gestimmt, die plastischen Details sind
mäfsiger gebildet, im Gesicht weniger Schat-
ten durch schwächere Untermeifselung, das
Haupthaar über der Stirn der Regel nach nicht
aufstrebend, der Bart im ganzen weniger voll,
die Lockenbildung zierlich. Übrigens wird der
Kopf des Asklepios seit dem hellenistischen
Zeitalter immer zeusartiger und kann auf Mün-
zen dieser Periode ohne beigefügte Attribute
von dem des Götterkönigs oft gar nicht mehr
unterschieden werden. — Geschnittener
Stein der Sammlung Blacas mit ATAOT
(Brunn, K.-G. 2, p. 550), abgeb. Panof. 3, 4
als Gesichtsmaske (King , ant. gems 2 , 15. 19
als ganzer Kopf?). Karneol der Uffizien (Gail,
di F. Ser. 5, 1, 13) Kopf in edlem Stil, aber von
bereits zeusartigem Typus. Ebendaselbst ein
anderer Carneol abgebildet, bemerkenswert
durch Haartracht, Länge des Bartes und schlich-
teren Ausdruck. — Köpfe auf Münzen:
Schöner Kopf in älterem Typus auf einer mün-
chener Goldmünze , vermutlich Pergamons,
schlecht abgebildet bei Sestini, stat. ant. t.
7, 7; Mionnet recueil 1 pl, 52, 6 (Kos); AL Hun-
ter 21, 9 (Kos); 26, 13 (Epidauros) ; Panof ka
2, 12 (Epidauros, nicht Kos). Wir geben nach-
stehend einen Münztypus von Rhegion nach
Carelli 199, 104.
Asklepios u. Hygieia, Münze von Rhegion.
B. 3) Reliefs.
Kopf von Melos.
Die Figur des Gottes hält sich in den oben
aufgestellten 5 Schemata: Rel. v. Ligurio
bei Epidauros Le Bas, mon. fig. 104. Askle-
pios (Schema II) Epione (Hygieia?) Altar und
Adorierende; Relief v. Athen A. Z. 35 p. 147
n. 15. Asklepios (Schema III) Hygieia etc.;
desgl. Mitteil. 2 t. 14 A. Z. a. a. 0. n. 1;
attisches Relief in Verona Asklepios (Sche-
ma IV) u. Hygieia (Bütschke 4 n. 562). — Von
besonderem Interesse ist die Reihe der Vo-
tivreliefs, welche Asklepios in der gemütvol-
len Auffassung von Schema V (mit wechselnd
verwendetem Stabe) zeigen. Dieselbe kommt
hier gegenüber den Bittstellern erst zu ihrer
vollen Geltung: Relief von Athen Hygieia,
Asklepios, 2 Adoranten (Xe Bas pl. 51. A. Z.
a. a. 0. n. 110); desgl. Asklepios gefolgt von
639
Asklepios (in d. Kunst)
Asklepios (in d. Kunst)
640
2 Töchtern ( Mitteil . 2 t. 15. A. Z. n. 2, abgeb.
nebensteh. p. 640; des gl. Mitteil. 2, t. 18);
Relief v. Luku (Nauplia) Asklepios mit Frau,
2 Söhnen, 3 Töchtern, Adoranten (. Annali 1873
tav. M. N. u. p. 114 ff.).
Thronender Asklepios mit Familie: Athen,
Schöne, Taf. 25, 102 (n. 103 Asklepios allein);
sitzender Asklepios, stehende Hyg. Mitteil. 2,
T. 16, A. Z. a. a. 0. n. 8; desgl. Mitteil. 2,
17, A. Z. n. 14; desgl. Girard, l'Asclepieion
d'Atlienes pl. 4; Berlin Panoflca 4, 1 (falsch
als Asklepios und Epione). [Relief v. Mer-
bakka bei Argos. Panoflca 4, 2 bärtiger Mann
und Frau auf Kline, Tisch, davor Schlange,
daneben Diener aus einem Gefäfs schöpfend;
von links nahen Opfernde, oben im Feld ein
Pferdekopf. Mit dieser Darstellung betreten
wir das seit lange umstrittene Gebiet der so-
gen. Toten reliefs. Die ältere Litteratur
hei Welcher, a. D. 2, 232 ff. , die neuere bei
Wolters in der A. Z. 1882 p. 301 ff.
Die Erklärung aus dem Heroenkult ver-
tritt besonders Müclihöf er ( Mitteil . 2,
461 ff. 4, 161 ff. A. Z. 1881, p. 294ff),
die aus dem Asklepioskult Sallet , wel-
cher die Mehrzahl der fraglichen Re-
liefs Askl. u. Hyg. zuspricht und die
anderweitigen Darstellungen als Entleh-
nungen fafst ( Numismat . Zeitschr. 1878
p. 320 ff. , 1881 p. 168 ff 1882 p. 171 ff.,
daneben auch in einem Seperatabdruck
Asklepios u. Hygieia. Pie sogen. An-
athem. für heroisierte Toclte, Berl. 1878).
Unterzeichneter möchte die Einbezie-
hung des Asklepios in den Kreis dieser
Darstellungen insoweit ablehnen, als die
Kunst diesen Typus auf die Heilgötter
nur in sehr später Zeit übertragen haben
kann, wo Hygieia in vereinzeltem Falle
aus der jugendlichen Tochter zur Gat-
tin des Gottes umgewandelt erscheint,
vgl. unter Hygieia]. — Ein sehr inte-
ressantes , aber leider stark zerstörtes
Votiv relief in Athen (Pinakothek)
Le Bas , m. f. pl. 53, [Vgl. Schöll, arch.
Mitteil. p. 97, 104. Puhn in der A. Z.
35, p. 174 n. 115]: Auf einer Kline ein
Kranker, neben derselben sitzt, in gröfse-
ren Verhältnissen gebildet, eine Gestalt,
welche mit der rechten Hand den Un-
terarm des Kranken erfafst, die erho-
bene Linke auf einen Stab stützt; am
Kopfende des Bettes steht, gleichfalls
gröfser gebildet ein unterhalb bekleide-
ter Jüngling, welcher in der über des
Kranken Haupt ausgestreckten Rechten einen
undeutlichen Gegenstand hält ; von rechts
nahen Adorierende einem Altar (Asklepios
am Krankenlager unter Assistenz eines seiner
Söhne). Ein zweites Relief mit Kranken-
besuch des Asklepios wird, wenn überhaupt
echt (jede Nachricht über Fundort und Ver-
bleib fehlt), wohl sicher mit Vertauschung der
Seiten abgebildet sein bei Hirt, Bilderb. 11, 3.
Millin. G. M. 32, 105; (vgl. Stark in der A. Z.
1851 p. 315). Relief des Vatikan Mus.
P.-Cl. 4, 12. Millin G. M. 33, 106. Miiller-
Wieseler 62, 794: Von Hermes geleitet ein
aufs Knie gesunkener Mann, Asklepios, die 3
Gratien („Dank des Genesenen an Asklepios,
durch die Gratien ausgedrückt“ Müller , Arch.
§ 394 Anm. 3, anders Wieseler a. a. 0.).
Relief mit Kindheitssage auf fragm.
Diskos, M cm. delVInst. 2 tav. 4, 2 von Kekule
ansprechend nach Paus. 2 , 26 , 6 gedeutet
(p. 123). (Sehr fraglich bleibt die ebendas, p. 129
Anm. 4 versuchte Erklärung eines lateran. Re-
io liefs aus der Kindheitssage von Tlielpusa).
B. 4) Gemälde:
Bisher einziges Beispiel ein pompejanisches
Wandgem., Pitt. d'Ercol. 5, 5. Millin G. M.
153, 554. Müller- Wieseler 2, 62, 793. — Auf
Vasen wird Asklepios nicht angetroffen (ganz
problematisch sind die Vermutungen Grivauds,
Antig. gaul. et vom. pl. 11, 7 p. 169 u. Wel-
20 clcers a. P. 5, 19 p. 305).
Relief aus dem atlien. Asklepieion (s. S. 639 Z. 1).
B. 5) Das Asklepiosideal.
60 Wir sahen oben unter V A. von Overbeck
das Ideal des zeusartig aufgefafsten älteren
Asklepios auf die ältere, das des jugendlichen
Asklepios auf die jüngere attische Schule zu-
rückgeführt und verwiesen dagegen auf den
Asklepios des Kalamis. Aber auch ein Grund
allgemeinerer Art würde uns hindern Overbeck
zu folgen. Wir meinen, die Frage, oh ein für
den Kultus bestimmtes Götterbild in reifer
641
Askos
642
Männlichkeit oder im Jünglingsalter darzustel-
len sei, habe schwerlich jemals vom subjekti-
ven Belieben eines Künstlers, sondern stets
nur von der sakralen Tradition der bez. Ivult-
stätten abgehangen. Einen bärtigen Asklepios
nun sehen wir als die Regel, und nebenherge-
hend einen jugendlichen als seltene Ausnahme
(Sikyon, Phlius, Troizen (?), Gortys, Ainos, Mag-
nesia (Thessal.) Parium, Kyrene). Vielleicht
aber führt ein anderer Ausgangspunkt zu einem i
Resultat. Wir teilten oben (unter V, B) die
Masse der erhaltenen Statuen eines stehenden
Asklepios in zwei Hauptgruppen ; in der ersten
erschien der Gott ruhig aufrecht stehend, ohne
jede Spur des Affekts in den Zügen oder der
Haltung des Hauptes (Schema I — IV); der an-
deren war eine vorgebeugte Stellung, verbun-
den mit einem durch das Leid der Menschheit
tiefbewegten Ausdruck eigentümlich (Schema
V). Wenn nun Friederichs, II. ant. Bildw. 2 2
n. 1848 nicht daran zweifelt, dafs diese „für
Asklepios so treffende Auffassung älter sei als
die gewöhnliche, die ihr gegenüber etwas Kal-
tes und Oberflächliches habe“, so können wir
ihm durchaus nicht beipflichten. Gerade jene
affektlose Darstellung entspricht der älteren
Kunst, während die seelischbewegte so recht
aus dem Geist der zweiten Blüteperiode her-
I ausgeschaffen erscheint. Da wir nun 4 Reprä-
sentanten der jüngeren attischen Schule als
Asklepiosbildner überliefert finden, da anderer-
seits gerade in attischen Reliefs des 4. Jahr-
hunderts diese Auffassung hervortritt und von
einem Attiker derselben Zeit als das eigent-
lichste Wesen des Gottes die finioxyg betrach-
tet wird (vgl. oben unter I), so glauben wir
das Ideal des milden, mitleidsvollen Arztgot-
tes, welches uns Schema V zeigt, auf die
jüngere attische Schule zurückführen zu dür-
fen. [Thraemer.]
Askos (’Aouog), ein Gigant, der im Bunde
mit Lykurgos den Dionysos fesselte und in
einen Strom warf. Hermes (oder Zeus) befreite
den Dionysos, überwältigte (sduyuos) den Gi-
ganten und zog ihm die Haut ab , die einen
zur Aufbewahrung des Weins tauglichen
Schlauch (aonog) abgab. Von dieser Begeben-
heit erhielt die Stadt Damaskos in Syrien den
Namen, Et. M. u. Steph. Byz. v. Aayaayog.
Vgl. Damaskos. [Stoll.]
Askra (’'Aßygci, gewöhnlicher "Aaugr]), eine
Nymphe, von Poseidon Mutter des Oioklos,
der mit den Aloaden (s. d.) die böotische Stadt
Askra im Gebiet von Thespiai erbaute, Hegesi-
noos b. Paus. 9, 29, 1. [Stoll.]
Asmetos ("Aagrixog) = Admetos, C. I. Gr.
8185; s. oben S. 68 Z. 3. [Roscher.]
Asopis ( ’Aaam'g ), 1) Tochter des Thespios,
mit welcher Herakles den Mentor zeugte, Apol-
lod. 2, 7, 8. — 2) Tochter des Flufsgottes Aso-
jpos, Diod. 4, 72. — 3) Beiname der Töchter
des Asopos, Ap. Rh. 1, 735. 4, 571. [Stoll.]
Asopo (Aaconä) , nach Epicliarmos eine der
sieben Musen, Tzetz. zu lies. Opp. 1. Eudocia
294. Cramer , Anecd. 0%. 4 p. 425. S. G. Iler-
‘nann, de Musis fluvial. Epicharmi et Eumeli,
'Jpusc. 2 p. 288 ff. Buttmann, Mythol. 1. S.
173 ff. Preller , Gr. Mythol. 1. S. 406. [Stoll.]
Roscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
Asopos
Asopos (’Aaconög) von daig, Schlamm , und
caip, also „schmutzig aussehend“ (Et. M.) oder
von km und einig „der Überschwemmer“ (! Forch-
hamnier , Hellen. 23), Flufsgott des böotischen
( Horn . II. 4, 383. Paus. 5, 14, 3) und sikyo-
nischen (Paus. 2, 5, 2 u. 3) Flusses. Welcher
von beiden in den Sagen gemeint ist, ergiebt
sich meist aus dem Zusammenhang und aus
geographischen Gesichtspunkten, war aber zu-
i weilen schon im Altertum streitig (Paus. 2,
5, 2). Asopos ist Sohn des Poseidon und der
Pero (Acusil. fr. 22), nach anderen des Okea-
nos und der Tethys (fehlt bei Hes. theog. 337),
oder des Zeus und der Eurynome (Apollod. 3,
12 , 6). Sohn des Poseidon und der Kelusa
(oder Kelossa, Eustath. Hom. II. 2, 572) heifst
er Paus. 2, 12, 4, wo ihm die Auffindung des
nach ihm benannten sikyonischen Flusses zu-
geschrieben wird. Sikyon, sein Herrschersitz,
hiefs ehemals Asopia (Eumel, b. Schol. Find.
0. 13, 74. Paus. 2, 3, 10). Nach einem alten
Könige von Plataiai sollte der böotische Flufs
genannt sein (Paus. 9, 1, 2). Mit Metope, der
Tochter des Flufsgottes Ladon (Scliol. Pind.
0. 6, 144) zeugt er den Ismenos und Pelagon
oder Pelasgos; viel zahlreicher aber sind seine
Töchter, an die sich alles knüpft, was weiter
noch von Asopos berichtet wird und auf denen
überhaupt seine mythologische Bedeutung zum
gröfsten Teile beruht. Apollodor (3 , 12 , 6)
kennt zwanzig, Diodor (4, 72) zwölf: Kerkyra,
Salamis, Aigina, Peirene, Kleone, Thebe, Tana-
gra, Thespia, Asopis, Sinope, Oinia und Chal-
kis, zu denen aber noch die im nächsten Kapi-
tel erwähnte Harpinna kommt. Auf einem
Weihgeschenk der Phliasier nach Olym-
pia, welches den Zeus, den Asopos und seine
Töchter darstellte , befanden sich Nemea, Ai-
gina, Harpinna, Kerkyra und Thebe (Paus.
5, 22, 5); [vgl. Overbeck, Kunstm. 1, 1, 399].
Zu diesen fügt noch Salamis das Pindar-
scholion Ol. 6, 144, Salamis und Kleone Tzetz.
exeg. in 11. p. 132 cd. Herrn. Als die jüngsten
erscheinen Thebe und Aigina bei Pind. I. 7, 39.
Eben diese werden in historischer Zeit politisch
verwertet, Herod. 5, 80. Von diesen war Kerkyra
nach Steph. Byz. (<Pata!) Mutter des Poseidon-
sohnes Phaiax. Thebe ist bei Ovid (am. 3, 6, 33)
von Asopos Mutter von fünf Töchtern. Aigina
(s, d.) wird von Zeus geraubt (C. I. Gr. 7385);
Asopos kommt, indem er die Tochter sucht, nach
Korinth und erfährt von Sisyphos, nachdem er
ihm eine Quelle auf dem bis dahin wasserlosen
Akrokorinth verschafft hat, wer der Räuber sei.
Als nun Asopos trotzdem die Verfolgung fort-
setzt, trifft ihn Zeus mit dem Blitze und schleu-
dert ihn in seinen Flufs zurück , der davon
Kohlen mit sich führt, Apollod. 3, 12, 6. 1, 9,
3. Pherekyd. b. Schol. Hom. II. 6, 153. Eu-
rip. Iph. A. 697. Callim. in Del. 78. Schol,
II. 1, 180. Ant. Lib. 38. Nonn. Dion. 13, 220.
23, 322. Stat. Theb. 7, 319. Aigina wird auf
die bisher unbewohnte Insel gebracht (Paus.
2, 29, 2. Schol, Pind. I. 4, 44. Hyg. f. 52),
wo ihr Zeus naht (Ov. Met. 7, 616), nach Non-
nos (24, 78 und sonst) als Adler. Oder Zeus
verwandelt, um nicht von Asopos des Raubes
überführt zu werden, die Aigina in eine Insel,
21
643 Asopos
sich selbst in einen Stein, so dafs der ge-
täuschte Flufsgott zu seinen Quellen zurück-
kehrt ( Schol . Horn. II. 1, 180). Dafs nach die-
sen drei Asopostöchtern die bisher Scheria u.
Oinone genannten Inseln und die Stadt am
Fufse der Kadmeia neue Namen erhielten, er-
zählt Paus. (2, 5, 2) nach phliasischer Sage.
Salamis wird Mutter des Kychreus (Paus. 1,
35, 2). Kleone auch bei Paus. 2, 15, 1. Eust.
II. 2, 570. Tanagra bei Korinna (Paus. 9,
20, 1). Thespia (Paus. 9, 26, 6). Sinope,
von Eumelos und Aristoteles genannt, wird,
nach Philostephanos von Apollon aus Böotien
nach dem Pontos entführt, Mutter des Syros,
des Stammvaters der Syrer (Schol. Ap. Eh.
Argon. 2, 948; ähnlich Elym. M. Eivdmrf).
Für Oinia oder Oinoe vermutet E. Unger Or-
nia nach dem zwischen Korinth und Sikyon
liegenden Flecken Orneai (Eust. 11. 2, 571).
Harpinna ist Geliebte des Ares und Mutter
des Oinomaos (Paus. 5,22, 5).
Weitere Asopostöchter sind Antiope, welche
von Zeus Mutter des Zethos und Amphion (s. d.)
wurde (Ilom. Od. 11, 260), oder den Helios
heiratete und den Aloeus und Aietes gebar
(Eumel, b. Schol. Pind. 0. 13, 74 und Tzetz.
Lyk. 174. Asios b. Paus. 2, 6, 4. Apoll. Eh.
1, 735. Paus. 2, 3, 10. 6, 1). Ismene, Gattin
des Argos und Mutter entweder eines zweiten
Argos, des navömrjg (Kerkops b. Apollod. 2,
1,3), oder des Iasos, des Vaters der Io, in
deren Sage sie also in beiden Fällen verfloch-
ten erscheint (Apoll, a. a. O.), vgl. auch Pott in
den Jahrb. Suppl. 3, 311. Euboia (Scynin. 569.
Eust. u. Schol. II. 2, 535. Hesych. Tixctviöct).
Euadne (Ov. am. 3, 6, 41, wo E. Unger In-
opide für Asopide schreiben will). Kombe,
identisch mit Chalkis (Steph. Byz. Xcxlnig.
Eust. II. 2, 536). Metope als Name einer
Tochter (Schol. Find. I. 8, 37); ebenso Eury-
nome (Giern. Eom. recogn. 10, 23). Oeroe(&s gog),
Göttin eines Fliifschens zwischen Plataiai und
Theben (Herod. 9, 51. Paus. 9, 4, 4). Plataia
(Paus. 9, 1, 2). Pronoe (Schol. II. 2, 517), von
Poseidon Mutter des Phokos. Rhode, Geliebte
des Helios (Schol. Od. 17, 208). Tliisbe (Steph.
Byz. Schol. II. 2, 502). Vgl. E. Unger p. 66.
S. F. C. II. Kruse, Hellas 1, 426 (der die
Asopostöchter für Kolonieen der Pelasger hält).
E. M. L. Hagen, de Asopi liberis, Königsberg
1833. E. Unger, Theb. parad. 56sq. 363 sq.,
beide mehr auf die Feststellung der einzelnen
Namen ausgehend. H. Hondorff , die Ionier
auf Euböa S. 42 ff. erkennt in der Sage von
den Asopostöchtern die Überlieferung eines
vorhistorischen Städtebundes bezw. Handels-
weges, einer Art Hansa, die von Kerkyra bis
Sinope gereicht habe, eine Hypothese, die von
E. Curtius (Jahrb. 1861 S. 459) nicht gebil-
ligt wird. Mehr über den Flufs als über den i
Gott handelt E. Gompf, Sicyon. spec. p. 28 sq.,
unter besonderer Berücksichtigung des Zu-
sammenhangs mit dem Orient , welcher in
der dopipelten Sage von der phrygischen
Quelle des Asopos (Ibykos bei Strab. 4, 271.
Paus. 2, 5, 3) und den an seinem Ufer ge-
fundenen Flöten des Marsyas (Paus. 2, 7, 9)
seinen Ausdruck findet. E. Curtius Pelop. 2,
Assarakos 644
581 erklärt das Ksgavvco&gvai als „versie-
gen.“ [Wilisch.]
Aspalis (’Aanalig), Tochter des Argaios aus
der Stadt Melite in Phthia, die sich erhängte,
weil der Tyrann der Stadt (Tartaros) ihr Unge-
bührliches zumutete, worauf ihr Bruder Asty-
gites, in die Kleider der Aspalis gehüllt, sich
zu dem Tyrannen führen liefs und ihn erstach.
Als die Melitäer die Aspalis ehrenvoll bestat-
ten wollten, war ihre Leiche verschwunden;
dagegen war neben der Bildsäule der Artemis
eine andere erschienen, welche die Einwohner
Aanallg dysihqxr] (?) snaegyr] nannten. Sie
opferten ihr jährlich eine noch unberührte Ziege,
die erdrosselt ward. Nikand. b. Anton. Lib. 13.
S. Preller, Gr. Mythol. 1, 253, 1. [Stoll.]
Aspidochanne (’AoniSoxccggg), Amazone, Ge-
fährtin Penthesileias, Tzetz. Posth. 180.
[Klügmann.]
Aspledon (’Aonlrjd'oiv) , Sohn des Poseidon
und der Nymphe Mideia; oder Sohn des Or-
chomenos, Bruder des Klymenos und Amphi-
dokos; oder Sohn des Presbon und der Ste-
rope. Nach ihr war die minyeische Stadt As-
pledon in Böotien genannt, Paus. 9, 38, 6.
Steph. Byz. s. v. Eustath. Hom. 272, 18 (Ile-
siod fr. 190 Lehrs ). Schol. II. 2, 511. Müller,
Orchom. S. 136. 210 f. [Stoll.]
Assaon (’Aogucov). Nach der lydischenF orm
der Niobesage war Assaon (oder Asonides, d. i.
Sohn des Asaon) der Vater der Niobe. Als ihr
Gemahl Philottos, der auf dem Sipylos wohnte
und 20 Kinder mit ihr gezeugt hatte, auf der
Jagd (von einem Bären oder auf Veranstaltung
des Assaon) getötet worden war, wollte ihr
eigner Vater Assaon, von unnatürlicher Be-
gier nach der Tochter ergriffen, sie heiraten.
Da Niobe nicht nachgab, rief er ihre Kinder
zu einem Mahle und verbrannte sie; Niobe
aber stürzte sich deshalb von einem Fel-
sen oder bat flüchtend in Stein verwandelt zu
werden. Assaon , zur Besinnung gekommen,
tötete sich selbst, Parth. Erot. 33. Schol. II.
24, 602. Schol. Eurip. Phoen. 159. Stark, Niobe
5. 56 f. 438 f. [Stoll.]
Assarakos (’AGGccQcc>iog), 1) Sohn des Tros,
Enkel des Erichthonios , Bruder des Uos und
Ganymedes, Vater des Kapys, Grofsvater des
Anchises, König von Troja (II. 20, 230 ff. Hiod.
4, 75, 3 u. 5. Tzetz. Ly kopier. 1232. Attius b.
Schol. Bern. Verg. Georg. 1, 502. Ov. Met. 11,
756. Fast. 4, 34. Serv., Prob., Philarg. ad
Verg. Georg. 3, 35. Serv. ad Verg. Aen. 8, 130,
9, 643. Myth. Vat. 1, 135. 2, 192). Verg. Aen.
6, 650 wird er neben Ilos und Dardanos als
Stammvater der Troer genannt (vgl. 1, 284 u.
Serv. z. d. St. 9, 259. 12, 127). Nach Apd. 3, 12, 2
hiefs seine Mutter Kallirrhoe, eine Tochter des
Skamandros, seine Schwester Kleopatra, seine
Gemahlin Hieromneme, die Tochter des Simo-
eis. Hion. Hai. 1 , 62 macht Assarakos zum
Sohne der Akalis (Akallaris?) , einer Tochter
des Eumedes, und zum Gemahl der Klytodora,
der Tochter des Laomedon. Hict. Cret. 4, 22
nennt ihn einen Sohn der Kleomestra , einer
Tochter des Tros; Serv. Verg. Aen. 8, 130 den
Sohn des Erichthonios; Myth. Vat. 1, 204 den
des Dardanos. Qu. Smyrn. 6, 145 wird sein
645
Astabe
646
Grabmal erwähnt. — 2) Name zweier Brüder
in dem von den Rutulern bedrängten trojani-
schen Lager (Verg. Aen. 10,124). [Schirmer.]
Astabe (’Aozdßrj), eine Tochter des Peneios,
Schol. Eurip. Phoen. 133. [Stoll.]
Astakos ('Aotav.og) , 1) Sohn des Poseidon
und der Nymphe Olbia., nach welcher die Stadt
Astakos in Bithynien benannt war, Steph. Byz.
s. v. PanofTca, Ortsnamen 1 S. 15. — 2) The-
baner, Vater des Ismaros, Amphidikos (Aspho-
I dikos) , Leades und Melanippos , welche sich
im Kriege der Sieben gegen Theben bei der
, Verteidigung ihrer Vaterstadt auszeichneten.
Apollod. 3, 6, 8. Herodot. 5, 67. Aesch. Sept.
407. Tzetz. Lyk. 1066. Pherek. in Schot. 11. 5,
126. Nach Memnon fr. 20 (cd. Müller 3 p. 536)
ein Sparte und Gründer von Astakos in Bithy-
nien. Nach Schol. II. 6, 396 gründeten zwei
Söhne von ihm, Erithelas und Lobes das hypo-
plakische Theben. — 8) Ahne des Oineus,
Schol. Eurip. Phoen. 133. [Stoll.]
Astarte (jAordQzrf). Unter diesem Artikel soll
eine Reihe der wichtigsten Gottheiten des se-
mitischen Vorderasiens, die ihrem Wesen nach
nahe verwandt sind, zusammengefafst werden.
Mehr als eine kurze und in sehr wesentlichen
Punkten nur provisorische Skizze kann hier
ndessen nicht gegeben werden, da es an
len nötigen Vorarbeiten und namentlich an
nner auch nur einigermafsen genügenden
Gruppierung des Materials noch völlig fehlt.
1) Die alten Babylonier, d. h. die nicht-
:emitische Urbevölkerung des Landes , welche
ich selbst als Sumerier (im Süden) und Ak-
cadier (im Norden) bezeichnete, verehrte eine
nächtige Göttin Nanai (griech. Nüvcuu-, wahr-
-cheinlich ist auch bei Jes. 65, 11 “'3D Nanai
[ür “'Sa Mni zu lesen, s. Lagarde, Ges. Ahh).
)er Hauptsitz ihres Kultes ist die uralte
Stadt Uruk , griech. Orchoe , jetzt Warka,
m südlichen Babylonien, wo ihr Tempel den
tarnen Eanne (Himmelshaus) führt. Doch wird
ie auch in zahlreichen andern Städten des
Landes verehrt, und wenn Strabo 739 als
Stadtgötter von Borsippa die Artemis und den
^pollon (d. i. Nabu) nennt, so scheint unter er-
fcerer die Nanai verstanden werden zu müs-
än. Neben Nanai tritt uns eine ganze An-
ahl mächtiger, meist ideographisch geschrie-
ener Göttinnen entgegen, namentlich eine,
eren Name An-ri geschrieben wird. Dafs letz-
( 3re nicht, wie auch ich früher angenommen
abe ( Gesell . d. Alt. 1, § 146), mit Nanai iden-
sch ist, lehrt die von Strafsmaier, Abh. Perl,
'rient, Congr. I unter No. 38 veröffentlichte
ischrift in Zeile 27. Im einzelnen aber den
lachtbereich und das Verhältnis dieser Göt-
nnen zu bestimmen ist noch ganz unmöglich,
ie Erforschung Altbabyloniens steht eben
urchweg noch in den ersten Anfängen. Nur
jafs wir es hier meist mit lokalen Differen-
jerungen nahe verwandter religiöser Gebilde
U thun haben, wird angenommen werden
ürfen.
Um das Jahr 2280 v. Chr., so berichtet der
js syrer König Assurbanipal, brach König Ku-
irnachundi von Elam (Susiana) in Babylonien
n, plünderte die Tempel des Landes Akkad
Astarte (in Babylonien)
aus und entführte dabei das Bild der Nanai
aus Uruk nach Susa. Assurbanipal hat das-
selbe , als er um 644 v. Chr. Susa eroberte,
an seine ursprüngliche Stelle zurückgeführt.
Die Elymäer (Susianer) sind aller Wahrschein-
lichkeit nach den alten Bewohnern Babyloniens
verwandt, jedenfalls aber in ihrer Kultur völ-
lig von ihnen abhängig. Daher erklärt es
sich, dafs wir dem Kult der mächtigen Nanai
auch bei ihnen begegnen. Da.s elymäische
Heiligtum , welches Antiochos Epiphanes zu
Ende seines Lebens ausplündern wollte, heifst
im zweiten.Makkabäerbuch (1, 13 ff.) ein Tem-
pel der Nanäa. Polybius 31, 11 nennt die
Göttin Artemis, Appian syr. 66 ’AepQodirrj ’EXv-
gaia; daraus geht hervor, dafs Nanai eine Göt-
tin des Naturlebens und der Fruchtbarkeit
und Zeugung war. Von den beiden von einem
Partlierkönig geplünderten Heiligtümern der
Athene und der Artemis in Elymais ( Strabo
16, 1, 18) ist letzteres wahrscheinlich mit dem
angeführten identisch; welche einheimische
Göttin die Athene ist, wissen wir nicht. Plin.
6, 135 Eulaeus . . circumit arcern Susorum ac
Uianae templum augustissinmm illis gentibus
scheint sich anf einen Tempel in Susa zu
beziehen (vgl. G. Hoffmann, Auszüge aus syr.
Akten pers. Märtyrer, in Abh. z. Kunde d.
Morgen l. 7, 131 ff). — Im übrigen begegnen
wir einer Göttin Nana auch auf ostiranischen
Münzen , einer Nane = Athene in Armenien,
s. Art. Anaitis; denkbar ist, dafs die baby-
lonische Göttin auch hierher gedrungen war.
In Babylonien und Susiana finden wir zahl-
reiche Thonfiguren, die weibliche Gottheiten
darstellen (s. über dieselben Loftus, Travels
and Researches in Ghaldaea and Susiana 1857,
p. 219. 379. Lenormant , Artemis Nanaea, in
Gaz. archeol. 2, 1876, p. 10ff., und vor allem
den trefflichen Aufsatz von Heuzey, les ter-
res cuites babyloniennes , in Revue archeol. 39,
1880, lff.). Die Mehrzahl derselben stammt
erst aus hellenistischer Zeit; doch finden sich
auch zahlreiche weit ältere Figuren, und zwei-
fellos reicht der zu Grunde liegende Typus in
uralte Zeiten hinauf. Sie haben wie zahlreiche
andere Figuren männlicher und weiblicher
Wesen funerären Zwecken — welchen, ist un-
bekannt — gedient und liegen in den grofsen
Grabstätten um die Leichen zerstreut. Zwei
Typen treten vor allem hervor, denen wir in
dem ganzen hier zu behandelnden Gebiete
immer wieder begegnen werden:
a) Eine nackte Frau mit stark entwickel-
ten Formen und ziemlich rohem Ausdruck. Sie
trägt einen künstlichen Haarputz , Ohrringe,
Spangen und reichen Halsschmuck; mit den
Händen prefst sie die Brüste; die Ge-
schlechtsteile sind stark entwickelt [s. auch
oben S. 407.].
b) Eine bekleidete weibliche Figur, die
wie die vorige ihre Brüste prefst und einen
ähnlichen Halsschmuck trägt. Auf dem Haupte
trägt sie eine hohe Tiara, das Haar hängt in
langen Flechten zu beiden Seiten herab.
Zweifellos repräsentieren diese Typen zwei
babylonische und elymäische Göttinnen, von
denen die erstere , eine Göttin der Zeugung
21 *
647
Astarte (in Assyrien)
Astarte (b. d. semit. Babyl. u. Assyr.) 648
und des überströmenden Lebens der Natur,
vermutlich unsere Nanai ist. Für den andern
Typus, der eine eng verwandte, aber offenbar
strenger und finsterer gedachte Gottheit dar-
stellt, bieten sich verschiedene Namen dar;
doch sind genauere Bestimmungen gegenwär-
tig, wo die Erforschung
der altbabylonischen
Religion noch in den
ersten Anfängen liegt,
nochnichtmöglich. (Die
von Lenormant a. a. 0.
pl. 3 — 5 publizierten
Typen aus griechischer
Zeit sind den vorher
bezeichneten verwandt,
können indessen zur
Bestimmung der Typen
nicht verwertet werden;
z. B. wenn hier eine der
Göttinnen eine Mond-
sichel auf dem Haupte
trägt , so beruht dies
auf späterem Synkre-
tismus, da die altbaby-
lonische Religion nur
eine männliche
Mondgottheit, den Sin,
kennt).
2) Bekanntlich ist
in Babylonien schon in
uralter , vorgeschichtli-
cher Zeit ein semiti-
scher Volksstamm ein-
gedrungen und hat mit
der Kultur der Urbevöl-
kerung , die sehr früh
völlig in ihm aufgegangen ist, auch deren Reli-
gion grofsenteils angenommen. Dieser Volks-
stamm, den wir in Babylonien
als Chaldäer bezeichnen kön-
nen , tritt uns dann rein in
Assyrien entgegen. Über seine
Religion vgl. den Art. Ba‘al.
Hier soll nur kurz erwähnt wer-
den, dafs neben den männlichen
Gottheiten — sowohl den um-
fassenden wie 11, wie den lo-
kal und ihrer Funktion nach
begrenzten — weibliche Wesen
stehn. Wie alle lokalen Gott-
heiten bei den Nordsemiten
Ba‘al, Herr, heifsen, so ihre
Gemahlinnen Ba'alat. Speziell
steht aber auch neben dem
„Ba‘al“, dem Herrscher der
Welt oder spezieller des Him-
mels, seine Gemahlin Ba'alat.
Mit letzterer ist überall auf
nordsemitischem Gebiet eine
Göttin auf das engste verbun-
den, die den Eigennamen babyl.
Ischtar, aram.' Attar und mitW eg-
fäll des einen t 'Atar A&ccqt], kana‘an. 'Asclitar
und mit sekundärer Femininendung 'Aschtart
’AazÜQTT] (hebr. ITiniüS1 'Aschtöret) führt, und
deren Namen uns auch bei den Sabäern (Hirn
Nackte babylonische
Astarte (Thonfigur).
Bekleidete baby-
lonische Astarte
(Thonfigur).
jare) als der einer männlichen Gottheit, ver-
mutlich einer Himmelsgottheit, in der Form
'Atlitar (rAthtär?) entgegentritt. In den Na-
mensformen begegnet uns die regelmäfsige
Lautverschiebung, der ein ursemitisches 'Ath-
tar in den einzelnen Sprachen unterliegen
mufs, in geradezu typischer Form. Schon da-
durch wird es im höchsten Grade wahrschein-
lich, dafs der Name ein ursprünglich semiti-
scher, nicht, wie Friedr. Delitzsch (in der Über-
10 Setzung von Smith, Chald. Genesis 273) ver-
mutet hat, ein sumerisch-akkadischer ist. Es
kommt hinzu, dafs derselbe sich meines Wis-
sens in der Keilscliriftlitteratur bisher nur in
semitischen Texten, dagegen nie in Texten in
der babylonischen Ursprache gefunden hat.
Was es freilich bedeutet hat, läfst sich nicht
ermitteln; wie bei so vielen anderen Götter-
namen ist auch hier eine sichere Etymologie
unmöglich.
20 3) Beiden semitischen Babyloniern und
Assyrern finden wir den Ba‘al in der Form
Bel, die Ba‘alat in der Form Belit (daher bei
Herod. Mvhxra ; Movers ’ Erklärung des letz-
teren Wortes als 'die Gebärende’ ist ganz ver-
fehlt). Neben letzterer steht die Ischtar. Wie
sehr dieselbe für das Volksbewufstsein die
Göttin «at’ et°X^lv ist, geht daraus hervor,
dafs der Plural des Namens, ischtarät, durch-
weg als Appellativum in der Bedeutung „Göt-
30 tinnen“ gebraucht wird.
Ischtar und Belit werden in den Texten
zahllose Male erwähnt, und zwar meist als
verschiedene Göttinnen, wenn mir auch ihre
ursprüngliche Identität nicht zweifelhaft ist;
heilst doch Ischtar unendlich oft belit iläni
„die Herrin der Götter“ und wird wie Belit
als „Gemahlin Bels“ bezeichnet. Sie ver-
schmelzen ihrem Wesen nach völlig mit je-
nen vorher erwähnten altbabylonischen Göt-
40 tinnen; Ischtar und Nanai sind wenigstens für
uns in der späteren babylonischen Mythologie
nicht mehr zu trennen. Wie letztere ist Isch-
tar Stadtgöttin vonUruk und spielt als solche
in dem alten Sagenwerk , welches von den
Thaten des Heros Izdubar handelt, eine grofse
Rolle ; als der Held Urulc befreit und sich die
Krone gewonnen hat, bietet ihm Ischtar ihre
Hand. Aber er weist sie zurück, indem er ihr
vorhält, wie sie ihre früheren Geliebten, den
50-Tammüz „um den sie traure von Jahr zu
Jahr“, ferner den Adler, den Löwen, ein Rofs
u. a. ins Unglück gestürzt habe. Da fleht
Ischtar zu ihren Eltern, dem Himmelsgott
Anu und seiner Gemahlin Anat, um Rache und
stürzt den Helden in neue Kämpfe, die wir
hier nicht zu verfolgen brauchen (s. jetzt
Haupt, der Tceilinschr. Sintfluthhericht 1881.
S. 8 f.). Weiteren Einblick in das Wesen der
Göttin gewährt die berühmte Sage von der
go „Höllenfahrt der Ischtar“ ( Schräder , Höl-
lenf. d. Istar 1874 u. a.). Hier wird erzählt, wie
die Göttin , die hier eine Tochter des Mond-
gottes Sin heifst, das Reich der Totengöttin
Allat, das Land, dessen Strafse ohne Rückkehr
ist , aufsuchen will und ihr an den sieben
Pforten desselben ihr sämtlicher Schmuck, die
Krone, die Ohrringe, das Halsgeschmeide, der
Mantel , der Gürtel , die Spange , endlich das
■
I ,
I
! 649 Astarte (b. d. semit. Babyl. u. Assyr.)
Leibgewand von dem Pförtner abgenommen
j wird, sodafs sie in die Macht der Todesgöttin
verfällt und nun alle Zeugung auf Erden bei
Menschen und Tieren aufhört. Auf Befehl des
1 Götterkönigs Ea wird sie aber wieder frei-
| gegeben und erhält ihre Macht zurück. Diese
, Sage, die lebhaft an die Persephonesage er-
■ innert, zeigt ebenso wie die vorhin erwähnten
j Legenden, dafs Ischtar eine Göttin der Fruclit-
; barkeit und Zeugung ist. Dieselbe Funktion
i hat nach einer bekannten Erzählung Heroclots
1(1, 199) die Mylitta, d. li. die Belit, der zu
; Ehren alle Babylonierinnen ihre Jungfrau-
schaft preisgeben müssen. Aller Walir-
| scheinliclikeit nach sind diese Anschauungen von
: der nichtsemitischen Urbevölkerung ausgegan-
igen; sie stimmen völlig mit dem Charakter
j der Abbildungen der Göttin überein. Aber
wie alle Gottheiten des Naturlebens neben der
freudigen, in Überfülle zeugenden Seite auch
eine finstere vernichtende haben, so auch
; hier ; das Leben der Natur erstirbt, Ischtar bringt
ihrem Geliebten den Tod. In der griechischen
Sage von Semiramis, die offenbar der hier be-
sprochenen religiösen Anschauung entlehnt
ist, tritt uns dieselbe Ideenverbindung ent-
igegen.
Die babylonische Theologie nimmt bekannt-
lich an, dafs die göttlichen Mächte aus den
Gestirnen, speziell den Planeten wirken. Von
diesen ist der Ischtar der Venusstern zuge-
wiesen. Hier werden dann weitere Unterschei-
dungen angeknüpft; so besagt eine Tafel, dafs
die Venus als Morgenstern Ischtar (als solche
'wird sie auch der Anunit, der Stadtgöttin von
Sippara, gleichgesetzt: Delitzsch, Paradies VW),
als Abendstern Belit sei , dafs sie bei Nacht
weiblichen, bei Tage männlichen Charakter
habe (3 B. 53, 2, 36. 53, 30; s. jetzt Schrä-
der, Keilinschr. und Alt. Test. 2. Afl. 178ff.)
— woraus, wie Schräder mit Recht bemerkt,
'noch keineswegs zu folgern ist, dafs man sich
die Göttin im theologischen System androgyn
Igedacht habe, wie den kyprischen Aphroditos.
'Allerlei weitere Spielereien knüpfen hier an;
unter den Götterzahlen kommt der Ischtar die
Zahl 15 zu. Im System der zwölf grofsen
Götter erhalfen Belit „die Mutter der Grofsen
! Götter und Gemahlin Bels“ und Ischtar „die
[erste des Himmels und der Erde“ die beiden
Hetzten Stellen.
Das ist ungefähr, was sich über die baby-
lonischen Kulte bis jetzt mit einiger Sicher-
heit sagen läfst. Bei den As Syrern, einem
unvermischt semitischen Kriegsvolke, ist die
Theologie einfach von Babylon übernommen,
[während die religiösen Anschauungen des Vol-
kes ein viel reiner semitisches Gepräge tragen.
I Ischtar wird bei denselben eifrig verehrt; sie
hat seit uralten Zeiten ihre Heiligtümer in
Ninive und Arbela, nach denen eine ninivi-
] tische und eine arbelische Istar geschieden
'und geradezu als zwei Gottheiten neben ein-
lander angerufen werden — ein Differenzie-
Irungsprozefs, der in allen Religionen gewöhn-
| lieh, in den semitischen aber besonders häufig
ist. Daneben steht noch die „assyrische Isch-
tar“, die Göttin der ältesten Landeshauptstadt
Astarte (in Syrien) 650
Assur. Ischtar ist den Assyrern vor allem
„die Herrin des Kampfes und Streites“ , die
Kriegsgöttin, die ihr Volk zum Sieg führt;
sie ist genau wie bei den Westsemiten (s. u.)
zur Schirmerin von Land und Stadt gewor-
den [s. auch oben S. 394]. Daneben mag bei
der Ausbildung dieser kriegerischen Auffassung
die finstere Seite der altbabylonischen Göttin
von Einflufs gewesen sein. — Belit tritt uns
in den assyrischen Inschriften, von den stereo-
typen Götterlisten abgesehen, weit seltener ent-
gegen; doch besitzen wir z. B. Anrufungen
derselben von Assurbanipal (2 B. 66), in denen
sie als grofse Naturgöttin, aber daneben auch
als Kriegsgöttin gepriesen wird und sonst spe-
ziell der Ischtar zustehende Epitheta auf sie
übertragen sind.
4) Wir wenden uns jetzt zu denWestsemi-
ten, d. h. zu den Bewohnern Syriens im wei-
testen Umfange : den Aramauru im N orden zu bei-
den Seiten des Euphrat und den Kana'anauru
(incl. Hebräer und Phöniker) im Süden. Auch
hier tritt uns die Göttin überall entgegen, auf
kana‘anäischem Gebiete in der Form 'Aschtor
oder gew. mit Femininendung' Aschtoret (urspr.
'Aschtart, daher Astarte), auf aramäischem als
Attar oder vielmehr mit Wegfall der Verdop-
pelung 'Atar (’A&öcqci Strabo 16, 4, 27; diese
Formen sowie Atargatis hat zuerst Nöldeke
richtig gedeutet, Z. D. M. 24, 92. 109; sonst
vgl. meinen Aufsatz Z. D. M. 31, 730 ff.). Die
Kultur dieses ganzen Gebietes ist seit uralten
Zeiten von Babylonien und Ägypten aus be-
einflufst und überhaupt erst unter der von
diesen beiden Ländern ausgehenden Einwir-
kung entstanden (s. die Nachweise in meiner
Gesch. des Altertums 1); auch auf religiösem
Gebiete tritt dieselbe überall hervor. Daneben
stehen die spezifisch semitischen Anschauun-
gen als Grundlage der eigentlichen Volksreli-
gion. Ich will versuchen , die verschiedenen
Elemente hier zu sondern und kurz zu cha-
rakterisieren.
a ) Für die einzelnen Stämme resp. Städte ist
Astarte (oder ihre Vertreterin) das weibliche
Korrelat zu dem höchsten Gotte, d. h.
zu dem Ba‘al des betr. Stammes. Hat dieser
einen besonderen Namen, so wird wohl auch
seine Gemahlin danach bezeichnet. In Moab
finden wir neben dem Stammgott Kamosch
eine Göttin fAschtor-Kamosch d. h. „die Astarte
der Kamosch“, in Nordsyrien neben dem Gotte
fAte die 'Atar-'ate (Atargatis nns"ins>) d. i. „die
f Attar der ''Ate“. Durchweg ist diese Göttin
die „Herrin“ (ba'alat oder rabbat) des Stam-
mes resp. der Stadt, in der sie verehrt wird,
so Sidon. 1, 15 „Priesterin der Astarte, unserer
Herrin (rabbat)“, Git. 1, 3 „meiner Herrin (rab-
bat) Astarte“, Leb as- Waddington, inscr. de Sy-
rie 1890 aus Keser Hanar am Hermon r rjg v.v-
QLccg ’Aragydzyg. Ebenso heifst. die berühmte
Stadtgöttin von Byblos, die Plutarch de Is.
15. Cic. N. D. 3, 59 Astarte [sonst wird sie
meist Aphrodite genannt], Meliton ( Cureton spie,
syr. 44) Belti nennen , in der Inschrift des
Königs Iechaumelek durchweg „meine Herrin
(rabbat) die Herrin (ba‘alat) von Gebäl (Byb-
los)“ ohne irgend welchen Eigennamen. Bei
io
20
30
40
50
60
351
Astarte (in Syrien)
Astarte (in Syrien)
(352
Astarte (auf einer nordafrik.
Münze).
clen Arabern entspricht ihr die Göttin Hat
(fern, von II, s. Art. El) oder mit Artikel Al-
lät (aus alilät, daher Herod. 1, 131. 3, 8
’AhXdx), der wir in der Kaiserzeit in den Grenz-
provinzen Syriens, in Trackonitis, Batanäa,
dem Hauran , Palmyra u. s. w. , wo damals
überall arabische Geschlechter die Herrschaft
gewonnen haben, zahllose Male begegnen. In
den griechischen Inschriften heilst sie ’A&rjvä
r\ HVQia, d. h. sie wird als Stadtgöttin bezeich-
net. Dafs damit Allät gemeint ist, lehrt der
Name des Sohnes der Zenobia, Wahballät
(OvußdllaQ-os) „Gabe der Allät“, der grie-
chisch durch ’AQ'rjvöd'ooQo g wiedergegeben wird.
— Wir finden nun auf den Münzen aller Städte
Syriens und Phönikiens sowie seiner Kolonieen
— die beigegebene Abbildung ( Revue numism.
1856 pl. 13 , 1) stammt von einer nordafrika-
nischen Münze —
unendlich oft eine
Göttin mit Mauer-
krone, deren in Zöpfe
geflochtenes Haar an
die uns bekannte
babylonische Göttin
erinnert: es ist die
Schirmgöttin der
Stadt, und also ent-
weder die Ba‘alat
Astarte selbst oder
eine besondere Ab-
zweigung derselben.
Als solche begegnet
uns in Inschriften und Schriftstellern Syriens
häufig die Tyche (Gad) der Stadt, die meist
in den Städten ihren eigenen Tempel (x v%siov)
hatte [s. auch oben S. 393] , und gelegent-
lich wird die abgebildete Gottheit auf den
Münzen durch eine Beischrift als xv%y der
betreffenden Stadt bezeichnet; — es genügt
daher auf J. II. Mordtmann in Z. I). M.
31, 99 ff. zu verweisen. Andrerseits besitzen
wir Münzen eines nordsyrischen Dynasten (von
Bambyke-Hierapolis? s. Waddington, Reo. num.
1861, 9 ff.) 'Abclhadad aus der Perserzeit, auf
denen eine der eben erwähn-
ten völlig gleichende Göttin
teils im Profil, teils en face
abgebildet ist und durch
eine Beischrift ausdrücklich
als IWbre „Atargatis“ be-
zeichnet wird. Ursprünglich
ist also offenbar die grofse
Atargatis (auf e. syr. selbst zugleich die
Schirmgottheit der Stadt,
wie bei den Assyrern; in vielen Fällen, die
wir jedoch bei unserem dürftigen Material lokal
und zeitlich nicht genauer fixieren können,
hat sich aber der so gewöhnliche Differenzie-
rungsprozefs vollzogen , durch den sich aus
einer Funktion einer Gottheit ein neues selb-
ständiges Verehrungswesen bildet. So werden
in einer Inschrift von Palmyra ( Vogue , inscr.
sein. 3) die Tv%y ©oaysiog (syr. Gad taimi) und
die Atargatis neben einander verehrt.
b) „Der Ba‘al“ d. h. der Herr der Dinge,
insofern er über den lokalen Ba‘alim steht,
ist bei Syrern (inkl. Kana‘anäer) gewöhnlich
zum Himmelsgotte (kan. Ba‘al schamäm, aram.
Ba‘alschamin „der Herr des Himmels“) ge-
worden. Dem entsprechend wird auch seine Ge-
mahlin Astarte zur Himmelsgöttin. So heifst
sie in der Grabinschrift des sidonisclien Königs
Eschmün‘azar (Sid. 1, 15. 16) „die Astarte des
Himmels Ba‘als“ und „die Astarte des er-
habenen Himmels“ (nach der einzig haltbaren
Deutung der vielumstrittenen Stellen durch
io Halevy, mel. d'epigr. et d'archeol. semit. 30. 32,
nach Ldvy’s und Derembourgs Vorgänge). Dem
entspricht genau , dafs Herodot die Astarte
(oder Atargatis) als Aphrodite OvQccviy , d. h.
als Himmelsgöttin bezeichnet (1, 105. 131. 3,
8). Wenn Jeremias 7, 18. 44, 17 ff.) vom Kul-
tus der „Königin des Himmels“ spricht, so ist
damit dieselbe Göttin gemeint. Da der Him-
melsba‘al speziell auch ein Sonnengott ist (s.
Ba‘al) , mag der Parallelismus dazu geführt
20 haben, die Himmelsgöttin Astarte gelegentlich
auch zu einer Mondgöttin zu machen. Vor-
wiegend aber ist dabei ein rein zufälliger Um-
stand mafsgebend gewesen. Die religiöse Kunst
Syriens, namentlich aber, des Südens des Lan-
des, ist durchaus von Ägypten abhängig (s.
meine Gesell, d. Alt. l,§ 200ff.), und so werden
auch Astarte und die ihr verwandten Göttin-
nen wesentlich nach dem Muster der grofsen
ägyptischen Himmelsgottheiten Isis, Hathor
30 u. s. w. gebildet. Diese tragen als Sonnen-
mütter die Sonnenscheibe zwischen zwei Kuh-
hörnern auf dem Haupte und werden gelegent-
lich auch kuhköpfig gebildet (s. Art. Isis); ge-
nau in derselben Weise wird auf der Stele
des Königs Jechaumelek von Byblos (Perser-
zeit) die „Ba'alat von Ge-
bäl“ dargestellt. Philo er-
zählte , Astarte habe sich
als Königsschmuck ein
40 Stierhaupt aufgesetzt (fr.
2, 24 Müller), und ein ka-
na'anäischer Ort heifst nach
der hier verehrten Gottheit
rAschtaröt Qarnaim — „As-
tarte mit den Hörnern“.
Die Bedeutung dieses Sym-
bols verstanden aber die
Syrer nicht : sie haben es
als Darstellung des Halb-
50 und Vollmondes aufgefafst.
So stellt eine Münze von
Sidon einen offenbar zu
Prozessionen benutzten Wagen dar, in dem
die Symbole des Mondes gezeigt werden, und
ein zu Kenath gefundener Al-
tar (Burton and Brake, Unex-
plored Syria 1 , 166) zeigt
auf der Vorderseite einen
Sonnengott (Ba‘al) , auf der
60 Rückseite eine Mondgöttin
(Astarte), während ursprüng-
lich bei den Semiten wie über-
all der Mond eine männliche
Gottheit ist. Andererseits be-
ruht es auf babylonischem
der Astarte der V enusstern heilig ist —
nach Philo a. a. O. hätte sie den vom Him-
mel gefallenen Stern auf der heiligen Insel
Astarte mit Sonneu-
scheibe u. Kubbörnern.
Wagen d. Astarte
als Mondgöttin (si-
don. Münze).
Einflufs, wenn
653
Astarte (in Syrien)
Astarte (anf Kypros)
654
von Tyros geweiht. — In sehr charakteristi-
scher Vermengung zeigt sich der babylonische
und der assyrische Einflufs in der Darstellung
der Stadtgöttin von Qadesch am Orontes, der
Hauptstadt des mächtigen im dreizehnten Jahr-
hundert bestehenden Reichs der Cheta, deren
Kult auch von den Ägyptern dieser Zeit adop-
20
30
Astarte im Tempel
(Münze v. Byblos).
tiert worden ist und uns auf mehreren Stelen
entgegentritt. Wie man sieht, ist die Göttin
ganz nach ägyptischer Weise gebildet; aber
sie steht auf einem Löwen, 40
eine ganz unägyptische, da-
gegen echt babylonische An-
schauung. Ebenso wird nach
Lucian de dea Syr. die Göt-
tin von Hierapolis von zwei
Löwen getragen , und die
chetitische Kriegsgöttin
'Anat sitzt auf einem Münz-
bilde (de Vogüe mel. d'arch.
Orient. 47) auf einem Löwen 50
(vergl. auch Art. Dolichenus).
c) Wie in Babylonien ist auch bei den West-
semiten die 'Herrin’ zugleich dieGöttin des N a-
turlebens, der Zeugung wie des Erster-
ben s der Natur. Als Göttin der Liebe
nennen die Griechen sie Aphrodite; zahlreiche
Abbildungen aus Phönikien und Cypern stel-
len sie als solche dar, teils in direkter Nach-
ahmung des unter 1 a beschriebenen Typus
(so die beistehende Figur von Cypern), teils eo
mit lächelnder Miene, eine Lotusblume in
der Hand. Die Taube ist ihr heilig, ebenso
der Granatapfel u. a. [S. oben S. 395 u. 407 fl'.].
Nach syrischen Anschauungen offenbart sich
das geheimnisvolle Leben der Natur vor allem
in den Fischen; daher sind der Atargatis (ver-
stümmelt Derketo) von Hierapolis -Bambyke
die Fische heilig , und in ' Askalon , wo die-
selbe Göttin gleichfalls verehrt wird, wird sie
fischleibig gebildet (über das Nachleben die-
ser Anschauung bis in die Gegenwart vgl.
Nöldeke , Z. I). M. 35, 220; s. auch oben
S. 393f.). Die Prostitution im Dienste
der Göttin , die wir in Babylon fanden , ist
auch bei den Westsemiten weit verbreitet, vor
allem auf Cypern ( Herod . 1 , 199. Iustin. 18,
5). Das Gegenbild dazu ist die Kastration,
wodurch der finsteren Göttin, welche Tod und
Verderben sendet, das Opfer der Entmannung
dargebracht wird. Dieselbe ist im Kultus der
syrischen Göttin (Atargatis) von Bambyke zu
Hause (s. Lucian de dea Syr. 50 ff.), findet sich
aber auch in Edessa (Bardesanes bei Cureton,
spicil. syriac. p. 31), wo sie Abgaros, der erste
christliche König, ausgerottet
haben soll. Eine Abschwä-
chung von Menschenopfern
in ihrem Dienst wird bei
Luc. de dea Syr. 58 beschrie-
ben. Auch werden alle Men-
schen der Göttin geweiht, in-
dem die Jünglinge ihre ersten
Barthaare, die Mädchen eine
heilige Locke in silbernen
oder goldenen Gefäfsen, mit
ihrem Namen versehen, im
Tempel der Göttin nieder-
legen (Luc. a. a. 0. 6).
Der Ursprung der Bräuche
wird wie bei allen Kulten
durch einen uyiog uv&og er-
klärt, der dieselben als Nach-
ahmung einmaliger Begeben-
heiten der Urzeit darstellt. So
erzählt Lucian eine Geschichte von der Liebe der
Königin Stratonike, der Gemahlin des ersten
Seleukos, zu dem schönen Jüngling Kombabos,
der sich in ihrem Dienste selbst verstümmelte.
Die pliönikische Sage von der Liebe der Astarte
zu Tammuz oder, wie er meist genannt wird,
Adonis (s. d.) „dem Herrn“ (Adon) , der als
Sonnengott erscheint, ist bekannt genug. Die-
selbe stammt übrigens, wie schon der Name
lehrt, aus Babylon. Uber den namentlich in
Byblos heimischen Kult s. den Art. Adonis.
Eine besondere Entwickelung haben die
Anschauungen von der Vereinigung der freund-
lichen und der finstern Seiten des Naturlebens
im Astartekult auf C y p e r n erhalten. Hier hat
man im theologischen System aus derselben
ein mann- weibliches Wesen, eine Göttin mit
einem Barte, gebildet, das bei den Griechen
Aphroditos genannt wird. Von den Theolo*
gen der hellenistischen Zeit ist derselbe ans
Tageslicht gezogen worden und seine Erwäh-
nung vererbt sich seitdem von einer Schrift
auf die andere; namentlich die Kirchenväter
lieben es sehr von ihm zu reden. Er hat je-
doch lediglich im System , nie im Volksglau-
ben eine Rolle gespielt, wie schon der Um-
stand beweist, dal’s unter den zahlreichen kypri-
schen Funden sich keine einzige bildliche Dar-
stellung eines derartigen Wesens findet; über-
haupt ist mir nicht bekannt, dafs es irgendwo
Darstellungen mann-weiblicher Wesen reli-
giöser Natur aus dem Altertum gäbe (ab-
Kyprigche Astaite,
s. ob. S. 407.
655
Asterion
656
Astarte (= Aphrodite)
gesehen von den theologischer. Spekulation ent-
stammenden Mischfiguren der Ägypter) ; die an-
geblichen Beispiele, welche Stern in der Über-
setzung von Cesnola, Cypern S. 402 anführt,
dürften sich bei genauerer Betrachtung als
Irrtümer entpuppen.
Schliefslieh erwähne ich noch, dafs die von
Movers, Phönizier 1 aufgestellte Zerlegung der
grofsen semitischen Göttin in zwei Wesen, ein
freundliches, zeugendes (Baaltis), und ein fin-
steres, verderbenbringendes (Astarte) ebenso
unhaltbar scheint wie fast alle Konstruktio-
nen dieses Gelehrten, und dafs die so häufig
als kana‘anäisch-phönikische Göttin aufgeführte
Aschera nichts weniger als eine solche ist, son-
dern ein heiliger (natürlicher oder künstlicher)
Baum, der am Altäre der Götter (des Ba‘al, der
Astarte u. s. w.) neben der Steinsäule (Mes-
sebe) , in welcher der Gott wohnend gedacht
wird, aufgerichtet wird.
5) Es ist bekannt, dafs der Kult der semi-
tischen Göttin sich weit über das Gebiet der
Semiten hinaus verbreitet hat. Auf helleni-
schem Boden haben die Phöniker zahlreiche
Astarteheiligtümer errichtet, so auch in Kythere
Herod. 1, 105, und die Griechen haben in der
fremden Göttin ihre Aphrodite (s. d.) wieder
erkannt. Der Kult dieser Göttin ist von semi-
tischen Elementen stark durchsetzt; aber auf
einzelnes hier einzugehen ist hier nicht unsere
Aufgabe [s. ob. S. 390ff.J. Ebenso ist die Göt-
termutter Kleinasiens stark von Syrien aus be-
einflufst, sie ist eine Schirmgöttin der Städte,
welche die Mauerkrone trägt, sie thront auf
Löwen u. s. w. ; an ihren Dienst knüpft die
Kastration [s. Kybele], Überhaupt dürfte
die kleinasiatische Attissage vollständig aus
Syrien entlehnt sein, s. meine Geschichte des
Altertums 1, § 257 f. [u. d. Art. Attis], Die
Prostitution zu Ehren der Göttin findet sich
in Lydien und Armenien und scheint auch
nach Persien gedrungen zu sein. Über den
Einflufs der babylonischen Kulte auf Persien
s. den Artikel Anaitis. Dafs der Astartekult
auch nach Ägypten gedrungen ist, wurde schon
erwähnt.
Ich schliefse, indem ich wiederhole, dafs
dieser Artikel nicht mehr als eine Skizze sein
soll und vieles Detail, das der Aufklärung noch
harrt, mit Absicht bei Seite gelassen ist, um
die Hauptpunkte deutlich hervoHreten zu las-
sen. [Ed. Meyer.]
Asteria, -e (’Agtsqlkj-t]) , 1) Tochter des Ti-
tanen Koios und der Phoibe, der Tochter des
Uranos und der Gaia, Schwester der Leto, von
Perses (nach Mus. b. Schol. Ap. Rh. 3, 467.
1035 von Zeus), Mutter der Hekate ( Hes . Theog.
404ff. Apd. 1, 2, 2 u. 4. Hyg. praef., wo der
Vater Polus heilst). , Nach Eudox. b. Athen.
9, p. 392 d und Cic. N. D. 3, 16 gebar sie
den tyrischen Herakles. Wie Hyg. f. 53 er-
zählt, wurde sie von Zeus, weil sie seine Liebe
verschmähte, in eine Wachtel verwandelt und
ins Meer gestürzt. Aus ihr entstand die In-
sel, welche in beweglichem Zustande Ortygia
(d. i. Wachtelinsel), später, als Leto hier
Apollon und Artemis geboren hatte , Delos
(d. i. die Helle, Sichtbare) genannt wurde (vgl.
Pind. Prosod. fr. 1 B. Eurip. Hec. 454. Ca l-
lim. in Del. 37f. Apd. 1, 4, 1. Anton. Lib.
35. Schol. Ap. Rh. 1, 308. 419. East. Hom.
p. 1528, 4. Tzetz. Lylcophr. 401). Nach Sen.
Verg. Aen. 3, 73 erflehte Asteria selbst von
den Göttern die Verwandlung; als sie aber
als Wachtel das Meer durchschwimmen wollte,
verwandelte sie Zeus in einen Felsen, der spä-
ter auf Bitten der Leto als Insel aus dem
io Meere hervortauchte (vgl. Myth. Vat. 1, 37.
з, 8, 3). Nach Nonn. Dion. 2, 125. 33, 337.
42, 410 wird die spröde Asteria, die 23, 236
Gemahlin des Hydaspes heifst und von Hype-
rion abstammt, von Poseidon verfolgt und ver-
wandelt. Wie der Name ihrer Eltern, so deu-
tet auch der ihrige auf das strahlende Him-
melslicht; wahrscheinlich ist die ins Meer stür-
zende Enkelin des Uranos die Personifikation
eines vom Himmel fällenden und plötzlich in
20 den Fluten verschwindenden Meteors (vergl.
Müller, Dor. 1, 313. 381 Anm. 1. Preller, gr.
Myth. 1, 41 Änm. 1. 238. 257). [Der Name
f:AG]TSQL7j findet sich auch als Beischrift einer
Figur der pergamenischen Gigantomachie, Gonzc
etc., Erster vorl. Bericht S. 64. Zweiter 8. 44.
Roscher.] — 2) Eine der Töchter des Giganten
Alkyoneus, eines Sohnes des Uranos und der
Gaia, welche sich nach dem Tode des Vaters
von dem kanastraiischen Vorgebirge der Halb-
30 insei Pallen e ins Meer stürzten und von Arn-
phitrite in Eisvögel verwandelt wurden ( Hege-
sand. b. BeJcker Anecdot. p. 377, 25. Suid. v.
dlnvovidss ryiegca. Eust. Hom. p. 776, 38; s. Al-
kyonides). Die Abstammung von Uranos , der
Sturz ins Meer und die dort ein tretende Verwand-
lung deuten auf Verwandtschaft mit Nr. 1.
— 3) Tochter des Danaos und der Hamadryade
Phoibe, welche den Chaitos tötete (Apd. 2, 1,
5). — 4) Tochter des Koronos , welche mit
40 Apollon den Argonauten Idmon zeugte (Phe-
relcyd. b. Schol. Ap. Rh. 1, 139). — 5) Eine
der Amazonen, welche Herakles tötete ( Diod .
4, 16, 3). — 6) Tochter des Hydeas, welche
dem Beller ophontes den Hydissos, den Epony-
mos der gleichnamigen Stadt in Karien, ge-
bar ( Apollon . b. Steph. Byz. v. 'Tdnmog). — 7)
Nach Tzetz. Lylcophr. 53 (im Widerspruche mit
939 und Schot. II. 2, 520, wo ’AgzsqoSlcc steht)
die Tochter des Deioneus, Gemahlin des Pho-
50 kos. — 8) Hyg. f. 250 ist nach Apd. 3, 10, 1.
Paus. 5, 10, 6. Erat. Catast. 23. Eust. Hom.
p. 1155, 53. Ov. Fast. 4, 172 Sterope ( Sehe ff .
и. Schm.: Asterope; s. d.) Atlantis flia zu lesen.
— [9) Begleiterin des Theseus bei der Rück-
kehr von Kreta: C. I. Gr. 8185. — 10) Hespe-
ride (?): C. I. Gr. 8394. Vgl. 8 u. Asterope 4.
Roscher.] [Schirmer.]
Asterides (’AGTtQidris), ein Sohn des Aigyp-
tos, von der Danaide Chrysothemis getötet,
60 Iluqin. f. 170. (Die Lesart wird angezwei-
felt). [Stoll.]
Asterion (’Agtsqlcov), 1) Der aus dem lan-
desüblichen Kultus des Zsvs ’Agxsqios (vergl.
Preller, gr. Mytli. 2, 117 f.) hergeleitete Name
des Königs von Kreta, der Europa heiratete
und ihre mit Zeus gezeugten Söhne Minos,
Sarpedon und lihadamanthys, als er selbst
kinderlos starb , in die Herrschaft einsetzte
657 Asterios
( Hcsiod . u. Bakchyl. b. Schol. II. 12, 292. Apd.
з, 1, 2. Diod. 4, 60, 2, wo er Asterios heifst,
Nonn. Dion. 1, 354 f. 2, 695. Et. M. v. Ml-
vag). Nach l)iod. a. a. 0. war er ein Sohn des
Tektamos , eines Sohnes des Doros, der mit
Aiolern und Pelasgern in Kreta einwanderte
(vgl. Müller, Dor. 1, 32 f.), und einer Tochter
des Kretheus. Nach Asklepiad. b. Apd. a. a. 0.
hatte er eine Tochter Krete, welche Minos
heiratete. — 2) Der wie Nr. 1 mit dem kreti- l
sehen Sterndienst in Verbindung stehende Name
für den von Theseus getöteten Minotauros,
den Sohn des minoischen Stiers oder des Mi-
nos selbst (Paus. 2, 31, 1. Apd. 3, 1, 4, wo
er Asterios heifst). Nach Lykophr. Alex. 1301
и. Tzetz., der ihn wie Apd. Asterios nennt und
euliemeristisch für den Sohn eines Feldherrn
Tauros hält, führte er die Truppen des Minos.
Nach Nonn. Dion. 13, 222 f. 40, 285 ff. (auch
hier die Form ’AazeQLog) folgte er mit einem 2
kretischen Heere dem Dionysos nach Indien
und wurde nach dem Kriege zu den Massage-
ten in die Gegend des Phasis verschlagen, wo
ein Teil der Kolcher nach ihm benannt wurde.
Miletos und Kaunos, der, noch unberührt von
der Liebe zur Schwester , die Karer führte,
sind seine Söhne (13, 546 ff.). Die Abbildung
des Minotauros mit geflecktem Leibe bei Gerli.
A. V. T. 160 deutet wohl auf den ursprüng-
lichen Sinn des Namens Asterion. — 3) Der 3
Gott eines in der Nähe des argivischen He-
raion fliefsenden Baches, dessen Wasser, als
I er mit Kephisos, Inachos und Phoroneus das
Land der Hera zugesprochen hatte, Poseidon
in einem Schlunde verschwinden liefs. Seine
Töchter Euboia, Prosynma und Akraia, drei
mit alten Beinamen der Hera benannte Höhen
(vgl. Preller, gr. Myth. 1, 129 Anm. 1), waren
Pflegerinnen der Hera (Paus. 2, 15, 5. 17, lf.).
— 4) Sohn des Hyperasios oder Hippasos aus 4
Pellene, Bruder des Amphion, ein Argonaut
l(Hyg. f. 14). Bei Orph. Argon. 214 (217) u. Ap.
Bh. 1, 176 (Schol.: zbv ’Agtsql'covix Xsysi) heifst
er Asterios. — 5) Sohn des Kometes aus dem
'thessalischen Peirasia, ein Argonaut (Ap. Bh.
1, 35ff. Orph. Arg. 161 (164). Valer. Fl. 1,
1355 ff.). Hyg. f. 14 mit., wo Asterion Sohn
jies Pyremos und der Antigone, einer Tochter
lies Pheres, aus der Stadt Pelinna (Pellene?)
oder Sohn des Priscus aus Peiresia genannt 5
wird, ist textkritisch sehr unsicher.
[Schirmer.]
Asterios ( ’AozsQiog ), 1) Siehe Asterion No. 1,
1, 4. — 2) Sohn des Neleus und der Chloris,
ler Tochter des Amphion (Apd. 1, 9, 9. Schol.
, ip. Bh. 1, 156). — 3) Sohn des Aigyptos, von
ler Danaide Kleo ermordet (Hyg. f. 170). —
t) Sohn des Anax, eines Sohnes der Erde,
inter dessen Herrschaft Milet noch Anaktoria
liefs, bis es nach dem Kreter Miletos benannt g
vurde. Begraben war Asterios auf einer klei-
nen vor der Stadt Milet gelegenen Insel (Paus.
2, 5. 1, 35, 6. Plin. N. II. 5, 37). Wahr-
cheinlich stammt sein Name aus dem Stern-
denst der kretischen Kolonisten, wie Asterion
fo. 1 u. 2. — 5) Gemahl der Amphiktyone,
er Tochter des Phthios, mit welcher er den
’otis, den Eponymos des thessalischen Do-
Astrabakos 658
tion, zeugte (Plierekyd. b. Steph. Byz. v. Acb-
z lov). [Schirmer.]
Asterodeia (’AgzsqoSsicc u. ’Agzsqoö'lcc) , 1)
eine kaukasische Nymphe , frühere Gemahlin
des Aietes, Mutter des Absyrtos (Ap. Bh. 3,
242). Der Schol. z. d. St nennt sie ‘(vielleicht
irrtümlich, s. Vers 244) eine Tochter des Okea-
nos und der Tethys. — 2) Tochter des De'io-
neus, Gemahlin des Phokos, Mutter des Kri-
sos und Panopeus: Schol. II. 2, 520. Tzetz.
Lykophr. 939. Vgl. ib. v. 53 , wo sie Asteria
(s. d.) heifst (s. Asteropeia). — 3) Gemahlin
des Endymion: Paus. 5, 1, 4. — 4) Tochter
des Eurypylos, Enkelin des Telestor, Gemahlin
des Ikarios, Mutter der Penelope: Pherelc. b.
Schol. z. Od. 15, 16- [Roscher.]
Asteropaios (’Aezegonazog), Sohn des Pela-
gon , Enkel des Flufsgottes Axios , Anführer
der Paionier, Bundesgenosse der Troer, von
Achilleus erlegt, 11. 21, 140 — 200; ein tapferer
und starker Krieger, der gröfste Mann unter
den Troern und Achaiern, Philostr. Her. 19, 7;
vgl. Quint. Sm. 3, 609. 4, 155, 587. 6, 552.
Strab. 7 p. 331. fr. 38. 39. Lukian adv. ind.
7. Hygin. f. 112. Iustin, 7, 1. [S. auch C. I.
Gr. 6125. Roscher.] Müller, Prolegg. S. 351.
Bei Cornut. c. 9 ist der Beiname des Zeus
nicht ’Acztgonaiog zu schreiben, sondern ’Aczgcc-
nedog. [Stoll.]
Asterope (’AGxtgonrf), 1) Tochter des Flufs-
gottes Kebren, Gemahlin des Priamiden Aisa-
kos (s. d.), Apollod. 3, 12, 5. — 2) Eine Okea-
nide, von Zeus Mutter des Akragas, Steph. B.
’A-ngäyccv reg. — 3) Gemahlin des Hippalkos
(Hippalkimos), Mutter des vor Troja kämpfen-
den Boioters Peneleos, Hygin. f. 97. — 3) Von
Hyperion Mutter der Kirke, Orph. Arg. 1215.
— 4) Eine der Pleiaden, Tochter des Atlas,
Schol, Pind. Nem. 2 , 16 ; sonst auch Sterope
genannt. Asterope, die Tochter des Atlas, ge-
bar dem Ares den Oinomaos, Hygin. f. 84. 159.
Danach ist f. 250 wohl statt Asterie zu schrei-
ben Asterope [s. jedoch Asteria 8 u. 10 u. vergl.
C. I. Gr. 8487, wo eine Hesperide ’Aazsgong
erscheint. R.] Andere nannten sie Gattin des
Oinomaos, Hygin. P. Astr. 2, 21. — 5) Toch-
ter des Kepheus aus Tegea, welche von Hera-
kles die bekannte Locke der Gorgo erhielt,
Suid. nX’yuov Pogyudog. Apostol. 14, 38. Bei
Apollod. 2, 7, 3 heifst sie Sterope. [Stoll.]
Asteropeia ( ’AazsgoTtsux) , 1) Tochter des
Pelias (s. d.), schlachtet mit ihren Schwestern
den Vater, Paus. 8, 11, 2. Bei Hygin. f. 24 und
Diod. 4, 53 kommt ihr Name nicht vor. — 2)
Tochter des Dei'on, Königs in Phokis, und der
Diomede, Apollod. 1, 9, 4 (s. Asterodeia). [Stoll.]
Astoilunnus (lens, eine jedenfalls keltische
Gottheit auf einer Inschrift aus Saint-Beat,
Ddp. des Basses-Pyrenöes, Orelli 1962: ASTOI-
I VN || NO DEO || C.FABIVS || LASCIVOS ||
V. S. L. M. Vgl. Bev. Archeol. Paris 1859. 8.
[Steuding.]
Astrabakos (’AczgcißccHog), ein spartanischer
Heros, der in Sparta ein Heroon hatte, Sohn
des Irbos. Er und sein Bruder Alopekos,
Nachkommen des Agis im 4. Geschlecht (c. 900
v. Chr.) , fanden das seit lange verloren ge-
gangene, in einem Busche verborgene Bild der
659 Astraia
Artemis Orthia und wurden sofort infolge des
Zornes der Artemis wahnsinnig. Das Bild, in
Sparta aufgestellt, ist dasselbe, an welchem
vor Lykurgos Menschenopfer dargebracht, spä-
ter die spartanischen Knaben bis aufs Blut
gegeifselt wurden , Paus. 3 , 16 , 5. 6. (Wie
Alopekos den Fuchs bedeutet, so Astrabakos
den Esel als Saumtier, von dazQccßg; den Irbos
stellt Gerhard mit hircus (?) zusammen, und in
dem Esel sieht er die Bezeichnung des Phal-
lus, vgl. Sclxwenck, Sinnbilder S. 91.) Er sollte
den König Demaratos nach Angabe von des-
sen Mutter erzeugt haben, Herod. 6, 69. Ger-
hard, Gr. Myth. 1. § 332, 4 (wo Astrabakos
mit dem römischen Hauslar verglichen wird).
Lauer, System d. cjr. Myth. S. 293. Müller,
Dorier 1, 381 ff. Gurtius , Peloponnes 2, 237.
[Stoll.]
Astraia {’Agzqcczcc) , 1) die Sternenjungfrau,
Tochter des Zeus und der Themis oder des
Astraios und der Eos, nach luv. 6, 19f. (vgl.
Hes. Opp. 200) Schwester der Pudicitia. Sie
lebte im goldnen Zeitalter als segensreiche
Göttin Dike unter den Menschen, verliefs
aber, als das eiserne Zeitalter hereingebrochen
war, die von Schlechtigkeit erfüllte Erde und
wurde als Jungfrau unter die Sterne versetzt.
Arat. Phaen. 96. Hygin. Poet. Astr. 2, 25.
Eratosth. 9. Ovid. Met. 1, 149. luven. 6, 19.
Yon Mart. Cap. Sat. 2 p. 42, Grot. sind die
Kamen Themis, Astraia und Erigone identi-
ficiert. — 2) Eine Nymphe , Dienerin der He-
roine Berroia, Nonn Dion. 41, 212f. , vgl. 6,
102. [Stoll.]
Astraios {’AazQcAog) , 1) Sohn des Titanen
Krios und der Eurybia, Bruder des Pallas und
Perses. Er zeugte mit Eos die Winde Argestes,
Zephyros, Boreas und Notos, den Heosphoros
und die Gestirne, Res. Theog. 376 ff. Hygin.
praef. Daher heifsen hei Ovid. Met. 14, 545
die Winde fratres Astraei. Vgl. Apollod. 1,
2, 2. Nonn. Dion. 2, 572. 6, 15ff., wo er zum
Astrologen gemacht ist, Ioann. Antioch. fr. 1.
Schömann Opusc. Ac. 2, p. 110. 232. Braun,
Gr. Götterl. § 206ff. 222. Preller, Gr. Myfhol.
1, 40. 359. — 2) Ein Gigant, Sohn des Tarta-
ros und der Ge, Hygin. praef. — 8) Ein Tro-
janer, von Euryalos getötet, Quint. Sm. 8,
307. — 4) Ein Sohn des' Poseidon, der hei
einem Feste der Athene seiner Schwester Al-
kippe, ohne sie zu kennen, Gewalt anthat und
sich deswegen in den Flufs Aduros' stürzte,
der nun den Namen Astraios erhielt, später
Kaikos genannt wurde, Ps.-Plut. de fluv. 21.
— 5) Sohn des Seilenos, Nonn. Dion. 14, 99.
29, 260. — 6) Ein Indier, Sohn des Brongos,
Nonn. 26, 220. [Stoll.]
Astreus, ein Gefährte desPhineus, bei des Per-
seus Hochzeit getötet, Ovid. Met. 5, 144. [Stoll.]
Astris (’AGzqig), Tochter des Helios : Gemah-
lin des Hydaspes, Mutter des Deriades, Nonn.
Dion. 17, 282. 26, 353 u. öfter. [Roscher.]
Astronoe {’Aczqovog) , phönikische Götter-
mutter bei Damascius vit. Isid. 242, 573. Vgl.
Lobeck, Aglaoph. p. 1277. Neuhäuser, 'Cadmi-
lus- p. 56. [Crusius.]
Astur, Gefährte des Aeneas: Verg. Aen. 10,
Astybies 660
Astyages {’AGzväygg) , Genosse des Phineus,
auf der Hochzeit des Perseus von diesem durch
das Gorgonenhaupt versteinert , Ovid. Met.
5, 200 f. [Stoll.]
Astyagyia (’Aazvuyvux) , Tochter des Hyp-
seus, Gemahlin des Lapithen Periphas, dem
sie acht Söhne gebar, darunter den Antion,
den Vater des Ixion, Diod. 4, 69. [Stoll.]
Astyalos {Aozvalog), ein Trojaner, von Poly-
poites erlegt, LI. 6, 29. Tzetz. Hom. 116. [Stoll.]
Astyanassa (AoxvcivccGGa), Dienerin der He-
lena und des Menelaos, welche die erste oeveu-
GyvvzoyQacpog (Zotenschreiberin) gewesen sein
soll, Suid. s. v. Vgl. Hesych. s. v. Eudokia
p. 81. Idol. Hephaest. 5, p. 317 = Phot. Bibi.
p. 149, 28. [Stoll.J
Astyanax (’Aozvavug) , 1) Sohn des Hektor
und der Andromache (s. d.), vom Vater Skaman-
drios genannt, vom Volke aber Astyanax, weil
Hektor allein Ilion schirmte, II. 6 , 400 ff.
Vergl. Tzetz. Hom. 129. Plot. Cratyl. p. 392.
[ C . I. Gr. 7690]. Tzetz. Hom. 319 giebt ihm
einen Bruder Laodamas , und zu Lykophr.
1226 einen Bruder Sapernios. Astyanax auf
Darstellungen von Hektors Abschied bei Over-
beck, Gal. heroischer Bildiv. 1. S. 404. Die
Ahnung der Mutter (11. 24, 734) g zig ’A%<xia)v
Qixpsi ytigbc; sh ov anb nvQyov lassen die fol-
genden Dichter sich erfüllen. In der Iliu-
persis des Arktinos wird Astyanax nach der
Eroberung von Troja auf Beschlufs der
Achäer, welchen Odysseus durch den bekann-
ten Vers: vgmog og tzccxsqu y.x eivag naiöag
■ucezcdsinei {Giern. Alex. Strom. 6, p. 747) zu
Wege gebracht, von der Mauer hinabgeworfen
und getötet. Vgl. Eurip. Troad. 716. Quint.
Sm. 13, 251 ff. S. Welcher, Ep. Cykl. 2 S. 185 ff.
528. Vielleicht stürzte ihn auch Odysseus selbst
von der Mauer, wie bei Tryphiod. 644. Wel-
cher, kl. Schriften 1, S. 357 ff. Bei Leschts in
der Kleinen Ilias stürzte ihn Neoptolemos auf
eigenen Antrieb von dem Turm, s. die Verse
bei Tzetz. Lyk. 1263. Paus. 10, 25, 4. Welcher,
Ep. Cykl. 2, S. 247 f. Damit stimmen die er-
haltenen Vasenbilder überein {Overbeck, Gal. 1,
S. 617. 621 ff. Hcydemann, Iliupersis S. 13 ff.;
vgl. Müller, Handb. d. Arcli. § 415 ; vgl. C. I. Gr.
8142), doch so, dafs Astyanax nicht vom Turme
geschleudert, sondern gegen den auf den Altar
des Zeus Herkeios geflüchteten Priamos und
gegen diesen Altar selbst geschlagen wird.
Die Tötung des Astyanax bei Eroberung der
Stadt erwähnt auch Stesichoros {fr. 20 Bergk)
in seiner Iliupersis {Schol. Eur. Androm. 10).
Vgl. Eurip. Androm. 10. Ovid. Met. 13, 415
Hygin. f. 109. Da später am Ida herrschende
troische Geschlechter sich von Hektor ablei
teten , so nahm eine jüngere Sage an , daf
Astyanax bei dem Falle Trojas am Leben ge-
blieben und der Gründer eines neuen Troja
und anderer Städte geworden sei, Schol. II. 24
735. Vgl. Strab. 13, p. 607. Steph, Byz. v
Aauavia. [Inbetreff des '‘Astyanax’ des Acciu;
s. Bibbeclc , röm. Tr. 412.] — 2) Sohn des
Herakles von der Thespiade Epilais , Apollod
2, 7, 8. [Stoll.] j
Astybi.es {’Aazvßigg), Sohn des Herakles und dei
Thespiade Klaametis (?), Apollod. 2, 7, 8. [Stoll.
io
20
30
40
50
60
661 Astydamas
Astydamas (’AazvSdfias), auf einem die Er-
legung des Minotauros darstellenden Vasen-
bilde: C. I. Gr. 7719. [Roscher.]
Astydameia (fAarvödcytia), 1) Tochter des
Doloperkönigs Amyntor, welche von Herakles
den Tlepolemos gebar , Find. Ol. 7 , 24 (42)
und Schol. zu V. 36. 40. 42. Ilesiod. fr. 90
Lehrs. Abweichend davon nennt Horn. II. 2,
658 die Mutter des Heraklessohnes Tlepolemos
Astyocheia (Astyoehe), und damit stimmt Hy-
gin. f. 97 u. 162 überein. Bei Apollod. 2, 7, 8
ist Astyoehe, Tochter des Phylas, von Hera-
kles Mutter des Tlepolemos, dagegen Astyda-
meia, die Tochter des Amyntor, von Herakles
Mutter des Etesippos. Auch Diod. 4, 37 nennt
die Mutter des Etesippos Astydameia, Tochter
des Eönigs Ormenios. S. Muncker zu Hygin.
f. 162. S. Astygeneia. — 2) Gemahlin des
Akastos, Apollod. 3, 13, 3. 7. Hesych. ’Aazv-
ddysicc. S. Akastos und Peleus. Suid.v.’Aza-
hxvzg nennt sie fälschlich Atalante. — 8)
Tochter des Strophios und der Eydragora,
einer Schwester des Agamemnon, die Schwe-
ster des Pylades, Schol. Eurip. Orest. 33.
— 4) Tochter des Pelops, Gemahlin des Al-
kaios, Mutter des Amphitryon (s. d.), Apol-
lod. 2, 4, 5. Schol. II. 19, 116 heifst sie
fälschlich Tochter des Peleus. Nach Schol.
Thule. 1, 9 war Astydameia, des Pelops Toch-
ter, mit Sthenelos vermählt, dem Vater des
Eurystheus. — 5) Tochter des Phorbas , Ge-
mahlin des Eaukon (nach Ad. V. H. 1 , 24
Glaukon), Mutter desLepreos, Athen. 10 p. 412 a.
Aelian a. a. 0. [Stoll.]
Astygeneia (’Aazvyivsicc), Tochter des Phy-
las, Mutter des Tlepolemos nach Pherekydes
b. Schol. Find. Ol. 7, 42. — Vgl. Astydameia
und Astyoehe. [Roscher.]
Astygites QA<szvyizr\f), Sohn des Argaios von
Melite in Phthia. Er tötete den Tartaros, den
Tyrannen von Melite , als dieser seine Schwe-
ster Aspalis (s. d.) verführen wollte: Nilcan-
dros b. Anton. Lib. 13. [Roscher.]
Astygonos (’Aazvyovos) , ein Sohn des Pria-
mos: Apollod. 3, 12, 5. [Roscher.]
Astykrateia ( ’Aozvxquzeux ), 1) Eine Tochter
der Niobe und des Amphion, von Artemis ge-
tötet, Apollod. 3, 5, 6. Schol. Eur. Phoen. 159.
Hygin. f. 11. 69. Stark, Niobe 96. — 2) Toch-
ter des Po'lyeidos aus dem Geschlechte des
Melampus. Ihr und ihrer Schwester Manto
Grab zeigte man zu Megara, Paus. 1, 43, 5.
— 8) Tochter des Aiolos und der Telepora,
Apostol. 1, 83. [Stoll.]
Astylos ( ?’'Agzv1os ), Name eines Eentauren
b. Ov. Met. 12, 308, wo jetzt nach Roscher in
Fleckeisens Jahrbb. 1872 S. 428 Asbolos (s. d.)
gelesen wird. [Roscher.]
Astymedusa (’Aozvyidovoa) , Tochter des
Sthenelos, welche Oidipus nach dem Tode der
Iokaste oder seiner zweiten Frau Euryganeia
heiratete. Sie verleumdete ihre Stiefsöhne
Eteokles und Polyneikes bei dem Vater', dafs
sie ihr nachstellten, weshalb Oidipus den Fluch
gegen seine Söhne aussprach, Schol. II. 4, 376.
! Eustath. p. 369, 40. Schol. Eurip. Phoeniss. 53.
Schncidewin, die Sage vom Oidipus (Gotting,
i 1852), S. 8f. [Stoll.]
Astyoelios 662
Astynome (’Aozvvöyrj), 1) Tochter des Ta-
laos, Schwester des Adrastos, Gemahlin des
Hipponoos, dem sie den Eapaneus gebar, Hy-
gin. f. 70. — 2) Tochter des Chryses , daher
Chryseis (s. d.) genannt, Schol. II. 1, 392. He-
sych. s. v. Tzetz. Lyk. 298. Tzetz. Antchom.
349 ff., wo sie Astynomeia heifst und ihr so wie
der Briseis Aussehen beschrieben wird. Nach
Tzetz. Lylc. 183 zeugte Agamemnon mit ihr
den Chryses und’ die Iphigeneia. — 3) Eine
Jungfrau aus Lakereia,von Aphraios,dem Sohne
des Eronos, Mutter der Aphrodite, Cliron. Pa-
scha! e p. 66 (Bonn). Georg. Kedren. Clironogr.
p. 28 Bonn. — 4) Eine Aitolerin, von Ares
Mutter des Ealydon, Ps.-Plut. de fluv. 22, 4.
— 5) Tochter des Amphion und der Niobe,
Hygin. f. 69. Stark, Niobe 96. [Stoll.]
Astynomeia (’Aozvv^yEia) heifst eine Diene-
rin der Harmonia, Nonn. 41, 291. [Stoll.]
Astynomos ( ’Aczvvogoq ), Sohn des Priamos,
von Achilleus getötet, Hygin. f. 90. 113. [Stoll.]
Astynoos (' ’Aazvvoog ), 1) Sohn des Phaethon,
Vater des Sandakos, Apollod. 3, 14, 3. — 2)
Ein Troer, von Diomedes getötet, II. 5, 144.
Tzetz. Hom. 65. — 3) Troer, Sohn des Pro-
tiaon, von Neoptolemos getötet, II, 15, 455.
Paus. 10, 26, 1 . Vgl. Schol, II. 13, 643. [Stoll.]
Astyoehe ( ’Aczvoxy ), 1) Tochter des Phylas,
Eönigs von Ephyra, mit welcher Herakles nach
Eroberung der Stadt den Tlepolemos zeugte,
Apollod. 2, 7, 6. 8. Hom. II. 2, 653 ff. Hygin. f.
97. 162. Nach Schol. Find. Ol. 7, 42 wäre als
Vater dieser Astyoehe nicht Phylas zu denken,
sondern der II. 2, 513 genannte Aktor, siehe
No. 5. Vgl. Astydameia u. Astygeneia. Mül-
ler, Dorier 1. S. 420. — 2) Tochter des Si-
moeis , von Erichthonios Mutter des Tros,
Apollod. 3, 12, 2. Tzetz. Lyk. 29. — 3) Toch-
ter der Niobe und des Amphion , von Ar-
temis erlegt, Apollod. 3, 5, 6. Stark, Niobe
96. — 4) Tochter des Laomedon und der
Strymo, Skamandros’ Tochter, oder der Pla-
kia , oder der Leukippe ( Apollod . 3, 12, 3),
Schwester des Podarkes (Priamos). Nach spä-
teren Sagen bei Eustath. Hom. p. 1697, 32.
Quint. Sm. 6, 136 u. Diktys 2, 5, der sie aber
für eine Tochter des Priamos hält, heiratete
sie den' Telephos und ward Mutter des Eury-
pylos. Diesen schickte sie ihrem Bruder Pria-
mos zu Hilfe, von ihm bestochen durch einen
goldenen Weinstock, welchen Zeus dem Lao-
medon zum Entgelt für dessen Sohn Ganyme-
des gegeben. Lesches in der Kleinen Ilias,
Schol. luven. 6 , 655. Welcher, Ep. Cykl, 2.
S. 241. Nach Tzetz. Lyk. 921 (vgl. 1075) kam
sie mit ihren Schwestern Aithylla und Mede-
sikaste und andern von den Griechen erbeu-
teten Troerinnen nach Italien, wo sie, um der
Enechtschaft zu entfliehen, die griechischen
Schiffe verbrannte, wovon der Flufs Nauaithos
seinen Namen erhielt. — 5) Tochter des Ak-
tor, von Ares Mutter des Askalaphos und Ial-
menos, Hom, II. 2, 512. Paus. 9, 37, 3. — 6)
Nach Hygin. f. 117 Schwester Agamemnons,
Gemahlin des Strophios. [Stoll. ]
Astyocheia (’Aczvoxstcc) , poetische Neben-
form für Astyoehe (s. d.) II. 2, 658. [Stoll.]
Astyoelios ( ’Agzvoxos ), 1) Sohn des Aiolos,
io
20
30
40
50
60
663 Astypalaia
Herrscher über Lipara, Diod. 5, 8. [Stoll.] —
[2) Begleiter des Theseus im Amazonenkampfe
auf einer Vase: C. I. Gr. vol. 4 p. 18. R..]
Astypalaia (’Aazvndlaia^Aozvnalcda.), Toch-
ter des Phoinix und der Perimede, Schwester
der Europa, von Poseidon Mutter des Argo-
nauten Ankaios, Königs von Samos (Paus. 7, 4,
2. Ap. Eh. 2, 866. Tzetz. Lyk. 488), und des
Eurypylos, Königs von Kos, Apollod. 2, 7, 1 lind
des Periklymenos , Hygin, f. 157. Bei Schol.
Pur. Phoen. 5 ist Astypale Tochter des Phoi-
nix und der Telephe, der Tochter der Epime-
dusa, Schwester des Peiros, der Europeia und
Phoinike. Nach ihr wurde die Insel Astypa-
laia im Aigaiischen Meere benannt, Steph. Byz.
Astypale s. Astypalaia. [s. v. [Stoll.]
Astypylos (’Aazvnvlos), ein Troer, von Achil-
leus getötet, II. 21, 209. [Stoll.]
Asylaios ( ’AovlaZos frsog), der Schutzgott der
Freistätte, welche Romulus und Remus im neu-
erbauten Rom errichteten (Plut. Pom. 9). Ge-
meint ist Vejovis (s. d.). Ygl. Preller , E. M.3
1 , 264. 2, 350. [Roscher.]
Atabyrios (’AzaßvQio g), 1) Beiname des
Zeus, der auf dem Berge Ätabyris (Atabyrion,
Atabyron) in Rhodos einen von dem Kreter
Althaimenes gegründeten (ursprünglich phöni-
kischen) Tempel hatte. Dort befanden sich
eherne Rinder, welche brüllten, wenn sich
etwas Aufserordentliches ereignen sollte. S.
Althaimenes. Find. Ol. 7, 87 (160) u. Schol.
Diod. 5,59. Apollod. 3,2, 1. Strah. 14, p. 655.
Steph. Pyz. v. Azccßvgov. Cyrill, g. lulian. 3.
p. 88 C. Tzetz. Cliil. 4, 390. S. Heffter, Got-
tesdienste auf Bhodos 3. S. 16 ff. 81. Preller,
Gr. Myth. 1. S. 108. 2. S. 128. Hock, Kreta
2. S. 364f. Hofs, Gr. Inselr. 3. S. 105ff. Mo-
vers, Pliönikier 1. S. 26. 2, 2. S. 246 ff. Inschrif-
ten b. Keil, Pliilologus Suppl. 2. S. 612 ff. Über
die At-og ’AzaßvQLaazcd vgl. Laders , de collegiis
(Bonn 1869) p. 20. Von Rhodos war der Dienst
des Zeus Atabyrios durch Kolonieen nach Agri-
gent gekommen, Pind. u. Schol. a. a. 0. Polyb.
9, 27, 7. — 2) Ein Teichine, nach dem der
oben angeführte Berg benannt war, Steph. B.
v. ’AzäßvQov. [Stoll.]
Ataecina oder Adaegina, keltischer Name
der Proserpina Turibrigensis. Letztere Form
findet sich auf einer Inschrift aus Metellinum
(Medellin) C. I. L. 2, 605: DOMINA TU-
EIBBIGENSIS ADAEGINa, erstere auf
zwei Inschriften aus der Gegend von Augusta
Emerita (Merida) C. I. L. 2, 461 u. 462: Dea
Ataecina Turibrig(ensis) Proserpina per tuarn
majestatem te rogo, oro, obsecro , uti vindices
quot mihi furti factum est; quisquis mihi imu-
davit inviolavit rninusve fecit etc. Vgl. auch
C. I. L. 2, 71. 461. 143 — 145. Adaegina hängt
jedenfalls mit dem aus Cod. Mediol. p. 21c
von Zeufs, Gramm. Celt. p. 253 a angeführten
und aidche (= nox ) gleichgesetzten adaig zu-
sammen, so dafs sie als Göttin der Nacht sehr
wohl mit Proserpina identific-iert werden konnte,
was dann auch ihre Anrufung zur Bestrafung
eines Diebes erklärt. Demnach wäre Ataecina
die verderbte Form, wie ja in derselben In-
schrift auch quod in quot und immutavit in
imudavit verwandelt ist. [Steuding.]
Atalante 664
Atalante (’Axuhxvzri), 1) Die arkadische Ar-
temis in Gestalt einer Bergnymphe. Die Ver-
schiedenheit in der Benennung der zu ihr ge-
hörigen Personen ist kein Grund, mit den
Scholl, z. Euripides , Tlieokrit , Apollonios und
Izetzes an den unten folgenden Stellen zwei
verschiedene Wesen anzunehmen (vgl. Spanh.
z. Callim. p. 275 ff. Heyne z. Apd. 1, 8, 2.
Welcher, Gr. Trag. 3, 1219). Eine symbolische
Gestalt wie Atalante konnte leicht an diese
oder jene heroische Genealogie angekniipft
werden. Entscheidend ist aufser der Verwandt-
schaft der arkadischen und der sogenannten
boiotisclien Atalante mit den Minyern (vergl.
Müller, Orchom. 209) die Übereinstimmung in
den Eigenschaften. Diese sind: strahlende
Schönheit , gepaart mit kalter Sprödigkeit,
Kühnheit und Gewandtheit einer vollendeten
Jägerin, die sich ebenso durch Sicherheit im
Schiefsen wie durch Schnelligkeit des Laufes
auszeichnet (vgl. Gr ote- Fischer , Gr. Myth. u.
Antiquit. 1, 137). Als eine Person betrachtet
daher die Jägerin und Läuferin Atalante (im
Gegensatz zu Schol. Theolcr. 3, 40, wo eine
Togdrig und eine dnouaia unterschieden wird,)
mit Recht Apd. 3, 9, 2. Sie war nach der
einen Tradition eine Tochter des Iasos (Apd.
a. a. 0. Schol, Eur. Phoen. 150) oder Iasios
(Theogn. 1288. Arist. Pepl. 44 B. Callim.
Dian. 216. Prop. 1, 1, 10. Hyg. f. 70 u.
99. Myth, Vat. 1, 146. 174) oder Iasion (Ael.
V. H. 13 , 1) , eines Sohnes des Lykurgos
von Tegea und Nachkommen des Arkas, und
der Klymene, der Tochter des Minyas (Apol-
lod. a. a. 0.). Eurip. b. Apollod. a. a. 0. u.
Phoen. 1156 nennt sie in Rücksicht auf ihren
Lieblingsaufenthalt (vergl. Schol. Eur. Phoen.
1156. Ap. Eh, 1, 770. Callim. Dian. 224) poe-
tisch eine Tochter des Mainalos, der nach
Schol. Ap. Bh. 1, 162 ein Sohn des Lykaon,
nach Hellan. h. Schol. Ap. Bh. 1, 769 ein Sohn
des Arkas war. Nach der durch das hesiodische
Epos verbreiteten (boiotischen) Tradition war
Atalante die Tochter des Schoineus, eines Soh-
nes des Athamas (Apollod. a. a. 0. u. 1, 8, 2.
1, 9, 16. Diod. 4, 34, 4. Schol. Eurip. Phoen.
150 u. Theolcr. 3, 40. Ov. Tr. 2, 399. Hyg. f.
173. 185), der nach Paus. 8, 35, 10 aus Boio-
tien, wo an dem in den liylischen See mün-
denden Flüfschen Sclioinus ein Fleckchen Schoi-
nos lag (vgl. Strab. 9, p. 408. Eust. Hom.
p. 265, 20. Nonn. Dion. 13, 63. Stat. Theb.
7, 267) , nach Arkadien wanderte und dem in
der Nähe von Methydrion, wo die Rennbahn
der Atalante gezeigt wurde, gelegenen Schoi-
nus den Namen gab. Wahrscheinlich aber
war das boiotische Schoinos wie das arka-
dische Schoinus nach dem Binsenreichtum der
Umgegend benannt (Steph, Byz. v. 2%oi.vovs),
und die aus den Beziehungen der Minyer zu
dem Peloponnes sich erklärende Annahme eines
gemeinsamen Eponymos ist eine spätere mytho-
logische Fiktion. Dieselbe hat ohne Zweifel
zu einer doppelten Lokalisierung und verschie-
denartigen Gestaltung unserer Sage Veranlas-
sung gegeben. Die Heimat der Atalante war
nach Ov. Met. 8, 316 Tegea (vgl. Pacuv. v. 56f.
u. 75 Bibb.), nach Met. 8, 425 u. A. A. 2, 185
io
20
30
40
50
60
665
Atalante
Atalante
666
Nonakris, bei Schal. Ap. Bh. 1, 769 ist Ata-
lante eine Argiverin, bei Sero. Verg. Aen. 3,
113 ii. Ecl. 6, 61 stammt sie aus Skiros (Schoi-
nos?). Nach Callim. Dian. 221 ff., Apd. u. Ael.
a. .a. 0. wurde sie von ihrem Yater, welcher
männliche Nachkommenschaft gewünscht hatte,
bei ihrer Geburt an einer Quelle am Eingänge
einer Grotte auf dem Parthenischen Gebirge
ausgesetzt; hier ernährte sie eine ihrer Jungen
beraubte Bärin, das Symbol der arkadischen
Artemis, bis Jäger sie fanden und aufzogen.
Zur Jungfrau herangewachsen, floh sie die Ge-
sellschaft der Männer und hielt sich in einer
Einöde auf dem Mainalos (nach Ov. Met. 8,
316 auf dem Lykaios) auf, grofs, stark, sclmell-
füfsig und von strahlender Schönheit, hierin
sowie in ihrem Entschlüsse, Jungfrau zu blei-
ben, der Artemis vergleichbar (vgl. Eurip. fr.
528 v. 31 D. u. fr. 514; KvnqiSog georgict), deren
Genossin sie von Eurip. PJioen. 151 u. Callim.
Dian. 215 genannt wird (vgl. Xen. Ven. 13,
18. Myth. Vat. 1, 174. 2, 144). Zwei trun-
kene Kentauren, Rhoikos und Hylaios, welche
ihre Schönheit anlockte , schofs sie nieder.
Zahlreiche Notizen berichten über ihre her-
vorragende Teilnahme an der kalydonischen
Jagd. Da sie den Eber zuerst in den Rücken
geschossen hatte, erhielt sie von dem in Liebe
zu ihr entbrannten Meleagros die Haut und
den Kopf des Ungeheuers als Siegespreis (Apd.
1, 8, 2. 3, 9, 2. Paus. 8, 45, 2. Callim. I. I.
218ff. Schol. Eurip. Phoen. 151. Tzetz. Lylcophr.
492. Ov. Met. 8, 379ff. Hyg. f. 173 u. 174.
Myth. Vat. 1 , 146. 2 , 144. Ygl. Eurip. fr.
514 D. Attius fr. v. 446 f. Bihb. Quintil. 1.
0. 5 , 9 , 12). Deshalb lauerten ihr nach
Diod. 4, 34, 4 bei ihrer Rückkehr nach
Arkadien ihre Gegner auf. Nach Apollod. 1,
9, 16 u. Diod. 4, 4. 41, 2. 48, 5. nahm
sie auch am Argonautenzuge teil , auf wel-
chem sie verwundet und von Medeia geheilt
wurde. Nach Ap. Bh. 1, 769flf. u. Schol.
i wollte sie sich dem Zuge anschliefsen, wurde
aber von Iason selbst , den sie einst auf dem
, Mainalos getroffen und mit einem Speere be-
: schenkt hatte, zurückgehalten, weil er arge
Konflikte zwischen der spröden Jungfrau und
den sie in Liebe begehrenden Helden befiirch-
! tete. Bei den Leichenspielen, welche Akastos
seinem Vater Pelias zu Ehren veranstaltete,
bestand Atalante mit Peleus den Ringkampf
(Apd. 3, 9, 2 u. 13, 3. In der Aufzählung der
auf der Kypseloslade dargestellten Kämpfer
bei Paus. 5, 17, 9 ist sie nicht mit genannt).
Obwohl sie 'zärtliche Liebhaber kalt zurück-
wies (Theogn. 1287 ff), folgte Meilanion (Mela-
nion), nach Hellan. b. Schol. Eur. Phoen. 150
Sohn des Amphidamas, unablässig der Flüch-
tigen durch die Schluchten des Parthenios und
die Wälder des Mainalos, wo wilde Tiere
hausten , liefs sich für sie von Hylaios ver-
wunden und klagte oft laut über sein vergeb-
liches Bemühen (Prop. 1, 1, 9. Ov. Am. 3, 2,
29f. A. A. 2, 185 ff". Vgl. Aristoph. Lys. 786
u. Schol.) , bis Atalante , von der erzürnten
Aphrodite mit Liebe erfüllt, unterlag (Mus.
154ff). Die Frucht dieser Liebe war Parthe-
nopaios (Paus. 3, 12, 9. Eurip. Phoen. 150),
der auch Sohn des Ares (Apd. 3, 9, 2. Sero.
Verg. Aen. 6, 480) oder des Meleagros (Hyg.
f. 70 u. 270. Myth. Vat. 1, 174) oder des Ta-
laos (Apd. 1, 9, 13. Paus. 2, 20, 5. 9, 18, 6.
Schol. Eurip. Phoen. 150) genannt wird. Er
erhielt nach Hyg. f. 99 jenen Namen deshalb,
weil er auf dem Parthenischen Gebirge von
seiner den Schein der Jungfräulichkeit wah-
renden Mutter ausgesetzt worden war. (Vgl.
io Myth. Vat. a. a. 0). Neben dieser nach dem
Vorgänge des Theognis von den Lyrikern mit
Vorliebe behandelten Form des Mythus steht
jene andre Tradition, nach welcher Atalante
die Tochter des Schoineus und ihr Geliebter
gewöhnlich Hippomenes statt Meilanion ge-
nannt wird. Sie macht aus Atalante eine He-
roine von noch rauherem Charakter, die ihre
Bewerber zu gefahrvollem Wettkampfe heraus-
fordert (Hes. b. Apd. 3, 9, 2. Schol. II. 2, 764.
20 Eust. Horn. p. 1324, 17). Apd. a. a. 0. wird über
den Hergang Folgendes erzählt : Als Atalante
ihre Eltern gefunden hat, wünscht ihr Vater,
dafs sie sich verheirate. Sie fügt sich unter
der Bedingung, dafs ihre Freier einen Wett-
lauf in Waffen mit ihr wagen, bei welchem
dem Sieger ihre Hand , dem Besiegten der
Tod als Preis gesetzt sein soll. Als bereits
mehrere Jünglinge (nach Myth. Vat. 1, 39 drei)
gefallen sind , betritt Meilanion die Laufbahn
so und siegt , indem er goldene Äpfel , ein Ge-
schenk der Aphrodite, fallen läfst, welche auf-
zuheben die Jungfrau sich nicht enthalten
kann. Da er aber einst auf der Jagd im hei-
ligen Bezirk des Zeus sich mit Atalante der
Liebe hingab, wurden beide in Löwen verwan-
delt (vgl. Palaeph. 14). Das Wiederfinden der
Eltern und der Wettlauf dieser männlich ge-
arteten virago (Schol. Ver. Verg. Aen. 12, 468.
Plin. N. H. 35, 17), die auch Ov. Tr. 2, 399
40 unter den Beispielen der Liebe in der Tragö-
die genannt wird, war jedenfalls der Gegen-
stand der Atalante des Pacuvius (vgl. Bibbeck,
trag. rom. fr. p. 82 ff. vom. Tr. 310). Ihren Inhalt
dürfen wir wohl aus Ov. Met. 10, 560 ff. u.
Hyg. f. 185 entnehmen. Nach Ovid verbot das
Orakel mit Hindeutung auf die spätere Ver-
wandlung Atalante die Ehe; deshalb schrieb sie
den Freiern die harte Bedingung des Wett-
kampfes vor. Ihn wagte wie bei Hesiod (Eust.
50 a. a. 0.) Hippomenes (Hippomedon b. Schol. Ap.
Bh. 1, 769), des Megareus Sohn, ein Urenkel
des Poseidon, aus dem boiotischen Onchestos,
der als Zuschauer des W ettlaufes nicht schwankte
zwischen der Macht weiblicher Reize und der
Todesgefahr, welcher vor seinen Augen bereits
mehrere erlegen waren. Aber auch in Ata-
lante erwacht die Liebe (vgl. Theokr. 3, 42);
sie möchte den Jüngling zurückhalten, doch
ihr Vater und das Volk drängen sie in die
60 Bahn. Hippomenes siegt in der von Apd. er-
zählten Weise mit Hilfe der Äpfel vom gold-
nen Baume des der Aphrodite heiligen Hai-
nes im tamasischen Gefilde der Insel Kypros
(nach Schol. Theokr. 3, 40. Serv. Verg. Aen.
3, 113 u. Ed. 6, 61. Myth. Vat. 1, 39
aus dem Garten der Hesperiden, nach Philet.
b. Schol. Theokr. 2, 120 aus dem Kranze des
Dionysos). Aber im Taumel des Glücks ver-
667 Atalante (in d. Kunst)
gifst er, der Aphrodite zu danken, und diese
reizt ihn daher, als er auf dem Wege nach
der boiotischen Heimat mit Atalante in einer
heiligen Grotte bei einem Kybeletempel aus-
rubt, zum Verlangen. Zur Strafe für die Ent-
weihung des Orts verwandelt Kybele beide in
Löwen , denen die Begattung versagt ist (vgl.
Serv. Verg. Aen. 3, 113. Myth. Vat. a. a. 0.).
Hiermit stimmt Hyg. f. 185 im wesentlichen
überein; aber er übergeht die Motivierung der
Ehelosigkeit durch das Orakel und läfst Ata-
lante selbst die eingeholten Freier mit dem
Speere durchbohren. Hippomenes ist bei ihm
Sohn des Megareus und der Merope. Die Ver-
wandlung verhängt Zeus, nachdem sein Heilig-
tum auf dem Parnassos von den Liebenden
entweiht worden ist (vgl. Theokr. 3, 3 9 ff. Xen.
Ven. 1, 7. Heraklid. de incred. 12, p. 315 u.
JLiban. 13, p. 364. Westerm. Nonn. Dion. 12,
87 ff. l'zetz. Chil. 453). Der Name ’Azuhxvxg,
dem die Wurzel xcd zu Grunde liegt ( Gurtius ,
Grundzüge 220), bedeutet entweder (St. zcclavz.
mit cc coniunct .) die Ausharrende, Unermüd-
liche, in Bezug auf die unverwüstliche Kör-
perkraft (so nennt Find. Pyth. 9, 32 Kyrene
eine gox&ov ‘mxd'vnsgd's vsccvcg gzog i'xoiacc),
oder (direkt von dem Adj. dxdlccvzog) die,
welche es andern gleichthut, sie aufwiegt, mit
Rücksicht auf ihre Wettkämpfe mit Männern
(Nonn. Dion. 35, 82 dcvziccvsigu ’A. Vgl. Prel-
ler, Gr. Myth. 2, 306. Pott in K. Z. 7, 259).
Die Wandlung in ihrem mythologischen Cha-
rakter von einer der attischen ’Agzs gig aygo-
zsqk zu vergleichenden Gottheit zu einer Nymphe
im Gefolge der Artemis erklärt sich wohl aus
der in der späteren Sagendichtung auftreten-
den Scheu vor dem streng jungfräulichen Cha-
rakter jener Göttin. Ebenso wurde ’Agzsgi.g
Kczllioxg zur Nymphe Kallisto und die Licht-
gottheit Auge zu einer Priesterin der AQ-gvg ’ Alice.
In Arkadien wurde das Grab der Atalante (inst.
Pepl. 44 (48) B. ) und in Lakonien bei den Trüm-
mern von Kyphanta eine Quelle gezeigt, welche
sie, auf der Jagd vom Durst geplagt, mit dem
Spiefse herausgeschlagen haben sollte (Paus.
3, 24, 2). Bildwerke. Auf der Kypseloslade
war Atalante neben Meilanion, ein Hirschkalb,
das Symbol der Jägerin, haltend, dargestellt
(Paus. 5, 19, 2); die benachbarten Bilder deuten
auf einen Wettkampf, von welchem Pausanias
jedoch nichts erwähnt. Auch in der Darstellung
er kalydonischen Jagd von Skopas im vorderen
Giebelfelde der Athene zu Tegea (Paus. 8, 45,
6) und auf dem von Philostr. iun. imag. 15 be-
schriebenen Bilde war Atalante zu sehen. Er-
haltene bildliche Darstellungen der Atalante,
auf die kalydonische Jagd bezüglich , auf der
Franfoisvase , dem Friese des Heinon von
Gjölbaschi (in Wien) , der Spiegelzeichnung
bei Müller- Wieseler, Denkm. 1, Taf. 61 n. 307,
dem Sarkophagrelief b. Mittin, Gal. myth. pl.
103. No. 411, der Mosaikdarstellung b. Millin
a. a. 0. pl. 196. No. 413*, ferner auf der Darstel-
lung vom Tode des Meleagros b. Millin a. a. 0.
pl. 104. No. 415, der Mosaikdarstellung b. Zoega,
Basrel. v. Pom T. 46, den Vasenbildern b. Ger-
hard, A. V. T. 237 (C. I. Gr. 7382), Annali dell'
Inst. 1868 Tav. cVagg. L. M. p. 320 ff. Körte,
Ate 668
Personif. der Affekte 1874, p. 56 ff, dem Terra-
kottarelief b. 0. Jahn, Per. d. Sächs. Ges. 1848,
2, p. 123 ff. (vgl. Stephani, compte-rendu 1867,
p. 60 ff.). Auf den liingkampf mit Peleus be-
ziehen sich die Darstellungen bei Gerhard
a. a. 0. T. 177 u. etrusk. Sp. T. 224. (vgl.
Stephani a. a. 0. 1867, p. 24). — 2) Nach Ni-
col, Dam. fr. 56 (ed. Mütter) u. Suid. v. ’Azu-
luvxg das Weib des Akastos. Sie soll durch
die Verleumdung des ihre Liebe verschmähen-
den Peleus bei ihrem Gatten diesen zum Kampfe
mit jenem veranlafst haben, in welchem Peleus
siegte , Iolkos eroberte und Atalante tötete.
Es liegt hier wohl eine Verwechselung der
bei den Leichenspielen, welche Akastos veran-
staltete, anwesenden und mit Peleus ringen-
den Atalante mit Astydameia oder Hippolyte
vor (s. d.). [Schirmer.] ^
Atarpo (’Axagnco = Atropos?); Bezeichnung
einer Moira (Schol. Od. g 179. Cram. aneed.
1, 60, 27). Bergk bezieht den Namen auf cczceg-
nog in der Bedeutung ' Parcae filum\ die er
annimmt bei Alcm. fr. 81: Itnzd ö’ azeegnog,
vglsgg d’ avccyna. [Crusius.]
Atargatis s. Astarte.
Ate, "Arg, gg, f. (äzg, cevaxa, dazu; vgl. G. Gur-
tius, Grundzüge 5 386. 569), die Verblendung,
welche ihre Strafe, das Unheil selbst herbei-
führt, im letzten Grunde Theoblabie, vergl.
Apate. Kräftig und hurtig, Schaden stiftend;
die Abbitten (Aizaz) hinken hinterher und ma-
chen ihn wieder gut; wenn sich ihnen jemand
weigert, so bitten sie Zeus, dafs ihn Ate ver-
folge, bis er geschädigt büfse, II. 9, 503—512.
'Ich bin nicht schuld, sagt Agamemnon, son-
dern Zeus’ Moira und Erinnys, die mich mit
Blindheit schlugen , am Tage , da ich Achill
kränkte — Zeus’ Tochter, die alle schlägt
(dazai) , zarten Fufses , nicht auf dem Boden,
auf den Häuptern der Menschen schreitet sie ;
auch Zeus ward einst so geschlagen bei der
Geburt des Herakles, so dafs Hera ihn über-
listete; zornig ergriff da Zeus die Ate am
Kopf, schwur, nie solle sie zum Olymp keh-
ren, und schleuderte sie hinab unter die Men-
schen — - da nun auch mich Zeus so geschla-
gen hat, so will ich es gut machen und Bufse
zahlen’, II. 19, 85 — 138; vgl. Niese, Entwicke-
lung d. hom. Poesie 64f. Plural Ilias 10, 391.
Alles fernere in der Literatur ist aus Homer
abgeleitet, auch der Bühnengebrauch der Ate
als ein Inbegriff des Tragischen nach allen
Seiten, der unschuldigen Schuld, der Verblen-
dung, der Schuld vom Gott verhängt zur Her-
beiführung der Sühne besonders für Hybris,
des sühnenden Unglücks selbst, des Unheils
überhaupt. Zwischen abstraktem uud persön-
lichem Gebrauch ist hier so wenig eine scharfe
Grenze zu ziehen , wie im Griechischen all-
gemein; vgl. Lehrs Aufsätze2 78f. (Versuche hei
Lelirs 419 ff. Körte, Personifikationen 8 ff.), da-
her die Lexika zu vergleichen sind. Ausge-
hoben sei lies. Th. 230: Ate und Dysnomie,
nächstverwandt, Töchter der Eris). Archiloch.
Frg. 73 Bglc. Solon 13, 75. Find. Pyth. 2,
28. 3, 24. Aesch. Ag. 1434. 770. Cho. 86. 383.
Sept. 686. 935. Soph, frg. Ter. 9. Phianus b.
Stob. Flor. 4, 34. Pany. b. Ath. 36 d. Apoll.
io
20
30
40
50
60
669 Ateleta
Rh. 3, 306. 4, 817. Kallim. b. Ilerocl. 42, 28.
Qurnt. Sm. 4, 201. 1, 753. Arist. 1, 15. Ddf.
Nonnus 11, 113. Kaibel, Epigr. No. 1033, 22.
Procop. bell. Vandal. p. 407 Bonn. Zweifelh.
V.-B. a. Ruvo, Ar dt. Ztg. 1872, 67 Heydemann.
Ältere Litteratur bei Jacobi , Pauly , Preller-
Pleiv 1, 437. Scherer de Graecorum Ates notione .
Bereit, Bedeutung der Ate bei Aeschylos 1876.
Lehrs, Aufs.'2 210. 4-1 5 ff. (Unsal, speziell Geistes-
unglück, jeder unfreie Geisteszustand). Leop.
Schmidt, Ethik 1 , 247 (bei Aesch. Schuld und
Strafe, bei Soph. Eur. Unheil überhaupt). —
2) ’Aryg Xoqtog (r ijg I>Qvyioig "Azrjg lötpog bei
Apollodor und Tzetzes), Ates Hügel, poetische
Bezeichnung des Hügels, auf welchem Ilion
stand, von ilos gegründet, dem eine Kuh die
Stätte wies; seinem Ahn Dardanos hatte der
Apollon von Priapos die Stätte verboten als
unheilbringend: Zeus habe die Ate dorthin
geschleudert (II. 19, 130); so dichtete man in
Betracht der von Zeus über die Troer verhäng-
ten (2t ca. Lykophr. Al. 29 mit Schot, u. Tzetz.,
dazu Apd, 3 , 12 , 3. Apion und Herodor bei
Eust. II. 1175, 62. 157, 5. Hesych. ’Aziolotpog.
Steph. Byz. "tliov. Neuere wollen eine phry-
gische Göttin Ate anerkennen, die nachher mit
der griechischen Athena identificiert wäre,
Haug, Augsb. Allg. Ztg. 1874 No. 32. Bur-
sian , Gentralbl. 1874, 314. Keller, Entdeckung
Ilions auf Hissarlikdele 21. Dagegen u.a.: Ed.
Meyer, Gesch. v. Troas 39. Vgl. Sayce Trans-
act. Soc. Bibi. Arch. 7 , 260. — 3) ’'Azgg Xsi-
fuov bei Empedokles 389 (23. 21 M) wahrschein-
lich der erste Ort der Abgeschiedenen, Zeller ,
Gesch. d. Phil, d. Griecli. 1* , 731, seitdem
sprichwörtlich die Erde als das Jammerthal,
auch wohl ein Jammer überhaupt. Proclus
Tim, 5 p. 339 b. Iulian Or. 7 p. 226b. Themist.
\or. 13 p. 178b; or. 20 p. 240c. Lehrs, Auf-
sätze2 420. Vgl. auch Eorcellini Lex. s. v.
[v. Sybel],
Ateleta gleich Atalanta ( C . I. L. 1, 1501).
[Steuding.]
Athainas (’A&dyceg, ionisch Tdyyug , Kal-
j limachos bei Schot. II. 9, 193. Etym. Gudian.
p. 522, 42). 1) Sohn des Aiolos und Bruder
des Kretheus, Sisyphos, Salmoneus und Perie-
res nach Hesiod fr. 32. Götti, bei Tzetz. Lyk.
284, vgl. Eur. Aiol. fr. 14 cd, Nauck. Apoll.
Uh. 2, 1162. 3, 360. Eustath, Od. 10, 2. — Apol-
odor 1, 7, 3 nennt Enarete, die Tochter des
Oeimachos, als Mutter und neben den Genann-
;en De'ion undMagnes als Brüder. Nach einer
miotischen Genealogie bei Schol, Ap. Ith. 1,
230 heifst er der Sohn des Minyas, des Sohnes
le Orchomenos, und der Phanosyra, der Toch-
er des Paion, der Bruder des Orchomenos und
les Diochthondas. Endlich heifst er der Sohn
les Sisyphos , der mit seinen Brüdern Olmos
jmd Porphyrion die boiotische Stadt Olmos
lAlmos, Haimos) gründete, Scliol, II. B 511.
tteph. s. v. Agyvvvog-, vgl. Schot. Ap. Bh. 3,
: 094. Paus. 9, 34, 10. 36, 1.
Athainas heifst König des minyeisclien Or-
homenos , HellanikoS bei Schol. Ap. Iili. 3,
j65. 1, 763. Paus. 9, 34, 6; König von Boio-
ien Apollod. 1, 9, 1; von Theben Philostepha-
os bei Schol. II. II, 86. Tzetz. Lyk, 22. Ov.
Atkamas 670
fast. 3, 865. Val, Fl. 3, 69. Serv. Aen. 5, 241;
Akraiplmion im athamantischen Gefild am
Kopaissee galt als Gründung des Atkamas
Steph. s. v. vgl. Paus. 9, 24, 1. Anderseits
soll Atkamas das atham. Gefild um Halos im
thessalischen Phtliiotis bewohnt haben, Apol-
lod. 1, 9, 2. Schol, Ap. Rh. 2, 514. Etym,
M. s. v. ’A&aydvziov ; daher heifst er König
von Phthia bei Palaiph, 31. Apostol. 11, 58,
König in Thessalien Hyg. f. 4. Die Athamas-
sage bewegt sich in der Geschichte von sei-
nen drei Ehen und dem damit verbundenen
häuslichen Unglück.
1) Phrixos und Helle. Nach Apoll. 1, 9, 1
hat Atliamas von Nephele zwei Kinder, Phrixos
und Helle, von seiner zweiten Gemahlin Ino
die beiden Söhne Learchos und Melikertes. In
böser Absicht gegen ihre Stiefkinder überredet
Ino die Weiber den Weizensamen zu rösten,
so dafs die Erde von dem gerösteten Saatkorn
keine Frucht bringt, und bestimmt die nach
Delphi gesandten Boten, die den Gott um den
Mifswachs befragen sollten, die Antwort zu-
rückzubringen, dafs die Gottheit die Opferung
des Phrixos verlange. Als sich nun Athainas
genötigt sieht seinen Sohn zum Altar zu brin-
gen, rettet Nephele ihre Kinder durch den von
Hermes geschenkten goldvliefsigen Widder, der
beide über das Meer entführt. Die gleiche
Erzählung fast mit denselben Worten findet
sich bei Zen. 4, 38, mit demselben Inhalt im
Argument der Argonauten des Ap. Bit, bei
Merlcel-Keü p. 533 f., nur dafs bei beiden Phri-
xos und Helle zum Opfer bestimmt wer-
den. Vergl. auch Ov. fast. 3, 851 ff. Nach
Philostephanos bei Schol. II. H 86 ist Ino
die erste Gemahlin des Atham as. Auf Be-
fehl der Hera verstöfst er dieselbe und hei-
ratet Nephele, heimlich aber setzt er den Ver-
kehr mit jener fort, so dafs diese ihn wieder
verläfst. Es folgen nun die Nachstellungen
der Ino gegen ihre Stiefkinder. Als die von
ihr instruierten Boten im Namen des Gottes
die Opferung des Phrixos befehlen, heifst Atha-
mas den Knaben vom Lande den schönsten
Widder holen; dieser, mit Sprache begabt
(Hckataios bei Schol. Ap. Bh. 1, 256), entdeckt
den Geschwistern die Bänke der Stiefmutter
und trägt die Flüchtlinge über das Meer. In
der zweiten Hälfte stimmt damit die Erzäh-
lung bei Apostolios 11, 58 überein, die am
Ende eine eukemeristische Deutung hinzu-
fügt, wie sie zuerst Dionysios von Mytilene
bei Diod. 4, 47. Schol. Ap. Bh. 2, 1144 gab;
vgl. Palaiph. 31.
2) Der rasende Athamas.
Nach Apollod. 1, 9, 2 wird Athamas durch
den Zorn der Hera seiner von Ino geborenen
Söhne beraubt; im Wahnsinn tötet er den
Learchos , während sich Ino mit Melikertes
ins Meer stürzt. Ebenso Zen. 4, 38, der noch
eine Tochter Eurykleia (s. u.) nennt. Nach
Apollod. 3, 4, 3 macht Hera Athamas und Ino
wahnsinnig, weil sie das Dionysoskind aufer-
zogen haben, vgl. Pherekyd. b. Schol. II. 2 486.
Ov. Met. 4, 421. Fast. 6, 486 ff. Im Wahn-
sinn tötet Athamas den Learchos , den er für
einen Hirsch hielt (vsßgog bei Nonn. Dionys.
io
20
30
40
50
60
671
Athamas
Atliamas
672
1, 176), nach Ovid. a. a. 0. für einen jungen
Löwen, vgl. Stat. Theb. 1, 230. Nach Philoste-
phanos a. a. 0. verfolgt Athamas die Seinigen
aus Zorn über die Ränke der Ino : ethische
Verbindung der 1. und 2. Sage.
3) Athamas in Thessalien.
Apollodor 1, 9, 3 erzählt, dafs Athamas, aus
Boiotien vertrieben, den Gott gefragt habe, wo
er wohnen solle , und die Antwort erhalten
habe: da, wo er von wilden Tieren bewirtet i
werden würde. Nach langer Wanderung habe
er Wölfe über dem Fleische von Schafen ge-
troffen; die seien geflohen und hätten ihm die
Beute überlassen. Im athamantischen Gefilde
sei er geblieben, habe die Tochter des Hy-
pseus, Tliemisto, geheiratet und mit ihr vier
Söhne Leukon, Erythrios, Schoineus und Ptoos
gezeugt. Vgl. Schol. Ap. Rh. 2, 513. Nach
H erodoros bei Schol. Ap. Rh. 2, 1144 heifst
Themisto die erste Gemahlin des Athamas, 2
ihre Kinder Schoineus, Erythrios, Leukon, Ptoos
und die jüngsten Phrixos und Helle, die durch
die Ränke der Ino vertrieben worden sind.
Unter den Kindern der Themisto werden noch
genannt Sphingios und Orchomenos, H yg. f. 1,
Eurykleia, die Gemahlin des Melas, des Sohnes
des Phrixos, Schol. Pind. Pyth. 4, 221. Phe-
rekydes bei Schol. Pind. Pyth. 4, 288 nannte
Themisto die Stiefmutter des Phrixos, womit
Athen. 13, 10 (= Westermann, mythogr. p. 345) 3
insofern übereinstimmt, als Themisto das Un-
glück des Athamas verschuldet haben soll.
Dafs in der vulgären Sage jedenfalls eine Göt-
tin als die erste, eine Sterbliche als die zweite
Gemahlin des Athamas galt, wird durch die
sprichwörtliche Redensart gesichert: yy Q-säg
äv&Qconov cog ’AQ'uycc g’ ( Apostol . 11, 58).
Die dramatische Bearbeitung der Atha-
massage ist für die Kenntnis derselben nicht
ohne Bedeutung, da einige Züge derselben der 4
älteren Tradition anzugehören scheinen. Von
des Aischylos Athamas (fr. 1 — 3 ed. Nauclc.
Welcher, Trilog. p. 336 f.) wissen wir nichts.
Von Sophokles sind zwei Stücke unter diesem
Titel überliefert: in dem ersten, ’AQ’ciyag ate-
cpccvycpoQMv genannt, erschien Athamas durch
die Rache der Nephele als das Opfer, das
zum Altar des Zeus geführt vom Herakles ge-
rettet wird, ein Motiv, welches der Lokalsage
von Halos nahe kommt, Schol. Ar. nub. 257. 5
Apostol. 11, 58; in dem zweiten war vielleicht
die Raserei des Athamas gegen Ino und ihre
Kinder dargestellt, wie bei Hyg. f. 5. Hier-
her gehört auch desselben Dichters Phrixos,
wemi der Inhalt dieser Tragödie von Hyg.
poet. astr. 2 , 20 wiedergegeben ist: darnach
wird Athamas zur Opferung seines Sohnes von
Kretheus von Iolkos bestimmt, dessen Gemahlin
Demodike, von Phrixos verschmäht, ihn bei
ihrem Gatten verleumdet hatte. Der Widder, e
der Phrixos nach Kolchis trägt, bringt ihn
später iu die Heimat zurück und offenbart
dem Athamas die Unschuld seines Sohnes.
Hiermit vergl. die Notiz bei Schol. Pind. Pyth.
4, 288, nach der Pindar die Stiefmutter des
Phrixos Demodike genannt hat. Uber die
Dramen des Sophokles vgl. Welcher, griech.
Trag. 1, 317 ff. Nauclc, trag. fr. p. 103. 228.
Auch Euripides hat den Stoff wiederholt be-
handelt. Nach Welcher, gr. Trag. 1, 611 ff.
hat Hygin f. 2 und 3 den Inhalt des euripi-
deischen Phrixos erzählt. Danach erbietet sich
Phrixos auf das von Ino gefälschte Orakel
hin freiwillig zum Opfer, wie auch Pherekydes
bei Schol. Pind. Pyth. 4, 288 erzählte. Als er
aber geschmückt vor dem Altäre steht, ent-
hüllt der Bote die Ränke der Ino, die mit
ihrem Knaben Melikertes dem Phrixos zur
Rache übergeben von Dionysos gerettet wird.
Nachher tötet Athamas den Learchos im Wahn- j
sinn, Ino und Melikertes stürzeu sich ins Meer.
Wie aber hängt damit die Erzählung bei Hyg.
f. 3 zusammen, dafs Phrixos und Helle, von
Dionysos wahnsinnig gemacht, im Walde her-
umgeirrt wären und von Nephele den goldnen
Widder erhalten hätten? Hyg. f. 4 (vgl. /'. 1)
ist nach der Überschrift aus der Ino des Euri-
pides (Ar. vesp. 1413 und Schol.) excerpiert,
ihr Inhalt ist folgender: Athamas, König in !
Thessalien, in dem Glauben, Ino sei tot, hei-
ratet Themisto, die Tochter einer Nymphe, von
der er zwei Söhne empfängt. Als er aber er-
fährt, dafs Ino als Bakchantin auf dem Par-
nafs weile, läfst er sie heimlich herbeiführen.
Themisto erfährt von ihrer Anwesenheit; ohne 1
aber zu wissen, wer sie sei, weiht sie Ino, die
als bettelhafte, gramverzehrte Sklavin auftritt,
in ihren Plan ein, ihre Stiefkinder, die Söhne
der Ino, zu töten. Indem aber Ino die Klei- 1
düng der Kinder vertauscht, tötet Themisto
irrtümlich die eigenen und, als sie die Wahr-
heit erfährt, sich selbst. Athamas, in Wahn-
sinn verfallen, mordet den Learchos, während : ß
Ino sich mit Melikertes ins Meer stürzt. Vgl.
Nauck, trag. fr. p. 383. Nur die Titel ken-
nen wir von dem Phrixos des Achaios, Nauck \ 4t
p. 586, und dem Athamas des Xenokles, oaxv- !
QiY.ov, Nauclc p. 597, in der römischen Tragö-
die führen zwei Stücke, des Accius und des ; &
Ennius , den Titel Athamas ( Ribbeclc , röm. 1 »i
Trag. 204. 526).
Die lokale Tradition der Sage haftet ,
vor allem an dem Namen des athamantischen
Gefildes, nsSiov ’A&ccydvxiov Ap. Rh. 2, 514.
Zunächst desjenigen im thessalischen Phthio-
tis : aufser den am Anfang angeführten Stellen
sei noch Steph. s. v. ’Alog citiert, wonach die
Stadt Alos oder Halos ihren Namen in Bezug
auf das Irren des Athamas von cilrj oder nach
Theon von einer Dienerin des Athamas , die
ihm die Ränke der Ino entdeckt haben sollte,
ableitete. Am wichtigsten aber ist, was Hero-
dot 7, 197 von der Stadt Halos erzählt: dort
herrschte der Brauch , dafs der Älteste aus
dem Geschlecht der Athamantiden das Leiton,
d. i. das Rathaus der Stadt, meiden mufste,
widrigenfalls er schonungslos dem Zeus Laphy-
stios geopfert wurde. Begründet wurde dies
damit, dafs Kytissoros, der Sohn des Phrixos,
gerade als die Achäer nach einem Götterspruch I
den Athamas zur Sühne des Landes hätten
schlachten wollen , seinen Grofsvater befreit
habe. Vgl. Plat. Min. 315, Schol. Ap. Rh. 2,
653. (Ebenso verfolgte in Orchomenos jähr-
lich am Feste der Agrionia die Priester des
Dionysos Aatpvauog eine Jungfrau aus minyei-
673
Athamas
Athamas
674
schein Geschlecht mit dem Schwerte , Flut,
xecp. 'EXlgv. 38). In Boiotien war es der bei
Koroneia gelegene Berg Lapliystion mit dem
tf gevog des Zeus Laphystios, an dem die Atha-
massage haftete, Paus. 9, 34, 5 ; ferner östlich
vom Kopaissee das athamantische Gefilde, Paus.
9, 24, 1, mit Akraiphnion, Steph. s. v., und dem
Berge Ptoon, dessen Eponymos Ptoos ein Sohn
des Athamas und der Themisto genannt wird,
Paus. 9, 34, 0. Die Königsgeschichte von Or- i
chomenos bei Paus. 9, 34, G ist in ihrer chro-
nologischen und genealogischen Verwirrung
weder für Sage noch für Geschichte brauchbar.
Die monumentale Überlieferung kommt
für die Atliamassage nicht in Betracht. Nur
eine einzige Bildsäule wird von Plin. n. h. 34,
140 erwähnt, die den über die Ermordung des
Learchos trauernden Athamas darstellte, ein
IWerk des Erzgiefsers Aristonidas in Rhodos.
Kallistratos 14 beschreibt ein Bild: Athamas 2'
die Ino verfolgend. Auf einem vorhandenen
Bild ist Athamas bis jetzt noch nicht sicher
nachgewiesen; angenommen aber bestritten:
Mülin, gal. myth. 610. B.-Bochette, mon. in-
ed. 28. Mus. Borb. 1, 49 (hinter der das Bac-
chuskind von Hermes empfangenden Ino).
Unter den Neueren, die die Atliamassage
kritisch behandelt haben, ist an erster Stelle
0. Müller, Orcliomenos p. 133ff. , zu nennen,
der dieselbe als echt minyeisch bezeichnet und 3
1 ihren Kern in dem Kultusbrauche des Sühn-
opfers, das dem Zeus Laphystios aus dem Ge-
schlecht der Athamantiden gebracht wurde,
sucht. Ebenso K. Eckermann , Lehrbuch der
Beligionsgeschichte und Mythologie 1845, 1.
p. 249ff. Eine physikalische Erklärung gab der
i Sage P. V.Forchhammer, Iiellenikap. 1 70 tf., wel-
cher, indem er in ihr den Wechsel des Wasser-
I Standes im Kopaissee dargestellt glaubt, damit
die Natur des Mythos insofern richtig zu er- 4
kennen scheint, als in demselben der Wechsel
zwischen Nässe und Trockenheit ausgedrückt
ist, dadurch aber, dafs er jeden Zug auch der
spätesten Überlieferung aus dem Niederschlag
und Emporsteigen der Dünste zu erklären
! sucht, ins Absonderliche verfällt. Forchham-
mers physikalischer Deutung schliefst sich in
der Hauptsache Ed. Gerhard, Griech. Mytliol.
§§ 683 tf. n, hebt aber neben derselben den
■ ethischen Gedanken und die sakrale Bedeu- 5
tung der Sage hervor; letztere allein wird von
Wieselcr in Paulys Bediene. 4, 548 f. betont,
der in der Inosage die Erinnerung an die volks-
tümlichen Hindernisse, die der Verbreitung des
olympischen Heradienstes gegenüberstanden,
irkennt. Preller, Gr. Myth. 2, 310 tf. identi-
iciert Athamas mit dem als Gott der winter-
ichen Stürme gedeuteten Zeus Laphystios, auf
dessen Kultus die ursprüngliche Sage allein
beruhe. Gegen- seine Auslegung wendet sich 6
ff. I). Müller , Mytliologie der griech. Stämme
i, 158 ff. Indem er die Sage den Minyern ab-
ipricht, nennt er Athamas den Repräsentanten
ler mit Aiolern verschmolzenen phtliiotischen
Vchaier. Insofern ist die Sage historisch,
ibrigens aber überwiegend religiösen Inhalts,
ämlich prototypisch für den uralten Gebrauch
'es Menschenopfers. Müller leugnet den phy-
Koscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
sikalischen Charakter des Mythos, indem er
Nephele und den Widder, wie auch die Ver-
bindung desselben mit der Argonautensage
für sekundär erklärt. Vgl. noch Minervini in
Bull. Nagjol. N. S. 7, No. 155 und Stall bei
Pauly 1, 2 p. 1962 ff. 1526f. und die im Arti-
kel Ärgonautensage oben p. 529 f. angegebene
Litteratur.
Keine der vorhandenen Sagen ist dem
Minyerstamme so eigentümlich, wie die Atha-
massage, die im südlichen Thessalien, wie in
Boiotien, den Hauptsitzen jenes Stammes, gleich
heimisch war. Athamas erscheint als der
Heros der athamantischen Ebenen, die in bei-
den Landschaften durch Fruchtbarkeit, nament-
lich Weizenbau, ausgezeichnet waren; der
Mythos ist in seinem Kern ein agrarischer (vgl.
Lauer, Syst. d. Myth. 219. 406. Die Ableitung
des Namens von ffa« „saugen“ und a priv.
(„der Heros der stetig bewässerten Niederung“)
bei Forchhammer scheint wenigstens sachlich
begründeter, als die von Pott in der Zeitschr.
f. vergl. Spr. 7, 164, nach der er mit sic. dhmä
„stark wehen“ Zusammenhängen soll (vgl. Ben-
fey 2, 272. Muys, Griechenland und der Orient
p. 3, No. 8. Buttmann , Myth. 2, 244 verbin-
det den Namen mit hebr. Adam — Mensch).
Nephele, Phrixos, der Widder einerseits, ander-
seits Zeus Laphystios , der die verzehrende
Glut der Hundstage darstellt, deuten darauf
hin, dafs der Athamasmythos in seiner ur-
sprünglichsten Fassung den Gegensatz zwi-
schen der fruchtbaren Regenzeit und der sen-
genden Glut des Sommers zum Inhalt hat.
Eine bestimmtere Ausdrncksform erhielt aber
die Sage in der Gegend von Halos durch den
Brauch des Menschenopfers , das in ältester
Zeit dem verderblichen Zorn der Gottheit,
namentlich dem Urheber sengender Glut, zur
Versöhnung dargebracht, nachher durch das
Widderopfer ersetzt wurde , letzteres in der
Rettung des Phrixos , des Athamas und der
flüchtenden Athamantiden ( Herod . 7, 197) aus-
gedrückt; das Widderfell, das Symbol der
Regenwolke, wurde als Jtog ncödiov ( Hesych .
s. v.) bei Prozessionen zur Versöhnung des
zürnenden Zeus angewendet, wie der Brauch
von Demetrias zeigt, Dikaiarch bei Müller,
geogr. gr. 1, p. 107. Wie im thessalischen Ha-
los, so bot auf dem boiotischen Berge Laphy-
stion der Kultus des Laphystios der Athamas-
sage eine Anknüpfung. Hier in Boiotien bil-
dete sich die spätere Form derselben aus.
Die Kadmostochter Ino, die Pflegerin des Dio-
nysos, gehört dem boiotischen Sagenkreise an ;
mit ihr kamen dionysische Elemente in die
Sage, wie auch Dionysos selbst als AuyvßTiog
erscheint (Et. Magn.): die Raserei des Atha-
mas und die Ino , die Bacchantin auf dem
Parnafs, Learchos, vom Vater als Hirsch oder
Löwe ■ — dionysische Tiere — angesehen, tragen
diesen Charakter. Ino, die Gegnerin der Wolke,
die das Saatkorn dörrt und den Mifswaclis
hervorruft, im Dienste des Glutgottes Aeccpv-
gzloq, wurde in der Sage die Vertreterin der
Unfruchtbarkeit, dazu geeignet als Dämonin
des unfruchtbaren Meeres. Ethisch umgestaltet
wurde die Sage zu dem landläufigen Märchen
22
(375
Afchenais
Athene (Gewittergöttin)
676
von der bösen Stiefmutter und ihren Ränken
gegen die beiden Geschwister. Apollodor giebt
dasselbe am einfachsten wieder; die äufserliche
Kombination der Erzählung von Pkrixos und
die von der Raserei des Athamas verrät sich
dadurch, dafs dieselbe auf den Hafs der Hera
zurückgeführt wird, während der ethische Ge-
danke verlangt, sie als Strafe für das an den
Nephelekindern begangene Unrecht aufzufas-
sen (wie bei Philostephanos , Schol. II. II 86).
Wenn aber in dem 3. Teile der Sage Atha-
mas für die an Ino und ihren Söhnen verübte
Gewalt nach Thessalien verwiesen wird, so
ist wiederum eine thessalische Tradition mit
der boiotischen verknüpft; das Herumirren des
Athamas und sein Verkehr mit den Wölfen
erinnert ebenso an das Schicksal des Bellero-
phon ( Ilom . Z 20i) wie an die ähnliche Strafe
des Nebukad-Nezar ( Dan . 4 , 30). Themisto
scheint eine sekundäre Figur, vielleicht nur
die Wiederholung der Nephele; die Namen
ihrer Söhne sind, wie die Magd Ale aus Alos,
von lokaler Bedeutung ( Müller , Orchotnenos 214)
und stammen aus irgend einer Genealogie, wie
überhaupt die Genealogien der minyeischen
Fürstengeschlechter willkürlich in einander
verwirrt sind. Wie die dramatischen Dichter
die Tradition der Sage beeinflufst haben, kön-
nen wir gerade in der Athamassage verfolgen.
— 2) ein Nachkomme des Aioliden, Gründer
von Teos, Paus. 7, 3, 6. Strab. 14, 633. Steph.
s. v. Tscog. Pherckydes bei Schol. Plat. Hip-
parch. p. 335. C. I. Gr. 3078. 3083. — 3) Sohn
des Oinopion, des Kreters, der nach Chios aus-
wanderte, Paus. 7, 4, 8. [Seeliger.]
Atlienais {’A&qvcä'g), Tochter des Hippobo-
tos , Gemahlin des Autochthonen Alalkome-
neus (s. d.), Mutter des Glaukopos: Steph. Byz.
s. v. ’Ahxl'Hopsvt.ov. [Roscher. |
Athene, 1) als Göttin der Wetterwolke
und des Blitzes.
Athene (bei Homer ’A&rivrj, ’AQ-qvaCq, TIul-
Idg ’A&qvq, Tlalldg ’A&qvaCq etc., auf attischen
Urkunden vorEukleides ’A&qvca'a, woraus spä-
ter die ebenfalls attischen Formen ’A&rjvüci
und ’A&qvä hervorgingen, bei Pindar und So-
phokles auch ’AQ'civa.-. vgl. Index z. C. I. Gr.,
Pape-Benseler , Wörterb. d. griech. Eigenn. 1,
23. Welcher, Götterl. 1, 301) ist ebenso wie
die germanische mit ihr in den wesentlich-
sten mythischen Funktionen zu vergleichende
Valkyre {Mannhardt , Germanische Mythen
557 ff. u. 562 ff.) ursprünglich für eine Göttin
der Wetterwolke und des daraus hervor-
springenden Blitzes zu halten. DieMythen
und Beinamen , in welchen sich diese An-
schauung noch mehr oder weniger deutlich
offenbart, sind kurz folgende. Den Mythus
von der Geburt der Athene aus dem Haupte
des Zeus scheint bereits Homer zu kennen, da
er sie ußQigoncizQg {II. 5, 747), TgizoyerSLot {II.
4, 515 u. ö.; vgl. S. 676, 19 ff.) nennt und von
Zeus sagt, er selbst habe sie geboren {II. 5,
875, 880). Die erste ausdrückliche Erwähnung
der Geburt aus dem Haupte des Zeus findet
sich bei Ilesiod. Th. 924. Am vollständigsten
erzählen dieselbe IIoM. hy. 28, ein Dichter-
fragment b. Galen, de Hipp, et Plat. dogm.
3, p. 273. Find. Ol. 7, 35. Apollod. 1, 3, 6
(vgl. auch Ap. Ith. 4, 1310f. u. Stesichoros in
den Schol. z. d. St. u. unten S. 694f.). Da-
nach verschlang Zeus seine erste Gemahlin
Metis (s. d.) , als sie noch mit der Athene
schwanger war, und gebar dann diese selbst
aus seinem Haupte, welches ihm Prometheus
oder Hephaistos mittelst eines Beiles zerspal-
tete. Athene aber sprang in leuchtender
io Rüstung mit hochgeschwungenem Speere
und schon mit der Aigis (s. d.) angethan (vgl.
die Verse bei Galenos a. a. 0.) aus dem Haupte
ihres Vaters, indem sie lauten Schlachtruf
erschallen liefs , von welchem Himmel und
Erde furchtbar wiederhallten (vgl. Ilom. hy. I ß,
ift
fiel
18).
im
I
I LI
1 ifc
sich
('gl
28, 9 u. Find. a. a. 0.). Als Ort der Ge
burt wird von Apollodor a. a. 0. (vgl. auch
das alte Dichterfragment b. Galen a. a. 0.)
der Tritonflufs, den man sich im äufsersten
20 Westen dachte und später in Libyen und an-
derwärts ( Welcher , Gr. 1, 311 u. 314. Pape-
Benseler, Wörth, d. gr. Eigenn. s. v.) lokali-
sierte, angegeben. Davon hiefs Athene Trito-
geneia. Dafs in diesem Mythus von der Ge-
burt der Athene eine Reihe von direkt auf die [I
Gewitterwolke und den Blitz hinweisenden i|j|(,j
Anschauungen anzuerkennen sind, dürfte kei- j i
nein Zweifel unterliegen. Die gewitterschwan- I jETe
gere Wolke erscheint darin in verschiedenen IirTi
30 Bildern, bald als das Haupt des schwangeren 1^,,
Gewittergottes Zeus, bald als Aigis (s. d.) ; der I „0De!
Blitz, welcher die Wolke spaltet, als spal- I
tendes Beil und als blitzende Lanze ; der
Donner endlich als furchtbarer Schlachtruf. l,y.
Auch die Verlegung der Geburt an das Ufer
des im äufsersten Westen fliefsenden Triton-
stromes , der wahrscheinlich mit dem Okea- 1
nos identisch ist, da Tqizcov Grenzstrom be- I y0'Q
deutet {Roscher , Gorgonen 30), weist auf das Lj ,
40 Gewitter hin, da den Griechen die Gewitter- Ip^
wölken aus dem westlichen Okeanos aufzustei-
gen schienen. (Siehe die Belege bei Roscher, |leij
Gorgonen S. 30f. u. 1 19 und vgl. Bergk in Fleck- |Beil ,
eisens Jahrb. 1860 S. 298ff. Lauer , Syst. d. W
gr. Myth. 320. Myriantheus, die Agvins S. XIX. l(j(, ..
Schwarte , Urspr. d. Myth. 83.) Wie richtig |11!!(.|)
und naheliegend diese Deutung ist, erkennt L ■
man namentlich an einer von Aristokles beim jtr ,)
Schol. z. Pind. Ol. 7 , 66 erhaltenen Version
50 der Sage, wonach Athene in einer Wolke ver- pj.
borgen war und infolge eines Blitzschlages
des Zeus plötzlich aus derselben hervortrat.
Für das hohe Alter und die weite Verbreitung
dieser Geburtssage zeugen die vielen Bild-
werke, von denen die grofsartige Gruppe des
Pheidias im vordereu Giebelfelde des Parthe-
non das berühmteste geworden ist. In späte-
ren schlechtbeglaubigten Mythen , welche je-
denfalls der Spekulation einzelner Theologen,
oo Philosophen und Dichter oder lokalen An-
schauungen entsprungen sind, erscheint Athene
als Tochter des geflügelten Giganten Pallas
{Cie. de nat. d. 3, 23. Tzetz. z. Lykophr. 355),
oder des Poseidon und der Tritonis {Herod.
4, 180), oder des Itonos {Etym. M. 479, 49.
Simonides bei Tzetzes a. a. Ö.) , oder endlich
des Hephaistos {A. Mommsen, Heortol. 83).
Eine deutliche Beziehung zum Gewitter, das
677 Athene (Gewittergöttin)
in vielen Sagen indogermanischer Völker
als ein furchtbarer Kampf der gewaltigsten
Götter gegen entsetzliche Kiesen und Unge-
heuer gefafst wird, verrät auch der Kampf der
Athene gegen die Giganten und die Gorgonen
(s. diese). Als diejenigen Giganten, welche Athene
erlegte, gelten Pallas und Enkelados ( Apoll ocl .
1, 0, 2. Verg. Aen. 3, 578 ff. l^aus. 8, 47, 1.
Vgl. Eur. Ion 987 ff. 1528. Arist. 2, p. 15 Ddf.
Quint. Smyrn. 14, 584). Besonders populär war n
die Sage von Athenes Gigantenkampf in Athen,
wie aus der Sitte erhellt, der Göttin an ihrem
Hauptfeste einen Peplos mit eingewebten Dar-
stellungen derGigantomaehie darzubringen(£W.
Ilck. 466 u. Schot. Verg. Ciris 30. Vgl. u. S. 693,
18). Von ihrer Teilnahme am Gigantenkampf
führte Athene nach Suidas die Beinamen A-
yccvTolertiQfx, [-olsrig) oder PiyuvToepovtLg ( Cor -
nut. p. 115 0 ). Noch deutlicher tritt die Ge-
witterbedeutung der Athene in der Sage von 2(
ihrem Kampfe mit der Gorgo hervor, die
sich nur als Gewitterwolke verstehen läfst
(vgl. Roscher , die Gorgonen und Verwandtes
S. 117). Als Erlegerin dieses Ungeheuers galt
Athene vorzugsweise in Attika ( Eur . Ion 987 f.
Apoll od. 2, 4, 3. Euliemeros b. Hyg. P. Astr.
2, 12; vgl. auch Diod. 3, 70) und wohl auch
in Tegea ( Roscher , Gorgonen 81), während nach
ärgivischer Sage Perseus (s. d.) unter ihrem Bei-
stände die Medusa tötete. So wurde das Gor- 3'
goneion und die Aigis (s. d.) zu einem wesent-
lichen Attribute der Athene, und die Göttin
erhielt die Beinamen yogyocpovog , yogyämig
und Pogyco [ Soph . Ai. 450. Fr. ed. N. 759, 2.
Eur. Hel. 1316. Ion 1478. fr. ed. Nauclc 362,
46. Orph. hy. 32, 8. Palaeph. 32. V öl eher,
Mythol. d. iapet. Geschl. S. 115 ff. u. 386).
Von anderweitigen Beziehungen der Athene
zum Gewitter und anderen meteorologischen
Phänomenen ist aus der Ilias Folgendes her- 4
vorzuheben. II. 5 , 7 läfst Athene dem Dio-
med Feuer von Haupt und Schultern flam-
men, ebenso wie sie 18, 203ff. dem Achill die
Aigis um die Schultern wirft, eine goldene
Wolke um sein Haupt legt und Flammen her-
ausschlagen läfst. Nach II. 11, 45 donnert sie
zu Agamemnons Ehre. II. 4, 74 ft', wird ihr
Herabfahren vom Himmel geradezu mit dem
Fluge eines feurigen Meteors verglichen. Sie
allein unter allen Göttern fährt (mit Hera) auf £
einem flammenden Wagen [pita cplöyca) nach
11. 5, 745 u. 8 , 389 (vgl. auch Aesch. Eum.
405 Ddf. und Lauer S. 358). Als unverkenn-
kennbare Blitzgöttin erscheint Athene nament-
lich auf makedouischen Münzen, welche sie in
der Linken den Schild hebend, in der Rechten
den Blitz schwingend darstellen [Preller , gr.
M.‘2 1 , 170). Ähnliches findet sich auch auf
Münzen von Athen, Syrakus, Epirus, der Könige
von Antigonos’ Stamm, Domitians und einiger (
andern römischen Kaiser, auch der Lokrer, da
man die Göttin zur Rache der Kassandra durch
den ihr von Zeus gegebenen Blitz, wie Euripides
I sagt, den Lokrischen Aias scheitern liefs ( Troad .
80. Vgl. Welcher, Götterl. 2, 281 ; s. u. S. 692, 6).
;In Aeschylos' Eumeniden 827 sagt Athene von
sich selbst, sie allein wisse den Zugang zu
dem Gemache, wo der Blitz versiegelt sei. Es
Athene (Kriegsgöttin) 678
braucht kaum hervorgehoben zu werden, dafs
auf dieser Gleichheit der Naturbasis das unge-
mein nahe Verhältnis der Athene zu Zeus und
ihre Wesensähnlichkeit mit diesem Gewitter-
gotte beruht (vgl. darüber Arist. 1 p. 14 Ddf.
u. Welcher, G. 1, 302. 2, 280—82). Wie die
übrigen Gewittergottheiten und Gewitterdä-
monen (vergl. Roscher, Gorgonen Kap. 2), ist
sie furchtbar [Ssivg, vgl. lies. Tlieog. 925 u.
Lamprokles b. Schol. z. Ar. Nub. 967) , von
gewaltiger Kraft {pcXugscGa Hom. hy. 28, 3. a
zJ log ulv.iua fff ög Soph. Ai. 401. Vgl. Liv. 42,
51 E&svid g. Paus. 2, 30, 6. 32, 5), unbezwing-
lich ( dSccfiarog fff oc Sopli. Ai. 450. ’Azgvzcovg
bei Hom.-, vgl. darüber Curtius, Gründe ,5 599)
— aus diesem Begriff mag sich die vielleicht
nicht ursprüngliche Vorstellung von ihrer
Jungfräulichkeit entwickelt haben (vergl.
nagllevog adygg und Ähnliches) — und mit
leuchtenden oder blitzenden Augen begabt
(vgl. II. 1, 200 und die häufigen Epitheta
ylavuämig , yogyeomg [ C . I. Gr. 6280 B) und
otgvdegKrjg [Paus. 2, 24, 2), womit nicht blofs
die der Athene geltende Heiligkeit der Nacht-
eule (ykav£) , sondern auch der Gedanke zu-
sammenhängt, dafs sie die Menschen mit Scharf-
blick und Sehkraft begäbe (vgl. Roscher, Gor-
gonen 72 , Amn. 140 und besonders Paus.
a. a. 0. 3, 18, 2. u. Plut. Lyh. 11). Auf die
Gewitterbedeutung der Athene ist wohl auch
die eigentümliche tegeatische Erzählung von
der Locke der Gorgo zu beziehen , welche
Athene der Sterope oder Asterope (= der
Blitzenden) gegeben haben sollte, um dieselbe
in Zeiten der Not als wirksames Amulett an-
zuwenden ( Apollodor 2, 7, 3 u. Paus. 8, 47, 5).
Wahrscheinlich liegt dieser Sage ein eigentüm-
licher Gewitterzauber , der sich auch sonst
nachweisen läfst, zu Grunde (vgl. Roscher, Gor-
gonen S. 81 ff.). Auch in dem schönen Mythus
von Bellerophon (s. d.), den Athene als XccXivixig
die Bändigung und Zügelung des Pegasos d. i.
des geflügelten Donnerrosses lehrt, spielt sie
wohl die Rolle einer Gewittergottheit [Paus.
2, 4, 1. 5). Da schon von Homer der Donner mit
dem Klange einer ehernen Trompete [Gulnzyt,)
verglichen wird [II. 21, 388), so wird sich die
argivische Athene ZuX-my'E,, die als Erfinderin
der Trompete gilt [Schol, z. II. 18, 219; vgl.
i Paus. 2, 21, 3) als Göttin des Donners erklä-
ren [Roscher, Gorgonen 87 f.). Sopihohles [Ai.
14fl'.) vergleicht daher die Stimme der Athene
einer ehernen Trompete. Nur zweifelnd wage
ich in diesem Zusammenhänge die thebanische
Athene ’Öyyux (auch ’Öyya oder ’OyyccLg) zu
nennen (vgl. Renseler-Pape u. d. W.). ’'Oyy.c<
könnte recht wohl mit oynÜG&ca schreien,
brüllen (vergl. die ’A. ’EynsXciöog bei Ilesych.)
zusammen hängen.
i 2) Athene als Göttin des Krieges.
Da in den Mythen der meisten indoger-
manischen Völker das Gewitter als ein Kampf
der Götter gegen furchtbare Dämonen, der
Blitz als Waffe und der Donner als Schlacht-
ruf oder Wutgebrüll oder als Vorzeichen des
Sieges erscheint (vgl. Roscher, Gorgonen 40.
66. 83. 87. 116), so sind alle Gewittergotthei-
ten zu Kriegsgöttern , d. h. zu Lenkern der
22 *
679
Athene (Kriegsgöttin)
Athene (Kriegsgöttin)
680
menschlichen Kämpfe und Rettern tapferer
Helden geworden. So auch Athene , welche
bereits in der Ilias die Rolle der vornehmsten
Gottheit des Krieges spielt und einen höchst
charakteristischen Gegensatz einerseits zur wei-
bischen Aphrodite, anderseits zu dem „berser-
kerartig wütenden“ Ares bildet. Ihren Lieb-
lingen wie Tydeus, Diomedes, Odysseus, Achil-
leus, Menelaos, Herakles, Perseus, Bellerophon,
Iason (s. diese) hilft sie in unzähligen Kämpfen
und Abenteuern und verleiht ihnen den Sieg,
indem sie es sogar nicht verschmäht mit ihnen
den Kriegeswagen zu besteigen (vgl. Welcher,
Götterl. 1, 317. Preller, griech. Mythr 1, 371.
v. Sybel, Mythologie der Ilias 259 f.). So ist
sie zuletzt, namentlich in Athen, zur Personi-
fikation des Sieges, zur Athena Nrxrj gewor-
den, als welcher ihr auf der athenischen Akro-
polis ein herrlicher kleiner Tempel geweiht war.
(Vgl. C. I. Gr. 145 ff. 150 und die ’A. Nlxtj zu
Megara bei Paus. 1, 42, 4; s. S. 689). Ihre
sonstigen hierher gehörigen Beinamen sind
(Alalxogtvrj oder ’Al-
cclxogsvglg , welche
vorzugsweise in der
böotischen nach ihr
benannnten Stadt
Alalkomenai verehrt
wurde (II. 4, 8. Stra-
bo 9, 413. Steph.
Byz. s. v. ’Alcdu. El.
M. v. Kvngig) , ’AX-
y.L§ryioq (zu Pella in
Makedonien Liv. 42,
51), ’Aqsicc (zu Athen
und in Platää; vgl.
Paus. 1, 28, 5. 9, 4, 1 ;
s. C. I. Gr. 3137), ’AXsa
(zu Tegea: Paus. 2,
17, 7 u. ö.) von cdtoi
Schutz (vgl. lies. op.
543), doQvO’cxQoris ( G .
I. Gr. 3538) , txyea-
zguxog, aysXsLr], XyG
ziq,tyg£X.vdoiyog,Tio-
Isfiridoxos , qioßsaiGzgcizr] , TiegGsnolig bei Epi-
kern (vgl. auch C. I. Gr. 3538 u. 4269 u. Schol.
z. Ar. Nub. 967), IlaXläg, vom Schwingen der
Blitzeslanze (vgl. II. 16, 141), ngogayog (in
Athen, Thessalien und anderwärts; vgl. C. I.
Gr. 1068), IIgoycc%6gytt (Paus. 2, 34, 8). Be-
reits die ältesten Bildwerke der Athene, die
sogenannten Palladien, stellen die Göttin als
eine vorkämpfende mit erhobenem Schilde und
gezücktem Wurfspeer dar (Müller , Handb. d
Arch. § 68 u. 368, unten S. 690). Die eben-
falls aus zahlreichen Monumenten bekannte
Darstellung der Athene als vixgcpogog , d. h.
wie Zeus mit der Nike auf der ausgestreckten
Hand (vgl. auch die Statue im Athenetempel
zu Elis Caes. b. c. 105), erklärt sich am besten
aus Versen wie lies. sc. Here. 339 (vCxyv al)a-
i ’oczz^g yegalv xal xvdog £%ovGa). Als vixycpo-
gog ist sie natürlich auch elgrjvoqiogog (C. I.
Gr. 6833. Arist. Ath. 1 p. 17 Ddf.).
Mit dieser ihrer kriegerischen Bedeutung
hängt es eng zusammen, clafs Athene auch als
Göttin der Kriegsmusik, welche Vorzugs-
Athene Promaclios auf e. pan-
athen. Preisvase (vgl. u. S. 691).
weise mit Trompeten und Flöten hervorge-
bracht wurde (Müller, Dor.1 2, 333f.), sowie
als Schutzgöttin des Streitross.es und des
Kriegsschiffes verehrt wurde (Herod. 1,
17. Athen, p. 517a. Gellius 1, 11, lff. ; vgl.
Od. 4, 708). So sehr entsprach der Klang der
Trompete und Flöte dem kriegerischen Sinne
der Göttin, clafs sie in verschiedenen Sagen
als Erfinderin der beiden Instrumente genannt
xo wurde. Der verbreitetste dieser Mythen führte
die Erfindung der Flöte auf das Pfeifen und
Zischen der Gorgonenschlangen zurück, wel-
ches diese bei der Enthauptung der Medusa
hören liefsen (Pind. Pyth. 12, 6 — 12 u. Schol.
Nonn. 24 , 36). Sehr bekannt ist auch der
Mythus, wonach Athene den Silen Marsyas(s. ck),
weil er die von ihr erfundene aber wegen Ent-
stellung des Gesichts weggeworfene Flöte auf-
gehoben katte, gezüchtigt haben soll (Paus.
20 1, 24, 1. Apollod. 1, 4, 2. Ilyg. f. 165). Vgl.
auch die Beinamen BogßvlCa (Müller, Orchome-
nos 79.356), ’Aridcöv (Iles.s.v.), Movcixg (C. I.
Gr. 154 und Plin. 34, 8, 19, 57), Eahuylg (in
Argos: Paus. 2, 21, 3; vgl. Welcher, Götterl.
2, 300). Endlich galt Athene für die Erfinde-
rin der Pyrrhiche, des bekannten Waffentan-
zes, von dem es hiefs, dafs sie selbst ihn zur
Feier des Sieges über die Giganten (Titanen)
zuerst getanzt oder die Dioskuren gelehrt habe
30 (Epich. b. Schol. Pind. Pyth. 2, 127. Dion. II. 7,
72. Arist. 1, 24 Ddf. Plat. leg. 796 B ; vgl. Lobech,
Agl. 541) und welcher deshalb ihr zu Ehren an
den Panathenäen mit prächtiger orchestischer
Ausstattung aufgeführt wurde (Mommsen, Heor-
tol. 123, 163 u. ö.). Als Göttin des Kriegs-
rosses und des Streitwagens — in der ältesten
Zeit gab es noch keine bewaffneten Reiter —
tritt Athene in korinthischen und attischen Sagen
auf. In Attika soll sie den Erechtheus (s. d.)
40 die Bespannung des Wagens, in Korinth den
Bellerophon (s. d.) die Zügelung des Pegasos
gelehrt haben (Hom.hy.in Ven. 13. Verg. Geo.
3, 113ff. Aristid. Ath. p. 18f. Panath. p. 170.
Schol. p. 62 Dind. Pind. Ol. 13, 65), weshalb
sie hier als XalLVLxig und Accgdomitog verehrt
wurde (Paus. 2, 4, 1. 5. Schol. Ar. Nub. 967).
ln Arkadien galt sie als Erfinderin des Vier-
gespannes (Cic. N. D. 3, 23), und in Barke
erzählte man ebenso wie in Athen, Poseidon
50 habe die Zucht, Athene das Lenken der Rosse
verliehen (Soph. El. 727. Steph. Byz. s. v.
Bugxiq. Hesych. s. v. Bagxuloi g). Hierauf be-
zieht sich wohl der Beiname ' InztCcc , welchen
Athene in Kolonos führte (Paus. 1, 30, 4. Pind.
01. 13, 79. Soph. 0. G. 1071). In Zusammen-
hang damit steht es, wenn Athene in Böotien
und Thessalien als Bespannerin oder Erfinde-
rin des Pfluges (Boaggta, BovSsia) gedacht
wurde (lies. op. 430. Lycophr. 520. 359 und
60 Schol. Steph. Byz. s. v. Bovösia. Serv. z. Verg.
Aen. 4, 402. Arist. Ath. p. 20 Ddf. Eust. II.
16,571). Die Erfinderin des Kriegsschiffs end-
lich lernen wir aus den Mythen von Danaos
und vom Argonautenzuge kennen. Den Da-
naos (s. d.) oder Argos (s. oben 502. 539)
soll sie zur Erbauung des ersten Fünfzig-
ruderers angeleitet haben (Apollod. 1, 9, 16.
2 , 1 , 4. Alarm. Par. cp. 9) , wie sie denn
6(81 Athene (G. d. Webern? etc.)
überhaupt als Erfinderin der Schifffahrt galt
und zu Mothone als ’AvsgwTLg verehrt wurde
(Aristid. p. 19 Ddf. Paus. 4, 35, 5. Lyko-
I phron 359 u. Schol.). Wahrscheinlich hän-
gen mit der Bedeutung der Athene als Schiff-
fahrtsgöttin die eigentümlichen Kultsitten der
Schiffsprozession und Regatta zusammen, welche
an den Panathenäen eine so bedeutende Rolle
spielten (A. Mommsen, Heortol. 187 f. 197 f.).
Nicht undenkbar erscheint es, dafs.auch aus
den Bildern des Wagengespannes und des
Schiffes die ursprüngliche Anschauung der Wolke
hervorleuchtet (vgl. Lauer, Syst. d. gr. Myth.
358. Roscher, Gorgonen 93, Anna. 194 und
Schwarte , d. poet. Naturanscli. 2, 18 ff'.).
3) Athene als Göttin des Spinnens
und Webe ns u. s. w.
Aufserord entlieh weit verbreitet ist die Vor-
i Stellung, dafs Wolke und Nebel eine Art Ge-
spinnst oder Kleid seien (vgl. Mannhardt, Ger-
man. Mythen 557 ff. Schwarte a. a. 0. 5, 11 ff.
Laistner, Nebelsagen96fi. 302 ff u. ö. Lauern,. a. 0.
371 ff). Die den Regen- und Wetterwolken
unmittelbar vorausgehenden sogen. Schäfchen-
wolken wurden von den Griechen und Römern
geradezu W ollflocken, no roi sgi'cov, vellera lanae ,
(vgl. Roscher, Hermes d. Windgott S. 45, Anna.
172) verglicheaa. So erklärt es sich wohl am
einfachsten, dafs die Göttin der Gewitter-
wolken - — ähnlich wie die begrifflich nahe
verwandten germanischen Valkyren — auch
als geschickte Spinnerin und Weberin und
als göttlicheErfinderiia dieser weiblichen Künste
gedacht wurde, welcher Gedanke bei der Athene
um so näher lag, als den Töchtern des Hauses
j vorzugsweise die Herstellung der Gewänder
für sämtliche F amilienglieder übertragen wurde
( Hom . liy. in Ven. 14. K. Fr. Hermann, gr.
Privatalt. §10). Als Göttin der weiblichen
Arbeit erscheint Athene schon in den home-
rischen Gedichten, wo es von ihr heifst , dafs
sie ihren eigenen Peplos und das Gewand der
Hera gewebt habe (II. 5, 735. 14, 178), und
i wo wiederholt die weibliche Kunstarbeit des
Spinnens und Webens mit deiaa Ehrennamen
i tgycc ’A&gvca'gg belegt wird (II. 9, 390. Od. 7 ,
110. 20, 72). Der bekannteste Beiname die-
! ser Athene war ’Egyävrj, welchen sie zu Athen,
in Samos, Thespiä, Elis, Sparta und Megalo-
polis führte (Paus. 1, 24, 3. Said. s. v. ’Eq-
I ydvr\. Paus. 9, 26, 5. 3, 17, 4. 8, 32, 3 u. ö.).
i Zuletzt scheint sich der Beiname ’Egydvr} zu
selbständiger Bedeutung entwickelt zu haben,
da Plut. d. fort. 4 und Ael. V. h. 1, 2 ö. von
i einem neben Athene verehrten weiblichen Dämon
Ergane reden. Das Symbol weiblicher Kunstfer-
tigkeit aber ist die Spindel, welche Athene in
mehreren Bildwerken führt (Welcher, G. 2, 301 f.)
s. u. S. 687, 41 u. 690, 14). Das Märchen von der
! Arachne, welche mit Athene in der Kunst des
j Webens gewetteifert hatte und deshalb von
ihr in eine Spinne verwandelt worden war,
siehe unter Arachne. Die uralte für Ilion und
j Athen bezeugte Kultsitte, der Athene an ihrem
Feste einen schön gewebten Peplos darzubrin-
gen , hängt mit ihrer Bedeutung als Ergane
zusammen (II. 6,289. Mommsen, Heortol. 184 ff.).
; Weiteres siehe bei Welcher, G. 2, 317 f. Aus
Athene (G. d. Klugheit etc.) 682
dieser ihrer Funktion als Vorsteherin aller
weiblichen Kunstfertigkeit, besonders des Spin-
nens und Webens, welches den Alten stets als
ein Sinnbild höchster weiblicher Klugheit und
Erfindsamkeit erschien — man vergleiche den
uralten und vielfach verzweigten metaphorischen
Gebrauch der beiden Verba vtpcävsiv und texere
in Redensarten wie pr/Ara, öoXov , pijj-cw vepai-
vsiv — hat sich nun ein doppelter Gedanke
entwickelt: einmal dafs Athene auch die Er-
finderin aller sonstigen menschlichen Kunst-
fertigkeit, sodann dafs sie überhaupt eine
Göttin der Klugheit und Besonnenheit sei (vgl.
Paus. 8, 36, 3). Hierzu kommt noch vielleicht
die II. 15, 668 ausgespi'ochene Vorstellung,
dafs die Göttin des das Dunkel plötzlich er-
hellenden Blitzes den menschlichen Augen
Scharfblick und die Fähigkeit, Göttliches wahr-
zunehmen , verleihen könne , sowie die That-
sache, dafs Griechen und Römer zündende und
treffende Gedanken, namentlich der Redner, mit
Ausdrücken wie ■nsgccwög und fulmen zu be-
zeichiaen pflegen. Abgesehen von der Erfin-
dung des Wagens, Pfluges und Schiffes, von
denen schon oben in anderem Zusammenhänge
die Rede gewesen ist, die aber ebensogut in
die hier zu behandelnde Gedankenreihe hinein-
passen, sind hier die ebeiafalls der Athene zu-
geschriebenen Erfindungen der Goldschmiede-
kunst (Od. 6, 233. 23, 159), des Walkens, der
Schuhmacherei , des Ciselierens, der enkausti-
scheia Malerei (Ov. fast. 3, 8 1 5 ff ) , der Töpfe-
rei (s. das kleine Gedicht Kdfuvog r) Kega-
gsig Hom. Epigr. 14), Bildhauerei u. s. w. zu
erwähnen (vergl. aufserdem Soph. fr. 759 N.
Paus. 5, 14, 5. Hiod. 5, 73. Plut. Sy mp. 3,
6, 4. Praec. ger. reip. 5. Et. M. und Phot.
s. v. ’Egyccvy j. Arist. 1 p. 18 Ddf.). In Athen
feierten die sämtlicheia Handwerker (%sig oj-
vav.teg') der Athene und dem Hephaistos das
Fest der Chalkeen (Mommsen, Heort. 313ff.).
Sogar als eine Förderin und Beschützerin der
ärztlichen Kunst tritt Athene auf (Ov. fast. 3,
827. Plin N. II. 24, 176. 25, 34). Sie erhielt
davon die Beinamen ’Tyisiu iia Athen (Paus. 1,
23, 5. Plut. Per. 13. Plin. N.H. 22, 44; s. u.
S. 699, 52), im Demos Acharnai (Paus. 1, 31, 3)
und HcamvCcc (in Athen und Oropos: Paus. 1, 2,
4. 34, 2); in Rom hiefs sie Minerva Medica
(Preller, röm. Myth.3 1, 295 f.). Weiteres siehe
bei Welcher, Götterl. 2, 304ff. Lauer 359.
4) Athene als Göttiia der Klugheit
und des Verstandes.
Der andere , noch allgemeinere Gedanke,
der sich aus der Funktion des Spinnens und
Webens entwickelt zu haben scheint, ist der,
dafs Athene eine Göttin der Klugheit, der Be-
sonnenheit, des denkenden Verstandes (p»)-
ng, ßovhj) sei (vgl. Plat. Cratyl. 407 A). Sie
heifst deshalb schon in den homerischen Gedich-
ten nolvßovlog (II. 5,260); sie ist es, welche den
Thörichtes Beschließenden den Verstand be-
nimmt (II. 18, 311), und allen andern Göttern
ebenso wie Odysseus allen andern Menschen
an Verstand und Klugheit (prjTt nal %sgdeßiv)
überlegen ist, sie besitzt nach Ilesiod (Theog.
896) gsvog % ul inupgova ßovXrjv. Sicherlich
ist der Hesiodische Mythus von Metis (s. d.) als
io
20
30
40
50
60
683 Athene (G. d. Ackerbaues u. d. Baumzucht)
Athene (Scliutzg. d. Städte) 684
Mutter der Athene auf diese ihre Wesenseigen-
schaft zurückzuführen. Dem entsprechen auch
die Beinamen: Bovlca'a , bei welcher die atti-
schen Bedeuten schwuren ( Antiphon de clior.
45), ’AyßovUu (in Sparta: Paus. 3, 13, 6; vgl.
das Verbum dvaßovXsvogai), ’Ayoqaia (in Sparta:
Paus. 3, 11, 9), d. i. Vorsteherin der Volks-
versammlungen auf dem Markte , M<x%civixig
(in Arkadien: Paus. 8, 36, 3), d. i. Erfinderin
von verschiedenen Entschlüssen und Listen,
JIqovoici (vgl. Dem. 25, 34. Aescli. 3,110. Paus.
10, 8, 6. lFe?c7cer, Gölterl. 2, 306. Preller, gr.
Myth ,2 1, 155 f.), Ilra&fiLa, d. h. die billig Äb-
wägende ( Hesych .) u. s. w. Der letztere Beiname
dürfte auf eine Thätigkeit der Göttin gehen
wie sie Äschylos schildert , wo Athene den
Grundsatz des Areopags aufstellt, dafs Gleich-
heit der Stimmen für den Beklagten ent-
scheide.
5) Athenes Beziehungen zur Baum-
zucht und zum Ackerbau.
In Attika und auch anderwärts scheint Athene
seit ältester Zeit wichtige Beziehungen zur
Baumzucht und zum Ackerbau gehabt zu
haben , wie sowohl aus der Erechtheussage
als auch aus dem in engem Anscblnfs an die-
selbe entwickelten Festcyklus der Athene in
Athen hervorgeht. So behauptete man, dafs
der uralte Olbaum auf der athenischen Akro-
polis, welcher nahe einer salzigen Quelle wur-
zelte und für den ältesten Olbaum von ganz
Attika galt, eine Schöpfung der Athene sei.
Es ging die Sage, Poseidon und Athene hät-
ten um die Herrschaft in Attika gestritten und
Poseidon, um seine Macht zu beweisen, zuerst
seinen Dreizack in den kahlen Felsen ge-
stofsen; „dann aber habe Athene unmittelbar
daneben den ersten Ölbaum wachsen lassen und
sei für die Schöpfung dieser den Hauptreichtum
Attikas ausmachenden Kulturpflanze sowohl
vom Erechtheus als von den Göttern als die
wahre und echte Herrin der zukunftsreichen
Stätte anerkannt worden.“ ( Apollod . 3, 14, 1.
Hygin. f. 164. Vgl. Mannhardt, W. u. F. 25 ff.).
Eine ähnliche Rolle spielte der Olbaum auf
Rhodos, wo zu Lindos gleichfalls der Athene
geheiligte Ölbäume gezeigt wurden (Anthol. 15,
11). Das Fest dieser die Ölkultur fördernden
und schützenden Athene hiefs Skirophoria, wel-
cher Name wohl mit yri GtuQQÜs d. i. der weifs-
liche Kalkboden, auf welchem die Olive vor-
zugsweise gedeiht, sowie mit dem Beinamen
der Athene Zhiqu g zusammenhängt (vgl. Momm-
sen, Heort. 54). Es fiel gerade in diejenige
Zeit, in welcher die Olive blüht und daher
vorzugsweise von Hagel, Platzregen und Sturm
gefährdet ist ( Mommsen a. a. 0. S. 55 f.).
Eine ganz ähnliche Bedeutung wie für die
Olivenzucht hatte Athene in Attika auch für
den Ackerbau. Dies ist namentlich in der Sage
von Erechtheus (s. d.) ausgesprochen, welcher
genau genommen nichts anderes als die Per-
sonifikation des Samenkornes ist und seine
Entwickelung darstellt. Erechtheus nämlich
oder Erichthonios war der Sohn des Hephaistos
und der Erde oder der Atthis, der Tochter des
Kranaos, von Hephaistos gezeugt, als seine Liebe
von der Athene schroff zurückgewiesen war.
Jns
’iJi
Athene aberzog den kleinen Erechtheus auf, be-
stellte einen Drachen zum Wächter desselben
und übergab ihn den Töchtern des Kekrops,
Aglauros, Pandrosos und Herse (s. d. u. vgl.
S. 702) in einer Kiste mit dem Verbote diese
zu öffnen. Die Jungfrauen waren aber unge-
horsam, öffneten den Kasten und wurden, als
sie das Kind von Schlangen umwunden oder
geradezu als Schlange erblickten, getötet oder
io mit Wahnsinn bestraft, indem sie sich von
dem Burgfelsen herab oder ins Meer stürzten.
Dafs sich die Erechtheussage auf Wachstum
und Gedeihen im Pflanzenreich bezieht, geht
aus den Figuren der Sage selbst hervor. „Der
sprossende Keim des Bodens (’Eqi%&6vio<; —
Gutland) wird gepflegt von den Taugöttinnen
Herse und Pandrosos sowie von Aglauros (s. d.),
der Personifikation der heiteren Luft (vgl. Ovid.
fast. l,681f. Stepli. Pyz. s. v. ’AyQccvXfj), naeh-
20 dem ihn Gaia oder Arura (der Erdboden) ans
Licht geboren hat. Die neben Pandrosos
(Paus. 9, 35, 2) verehrte Thallo (Blüte) sicherte
dem Erdensöhnchen sein Gedeihen; Thallo war
die eine der attischen Horen“ ( Mommsen , Heort.
6f.). Fragen wir, welche Bedeutung Athene
in dieser Natursymbolik habe , so kann es
auch hier kaum einem Zweifel unterliegen,
dafs Athene in der Erechtheussage die Rolle
einer gütigen, allen Wetterschaden vom Ge-
30 treide abwehrenden Wolkengöttin spielt. Die
bösen Wetter, welche dem Getreide, sobald
dessen Halme eine gewisse Höhe erreicht haben,
schaden können (Mommsen a. a. 0. 10), scheint
man sich unter dem Bilde der Gorgonen und
Giganten vorgestellt zu haben. Beachtenswert
scheint , dafs Athene selbst die Beinamen
närdgoGog und’Qyloivpog führte (Schot. Ar. Lys.
439. Harpocr. u. Suid. s. v. "AyXavqo g). Die
Feste, welche dem Erechtheus und der Athene
40 galten , waren: 1) Die Chalkeen, ein uraltes
Fest des Hephaistos und der Athene, die Er-
findung des Pfluges und die Erzeugung des
Erechtheus feiernd, 2) die Procharisterien, zu
Ende des Winters für die emporkeimenden
Saaten von allen Beamten der Athene gefeiert,
3) die Plynterien, ein Ernteanfangsfest, 4) die
Arrhephorien, vielleicht ein Dreschfest, 5) die
Panathenäen , wahrscheinlich das Fest des
Ernteschlusses (Mommsen, Heort. 7 — 14. Prel-
50 ler, gr. Myth ,2 1, 163 — 169). Wahrscheinlich
wurde mit Rücksicht auf diese ihre agra-
rische Bedeutung Athene mit Ähren in den
Händen abgebildet und Kzyatcc , d. i. Spen-
derin und Schätzerin der Habe, genannt: Hip-
pocr. de insomn. 1 , p. 378 Foes. Vergl.
A. Mommsen, Helphilca 255. Welcher , Götterl.
i, 314.
6) Athene als Schutzgöttin der
Städte (vgl. iQvGLnzolig 11. 6, 305).
eo Aus den besprochenen Funktionen erhellt,
dafs, abgesehen vom Zeus, keine andere Gott-
heit sich mehr zur besonderen Haupt- und
Schutzgöttin der Städte eignete, als Athene.
Als solche führte sie die bezeichnenden Bei-
namen nohäg (HoXiccxeg) oder nohov iog und
wurde vorzugsweise in Tempeln, welche im
Bereiche der ältesten und festesten Stadt-
teile , der Burgen oder Akropolen (noXsig,
de
685
Athene (Kult)
axQonolttg) lagen, verehrt (Ar ist. 1 p. 17 Ddf.),
was zweifellos hauptsächlich auf Athenes Be-
deutung als Göttin des Krieges zurückzuführen
l ist. Solche Tempel hatte sie nicht blofs in Athen,
■ sondern auch in Argos (’Angia Hesych.), in Me-
gara (Paus. 1,42, 4), in Sparta, wo sie von ihrem
mit ehernen Platten ausgeschlagenen Tempel
auch den Beinamen xuly.ioiY.og führte (Paus. 3,
17, lff.), und wohl überall da, wo sie noXiov%og,
: noXuxg oder noXiäug liiefs, z. B. in Chios (He-
I rod. 1, 160), Erythrai (Paus. 7, 5, 9), Priene
i ( C . I. Gr. 2904; vgl. 3048), Troizen (Paus.
2, 30, 6), Tegea (Paus. 8, 47, 5), Ilion (Dion.
Hai. 6, 69), Megalopolis (Paus. 8, 31, 9) u. s. w.
(Vgl. Index z. C. I. Gr. 4, 3 p. 16. Welcher ,
Cr. 2, 310 ff. und Preller , gr. 31. 2 1, 174, 1.)
Den berühmtesten und in jeder Hinsicht aus-
I gebildetsten Kult hatte natürlich die Göttin
von Athen , welche ursprünglich wohl der
Stadt den Namen gab (der Plural ’A&fivou 2
i bezeichnet ebenso wie AXalnofisvcR — von
’A&. ccXcdnoyivrj — wohl eine Mehrheit von
Ansiedelungen, die alle der Athene heilig
waren), später aber wieder nach ihrer Haupt-
kultstätte die athenische Göttin (’A&rivciCa,
t ’A&gvü) genannt worden zu sein scheint (vgl.
■ ’A&rjvri ’AXaXyoysvrjig). Die älteste Form des
[Namens ’A&r'ivg dürfte ebenso wie riuXXug die
Blitzgöttin bezeichnen , wenn er mit ad'-yg
Lanzenspitze, Pfeilspitze (Hesych. s. v. Fiele,
| Wörterb.2 7) zusammenhängt. Ich erinnere an
, j die Thatsache dafs die geschwungene Lanze,
! in der wir oben ein Symbol des Blitzes er-
kannt haben , wohl das älteste Attribut der
! Athene ist, und dafs man sich — wie die Bild-
werke lehren — den Blitz regelmäfsig als eine
aus metallenen Spitzen bestehende Waffe vor-
stellte. Am nächsten unter allen Gottheiten
: verwandter Völker stehen der Athene entsehie-
I den die germanischen V alkyren, welche nicht
] blofs die deutlichsten Beziehungen zu Blitzen
und Gewitterwolken haben , unter Blitz und
Donner durch die Lüfte fahren , leuchtende
i Speere, Panzer, Helme tragen und auf Wol-
kenrossen reitend gedacht wurden, von deren
Mähnen Tau in die Thäler (vergl. A. ndv-
I Sgooog) und Hagel in den Wald fällt, sondern
jauch insofern der Athene gleichen, als sie
wie diese die tapfern Helden schützen und
geleiten und als himmlische Weberinnen (d. h.
j als Göttinnen der Wolken und des von die-
sen abhängigen Wetters oder Schicksals) auf-
treten , welch letztere Funktion unverkennbar
an die Athene Ergane erinnert (vgl. Mann-
\hardt, German. Mythen S. 557 ff. Grimm, d.
Myth.'3 389 ff.). Aufserdem haben die übrigen
anerkannten Götter und Dämonen des Gewit-
ters mancherlei Züge mit der Athene gemein
I (vgl . Schwartz, Ursprung der Myth. u. Posch. er,
die Gorgonen und Verwandtes). In Betreff der
: schon frühzeitig mit Athene identificierten Mi-
’nerva s. d. u. vgl. Preller , r. Myth.3 1, 289 f.
7) Kult. Aus dem Kultus der Athene ist
hervorzuheben, dafs ihr Stiere (Suid. s. v. Tav-
goßdXog) und Kühe geopfert wurden (Ilom. II.
;6 , 93. 11, 729. Ov. Met. 4, 755; vgl. auch
\Eustuth. p. 283, 31 u. 1752, 24). Ilische Jung-
j frauenopfer zur Sühne der von dem lokrischen
Athene (Litteratur u. bisli. Deutgn.). G86
Aias gemifshandelten Kassandra erwähnt Sui-
das s. v. TtoLvrj. Im argivischen Athenekultus
spielte das Bad des uralten Götterbildes im
Inachos eine wichtige Rolle, die man durch
den Hinweis auf das Bad der aus dem Gigan-
tenkampfblut- und staubbedeckt zurückgekehr-
ten Göttin mythisch zu begründen sucht (Kul-
lirn. hymn. in lavacr. Pall. lff. u. Schol.). Heilig
war der Athene die Eule (yXav'S,), die Schlange
(Flut, de Is. et Os. 71), der Hahn (Paus. 6, 26, 2),
der von ihr geschaffene Ölbaum, die Krähe
(Paus. 4, 34, 6), die Granate (S. 689). Hinsicht-
lich der verschiedenen Athenefeste zu Athen,
Delphi u. s. w. vgl. A. Mommsens Heortologie
und Delphilca sowie Schoemann , Gr. Alt er th. 2
2, 444ff. und den Artikel Minerva in Paulys
Eealenc. 5 S. 49 ff. Ferner war ihr der dritte
Tag der Monats-Dekaden, geheiligt, was sich
wohl aus einer verkehrten Deutung des Namens
Tguoysvsia erklärt (Preller, gr. M. 2 1, 168, 2),
von Monaten der böotische ’AXaXyoye viog , der
ätolische ’A&gvcaog (K. Fr. Hermann, griech.
Monatslcunde 44. Mommsen, Delphilca 255) und
der attische Skirophorion ( Mommsen , Heortol.
442), so genannt von einem dem Schutze der
Olive geltenden Feste, bei welchem die Priesterin
der Athene den ersten Rang einnahm. Zusammen-
stellungen der hauptsächlichsten Kultstätten der
Athene findet man bei E. Rückert, Der Dienst
der Athene nach seinen örtlichen Verhältnissen
dargestellt. Hildburgh. 1829. C. 0. Müller „Pal- -
las“ in Alle/. Encycl. 3, 10 (1838) = Kl. Sehr.
2, 134 ff. Gerhard, Gr. Myth. (1854) § 246 ff.
Litteratur und bisherige Deutungen.
C. 0. Müller , Minervac Poliadis sacra etc.
Gotting. 1820. Ders., Pallas Athene in Allg.
Encycl. 3, 10 (1838) = Kleine Sehr. 2, 134ff.
Welcher , Äscliyl. Tril. p. 277 ff. Ders. Götter-
lehre 1, 298ff. u. 2, 778ff. Rückert, Dienst der
Athene nach seinen örtl. Verhältnissen. Hild-
burgh. 1829. G. Hermann, De graeca Minerva
Lips. 1837 = Opusc. 7, 260 ff. Creuzer, Sym-
bolik 3, 308 ff u. 505 ff. Jacobi, Handwörterb.
(1835) 1 5 6 ff '. Lauer, System d. gr. Mytli. (1853)
311 ff. Krause in Paulys Realenc. 5, 42 ff.
Gerhard, Gr. Myth. (1854) 1, 224 ff. Preller ,
Gr. Myth 2 1, 145 ff. Schwartz, Ursprung d.
Myth. (1860), 8 3 ff. Benfey, TP LT AN LA A&ANA,
besond. Abdruck aus den Nadir, von der legi.
Ges. d. TFiss. Göttingen 1868. 31. Müller,
Vorles. üb. d. TFfss. d. Sprache, deutsch v. Bött-
ger 2 2, 534 ff. Myriantheus in d. Augsburger
Allg. Ztg. Beilage 1875 S. 2770 ff. Roscher,
Die Gorgonen und Vencandtes (1879), 52 und
72 ff. Ders. Nektar u. Ambrosia (1883), 93 ff.
Voigt, Beiträge zur Mythologie des Ares und
Atliena. Leipzig. Studien 4, 239 f. Die frü-
heren Deutungen s. b. Lauer a. a,. 0. 318 f.
Rückert und G. Hermann fassen Athene eben-
so wie einige antike Erklärer als Personi-
fikation der Weisheit. Welcher, Preller u. a.
deuten sie als Äthergöttin, wobei freilich
manche Funktionen der Athene völlig unver-
ständlich bleiben. 31. Müller a. a. 0. S. 534
will auch in Athene die Morgenröte erken-
nen. Der erste, welcher mit Bestimmtheit die
Athene als Göttin der Gewitterwolke erklärt
hat, ist Lauer gewesen, dem sich dann Schwartz,
687 Athene in cl. Kunst (thronend)
Athene in d. Kunst (thronend)
Benfey *) , Myriantheus und Boscher ange-
schlossen haben. Diese Deutung allein ver-
mag fast alle Mythen und Funktionen der
Athene auf eine gemeinsame Wurzel zurück-
zuführen. Einzelne Mythen, in welchen Athene
eine Rolle spielt, s. unter Achilleus, Aias,
Aigis, Argo, Argonauten, Bellerophon , Dai-
dalos , Danaos, Diomedes, Erechtheus, Erich-
thonios, Giganten, Gorgonen, Herakles, He-
phaistos, Kadmos, Kekrops, Marsyas, Prome-
theus, Odysseus, Perseus, Telemachos, Teire-
sias, Tydeus etc. [Roscher.]
Athene in der Kunst.
Die Anfänge der Bildung der Athene gehen
in die dunkeln ältesten Zeiten zurück; ja sie
weisen über Homer hinaus. Ein scharfer Dua-
lismus geht durch dieselben, wohl dem ent-
sprechend , der ursprünglich zwischen Pallas
und Athene bestanden haben mag, die bei Ho-
mer bereits ein unzertrennliches Ganzes sind.
Die Gegensätzlichkeit besteht darin, dafs wir
einerseits einen ruhig, unbewaffnet, mütter-
lich thronenden (wir nennen ihn den der Athene
Polias) , und andererseits einen die W affen
schwingenden , stehenden oder schreitenden
(wir nennen ihn den der Palladien) Typus
finden.
1) Der thronende Typus.
Das Bild der Athene in ihrem Tempel zu
Ilion, das in der Ilias Z 90, 302 erwähnt wird
(die älteste Erwähnung eines Götterbildes über-
haupt), war ein Sitzbild (vgl. Strdbo 13 p. 601).
Endoios der Kreter und Dädalide machte ein
Sitzbild, das vor dem alten Poliastempel der
Burg zu Athen geweiht war (Paus. 1 , 26, 4) ;
ein anderes Sitzbild von Holz machte derselbe
als Bild der Polias für Erythrai, die alte athe-
nische Kolonie; demselben gab er einen Polos
auf den Kopf und die glccnürrj in jede Hand
(Paus. 7, 5 , 9) ; andere alte Sitzbilder gab es
nach Strabo 13 p. 601 in Phokaia, ebenfalls
altattischer Kolonie mit Poliaskult. , in der
Kolonie Phokaias Massalia, iu Chios und in
Rom , sowie in anderen Städten. Wie das
uralte Holzbild der Polias zu Athen ausgese-
hen hat, ist uns leider nirgends ausdrücklich
berichtet; die Frage ist vielfach, zuletzt von
0. Jahn, de antiqiiiss. Min. Pol. simulacris
und Gerhard, alcad. Abh. 1, 255 ff. behandelt
worden. Nach meiner Ansicht geht schon aus
den obigen Nachrichten über die Poliasbilder
der ältesten attischen Kolonieen hervor, dafs
auch das Bild Athens ein Sitzbild war; dies
zu bestätigen kommt vieles hinzu: vor allem
die kleinen Votivbilder, die der Göttin vor ihrem
Tempel selbst dargebracht wurden und die
sicherlich nicht eine vom Kultbilde total ver-
schiedene Bildung zeigten; alle jene altertüm-
lichen Votivstatuetten aus Terracotta, die in
grofser Zahl und zum Teil in grofser Tiefe auf
der Burg Athens gefunden wurden, zeigen aber
eine thronende Göttin mit Polos auf dem
Haupte, ohne alle Waffen oder Attribute ; die-
selben Figuren wurden auch den Toten zu Athen
ins Grab gegeben; zuweilen, aber selten, ward
eine Aigis auf die Brust gemalt oder ein hoher
Helmkamm aufgesetzt (s. Panoflca, Perl. Ter-
racott. Tf. 2. StacJcelberg , Gräber d. Hellenen
Taf. 57. Gerhard, Ges. Abh. Taf. 22. Arcli.
io Ztg. 1882, S. 265); dazu kommt ein Sitzbild
aus Marmor auf der Akropolis (Le Bas, voy.,
mon. fig. pl. 2, 1; Jahn a. a. 0. Taf. 1, 2, 3),
das von einigen (Jahn a. a. 0. p. 5 ff.) dem
Endoios zugeschrieben wird, was indes nicht
erweisbar ist; die Statue zeigt in der beweg-
teren Haltung der Beine ein Ab weichen von
dem starren Typus ; auch zeigt sie die Aigis, die
demselben ursprünglich wohl nicht zukam. —
Die Stellen attischer Dichter, die 0. Jahn als
20 Zeugnisse für die den Palladien gleiche Bil-
dung der Polias anführt (Aesch. Eum. 79, 258;
30
40
ra Thronende Athene (nach Stackelberg , Gräber der Hell.
Taf. 57).
*) Wenn Benfey a. a. 0. 24 Athene als Göttin der
Weisheit direkt aus dem Blitze erklären will, insofern
dieser alles, auch das tiefste Dunkel, erhelle, so spricht
dafür der Umstand, dafs die Griechen den Blitz mit
einem treffenden oder zündenden Gedanken verglichen
haben (vgl. oben S. 678, 26. 682, 20).
Soph. Hl. 1254; Hur. Hel. 1234; Arist. av. 830)
sind dies nicht; die in der Dichtung herr-
schende Vorstellung von Athene ist von Homer
an eine von jenem sitzenden waffenlosen Polias-
typus so durchaus verschiedene, sodafs es denk-
bar wird, dafs sich auch die attischen Dichter
selbst bei Erwähnung des Poliasbildes nicht
mehr genau an denselben hielten, sondern
60 die gewöhnliche Vorstellung einfliefsen liefsen,
was um so mehr geschehen konnte, als jenes
heiligste Bild gewifs nicht immer oflen zu
sehen war. Die Panathenäischen Preisvasen
aber, die Jahn ebenfalls für seine Ansicht an-
führt , beabsichtigen offenbar überhaupt nicht
ein bestimmtes Bild wiederzugeben , sondern
wollen nur das Gefafs mit einer Figur der
Stadtgöttin alsGöttin, nicht alsldol schmücken;
war
I kn i
Ifc
IWl
' .«
689 Athene in d. Kunst (waffenschwingend)
Athene in d. Kunst (waffenschwingend) 690
der einmal gewählte Typus blieb dann natür-
lich als Marke durch alle Zeiten bestehen.
Genau dasselbe ist mit den Münzen Athens der
Fall; auch sie wollen nicht den Kopf eines
Bildes, sondern den der Göttin selbst geben;
der gewählte behelmte Typus blieb auch hier
aus denselben Gründen unverändert. Die
Spendereliefs bei Gerhard, AJcad. Ahh. Tf. 23,
3. 5. 6; Jahn a. a. 0. Taf. 3, 2 haben gar
nichts mit der Polias zu thun; die Schlange io
daselbst ist die übliche der Heroenreliefs. —
Scliliefslich sei darauf hingewiesen, wie sehr
dieser Typus einer ruhigen, mütterlich walten-
den Gottheit, der übrigens allen den weit und
unbestimmt gefafsten weiblichen Hauptgott-
heiten in alter Zeit eigen gewesen zu sein
scheint, zu dfm Charakter des ältesten pelas-
gischen Athenekultes stimmt. — Noch ein an-
deres Bild der Burg von Athen gehört indes
hierher: das der Athena Nike; es war nach 20
Heliodor (bei Harpocf. s. v.) ein ’goavov mit
der Granate in der Rechten und dem Helme
in der Linken ; eine Nachbildung desselben
machte Kalamis (Paus. 5, 26, 6) für die Man-
tineer nach Olympia. Eine Hydria späteren,
schwarzfigurigen Stils ( Gerhard , Aus. Vas. 242,
1, 2 = Jahn a. a. 0. Tf. 1, 1) zeigt ein Kult-
bild der Athene, vor dem geopfert wird (wo-
durch allein schon Jahn widerlegt wird, der
darin die Votivstatue des Endoios vermutete, 30
a. a. 0. p. 6), sitzend, ohne Aigis, im ionischen
Chiton, den Helm in der Linken, die Schale
in der Rechten; Benndorf, (Kultbild der Ath.
Nike S. 22) bemerkte die Ähnlichkeit mit der
Athena Nike, nahm jedoch an der fehlenden
Granate Anstofs; Genauigkeit darf man indes
bei einem Vasenmaler nicht voraussetzen, auch
wenn er ein bestimmtes Bild wiedergeben will ;
eine ebenfalls schwarzfigurige Oinochoe in Al-
tenburg (unpubl.) zeigt dieselbe sitzende Athene 40
zwar mit dem Helme auf dem Kopfe , doch
den Granatapfel in der Linken. Das Vorbild,
das £ oclvov auf der Burg, gehörte gewifs sehr
alter Zeit an, wo der Begriff der friedlichen,
Fruchtbarkeit verleihenden Göttin noch der
vorwiegende war; der kleine Tempel der
Athena Nike ward wahrscheinlich erst wäh-
rend oder kurz vor dem Propyläenbaue errich-
tet. Die Hypothese Benndorfs ( Kultb . d. Ath.
Nike, Wien 1879), der Kimon nach der Schlacht 50
am Eurymedon Kult , Tempel und Bild der
Athena Nike neu errichten läfst, kann ich aus
Gründen, die hier anzuführen zu weitläufig
wäre , nicht teilen. — Auch in Erythrä ward
neben der Polias eine Athena Nike verehrt
\(Mova. tvuyy. G%oXi,g, Smyrna 1, p. 104).
2) Der waffenschwingende Typus.
In Gestalt von bewaffneten Idolen wurden
in ältester Zeit mehrere Gottheiten verehrt
(wie Apollon, Aphrodite, Hera); doch ver- co
schwand diese Bildungsweise bald und blieb
nur für Athene, wo sie die weiteste Verbrei-
■ tung fand, unterstützt durch den in der Sage
sich immer mehr ausbildenden kriegerischen
Jharakter der Göttin. Auch dieser Typus der
Athene ist gewifs älter als Homer, erwähnt
wird er indes nicht bei Homer; derselbe nennt
n Troja nur jenes Sitzbild und kennt das Pal-
ladion nicht, auf welches die späteren Sagen
alle die verschiedenen Palladien zurückführen.
Diese Palladien waren aber immer bewaffnete
stehende Bilder. Man mufs indes unterschei-
den, wie die ältere griechische Kunst die Pal-
ladien und auch das troische dachte — völlig
bewaffnet und kriegerisch — und wie das
Kultbild der ’lXeceg ’A&yvcc in Neu-Ilion aus-
sah, nach welchem offenbar die Beschreibung
des troischen Palladions bei Apollodor 3, 12, 3
gemacht ist. Dieses letztere war ein eigentümli-
ches Mischbild; es hatte geschlossene Beine und
hielt in der Rechten t 6 öoqv SiyQpivov, in der
Linken Spindel und Rocken; mit dieser Be-
schreibung stimmen aber die Münzbilder von
Neu-Ilion genau überein, die von hellenistischer
Zeit an durch die römische gewöhnlich dies
Idol zeigen (am genauesten wohl unter den
Pulladioii (nacli Jahn , cle ant. Min. simulacris • (ab. 3, 7).
spätem Kaisern); denn an dem Spinnrocken
in ihrer Hand, der fälschlich gewöhnlich für
eine Fackel oder Schlüssel erklärt wird , ist
nicht zu zweifeln. Bei Eusth. ad II. Z p. 627
wird noch eines niXog auf dem Kopfe gedacht;
schon Jahn hat xroXog verbessert; bestätigt
wird dies durch jene Münzen, die immer den
Polos resp. Kalathos zeigen. Dieser sowie der
Spinnrocken weist auf jene friedliche sitzende
Athene, deren Tradition ohne Zweifel in der
Gegend geblieben war; der Speer, die stehende
Stellung gehören dem bewaffneten Typus an;
ob diese Mischform erst mit Neu-Ilion ent-
691 Athene in cl. Kunst (waffenschwingend)
Athene in d. Kunst (waffenschwingend) 692
stand, lasse ich dahingestellt. Das trojanische
Palladion, wie es die ältere griechische Tradi-
tion sich dachte, hat wohl nie, weder in Ilion,
noch in der Umgegend existirt; es ist eben
der Typus, der in der alten Zeit in Griechen-
land selbst der weitaus beliebteste war.
Man hat zwei Unterabteilungen dieses Ty-
pus zu unterscheiden: a) mit geschlossenen,
b ) mit ausschreitenden Beinen. Der erstere
ist der an und für sich ältere; irgend ein wesent- 10
licher Unterschied zwischen beiden waltet nicht
ob. Immer ist der Speer in der Rechten geho-
ben und gezückt, immer ist die Linke mit dem
Rundschilde bewaffnet vorgestreckt, der Kopf
in der Regel vom Helme bedeckt; die Aigis
ist dagegen nicht wesentlich ; sie fehlt sehr
häufig. Das auf Darstellungen des Palladion-
raubes vorkommende troische Palladion hat
immer die geschlossenen Beine und ermangelt
meist der Aigis (z. B. Overbeck, Gail. her. Bildw.
Taf. 24, 19. Ann. d. Inst. 1858, tav. M ■
Kassandravase bei Fröhner , coli. Barre pl. 6);
es ist ein Eindringen späterer Elemente, wenn
vereinzelt die Aigis statt des Schildes vor-
gestreckt erscheint (Schale des Hieron Mon.
d. Inst. 6 , 22). Opfer an Athena in diesem
Typus auf altattischen Vasen (Berlin, Furtw
No. 1G86; Journal of hell. stud. 1,
pl. 7). Auf Reliefs (z. B. I). a. K.
2, 214a; Hühner, Augustus Tf. 2)
und Münzen ist der Typus mit ge-
schlossenen Beinen häufig; gewöhn-
lich hängt ein kurzes shawlartiges
Gewand in steifen Falten von den
Schultern; so als Beizeichen korinthi-
scher Didrachmen ( Mionnet 1, 319,
No. 992); auf Münzen von Melos, ganz
von Schlangen umzingelt {D. a. II. 2,
213; vgl. das melische Relief Jahn
a. a. 0. Tf. 3, 7 ob. S. 690), von Pha-
selis (iE) , und besonders auf denen
von Pergamon (AR, noch des 3. Jhh.),
wo indes der Kalathos statt des Helmes auf
eine ähnliche Mischung mit der Polias deutet
wie in Neu- Ilion; auch auf dem kleinen Friese
des Pergamenischen Altars kommt der Typus
als Statue vor, leider ohne Kopf. Zwei Pal-
ladien auf später Kupfermünze Phokaias. Die
Figur der dem Kleomenes 111 zugeschriebenen
spartanischen Münze ( num . chron. n. s. 13,
pl. 5, 3; T>. a. II. 2, 224) ist indes nicht Athene
sondern die bewaffnete Aphrodite Spartas
(s. Aphr.). — Häufiger ist der zweite, der aus-
schreitende Typus; ihn zeigen vor allem die
zahlreichen panatlrenäischen Preisamphoren (ob.
S. 679), von denen die älteste {Mon. d. Inst. 10,
48 a) bis ins 6. Jahrh. heraufgehn mag, während
die jüngsten ans Ende des 4. Jahrh. gehören.
Die Aigis ist hier die Regel bis gegen die
Mitte des 4. Jahrhds. {Mon. 10, 47; 481, n, c, eu
cl, b); später wird sie durch blofse Kreuzbän-
der ersetzt, an denen Schlangen und Gorgo-
neion befestigt sind, und wird jener steif ge-
fältelte Shawl über die Schultern zugefiigt
{Mon. d. Inst. 10, 47 aff. bis 48 a). Häufig auf
Münzen namentlich hellenistischer Zeit; so auf
denen von Tegea, Thessalien, Athen (JE), Me-
tapont, Syrakus unter Pyrrhos ( Brit . Mus. cat.
Sic. p. 207), Side, zuweilen auch Pergamon;
ferner auf archaischer Gemme ohne Aigis, doch
von Schlangen ganz umzingelt, D. a. II. 2,
214. Eine eigene Modifikation tritt in den
Münzen Makecloniens auf unter Antigonos Go-
natas: statt des Speeres schwingt Athene den
Blitz, und die Aigis nebst Gorgoneion ist auf
dem Rundschilde aufgespannt ; Nachahmung
fand dieser Typus bei den baktrischen Köni-
gen (besonders schön auf den AR des Menan-
der, auch des Apollodotos) ; ebenso mit Blitz,
Athene vom ägin. Tempelgiehel (nach Müller- Wieseler ,
D. a. IC 1 Taf. 8B Fig. f.).
doch Aigis statt Schild auf dem Arm in Pha-
selis (vE). — In Relief erscheint der Typus
z. B. auf einer echt archaischen Votivplatte
von der Akropolis, Schöne, gr. Bel. No. 84.
Auch statuarisch ist er erhalten; in kleinen
Bronzen von der Akropolis {Bofs, arch. Aufs. 1,
Tf. 7 = Fröhner, not. de la scülpt. du Louvre
p. 140) und Athen {Murray, hist, of gr. scidpt.
' 693 Athene in d. Kunst (waffenschwingend)
| 2, pl. 10, 1, fein, dem Kopfe nach bereits gegen
Mitte 5. Jahrh.). Auch die Statue vom ägineti-
schen Giebelfeld {Clarac 457, 842) gehört hierher,
obwohl sie den Speer nicht hoch gehoben hat;
die Beine sind nur wenig getrennt; die Ge-
wandung ist hier deutlich ein sog. ionischer
l Unterchiton mit Ärmeln und ein ebenfalls lan-
j ges Obergewand, das auf der rechten Schulter
unter der Aigis geheftet, oben mit einem Über-
] schlage versehen ist und die linke Brust frei-
lassend unter der linken Achsel durchgeht;
dasselbe ist bis da wo der Überschlag be-
ginnt, zugenäht und an keiner Seite offen.
Ebenso ferner an dem Dresdener Torso {Cla-
I rac 4G0, 855), wo die Stellung bereits eine
eigentlich ausschreitende ist und die Lanze,
wie es der Typus verlangt, hoch erhoben war ;
die Gigantomachiedarstellungen auf dem Ober-
gewande sind hier aus demselben Grunde an-
gebracht, wie man sie auf den der Polias dar- 20
I gebrachten Peplos in Athen stickte; aber die
Absicht, einen solchen oder gar das Poliasbild
I selbst zu kopieren, liegt durchaus nicht vor;
die schöne Arbeit gehört noch bester grie-
b chischer Zeit an. Sehr ähnlich ist Clarac
462 D, 842 B (Albani), ein späteres archaisti-
sches Werk; der Schlangengürtel, von zwei
der Schlangen der hinten lang herabreichen-
den Aigis gebildet hier wie dort; ebenso auch
in Bronze: v. Saclccn , Wien. Br. Tf. 8, 1 (wohl so
t echt archaisch). Ein späteres Motiv, die Ai-
gis auf dem vor gestreckten Arm, in ar-
| chaistischer Statue in Neapel: Clarac 459, 848.
| Vereinzelt der Torso Clarac 473, 899 D = D. a.
K. 2, 201 mit einem Gürtel aus Löwenfell über
: 1 der Aigis. Der besterhaltene archaische Kopf
der Athene stammt von der Akropolis ( Bötti -
f. j eher, Al/giisse in Berlin No. 87). Ähnlich, mit
1 grofsem, vorquellendem Auge die alte Reihe
j I der Köpfe der athenischen Münzen; das lockige 40
H Vorderhaar ist an denselben immer in die
Münze v. Athen (nach Friedländer-Sallet,
Münzk. Berlin- Taf. 1 no. 54).
I Stirne herabgekämmt ; erst in den späteren,
des „strengen“ Stiles ist es in zwei Schleifen
nach den Seiten zurück gestrichen; jenen älte-
sten ähnlich sind einige der vorzüglichen Sil-
berstücke von Pharsalos, an welchen der Helm
I zuweilen vorn mit Schlangen besetzt ist.
In Handlungen erscheint Athene schon
sehr früh, besonders in Gesellschaft des Herakles
u. a. ihrer Lieblingheroen. Eine Anzahl der- GO
selben und zwar gerade der ältesten, hat ein
besonderes typisches Interesse, indem sie
nämlich die Athene waffenlos zeigen. Sie
gehören alle mehr oder weniger direkt dem
Kreise altionischer Kunstübung an und sind
uns so eine Bestätigung für die oben nachge-
wiesene pelasgisch-ionische waffenlose Athene.
Voran die typisch durchaus zur ionischen
Athene in d. Kunst (Handlungen) 694
Kunst zu rechnende Selinuntische Metopie mit
dem die Medusa tötenden Perseus; dann die
zwei chalkidischen Vasen mit Inschrift bei
Gerhard, A. V. 323, 1. 2, die wahrscheinlich
chalkidische ib. Taf. 119, 1; die Buccherovase
Micali, stör. 22; die altattiscbe Arch. Ztg.
1882, Tf. 9, die Fran^oisvase. Ferner wenig-
stens nur mit Helm oder Lanze, ohne Schild
und Aigis: die chalkidische Gerhard, A. V.
io 95, die den chalkidischen nahe altattische
ib. 129 , ferner ib. 223. — Die gewöhnliche
Tracht auf den schwarzfigurigen attischen Va-
sen ist der blofse ionische Chiton und die
grofse den ganzen Oberkörper deckende Aigis.
Athenes Geburt ward schon durch die
archaische Kunst fixiert; der ebenso naive als
einfache verständliche Typus zeigt Athene mit
dem einen Beine eben aus dem Schädel des
Zeus stürmisch heraustretend , meist in voller
Rüstung (doch ohne Aigis und Helm, z. B.
695 Athene in d. Kunst (sfcr. Stiles)
Athene in d. Kunst (str. Stiles) 696
Gerhard , A. V. 1) und in kleiner Figur: vgl.
die Vasen Elite cer. 1, 60 ff. Gerhard, A. V.
1, 1 ff. Mon. d. Inst. 9 , 55, auf korinthisches
Original zurückweisend; ferner ein sehr merk-
würdiges, altitalisches Gefäfs im Louvre (Gaz.
archeol. 1882 — 83, pl. 32). Vgl. B. Schneider ,
Geburt der Athene S. 9 ff.
Periode des strengen Stiles.
1) Der ausschreitende, die Waffen schwin-
gende Typus bleibt auch in diesem Stile noch
beliebt; doch die Gewandung wird bedeutend
vereinfacht; dorischer Chiton mit kurzem, un-
gegürtetem Überschlag ist jetzt die Regel. So
die schöne Bronze von der Akropolis in
Berlin (. Arch . Ztg. 187.8, Taf. 10) und eine
andere ebenda No. 6242 ohne Aigis; fer-
ner zwei prächtige Bronzen im Louvre
(No. 38) und British Museum mit korinthi-
schem Helm; auf dem vorgestreckten einen
Arm sitzt einmal die Eule , der andere
schwingt die Lanze. Das Vorstrecken der
Aigis als Waffe auf dem linken Arm
kommt in dieser Periode airf, wo die Ai-
gis überhaupt den Schild allmählich ver-
drängt.
2) Neu hinzu treten die immer mehr an
Bedeutung gewinnenden ruhig stehenden
Typen; die Waffen dienen hier nur noch als
Attribute und sind nicht zum Gebrauche ge-
zückt, der Schild steht an der Erde oder fällt
ganz weg; die Lanze wird meistens aufge-
stützt und zwar mit der Linken, so dafs die
Rechte frei ist, die dann ein anderes Attribut,
namentlich'Schale oder Eule trägt. Die Haupt-
typen sind: Marmorstatue der Akropolis (v. Sy-
bel, Katal. No. 5003), dorischer Chiton mit ge-
gürtetem Überschlag, Rechte erhoben, Linke
in die Seite gestützt, strenge Stellung; Stil um
460. Figur auf einer Silbermünze von Kama-
rina ( Brit . Mus. cat. Sic. p. 33). Bronzen aus
Campanien, Gas. arch. 1881 pl. 7, ungegürte-
ter Überschlag, beide Unterarme vorgestreckt,
und Arch. Ztg. 1382, Tf. 2, ebenso, doch weni-
ger streng, auf der Rechten die Schale; ähn-
lich in Gewandung und strenger Stellung die
gegen 460 zu datierende Metope Olympias mit
der Reinigung des Augeiasstalles ( Ausgr . von
Olympia Bd. 2, 26 A). Ein Obergewand, das auf
der rechten Schulter geknüpft, an der rech-
ten Seite offen ist und einen langen Überfall
hat, ist ebenfalls beliebt; es ist offenbar die
Weiterentwickelung des oben in der archaischen
Periode geschilderten; es tritt immer mit dem
ionischen Chiton auf : Hauptwerk die Statue
der Villa Albani ( Clarac 472, 898 B) , Kopie
nach einer Bronze von schweren Proportionen;
der sehr merkwürdige Kopf mit krausem, locki-
gem, hinten kurzem Haare und einer anschlie-
fsenden Mütze vom Fell eines Löwenkopfes
bewahrt im Gesichte strenge Züge , die vom
Kopisten jedoch mit anderen des schmalen
späteren Ideals gemischt wurden; ohne ge-
nügenden Grund wollte man den Typus pelo-
ponnesisch nennen. Ferner kleinere Bronzen:
Stephani, Conipte renäu 1867, p. 153 und eine
Replik Sachen, Wiener Br. Tf. 5, 4: in der
gesenkten Linken ruht die Lanze , auf der
Rechten die Eule, rechtes Standbein, strenge
Stellung; dasselbe Obergewand ohne Über-
schlag: Sacken, ib. Tf. 10, 3. 3a, der linke
Arm in die Seite gestützt, die Rechte leer
vorgestreckt, anmutige Kopfneigung. Der Kopf-
typus all dieser Figuren ist streng, doch ziem-
lich breit und voll, der Helm immer der sog.
attische. Jene Tracht ist aber auch die in
den attischen Vasen des strengen rotfigurigen
Stiles besonders beliebte (das Obergewand
io meist ohne Überschlag: Gerhard, A. V. 18.
116 126. 147. 148. 202. 203, mit demselben
229). Der Mautel ist selten ; doch zeigen ihn
z. B.: ein Votivrelief noch halb archaischen
Atliene (Statue in Villa Albani).
C0
Stiles von der Akropolis (unvollständig bei
Schöne, gr. Iiel. No. 83); Bronze strengeren Cha-
rakters : Bronzi d' Erc. 2,p.23, auf der Rechten
Schale und Eule ; treffliche Bronze im Musee Cluny
zu Paris (No. 1221) , Eule als Trägerin des
Helmbusches; auch schon auf spät schwarzfig.
Vasen erscheint der Mantel zuweilen. — Die
Aigis beginnt freier behandelt und verkürzt zu
G97 Athene in d. Kunst ( Pheidias etc.)
Athene in d. Kunst (Pheidias etc.) 698
werden; die Nachbildung einer strengen Sta-
tue auf dem kleinen Friese des Pergamenischen
Altars zeigt die Aigis bereits quer über die
Brust gelegt doch noch die Hüften bedeckend;
die Linke auf die Lanze gestützt, in der Rech-
ten die Schale. Die Aigis fehlt übrigens auch
auf den Vasen strengen Stiles noch öfter und
wird zuweilen durch ein Gorgoneion auf dem
Schilde ersetzt. Die Aigis selbst aber wird
überaus häufig ohne Gorgoneion gebildet. —
Ein seltenes Motiv ist jetzt das Sitzen: es zeigt
sie so ein Vasenbild, doch offenbar in Remi-
niscenz an statuarische Bildungen: Arch. Ztg.
1875, S. 88, den Speer in der Rechten, auf der
vorgestreckten Linken die Eule; der Sitz ist
mit einem Pegasos geziert, welcher der Athene
in der altern Kunst überhaupt enge verbunden
ist, oft z. B. ihr Schildzeichen bildet (Benn-
dorf, gr. u. sic. Vasenb. Tf. 31, 2 b), der Re-
vers der korinthischen Münzen ist etc. Erst
in dieser Periode endlich begegnen wir der
Athene mit korinthischem Helme ; die Reihe
der korinthischen Silbermünzen mit dem Kopfe
der Athene (der indes von einigen für den der
bewaffneten Aphrodite gehalten wird) scheint
erst mit dem strengen Stile
zu beginnen (ein schönes
Exemplar der Berliner Samm-
lung in der beistehenden Ab-
bildung); sehr ähnlich sind
den ältesten derselben die
frühesten vonSide. Der Kopf
hat überaus knappe Formen
Korinth. Münze im und bildet einen scharfen
Berliner Kabine t. Gegensatz zu dem Typus
der attischen Münzen; das Haar ist vorn und
am Ohr hereingekämmt und hängt hinten
streng und gerade herab und nur die Enden
sind kurz aufgebunden; der Helm ist immer
zurückgeschoben.
Pheidiasische Periode.
Hauptwerk die goldelfenbeinerne Parthe-
nos des Pheidias; ausführlich handelten über
dieselbe zuletzt K. Lange (in den Mitt. d. Atli.
Inst. 6, S. 56ff. und Göttinger gel. Ans. 1883, St.
10) und Th. Schreiber (in den Abh. d. sächs.
Ges. d. Wiss. Bd. 8, 545 ff., wo die vorhandenen
Kopieen zusammengestellt und kritisch geprüft
sind, und Arch. Ztg. 1883 S. 193ff. 277 ff.); die
wichtigste der erhaltenen Kopieenrömiscber Zeit
s. in beisteh. Abbildg. Das Gewand der Göt-
tin ist der einfache dorische Chiton mit lan-
gem Überschläge, über welchem sie mit Schlan-
gen gegürtet ist (was von der archaischen
Periode beibehalten ist, obwohl die Schlangen
i nicht mehr von der Aigis ausgehen, die hinten
nicht länger ist als vorne) ; das rechte ist das
i Standbein, das linke entlastet daneben gesetzt;
die Falten einfach und etwas schwer; die Haare
fällen noch wie in der archaischen Zeit in
I Locken auf die Brust. Der Kopf zeigt kräf-
i tige Formen, etwas hohes Untergesicht, mehr
runden und breiten , als länglichen schmalen
Umrifs; vgl. ein der Parthenos ungefähr gleich-
zeitiges Köpfchen der Akropolis, Mitt. d. Inst.
6, S. 188. Tf. 7. Der Helm hatte drei Büsche,
deren mittlerer von einer Sphinx und die seit-
lichen von Begasen, nicht Greifen, gestützt
wurden; vorn über dem Stirnbande war eine
Reihe von Protomen abgebracht und zwar
wahrscheinlich abwechselnd von Greifen und
Pferden resp. Pegasen; vgl. namentlich das
Goldrelief der Krim Antiqu. du Bosph. Gimin.
pl. 19, 1; Mitt. d. Athen. Inst. 1883, Tf. 15
(wo die Pferdeköpfe allerdings Rehen ähnlich
sehen). Die späteren attischen Münzen, die
ebenfalls auf die Parthenos zurückgehen, zei-
10 gen bald Greife, bald Pegasen an dieser Stelle
(nicht aber Eulen, wie Lange , Mitt. 6, S. 82
behauptete). Die aufgeschlagenen Backenklap-
pen waren mit je einem Greif geziert (jenes
Goldrelief und die Gemme des Aspasios, Millin,
galt. myth. 37,
132. Cadesimpr. V X
6, 21); dafs die
Eule auf einer
derselben geses- tr 4TA
20 sen habe (wie ..
neuerdings be-
hauptet wurde,
siehe Mitteil. d.
Ath. Inst. 1883,
S. 304), ist über-
40
50
Athene (Kopie d. Parthenos d. Pheidias aus röm. Zeit).
aus unwahrscheinlich ; ein reiches Halsband und
Go Ohrringe vervollständigten den Schmuck. Auf
der vorgestreckten Rechten trug sie eine schräg
nach aufsen fliegende kleine Nike mitTänie (nicht
Kranz); die Hand war wahrscheinlich unter-
stützt durch eine Säule; (Schreiber a. a. 0. führt
Gründe gegen dieselbe an). Im linken Arme
ruhte die Lanze , die Hand lag auf dem zur
Seite gesetzten Schilde, der mit einem zweiten
Gorgoneion (das andere auf der Aigis) und mit
699 Athene in d. Kunst (Pheidias etc.)
Amazonomachie aufsen und Gigantomachie in-
nen geziert war; auf dem Sohlenrande der
Sandalen war eine Kentauromachie gebildet;
zwischen dem linken Beine und dem Schilde
lag die Schlange. Die Basis, deren Funda-
mentplatten noch in situ liegen (vgl. Mitt. d.
Inst. 6, S. 283 ff.), war vorn mit der Geburt
der Pandora geziert. Das Ganze vereinigte
die Ideen der friedlichen alten Polias, der ab-
wehrenden kriegerischen und der siegreichen i
Göttin. Die Wirkung des Bildes auf die nach-
folgende Kunst war eine ungeheuere und läfst
sich noch ziemlich deutlich verfolgen. . Zu-
nächst iu den athenischen Monumenten, in
zahlreichen gröfsern und kleinern Statuen und
Reliefs besonders des vierten Jahrli., die durch
allerlei kleine Varianten hindurch doch jenes
Urbild deutlich erkennen lassen. Vgl. Schrei-
ber a. a. 0. S. 575ff. 592; von Reliefs s. bes.
Schöne, gr. Hel. No. 48. 49. 55. 60. 62. 65. 75. 2
76. 85; mit ionischem Armeichiton Michaelis
Parth. Tf. 15, 17; den Schild am linken Arme:
Bull, de corr. hell. 2 , pl. 10 vom Jahr 395.
Bei der grofsen Umwandlung des attischen
Geldes nach Alexander wurde der Kopf der
Parthenos mit seinem reichen Helmschmucke
auf die Silbermünzen gesetzt (über die Nach-
ahmungen desselben Beule, monn. d' Ath. p. 90).
Auf den vielen Goldarbeiten der Krim aus dem
4. Jahrh., welche attischen Einflufs bezeugen, 3
ist der Athenekopf in mehr oder minder naher
Anlehnung an die Parthenos häufig; aufser
dem schon oben genannten Relief vgl. z. B.
Ant. du Bosph. 19, 3. Compte rendu 1865, 3,
14 u. a. Auf Münzen kommen schon früh
Nachbildungen der ganzen Gestalt vor: auf
einer cilicischen von 370, s. v. Sallet, numism.
Ztsclir. Bd. 10 1882, S. 152. Münze des An-
tiochos VII, _D. a. K. 2, 203. Sehr schöne Sil-
bermünzen von Side, dem Stile nach noch vom 4
Ende 5. Jahrh., zeigen teils — die strengeren
— auf der Rechten die Eule, teils die Nike ; Stel-
lung, Gewandung, Attribute wie bei der Parth. ;
ähnlich ferner auf guten Bronzemünzen von
Thessalien; selbst als Beizeichen korinthischer
Didrachmen etc. Aber auch die grofse sta-
tuarische Kunst in Athen bewegte sich län-
gere Zeit immer um das Centrum der Parthe-
nos, sich ihr bald mehr, bald weniger nähernd.
Von den übrigen Athene -Statuen des Pheidias 5'
selbst wissen wir leider nichts Genaueres. Doch
die Athene Hygieia des Pyrrlios, die vor den
Propyläen stand, wo ihre Basis erhalten ist
(Mitt. d. Ath. Inst. 5, 331), dürfen wir nach
einer Vermutung Löschckes wohl in einem Re-
lief nachgebildet erkennen (Braun, Vorsch. d.
Kunstm. Taf. 69), das Athene von einer grofsen
Schlange umwunden zeigt, die sie tränkt, und
besonders den Helmschmuck von der Parthe-
nos entlehnt. Ein anderer Typus, in dem man 6'
fälschlich die Athene Hygieia vermutet hatte
(Mitt. 1, 287), ist indes der Parthenos ebenfalls
sehr verwandt; die Aigis jedoch ist quer über
die Brust gelegt, indes noch sehr grofs gebil-
det; die Repliken entbehren leider des Kopfes
(weder die Köpfe der Dresdener Exemplare,
Glarac 464, 866, 868, noch der des Kasseler
JD. a. K. 2, 210 sind zugehörig; die Gewan-
Athene in d. Kunst (Pheidias etc.) 700
düng ist an letzterem vom Kopisten stark
modernisiert worden). Ein kolossaler Torso
aus Pergamon in Berlin weicht fast nur darin
ab von der Parthenos , dafs der linke Arm
eingestützt war; eine andere Statue von ebenda
etwa aus dem 2. Jahrhdt. ist wiederum sehr
ähnlich , doch ist der Kopf ein merkwürdiges
Gemisch verschiedener Elemente, die mit der
Parthenos nichts zu thun haben. — Ein be-
deutender attischer Typus, dessen Bronzeori-
ginal um 400 geschaffen sein wird, nimmt
wieder das Motiv des auf der rechten Schulter
gehefteten schweren Obergewandes mit Überfall
(Diploidion) auf : Clarac 458, 851 A, 901 ; 459, 850 ;
320, 852; 470, 895, D. a. K. 2, 202; der Helm
mit Sphinx und Pegasen, die langen Locken
wie an der Parthenos, der Gesicht’stypus be-
reits etwas ovaler, die Stirne hoch und drei-
eckig, die Stellung viel bewegter als die
Parthenos; die Linke hoch auf den Speer ge-
stützt; ob es die bei Plinius gerühmte Athene
mit dem Speer von dem älteren Kephisodotos
ist? — Auf ein Original derselben Zeit geht
eine Alabasterfigur mit emailliertem Bronzekopfe
in Villa Albani zurück (Clarac 462 C, 902), mit
umgeschlagnem Mantel; der Kopf der Parthe-
nos noch ziemlich nahe. — Ein prächtiger Ty-
pus ist der in dem Torso Medici erhaltene
(il Ion. d. Inst. 3, 3 1 ; vgl. Mitt. 5, Tf. 7 ; Ke-
lzule Theseion Ho. 352), den man mit unzuläng-
lichen Gründen auf die sogen. Promachos des
Pheidias zurückführen wollte (Arcli. Ztg. 1881,
197 ff’.); sie hat ionischen Unterchiton und dori-
schen darüber, der das rechte Bein frei läfst;
Mantel auf linker Schulter. — Von zahlreichen
unbedeutenderen Modifikationen sei nur er-
wähnt, dafs die kleine quer über die Brust
gespannte Aigis schon am Westgiebel des Par-
thenon ( Michaelis , Parth. Tf. 8, L) vorkömmt;
in attischer Statue die sonst der Parthenos
nahe: hei Schöll, Mitteil, aus Griech. Taf. 1, 2.
Sitzend, meist mit unten umgeschlagnem
Mantel und mit friedlich abgenommenem Helme,
den Schild beiseite gestellt, zeigen die Göttin
einige attische Urkundenreliefs: Schöne, griech.
Bel. No. 51. 52. 91. 92. Durch die Situation
veranlafst ist das Sitzen am Parthenonfriese,
wo die Göttin ungegürtet und mit kurz auf-
genommenem Haare erscheint. Der letztere
Versuch, der Athena ebenfalls wie den meisten
Göttern damals kurze Haare zu geben, blieb
ziemlich vereinzelt; korinthische Didrachmen
des Übergangsstiles (vom strengen zum freien
Typus) indes geben ihr etwa um dieselbe Zeit
auch das kurze Haar. Sitzend ferner an der
Nikebalustrade (Kelcule, Bai. 1882, Tf. 2, C. E).
Alle bis jetzt besprochnen Typen haben
den attischen Helm und den rundlichen Ge-
sichtsumrifs. Einzelköpfe, die mehr oder weni-
ger der Parthenos nahe stehen, giebt es zahl-
reiche; z. B. v. Sachen, Sculpt.in Wien , Tf. 16,
vgl. Mitt. d. Ath. Inst. 6, 188 ; anc. marbles of
the Brit. mus. 1, 16. D. a. K. 2, 199b und 199;
Comparetti, villa Ercolanese tav. 20, 1 mit einer
am Stirnschild des Helmes angebrachten klei-
nen Aigis. DieRömer haben eben diesen Athene-
typus zu ihrer Roma verwendet. — In man-
nigfachen Varianten finden wir ferner diesen
tarn
I kitte
I ättisc
Ittei
Ijei
Isfei
fe
last;
Ai
I len 1
pfre
Piss
Vk
läset
[feit
I felis
P 1
j •
1%
i*l
%
701 Athene in d. Kunst (Pheidias etc.)
Athene in d. Kunst (Pheidias etc.) 702
Kopftypus auf Münzen des 5. und 4. Jahrhdts.
Durch Alter und Schönheit besonders ausge-
zeichnet sind die Silbermünzen , die Thurioi
und Sybaris zusammen schlugen ( Leal;e , num.
hell. p. 145), und die von Thurioi selbst, dann
die von Yelia, Heraklea Luc., von Pharsalos,
der Molosser ( D . a. K. 2, 198 f.) , von Tegea,
Phokaia, Salamis in Cypern u. s. w. Am Helme
sind oft Greife, Pegase, Ken-
tauren. Tritone, Hippokam-
pen, Skylla, oder gar kleine
Flügel angebracht. Nicht
selten wird dieser Kopfty-
pus von vorn dargestellt, wo
dann der Helm drei Büsche
zu haben pflegt; besonders
i Münze von Herakleia. schön in Yelia; dann das
Prachtstück des Eukleides
Iin Syrakus vom Ende des 5. Jahrh. ( Head ,
coins of Syr. pl. 4, 10); vgl. ferner Audoleon
! in Päonien (Ali) und die Kupfermünzen 4. und
I 3. Jahrhdts. von Tegea, Pharsalos, Sigeion,
| Priene, Side u. a. Der breite volle Gesichts-
j typus ist hier besonders deutlich.
Noch während die eben besprochene Typen-
reihe in voller Blüte steht , entwickelt sich
I eine bedeutende neue Reihe, die ausgeht von
: dem uns durch die strengen korinthischen Mün-
zen repräsentierten Typus. Aufserlich scheidet
sich diese neue Serie sofort durch den korin-
thischen Helm; aber auch ihre innere Auffas-
sung ist verschieden ; denn nicht die frische, mu-
! tige, sondern die ernste, kluge Göttin schwebt
hier in erster Linie vor. Die Ausdrucksmittel
aber werden gewählt im Anschlüsse nicht an
den attischen, sondern an jenen peloponnesi-
i sehen Typus, der vergeistigt wird. Das schmale
; längliche magere Gesicht mit dem kräftigen
! Knochenbau, der herbe Mund, das sinnende
Auge, das streng und einfach zurückgestrichene
Haar sind die Hauptzüge. Welche Künstler
besonderes Verdienst um diese neuen Typen
hatten, ist ungewifs; wahrscheinlich war die
attische Kunst um und bald nach 400 sehr
I dabei beteiligt. Die ältere Geschichte dieser
| Typen ist noch sehr lückenhaft. Auf den atti-
j sehen Reliefs des 4. Jahrhdts. erscheint der
1 korinthische Helm nur vereinzelt, datiert zu-
I erst 375 (. Arch . Zty. 1877, Tf. 15, 2).
Auf Münzen finden wir in Korinth selbst
j den Typus zu Ende des 5. und im 4. Jahrhdts.
\ zu freier Schönheit entwickelt, die aber doch
j jenes geistigen Ausdruckes entbehrt; der korin-
thische Typus ward in korinthischen Kolo-
nien vielfach nachgeahmt; man erkennt ihn
leicht an dem in den Nacken hängenden eigen-
tümlichen Lederstück. Im übrigen zeigen uns
die Münzen noch im 4. Jahrhdt. das Über-
gewicht bei weitem auf Seite der vorigen Ty-
pen mit attischem Helme; viele Städte, die
| letztere besafsen, gehen erst in hellenistischer
Zeit zu dem mit korinthischem Helme über.
So Thurioi, Metapont, Velia, Tegea, Phokaia,
I Side, Athen ( Beule p. 56. 87. 89). Sonst schön,
; noch aus 4. Jahrhdt. wohl, in Mantinea, in
1 Thessalien bei den Maliensern , in Orthe und
Pelinna u. s. w. Besonders wichtig ward der
so weithin verbreitete Kopf der Alexandermün-
zen mit korinthischem Helme, der indes drei
Büsche hat. — Statuarisch ist zunächst ein
gewifs noch im 5. Jahrhdt. entstandener Ty-
pus zu nennen, dessen Hauptexemplar (nach
einem Bronzeoriginäl) die sogen. Giustinia-
nische Pallas ist (Z>. a. K. 2, 205. Clarac 465,
875; der Kopf allein in mehreren Museen);
ionischer Chiton und Mantel, der die rechte
Brust freiläfst; die Aigis noch ziemlich grofs
io und etwas schräg umgethan; die linke Hand
ist leer und liegt ruhig am Gewände an, der
rechte Oberarm ist gesenkt, nur der Unterarm
gehoben und auf die Lanze gestützt; der korin-
thische Helm ist vorn mit zwei Widderköpfen
geziert ; gefafste Ruhe, klare Besonnenheit ist
der Ausdruck des Ganzen. — Einen sicher atti-
Athene (Statue v. Yelletri im Louvre).
sehen Typus, der um 400 entstanden sein wird,
lernen wir durch eine kleine Bronze kennen
( Nuove Memorie dell' Inst. 1865, tav. 9), die
60 Athene mit dem Erichthoniosknaben auf dem
Arme zeigt, im dorischen Chiton mit ungegür-
tetem Überfall, in Gewandung, Haltung und
der gesamten, etwas reichen Auffassung der
Eirene des Kephisodotos aufs nächste verwandt.
Eine spätere Umbildung desselben Typus ist
eine angeblich aus Kreta stammende Statue
im Louvre mit der Erichthoniossehlange im
Anne. Später, doch sehr bedeutend und eft'ekt-
703 Athene in d. Kunst (spät. Per.)
Atlas
704
voll ist der Typus der sogen. Athene von Vel-
letri ( Glarac 320, 851 = I). a. K. 2, 204; der
Kopf allein in der Albanischen Büste I). a. K.
2, 198); dorischer Chiton, Mantel mit grofsem
dreieckigem Überschlag vorne, in der Art wie
an den Zeus- und Asklepiosstatuen so häufig;
majestätisch ist die Rechte hoch erhoben und
stützt wahrscheinlich die Lanze auf; die vor-
gestreckte Linke hielt wohl die Schale. Der
Kopftypus ist der vollkommenste Ausdruck
dessen, was oben als Ideal dieser Typenreihe
bezeichnet ward. — Die weichliche Richtung
Praxitelischer Kunst, die die Götter gerne sich
an lehnend darstellt, hatte auf die Bildung der
Athene wenig Einflufs ; in Statuen kommt
Athene nie angelehnt vor, selten in Votivre-
liefs, doch schon zu Ende des 5. Jahrhdts., an
ihren Schild bequem gelehnt (vgl. Studniczlm,
Vermuth. zur griech. Kunstgesch. 1884, S. 12, der
eine Nachbildung der Athena Lemnia desPheidias
darin vermutet); auch auf einer älteren Silber-
münze von Pharkadon (Miowwei 2,21,154) lehnt
sie am Schilde und stützt die Rechte in die Seite.
Dagegen hat die pathetische Richtung, wohl
auch noch im 4. Jahrh., einen Typus geschaffen,
der Athene in kriegerischerBegeisterung,
den Kopf in den Nacken werfend, den linken
Arm unter dem kühn umgeworfenen Mantel
eingestützt zeigt: I). a. K. 2, 233 = Mon. 4,
1, 3 mit Triton zur Seite; von Einzelwieder-
holungen des
Geburt , die im freien Stile indes selten wird,
besonders bei der Geburt des -Erichthonios ;
auch als Statue mit dem Kinde (s. o. und D.
a. K. 2, 236), ferner im Gigantenkampf und
vor allem im Verhältnis zu ihren Lieblings-
heroen, besonders Herakles. — Eine absonder-
liche Bildung ist endlich die geflügelte Athene,
über welche s. Imhoof- Blumer, Flügelgest. der
Athene in Hubers numism. Ztselir. 3, 1871; sie
io erscheint in Etrurien schon in Bildwerken
strengen Stiles, in Griechenland aber nur in
hellenistischer Zeit als Vermischung von Athene
und Nike. [Furtwängler.J
Atheras (’A& sgag), ein Argiver, der zu-
gleich mit Mysios die nach Argolis gekom-
mene Demeter gastlich aufnahm, Paus. 2, 35,
3. [Stoll.]
Athis (AAhg) , ein Inder, Sohn der Limnate
(Klematie), der Tochter des Ganges, Genosse
20 des Phineus, von Perseus erschlagen, Oo. Met.
5, 47 ff. [Stoll.]
: .
|&a
b~
s
«k
Spitz
'des :
4t
Kopf der Athene in Glienicke (nach
Müller- Wieseler, D. a. IC. 2, 198 a).
Kopfes ist eine
der besten die
in Glienicke Zf
a. K. 2, 198 a
(s. beistehende
Abbildg). Ähn-
lich , doch mit
kürzerem Man-
tel, Glarac 470,
894; 473, 899 C;
471 , 900; ver-
wandt , doch
mit geneigtem
Kopfe : v. Sa-
chen , Wiener
Bronzen Tf. 8, 7.
— - Jenes alte
Motiv der käm-
pfend aus-
schreitenden A.
endlich lebt fort
in Gestalt der in den Kampf eilenden Göttin
mit auffordernder Gebärde. So die Statue
Glarac 462 A, 858 A; über die Wiederholungen
des Motivs s. Schneider, Geburt d. Ath. S. 40 f. ;
es kam wie es scheint, schon früh in Hand-
lung vor ; ein Relief ( Schneider , ebenda Tf. 1)
geht vielleicht auf Pheidias’ Komposition im
Ostgiebel des Parthenon zurück; ein anderes
gesellt sie dem nach Myron kopierten Marsyas
{, Schneider ebda. S. 39).
Hiermit sind die wichtigsten Typen der
Athena erschöpft; alles andere sind abgeleitete
Varianten, die nichts wesentlich Neues lehren:
die spätere Kunst wiederholte und variierte nur
das Überkommene. — In Handlungen er-
scheint Athene aufser in der Scene ihrer eigenen
Atlios (’b/ffcog), ein Gigant, welcher den Berg
Athos von Pallene aus an seine spätere Stelle
schleuderte, Nileander bei Steph. Byz. ’iRtcog.
Nach Schot. 11. 14, 229 hatte Poseidon diesen
Berg auf den Giganten geworfen. Antipatros
in Anth. Pal. 7, 748 nennt ihn ’A&cosvg. [Stoll.]
Athymbros ('AQ-vyß gog), Gründer von Athym-
bra in Karien, Steph. Byz. "A&v/ißga. Derselbe
30 heilst Gvyßgog bei Et. M. ’Araga und ist wahr-
scheinlich Atymnos, Hock, Kreta 2, 327. Prel-
ler, Gr. Mythol. 2, 134, 1. [Stoib]
Atlanteie {Azlavzsirj), eine Hamadryade, mit
welcher Danaos Töchter zeugte: Apollod. 2,
1 , 5. [Roscher.]
Atlantius (Aildvziog), Sohn des Hermes und
der Aphrodite, daher auch Hermaphroditos (s.d.)
genannt, berühmt wegen seiner Schönheit: Hyy.
f. 271. [Roscher.]
40 Allantos ('Azluvzog), einer der beiden Ker-
kopen (s. d.): Aeschin. Sard. b. Harpolcr. s. v.
Keguorip u. Apostat. 9, 64. [Roscher.]
Atl as ('Alias) wird zweimal von Homer ge-
nannt, Od. 1, 52 ff. u. 7, 245 als Vater der
Kalypso , die im weiten einsamen Weltmeer
wohnt, wo der Nabel (die Mitte) des Meeres
ist. Od. 1, 52 heilst er oloocpgiov , oczs -ffa-
laOGiqq näaris ßsv&sa olSsv , s%si 8s is yJovag
aviog yaygag, a'i yaiav is ucd ovgavov aycpi.s
50 t'xovGiv — eine vielfachen Deutungen unter-
worfene Stelle. 6lo6q)Qoov erklären manche mit:
entsetzlich, verderbensinnend, tückisch (wie
denn seine Tochter Kalypso dolosaaa, Ssevti
Q-sog heifst), andre mit: kluggesinnt, allkundig'
(icöv blcov rpnovuori nbr. Kleanthes bei Eustaih.
zu Od. a. a. O.) oder für ovlöcpgcov = tivy.vu-
cpgcov ( Nitzsch z. d. St.), so dals der folgende
Relativsatz die Erklärung davon wäre, syn
kann heifsen: er hält, trägt, besitzt, hält in
go Aufsicht (cpvldzzst., sTuyslsizai. Schot, wie Od.
4, 737). Was heifst avzog , was aycpig und
ctpcplg t%ovGiv ? Die meisten erklären das letzte
mit: nach beiden Seiten hin auseinander hal-
ten ( Buttm . Lexil. 2. S. 219); da jedoch dann
die bildliche Vorstellung an Ünklarheit leide, so
nimmt Preller, Gr. Mythol. 1. S. 460 äycplg für
dfj.ipozrga&sv {Od. 3, 486), „von mehr als einer
Seite, wie bei einer Stütze, die ein Gewölbe
an ei
Atlas
Atlas
706
705
trägt, auf ganz feste unerschütterliche Weise.“
Er sieht in Atlas einen die tragende und stützende
Allgewalt des Meeres darstellenden Meeresrie-
sen, der die tragenden Säulen (in Aufsicht)
, halte, welche nicht den Himmel allein, son-
dern Himmel und Erde stützen. Auch andre
: sehen die Säulen als unter der Erde befind-
j lieh und auf dem Meeresgründe stehend an
und lassen von ihnen den Erdkreis und zu-
gleich das rings darauf aufliegende Himmels-
■' gewölbe getragen werden , und zwar aggu'g,
ringsum am Rande der Erde oder auf zwei
Seiten. Jacobi, Mythol. Wörterb. 1. S. 167
denkt an die rings um die Erde laufenden
Spitzen eines mit seinen Wurzeln im Grunde
des Meeres stehenden Herges, welche gleich
Säulen den Himmel trügen. Ebenso Göttling,
Gesammelte Abhandlungen 1, 188 f. Die ge-
wöhnlichste Vorstellung von den Säulen, welche
Himmel und Erde auseinanderhalten, ist die, 2
dafs sie, auf der Erde aufstehend, das Him-
melsgewölbe an seinem Rande stützen und
tragen, wie die Säulen eines Saales die Decke,
und zwar entweder rings um die Erde, oder
an einer Stelle im Westen, wo auch Kalypso
wohnt. Und danach scheint die am ungezwun-
gensten sich bietende Erklärung der homeri-
schen Stelle zu sein : Atlas, der gewaltige Trä-
ger ( zhxco ), trägt selbst, d. h. mit seinem eige-
nen Leibe , die Säulen , welche den Himmel
über der Erde stützen. Wir erkennen in ihm
mit Preller die gewaltige Tragkraft des Mee-
res: ein Meeresriese, steht er im westlichen
Meere, wo auch seine Tochter Kalypso haust;
1 als ein Meeresriese kennt er die Tiefen des
ganzen Meeres, wie Proteus (Od. 4, 385), und
ii heilst olooqiQcov, der tückische, mit Bezug auf
2 die dämonische Natur des Meeres, das immer
■; für einen Sitz von geheimer Weisheit und-
Arglist galt. Mit dieser Vorstellung stimmt
im allgemeinen die des Hesiod , Theog. 517 —
;i 520 und 746 — 749; nur hat dieser durch Weg-
i lassung der Säulen clas Bild vereinfacht; Atlas
steht im äufsersten Westen am Rande der
|Erde vor den Hesperiden und vor dem Hause
der Nacht, wo Tag und Nacht einander be-
gegnen, den weiten Himmel tragend mit dem
Haupt und unermüdeten Händen. Ähnlich sind
die Vorstellungen bei den Tragikern. Bei
Aeschyl. Prometh. 348 — 350 stützt Atlas im i
Westen die Säule zwischen dem Himmel und
i der Erde mit den Schultern, er trägt das Him-
melsgewölbe auf seinem Rücken, 425 ff. Fragm.
|b. Athen. 11, 491a. Vergl. Eurip. Ion lff
Hippol. 738 — 744. Here. für. 402. Ibykos
i sprach von den schlanken (gudivoig) Säulen,
■ die den Himmel tragen. Scliol. Ap. Rh. 3,
106. Bei späteren Dichtern trägt und dreht
Atlas die Himmelskugel oder ihre Axe, Verg.
' Aen. 4, 481. G, 797." 8, 137. 141. Ovid. Met. <
1 2, 296. 6, 174; vgl. Scliol. Aeschyl. Prom. 347.
428. Scliol. Hes. Tlieog. 509. Apollod. 1, 2, 3.
2, 5, 11, 11. Scliol. Äp. Rh. 4, 1396. Hygin.
■ f. 150. Die Physiologen erklärten ihn als die
unsichtbare Himmelsaxe und als eine leben-
lige Kraft (dvdyyirj tyipvxog), welche die Last
des ehernen Himmels abhalte auf die Erde zu
i'allen, Eustath. zu Od. 1, 52 p. 1389, 59. Ari-
Koscher, Lexikon der gr. u. röm. Mytliol.
stot. de mot. an. 3. Metapli. 4, 23. de coelo 2,
1. Als die Himmelskugel oder- auch den Tier-
kreis unmittelbar auf dem Haupte , auf den
Schultern in aufrechter Stellung tragend, oder
kniend im Begriff die Last eben aufzunehmen,
erscheint Atlas gewöhnlich in den noch erhalte-
nen Bildwerken (s. u. u. vgl. E. Braun , Gr. Götterl.
S. 156. 720), und auch die von Pausanias (5,
18, 1. 11,2) erwähnten Darstellungen zu Olym-
pia auf dem Kasten des Kypselos und an der
Schranke des Zeusbildes sind so zu fassen, ob-
gleich Pausanias an beiden Stellen den Aus-
druck gebraucht : ovqkvov ncii yrjv ävexc ov. Da-
gegen zeugt die Inschrift an dem Kasten des
Kypselos selbst: "AzXag ö’ ovgavov ovzog
tu öl fiala gs&ijGu. S. Welcher, Götterl. 1.
S. 74Gf. „Man übertrieb sprüchwörtlich und
liefs den, der den Himmel tragen konnte, auch
noch die Erde aufladen, ohne danach zu fra-
gen, ob sich dies im Bilde ebenso gut verbin-
den liefse , als es in der Sprache leicht und
oft genug zusammengeht.“ Als der gewöhn-
liche Standort des Atlas gilt der äufserste
Westen bei den Hesperiden (s. d.), wo der Him-
mel sich auf die Erde senkt, an der Grenze des
Lichts und Dunkels, den Gegenden des Ur-
sprungs und Abgrunds von Himmel und Erde,
wo „die Gegenden der grofsen geträumten Glück-
seligkeiten sich zusammendrängen“. Völclcer,
Iapet. Geschl. S. 313. Preller, Mytliol. 1. S. 32 f.
460 f. Bei Apollodor (2, 5, 2 u. 11) befinden
sich Atlas und die Hesperiden im Lande der
Hyperboreer, die man also wohl vom Norden
nach dem Westen hin gerückt zu denken hat
( Völclcer a. a. O.). — Hesiod. Theog. 507 ff.
nennt den Atlas, den mutigen ( kqcczeqocpqcov ),
einen Sohn des Iapetos und der Okea-
nine Klymene, Bruder des übermütigen (vßgi-
czfig) Menoitios, des Prometheus und Epime-
theus; der physische Träger, wofür man Atlas
ursprünglich halten mufs, ist somit in die
ethische Sphäre hineingezogen, in den Kreis
der Titanen und speziell in die Familie des
Iapetos, in deren einzelnen Gliedern Eigen-
schaften und Zustände der gewaltigen Men-
schennatur personificiert sind. Atlas, der Ti-
tane, wird zum Symbol kühner Ausdauer und
hartnäckigen unbeugsamen Strebeüs. Unstatt-
haft aber erscheint es, dafs man ihn für eine
Personifikation kühner Schiffahrt, der Bewäl-
tigung des Meeres durch menschliche Kunst
erklärt, wie Völclcer, Iapet. Geschl. S. 51 ff, wel-
chem 0. Müller (Proleg g. 191), Roul-Rochette,
G. Hermann (de Atlante ), Nägelsbacli beistim-
men. Nägelsbach, hom. Theologie S. 81 ff nimmt
den Atlas (wie den Proteus im Osten) speziell
für den Repräsentanten der phönikischen Schiff-
fahrt und glaubt in den Säulen des Atlas ge-
radezu die des Herakles sehen zu müssen.
Hesiod. Theog. 507 ff. sagt nichts Schlimmes
von Atlas; allein nach dem Zusammenhang
des Ganzen und speziell nach den Worten:
ovqccvÖv £%el npazsgrj g vn avcryngg (V. 517)
erscheint das Tragen des Himmels doch als
eine Strafe, welche in dem Mifsbrauch seiner
Geisteskräfte ihren Grund haben mufs. Vgl.
Pindar. Pytli. 4, 288 ff. Welcher, Götterl. 1.
S. 749. Aus der Verbindung, in der er bei
23
707
Atlas
Atlas
708
Aesch. Prometh. 347 und 427 mit Prometheus
und Typhon steht, ersieht man, dafs er •wegen
Widersetzlichkeit gegen die Olympier gestraft
ist, „im Fluche diamantener Banden duldet“,
ln Bildwerken kommt er als Büfser neben
Prometheus vor, Müller, Benlcm. 2. n. 825.
Dies Vergehen ist als Teilnahme an dem Tita-
nenkampfe gefafst. Ilygin. f. 150 läfst ihn
Anführer im Kampfe gegen Zeus sein. Vgl.
Eustath. p. 1390, 23. Quint. Sm. 11, 419 ver-
wechselt die Titanen mit den Giganten. —
Homer und die älteren Dichter fassen den At-
las durchaus als Person und geben keine Ver-
anlassung, seine Entstehung, wie viele thun
( Jacobi , Göttling, Nitzsch z. Od. 1, 52. Braun,
Gr. Götterl. S. 155), aus der Vorstellung eines
den Himmel stützenden Berges abzuleiten. Erst
spätere Deutung machte den Atlas zu einem
Berg, wohl nicht lange vor Herodot ( Welcher ,
Götterl. 1. S. 751). Dieser spricht 4, 184 von
einem schmalen, ganz runden, über die Wol-
ken ragenden Berge in dem nordwestlichen
Afrika, welcher bei den Einwohnern (Atlan-
tes) Atlas und Säule des Himmels heifse. Eine
Erfindung griechischer Geographen. Auch Eu-
ripides soll einen Berg Atlas erwähnt haben
( Syncell . Chronogr. p. 149 d. ed. Bonn. p. 283) ;
doch hielt er die Person und den Berg be-
stimmt auseinander. Im nordwestlichen Afrika
nun fixierte man seitdem den Standpunkt des
Atlas und benannte nach ihm das Atlantische
Meer und die fabelhafte Insel Atlantis ( Plato
Tim. p. 24 f. Critias p. 108 ff. Plin. N. H. 6,
31, 36. Preller, Mythol. 1. S. 463). Man er-
zählte , wie der mythische Atlas , ein reicher
König, Besitzer grofser Herden und der schö-
nen Hesperidengärten , von Perseus mit dem
Medusenhaupte in einen Berg verwandelt wor-
den sei, der den Himmel mit den Sternen
trägt, Ov. met. 4, 631 ff. Lucan. 9, 654. Vgl.
Eudocia p. 16. Verg. Aen. 4, 245. Biod. 3,
60. Nach dem Dithyrambendichter Polyidos
war Atlas ein libyscher Hirt, der von Perseus
durch die Gorgo versteinert ward, Tzetz. Ly-
Icophr. 879. Exeg. II. 132, 18. Et. M. 164, 20.
Die euhemeristische Auffassung, die den Atlas
zum König oder Hirten machte , ging noch
weiter und erklärte den klugen Himmelsträger
für einen Astronomen, der die erste Himmels-
kugel verfertigt haben sollte, für einen Mathe-
matiker, einen Philosophen, einen weisen Sän-
ger , von dem Homer und Hesiod stammen
sollen, für einen Weissager, Xenagorash. Schol.
Ap. Bh. 4, 264. Diod. 3, 60. 4, 27. Plin. X.
H. 7, 56. Paus. 9, 20, 3. JDiog. Laert. prooem.
§. 1. Tzetz. Lyhophr. 873. Eustath. p. 1390,
16. 26. Serv. Aen. 1, 741. Suid. v. 'Haioäog.
Verg. Aen. 1, 740 ff. nennt den Sänger Iopas, der
vom Laufe der Sonne und des Mondes u. s. w.
singt, einen Schüler des Atlas. Vgl. V Sicher,
lapet. Geschl. S. 55ff._ Über sein Abenteuer mit
Herakles s. d. — Über die Abstammung
des Atlas finden sich aufser der von Iapetos
und Kly mene {lies. Theog. 507 ff. Hygm. praef.)
noch folgende: er ist Sohn des Iapetos und
der Okeanine Asia, Apollod. 1, 2, 3. Schol.
Ap. Bh. 1 444, oder der Okeanine Aithera, Tim.
b. Schol. II. 18, 486; Sohn des Aither und der
Ge, Ilygin. praef., des Aither und der Hemera,
Serv. Aen. 4, 247; Sohn des Hesperos, Biod.
4, 27; Sohn des Uranos, Bruder des Kronos,
Biod. 3, 60; Sohn des Coelus und der Kly-
mene, Theon b. Schol. Arat. 255 ff. ; Sohn des
Poseidon und der Ivleito, Plat. Grit. p. 114.
Als Kinder (s. Völclcer, lapet. S. 67 ff.) hatte
er von Pleione, der Tochter des Okeanos, (oder
von Hesperis , Biod. 4,27, oder von Aithra
Ilygin. f. 192) die Pleiaden, Bes. Opp. 383.
Hygin. praef. Simonides b. Athen. 11, 80. Apol-
lod. 3, 10, 1. Ovid. Fast. 5, 83. Schol. Ap. Bh.
3, 225; ferner von Pleione oder Aithra die Hya-
den, Ilygin. f. 192. Ovid. Fast. 5, 169; von He-
speris die Hesperiden, Biod. 4, 27. Hyas und
Hesperos heifsen seine Söhne , Schol. II. 18,
486. Schol. Arat. 254. Biod. 3 , 60. Ovid.
Fast. 5, 170. Tzetz. Lylcoplir. 879. Hygin. f.
192. Dione, Gemahlin des Tantalos, ist des
Atlas Tochter, Hygin. f. 83. Bei Schol. Eu-
rip. Phoen. 1129 ist Hesione seine Gattin, Mut-
ter der Elektra. Nach dem Vasengemälde
Müller, Benlcm. 2, n. 828 wird man Selene als
Gattin des (arkadischen Königs) Atlas ansehen
müssen. Welcher, Götterl. 1 S. 753, Anm. 23.
Völclcer, lapet. S. 66 nennt den Hund Orthos
Sohn des Atlas wegen Schol. Ap. Bh. 4, 1399;
aber die Worte oi de ’ 'Azhxvxog Xeyovai wer-
den sich auf die etwas früher genannten He-
speriden beziehen. Wegen der Pleiaden, deren
eine die arkadische Maia ist , wurde der
mythische König Atlas auch nach Arkadien
versetzt, Apollod. 3, 10, 1. Bionys. Antiqu. 1,
61. Völclcer, lapet. S. lOOff, Welcher, Götterl.
1. S. 752f. Auch zuTanagra in Böotien loka-
lisierte man den Atlas aus dem einfachen Grunde,
weil dort ein Deiikmal des Orion war, des Ver-
folgers der Pleiaden , ferner weil dort ein
Berg Kerykion war , auf welchem Maia den
Hermes geboren, und wegen eines dort be-
findlichen Ortes Polos (Himmelskugel). Da
habe Atlas (oloocpQcav) gesessen in tiefen Be-
trachtungen über die Dinge über und unter
der Erde, Paus. 9, 20, 3. Von Servius {Acn.
8, 134) wird ein dreifacher Atlas genannt, ein
maurischer , ein italischer (Italien war den
Griechen Hesperien), der Vater der Elektra,
von welcher Dardanos stamme, und ein arka-
discher, der Vater der Maia. — Vgl. im all-
gemeinen : Völclcer , Mythol. des lapet. Ge-
schlechtes (1824) S. 49 — 107. 243. Letronne,
sur les idees cosmographiques, qui se rattachent
au nom d' Atlas. Ann. dell' Inst. (1830) p. 159
— 174. B. Bochctte, memoire sur les represen-
tations figurees du personnage d' Atlas. Paris
1835. Heffter, Atlas, eine antiquar. Ahh. in
Allg. Schulzeitung 1832, 2. No. 74—76. G. Her-
mann , de Atlante, Opusc. 7, p. 241—259.
0. Müller, Proleg g. S. 118. 191. Handh. d.
Arcli. (2. Aufl.) 396, 1. Benlcm. 2, n. 822 — 829.
Schümann, des Aeschyl. gef. Prometheus S. 302.
Opusc. Ac. 2, p. 331 ff. Gerhard, Archemoros
und die Hesperiden , Berl. Akad. 1836. S. 284
— 321 und König Atlas im Hcsperidenmythus,
Berl. Ak. 1841. S. 109 ff. Preller, gr. Mythol3
1. S. 460. E. Braun, griech. Götterl. S. 155 ff.
Welcher, gr. Götterl. 1. S. 743 ff. Bcrgh, die
Gehurt d. Athene , in Jahns Jahrhh. 81. S. 4lGft.
709
Atlas (in d. Kunst)
Atlas (in d. Kunst)
710
J. Wetter, d. Mythus v. Atlas u. seine neueren
Deutungen. 1858. [Stoll.]
Atlas in der Kunst
tritt schon sehr früh auf. Am amykläischen
Throne {Paus. 3, 18, 10) stand er bei der
Scene des Raubes seiner Tochter Taygete durch
Zeus. Den Himmel tragend sah man ihn am
Kypseloslcasten {Paus. 5, 18, 4), und zwar in
der Scene des Zusammentreffens mit Herakles,
die späterhin der Hauptanlafs zur Darstellung
des Atlas bleibt (s. Herakles). Statuarische
Werke aus Holz waren der den Himmel tra-
gende Atlas nebst Herakles und den Hesperi-
den von Theokies und Hegylos {Paus. 0, 19,
8), alten Meistern aus der Schule der kreti-
schen Dädaliden Dipoinos und Skyllis. Eine
ausreichende Vorstellung von diesen Werken
giebt uns eine altertümliche Schale {Ger-
hard, auserl. Vas. 8G == Denlcm. a. K. 2, 825;
vergl. Arch. Ztg. 1881, S. 218 No. 2), wo
Atlas gebeugt von der Last mit eingeknickten
Knieen, mit Kopf und Armen den Himmel, der
wie ein Fels gestaltet ist, trägt, ganz wie
Hesiod ihn schildert. Den rechten Arm hat
er, um ihm einen Halt zu geben, in die Seite
gestützt; er ist bärtig und hat lang herabwal-
lendes Haar mit Binde; die Schlange hinter
ihm ist eine dem Stile dieser Vasen eigene
rein dekorative Zuthat. Interessant ist hier
Hesperide, Herakles u. Atlas , die Hesperidenäpfel
haltend (Metope v. Olympia).
seine Gegenüberstellung mit Prometheus, dem
andern Titanen, der wie Atlas nach älterer
Vorstellung fern, irgendwo an den Enden der
Erde büfst. Für die Vasengattung, der diese
Schale angehört, hat man kyrenäischeu , und
neuerdings kretischen Ursprung vermutet. Über
‘Atlas in alter Dädalidenkunst überhaupt s.
Milchhöf er, Anfänge der gr. Kunst S. 167. 168.
179. — Es folgt unter den erhaltenen Monumen-
ten gleich die neuerdings so vorzüglich erhalten
aufgefundene Metope von Olympia (s. d. Ab-
bildg. u. vgl. Mitteilungen Taf. 11, S. 206 ff.), die
bei Paus. (5, 10, 9) offenbar falsch gedeutet
ist, indem nicht Atlas der Himmelsträger ist,
sondern Herakles, dem eine Hesperide dabei
freundlich hilft, während Atlas mit den Äpfeln
ihm gegenüber steht; beide sind ganz nackt,
doch ist Atlas von Herakles durch das län-
gere herabfällende Haar und eine Binde deut-
lich unterschieden und als würdiger König ge-
kennzeichnet. Auch eine attische Vase vom
Ende des 5. Jahrhdts. scheint Atlas als König
mit Mantel und Scepter darzustellen neben
io einer Hesperide und dem von Herakles be-
raubten Apfelbaum {Annal. cl. Inst. 1859 tav.
GH), und auf einem spätem apulischen Vasen-
fragment erscheint Atlas gar thronend in vol-
ler königlicher Gewandung ( Gerhard , ges. alc.
Abh. Taf. 19). Das Gewöhnliche blieb aber,
Atlas den Himmel tragend darzustellen. Stren-
geren Stil zeigt noch ein etruskischer Spiegel
{Gerhard, eir. Sp. Taf. 137 = Denlcm. a. K. 2,
827), wo Atlas von vorn gesehen dasteht und
20 mit dem Nacken und beiden Armen den noch
nicht als Kugel, sondern mehr als Fels gebil-
deten Himmel trägt,
während Herakles
mit den Äpfeln da-
voneilt. Eine atti-
sche Amphora schö-
nen Stiles mit At-
las einer Sjhinx ge-
genüber {Bull. Nap.
30 4, 5 = Denlcm. a. K.
2 , 824) ist offenbar
sehr restauriert oder
übermalt und bedarf
erst erneuter Unter-
suchung. Eine Am-
phora, die in Cam-
panien selbst ge-
macht wurde, fafst
Atlas würdelos, ja
40 skurril auf, giebt
ihm Satyrohren und
läfst ihn mit weit-
gespreizten Knie-
en unter der Last
niederkauern
{Gerhard, ges.
alc. Abli. Taf.
20, 4 bis 6).
Ganz auf-
50 recht, ja steif-
stehend sehen
wir ihn den
Himmel tra-
gen auf einem
grofsen apulischen Prachtgefäfse {Gerhard,
ges. alcad. Abh. Taf. 2). In den letztge-
nannten Beispielen ist der getragene Him-
mel bereits kugelförmig und mit Sternen und
dgl. verziert. — Erst die hellenistische Kunst
60 indes schuf einen statuarischen Typus des At-
las. Nicht aufrecht bildete sie ihn , sondern
gedrückt unter der Last fast zusammenbrechend
und das eine Knie aufstützend; die Kugel liegt
im Nacken auf und wird von beiden Händen
in ihrer Lage festgehalten; der Kopf blickt
gedrückt und gequält unter der Kugel empor ;
Haar und Bart sind verwildert ; kurz , es ist
nicht der würdige König, es ist der büfsende
23*
Marmor statue in Neapel (vgl. Müller-
Wiesele r 2, 822).
711
Atlit.es
Atreus
712
Titan zum Ausdruck gelangt. Am vollstän-
digsten ist eine Statue in Neapel erhalten
(Mus. Borb. 5, 52 = Clarac 793, 1999 A), ob-
wohl das ganze Gesicht an ihr modern und
nur der Bart alt ist. Ein kolossaler Torso zu
Neapel, welchem ein Arm im Palazzo Farnese
zu Rom anpafst (in Berlin im Abgufs kürz-
lich nach K. Langes Angabe zusammengefügt),
ist wohl der beste Atlas dieses Typus; die
Himmelskugel fehlt, doch der Kopf, den Per-
gamenischen Giganten ähnlich, ist wohl erhal-
ten. Sehr restauriert ist der Atlas der Villa
Albani. In Relief erscheint der Typus z. B.
in Sparta aus römischer Zeit ( Mitt . d. Atli.
Inst. 2, S. 417 No. 257); auch in Gemmen
wurde er wiederholt, und Philostrat schildert
denselben auf . einem Gemälde ( imag . 2 , 20).
Die Münze Mionnet 5 Suppl. p. 197, No. 1162
ist indes gefälscht.
Der tragende Atlas wurde das Urbild aller
tragenden Gestalten, und so nannte man At-
lant es alle die Gebälk tragenden männlichen
Figuren; doch gewifs erst, seit man in helle-
nistischer Zeit überhaupt technische Ausdrücke
für gewisse Gattungen von Kunstwerken schuf,
wie man eine Statuenklasse Achilleische nannte.
Statt Atlantes hatte sich in Rom zu Vitruvs
Zeit eine andere griechische Bezeichnung der-
selben Stützfignren , Telamones , festgesetzt
( Vitr . 6, 10). Da diese Figuren indes mit At-
las selbst nichts zu thun haben, sondern je-
weils ihre besondere Bedeutung hatten (beson-
ders beliebt waren Giganten , Satyrn , Silene,
Barbaren u. a.), so gehört ihre Besprechung
auch nichthierher (vgl. über sie besonders E. Cur-
tius in Arch. Ztg. 1881, S. 14ff. ). [Furtwängler.]
Atlites (AzlCzygl), zw. Name einer der Söhne
des Aigyptos (s. d.): Hyg. f. 170. [Roscher.]
Atramus (’Azgagovg = ”A8gagvgl) , Pelasger,
Vater der Thebe , Gründer und Eponymos
von Adramyttion: Lik. b. Schol. II. 6, 396.
[Roscher.]
Atrans, tis m., die wohl celtische Gottheit
der statio Atrantina (Trojana hei S. Oswald)
auf der Grenze von Noricum und Italien. C. I.
L. 3, 5117 : Atranti Aug. sac Fortunatus C. An-
toni Rufi proc. Aug. ser. vil. v. s. I. m. Viel-
leicht gehört auch 5118 hierher; wo Mommsen
statt F VANTFf ebenfalls Atranti setzen will.
Zu vergleichen ist Honor stationis Atrantinae
C. I. L. 3, 5123. Möglicher Weise hängt Atrans
mit dem in dem altirischen atliramil, adra-
mail, adthramli erhaltenen Wortstamme zusam-
men , wogegen die verschiedene Form des
t-Lautes nichts beweisen würde, da auch Ad-
rans ( It . Ant.) oder Adrema ( Zosim . 2, 45) ge-
schrieben wird. [Steuding.]
Atrax ('Azga’g) , 1) Lapithe, Sohn des Pe-
neios und der Cura, Gründer von Atrax in
Thessalien ( Steph . Byz. s. v.), Vater der Hip-
podameia, der Gemahlin des Peirithoos, und
der Kainis, welche nach Poseidons Willen zum
Manne, dem Lapithen Kaineus, wurde, Anton.
Lib. 17. Ovid. Heroid. 17, 248; vgl. Schol.
Stat. Theb. 1 , 106. S. Kaineus u. Hippoda-
meia. — 2) Vater der Damasippe, der Gattin
des Königs Kasandros in Thrakien, Ps.-Plut.
de /luv. 3, 1. [Stoll.]
Atrene (’Azggvrf), Tochter des Kyklopen Ar-
ges und einer phrygischen Nymphe, Schwester
des Deusos und Atron. Nach ihr (oder Atron)
wurde die Stadt Atrene benannt, Philostepha-
nos b. Steph , Byz. s. v. [Stoll.]
Atreus (’Azgsvg), Sohn des Pelops und der
Ilippodameia (Verzeichnis aller Kinder dersel-
ben beim Schol. Eur. Or. 5), Enkel des Tan-
talos , älterer Bruder des Thyestes. In der
Ilias (2, 105) giebt Zeus das von Hephaistos
gemachte Scepter dem Hermes, der es dem
Pelops bringt; von diesem geht es auf Atreus
über (8cok ’AzgsC noLytvi lotcöv • ’Azgsvg 8s
fh’rjoxojv ’ilmsv nolvccgvi (Ovsozy), also eine
ganz friedliche Aufeinanderfolge und natür-
licher Tod. Erst in der epischen Alkmaionis
(fr. 7 ; Schol. Eur. Or. 988) war der Hader des
Atreus und Thyest geschildert. Aus Zorn
wegen des Todes seines Sohnes Myrtilos durch
Pelops hat Hermes hier dem Atreus ein gold-
wolliges Schaf durch einen Hirten (dessen
Name mit ’Avz. . . begann) zugesandt. Phere-
Tcydes hatte nicht den Zorn des Hermes als
Grund angegeben. Hellanikos (fr. 42 Muell.,
Schol. II. 2, 105; vgl. Schol. Eur. Or. 812) be-
richtete, wohl nach epischen Quellen, dafs
Atreus und Thyest zusammen mit der Mutter
Hippodameia den Stiefbruder Cln-ysippos, den
Pelops mit einer Nymphe gezeugt (Axioche
nach Schol. Find. Ol. 1, 144. Schol. Eur. Or. 5),
ermordeten (sie erstickten ihn in einem Brun-
nen, Schol. Eur. Or. 812, 5), worauf Atreus
und Tbyest vertrieben und ihnen von Pelops
geflucht wird; sie zerstreuen sich aus Pisa;
nach dem Tode des Pelops 'kommt Atreus als
der ältere und bemächtigt sich ovv ozgazm
nollm des Landes (Pisa). Nach Schol. Eur.
Or. 5 wohnen Atreus und Thyest, von Pisa
vertrieben, in Makestos in Tripkylien, wo
Atreus die Kleola, die Tochter des Dias, heira-
tet, die ihm von ihrem früheren Gatten Pleistlie-
nes die Söhne Agamemnon und Menelaos zu-
bra.chte, vgl. Tzetz. II. p. 68. Thukydides 1, 9
berichtet auf die Autorität der za oaepsozaza
FLeXoTiovvrjGicov fivrgiy nagu zäv ngozsgov 8s-
8syysvoi, dafs Atreus fliehend vor dem Vater
8 La zöv XQvGLTinov &avazov nach Mykenai ge-
flohen sei; denn er war ggzgog aSsXcpog des
hier herrschenden Eurystheus (dessen Mutter
Nikippe Atreus’ Schwester war); diese über-
giebt dem Onkel die Herrschaft beim Auszug
gegen die Herakliden ; da er nicht wiederkehrt,
behält sie Atreus im Einverständnis mit den
Mykenäern. Eine andere Version (bei Apollo-
dor 2, 4, 6) läfst Sthenelos , den Vater des
Eurystheus, den Atreus und Thyest herbeiru-
fen und ihnen Midea übergeben, während er
Tiryns und Mykenai beherrscht. Nach Paus.
6, 20, 7 geht selbst Hippodameia wegen des
Todes des Ckrysipp nach Midea. Vgl. Strabo 8,
p. 377. Mykenai fällt an die Pelopiden, die au#
der Pisatis kommen. Der Tod des Ckrysipp
ward auch eine beliebte tragische Fabel: vgl.
Ilygin f. 85, wo Hippodameia sich dann selbst
tötet; auch die Version des Historikers Dosi-
theos (fr. 7 Muell.), wo Hippodameia selbst
den Mord an Chrysipp begeht, ist eine tra-
gische; vgl. Welcher, gr. Trag. 536. Ribbeclc,
713
Atreus
Atreus
714
röm. Trag. S. 444 ff. über die Tragödie des
Accius. — Besonders reich ausgebildet ward
in der Tragödie indes der Bruderzwist des
Atreus und Thyest, der zwar bereits im spä-
teren Epos gegeben war (s. o.) aber von den
Tragikern überaus mannigfach ausgesponnen
ward. Leider können wir die verschiedenen
Versionen in den wenigsten Fällen bestimm-
ten Dichtern zuweisen. Gewifs ein sehr alter
Zug ist die Sage vom goldwolligen Schafe i
als Symbol der Herrschaft. Thyest bestreitet
dem Atreus die Herrschaft (Aesch. Ag. 1585:
Axqsv g apqu'lsyxog cov yqdxsi). Scncca läfst
(im Thyest) die Herrschaft jährlich wech-
seln zwischen Atreus und Thyest, bis das xs-
qag des Lammes, das xiqccg oloov ’Axqsog in-
noßcaxa (Eur. Or. 995; die Erscheinung des
Lammes wird Eur. El. 699 ff. beschrieben), das
j regni stabilimen mei ( Accius fr. 8, vgl. Sen.
Th. 223) für Atreus entscheidet; der letztere hat 2
auch das gesetzliche Vorrecht der Erstgeburt
(nqcöxog cov yaxu vogovg Schol. Eur. Or. 800);
ihm hatte Klotlro bestimmt xcc cxspyccxa s%siv
7tcd xr\v ßucclsiuv , aber zugleich Streit mit
Thyest (Schol. Eur. Or. v. 4 — 14). Thyest ent-
wendet ihm das Lamm; hier flicht sich die
Sage von der freventlichen Buhlschaft des
Thyest mit der Gattin des Atreus, der Aerope,
ein; diese war eine Tochter des Katreus, des
Sohnes des Minos (Apoll. 3, 2, 1), also Kqr'iaog 3
(Eur. Or. 18; Sopli. Ai. 1295). Thyest ver-
führt sie und sie verschafft ihm das Lamm
i ( Aesch . Ag. 1193 deutet den Ehebruch an,
ebenso Eur. Or. 1009; El. 720ff. : Thyest bringt
| das xsqag in sein Haus , und verkündet dies
dann öffentlich; Schol. Eur. Or. 812, Sopholdes
| Atreus; Accius Atreus fr. 8; Sen. Tli. 220 ff. ;
Paus. 2, 18, 2). Darob giebt Zeus ein neues
1 Zeichen, er kehrt den Lauf des Helios, der
I Gestirne und der Eos um (Eur. El. 726 ff. ; 4'
Iph. Taur. 812 ff. gliov gsxüoxucig gewoben
j von Iphigeneia; Or. 1002 ff. Sopli. fr. 668.
Plato Polit. p. 269 A. Schol. II. 2, 106). Schon
von Euripides ward Atreus indes als Himmels-
kundiger erklärt, welcher den den Gestirnen
entgegengesetzten Lauf der Sonne zuerst be-
j merkt: Eur.fr.8b3, ebenso Polybioshei Strabo 1,
p. 23; Schol. Eur. Or. 998. Ach. Tat. isag. in
I Phaen. p. 122 E. Eustath. Od. 11, 2, p. 1645;
Atreus als Beobachter einer Sonnenfinsternis, 51
! Hyg. f. 258; vgl. Welcher, gr. Trag. S. 361;
! Preller , gr. Myth. 2% 390. Atreus vertrieb
nun den Thyest (Aesch. Ag. 1586 fivSqyldxr]-
gsv sn nolscog). Nach einer andern Version
; beim Schol. Eur. Or. 812 hatte Atreus gelobt
| das schönste Tier der Herde der Artemis zu
opfern; da wird ihm das goldene Lamm ge-
boren; er verschliefst es, Thyest aber stiehlt
I es mit Aerope; das Unglück ist Folge der Ver-
i nachlässigung der Artemis, ähnlich wie dann g
bei Agamemnon. Nach einer andern Version
I (ibid.) besafsen die Atriden das goldene Vliefs
1 als nu.xqiy.bv crgisiov. Zeus schickt nun den
Hermes, der dem Atreus zeigt, dafs Helios den
i umgekehrten Weg mache; das gilt als Zeichen
.und Thyest wird verjagt. — Mit diesen Vor-
gängen verband Sopholdes die folgenden Greuel
! unmittelbar (vgl. Schol. Eur. Or. 812): Thyest
stiehlt das Lamm, das Atreus eben den Richtern
als xsqag zeigen will; erherrscht; ausRachewirft
Atreus die Aerope gleich ins Meer, schlachtet
die Kinder des Thyest und tötet diesen selbst
zuletzt, worüber Helios einen Tag von Westen
nach Osten geht. Die gewöhnliche Sage je-
doch liefs Thyest verbannt sein und schob
eine längere Zwischenzeit ein. Zur Motivie-
rung der späteren grausamen Rache des Atreus
ward hier eine tragische Fabel eingeflochten,
die vielleicht Gegenstand des Pleisthenes des
Euripides war (Hyg. fab. 86; vgl. Welcher, gr.
Trag. 689 f. Ribbech, r. Trag. S. 458): Thyest
zieht in der Verbannung den Pleisthenes, Sohn
des Atreus, als seinen Sohn auf und schickt ihn
zu Atreus, um diesen zu ermorden; Atreus je-
doch tötet unwissentlich den eigenen Sohn.
Bei Aschylos (Ag. 1587), wie es scheint auch bei
Euripides (Arist. Ach. 434 Qvsgxscu qäyrj) und
Ennius (Ribbech, röm. Trag. S. 199) kehrte nun
Thyest unaufgefordert als armer Bittflehender
an den Herd des Atreus zurück; bei Seneca
(Th. 297 ff. 404ff.) und Hygin (f. 88) jedoch
wird Thyest von dem rachegierigen Atreus
unter dem Scheine der Versöhnung herbeige-
lockt. Das Wiedersehen will Atreus durch
ein festliches Mahl feiern (Aesch. Ag. 1592);
doch Atreus ist ein lalsnog boivaxrjq (ib. 1502) ;
er schlachtet die Söhne des Thyest — Aglaos,
Orchomenos , Kaleos bei Sophokl. nach Schol.
Eur. Or. 812, Tantalos und Pleisthenes bei
Hyg. f. 88 und Seneca — und setzt sie ihm
zum Mahle vor, von dem er ahnungslos ge-
niefst; an den ihm nachher gezeigten Extre-
mitäten erkennt sie der Vater; er flucht dem
ganzen Geschlechte (Aesch. Ag. 1593ff; 1219 ff. ;
Sopli. Ai. 1293; Gegenstand des Atreus des
Sopholdes, des Thyest oder der KqyGGcu des
Euripides, des Thyestes des Agathon, Karlci-
nos, ferner des Ennius, des Atreus des Accius,
des Thyestes des Seneca u. a., s. Welcher, gr.
Trag. 357 ff.; 675ff; 994; 1063; Ribbech, röm.
Trag. S. 199 ff.; 447 ff). Die römischen Dichter,
doch wohl nach älterem Vorgänge, lassen die
Sonne wegen dieser Unthat ihren Lauf umkeh-
ren (Hyg. f. 88, 258. Ovid. Her. 15, 206. Stat.
Theb. 4, 307. Lucan. Phars. 1, 543. 7, 451).
Bei Sopholdes (vgl. oben) liefs Atreus darauf
den Thyest töten (Schol. Eur. Or. 812; wahr-
scheinlich auch bei Accius, s. Ribbech, röm.
Trag. S. 456), die Aerope liefs er bei Sophohl.
ins Meer werfen (s. oben) und auch Euripides
liefs sie durch Atreus zum Tode verurteilt
werden (fr. 468). Andere Tragödien spannen
die Greuel weiter (Sopholdes Thyest in Sikyon,
wonach wahrscheinlich Hyg. f. 88, Accius Pelo-
pidae u. a.). Der vertriebene Thyest kommt
nach Sikyon, nachdem er, wie es scheint, in
Thesprotien ein Totenorakel erhalten, das ihm
sein Unheil verkündete; er findet dort im Hei-
ligtum der Athene die eigne Tochter Pelopia
ohne sie zu kennen, er macht sie schwanger
(vgl. Hyg. f. 88. Dio Chrysost. 65 p. 349. Plat.
leg. 8, p. 838 c); sie entwendet ihm dabei sein
Schwert; eine spätere Verstärkung der Sage
liefs den Incest einen absichtlichen sein, um
einen Rächer zu erzeugen (Mythogr. 1, 22.
Scrv. Aen. 11, 262). Darauf heiratet Atreus
7 1 5 Atromos
die Pelopia, ohne zu wissen, wer sie ist; den Kna-
ben, den sie (von Thyest) gebärt, setzt sie aus, er
wird gerettet und von Atreus als sein Solin er-
zogen und Aigistlios (s. d.) genannt. Später
schickt Atreus seine Söhne Agamemnon und Me-
nelaos aus, um Thyest zu suchen, der in Delphi
gefunden wird. Atreus läfst ihn einkerkern und
schickt seinen vermeintlichen Sohn Aigisth zu
ihm um ihn zu töten. Thyest erkennt ihn an
dem Schwerte , demselben , das seine Mutter
Pelopia dem Thyest einst entrissen hatte.
Pelopia, als sie den Greuel erfährt, tötet sich
mit demselben Schwerte. Mit der blutigen
Waffe eilt Aigisth zu Atreus, der frohlockt, in-
dem er den Bruder getötet glaubt; beim fest-
lichen Opfer ermordet ihn Aigisth und gelangt
nun mit dem Vater Thyest zur Herrschaft
(Hyg. f. 88). — Das Grab des Atreus in Mykenai
erwähnt noch Paus. 2, 16, 6; er unterscheidet
davon die vnoycucc olnodoyryicurix des Atreus
und seiner Söhne , in denen sie die Schätze
bewahrten (ib.) ; diese Gebäude sind erhalten
und sind keine Schatzhäuser, sondern Gräber
und zwar allerdings der Pelopidendynastie.
Das gröfste und schönste derselben führt den
herkömmlichen unbegründeten Namen „Schatz-
baus des Atreus“. — Die Kunst hat Atreus und
seine Greuel wie es scheint, nicht dargestellt.
[Furtwängler.]
Ati •omos ('Argoyog), Sohn des Herakles und
der Thespiade Stratonike, Apoll. 2, 7, 8. [Stoll. ]
Atrou (’ 'Atqcov ) , Sohn des Kyklopen Arges
und einer phrygischen Nymphe, Bruder des
Deusos und der Atrene (s. d.), nach welchem die
Stadt Atrene (in Phrygien?) genannt war, Steph.
Byz. s. v. ’AtQTjvr]. Müller fr. histor. gr. 3,
Atropos s. Moirai. [p. 20, 6. [Stoll. J
Attepata [= Attes Papas? K.], nicht sicher
lesbarer Name einer Gottheit auf der Weih-
inschrift eines Säulenstückes aus Aquileia. C. I.
L. 5, 766: ATTE ■ PAFA || THEVD. THEV.
F. D. D. L. M. Monvmsen vermutet Cauti-
pati( ?). Vgl. Attis S. 723. [Steuding.]
Attes = Attis (s. d.)
Attliis (’Az&ig), Tochter des Autoehtlionen
Kranaos in Attika, der nach Kekrops herrschte;
nach ihr, die als Jungfrau starb, nannte der
Vater das Land, das früher Aktaia hiefs, At-
this oder Attika, Apollod. 3, 14, 5. Paus. 1,
2, 5. Sir ab. 9, 397. Iustin. 2, 6. [Stoll.]
Attis ('Artig oder "Atzyg, lat. Atys, Attis oder
Attin; s. 0. Jahn z. Persius 1, 93. Mommsen,
I. N. No. 1398ff. Orelli No. 1898ff.) ist eine
Gottheit der Phryger, und den Mittelpunkt
der über ihn verbreiteten Mythen bildet seine
enge V erbindung mit der phrygischen Göttermut-
ter, die ihn wegen seiner Schönheit liebt.
I) Mythen. Unter den in mannigfacher
Form und erst von späteren Schriftstellern
überlieferten Sagen ist diejenige von Pessi-
nus sowohl wegen der religiösen Bedeutung
dieser Stadt (s. den Art. Kybele, der überhaupt
zu vergleichen ist) als wegen ihres Inhalts für
die ursprünglichste anzusehen. Die daselbst
einheimische Sage von der Geburt des Attis
(und der Agdistis), von der Liebe der Agdistis
zu ihm, von seiner Raserei, Entmannung, Un-
verweslichkeit u. s. w. berichtet Paus. 7 , 17,
Attis (Mythus) 716
10 (s. oben Agdistis). Von dem mit den Ver-
hältnissen Kleinasiens wohlbekannten Straho
12 p. 567 und anderen erfahren wir, dafs ge-
rade zu Pessinus die Göttermutter unter dem
Namen Agdistis (s. d.) verehrt wurde; somit ist
Agdistis in jener Sage Kybele selbst. Die
Pessinuntische Sage liegt auch der übrigens
viel ausführlicheren und in den Nebenzügen
mehr national gefärbten Darstellung des Ar-
nobius adv. nat. 5, 5 — 7 zu Grunde, die er
bei einem gewissen Timotheus gefunden hat
(s. oben Agdistis). Da aber Arnobius nicht
wufste, dafs die auch bei ihm ursprünglich
androgyne, dann durch Verstümmelung weib-
liche Agdistis die Göttermutter selbst ist,
so hat er die verschiedenen Berichte ver-
schmolzen, und so gehen bei ihm beide, Kybele
und Agdistis von Anfang an neben einander
her: beide lieben den Attis, beide erscheinen
bei der Hochzeit, Kybele freilich ohne rech-
ten Zweck , da Agdistis den Attis samt den
Gästen in Wahnsinn versetzt. Jedoch enthält
die vollständigere Erzählung bei Arnobius
einige Einzelheiten von Bedeutung: Attis stirbt
infolge seiner Entmannung, was offenbar auch
bei Pausanias vorausgesetzt, aber nicht gesagt
ist. Sodann findet seine Entmannung unter
einer Fichte statt, dem für den Attiskultus so
wichtigen Baum. Die Göttermutter trägt diese
Fichte in ihre Höhle und unter derselben be-
weint und beklagt sie den Verstorbenen. Aus
seinem Blut aber spriefsen Veilchen hervor,
weshalb auch noch jetzt seine heilige Fichte
mit Veilchen umkränzt werde. Seine Zurück-
führung ins Leben habe Iuppiter verweigert,
habe aber zugestanden, dafs sein Körper nicht
verwese, dafs seine Haare noch wachsen und
sein kleiner Finger sich noch bewege. Hier-
mit zufrieden habe Agdistis seinen Körper zu
Pessinus beigesetzt und ihm eine jährliche
Feier und eine Priesterschaft geweiht. Damit
ist deutlich auf den pessinuntischen Ursprung
der Sage hingewiesen. Die Sangariostochter
heifst bei ihm N an a (siehe Kybele), die Königs-
tochter Ia.
Der Pessinuntischen steht diejenige Version
am nächsten, welche sich bei Ovid und weiter-
hin bei dem Philosophen Sallustius und dem
Kaiser Iulianus findet. Ovid. Fast. 4, 223 er-
zählt: Attis, ein phrygischer Jüngling, fesselte
durch seine Schönheit die Kybele. Sie wollte
ihn für sich, zum Dienst ihres Tempels behal-
ten, und er mufste ihr Keuschheit und Treue
geloben. Aber er brach sein Wort mit der
Nymphe Sagaritis. Die Göttin tötet im Zorn
die Nymphe, Attis eilt wahnsinnig auf die
Höhen des Dindymongebirges und verstümmelt
sich zur Strafe für seinen Fehltritt. Daher
kommt, setzt Ovid hinzu, die Selbstverstüm-
melung seiner Diener. Ganz ebenso berichtet
Sallustius philosophus de diis et mundo 4, nur
mit dem Zusatz am Anfang: die Göttermutter
habe den Attis am Flusse Gallos liegen sehen,
sei von Liebe ergriffen worden und habe ihm
den Sternenhut (r ov datSQcozbv ni\ov) aufge-
setzt; und am Schlufs: nach der Entmannung
sei Attis wieder zu der Göttin zurückgekehrt
und bei ihr geblieben. Dieselbe Erzählung
m
20
30
40
50
60
717 Attis (Mythus)
mit denselben Zusätzen bietet Iulianus Impe-
rator Orat. 5 p. 165ff. Der Anfang ist bei
ihm deutlicher durch die Bemerkung: dafs er
am Gallosfluis ausgesetzt gewesen sei; vergl.
auch p. 180 A, wo Kybele angerufen wird als
die „welche den ausgesetzten Attis gerettet
und wieder in die Erdhöhle zurückgeführt
hat“. Der Wahnsinn des Attis, in welchem
wir eine Zurückverlegung des Orgiasmus aus
den Gebräuchen im Kultus in den Mythos des
Gottes selbst zu erkennen haben, ist in Ovids
Version noch bestimmter als Strafe gefafst,
welche den Attis für seinen Treubruch an
Kybele trifft, indem er durch seine Liebe zu
Sagaritis in höherem Grade schuldig erscheint
als durch die beabsichtigte Hochzeit in der
Pessinuntischen Sage. Noch offenbarer ist die
Tendenz einer Umdeutung in rein menschliche
Geschichte bei Firm. Matern, de err. 3 („die
Phryger haben aus der Liebe einer reichen :
Frau oder Königin zu einem sie stolz ver-
schmähenden Jüngling ein jährliches Fest ge-
macht“) und ebenso in der ziemlich abweichen-
den Gestalt der Sage bei Diodor, wiewohl auch
er seine Version auf die Phryger und auf Pes-
sinus zurückführt. Bei Diodor 3, 58. 59 ist
Kybele die Tochter des Königs von Phrygien und
Lydien, die, von ihren Eltern ausgesetzt, und auf
dem Kybelongebirge von wilden Tieren ernährt,
zu einer schönen Jungfrau heranwächst und :
durch wolilthätige Erfindungen die Augen auf
sich zieht. Sie liebt den phrygischen Jüng-
ling Attis und wird von ihm schwanger; in
derselben Zeit aber wird sie von den Eltern
wieder erkannt und aufgenommen. Da jedoch
ihr Vater ihren Zustand bemerkt, tötet er im
Zorn den Attis und wirft seinen Leichnam
unbestattet hin ; Kybele aber wird wahnsinnig
und zieht im Lande umher, wehklagend und
das Tympanon schlagend. Durch Krankheit :
und Mifswachs seien die Phryger veranlafst
worden, Attis und Kybele göttlich zu verehren.
Da aber der Leichnam des Attis verschwun-
den sei, so bringen sie bis auf den heutigen
Tag vor seinem Bild ihre Wehklagen dar und
[ehren ihn unter dem Namen Papas. Somit
, fehlt bei Diodor die Entmannung des Attis,
die Rolle des Orgiasmus wird auf Kybele über-
; tragen und Attis’ Tod ist durch seine unrecht-
1 mäfsige Liebe zu Kybele motiviert. Anders ;
wiederum wurde sein Tod nach einer Nach-
! eicht bei Pausanias 7, 17, 5 von dem Elegieen-
dichter Hermesianax erzählt: er sei der Sohn
les Phrygers Kalaos gewesen, habe sich aber
s nach Lydien begeben und daselbst den Dienst
ler Göttermutter eingeführt. Er sei deshalb
■on den Lydern so hoch geehrt worden, dafs
4eus aus Unwillen einen Eber in das Land
: geschickt habe, der den Attis tötete. Ähnlich
Schot. Nicandri Alex. 8 mit dem Zusatz, dafs (
lie Göttermutter ihn unter Wehklagen begra-
jen habe. Die Verschmelzung mit der syri-
chen Adonissage (s.d.) liegt auf der Hand. Dafs
iber diese Form der Attissage in Lydien zu
lause war, zeigt sowohl ihre Darstellung auf
ler Felswand zu Hammamly bei Maeonia, Le- •
jus Itineraire pl. 55, als ihre Umwandlung in
ydische Königsgeschichte, in die Sage von
Attis (Mythus) 718
Atys und Adrastos, Herod. 1, 34; vgl. Meyer,
Gesch. d. Altert. 1, 307. Bei Lukian de dea
Syr. 15 wird Attis geradezu ein Lyder genannt
und ihm die Stiftung des orgiastischen Kybele-
dienstes in Phrygien, Lydien und Samothrake
zugeschrieben. Auch Diodor a. a. 0. nennt
Lydien neben Phrygien.
Den gemeinsamen Hauptzügen dieser Sagen,
der Liebe der Kybele zu dem jugendlich schö-
nen Attis und dem frühzeitigen Dahinschwin-
den seiner Lebenskraft, sei es durch Tod oder
durch Entmannung, schliefsen sich auch die
einzelnen Nachrichten an. Bei Servius ad Verg.
Aen. 7, 761 heifst er allgemeiner numen con-
junctum Matri Demi, oder er erscheint als
ihr Diener und Verbreiter ihres orgiastischen
Dienstes Lukian a. a. 0., Iulian Or. 5 p. 172 C.
vnovQyog ry Myrgi nal yvio%og. Ein ana-
kreontisches Lied (11 Berglc) führt den ygi&y-
Xvg "Artig vor, wie er der schönen Kybebe auf
den Bergen ruft und wahnsinnig wird. Eben-
so durchzieht sie, sehnsüchtig den Attis rufend,
auf ihrem Löwenwagen bergauf, bergab die
Waldhöhen des Ida, die von dem tollen Trei-
ben ihrer Begleiter , der Korybanten , wider-
hallen , Lukian. dial. de. 12, oder nimmt den
Liebling auf ihren Wagen, Luk. Sacrif. 7 (vgl.
die Abbildungen bei Kybele). Eigentümlich
ist, dafs gerade in den ausführlicheren Er-
zählungen seiner Geschichte die Bezeichnung
desselben als Flirten fehlt , die sich in ver-
einzelten Nachrichten vielfach findet, Theo-
krit 20, 40 (unecht) na i rv , ’Pta, nXcdeig rov
ßovnölov; Arnoh. adv. nat. 4, 35 hubulcus ;
Tertull. ad nat. 1, 149 Ciybele pastorem suspi-
rat ; in dem Hymn. bei Hippolyt, ref. 5, 9
ainolog und ovQinryg; Schol. zu Nicandr.
Alex. 8. Dagegen stimmen über den Tod des
Attis auch die sonstigen Nachrichten über-
ein. Nach Paus. 1,4,5 zeigte man in der
Nähe von Pessinus sein Grab; bei Hippolytus
a. a. 0. heifst er vinvg-, Firmicus Maternus
de err. prof. rel. 3 sagt: die Phryger hätten
den zuvor Begrabenen wieder auferstehen las-
sen; auch Iulian. orat. 5, 168 C redet von sei-
nem Verschwinden. Mit Entmannung und Tod
endigt auch die von dem übrigen abweichende
Erzählung bei Serv. ad Aen. 9, 116, nach wel-
cher der schöne Jüngling, ein Priester der
Göttermutter, der unreinen Begierde eines Kö-
nigs zum Opfer fällt.
11) Bedeutung. Den Inhalt der Mythen
von Attis und Kybele bilden, wie schon im
Altertum erkannt worden ist, die Vorgänge
des Naturlebens. Die Göttermutter Kybele,
mit welcher Attis bald als Sohn, bald als Ge-
liebter verbunden erscheint, ist die phrygisch-
lydische Form der asiatischen Naturgöttin, in
welcher das weibliche Prinzip als die Quelle
alles Lebens verehrt wurde [vergl. d. Art. As-
tarte u. v. Baudissin, Stud. z. somit. Beligions-
yesch. 2, 203ff. ß.]. Sofern das neue Leben
vornehmlich aus der Erde entspringt, wurde
sie auch als Erdmutter gedacht. Daraus ergiebt
sich die Bedeutung des Attis. Nach den Zeug-
nissen des Eusebius Praep. Ev. 3, 11 p. 110C
und Augustin de eiv. Dei 7, 25 sah Porphyrius
in dem schönen Liebling der Kybele ein Bild
719 Attis (Deutung)
für den Bliitenflor der Erde im Frühling : Attis
bedeute „die im Frühling hervorspriefsenden,
aber noch ehe sie Früchte bringen wieder ver-
welkenden Blüten , weshalb ihm auch die
Beraubung der Zeugungskraft zugeschrieben
werde“. Der Philosoph Sallustius fügt seiner
Erzählung des Mythos a. a. 0. die Erklärung
hinzu: die G öttermutter ist die lebenspendende
Göttin (gmoyövog ffea), Attis der Bewirken des
Entstehens und Vergehens (zäv ysvoyevGiv xai
y&tiQOfisvevv Sggiovgyog). Ähnlich nennt ihn
lulicm Orat. 5, 165B einen ff sog yovigog, und
ein spätes Epigramm Kaibel, epigr. 824 „den, der
zu allen Zeiten das Festgesetzte hervorbringt.“
Firmicus Mat. de err. 3 legt sogar den Phry-
gern zu Pessinus selbst folgende Erklärung des
Mythos in den Mund: die Liebe der Kybele
zu Attis bedeute: die Erde liebe ihre Früchte;
seine Entmannung bedeute das Schneiden der
Früchte, sein Tod die Aufbewahrung derselben, 2
sein Wiederaufleben das Wiederausstreuen des
Samens. Deshalb bezeichnet ihn auch der Hym-
nos bei Hippolytos a.. 0. als die noch schwel-
lend abgeschnittene Ähre %1oeq'ov gzuivv dgg-
Q-svxcc-, dasselbe bedeuten die Blumen und
Früchte in seiner Hand auf Denkmälern (s.
unten). Dafs diese Auffassung des Attis, welche
jene Gelehrten des späteren Altertums aus der
ihnen zu Gebot stehenden Anschauung seines
Kultus geschöpft haben, in der That das Rieh- 3
tige trifft, lehrt eine nähere Betrachtung der
Mythen und wird durch die Kultgebräuche,
soweit sie uns überliefert sind, bestätigt. In
den Mythen begegnet uns dabei, je mehr sie
die Farbe der phrygischen Heimat tragen, eine
desto eigentümlichere Symbolik. So nament-
lich in dem aus verschiedenen asiatischen Ele-
menten zusammengewachsenen Mythengebilde
von Pessinus. Der androgyne Charakter der
Agdistis findet sich auch bei anderen Formen i
der asiatischen Naturgöttin (s. Kybele). Da-
gegen ist die Art, wie Agdistis ohne eigent-
liche Zeugung (durch Vermittlung des Man-
delbaumes und der Sangariostochter) den At-
tis hervorbringt, wohl als eigentümlich phry-
gisches Sinnbild für das Hervorgehen der
Pflanzenwelt aus dem mütterlichen Schofs der
Erde anzusehen. Attis erscheint hier als Sohn
der Kybele, wie er auch in dem Hymnos bei
Hippol. ref. 5, 9 zweimal (sl'zs 'Peag gsydlrj g und E
"Azzev zov 'Ps/xjg) genannt wird. Als er aber
ein schöner Jüngling geworden war, liebte ihn
Kybele, die ihn am Ufer des Gallosflusses lie-
gen sah: der Sohn wird zum Geliebten, was
der Inhalt der Mysterien des Attis und der
Kybele gewesen zu sein scheint, Clemens Alex.
Protr. 2. Hippol. a. a. 0. Dazu Schneide-
win , Philol. 3, 247. Itdian or. 5 p. 166A.
Aber der Liebesbund mit dem schönen Jüng-
ling, der sich ganz ihrem Dienst ergiebt und 6
ihr Treue gelobt , wird durch ein grausames
Verhängnis gestört: Attis entmannt sich selbst
zur Strafe für seine Untreue und stirbt, d. li.
der Pflanzenwuchs und Blütenreichtum, der
sich bis zum Hochsommer üppig entfaltet hat,
verwelkt und erliegt den glühenden Strahlen
der Sonne. Die Natur scheint sich selbst ge-
waltsam der Zeugungskraft zu berauben, eine
Attis (Deutung) 720
Anschauung, die ebenfalls den Phrygern eigen-
tümlich gewesen zu sein scheint. Die Göttermut-
ter selbst bestattet ihn unter Wehklagen; selbst
sein Leichnam ist verschwunden, d. h. die ihres
Blütenschmucks beraubte Erde trauert im Herbst
und Winter. Aber Attis ist nicht für immer
tot; Kybele selbst verschafft ihm die Unver-
weslichkeit, der Begrabene steht wieder auf
{Firm. Mat. a. a. 0.), Attis kehrt zu ihr zurück
mit den Kindern des Frühlings, mit den Veil-
chen, die aus seinem Blut emporspriefsen, um
sich aufs neue mit der Göttin zu verbinden.
Dieser offenbaren Übereinstimmung zwischen
Bedeutung und Mythos des Attis gegenüber
kann die andere auf die Festzeit des Attis
gegründete Auffassung, dafs Attis die Sonne
bedeute ( Macroh . Sat. 1, 21, 7. Arnob. 5, 42,
von den Neueren Visconti Annal. d. Inst. 1869,
231), nicht für die ursprüngliche, sondern nur für
ein Erzeugnis des späteren Synkretismus gelten;
auch bezieht sich nicht hierauf das Beiwort
Menotyrannus auf lateinischen Inschriften
des 4. Jahrhdts. bei Orelli Inscr. 1900. 1901.
2264. 2353, sondern dasselbe ist dem Kultus
des Gottes Men entlehnt (Myv Tvgavvog ), mit
welchem der des Attis später verschmolzen
wurde, vgl. Waddington zu No. 668 in den
Inscriptions Grecques et Latines par Le Bas et
Wculdington tom. 3. Die Vereinigung von
Sonnenstrahlen mit der Mondsichel am Haupt
des Attis, Mon. d. Inst. 9, 8 a, n. 2. Visconti
a. a. 0. 230 verleiht demselben ebenso wie
Kybele selbst (s. Kybele) eine allgemeine kos-
mische Bedeutung, und aus dieser erklären sich
Ausdrücke wie n oiggv Isvuav kozqcov Hippo-
lyt. ref. 5, 9 und der aGXEQcoxbg nilog bei Iu-
lian. Orat. 5, 165 B, sowie "Azxig Isvnog Bahr,
fab. 126 und die Beziehung auf den Mond
Orelli n. 1903. Höchst beachtenswert aber ist
die völlige Übereinstimmung des Attismythos
mit dem des Adonis in allen Zügen aufser der
Entmannung (s. oben Adonis S. 76), wozu noch
die von Haakh, Stuttgarter Philol.- Vers. 1857
S. 176ff. vermutete Namensgleichheit hinzu-
kommt, wonach Adonis jns< mit Attis identisch
wäre, dessen Name wohl ursprünglich Atins lau-
tete, wie aus der Doppelform Atis und Atin zu
schliefsen ist, vgl. K. Curtius, das Metroon in
Athen S. 10. Beide wurden auch schon im Al-
tertum gleichgesetzt, wie in dem Hymnos bei
Hippolytos a. a. 0.: "Azzl‘ ge ncdovGL gsv ’Aggv-
qlol zQincO'gzov "Ad'coviv, und in dem Orakel bei
Socrat. Hist. Eccl. 3,23: "Axxiv d’ [Iccgueg&s
fff ov gsyav, ayvov ’ASamv \ sviov , olßiööagov,
sv7i 16'fUxyov Aiowgov. Da auch Dionysos als
verschwunden beklagt und als wiederaufer-
standen gefeiert wurde, so wurde auch er dem
Attis gleichgesetzt, vgl. Schneidewin , Philol.
3, 265 und in jenem Hymnos die Worte dg
Bcck% svg.
III. Kultgebräuche. In den Kultgebräu-
chen des Attisdienstes, soweit dieselben über-
liefert sind, spiegelt sich der Mythos wieder:
die Klage um den Verschwundenen und der
Jubel über den Wiedererstandenen bilden die
beiden Angelpunkte des Kultus. Nach Plut. Is.
et Osir. 69 feiern die Phryger das Einschlafen
Und dann wiederum das Wiedererwachen ihres
ä*
£:
in
::
-.
den
a:
! i;k
I V
I tee;
11, Gl
3
« ([»dl
I he
I lila
I Et' !
.4;
teilt
!!.
Kill
Bä n
jfieli
- 1
. Nie S
5
I Sie v
hell
"l.l
ie .
; den :
hi t
fidit
I soll,
fall
’ fani
te
i'ijie
1 nfD'l
| | Iffl £
üli
I #ben
iiii
I fal
Isfet,
8.14
htG.
Pf,
721 Attis (Kultgebräuche)
Gottes. Die Phryger in Pessinus , sagt Fir-
micus Mat. de err. 3, haben sich aus der Fabel
von Attis und Kybele eine jährliche Festfeier
gemacht ( annuum sacrorum ordinem ) mit Weh-
klagen um den Verstorbenen, und zum Trost für
die Betrübte (Kybele) haben sie den kurz vor-
her Begrabenen wieder aufleben lassen. Nach
Schol. Nicandr. Alex. 8 fand diese Trauerfeier
i im Frühjahr statt. Genauer berichtet Macrob.
i Sat. 1,21,7, dafs nach Beendigung der Trauer- io
Iceremonien die Freudenfeier, für welche er
den in Rom üblichen Namen Hilaria gebraucht,
in am 25. März beginne, von wo an der Tag zu-
j nehme. Dies sind die ogyicc und rsXetcei der
i Göttermutter, als deren Stifter Attis vielfach
i bezeichnet wird, und welche nach Dion. Halic.
1, 61 noch zu Augustus’ Zeit in ganz Phry-
gien ausgeübt wurden und in Sqcousvci ts nal
■ Xsyopsvce 71sqI otvTT/v (KvßiXrjv) nal ’ 'Aznv , letz-
I, tere besonders in Q-Qrjvoi bestanden, Marini 20
I vita Procli 33. Attis wurde dabei entweder
I unter einer menschenähnlichen Figur oder
J unter dem Symbol der Fichte dargestellt.
| Diodor 3 , 59 berichtet , noch zur Zeit des
I Augustus beklagen die Phryger bei einem
selbstgefertigten Bild des jugendlichen Attis
sein trauriges Schicksal; Firmicus Mat. de err.
! 27, bei der jährlichen Festfeier der Kybele
»werde eine Fichte gefällt und am Stamm des
i Baumes das Bild des Attis angeheftet. Dieselbe 30
; spielt eine besonders wichtige Rolle. „Der hei-
lige Baum wird an dem Tag geschnitten, an dem
■ die Sonne die Höhe des Bogens der Tag- und
Nachtgleiche erreicht“ sagt Iulian Or. 5, 168 C.
•,! Sie wird mit Veilchen bekränzt oder mit Veil-
chenkränzen geschmückt, der Stamm mit wol-
lenen Binden umwunden, wie Arnob. 5, 7. 16
1 angiebt, die Veilchen zur Erinnerung an jene,
die aus Attis’ Blut emporsprofsten, die Bin-
i den zur Erinnerung an jene, mit welchen Ia 40
, j den sterbenden Attis bedeckte*, wie auch die
! Fichte eine Erinnerung an die Fichte sein
soll, unter welcher sich Attis entmannt und
j welche dann die Göttermutter in ihre Höhle
getragen habe, um ihn dabei zu beweinen,
I Arnob. 7, 39. Die wahre Bedeutung der Veil-
I chen giebt er selbst au in dem Ausdruck pri-
j migenii flores cap. 16: sie werden übereinstim-
■ mend mit der Festzeit als Frühlingsblumen
ihm geweiht, und die Fichte ist als der den 50
i Winter über sein Grün bewahrende Baum das
! Symbol der nie versiegenden Lebenskraft.
Auch mit andern Gegenständen des phrygi-
j sehen Dienstes, mit Cymbeln, Tympanon, Sy-
rinx wurde die Fichte des Attis behängen und
1 verschiedene Vögel auf die Aste derselben ge-
lsetzt, vgl. Zoega Bassirilievi di Roma 1 Taf.
13, 14. Arch. Ztg. 1863 Taf. 176. Wegen die-
ser Gebräuche hat Mannhardt , Antike Wald-
. u. Feldkulte S. 291 ff. den Attiskultus nebst 60
dem des Adonis in den Kreis seiner verglei-
chenden Betrachtung der auch bei den Grie-
chen und Römern nachweisbaren, namentlich
aber bei den deutschen und slavischen Völ-
kern jetzt noch unter dem Namen Maibaum,
Erntemai , Laubmann u. s. w. fortlebenden
Frühlingsfeier gezogen, bei welcher ein ganz
i ebenso mit einer Puppe und anderen Gegen-
Attis (Kultgebräuche) 722
ständen behangener Baum die Verkörperung
des vom Tod erwachten Wachstumsgeistes
darstellt. Wie in jenen Lätarebräuchen des
nördlichen Europas, so bezeichnet nach Mann-
hardt das an der Fichte aufgehängte Attisbild
das dem Baum einwohnende Numen der Vege-
tation. Eine Bestätigung dieser Auffassung
ist wohl auch in dem Koblenzer Relief zu
sehen , auf welchem die beiden Attisfiguren
aus einem Baum hervorzuwachsen scheinen,
veröffentlicht von Haakh a. a. 0. S. 181 f. ;
und wenn auch dasselbe zunächst durch den
Mythos vom Hervorgehen des Attis aus dem
Mandelbaum und die Worte im Hymnos bei
Hippolytus a. a. 0. ov noXv-naQ-i zog tunrsv agvy-
dccXog dvioa Gvor/.tdv erklärt werden kann,
vgl. Haakh S. 182, so dürfte doch eben dieser
Mythos im Sinne der Auffassung Mannhardts
zu deuten sein. Weniger Gewicht aber dürfte
der Stelle Ovids Biet. 10, 105 von der Ver-
wandlung des Attis in die Fichte beizumessen
sein : Attis exuit hac (der Fichte) hominem
truncoque induruit illo, in welcher Mannhardt
den ursprünglichen Sinn der Sage erkennen
will. Es ist sehr fraglich , ob die Idee der
Metamorphose überhaupt phry gisch ist, und
da Ovid mit dieser Angabe allein steht, auch
Fast. 4, 340 selbst nicht einmal dieselbe er-
wähnt, so ist sie wohl als ein vorübergehen-
der Einfall des Verfassers der Metamorphosen
anzusehen.
Nachdem die Fichte in feierlicher Prozes-
sion ( sollemniter ) in das Heiligtum der Götter-
mutter verbracht war, Arnob. 5, 16, 39, das
wohl dem Mythos und der phrygischen Lan-
dessitte gemäfs (s. Kybele) eine Felsenhöhle
darstellte , begann entsprechend der Klage
der Göttin das Wehklagen der Priester, der
Galli, und des Oberpriesters, des Archigallus,
der nach den Inschriften von Sivrihissar stän-
dig Atys hiefs, vgl. Duncker , Gesell, d. Alt.
I4, 389. Polyb. 22, 20. pedoribus adploden-
tes palmas passis cum crinibus Galli Arnob.
5, 16, woran wohl auch die sonstigen Anhän-
ger sich beteiligten, Senec. Ag. 723. Hierauf
folgte jene im Altertum so viel besprochene
Ceremonie, welche als höchste Steigerung des
Orgiasmus unter den Klängen der phrygischen
Flöte die Selbstentmannung der Galli darstel-
len sollte, welche aber, wie es scheint, für
gewöhnlich nur dadurch angedeutet wurde,
dafs der Archigallus, vielleicht auch die an-
deren, sich die Arme blutig ritzten. Von letz-
terem Gebrauch ist in der überwiegenden Zahl
der Stellen (gesammelt bei Marquardt- Mommsen
Handb. d. R. A. 6, 357 A. 2) die Rede, von
eigentlicher Entmannung bei Servius ad Verg.
Aen. 9, 116 u. Schol. Nicandr. Alex. 8, vergl.
Mannhardt a. a. 0. S. 292 und 346. Dafs diese
Ceremonie eine Nachahmung des Gottes selbst
darstellen sollte, der bei Iidian Or. 5 p. 159 A
selbst auch rdXXog heifst, wird überall her-
vorgehoben; dafs hierauf das Freudenfest folgte,
ist oben erwähnt. Hieraus ergiebt sich, dafs
die phrygische Feier in den Grundzügen mit
dem seit Claudius in Rom eingeführten März-
fest (s. Kybele) übereinstimmte; ob auch in
den Einzelheiten , ist nicht sicher. Es mag
723
Attis (Kultgebräuche)
Attis (Verbreitung d. Kultus) 724
sein, dafs z. B. Arnobius, obwohl er von pliry-
gischen Gebräuchen zu sprechen angiebt, doch
manches dem römischen Kultgebrauch entnahm.
Von den römischen Gebräuchen zeigen deut-
liche Beziehung auf Attis das Hereintragen der
heiligen Fichte, die Blutentziehung am dies
sanguinis, dem Tag der Trauer, und das Freu-
denfest Hilaria. Namentlich war auch diese
unmittelbare Verbindung der Trauer- und Freu-
denfeier dem phrygischen Fest und dem römi-
schen Abbild desselben gemeinsam. Dieses
Zusammenrücken der beiden Festgebräuche,
von denen nur das Freudenfest dem Frühjahr,
die Trauer aber dem Herbst angehören würde,
hat nach Mannhardts Erklärung a. a. 0. S. 295
nur den Zweck „den Zustand der dabei auf-
tretenden mythischen Personen als den des
Wiedererwachtseins oder Wiederauflebens zu
bezeichnen“. Das Wiederfinden des Attis ge-
schah nach einem im Metroon in Ostia gefun-
denen Belief Mon. d. Inst. 9, 8a 1 im Schilf-
rohr des Flusses Gallos, aus welchem sich das
Haupt des Attis erhebt. Hieraus erklärt sich
die Bedeutung des Kollegiums der Cannophori,
welche schon am 15. März ihren Einzug
hielten.
IV. Verbreitung des Kultus. In Phry-
gien war die Verehrung des Attis allgemein;
infolge der engen Verbindung mit Kybele
scheint auch er hohe Verehrung genossen zu
haben (nach Psellus tisqi övop. p. 109 bedeu-
tet Attis auf phrygisch Zeus) und zwar unter
dem Namen Papas, Diodor 3, 58. Ilippol. ref.
5, 9 ol d>Qvysg ulXozs fisv Tlunuv huXovgi, wäh-
rend das Streben, ihm eine allumfassende Be-
deutung beizulegen, wie in dem Hymnos bei
Hippolyt, a. a. 0. slzs Kqovov ysvog si'zs Jiog
pocKUQog, und in der Inschrift: "Azzsi d’ vipiazco
nccl cvvisvzt, zo ttocv Kaibel, epigr. 828, vergl.
Iulian. Orat. 5, 168 C: fisyug tteo g "Azzig und
ßuGilevg aus neuplatonischen Ideen hervorge-
gangen scheint. Aufser den Lydern (s. oben)
verehrten ihn auch die Bithyner , auch sie
unter dem Namen Papas als höchste Gottheit
Hustath. II. E 408: AQQiuvog Iv Bi&vviaKoig,
ozi avLOVztg sig tu unqa zwv oqwv Bid’vvol
lnulovv IJutzuv zov diu itai "Azzzv zov uvzov.
Es war demnach ein Höhendienst, worauf auch
die Beinamen der Kybele hinweisen. In Grie-
chenland fand der Kultus des Attis wegen
seines rein asiatischen Charakters nur hie und
da und erst spät Eingang; immer wurde er
als Fremdling und Eindringling unter den
griechischen Göttern angesehen: suylvg ex zi-
vog ßuQßaQinr/g ffuGibuifioviug Plut. Amat. 13.
Ebenso Lukian Icaromen. 27. Deor. conc. 9.
Nur an zwei Orten des eigentlichen Griechen-
landes wird ein mit Kybele gemeinsames Hei-
ligtum des Attis erwähnt, zu Dyme und Patrai,
und zwar erst von Pausanias 7, 17, 9. 20, 3.
Im Peiräeus bestand zwar seit dem Ausgang
des vierten Jahrhdts. v. Chr. ein privater von
Orgeonen in einem Metroon geübter Dienst
der asiatischen Göttermutter , aber von den
hierauf bezüglichen Inschriften (gesammelt von
Comparetti, Annal. d. Inst. 1862, 23) zeigt erst
eine den ersten Jahrzehnten des 2. Jahrhdts.
ungehörige (so Köhler, G. I. Att. 2, 622 = Com-
paretti n. 8) eine Beziehung auf Attis. Hier wird
die Priesterin der Orgeonen belobt , dafs sie
iazQcoGsv Öl Hai nXivrjv eig KficpbziQu zu’Azzidsiu.
Das auch im Adoniskult vorkommende Toten-
bett und die „beiden Attisfeste“ zeigen, dafs
die Trauer um den Toteu und die Freuden-
feier gemeint ist, woraus wohl mit Foucart
Associations religieuses S. 97 geschlossen wer-
den darf, dafs plirygische Gebräuche auch im
Peiraieus geübt wurden. Eine Einweihungsfor-
mel ^n diese Attismysterien ist uns bei Fir-
micus Mat. de err. 18 erhalten: ex zvynuvov
pißgaotu, e’x xvpßaXov nsncona, yiyovu yvGzr\g
’Azzsmg. Aber die staatliche Anerkennung wurde
diesem Attisdienst nicht zuteil. Der bei Athen
gefundene Taurobolienaltar, Arch. Ztg. 1863
Taf. 176. 177 hängt weder mit diesem Kultus
im Peiraieus, noch mit dem Metroon in Athen
zusammen (wie Gurt ins , Metroon S. 11 will),
sondern gehört einer später über das ganze
römische Reich sich verbreitenden Sitte an.
Ob in Rom mit dem 204 v. Chr. eingeführten
Kybeledienst schon in republikanischer Zeit
die Verehrung des Attis verbunden war, ist
zweifelhaft. In dem einzigen Zeugnis hierfür,
Varro sat. Wien. p. 174, 150 Bücheier beruht
der Name des Attis auf Konjektur, und der
Denar des Cethegus, auf welchem ein Knabe
mit phry gische r Mütze, mit einem Ast auf der
Schulter, auf einem Bock reitet, mag sich zwar
auf die Pessinuntische Attissage (s. Agdistis)
und die Einführung des Kybeledienstes unter
Cethegus’ Konsulat beziehen (vgl. Mommsen,
Gesell, d. röm. Münzw. 540 n. 136. Cavedoni
Bull. 1884 p. 23), ist aber gegenüber dem völ-
ligen Schweigen der Schriftsteller kein hin-
reichender Beweis für seine V erehrung in Rom.
Erst in dem seit Claudius aufgekommenen
Märzfest tritt Attis mit gleicher Berechtigung
neben die Göttermutter, und von da an ist er
auch in der Fömischen Litteratur und den
Denkmälern eine bekannte Gestalt. Nun wird
er in den Inschriften neben Kybele genannt,
z. B. Orelli 1896 — 1907. 2264. 2328 f. ; sie heifsen
zusammen dii magni 2352, conservatores 1901;
vergl. auch die Entdeckungen im Metroon von
Ostia Visconti Annal. 1869 , 224. Der Ober-
priester der Magna Mater, der Arcliigallus,
giebt sich nicht blofs in seinem Priesterschmuck,
worunter das vor der Brust hängende Attis-
bild (Relief des Capitol. Mus. Müller- Wieseler
2, 63, 817) als Diener des Attis kund, sondern
er führte auch, wie die Oberpriester in Pessi-
nus, den Titel Attis populi Romani (Or. 2320);
ein anderer Atus publicus populi Romani Qui-
ritium bei Or. 2353. Henzen, Annal. d. Inst.
1856, 110 vermutet, derselbe habe bei dem
Kybelefest die Rolle des vergötterten Jüng-
lings zu spielen gehabt. Und nicht mehr ver-
achtete Phryger waren jetzt diese Priester,
sondern römische Bürger, in Rom wie in den
Provinzen (Or. 2320. Marquardt, R. A. 6, 354).
Besonders aber verbreitete sich die Verehrung
des Attis durch die Sitte des Taurobolinms,
die seit der Zeit der Antonine im ganzen Reich
herrschend wurde. Die zahlreich erhaltenen,
zum Andenken an ein Taurobolienopfer gestif-
teten Altäre sind ebensowohl dem Attis als
726
725 Attis (Verbreitung d. Kultus)
Attis (Bildwerke)
der Göttermutter geweiht und die Opfer bei-
den gemeinschaftlich {prell. 1900. 1901. 2328.
2352); auch wo er nicht genannt ist, ist er
nicht blofs durch seine an den Altären an-
gebrachten Attribute wie Peduin , Harpe , Sy-
rinx ( Lyon Millin voyage 1, 453. Zoega hass. 1
'av. 14) deutlich bezeichnet, sondern von dem
Opfer selbst, das aus einem taurobolium und
eriobolium besteht, ist der Stier der Götter-
mutter, der Widder dem Attis geweiht, Zoega
p. 59. Die Hauptceremonien des Tauroboliums,
las Vergraben der Testikeln des Stiers ( vires
’xcipere, conäerc Or. 2322, womit der Gebrauch
ler entmannten Attisdiener Schol. Nicandr.
Alex. 8 zu vergleichen) und die Bluttaufe ( Pru -
ient. 71sql ctscptxv. 10, 1011), von deren suh-
lender Kraft eine Erneuerung des Lebens er-
wartet wurde ( taurobolio criobolioque in acter-
num renatus Orelli 2352. 6041) erklären sich
Eunuchen erkennen läfst. Deshalb ist ihm in
Körperformen und Haltung eine gewisse Weich-
lichkeit eigen. Sein regelmäfsiges Attribut,
das ihn als Hirten bezeichnet, ist das Pedum,
seltener Syrinx oder Tympanon. Meist er-
scheint er eng verbunden mit Kybele, ent-
weder untergeordnet, indem er neben der thro -
nenden steht, Millin G. M. 4, 13 (abgebildet
bei Kybele), zugleich mit Hermes, er selbst
10 eine Blume in der Pland, Curtius, Äbliandl. d.
Herl. Alcad. 1879 Taf. 3, 1 (vgl. Orelli 1900);
sie reicht ihm dabei die Hand, Zoega p. 55
A. 93, oder legt vertraulich den Arm um sei-
nen Nacken, Arch. Ztg. 1863 Taf. 176. Oder
aber der Liebesbund stellt beide einander
gleich: die Göttin suchtauf dem Löwenwagen
fahrend den Geliebten, der sich lauschend hin-
ter einer Pinie birgt, Zoega hass. tav. 13 (abgeb.
unt. Kybele); dann, nach siegreicher Vollen-
Kybele u. Attis nebst adorierenden Frauen, Votivrelief in Venedig (s. S. 726 Z. 57 ff.).
,us den im Pessinuntisclien Attismytlios ent-
laltenen Ideen von der Erneuerung der Lebens-
saft.
V. Bildwerke. Die weite V erbreitung
les Attiskultus beweisen auch die meist der
ömischen Zeit angehörenden bildlichen Dar-
teilungen auf Münzen und Werken der Skulp-
ur aus Kleinasien, Griechenland, Italien und
len westlichen Provinzen bis in die Donau- eo
md Rheingegenden. Attis wird als Jüngling
largestellt mit der phrygischen Mütze und
ler asiatischen, eng anliegenden, auch Arme
md Beine bedeckenden Kleidung, welche je-
loch, zuweilen mannigfach geschlitzt und wie-
er zusammengefafst, das Nackte durchblicken
der auch durch völlige Freilassung des Unter-
eibs und der Brust die Körperbildung des
düng seines irdischen Geschicks und göttlicher
Ehren teilhaftig, sitzt er an ihrer Seite auf
dem Löwenwagen , Havercamp , Alex. num.
tab. 7, 18. 11, 29 (abgeb. unt. Kybele) und nimmt
mit ihr die Huldigungen der Adoranten ent-
gegen, so auf einem griechischen Votivrelief
Zanetti stat. di S. Marco 2 , 2 , hier nach
Monum. grecs abgebildet: neben Kybele, zu
deren Fiifsen der Löwe, steht Attis mit dem
Hirtenstab, zu ihnen tritt aus einer Flügelthüre
eine adorierende Frau mit einem Büchschen,
welcher eine Dienerin folgt. Seltener sind Ein-
zeldarstellungen des Attis (vergl. Orelli 1902.
1903) in Statuen, Statuetten, Reliefs, s. K. 0.
Müller, Handb. § 395. Müller -Wieseler 2, 63,
811. 812. Zoega p. 54f. Haakh 16. Philol-
Vers. S. 176f. mit zahlreichen Abbildungen.
727
Atusmerius
Aucnus
Uenzen, Annal. ä. Inst. 1856 Taf. 27, 1. 2.
Visconti Annal. 1869, 238. Besonders merk-
würdig ist die Attisstatue Mon. de Inst. 9, 8 a
n. 2: Attis mit weiblichen Körperformen und
mit weiblicher Haartracht und Haltung (nach
Luk. dea Syr. 15) anmutig und halb nachläs-
sig am Boden hingestreckt, mit einem Straufs
von Blumen, Früchten und Ähren und zahl-
reichen sonstigen Attributen, welche Anspie-
limgen auf seine Mythen enthalten, s. Annal.
1869, 224. Eine besondere Klasse bilden die
Attisbilder auf Grabsteinen, Jaumann, Nach-
trag zu Colonia Sumlocenne Stuttg. 1855. Ur-
lichs, Jahrb. cl. Ithein. Altert. -Vereins 23, 49 f.
Taf. 1, 2. Friederichs , Herl. Ant. Biläw. 2
n. 2008. Dütschhe, Biläw. Oberital. 4, 354. 359.
360. 380. Attis steht hier, meist das eine Bein
überschlagend, das Kinn auf die Hand gestützt,
dem Zeichen des Nachdenkens und der Trauer,
indem sein trauriges Geschick als Vorbild
schnellen Dahinsterbens, vielleicht aber auch
einer zu hoffenden Auferstehung ( Fenzen a. a. 0.
112) gefafst wurde. Die hier zuweilen erschei-
nenden Attribute des Bogens (Haalch S. 177.
185. Dütschke 4, 550) und der Fackel (Dütschke
5, 437. 569) bezeichnen wohl den Kybelediener
(vgl. Kybele). [Rapp."|
Atusmerius oder Adsmerius, ein celtischer
Gott, der mit Mercurius identificiert wurde.
Auf einer Vase aus Sanxey bei Poitiers steht
nämlich nach II. D'Arbois de Jubainville, le
cycle myth. Irland, et la mythol. Celtigue, Paris
1884 p. 382 f. die Inschrift: Deo Mercurio
Atusmerio und auf der Basis einer zu Meaux
gefundenenMerkurstatue: Deo Adsmerio. D' Arb.
de Jub. vergleicht damit den Namen Smeri
oder Smert auf einem römischen Altar im
musee de Cluny zu Paris unter dem Reliefbild
eines Gottes (sonst Lugus genannt), der eine
Schlange mit einem Keulenschlag bedroht.
S. Cernunnos. Endlich kommt auf Inschriften
mehrfach eine Göttin Rosmerta (s. d.) neben
Mercurius vor, so dafs vielleicht für obige
Namen an einen Stamm smer (vgl. irisch smer
Feuer) und an eine Lichtgottheit (d. h. die
Sonne) zu denken ist. [Steuding.]
Atynmos ('Azvyvog , ’Azvgviog ; Tvgvog oder
Tvgviog , dem. Homil. 5, 15), 1) Sohn des
Phoinix oder des Zeus und der Kassiepeia,
Bruder des Kilix, Phineus und Doryklos ( Schol .
Ap. Bh. 2, 178. Apollod. 3, 1, 2. dem. Be-
cogn. 10, 22, p. 54 Bu.) , ein schöner Knabe
und Geliebter des Sarpedon, der, nachdem er
seinetwegen mit seinem Bruder Minos in Streit
und Krieg geraten, mit dem Geliebten von Kreta
nach Karien auswanderte. Vgl. den Mythus von
Miletos, der ursprünglich mit ihm identisch ge-
wesen zu sein scheint. Auch war er ein Lieb-
ling des Apollon, dem. Homil. 5, 15. In Gor-
tyna wurde er mit seiner Schwester Europa
gemeinsam verehrt, Solin. 11, 9. Ihm zu Ehren
begingen die Kreter ein Trauerfest, Nonn.
Dion. 19, 180; vgl. 12, 217. 11, 131. 258, wo
Phoibos mit dem Beinamen Atymnios genannt
wird. Nach Solin. a. a. O. läfst sich vermu-
ten, dafs er ursprünglich den Morgenstern be-
deutete. Seine Mythen weisen aufser auf Kreta
und Phönikien auf Lykien, wo er mit dem
lykischen Apollon eng verbunden ist (Nonn.
a. a. O.), sowie auf Karien hin. Movers, Phö-
nizier 2, 2. S. 80. Anm. 91. Preller, Griech.
Myth. 1. S. 216, 3. 2. S. 133 f. Hock, Kreta 1.
S. 105. 2. S. 75. 327. Welcher, Iiret. Kolonie
S. 8. Gr. Götterl. 2. S. 384. Gerhard, Griech.
Myth. § 485. 728. — 2) Sohn des karischen
Königs Amisodaros, Bruder des Maris, beide
im Gefolge des Sarpedon vor Troja, von den
io Nestoriden Antilochos und Thrasymedes ge-
tötet, II. 16, 317 ff. Müller, Prolegg. S. 348.
— 8) Sohn des Emathion und der Nymphe Pe-
gasis, am Flusse Granikos geboren, vor Troja
von Odysseus erlegt, Quint. Sm. 3, 300. [Stoll.]
Atys = Attis (s. d.).
Aucena, Name einer Göttin (oder Heroine)
auf einer pränestinischen Cista. Auf dem Deckel
derselben ist dieser Name einer vollbekleide-
ten, auf einem Wagen fahrenden Frau beige-
20 schrieben. Vor ihr geht ein Knabe einher,
während unter den drei Pferden zwei Schlan-
gen erscheinen , und von der Seite her ein
Löwe die ersteren bedroht. Auf der anderen
Hälfte dieses Deckels ist Venus in ähnlicher
Weise dargestellt ( C . I. L. 1, 1501, abgebildet
Ann. delli Instit. Archeol. 1861 p. 17411’.). Ge-
wöhnlich wird der Name mit avyiq zusammen
gebracht; doch dürfte wohl eher an den etrus-
kischen Aucnus (s. d.), einen Heros von Pe
30 rusia, zu denken sein, der als ein Muster
von Eintracht und Bruderliebe erscheint.
Übrigens hat schon Mommsen bei Besprechung
dieser älteren pränestinischen Cisten (C. I. L.
1, p. 23) auf den Zusammenhang derselben mit
Etrurien hingewiesen, und C. Sittl, die localen
Verschiedenheiten der latein. Spr., bringt diese
Behauptung zur Evidenz. Vielleicht wird Au-
cena als eine der gegenüberstehenden Venus
entsprechende Gottheit zu fassen, Schlangen
40 und Löwe aber etwa als die Schrecken des
Todes und der Unterwelt zu erklären sein.
Dafs man es aber dabei gegen De Vits An-
sicht ( Onom . s. v.) mit einer mythischen Per-
sönlichkeit zu thun hat, beweist die einglied-
rige Form des Namens (vgl. Deecke, etr. Forsch.
3 p. 368). [Steuding.]
iiti!
fKäaii
»a
Aucnus, die etruskische Form des bei den
römischen Schriftstellern teils zu Aunus, teils
zu Ocnus abgeschliffenen Namens ( Müller -
50 Deccke, Etr. 2 p. 287, Anm. 34. Deecke, etr.
Forsch, 3 p. 368). Aunus, der Sohn des Fau-
nus (Sil. It. 5, 7), oder des Tiber (Verg. Aen.
10, 198f. u. Serv. dazu — hier ist er Ocnus
genannt — ), oder des Aulestes (s. d.), der sonst
auch als sein Bruder bezeichnet wird, ist ein
alter Heros von Perusia und des umliegenden
Landes (Serv. ebenda, Sil. 5, 7 u. 6, 109). Um
mit seinem Bruder Aulestes, dem Gründer
von Perusia, nicht in Streit zu geraten, ging er
60 über den Apennin und gründete Felsina, wel-
ches später Bononia genannt wurde (Serv.
a. a. O. u. vielleicht Sil. 8, 601; vgl. Müller,
Etr. 1 p. 126); von seinen Leuten seien dann
auch Mantua und andere castella (d. h. wohl
die tuskischen Zwölfstädte am Padus) erbaut
worden. Hieran knüpft sich die etymol. Sage
von seiner Mutter Manto und die Identi-
ficierung mit Bianor (Serv. a. a. 0. u. zu Buc.
1‘H
729
Aufaniae
730
9, 60). Bei Verg. 11, 717, wo von einem Ligu-
rer, der als Sohn des Auuus bezeichnet wird,
die Rede ist, wird dieser selbst fallax ge-
nannt. Serv. z. d. St. und zu v. 700 weist
zur Erklärung darauf hin, dafs die Ligurer
iberhaupt für betrügerisch gegolten hätten,
vas jedoch für Aucnus aus Perusia nichts be-
weisen kann. [Steuding.]
Aufaniae, Aufanae oder Aufanes, celtische
Gottheiten, die als matronae bezeichnet wer- l
len und wohl, wie die meisten Göttinnen die-
:er Art, nach einer Örtlichkeit genannt sind,
irwähnt werden sie auf einer Inschrift aus
Goviomagum, Orelli 2079: Matronis Aufania-
ius T. Albinius Januarius L. M. , einer sol-
•hen aus Lugdunum, Orelli 2106: Pro salute
lomn. imp. L. Sept. Severi Aug. totiusque clo-
>ius ejus Aufanis Matronis et Matribus Pan-
loniorum et Belmatarum Ti. CI. Pompejanus
tc. und einer aus Colonia Agr. , Orelli-Hen- 2
en 5930: Matronis Aufanib. C. lul. Mansue-
us etc. Be Vit Onoin. s. v. leitet das Wort
tack Franc. Xav. Quadro, dei titoli di onore
). 59 von celtisch au, auhis oder ahis = aqua,
lumen, vallis und fan — dominus ab (?)
[Steuding.]
Auge ( Avyrj ) , 1) Tochter des Aleos , des
Cönigs von Tegea, und der Neaira, der Toch-
er des Pereus, Schwester des Lykurgos, Am-
hidamas und Kepheus (Paus. 8, 4, 8. Apd.
, 9, 1). Nach ATkidam. Ulix. p. 185, 23 St.
atte ihr Vater gemäfs dem Ausspruche des
irakeis, seine Söhne würden durch einen Ab-
ömmling seiner Tochter umkommen , Auge
ur Priesterin der Athene gemacht und ihr
Ir den Pall, dafs sie einem Manne beiwohnen
Alte, mit dem Tode gedroht. Als aber Hera-
les auf dem Zuge gegen Augeias als Gast im
eiligtume der Athene verweilte , sah er die
ungfrau und that ihr im Rausche Gewalt an
gl. Eurip. b. Stob. 18, 20. Apd. 2, 7, 4:
yvoäv). Als Aleos ihre Schwangerschaft
erkte, übergab er sie dem Nauplios, einem
.üben Schiffsmanne, mit dem Aufträge, sie ins
eer zu werfen. Unterwegs aber gebar sie
if dem Parthenios den Telepkos, und Nau-
ios, uneingedenk des ihm gegebenen Be-
hls, brachte sie und das Kind nach Mysien
Jyth. Vat. 1, 204 wird deshalb Telephos als
ihn des Nauplios betrachtet) und übergab
side dem Könige Teutbras. Wir dürfen aus
eser Erzählung den Inhalt der ’AleaScu des
iphokles entnehmen (vgl. Sopli. fr. 98 — 112
ind.). Seiner tragischen Komposition ange-
essener ist freilich die Tradition, dafs Tele-
ios in Arkadien in der Verborgenheit unter
sn Hirten des Korythos oder bei diesem selbst
fwuclis, nachdem er (nach Quint. Smyrn. 6,
1 auf Wunsch des Zeus) von einer Hirse k-
ih gesäugt worden war (Paus. 8, 48, 7. Apd.
7, 4. 3, 9, 1. Biod. 4, 33, 11. Hyg. f. 99).
ich dieser Form der Sage, der wohl auch
iphokles in seinen Mysern (vgl. Sopli. fr.
8— 368D. Welcher , gr. Trag. 2, 53ff.) und
schylos in seinen Mysern und seinem Tele-
os (vgl. Aesch. fr. 141 ff. 236 f.D. Welcher,
■U. 562 u. griech. Trag. 2, 767) folgten, kam
lephos als Jüngling nach Mysien (Paus. 1,
Auge
4, 6), durch ein Orakel angewiesen (Biod.
a. a. O. Schol. Eur. Iihes. 250. Suid. s. v.
sG%a.xog Mvacüv. Hyg. f. 100). Nach Paus. 8,
47, 4 wurde Auge nicht, wie bei Sophokles,
Euripides, Hekataios (vgl. Ar ist. Pan. 1080.
Paus. 8, 4, 9. Clem. Alex. Strom. 7 p. 841.
Tzetz. Lykophr. 216), im Tempel, sondern an
einer Quelle in der Nähe des Tempels der
Athene durch Herakles entehrt; nach Sen.
Here. Oet. 369 ff. war sie eben damit beschäf-
tigt, der Pallas zu Ehren einen Reigentanz
aufzuführen. Sie gebar nach Apollod. heim-
lich und verbarg das Kind im Tempel , bis
eine Pest (2, 7, 4; vgl. Stob. 43, 12) oder Un-
fruchtbarkeit des Landes und ein Orakel (3,
9, 1) zur Entdeckung des Frevels führten, wo-
rauf Aleos das Kind auf dem Parthenischen
Gebirge aussetzen liefs (vgl. Tzetz. Lykophr.
206. 1249). Die Mutter sollte Nauplios ins
Ausland verkaufen (Apd. 2, 7, 4) oder töten
(3, 9, 1). Nach Paus. 8, 48, 7 gebar sie, als
sie mit Nauplios fortzog, in Tegea, nach Biod.
4, 33, 9 und Hyg. f. 99 (vgl. Eurip. fr. 697 D.
Bion. Hai. de c. v. 26 vol. 5 p. 219), wie bei
Sophokles , auf dem Parthenios und liefs hier
das Kind zurück. Nach Apollod. a. a. O. trat
Nauplios Auge an Teuthras selbst ab , nach
Biod. 4, 33, 10 an karische Männer, die nach
Asien segelten und Auge dem Mysepkönig
überbrachten; nach Hyg. f. 99 floh Auge selbst
aus Furcht vor ihrem Vater nach Mysien. Bei
Euripides (Strab. 13 p. 615), von dem die Tra-
gödien Auge und Telephos existierten (vgl.
Eurip. fr. 267—283. 697— 727 D. Welcher,
gr. Trag. 2, 763ff. 480; vgl. C. I. Gr. 6047),
liefs Aleos nach Entdeckung des Frevels Mut-
ter und Kind in einem Kasten ins Meer
werfen, diese aber gelangten durch die Für-
sorge der Athene in die Mündung des mysi-
schen Flusses Ka'ikos (vgl. Aesch. b. Strab. 13
p. 616). Hier fand sie Teuthras und nahm
Auge zur Gattin , ihr Kind als Pflegesohn
in sein Haus. (Vgl. Paus. 8, 4, 9. Apd. 2,
7, 4. Biod. 4, 33, 12, wo Teuthras den Tele-
phos mit seiner Tochter Argiope verheiratet,
Tzetz. Lykophr. 206). Hyg. f. 99 (vgl. f. 162)
wird Auge zur Pflegetochter des Teuthras ge-
macht und f. 100 ihr weiteres Schicksal nach
einer unbekannten Tragödie Teuthras also er-
zählt: Als Telephos auf Geheifs des Orakels,
das er über seine Mutter befragte, mit seinem
Begleiter Partkenopaios nach Mysien kam,
wollte Idas, der Sohn des Aphareus,. den Teu-
thras der Herrschaft berauben. Dieser ver-
sprach daher dem Ankömmling die Nachfolge
in der Herrschaft und seine Pflegetochter Auge
als Gattin, wenn er ihm gegen den Neben-
buhler Hilfe leisten würde. Nach Besiegung
des Feindes übergab Teuthras Auge dem Tele-
phos (s. d.) ; diese aber wollte sich, des Herakles
eingedenk, keinem Sterblichen ergeben und
zückte deshalb im Brautgemach das Schwert
gegen den eignen Sohn. Da erhob sich eine
ungeheure Schlange zwischen beiden , durch
welche erschreckt Auge ihr Vorhaben kund-
gab. Als nun Telephos die Mutter zu töten
sich anschickte , rief sie in ihrer Angst den
Herakles an. Da erkannte der Sohn die Mut-
731 Auge
ter und führte sie in die Heimat zurück (vgl.
Epigr. Cyzic. 2. Welcher , griech. Tr. 1, 415).
Diese Erkennungsscene mag auch im Telephos
des Sophokles ein Hauptmoment gewesen sein
(vgl. Anth. Pal. 3, 2. Ad. II. A. 3, 47. Wel-
cher a. a. 0. 416). Sie ist das Motiv auf einer
Volcenter Vase und einem etruskischen Spie-
gel ( Cabinet Durand p. 7. de Witte p. 136
n. 384. p. 422 n. 1974). Die Tegeaten verehr-
ten die Eileithyia unter dem Namen Avyg sv io
yovceai. an der Stelle, wo Auge, von Nauplios
fortgeführt, auf den Knieen liegend den Tele-
phos geboren haben sollte {Paus. 8, 48, 7).
Diese Verehrung sowohl wie die Namen Avyg
(d. i. die Strahlende) und Tylecpos (d. i. der
Fernleuchtende) weisen deutlich auf eine Mond-
göttin hin {Preller, gr. Myth. 2, 241). Daher
wurde sie als Tochter des Aleos betrachtet,
und ihr Bild stand im Tempel der tegeati-
schen Athene (Alice in Bezug auf die milde, 20
gedeihliche Wärme des Himmels; s. jedoch
ob. S. 679), zu deren Priesterin sie erst in
einer späteren Zeit gemacht wurde {Paus. 8,
47, 2). Polygnot hatte sie in der Lesclie zu
Delphoi neben Iphimedeia gemalt {Paus. 10,
28 , 8). Im mysischen Pergamos zeigte man
ihr Grabmal mit der ehernen Figur eines
nackten Weibes {Paus. 8, 4, 9). Über andre
auf die Sage bezügliche Bildwerke vgl. 0. Jahn,
Telephos u. Troilos 46 ff. Archäolog. Beitr. 233 if. so
Müller. Hdh. 410, 8. S. Telephos. — 2) Eine der
Horen (s. d.) nach Hyg. f. 183. [Schirmer.]
Augeias u. -eas {Avyeiag, -sag), 1) Sohn des
Helios {Ap. Illi. 1, 172. Theolcr. 25, 54. Apd.
1, 9, 16. Orph. Arg. 212 (215), nach Paus. 5,
1 , 9 des Eleios) oder des Poseidon oder des
Lapithen Phorbas {Apd. 2, b, 5) und der Hyr-
mine, einer Tochter des Neleus oder Nvkteus
oder Epeios {Schol. Ap. Bh. 1 , 172. Eudok.
p. 82. Paus. 5, 1, 6. Bei Tzetz. Lyhophr. 41 40
heifst die Mutter iphiboe , an der korrupten
Stelle Hyg. f. 14 Naupidame), Bruder des Ak-
tor, Vater des Phyleus und Ägasthenes {II. 2,
624. East. Hom. p. 303, 10 ff. Theolcr. 25, 55.
Paus. 5, 3, 3; nach Diod. 4, 33, 3 auch des
Eurytos), der Agamede, der Gemahlin des Mu-
lios {II. 11, 740f. ; nach Hyg. f. 157 gebiert
sie dem Poseidon den Diktys), oder Perimede
{Theolcr. 2, 16 u. Schol.-, vgl Prop. 2, 4, 8),
einer zweiten Medeia, und der Epikaste, welche 50
dem Herakles den Thessalos gebar {Apd. 2,
7, 8). Er heifst König der Epeier oder Eieier
(vgl. C. I. Gr. 5984 B. E) , welche Ilekat.
b. Strah. p. 341 , 9 von den Epeiern unter-
scheidet , nach der gewöhnlichen Sage in
Elis, nach Orpli. Arg. 211. (214) in Pisa,
wahrscheinlich aber im eleischen Ephyra
ansässig (vgl. Müller, Orcliom. 355 f.). Nach
Homer veranstaltete er Wettkämpfe und be-
hielt einst, als Neleus von Pylos 4 Rosse und eo
Wagen zur Beteiligung an jenen Spielen nach
Elis gesandt hatte , dieselben widerrechtlich
zurück {II. 11, 698 ff. Schol. v. 700. Paus. 5,
8 , 3). Augeias nahm auch teil am Argonau-
tenzuge {Ap. Bh. 1, 172. Orph. Arg. 211 (214)f.
Apd. 1,9 , 16. Hyg. f. 14). Vor allem aber
zeichnete ihn ein unermefslicher Reichtum an
Viehherden aus, die ihm sein Vater Helios
Augeias
732
verlieh und behütete {Ap. Bh. 1 , 174 u. bes.
Theolcr. 5, 118 ff.). Da die Menge des sich an-
sammelnden Düngers die Fruchtbarkeit des
Landes beeinträchtigt {Paus. 5, 1, 9), so ist ihm
der dem Herakles (s. d.) von Eurystheus gewor-
dene Auftrag, seinen riesigen Stall an einem
Tage zu reinigen, sehr willkommen; für den
unwahrscheinlichen Fall, dafs das Werk in
der gesetzten kurzen Frist gelingt, verspricht
er jenem den 10. Teil seiner Herden (nach
Paus. 5, 1, 9 einen Teil des Landes). Herakles
leistet das Unglaubliche {Hyg. f. 30 stehen
die Worte Iove adiutore wohl an falscher Stelle),
indem er die Flüsse Alpheios und Peneios (nach
Paus. 5, 1, 10 u. Theolcr. 25, 15 den Menios)
in den Stall hineinleitet; aber Augeias ver-
weigert ihm (nach Zenod. b. Athen. 10 p. 412a
u. Ael. V. H. 1, 24 auf Rat des Lepreus, eines
Enkels des Phorbas) den versprochenen Lohn
und leugnet sogar das ihm gegebene Verspre-
chen. Als vor den Richtern, deren Entschei-
dung die Sache anheimgestellt wird, Phyleus,
der Sohn des Augeias , für Herakles gegen
seinen Vater zeugt, ergrimmt dieser und ver-
weist Herakles und Phyleus noch vor dem
Schiedssprüche aus Elis {Apd. 2, 5, 5 u. Ioann.
Pedias. 5 ed. Westerm. p. 352. Diod. 4, 13, 3.
Quint. Smyrn. 6, 232 ff.). Als Herakles mit
einem arkadischen Heere und freiwilligen Mit-
streitern gegen Augeias heranzog, machte die-
ser Eurytos und Kteatos , die Söhne seines
Bruders Aktor und der Molione, zu Feldher-
ren, und diese benutzten eine Krankheit des
Herakles dazu , sein Heer zu schlagen (vgl.
Solcrat. Arg. b. Schol. Find. Isthm. 3 , 104,
wonach Augeias die Söhne des Herakles und
der Megara hinterlistig tötete). Auf einem
abermaligen Heereszuge gelingt es Herakles,
die Molioniden zu töten und Elis zu erobern.
Augeias kommt mit seinen Kindern dabei um
{G. I. Gr. 5984), Phyleus aber wird von Du-
lichion, wo er in der Verbannung lebte, von
Herakles herbeigerufen und in die Herrschaft ein-
gesetzt {Apd. 2, 7, 2. Pind. Ol. 11, 25 ff. u. Schol-
Diod. 4, 33, 3f. Paus. 5, 1, 10, wo auch Ama.
rynkeus (s. d.), ein Sohn des Thessalers Pyttios,
Bundesgenosse des Augeias ist). Nach einer an-
dern Tradition {Paus. 5, 3, 3) starb Augeias im
Alter eines natürlichen Todes, und es wurden
ihm von den Epeiern Heroenehren erwiesen,
welche der siegreiche Oxylos aufrecht erhielt
{Paus. 5, 4, 2). Auf den Reichtum des Au-
geias bezieht sich die Sage von dem Schatz-
hause, das er sich von Agamedes, dem Sohne
des Stymphalos, und dessen Stiefsohne Tropbo-
nios bauen liefs {Charax b. Scliol. Arist. Nub.
508). (S. Agamedes und Trophonios). Diese
Sage , welche schon der Kykliker Eugammon
von Kyrene in seiner Telegonie behandelte
(Exc. b. Proklos ), wurde nach Müller, Orcliom.
91 f. von den in Elis sich ansiedelnden Mi-
nyern, deren altes Eigentum sie gewesen sein
soll (vgl. Paus. 9, 37, 5), auf Augeias über-
tragen; nach anderen drang sie von Ägypten
her (vgl. Herod. 2, 121) durch Eugammon in
die griechische Mythologie ein und wurde frü-
her mit Augeias als mit dem Minyer Hyrieus
in Verbindung gebracht (vgl. Welcher, ep. Gyhl.
If
v. .'9
hiii
lllll
bin
733
Auleros
Auson
734
2, 301ff.). Betr. d. Bildwerke s. Müller,
Hclb. 410, 4. Was die Bedeutung des Augeias-
mythus anlangt, so weist sowohl der Name
(Avysug d. i. der Strahlende ; nach Schol. Ap.
Bli. 1, 172 gingen wirklich Strahlen von sei-
nen Augen aus) als auch die Abstammung
des Augeias von Helios und die Verwandt-
schaft seiner Tochter Agamede mit der dem
Hekatedienste angehörenden Medeia deutlich
auf ein himmlisches Lichtwesen hin. Seine i
Herden bedeuten wahrscheinlich die himmli-
schen Heerscharen der Gestirne, ihr Mist den
Unrat des Winters, dessen Gewölk und Nebel
das schöne Gehöft des Himmels ganz bedeckt
und entstellt ( Preller , gr. Myth. 2, 198 f.). —
2) Vater des Troers Admetos ( Lesclies b. Baus.
10 , 25 , 5). [Schirmer.]
Auleros (AvXggog), Troer, von Antilochos ge-
tötet, Tzetz. Hom. 117. [S. Ableros. R. ] [Stoll.]
Aulestes, Tyrrhener, Sohn des Tiberis und 2
der Manto , der Tochter des Teiresias (oder
des Herakles), der mit seinem Bruder Ocnus
oder Aucnus (s. d.), dem Gründer Mantuas,
von Mantua her dem Äneas gegen Mezentius
zu Hilfe zog und von Messapus getötet wurde.
Er war Gründer von Perusia, Verg. Aen. 10,
198 ff. 12, 290. Serv. z. Aen. 10, 198. Heyne,
j Exc. 2 zu Lib. 10. Müller, Etrusker 1 , 132.
2, 274. [Stoll.J
Auletes (AvXrjTgg, bei Eustath. AvXyzrjg), Bru- 3'
der der Penelope, Schol. Od. 15, 16. Eustatli.
p. 1773, 21. [Stoll.]
Aulis ( AvXig ), 1) Tochter des Ogygos, von
welcher die gleichnamige Stadt in Böotien den
Namen haben sollte, Paus. 9, 19, 5. Oder
Tochter des Euonymos , eines Sohnes des
Kephissos, Stepli. Byz. s. v. Schol. II. 2, 496.
Eustatli. 265, 8. — 2) Eine der drei Eidgöt-
tinnen (Praxidikai) , der Töchter des Ogygos,
welche zu Haliartos am Tilpliossion ein Hei- •}<
ligtum hatten, Suid. u. Phot. s. v. fTgo’lidtxrj, s.
Praxidike. [Stoll.] — 3) Nach. Hcsycli. s. v.
ein Beiname des Apollon und des Zeus , Ben-
teler, W. d. gr. E. erklärt es als „Herberger“,
vas wohl zu Zeus, nicht aber zu Apollon pas-
sen würde. — [4) Beiname der Artemis C. I.
Sr. 5941 (vgl. Paus. 9, 19, 5) R.] [Steuding.]
Aulisva, Name eines wohl nordafrikanischen
Jottes auf zwei Inschriften aus Pomarium
Tlemsen) in Mauretania Caesar., C. 1. L. 8, 5
»906: Deo sando Aulisvae Fl Gassianus prae-
' ect alae exploratorum Pomariensium S(eve)ria-
me . . . und 9907: Deo. invicto Aulisvae. M . . .
:tc. De Vit schreibt ihn ohne Angabe eines
Irundes den Germanen zu. [Steuding.]
Aulon ( AvXiav ) . Arkader , Sohn des Tlesi-
nenes, der ein Bruder oder Sohn des Parthe-
lopaios gewesen sein soll. Aulon hatte ein
feroon in Sparta, Paus. 3, 12, 7. [Stoll.]
Aulotlios (AvXoQ'og) , Sohn des Kastor und c>
ier Hilaeira, Bruder des Anagon (Anogon,
i -1 pollod. 3, 11 , 2) oder Anaxis (vgl. Paus. 2,
!2, 6), Tzetz. Lylc. 511. [Stoll.]
Äumenaienae, auf einer Inschrift bei Lersch,
’• M. 1. 18. [Steuding.]
AllOS (Avcog) s. Eos.
Aura (Avqoi, Avgrj), 1) Tochter des Titanen
«elantos und der Periboia, eine Phrygierin,
windschnelle Jägerin und Gefährtin der Arte-
mis, die, von Dionysos geliebt, ihn floh, bis
Aphrodite auf die Bitte des Gottes den Sinn
der Aura ihm zuwandte, dafs. sie sich ihm er-
gab. Nachdem sie Zwillinge geboren, wurde
sie wahnsinnig , verzehrte eins ihrer Kinder
und stürzte sich , den Tod suchend , in den
Plufs Sangarios, wurde aber von Zeus in eine
Quelle verwandelt, Nonn. Dionys. 48, 242ff.
Nach Etym. M. v. AivSvgov floh die schwan-
gere Aura, von der zürnenden Artemis ver-
folgt, aus Pontus , wo sie wohnte, nach Kyzi-
kos und von da in die Berge, wo sie Zwil-
linge (öiövga) gebar. Daher bekam das Ge-
birge den Namen Dindymon. — 2) Avgca,
aurae hiefsen die milden Winde (Et. M. II e-
sych. Orpli. Arg. 338) , die auch bei Dichtern
und auf Bildwerken personificiert Vorkommen,
auf den letzteren in Gestalt von weiblichen
Figuren mit segelartig über dem Haupte ge-
bauschten Tüchern und Gewändern, s. Preller,
Gr. Myth. 1, 388, 4. Bei Quint. Sm. 1, 684
melden die Avqcu , Töchter des Boreas , dem
Ares den Tod der Penthesileia. Prokris (s. d.)
wurde durch die Eifersucht dahingebracht, die
aura (die frische Morgenluft), welche Kephalos,
ihr jagender Geliebter, anrief, dafs sie komme
und ihn erquicke ( Ovid . Met. 7, 837), zu per-
sonifizieren. — 3) Aura hiefs ein Hund des
Aktaion wegen seiner Windesschnelle, Hygin.
f. 181, wie das Rofs des Pheidolas, Paus. 6,
13, 5. [Stoll.]
Äures. Den Ohren verschiedener Götter
werden nach einigen Inschriften , jedenfalls
wegen der Erhörung eines Gebetes oder Ge-
lübdes, Weihgeschenke dargebracht. So C. I.
L. 3 , 986 : Auribus Aesculapi et Hygiae et
Apollini et Dianae etc. aus Apulum in Dacien,
und 5, 759: Auribus Bonae Deae aus Aqui-
leja. [Steuding.]
Auropliite, von Ocitus Mutter des Cycnus,
der von Argos aus mit 12 Schiffen mit gen
Ilion zog, Hyg. f. 97. Die drei Namen schei-
Aurora s. Eos. [neu verderbt. [Stoll.]
Auson (Avgcov) , entweder Sohn des Odys-
seus von der Kirke (Eustath. ad Odyss. p. 1379
l. 20; id. ad Dionys. Perieg. v. 78; Serv. Aen.
8, 328; Tzetzes ad Lycoplir. v. 44. 702 ed.
G. G. Müller ; Etym. M. ed. Gaisford. s. v.),
oder Sohn des Odysseus von der Kalypso (Serv.
ad Aen. 3, 171. Schol. Apoll. Bliod. 4, 553.
Suid. s. v. Avoovlcov, Slcymn. v. 230 ed. Mei-
nel:e, Etym. M. a. a. O.), oder Sohn des Atlas
und der Kalypso ( Stepli . Byz. s. v. Eustath.
ad Dion. Perieg. v. 78), Bruder des Latinos
(Eustath. ad Odyss. a. a. 0.) und Vater des
Liparos (nach Stepli. Byz. s. v. Aindgot), [vgl.
auch Etym. M. 19, 1, wo vielleicht ’AöqCov
rov Msooanov tov Avaovog zu lesen ist], soll
der Stammvater der Ausonier und erster König
ihres Landes gewesen sein (während Etym.
M. a. a. 0. der Name Avaovsg von Av^gv,
einem alten Namen Italiens, abgeleitet wird),
nach dem auch das sicilische Meer als das
ausonische bezeichnet worden sei (Eustath.
a. a. 0.). Tzetz. ad Lyc. v. 702 erwähnt, dafs
es mehrere dieses Namens gab , u. a. einen
Sohn von Italos und Leutaria (Lentarnia?).
Austus
735
[Vgl. Lyk. 978 u. Schöl. Strah. 281. Bei Eu-
dox. im Et. M. 19, 1 ist vielleicht ’Abgiov % ov
Mtaocirtov rov Avcovog zu lesen. R.] [Procksch.]
Austus, Beiname des Mithras auf einer In-
schrift später Zeit aus San Juan de Isla in
Asturien, C. I. L. 2, 2705. Nach Mommsen ist
es aus Augustus barbarisch kontrahiert; Hüb-
ner vermutet dafür Cautus. [Steuding.]
Autesion ( Avtsglcov ), Thebaner, Sohn des
Tisamenos, Urenkel des Polyneikes, Vater des
Theras und der Argeia, mit welcher Aristode-
mos den Eurysthenes und Prokies zeugte,
Apollod. 2, 8, 2. Paus. 3, 15, 4. Ap. Ith. 4,
1762 u. Schot, zu 1764. Schot. Pind. Ol. 2, 82.
Pyth. 4, 88. Herodot. 4, 147. 6, 52. Strab. 8
p. 347. Auf Befehl des Orakels wanderte Au-
tesion, von den Erinyen des Laios und Oidi-
pus verfolgt, zu den Herakliden in den Pelopon-
nes, Paus. 9, 5, 8. Müller, Orchomenos S 3351
Gerhard, Griech. Mythol. § 749. [Stoll.]
Autochthe (Avzox&y), Tochter des Perseus,
eine der Gemahlinnen des Aigeus, Tzetz. Lyk.
494. Chil. 5, 677. [Stoll.]
Autodike (AvzodUrf), Tochter des Danaos,
tötete den ihr vermählten Aigyptiden Klytos,
Hygin. f. 170. [Stoll.]
Autolaos (Avtolaog) , Sohn (vo&og) des Ar-
kas , älterer , nicht ebenbürtiger Bruder des
Azan, Apheidas und Elatos. Er fand und er-
zog den ausgesetzten Asklepios, Paus. 8, 4, 2.
25, 6. S. Asklepios. Gerhard , Griech. Myth.
§ 812. Gurtius, Peloponnes 1. S. 160. 163 f.
371. [Stoll.]
Autoleon (Avtolscov), ein Krotoniate, der in
der Schlacht am Sagras in Unteritalien zwi-
schen den italischen Lokrern und Krotoniaten
(Ol. 54) in die Stelle der Schlachtreihe, welche
die Lokrer nach altem Herkommen für ihren
Nationalhelden Aias offen zu lassen pflegten,
einzudringen versuchte, aber von dem Schat-
ten des Helden in die Hüfte (oder Brust) ver-
wundet wurde. Da die Wunde nicht heilte,
ging er nach dem Rat des Orakels auf die Insel
Leuke im Schwarzen Meer (s. Achilleus), um
dort den Schatten des Aias durch Opfer zu
versöhnen. Autoleon wurde geheilt. Auf Leuke
sah er auch die Heroine Helena, welche ihm
auftrug, dem für seinen Tadel der Helena von
ihr geblendeten Dichter Stesichoros in Himera
zu melden: wenn er sein Gesicht wieder er-
halten wollte, so solle er den Widerruf dich-
ten. Stesichoros dichtete seine Tlaltvg)8la und
ward wieder sehend. Conon. narr. 18. Das-
selbe erzählen Paus. 3, 19, 11 und Hermias zu
Plat. Phaedr. p. 99 u. 102 (Ast) von dem Kro-
toniaten Leonymos (s. Meinehe, Poet. com. 2,
1228 etc.). S. Borgte, Poet. lyr. gr. Stesich. fr.
26. [Stoll.]
Autolykos (Avtolvuog), 1) Heros ohne Kul-
tus, Typus der Dieberei und Schlauheit ( Od .
19, 395, furacissimus Hyg., vgl. Plaut. Bacch.
275 u. Tzetz. Epist. 42 p. 37, 8 AvtoXvnsiov
ngayga), daher mit Hermes, Odysseus, Sisy-
phos, Sinon in Beziehung gesetzt, ausgebildet
im Epos und in Euripides ’ Satyrspiel gleichen
Namens. Stiehlt durch Einbruch Amyntors
Lederhaube, II. 10, 260; stiehlt Rinder des
Eurytos aus Euboia Apollod. 2, 6, 2, des Sisy-
Autolyte 736
plios, Ilyg. f. 201. Nat. Com. 6, 17. Versteht
seinen Raub unsichtbar zu machen, durch Ver-
wandlung der Gestalt oder Farbe der ge-
raubten Tiere, Ilesiod fr. 96 Götti., Pherek. 63,
Ov. met. 11, 314. Hyg. f. 201. Eust. 804, 25.
1871, 7, durch Änderung der Brandmale, Tzetz.
Lykophr. 344. Verstand selbst andere Gestalt
anzunehmen, Serv. Aen. 2, 79. Lehrer des
Herakles im Ringen, Apollod. 2, 4, 9. Argo-
o naut, Apollod. 1, 9, 16, 8 (aus Verwechselung
mit Autolykos 2). Seine Schlauheit ist Gabe
des Hermes, der sein Gott ist bei Homer ,
Od. 19, 396, dessen Sohn er ist bei den Spä-
teren, Apollod. 1, 9, 16, 8, von Plrilonis,
Deions Tochter, bei Pherek. (Daidalions Toch-
ter bei Hyg.), von Chione, Tochter des Dai-
dalion, Lucifers Tochter, Hyg. f. 200 u. Ovid;
in beiden Genealogieen als Zwillingshalbbru-
der des Philammon; von Tel äuge, Heospho-
io ros’ Tochter, bei Eust. ; des Hermes, resp. Dai-
dalions Sohn, bei Paus. 8, 4, 6. — Zu Odys-
seus in der Dolonie (vgl. Niese, Entwichet, d.
horn. Poesie 65) nur in äufserlicher Beziehung
durch die von Meriones jenem aufgesetzte
Lederhaube mit Eberhauern, die einst Autoly-
kos dem Amyntor aus Eleon (vgl. Strabo 9, 439)
stahl. Als Odysseus’ mütterlicher Grofsvater
ist Autolykos in die Od. 19, 392. 21, 219. 24,
331 eingeführt zur Motivierung der Narbe, an
,o welcher der heimgekehrte Odysseus erkannt
wird; einst beim Grofsvater erhielt er die
Wunde auf der Eberjagd am Parnafs (später
lokalisiert im delphischen Gymnasium, Paus.
10, 8, 8). Autolykos’ Gattin heifst Amphi-
thea (Od. 19, 419), seine Tochter Antikleia
(. Nekyia 85), Laertes’ Gattin, Odysseus’ Mutter.
Dann wird Sisyphos als wirklicher Vater
des Odysseus eingeschoben, Autolykos selbst
führt ihm die Tochter zu vor der Vermählung
o mit Laertes, Schot. Soph. Ai. 190 (Autolykos
Vater des Laertes irrtümlich b. Tzetz. Chil.
8, 442). — Autolykos’ Gattin heifst Neaira,
Tochter des Pereus (Sohn des arkadischen Ela-
tos) hei Paus. 8 , 4 , 6. Durch einen Sohn
Aisimos wird Autolykos Grofsvater des Si-
non, Sero. Aen. 2, 79 u. Tzetz. Auch Jasons
Mutter Polymede gilt als seine Tochter,
Apollod. 1, 9, 16, 1. — Physikalische Deutung
des Autolykos (Dämmerung) bei Preller l3,
o 319. — 2) Heros und mythischer Oikist von
Sinope, mit Orakel; sein Bild von Sthennis,
ward von Lucullus entführt, Strabo 12, 546.
Plul. Luc. 23. Bruder des De'ileon (Demo-
leon bei Hyg.) und Phlogios; Sohn des D ei-
mach os von Trikke (des Phrixos und der Chal-
kiope bei Ilyg.); von Herakles auf seinem
Zuge gegen die Amazonen am Ort von Sinope
zurückgelassen, nachher von den Argonau-
ten an Bord genommen, Ap. Bh. Arg. 2, 957.
o Vater. Flac. Arg. 5, 115. Hyg. f. 14. — 3)
Sohn des Erichthonios, Schot. Soph. OC. 391.
[v. Sybel.]
Autolyte (AvxoXvzrf), die Gemahlin eines
Metapontiers, welchem die von Poseidon ge-
schwächte Arne von ihrem Vater Aiolos (s. d.)
übergeben worden war. Arne gebar bei ihm
den Aiolos und Boiotos, welche der Metapon-
tier an Kindesstatt annahm. Als beide er-
i
in
Mt
in
«1
::ai
! P
&
fl ®!
lies
sä.
Sir i
15,1
m.
n. -i
Li
'
kil
Iw
fei
hi
in
kth(
fei
. U,
ln
jn/i
■Mol
bj(
in’
,i iJ (
fl.
737
Antomate
Anxo
738
wachsen waren, erschlugen sie die Auto-
lyte, welche mit ihrer Mutter Arne in Zwie-
tracht geraten war, Diod. 4, 67. Vgl. Arne
No. 1. [Stoll.] 5
Automate {Avzoycizg), 1) eine Danaide, die
i ihren Gatten , den Aigyptiden Busiris , tötete,
! Apollod. 2, 1, 5. Nach Paus. 7, 1, 3 war sie
mit Architeles, einem Sohne des Achaios, ver-
mählt, der mit Archandros aus Phthiotis nach
Argos kam; Archandros heiratete die Danaide
i Skaia, Müller, Orch. 112. — 2) Beiname der
Aphrodite zu Ephesos, Scrv. V. Aen. 1, 720;
; s. Meliboia. [Stoll.]
Automatia ( Avzoyazia ), Beiname der Tyclie,
I der Glücksgöttin, sofern sie die Ereignisse nach
ihrer eignen Selbstbestimmung ohne Zuthun
der Menschen herbeiführt. Ihr errichtete Ti-
' moleon in seiner Bescheidenheit, nachdem er
j Sicilien gerettet, in seinem dem ' Isgog Aaiycov
• ,i gewidmeten Hause eine Kapelle , Com. Nep.
Tim. 4. Flut, de se ips. laud. 11. Timol. 36.
Lelirs popul. Aufsätze 2 180. [Stoll.]
Automeilon {Avzopidcov) , 1) Sohn des Dio-
- ] res, Freund , Wagenlenker und Kampfgenosse
j des Achilleus, II. 16, 148. 219. 17, 429. 459.
ijj 536. 24, 574. Sein Name steht öfter typisch
| für einen Wagenlenker, wie Cic. p. Hose. Am.
.] 35, 98. Ovid. A. A. 2, 738. luven. 1, 61. Au-
«| son. Epist. 14, 10. Nach Hygin. f. 97 zieht
I er selbständig von Skyros mit 10 Schiffen gen
ii Troja. Verg. Aen. 2, 476 läfst ihn tapfer zur
I Seite des Pyrrlios, des Sohnes von Achilleus,
| hei Eroberung der Burg von Troja kämpfen.
[ Vgl. Quint. Smyrn. 8, 35. 9, 213. 225. Tzetz.
! Posthorn. 547. Nach Aristot. Pepl. 38 ( Bergk ;)
Iwar er in Troas begraben. — 2) Ein Freier
der Hippodameia, von Oinomaos getötet, Schot.
Pind. Ol. 1, 114. [Stoll.]
Automedusa ( Avzogibovaa ), Tochter des Al-
; katlioos, vermählt mit Iphikles, dem Halbbru-
der des Herakles, Mutter des lolaos, Apollod.
2, 4, 11. [Stoll]
Autonides {Avzovi'ägg) heifst in Schot. Vict.
zu II. 24, 602 der Vater der Niobe, der in
|| Schot. Ven. Ii. a. a. O. ’AacoviÖgg heifst. Vgl.
Assaon. [Stoll.]
Autonoe ( Avzovog ), 1) Tochter des Nereus
und der Doris, Hesiod. Theog. 258. Apollod.
1, 2, 7. Schümann, Opusc. Ac. 2 p. 172 f.
Braun, Gr. Götterl. § 87. — 2) Tochter des
jKadmos und der Harmonia, Gemahlin des
iAristaios, Mutter des Aktaion, lies. Theog. 977.
Paus. 10, 17, 3. Apollod. 3, 4, 2. Diod. 4, 2.
81. Schot. Ap. Rh. 2, 512. Schot. Pind. Ol.
2, 40. Mit ihrer Schwester Agaue zerreifst
i sie den Pentheus, von Dionysos in Wut ver-
setzt, Hygin. f. 184; vgl. Ovid. Met. 3, 719.
I luven. 6, 72 u. Pentheus. Ihr Grabmal war
in dem megarischen Flecken Ereneia, wohin
i sie nach dem Tode ihres Sohnes Aktaion (s. d.)
: ausgewandert war, Paus. 1, 44, 8. [Vgl. auch
C. I. Gr. 6126 B.]. — 3) Tochter des Da-
naos vonPolyxo, Apollod. 2, 1, 5. — 4) Toch-
ter des Peireus, von Herakles Mutter des Pa-
laimon, Apollod. 2, 7, 8. — 5) Sklavin der
Penelope, Od. 18, 182. — 6) Tochter des Oi-
neus, Schwester des Meleagros , Schot. II. 9,
' 584. [Stoll]
Roscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
Aiitoiioos ( Avzbvoog ), 1) ein delphischer He-
ros, der in Delphi in der Nähe der Kastalia
ein Temenos hatte. Als das Heer des Xerxes
das Heiligtum von Delphi angriff, erschienen er
und der Heros Pliylakos als Verteidiger des-
selben, Herodot. 8, 35 — 39. — 2) Eiu Troer,
von Patroklos getötet, II. 16, 694. — 3) Ein
Grieche, von Hektor erlegt, II. 9, 301. — 4)
S. Anthos No. 1. [Stoll.]
Autophonos {Avzocpovog) , Tbebaner, Vater
des Polyphontes, II, 4, 395. [Stoll.]
Autuchos ( Avzovxog ), Sohn des Apollon und
der Kyrene , Bruder des Aristaios. In Libyen
geboren, begab er sich später nach Thessalien,
in die Heimat seiner Mutter, zurück und nahm
mit seinen Brüdern das Reich des Grofsvaters
Hypseus in Besitz, Justin. 13, 7 (wo früher
Authokos geschrieben war). Schot. Ap. Rh. 2,
498. [Stoll]
Autumnus, die Personifikation des Herbstes.
Hauptsächlich denkt man dabei an die Ernte
des Weines und des Obstes; er ist beim Kel-
tern thätig {Ovid. Fast. 4, 897 u. Met. 2, 29);
mit Früchten ist sein Haupt geschmückt {Hör.
epod. 2, 18), auch schüttet er wohl solche wie
die Copia aus einem Füllhorn aus {Hör. carm.
4,7, 11). Die bunte Färbung der herbstlichen
Flur wird auf die Gottheit selbst übertragen
{Ilor. carm. 2, 5, 11), wie umgekehrt der Aus-
druck adulto autumno, von der Personifikation
entlehnt, der Jahreszeit beigelegt wird {Serv.
z. Verg. Georg. 1, 43. Tacit. ann. 11, 31).
Die Inschrift bei Orelli 2109: Florido Veri
flavae Messi mustulento Autumno ist vielleicht
gefälscht. — Dargestellt ist Autumnus mit den
übrigen Jahreszeiten auf einem silbernen Ge-
fäfse {Ann. d. Inst. Arch, 1852 p. 218ff.), sowie
auf einem Grabdenkmal (ebenda 1861 p. 190ff.).
Vgl. die personificierte ’Otzwqcc b. Aristoplia-
nes pac. 523 u. ö. [Steuding.]
Auxesia {Av^goia), eine Jungfrau aus Kreta,
die mit einer andern Jungfrau (Damia) nach
Troizen kam und hier bei einem Aufstande zu-
fällig im Getümmel samt ihrer Genossin mit
Steinwürfen getötet wurde. Daher wurde ihnen
zu Ehren später ein Fest Ai&oßoh'a einge-
führt, Paus. 2, 32, 2. Eine andre, die Auxe-
sia und Damia betreffende Sage, deren Schau-
platz Aigina und Epidauros ist; und auf die
sich Paus. 2, 30, 5 bezieht, berichtet Heroiot
5, 82 — 87, woraus hervorgeht, dafs beide Na-
men sich auf „Göttinnen der Fruchtbarkeit“
beziehen. Deshalb hat man auch Damia mit
Demeter und Auxesia mit Persephone identi-
ficiert. Bei ihrem Kult kamen zu Epidauros
und Aigina verhöhnende Scherze der Frauen
vor wie bei den Thesmophorien , Herodot. 5,
83. Während die Bedeutung von Av^gaCcc nahe
liegt, ist die von Damia dunkler. Vgl. O. Mül-
ler, Aeginetica p. 170f. u. Dorier 1. S. 402, 2.
2. S. 348. Lübeck, Aglaoph, p. 680. 842. K. Fr.
Hermann, Gottesdienstl. Altert. 52, 17. 18. Wel-
cher, kl. Schriften 3. Bachofen , Gräbersymbo-
lik S. 350 f. Gerhard , Gr. Mythol. § 4 i 0 , 4.
Preller, Griech. Mythol, 1. S. 618, 2. Rom.
Mythol, S. 355 (2. Aull). Curtius, Peloponn 2.
S. ‘435. [Stoll.]
Auxo {Avgeo), 1) Tochter des Zeus und der
24
739
Auzius deus
Avernus
740
Themis, eine der Horen (s. d.): Hyg. f. 183.
— 2) Eine der Chariten (s. Charis), attische
Gottheit: Paus. 9, 35, 2. Giern. Al. Protr.
p. 16 C Sylb. Poll. 8, 100. [Roscher.]
Auzius deus, die Gottheit der colonia Au-
zea oder Auzia (Sur Roslan oder Aumale) in
Mauretania Caesariensis. Nach C. I. L. 8, 9014:
Auzio deo genio et conservatori coloniae etc.
wurde er daselbst noch im 3. Jahrh. n. Chr.
verehrt. [Steuding.]
Aventia, die Göttin von Aventieum im Ge-
biet der Helvetii, wird auf drei Weihinschrif-
ten der curatores coloniae ebendaselbst ( Orelli
368 — 370) erwähnt. Der Stamm avent findet
sich sonst noch in mehreren Flufs-, Berg-, so-
wie Personennamen und dürfte auf die Wur-
zel av sättigen, erfreuen, begünstigen, helfen
zurückgehen, so dafs Aventia etwa der Fauna
zu vergleichen wäre. [Steuding.]
Aventinus, 1) ein König der Albaner, Sohn des
Allodios, Dion. Hai. 1, 71 (= p. 1791. 7 Reiske),
oder Romulus Silvius , Liv. 1 , 3 , 9 , der dem
collis Aventinus, auf dem er begraben war, den
Namen gab , Liv. a. a. 0. Servius ad Verg.
Aen. 7 , 657 nennt aufser diesem noch einen
König der Aboriginer gleichen Namens , der
dort, getötet und begraben worden sei , und
von dem der collis Aventinus seinen Namen
bekommen habe. — 2) ein Gefährte des Tur-
nus , Sohn des Hercules und der Priesterin
Rhea, Verg. Aen. 7, 655 etc.; jedenfalls von
Vergil nur erdichtet , s. Heyne z. d. St.
[Procksch.]
Avernus. Der lacus Avernus oder Averni
war ein tiefer, von steilen, schwefelbedeckten
Lavafelsen und düsteren Cypressenwäldern
eingeschlossener See von klarem, blau schim-
merndem Wasser bei Cumä, vgl. Ps.-Aristot.
de mir. ausc. 102. Lucret. 6, 73811. Strabo 5,
5. 6 p. 243 ff. C. Diodor. 4, 22, lf. Serv. Aen.
3,442. Vib. Seg. p. ll B. Tzetz. Lycophr. Alex.
704. Preller in Der. d. Sachs. Ges. d. Wiss.
ph.-hist. Kl. 2, (1850) p. 143 ff. Er galt als der
Proserpina heilig ( Diodor a. a. 0.) und wurde
als Eingang zur Unterwelt angesehen, ianua
Ditis Verg. Aen. 6, 126 f., vgl. 5, 731 ff. 7, 90f.
Serv. z. d. St., Ovid. m. 14, 101 ff. Serv. Aen.
4, 512. 6, 532; durch eine mächtige Felsen-
grotte sollte der Weg hinabführen, vgl. Bibbeclc,
Trag. Iiom. fr.2 inc. fab. ine. fr. 38 f. p. 245 f.,
Verg. Aen. 6, 237 ff. Serv. z. d. St. und zu
Aen. 3, 386. Der Name Avernus ist eine Um-
bildung des griechischen cIoqvo g (Serv. Aen. 3,
442) , womit man Örtlichkeiten bezeichnete,
an denen ein der Erde entsteigender giftiger
Dunst den Aufenthalt tötlich machte, so dafs
über sie nicht einmal ein Vogel zu fliegen
wagte, vgl. Lucret. a. a. 0. und Plin. n. h.
4, 2. Cass. Dio 68, 27. Diodor 17, 85, 2.
96, 2. Hygin. fab. 88. Gerade dies wurde vom
Avernus berichtet, vgl. Ps.-Aristot., Lucret.
a. a. 0., Varro bei Plin. n. h. 31, 21. Strabo,
Petron., Serv., Tzetz. a. aa. 00. u. Verg. Aen.
6, 201. V aller. Flacc. 4, 493 f. Glaudian. rapt.
Pros. 2, 347. Unter dem Einflufs griechischer
Anschauungen versetzte man in die an war-
men Wässern und schauerlichen Orten reiche
Umgebung des Avernus die aus den griechi-
schen Dichtungen bekannten Lokalitäten der Un-
terwelt ( Ps.-Aristot ., Strabo, Petron. a. aa. 00.
Lycophr. Alex. 694 ff.). An dem See war ein
altes Totenorakel, vgl. das angef. Tragikerfr.,
Strabo, Diodor a. aa. 00., Serv. Aen. 6, 107;
Ephorus (bei Strabo) hatte dasselbe mit den
sagenhaften Kimmeriern, die einst da gehaust
hätten, in Zusammenhang gebracht (vgl. Plin.
n. h. 3, 61), nach deren Äussterben das Ora-
kel an einen anderen Ort versetzt worden sei,
eine Erzählung, die unter dem Einflufs der
homerischen Dichtung entstanden ist; denn
diese setzt jenes Volk an den äufsersten Westen,
wo der Erdrand mit der Unterwelt zusammen-
trifft und ewige Finsternis herrscht ( Od . 11,
14 ff Serv. a. a. 0.). Die Sage erzählte auch,
dafs Odysseus zu dem Orakel gekommen
sei und seine vskvicc dort gehalten ( Strabo
a. a. 0., Cass. Dio 48, 50, 4), und dafs Her-
cules jene Gegend besucht habe ( Strabo , Dio-
dor., Propert. 4, 17(18), 1 ff. Sil. Ital. 12, lieft".
Serv. a. a. 0.). — An diesem See wurde ein
Gott Avernus verehrt. Ein Bild desselben er-
wähnt Philar gyr. Verg. Georg. 2, 162 (nach
der Selbstbiographie des Agrippa); es sollte
geschwitzt haben , als infolge der Anlagen
Agrippas (Verg. Georg. 2, 161 ff. Strabo, Sil.
Ital. a. aa. 00. Suet. Oct. 16. Cass. Dio. a. a. 0.
Serv. Aen. 3, 442. Preller, Ausgew. Aufs.
p. 517 f.) der Lucriner- mit dem Averner-See
vereinigt wurde; zur Prokuration dieses von
einem Unwetter begleiteten Prodigiums berief
man die pontifices, welche Piakularopfer dar-
brachten. Von einem über dem See befindlichen
Bilde der Kalypso oder einer anderen Heroine
erzählt dasselbe bei der gleichen Veranlassung
Cassius Dio a. a. 0., ohne jedoch eine Pro-
kuration zu erwähnen. Aufserdem ist durch
sehr unsichere Vermutung in die Stelle des
Paul. p. 93 furvmn bovem, in der von dem
Kult eines Unterweltgottes die Rede ist, der
Name des Avernus hineingesetzt worden. Von
einem Opfer, das an dem See, wie es scheint
nach alter Sitte , von Hannibal dargebracht
wurde, berichtet Liv. 24, 12. 13. Noch in
christlicher Zeit fand nach einem capuani-
schen Festverzeichnis aus der Zeit des Theo-
dosius eine Art religiöser Handlung am Aver-
nus statt, vgl. C. I. L. 10, 1 n. 3792. Momin-
sen in Ber. d. Sächs. Ges. d. Wiss. 1850 ph.-
hist. Kl. 2 p. 62ff Preller, Böm. Mythol.3 2,
74 A. 2. Am Avernus hatte auch die kuma-
uische Sibylla ihre Grotte , die nach Vergil
von Hekate als Hüterin des heiligen Haines
eingesetzt worden war, vgl. Aen. 3, 441 ff. 6,
42 ff. 117 f. 564. Propert. 5, 1, 49 f.; Ovid. met.
14, 114 und Sil. Jtal. 13 , 601 nennen eine
Iuno Averna, bei Ovid ist sie Herrin des Aver-
ner Waldes, Silius giebt ihr den Unterwelts-
gott zum Gemahl. — Der deus Avernus ist
natürlich kein anderer als ein lokalisierter Ha-
des oder Dis pater und die Personifikation,
die ihm zu Grunde liegt, dieselbe, welcher der
Orcus, ursprünglich ebenfalls eine Raumbe-
zeichnung, seine Existenz und Verehrung als
Gott verdankt. In der älteren römischen Poe-
sie liegt der Erwähnung des Avernus überall
noch die deutliche Vorstellung des Sees bei
741
Avia Larvarum
Azan
742
Kumä zu Grunde (vgl. aufser den angef. St. Bib-
beck, Trag. Born, fr.2 inc. fab. inc. fr. 147 p. 273,
die Mimen des Laberius 'lacus Avernus ’ und
r Necyomantia ’ bei Bibbeck , Com. Born, fr.2
p. 287. 289. Verg. Georg. 4, 493. Aen. 4, 512.
Ovid. am. 3, 9, 27), während bei den späte-
ren Dichtern der Name Avernus oft von der
Lokalität losgelöst als allgemeine Bezeichnung
der Unterwelt wie Tartarus gebraucht wird,
vgl. z. B. Valer. Flacc. 2, G02f'. 4, 700. 5, 347. io
Sil. Ital. 15, 76. Stat. Theb. 3, 145. 11, 588.
Martial. 7, 47, 7. Claudian. rapt. Bros. 1, 20.
116. bell. Gild. 383. [R. Peter.]
AviaLarvarum. Die römisch-italische Unter-
weltsgöttin Mania oder Larunda (vergl. über
sie 0. Müller, Etrusker 2 2, 103f.) galt im Volks-
glauben, so wie man sich sie selbst unter ab-
i schreckender popanzartiger Gestalt vorstellte,
auch als die Mutter oder Grofsmutter der Lar-
vae, der unholden Spukgeister; vgl. Fest. p. 129 20
{Paul. 128): ' Manias autem, quas nutrices mi-
nitentur paruulis pueris esse Laruas , id est
mancs deos deasque, dictos aut quia ab inferis
ad super os manant, aut quod Mania est eorum
auia materue’ , bei Blacid. p. 60, 25 ist die
Lesart: 'larunda quam quidam auiani { uiam
codd .) dicunt ’ wohl der jetzt von Deuerling
aufgenommenen Konjektur 'lamiam’ vorzuzie-
hen. Für die ganze Vorstellung von einer
Mutter oder Grofsmutter unholder Wesen ist 30
zu vergleichen, was J. Grimm, Deutsche My-
thologie4 2, 841 ff. über die Teufelsmutter und
Teufelsgrofsmutter des deutschen Volksglau-
bens zusammengestellt hat. [Wissowa.]
Avicantus, Name einer Gottheit auf einer
Inschrift aus Nimes, Orelli 2033: Sulig (wohl
Sulpicius ) Cosmus rest. Laribus Aug. sacrum et
Minervae Nemauso Urniae Avicanto T. Cassius
T. L. Felicio. exs voto. Bimard , Proleg. zu Mu-
rat. p. 54 behauptet, dafs damit das jetzt Vistre 40
genannte, bei Nimes entspringende Flüfschen
gemeint sei. Nach Fick, gr. Pers. p. 71 ff. von
avi = gut (sv) u. canto — candidus; vgl. are-
mor. Eu-cant. S. Cantunaecus. [Steuding.]
Axia {’A^lol) , Tochter des Klymenos , von
welcher Axia, die Stadt der ozolischen Lokrer,
benannt sein sollte, Steph. Byz. s. v. ’A^lcc. S.
Axios No. 2. [Stoll.]
Axieros {’A'gitqog), nach Mnaseas von Pa-
fcara bei Schot. Ap. Bh. 1, 917 (vgl. Ft. M. 50
Käßetgoi) der mystische Name eines der drei
mmothrakischen Kabeiren, unter welchem De-
meter zu verstehen sei , während Axiokersa
lie Persephone, Axiokersos den Hades bezeich-
mn soll. Vgl. Plin. 36, 5, 25. S. Kabeiroi.
lobeck, Aglaoph. 1223 f. Preller, Gr. Mythol.
ft. S. 704. Welcher , Trilog. S. 236. 241.' Gr.
j Götterl. 1. S. 329. Müller , Orchom. S. 455.
Movers, Phöniz. S. 23. Gerhard, Gr. Mythol.
1 5 177, 4. 5. Hyperbor. Studien 1, 45. 2, 209. co
Bildiverke Tf. 41. Arch. Ztg. 1850. 16. S. 161 ff.
■ ’. Strube , Studien z. Bilderkr. v. Eleusis
' l 74 ff. [Stoll.]
Axioche {’A'gioirf, eine Nymphe, mit wel-
ker Pelops den Chrysippos zeugte , Schol.
Find. Ol. 1, 144. Schol. Eurip. Orest. 5. Man-
issa proverb. 2, 94 in Paroemiogr. gr. cd. Got-
ing. [Stoll.]
Axiokersa u. Axiokersos {’A^io^sgaa u.’Alj,i6-
■nsQßog) s. Axieros u. Kabeiroi. [Stoll.] Vgl.
das nebenstehende, zuVin-
donissa gefundene Amulet
bei Orelli 440: d. h.
TriEA , AXIEBVS,
ÄXIOCEBSA, AXIO-
CFBS VS , CA SMIL VS.
[Steuding.]
Axion {’A&'cov), 1) Sohn des Phegeus aus Pso-
phis, Bruder der Arsinoe oder Alphesiboia und
des Temenos , mit dem er den Älkmaion um-
brachte, Paus. 8, 24, 4. S. Älkmaion. — 2)
Sohn des Priamos, Hygin. f. 90, nach Les-
ches bei Paus. 10, 27, 1 von Eurypylos ge-
tötet. [Stoll.]
Axios {’Algios), 1) ein päonischer Flufsgott
(in Makedonien), der mit Periboia, der Toch-
ter des Akessamenos, den Pelegon, Vater des
Asteropaios, zeugete, II. 21, 141 u. das. Eustath.
— 2) A&og, Sohn des Klymenos, nach wel-
chem Axia, die Stadt der ozolischen Lokrer,
genannt sein soll, Steph. Byz. v. ’Ab,Ca. Siehe
Axia. [Stoll.]
Axiothea {’A^iod-ia), Gemahlin des Prome-
theus , dem sie den Denkalion gebar , Tzetz.
Lyk. 1283. [Stoll.]
Axoranus Iuppiter, auf einer Inschrift aus
Tarracina, C. 1. L. 10, 6483: Pro salute et
red(itu) imp. Caes. Trajani Hadri{ani ) Gemi-
nia Myrtis cum Anici(a prisca f.) aedem culto-
ribus Iovis Axo(rani ded) etc. Wilmanns er-
gänzt Axorani nach 10, 6331 c. 19: Ti. Clau-
dius Axoranus. Wahrscheinlich ist Axoranus
mit dem auf Münzen auch Axur genannten Iup-
piter Anxurus identisch. [Steuding.]
Axsingehae, auf einer Inschrift bei Lersch,
C. M. I. 22. [Steuding.]
Axur s. Anxurus.
Axylos (’A^vlog) , Sohn des Teuthras aus
Arisbe, vor Troja von Diomedes getötet, II,
6, 12. [Stoll.]
Aza {"Aga), eine Frau, nach welcher ihr
Gatte die von ihm gegründete Stadt Azotos
in Palästina nannte, Steph, Byz. s. v. ’ 'Agio -
zog. [Stoll.]
Azan {’Agäv, ’Agyv), Sohn des Arkas und der
Nymphe Erato, Bruder des Apheidas und Ela-
tos, Stammvater der arkadischen Azanen. Er
erhielt den dritten Teil von Arkadien und gab
diesem den Namen Azania. Der Mittelpunkt
von Azania war die Stadt Kleitor, deren Grün-
der Kleitor ein Sohii des Azan heilst (nach
Apollod. 3, 8, 1. Tzetz. Lyk, 481 war Kleitor
Sohn des Lykaon). Paus. 8, 4, 2. 3. 10, 9, 3.
Steph. Byz. v. ’Agavia. Schol. Dionys. Perieg.
415. Schol. Ap. Bh. 2, 52. Vgl. Curtius, Pe-
loponn. 1. S. 160. 162. Nach Diod. 4, 33 ver-
mählte er sich mit Hippolyte, der Tochter des
Dexamenos in Olenos. Als auf der Hochzeit
der Kentaur Eurytion der Hippolyte Gewalt
anthun wollte, erschlug diesen der als Gast
anwesende Herakles. Azan war der erste,
dem Leichenspiele gefeiert wurden, Paus. 8,
4, 3. 5, 1, 6. Schol, Find. Ol, 3, 19. [Stoll.]
24*
r
I
X A
<1 L .
AXI.
TXV
CASM.
j
743
Azeus
Bacax
744
Azexis (’Agsvg), Sohn des Klymenos , aus
Orchomenos; seine Brüder sind Erginos, Stra-
tios, Arrhon und Pyieos; sein Sohn ist Aktor,
dessen Tochter Astyoche von Ares Mutter des
Askalaphos und Ialmenos wird , unter denen
die Minyer vor Troja kämpften. II. 2, 512.
Paus. 9, 37, lff. Müller, Orchomenos S. 135.
464 ff. Vgl. Erginos. [Engelmann.]
Azizxxs, ein ursprünglich syrischer Name des
Morgensternes. Azizus wurde zu Edessa seit
alten Zeiten mit Monimos (s. d.) neben Helios
aufgestellt und verehrt ( Iulian . or. 4 p. 150 Sp.),
und zwar als Vorläufer desselben (id. 11, 4:
’HUov 7iQ07io[in£v£t.). Nach allgemeiner An-
schauung der Alten wird aber als solcher der
Morgenstern betrachtet, wie dieser ja auch als
cpcooqtoQO g (s. u.) Wagenlenker des Helios ge-
nannt wird ( Nonn . 12, 9. 21, 309). Wenn da-
gegen nach Iulian. a. a. 0. Iamblichus den
’Agigo g dem Ares gleichsetzt, so geschieht dies,
wie Mommsen gewifs richtig annimmt, wohl
nur wegen der Bedeutung des Wortes aziz
im Syrischen = hebr. WS tapfer, stark. (Vgl.
’Agigog als Name arabischer Fürsten, Diod.
Sic. Exc. c. 34. los. 20, 7, lff.; vgl. v. Bau-
dissin, Stad. z. semit. Mel. 2, 268) Mit ersterer
Annahme stimmt nun auch die Bezeichnung
als bonus puer in einer Inschrift aus col. Po-
taissa (Thorda) in Dacien ( G . I. L. 3, 875:
Deo Azizo bono p[uero conservajtori pro salu- s
tem etc.) überein, denn der bonus puer phos-
phorus, der auf einer Reihe von Inschriften des
an derselben Heerstrafse wie col. Potaissa ge-
legenen Apulum erwähnt wird ( G . I. L. 3,
1130. 1132. 1135f.), ist sicher ebenfalls der
Morgenstern (s. o.). Dagegen ist Azizus schwer-
lich mit Mommsen nur als ein Beiname des
Apollo zu betrachten, denn auf den Inschriften
C. I. L. 3, 1133 und 1138, wo nach ihm ein
deus bonus puer phosphorus Apollo Pythius
erwähnt wird, dürfte letztere Bezeichnung ent-
weder mit Orelli (1937) als selbständig abzu-
trennen sein, oder aber der Beiname Apollo nur
allgemein die Lichtgottheit charakterisieren.
Wie nun den Lichtgöttern stets Mut und
Tapferkeit zugeschrieben wird, so kann beson-
ders der Morgenstern „tapfer“ genannt wer-
den , wenn man sich vorstellt , dafs er den
übrigen Gottheiten des Lichtes bei Bekäm-
pfung der Finsternis voran schreitet.
[Steuding.]
Azon (Aga v) , ein Sohn des Herakles, nach
welchem die phönikische Stadt Gaza, die auch
Aza bei den Syriern hiefs, benannt sein sollte,
Steph. Byz. s. v. rüget. [Stoll.]
Azonoi (Agavoi), nach Servius zu Verg. Aen.
12, 118 dieselben, welche Vergil deos communes
nennt, nämlich solche, die nicht einzelne be-
stimmte Teile des Himmels iune hätten, son-
dern überall und allgemein verehrt würden,
deren Macht in allen Zonen sei. [Stoll.]
Azoros ( "Agayog ), Gründer der gleichnami-
gen Stadt in Thessalien, in der sog. perrhä-
bischen Tripolis (nicht in der pelagonischen,
wie Strab. 7 p. 327 sagt, Bursian , Geogra-
phie von Griechenland 1. S. 57), Steph. Byz.
s. v. ’Agaqog, Steuermann der Argo, 1 lesych.
s. v. [Stoll.]
Baal s. die Nachträge u. vgl. El. .
Baaltis == Astarte (s. d.).
Baau ( Büctv oder Büccv r), phönizischer Name
der Nacht, Gattin des Windgottes Kolncocg
und Mutter des Aion (s. d.) und Protogonos.
Philo Bybl. fr. 2 , 5 bei Müller fr. h. gr. 3,
565. [Steuding.]
Babel* (Baßr/q) = Ares Hesych. C. Schwencle.
vermutet ßaQßr]Q = herber, mar mar (?) [Steuding.]
o Babia ( Baßia ), eine syrische, hauptsächlich
zu Damascus verehrte Göttin des Stammelns
der kleinen Kinder (vergl. baba , bamb: Fick,
vergl. W. 1 , 683 und arabisch ölSSta = in-
fam nach Bochartus, Geogr. S. 1, 33). Dam.
vit. Isid. 76 cd. W., Phot. bibl. c. 242 p. 341b
cd. Beide. [Steuding.]
Babios (Baßco g), Sohn des Belus, Vater des
"Avgßog. Abyd. bei Euseb. chron. p. 36, Moses
Choren. 1, 4, 13 bei Müller fr. h. g. 4, 384 f.
o [Steuding.]
Babo (Baßcö = Bavßco), Suid. v. Avaavlyg
und Aryico. Danach ist in der Glosse des Sui-
das: Bcxqu xai Aryib), ovögaza aocpcöv yvvea-
när t'givLGev y BciqcÖ xyv dryia der Name
Baqcö in Baßcö zu ändern, wenn nicht Bavßco
zu schreiben ist, da die Glosse hinter Bavvog
steht, s. Baubo. [Stoll.]
Babylon (Baßvldv), Sohn des Belus, Grün-
der von Babylon , Steph. Byz. u. Eudocia.
o Eustath. ad Dion. Per. 1005, Phil. Bybl. fr. 17
bei Müller fr. h. gr. 3, 575. [Steuding.]
Babys (Büßv g), 1) = Typhon, nach Hella-
nilcos bei Athen. 15 p. 679F--(= Müller F. II.
G. I. p. 36, 150) König in Ägypten, vgl. Pott
in Kuhns Zeitschr. 9 p. 197 ff. Beinisch in
Paulys Pteal-Enc. unter Büßv g. — 2) Bruder
des Marsyas, Zenob. Par. 4, 81. Miller 3, 30
(wohl aus Theophrast 7t sgi sv&ovGtaayov).
Apollo wollte auch ihn als Rivalen töten, aber
0 ’A&rjvag vnoQ’sysvyg , cbg aepvag za avXä yod-
zac, acpyxev avzov. — Etwas anders wird die
Sache dargestellt in Plutarchs Sprichwörtern
aus Alexandria 2 und im cod. Bodl. 245 (Cru-
sius, Analecta ad paroemiogr. p. 11 etc.). Der
Flufsgott Maiandros hat zwei Söhne, Marsyas
und Babys. Marsyas övgI nalüyoig naza zöv
cpQvycov rjvXsi vogov , £vl ös yovco o Baßv g.
Während Marsyas sich überhebt und von Apollo
gestraft wird, entgeht Babys dem Zorne des
0 Gottes f lyze enaQ&sig v.ai äcpv£Gt£(>ov avhö v.
Von ihm werden die Sprichwörter y.üntov Ba-
ßvg (oder Büßvog ) avXsi und Büßvog %OQog
hergeleitet. Vgl. auch Flach, 'Gesell, d. gr.
Lyrild S. 76. 149. [Crusius.]
Bacax (Dat,. Bacaci) AngustuSj eine sonst
unbekannte Gottheit, die in einer Grotte des
Thayagebirges im Norden von Numidien von
den Bewohnern des nahen Thibilis (bekannt
durch seine aquae ) verehrt wurde. Die ln-
0 Schriften C. I. L. 10, 5504 — 10, 5512 — 14 und
5517 f. stammen nach Wilmanns a. a. O. aus
den Jahren 211 — 279 n. Chr. , und zwar sind
sie hauptsächlich von Beamten und Priestern
der erwähnten Stadt am 1. oder letzten März,
den 1. u. 9. Mai errichtet. Meist ist der Name
nur durch B. A. S. bezeichnet, viermal ist er
ausgeschrieben. Sonst enthalten die Inschrif-
ten nur Namen. [Steuding.]
Bacche
745
Bacclxe, Bacchai s. Mainaden.
Bacclio, eine der Hyaden (s. d.), Serv. Verg.
Georg. 1, 138. [Steuding.]
Bacurdus, Name einer vielleicht germani-
schen Gottheit auf einer Inschrift aus Köln,
Orelli 1963: Bacurdo scicrum M. Albanius
(nach Uenzen) Paternus optio v. s. I. m. II Sil.
cos. (d. h. 189 n. Chr.) und einer solchen bei
Steiner , inscr. Ehen. 871 : Bacurdo sacrum
T. Iul. Fortunatus. Der erste Teil des Na- 1
mens könnte auf bhaga Zuteiler , Herr , Gott
(gotisch noch in andbahtas = ambactus Caes.
b. g. 6, 15) zurückzuführen sein. Freilich fin-
det sich auch ein iberischer Name Bacurius,
und die Fundorte der Inschriften lassen cel-
tischen Einflufs möglich erscheinen.
[Steuding.]
Baesert(a) , ein celtischer Gott auf einer
nahe den Pyrenäen gefundenen gallischen In-
schrift, Eevue Arch. de Paris 1859, 8: Bae- 2
serte Beo Harbelle Harspi f. v. s. I. m.
Vgl. bäis der Tod, Zeufs, gr. Celt. p. 223b.
[Steuding.]
Bagaios ( Bayalo g), wird von Hesych. durch
yuzaiog (vielleicht auch durch geyag , nolvg,
zaxvg?) erklärt und als Beiname des Z evg d>gv-
yiog bezeichnet. Ahrens, dial. 2 p. 567 stellt
es neben Magevg (s. d.), wofür die gleich fol-
gende Glosse BAPOC • ■x.Xaoya aqrov . . . ga-
lyg sprechen würde. Vgl. auch die lydische 3
Stadt Rayen oder Bdyig , Hierocl. p. 671. [Vgl.
luch die persischen Namen Bayaiog, Bayiaza-
’ia , Baydag. Curtius ( Grdz.b 297) u. a. Stel-
en den Namen neben altp. baga, ksl. bogu =
:kt. bhagas Brotherr, Herr (von Wu. epay). R.]
[Steuding.]
Bajana, mater dea auf einer Inschrift bei
1 lommsen, inscr. Neap. 2558: Sacerdos matris
leae Bajanae. Vergl. Flor. 1, 16, 3. ,
[Steuding.]
Baigorixus, ein celtischer Gott auf einer
iahe den Pyrenäen gefundenen gallischen In-
chrift, Eevue Archeöl. de Paris 1859, 8: Bai-
orixo Beo Vernus Serani v. s. I. m. Dort
nd bei Be-Vit, On. s. v. wird der Name auf
ine Flufsgottheit ( baya = flumen?) gedeutet.
1s dürfte jedoch eher an den Stamm bäig =
ich rühmen, Zeufs , gr. Celt. p. 437 und rix
I = Herrscher zu denken sein. Letzterer schreibt 5,
i . 29b Baicorixus. [Steuding.]
Baios ( Baiog , Baiog, Brnos Et.M.), Steuer-
lann des Odysseus , der auf der Irrfahrt in
talien seinen Tod fand. Nach ihm soll der
;ergBaia auf der Insel Kephallenia, die baji-
r :hen Inseln und Bajä in Kampanien benannt
I 'in, Strabo 1 p. 26. 5 p. 245. Lylcoplir. 694
iit Tzetzes, Steph. Byz. s. v. Fust. z. Iiom.
■ 1967, 24. Silius It. 8, 539. Serv. Verg. Aen.
, 441. 6, 107. [Schultz.] 6'
Baiotis (Baidzig oder -zig), Beiname der
phrodite bei den Syracusanern , Hesycli. Es
4 wohl aus ßaiög klein und ovg — Ohr zu-
unmengesetzt. S. Eoscher , Nectar u. Arnbr.
89. [Steuding.]
! Ba'it (Bau) , ägyptischer Gott auf einem
mulett, Kaibel, Epigr. Gr. 1139; vgl. C. I.
r. 4971. [Roscher.]
Baitylos 746
Baitylos ( ßalzvXog , ßauvhov, betulus, Plin.
n. h. 17, 9, 5), ein aus dem Semitischen stam-
mender und, wenn auch erst spät, zu den Grie-
chen und Römern übergegangener Name für
heilige Steine , in denen man ein göttliches
Leben voraussetzte (ßaizvXia , Xi&oz sgzfivxoi,
von Uranos geschaffen , Philo Bybl. b. Euseb.
Pr. Ec. 1, 10. Müller fr. hist. gr. 3 p. 569,
19), die, an heiligen Orten aufgestellt, durch
Salbung und Bekränzung verehrt, oder auch
in den Händen von Privatpersonen zu man-
cherlei Aberglauben, zu Zauberei und Weissa-
gung gebraucht wurden. Es waren vom Him-
mel gefallene Meteorsteine. Auch in Griechen-
land verehrte man seit ältester Zeit heilige
Steine , welche als göttliche Symbole galten.
Zu Delphi war in der Nähe des Apollotempels
ein nicht grofser Stein' (ein Meteorstein), der
täglich mit öl gesalbt und an Festtagen mit
roher Wolle umwickelt wurde; es war, wie
man glaubte, der Stein, welchen Kronos statt
des Zeuskindes verschlungen und wieder aus-
gespieen hatte, und man nannte ihn Baitylos,
Paus. 10, 24, 5. Hesych. s. v. ßalzvXog. [Vgl.
A. Mommsen , Belphilea p. 27 ff. 30. Sehr.]
Nach phönikischer Mythologie zeugte Uranos
mit seiner Schwester Ge 4 Söhne: Elos (Kro-
nos), Baitylos, Dagon und Atlas, Philo Bybl.
Müller a. a. 0. p. 567, 14. [Stoll.] So war
auch das älteste Bild der Kybele auf dem
Berge Didymon in dem höhlenartigen Heilig-
tum (nvßeXa) der Göttin ein solcher Aerolith
gewesen. Er kam später nach Rom und wurde
hier, in Silber gefafst, dem Mund einer Statue
der Roma auf dem Capitol eingefügt ( Arnob .
7 , 49). Zu Pharai in Achaia fand Paus. 7,
22, 3 derartige heilige Steine (zszQccyeovoe U-
ffot), ungefähr 30 an der Zahl. Er sagt „diese
verehren die Pharäer, indem sie jedem den
Namen eines Gottes beilegen. In eien älteren
Zeiten aber wurden auch bei den Hellenen
überhaupt unbearbeitete Steine statt der Göt-
terbilder verehrt. Nach der kurzen Beschrei-
bung des Pausanias kann man nur an etwas
zugerichtete Steinidole ältester Art denken,
nicht an Hermen. Derartige Steinidole (ns-
zgui) befauden sich auch im Heiligtum der
Chariten in Orchomenos. Sie sollten dem Eteo-
kles vom Himmel gefallen sein und blieben
die einzigen Kultbilder, bis man zu Pausanias
Zeit (9, 38. 1) künstlerisch vollendete Statuen
der Chariten neben sie stellte. Im Herakles-
tempel zu Hyettos in Boiotien gab es eben-
falls einen agyog Xi&og an Stelle des Kultbil-
des (Paus. 9, 24, 3). Der Meteorstein, der bei
Aigospotamoi vor der Schlacht vom Himmel
gefallen war , wurde von den Cliersonesiten
noch zu Plutarchs Zeit für heilig gehalten und
verehrt (Plut. Lys. 12). Dafs diese Idole noch
in der Zeit des sinkenden Heidentums ihre
religiöse Geltung nicht verloren hatten , be-
weisen die Ausfälle der Kirchenschriftsteller
(besonders des Clemens Alex., z. B. Strom. 1,
11), die sich vornehmlich auf diese Kultus-
objekte berufen. Nicht überall sind die Bai-
tyloi in ihrer ursprünglichen, formlosen Ge-
stalt gelassen worden. Man hat ihnen an
manchen Orten durch einige Zurichtung eine
747
Bakchai
Balios
regelmäfsigere Form zu geben gesucht, ent-
weder eine würfelartige oder gewöhnlich die
kubische. Als Spitzsäule wurde noch in histo-
rischer Zeit Apollon Agyieus dargesteilt , es
war das uralte Kultmal des strafsenhütenden
Münze von Seleukia. Münze von Kypros.
Gottes , das anderwärts auch Hermes oder
Dionysos genannt wurde (. Harpokr . s. v. ayvicig.
Wieseler, Annal. clelV Inst. 30 p. 222 ff.). Solche
Spitzsäulen, mit Binden verziert, finden sich
auf Münzen von Ambrakia, Apollonia u. s. w.
Auf denen von Sikyon hatte das Idol der Ar-
temis Patroa eine solche Gestalt , dasjenige
des Zeus Meilichios die einer Pyramide (Paus.
2, 9, 6). Andere Formen machen die Miinz-
bilder klar, das konische Kultbild der Aphro-
dite in Paphos die Münzen von Kypros (s. die
Abbildung). Ein unverschöntes Steinidol war
das im Tempel des Zeus Kasios in Seleukia
verehrte, welches auf Münzen der Stadt dar-
gestellt ist (s. die Abbildung). Litteratur:
Munter, über die vom Himmel gefallenen Steine
u. s. w., Kopenhagen 1805. v. Dalberg, über
Meteorkultus der Alten, Heidelb. 1811. L. Pö-
sigk, de Baetyliis, Berl. 1854. Overbeck, Be-
richte d. Sachs. Ges. d. Wiss. 1864. p. 154 ff.
v. Baudissin, Stud. z. sernit. Bel. 2, 266 u. ö.
Schreiber, Archäol. Zeitung 41, 1883 p. 288 ff.
[Schreiber.]
Bakchai (Bccn%cu) s. Mainaden.
Bakchebakchos (Banxsßanxog), nach Hesych.
eine Namensform, mit welcher Dionysos bei
Opfern angerufen wurde, Ar ist. Hqu. 408, Suid.
[Steuding.]
Bakckechoros (Baxxsx°9°s) , Beiname des
Dionysos, Orph. li. 56, 3. 74, 1. [Steuding.]
Bakcheios oder -ios (Bcmxsiog, Ba^xeog),
Beiname des Dionysos: C. I. Gr. 2919. 2525h.
Bakchetis s. Begoe. [Roscher.]
Bakcheut.es oder -as oder -or (Bav.xsvzfig
oder -dg ffsog 1) = Dionysos (s. d.): Antip.
Thess. 27 in d. Anth. Plan. 4, 290. Athen.
11, 465a. Orph. hymn. 46, 6. fr. 3, 13. C. I.
Gr. 38. — 2) Beiname des Pan: Orph. h. 10,
5, 21. [Steuding.]
Bakchis (BanxCg) — Bakche, s. Mainaden.
Bakclios (Bduxog) s. Dionysos.
Bakis (Bdetug, der Sprecher, von ßd£m), Name
mehrerer Propheten, also wohl eigentlich Ap-
pellativ. Her. , Aristoph. Plato, Cicero, Paus.
kennen nur einen; Clemens Alex. Strom. 1,
p. 333 zwei; Plutarch. de Pyth. or. 10; Aelian,
Var. hist. 12, 35, Schol. Aristoph. equ. 123,
pax 1071, av. 962, Tzetzes zu Lykophr. 1278,
Suid. s. v. drei, einen höotischen, einen atti-
schen und einen arkadischen (lokrischen, Schol.
748
Aristoph. equ.). Am berühmtesten war der böo-
tische aus Eleon, der, von Nymphen begeistert,
Orakel gab, welche die Ereignisse der Perser-
kriege in überraschender Weise zu bestätigen
schienen. Der arkadische aus Kaphyä hiefs
auch Kydas und Aletes (s. d.), er soll einst die
lakedämonischen Frauen vom Wahnsinn befreit
haben. Vgl. Paus. 4, 27, 2. 9, 17, 4. 10, 12, 6. 10
14, 3. 32, 6. Ilerod. 8, 20 u. 77; 9, 43. Plato
Theag. p. 121D. Cic. de div. 1, 18, 34. Lu-
cia»,. de morte Peregr. 30 (fingiertes Orakel).
Göttling, de Bacide fatiloquo ( op . acad. p. 198
etc ). Bergk, Griech. Litt. 1, p. 341. [Schultz.]
Balanos ( BaXavog ), eine Hamadryade. Nach
einer Erfindung des Dichters Pherenikos b. Athen.
з, 78b erzeugte Oxylos, der Sohn des Orios,
mit seiner Schwester Hamadryas eine Anzahl
von Töchtern (Balanos, Karya, Ampelos, Syke
и. a.), welche Hamadryaden hiefsen und nach I #
denen viele Bäume ihre Namen erhalten hät-
ten. Schoemann, Opusc. Ac. 2, 133 übersetzt
Oxylos, des Orios Solm mit Lignosus Montani f.
und sieht in Hamadryas ( Arborina ) die Natur j -
der Bäume im allgemeinen, aus der die ein- j
zelnen Bäume hervorgehen. [Stoll.]
Balburos (BdXßovqog), ein Räuber, der die jPe
Stadt Balbura in Lykien gegründet haben soll, lä®
Steph. Byz. s. v. [Schultz.]
Baldir. Aug[ustus], sonst unbekannte Gott- Bi
heit auf der Inschrift eines kleinen Altares zu I «jsi
Ain-Kila bu Seba an der Strafse von Calama 1 fr '
nach Hippo regius in Numidia procons., C. I. ilB
L. 8, 5279: Baldir. Aug. sacrum Macedo pub. Bä
votum solvit lifbens) an(imo). Da sich keine »fei
Inschrift in dieser Gegend gefunden, die ger- »»
manischen Einflufs verriete, so dürfte schwer- A
lieh an Baldur, eher wohl noch an einen Zu- | Ba
sammenhang mit Baal zu denken sein.
[Steuding.] ^ »ta
Balenaios (BaXyvaiog oder BcuXXgvaiog, von ■■ t.
dem phrygischen ßaXgv oder ßaXXijv = König, .| Ba
Hesych. u. Schol. z. Aesch. Pers. 659 ; vgl. Baal), J hmi
Sohn des Ganymed und der Medesigiste. Die-
ser soll die Ba(V)b]vcciog sogtr; in Phrygien lära,
eingeführt haben, bei welchem Feste ein zu
Herbstanfang nachts leuchtender Stein, ccgztiq .1 Ba:
und ßulhqv genannt , verehrt wurde , Pseudo- I Mtt
plutarch. de fluv. 12, 3f. Es handelt sich also lasB
wohl um ein Fest des Lichtgottes Baal zu 9 fei i
Herbstanfang. [Steuding.]
Balios (Baltog, BctXi'ug Et. M., von ßcdiog,
das scheckig oder nach Schol. Theokr. 8, 2C.
Et. M. Blässe bedeutet). 1) Name des einen : Bai
der unsterblichen Rosse des Achilleus , von uIi,
Zephyros und der Harpyie Podarge gezeugt.
Poseidon schenkte sie dem Peleus bei seiner
Hochzeit mit der Thetis und nahm sie, nach-
dem Achilleus gestorben , wieder zu sich,
Hom. II. 16, 149 ff mit Schol. 19, 400 ff. A'pol-
lod. 3, 13, 5. Nach Diodor 6, 3 waren beide
früher Titanen, die dem Zeus gegen die an- h
dern beistanden und, damit sie von diesen
nicht erkannt würden , in Rosse verwandelt
wurden. Vgl. Eustath. p. 1190. Mannhardt, j
Antike Wald- und Feldkulte p. 92 und 95 ff. .
— 2) Ein Rofs des Skelmis, ebenfalls von Ze-
phyros gezeugt, Nonn. 37, 335. — 3) Ein Hund j
des Aktaion , Apollod. 3, 4, 4. Bergk, Lyr. j
io
20
30
40
50
60
Balis
Basileia
750
749
; Gr. frgm. 39, 5 (p. 1330, 3. Afl.) — 4) BuXiog,
Beiname des Dionysos bei den Thrakern Et.
I 31. s. v. BocXiai. [Schultz.]
Balis (BdXig), ein libyscher Gott, nach dem
Balis in Libyen benannt, wo er ein Heiligtum
hatte, Steph. Byz. s. v. [Schultz.]
Balmarcodes, Beiname des Iuppiter auf meh-
j reren Inschriften eines Tempels desselben in
der Nähe von Berytus in Syrien, G. I. L. 3,
155: P. Postumius P. P. Auctus Iovi. Bal-
marcodi v. I. m. s.; ebenda und Uenzen 5017:
I. 0. M. Baimarcodi etc. (korr. Balmarcodi;
I diese Inschrift befindet sich zu Paris, stammt
i aber uach Mommsen wohl auch aus Berytus);
i C. I. L. 3, 159: Taberna. Obmcatonum ( obli -
s| gationum vermutet Mommsen ) I. 0. 31. B. et.
■ | lunonis. fl. Iovis. Sinn .... Kaibel, Ep. 835
j u. C. I. Gr. 4536: M. ’OKxaoviog 'lXago[g] sv-
, tgdysvog dvsd’yKu vtiIq acoxggiag k [al] — —
jo — Evxv%ovg Kai xskvcov. El'Xa&i goi, BaXgag-
i kc6&, Koigavs ncogcov Kai y.Än£[p]ou , dsanoxa
j nach Kaibels und Böckhs Ergänzung. Dieser
! erklärt gewifs richtig, dafs im ersten Teile des
"] Wortes Baal zu erkennen sei, da BgXog auf
j Inschriften dieser Gegend oft erwähnt wird.
I! Die Bezeichnung als Herr des Landes stimmt
! aber auch zu der Auffassung als Iuppiter 0. M.
j in den lateinischen Inschriften. [Steuding. ]
Balmarkoth (BaXyagxü&), Gott auf der In-
i| schrift Kaibel Ep. 835 (= C. I. Gr. 4536), wo
Ij er Koigavog xcoycov u. Ösanoxyg genannt wird.
S. Balmarkodes. [Roscher.]
Balta oder Balte (BdXxa, -rf), eine Nymphe,
i die Mutter des Epimenides, Plut. Sol. 12. Doch
| S nennt Suid. s. v. ’EmgsvlSgg dieselbe BXdaxa,
IEudocia p. 166: BXaiaxg. [Steuding.]
Banauros (Bdvavgog) , Sohn des Aias, nach
dem die Banaurischen Inseln an der tyrrheni-
schen Küste benannt sein sollten, Steph. Byz.
\ s. v. BavavgiSsg. [Schultz.]
Banderaeicus?(so nach Hübners V ermutung),
Name einer celtischen Gottheit aus S. Marinha
de Ribeira de Pena in der Nähe von Bra-
i cara, C. I. L. 2, 2387. Vergl. Bandiarbariai-
| cus. [Steuding.]
Bandiaeapolosegus, Name einer celtischen
I Gottheit auf einer Inschrift zu Norba Caesarea
| (las Bro9as) inLusitania, C. 1. L. 2, 740. Über
iden ersten Teil des Namens siehe Bandua ;
apolo dürfte vielleicht gleich Apollo sein, (vgl.
jhibern. apoill — Apollo Zeufs,gr. Gelt. p. 915 b).
[Steuding.]
Bandiarbariaicus, celtische Gottheit auf ei-
ner Inschrift aus Capinlia östlich von Coimbra,
\G. I. L. 2, 454: Amminus Andaitiae. f. Ban-
\diarbariaico. Votum. I. m. s. Uber Bandia s.
Bandua; dia ist celtisch = dea\ in der Endung
ist wohl die bei Götternamen häufig vorkorn-
Imende Ableitungssilbe aigus, aegus, aecus ent-
I halten. [Steuding.]
Bandua, celtische Göttin auf einer Inschrift
(aus der Nähe von Bragan9a, C. I. L. 2, 2498:
j Bandue Cornelius Oculatus v. s. I. m. Ohne
Zweifel ist Bandua gleich dem bandea der
Glossen des cod. Prise. S. Galli bei Zeufs, gr.
\Celt. p. 178 a u. 854b. Nach diesem bezeich-
net das Vorgesetzte ban das folgende Wort als
iFemininum, so dafs bandea überhaupt „weib-
liche Gottheit“ bedeutet (vgl. bandea cruith-
nechta_= dea frumenti Sg. 66 c). Den lautli-
chen Übergang zu dem Bandue der Inschrift
vermittelt das bändoe iffirnn (gl. Parcae d. i.
deae infernae) desselben Codex p. 53 b, sowie
das altcambr. duiu — Gott ( Fiele vergl. W. 1,
623). Vgl. Bandiaeapolosegus , Bandiarbariai-
cus und Banderaeicus. [Steuding.]
Barbelo (BagßgXni oder Bagßygco) , eine
Gottheit der Gnostiker, deren Kult sich von
Asien bis nach Gallien und Spanien verbrei-
tete. Nach Hieronym. ep. 75, 3 aus “Q und
Baal oder Baala zusammengesetzt. Epiphan.
Panar. 1, 77b nennt Barbelo die „Mutter“
des Ialdabaod oder des Sabaod; zugleich fafst
er sie als eine Art succubct auf, so dafs an
Doppelgesclilechtigkeit zu denken wäre (vgl.
Agdistis). Irenaeus, Haer. 1, 29, 1 bezeichnet
Barbelo als einen nie alternden Aion. S. T>c-
Vit, On. s. v. [Steuding.]
Barce, die Amme des Sychaeus, welche
Dido, bevor sie sich tötete, mit einem Aufträge
an ihre Schwester Anna schickte, Verg. Aen.
4, 632 und Serv. dazu. [Steuding.]
Barcob oder Barcoph ( BagKcocp ), eine Gott-
heit oder ein Prophet der Gnostiker, Hieron.
de vir. Ul. 21; vgl. Barkabas. [Steuding.]
Bavgadoth (BagyaöwQ'), nach Suid. (1. Sam.
4, 21) = viog Xvngg. Vergl. Bagya&cö^og?)
Zonar as 370. Der erste Bestandteil des Namens
ist “i3 der Sohn. [Steuding.]
Bargasos (Bagyaoo g) , Sohn des Herakles
und der Barge, nach dem die Stadt Bargasa
in Karien benannt sein sollte, und der vor La-
mos, dem Sohne des Herakles und der Om-
phale, weichen mufste, Steph. Byz. s. v. Bdg-
yaaa. [Schultz.]
Barge ( Bagyp ), Geliebte des Herakles, die
ihm den Bargasos (s. d.) gebiert, Steph. Byz.
s. v. Bagyaaa. [Schultz.]
Bargylos (BägyvXog) , Gefährte des Bellero-
pliontes, der vom Pegasos erschlagen wurde.
Ihm zu Ehren gründete Bargylos die Stadt
Bargylia in Karien, Steph. Byz. s. v. Bagyv-
Xia. Eckhel doctr. num. 3 p. 578. [Schultz.]
Baris (Bägig), eine Göttin, die einen Tem-
pel am Taurosgebirge , und zwar am Wege
nach Ekbatana hatte, Strabo 531. Vergl. die
Stadt Bdgig in Pisidien. [Steuding.]
Barkabas oder Barkabbas (Baoxaßag), eine
Gottheit oder ein Prophet der Gnostiker, Epi-
phan. Haeres. 26, 2. Hieron. de vir. ill. 21.
Philostr. luxer cs. 33. I)e- Vit, On. s. v. [Steuding.]
Barreces, Beiname des Mars auf der In-
schrift eines kleinen Altars aus Carlisle, G. I.
L. 7 , 925 : 3I(arti) Barreci Ianuarius etc.,
doch ist vielleicht statt Bar etwa Bab oder
B. B zu lesen. Vergl. barr — cassis, frons
Laubkrone (Zeufs, gr. Gelt. 41a). [Steuding.]
Basileia (BaaiXna u. -iXsici), 1) älteste Toch-
ter des Uranos und der Titaia, Schwester der
Rhea und der Titanen, welche letzteren sie
selbst mit erzieht. Sie zeichnet sich durch Sitt-
samkeit und Klugheit aus. Mit ihrem Bruder
Hyperion vermählt, wird sie Mutter des Helios
und der Selene. Aus Neid morden die übrigen
Titanen ihren Gatten und werfen Helios in
den Eridanos. Im Schmerz über den Verlust
io
20
30
40
50
60
751
Bassara
Baubo
752
des Bruders stürzt sieb Selene vom Dacbe des
Hauses. Beide werden darauf in Gestirne ver-
wandelt, was der Mutter durch ein Traumbild
mitgeteilt wird. Diese ergreift, von Wahnsinn
befallen, von dem Spielzeug ihrer Tochter
Handpauken und Becken und schweift damit
im Lande umher, bis sie jemand aus Mitleid
aufzuhalten versucht; da entsteht ein heftiges
Gewitter, während dessen Basileia verschwin-
det. Sie wird dann gleichfalls als Göttin und
zwar oft unter dem Namen „Grofse Mutter“
verehrt. Im folgenden erscheint sie ganz mit
Kybele (s. d.) identificiert, Diodor 3, 57. — 2)
Das personificierte Königtum (Baadsia) , Dio
Chrysost. 1 p. 15. Als Bewahrerin von Zeus’
Blitz bezeichnet sie Aristoph. Av. 1536. Vgl.
Euphronios und Kratinos beim Schol. zu Ar.
av. 1536, wonach sie Tochter des Zeus ge-
nannt und mit ’AAavaota identificiert wurde.
Sonst ist Basileia auch Beinamen verschiedener
Göttinnen. [Steuding.]
Bassara, -is {BuGaocQa, BaoaaQi's), eine thra-
kische Bakchantin, so benannt nach den gleich-
namigen langen, bunten Gewändern, welche die
thrakischen Mainaden (s. d.) trugen (oder einer
Fufsbekleidung, Et. AI.) Der Name wird auch
von den Erzieherinnen des Dionysos gebraucht,
Athen. 5, 7 p. 198 e. Artemidor 2, 37. Pollux
7 , 60. Et. AI. Suid. s. v. Steph. Byz. s. v.
"Sidavsg. Anecd. Gr. Bekk. 222. Eustath. 982,
30. Prop. 3, 17, 30. Zoega , Abh. S. 23. Lü-
beck, Agl. S. 293. 0. Müller, Handb. d. Arcli.
§ 337, 2. 383, 4. Schöne, de pers. in Eur.
Bacchis hab. scen. p. 146. Die Gewänder schei-
nen aus Fuchsfellen bestanden zu haben , da
ßaoaäga (ßdootxQos , ßa aacigiov) in Thrakien
( Tzetz . zu Lykophr. 771; 1343) oder Libyen
(Kyrene) den Fuchs bedeutet. Plerodot b. Et.
AI. Hes. s. v. ßtxcociQai,. Lydisch heifsen die
Gewänder bei Aescli. Edon. fr gm. bei Miller,
mel. de litt. gr. p. 62. Der Name der Ge-
wänder, sowie diese selbst stammen aus Ägyp-
ten, vgl. Schwartze, das alte Aegypten S. 971.
[Schultz.]
Bassareus (Ba Gaagsvg) = Dionysos (s. d.).
Bassaris (BuGGagtg) s. Bassara u. Mainaden.
Bassaros = Bassareus.
Basse (Baoar] = Schlucht) , eine Nymphe.
Anthol. Gr. epigr. adesp. 9, 678. [Steuding.]
Bateia (Bazsia), 1) (auch Baris ia genannt)
Tochter des Teukros (oder des Tros, Steph.
Byz. s. v. AügSavog) und der Nymphe Idaia,
Schwester der Neso, Gemahlin des Dardanos,
Mutter des Ilos, Erichthonios (und Zakynthos,
Dionys, v. Hai.)] nach ihr sollte die Stadt
Bateia oder Batieia in Troas benannt sein,
Apollod. 3, 12, 1. Dionys, v. Hai. 1, 50 u. 62.
Diod. 4, 75. Et. M. s. v. Agtoßg u. Bazsux.
Steph. Byz. s. v. Agtaßri u. Barte us.. Eustath.
zu Ihmi. 351, 30. Nach Tzetz. zu Lykophr. 29
ist Bateia eine Schwester der Skamanclros, der
mit der Nymphe Idaia den Teukros zeugte,
während die Tochter des Teukros, welche Dar-
danos heiratet, Agloßg heifst (wie bei Steph.
Byz. u. Et. M. s. v. ’Agtaßg). — 2) Eine Na-
jade, mit welcher Oibalos drei Söhne, Tynda-
reos, Hippokoon, Ikarion und eine Tochter
Arene zeugte, Apollod. 3, 10, 4. [Schultz.]
Baton ( Bazcov ), der Wagenlenker des Am-
phiaraos, stammte gleich diesem aus dem Ge-
schlechte der Melampodiden Paus. 4, 23, 2.
10, 10, 2. Nach anderen hiefs er ’Elazcavbg
(’Elazzcovog) Apollod. 3, 6, 8 oder 2%otvinog
Schol. Find. Ol. 6, 21. Hesych. s. v. , vergl.
Pape-Benseler s. v. Er teilte mit Amphiaraos
vor Theben das gleiche Geschick. Zu Delphi
befand sich unter den Weihgeschenken der
Argiver auch der Wagen des Amphiaraos mit
der Statue des Baton. Auf dem Kypselos-
kasten war er mit der einen Hand die Zügel
der Itosse, mit der anderen einen Speer haltend
dargestellt. Auf ihn bezieht Welcher, a. D.
S. 181 ff. eine Bronzestatuette älteren Stils, die
Rauch und Grüneisen (. Altgr . Bronz. d. Tux' sehen
Kabinets Ttibing. 1835) für einen Amphiaraos
erklärt hatten. In Betreff der übrigen Abbil-
dungen vergl. „Amphiaraos“. — In Argos wurde
er als Heros neben Amphiaraos verehrt; ein
Heiligtum daselbst neben dem Temenos des
Asklepios erwähnt Pausan. 2, 23, 2. Die An-
gabe des Polybios bei Steph. Byz. s. v. "Aq-
nvia. , clafs Baton nach der Niederfahrt des
Amphiaraos zu den Encheleern in Illyrien aus-
gewandert sei, ist durch Verwechslung mit
einem anderen Baton entstanden, vergl. Strabo
314. [Wolff.]
Battos (Bäzzog). Name des geschwätzigen
Alten in dem Mythus vom Rinderdiebstahle
des Hermes. Nach Nikander , Hesiod u. a.
b. Anton. Lib. 23 wohnte er auf einem Fel-
sen in der Nähe des lykaiischen und mainali-
schen Gebirges. Als Hermes, mit seinem Raube
aus Thessalien kommend , in der Nähe seines
Wohnsitzes vorüberzog, versprach ihm Battos
gegen eine Belohnung, über den Vorfall zu
schweigen. Der Gott erklärte sich einverstan-
den und verbarg seine Rinder in einer Höhle
bei dem messenischen Vorgebirge Korypha-
sion; dann aber kehrte er in einer Verwand-
lung zu Battos zurück, um dessen Verschwie-
genheit auf die Probe zu stellen. Dieser jedoch
verriet, als ihm ein Gewand als Lohn geboten
wurde, sofort das Geheimnis und wurde nun
zur Strafe für seinen Wortbruch in den Felsen
verwandelt, der im Volksmunde Bcczzov axo-
mü (vielleicht wegen eines dort hörbaren ge-
schwätzigen Echos; vergleiche ßazzoloysiv =
schwatzen) genannt wurde. Nach Ov. Met. 2,
68011. , wo Hermes die Herden des Apollon
von Pylos wegtreibt, war Battos Aufseher über
die Waldungen, Triften und Rofsherden des
Peleus. Ihm gab Hermes als Lohn für das
Gelöbnis des Stillschweigens eine weifse Kuh
und versprach ihm darauf, als er ihn in Ver-
suchung führte, ein Rinderpaar. Für sein Plau-
dern wurde Battos in einen Felsen verwan-
delt, welcher Index hiefs, und diese Verwand-
lung motiviert der Dichter durch die Angabe,
Battos habe versprochen, schweigsamer zu sein,
als ein Stein. Nach Horner, hyinn. in Merc.
185ff. spielte ein alter Mann in der Nähe von
Onchestos in Boiotien den Verräter. (Vgl. Prel-
ler, gr. Myth. 1, 314 f.). [Schirmer.]
Baubo (Bavßa ), mit ßavßüv zusammenhän-
gend), Gemahlin des Dysaules in Eleusis. (Als
Beiname der Hekate erscheint Baubo iu dem
753 Baucis
orphiscken Hymnus an Hekate, Miller, Me-
langes de litt, grecque, hymn. orph. 1, v. 2 p. 442).
Der Homerische Hymnus auf Demeter kennt
sie noch nicht, in ihm wird Demeter durch
Iambe erheitert. Erst durch die orphische
Dichtung ist Baubo in die Sage von Eleusis
gekommen. Die Erzählung verdankt ihren Ur-
sprung den bei dem Demeterfesten üblichen
derben Späfsen, zugleich sollte sie den Man-
gel an Sitte in der Lebensweise vor der Ein-
kehr der Demeter schildern. Vgl. Clan. Alex.
Protr. p. 17, der ein Bruchstück eines orphi-
sclien Gedichts anführt. Diese Stelle hat Eu-
i sebius, praep. ev. 2, 3 entlehnt, Arnöbius adv.
'• nat. 5, 25 frei übersetzt (statt Baubo ist mit
Meursius Bacchi zu lesen). Die Tochter
suchend war Demeter mit dem kleinen lakchos
; (von dem nicht ein besonderer eleusinischer
Heros nach der Notiz des Said, ’'fay.yog yeti
! fjgcag vig zu unterscheiden ist) nach Eleusis
j gekommen und dort von Dysaules und Baubo
j freundlich aufgenommen worden. Einen Misch-
! trank, den ihr Baubo bot, verschmähte sie, und
verharrte in ihrer Traurigkeit, bis Baubo ihr
Gewand aufhob und ihre Schamteile zeigte
(aus Unwillen, oder um Demeter zu erheitern).
Der Anblick des jene beklatschenden lakchos
brachte sie zum Lachen und bewog sie, den
Mischtrank zu nehmen. Vgl. auch Suid. s. v.
Bctgco xal Aggco ( Bavßco aal Agio) u. Agg td ;
Mich. Psellos, ri nsgi dcag. do|. ’EIX. ed. Bois-
sonade p. 39; nach Res. s. v. Bavgcö (1. Bav-
ßco) war Baubo eine Amme der Demeter, was
sich nur auf die Pflege eines Kindes der Deme-
ter beziehen kann. Mit lakchos steht Baubo
sonst in keiner Beziehung. Die Söhne des
Dysaules und der Baubo sind Triptolemos und
Eubuleus, Paus. 1, 14, 2; ihre Töchter Proto-
! noe und Nesa (Nisa), Harpokr. p. 90. Suid.
s. v. Avcavlgg. Lobeck, Agl. S. 818ff. Preller,
Demeter u. Fora, S. 1340. v. Herwerden im
Hermes 5 p. 143 0'. Förster, der Raub und die
Rückkehr der Persephone S. 44 und Exkurs 6,
S. 2820. Auf Baubo bezogne Darstellungen:
Ann. dell' Inst. arch. 1843 pl. E p. 72 — 97
, ( Millingen ). Longperierbei Miller, Melanges de
litt, grecque p. 459 u. 400. [Schultz.]
Baucis, eine arme alte Frau in Phry-
gien, Gemahlin des Philemon. In ihrer dürf-
tigen Hütte fanden Zeus und Hermes , als sie
einst in Menschengestalt Phrygien durchwan-
derten, gastliche Aufnahme, die ihnen sonst
überall verweigert worden war. Zur Strafe
für das ungastliche Benehmen der Menschen
wurde die ganze Gegend plötzlich von Wasser
überflutet, die arme Hütte aber verschont, in
einen Tempel verwandelt und dem frommen
Paare seinem Wunsche gemäfs die Obhut über
das Heiligtum übertragen: „templi tutela fucre |
j donec vita data est“. Auch ihrem weiteren
Wunsche, dafs ihnen ein gleichzeitiger Tod
i vergönnt sein möge , entsprach Zeus und ver-
wandelte sie am Ende ihrer Tage, als sie einst
vor den Stufen des Tempels standen, in Bäume,
und zwar den Philemon in eine Eiche, die
Baucis in eine Linde. So Lactant. narrat.
fab. 8 , 7. 8. 9 , wo übrigens das handschr.
\„fruticemu von Mancher in „ilicem“ verän-
Beelsames 754
dert wurde. Im übrigen s. Ovid, Met. 8,
016 — 715. [Weizsäcker.]
Bcantunaecus, Name einer (celtischen?) Gott-
heit auf einer Inschrift aus der Gegend von
Mirobriga (südlich von Lissabon) , C. I. L. 2,
861: Silo Co || rai. B || cantu || naeco || v. a. I. s.
Das B dürfte mit dem in Bmervasegus iden-
tisch, vielleicht = ban (s. Bandua) sein. Com-
posita mit canto — candidus s. b. Fiele, gr.
Personennamen 74 und vgl. Candatnius. Über
die Endung s. Zeufs a. a. 0. p. 811.
[Steuding.]
Bebryke (Btßgvyg , Apollod. Bgvyg), Toch-
ter des Danaos und der Polyxo , heiratet den
Aigyptiaden Clitkonios; nach ihr sollten die
Bebryken genannt sein, Apollod. 2, 1, 5. Steph.
Byz. s. v. Beßgvycov. Eustath. zu Dionys. Pc-
rieg. 805. Vgl. Bebryx. [Schultz.]
Bebryx (Beßgv |), ein Heros, nach welchem
das Volk der Bebryker in Bithynien benannt
sein soll, Steph. Byz. s. v. Beßgvxcov. Vgl.
Bebryke. [Schultz.]
Bedaius Augustus, die Gottheit von Beda-
ium in Noricum in der Nähe von Seebruck bei
Salzburg; nach Stickaner ist der Name des
Dorfes Pidenhart daselbst von Bedaium =
Bidaium abgeleitet. Vergl. auch Biäayov in
Noricum Ptol. 2, 13(14), 3. Erwähnt wird Be-
daius auf Inschriften dieser Gegend und zwar
zusammen mit den Alounae (s. d.) C. I. L. 3,
5572 (237 n. Chr.) und 5581 (219 n. Chr.) und
neben luppiter Arubianus (s. d.) C. I. L. 3,
5575 u. 5580. [Steuding.]
Bede (Dat.), eine wohl celtisclie Göttin, die
als eine der beiden Alaisiagae bezeichnet wird,
auf einer Inschrift aus Housesteads am Ha-
drianswall, herausgeg. von W. Thompson Wat-
lcin im Newcastle Daily journal 13. Jan. 1884
und von Th. Mommsen im Hermes 19, 2 p. 233:
Deo | Marti \ Th(?)incso | et duabus Alaisiagis |
Bede et Fimm (um? , min?) ilene \ et n(umini-
bus) Aug(ustorum) Ger \ m(ani) cives Tu | (■ ihanti )
v. s. I. m. Eine zweite Inschrift ebendaher
nennt nur den Gesamtnamen: Deo Marti et
duabus Alaisiagis et n(uminibus ) Aug(ustorum )
Germ(ani ) cives Tuihanti cunei Frisiorum ver.
ser Alexandriani Votum solvent, libent. Die
Alaisiagae sind wohl zu den matres zu rech-
nen, die gerade am Walle eifrige Verehrung
genossen, wie die vielen daselbst gefundenen
Inschriften beweisen (s. matres u. Ceceaigi).
Die Tuihanti sind freilich Germanen und zwar
(nach Mommsen a. a. O.) wahrscheinlich Frie-
sen. [Steuding.]
Beelpliegor (Bsshpsyäg) — “nS53-^?a, der
Baal der Moabiter oder Midianiter, welcher
auf dem Berge Peor verehrt wurde, Etym. M.,
Suid. Das Wort ist nicht mit Hieronym. de
nom. Hebr. 25, 1 — 5 von *:‘E aperuit abzulei-
ten und als idolum tentiginis zu erklären, Her-
zog, R.-E. s. v. [Steuding.]
Beelsames ( Bssladggg ), ein Name des Son-
nengottes bei den Phöniziern = Herr des Him-
mels (ttrailj) Phil. Bybl, fr. 2, 5 bei Müller fr.
h. gr. 3, 566. Derselbe wird sonst Samas
genannt, Herzog, R.-E. s. v. Baal. Vgl. Bal-
sames Plaut. Poen. 5, 2, 67, Baalsames Augu-
stin, Quaest. in Ind. 16. Balsamus, eine Gott-
10
20
30
40
50
60
755 Begoe
heit der Gnostiker, Hieronym. ep. 75, 3 u. öf-
ter. [Steuding.]
Begoe (Bigoe, Bigone, Bakchetis), eine
tuskische Nymphe, welche eine ars fulgurito-
rum (vgl. Paulus p. 92), d. h. wahrscheinlich
die Kunst, die vom Blitze getroffenen Orte zu
sühnen, geschrieben haben sollte. Diese ars
wurde seit Augustus mit ähnlichen Büchern
im Tempel des palatinischen Apollon aufbe-
wahrt, Serv. Aen. 6, 72; vgl. auch Lucret. 6,
381. Preller, Pöm. Myth. I3, 193. S. auch
den Artikel Yegoia. [Schultz.]
Belates, ein Lapithe aus Pella, der auf der
Hochzeit des Peirithoos den Kentauren Amy-
kos mit einem Tischbein erschlug, Ov. Met.
12, 255. [Schultz.]
Belatucader oder Belatucadrus , ein im
Westen des Valium Hadriani (im nördlichen
Teil von Cumberland und Westmoreland) ver-
ehrter celtischer Kriegsgott. Belatucader wird 2
auf Weihinschriften des 3. Jahrhunderts (C. I.
L. 7, 318) teils selbständig (7, 369, 294, 333.
745. 873 f. 934. 314. 337), teils als Beiname
des Mars (7 , 746. 885. 318. 957) erwähnt.
Daraus verstümmelt sind die Formen: Peo
Behtucadro 7 , 935 und Deo Blatucaro 7, 295.
Für die erste Hälfte des Wortes sind die römi-
schen cognomina wohl celtischen Ursprungs
Belatumara G. I. L. 3, 5889 und Belatullus
3, 5698, vielleicht auch das Alpenvolk Bela-
cores zu vergleichen. Nach Windisch bei Fick,
griech. Personennamen p. 66 ist lei — bellum
(vergl. bela ( bellare ) bei Zeufs, gr. C. p. 140)
und cymr. cadr — decorus. D'Arbois de Jubain-
ville, le cycle myth. Irl. p. 379, 1 setzt Belatu-
Cadros dem Todesgott Teutates gleich und
erklärt den Namen durch „ beau quand il tue“ (?).
[Steuding.]
Belekatos (Bsltßaros), bei den Babyloniern
6 z ov nvQoc; dazyg, Hesych. Vgl. Aslsqm r, der
Stern Venus. Ahrens,Dial. 2,193. [Steuding.]
Belemis. Unter den ausländischen Gott-
heiten, welche zur Zeit des Verfalls der römi-
schen Religion eine mehr oder weniger wichtige
Rolle spielen, ist uns Belenus oder (wie er auf
Inschriften fast eben so häufig heifst) Belinus
durch eine verhältnismäfsig grofse Anzahl von
Zeugnissen bekannt. Als im Jahre 238 n. Chr.
Maximin Aquileia belagerte und die Stadt be-
reits auf dem Punkte stand sich zu übergeben,
wufsten die Kommandanten den Mut der Ein-
geschlossenen dadurch zu beleben, dafs sie ver-
breiteten, der in Aquileia einheimische Gott Be-
lenus habe seine Hilfe angekündigt; und wirk-
lich behaupteten nachher die Soldaten Maximins
das Bild Apollons habe sich wiederholentlich
gegen sie kämpfend in der Luft gezeigt (Berod.
8, 3, 8. Iul. Capit. Maximini duo 22). Diese
Bezeichnung des Belenus als eines speziell in
Aquileia angesessenen Gottes bestätigen zahl-
reiche dort gefundene Inschriften, die wohl
sämtlich aus ziemlich später Zeit stammen
(C. I. L. 5, 732—755. 8212. 8250); es scheint
als ob der Gott nach jenem persönlichen Ein-
greifen gegen Maximin ein besonderes Ansehen
auch über die Grenzen der Stadt hinaus ge-
nossen habe; wenigstens findet sich unter den
genannten Inschriften auch eine Dedikation
Belestis Augusta 756
der Kaiser Diocletian und Maximian (C. I. L.
5, 732). Doch beschränkte sich überhaupt die
Verehrung dieses Gottes nicht auf Aquileia,
sondern erstreckte sieb auf das ganze Gebiet
von Carnicum und Venetien; so hatte er einen
Tempel in Iulium Carnicum ( G . I. L. 5, 1829),
und Dedikationen an ihn finden sich in Con-
cordia ( C . I. L. 5, 1866) und Altinum ( C . I.
L. 5, 2143—2146). Vereinzelt findet sich eine
Widmung an Belinus auch in Noricum ( C . I.
L. 3, 4774), was dazu stimmt, dafs Tertullian
(apol. 24 ad nat. 2, 8) den Belenus als einen
speziellen Gott von Noricum bezeichnet; doch
ist es bei dem grofsen Überwiegen der Inschrif-
ten von Carnien und Venetien wohl wahr-
scheinlicher, dafs Tertullian die benachbarten
Landschaften verwechselt oder doch jedenfalls
sich ungenau ausgedrückt hat. Eine zu Ari-
minum gefundene Belenus -Inschrift ( Tonini ,
Pünini avanti il principio dell' era volgare
p. 231) ist vielleicht dorthin verschleppt, wenn
sich auch die Möglichkeit einer vereinzelten
Ausbreitung der Verehrung des Belenus bis
dorthin nicht leugnen läfst. Dagegen ist die
Tiburtiner Inschrift Orelli 823 (aus Muratori),
in der Antinous und Belenus in Parallele ge- I
stellt werden, wohl sicher eine Fälschung. — [
So sehen wir also in Belenus eine Gottheit
der östlichen Alpenländer, deren Kult nament-
lich seit der 2. Hälfte des 3. Jahrhunderts in
Blüte gestanden zu haben scheint. Von römi-
schen Gottheiten niuls er dem Apollo am näch-
sten gestanden haben; denn mit diesem iden- j
tificieren ihn Schriftsteller und Inschriften in 5
voller Übereinstimmung; in Aquileia wird er
auch mehrfach als Fons Belenus angeredet 1
(G. I. L. 5, 754. 755. 8250), wie mit Wahr-
scheinlichkeit vermutet worden ist als Gott
einer Heilquelle. — Kurz zu berühren bleiben
noch zwei Stellen des Ausonius, deren falsche
Erklärung zu einer Anzahl unrichtiger Kom-
binationen Anlafs gegeben hat. Da nämlich
Ausonius (profess. 10, 17 ff. 4, 7 ff.) den aus
Burdigala stammenden Phoebicius und seinen :
Sohn Attius Patera den einen als acdiUms Be-
leni, den andern als e Beleni templo genus
duccns aufführt, so hat man dies mit Unrecht
für ein Zeugnis für eine Verehrung des Bele-
nus im südlichen Gallien gehalten und ihn
mit einem keltischen Sonnengotte Beal iden-
tifizirt (vgl. Mone , Geschichte des Heidentums
im nördl. Europa 2, 416 f. Grimm, Deutsche
Mythol. S. 379. H. Müller , Jahrb. d. Alter-
tumsfr. im Bheinl. 33/34, 68 ff.). Wäre diese
Annahme richtig, so wäre das gänzliche Fehlen
von Belenusinschriften in Gallien höchst wun-
derbar. Aber Mommsen (G. I. L. 5 p. 84)
hat mit vollem Rechte darauf hingewiesen,
dafs bei Ausonius einfach aus gelehrter Spie-
lerei der entlegnere Beiname Belenus für Apollo
steht ; eine gute Parallele dafür giebt die That-
sache, dafs Ausonius auch sehr gern schlecht-
weg Consus für Neptunus gebraucht ( epigr ■
69, 9 idyll. 12 de dis 3). Auch der auf süd-
gallischen Inschriften (Orelli 1952. 1953) vor-
kommende deus Abellio hat wohl mit Belenus
nichts zu schaffen. | Wissowa.]
Belestis Aug[usta], Name einer Göttin auf
757 Beliar
einer Inschrift, die auf der Pafshöhe des Loibl
(Grenze von Kärnthen und Krain) gefunden
worden ist), C. I. L. 3, 4773: Belesti. Aug.
T. Tapponius etc. = Or. 2045, der aber Seiest!
hat. Da ganz in der Nähe auf der Zigullen bei
dem an derselben Strafse gelegenen Klagen-
furt Belenus (s. d. u. vgl. C. I. L. 3 , 4774), (der
altceltische Sonnengott Beal?), verehrt wurde,
so dürfte Belestis Augusta wohl mit diesem
zusam menzustellen sein. Allerdings hatte auch
eine Aphrodite BtXiozixri oder BiXi6zi%r\ einen
Tempel in Alexandria, der zu Ehren einer Ge-
liebten des Ptolomäus II. errichtet worden sein
sollte [Athen. 13, 570 f. 596 e). Letzteren Namen
leitet Pape von etliaam ab, so dafs er „Ranke“
bedeuten würde, während Keil, onom. p. 28
ihn mit „Honigseim“ übersetzt. [Steuding.]
Beliar (BeXiÜq), Name eines bösen Dämons
in Schlangengestalt auf einem Amulett: C. I.
Gr. 9005b. | Roscher.]
Belides, Nachkomme des Belos, Verg. Aen.
2, 82 (Palamedes). [Schultz.]
Belis, 1) s. Belenus. — 2) identisch mit
Ganymedes oder Katamitus. Er soll seinem
Vater Laomedon geweissagt liahen, das troische
Reich werde untergehn, wenn vom meotischen
Berge von selbst ein Felsstück herabfalle, Serv.
Aen. 1 , 28. — 3) Enkelin des Belos, Tochter
des Danaos, eine Danaide, Ov. Metam. 4, 462.
[Schultz.]
Belisama oder Belisana, jedenfalls celti-
scher Beiname der Minerva auf einer Inschrift
aus St. Bertrand de Comminges, Dep. Haute-
Garonne, Orelli 1431 = 1969: Minervae Beli-
savme ( Belisanae ) sacrum Q. Valerius Mo-
nim . . . ( Montanus ). Zeufs, gr. Celt. p. 769b
ist zweifelhaft, ob der Name durch doppelte
Ableitung mittelst S-M gebildet, oder zusam-
| mengesetzt ist. Den celtischen Ursprung be-
' weist der Umstand , dafs auch die Mündung
! des Merseyflusses in England diesen Namen
I führt ( Ptolem . 2, 3, 2 BcXiaaya si'e%vGig), wäh-
rend Belisama mehrfach der dea Caelestis der
I Karthager gleichgesetzt worden ist (vgl. Orelli
a. a. 0. u. Be-Vit, Onom. s. v.). Der Stamm
ist jedenfalls mit dem von Belinus , Belestis
identisch. [Steuding.]
Belisticlie oder Bilisticlie, Beiname der
I Aphrodite in Alexandria; s. Belestis. [Steuding.]
Belleroplion oder Bellerophoutes {BeXXe-
Qocpoöv , BsXXeQOcpövzris). Unter den Mythen,
welche sich an diesen korinthischen Heros
angeschlossen haben, treten zwei als speziell
ihm zugehörig hervor: seine Verbindung mit
dem Pegasos und sein Kampf mit der Chimaira,
während er andere, wie die Versuchung und
Verleumdung durch die Gattin des Proitos oder
die ihm auferlegten Kämpfe mit Amazonen
u. s. w. mit anderen Heroen teilt. Jene bei-
den ihn besonders kennzeichnenden Mythen
werden also zu Grunde zu legen und mit der
Sage von seiner Herkunft zusammenzunehmen
sein , um die ursprüngliche Naturbedeutung
desselben zu erkennen.
I. Naturmythen und ihre Deutung.
1) Bellerophons Abstammung von
i Glaukos.
Belleroplion 758
In der Erzählung bei Homer Z 152 —
205, in welcher die Sage von Bellerophon
schon vollständig ausgebildet vorliegt , er-
scheint er als Angehöriger des zu Korinth
herrschenden Hauses des Sisyphos ; dieser
war sein Grofsvater , Glaukos sein Vater.
Diese Abstammung halten auch die Späteren
fest, Apollod. 1, 9, 3. 2, 3, 1. Paus. 2, 4, 3,
Apollodor unter Hinzufügung des Namens der
Gattin des Glaukos Eurymeda, während Hyg.
fab. 157 die Mutter Bellerophons Eurynome
nennt. Dafs dieser Glaukos eine Personifika-
tion des Meeres ist, steht fest, Völcker, Myth.
d. Iapet. Geschl. S. 119. Fischer, Bellerophon
Leipz. 1851 S. 90. Stephani, Nimbus u. Strah-
lenkranz S. 33, und wird von Preller 2ä, 76,
der ihn von Glaukos Pontios trennt, ebenso
zugegeben , wie von Gädechens , Glaukos der
Meergott 1860 S. 203, der beide identificiert.
Auch die Namen Eurynome oder Eurymeda,
sonst Okeanidennamen, beziehen sich auf das
Meer; vgl. Fischer a. a. O. 8. Deshalb ist es
nicht ein Widerspruch, sondern vielmehr eine
Bestätigung dieser Auffassung, wenn statt des
Glaukos geradezu Poseidon als Vater des Bel-
lerophon genannt wird, Hygin. fab. 157. Schol.
II. Z 191, was die alten Erklärer folgender-
mafsen zurechtlegen: Schol. Find. Ol. 13, 98:
tc5 filv Xbycg o BtXXtQOcpbvzgg rXa.vnov sozi,
rfj d’ uXrj&si'cc Iloa sidüvog-, Schol. II. Z 155
ed. Bind. r;v Ss cpvoei glv notig IloGEid'öivog,
ininXyciv dl PXavtov. Denn in der That war
Glaukos doch nur eine Personifikation einer
besonderen Eigenschaft des Meergottes, vergl.
Gädechens S. 203 , eine durch Ablösung des
Epithetons yXuvv.bg aus Poseidon entstandene
Persönlichkeit, Stephani a. a. O., und zwar
stellt Glaukos, wie Gädechens ausführt, die
Seite des Poseidon dar , vermöge deren er
Schöpfer und Bändiger des Rosses ist und
Poseidon Hippios genannt wird. Im ganzen
Hause des Sisyphos spielen die Rosse eine
hervorragende Rolle , besonders aber in den
Sagen von Glaukos , der zuletzt von seinen
Rossen zerfleischt wird. Das Rofs des Posei-
don ist aber ein Bild der Meereswogen, des
Wassers.
2) Bellerophons Verbindung mit
Pegasos.
So wird also Bellerophon durch seine Ab-
stammung dem jjoseidonischen Gebiet zuge-
wiesen; aber auch ihm steht ein Rofs zur
Seite, welches so sehr sein stehender Beglei-
ter, in allen Kunstdarstellungen so sehr sein
wesentliches Kennzeichen ist , dafs es einen
Teil seines Wesens ausmacht und durch seine
eigentümliche Natur die Stellung seines Herrn
iiix poseidonischen Reich wesentlich modifiziert.
Es ist das Flügelrofs Pegasos. Es ist eben-
falls poseidonisch; Poseidon soll es nach He-
siod Theog. 278 ff. auf blumiger Aue mit der
Medusa gezeugt haben, aus deren Leib es bei
ihrer Enthauptung durch Perseus an den Quel-
len des Okeanos nebst dem Chrysaor hervor-
sprang und alsbald zu den Unsterblichen ent-
flog. Geflügelt erscheint es in der Kunst eben-
so wie bei den Schriftstellern Pindar Ol. 13,
86. Isthm. 6 , 44. — Eurip. Ion 202 nennt es
io
20
30
40
50
60
759
Belleroplion
Bellerophon
760
i'nnog nzSQoeig; Apollod. 2, 3, 2. Strab. 8 p. 379
7zzrjv6g ; Palaephat. Incred. 29 vnonxEQog; Scliol.
II. Z 155 flcragGOTÖg. Wenn das poseidonisclie
Rofs das Symbol des Meeres ist, somufs dasposei-
donische Flügelrofs das Wasser am Himmel, die
Wolken bedeuten, die aus dem Meere aufsteigen.
Dies ist denn auch der Sinn der hesiodischen
Sage, dafs der Pegasos vom Meergott mit der
Medusa, der Wetterwolke, im äufsersten Westen,
woher die Wolken kommen (dies bedeuten die
blumigen Auen und die Quellen des Okeanos)
erzeugt wird und auf den Schlag des Perseus
mit dem Schwert oder der Harpe , was den
Blitz bedeutet , aus ihrem schwangeren Leib
hervorspringt. Die Beweise bei Roscher, Gor-
gonen S. 23 ff. 114ff.; vgl. auch Sonne, Ztschr.
f. vergl. Sprachf. 10, 119. Milchhöf er, Anfänge
der Kunst in Griechenland 61f. Die Rofsgestalt
hat Pegasos von Poseidon, der übrigens hier
in seiner allgemeineren, ursprünglicheren Be-
deutung eines Gebieters auch des Himmels und
des ganzen Dunstkreises erscheint, vgl. Kuhn ,
Ztschr. 1, 456. Roscher a. a. 0. 25. Wie aber
Poseidon in dieser Eigenschaft auch Herr des
Gewitters ist, wie Medusa speziell die Gewit-
terwolke bedeutet, so ist auch der Pegasos
das Gewitterrofs. Nachdem er zu den Unsterb-
lichen entflogen, fährt die hesiodische Erzäh-
lung v. 285 fort, weilt er in den Wohnungen
des Zeus und bringt ihm Donner und Blitz.
Dahin, stg zu ugxqcx Mythogr. Gr. cd. Wester-
mann p. 251, kehrt er auch zurück, nachdem
er seine irdische Laufbahn in der Verbindung
mit Belleroplion vollendet; „die uralten Krip-
pen des Zeus im Olympos nehmen ihn auf“
sagt Pindar Ol. 13, 92, damit er wieder wie
zuvor dem Zeus Blitze bringe und seinen
Wagen ziehe, Kurip. Beller, fr gm. 30: vcp ’
agyccx’ tlQ'mv Zqvog (xGXQcnzrjcpoQSi. Nach
einer andern Version bat sich ihn Eos von
Zeus dazu aus, um ihr bei ihrer täglichen
Umfahrt behilflich zu sein, Schol. Z 155 ed.
Bind. Dort im Olympos hat man sich wohl
auch die auf Kunstwerken dargestellte Scene
zu denken: Pegasos von den Nymphen gepflegt
und gebadet, Engelmann, Annali delT Inst. 1874
p. 8 n. 1 — 4, welche sich wohl auf die regen-
spendende Kraft des Wolken- und Gewitter-
rosses bezieht. Denn Pegasos ist ja auch der
Schöpfer der berühmten Quellen Hippokrene
auf dem Helikon Strab. 8 p. 379. Paus. 9, 31, 3
und in Troizen, Paus. 2, 31, 12, welche auf
einen Schlag mit seinem Huf emporsprangen.
Auf einem Brunnenstandbild des Belleroplion
in Korinth war dieser Gedanke so dargestellt,
dafs das Wasser aus dem Huf des Pegasos
hervorströmte, Paus. 2, 3, 5. Dies führt uns
aber nur wieder auf das Donnerrofs zurück:
der Hufschlag des himmlischen Rosses, der
auch in der deutschen Sage die Quelle her-
vorruft, Grimm, Mythl 485, 783, ist nach einer
bei vielen Völkern verbreiteten Vorstellung
der Blitz, Schwartz, Urspr. d. Mytli. 166. Dafs
auch den Griechen diese Anschauung nicht
fehlt, zeigt die Erzählung Schol. II. 20, 74,
dafs Zeus für den von Durst gequälten Hera-
kles durch einen Blitzstrahl eine Quelle schuf:
(J irpug hsqccvvov dztsdwHe Xtßdda (vgl. auch
Cei
Berglc, Jahrb. f. Phil. 1860 S. 307 über den
Quell Trito ). Pegasos ist also das Donnerrofs
nach derselben Anschauung, nach welcher Ho-
rat. Od. 1 , 34 , 5 das Gewitter auf die tonan-
tes equi zurückführt, mit welchen Diespiter am
Himmel hinfährt, und nach welcher deutsche
Dichter vom „Donnergaloppschlag des Hufes“
sprechen: das Dröhnen des Donners und das
Sprühen der Blitze erweckt die Vorstellung
io himmlischer Rosse. Sie findet sich noch im
Volksglauben der heutigen Griechen, Politis
gslizg snl zov ßiov zcöv vscozsqeov 'EXXyvmv
1871 S. 10. Das Wort ngycecog wird seit
Kuhn, Ztschr. 1, 461 gewöhnlich von ngy-
vvgi und ngyög dick, stark abgeleitet, be-
deutet also wohl „der Starke, Kräftige“.
Durch seine enge Verbindung mit dem posei-
donischen Donnerrofs erhält nun auch Belle-
rophon , der poseidonisclie Heros , einen be-
20 stimmten Charakter. Weil Homer in seiner
ausführlichen Erzählung von Bellerophons
Schicksalen den Pegasos gar nicht erwähnt,
sondern der Verbindung desselben mit Belle-
rophon erst bei Hesiod und dann bei Pindar
gedacht wird , hat man diese eine spätere
lokale Erfindung genannt, welche in Korinth
entstanden sei, Fischer a. a. O. 17 ff. Dafs
der vereinigte Bellerophon- undPegasosmythos
seinen ursprünglichen Sitz in Korinth hat und
30 die Korinthier Bellerophon als ihren National-
heros, den Pegasos als ihr Wahrzeichen be-
trachteten, beweisen aufser anderem auch die
korinthischen Münzen. Gleichwohl aber hat
dieser Mythos, wie die zahlreichen Kunstdenk-
mäler (80 bei Engelmann , Annali 1874) und
aufser Hesiod und Pindar die Tragödien Io-
bates , Stheneboia und Bellerophon von Sopho-
kles und Euripides beweisen, die lokalen Gren-
zen weit überschritten und ist zum hellenischen
40 Gemeingut geworden. Was sodann die Zeit
betrifft, so fällt, da Homer selbst eine späte
Quelle für mythologische Überlieferung ist,
der Zeitunterschied zwischen ihm und Hesiod
wenig ins Gewicht, wie denn das meiste, was
Homer von Bellerophons Schicksalen erzählt,
sicher später ist als die uralte Anschauung
vom Donnerrofs Pegasos; vgl. auch Milchhöf er
a. a. 0. 56, 81. Hesiod setzt aber bei der
unbestimmten Art seiner Erwähnung Theog. 325
50 zi]v gsv (die Cliimaira) llriyccaog sils »«1 sod'kbg
BelXsQocpovxyg die Verbindung beider als schon
bekannt voraus.
Näheres geben die Späteren an. Nach
Strabo 8 p. 379 fing Bellerophon den Pegasos,
da er eben aus der Quelle Peirene trank.
Dafs Poseidon ihn demselben übergeben, er-
wähnt nur Schol. II. Z 155. Nach der Sage
in Korinth, wo man am besten unterrichtet
sein mufste , bändigte die daselbst verehrte
60 Athene Xalevizig den Pegasos durch Anlegung
des Zaumes und übergab ihn dem Bellerophon,
Paus. 2, 4, 1. Pindar dagegen läfst in seinem
Gedichte zum Ruhme Korinths Ol. 13, 60 ft.
die eigene Thätigkeit des korinthischen Heros
mehr hervortreten. Nach vergeblichem Be-
mühen, den Pegasos zu bändigen, ruht Belle-
rophon auf den Rat des Sehers Polyidos eine
Nacht im Heiligtume der Athene. Die Göttin
In
1
761 Bellerophon
Bellerophon 762
erscheint ihm im Traum und übergiebt ihm
den Zaum mit dem Gebot, seinem Vater, dem
Poseidon Aagaio g zu opfern. Bellerophon er-
wacht, findet den Zaum neben sich und zeigt
ihn dem Seher, der ihm der Athene Hippia
einen Altar zu errichten befiehlt. „So fing
der starke Bellerophon das Flügelrofs , den
sanften Zauber um
seiner Laufbahn in Korinth an, z. B. schon bei
seiner Werbung in Troizen, Paus. 2, 31, 12,
noch ehe er zu Proitos kommt, steht ihm Pega-
sos zur Seite bis zuletzt, da er mit seiner
Hilfe in den Himmel zu dringen versucht,
Pindar Isthm. 6 , 44. Diese unzertrennliche
Verbindung lehren auch die Darstellungen in
das Kinn ihm span-
nend“ ; vgl. üb. die
Kunstdenkmäler En-
gelmann a. a. 0.
S. 9 No. 5 bis 12.
Wohl zu beachten
ist, dafs es in die-
ser Erzählung die
Athene Kvuvcuyi g
v. 70, Z rjvog lyjjft-
hequvvov notig v. 77
ist, also die Gewit-
tergöttin , die ihm
den Zaum bringt,
welcher v. 65 %qu-
Gupnv^ u. v. 78 Sa-
ficcGicpQcov xqvgoc; ge-
nannt wird, was viel-
leicht auch auf das
Gewittergold (%qv-
Gtov aGZEQonrjg gictog
Aristoph. Av. 1748)
zu beziehen ist; vgl.
Sclnvartz, Urspr. 63 f.
Auch dürfte die hier
thätige Athene innicc
und eben-
so wie Poseidon i'n-
mog, als Bändigerin
des W olken- und
Donnerrosses zu ver-
stehen sein, vgl. Ro-
scher, Nelctaru. Am-
brosia 97 (ob. 678).
Nachdem nun Bel-
lerophon den Pega-
sos gebändigt , er-
zählt Pindar weiter
86 , schwang er
sich sogleich auf
ihn und begann in
eherner Rüstung
Waffentänze; vergl.
auch Apoliod. 2, 3,
2 agdflg eig vipog ;
Eustath. z. II. 6, 180
p. 636, 37. Nicht
blofs die Chimaira
erlegt er so aus der
Höhe herab, sondern
luch die Amazonen
bekämpft er , wie
Pindar weiter singt
v. 88, von ihm her-
abschiefsend aus den
einsamen Buchten des kalten Äthers ctid-s-
)og ilivxQÖig dito v.6ln cov tgypiov , ein alter-
ümlicher Ausdruck, der, wie die tivfol und
'Zrvxeg cd&EQog , die Wolkenhöhle bedeutet,
’. Dilthey , Arch. Ztg. 31, 93. Vom Anfang
Bellerophon den Pegasos tränkend (nach Braun, 12 Basreliefs Taf. 1).
der Kunst, so das schöne Relief in Pal. Spada,
welches hier nach Braun , zwölf Basreliefs
griech. Erfindung Taf. 1 abgebildet ist. So ist
also Bellerophon als Sohn des Gebieters der
himmlischen Wasser und der Gewitterwolke
763
Bellerophon
Bellerophon
764
der Lenker und Gebieter des Wolken- und
Donnerrosses , der kühne himmlische Reiter,
nzsQovvzog k'cpsSgog innov Eurip. Ion 202, der
hoch in den Räumen des Himmels sich tummelt
und in eherner Rüstung Waffentänze hält, zu-
gleich aber der siegreiche Held, der seine furcht-
bare Macht und Schnelligkeit im Gewitter offen-
bart und aus der Höhe des Äthers seine schreck-
lichen Geschosse auf seine Feinde schleudert.
Für die zuletzt von Fischer a. a. 0. und Prel-
ler, Gr. M.2 2, 78 vertretene Auffassung des
Bellerophon als Sonnenhelden spricht unter
allen Zeugnissen des Altertums nur eine, von
jenen nicht einmal angeführte Stelle bei Eu-
stath. ad II. Z 162, wo unter anderen sonder-
baren Deutungen auch cpvaiY.fi zu; dXlrjyoQi'cc
zov BfllsQOcpovzov uvayoysvov slg ghov an-
geführt wird. Schon Stephani ist a. a. 0. 391
dieser Deutung entgegengetreten, ohne jedoch
eine eigene Ansicht aufzustellen. Andere, zu-
letzt Gcidechens a. a. 0. S. 206, fassen ihn als
Meergott.
3) Belle rophons Kampf mit der Chi-
maira.
Der zweite Mythos, welcher Bellerophon
allein eigen und deshalb für ihn charakteri-
stisch ist, ist der Kampf mit der Chimaira (s. d.) ;
Homer Z 179 beschreibt sie als eine Misch-
gestalt: vorn Löwe, hinten Schlange, in der
Mitte Ziege, und nennt sie feuerschnaubend,
unbezwinglich und von göttlicher Herkunft.
Auch nach Ilesiod Theog. 319 ist sie feuer-
Bellerophon tötet die Chimaira im Beisein von Athena und Iobates (s. u. Z. 68)
füfsig , hat aber nicht drei Leiber , sondern
drei Köpfe, den des feurig blickenden (%mqo-
7toio ) Löwen , der Ziege und der Schlange.
Die Späteren folgen hierin bald dem einen,
bald dem andern, oder verbinden beide. Vor-
stellungsweisen, Eurip. Ion 201 zgiacögcczog;
Apollod. 2, 3, 1. Serv. ad Aen. 5, 118. Hygin.
fab. 57. In den Darstellungen der Kunst er-
scheint sie gewöhnlich als Löwe, aus dessen
Rücken ein Ziegenkopf herausgewachsen ist,
und dessen Schwanz in einen Schlangenkopf
endigt. So auf dem Vasenbild Tischbein 1, 1
(s. d. Abbildung) , auf welchem der Hals der
Ziege von der ersten Lanze durchbohrt ist.
Nach Apollodor a. a. 0. und dem Vasenbild
Mon. d. Inst. 2 , 50 ist der Ziegenkopf der
feuerspeiende. Feuerschnaubend, uvq nvioiacc,
nennt sie auch Pindar Ol. 13, 90, und
ihre Stärke und Gefährlichkeit hebt schon
Homer hervor H 328: Amisodaros zog sie auf,
vielen Menschen zum Verderben; Apollodor
a. a. 0. sagt: sie verwüstete das Land und
io zerrifs die Herden und war schwer zu bezwin-
gen , auch für viele Männer. Für die Frage
nach der ursprünglichen Bedeutung dieses
feuerschnaubenden, Land und Volk verheeren-
den Drachens wird zunächst seine Herkunft in
Betracht kommen. Nach Hesiod Theog. 319.
Apollod. 2, 3, 1 erzeugten Typhaon und Echidna
eine Anzahl solcher Ungeheuer wie die Hydra,
den Kerberos, den kolchischen Drachen, die
Skjdla u. a. und so auch die Chimaira. Auch
20 Hymn. Homer, in Apoll. Pyth. 190 werden
beide zusammen genannt ovzs Tvcpcoev g ovzs
XificaQix dvocovvfiog. Typhaon ist der von Ge-
wittererscheinungen begleitete Wirbelsturm,
s. Roscher, Gorgonen S. 52 ff., und in der grofs-
artigen Beschreibung Hesiods Theog. 820 ff.
kommen ihm die der Chimaira zugeschriebenen
Eigenschaften ebenfalls zu : die furchtbare Stärke
und vernichtende Gewalt v. 823, der flam-
mende Blick v. 828, das Feuerschnauben v. 845,
30 das Brüllen des Löwen v. 833, und die zün-
gelnden Schlangenköpfe , deren ihm hundert
angewachsen sind v. 825. Wenn nun die ge-
nannten Erscheinungen
nicht blofs bei Typhaon
auf das Gewitter zu be-
ziehen sind , sondern sich
auch ebenso bei andern
Gewitterwesen wiederho-
len, und zwar nicht blofs
in der griechischen, son-
dern auch in der indischen
Mythologie, wofür zahl-
reiche Beweise bei Roscher ,
Gorg. S. 46. 63. 74—76.
90. 96, so wird man auch
in der Chimaira auf Grund
derselben Eigenschaften
ein Gewitterungetüm zu
erkennen haben. Auf das^
selbe weist auch ihre Mut-
ter Echidna hin, was
radezu Schlange heifst =
Skrt. Ahi ( Gurtius , Etymf
193) , welche bei den In-
ein himmlisches Wolken-
Roscher, Gorg. 76. So-
dern ebenfalls für
ungeheuer galt, s.
mit bezeichnet der Löwenkopf das Brüllen
des Donners, der Schlangenkopf das Zischen
und den flammenden Blick des Blitzes ; der
eo Ziegenkopf aber wird wohl nach der sonstigen
Bedeutung von ai'i \ und alyfg (s. Aigis) auf den
Sturm zu beziehen sein, und da gerade jener
als der feuerspeiende bezeichnet wird, so ist
der Gewittersturm darunter zu verstehen. Nun
wird aber schon bei Homer in der Erzählung
von Bellerophons Schicksalen der Kampf mit
der Chimaira nach Kleinasien verlegt, das noch
bestimmter als ihre Heimat bezeichnet wird
765 Bellerophon
in der freilich mit dem übrigen Mythos nicht
zusammenhängenden Angabe 17 328 , welche
Apollodor 2, 3, 1. Palaephat. de Incr. 29 wie-
dergeben , dafs der lykische oder karische
König Amisodaros sie auferzogen habe. Noch
genauer spricht Strabon 14 p. 665 von einer
bestimmten Lokalität, welche den Namen Chi-
maira trage. In der Nähe des Kragosgebirgs
in Lykien sei eine Bergschluckt mit dem Na-
men AYf lcuqcc und dahin versetze man die i
mythologische Chimaira: nsgl rccvra gvQ-svsxcu
xd OQrj xd negi xgg Xegaigag. Auch weiter
südlich in Lykien bei der Stadt Pkellos er-
wähnt er abermals das Vorkommen des Namens
Chimaira p. 666. Während es bei Strabon
scheint als ob nur die Namensgleichheit diese
Identificierung hervorgerufen hätte , bringt
Palaeph. de Incred. 29 auch die Beschaffenheit
der Örtlichkeit mit der Natur der mythologi-
schen Chimaira in Verbindung. In seiner ra- 2
tionalistisclien Erklärungsweise macht er den
Pegasos zu einem Schiff, auf dem Bellerophon
nach Lykien kam. Dort in der Nähe des
Xanthos, sagt er, ist ein steiler Berg, in des-
sen Mitte ein Erdschlund ist, aus welchem
Feuer hervorkommt; an dem vorderen Zugang
desselben, erzählen die Eingeborenen, hauste
damals ein Löwe, an dem hintern eine Schlange,
welche die Hirten raubten. Bellerophon nun
verbrannte den Wald auf dem Berg und ver- 3
Dichtete so die Tiere; hieraus sei der Mythos
entstanden. Auch Plutarch de mul. virt. 9 er-
wähnt unter anderen natürlichen Erklärungs-
weisen (die Chimaira ein landverwüstender
Eber, oder ein Seeräuber Namens Chimarrhos
ruf einem Schiff mit Löwe und Schlange als
Abzeichen) die Deutung auf einen Berg ugog
■ Iv&rjliov (?) mit feurigen Ausbrüchen. Eustath.
td Z 181 giebt aufser der Deutung der drei
Tiere auf drei ^tvodoxoi, also ein Räuberwirts- 4
laus , jene Angaben Strabons wieder. Pli-
t lius endlich N. H. 2, 106. 5, 28 kennt einen
euerspeienden Berg an der Ostküste Lykiens
>ei Phaselis mit dem Namen Chimaira, ebenso
■ len. ad Aen. 6, 280. Daraus ergiebt sich
rstens, dafs in Lykien eine Ortsbezeichnung
fter vorkain, welche die Griechen Chimaira
ussprachen und welche nach Strabon eine
; iergschlucht, nach Plinius geradezu Vulkan
edeutete ( Fischer a. a. 0. 93 führt das Wort 5
uf “ran zurück), wie auch die vulkanische Be-
Lchaffenheit des Bodens bezeugt ist von Fel-
; nvs, Lycia S. 113 ff. ; zweitens, dafs das spä-
l ere Altertum daraus die Sage von dem feuer-
peienden Ungetüm Chimaira erklärte. Daher
r- aben auch Neuere die Chimaira als die Per-
( onifikation der vulkanischen Kräfte Lykiens
edeutet , Fischer a. a. 0. 91 ff. Gääechens
■ a. 0. 206. Preller, MythA 2, 83. Gleicli-
ohl ist es nicht wahrscheinlich, dafs ein ur- e
irünglich griechischer Mythos wie der von
ellerophon und seinem Kampf mit der Chi-
iaira aus einem örtlich beschränkten, einem
rnen Lande ungehörigen Naturereignis ent-
anden sein sollte. Vielmehr ist der aus im-
er und überall wiederkehrenden Vorgängen
m griechischen Himmel entstandene Mythos
>m feuerspeienden Gewitterdrachen Chimaira
Bellerophon 766
nur mit der Zeit in Lykien lokalisiert worden.
Nach einem in der Entwickelungsgeschichte
der Mythen häufig zu beobachtenden Vorgang
werden göttliche Wesen, die ein früherer
Glaube sich am Himmel thätig dachte, nach
dem Schwinden des Glaubens an irdische, je-
ner himmlischen Scenerie analoge Lokalitäten
fixiert. So sagt Schwarte , Urspr. S. 13: „als
man nicht mehr daran glaubte, dafs die Ge-
witterdrachen die Regenströme hüteten, ver-
setzte man die in der Tradition haftenden
Wesen an irdische Quellen oder meinte noch
in feuerspeienden Bergen die Spuren des Feuer-
drachen zu sehen.“ Auch das erstere trifft
auf die Chimaira zu, indem auf dem Vasenbild
Mon. d. Inst. 2 , 50 der Aufenthaltsort der
Chimaira (wie bei andern Ungeheuern s. Fischer
75) durch eine Quelle bezeichnet ist; ein Zug,
der ebenso wie die Eigenschaft der Schnell-
füfsigkeit, lies. Theog. 320, beweist, dafs wir
es hier mit einer Drachensage, nicht mit einem
Vulkan zu thun haben. Diese Lokalisierung
auf irdische Vulkane scheint sogar eine Eigen-
tümlichkeit in den Mythen der Gewitterdämo-
nen zu sein, vgl. Roscher, Gorgonen 36 : „Spä-
ter sind aus diesen Hesiodischen Gewitterrie-
sen (Brontes , Steropes , Arges) vulkanische
Wesen geworden, eine Thatsache, die sich
noch bei mehreren anderen Gewitterdämonen
z. B. Typhoeus, den Giganten u. a. beobach-
ten liefst und sich wahrscheinlich aus der
grofsen Ähnlichkeit der Gewitter- und vulka-
nischen Erscheinungen erklärt.“ Diese Ähn-
lichkeit wird sodann Anm. 76 in fünf Punk-
ten durchgeführt. Wenn es demnach sehr
erklärlich erscheint, dafs eine Zeit, in der man
geographische und naturgeschichtliche Be-
obachtungen machte , die Chimaira auf den
vulkanischen Boden Lykiens verpflanzte , so
wird es sich doch fragen, ob tnan bei Homer
schon diesen Grund für die Übertragung an-
nehmen soll. Bei ihm läfst sich diese Ver-
legung in genügender Weise aus dem allge-
meinen Bestreben erklären , wunderhafte Er-
scheinungen, wofür man auf dem eignen Boden
keine Analogie fand, wie z. B. die Amazonen
oder die Greifen an die Grenze der bekannten
Welt zu verlegen, wofür der Orient mit seinen
fabelhaften Tieren besonders geeignet erschei-
nen mufste. Die Erfindung der Chimairage-
stalt aber scheint nicht dem Orient, sondern
Griechenland anzugehören, vgl. Milchhöfer , An-
fänge der Kunst in Griechenland 81.
Fassen wir nun den Kampf des Bellerophon
mit der Chimaira ins Auge, so trifft hier aller-
dings ein Gewitterwesen mit dem andern zu-
sammen; aber dies ist eben die uralte Vor-
stellung von dem Gewitter als einem Kampf
am Himmel; s. Schwarte S. 12, die „fast bei
allen indogermanischen Völkern verbreitete
Anschauung von dem Gewitterkampf eines
göttlichen Helden mit einem schlangenartigen
Ungeheuer“, vgl. Roscher, Gorgonen 16. Bei
den Gewitterkämpfen glaubte man ein erha-
benes göttliches Wesen im Streit mit einem
dämonischen Ungeheuer, in der indischen und
deutschen Mythologie so gut wie in der grie-
chischen, s. Roscher, Gorgonen 40. 116: Indra
767 Bellerophon
überwältigt Abi, Thunar die Riesen und Dra-
chen, Zeus oder Athene die Giganten. In der
griechischen aber wiederholt sich dieses Ver-
hältnis mehrmals zwischen Zeus und Typhaon,
Perseus und Gorgo, und so auch zwischen
Bellerophon und Chimaira, die schon durch
ihre Abkunft von Poseidon und Typhaon
den entgegenstehenden Seiten, jener der höhe-
ren, göttlichen, durch Vernunft geklärten,
diese der niederen, rein natürlichen Seite der
Gewittererscheinungen zugewiesen werden. Da-
bei wurden die bösen, verheerenden Folgen
des Gewitters dem Besiegten, die guten dem
Sieger beigelegt, vgl. Schwartz a. a. 0. 21.
Bellerophon ist also der himmlische
Reiter, der mit seiner heilsamen und
reinigenden, in Sturm und Gewit-
ter einher fahr enden Macht das ver-
derbliche Gewitter ungetüm, die Chi-
maira, erlegt und dadurch als der Ret-
ter undWohlthäter der Menschheit,
d. h. als Heros erscheint. Hierdurch er-
hebt er sich über die rein natürliche Sphäre
in das ethische Gebiet : im Epos erscheint er
als der edle und tapfere, von Schönheit und
Anmut strahlende Held Z 155, der reinen Sin-
nes das Böse hafst, der Verführung wider-
steht und die Gefahren , in die ihn seine
Rechtschaffenheit (ciycxQ-d cpQOvtwv v. 162) und
Arglosigkeit bringt, mutvoll besteht: 6 v.uqzb-
gog BsXlBQOcfiovcug Pindar Ol. 13 , 84. Des-
halb erfreut er sich auch der Hilfe der Göt-
ter Z 171: ftecov vn ccyvyovi jzoynfi; 183:
tHco v zbqocbggi Tn&/jG(xg und ist besonders, wie
wir oben gesehen, ein Liebling der Athene.
Seine siegreiche Macht oder, wie Homer Z 191
sagt, seine göttliche Abstammung bewährt
sich in der Bestehung von Gefahren , die je-
dem andern den Tod bringen würden
II. Bedeutung des Namens Bellerophon.
Der Name Bellerophontes wurde schon im
Altertum verschieden gedeutet. Eigentlich soll
er Hipponoos geheifsen haben, wohl als Sohn
des Poseidon Hippios, oder auch Asoicpovzrjg,
(nach Max Müller Essays 22, 168 ed. Francke
= decocpövzyg = skr. däsa-hantä Feindetöter),
und wegen Tötung eines Korinthiers Namens
Belleros Bellerophontes genannt worden sein,
Schol. II. Z 155. Tzetz. Lycophr. 17. Eustatli.
ad II. Z 158. Dafs dies eine Erdichtung zur
Erklärung des imverständlichen Namens ist,
ist längst erkannt, s. Fischer a. a. 0. 10.
Wichtiger ist die Bemerkung des Eustath. ad
Z 162. 181 , dafs er auch EXliQocpovtyg ge-
nannt werde als cpovevg xam'cig , nämlich als
Erleger der Chimaira: bXIbqcc yciQ cpceai v.kzo.
SlccXbkzov tä mk ä. Hieran knüpft Max Mül-
ler seinen Deutungsversuch in seinem Aufsatz,
Kuhns Ztschr. 5, 140; vgl. auch Essays 22
S. 155, in welchem er zuerst die von Pott
ebendas. 4, 416 aufgestellte sprachliche Herlei-
tung Bellerophons von Vrtrahän zurückweist.
Müller sieht in dem ß von ßsXXsQO, da es =
bXIsqo, ein Digamma und setzt es lat. villus,
villosus gleich : „zottig“, „zottiges Ungeheuer“,
so dafs also Bellerophon der Töter des zotti-
Bellerophon 768
gen Ungeheuers wäre , was Müller auf die
Wolke bezieht. Denn er geht davon aus, dafs
Bellerophon der Sonnenheld sei. Wenn man
cpovzyg, wie in dvÖQuepovzrjg, als Töter nimmt,
wird man unter dem zottigen Ungeheuer lie-
ber direkt die Chimaira verstehen , wenn sie
auch ursprünglich ein Wolkenungeheuer war.
Nachdem aber die Ableitung ’AgyBicpovzrjg von
cpuiv co allgemein angenommen ist , . wird es
sich fragen, ob nicht auch BsXXeQocpovzyg eben-
so zu erklären sei. Die Analogie der Eigen-
namen Klsocpovzrjg und ’AqiGzoyovzrig , die
ebenso wie BsllsQocpäv die verkürzte Endung
-cpcov haben können und der Bedeutung nach
eher von cpaivco als von cpe'r« abzuleiten sind
(s. Roscher , Hermes 95) spricht für die Ablei- ,
tung von cpccivco. Dann würde (RLLpo mit
Müller im Sinne von Wolke zu nehmen sein
und man bekäme: „der die Wolke Herbeifüh-
rende“ oder „der in Wolken Erscheinende“.
III. Die sonstigen Schicksale
Bellerophons.
Wenden wir uns nun zu den Mythen, welche
den Kampf am Himmel auf die Erde verlegen 1
und den Heros mit menschlichen Verhältnis-
sen, einem Vaterhaus, einem bürgerlichen Ge-
meinwesen und Familie umgeben, so wird sich
zeigen, dafs dieselben sich auf der Grundlage
seiner Naturbedeutung und seines daraus er-
wachsenen ethischen Charakters gebildet haben.
Da der Mythos korinthisch ist, wie denn die J
Korinther noch spät den Bellerophon mit Stolz
den ihrigen nennen, Theokr. 15, 91, so wird
Bellerophon dem korinthischen Herrscherhaus
der Sisyphiden zugeteilt als Enkel des Sisy- :
phos und Sohn des Glaukos II. Z 153 ff. ;-dort
stand sein Königsthron und Pallast, Pind. 01.
13, 62. Die Abstammung von Poseidon, die
dem himmlischen Heros angehört, verwandelt
sich nun für den irdischen in ein Verhältnis
des Schutzes durch den Gott, Schol. II. Z155;
Flut, de mul. virt. 9, welches auch auf Vasen- ;
bildern durch Poseidons Anwesenheit beim
Kampf mit der Chimaira ausgedrückt ist, s.
Engelmann a. a. 0. n. 64. 71. 72 u. die Ab-
bildung Mon. d. Inst. 9, 52.
1) Aufenthalt bei Proitos.
Die Kette seiner Schicksale beginnt mit dem
schon von Homer Z 159, vgl. Paus. 2, 4, 1 er-
wähnten, aber nicht näher begründeten Abhiin-
gigkeitsverhältnis zu Proitos, eine Lücke, welche
die Späteren mit der aus der Deutung seines
Namens entnommenen Tötung des Belleros
ausfüllten: er tötete einen Mitbürger Namens
Belleros, sagt Schol. Z 155, mufste deshalb
aus Korinth fliehen und begab sich zu dem
König Proitos von Tiryns , der ihn bei sich
aufnahm und sühnte, vgl. Serv. ad Aen. 5, 118.
Nach Apollodor, der es ebenso erzählt 2, 3, 1,
sollte er den unfreiwilligen Mord an seinem
Bruder Deliades, von andern Peiren oder Al-
kimenes genannt, begangen haben, vgl. Tzetz.
Lyc. 17. Wenn diese Dichtung auf Euripi-
des’ Bellerophon zurückzuführen ist, vgl. Fi-
scher a. a. 0. 10, so ist der Zweck derselben,
seinen Aufenthalt bei Proitos zu motivieren,
io
20
30
40
50
60
769
Bellerophon
Bellerophon
770
nur um so klarer. Dafs das Abhängigkeits-
Verhältnis zu Proitos dem des Herakles von
Eurystheus nachgebildet ist, ist schon öfter
bemerkt worden.
2) Sendung nach Lykien.
Nun folgt die bekannte homerische Erzäh-
lung Z 160 ff.: Proitos’ Gemahlin Anteia (s. d.)
entbrannte in Liebe zu Bellerophon, aber dieser
wies, äya&K cpQovscov, ihre Anträge zurück. Da
seiner Sendung durch Proitos. Zugleich sollte
seine Versetzung auf den Boden Kleinasiens
auf eine W eise motiviert werden, dafs er nicht
nur ohne Schuld erschien, sondern, dem Cha-
rakter eines himmlischen Heros entsprechend,
seine Scheu vor dem Bösen und die Reinheit
seiner Gesinnung glänzend ans Licht trat.
Diese moralische Seite wird auch da und dort
hervorgehoben : Schol. Z 155 äsgiovysvos x 6
verleumdete sie ihn bei ihrem Gemahl, als habe io ocuov ccvxslsysv, nach Hygin. poet. astron. 2, 18
er sie verführen wollen, und verlangte von ihm
seinen Tod. Proitos scheute sich ihn selbst
zu töten und schickte ihn mit dem in gehei-
mer Zeichenschrift abgefafsten Auftrag ihn zu
töten zu seinem Schwiegervater, dem König
von Lykien. Dieser nahm ihn freundlich auf
und bewirtete ihn neun Tage. Als er aber
am zehnten die Zeichenschrift gelesen , da
sandte er ihn, uni der Aufforderung seines
geht er freiwillig nach Lykien, um den An-
trägen, die er nicht länger hören mag, auszu-
weichen, oder droht nach Serv. Aen. 5, 118
dem Proitos Mitteilung zu machen.
3) Thaten und Aufenthalt in Lykien.
Nun folgen seine Thaten, in welchen er seine
siegreiche Kraft bekundet, wie bei Herakles in
der Form von äüLot, welche dem Bellerophon
von Iobates auferlegt werden, II. Z 179. Apol-
Schwiegersohnes nachzukommen, zum Kampf 20 lod. 2, 3, 2. Den schon besprochenen Kampf
gegen die Chimaira aus und zu andern schwe-
ren Kämpfen. Mit dieser Erzählung stimmen
die Späteren vollständig überein, Apollod. 2,
3,1. Schol. Z 155. Schol. Aristoph. Han. 1043.
Plaut. Baccli. 810. Hör. Garm. 3, 7, 13. Hy-
gin. fab. 57. Serv. acl Aen. 5, 118. Dagegen
heifst die Gemahlin des Proitos bei den Spä-
teren nicht Anteia, sondern Stheneboia, eine
Änderung, die Apollodor 2, 2, 2 auf die Tra-
giker zurückführt: cos y'ev "Oyggos ’ Avtplkv , 30
<os äc oc xgcxycnol £&svißotav. Der bei Ho-
mer nicht mit Namen genannte
König von Lykien heifst bei
den Späteren Iobates; derselbe
soll nach Apollod. 2, 2, 2 sei-
nen Schwiegersohn Proitos
wieder in die Herrschaft von
Tiryns eingesetzt haben; ver-
einzelt wird er auch Amphia-
nax genannt, Apollod. a. a. O.
Schol. Z 200, was Fischer
a. a. O. 15 für die griechische
Übersetzung des barbarischen
Namens Iobates hält. Die No-
tiz Schol. Z 170 ’loßuxrj fj ’Afu-
guSccqco beruht auf Verwechs-
lung des lykischen und ka-
rischen Königs , s. Fischer
a. a. O. Der Abschied des Bellerophon von mit der Chimaira beschreibt Apollodor in der
Proitos findet sich nicht selten auf Kuustwer- 50 Weise, dafs sich Bellerophon auf dem Pega-
Bellerophon, die Chimaira erlegend, Terracottarelief von Melos
(nach Müller- Wieseler, D. a. K. 1, 52).
ken dargestellt, so Mon. d. Inst. 3, 21 : Proi-
tos übergiebt dem Bellerophon das Diptychon;
dieser ist mit Chlamys, zwei Speeren und dem
Reisehut dargestellt, hinter ihm der Pegasos
aufgezäumt und ungeduldig des Aufbruchs har-
rend. Stheneboia sieht auf einem Sessel sitzend
zu. Andere Darstellungen bei Engelmann a. a. 0.
n. 13 — 23. Arch. Ztg. 34, 91. Dafs die Sage von
der zurückgewiesenen Liebe und der Verleum-
sos hoch in die Lüfte erhoben und von dort
herab die Chimaira erlegt habe. So stellen
auch die zahlreichen Denkmäler, Gemmen,
Münzen, Reliefs und Vasenbilder den Kampf
dar: Bellerophon, meist mit Chlamys, Petasos
und Jagdstiefeln bekleidet , schwebt in der
Luft auf dem Pegasos über der Chimaira, die
er mit der Lanze durchbohrt, vergl. Fischer
a. a. 0. 66—80. Engchnann n. 36 — 73. Er
düng der Anteia dem Belleroplionmythos nicht oo selbst wird überall als junger kräftiger Held
| eigentümlich ist , zeigen die Parallelen von
Phaidra und Hippolytos , von der Gattin des
] Akastos und Peleus und die ähnliche Erzäh-
lung von Idaia, der Gattin des Pliineus. Als
i man sich einmal die Chimaira in Kleinasien
j dachte, galt es zu erklären, wie ihr Überwin-
der, der korinthische Heros, nach Lykien ge-
kommen sei, und so entstand die Sage von
Koscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
mit edlen Formen dargestellt, die aber nichts
Charakteristisches haben und der allgemeinen
Heroenbildung der verschiedenen Kunstperio-
den und Denkmälergattungen folgen. Auf
mehreren Vasen wird er in diesem Kampf von
asiatisch gekleideten Personen unterstützt,
welche von Gerhard, Braun und Fischer für
Amazonen gehalten wurden, aber von Heyde-
25
771 Bellerophon
mann , Annali dell’ Inst. 1873 p. 20 — 52
vielmehr als Phryger erwiesen werden. So
auf der bekannten Darstellung der Dareios-
vase , Mon. dell' Inst. 9 , 52 , s. Ileydemann
a. a. 0. Eine eigentümliche Erzählung findet
sich bei Westermann, Mythogr. Gr. p. 388, und
ähnlich bei Eustath. Z 200 und Tzetz. Lyc. 17:
Bellerophon habe der Chimaira eine Bleikugel
in den Bachen gebracht, und daran, dafs dieselbe
an dem Feuer in ihrem Innern geschmolzen,
sei die Chimaira zu Grunde gegangen. Diese
Waffe in der Hand Bellerophons erinnert an die
Donnerkugeln und Kugelblitze in nordischen
und slavisch-lettischen Mythen, siehe Roscher,
Gorgonen 103. 104. Sodann sandte ihn Ioba-
tes Z 184. Pindar Ol. 13, 86. Apollod. 2, 3, 2
in den Kampf gegen die Solymer und gegen die
Amazonen (s. d.), wovon jene als Nachbarn der
Lykier, diese wegen ihrer asiatischen Heimat
und als die streitbaren Gegnerinnen griechi- 2
scher Heroen der dichtenden Sage sich dar-
boten. Bei den Solymern in der Nähe von
Termessos zeigte man nach Strab. 13 p. 630
noch das befestigte Lager (%kqu£) des Belle-
rophon. Servius ad Aen. 5, 118 nennt statt
ihrer auch die Tympier: adversus Tympios sine
Solymos, gentem ferocissimam. Den Amazonen-
kampf erwähnt auch Strabon 12 p. 573. Der
Versuch, denselben auf einem pompejanischen
Wandgemälde zu finden, ist als nicht gelun-
gen zu betrachten, s. Engelmann a. a. 0. p. 29.
Nachdem Bellerophon die Feinde glücklich
bestanden , versuchte es lobates mit einem
Hinterhalt Z 187. Apollod. 2, 3, 2, zu dem er
die Tapfersten seines Volks ausgelesen; aber
alle tötete der starke Held, so dafs keiner
nach Hause kam : eine aus der Heroenzeit auch
sonst erzählte Kraftprobe II. A 396. Auf dies hin
erfolgt die Umstimmung des Königs von Lykien
und die Belohnung des Helden. lobates, er-
zählt Homer weiter, erkannte an den Thaten
Bellerophons seine göttliche Abkunft (und seine
Unschuld Schol. Z 155), behielt ihn bei sich,
gab ihm seine Tochter zur Frau und teilte
mit ihm seine Herrschaft (so auch Serv. Aen.
5, 118), wozu die Lykier ein auserwähltes
Grundstück fügten, oder hinterliefs ihm nach
Apollod. 2, 3, 2 bei seinem Tod das Reich.
Diese Tochter des lobates heifst bei Apollodor
nnd Schol. Lycophr. 17 Philonoe, Schol. II.
Z 155 Kasandra, Schol. Stat. Theb. 4, 689 Al-
cimene, Schol. Pind. Ol. 13, 82 Antikleia. Eine
spätere Erzählung bei Plutarch de mul. virt. 9
berichtet, da lobates immer noch ungerecht
gegen Bellerophon gewesen, habe dieser durch
ein Gebet zu Poseidon das Meer ins Land her-
eingerufen und eine Überschwemmung veran-
lafst, und erst als die Weiber ihm mit aufge-
hobenen Gewändern entgegengegangen, sei er
aus Scham zurückgewichen und mit ihm das
Meer. Schtvenclc, Myth. d. Gr. S. 478 deutet
diese Entblöfsung der Weiber als einen Ge-
genzauber gegen Unfruchtbarkeit und als ein
Mittel zur Abwehr des Bösen. Aus seiner Ehe
mit der lobatestochter hatte Bellerophon nach
llomer Z 196 zwei Söhne, Isandros und Hip-
polochos und eine Tochter Laodameia, welche
von Zeus geliebt, den Sarpedon gebar. Statt
Bellerophon 772
Isandros hat Strabon 13 p. 630 Peisandros,
dessen Grab bei den Solymern gezeigt werde.
Einen weiteren Sohn Hydissos erwähnt Stepli.
Byz. s. v., mit Asteria, der Tochter des Hydes
erzeugt, als Gründer der gleichnamigen kari-
schen Stadt Hydissos.
4) Bache an Stheneboia.
In die Zeit nach der Aussöhnung mit lo-
bates gehört die Rache des Bellerophon an
) Stheneboia, ohne Zweifel eine Erfindung des
Euripides. Nach Apollodor 2, 3, 2 zeigte ihm
lobates die von Proitos erhaltenen Zeichen,
woraus Bellerophon die Hinterlist des Proitos
erkannte. Hieran knüpfte Euripides in seiner
Stheneboia an, vgl. Welcher, Gr. Tr. S. 777.
Fischer a. a. 0. 45 ff. : er zieht nach Tiryns,
verlangt von Proitos die Auslieferung der Gat-
tin, und da sich dieser weigert, schreitet er
zur List: er heuchelt ihr 'Liebe und beredet
i sie mit ihm den Pegasos zu besteigen; da
stürzt er sie bei der Insel Melos ins Meer und
Fischer bringen ihre Leiche nach Tiryns. So
auch das Schol. Aristopli. Pac. 141 zrjv zov
Hqoüzov yvvccitux — cncuzrjoai cog s^cov yvvctiHcc
Kcd tmßdoa g zov nyyccGov stg (isGyv (jiipcu
zrjv fi'txhxooKv. Vielleicht aus Rache hierfür
wollte der Sohn des Proitos ihn töten, Anth.
Pal. 3, 15. Auf die Rückkehr nach Tiryns
beziehen sich nach Engelmann n. 75. 76 ein
Wandgemälde von Pompeji und eine Vase;
der Sturz dev Stheneboia ist dargestellt auf
der bekannten Vase Inghir. vas. fit. 1, 3 ( ib .
n. 77). Nach anderer Tradition Schol. Aristopli.
Ran. 1043 soll Stheneboia, als die Unschuld
Bellerophons sich herausstellte, den Giftbecher
getrunken haben. Fischer S. 48 erklärt dies
für ein Mifsverständnis des Sclioliasten; doch
hat sich diese Sage auch noch in der andern
Gestalt bei Hygin. fab. 57 erhalten, sie habe
sich selbst getötet , als sie von dem Glück
Bellerophons und seiner Heirat mit ihrer
Schwester in Lykien erfuhr.
5) Bellerophons Sturz.
Eigentümlich sind die Andeutungen Homers
über das spätere Schicksal Bellerophons Z200:
als er aber allen Göttern verhafst geworden, irrte
er einsam auf dem aleischen Gefilde umher,
sich in Gram verzehrend und den Pfad der Men-
schen meidend; seinen Sohn Isandros aber tötete
Ares und seine Tochter die zürnende Artemis.
Schon die Sclioliasten zu V. 200. 202. 205 haben
über die Ursachen dieser rätselhaften Melan-
cholie und des Zornes der Götter verschiedene
Vermutungen aufgestellt, von welchen viel-
leicht die Zurückführung derselben auf den
Neid der Götter das Annehmbarste ist. Auch
die Ableitung des nsdiov ’AXffiov von aläa&M
Schol. v. 200 ist wohl im Sinn der Sage, die,
wie es scheint, das von Herod. 6, 95 genannte
ztsdiov ’Ahq'Cov in Kilikien herbeigezogen hat.
Geistverwirrende Krankheiten bilden auch
den Schlufs der Herakleslaufbahn, s. Preller
2, 183; bei Bellerophon scheint dieser trübe
Zug eine Wiederholung aus dem Wesen sei-
nes Vaters, des Sisyphiden Glaukos, der sich
aus Verzweiflung ins Meer stürzte und von
nun an lauter Unglück prophezeit, Schol. Plat.
rep. p. 611 C, vgl. Gädcchcns, Glaulos 197.210.
773
Bellerophon
Auch ist an das wilde und aufgeregte Wesen
zu erinnern , das den Poseidonssöhnen eigen
ist, Preller 1,454. Die spätere nachhomerische
Sage dagegen und besonders die Tragödie
läfst den Bellerophon durch eigene Schuld ins
Unglück geraten. Pindar Isthm. 6,44 erzählt:
Bellerophon versuchte auf dem geflügelten Pe-
gasos in die himmlischen Behausungen des
Zeus emporzudringen , wurde aber vom Pega-
sos abgeworfen, vgl. Mythogr. Gr. Westermann
p. 251. Eustath. ad Z 200. Schol. Aristoph.
Pac. 76. Schon bei Pindar, wie bei Hör.
Carm. 4, 11, 26 dient er als Beispiel der be-
straften Selbstüberhebung des Menschen , wie
auch das Schol. II. Z 155 aus Aslüepiades be-
richtet , er habe , übermütig gemacht durch
seine Thaten, auf dem Pegasos den Himmel
ausforschen wollen; Zeus aber habe im Zorn
dem Pegasos eine Bremse geschickt (vgl. auch
Eustath. a. a. 0.), so dafs Bellerophon herab-
gestürzt und auf das nach ihm benannte aleische
Feld gefallen sei, auf dem er dann blind um-
herirrte. So auch Ilygin. fab. 57 , während
derselbe poet. astron. 2, 18 ihn von Schwindel
erfafst, herabstürzen und an dem Fall sterben
läfst. Diese Verschmelzung der Sage von sei-
nem Sturz mit der homerischen Erzählung
von seinem Umherirren auf dem aleisclien Ge-
filde ist offenbar nur eine gelehrte Erfindung.
Dagegen ist die Sage von dem kühnen Ritt
und jähen Sturz Bellerophons wohl auf die
Vorstellung von dem himmlischen Wolkenhel-
den zurückzuführen , dem auf seiner unstäten
Bahn Versuchung und Gefahren drohen, wenn
man nicht auch hierin mit Sclmartz , Poet.
Naturansch. 1, 58 geradezu eine Beziehung auf
das Gewitter finden will , während die mora-
lische Wendung, welche der Erzählung ge-
geben wird , einer späteren Zeit angehört,
i Euripides hat in seinem „ Bellerophon “ den
Helden dargestellt, wie er auch nach dem
: Sturze vom Unglück verfolgt, am Dasein der
| Götter zweifelt und ihnen mit kühnem Trotz
I entgegentritt, aber schliefslich von Krankheit
, und Zweifel geheilt und mit den Göttern ver-
] söhnt, ruhig dem Tod entgegengeht (so auch
I Aelian hist, anim. 5, 34), vergl. Welcher, Gr.
\ Trag. 7 85 ff. Fischer a. a. 0. 50fF. Aus den
Scholien zu Aristoph. Acharn. 427. Pac. 147.
Ran, 846 erfahren wir, dafs Euripides seinen
Helden noch schmutzig und gelähmt von sei-
nem Sturze auf die Bühne brachte. Schliefs-
lich wurde in allegorischer Auslegung sein
Ritt auf dem Pegasos zum kühnen Gedanken-
flug und er selbst zum Astronomen gemacht,
I Anth. Pal. 7, 683. Mythogr. Gr. p. 324 Wester-
mann. Auch der Sturz wurde geographisch
i fixiert und nach Lykien oder Kilikien ver-
legt, Eustath. II. Z 200. Schol. Z 155; spe-
ziell nach Tarsos, das seinen Namen von der
'Feder (rc/gaog) aus dem Flügel des Pegasos
] ableitet, die dieser hier verloren habe, IJio-
j nys. Perieg. 869, nebst der Erklärung des
Eustath. a. a. 0. Nur auf einigen späte-
ren , zum Teil unsicheren Kunstwerken er-
scheint sein Sturz dargestellt, Engelmann No.
78—80.
Bellona 774
IV. Bellerophon göttlich verehrt.
Bellerophon wurde in Korinth und in Ly-
kien göttlich verehrt. In einem Cypressen-
hain vor Korinth war ihm ein heiliger Be-
zirk geweiht, Paus. 2, 2, 24, und an einer
Quelle in Korinth war er mit dem Pegasos,
aus dessen Huf das Wasser strömte, als Rei-
terstandbild dargestellt, ib. 2, 3, 6. Auch die
io Münzen von Korinth und seinen Kolonieen, auf
welchen der Pegasos sehr häufig vorkommt,
weisen auf den ßelleroplionmythos hin, Raoul-
Rochette, Annal, d. Inst. 1829 p. 311 ff. Seine
Verehrung in Lykien, welche erst infolge der
Lokalisierung der Chimairasage daselbst ent-
standen sein kann, ist teils durch Quint. Smyrn.
10, 162, teils durch zahlreiche lykische Denk-
mäler bezeugt, die sich auf Bellerophon und
namentlich auf seinen Kampf mit der Chi-
20 maira beziehen, besonders Münzen und Bas-
reliefs s. Fellows Discoveries in Lycia p. 136.
181. 252. Mitteilgn. d. deutsch, arch. Inst, in
Athen 2, Taf. 10. — [Nachtrag: Vergl. auch
die neuerdings am Heroon von Gjölbaschi in
Lykien gefundenen, in Wien befindlichen Re-
liefs, welche unter anderem auch den Kampf
des Bellerophon mit der Chimaira darstellen:
0. Benndorf, Vorläuf. Bericht über zwei österr.
archäol. Expeditionen nach Kleinasien, Wien
30 1883. Archäolog. - epigraph. Mitteilungen aus
Österreich 6, 2. Roscher.] [Rapp.]
Belleros s. Bellerophon S. 767 Z. 50 u. S. 768.
Bellipotens, 1) Beiname des Mars, alleinste-
hend Verg. Aen. 11, 8. — 2) der Pallas, Stat.
Tlieb. 2, 716. [Steuding.]
Bellona, ursprünglich Duellona, von duel-
lum, bellum ( Yarro de l. lat. 5, 73: Bellona a
hello nunc, guae Duellona a duello ; vgl. ib. 7,
94; Priscian in Keils Gramm, latt. 3 p. 497, 6;
40 SC. de Bacch. im C. I. L. August, de civ. Bei
4,24), römische Kriegsgöttin. Nach Rom kam
sie wahrscheinlich von den Sabinern, bei denen
sie Nerio, Neria oder Nerienes = Virtus hiefs
{Gell. N. att. 13, 23, 3 ff. ; vgl. Nero = for-
tis) und entweder Eigenschaften des Mars
{Gell. a. a. 0. § 10: Nerio igitu/r Martis vis et
potentia et maiestas quaedam esse Martis de-
monstratur\ vgl. Ioannes Lydus de mensibus
4, 42 Bekk.) oder dessen Gemahlin bezeichnete
so {Gell. a. a. 0. § 11. Aug. de civ. D. 6, 10, der
sie öfter, und, wie Plaut. Amph, pr. 42 mit
Virtus, Victoria, Mars, gewöhnlich zusammen
mit Mars nennt), und der man beim Ausbruch
eines Krieges {Amm. Marc. 21, 5, 1) und am
Ende desselben {ib. 27, 4, 4) Opfer brachte.
Nach Liv. 8, 9, 6 rief sie P. Decius Mus. 340
vor der Schlacht am Vesuv und sein Enkel
bei Sentinum an, ib. 10, 28, 15; ja nach Plin.
hist. nat. 35, 3, 12 Jan hätte bereits Appius
60 Claudius, Konsul 495 v. Chr., im Tempel der
Bellona seiner Vorfahren Bilder aufgestellt;
doch findet sich sonst kerne Nachricht über
eine aedes Bellonae aus jener Zeit. Erst 296
v. Chr. gelobte Appius Claudius Caecus in der
Schlacht der Bellona einen Tempel {Liv. 10,
19, 17: Bellona, si hodie nobis victor iam duis ,
ast ego tibi templum voveo ) und errichtete ihn
auch, Or. Inscr. latt. No. 539. So stehen also
25:,:
775
Bellona
Bellona
776
die ältesten Nachrichten über die Bellona zu
der sabinischen gens Claudia in Beziehung.
Dieser Tempel der Bellona lag, wie die aller
Gottheiten, welche etwas Schlimmes repräsen-
tierten, das man von der Stadt fern halten
wollte, Vitruv. 1,7, aufserhalb des pomoeri-
ums und zwar nach Ov. Fast. 6, 199 fl', und
Mirabilia Rornae bei 77. Jordan, Topogr. der
Stadt Born 2 p. 629; vgl. ib. p. 422 f. in der
neunten Region zwischen dem Capitol und io
dem Marsfelde, östlich vom Circus Flaminius.
In demselben fanden die Verhandlungen mit
den Konsuln etc. statt, wenn diese, an der
Spitze des Heeres , die Stadt nicht betreten
durften (wie mit M. Marcellus Liv. 26, 21 in.;
M. Livius ib. 28, 9, 5; C. Claudius ib. 38, 2;
Sulla, Sen. de dem. 1, 12, 2; vgl. noch Liv.
39, 29, 4. 42, 21, 6. Lange, Rom. Altert. 2,
346 ff.); ebenso mit den Gesandten auswär-
tiger Völker ( Festus s. v. senaculum; z. B. mit 20
den Karthagern Liv. 30, 21, 12. 40, 1; vgl.
ib. 33, 24, 5). Vor dieser aedes Bellonae stand
auch die columna bellica, über welche der
pater patratus im Namen der Fetialen nach
einem Platze, der symbolisch das Feindesland
bezeichnete, eine Lanze schleuderte, seitdem
(etwa seit Pyrrhos) diese Handlung nur
noch symbolisch vor-
genommen wurde
{Paul. Festi s. v. 30
Bellona. Liv. 1, 32.
Gell. 16, 4. Ov. Fast.
6, 206 — 8; bei Dio
Cass. 50, 4, 5 schleu-
dert August, 71, 33,
3 Marc Aurel als Fe-
tial die Lanze, vgl.
Preller, Rom. Myth.
218 f.). — Als die
Römer mit der grie- 40
chischen Litteratur
bekannt und Mars
mit Ares identificiert wurde, legten sie der
Bellona die Attribute der ’Evvco bei, welche
bei Horn. E 333. 592 die Gefährtin des
Ares und Städtezerstörerin ist. So erscheint
sie denn bei den späteren Dichtern (Stat.
Tlieb. 5, 155. Glaudian, de l. Stilich. 2, 371)
auch als Wagenlenkerin und Tochter des
Mars, mit blutigen Händen und langem Sta- 50
chel (Stat. Tlieb. 7, 72—74), oder blutiger Gei-
fsel (Verg. Aen. 8, 703. Sil. Rai. Pun. 4, 436
— 39. August, de civ. L>. 5, 12), oder mit Schwert
(Sen. Here. Oet. 1312), oder mit einer Lanze,
die sie in Feindesland schleudert und damit
Bellona auf e. Münze von
Hierokaisareia (nach Millin-
gen, anc. coins Tf. 5, No. 4).
den Krieg erklärt (Stat. Theb. 4, 6) ; auch mit
einer Tuba ( id . ib. 10. Glaudian, in Eutrop.
2, 144. Sil. Pun. 5, 225) oder einem Zinken
(4mm. Marc. 31, 13, 1), um den Schlachtruf
anzugeben, einer Fackel (Stat. Theb. 4, 5. Sil. 60
a. a. 0. 290. Arnm. Marc. 24, 7, 4. 29, 2, 20)
zur Bezeichnung der Kriegswut. So wurde
sie mit den Furien als Begleiterinnen des Mars
zusammengestellt (Sil. Pun. 4 , 436. 4mm.
Marc. 31, 1 , 1) oder mit Metus, Pavor, For-
mido (Glaudian. a. a. O. 373 — 76) oder mit
beiden (Petron. 124, 256); mit fliegenden Schlan-
genhaaren und in blutbesudeltem Kleide geht
sie durch die Reihen der Kämpfenden und
spricht ihnen Mut ein (Stat. Theb. 7, 73. Sil.
4, 223. 5, 221. Glaudian, in Eutrop. 2, 109
— 111); daher heifst sie a. a. 0. sanguinolenta,
atra, tartarea, irnplacabilis. Als Urheberin des
trojanischen Kriegs erscheint sie Stat. Ach.
1, 33. Bildlich wurde sie dargestellt mit einer
Fackel, hastig vorwärtsschreitend, mit Helm
und Lanze und einer trabea bekleidet; vor
ihr liegen Köcher, Schild, Helm, Fahnen etc.
als ihr geweihte Beute auf dem Altar ausge-
breitet (Glaudian, in Pr obi consul. 121). — Die
wichtigste W eiterentwickel ung aber erfuhr der
Kultus der Bellona, als die Römer um die Zeit
der mithridatischen Kriege die Göttin von
Komana in Kappadokien, eine in Kleinasien,
Armenien etc. unter verschiedenem Namen
verehrte Gottheit, wahrscheinlich Mondgöt-
tin, mit der Anaitis (s. d.) verwandt oder iden-
tisch, kennen lernten, welche Sulla im Traume
erschienen sein soll ( Plut . Süll. 9: rjv
Pcogaioi 7 ttXQU KocmtccSoucov (la&övzs g, sl'zs dg
Eslrivr]v sivea si'z’ ’A&rjväv si'x’ ’Evvcö-, wie
hier Plut., so nennt sie auch Strabo 12, 2, 3
Evvor, rjv sxsivor, sc. KanndSoxsg Md ovofiü-
£ovgi); die Römer nannten dieselbe Göttin
Bellona (Reil. Alex. 66), ihr ursprünglicher
Charakter bezog sich daher jedenfalls auf den
Krieg. Da ihre Priester, welche ein sehr zahl-
reiches Kollegium bildeten und deren Haupt
in Komana nach dem Könige die höchste
Würde besafs, in Rom aus dem untersten Volke,
besonders aus Gladiatoren genommen und von
den Freigeborenen verachtet wurden, so ist
ihr Kultus ursprünglich wohl kaum von Staats
wegen eingeführt worden, sondern durch Skla-
ven und niedere Leute nach Rom gekommen,
obwohl es Lactant. inst. 1, 21 heifst: publica
illa sacra, quorum alia sunt Matris deum . . .
alia Virtutis, quam eandem Rellonam vocant.
Weil aber auch die Göttin von Komana eine
Kriegsgöttin, insbesondere aber wohl, weil ihr
Bild dem der Bellona sehr ähnlich war, wurde
sie bald mit dieser identificiert, und so kam
der fanatische, dem der Kybelepriester ähn-
liche Charakter in den Kultus der Bellona,
wie er zuerst von Tibull (1, 6, 43 — 50), seit-
dem aber von allen Dichtern, die ihn erwäh-
nen, übereinstimmend geschildert wird. Dar-
nach ritzten sich die Priester, die Martial (12,
57, 11) turba entheata Bellonae nennt, mit flie-
genden Haaren und von fanatischer Wut er-
griffen beim Schalle von Posaunen und Cym-
beln die Arme und Schenkel mit Beilen blu-
tig (Tertull. Apol. 9. Lucan. Phars. 1, 565 ff.
Lact. inst. 1, 21 p. 74 Bip. ; vgl. Hör. Serm.
2, 3, 223 mit den Erklärern); Lactanz nennt
Bellona daher (5, 10) mit Mars cruentos deos.
Das aus den Wunden fliefsende Blut gaben
die Priester nach Minucius Felix (Oct. 30) und
Tertullian (Apol. 9) einander zu trinken, wohl
um in fanatische Wut zu geraten, und weis-
sagten auch. Ihre vaticinia bezogen sich ur-
sprünglich jedenfalls auf den Ausgang des
Kriegs, später auf die nichtigsten Dinge ( lu-
ven. 4, 123. 6, öllff.). Auch veranstalteten
sie zu Ehren der Göttin feierliche Umzüge im
Frühjahre und Herbst. Der Name der Priester
777 Bellona
war nach Acro (zu Hör. Satt. 2, 3, 223) bello-
narii; Minucius Felix nennt sie ( Oct . 30) sacri,
Tertullian {A-pol. 9) sacrati, Lampriclius ( Comm .
9) servientes Bellonae, die Inschrift No. 2317
hei Orelli fanatici de aede Bellonae. Wie die
Gottheit selbst atra, luctuosa, feralis, sanguino-
lenta , ihre sacra insana u-nd cruenta waren
{Horat. a. a. 0. Augustin de civ. 1). 4, 34), so
trugen auch die Priester schwarze Kleider und
Mützen von schwarzem Fell ( Tertull . de pal-
lio 4). Nach Lampridius {Comm. 9) verwun-
deten sich die Priester nicht wirklich, sondern
nur scheinbar. Neben ihnen scheinen nach
Tibull (a. a. 0.) auch Priesterinnen bestanden
zu haben. — Der Festtag der ursprünglichen,
sabinisch-römischen Bellona war der 3. Juni
( Ov . Fast. 6, 200 ff.), seit ihrer Verschmel-
zung mit der Göttin von Komana der 24. März
(Ioann. Lyd. a. a. 0.), der wohl deshalb dies
sanguinis hiefs. — Noch später identificierte
man die Bellona mit derVirtus {Lactant. Inst.
1, 21 p. 74 Bip. Or. Inscr. latt. 4983). Die
Inschriften aus Rom C. I. L. 6 , 490 (. . . el-
sinius. Capitolinus. M. JD. D. I)) und ex aede
Bellonaes Pulvinesis fanaticus) und 2318
{L. Lartio Antlio cistophoro aedis Bellonae
Pulvinensis . . . .) scheinen auf einen zwei-
ten Tempel hinzuweisen; von einer Unter-
scheidung der Göttin von Komana und der
römischen Bellona findet sich keine Andeu-
tung (doch vgl. den folgenden Artikel). Von
der Göttin von Komana ging auf die Bellona
nicht mit über das hohe Ansehen ihrer Priester
und die Prostitution {Tiesler, de Bellonae cultu et
sacris. Berol. 1842; vgl. Belola). [Procksch.]
Bellona Rufilia , auf der Inschrift einer
Spitzsäule zu Rom, C. I. L. 6, 2234: L. Cor-
nelio Januar io || fanatico ab Isis Serapis || ab
aedern Bellone Bufdiae || V. A. XII. M. XI.
D. XXI. fec || C. Calidius custos amico || B. M.
Die Erwähnung eines fanaticus, sowie die Zu-
sammenstellung mit Isis u. Serapis weisen, wie
hei der Bellona Pulvinensis, auf die asiatische
Bellona hin. Rufilia ist vielleicht von rufu-s
(= blutrot?) abgeleitet, vergl. oben den Kult
derselben. [Steuding.]
Bellum. Der aufs Abstrakte gerichteten
Religionsanschauung der Römer entspricht es,
dafs bei ihnen neben der des mythologischen
Gehaltes doch nicht ganz entbehrenden Kriegs-
göttin Bellona (s. d.) auch die blofse Personifika-
tion des Krieges, Bellum, ihre Stelle fand, wenn
auch nicht im öffentlichen Kulte, so doch in
der allgemeinen Vorstellung und namentlich
in der Poesie. Die Dichter stellen sich Bel-
lum persönlich als von schrecklicher und dro-
hender Gestalt vor (z. B. ore cruento Verg.
Aen. 1 , 296 , sanguinea manu Ovid. met. 1,
143 u. a.) und Vergil {Aen. 6, 2 7 8 ff . ; vergl.
Senec. Here. für. 695) weist ihm neben Sopor,
Discordia und den Furien seinen Sitz in der
Unterwelt an. In die Genesis dieser ganzen
Vorstellung gewährt einen interessanten Ein-
blick eine Notiz des Plinius {n. h. 35, 93 f.),
wonach Augustus in fori sui celeberrimis par-
ibus ein Bild des Apelles weihte, darstellend
Belli imaginem restrictis ad terga manibus
Alexandro in curru triumphante ; allerdings
Belos 778
schien dies Gemälde Panoflca so ungeheuer-
lich, dafs er {Archäol. Zeitg. 1848 p. 100) die
Stelle für verderbt erklärte und nach imagi-
nem den Ausfall einiger Worte, etwa quae
Indos minitabatur annahm. Dafs jedoch das
Bild des gefesselten Bellum nichts so Abson-
derliches war, zeigen mehrfache Stellen römi-
scher Dichter, denen genau die nämliche An-
schauung zu Grunde liegt ( Verg. Aen. 1, 293ff.
Ovid. met. 1, 701 f.) und die Authenticität der
Notiz des Plinius wird über allen Zweifel er-
hoben durch eine von jenem unabhängige An-
gabe des Servius {Aen. 1, 294; vgl. auch Plin.
n. h. 35, 27), der dieselbe vollinhaltlich bestä-
tigt mit dem Beifügen, dafs sich das Bild zur
linken Hand des das Forum des Augustus Be-
tretenden befand. So erhalten wir einen in-
teressanten Beleg für die Thatsache, wie ein
Kunstwerk der alexandrinischen Zeit, hervor-
gega.ngen aus einer den Römern von Haus aus
vertrauten abstrakten Auffassung, auf die Vor-
stellungen der römischen Dichter befruchtend
einwirkte. [Wissowa.]
Belola , Nebenform oder verschrieben für
Belona = Bellona {Fahr, gloss. Ital. p. 245),
auf einer Trinkschale aus dem Museum zu Flo-
renz (jetzt in Rom), die aus Etrurien zu stammen
scheint; C. I. L. 1, 44: BElOblH ■ TOCOVOM.
Jordan, ler it. Beitr. 7 weist darauf hin, dafs
das Bild dieser Schale , eine Büste der Enyo
mit Schlangen im Haar, zur Umschrift gehört
(Ann. d. Inst. arch. 1872, 54 f.). [Steuding.]
Belone, Erfinderin der Nadel {Bslovrf), Hy-
gin. f. 274. [Schultz.]
Belos (Bijlog), ursprünglich Stamm- und
Nationalgott der Semiten, Baal, Bel, [vgl. Zsfig
Brjlog C. I. Gr. 4482. 4485. R. | wurde er von
der späteren, insbes. griechischen Mythologie
mit Königen und Heroen der asiatischen Völ-
ker vermengt. Ein König der Assyrer dieses
Namens wird erwähnt bei Serv. zu Verg.
Aen. 1, 642, 729; von ihm stammt ab der
Vater der Dido, der Kypros unterwarf, das
er hernach an Teukros abtrat, Verg. Aen. 1,
62011'. u. Serv., Stepli. Byz. AdnrjQ'os, Hesycli.
bei Phot. 34, 41. Ein anderer ist Gründer des
babylonischen Reiches: Ov. met. 4, 213. Eu-
seb. praep. ev. 419 dff. , 456 d, ein dritter Vater
des Ninos , lydischer Heraklide Herod. 1 , 7.
Tzetz. Chil. 7, 159 ff., ein vierter w.ird als indischer
Gott von Cic. {de not. d. 3, 16, 42) erwähnt und
mit Herakles verglichen. Am ausführlichsten
endlich ist die Genealogie des ägyptischen
Königs, der von Ägypten später eine Kolonie
nach Babylonien ausführte, Diod. 1, 28. Er
galt als Sohn des Poseidon und der Libya,
Bruder des Agenor, Vater des Aigyptos und
Danaos (s. d.), desgl. als Vater des Phineus,
Kepheus , Phoinix , Agenor , Apollod. 2 , 1 , 4.
Hyg. 31, 10. 106, 4. 151, 9. Herod. 7, 61.
Paus. 4, 23, 5. 7, 21, 13. Aesch. suppl. 318.
Nonn. 3, 291 ff. Schol. Für. Hcc. 886. Phoen.
247, 291. Ioann. Ant. in Müller fr. h. 4 p. 544.
Die Identificierung mit dein Babylonischen Son-
nengotte Baal (s. d.), Bel führte dann weiter zur
Identificierung mit Kronos, Zeus, bez. Ammon;
dah. bei Herod. 1, 181 Z«t>g Bylos (s. o.), wozu
noch zu vgl. Diod. Sic. 2, 8. Agathias in Müller
io
20
30
40
50
60
779
Belus
Bendis
780
fr. li. 2 p. 498. Philo Bybl. fr. 2, 21. Müller
з, 568. Alex. Polyli. fr. 3. ebd. 3, 212. Nonn.
a. a. 0. Thallus fr. 2 ( Müller 3 p. 517). Io-
ann. Ant. a. a. 0. u. vorher p. 542, 6. Sein
Tempel oder Grab zu Babylon wird erwähnt bei
Joseph. 10, 11, 1. Arr. an. 3, 16, 4. Strabo
738. Diod. Sic. 17, 112. Paus. 8, 33, 3. Pion.
Perieg. 1007. Ael. v. h. 13,3; desgl. ein Heilig-
tum bei denElymäern in Persien Strabo 744, bei
den Hebräern Joseph. 8, 13, 1. Vergl. Belus.
[Bernhard.]
Belus wird auf einer zweisprachigen In-
schrift genannt, die vor der porta Portuensis
in den ehemaligen Gärten Casars gefunden ist,
C. I. L. 6 , 50 und 51 : . . . ( ae)dem Belo
stat(uerunt ) . . . ; sowie auf einer zweiten Bi-
lingue aus Yaison (Vasio Vocontiorum), Or.-
Iienzen 5862: ET&TNTHPl TTXHS ß HA£l
ZE32TOZ GETO BSIMON TUN EN AIIA-
MEIA MNHZAMENOZ AOTHIN — Belus
Fortunae rector Menisque (— mentisque?) Ma-
gister ara gaudebit quam dedit et voluit, siehe
Baal u. Belos u. vgl. Kaibel, ep. 836. [Steuding.]
Bemilucims, Name einer (celtischen?) Gottheit
auf einer Inschrift zu Paris, Orelli 1970: Deo Be-
milucio VI. Möglicherweise ist an beim, bemen
Schlag, Wunde ( Zeufs , gr. Celt. p. 8 a) zu den-
ken. Vielleicht ist aber in lucius wirklich der
Stamm luk (altir. noch in luacharn, lücerna)
leuchten enthalten, und eine dem Lucetius ent-
sprechende Gottheit gemeint; endlich wäre etwa
auch der Name der Stadt Bsgsoslag (los. bell.
Jud. 1, 4, 6) zu vergleichen. [Steuding.]
Benäcus, der göttlich verehrte lacus Bena-
cus , jetzt Lago di Garda, auf einer in der
Nähe dieses Sees gefundenen Inschrift C. I.
L. 5, 3998: . . lac Benaco Successus etc. Als
Vater des Flusses Mincius wird er bezeichnet
bei Verg. Aen. 10, 205. Zeufs, gr. celt. p. 59
и. 87 vermutet einen Zusammenhang mit dem
altirischen bennach = cornutus , was auf die
hornartig, spitzig zulaufende Gestalt des Sees zu
beziehen sein würde. — Sonst wird auch Neptun
als die Gottheit desselben genannt (Jordan-Prel-
ler, Beim. Myth. 3 2 p. 123). [Steuding.]
Bendis (Bsvdig gen. Bsvdidog richtiger als
Bsvdig, Bsvdidog Bekker , Anecd. Gr. p. 1343.
Göttling. doctr. acc. p. 275) war der Name
einer in Thrakien hochverehrten Göttin, deren
Dienst jedoch auch frühzeitig in Attika hei-
misch wurde, vgl. Hesych. gs/dlg &sög' ’Agi-
oxocpavgg sqnq xgv Bsvdiv ©paxta ydp g &sög,
und Pliotii lex. Msyulgv Q’sov Agiaxocpccvgg
sv Agyvicug 4 i'ecog xgv Bsvdiv ©paxm ydp.
Die thrakische Heimat der Göttin ist auch
durch die nachher zu besprechende Stelle bei
Platon rep. 1 p. 327 bezeugt, sowie durch die
Erwähnung des ihr zu Ehren in Thrakien ge-
feierten Bendideenfestes Strab. 10 p. 470. Luc.
Icaromen. 24, und eines templum Bendidium
zwischen Kypsela und dem Hebros , welches
der Konsul Manlius auf seinem Zug 189 v. Chr.
antraf, Liv. 38, 41. Bendis wird von den Al-
ten der griechischeh. Artemis gleichgesetzt,
Uesycli. Bsvdig' g Agr sing , ©ganiaxi; Palae-
phat. de Incred. 32 kccIovoi xgv ’Agxsgiv ©pd-
xs g Bsvdsiav , Kggxsg ds AGxvvav, AccHsdonyo-
vun ds Ovtilv ; Schol. Fiat. Bep. 1 (cd. Buhn-
lien p. 143) Bsvdig nag’ uvxoig (GgalgC) g ”Aq-
xsgig nalsixcu. Damit stimmen die Angaben
Herodots überein 5, 7, dafs die Landesgötter
Thrakiens Ares, Dionysos und Artemis waren,
und 4, 33, dafs die Frauen Thrakiens und
Päoniens , das somit demselben Dienste hul-
digte, ’Agxsgidi xrj ßaoilgig Weizengarben zum
Opfer darbringen. Auch die Denkmäler Thra-
kiens beweisen die Verbreitung des Artemis-
dienstes in diesem Lande. Heuzey hat in der
früher zu Thrakien gehörenden Landschaft von
Philippi zahlreiche Reliefdarstellungen der Ar-
temis gefunden, Mission archeologique de Ma-
cedoine pur L. Heuzey et H. Daumet Paris
1876 p. 80, auf welchen Artemis als Jägerin
aufgefafst ist, hoch aufgeschürzt in rascher
Bewegung stürmisch dahinschreitend, oder mit
dem Hund einen Hirsch verfolgend, oder einer
Hirschkuh das Knie auf den Rücken setzend,
so dafs sie das Tier zu Boden drückt, vergl.
pl. 4, 2, 3, 8. Wenn auch die Typen dieser ;
Skulpturen der griechisch - kleinasiatischen
Kunst angehören , so zeigt sich doch in der j ■
Häufigkeit dieser Darstellungen unverkennbar 1 :
die Einwirkung der Landesreligion. Dasselbe i
gilt von den thrakischen Münzen z. B. von den 1 1
Städten Anchialos, Deulton, Koila bei Mionnet
Bd. I. Schon im 5. Jahrhundert bürgerte sich
der Kultus dieser thrakischen Göttin
in Attika ein. Aufser Hesychius Bsvdig' *
naga ’A&gvaioig sogxg Bsvdidsice, den Anganen
Strabons 10 p. 471 und dem Zeugnis, das der $
Name Bsvdidoiga auf einer attischen Inschrift
G. I. Gr. 496 darbietet, besitzen wir hierüber . £
den eingehenden Bericht bei Platon.' Er läfst , jj
zur scenischen Einkleidung seines Dialogs über J
den Staat Polit. 1, 327. 328 den Sokrates er- i
zählen, wie er in denPeiraieus gegangen, um
das Bendideenfest mit anzusehen, das zum 8
i ersten Mal daselbst gefeiert wurde. Es be- f
stand aus einem öffentlichen Aufzug (nog-
7i g) der Athener und einem besonderen der
anwesenden Thraker , woraus auch hervor-
vorgeht, dafs die in der thrakischen Heimat
üblichen Gebräuche dabei festgehalten wur-
den. Daran schlofs sich des Abends ein Fackel-
lauf an (IccfiTtag), und zwar zu Pferd, was neu,
also wohl thrakisch war, und eine Nacktfeier
{Tiuvvv%ig). Die Scholien zu dieser Stelle (ed.
i Buhnken p. 143) geben als Tag der Feier der
Bsvdidsice im Peiraieus den 19. Thargelion au,
womit INoclus in Tim. p. 9B übereinstimml,
während er sie an einer andern Stelle dessel-
ben Werks p. 27 A auf den 20. Thargelion an-
setzt. Über das Jahr der Einführung gehen
die Ansichten auseinander: Bergk com. Att.
reliq. p. 90 nimmt das Jahr 444 v. Chr. an,
K. F. Hermann de reip. Platon, temp. p. 12 das
Jahr 429, Susemihl, Platon. Forschungen Phi-
i lolog. Suppl.-Bd. III, 1863 p. 123 hält noch
die Jahre 410 bis 407 für möglich: jeder unter
dem Einflufs seiner Meinung über die Abfas-
sungszeit des Platonischen Dialogs. [Vergl.
Mommsen, Heortol. 425. R.] Am Ausgang des
5. Jahrh. stand jedenfalls schon das Heiligtum
x o Bsvdidsiov, das Xenoplion. Hell. 2, 4, 11 hei
den Kämpfen im Peiraieus beim Sturz der
Dreifsig auf der Höhe der Munychia erwähnt.
781
Bendis
Bendis
782
Über das Wesen der th rakiseben
Bendis giebt Hesychius s. v. äü.oy%ov einigen
Aufschlufs. Er sagt: „Kratiuos hat in seinen
„Thrakerinnen“ die Bendis 8iXoy%og genannt,
entweder weil sie zwei Würden erlöst hat
( övo xigug E-nXggcoGuxo) , eine himmlische und
eine irdische; denn mit den Lanzen (X 6y%ca)
meinte man die Losteile (nXrjgot,)-, oder weil sie
als Jägerin zwei Lanzen trägt; andere meinen,
weil sie zwei Lichter besitzt, das eigene und i
das der Sonne, denn den Mond hält man für
Bendis und für Artemis“. Unter diesen Er-
klärungen von Si'Xoyxo? hat diejenige, welche
das Wort im eigentlichen Sinne nimmt: die
Göttin mit zwei Lanzen, nebst der Begründung
„als Jägerin“ die meiste Wahrscheinlichkeit
für sich. Denn diese Eigenschaft war doch
wohl die nächste Veranlassung zu ihrer Iden-
tificierung mit Artemis, welche, nach jenen
Denkmälern zu schliefsen, von den Thrakern 2
vorzugsweise als Jägerin und Erlegerin des
Wildes aufgefafst wurde. Ihrer Nationalnei-
gung zu Krieg und Jagd entsprechend, dach-
ten sie sich ihre Hauptgöttin als wilde Jäge-
rin, welche über die schneebedeckten Höhen
und. durch die Schluchten des Gebirgs dahin-
stürmt, ähnlich wie die ebenfalls der thraki-
schen Mythologie angehörige Jägerin Harpa-
lyke. Dieser Seite ihres Wesens galten wohl
auch die wild orgiastischen Gebräuche bei
dem Bendideenfest in Thrakien , von welchen
S trab 011 berichtet. In dem Abschnitt über
den thrakisch-phrygisc.hen Orgiasmus 10 p. 470
kommt derselbe auch auf den Kultus der Ko-
tys und Bendis zu sprechen. Nachdem er die
in Phrygien beim orgiastischen Kultus der
Kybele und des Dionysos üblichen Gebräuche
und Instrumente geschildert: die Flöte, die
Handklapper, die Cymbeln und Handpauken,
die bakehisclien Rufe und das. Stampfen mit
dem Fufs, fährt er fort: xovxoig 8e eolae v.cd xd
TttxQcc xoig 0guS,l xcc xe Koxvxxiu yicci xu BevSl-
Seiu. Auch Proclus in Tim. p. 26 E stellt das
barbarische Getümmel ( xov ßagßagrxov y.Xv-
äeavog) bei der Bendideenfeier im Peiraieus der
klaren Ordnung der Panathenäen gegenüber.
Da der Orgiasmus eine Nachahmung des Thuns
der Götter beabsichtigt, so ist dieses Toben
wohl eine Form für die Verehrung einer Gott-
heit, die selbst stürmend und brausend dahin-
fährt. Deshalb deutet die erste jener Erklä-
rungen von öiXoy%og bei Hesychios auch auf
Hekate hin, welche unheimlich mit gespensti-
schen Erscheinungen durch die Nacht tobt.
| Die „zwei Würden ( xigui ), eine himmlische
I und irdische“, die bei Hesychios der Bendis
| zugeschrieben werden, sind Ausdrücke, die an
l der Hauptstelle über Hekate, Hesiod. theog. 413
wiederkehren: Zeus verleiht ihr (101 guv e%eiv
yutrjg xe nul uxgvyc-xoio &uXuGGrj g, rj öe ual
UGXEQOEVXOg UTt’ OVgUVOV EjJLyOQE Tlflijs, wobei
fWLQu im Sinne von „Teil“ (nicht „Anteil“ vgl.
Welcher, Gr. G. 1, 566) zu nehmen ist, was
Hesychios mit -Alggog bezeichnet. In einem
| Orakel der Hekate bei Euseb. Praep. ev. 4, 23
1 sind als die drei Naturreiche, die sie beherrscht,
Äther, Luft und Erde genannt, was Hesychios
| wohl durch die Zweiteilung ovgavtuv nul ^Vo-
vluv ausdrücken konnte. In der That ist die
Verwandtschaft der Bendis mit Hekate auch
ausgesprochen bei Ilesych. ’A8gr\xov nogg • 'E*d-
xiq- xiveg öe xijv Bevölv, wobei unter Admetos
Hades zu verstehen ist. Auch die orgiastische
Verehrung (für Hekate bezeugt von Strab. 10
p. 468) haben beide gemein. Schon J. H. Vofs,
Myth. Br. 3, 190 ff. hat die thrakische Heimat
der Hekate wahrscheinlich zu machen gesucht,
1 ohne Bendis hereinzuziehen. Da jedoch die
uns überlieferten Zeugnisse die Bendis der
Artemis, nicht der Hekate gleichsetzen, so
werden wir wohl das Verhältnis der drei Göt-
tinnen so aufzufassen haben , dafs den Grie-
chen die thrakische Bendis ihrer Artemis
gleichgalt, die Vergleichung der Bendis mit
Hekate aber diejenige Seite im Wesen der
Artemis hervorheben wollte, welche den unter
sich wiederum wesensverwandten Göttinnen
Artemis und Hekate gemeinsam ist, nämlich
die Mondgöttin. Denn auch Mondgöttin scheint
nach jener dritten Erklärung von 8CXoy%og durch
die beiden Lichter Bendis gewesen zu sein.
Aber auch auf Persephone findet sich nach einer
Stelle bei Proclus Theolog. p. 353 der Name
der Bendis übertragen, und Appian Bell. Civ.
4, 105 berichtet, dafs die Sage vom Raub der
Persephone am Zygaktes, einem kleinen Flufs
bei Philippi, heimisch gewesen sei. Heuzey
a. a. 0. p. 36 hat auch die Darstellungen auf
archaischen Münzen von Thasos und der thra-
kischen Küste mit dem Raub einer Frau [Mül-
ler -Wieseler 1, 16, 80, 81. 17, 82, 84) darauf
bezogen und daraus geschlossen, dafs eine ähn-
liche Sage von der Göttin Bendis in dieser
Gegend geherrscht habe, an welche sich dann
die griechische vom Raub der Persephone an-
gescblossen habe. Wenn der Göttin Bendis
eine Seite zuzuschreiben ist, welche sich auf
Tod und Unterwelt bezieht — und darauf
weist das Attribut der beiden Lanzen hin — ,
so werden wir darin jenen Artemiskultus von
blutigem und zugleich orgiastischem Charak-
ter erkennen , der sich unter verschiedenen
Namen von Nordgriechenland über Kleinasien
und bis ins Innere von Asien hinein erstreckt,
im Norden besonders unter dem Namen der
TuvgonoXog, in Kleinasien unter dem der ’EXu-
cprjßoXog; vergl. die eingehendere Darstellung
dieses Zusammenhangs bei Papp, die Bezie-
hungen des THonysoskultus zu Thrakien und
Kleinasien Stuttgart 1882 p. 32 f. Denn auch
der Bendiskultus erstreckte sich über den Bos-
porus nach Kleinasien. Auf einer Inschrift
von Byzanz noch auf der europäischen Seite
des Bosporus erscheint der Name BsvdiScogog
C. 1. Gr. 2034. Ihre Verehrung auf Lemnos ist
in der angeführten Notiz des Photius bezeugt,
wornacli sie in Aristophanes „Lemnierinnen“
genannt war. Die Bithyner sodann, welche
mit den Thrakern verwandt waren ( Herod . 1,
28. Thulcyd. 4, 75), hatten einen Monatsnamen
BsvöiöuLog , gleichbedeutend mit ’Agxsfu'Giog,
Usser de anno Maced. p. 41 , verehrten also
gleichfalls die Bendis. Deshalb hat Mionnet
2, 503 n. 1, 2 eine Artemis auf einer Münze
des Königs Nikomedes I. von Bithynien, welche
die Göttin mit zwei Lanzen in der Rechten,
783 Beneficium
einem kurzen Dolch in der Linken darstellt,
mit Recht eine Diana SCloy%og oder Bendis
genannt, wodurch auch unsere Auffassung von
8(loy%og hei Hesychios bestätigt wird. End-
lich hat J. Grimm eine Namens- und Wesens-
verwandtschaft zwischen Bendis und einer Ge-
stalt der deutschen Mythologie aufgedeckt
„ Über die Göttin Bendis “ Kleinere Schriften 5
p. 430 ff. Ausgehend von der Verwandtschaft
der thrakischen und germanischen Völker er-
kennt er in der ersten Silbe des Wortes Ben-
dis, welche die Griechen, in deren Mund V
in B überging, ßsv sprachen, das altn. vaenn
= glänzend, angelsächs. van = hell; in der
Silbe dis alts. idis, ahd. itis, altn. dis = höhe-
res, weibliches Wesen, Frau. Demnach hiefs
Bendis „schöne, leuchtende Frau“. Nun heifst
Freya nordisch auch Vanadis bei Snorri , einem
nordischen Schriftsteller des 13. Jahrh. Fa-
nals aber ist nach Grimm dasselbe Wort wie
Bendis, und da auch Freya wie Bendis und
Artemis eine mildleuchtende Mondgöttin ist,
so herrscht zwischen Vanadis und Bendis mehr-
fache Übereinstimmung. [Rapp.]
Beneficium erklärte Demokrit neben der
Poena für die einzige Gottheit, Plin. n. h. 2,
7 , 14. [Steuding.]
Benthesikyme {Bsv&£(n%vpr} von ßsv&og u.
Hviiu) , Tochter des Poseidon und der Ainphi-
trite, Gemahlin des Enalos («lg) in Äthiopien,
Erzieherin des Eumolpos, Apollod. 3, 15, 4.
[Schultz.]
Berecyndai (BsgeKvvdca oder BsQsvivdca),
Gottheiten der Phryger, Hesych. Bottich. Arie.
p. 33. S. Kybele. [Steuding.]
Berecyntes {BsgEv.vvzgg), Heros eponymos
der Landschaft Berecyntia, Steph. Byz. s. v.
Bsqshvvzo?. [Steuding.]
Berecyntia, Beiname der Kybele, Ovid. F.
4, 355. Verg. Aen. 6, 784. 9, 82. Arnob. 5,
10. Augustin de civ. Dei 2, 5, 7, 25 ff. Mythogr.
1, 230. 1, 3, 2. [Steuding.]
Berecyntius lieros bei Ovid. Met. 11, 106
= Midas. [Steuding.]
Berenike {Begsving), 1) Tochter des Lagus,
zuerst mit einem Macedonier Namens Philip-
pus, dann mit Ptolemäus I. Soter verheiratet,
genofs mit letzterem zusammen göttliche Ehren.
Sie wurden &eol oiozygEg oder ddelcpo l ge-
nannt, Scliol. z. Theolcr. id. 17, 58 u. 61. Athen.
5, 202 d ff'. Letzterer erwähnt auch einen Tem-
pel derselben BsgsvCnsiov. — 2) Gemahlin des
Ptolemäus III. Euergetes. Ihr Haupthaar, wel-
ches sie der Aphrodite für die glückliche Rück-
kehr ihres Gatten aus Asien geweiht hatte,
verschwand aus dem Tempel und wurde nach
der Aussage des Mathematikers Konon in ein
Sternbild (in der Nähe des Löwen) verwandelt,
Hygin. Astr. 2, 24. Schot. Arat. 145. Erat.
12. Nach Erat. 5 hiefs das Sternbild auch
Haar der Ariadne. [Steuding.]
Beres (Bsggg), Sohn des Makedon, Eponym
von Beres , einer thrakischen Stadt, Steph.
Byz. s. v. Bsggg. [Schultz.]
Bergimus, ein wohl celtischer Gott der Berge
auf Inschriften aus Brescia und Umgegend,
C. I. L. 5, 4200: Bergim M. Nonius M. F.
Fab. Senecianus v. s. 4201: L. Vibius. Visci.
Besas 784
L. Nympliodotus || Bergimo. votwn || C. Asinio.
Gallo. C. Marcio. censor || cos [| L. Salvio Apro j|
C. Postumio. Costa || PL viris quincpuennalibus,
4202 : [ Genio cot.] Brixi\ae et] Berg[imo]
sacr\um] Alpi[nus] . -. aus der Nähe von
Arco und Riva 4981: Sex. Nigidius || Fab. Pri-
mus || Acdil. Brix. Eecur. honore grat. DD || ex
postulation. pleb || aram Bergimo restituit; end-
lich Orelli 2194 (nach Spon. Mise. p. 117 un-
verdächtig) aus dem val Camonica: Noniae
Mac || rinae sacerd || Bergirni || BM || Camunii.
Jedenfalls wird man auch den Namen des
nahen Bergomum auf Bergimus zurückführen
dürfen. Nach Zeuf's, gr. celt. p. 770 ist Berg-
imus zu teilen und also etwa durch Berger
oder Berggeist zu übersetzen. (Vergl. Ber-
gyos u. Grimm, D. Myth. p. 499). Celtisch
lautet das Wort sonst allerdings brig — altus
(. Zeufs a. a. 0. p. 86 a. S. Brigantia, Brixan-
tum, Brixia), doch dürfte die Stadt Bergidum
im Gebiet der Astures ebenfalls auf erstere
Form zurückzuführen sein. [Steuding.]
Bergyos {Bsgyvog?) , nach Bursian falsche
Lesart statt Dercynos b. Meta 2, 78. S. Der-
kynos und Bergimus. [Roscher.]
Beroe (Bsgoy), 1) Amme der Semele, in die
sich Iuno verwandelt, um Semele zu der ver-
hängnisvollen Bitte zu veranlassen, Hygin. f.
167 u. 179. — 2) Eine Nereide, Hygin. Geneal.\
bei Verg. Georg. 4, 341 wird sie mit ihrer
Schwester Clio als Oceanitis (Okeanide) be-
zeichnet. — 3) Tochter des Adonis und der
Aphrodite, (auch Amymone genannt, Nonn.
41 v. 153), nach der die Stadt Beroe (Berytos)
am Libanon genannt war. Um ihre Liebe
kämpften Dionysos und Poseidon; letzterer
trägt den Sieg davon, Nonn. 41 — 48. Pi gier,
de Beroe Nonnica, Potsdam 1860. Darstellun-
gen der von Poseidon ergriffenen Beroe: Over-
beck, Kunstmythologie 3 p. 340. — 4) Gemah-
lin des Doryklos, eines Begleiters des Äneas,
deren Gestalt Iris annahm, um die Frauen zur
Verbrennung der Schiffe zu bereden, Verg.
Aen. 5, 618 sqq. [Schultz.]
Beroia {Bsgoia), Tochter des Beres, nach
der Beroia {Beroe, Steph. Byz. s. v. Mis^a) in
Makedonien benannt sein sollte. [Schultz.]
Berossus {Bggcoaoö g), Vater des Tanais und
Gatte der Amazone Lysippe, Pseudoplut. de
fluv. 14, 1 f. — 2) Vater der Eäßßg (s. Zapßfi-
ög) , Gemahl der Erymanthe, Paus. 10, 12, 9.
Justin. Mart. coh. ad Gr. 30. Suid. s. v. 2a-
ßvV.a. [Steuding.]
Berutli {Bggovd), eine phönikische Göttin,
Mutter des Epigeios oder Autochthon , der
später Uranos genannt wurde , von Eliun.
Phil. Bybl. fr. 2, 12 bei Müller fr. h. gr. 3,
567. Bei Steph. Byz. s. v. Bggvzög wird ßrj-
go vt für phönikisch — ia%v g erklärt, vergl.
Eckhel, D. N. 3 p. 358. Herzog, B.-E. ver-
gleicht Baal Berith von «rna oder syr.
= , beides ziemlich unwahrscheinlich.
[Steuding.]
Besas {Bgcäs), der ägyptische Bes oder
Bessa, eine ursprünglich aus Arabien stam-
mende, später aber in Ägypten ziemlich all-
gemein verehrte Gottheit. Der Name geht
wohl auf das semitische "02 Sieger, Unter-
m
20
30
40
50
60
Besbikos
785
jocher zurück (S. S. Reinisch in Pctulys R.-E.
s. v.). Er hatte einen altertümlichen Kult nebst
Orakel in Abydus in der Thebais bis in die
Zeit des Constantius und lulianus ( Aminian .
19, 12, 3 ff.) jedenfalls auch in dem nach ihm
genannten Bessa ebenda (= dem späteren ’Av-
nvöov nohg). Hesych. s. v., Suid. s. v. Ast ov?
[Steuding.]
Besbikos (Bsoßixog) , Name eines Giganten
(nach Agatliokles) oder Pelasgers, nach dem io
eine Insel bei Kyzikos benannt sein sollte, wo
die letzten Giganten vernichtet wurden, Steph.
Byz. s. v. Vgl. die Sage von Arktonnesos bei
Apoll. Rhod. 1, 936 ff. [Schultz.]
Betagon (Brjzdycov), nach dem Etym. M. =
Kronos bei den Phöniciern; doch geht das
Wort auf “pin rro Haus des Dagon (eines
Gottes der Philister) zurück. S. Dagon.
[Steuding.]
Bia (Bia, 'die Gewalt’), Tochter des Pallas 20
und der Styx, beständige Begleiterin des Zeus,
Schwester des Zelos und der Nike, sowie des
Kratos (Hes. Theog. 385. Apollod. 1 , 2,4),
mit dem sie auf Befehl des Hephaistos den
Prometheus an den Felsen schmiedet, Aeschyl.
Prom. Pr dl. bes. 12. Auf Akrokorinth hatte
sie neben der Ananke ein Heiligtum, das nicht
betreten werden durfte, Paus. 2, 4, 7; vergl.
Flut. Thcmist. 21. [u. C. I. Gr. 4379°, wo sie das
Epitheton svzsXrjg führt. Roscher.] [Schultz.] 30
Biadike (= Demodike), Gemahlin des Kre-
theus, verleumdete wegen ihrer unerwidert
gebliebenen Liebe zu Phrixos diesen bei Atha-
mas, aber Nephele rettete ihn, Ilygin. poet.
astr. 2, 20, wahrscheinlich nach Soph. Phrixos.
Welcher, Gr. Trag. 1, 317. [Schultz.]
Bianna (BCavva) , eine kretische Jungfrau,
nach der die Stadt Bienna (Vienne) in Süd-
gallien benannt sein sollte. Infolge einer
Dürre waren die Kreter ausgewandert und zur 40
Rhone gekommen; da wurde die Jungfrau
beim Reigentänze in einen Erdschlund hinab-
gerissen und nach ihr die neuerbaute Stadt
benannt, Steph. Byz. s. v. Bisvvog. [Schultz.]
Bianor (Bidviog, Bigvcog), 1) Kentaur, auf
ler Hochzeit des Peirithoos von Theseus er-
schlagen, Ov. Met. 12, 345. — 2) Troer, von
igamemnon getötet, Hom. II. 11, 92. — 8)
i iiner der Krieger des Kyzikos, fällt im Kampfe
>’egen die für Feinde gehaltenen Argonauten, 50
Val. Flacc. 3, 112 sq. — 4) ein mantuanischer
Jeros, Sohn des Tiberis und der Manto, der
Dichter des Teiresias oder Herakles, (sonst auch
ilcnus, Aucnus (s. d.) genannt), der die nach
einer Mutter genannte Stadt Mantua gegrün-
let haben soll. Nach andern war er ein Sohn
'der Bruder des Auletes, welcher Perusia grün-
let und, um nicht mit seinem Bruder in Streit
u geraten Celsena (Cesena, Felsina), d. h. das
pätere Bononia erbaute. Seinem Heere er- eo
aubte er Kastelle zu bauen , zu denen auch
■lantua gehörte, Sero. Verg. Ecl. 9, 60. Aen.
0, 198. [Schultz.]
Bias (Bia g rder Bezwinger’, von ßi'a), 1)
>obn des Amythaon, der Tochter des Pheres
nd der Eidomene (oder der Aglaia, Eiod.
, 68), Bruder des Melampus, in Pylos. Bias
/arb um Pero , die Tochter des Neleus,
Biostrophe 786
welche nur derjenige erhalten sollte, der
dem Neleus die Rinder des Iphiklos ver-
schaffte. Da dies Melampus für Bias tliat,
se erhielt dieser die Braut. Nach andrer
Sage (Schol. Od. 15, 236) weigerte sich Ne-
leus, wurde aber besiegt und mufste Bias die
Tochter geben. Mit Pero zeugte Bias den
Talaos (Vater des Adrast), Perialkes (bei Schol.
II. 2, 565 ist Talaos Enkel des Bias und Sohn
des Perialkes), Ijeodokos (Laodokos), Areios
(Aretos), Alphesiboia (Alkesiboia oder Anaxi-
bia), Od. 15, 231 sqq. mit Schol.; Theokr. 3,
43 mit Schol. Apollon Rhod. 1, 118 u. Kat.
d. Arg. Apollod. 1, 9, 11 ff. Paus. 4, 36,
з. Ilygin. f. 14 u. 51. Schol. Eur. Phon. 150
и. 422. Eustath. zu Hom. p. 1685, 10 sqq.
Später werden Bias und Melampus durch Ne-
leus vertrieben und ziehen nach Argos. Hier
heilt Melampus die Töchter des Proitos vom
Wahnsinn und erhielt dafür für sich und sei-
nen Bruder je ein Drittel des Landes (nach
Paus. 2, 18, 4 und PHod. 4, 68 war Anaxago-
ras damals König) , zugleich heirateten die
beiden Brüder Töchter des Proitos, Bias die
Lysippe, Od. 15, 225 sqq. Herod. 9, 34. Apol-
lod. 2, 2, 2. Paus. 2, 18, 4. Schol. Find. Nem.
9, 30. Vgl. TL I). Müller, Mythol. d. griech.
Stämme S. 161 ff. Deimling, Leleger S. 133.
Hartung , Griech. Myth. 2 S. 222. Nach Bias
sollte auch ein Flufs in Messenien benannt
sein, Paus. 4, 34, 2. — 2) Sohn des Melam-
pus und der lpliianeira oder Iphianassa, der
Tochter des Proitos, Diod. 4, 68. Schol. Theokr.
3, 45. Apollod. 2, 2, 2. — 3) König von Me-
gara, Bruder des Kteson, von seinem Neffen
Pylas erschlagen, Apollod. 3, 15, 5. Ilyg. f.
90 (1. Bias st. Biantes). — 4) Sohn des Pria-
mos, Apollod. 3, 12, 5. — 5) Unterfeldherr
des Nestor vor Troja, II. 296. — 6) Unter-
feldherr des Menestheus vor Troja, II. 13, 69.
[Schultz.] Davon:
Biantiades (Biavziddgg), Sohn des Bias (Ta-
laos), Apoll. Rhod. 2, 63. [Schultz.]
Biblis s. Byblis.
Bibractis, altgallische Göttin auf einer In-
schrift aus der Gegend von Luxemburg, Orelli
1973: Deae Bibracti || P. Capril. Pacatus j
ITTTiI vir Augustal || v. s. 1. m. Nach Orelli
a. a. O. fand Millin (Voyage 1 p. 338) dieselbe
Göttin in Autun, d. h. in oder bei dem alten
Bibracte. Auch die Stadt der Reiner Bibrax
(Caes. h. g. 2, 6) geht auf denselben Stamm zu-
rück. Ebel (bei Fiele, vgl. Wörterb. 1 p. 695)
bezeichnet als solchen beblira (eigentlich braun)
der Biber, wofür noch der Umstand sprechen
würde, dafs auch ein Nebenflufs der Sequana
celtisch Biber genannt wurde (Zeufs , gr. O.
p. 778). Demnach wäre Bibractis etwa als
Beschützerin der Biberjagd aufzufassen.
[Steuding.]
Bidatas , Name des Zeus in Kreta, nach
Voretzsch Hermes 4 S. 268. 273 = vsziog, nach
Schmidt in Kuhns Ztschr. 12 S. 217 = ’ldr'i-
xr\g. [Crusius.]
Bien »os (Bisvvog), einer der Ivureten, nach
dem eine Stadt in Kreta benannt sein -sollte,
Steph. Byz. s. v. Vgl. Bianna. [Schultz.]
Biostrophe (Bioozqocprj), Amazone, Gefahr-
Boibos
787 Bippos
788
tin der Penthesileia, von Achilleus getötet:
Tzetz. Posthorn. 179. [Klügmann.]
Bippos Inno? ?), ein Satyr in J. de Witte
descr. etc. Par. 1836 n. 145, s. Keil An. p. 172
(■ = r'lnnog nach G. I. Gr. 7460). [Steuding.]
Biris ( Bigig nach Pape = Iris), eine Göt-
tin, deren Bildsäule auf dem Altar zu Amy-
lilai nahe bei denen der Amphitrite und des
Poseidon stand, Paus. 3, 19, 3. [Steuding.]
Bisaltes, 1) Vater der Theophane, Ov.
Met. 6, 117. — 2) Sohn des Helios und
der Ge, nach welchem Bisaltia in Makedonien
benannt sein sollte , Steph. Byz. s. v. Bioal-
x icc. [Schultz.]
Bisaltis, Tochter des Bisaltes, Theophane
(s. d.), Ov. Met. 6, 117. Hyg. f. 188. [Schultz.]
Biston (Bioxi ov), Sohn des Ares und der
Kallirrhoe , einer Tochter des Nestos , oder
Sohn des Paion, eines Sohnes des Ares, oder
Sohn des Kikon, oder Sohn des Terpsichoros,
Schol. Apollon. Bliod. 2, 704. Steph. Byz. s. v.
BioxovCa , Et. M. s. v. Bioxovig. [Schultz.]
Bisyras (Biovgag), ein thrakischer Heros,
und zwar nach Theopompos aus der Chersones.
Hesych. [Steuding.]
Bitliynis (Bi&vvi g), Mutter des Amykos (s. d.),
Apd. 1,9,20. Schol. PI at. I. 796 A. [Roscher.]
Bitliynos (Bt&vvög, Bi&vg), Sohn des Zeus
oder Phineus oder Odryses und der Titanide
Tlirake, nach welchem Bithynien benannt sein
soll , Steph. Byz. s. v. BiQ-vvia u. Aoloynor ,
Eustath. zu Dionys. Perieg. 793. App. Mithr.
1. [Schultz.]
Bithys (Bi&vg = Stürmer, Geradedarauflos-
geher = iVvg Pape), Appian d. b. Mithrid. 1
= Bi&vvog (s. d.) — Sohn des Ares und der
Sete, der Schwester des Rhesos, Steph. Byz.
s. v. Bi&vcu. [Steuding.]
Bitiae, zauberkundige scythische Frauen,
die in jedem Auge doppelte Pupillen haben,
Apollon, bei Plin.n. h. 7, 2, 17. Solin. 1, 101.
Vergl. Ovid. amor. 1, 8, 15. Gell. 9, 4m.
[Steuding.]
Bitias, Sohn des Alcanor, Bruder des Pan-
daros, mit diesem von der Iaera erzogen, ein
Gefährte des Aneas, von Turnus erschlagen,
Verg. Aen. 9, 672 sqq. 11, 396. [Schultz.]
Biviae und Bivii, die Gottheiten der Dop-
pel- oder Scheidewege auf Inschriften aus
Aventicum, Orelli 389 : Bivis || Tribuis || Qua-
drubis, aus Speier 2104: Biviis Triviis || Qua-
driviis || ex voto suscepto || posiit Primus Victor,
v. s. I. m. und aus Langres 2105: H. D. || IS
(d. h. wohl In. h. d. d. dis) dea [öws] || Bi-
vis. Trivls || Quadrivts || Aurel. Victorinus etc.
aus dem Jahre 226 n. Chr. Wie aus der Main-
zer Inschrift Orelli 1664: Laribus competalibus
sive Quadrivi . . . hervorgeht, sind diese mit
ersteren identisch, so dafs also die Bivii all-
gemeiner den Bares viales (s. d.) entsprechen
würden. Zu vergleichen ist die hervorragende
Bedeutung der Kreuzwege im deutschen Aber-
glauben. [Steuding.]
Blaesus, Beiname des Battos (s. d.), des
Gründers von Cyrene, Ovid. Ib. 537. Es ist
natürlich Übersetzung des Namens Battus =
der Stammler. [Steuding.]
Blaudos (Blccvdog) , der Gründer von Blau-
dos in Phrygien, Menekr. bei Steph. Byz. s. v.
[Schultz.]
Blanirus wird Hygin. f. 81 unter den Freiern
der Helena aufgezählt, doch ist die Lesart sehr
zweifelhaft. [Steuding.]
Blasta (oder Blaste), 1) vgl. Hesych. : BXaoxä •
Blaotrj Kvtzqioi , doch vermutet M. Schmidt
dafür: Bhx xxvr Baalx lg Kvtiqiol. S. Blatta. —
io 2) = Bulxg (s. d.). Suid. s. v. Enigsvidyg.
[Steuding.]
Blatta (Bläxrcc oder BXktxkI) ist nach Laur.
Lyd. p. 24 ein Name der Aphrodite, nach
31. Schmidt wohl aus Bacdtä — Bcuxlxig ent-
standen. S. Blasta. [Steuding.]
Blaudia, Beiname der Mater deum magna
auf einer Inschrift aus Celeia, C. I. L. 3, 5194:
M. D. M. Blaudie etc. ; doch ist wohl mit
Mommsen dafür Idaeae zu lesen. [Steuding.]
20 Blemys (Blsgvg), Eponym der Blemyer (die
nach Schol. TheoTcr. 7, 114 Troglodyten sind),
einer der drei Unterfeldherrn des Deriades
(neben Orontes und Oruandes), welche gegen
Dionysos kämpften, Steph. Byz. s. v. Blsgvsg.
Von Dionysos besiegt, erhält er Verzeihung
und wird zum Fürsten der Aithiopen gemacht,
Nonn. 17, 385ff. Et. M. s. v. Blsnveg.
[Schultz.]
Blias (Bhü g?), Arkadierin aus Kyllene, Mut-
30 ter des Menephron, der mit ihr in unzüchti-
gem Verhältnis gestanden haben soll, Ov. 3Iet.
7, 386. Hygin. f. 253. [Schultz.]
Bmervasegus, Name einer celtischen Gott-
heit auf einer Inschrift zu Soure sw. von Coirn-
bra, C. I. I. 2, 363: Bmervasego Marinianus
etc. Hübner a. a. O. denkt an D(eus) Mer-
(curius) Vasecus; da jedoch das B sicher ist,
so dürfte darin vielleicht eine Abkürzung des
Ban von Bandua (s. d.) zu vermuten sein.
40 Vergl. auch Bcantunaecus. Über die Endung
siehe Bandiaeapolosegus. [Steuding.]
Boarmia (Boaggia), böotischer Beiname der
Athene als Bespannerin oder Erfinderin des
Pflugs, entsprechend dem der Bovösra bei den
Thessaliern, Tzetz. Lycophr. 520. [Steuding.]
Bocius auf einer Inschrift vom Fuciner See,
Orelli 5827: Titidia. Tit. f. || Bocio || d. d. d.
cl. I. || m- nach Mommsen I. N. 5485, Unterital.
Dial. p. 339 vielleicht ein sonst unbekannter
50 Gott der Sabiner, möglicher Weise aber auch
als cognomen Bocio aufzufassen (vgl. De- Vit,
Onom. s. v.). [Steuding.]
Bodon (BcoScov), ein Heros, nach welchem
die perrhäbische oder thessalische Stadt Bodone
benannt sein sollte, Steph. Byz. s. v. Bcodmrq.
[Schultz.] j
Boedromios (Boydgogiog der unter Schlacht-
ruf (hilfreich) Herbeieilende, Beiname des Apol-
lon, Callirn. h. in Apoll. 69 u. Schol., Paus.
60 9, 17, 2. Etym. 31., Suid., Harpokr. S. oben
S. 436, 22 ff. [Steuding.]
Boethoides (Borj&oidgg), des Boethoos Sohn
= Eteoneus, Horn. Od. 4, 31. 15, 95. 140
(hier allein stehend). [Steuding.]
Boibias (Borßiccg), die Nymphe der Boißrjlg
Ugvrp. Schol. Pind. Pyth. 3, 59. [Roscher.]
Boibos (Boißog), Sohn des Glaphyros, nach
welchem die thessalische Stadt Boibe benannt
i
i
1
1
I R
K
i
i.
i
sa
Je
’l
.
3l.lt
-
i'ICi
t
I
-
■
1 -ll
: .
:F
.
'
-
:
:
k
tat
m
kl
789 Boios
sein sollte, Steph. Byz. s. v. Boi'ßrj. Schol. II.
2, 711. [Schultz.]
Boios (Boios oder Boios), ein Heraklide, der
Gründer von Boiai in Lakonien , das er mit
Kolonisten aus Etis, Aphrodisias und Side be-
siedelte, nachdem Aphrodite durch einen unter
Myrten sich verbergenden Hirsch den Platz für
die Gründung bezeichnet hatte, Paus. 3, 22, 9.
Vgl. auch C. I. Gr. 30G4. [Schultz.]
Boiotia (Boiioti'cc) , Gemahlin des Hyas und r
Mutter der Hyaden, Hyqin. poet. astr. 2, 21.
[Schultz.]
Boiotos (Boicozös), Sohn des Poseidon und
der Arne (s. d.), Biocl. 4, 67. Schol. II. 2, 494.
Steph. Byz. s. v. Bouon'a; oder Sohn des Posei-
don und der Antiope, Hygin. f. 157, oder Sohn
des Poseidon und der Melanippe, I)iod. 19,
53. Strabo 6 p. 265. Hygin. f. 186; oder Sohn
des Itonos und der Melanippe, Paus. 9, 1, 1.
Steph. Byz. s. v. Boicoria. S. auch Aiolos. 2
[Schultz.]
Bolbe (Bölßrj), die Göttin des Sees Bolßq
oder Ksqhivitis am Strymonischen Meerbusen,
von Herakles Mutter des Olynthos, Heges. bei
Athen. 8, 11 p. 334 e. Sonst wird letzterer
auch Sohn des Strymon genannt. S. Olyn-
thos. [Steuding.]
Boline (BoXivg), eine Jungfrau, die vor Apol-
lon fliehend bei der gleichnamigen Stadt in
Achaja ins Meer sprang, Paus. 7, 23, 3. Et. 3
M. s. v. Bohvov. [Schultz.]
Bolvinnus, ein gallischer Beiname des Mars
auf einer Inschrift, Bull. d. Inst. arch. 1859
S. 191. Vergl. Zeu/s, gr. C. p. 140, wo BoX-
yios von heia (bellare) abgeleitet wird (s. Bela-
tucader), über die Endung ebenda p. 774.
[Steuding.]
Bona Bea ist an und für sich eine allge-
meine Bezeichnung für eine Heil und Segen
spendende Göttin. In Rom aber und auch im 4
übrigen Italien wurde unter dieser allgemeinen
Bezeichnung eine bestimmte Göttin verehrt,
deren eigentlichen Namen auszusprechen nicht
erlaubt war (Serv. Aen. 8, 314, vgl. unten).
Wer indes diese Göttin war, ergiebt sich aus
Mythus und Kultus (vergl. im Allgem. aufser
der weiterhin angeführten Litteratur Stoll in
Paulys Pealenc. s. v. Bona Dea und Darem-
berg- Saglio, Dictionn. des antiquites 725 f . s. v.
Bona Dea). — Im Mythus tritt Bona Dea 5
als die Tochter oder Frau des Faunus auf.
Der Vater stellt der Tochter, von Liebe ent-
brannt, nach; aber diese widersteht ihm und
giebt auch, von ihm durch Wein berauscht
nicht nach, so dafs er sie mit Myrtenzwei-
gen züchtigt; endlich gelingt es ihm, in eine
Schlange verwandelt ihr beizuwohnen (Macrob.
sat. 1, 12, 24). Die Legende, die sie als Gat-
tiu des Faunus hinstellt, erzählt, dafs sie kun-
dig aller weiblichen Wissenschaft und so keusch c
gewesen sei, dafs sie nie ihr Gemach verliefs,
ihr Name nie in der Öffentlichkeit gehört
wurde und sie aufser ihrem Gatten keinen
Mann sah oder von einem solchen gesehen
wurde ( Varro bei Lactant. I. D. 1 , 22 und
Macrob. 1, 12, 27. Tertull. ad nat. 2, 9. Serv.
a. a. 0.). Weil sie heimlich einen Krug Wein
uisgetrunken habe und berauscht worden sei,
Bona Dea 790
habe sie ihr Gemahl mit Myrtenruten zu
Tode gepeitscht und nachher, als ihn Reue
erfafste, zur Göttin erhoben (Sex. Clodius
bei Arnob. 5, 18: rsexto de diis graecoi’ , vergl.
1, 13 und bei Lactant. a. a. 0. Flut. Q. B. 20
vergl. dazu Klausen, Aen. u. d. Pen. 851 f.).
Ferner bringt die Sage die Göttin mit Hercu-
les in Verbindung. Als dieser mit den Rin-
dern des Geryon nach Italien gekommen war,
machte er, vom Wege und dem Kampfe mit
Cacus ermüdet und von Durst gequält, am
Velabrum Halt; da hörte er das Lachen der
Jungfrauen und Frauen, die in dem vom Walde
umschlossenen Heiligtume das Fest der Bona
Dea feierten; er bat um einen Labetrunk,
aber die Priesterin wies ihn zurück und ant-
wortete, dafs sie ihm den Trunk nicht reichen
dürfe, da das Fest der Frauengottheit gefeiert
würde und Männer von den Opfergaben nichts
geniefsen dürften; erzürnt darüber schlofs Her-
cules die Frauen von seinem Opfer an der ara
maxima aus (Varro bei Macrob. 1 , 12 , 28.
Propert. 5, 9). Preller, R. M.3 1, 399 hat be-
merkt , dafs die Legenden sich an die Ge-
bräuche im Kultus der Göttin anlehnen (auch
Preuner , Ilestia-Vesta 410 erkennt in ihnen
einen Reflex der Kultusgebräuche). Das be-
rühmteste Heiligtum der Bona Dea in Rom
lag am Aventin unterhalb des sogen. Saxum;
eine Vestalin Claudia hatte dort einen Tem-
pel erbaut, den Livia erneuerte; als Stiftungs-
tag galt der 1. Mai; von der Lage des Tem-
pels erhielt die Göttin den Beinamen Sub-
saxana (Ov. f. 5, 148 ff., vgl. Cic. de domo 53,
136. Cornel. Labeo bei Macrob. 1, 12, 21.
Curios. u. Notit. Urb. p. 20 f. Pr. 560 Jord.
Becher, Top. 454 f.). Eine früher auf Grund
einer Stelle des Ael. Spartian. v. Hadr. 19
angenommene Verlegung des. Tempels durch
Hadrian hat nicht stattgefunden (Marucchi im
Bullet, della commiss. arch, com. 7, 1879 13.231).
Das Heiligtum durfte kein Mann betreten ( Ovid .
a. a. 0. und a. am. 3, 637. Propert. a. a. 0. 26.
53 ff. Fest. 278s. v. religiosus. Macrob. 1, 12,26);
Frauen versahen den Dienst der Göttin (mit
Propert. a. a. 0. 51, Macrob. 1, 12, 28; vgl. C. I.
L. 6, 68. 2236 f. 2240; die Inschriften 2238 f.
deuten auf ein Kollegium von Priesterinnen
mit einer magistra an der Spitze, vergl. die
magistrae und ministrae der Bona Dea in
Aquileia C. I. L. 5, 757. 759. 762 und Ephem.
epigr. 4, 872). Das der Göttin bestimmte
Opfertier war das Schwein , weshalb Bona
Dea mit Proserpina und Xfroviu Eyuxzrj
identificiert wurde (vergl. Klausen a. a. 0.
853); ursprünglich brachte man als Opfer-
gaben auch Milch und Honig , wie aus dem
Namen lac für Wein und mellarium für den
beim Opfer verdeckt hingestellten Weinkrug
zu schliefsen ist; über dem Bilde der Göttin
wölbte sich eine Weinrebe; Myrtenzweige
waren aus dem Tempel verbannt ( Plut . a. a. 0.
Arnob. 5, 18. Lactant. a. a. 0. Macrob. 1,
12, 23. 25). Dieselben Kultussatzungen liegen
dem Feste zu Grunde, das in Rom im Anfang
des December gefeiert wurde (C. D. Hüllmann ,
De orig. Damii, Bonn 1818 p. 14f. Drumann,
Gesch. Roms 2, 204. 5, 502. Marquardt, Rum.
791
Bona Dea
Bona Dea
Staats- Venu. 3, 332). In dem Hause, das in
imperio war, also des Prätors oder Konsuls,
versammelten sich zu einer nächtlichen Feier,
vorbereitet durch Enthaltsamkeit, besonders im
geschlechtlichen Verkehr, die vornehmsten
Frauen Roms mit den vestalischen Jungfrauen.
Das Haus wurde mit Weinlauben geschmückt,
während Myrtenzweige auch hier verboten
waren, und die Frauen selbst schmückten sich
mit Kränzen und Blüten. Die Frau oder Mut- io
ter des höchsten Beamten brachte mit den
Vestalinnen der Göttin ein Opfer für das Wohl
des römischen Volkes dar (popularia sacra Mar-
tial. 10 , 41 , 7 ; publicae caerimoniae Sueton.
Caes. 6), bestehend in den angegebenen Ga-
ben. Kein Mann durfte bei der Feier zu-
gegen sein; man fürchtete Erblindung als
die Strafe der Göttin für Verletzung die-
ses Gebotes; selbst alle männlichen Bild-
werke wurden verhüllt, überhaupt alles Männ- 20
liehe entfernt, der Hausherr mufste während
jener Nacht aufser Hause sein; sogar den
Namen der Göttin durfte kein Mann hören
{Cic. ad Att. 1, 12, 3. 13, 3. 5, 21, 4 eil. 6,
1, 1. 15, 25. ad fam. 1, 9, 15. de domo 40,
105. har. resp. 3, 4. 5, 8. 17, 37. 18, 38.
Mil. 27, 72. d. leg. 2, 9, 21 eil. 14, 35 parad.
4, 2, 32. Tibull. 1, 6, 21 ff. Tropert. a. a. 0.
26. 52. Liv. epit. 103. Senec. ep. 16, 2(97), 2.
luven. 2, 83ff. 6, 3 1 4 £f. Flut. Cic. 19 f. 28. 30
Caes. 9. Q. B. a. a. 0. Cass. Dio 37, 35. 45.
Arnob., Lactant. a. aa. 00. Marquardt a. a. 0.
Preller, Rom. Mythol.3 1, 402f.). Den Ursprung
des Opfers setzte die Überlieferung unter die
Könige; es geschah incredibili cacrimonia und
wird als sanctum , sanctissimum bezeichnet;
die Göttin selbst wurde Sancta, Sanctissi-
ma und Augusta = Sancta genannt {Cic.
har. resp. 17, ,37. de domo 42, 109. Mil.
a. a, 0. Orelli 1523. G. I. L. 6, 69. 5, 756. 40
761. 10, 5383). Griechischer Einflufs (vgl.
Stoll, Daremberg-Saglio a. aa. 00.) giebt sich
in den Namen Damium, Damia und damia-
trix, womit das nächtliche Fest, die Göt-
tin und ihre Priesterin bezeichnet wurden
{Paul. p. 68 Damium. Placid. p. 30, 12 u.
33, ]D.; vgl. Gloss. Labb. s. v.) zu erkennen
(vgl. Damia). Unter dieser Einwirkung erhielt
die Feier den Charakter eines Lectisterniums
( pulvinaria Cic. har. resp. 5, 8. Pison. 39, 95. 50
Mil. a. a. 0., vgl. de domo 53, 136); die an das
Opfer schon zu Ciceros Zeit sich anschliefsende
ausgelassene Lustbarkeit erinnerte die Alten
in ihren symbolischen Bräuchen an die grie-
chischen Mysterien und Orgien und veranlafste
die Gleichstellung der Göttin mit Kybele und
Seniele {Cic. ad Att. 5, 21, 14. 15, 25. Flut.
Caes. a. a. 0. Cic. 19. Macrob. 1, 12, 23;
über den Frevel des Clodius vergl. Drumann
a. a. 0. 2 , 205. Preller a. a. O. 403). Die eo
höchste Sittenlosigkeit bei dem Feste schildert
luvenal (a. aa. 00.); vgl. C. I. Gr. 6206. —
Bei dem Volke genofs Bona Dea als Heil- und
ländliche Segensgöttin eine weitverbreitete
Verehrung. In ihrem Tempel zu Rom befand
sich eine Apotheke, aus der die Priester innen
Heilmittel verabreichten; man verglich sie mit
Medea {Macrob. 1 , 12 , 26) und identificierte
792
sie mit Hygia {Bonae Deae Hygiae C. I. L.
6, 72, wo Bona Dea nur Epitheton zu Hygia
ist, Uenzen im Bullet, d. inst. 1864 p. 33 u. 63 f.) ;
sie erhält das Symbol der Schlange (so auf
dem Altar C. I. L. 6, 55; Flut. Caes. a. a. 0.
erwähnt ein Tempelbild der Bona Dea mit einer
Schlange) ; in ihrem Tempel hielten sich Schlan-
gen auf {Macrob. a. a. 0.). C. I. L. 6, 68
wird ihr die Heilung von Augenleiden zuge-
schrieben; aus gleicher Veranlassung erhält
sie den Beinamen Oclata d. i. oculata {C. I. L.
6, 75, vgl. Preller, Aiisgeiv. Aufs. 309f. Det-
lefsen im Bull. d. inst, i 86 1 p. 177 ff. Bruzza
in Ann. d. inst. 33, 1861, 387 f.). Viel-
leicht gehört hierher die Bona Dea Lucifera
{C. I. L. 6, 73), falls das Beiwort sie nicht
etwa als Geburtsgöttin bezeichnet. Auf Kräf-
tigung einer Kranken mufs die Widmung Bonae
Deae Conpoti {C. I. L. 6, 71) bezogen wer-
den, auf Befreiung von einem Ohrenübel die
Dedikation auribus Bonae Deae = Bonae Deae
Auritae, wie Oclata {C. I. L. 5, 759 u. Momtn-
sen das., Jordan bei Preller a. a. 0. 404 A. 2;
vgl. auribus Aesculapii et Hygiae C. I. L. 3,
986 und Friedländer, Sittengesch. 35, 539). Es
scheint, dafs auch die Bona Dea Restituta,
die im pagus Janiculensis einen Tempel hatte,
zu deuten ist als 'Wiederherstellerin’ (vergl.
Oclata, Conpos) und mit der Wiederherstel-
lung des av entmischen Tempels (oben, vergl.
Preller a. a. 0. 402 und Daremberg-Saglio
а. a. 0.) nichts zu thun hat {C. I. L. 6, 65
— 67, gefunden in Trastevere , woher auch
die Widmung an Bona Dea Ocl. , vgl. Detlef-
sen, Bull. 1861 p. 178 f. Marucchi a. a. 0.).
— Der Landmann verehrt Bona Dea als Spen-
derin der Gaben des Feldes: Augusta Bona Dea
Cereria {C. I. L. 5, 761, vgl. Bruzza a. a. 0.),
Bona Dea Agrestis Felix (C. I. L. 6, 68); vgl.
auf der Widmung C. I. L. 10, 4615 die Bil-
der eines Landmannes und eines Weibes mit
äpfelgefüllten Körben; vgl. Damia. Verwand-
ter Art mag die Bona Dea Nutrix {C. I. L.
б, 74) sein. Als Schutzgöttin eines ganzen
Gaues lieifst sie Bona Dea Pagana {C. I. L.
5, 762, vgl. das. 1, 1279, wo magistri Laver-
neis der Bona Dea pagi decreto ein templum
errichten; über die hiernach von Bergk an-
genommene enge Verwandtschaft von Bona
Dea und Laverna vergl. Damia); unter ihre
Obhut werden bestimmte Örtlichkeiten ge-
stellt {C. I. L. 6 , 67) und sie erhält von
diesen ihre Beinamen: Bona Dea Annianensis
Sanctissima d. i. des Hauses der Annii {C. I.
L. 6, 69. Ephem. epigr. 4 n. 722), Bona Dea
Galbilla d. i. der horrea Galbiana {Ephem.
epigr. a. a. 0. n. 723a und Mommsen das., vgl.
den Genius horreorum Galbianörum G. I. L.
6, 236), Bona Dia castri fontanorum {C. T.
L. 6, 70); nicht zu entscheiden ist, ob die
Bona Dea Sevina {Orelli 1520) in gleicher
1!
In
Weise aufzufassen ist. Die Götti u beschützt
ländliche Arbeiten; wegen glücklicher Voll-
endung eines Wasserlaufes stellt ein redemptor
der Bona Dea Sanctissima Caelestis ein Heilig-
tum wieder her {Or. 1523, wo Preller a. a. 0.
404 und Uenzen, Bull. 1864 a a. 0. eine späte
Vermengung mit dem Kult der Caelestis an-
793
Bona Dea
Bona Dea
794
nehmen, vgl. unten); C. I. D. 10, 1549 löst
der Bona Dea ein redemptor marmorarius ein
Gelübde. Aufser den angeführten Zeugnissen
beweist noch eine ganze Anzahl von Heilig-
tümern und Widmungen die Popularität der
Bona Dea in ganz Italien (Kapelle bei Bovil-
lae: Cic. Mil. 31, 86. Ascon. in Mil. p. 27
Ii. et Sch. Canina in Arm. d. inst. 25, 1853,
185f. Bormann , Altlat. Chorogr. 162; Ruinen
eines kleinen Tempels bei Elci, Bull. ä. inst, io
1881, 8 f . ; Orelli 686 ebenfalls ein etruskisches
Heiligtum; C. I. L. 5, 8242 Altar der Bona
Dea und der Parcen aus Arpiileia; C. 1. L.
6, 53 — 76 aus Rom, darunter Inschriften von
Altären und Kapellen; C. I. L. 1, 1426. 9,
684. 5421. 10, 1548. 5383. 5998); in Umbrien
entspricht ihr die Cupra m ater (vgl. s. v.); fast
gar keine Denkmäler haben wir aus den Pro-
vinzen (C. I. L. 8, 4509. 10765 eine Bona Dea
Augusta; eine solche auch Bull. d. inst. 1850,
155 f.). Da der Name Bona Dea ein ganz all-
gemeiner ist, kann es nicht wunderbar erschei-
nen , dafs derselbe schliefslich auch anderen
Göttinnen beigelegt wird (Bona Dea Iuno
Ephem. epigr. 2 n. 649. Bona Dea Caelestis
C. I. L. 10, 4849. Bona Dea Venus Cnidia
C. I. L. 6, 76; vgl. Preller a. a. 0. 404. Uen-
zen a. a. 0. G. I. L. 5, 760; die Bona Dea
Regina Triumphalis Bull. d. inst. 1864, 108
erinnert an Iuno Regina, Isis Regina und Trium-
phalis); in diesem Sinne wird eine Verstorbene
als Dea Bona Pia bezeichnet {Orelli 1527). Bild-
werke. Wir kennen zwei durch beigeschriebe-
nen Namen gesicherte Bilder der Göttin, die sie
als sitzende Frau mit einem Füllhorn darstellen:
Münze von Pästum Eckhel, Doctr. numm. 1,
158, abgeb. bei Gerhard, Agatliodäm. u. Bona
Dea in Abh. d. Berl. Ali. 1847 Taf. 2, 7 = Ges.
Abh. Taf. 49 und Daremberg-Saglio a. a. 0.
Fig. 867; und eine von Marucclii Di una
rara statuetta rappresentamte la Bona Dea
a. a. 0. p. 227 ff. Taf. 23 publicierte Sta-
tuette aus Albano, vgl. nebenstehende Abbil-
dung, bei welcher der antike, nicht zugehörige
Kopf wegzudenken ist; das Haupt der Sta-
tuette war verhüllt. Ein Teil einer sitzenden
Frau ist erhalten auf der Basis C. I. L. 6, 72
(oben; vgl. das. 61 ein Marmorsessel); zum
Attribut des Füllhorns vgl. den mit Kränzen
ius Früchten aller Art geschmückten Altar
T I. L. 6, 54. Macrob. 1, 12, 23 erwähnt ein
Bild der Göttin, das ein sceptrum in der Lin-
ien hielt. Willkürlich nimmt Gerhard a. a. 0.,
EtrusJc. Gotth. (Abh, d. Berl. Ak. 1845 p. 524.
49 f. A. 73. 74 = Ges. Abh, 1, 293. 319f.) ~
md Hyperbor.-röm. Stud. 2, 81 f. und Saglio
, a. 0. eine Reihe von Bildwerken für Bona
dea in Anspruch; ganz unsicher ist die Ver-
mutung, dafs die Göttin auf einem pompeia-
jiischen Gemälde dargestellt sei (vgl. Helbig, eo
Wandgem. d. St. Camp. n. 71; falsch war es,
venn Premier, llestia-V esta 240 dazu neigte,
>ei der auf pompeianischen Larenbildern zwi-
chen den Laren stehenden Figur mit patera
tnd Füllhorn an Bona Dea zu denken, da hier
tets der Genius dargestellt ist, vgl. Beiffer-
cheid, De Darum pictur. Pompeianis in Ann.
. Inst. 35, 1863, 121 ff.). — • Deutung. Aus
Mythus und Kultus geht hervor , dafs Bona
Dea die Fauna (Varroh. Lactant. a. a. 0. Ar-
nob. a. aa. 00.) oder Erdgöttin ist; das ist
selbst Cornelius Dabeo (bei Macrob. 1, 12, 21)
nicht entgangen, wenn er sagt, dafs Bona Dea
nur eine besondere Form der Erdgöttin sei,
die in den Pontifikalbüchern unter den Na-
men Fauna, Ops und Fatua angerufen werde;
in diesem Sinne konnte er sie mit Maia iden-
tificieren. Premier (a. a. 0. 409, vgl. 313. 407)
stellt auch Vesta in den von Labeo genannten
Kreis von Erdgöttinnen und gelangt dadurch
Bona I)ea , Statuette aus Albano (nach Bulleltino della
commissione comm. VII (1879) Tf. XXIII).
zu einer nahen Verwandtschaft von Bona Dea
und Vesta. Im Mythus erscheint sie als die
empfangende Erdmutter, die im Frühlinge,
wo die Natur von Liebestaumel ergriffen scheint,
vom Erdgotte befruchtet wird (Preller a. a. 0.
385; vgl. Klausen a. a. 0. 853 f.), und als das
Ideal der altrömischen Frau (vgl. Berglc, Zwei
Zauberformeln bei Cato, Philol. 21, 1864, 599
795 Bona Dea
Anm. 24 = Kleine phüol. Schriften 569 f., der
im Hinblick auf PUn. n. h. 28, 28 vermutet,
dafs man sich Bona Dea wie die deutsche
Holda auch als spinnende Göttin vorstellte);
als Frauengottheit schlechthin ( feminea dea
Propert. a. a. 0. 35. ©scs yvvcuxsicc Varro
bei Macrol>. a. a. 0. Flut. Q. B. , Caes.
a. aa. 00. Cic. 19) tritt sie in Gegensatz zu
Hercules , vgl. Bei ff 'er scheid , De Here, et Iu-
none düs Italor. coniugal. in Annali d. inst, io
39, 1867 p. 354. 358 und Hercules. F. L. W.
Schwarte erklärt (N. Jdhrb. f. Fh. 109, 1874,
180 ff. u. Der Ursprung der Stamm- und Grün-
dungssage Borns etc. Jena 1878, 35) im Wider-
spruche mit dem überall deutlich hervortreten-
den Charakter der Göttin als Erdgöttin Bona
Dea als eine Himmelsgöttin und stellt den
Mythus , der von ihrer Besclileichung durch
Faunus erzählt, mit einem ähnlichen von Zeus
und der Persephone als Mutter des Zagreus 20
und einem anderen von Odhin und Gunlöd,
wo überall das Beschleichen der Göttin durch
eine Schlange sowie der 'Göttertrank’ eine
Rolle spielt, zusammen: er erkennt hierin
'Gewittermythen’ und führt deren Ursprung
zurück auf 'die Vorstellungen eines bei den
indogermanischen Völkern hervortretenden al-
ten, rohen Glaubensatzes, nach welchem man
in der der Welt Beängstigung bringenden Ge-
witterwolke ein Wesen erblickte, welches sich 30
auf die Sonne lagert, indem der Sturmesgott
in Gestalt des sich schlängelnden Blitzes zur
Begattung mit derselben in den Wolkenberg
hineinschlüpft’ (Jdhrb. 181 f.) ; auch das Peit-
schen mit Myrtenruten finde in dem 'mythi-
schen Naturkreise’, in den Schic arte die Sagen
verweist, seine Analogieen (Jahrb. 182. Ur-
sprung 36 Anm.) Der im Kultus der Göt-
tin hervortretende griech. Einflufs und die
gräcisierenden Auffassungen der Alten haben 40
Motty, De Fauno et Fauna s. Bona Dea diss.
Berol. 1840 p. 36 ff. und Gerhard a. aa. 00. u.
Gr. Myth. 2 § 975 p. 289f. verleitet, das echt-
italische Wesen der Göttin gänzlich zu ver-
kennen; besser hat noch Klausen (a. a. 0.
849 ff), trotz seiner mystischen Deutungen,
daran festgehalten , dafs Bona Dea eine ita-
lische Göttin ist. [R. Peter.]
Bonadie (Bovadirf) — Bona Dea (s. d.) C. I.
Gr. 6206. [Roscher.] 50
Bonus Eventus. Bonus Eventus gehört in
die Reihe derjenigen römischen Gottheiten,
deren Kult in jener Periode wurzelt, als Rom
noch vorwiegend ein ackerbautreibender Staat
war , und die daher ursprünglich eine rein
agrarische Bedeutung hatten , während eine
spätere Periode ihren Wirkungskreis erwei-
terte und auf die allgemeinen Verhältnisse des
Lebens ausdehnte. Evenire und eventus sind
die eigentlichen Ausdrücke für das glückliche 60
Aufgehen und Gedeihen der Feldfrüchte (vgl.
Cato de agric. 141. Paul. p. 220), und demge-
mäfs ist auch der Gott Bonus Eventus von vorn
herein speziell eine Gottheit des Landbaues;
als solche führt ihn noch Varro (de r. r. 1,
1, 6) unter den 12 Göttern auf, qui maxime
agricolarum duces sunt. Jemehr aber der Acker-
bau im Leben des römischen Volkes zurück -
Bonus Eventus 796
trat , umsomehr wurde Bonus Eventus zum
Gotte jeglichen glücklichen Gelingens, wie uns
das die Inschriften zeigen (vgl. Mommsen,
Arch. Anz. 1860, 74* f.); wir hören von einem
Bonus Eventus profectionis orientalis et redi-
tus augustorum (C. 1. L. 1560) oder einem
Bonus Eventus legionis I. Italicae (C. I. L. 3,
6223); man macht ihm Dedikationen pro salute
dominorum nostrorum u. s. w. ( C . I. Bhen. 983),
ob honorem sacerdotii (C. I.L. 2, 1471), wegen
der Entdeckung eines Bergwerks (C. I. L. 3,
1128) u. ähnl. Wahrscheinlich wurde er auch
schon in früherer Zeit von Staatswegen ver-
ehrt; wenigstens findet sich sein Kopf mit
Umschrift auf dem Avers der um 700 u. c.
geprägten Denare des L. Scribonius Libo
(Cohen, med. consul. pl. 36, Scribonia 2; vgl.
Mommsen, Böm. Münzw. p. 632, 247 c). In
der Kaiserzeit besafs er einen
Tempel auf dem Marsfelde in
der Nähe der Thermen des
Agrippa (Ammian. Marc. 29,
6, 19; vergl. Becher, Topogr.
6491’.). Aufserdem hören wir
von mehreren berühmten Sta-
tuen dieser Gottheit, welche _ T,
•■ne* j.1* i • p 1 n j. Bonus Eventus,
öffentlich m Rom aufgestellt Münzc d Soribou’iui
waren: aut dem Lapitoi stan- Libo ^oiien, med.
den Bildnisse des Bonus Even- Cons. pi. 36, 2).
tus und der Bona Fortuna von
der Hand des Praxiteles (PUn. 36, 23; s. Aga-
thodaimon), und eine andere Statue, welche den
Gott mit einer Schale in der rechten und mit
Ähren und Mohn in der linken Hand darstellte,
trug den Namen des Euphranor (PUn. 34, 77).
Natürlich beruhte bei beiden Werken die Be-
zeichnung als Bonus Eventus nur auf einer
Umtaufung einer griechischen Gottheit, und
man hat nach der Beschreibung der Statue
des Euphranor wohl mit Recht angenommen,
dafs ursprünglich ein Triptolemos [oder Aga-
thodaimon; s. d. u. vergl. Welcher, Götterlefire
3, 211, 1] dargestellt war ( Boettiger , Vasen-
gemälde 1, 2 p. 211 ft). An diese oder ähn-
liche statuarische Vorbilder (speziell an die
praxitelische Statue denkt Urlichs, observat.
de arte Praxitelis p. 4ff) knüpfen dann die
Darstellungen des Bonus Eventus an, die sich
auf Münzen der Kaiser von Galba bis auf Gal-
lien häufig finden: der Gott ist als nackter
Jüngling gebildet, der in der einen Hand
Ähren hält, in der andern eine Schale, aus
der er in die Flamme eines vor ihm stehen-
den Altars libiert (Cohen, med. imper. Galba 11,
Titus 9, Antonin le Pieux 491. 494. Suppl. 57.
58 u. a.); au- die Stelle der Ähren tritt zu-
weilen ein Füllhorn (Cohen a. a. 0. Antonin le
Pieux 492. 493. 495). Ähnliche Darstellun-
gen begegnen uns dann auch auf Gemmen
(Müller- Wieseler , Denkmal, d. alt. Kunst 2,
944. Bullet, d. inst. 1839, 107 n. 98), Reliefs
(Müller- Wieseler 2, 942), in kleinen Bronzen
(z. B. Friederichs, Berlins ant. Bildw. 2 n. 2009.
2010) und seltner auch in Marmorstatuen (Bul-
let. archeol. munic. 6, 1878 p. 205 ff tav. 17,
vgl. die verwandten Statuetten bei Matz-Duhn,
Antike Bildwerke in Born Bo. 306 — 310). Aller-
dings weichen die meisten dieser Darstellun-
i
Li
K'i
I
K
I
b
«
3il
3
tt
::
797 Bonus puer
gen von den Miinzbildern insofern ab, als sie
den Gott nicht völlig nackt, sondern entweder
unterwärts oder mit einer kleinen Chlamys
bekleidet darstellen ; doch ist die Deutung des
Reliefs im British Museum ( Müller- Wieseler 2,
942) durch die Inschrift (früher angezweifelt;
, als echt C. I. L. 6, 144) gesichert. Ganz ab-
I weichend endlich ist die Darstellung eines
Votivsteins an Fortuna und Bonus Eventus
( C . I. L. 7, 97) , auf der letzterer einfach als
Jüngling in der Toga erscheint. [Wissowa.]
Bonns puer wird ohne Beifügung von Phos-
! phortis auf den Inschriften C. I. L. 3, 1131.
1134. 1137 und 8, 2665 genannt. Siehe Phos-
phoros. [Steuding.]
Bootes s. Arkturos.
Bopiennus, ein altgallischer Gott auf einer
j Inschrift aus St. Bertrand de Comminges, Dep.
Haute-Garonne, Or.-Henzen 5880a: Bopienno
deo Monsus Taurini f. v. s. [Steuding.]
Borax, ein Hund des Aktaion, Hyg. f. 181.
[vgl. C[ I. Gr. 8185 a u. den Artik. Bores. R.]
[Schultz.]
Boreaden ( BogedcSca ). 1) Zetes und
K a 1 a i s.
Nach übereinstimmender Überlieferung, wo-
von Simonides, Schol. Apollon. Arg. 1, 211
und Akusilaos, Schol. Odyss. 14, 633 die
ältesten Zeugnisse für uns darbieten (sämt-
liche Stellen bei Stephani, Memoir. de TAcad.
i de St. Petersb. 7. Ser. Boreas und die Borea-
' den S. 15 Anm. 2), gebar Oreithyia, nachdem
sie von Boreas in seine thrakische Heimat ent-
] führt war, demselben zwei Söhne Zetes und
Ealais. Aus der Umarmung zweier Windgott-
heiten (s. Boreas) in dunkler Wolkenhülle ent-
sprossen, Apoll. Bhod. Arg. 1, 218 sind sie
natürlich auch Windgötter. Indessen ist die
Ansicht Mannhardts, Wald- u. Feld-Kulte 206
wahrscheinlich , dafs Zetes und Kalais schon
vorher als Windgötter vorhanden waren, ehe
sie dem Mythos vom Raub der Oreithyia ein-
verleibt und zu Söhnen derselben gemacht
wurden. Damit stimmt auch die Ansicht Startes
'überein Annal. delV Inst. 32 p. 337, dafs die
Boreaden unmittelbar aus sprachlichen Aus-
drücken, welche die Macht des Boreas im
Pluralis bezeichnen, wie ftvellcu, nvoaxl, del-
icti., Aquilones entstanden seien. So gebrauche
Aeschyl. Brom. sol. frg. 209 Bogedöctg ygsi g
Tcgbg nvoctg schon das Patronymikon für das
^Adjektiv Bogiiog. So führt Stark auch den
Gegensatz im Wesen der Boreaden auf die
sich in ihnen manifestierende Doppelnatur des
Boreas zurück. Schon das Schol. Pind. Pyth,
4, 181 erklärt ihre Namen folgendermafsen:
I'g mg zi x ovoficeza nsnoiryitvct and zov nazgbg,
oiov Zctfjzyv zov dyotv aovzct v.a.1 nviovzct, l
\Kctlctiv oiov Huldig etovzet , also £ rjzgg — £a-
ar;zr]g, nuluig von Hctlog und ebenfalls aryu
(vergl. Koscher, Jahrb. f. Phil. 1877 S. 406):
der starkwehende und der schön Wetter brin-
gende. Auch nach Stephani a. a. 0. S. 15
repräsentiert der eine die heftigeren, der an-
dere die ruhigeren Strömungen des Nord-
winds.
Als Heimat der Boreaden wird nach dem
Obigen übereinstimmend Thrakien angegeben
Boreaden 798
(Stellensammlung bei Stephani a. a. 0. S. 15).
Dort wurden sie nach Silius It. Pun. 8, 514
in der väterlichen Höhle auferzogen. Erst
Ovid. Met. 6, 712 nennt sie Zwillinge. Im
übrigen zeigen sie vorzugsweise die Eigen-
schaften des Vaters, besonders seine Schnel-
ligkeit, Theogn. 716 convzegog nctidatv Bogsco;
Bio Qhrys. Or. 4 p. 179; wie er stürzen sie
vom Äther herab ■netz’ ulQ-egog ui%uvzs Apoll.
Ith, Arg. 2, 426; von Haupt und Nacken wehen
ihnen die dunklen Locken im Winde ib. 1, 222
u. Hygin. fab. 14, während sie auf der Vase
Mon. d. Inst. 10, 8 lange Haare zu einem
Krobylos aufgebunden tragen. Ebendaselbst
sind sie bärtig wie bei Ovid. Met. 6, 715. Ins-
besondere aber haben sie vom Vater die Flü-
gel , die ihnen nach Ovid. a. a. 0. erst mit
dem Barte wuchsen. Apollodor 1, 9, 21. 3, 15, 2
nennt sie im allgemeinen nzegcozovg , andere
Schriftsteller sprechen von Flügeln am Rücken,
so Pind. Pyth. 4, 181: megoiGiv vtnzoc neepgi-
Kovzag uycpco nogtpvgeoig; Lactant. Narr. fab.
6, 8; oder von Flügeln an den Füfsen, die
von leuchtenden Punkten glänzen , Apollon.
Bh. Arg. 1, 219 nach Art der Flügelschuhe
des Perseus, Eustath. ad Hom. p. 1712, 23,
oder an den Schläfen Orph. Arg. 222; oder
auch an Kopf und Füfsen zugleich , Hygin.
fab. 14. Damit stimmen auch die Vasenbilder
überein (München no. 805, abgeb. ob. S. 530),
auf welchen sie meist zwei grofse Flügel am
Rücken haben. Auf der altertümlichen Vase
Mon. d. Inst. 10, 8 (abgebildet unter Horen)
haben sie vier grofse Flügel an den Schultern,
das eine Paar nach oben, das andere nach
unten aufgeschlagen, dazu an den Stiefeln
ein kleines Flügelpaar. Auch ihre Bekleidung
schliefst sich in der Regel an Boreas an: kur-
zer Chiton und hohe Stiefel, dazu Schwerter
oder Lanzen, vgl. Stephani a. a. 0. S. 21.
Die Hauptveranlassung für die bildliche Dar-
stellung der Boreaden (9 Vasen, aufgezählt bei
Stephani S. 19; vgl. 0. Jahn, Bh. Mus. 6 p. 295)
sowie für die Erwähnung der Schriftsteller bil-
det ihre Teilnahme am Argonautenzug
(s. cl.). Ob ihre persönliche Rüstigkeit oder ihre
nördliche Heimat oder die mit den Boreaden
und Argonauten zugleich in Beziehung ste-
hende Phineussage (Stephani S. 16) diese Sagen-
verknüpfung herbeigeführt habe , ist schwer
zu sagen. Das Schol. Apollon. Arg. 1, 211
giebt verschiedene Orte an, von welchen aus
sie sich den Argonauten angeschlossen haben
sollten; nach Pind. Pyth, 4, 181 rüstete Bo-
reas selbst seine Söhne dazu aus , und nach
Hyg. fab. 14 versahen sie bei der Argonauten-
fahrt das Amt der toecharchi. Die hervor-
ragendste , vielberühmte That der Boreaden
auf dem Argonautenzug war die Befreiung des
Phineus von den Harpyien. Sie gehört zu
den ältesten Gegenständen der griechischen
Kunst vgl. Löschcke, Arch. Ztg. 39, 49. Milch-
höf er , Anfänge d. Kunst in Griechenland 58.
165. Schon auf der Lade des Kypselos und
auf dem amykläi sehen Thronsessel waren die
Boreaden dargestellt, wie sie die Harpyien
verjagten, Paus. 5, 17, 11.3, 18,15. Eine Vor-
stellung von der Art dieser Darstellungen giebt
io
20
30
40
50
60
799 Boreaden
etwa das altertümliche Yasenhild Mon. d.
Inst a. a. 0. ; vergl. Flasch , Arch. Ztg.
38, 138. Dafs dem Phineus Kleopatra , die
Schwester der Boreaden, zur Gattin gegeben
wurde, geschah vielleicht erst zugleich mit
der Verknüpfung der Boreaden mit dem Orei-
thyiamythos und zur Motivierung der von den
Boreaden dem Phineus gewährten Hilfe. Eine
Motivierung anderer Art geben Apollod. 1, 9,
21 und Serv. ad Am. 3, 209: Phineus habe
die Argonauten gastfreundlich aufgenommen
und ihnen einen Führer zur Fahrt gegeben;
zum Lohn dafür hätten ihn die Boreaden be-
freit. Derselbe Apollodor a. a. 0. aber, so-
wie Apollon. JRliod. 2, 243 und Valer. Flacc.
Arg. 4 , 432 führen diese Befreiung auf den
Beschlufs des Schicksals zurück und verzich-
ten somit auf .jegliche Motivierung. Der ur-
sprüngliche, aber durch spätere Zusätze ent-
stellte Ivern der Phineussage enthielt wohl wie
bei Apollon. Rh. 2, 262 ff. nur die Mifshand-
lung und Beraubung des alten, bljnden Phi-
neus (wie er auch auf Vasenbildern erscheint,
s. Flasch a. a. 0.) durch die Harpyien und die
Befreiung desselben durch die Boreaden, welche
die Harpyien verscheuchten. Da die Har-
pyien Gottheiten des Sturmes und Wirbelwindes
sind, welche den Himmel verdunkeln — eine
heifst Kslcuvco • — so ist die Deutung des
Phineus von Schwarte, Urspr. S. 199 und
Mannliardt, Avt. Wald.- u. Feld-Kulte S. 95. 206
auf den Himmel oder Himmelsriesen sehr wahr-
scheinlich. Die Speise, welche die Harpyien
dem Phineus rauben und besudeln, ist das
Himmelslicht, ein Bild, das sich aus der Vor-
stellung der Raublust und Gefräfsigkeit der
Winde erklärt; und infolge der Bedeckung des
Himmelslichts im Gewittersturm ist Phineus
blind. Diese Blindheit war also nach dem
ursprünglichen Sinn des Mythos eine Wirkung
der Harpyien, da der Wind blendet, vgl. den
Art. Boreas; vielleicht eine undeutliche Erin-
nerung hieran schreibt seine Blendung all-
gemein den Göttern Apollodor 1 , 9 , 21 oder
dem Iuppiter Hygin. 19 zu. Die spätere Sage
jedoch, welche die Blindheit des Phineus nicht
mehr verstand , dichtete eine Verschuldung
hinzu , die entweder in der Mitteilung der
Ratschlüsse Iuppiters an die Menschen, Valer.
Flacc. Arg. 4,479. Hyg. f. 19 und in derVor-
hersagung der Zukunft Apollodor 1, 9, 21 oder
in der Blendung seiner Stiefsöhne bestanden
haben soll, beidemal mit Anwendung auch
sonst vorkommender Motive. Phineus näm-
lich soll nach Kleopatra, von welcher er zwei
Söhne hatte, als zweite Gemahlin Idäa gehei-
ratet haben. Diese verleumdete ihre Stief-
söhne bei ihm, als hätten sie ihr Gewalt an-
thun wollen, und Phineus beraubte sie deshalb
des Augenlichts, Apollodor 3, 15, 3. Schol.
Apoll. Rh. 1, 211. Diodor 4, 43, 114. Orph.
Arg. 669 ff. Serv. ad Aen. 3, 209 (hier Kleo-
bule statt Idäa). Da nun hinwiederum für die
geblendeten Söhne der Kleopatra ihre Oheime,
die Boreaden, als die natürlichsten Rächer er-
schienen, so liefs die Sage weiter die Bestra-
fung und Blendung des Phineus durch die
Boreaden vollziehen, Orph. Arg. 669 ff. Diod.
49J.
801
Boreaden
Boreaden
802
4 , 44 oder allgemeiner durch die Argonauten
Apollod. 3, 15, 3: ein vollständiger Wider-
spruch gegen den ursprünglichen Sinn der
Sage, nach welchem die Boreaden als die Be-
freier des Phineus erscheinen. Nicht besser
ist die Version, welche die Blendung des Phi-
neus dem Boreas selbst zuschreibt, Apollod.
1, 9, 21. Diod. 4, 44. Serv. ad Aen. 3, 209
(oder auch seine Entführung zu den Bistonen,
Orph. Arg. 680) , da Boreas damit der That
seiner Söhne , der Befreiung des Phineus , ge-
radezu entgegen handelte. So wurde zu der
ersten motivierenden Ausschmückung, der Blen-
dung der Stiefsöhne, auch noch die Rache
durch die Verwandten hinzugedichtet. Für die
Verjagung der Harpyien durch die Boreaden
bietet Apollon. Rhod. 2, 262 ff. den ausführ-
! lichsten Bericht, welchem das Vasenhild Mon.
d. Inst. 3 , 49 entspricht , das die Scene mit
dem Argonautenzug in Verbindung bringt:
die Boreaden bereiten dem Phineus ein Mahl
und stellen sich mit Schwertern dazu ; als
nun die Harpyien herbeistürzen , um das
! Mahl zu rauben und zu besudeln , dringen
i sie auf dieselben ein , verfolgen sie hart
und hätten sie erreicht bei den vgaoig TR.co-
Toig , wenn nicht Iris dazwischen getreten
l wäre mit der Verkündigung, dafs es ihnen
, nicht erlaubt sei , die Harpyien zu töten, und
sich dafür verbürgt hätte , dafs sie den Phi-
neus nicht mehr belästigten. Hierauf kehrten
; die Boreaden zu den Argonauten zurück (vns-
OTQicpov) , wovon jene Inseln Strophaden ge-
] nannt wurden. Mit dieser Erzählung stimmen
auch die andern überein, am meisten Serv. ad
Aen. 3 , 209 und Valer. Flacc. Arg. 4 , 500 ;
doch gehen die Angaben über den Ausgang
der Sage auseinander. Nach dem Schol. Apol-
i Ion. Rh. Arg. 2, 297 soll Hesiod zur Vermitt-
lung den Hermes statt der Iris eingeführt
haben, während Val. Flaccus dem Vater der
Harpyien, Typhon, diese Rolle zuweist. Apol-
' lodor dagegen (und nach ihm Tzetzes Chil. 1,
217) läfst nach einer Version, der jedoch Aku-
i silaos widerspreche, die Boreaden bei der Ver-
folgung umkommen 3, 15, 2: zag 'AQnviag did>-
i uovzsg ccniQ-avov ; nach einer andern wenig
stens einen davon in der etwas unklaren Er-
zählung 1, 9, 21: „es war den Boreaden be-
stimmt zu sterben, wenn sie die Harpyien nicht
1 erreichten. Bei der Verfolgung fiel die eine
in den Tigresflufs, die andere kam bis an die
Eehinadischen Inseln, welche jetzt von ihnen
Strophaden genannt werden; denn hier wandte
sie sich (EGZQdcpg) und fiel mit dem Verfolger
vor Anstrengung nieder.“
Die Bedeutung der Verfolgung der
Harpyien durch die Boreaden kann nicht zwei-
felhaft sein: es ist eine griechische Variation
des germanischen Mythus von der Verfolgung
der Trollweiber, Holzfräulein, weifsen Frauen
l durch die wilden Jäger, vgl. Mannhardt , A.
W.- u. F.-K. 95. Roscher führt unter Zustim-
mung zu dieser Ansicht Jalirb. f. Philol. 1877
5. 406 eine Stelle aus Wiesele r, Göttinger Fest-
rede v. 4. Juni 1874 an: „Wer an Ort u. Stelle
i (d. h. zu dem heutigen Kap Karibsche am Bos-
I porus) kommt, kann erfahren, dafs hier zwei
Boscher, Lexikon der gr. u. rüm. Mythol.
furchtbare Orkane wüten, der sogen, schwarze
und der weifse. Jener, bei dem sich der Him-
mel mit finsteren Wetter- und Regenwolken
bezieht, ist der minder starke. Ihn repräsen-
tieren die Harpyien, deren eine Kelaino, die
dunkle, heilst. Der heftigere Orkan, der sog.
weifse, hat seinen Namen daher, weil er bei
völlig heiterem Himmel plötzlich losbricht.
Seine Repräsentanten sind die Söhne des Bo-
reas, welcher bei den Griechen ständige Bei-
namen von der hellen, trockenen Witterung
hat.“ Wir haben somit hier eine Wiederholung
der Sage von der Verfolgung der Oreithyia
durch Boreas, nur mit dem Unterschied, dafs
die Verfolgung hier nicht den Sinn der Braut-
werbung, sondern durch Hereinziehung der
Phineussage die Befreiung des letzteren zum
Zweck hat.
Sonst wird von den Boreaden wenig er-
zählt: nach Apollon. Rhod. 1, 1304 nahmen sie
an den Leichenspielen des Pelias teil und sieg-
ten dabei nach Hygin. fab. 273 in der Renn-
bahn, während sie Schol. Pind. Olymp. 4, 26, 32
bei der Leichenfeier des Thoas besiegt wur-
den. Ihr Tod wird gewöhnlich auf Herakles
zurückgeführt, der sie nach der Angabe des
Alcusilaos bei Apollod. 3, 15, 2 auf Tenos ge-
tötet haben soll. Apollon. Rh. Arg. 1, 1298
führt dies weiter aus mit Angabe des Grun-
des : Herakles war bei der Argonautenfahrt
in Mysien zurückgeblieben (vergl. auch Diod.
4 , 44) ; die andern wollten zurückkehren , um
ihn wieder aufzunehmen, aber die Boreaden
verhinderten es. Dafür sollte sie die Strafe
des Herakles ereilen: als sie von den Leichen-
spielen des Pelias zurückkehrten, tötete er sie
auf der Insel Tenos und errichtete ihnen ein
Grabmal mit zwei Stelen (eine homerische
Sitte fi 14 und Ameis Anh. z. d. St.) , von
welchen die eine sich — ein Wunder — beim
Wehen des Boreas bewegt (die Macht des
Nordwinds auf Tenos erwähnt auch noch Rofs,
Inselreisen 1, 20). Das Schol. zu 1300 u. 1304
weifs noch vielerlei andere Gründe für ihren
Tod anzugeben, die alle ohne Bedeutung sind;
den Tod durch Herakles haben auch Senec.
Med. 637. Hygin. fab. 14.
2) Aufser Zetes und Kalais werden noch
andere Nachkommen des Boreas genannt.
Einmal ebenfalls von Oreithyia die Töchter Kleo-
patra und Chione , Apollod. 3, 15, 1. Schol.
Apollon. Rh. Arg. 1, 211 ff. Kleopatra , die
schon genannte Gemahlin des Phineus, sollte
nach Diodor 4, 44 von den Boreaden aus dem
Gefängnis befreit worden sein. Bei Sophokles
Ant. 983 erscheint sie als echte Boreastoch-
ter: sie wächst in ferner Höhle unter den Stür-
men des Vaters auf und gleicht ihm als Bo -
Qsdg afimnog an Schnelligkeit. Chione drückt
schon in ihrem Namen die Beziehung zu Bo-
reas aus, wenn auch die daran geknüpfte Er-
klärung Forchhammers Hellenika S. 85 nicht
zutrifft. Die Aufführung einer dritten Tochter
Chthonia Schol. Apoll. Ith. 1, 211 beruht wohl
auf einer Verwechslung mit einer gleichnami-
gen Tochter des Erechtheus , vergl. Stephani
a. a. O. 4. Nur Schol. Theolcr. Id. 7, 76 nennt
auch den Haimos wegen der Nachbarschaft
26
io
20
30
40
50
60
803 Boreas (Naturerscheinung)
des gleichnamigen thrakischen Gebirgs einen
Sohn des Boreas und der Oreitkyia. Nicht
ganz zur Personifikation sind die Avgca durch-
gedrungen, welche Quintus Smyrn. 1, 684 als
d'ocä Boqscxo d'vyctzQSs anführt. Einem andern
Ideenkreis gehört die Apollonpriesterschaft der
Boreaden bei den Hyperboreern an, von wel-
cher Diodor 2, 47 berichtet: die Boreaden hät-
ten dort mit der Vorsteherschaft am Apollon-
heiligtum auch die Herrschaft verbunden.
Aelian de nat. anim. 11, 1 nennt sie Söhne
des Boreas und der Chione, drei an der Zahl
und sechs Ellen grofs. Der Ursprung davon
ist in der unten S. 807 ausgeführten nahen Be-
ziehung des Boreas zur Gegend des Lichtauf-
gangs und zu Apollon zu suchen. Ebenso sol-
len nach Kallim.. Hymn. Del. 291 drei Töch-
ter des Boreas von clen Arimaspen nach Delos
gekommen sein, um Apollon zu verehren. End-
lich werden Diod. 5, 50 noch zwei Söhne des
Boreas von verschiedenen Frauen, Butes und
Lykurgos, erwähnt. Butes wurde wegen Nach-
stellungen gegen den letzteren verbannt und
siedelte sich auf Naxos an, wo er ein See-
räuberleben führte und die Koronis raubte.
Diese Scene, Butes die Koronis raubend, findet
sich nach Stephani a. a. 0. S. 23 auf einem
Terracottagefäfs Taf. I dargestellt, Butes mit
grofsen Flügeln, Chlamys, hohen Stiefeln und
phrygischer Mütze. Auch bezieht Stephani
S, 25 darauf drei Vasenbilder. [Rapp.]
Boreas {Bogictg, sr\g , BoQQccg, über die For-
men des Namens s. Pape, Handle. Curtius,
Etym ,4 S. 594. Welcher, A. D. 3, 168) fällt
zunächst mit der Naturerscheinung, dem Nord-
wind, zusammen; aber auch da, wo dieser ohne
mythologische Beziehung nur als Wind er-
wähnt wird, wird ihm eine so spontane und
kraftvolle Thätigkeit beigelegt, dafs die Per-
sonifikation im Mythus von selbst daraus her- <
vorging.
1) Boreas als Naturerscheinung.
Homer kennt ihn als gewaltigen Wind
avEfiog fis'yccg, der Menschen niederwirft x 200;
er rechnet ihn zu den starkstürmenden Win-
den , g E 525 und nennt ihn cenQarjg
scharf wehend | 253. Er wirft sich mit sol-
cher Wucht auf das Meer, dafs sich gewaltige
Wogen ans Gestade wälzen und der Seetang
ans Ufer geschleudert wird 15; W 214. 230; !
wo es sich um Erregung des Meeres handelt,
wird er vornehmlich genannt wie Al 394 ; He-
siod Op. et dies 507. Nicht minder zeigt sich
seine Macht zu Lande, und er entwurzelt hohe
Eichen und mächtige Fichten unter dem Brau-
sen des Waldes, Hes. a. a. 0. 509; steinerne
Mauern stürzen unter seiner Wucht, Kallim.
PL. Hel. 25. So beschreiben auch die Späteren
seine furchtbare Gewalt, Ovid. Met. 6, 691 ff.
Quint. Smyrn. 8, 205. Namentlich wird das (
Stofsweise seiner Wirkung hervorgehoben durch
den Ausdruck vno ginyg Boqscco O 171. T 359
und zwar dachte man sich nach Anschauun-
gen, die sich auch sonst über das Wesen der
Winde finden (vgl. Koscher , Hermes S. 19, 20)
den Windstofs als von oben herabfahrend Bo-
Qsao hcctouE, Kallim. II. Bi. 114, sei es vom
Himmel, weshalb er cdO'Qriysvfjg O 181. T 359
Boreas (als Person) 804
und cdQ'Qrjysvsxrjg s 296 heifst, oder von der
Höhe der Berge, denn ßoQsag bedeutet ,, Berg-
wind“ von oqog Curtius , EtyinA 350. 474.
M. Müller , sprachwissensch. Vorles. von Bött-
ger 2 2 , 9. Ganz ebenso schildert ihn jetzt
noch Hofs, Inselreisen 1, 20 : „mit furchtbarer
Gewalt stürzte der Boreas von den Gipfeln
des Berges auf unsere kleine Barke.“ Die
Eigenschaft grofser Schnelligkeit teilt er mit
) anderen Winden ; Homer nennt ihn e 385
%Qcanvog, Hesiod Theog. 379 ceOpriQonElEv&og ;
die Vergleichung mit ihm dient zur Veran-
schaulichung unübertroffener Geschwindigkeit
0 170. Tyrt. 12, 4. Quint. Smyrn. 4, 552;
ebenso teilt er mit den andern den hellsau-
senden Ton, die nvoiai hyvQcci E 526. 215;
Quint. Smyrn. 8, 243 nslddcov, der brausende.
Er weht von Thrakien her, dem Lande des
Nordens, Hesiod op. et dies 506, oder vom thra-
) kischen Hämos Kallim. H. Di. 114, weshalb
er bei Homer aufs engste mit Zephyros ver-
bunden erscheint, der für den Standpunkt in
Kleinasien ebenfalls von Thrakien her weht
1 5, wo beider Heimat ist W 230. Boreas
wird deshalb allgemein als der thrakische be-
zeichnet, OQigY. iog Hes. op. 553. Tyrt. 12, 4.
Ibyc. frg. 1. Apollon. Bhod. 1, 214. 1300. 2,
426. Theokr. 25, 89. Als Nordwind ist er eisig-
kalt, X.en. An. 4, 5, 3. Ovid Met. 6, 711. Trist.
1, 2, 29; deshalb sein Wehen schmerzerregend
Al 395. Er weht regelmäfsig zur Herbstzeit
concaQLvog s 328. 346 und bringt Schnee
£ 475. O 170. Ovid Met. 6, 692, dichtes
Schneegestöber T 258; Hagel O 170 und Eis
Hes. op. 504 [daher zu Mallos in Kilikien nu-
yqsvg genannt, Arist. vent. p. 973a, 1 B.] ;
überhaupt Wolken i 68; Quint. Smyrn. 8,^59.
Tlieophr. de ventis 6 , auch Regenwolken
Theolcr. 25, 89. Andrerseits aber wird ihm
auch die entgegengesetzte Eigenschaft bei-
gelegt, die Wolken mit derselben Gewalt, mit
der er sie herbeiführt, zu vertreiben E 525.
Verg. Aen. 12, 367. Ovid Met. 6, 690. 1, 328.
Val. Flacc. 2, 516, so dafs dadurch der Him-
mel klar wird, Ovid Met. 5, 285. Boreas führt
also auch heiteres Wetter herbei s 385 und
weht im Sonnenschein Ibyc. fr. 1, weshalb er
£ 253 Kcdog heifst. Dabei wirkt er belebend
und erfrischend wie bei dem verwundeten Sar-
pedon E 697.
2) Boreas als Person aufgefasst.
Diese Züge der Naturerscheinung bilden die
Grundlage für die Personifikation. Eine Vor-
stufe derselben ist die alte in der griechischen
( Preller 2 1, 371) wie in der germanischen
{Mannhardt , A. W- u. F.-K. S. 95. 99. 203)
Mythologie nachgewiesene Vorstellung des
Windes unter dem Bild eines Rosses. Homer
erzählt T 221 ff., Boreas habe in Gestalt eines
Rosses mit dunkler Mähne mit den Stuten des
Erichthonios zwölf Füllen gezeugt, welche
über das Ährenfeld liefen, ohne die Halme zu
knicken, und über die Fläche des Meeres, ohne
einzusinken. So gebar nach Quintus Smyrn.
8, 242 die Erinys dem Boreas feuerschnaubende
Rosse , deren Namen auf Blitz und Donner
hin weist, also Gewitterrosse; während die Rosse
des Erechtheus, die Boreas mit der Harpyie
805
Boreas (als Person)
Boreas (als Person)
806
erzeugt, Nonn. Dion. 37, 15B, ebensowohl auf
die sonst bekannte Roisnatur der letzteren
zurückgeführt werden können. Doch könnte
die Sage von den Stuten des Erichthonios auch
von dem Glauben ausgegangen sein , dafs die
Stuten vom Winde geschwängert werden kön-
nen, s. Preller 2 1, 371, wie denn neben dem
Westwind besonders auch der Boreas für einen
i fruchtbaren Wind galt, Plin. N. H. 17, 10.
Theophr. de c. pl. 2, 3, 1. Eine halbmensch-
liche und halbtierische Bildung, die ebenfalls
später aufser Gebrauch gekommen ist , hatte
j Boreas auf dem Kasten des Kypselos Paus.
5, 19, 1. Er hatte daselbst Schlangenschwänze
statt der Fiifse, wodurch er der furchtbarsten
der Windgottheiten, dem schlangenfüfsigen
i Typhon, gleichgesetzt und ebenso wie durch
I seine Verbindung mit Erinys in die Reihe der
Sturm- und Gewitterwesen gestellt wurde, vgl.
j Schioartz, Urspr. d. Mythol. 37. Die mytholo- 20
gische Personifikation aber macht ihn entspre-
chend seiner alles besiegenden Gewalt zu einem
Herrscher und König. So nennt ihn Pind. Pyth.
4, 181 ßaoikevg dvsycov; Nonn. Dion. 39, 195
giebt ihm alle übrigen Winde zu Dienern,
wenn er auch selbst dem Ruf des Zeus zu ge-
\ horchen hat t 67 , und um ihn noch mehr in
; menschliche Verhältnisse zu versetzen, wurde
' er zum König eines bestimmten Landes He-
1 racl. de Incred. 28 ßccGilsvg zmv zoncov säet- 30
vcov. Dieses Land war natürlich vor allem
Thrakien : Eustatli. ad Dionys. Perieg. 424
ßactZEvs r)v ©paaryg, speziell die Landschaft
i am Strymon, weshalb er ZzQvyoviog Kall. II.
\ Del. 26 und Sohn des Strymon Schol. Apoll.
Bhod. 1,211 genannt wird; oder am Pangaion,
wo er nach Vater. Flacc. Arg. 1, 575 eine
Burg hat; oder er heifst Edonus Verg. Aen. 12,
365, Sithonius Ov. Her. 11, 13, Odrysius Sil.
Ital. Fun. 7, 570, Geticus Stat. Tlieb. 12, 631, 40
und sogar mit Erweiterung Thrakiens zum
Nordland Scythicus Luc. Phars. 5, 603 (voll-
ständige Stellensammlung hierfür bei Stephani
Memoir. de V Acad. de St. Peter sh. 7. Ser.
Boreas und die Boreaden S. 4). Schliefslich
gewinnt aber doch wiederum die Mythenbil-
1 düng die Oberhand, indem sie ihn an die Rhi-
päischen Berge versetzt, Val. Flacc. Arg. 2,
516, die von den qu img Bogsao ihren Namen
haben (s. Preller 2 1, 369. Roscher, Hermes 20), 50
und in das hinter denselben liegende Fabel-
land der Hyperboreer (vgl. M. Müller, sprach-
\ wiss. Vorl. v. Böttger 2, 9) in Hyperhoreis mon-
tibus, unde est origo venti Boreae Sero. ad Aen.
10 , 350. 12 , 366. Dort war der eigentliche
mythische Aufenthalt, die Höhle des Boreas,
Plin. N. H. 7, 10: ab ipso Aquilonis cxortu
specuque ejus dicto, quem locum yf/g v.lii&Qov
appellant (die von Plinius hier genannten Ari-
maspen sind auch sonst mit den Hyperboreern «0
gleichbedeutend, z. B. Kallim. II. Del. 291)
und Schol. Apoll. Bhod. Arg. 1, 826 ßo&Qov
txvificov oDrjzrjQiov. Schon Sophokles kennt die
Höhle des Boreas als den Ort, wo seine Toch-
ter Kleopatra erzogen wurde, Ant. 983 : zt/Xe-
nÖQOig ö’ iv ccvzQOig ZQcccprj &veXXcugiv tv na-
-rpwcag; ebenso bei Sil. Ital, Pun. 8, 513 sein
I Sohn Kalais Geticis in antris. Bei Kallim. H.
Del. 63 stellt Ares, während er auf dem Gip-
fel des thrakischen Härnus Wache hält, seine
Pferde in die siebengrottige Höhle GTiiog tnzu-
fiv%ov Boqsuo, und von Agatlionlj) Ps.-Plut. de
fluv. 14, 5 wird diese Höhle der kälteste Ort
genannt. Offenbar ist zunächst an eine Berg-
hohle zu denken, der Art, wie Vergil die Höhle
des Aeolus beschreibt; es ist der Ort, den
sich die mythenbildende Phantasie ausdenkt
10 als Antwort auf die Frage, wo denn der Wind
4 sich birgt, wenn er plötzlich verschwindet, wo
er verbleibt, bis er wieder zu wehen beginnt.
Wenn aber auch in der griechischen Mytho-
logie, wie in der indischen und germanischen,
unter der Berghöhle, eine Wolkenhöhle zu ver-
stehen sein sollte, vgl. Roscher, Hermes 21, 106.
Schioartz, Poet. Naturansch. 2, 54 f. , so wäre
es doch wohl die Höhle, wo der Wind die
Boreas und Oreithyia (Vasenbild nach Gerhard,
Etr. u. C. V. 26; vgl. unt. S. 808).
W olken verbirgt , wenn er sie plötzlich ent-
führt , und woher er sie wieder hervorholt,
wenn er sie hertreibt, eine Anschauung, die
sich aus der Gleichsetzung von Wolke und
Rinderherde (vgl. Roscher a. a. O. 44) und der
ebenfalls in alten Sagen vorkommenden Sitte
diese in Höhlen zu bergen leicht ergiebt. Die
Gegend des tzizcqiviov cnsog ist sodann wohl
auch mit den sehr altertümlichen Ausdrücken
gemeint, mit welchen Sophokles in seiner Orei-
thyia den Ort bezeichnet, wohin Boreas die-
selbe entführt, Frgm. 658: sn EG%ura %D°
vog vvszog ts mjyocg ovgavov z’ avanzv^ag,
26 *
807
Boreas (als Person)
Boreas (als Person)
808
@oißov nalcuov y.rjTtov , indem (oLV(x)7iTV%ttL
gleichbedeutend mit (£nrd)[iv%os sein dürfte
(vgl. die Ausführungen Biltlieys, Arch. Ztg. 31
S. 94), und die tcxccra i&ovog dem yrjg nXsi-
&qov des Plinius entsprechen. Es ist der
Ort im äufsersten Nordosten, wo die Sonne
sich verbirgt und wieder hervorkommt, wo
Tag und Nacht sich scheiden. Deshalb sind
auch Boreas, Zephyros und Notos bei Hesioä
Tlieog. 378 (vgl. auch 869) die Söhne der Eos, io
welche diese dem Astraios , dem gestirnten ^
Himmel, geboren hat, weil die Winde sich
mit Sonnenaufgang und infolge dessen erheben,
Theophr. de vent. 15. Ar ist. Met. 2, 5; vgl.
die Beobachtung von Jio/'s , Inselreisen 1, 20:
„als der Boreas , wie gewöhnlich nach Son-
nenaufgang, seine Kraft wieder erneute.“ Da-
er in Dunkel gehüllt, mit fulvis alis , und
während er über die Berggipfel schwebt,
schleift er seinen langen Mantel am Boden
nach, dafs der Staub auffliegt; ein grofsar-
tiges Naturbild , dessen sämtliche Züge auf
die Wolken deuten, mit welchen er im
Sturm einherfährt, besonders auch der Man-
tel, s. Roscher, Hermes S. 113. Einen sol-
chen bis auf die Füfse reichenden Mantel hat
er auf dem Vasenbild bei Gerhard, A. V.
152, 3, während ihm sonst der für seine
rasche Bewegung geeignetere kurze Chiton
eigen ist. Nach einer Nachricht bei Lukian
Timon 54 stellte Zeuxis den Boreas bärtig,
her schreibt sich end-
lich auch die Bezie-
hung des Boreas zu
Apollon, dessen Prie-
sterschaft seine Söhne
bei den Hyperboreern
und seine Töchter auf
Delos verwalten (siehe
oben S. 803).
Erleichtert wurde die
Personifikation durch
die Neigung, sich die
schnelle Bewegung
durch die Luft als ein
Fliegen zu denken,
weshalb sämtliche
Windgötter z. B. am
Turm der Winde ( Mil -
lin G. M. Taf. 75 —
77), darunter auch Bo-
reas, mit Flügeln ver-
sehen wurden. Dafs
FI o m e r noch keine be-
flügelten Winde kennt.
Boreas hält Oreithyia umfafst (Vasenbild nach Monuments
Grecs I, 1874. Taf. 2).
mit struppigem Haar
und hinaufgezogenen
Augenbrauen dar, dazu
■uzccvädes ßlsncov. Da-
mit stimmen die Va-
senbilder vollkommen
überein: fast immer,
nur mit einer Ausnah-
me, erscheint er bärtig,
mit reichem, oft strup-
pigem Haarwuchs, vgl.
Welcher u. Stark a. a.
0. ; selbst der unter
den hochaufgezogenen
Augenbrauen hervor-
dringende wilde Blick
ist b. Gerhard, Etrur. u.
Campan. Vasenbild. 26
— 29 zu erkennen; s. d.
Abbildung dieser Berl.
Vase n. 1602; ob. S.806
u. vgl. Welcher, A.D. 3,
173. Es ist der Ausdruck
seines wilden, heftigen
bemerkt Vofs, myth. Br. 1, 37, und für die 50 und zornigen Sinnes, OvidMet. 6, 685ff. Aeschyl.
Beflügelung des Boreas wären wir erst auf die
späten Zeugnisse des Ovid Met. 6, 703. Trist.
3, 10, 45 u. Val. Flacc. Arg. 1, 578 angewie-
sen, wenn nicht die attischen Vasenbilder der
besten Zeit eintreten würden , auf welchen
Boreas stets beflügelt erscheint, nicht blofs
an den Schultern, sondern meist auch an den
Füfsen wie Hermes, s. Welcher, Annali dell'
Inst. 29 p. 207. Stark, Annali 32 p. 340.
fr gm. 275. Denn auch geistig bleibt er trotz der
Personifikation ganz die Elementargewalt, die
er darstellt, und erhebt sich nicht zum ethi-
schen Charakter, sondern nur zum Temperament.
Auch die Doppelnatur des Boreas, vermöge deren
er bald finstere Wolken herbeiführt, bald sie
wieder verjagt und schönes Wetter bringt, ist
nach der Ansicht Starks auf einem merkwürdigen
Vasenbild Ann. dell ’ Inst. 32 tav. LM. p. 332 ff.
So wird er auch in der Plastik mit grofsen co (s. d. Abbildung S. 809 f.) zur Darstellung ge-
Schulterflügeln gebildet, wie auf der Akrote-
riengruppe von Delos, Furtwängler, Arch. Ztg.
40, 339 (s. u. S. 811). Seinem gewaltigen Flü-
gelschlag schreiben Ovid und Valerius Flaccus
a. a. O. die heftige Bewegung der Luft und des
Meeres zu; nach Onomakritos bei Paus. 1, 22, 7
verlieh Boreas sogar dem Musaios die Gabe
des Fliegens. Bei Ovid Met. 6, 705 erscheint
bracht. Boreas ist hier mit doppeltem Ange-
sicht, das eine vorwärts, das andere rückwärts
gewendet, dargestellt, beidemal bärtig, jedoch
ist Bart und Haar auf dem einen Angesicht
dunkler, auf dem andern heller. Stephani a. a. 0.
S. 12 Anm. 1 bestreitet, dafs das Doppelgesicht
diese Bedeutung haben könne , und sucht es
aus der Nachricht Theophrasts de vent. 28 von
1 809 Boreas (u. Oreithyia)
einer Doppelströmung am Euripus zu erklären,
die daselbst ßogeae und naXiyßogecis genannt
werde. Für beide Auffassungen fehlt es wohl
an einer Analogie; dagegen scheint es, als ob
das Doppelgesicht nach griechischer und rö-
mischer Anschauung den Windgottheiten über-
haupt zukäme, so dem als Doppelherme dar-
gestellten Windgott Hermes und dem Janus,
der ohne Zweifel auch ein Windgott war,
s. Roscher, Hermes S. 125.
3)DerMythus vomRaub derOreithyia.
Jenes heftige Temperament zeigt er ins-
besondere in dem Mythus, durch den er in die
älteste Landessage Attikas verflochten ist und
dem er vornehmlich die Ausbildung seiner
mythischen Persönlichkeit durch die Darstel-
lung in der Kunst und Poesie verdankt. Des
Erechtheus Tochter Oreithyia spielte mit ihren
Gefährtinnen am Ufer des Ilissos , indem sie
tanzte oder Blumen pflückte: da erschien Bo-
reas, raubte die Jungfrau und trug sie durch
Boreas (u. Oreithyia) 810
Hermann praef. 17. Am bedeutendsten ist die
Abweichung von der attischen Gestalt der
Sage bei Akusilaos: er läfst sie als Kanephore
auf die Akropolis gehen ftvovoav r fj noXiadi
’A^rjvä und dort von Boreas geraubt werden.
Ohne Zweifel aber soll diese Version durch
Q-vovaa v nur den Namen, der deshalb auch
’Rgi&va geschrieben ist, erklären, s. Welcher
a. a. 0. S. 148. Als den Ort, wohin Boreas
die Jungfrau entführte, nannte Simonides,
Pherekydes und Apollonias Bhodius den Sar-
pedonischen Felsen in Thrakien , vielleicht
wegen des Anklangs dieses Namens an ctg-
7t<x£ü3 , Welcher a. a. 0. S. 147. Ovid Met. 6,
170 nennt allein die thrakische Völkerschaft
der Kikonen. Von den näheren Umständen
bei dem Raub ist wenig die Rede: die in der
Erklärung Platons als anwesend genannte Phar-
makeia bleibt auch nach der Deutung Welchers
a. a. 0. S. 152 ff. noch rätselhaft; dagegen sind
auf der Münchener Vase 376 anwesend und mit
Boreas (doppelköpfig) verfolgt Oreithyia (Yasenbild nach Ann. clell' Inst. 32, tav. L. M; vgl. S 808 Z. 61).
die Lüfte fort in seine thrakische Heimat, wo
sie seine Gattin wurde und ihm die beiden
Söhne Zetes und Kalais gebar. So erzählte
man nach Platon Phaedr. 229 B die Sage in
Athen, welche auch Äschylos und Sophokles
ihren Tragödien „Oreithyia“ zu Grunde legten,
vgl. Welcher, a. D .3 p. 155. 176. Das älteste
Zeugnis ist die Darstellung auf der Lade des
Kypselos , Paus. 5, 19, 1: Bogeag ygizctKcog
SlgeL&viav. Sodann beschäftigten sich die älte-
ren Dichter und Geschichtschreiber damit: Si-
monides, Choirilos, Pherekydes, über deren An-
sichten das Schol. Apollon. Bhod. Arg. 1, 211
berichtet, und cler Logograph Akusilaos, Schol.
Odyss. 14, 533; ferner Apoll. Bhod. Arg. 1,
211ff. Apollodor 3, 15, 1 und zahlreiche Spä-
tere (vergl. die Stellensammlung bei Stephani
a. a. 0. S. 6, 7). Die Abweichungen sind im
ganzen nicht von Bedeutung: statt des Ilissos
nennt Choirilos den Kephisos, Simonides viel-
leicht den Brilessos (Hdschr. ßgdiaaov, was
Welcher a. D. 3, 149 = ’llicaov nimmt); in
der Platonischen Stelle ist der Zusatz r)
’Ags Cov nccyov etc. als Glossen! erkannt, s. C. Fr.
Namensinschrift bezeugt: Herse, Pandrosos,
Kekrops, Aglauros, Erechtheus. Ovid Met. 6,
682 läfst Boreas zuerst iu aller Form um sie
werben , und erst wie der gegen die Thraker
eingenommene Vater sie ihm versagt, schreitet
er zornentbrannt zum Raub; ohne Zweifel .nach
Äschylos, vgl. Welcher S. 176. Völlige Über-
einstimmung mit den Schriftstellern zeigen die
Vasen mit dem Raub der Oreithyia, welche
vermöge ihres Stils sämtlich der Zeit nach
den Perserkriegen angehören , vergl. Stark
a. a. S. 323. Es Anden sich hauptsächlich zwei
Momente dargestellt: auf den meisten verfolgt
er die fliehende Oreithyia, auf andern (München
376 u. Berlin 1602) hält er die Fliehende mit
unentrinnbaren Armen umfafst (Beispiele bei
der Gattungen geben obige Abbildungen S. 806 f.),
vgl. Welcher, Annali 29 S. 207. Stark, Annal.
32 S. 341. Stephani a. a. 0. S. 8 zählt 25 Vasen
und ein Relief. Die Plastik des entwickelten
Stils, durch eine schöne Gruppe auf Delos ver-
treten (hier nach der Rekonstruktionszeichnung
Furtwänglers , Arch. Ztg. 40, 339 abgebildet,
siehe S. 811), folgt der letzteren Auffassung.
811 Boreas (Deutung)
Eigentümlich ist die Darstellung bei Welcher,
a. D. 5, 328 Tat. 21, auf welcher Boreas Orei-
thyia zu Wagen entführt.
4) Deutung der Mythen des Boreas.
Das räuberische Wesen , die Eigenschaft,
Menschen und Dinge mit sich fortzureifsen,
hat Boreas mit den anderen Winden gemein.
Von einem spurlos Verschwundenen sagte man,
die frvsllcu oder usXXca hätten ihn geraubt,
und die Harpyien sind nach Bedeutung und
Namen (aQTCvux eine Participialendung von
aQ7t -ä£co nach TJsener, Rhein. Mus. 1868 p. 333)
nichts anderes als eine Personifikation der da-
hinraffenden Stürme. Diese Raublust, welche
nicht blofs in der griechischen und römischen
Mythologie (vgl. Roscher, Hermes 39. 40) son-
dern auch in der deutschen ( Mannhardt , Ant.
Wald- u. Feldkulte S. 93ff. Schwartz, Poet.
Naturanscli. 2 S. 53) den Windgottheiten eigen
ist (auch das Schmausen der Winde gehört
dahin, von Boreas W 200, vergl. Mannhardt
a. a. 0. S. 94), zeigt Boreas auch sonst; er ent- 50
führt zur Strafe den Phineus im Wirbelwind
(ozQocpddeoßLv usXXcug) weit fort nach Bisto-
nien und überliefert ihn dort seinem Verder-
ben, Orph. Arg. 680, oder auch den Harpyien,
Serv. Aen. 3, 209; oder er blendet ihn nach
Apollod. 1, 9, 21. Dioel. 4, 44. Serv. Aen. 3,
209, wie der Wind in der mährischen Sage,
Mannhardt a. a. 0. 94; die Pitys stöfst er aus
Eifersucht von einem Felsen und tötet sie,
Mythogr. Gr. ed. Westermann p. 381; aus glei- 60
ehern Grund den Hyakinthos , Myth. Vat. 1
n. 117, so dafs er allerdings nach dieser Seite
hin wie auch andere Winclgottheiten ( Roscher ,
Hermes S. 58) einem Todesdämon nahezukom-
men scheint, wenn man ihn auch mit Unrecht
geradezu zu einem solchen gemacht hat, vgl.
Welcher , a. I). 3 , 166. Auch die Sagen von
Rauh und Verfolgung von Jungfrauen sind
Boreas (Deutung) 812
auf atmosphärische Vorgänge zurückzuführen.
Wenn Apollon. Rhod. 1, 218 erzählt, dafs Bo-
reas die Oreithyia in einer Umhüllung dunk- 1
ler Wolken umarmte, woraus die Windgötter
Zetes und Kalais entsprangen; wenn er sie
nach dem Sophokleischen Fragment No. 658
an die Quellen der Nacht, des Phoibos alten
Garten trug, und sie fortan nach Soph. Ant. 983
in seiner Windhöhle mit ihm weilt; oder wenn
io Boreas nach Ps.-Plut. de fluv. 5, 3 aus Lie- I
besbegierde Chloris, die Tochter des Arkturos,
raubt und mit ihr auf der Höhe des Niphan-
tes, des Schneebergs, der deshalb Boqsov xoltt],
des Boreas Ehebett, heifst, den Sohn Hyrpax
erzeugt, so weisen diese mythischen Lokalitä-
ten ebenso deutlich auf Naturereignisse hin,
wie die oben angeführten Sagen vom Beilager
des Boreas mit der Harpyie oder mit derWol- I
kengöttin Erinys, wovon diese die Gewitter-
bö rosse gebiert. Wenn die Winde sich tummeln
und einander jagen, so verfolgt in der deut-
schen Sage der wilde Jäger d. h. der Sturm
die fahrende Frau , seine Buhle , die Winds- / jj
braut, Mannhardt a. a. 0. S. 93 f. 206. Schwartz ,
Urspr. 159 und Poet. Nat. 2, 62: Wenn der
Sturm der Windsbraut nachjagt, so wird das
als ein Buhlen und Ent- j
führen des weiblichen 1
Wesens aufgefafst, oder
als Brautzug, Mann-
hardt a. a. 0. 39. 96. li
Denn die Winde sind >"
buhlerisch nicht blofs in
der deutschen Mytho-
logie, Mannhardt a. a. 0.
S. 131. 171, sondemaucli i
in der griechischen: au- <|.
fser den genannten Lie-
besabenteuern wird von
Boreas’ Liebe zu Hya-
kinthos, Mythogr. Vat.
1 n. 117, zu Chione,
Aelian de nat. anim.
11, 1 und zu Pitys er-
zählt, der personificier-
ten Fichte, um die er,
durch ihre Zweige sau-
send, wirbt, Mythogr. Gr.ed. Westermann p. 381,
vgl. M. Müller, Essays 2, 142. Deshalb wird er
auch Porphyr, antr. nymph. 26. 28 eQconxog ge-
nannt und mit Hinweisung auf seine Begünsti-
gung der Fruchtbarkeit und Zeugung Tgoepigog.
So wäre also nach Analogie jener griechischen
und deutschen Sagen Oreithyia, wenn sie auch
in die attische Königsgeschichte verwoben ist,
ursprünglich ein dem Boreas verwandtes weib-
liches Wind wesen, wie es leicht aus den weib-
lich gedachten usXXca und entstehen
konnte, die als das sanftere Wehen dem civs-
gog zur Seite treten. Darauf scheint auch der
Name ’&qsi&vicc hinzuweisen, welcher freilich
verchiedene Deutungen erfahren hat. Schon
das Etym. M. p. 823, 43 erklärt ’SIqsi&vicc
71UQCC TY]V CQS L äoTlXTjV XDCL TO ftvCO , TO OQflÖ),
yivSTCll (OQStövUX, juxt’ SXTUGIV TOV o slg (0,
also „Bergdurclistürmerin“. Dieser Erklärung
sind gefolgt Welcher, a. D. 3, 154, indem er
die Dehnung des o zu erklären sucht und eine
Boreas Oreithyia raubend, Akroteriengruppe aus Delos; vgl. S. 810 unt. (Arch. Ztg. 40, 339).
813
Bormanicus
814
Boreas (Kult)
OPEI0TA auf einer Vase anführt, Gerhard ,
a. V. 3 S. 9; Pott, Kuhns Zeitschrift 8, 435;
Mannhardt a. a. 0. S. 206 ; Stephani a. a. 0.
6; Meyer in Gurtius ' Studien zur griech. u. tat.
Gramm. 5 , 93 : ’Slgsi&via aus ’Slgsai-d'via.
WörnerS Ableitung von töpiico, sprachwissensch.
Ahhdl. aus Curtius' grammat. Gesellsch. 1874
p. 120 hat wenig Wahrscheinliches. Welcher
hat jedoch später Griech. G.-L. 3, 70 für den
ersten Teil des Namens eine andere Ableitung
aufgestellt , von opa> , opoopa. Neben diesem
hat freilich ein zweites Verbum &vco wenig
Wahrscheinlichkeit, weshalb Useners Annahme
I (Rhein. Mus. 1868 p. 333) einer Nebenform
oqs&co zu oqvvgi, wobei die Endung via blofs
als Paiticipialendung aufzufassen, ansprechen-
der ist. Welcher zog die Ableitung von_ opw
offenbar deshalb vor, um den Namen in Über-
einstimmung zu bringen mit der früher von
i ihm a. D 3, 156 aus der Erklärung der Hc-
! siodischcn Stelle Op. et dies 547 ff. hergeleiteten
Bedeutung der Oreithyia, die mit den Bergen
nichts zu thun hat. Es wird daselbst ein at-
mosphärischer Vorgang beschrieben, wonach
der Boreas die fruchtbare Morgenluft, welche
aus dem Flusse Wasser anzieht, im Windes-
sturm , dvsfioio ftvillr] , hoch über die Erde
j entführt. Hierin erkannte W elcher die Ur-
i sache zur Entstehung des Mythos vom Raub
der Oreithyia, indem er sie jener Thyia bei
Herod. 7, 178 gleichsetzt, der Tochter des
Flufsgottes Kephisos in Boiotien, welche den
fruchtbaren Morgenhauch in der Flufsniede-
rung bedeute. Diese Erklärung Welchers hat
lebhafte Zustimmung gefunden von Gerhard,
> A. V. 3, 9. Stark, Annal. 32 S. 332. Preller 2
2, 149. Roscher , Herrn. 40. Da man bei die-
ser Erklärung doch wohl an eine sichtbare
Erscheinung, an Wasserdünste oder Nebel zu
denken hat (Preller a. a. 0.: „Oreithyia ist •
der Morgennebel“), so würde damit der Orei-
thyiamythos in die Reihe der Nebelsagen zu
stellen sein, in welchen ein Nebelfräulein von
einem Jäger verfolgt, d. h. der Nebel durch
i den Wind entführt wird, was auch von Laist-
, ner, Nebelsagen S. 113. 278 geschehen ist. Ab-
gesehen von den sprachlichen Unklarheiten
I der hesiodischen Stelle, welche von den Er-
klärern verschieden gedeutet werden, ist daran
zu erinnern, dafs Hesiod doch wohl zunächst
; von einer Naturerscheinung in Boiotien spricht.
Ob dieselbe auch auf die attische llissosebene
zu übertragen ist, miifste doch erst aus alter
oder neuer Beobachtung erwiesen werden, in
ähnlicher Weise , wie Laistner seine Nebel-
sagen an örtliche Vorgänge anknüpft. Gegen
die Erklärung Forchhammers , Hellenika S. 85
(Oreithyia eine „Heroine der Wasserdämpfe“)
die dies zu leisten scheint, s. Welchers Bemer-
kungen a. I). 3, 157. Jedoch schliefsen sich
die beiden Auffassungen der Oreithyia als
Wind- oder als Nebelwesen keineswegs gerade-
zu aus , da diese Erscheinungen durch den
Mittelbegriff Dunsthauch in einander übergehen
können und beide Erklärungen auf demselben
Prinzip beruhen.
5) Kultus des Boreas.
Am entschiedensten ist die Personifikation
des Boreas in seiner Verehrung durch Gebet
und Opfer ausgesprochen, welche auch andern
Winden zuteil wurde, vergl. Welcher, Kleine
Schriften 3, 57 — 63; [Stengel im Hermes 1881,
349 f. ]. Bei Homer W 195 wendet sich Achil-
leus , da der Scheiterhaufen des Patroklos
nicht brennen will, an Boreas und Zephyros
um Hilfe mit Opferversprechen und Spende.
Viel erwähnt wird die Hilfe , welche Boreas
i auf die Anrufung der Athener mit Opfer und
Gebet im Krieg gegen Xerxes leistete, indem
er bei Chalkis die persischen Schiffe vernich-
tete, Herod. 7, 189. Paus. 1,19,5. Die Athe-
ner, sagt Herodot weiter, schrieben dies ihrer
Verwandtschaft mit Boreas zu und errichteten
ihm den auch von Platon erwähnten Altar
am llissos. Ebenso sollte er Megalopolis von
drohender Eroberung gerettet haben, Paus. 8,
27, 14, weshalb er dort ein Heiligtum hatte
und mit jährlichen Opfern wie ein rechter
Gott verehrt wurde, Paus. 8, 36, 6. Thurioi,
eine athenische Kolonie, bewahrte er vor der
Kriegsflotte des Dionysios, Ad. V. H. 12, 61,
weshalb ihn die Thurier zu ihrem Ehrenbürger
ernannten, ihm Haus und Grundstück zuteilten
und ihm jährlich opferten. Dafs man ihm
aber auch zur Beschwichtigung seiner vernich-
tenden Gewalt Opfer darbrachte, sehen wir
aus der Erzählung Xenoph. An. 4,5,3. In
Athen scheint nach Hesych. s. v. Bogsaogoi
ein Fest für Boreas bestanden zu haben, das
besonders in einem Schmaus bestand, vielleicht
eine Erinnerung an die schmausenden Winde;
ob anzunehmen ist, dafs damit auch Gesänge
verbunden waren, hängt von der zweifelhaften
Lesart der Stelle ab , vgl. Welcher , Kl. Sehr.
3, 58 mit Stephani a. a. 0. S. 2. [Rapp.]
Bores (Boqrjs), Hund des Aktaion, Bergh,
P. L. fr. ad. 39, 9. Apollod. 3, 4, 4. Vergl.
Borax. [Steuding.]
Borias, auf einer Inschrift zu Pola in Istrien,
C. I. L. 5, 7 : Euangelus colonorum Polensium
Boriae v. s. I. m. , der personificierte heftige
Nordwind, der noch jetzt in diesen Gegenden
Bora genannt wird, vgl. Boreas. [Steuding.]
Borios (Böpios), beigeschriebener Name eines
Meergottes(?) auf einem bei Toulouse gefunde-
nen Mosaik: C. I. Gr. 6784. [Roscher.]
Bormanicus, celtischer Gott einer Heilquelle
zu Caldas de Vizella bei Guimaraens in der
Nähe von Oporto, wo ihm zwei Inschriften
geweiht sind, C. I. L. 2, 2402: Medamus Ca-
mal(i ) Bormanico v. s. I. m. und 2403: C. Pom-
peius Gal(eria) Caturonis f(ilius) Rectugenus
Uxsamensis deo Bormanico v. s. p. s. etc. Als
Kultstätten ähnlicher Gottheiten zu betrachten
sind die Städte Borma am Rhein, Bormanni
in. Gallia Narbonensis, Bormio mit dem alten
Martinsbad, die Aquae Bormonis jetzt Bour-
bon FArchambault in Bourbonnais, Bourbon-
Lancy, Bourboule und die Bormiae aquae (Cas-
siod. Var. 10, 29) am Bormia (jetzt Bormida
in Montferrat). Vergl. auch die Quellgotthei-
ten Bormonia, Borvo, Borvonia. Alle gehen auf
den Stamm bor = bar wallen, fervere zurück, der
sonst im Celtischen nicht mehr nachweisbar zu
sein scheint , aber germanisch (Born etc.) in
derselben Bedeutung erhalten ist. [Steuding.]
815 Borraonia
Bormouia, celtische Göttin der Heilquelle
zu Bourbon-Lancy auf einer Inschrift daselbst,
Orelli 1794: G. Iulius Eporedirigis. f. Ma-
gnus pro L. Iulio Caleno. filio Bormoniee (jeden-
falls = Bormoniae ) Damonae vot. sol. Siehe
Bormanicus. [Steuding.]
Bormos {Bcoggog, Bcogigog), Sohn des Upios
oder Titias (Tiriocg, Trzvog, Tizvog), ein Ma-
riandyner, ein schöner Jüngling, der, als er
einst den Schnittern Wasser aus einer Quelle 1
holte, plötzlich verschwand {vvgcpölgnzog lies.),
oder auf der Jagd umkam , und dessen Tod
man in der Erntezeit mit Klaggesängen unter
Begleitung des einheimischen avlog {ßcoggor)
feierte, Athen. 14, 3 p. 620a. Poll 4, 7, 54.
Schot. Apoll. Bhod. 1, 1126. 2, 780. Schot.
Aescli. Pers. 937. Schot. Eustath. zu Dionys.
Perieg. 791. lies. s. v. Bmngov. Müller, Or-
chomenos S. 293. Dorier 1 S. 347. Nauck im
Philol. 12 S. 646. Welcher, Kl. Sehr. 1 S. lOff. 2
0. Kämmet, Uerakleotika (Plauen i. V.) S. 12 ff.
[Schultz.]
Boros ( Bägog ), 1) Sohn des Perieres, Ge-
mahl der Polydora, einer Tochter des Peleus
und der Antigone, II. 16, 177. Apollocl. 3, 13, 1
(vgl. die abweichende Genealogie Apollocl. 3,
13, 4). — 2) Sohn des Penthilos, Enkel des
Periklymenos, Vater des Andropompos, Paus.
2, 18, 7, oder Vater des Penthilos und Sohn
des Periklymenos, Schot. Platon, p. 376. — B) 3'
ein Maionier, Vater des vor Troja von Ido-
meneus getöteten Phaistos aus Tarne, II. 5,
44. [Schultz.].
Borvo , celtische Gottheit einer Heilquelle
auf einer Inschrift bei Orelli 1974, 1 und einer
solchen aus Bourbonne-les-Bains , das selbst
darnach genannt ist, Or. -Benzen 5880: Deo
Apollini Borvoni et Damonae C. Daminius
Ferox. civis Dingonus. ex voto, wo Borvo als
Beiname des Apollo Medicus erscheint , der 4
auch sonst bei Heilquellen verehrt wurde
(s. Preller Jordan, R. 31. 3 1 p. 302, 1). Vgl.
Ann. cl. Inst, archeol. 1845 p. 101 und Bor-
vonia, Bormanicus. [Steuding.]
Borvonia, celtische Göttin einer Heilquelle
auf einer Inschrift bei Orelli 1974, von der er
nur die Worte: Borvoniae et Damonae an-
führt. Siehe Borvo und Bormanicus.
[Steuding.]
Borysthenes {BoQvG&svrjg), Vater des Thoas, 5
zu dem Artemis die Iphigeneia entrückte, An-
ton. Lib. 27. [Schultz.]
Botachos ( Bwraxog ), Sohn des lokritos, En-
kel des Lykurgos, nach welchem der tegea-
tische Demos Botachidai {Paus. 8, 45, 1 JTco-
tuiCdcu) benannt sein sollte, Steph. Byz. s. v.
B(oxa%idcu. [Schultz.]
Botres ( Bozqgg ), Sohn des Eumelos von The-
ben. Als sein Vater, ein eifriger Diener Apol-
lons, einst opferte, verzehrte Botres das Hirn 6
des Opfertiers, ehe es auf den Altar gelegt
war, wofür ihn sein Vater im Zorn mit einem
Feuerbrande erschlug. Apollon erbarmte sich
des wehklagenden Vaters und verwandelte den
Knaben in einen Vogel Aeropos, der in einem
unterirdischen Neste brütet und immer flattert,
Anton. Lib. 18. [Schultz.]
Botrys {Bozqvg) , Sohn des Stapliylos , ein
Branchos 816
Assyrer, Verehrer und Begleiter des Dionysos
b. Norm. D. 18, 7 fl. u. ö. [Roscher.]
Braciaca, celtisclier Beiname des Mars auf
einer Inschrift aus der Nähe von Bakewell bei
Chester, C. I. L. 7, 176: Deo 3Iarti Bracia-
cae Q. Sittius Caecilian{us) praeflectus) coh{or-
tis) 1 Aquitano{rum) v. s. In Bezug auf den
Stamm des Wortes ist vielleicht der Name der
Bracari im Westen von Hispania Tarraconen-
sis zu vergleichen. Es dürfte derselbe ent-
weder auf das gräco-italische brakio = bra-
chium oder auf das im Celtischen sonst frei-
lich nicht nachweisbare barlc = schallen, lär-
men {Fiele, vergl. Wörterb. 3, 206) zurückzu-
führen sein. Die Ableitungssilbe iac- kommt
in gallischen Namen sehr häufig vor {Zeufs,
gr. Gelt. p. 806). [Steuding.]
Braisia {Bgcuoia, v. 1. Bqccgi 'a), Tochter des
Kinyras und der Metharme, Schwester des Ado-
nis (s. d.) u. Oxyporos aus Kypros. Vom Zorne
der Aphrodite verfolgt , starb sie und ihre
Schwestern Orsedike und Laogore in Ägypten,
da sie Umgang mit fremden Männern gepflo-
gen, Apollod. 3, 14, 3. Mannhardt, Wald- u.
Feldkulte 2 S. 283 versteht die Stelle so, dafs
die drei Schwestern sich dem Willen der er-
zürnten Aphrodite gemäfs fremden Männern
preisgegeben hätten und sieht in der Sage
eine ätiologische Begründung der beim Ado-
nisfest üblichen Sitte. [Schultz.]
Branchiades {BQayxuxSgg) , Beiname des
Apollon. Metrod. bei Lactant. zu Stat. Theb.
3, 478. S. Branchos. [Steuding.]
Brancliidai s. Branchos.
Brancliios {Bquyxco g), Beiname des Apollon,
Orph. hymn. 33, 7. S. Branchos. [Steuding.]
Branchos (Bqdyxog), der Heisere, vgl. Et.
M. s. v. ßQay%ictt;(o und ßg6y%og , Schwenck,
Etym.-mythol. Andeut. S. 157. Stra.bo p. 421.
634. Con. 33. 44. Lactant. zu Stat. Theb. 8, 198.
Gesner, Gomment. Soc. Gott. 4 p. 121. Ionian
antiquities T. 2, besonders Müller, Dorier 1,
225 ff. II. Geizer, de Branchidis Leipzig 1869.
Preller, Gr. Myth. I2, 226. 22, 482. Branchos,
ein Prophet zu Didyma oder Didymoi bei Milet,
18 Stadien landeinwärts vom Vorgebirge Posei-
dion, legte daselbst ein Heiligtum des Apol-
lon mit ähnlichem Kultus wie beim delphi-
schen Orakel an; der didymäische Apollon ist
mit dem delphischen identisch und wird auch
Sshpivcog genannt, Strabo p. 179. Seine anderen
Beinamen <MXcog {Con. 33) und hh!i<nog (. Plin .
n. h. 34, 75) weisen auf seine Beziehungen zu
Branchos hin. Dieser nämlich, ein Sohn des
Delphiers Smikros und einer Milesierin, wurde
von Apollon geliebt, und mit der Gabe der
Weissagung beschenkt. Nach Strabo 9 p. 421
war er ein Nachkomme des Machaireus aus
Delphi, der den Neoptolemos erschlug, was
sich mit der andern Angabe, er sei ein Sohn
des Smikros aus Delphi gewesen, wohl ver-
einigt. Wenn er endlich geradezu ein Sohn
des Apollon selbst genannt wird, so will das
eben nichts anderes sagen, als dafs er seine
prophetische Gabe dem Apollon verdanke.
Alle diese Überlieferungen vereinigen sich
dahin, dafs das didymäische Orakel durch sie
in eine bestimmte Abhängigkeit von dem del-
817 Brangas
phischen gesetzt wird, wie dies ganz ähnlich
bei dem benachbarten klarischen Orakel durch
die Ehe des kretischen Propheten Rhakios mit
der dem delphischen Gott geweihten Manto
geschehen ist. — Der Name Branchos deutet
seine Thätigkeit als Prophet an Quint. Inst,
orat. 11, 3 S. 305: „Est interim et longus ct
plenus et clarus satis Spiritus, non tarnen fir-
mae intentionis idemque tremulus. Id ßgäyxov
Graeci vocant. Dies ist genau die Stimme en-
thusiastischer Priester und Propheten“ Anm. 3
bei Mittler, Dor. 1 S.225. Welcher zu Seine ende,
etym.-myth. And. S. 334. Conon 33 erklärt den
Namen Branchos aus jenem Traum , den die
Mutter des Branchos bei der Geburt hatte:
„ott o r\Xiog avzrjg diu zov ßgay%ov üisjj-
rjl&sP Über das Alter des didymäischen Ora-
kels giebt Paus. 7, 2, 4 die Nachricht, dafs
es älter sei als die ionische Einwanderung,
womit sich vortrefflich die Angabe des Strabo
vereinigt, dafs das alte Miletos eine kretische
Gründung sei ; denn von Kreta aus verbrei-
tete sich der Apollonkult über die östlichen
Küsten des Aegäischen Meeres, Müller, Do-
rier 1, 216ff.
Die nach Branchos patronymisch benannten
Brancliiden versahen den Dienst des Heilig-
tums, das sich grofsen Ansehens erfreute und
sehr reich war, Herod. 1, 46. 92. 157. 2, 159.
5, 36. Con. 33. Als Xerxes auf seinem Rückzug
die Tempel der griechischen Städte verbrannte,
lieferten die Branchiden die Schätze des Got-
tes aus , zogen mit den Persern davon und
wurden in Persien angesiedelt, Str. 634. Die
Strafe des Verrats traf erst ihre Nachkommen
durch Alexander d. Gr., der sie alle töten und
ihre Stadt von Grund aus zerstören liefs, Cur-
tius 7, 28 ff. Nach der persischen Zerstörung
wurde das Heiligtum aufs grofsartigste wieder
aufgebaut, Strabo a. a. 0., wovon noch heute
die Ruinen Zeugnis geben. Die Ausgrabungen
Newtons haben auch Statuen eines sehr alten
Stils zu Tage gefördert, welche, über 60 an
der Zahl, den heiligen Weg vom Hafen Panor-
mos zum Tempel umrahmten, Newton, Discov.
at Halicarnass etc. 2, 2. Overbeck, Gr. Plast.
I3 S. 93 f. Fig. 11. Dieselben stellen übrigens
nicht Gottheiten, sondern männliche und weib-
liche Personen dar, die ihre Statuen dem Hei-
ligtum weihten. Inschriften und Stil weisen
dieselben der Periode vom Ausgang der 50er
bis in die zweite Hälfte der 60er Olympiaden
zu (ungef. 540 — 510 v. Chr.).
Branchidae hiefsen jedoch nicht nur die
Priester, sondern auch das Orakel selbst und
der Ort desselben. [Weizsäcker.]
Brangas (Bgüyyczg), Sohn des thrakischen
Königs Strymon, Bruder des Olynthos. Als
dieser auf der Jagd durch einen Löwen um-
kam, liefs ihn Brangas, wo er gefallen, bestat-
ten imd benannte später die Stadt Olynthos,
die er in Sithonia erbaute, nach ihm, Conon
4. [Schultz.]
Brar oder wahrscheinlicher Br. Ar.. Bei-
namen des Iuppiter auf einer Inschrift aus
Brescia, C. I. L. 5, 4233: Iovi Br. Ar. (nach
Manutius, oder Brar nach liossi ) || P. Apidius.
i P. L || Omuncio || v. s. I. m. Labus, Mann.
Briareos 818
Bresc. p. 16 ergänzt Brario. Da die Inschrift
zu Brixia gefunden ist , dürfte Br. vielleicht
zu Brixiensi zu ergänzen sein; in Ar. ist mög-
licherweise Arubianus enthalten, das ja auch
mit dem örtlichen Beinamen Bedaius mehr-
fach verbunden ist. [Steuding.]
Brasennus, jedenfalls celtischerGott auf der
Inschrift eines Säulenstückes zu Nobolum bei
Gardone im val Trompia, C. I.L. 5, 4932: Bra-
senno Sex Valerius Primus 1. m. [Steuding.]
Brathy (Bgct&v oder Bgd&v?), bei den Pliö-
nieiern ein die Menschen an Gröf'se weit über-
ragender (d. h. ein baumlanger) Sohn der <Z>4ö£,
die mit ihren Geschwistern I>cog u. IIvq das
Feuer durch Reiben von Holzstücken erfand,
Phil. Bybl. fr. 2, 7 bei Müller , fr. 1t. gr. 3,
566. Nach ihm soll der Berg gleichen Namens
in Phönicien genannt sein. Vielleicht wird
ßpd'frn der Sadebaum wegen der Brennbarkeit
seines Holzes und wegen Verwendung dessel-
ben als Feuerbohrer u. dgl. zum Sohn der
Flamme gemacht. [Steuding. |
Brauron (Bgavgwv) , ein Heros , nach dem
der betr. attische Demos benannt sein sollte,
Steph. Byz. s. v. Bgavgc av. [Schiritz.]
Bremon (Bgipcov), Kreter aus Lyktos, von
Aineias getötet, Quint. Sm. 11, 41. [Stoll.]
Bremusa (Bgipovoa), Amazone, von Idome-
neus erlegt, Quint. Sm. 1, 43. 247. [Stoll.]
Brentos ( Bgevzog ), Sohn des Herakles, nach
welchem Brentesion (Brundusium) am Adriati-
schen Meere benannt sein sollte, Stepli. Byz.
s! v. Bgevxyaiov. Etym. M. s. v. BgsvzgGiov.
[Schultz.]
Bret(t)annos {Bgix(x)ccvvog), Vater der Kelto
oderKeltine (s. d.), Stammvater der Britannen:
Etym. M. 212, 30. Parthen. 30, 1. [Roscher.]
Brettia (Bgszzia), Nymphe, nach der Abret-
tene in Mysien benannt sein soll: Steph. Byz.
(= Suid.) s. v. Aßgezzyrg. [Crusius.]
Brettos ( Bgszzog ), Sohn des Herakles und
der Baletia , nach welchem die tyrrhenische
Stadt gleichen Namens benannt sein sollte,
Steph. Byz. u. Et. AI. s. v. [Schultz.]
Briakchos ( Bgiav-iog ), 1) eine Bakchantin,
Soph. in Etym. AI. 213, 26 und Hesych. s. v.
wo der Name mit y ßgitxgcög laxxagovGa er-
klärt ist. — 2) Satyrname auf Vasen: C. I.
Gr. 7465. 8227. Vgl. auch Roscher , de aspi-
ratione vulg. ap. Graecos in Curtius, Stud. z.
gr. u. lat. Gr. 1, 2 S. 122 u. Heydcmann, Sa-
tyr- u. Bakchennamen 35 f. [Roscher.]
Briareos (BgLugeag, -tco, -eco Zenob. 5, 48).
Die Form Bgiagscog findet sich bei Plato Eu-
thyd. 299 c. Paus. 2, 1, 6 u. 4, 7. Athen. 9,
376. Apd. 1, 1, 1. Plut. am. mult. 6 p. 95 E.
or. def. 18. p. 419 F. Luc. dial. deor. 21, 2.
Dtp. trag. 40. Polemon. decl. 1 , 43. Dio
Chrys. 37, 457 M. Jüngere und dichterische
Form Bgiccgtvg Athen. 6, 224 a. Nonn. Dio-
nys. 39,291. 43, 361. Etym. AI. 213, 24 führt
auch eine Form Bgicegyog , yov, abgekürzt yo,
thessalisch goto an. Vergl. auch Schol. Ap.
Rh. 2, 777. Eine andere Form war ’Oßgiagecog.
Eust. 124, 42. 218, 19. 650, 48. 1395, 56.
Etym. AI. p. 346, 38. Ilcsiod. Theog. 617 u. 734.
Steph. Byz. s. v. Tgiygsg. Curtius, Grdz. 226 u.
714. Lateinische Form nur Briareus, vgl. Stat.
io
20
30
40
50
60
819
Bi’igantia
Briseis
820
Theb. 2, 596. Sen. Here. Oet. 167. Luc. Phars.
4, 596. Die weiteren Stellen, sowie das Mytho-
logische und Genealogische s. u. Aigaion. Der
Name war spriieh wörtlich für alles Riesige und
Ungewöhnliche, Plut. Marc. 17: zov yscogszQi-
v.6v Bquxqhov (d. i. Archimedes). Apost. 9, 98:
Kozzov iGxvQOZBQoq Bquxqsco. Vergl. auch
Athen. Luc., Stat. Theb. a. a. 0. Greg. Naz.
18, 290 a u. Plut. am. mult. a. a. 0., wo er
Brigos (Bptyog), Eponymos und Stammvater
der thrakischen Briger (= Phryger), welcher
sich in Makedonien niederliefs, Steph. Byz. u.
Bgiysg. [Roscher.]
Bruno (Bgiyco) , Beiname 1) der Hekate
(s. d.): Ap. Ith. 3, 861 ff. 1211 u. Schot. Ly-
kophr. 1176 u. Tzetz. Et. M. s. v. Bnigco. Yergl.
Orph. Arg. 17. 431. — 2) der Persephone (s. d.):
Tzetz. z. Lykoplir. 698 u. z. Lies, tgy<x 144. Mehr
mit seinen 100 Armen 50 Mägen speist. Als io bei Benseler, Wörterb. d. gr. Eigenn. u. d. W.
Riese ist er auch der Hüter, der den schlafen
den Kronos auf den Inseln des britannischen
Meeres gefangen hält, Plut. or. def. a. a. 0.
(Bei l)io dir. 37 , 457 M. ist er Schiedsrichter
zwischen Poseidon und Helios bei dem Wett-
streit um Korinth). — 2) Einer der Kyklopen,
(s. d.), Vater des Sikanos und
der Aitna, Demetr. in Schot.
Theolcr. 1 , 65. [Bernhard.]
Brigantia, die eponyme
Göttin des celtischen Staun
mes der Brigantes im nörd-
lichen England und den an-
grenzenden Bezirken Schott-
lands (vgl. Steph. Byz. BqC-
ysg), wird auf mehreren In-
schriften dieser Gegend er-
wähnt; auf einem kleinen
Altar aus Addle bei Leeds,
C. I. L. 7 , 203: Deae Bri-
gan[tiae] . . ., ebenso auf ei-
nem Altar zu Greetland,
westlich von Leeds 7, 200:
THeae) Vict(oriae ) Brig(an-
tiae ) et numiinibus ) A{u)g{u-
storum ) T. Aur(elius) Aure-
lianfus ) etc., auf der andern
Seite: Antonino II et Geta
cos. d. h. 208 n. Chr. ; vom
Walle Hadrians bei Naworth
stammt 7, 875: Deae nym-
phae Brig(antiae ) quod vove-
ratprosal{ute ) ( Futviae Plan-
tillae) domimi) nostri inviciti )
imp(eratoris) M. Auret(ii ) Se-
veri Antonini Pii Felicis Au-
gusti etc.; aus Greatabridge
inRichmondshire, Oretli203&:
Deae Numeriae numini Brig
et Ian und aus Bir-
rens bei Middleby (Cippus
aus dem 2. Jahrhundert)
(J. J. L. 7 , 1 062 : Brigan-
tiae s(acrum ) Amandus arcitectus ex impe-
rio imp. Über der Inschrift steht die geflü-
gelte Göttin, auf dem Haupte einen turm-
artigen, mit Blättern geschmückten Helm, in
der Rechten hält sie eine Lanze, in der Lin-
ken eine Kugel; sie ist mit einer bis auf die
3) der Demeter (s. d.): Giern. Al. Coli. p. 13,
21 Pott. Arnob. adv. g. 5, 20. — 4) der Kybele
(s. d.): Theodoret. Ther. serm. 1, 699. S. über-
haupt Lobeclc, Agl. 587ff. 1213. [Roscher.]
Brisai (Bqigcu), Nymphen, welche den Dio-
nysos, der den Beinamen Brisaios , Briseus
Briseis’ Wegführuug, pomp. Wandgemälde (Overbeck, Bildiu. des thebanisclien
und trojanischen Heldenkreises S. 389).
(s. d.), Breseus führte (vgl. Etym. AI. 214, 4) er-
zogen und den Aristaios (s. d.) die Bienenzucht
gelehrt haben sollen: Heracl. Pont. fr. 9, 2.
Etym. M. u. Hesych. s. v. Eqigcu. Schot. Fers.
Sat. 1, 76. Vergl. Schot. II. 1, 366. Steph.
Byz. s. v. Koiaa und Creuzer , Symbolik3 4,
Piifse herabfallenden Tunica und einem Man- 60 103 f. [Roscher.]
tel bekleidet; links lehnt ein Schild an ihr.
Nach Zeufs, gr. Gelt. p. 86 ist Brigantium von
dem altceltischen brig — altus, subtimis ab-
zuleiten. Iubcc Mauret. bei Hesychius erklärt
Bglysg aus dem Lydischen (?) = Pranken,
Freie , was etwa auf altceltisch brig =
auctoritate praeditus ( Zeufs a. a. 0.) hinweisen
dürfte. [Steuding.]
Briseis (Bnicrfig) , Tochter des Brises aus
Lyrnessos, Gemahlin des Mynes (des Sohnes
des Buenos), welchen Achill erschlägt. Patro-
klos tröstet sie durch das Versprechen sie zur
ehelichen Gattin Achills zu machen. Später
ist sie Lieblingssklavin Achills und Veranlas-
sung zu seinem Streit mit Agamemnon, II. 1,
184. 323. 392. 2, 690 ff. mit Schot. 19, 291 ff.
821
Brises
Quint. Smyrn. 3, 552 u. ö. Sie wird von Ho-
mer stets und meist auch sonst mit dem Patro-
nymikon genannt, hiefs aber eigentlich Hippo-
dameia nach Schol. II. 1, 392. Eusth. z. Hom.
77, 30. Tzetz. z. Lykophr. 345. Antehom. 350.
Zu Delphi war sie in der Lesche des Polygnot
dargestellt, Paus. 10, 25, 2. Erhaltene Dar-
stellungen: Overbeck, Gal. her. Bildiv. p. 386
— 389. 447. Hom. II. pict. cd Ang. Mai t. 6.
Mon. dell' Inst, artli. 6 t. 19 u. 48. Ann. 1858 l
p. 354sq. , 1860 p. 496 u. 499 und vielleicht
Mon. 9, 32. 33. Ann. 1871 p. 179. [Schultz.]
Brises u. eus (Bgtagg, BgiGevg), 1) Sohn des
Ardys, König der Leleger in Pedasos, oder
Priester in Lyrnessos, Bruder des Chryses,
j Vater der Hippodameia, die nach ihm Bri-
. seis genannt wurde , und des Eetion. Als
i Achill seinen Wohnsitz erstürmte, erhing er
i sich, Hom. II. 2, 689. Scliol. Hom. II. 19, 291.
; Eustath. z. Hom. 77, 30. Dictysü, 17. [Schult Z.]2
— 2) Beiname des Dionysos (s. d.) : C. I. Gr.
| 3176 A. 3177. 3190. 3210 ( Bgeiaevg ); ib. 3160.
3161 (Bgyaevg). [Roscher.]
Britannia, die göttliche Personifikation von
Britannien auf Inschriften aus York, C. I. L.
\ 7, 232 -. Britanniae sanctae P. Nikomcdes Augg.
] etc., aus Castlehill am Walle Hadr., 7, 1129:
\ Campestribus et Britanniiae , nach Orelli viel-
j leicht Britannicis oder Britannis sc. matribus)
i Q. Pisentius Iustus pref coh IV Gal(lorum ) 3
! v. s. I. I. m., aus Kerschbach (bei Celeia in
Noricum), 3, 5300: f Marti A]ug(usto ) e\t JV]o-
; reiae re[ginae et] Britannia[e pr]o vicltoria )
, L. Sep[timii Severi P]ert(inacis) inv(idi). Zu
vergleichen ist auch 7, 1113c: Genio terrae
Britannicae etc., sowie Bretannus. Zeufs, gr.
Celt. p. 104 u. 151 leitet Brittae, Britannus
■ etc. von breith — varius, versicolor ab.
[Steuding.]
Britannicae matronae oder matres, s. Bri- 4
tannia.
Britlio (Bgifho) , eine der melischen Nym-
phen: Tzetz. z. Hes. op. 144. [Roscher.]
Britoniartis (Bgizoyagzig). 1) Heimat und
Namen. Sie ist eine in Kreta einheimische
Göttin , welche von den Griechen in der
Regel für ihre Artemis angesehen oder sonst
in ein nahes Verhältnis zu dieser gesetzt
wurde. Bgizogctgzig ev Kggz y g Agzeptg sagt
j Hesychius. Pausanias 2, 30, 3 nennt Kretas
als die Heimat ihres Kultus, und Solinus 11,8
berichtet von der hohen Verehrung, welche
Diana unter dem in Kreta landesüblichen Namen
Britomartis genofs: Gretes Dianam religiosis-
| sime vencrantur , Britomartem gentiliter nomi-
nantes. Auf das hohe Alter ihres Kultus weist
die Zurückführung eines Tempels und eines
Götterbildes von ihr auf die Hand des Daida-
' los hin, Solinus a. a. O. und Paus. 9, 40, 3,
wie denn auch schon Herodot 3, 59 einen Tem- 6
pel von ihr zu Kydonia auf Kreta kennt.
Schon die Alten haben sich um die Erklärung
des Wortes Bgzzogctgzig bemüht, das übrigens
auf einer aus Kreta stammenden Inschrift,
| Bangabe, Ant. Hell. n. 691 in der Form Bgvzö-
uctQug erscheint (vgl. Bryte). Solinus sagt im
Anschliffs an die eben angeführten Worte: Bri-
Uomartem gentiliter nominantes, guod sermone
Britomartis (Heimat u. Name) 822
nostro sonat virginem dulcem. Dies bestätigt für
den ersten Teil des Namens Hesychius ßgizv-
ykv-itv' Kggzeg (vgl. Etym. M. s. v. Bgizoyagzig'
ßgizov zovztGzLV ccycc&ov), während man für
die Erklärung von gccgzig das von Steph. Byz.
s. v. räf a in der Bedeutung „Jungfrau“ be-
zeugte kretische Wort gagvä (nach Vanicek,
Etym. W. 714 vom Stamm mar leuchten, glän-
zen) zu Hilfe nimmt, woraus sich dann die
Bedeutung „stifse Jungfrau“ ergiebt, vergl.
C. 0. Müller, Aeginet. p. 164. Aufserdem er-
scheint aber die Göttin auch noch unter dem
Namen AGzvvvu , der übereinstimmend als
Beiname der Britomartis bezeichnet (Paus. 2,
30, 3 eniulriGig de oz (der Britomartis) AC*-
zvvvcc ev Kggzy, JDiod. 5, 76 BgLzogcegziv zgv
nQoaayogevogevgv AGzvvvav) und auf einen
Zug ihrer Sage , den Sprung in die Fischer-
netze, öiv-zva , zurückgeführt wird, Kallimach.
H. Dian. 197. Beide Namen waren in ver-
schiedenen Teilen Kretas üblich : während die
Göttin in den Städten des mittleren und öst-
lichen Kretas unter dem Namen Britomartis
verehrt wurde (so in Gortyn Kallim. a. a. 0.
189, in Cherronesos Strab. 10 p. 479, Olus
Paus. 9, 40, 3 und nach Inschriften zu Dreros
Bangabe, Ant. Hell. n. 1029, Lato und Olus
Chishull, antiq. Asiat, p. 136), war dagegen im
Westen der Name Diktynna üblich. Diesen
hatte sie nach Kallimachos a. a. 0. von den
Kydonen, bei welchen sie besonders verehrt
war, erhalten, wie denn auch schon Herodot
ihr Heiligtum zu Kydonia 6 zgg Amzvvgg vgog
nennt; ebenso werden in den benachbarten
Städten der Westküste Phalasarna ( Dicaearch .
v. 118) und Polyrrhenia (Strab. 10 p. 479) Hei-
ligtümer der Diktynna erwähnt. Diese Städte
gehörten wohl, wie nach Strab. 10 p. 475 die
ganze Westküste, den Kydonen, die ebenda-
selbst als zur ursprünglich kretischen Bevöl-
kerung gehörig bezeichnet und von den ein-
gewanderten Griechen unterschieden werden.
Das Hauptheiligtum der Diktynna war nach
Strabo p. 479 auf einem Berg bei Kydonia und
hiefs Jinzvvvazov , was offenbar identisch ist
mit dem bekannten westlichen Vorgebirge
Kretas, Strab. p. 484: zo Aixzvvvaiov dtiQozriQiov
oder ogog Alkzvvulov Dicaearch. a. a. 0. Es
liegt daher nahe, noch einen engeren Zusam-
menhang zwischen dem nur im westlichen
Kreta üblichen Beinamen der Göttin und dem
Namen des Vorgebirgs anzunehmen, als den
auf der Hand liegenden, dafs Ainzvvveuov ein
Heiligtum der Diktynna bezeichnet. Der Name
des Bergs erscheint bei Kallimachos a. a. 0.
199 u. Vergib Cir. 300 in kürzerer Form als
ogog zhxzaiov, was nicht notwendig auf eine
Verwechslung mit dem Diktegebirge im Osten
Kretas zurückgeführt werden mufs , welche
Strabo p. 479 und die Neueren dem Kalli-
machos schuld gegeben haben. Ferner steht
im Schol. Pind. Hypoth. Pyth. p. 297 cd. Böckh
und nach dem Zeugnis Höcks , Kreta 2, 172
bei noch anderen Schriftstellern statt J» izvv-
vcaov ursprünglich Amzvviov ogog in den Hand-
schriften. Es fragt sich, ob sich in diesen
kürzeren Formen des Worts nicht der ursprüng-
lich kretische Name des Bergs (etwa dUzvv‘1
823 Britomartis (Mythus)
vgl. rÖQtvv, woraus rogzvva wurde) verbirgt
und ob nicht von diesem Berge Britomartis
den Beinamen Diktynna erhalten hat, wie an-
dere Göttinnen von ihrem Höhentultus, z. B.
Dindymene, Sipylene. Der Name des wiederum
nach der Göttin benannten berühmten Heilig-
tums Alkxvvv aiov verdrängte dann den ur-
sprünglichen Namen des Berges. Denn dafs
Diktynna nicht von ihrem Sprung in die Fischer-
netze, SiKxva, ihren Namen hat, sondern dafs
dieser eigentümliche, mit den übrigen Mythen
derselben in keiner Beziehung stehende Zug
nur eine Erdichtung zum Zweck der Namens-
erklärung ist, wird sich aus der Darstellung
derselben ergeben.
2) Mythen der Britomartis.
Die auf Britomartis bezüglichen Mythen
stimmen zunächst hinsichtlich ihrer Abstam-
mung überein. Nach der einheimischen Sage
der Kreter bei Paus. 2, 30, 3 und den im
Folgenden zu nennenden Schriftstellern war
sie die Tochter des Zeus und der Karme.
Pausanias und Diodor 5, 76 nennen Karme
übereinstimmend eine Tochter des Eubulos,
den letzteren aber Pausanias den Sohn des
Apollonpriesters Karmanor, Diodor einen Sohn
der Demeter, während Anton. Lib. Transform.
40 die Mutter der Karme Kassiepeia und ihren
Vater, ebenso wie Verg. Cir. 220, Phönix nennt.
Nach der zweifelhaften Angabe des Diodor
a. a. 0. soll sie in Kava geboren und nach
Anton. Lib. a. a. 0. aus Phönikien nach Ar-
gos zu den sonst unbekannten Töchtern des
Erasinos, von da nach Kephallenia und dann
erst nach Kreta gekommen sein. Alle diese
Fabeln samt der angeführten Abstammung
scheinen keinen Schlufs auf das Wesen der
Göttin zuzulassen; wohl aber ihre Mythen.
Für diese ist die vollständigste und älteste
Quelle Kallim. Llymn. in Dian. 189 ff., welche
erzählt: Unter den Nymphen, welche Artemis
vorzüglich liebte, war die Gortynische Nymphe
Britomartis; von heftiger Liebe zu ihr ergrif-
fen verfolgte sie Minos durch die Berge Kre-
tas; sie barg sich bald an waldigen Abhän-
gen, bald in grasreichen Niederungen. Er aber
verfolgte sie neun Monate durch hohe, zackige
Felsen und liefs nicht ab von der Verfolgung,
bis sie in dem Augenblick, da er sie eben er-
greifen wollte , von dem hohen Felsen des
Dikteberges ins Meer sprang. Aber sie sprang
in Fischernetze , die ihr Rettung brachten,
weshalb sie auch von den Kydonen den Na-
men Diktynna erhielt und mit Altären und
Opfern verehrt wurde. Die einzelnen Punkte
dieser Erzählung werden auch von andern
erwähnt, die Liebe und Verfolgung des Minos
von Paus. 2, 30, 3. Verg. Cir. 301. Anton.
Lib. Transform. 40. Schot. Eurip. Hippol. 146.
Nur Kallimachos hat für die Verfolgung die
Zahl von 9 Monaten, welche den Mythen des
Minos eigen zu sein scheint ( Od . x 179. Plat.
Minos p. 319 E). Den Sprung vom Felsen ins
Meer erwähnt aufser Kallimachos nur Verg.
Cir. 302: praeceps aerii specula de montis iisses;
dagegen ihre Rettung durch die Fischernetze
wiederum Paus. 2, 30, 3: SQQiapsv savxfjv sl g
SiKxva acpsigsva in’ lyQ-vcn v &r]QK, sowie das
Britomartis (Deutung) 824
Schot, z. Eurip. a. a. 0. Anton. Lib. sucht sich
diese eigentümliche Rettung durch Netze zu-
rechtzulegen durch die Fassung: sie floh, von
Minos verfolgt, zu Fischern, welche sie in
ihren Netzen verbargen. Diodor 5 , 76 tritt
dieser ganzen Erzählung entgegen , weil sie
ebenso wohl dem Charakter des Minos als
dem Wesen einer Göttin widerstreite, und
leitet den Beinamen Diktynna davon ab, dafs
ihr die Erfindung der Jagdnetze ( ölkzvcov xwv
st g Kvvriylav) zugeschrieben werde. Ebenso
läfst das Schot. Aristoph. Pan. 1356 den Minos
ganz bei Seite und giebt als Inhalt des Mythos
von Britomartis, sie sei auf der Jagd zufällig
in Netze geraten, aber von Artemis gerettet
worden, weshalb sie der Artemis-Diktynna ein
Heiligtum gegründet habe. So wird sie hier
vornehmlich als Jägerin aufgefafst, und dies
geschieht hauptsächlich da, wo sie mit Arte-
mis in Beziehung gesetzt wird. So schon bei
Kallim. a. a. 0. v. 190, wo sie als Lieblings-
nymphe der Artemis und durch die Beiwörter
iXXocpovo g, svßKonog, welche sonst der Arte-
mis selbst beigelegt werden (s. Preller 1, 236, 3
u. Od. I 198), als Jägerin bezeichnet wird;
ähnlich Schot. Eurip. Hippol. 146 vvgrprj v.vv-
gyog (ebenfalls ein Epitheton der Artemis);
Verg. Cir. 297 und Paus. 2, 30, 3 %cuqsiv av-
xrjv dgogoig zs Kai &fiQaig •Kai ’AQXsgiSi palioxa
cpilrjv slvai. Aber auch selbständig ohne Be-
ziehung auf Artemis erscheint sie als eine der
Jagd vorstehende Göttin, Eurip. Hippol. 1130;
wie jene mit Pfeil und Bogen ausgerüstet,
Verg. Cir. 299 und sparsa comam Claudian.
Cors. Stil. 3, 302; von Hunden begleitet, An-
stoph. Pan. 1360. Verg. Cir. 308 Hyrcanos inter
comites, weshalb auch in einem ihrer Tempel auf
Kreta Hunde gehalten wurden, Philostr. vit. Ap. 8,
30. Auch ist sie wie Artemis von Wild umgeben
nolvVrjoog, Eurip. Hippol. 147; inter agmen fe-
rarutn Verg. Cir. 308. So ist sie auch auf den
kretischen Münzen der Kaiserzeit in der Tracht
der Artemis dargestellt, mit hochaufgeschürz-
tem Chiton und Jagdstiefeln, mit Bogen und
Köcher und von einem Jagdhund begleitet;
s. die Abbildungen bei Spanheim ad Callim.
p. 271; vergl. Pellerin, ree. de med. 3 Taf, 99
n. 35 Münze der Kydonier. Ebenso ist sie,
wie Artemis, eine jungfräuliche Göttin und liebt
die Einsamkeit, Anton. Lib. 40: cpvyovou zr\v
bgiUav xwv dvd'Qioncov fjyuTtrjßsv asi nag&ivos
slvai; Aristoph. Pan. 1358 JiKxvvva naig KaXd;
wegen ihrer Jungfräulichkeit bringen ihr die
Kydonier nicht Myrten-, wohl aber Fichten-
kränze dar, Kallim. a. a. 0. v. 200; vgl. Spon-
heim z. d. St., denn die Myrte hafst sie, Nic-
andri Alexiph. v. 618.
3) Naturbedeutung der Britomartis
und ihrer Mythen.
Der Charakter der Jungfräulichkeit kommt
ihr jedoch auch als Nymphe zu, was sie ur-
sprünglich war, und diese führt uns der Natur-
bedeutung ihres Wesens näher als die nach
dem Vorbild der Artemis gräcisierte Jägerin.
Eine Gortynische Nymphe nennt sie schon
Kallimachos a. a. 0. , wozu das Scholion (bei
Meinehe z. d. St.) nach Diogenianos hinzufügt:
Bgizogagzig ovopa kvqiov zrjg vvgcpgg. Eben-
10
20
30
40
50
60
825 Britomartis (Deutung)
so heifst sie vvpq>rj, Schol. Arist. Ban. 135G.
Schol. Eurip. Hippol. 146 ; und wenn im Ety-
mol. M. s. v. ByizöfictQus die Ableitung die-
ses Namens durch die Erklärung versucht
wird: oti zotig Bgiacug vvpcpaig bpctQzsi:, so
ist darin wenigstens eine Erinnerung an ihr
ursprüngliches Wesen erhalten. Die grasrei-
chen Niederungen, die dichtbelaubten Hügel-
ränder und zackigen Felsgegenden , durch
welche sie bei Kallimachos auf ihrer Flucht 1
vor Minos ihren Weg nimmt, sind auch sonst
zuweilen als ihr Aufenthalt zu denken. Aber
doch ist sie nicht vorzugsweise eine ländliche
Gottheit der Fluren, sondern in näherer Be-
ziehung steht sie zum Meer , wie vor allem
ihr Sprung ins Meer beweist. Diese doppelte
Beziehung ist deutlich ausgesprochen bei Eu-
rip. Hippol. 145, wo der Chor Phaidra, die
Kreterin, die zu der Zeit in Troizen weilt,
fragt, ob sie sich etwa den Zorn der Diktynna s
zugezogen „denn sie geht durch Seeen, über
das Festland und des Meeres wirbelnde, feuchte
Salzflut.“ So eignet sie sich ganz besonders
zur Schutzgottheit der Fischer und ihres Hand-
werks: ihr werden die Erstlinge von der ,,Jagd
zu Wasser“ dargebracht, wie der Artemis
’AyooztQct von der Jagd zu Land, Blut, de sol.
anim. 8. Das wichtigste Gerät für den Fischer,
das Netz, ist ihr heilig, worauf Aristoph. Vesp.
369 r] ös fiOL Aikzvvv cc avyyvcoyr]v s%oi zov 3
öikzvov anspielt. Deshalb führten die Polyr-
rhenier, die ja Diktynna besonders verehrten,
ein Fischergerät auf den Münzen ihrer Stadt
Neumann, pop. et reg. num. vet. P. 1 tab. 7
n. 10 p. 246. Beierin, tab. 100 n. 49. So wer-
den es wohl auch Fischer gewesen sein, die
sich von den eigentümlichen Erscheinungen
der Ufernymphe erzählten. Nach Bausanias
2, 30, 3 wurde nämlich Britomartis auch auf
der Insel Aigina verehrt, und zwar hier unter i
dem Namen ’Acpaia, was bei den alten Be-
ziehungen der Aigineten zu Kreta und speziell
zu Kydonia ( Herocl . 3, 59. 0. Müller, Aeginet.
165) und bei der bestimmten Ausdrucksweise
des Bausanias wohl nicht in Zweifel gezogen
werden kann. Er sagt von Britomartis: as-
ßovoi ös ov KQgzsg povov alld Kal Aiyivr^zai,
Xsyovzsg cpcu'vsG&cxi Gcpiaiv sv zrj vrjccp zgv
Bqiz6(uxqzlv STZLHhrjGLg de oi naget zs Aiyivrj-
zcug sgzlv ’Acpcdu Kal Alkzvvvu sv KQrjzy. Von 5(
dem bei ihm erwähnten Heiligtum der Aphaia
auf Aigina glaubt man noch Überreste zu haben,
vgl. Bursian, Geogr. Griech. 2, 1. S. 84. Man
erzählte also von Britomartis, dafs sie zuwei-
len plötzlich erscheine , ähnlich wie in der
Sage von Anthedon der Meergott Glaukos,
der sich wie Britomartis ins Meer gestürzt
hatte, die Schiffer durch sein Erscheinen am
Ufer erschreckte, Schol. Blat. Bep. 611 C. Auch
Anton. Lib. transf. 40 erwähnt in seiner Er- o
/Zahlung von Britomartis, die nach Schneider,
Nicandrea p. 69 einer älteren Quelle, dem
Alexandriner Nikandros entlehnt ist, die Ver-
ehrung der Britomartis auf Aigina. Sie fuhr,
wird hier erzählt, vor Minos fliehend auf einem
Fahrzeug mit einem Fischer nach Aigina; als
aber dieser ihr Gewalt anthun wollte, floh sie
n den Hain auf Aigina, wo auch jetzt noch
Britomartis (Deutung) 826
ihr Heiligtum ist, und verschwand hier (was
durch dqjavrig syevezo ausgedrückt ist mit An-
spielung auf ’Acpai'a) , worauf sie an dieser
Stelle unter dem Namen ’Acpceia göttlich ver-
ehrt wurde. Dieses wunderbare Verschwinden,
das sie ebenfalls mit den Wasserdämonen ge-
mein hat, ist offenbar nur das Gegenstück zu
dem wunderbaren Erscheinen bei Bausanias.
Nur diese Bedeutung des Verschwindens kann
i auch ihr Sprung in die Netze haben, durch
welchen sie sich der Verfolgung des Minos
zu entziehen sucht. So legt es auch An-
ton. Lib. a. a. 0. aus: sie floh zu Fischern,
welche sie in ihre Netze verbargen. Da aber
der Sprung in die Netze nach Kallimachos
a. a. 0. v. 196 kein anderer ist als der, wo-
mit sie sich vom Vorgebirge Diktynnäum ins
Meer stürzt, so ist der Sinn der Sage: sie
sprang vom Vorgebirge herab und verschwand.
• Wir haben hier den Kern einer Sage, die in
verschiedener Gestalt in manchen Gegenden
Deutschlands wiederkehrt, von einer Jungfrau,
die von einem schlimmen Jäger verfolgt, um
ihre Ehre zu retten , den Sprung von steiler
Höhe herab wagt und verschwindet, aber eben
damit gerettet ist. Laistner, Nebelsagen S. 1 09 f.
276 f. führt diese am Fufs der Schwäbischen
Alb und in anderen deutschen Gebirgsland-
schaften vorkommenden Sagen auf einen meteo-
rischen Vorgang zurück: es ist der Nebel, der
über eine Hochfläche hinziehend an der Kante
des Bergs anlangt und sich in die Tiefe stürzt,
aber hier in der wärmeren ltegion sich auf-
löst und plötzlich verschwindet. Das Heran-
ziehen des Nebels nach dem Abgrund wird
als Überfall, Flucht und Verfolgung aufgefafst.
Die Jungfrau aber gehört den Nebelfräulein
an, welchen ja die griechischen Nymphen ent-
sprechen. Wie der Mädchenfelsen bei Pful-
lingen, der von der Sage den Namen hat, oft
mit einer Nebelkappe bedeckt eischeint, so
wird auch vom Vorgebirge Diktynnäum be-
richtet, dafs es infolge seiner weisen Felsen
dem Schiffer in der Ferne oft wie ein Nebel
erscheine, Solinus 11, 6; war infolge einer Ver-
änderung des Wetters und der Beleuchtung
der Nebel verschwunden, so hat sich das
Nebelfräulein ins Meer gestürzt. Das Eigen-
tümliche bei Britomartis ist freilich die Ver-
einigung von Land- und Meernymphe : aber die
Nymphen der Wiesen, Wälder und Felsen, zu
welchen Britomartis nach der einen Seite ge-
hört, sind ja mit den Nereiden ursprünglich
eins, vgl. Mannhardt , A. Wald- u. FeWculte
S. 35. Noch heutzutage ist der Glaube an
Nereiden und Dryaden auf Kreta lebendig, und
zwar ohne dafs man zwischen ihnen unter-
scheidet, vgl. Sieber, Bcise nach Kreta 1, 432.
Auch die von Euripid. Hippolyt. 145 der Bri-
tomartis zugeschriebene Macht, wie Pan oder
Hekate den Geist zu verwirren, findet sich
ebenso im neugriechischen Neraiden- und im
nordischen Elbenglauben, s. Mannhardt a. a. 0.
36. 37. Das rasche Dahinstürmen durch Feld
und Wald, welches auch den neugriechischen
Neraiden zugeschrieben wird (s. ebendas.), hat
bei Britomartis die Vorstellung von einer Ver-
folgung kervorgerufeu, wie sie in der griechi-
Britovius
827 Britomartis (Deutung u. Kult)
sehen Erzählung von Boreas und Oreithyia
und in der deutschen Sage von der Verfol-
gung der den Waldnymphen entsprechenden
Holzfräulein durch den wilden Jäger zu Tage
tritt. Diese Rolle dem Minos zuzuteilen, konnte
der kretischen Sage um so näher liegen, da
sie ihn als verderblichen Dämon und grausa-
men Jäger {Preller 22, 120. 121) darstellt; auch
darf man wohl daran erinnern, dafs ihm als
Unterweltsgott ein räuberischer Charakter zu-
geschrieben werden konnte. Andrerseits gab
aber ihre Lust am Durchstreifen der Wiesen-
gründe und Bergabhänge ( Eurip . Iph. T 126
Alkxvvv ovq'clc<) ebenso wie ihre Verehrung
als Beschützerin des Fischerhandwerks Ver-
anlassung, dafs die Nymphe zur Jägerin wurde
und in Beziehung zu Artemis trat. Dies ge-
schah, wie Hoch, Kreta 2, 172 gewifs mit
Recht bemerkt, nachdem durch die dorische
Einwanderung der Kultus der ihr wesensver-
wandten Artemis auf Kreta einheimisch ge-
worden war. Der höheren Göttin wurde nun
Britomartis untergeordnet und trat in das Ge-
folge der sie begleitenden Nymphen, so dafs
sie, wie wir gesehen, die äufsere Ausstattung
und die Epitheta der Artemis annimmt. Oder
aber, sie ging ganz in der höheren Göttin auf,
so dafs entweder beide identificiert wurden
(vgl. aufser den angeführten Stellen Eiod. 5, 76.
Schol. Aristoph. Pan. 1356 AiKxvvvav liysi
zrjv ”Aqts[uv [im Text v. 1359 ist "Agrsfug Glos-
sem], Eurip. Iph. Taur. 126 heifst sie Toch-
ter der Leto. Etym. M. BQixoyagxig' h<xI”Aq-
rifug Kal vvycprj. Palaepliat. de Incr. 32. Orph.
Hymn. 36, 3), oder Artemis den Namen Brito-
martis und Diktynna annahm: "Aqxe pug Bqlxo-
(itxQTig Schol. Callim. II. Ei. 200. ’Agxsyig Alk-
zvvva Paus. 3, 24, 9. Plut. de sol. anim. 36.
Apuleius Met. 11, 5 oder Aiv.zvvvaCa Paus. 10,
36, 5. Demgegenüber braucht kaum hervor-
gehoben zu werden, dafs die Verschiedenheit
beider Göttinnen aufser dem ausdrücklichen
Zeugnis Paus. 3, 14, 2 auch aus inschriftlichen
Zeugnissen von Kreta feststeht, wo beide unab-
hängig von einander aufgeführt werden, so in
dem Vertrag der Bewohner von Lato und
Olus, etwa 200 v. Chr. ( Chishull Antiq. Asiat.
p. 136) und im Eid der Jünglinge von Dreros
Bangabe , Antiq. Hell. n. 1029, welche schwö-
ren bei Artemis, Ares, Aphrodite, Hermes,
Helios, Britomartis. Dafs infolge der Identi-
ficierung mit Artemis auch weitere Seiten die-
ser Göttin auf Britomartis übertragen wurden,
kann nicht Wunder nehmen. So wurde sie
nach Anton. Lib. 40, wie Artemis selbst auch
AcapQLcc genannt, Hygin. fab. 261 der Taurica
gleichgesetzt und nach einer Nachricht, Schol.
Eurip. Hippol. 146 zivsg 8s zgv avxgv sivea
zy 'Ey.dzrj der Hekate (vergl. Schwenclc, Bhein.
Museum 19, 608) , welche nach der etwas
unklaren, jedenfalls auch durch Verderbnis
unsicheren Erzählung Etym. M. s. v. Bqxxo-
liaQTLs auch die Mutter der Britomartis ge-
nannt worden sein soll. Dies hängt wohl da-
mit zusammen , dafs Britomartis ebenso wie
Artemis auch als Mondgöttin aufgefäfst wurde,
Verg. Gir. 305: alii Eictynnam dixere tuo de
nomine lunam. Ob auch diese Seite ihres
Wesens erst aus der Verschmelzung mit Arte-
mis sich entwickelt oder ob der lunare Cha-
rakter schon der kretischen Ufernymplie und
Fischergottheit angehaftet hat, mag bei der
Beschaffenheit unserer Quellen zweifelhaft er-
scheinen; Preller, Myth. I2, 243 und TJsener,
Bhein. Mus. 1868. S. 342 sehen denselben als
grundlegend an und letzterer erblickt in ihrem
Sprung ins Meer und ihrer Rettung aus den
io Netzen eine Fischersage vom Auf- und Nie-
dergang des Mondes. Jedenfalls wird man gut
thun zunächst den eigentümlich entwickelten
lokalen Charakter der ursprünglich kretischen
Göttin festzuhalten, hier wie auch in folgen-
dem Zug. Auf einer kretischen Münze, welche
der Regierungszeit Trajans angehört , sitzt
A IKTTNNA in sehr kurzem ChitOD und Jagd-
stiefeln auf einem zackigen Felsen und hält
ein kleines Kind im Arm, vgl. die Abbildung
20 bei Spanheim zu Callim. H. Ei. S. 271. Span-
heim u. Hock, Kreta 2, 174 haben darin eine
Eileithyia erkennen wollen. Richtiger aber
erinnert Hock selbst an ihr Amt, die Tiere
des Waldes zu hegen und an ihre Abstam-
mung von Eubulos, dem Sohn der Demeter,
um in ihr eine Göttin des Gedeihens in der
Pflanzen- und Tierwelt zu finden; denn jene
Münze weist zunächst nur auf eine kovqoxqo-
(pog hin.' Dafür spricht auch der Umstand,
30 dafs ihr der Mastixbaum {axivog) heilig war,
der für ein Symbol der Fruchtbarkeit galt,
vgl. Kallim. a. a. O. v. 201 u. Spanheim z. d. St.
So nahe es auch liegt, die verwandte Arte-
mis novQozQÖcpog zu vergleichen, s. Preller 1,
234, so weist doch die jetzt noch auf Kreta
vorhandene Sage, dafs die Neraiden besonders
gern Kindern Gutes erzeigen (s. Sieber a. a. O.)
auf eine eigentümlich kretische Lokalsage hin.
4) Ausbreitung ihres Kultus.
40 Die Verehrung der Britomartis verbreitete
sich nicht blofs im Aigaiisehen Meer, wo aufser
Aigina noch Astypalaia zu nennen ist, nach
einer Inschrift Bangabe, Ant. Hell. n. 1199,
sondern auch nach dem griechischen Festland
Plut. de sol. anim. 36: ’Agxii u8og Jim xvvvyg —
isgu Kal ßcoyol ztaga nohlohg 'Ellyvcov doi.
Gegenüber von Kreta, unweit Gythion, hatte
sie auf einem Vorgebirge einen Tempel, bei
dem ein jährliches Fest gefeiert wurde, Paus.
50 3 , 24, 9. Aber auch ins Binnenland drang ihr
Kultus, während er sich sonst meist am Meeres-
ufer findet; so hatte sie in Sparta zwei Hei-
ligtümer, eines auch unter dem Namen ”Aqxs-
pug Aiyxvaia, Paus. 3, 14, 2, das andere unter
dem Namen Diktynna ib. 3, 12, 8. Liv. 34, 38.
Auch in der phokischen Stadt Ambrosos ward
sie hoch verehrt, Paus. 10, 36, 5. Merkwür-
dig aber ist, dafs selbst aus Massilia durch
eine dortige Inschrift ihre Verehrung bezeugt
oo ist. Dieselbe gehört dem römischen Zeitalter
an und heifst: @sä Alkx va drjyog Maoa{aluo-
zäv) C. I. Gr. 6764. [Rapp.]
Britovius, celtischer Beiname des Mars auf
einer Inschrift aus Nemausus Orelli 1356a:
Marti Britovio. Das Wort geht auf denselben
Stamm zurück, wie Brittae, Brittones etc., die
alle auch oft nur mit i geschrieben werden {Zeufs,
gr. Celt. p. 151). S. Britannia. [Steuding.]
829
Brittae matres
Brusos
830
Brittae matres oder matronae, auf Inschrif-
ten aus Vetera in Gallia Belgica, Or.-Henzen
5932: Matribus. Brittis. L. Valerius. Simplex,
mil. leg. XXX. V. V. v. ( s .) I. m. und aus Cre-
mona Orelli 2094: Matronis Brittis etc. S.
Britannia. [Steuding.]
Brixantu(m) deus erscheint auf der Inschrift
eines Schlüssels aus Moulins-Engelbert, Dep.
1 Nievre, Orelli 1975: Augu sacrum deo Brixantu
j propitiu (vgl. ib. 187). Der Name ist wohl mit l
dem rhätischen Volke Bgi^avzai , Ftol. 2, 12,
3 = Brixentes Plin. 3, 24, 4, von denen Bri-
. xen genannt zu sein scheint, zusammenzustel-
1 len und dem Stamme nach mit Brixellum und
Brixia verwandt. Alle diese Namen gehen wohl
auf das altceltische brig = altus , sublimis
■■ ( Zeufs , gr. Celt. p. 80 a) zurück. [Steuding.]
Brixia, celtische Gottheit auf einer Inschrift
zu Luxovium im Sequanergebiet (Luxeu in der
Franche-Comte), Orelli 2024: Luxovio et Bri- 2
\ xiae C. Iul. || Firman. jussu || v. s. I. rn. Da
hier Brixia mit einer eponymen Stadtgottheit
zusammengestellt ist, dürfte sie vielleicht auch
als solche auf Brixia = Brescia zu beziehen
| sein. [Steuding.]
Brizo (Bgigco von ßgigoo), eine zukunftver-
kündende , Träume eingebende Gottheit bei
den Deliern , welcher die delischen Frauen in
nachenförmigen Opfergefäfsen (cr.acpca) ver-
schiedene Gaben, aber keine Fische, darbrach- 3
ten. Besonders wurde sie als Schutzgottheit
der Schiffe angerufeu, Athen. 8, 3 p. 335 a u. b.
Eustatli. z. Hom. 1720, 57. Hes. s. v. ßgi-
goyuvzig. Spanheim z. Kallim. h. in Del. 316
jp. 519. Creuzer, Symbolik 3, S. 356. [Schultz.]
Brome oder Bromie (Bgöyri, Bgoyig), Toch-
: ter des Okeanos, eine der Nymphen, welche
den Dionysos auf dem Berge Nysa aufzogen,
Hygin. f. 182. Serv. Verg. Ecl. 6, 15. Nvy-
epea Bgoyica, Skolion 5 bei Bergic, Lyr. gr. 4<
.[Stoll.]
Bromia (Bgoyta, rj), 1) eine Bakchantin, Norm.
21, 64. 88. — 2) Beiname der Artemis, Orph.
llft. 35, 2. [Steuding.]
| Bromios (Bgoyiog), 1) Beiname des Diony-
sos (s. d.), von dem hallenden Lärm (ßgoyog) der
,Bakchoszüge, Aeschyl. Eum. 24. Eurip. Bacch.
329. Bhoen. 625. Find. ( Dithyramb .) fr. 53, 10
Bergic ( Bgoyiov ’Egißoav ze). Athen. 11 p. 465 b.
k Ovid. Met. 4, 11. Lucan. 5, 73. [Vgl. auch 51
I 0. I. Gr. 1177. 5956. 6260. 6305. R.]. Die Alten
leiteten den Namen ab von dem Lärm des
Donners und Blitzes bei seiner Geburt ( Diod .
1, 5. Dio Chrys. Or. 27. Etym. AI. Bgoyiog) oder
von seiner Amme Brome oder Bromie (s. d.).
\ndere Erklärungen hat Suid. s. v. Preller,
Ir. Mythol. 1. S. 549. Gerhard, Gr. Mythol.
■ 447, 1. — 2) Beiname des Satyros, Hesych.
j i. v. Bgoyiog. — 8) Beiname des Ares, Bergic,
I lyr. gr. fragm. adesp. 111. — 4) Sohn des o<
Vigyptos, von der Danaide Euroto gemordet,
Apollod. 2, 1, 5. [Stoll.]
Bromius , Beiname des Bacchus auch auf
dner schwer verständlichen Inschrift aus Rom,
helli 1488 (vgl. Denzen z. d. St.): Die fuithor-
idus ante locus Asteri consilio coeptus Liber iter
Iromio silvigeri dei. auxilium renovatum in
erbe. S. Bromios. [Steuding.]
Bromos, Kentaur, auf der Hochzeit des Pei-
rithoos von Kaineus erschlagen, Ov. Met. 12,
459. [Schultz.]
Bront aios (Bgovzaiog), 1) Donnerer, Beiname
des Zeus, Orph. Hymn. 14, 9. — 2) Broutaios,
Vater der Athena, einer attischen Prinzessin,
die auch Belonike hiefs, mit welcher Hephai-
stos den Erichthonios zeugte, Tzetz. Lylc. 111.
Vgl. Eudocia u. Phavorin. [Stoll.]
i Bronte ( Bgovzy ), 1) der personificierte Don-
ner, Orph. H. prooern. 39. Nach Plin. 35, 96
von Apelles gemalt. Vgl. Brunn, Künstler-
gesch. 2, 207. — 2) Name eines Sonnenrosses,
Eum. b. Hygin. f. 183. Schol. Eurip. Phoen.
3. [Stoll.]
Broutes ( Bgovzyg ), einer der Kyklopen (s. d.),
Sohn des Uranos und der Ge, Ilesiod. Thcog.
140. Apollod. 1, 1, 2. Verg. Aen. 8, 425. Nonn.
14, 59. Pherekyd. b. Schol, Eurip. Alcest. 1.
Die von ihm geschwängerte Metis wurde von
Zeus verschlungen, worauf dieser aus seinem
Kopfe die Tritogeneia gebar, Schol. 11. 8, 39.
Er bezeichnet mit seinen Brüdern Steropes und
Arges die Erscheinungen des Gewitters, Prel-
ler, Gr. Myth. 1. S. 42. Braun, Gr. Götterl,
§ 53 f. Iioscher, Gorgonen 34. [Stoll.]
Bronton, ontis = ßgovzüv der Donnerer,
Beiname des Iuppiter auf Inschriften aus Rom
C. I. L. 6 , 2241 : L. Iulius. L. f. Clau. Pol-
litianus sacerlßos) dei. Brontontis donum. d.
d. und 6, 432: Iovi. sancto Brontonti Aur.
Poplius. Auf einer Inschrift aus Aquileia wird
derselbe Name Broton geschrieben, Orelli
1272 b: Bono deo Brotonti. S. Preller- Jor-
dan, B. M. 1, 237, 1. Vergl. Iuppiter Tonans
und Zsvg ßgovzäv [C. I. Gr. 3810. add. 3817 b.
3819 u. ö, R.], u. s. Bamsay , Hellenic. Stud.
3, 1 p. 123. [Steuding.]
Broteas (Bgozsccg) , 1) Sohn des Hephaistos
und der Athene, der, um dem Hohn über seine
Häfslichkeit zu entgehen, sich selbst verbrannte,
Ovid. Ibis 515 u. Schol. Stark, Niobe S. 438.
— 2) Sohn des Tantalos, Bruder des Pelops
und der Niobe, Verfertiger eines alten Bildes
der Göttermutter auf dem Felsen Koddinos im
Lande der Magneten, Paus. 3, 22, 4. Schol.
Eurip. Orest. 5. Alantiss. proverb. 2, 94. Par-
otmiogr. gr. 2 p. 773. Gerhard im Bhein. Mus.
N. F. 8, 1851. S. 130—132. Griecli. Mythol.
§ 874. Preller in Philolog. 7 S. 35. Griecli.
Mythol. 1. S. 536, 3 u. 2. S. 380, 3. Stark , Niobe
S. 351. 435. 437. Als Gemahl der Niobe er-
scheint Broteas, Schol, Ven. alt. u. Lips. II.
24, 602. — 3) Vater des Tantalos, der vor
Agamemnon mit Klytaimnestra vermählt war.
Der Vater dieses jüngeren Tantalos heifst auch
Thyestes, Paus. 2, 22, 4. 18, 2. Vgl. Hygin.
f. 88. 244. 246. — 4) Ein Genosse des Per-
seus, von Pbineus getötet, Ovid. Met. 5, 107.
— 5) Ein Lapithe, auf der Hochzeit des Pei-
rithoos von Gryneus getötet, Ovid. Alet. 12,
262. [Stoll.]
Broton s. Bronton.
Brotos {Bgozög, der Sterbliche), nach He-
siod ein Sohn des Aither und der Hemera, ein
Autochthone nach Euhemeros , Etym. Al. 215,
37. [Stoll.]
Bi •»SOS ( Bgovoog ), Sohn des Emathios, nach
831
Bukolos
832
Bryke
welchem Brusis, ein Teil Makedoniens, benannt
war, Steph. Byz. s. v. Bgovcig ■ [Stoll.]
Bryke (Bgvnrj), der Name einer Danaide
bei Apollod. 2, 1, 5, welche sonst Bebryke
heilst, s. Bebryke. Vgl. Marmor Par. Ep. 9
v. 15. C. Müller p. 542. 561. [Stoll.]
Brylle (‘IBqvIIt]), eine Tochter des Minos,
mit welcher Poseidon den Orion zeugte, He -
siod b. Schol. Arat. 322. ( Hesiod fr. 43 Lelirs).
Sicherlich ist zu schreiben Euryale, s. Apollod. io
1, 4, 3 u. Orion. [Stoll.]
Bryte, eine Tochter des Mars, Dienerin der
Diana auf Creta, die, von Minos verfolgt,
sich ins Meer stürzte. Ihr Körper wurde in
Netzen (dir.zva) von Fischern wieder empor-
gezogen. Eine darauf ausbrechende Pest konnte
nach einem Orakelspruch nur dadurch been-
det werden, dafs der Diana Dictynna ein Tem-
pel errichtet wurde, Mythogr. Vat. 2, 26. Es
ist dies ein etymologisches Märchen ; da aber 20
Dictynna oft auch als Beiname der Britomar-
tis erscheint, so dürfte in Bryte vielleicht der
erste Teil dieses Wortes ( martis — Tochter
des Mars?) enthalten sein. S. Britomartis.
[Steuding.]
Bryusa ( Bqvovgcc , von ßgvco strotzen), eine
Mainade, Norm. 14, 222. [Steuding.]
Bubastis, is ( BovßaGzig ), die ägyptische Göt-
tin Bast (wohl mit Vorgesetztem Artikel bu wie
in Bu-siris oder aus dem altägyptischen Pa- 30
Bast = Haus der Bast gebildet, vgl. S. Bei-
nisch in Paulys B.-E .) wird von Herodot. 2, 156
fälschlich als Tochter des Dionysos = Osiris und
der Isis bezeichnet; sie wurde hauptsächlich in
der nach ihr genannten Stadt Unterägyptens
verehrt, wo man auch die ihr heiligen Katzen
( Ovid . Met. 5, 330. Eckhel, D. N. V. 4, 104.
Steph. Byz. s. v. luven. 15, 8) begrub (Her.
2 , 67). Sancta Bubastis wird sie bei Ovid.
Met. 9, 690 genannt, und Joseph, ant. jud. 13, 40
3 , 2 führt eine aygia BovßaGzig an , die bei
Leontopolis im heliopolitischen Nomos ihren
Tempel hatte. Dafs ihr Kult sich auch im
römischen Reich verbreitete , beweist eine In-
schrift aus Ödenburg, C. I. L. 3, 4234: Isidi
Aug(ustae) et Bubasti G. P(omponius ) etc. und
eine solche aus Ostia: Isidi. Bubasti. Vener.
arg. P. I. S. Cor. aur. P. . . . Cor. anal. P. . . .
Caltil. Hiodora Bubastiaca testamento dedit
(bei Vercellone, diss. acad. p. 339 nach De- 50
Vit, On. s. v.), vergl. Or.-Henzen 5974: Bu-
bastia sacra bei Grat. Cyn. 42. S. auch Et.
M. s. v. Bovßaaig. Sehr ausführlich wird Bu-
bastis von S. Beinisch in Paulys Beal-Enc.
behandelt. Nach den von demselben ange
führten ägyptischen Quellen ist sie ein Sinn-
bild des Feuers in .seinen wohlthätigen Wir-
kungen; nach Herod. 2, 59. 137. 156 entspricht
sie dagegen der Artemis, wie sie auch bei Nic-
arch. Anthol. Pal. 11, 18, als Göttin der Ge- co
burtshilfe erscheint. [Vergl. auch C. I. Gr.
7039], [Steuding.]
Bubon (Bovßcöv), ein Räuber, Gründer der
gleichnamigen Stadt in Lykien, Stepli. Byz.
, u. Etxym. M. s. v. [Stoll.]
Bubona s. Indigitamenta.
Bubrostis (Bovßgooazig), d. i. Heifshunger,
eine zu Smyrna verehrte Göttin, welcher holo-
kaustische Opfer von schwarzen Stieren dar-
gebracht wurden. Man fluchte bei ihr dem
Feinde, Plut. Sympos. 6, 8, 1. Schol. II. 24,
532. Eustath. Horn. p. 1364. Vergl. Preller,
Demeter S. 333. Gr. Myth. 1. S. 638, 2. Ger-
hard, Gr. Myth. § 536. [Stoll.]
Buchetos (Bovxtzog), angeblicher Gründer
der sicilischen Stadt Buchetos (oder der thes-
protischen Stadt Bucheta), Vater des Echetos,
Mnaseas bei Schol. Od 18, 85. [Stoll.]
Budeia (BovSsux), 1 ) die Stieranspanneriu, Bei-
name der Athene (s. d.) in Thessalien, Eustatli.
Hom. p. 1076, 27. Steph. Byz. s. v. Bovdntx.
Lykophr. 359 u. Tzetz. Vgl. Bückert, Athene-
dienst S. 71. O. Müller, Pallas § 43. Wel-
cher, Gr. Götterl. 2. S. 301. Preller, Gr. Myth.
1. S. 181, 4. Gerhard, Gr. Myth. § 246, 2. 3.
Lauer, System d. gr. Myth. S. 354. — 2) Boio-
terin , Gemahlin des Klymenos , Mutter des
Erginos, nach welcher Budeion benannt war,
Eustath. Hom. p. 1076, 26. Schol. II. 16, 572.
Bei Schol. Ap. Bh. 1 , 185 heifst sie Buzyge,
welcher Name dieselbe Bedeutung hat, eine
Tochter des Lykos. O. Müller , Orchom.
5. 185. Vgl. Budeios. [Stoll.]
Budeios ( Bovdnog ), Sohn des Argos, angeb-
licher Gründer der Stadt Budeion (in Thessa-
lien oder Boiotien?) oder Budeia (auf der Halb-
insel Magnesia) , Schol. II. 16, 572. Eustath.
Hom. p. 1076, 29. Steph. Byz. Bovdeia. He-
sych. Bovthog. O. Müller, Orchom. S.186. [Stoll.]
Bullion (Bovdiorv) , ein Aiginete , von dem
die aiginetischen Budiden abgeleitet wurden,
Vater der Oinone, nach welcher in früherer
Zeit Aigina Oinone hiefs, Schol. Pind. Nem.
6, 63. Tzetz. Lyk. 175 p. 446 Müll. O. Mül-
ler, Aeginet. p. 8. [Stoll.]
Bugius, celtischer Gott auf einer Inschrift
aus den Trümmern eines alten Kastells bei
Tarquinpole in Lothringen, Orelli-Henzen 5882:
Bugio || M. Monianus Magnus || v. s. r. (jeden-
falls l.) rn. [Steuding.]
Bukolion (BovuoUcov) , 1) einer der fünfzig
von Zeus getöteten Söhne des Lykaon, Apol-
lod. 3, 8, 1. — 2) Sohn des Laomedon und
der Nymphe Kalybe , zeugte mehrere Söhne
mit Abarbarea, Apollod. 3, 12, 3. Horn. II. 6,
21. Tzetz. Homeric. 115. 223. Norm. 15, 376.
— 3) Arkadischer Fürst, Sohn des Holaios,
Enkel des Kypselos, Vater des Phialos, Paus.
8, 5, 5. Vgl. Curtius, Peloponnesos 1. S. 319. —
4) Sohn des Pan, der zuerst das Weiden des
Viehes (ßovnoXsiv) erfunden haben soll, Mna-
seas b. Schol. Theokr. 1, 64. — 5) Ein Myke-
näer, von Eurypylos getötet, Quint. Smyrn. 6,
615. [Stoll.]
Bukolos ( Bovxolog ), 1) Sohn des Herakles
und der Thespiade Marse, Apollod. 2, 7, 8. —
2) Sohn des Hippokoon in Lakedaimon, von
Herakles mit Vater und Brüdern erschlagen,
Apollod. 3, 10, 5. — 3) Sohn des Kolonos zu
Tanagra, Bruder des Ochemos und Leon und
der Oehna. Diese verleumdete den sie ver-
schmähenden Eunostos bei ihren Brüdern wegen
Gewaltthat, weshalb sie ihn erschlugen. Oehna
gestand später aus Reue die Wahrheit; die
von dem Vater des Eunostos eingekerkerten
Brüder entflohen, Oclina erhängte sich, Plut.
833
Bulaioi
Busiris
834
Quaest. gr. 40. — 4) Vater des Splrelos, Grofs-
vater des vor Troja erschlagenen Iasos, eines
Führers der Athener, II. 15, 338. [Stoll.]
Bulaioi (BovXuioi &so£). 1) So wurden von den
Chaldäern dreifsig Fixsterne genannt, an denen
die Planeten hei ihrem Laute scheinbar vor-
über gehen. Die eine Hälfte von ihnen be-
obachtet das, was über der Erde, die andere
das, was unter derselben vorgeht, worüber sie
sich durch je einen Stern gegenseitig alle l
10 Tage Meldung machen. Sie erscheinen so
als Berater der Planeten, die dann durch ihren
Lauf das von jenen Beobachtete verkünden,
Diodor. 2, 30 a. E. [ — 2) Vergl. C. I. Gr.
add. 3847 m und Bückli zu G. I. Gr. Vol. 1
n. 1307. R.] [Steuding.]
Buleus (BovXsvg), Sohn des Herakles und der
Thespiade Elacheia (?), Apollod. 2, 7, 8. [Stoll.]
Bulis (BovXig), Mutter des Aigypios (s. d.),
welche in einen Vogel (nävy^ , cpcöv^) ver- 2
wandelt wurde, der die Augen von Fischen,
Vögeln und Schlangen zu fressen pflegt, Boios
b. Ant. Lib. 5 (vgl. Aristot. de an. h. 9 , 18).
Der re couy| oder qxnvh, ist wohl eine Art Rei-
her (vgl. den Index nat. hist, zu Aristot. ed.
Didot 5, 911). [Roscher.]
Bulon (BovXcov) , Gründer der Stadt Bulis
in Phokis, Paus. 10, 37, 2. Steph. Byz. s. v.
BovXig. [Stoll.]
Bunaia {Bovvaia) s. Bunos. 3
Buueus oder Buneas? (Bovvev g, BowiagT),
Sohn des Eleiers Menedemos (?), welcher in der
Sage von Herakles und Augeias (s. d.) eine Rolle
spielte nach Ptol. Heph. b. Phot. bibl. p. 151,
30. Vgl. Müller, Orchomenos 373. [Roscher.]
Bunikos {Bovviuog), Sohn des Alexandros
(Paris) und der Helena, Bruder des Korythos
(der auch Sohn der Oinone lieifst, Tzetz. Lyk.
57. Parthen. Brot. 34), Aganos (Agauos?) und
Idaios, Tzetz. Lyk. 851. Homeric. 442. Bei i
Jüict. 5, 5 heifst der Name Bunomos oder Bu-
nochos statt Bunikos. [Stoll.]
Bunonios, Sohn der Helena und des Paris, Dict.
Cret. 5, 5. Bei Tzetz. Lyk. 851 u. Rom. 442 wird
derselbe Bovvinog (s. d.) genannt. [Steuding.]
Bunos {Bovvog), Sohn des Hermes und der
Alkidameia, korinthischer Heros, dem Aietes
bei seiner Auswanderung von Korinth nach
Kolchis die Herrschaft in Korinth übergiebt
mit dem Aufträge, sie bis zu seiner oder eines 5
1 seiner Nachkommen Rückkehr zu bewahren.
Nach Bunos’ Tode tritt Epopeus von Sikyon
an seine Stelle, Eumelos bei Paus. 2, 3, 10.
Theopomp. fr. 340 ( Müller , F. II. G. 1, 332).
i Schot. Find. Ol. 13^ 74. Tzetz. ad Lyc. 174.
Bunos gründete am Wege nach Akrokorinth
der Hera ein Heiligtum , die davon Bunaia
hiefs, Paus. 2, 4, 7. E. Curtius, Peloponn. 2,
533. Die Figur des Bunos ist ein etymologi-
scher Mythus : da ßovvog die Höhe , der Hau- 6
fen bedeutete (nach Meinehe von ßva> , nach
Welcher, Tril. 404 von ßdco , nach Abicht zu
Ger. 4, 199 ein kyrenäisches Wort!), so hiefs
die Hera am Bergabhang Bovvaia, und durch
Rückbildung entstand der Gründer Bovvog , der
ibenso wie seine Mutter Alkidameia nur bei
Eumelos und denen, die ihn ausschrieben, vor-
kommt, E. Wilisch, über die Fragm. des Ep.
Roscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
Eumelos 11. E. Gerhard, Gr. Mythol. 282, 3
bringt die Xocpoe "Egyaioi (Horn. Od. 16, 471.
Strab. 8, 343) mit dem Hermessohne Bunos in
Verbindung. Welcher bei Schwenck, Andeut.
326 nennt Bunos „den Hügelmann“, Hirt und
Ackerbauer mit Beziehung auf die Qualität
der Altern. [Wilisch.]
Bupltag'OS (Bovcpccyog), 1) ein Heros in dem
arkadischen Pheneos , Sohn des Iapetos und
der Thornax. Er nahm mit seinem Weibe
Promne den im Kriege gegen Augeas verwun-
deten Iphikles , Bruder des Herakles , auf,
pflegte ihn bis zu seinem Tode und begrub
ihn. Er wurde von Artemis, der er ungebühr-
lich nachstellte, im Pholoegebirge erschossen.
Nach ihm wurde der arkadische Flufs Bupha-
gos benannt, Paus. 8. 14, 6. 27, 11. Preller,
Gr. Myth. 2, 239. — 2) Beiname des Herakles,
weil er mehrmals ganze Ochsen verzehrte,
Apollod. 2, 7, 7. 2, 5, 11. Schol. Ap. Rh. 1, 1212.
Kallim. in Dian. 161. Eustath. Horn. p. 1523,
5. Lukian. Amor. 7. Anthol. Pal. 9, 59. Ad.
V. H. 1, 24. Athen. 10 p. 411 f. Preller , Gr.
Myth. 2. S. 246. 265. S. Buthoinas. — 3) Bei-
name des Argonauten Koronos, Orpli. Arg.
136. [Stoll.]
Buphonas ( Bovcpovag ), ein sicilischer Held,
der in der Schlacht gegen Herakles fiel, als
er sich mit vielem Kriegsvolke ihm bei seinem
Durchzug durch Sicilien entgegenstellte. Neben
ihm werden noch als Führer dieses Heeres
genannt: Leukaspis, Pediokrates, Glychatas,
Butaias u. Krytidas, I)iod. 4, 23. [Stoll.]
Buprasios ( BovnQÜoiog ), Herrscher von Bu-
prasion, Steph. Byz. s. v. Bovtzquolov. [Schultz.]
Bura (Bovqk), Tochter des griechischen
Stammheros Ion und der Helike, nach welcher
die achäische Stadt gleiches Namens benannt
war, Paus. 7, 25, 5. Stepjli. Byz. s. v. Vgl.
jedoch auch Etym. M. s. v. Bovqcc. Curtius,
Peloponnesos 1. S. 469. 490. [Stoll.]
Buraikos {Bovqcüy.6 g), Beiname des Hera-
kles, nach dem Flusse Buraikos bei Bura in
Achaia. In einer Höhle an dem Flusse hatte
Heiakies ein Orakel. Die Fragenden gebrauch-
ten Würfel mit bestimmten Zeichen, aus denen
man nach einer in der Höhle hängenden Tafel
(nivat;) die Antwort deutete, Paus. 7, 25, 6.
C. Fr. Hermann, Gottesdienstl. Altert. § 39,
15. 16. E. Curtius, Peloponnesos 1 S. 471.491.
Bursian, Geogr. v. Griechen l. 2. S. 337. [Stoll.]
Burnus s. Indigitamenta.
Burorina, jedenfalls eine niederdeutsche Göt-
tin auf einer Inschrift aus Domburg auf der Insel
Walcheren, Orelli- Uenzen 5883: Deae \\ Buro-
ri || ne quo || (d) votum || (f)ecit 1 ■ RI || • FiS ( lu -
lius Primus oder = prius) pro s || (e) et suis.
In Bezug auf den Stamm des Wortes ist viel-
leicht an Burri, Burr, Buri, den erstgeborenen
Menschen, zu denken {Grimm, I). Myth. p. 323
u. 526). Vielleicht ist dann Burorina (vergl.
altsächsisch: burian) die Gebärerin, die Urmut-
ter (?). [Steuding.]
Busbatos (Bovoßarog) , tliralcische Göttin,
mit Artemis identificiert: vgl. Hesych. Bovo-
ßazov zgv ’'Aqxe[uv. ©gäntg. Vgl. Layarde,
ges. Abh. S. 279. [Crusius.]
Busiris {Bovoiyr g), 1) Sohn des Aigyptos,
27
835
Busiris
Busiris
836
vermählt mit Automate, der Tochter des Da-
naos und der Europa, Apollod. 2, 1, 5. — 2)
Nach . griechischer Sage ein grausamer König
von Ägypten, Sohn des Poseidon und der Ly-
sianassa, einer Tochter des Epaphos, oder der
Anippe, Tochter des Neilos ( Plutarch .), der die
Fremden, die in das Land kamen, an. dem
Altar des Zeus schlachtete. Während Ägyp-
ten neun Jahre lang von grofser Unfruchtbar-
keit heimgesucht ward, kam von Kypros her
ein Wahrsager Phrasios, der dem Busiris offen-
barte, dafs die Unfruchtbarkeit aufhören werde,
wenn er jährlich dem Zeus einen fremden
Mann opfern würde. Busiris machte mit dem
Wahrsager selbst den Anfang und opferte in
der Folge alle Fremden, die nach Ägypten
kamen. Herakles, der Vorkämpfer der huma-
nen hellenischen Sitte, machte dieser barbari-
schen Roheit ein Ende. Als er auf seinem
Zuge nach den Hesperidenäpfeln (oder nach
den Rindern des Geryones, Diod. 4, 18) auch
in Ägypten erschien, wurde er ergriffen und
von Busiris als bekränztes Opfer gefesselt zum
Altar geführt; hier aber zerreifst er die Bande
und erschlägt den Busiris samt seinem Sohne
Amphidamas (oder Iphidamas) , dem Opfer-
herold Chalbes und dem ganzen Gefolge des
Königs — eine sehr populäre Fabel, Apollod.
2, 5, 11. Pherekyd. b. Schol. Ap. Rh. 4, 1396.
Apulej. de orthogr. 2. Flut. Parall. 38. Thes.
11. Herodot. 2, 45. Isocrat. or. 11. Arr. Anab.
3, 3, 1. Dioä. 4, 27. Gell. N. A. 2, 6. Ma-
crob. Sat. 6, 7. Hygin. f. 31. 56. 157. Ov.
Met. 9, 183. Verg. Georg. 3, 5. Boeth. de cons.
phil. 2, 6 p. 34, 17f. Obb. Glaudian, in Rufin.
1, 255. in Eutrop. 1, 159. Dio Ghrys. 8 p. 136.
Serv. Verg. Aen. 8, 300. Georg. 3, 5. Plnlarg.
Verg. Georg. 3, 5. Prob. Verg. Georg. 3, 1.
Euripides hat diese Geschichte in einem Satyr-
drama Busiris auf die Bühne gebracht, Fragm.
Bus. Eurip. p. 117 ed. Matthiae, p. 359 ed.
Nauck. Auch Epicharmos schrieb einen Bu-
siris, Athen. 10 p. 411 a. Die Begegnung des
Busiris und Herakles und Tötung des Busiris
auf Vasenbildern, Müller, Handb. d. Arehäol.
§ 410, 5. Millingen vas. dir. 28. Micali ant.
mon. t. 90. Gerhard , Trinksch. u. Gef. T. 8.
S. 9 u. Arehäol. Ztg. 1865 Lfrg. 67. Panofka,
Hyp.-röm. Stud. S. 296. Braun, Gr. Götterl.
§ 599. Stephani, conipt.-rend. 1868, 141 ff. Bull,
d. Inst. 1872,111. Heydemann, Vasens. Sant-
anyelo n. 343. Vor der Grausamkeit des Bu-
siris floh Proteus aus Ägypten nach Pallene,
Philarg. Verg. Georg. 4, 390. Kurz vor der Zeit,
wo Herakles den Busiris tötete, hatte dieser
Räuber ausgeschickt, um die sieben Atlan-
tiden oder Hesperiden , die durch Schönheit
ausgezeichnet waren, für sich rauben zu las-
sen; Herakles stiefs auf seinem Wege zu Atlas
auf die Räuber , tötete sie und befreite die
Jungfrauen, die er dann dem Vater zurück-
brachte, Diod. 4, 27. Nach Diod. 1, 17 setzte
Osiris, der König Ägyptens und der Nachbar-
länder, als er seinen grofsen Zug durch die
Welt unternahm und seiner Gemahlin Isis das
Reich überliefs , den Busiris als Statthalter
über die gegen Phönikien und das Meer ge-
legenen Länder (vgl. Stepli. Byz. s. v. Bovoi-
Qig), den Antaios über Äthiopien und Libyen,
während er den Hermes als Berater, den Hera-
kles als Feldherrn seiner Gemahlin zurückliefs.
Derselbe berichtet (1, 45)., dafs Menas der erste
menschliche König von Ägypten gewesen, aus
dessen Geschlecht 52 Könige stammten , die
mehr als 1400 Jahre regierten. Darauf sei
Busiris zum König gemacht worden, und es
folgten ihm 8 Könige aus seinem Geschlechte,
io von denen der letzte wieder Busiris hiefs, der
Erbauer der grofsen Stadt des Zeus , welche
die Griechen Theben nannten. Nach Etym.
31. s. v. war Busiris ein König vou Ägypten,
nach welchem auch die Stadt Busiris benannt
war. Hier befand sich das gröfste Heiligtum
der Isis und das Grab des Osiris, dessen Leiche
seine Gattin in ein hölzernes Rind gebettet
hatte, wonach dann die Stadt BovooaiQiq ge-
nannt wurde, Steph. Byz. s. v. BovaiQig. Es
20 werden zwei Städte Busiris genannt, an der
ägyptischen Küste und in der Gegend von
Memphis; an jene dachte Eratosthenes bei
Strab. 17 p. 802, doch residierte Busiris nach
Pherekydes bei Schol. Ap. Rh. 4, 1396 in Mem-
phis. In der ägyptischen Geschichte und Mytho-
logie ist kein König Busiris bekannt. Der
König Busiris in der Geschichte des Herakles
ist durchaus ein Produkt der griechischen Sage.
„Es ist eigentlich Osiris, d. h. sein Name mit
30 dem Vorgesetzten Artikel, und zwar scheinen
Menschenopfer in diesem Dienste, welche vor-
zugsweise die an das ägyptische Ufer verschla-
genen Fremden bedroht haben mögen , der
Kern der Fabel zu sein“ (Preller) Diod. 1,
berichtet nach der Aussage der Ägypter, nach
der Ermordung des Osiris durch Typhon hät-
ten die ägyptischen Könige an dem Grabe des
Osiris diejenigen Menschen geopfert, welche
die rötliche Farbe des Typhon gehabt hätten;
40 doch fänden sich unter den Ägyptern wenige
von dieser Farbe , mehr unter den Fremden.
Daher habe sich unter den Griechen die Fabel
von den Menschenopfern des Busiris verbreitet;
aber das sei nicht der König dieses Namens,
sondern das Grab des Osiris heifse so in der
Landessprache. An einer andern Stelle (1, 68)
sagt Diodor, die Könige voi Psammetich hät-
ten keine Fremden in das Land gelassen, und
dadurch sei bei den Griechen die der Wahr-
50 heit nicht entsprechende Fabel von der Gott-
losigkeit des Busiris entstanden. Herodot 2, 45
leugnet, dafs die Ägypter Menschen geopfert
hätten. Isokrates hielt dem Busiris eine eigene
Schutzrede und bewies, dafs Perseus 200 Jahre
später und Herakles noch später als Busiris
gelebt habe ( Isokrat . Bus. 15). Nach Hesiod
war Herakles 11 Menschenalter jünger als
Busiris, Theon. progymnast. p. 34 (c. 6). Era-
tosthenes bei Strabo 17 p. 802 sagt, das Aus-
go treiben der Fremden sei allen Barbaren ge-
mein ; die Ägypter aber würden blofs wegen der
Stadt Busiris beschuldigt, indem die Späteren
die Ungastlichkeit des Ortes hätten tadeln
wollen. In der That habe es weder einen
König noch einen sonstigen Herrscher Busiris
gegeben. Neuere Forscher erkennen in Busi-
ris den Vertreter der Hyksoslierrschaft in
Ägypten, Heyne zu Apollod. (2, 5, 11) p. 171 k
837 Bussumarus
Müller, Prolegomena S. 174. Dorier 1. S 452.
Preller, Gr. Myth. 2, 219. Braun, Gr. Götterl.
§ 598 — 600. Reiniseh in Paulys R.-Encycl. u.
Busiris. Parthey zu Flut. 1s. et Osiris S. 206.
272. Brugsch, Geogr. Inschr. 3, 49. [Stoll. ]
Bussumarus, ein celtischer Gott, der wolil
mit Iuppiter identificiert wurde, auf einer In-
schrift aus Carlsburg (Apulum) , C. I. L. 3,
1033 : I. 0. | Bus. su \ maro | etc. Die Endung
märus grofs , berühmt kommt in celtischen
Namen häufig vor; vgl. Zeufs, gr. C. p. 16, 2.
[Steuding.]
Butaias (Bovzaiag) s. Buphonas.
Butes oder Butas ( Bovzgg , -ccg), 1) Sohn
des Boreas, Stiefbruder des Lykurgos; er stellt
seinem Bruder nach, sein Verrat wird erkannt,
und er wird genötigt mit seinen Parteigängern
Thrakien zu verlassen. Er nimmt Naxos ein
(damals Strongyle genannt) und lebt von der
Plünderung der Vorüberfahrenden. Auf einem
der Streifzüge, die sie unternahmen, um sich
Frauen zu rauben, kamen sie nach Thessalien
(Phthiotis) und treffen dort auf die Pflegerin-
nen des Dionysos; die meisten retten sich,
sei es dafs sie ins Meer springen, sei es durch
die Flucht nach dem Berge Drios (vgl. Horn.
Z 130, wo fast dasselbe von Lykurgos erzählt
j wird) ; nur Koronis wird geraubt und dem
Butes als Gattin gegeben; auf ihre Bitten ver-
< setzt Dionysos den Butes in Raserei, so dafs
; er sich in einen Brunnen stürzt und stirbt,
Diotl. 5, 50. Auf ihn bezieht sich wohl, was
der Schol. zu Ovid. Ibis 605 konfuser Weise
bemerkt : Butes Lycurgi filius Bacchi sacerdotes
in ultionem patris variis affecit suppliciis. Auf
den Raub der Koronis bezieht Stephani Boreas
und die Boreaden ( Abh . d. Ale. v. St. Peters-
burg Ser. 7, Bd. 16, 1871) eine in mehrfachen
Exemplaren vorkommende Terracotta, (ein ju-
gendlicher geflügelter Mann hat eine nackte
Frau ereilt und gepackt) , ohne dafs die Deu-
tung zur Wahrscheinlichkeit zu bringen wäre.
— 2) Sohn des Pandion, Königs von Athen,
und der Zeuxippe; seine Schwestern sind Prokne
und Philomela , sein Bruder Erechtheus. Er
! heiratet die Chthonia, die Tochter des Erech-
theus; damit steht im Widerspruch, dafs Erech-
theus, um den Eumolpos zurückzutreiben, auf
die Mahnung des Orakels, eine seiner Töchter
(gerade Chthonia wird genannt, und Butes als
Opferpriester bezeichnet) opfert , worauf die
| Schwestern derselben sich selbst töten. Siehe
die Art. Chthonia und Erechtheus. Butes erhält
die Priesterschaft der Athene und des Posei-
don, die im Erechtheion verehrt wurden, Apol-
lod. 3, 14, 8. Nach ihm sind genannt die
Butaden ( BovzccSca drjyog zijg Aiygidog q>v\r;g,
! Steph. Byz. ethn. ed. Meinelce S. 183) und Eteo-
butaden, aus deren Geschlecht die Priesterin
: der Athena Polias genommen wird (Schol.
• Aeschin. parapresb. 147). Im Erechtheion stan-
den dem Butes geweihte Altäre , auch die
Wandmalereien bezogen sich auf sein Ge-
| schlecht (Paus. 1, 26, 6). Er ist es wohl, des-
sen Sohn Polykaon (Paus. 4, 2, 1) und dessen
Tochter Hippodameia, die Gattin des Peiri-
thoos genannt wird (Diod. 4, 70, 3). Mit
jihm wird mehrfach verwechselt — 3) Sohn
Buzyge 838
des Teleon und (nach Hygin f. 14) der Zeu-
xippe, der Tochter des Eridanos, ein Athe-
ner, (Apollod. 1, 9, 16. 25. Apollod. Bhod. 1,
95. 4, 914. Val. Fl. Arg. 1, 394); bei Orph.
Arg. 138 wird er Aiviciögg genannt, wohl rich-
tiger AlysiSyg, nach Steph. Byz. S. 183 zyg
AlyyCSog yvhrjg, vergl. oben 2 und O. Müller,
Gesch. hell. Stämme 1 S. 185; bei anderen heilst
er Sohn des Poseidon (Etym. M. s. v. Eust.
ad Hom. II. S. 13, 43. Pliavorin. Eclog. S. 361,
9); nimmt am Argonautenzug teil. Als die
Argonauten an der Insel der Seirenen vorbei-
fahren, ist Butes der einzige, welcher sich be-
thören läfst; er springt aus dem Schiffe und
schwimmt nach den Seirenen hin, wird aber
von Aphrodite errettet und nach Lilybaeum
gebracht. Sein und der Aphrodite Sohn ist Eryx
(Hygin f. 260), der jedoch nach Serv. ad Verg.
Aen. 1, 570. 4, 23 auch als Sohn des Posei-
don bezeichnet wird Nach Diod. 4, 23, 2.
83, 1 ist Butes, der Vater des Eryx, nicht der
Argonaut, sondern ein einheimischer König. —
— 4) Sohn des Pallas, Bruder des Klytos ; beide
begleiten den Kephalos nach Aigina, als er
Hilfe gegen Minos holen will, Ovid. Met. 7,
500. — 5) Butes, ein Argiver, welcher den
Tlepolemos auf seiner Flucht nach dem Tode
des Likymnios begleitet hat. Als Tlepolemos
sich rüstet den Agamemnon nach Troja zu
begleiten, übergiebt er dem Butes die Herr-
schaft über Rhodos, Diod. 5, 59. — 6) Sohn
des Amykos, Königs der Bebryker (den Poly-
deukes im Faustkampfe besiegt hatte). Dares
hat ihn bei den zu Ehren Hektors angestell-
ten Leichenspielen im Faustkampfe betäubt
oder getötet, Verg. Aen. 5, 372. Vielleicht ist
er identisch mit: — 7) ein Teukrer im Heere
des Aineias, ehemals Waffenträger des Anchi-
ses, dann Begleiter des Ascanius; er wird von
Camilla getötet, Verg. Aen. 9, 647. 11, 690.
[Engelmann.]
Butlioinas (Bov&oLvug), Stierfresser, Beiname
des Herakles, Anthol. Plan. 123. Eustath. Hom.
p. 1523, 8. Suid. s. v. Bov&og nsgiyoizu und
"Tk log. Gregor. Nazianz. Or. 3. Eudokia p. 95
u. 209. S. Buphagos No. 2. [Stoll]
Bnthrotos (Bov&gcozog), Gründer von Buthro-
tos in Illyrien, Steph. Byz. s. v. [Schultz.]
Buto (Bovzio), ein Beiname der ägyptischen
Waz oder Wazyt, einer der Bast oder Pacht
verwandten Gottheit des Feuers (s. Reiniseh
in Paulys R.-E. s. v.), Herodian. bei Steph.
Byz. s. v. Bovzog (vgl. dens. s. v. BovQ-oy u.
Xiggig) setzt sie dagegen der Ayzco gleich
(vergl. Strabo 17. 18 p. 802). Auf eine Bezie-
hung zu Tod und Bestattung (vergl. Paulys
Real-Encycl. unter Babys) deutet Plut. de Is.
et Os. 18, 38. Das ihr geweihte Tier war die
Spitzmaus, Herod. 2, 67. Plut. a. a. O. Nach
dieser Göttin führt die Stadt an der Sebennyti-
schen Nilmündung, wo sich der Haupttempel
mit einem berühmten Orakel der Göttin be-
fand, den Namen Bovzog oder Bovzco. Ebenda
wurde ihr alljährlich ein Fest gefeiert, Hero-
dot. 2, 59 ff. 83, 152, 155 f. [Steuding.]
Buzyge (Bov^vyy), Tochter des Lykos, Gemah-
lin des Klymenos, Mutter des Erginos, Schol. Ap.
Rh. 1, 185. S. auch Budeia No. 2. [Stoll.]
27 *
io
20
30
40
50
60
839 Buzyges
Buzyges (Bov^vygg) , der Stieranspanner, 1)
ein alter attischer Heros, der zuerst die Stiere
an den Pflug gespannt und gepflügt haben
sollte; sein ursprünglicher Name soll Epime-
nides gewesen sein, Aristoteles bei Serv. Verg.
Georg. 1, 19. Hesych. s. v. Etym. M. Bov-
gvyia. Schol. II. 18, 483. Elin. N. H. 7, 57.
Er galt den Athenern als der Begründer des
Ackerbaus und war auch ihr erster Gesetzgeber,
Preller, Demeter u. Persephone S. 391 ff. Be-
kannt ist das Verbot des Buzyges, den Acker-
stier zu töten, s. Böttiger , Aldobrand. Hoch-
zeit S. 165f. ; vgl. Lobeck , Aglaoph. 677. Über
die agai. Bov£vysioi App. Proverb. 1, 61. Val-
cken. zu Herodot. 7, 231. Boßler, de gent. et
fam. Att. sacerdot. p. 11. Preller , Demeter u.
Pers. S. 392. A. Mommsen, Ileortologie S. 222.
Buzyges gehörte ursprünglich dem kekropischen
Religionskreis der athenischen Athena Polias
an ( Aristid . Ath. p. 20 Dind.), der Vorstehe-
rin der Agrikultur und Ölbaumzucht im kekro-
pischen Thale, ward aber später mit dem dem
eleusinischen Demeterkulte angehörigen Trip-
tolemos verschmolzen, Preller, Demeter u. P.
S. 290 ff. Gr. Myth. 1. S. 642. Boßler p. 10 ff.
Mommsen a. a. 0. S. 76. Vgl. Auson. Epist.
22, 46 f. Von ihm leitete sich das athenische
Priestergeschlecht der Buzygen (Bovgvyicc,
Et. M. Bekker An. Hes .) ab, dem die Pflege
des Palladions anvertraut war, Polyaen. Stra-
teg. 1, 5. C. I. Gr. n. 491. Müller , Eume-
niden S. 155. Pallas § 16. Gerhard, Griech.
Mythol. § 248, 5. ln Attika wurden drei
heilige Pflügungen gehalten, auf Skiron, auf
dem rarischen Felde bei Eleusis und unter-
halb der Burg von Athen, wahrscheinlich um
das Korn für die heiligen Gebräuche in den
Tempeln der Athena Skiras , der eleusini-
schen Göttinnen und der Pallas Polias zu säen.
Das Pflügen unter der Burg hiefs im engeren
Sinne agozog Bovgvyiog. Die Besorgung des
Pflügens, wie die Pflege der heiligen Stiere,
welche den Pflug zogen, lag dem Geschlechte
der Buzygen ob. Der Vollzieher des Pflügens
(6 zovg isgovg agozovg inneXcöv) hiefs Buzy-
ges, Plut. prciecept. conjug. 42 (p. 144). He-
sych. Bov£vyr\g. Schol. Aristid. p. 473 Dind.
Preller , Demeter a. a. 0. Griech. Mythol. 1
S. 169. A. Mommsen, Heortologie S. 9. 76 f.
218. 221. 462 (Index unt. Eleusinion). C. Böt-
ticher, Pliilolog. 22. S. 262ff. 394f. C. Fr. Her-
mann, Gottes dienstl. Altert. § 56, 27. Band, de
Diipoliorum sacro. Halae 1873 S. 49 f. — 2)
Beiname des Herakles, Suid. s. v. Lactant. 1,
21, 36. [Stoll.]
Bybassos ( Bvßaooog ) , ein karischer Hirt,
der den nach Karien verschlagenen Podalei-
rios (Paus. 3, 26, 7) aus Sturmesnot rettete
und der von diesem gegründeten Stadt Bybas-
sos (Bybastos nach Ephoros ) den Namen gab,
Steph. Byz. s. v. und s. v. Evgva. Eine zweite
dort von Podaleirios gegründete Stadt erhielt
den Namen Syma. [Stoll.]
Byble (Bvßly), Tochter des Miletos, Steph.
Byz. s. v. Bvßlog. S. Byblis. [Steuding.]
Bytolis ( Bvßh'g ), Tochter des Miletos, eines
Enkels von Minos (nach Nonn. Dion. 13, 546 ff.
des Asterios, eines Sohnes des Minos), und der
Bysnos 840
Tragasia, der Tochter der Kelaino ( Nikain . b.
Parth. Erot. 11), oder der Eidothea, der Toch-
ter des Karerkönigs Eurytos ( Nilcand . bei An-
ton. Lib. 30), oder der Areia (Schol. Theokr.
7, 115) oder der Kyanee , der Tochter des
Maiandros (Ov. Met. 9, 451 f. Myth. Vat. 1,
204). Ein Liebesverhältnis mit ihrem Bruder
Kaunos brachte ihr den Tod. Nach der ge-
wöhnlichen Tradition ging die sündhafte Nei-
gung von Byblis aus. Als sie ihrem Bruder
dieselbe gestand, entwich er voll Entrüstung
aus dem Lande und gründete im südlichen
Karien die Stadt Kaunos. Byblis aber, von
fortdauernder Liebesglut verzehrt und gequält
von dem Gedanken, dafs sie ihren Bruder aus
der Heimat verdrängt hatte, erhängt sich an
einer Eiche; aus ihren Thränen entstand die 1
Quelle Byblis (Partiten, a. a. 0.). Dieser Form A
des Mythus folgt Nikander a. a. 0., wo jedoch i
Byblis, als sie im Begriff ist, sich von einem
Felsen zu stürzen, von den mitleidigen Nym-
phen jenes Berges zurückgehalten und in eine
Hamadry ade verwandelt wird (die Quelle heifst '
hier Sängvov ßvßh'dog) , und Ovid in der aus-
führlichen Schilderung Met. 9, 450 ff. Nach
ihm durchirrt Byblis schliefslich im Wahn-
sinn, nach dem Bruder suchend, die Länder,
bis sie erschöpft zusammensinkt und, in Tkrä- ' 1
nen zerfliefsend, sich in eine Quelle verwandelt.
Dieser Tradition steht eine andere gegenüber,
nach welcher Kaunos zuerst von Liebe zur
Schwester entbrannte und, weil er diese Liebe
nicht überwand, aus' dem väterlichen Hause
floh. Sie findet sich bei Nikain. a. a. 0. Go-
non. Narr. 2. Schol. Theokr. a. a. 0. Auch
hier macht Byblis ihrem Leben durch Erhän- j
gen ein Ende, und eine Quelle entspringt aus T3
ihren Thränen. (Vgl. Paus. 7, 5, 10, wo sie
Bißh'g heifst, Nonn. Dion. a. a. 0. Steph. Byz. 1
s. v. Kavvog. Suid. u. Hes. s. v. Kuvviog sgwg.
Diog. Prov. 5, 71. Hyg. f. 243). Nach Byblis fl-
wurde die Stadt Byblis in Karien (Anton. Lib.
a. a. 0.) und Byblos in Phoinikien (Steph. Byz.
s. v. Bvßlog, wo die Tochter des Miletos Bv- I®
ßlg heifst), benannt. Der Mythus hängt wohl
mit den Traditionen des Aphroditekultus in
der Nähe von Milet zusammen und wurde
durch die kretischen Kolonieen dieser Stadt
genealogisch mit Minos verknüpft, (vergl. Ja-
cobs, Animadv. in Anthol. 1, 2 p. 233. Hock,
Kreta 2, 313f. Preller, gr. Myth. 1, 296. 2,
135. [Schirmer.]
Byblos (Bvßlog), nach Steph. Byz. s. v. Kv-
Ttgog Vater der Kypros (s. d.), von welcher die
Insel Cypern genannt sein soll. [Steuding.]
Bydis (Bvödg), ein Heros und König von
Ägypten, Maneth. b. Euseb. Arm. chron. p. 93
bei Müller fr. h. gr. 2, 526 a, 1. [Steuding.]
Byne (Bvvri, nach Etym. M. entstanden aus
Bv&odvvr] oder Avvrf), Name der Ino-Leuko-
thea, Etym. M. s. v. Lykophr. 107 u. Tzets. .
Preller, Gr. Mythol. 1. S. 493, 2. Vgl. Schol.
Veron. Verg. Aen. 10, 76: Deam Veniliam aln
Venerem — alii Nympham quam Gracci Bvvgv
vocant. [Stoll.]
By rseus s. Hyrieus.
Bysnos (Bvovog), König der Bebryker, von
llos getötet (Steph. Byz. s. v. Bvavakog). Bei
io
20
30
40
50
60
841
Caca
842
Byssa
Gonon. Narr. 12 heilst derselbe Byzos oder
Byzes. Hier ist vielleicht Bvovov zu schrei-
ben. [Roscher.]
Byssa ( Bvoocc ), Tochter des Eumelos, Enkelin
des Merops, Schwester der Meropis und des
Agron, in den Vogel der Leukothea verwan-
delt: Boios b. Anton. Lib. 15 (s. Agron).
[Roscher.]
Bytos ( Bezog ), Gemahl der Aphrodite und Va-
ter des Eryx, Steph. Byz. s. v. ”Eqv |. [Schultz.]
Byzas (Bv£ccg), 1) der Gründer von Byzan-
tion, dessen Mauern er mit Poseidon und Apol-
lon aufbaute, und König daselbst zur Zeit der
Argonautenfahrt. Er heilst Sohn des Posei-
don und der Keroessa, welche auf der Land-
zunge Keras bei Bvzantion von Io dem Zeus
geboren und von der thrakischen Nymphe Se-
mestra (Semystra) aufgezogen worden war; oder
er ist Sohn der Semestra und wird aufgezogen
von einer tkrakiächcn Quellnymphe Byzia, Ge-
i mahl der Phidaleia, Bruder des Strombos (oder
| Stroibos), Diod. 4, 49. Steph. Byz. s. v. Bv&vzlov
, und rvvcanav Lggv (Pwcav-onolig). Dionys.
Byz. de Thracio Bospor. fr. 9 ff. Friclc (G. Mül-
Iler , Geogr. gr. min. 2 p. 28 fr. 18 und p. 46
fr. 37). Hesych. Miles. § 5 fl’. C. Müller, Fr.
hist. gr. 4 p. 147 ff. Tzetz. Chil. 2, 40. Glau-
i dian. in Eutrop. 2 , 83. Procop. de aed. 1 , 5.
! Sonst wird die Erbauung Byzantions megari-
schen Kolonisten unter einem Führer Byzes
oder Byzas zugeschrieben , Steph. Byz. s. v.
Bv^ävziov. Eustath. zu Dionys. Perieg. 803 ;
vgl. Anthol. Plan. 4, 66, 67. 0. Müller, Do-
| vier 1. S. 120. Prolegg. S. 133. Erich in Pau-
i lys Realencykl. 1, 2 p. 2603 f. Byzas besiegte
! den thrakischen Tyrannen Haimos, der gegen
seine Stadt feindlich heranzog, in einem Zwei-
kampf. Während er die besiegten Feinde ins
Innere von Thrakien verfolgte, rückte der sky-
thische König Odryses vor Byzantion und be-
lagerte es; aber die Gattin des Byzes, Phida-
leia, rettete die Stadt, indem sie eine Menge
von Schlangen in das feindliche Heer schleu-
derte. Auch Strombos, der Bruder, bekriegte
i den Byzas und ward von Phidaleia und den
Frauen der Stadt in Abwesenheit der Männer
zurückgeschlagen , Dionys. Miles. § 17. 20.
| Steph. Byz. Fwcuxcav luxqv. Tzetz. Chil. 2, 40.
' Uber eine Statue des Byzas und der Phidaleia
in Byzanz s. Hesych. Mil. § 34. mit Orelli p. 235.
i Godinus Excerpta de antiquit. Const. (ed. Bek-
I her in Corp. script. hist. Byz.) p. 12 u. 59. —
i 2) Byzas , Sohn des Amphithemis in Libyen,
Herodian. n. yov. Xsb,. p. 11, 19 (sehr unge-
wisse Lesart, s. C. Müller, Fr. hist. gr. 4
p. 294, 1). Vgl. Steph. Byz. s. v. Bv£<xv reg.
\ Strab. 2, 131. [Stoll.]
Byze (Bvgrj), Tochter des argivischen Flul’s-
I gottes Erasinos, Schwester der Melite, Maira
i und Anchiroe , in der Geschichte der Bvito-
| martis-Diktynna (s. d.) genannt, Anton. Lib.
40. [Stoll.]
Byzenos s. Byzinos.
Byzes s. Byzas.
Byzia s. Byzas.
Byzinos (Bv&vog; falsch Byzenos bei Eras-
mus, Zenob. Par. 2, 63 (in einer interpolirten
Sprichwörterreihe) , Sohn des Poseidon ysza
nagggoiag asi diccXsyofifvog. Er verdankt seine
Existenz lediglich dem Parömiographen, der
das Sprichwort ßv^ivg naggydia (von ßvgco, zu
ßv£a, ßvas = Uhu, über dessen lugubre Be-
deutung vergl. Plin. hist. nat. 10, 16, append.
prov. 1, 65 p. 389 ed. Gott. Wachernagel ensa
nzigosvza S. 25) nicht zu erklären wufste und
sich nach altem Herkommen mit Anknüpfung
an den bekannten Byzas einen Eponymos da-
für schuf. [Crusius.]
Cabar [diacensis?] dea, celtische Göttin auf
einer Inschrift aus Vizeu in Lusitanien, C. I.
L. 2, 403: Deae Cabar || Sullpicius) etc. Wohl
dieselbe Göttin ist auf Inschriften aus Caver-
zago (= Cabardiacus) in der Nähe der Treb-
bia als Minerva , und zwar als Medica , be-
zeichnet. (P. Bortolotti im Bull. delV Instit.
Arch. 1867 p. 219—224 u. 237—242 und da-
nach bei De- Vit, On. s. v: Minervae Cabar -
diacensi Maria C. Marii Umbronis f. v. s. I.
m. und Minervae Medicae Gabardiac. Da der
Name aber nicht auf diesen Punkt beschränkt
ist, so dürfte er auch nicht von demselben
abzuleiten sein ( Jordan zu Preller, B. M.3 1,
295, 1), sondern der Ort wohl der Gottheit
seine Benennung verdanken. Dazu kommt,
dafs der Stamm cabar oder cavar sich auch
in anderen celtischen Namen findet, z. B. in
Kaßags is (Paus. 1, 35, 5), Cavarillus, Cavari-
nus, Cavares, die Zeufs, gr. C. p. 129 auf cawr
— gigas zurückführt. Vgl. Friedländer , Sit-
teng. Poms 3, 478. [Steuding.]
Caca. Die Göttin Caca besafs in Rom ein
sacellum, in welchem ihr nach der einen Les-
art (bei Serv. Aen. 8, 190; vgl. Mythogr. Vatic.
2, 153 p. 128, 21. 3, 13 p. 247, 7 Bode) ein
stets brennendes Feuer unterhalten , nach der
andern durch die vestalischen Jungfrauen ge-
opfert wurde. Diese Verehrung hat ihren
Grund angeblich darin, dafs Caca an ihrem
Bruder Cacus Verrat geübt und dem Hercules
den Raub der Rinder angezeigt hatte (a. a. 0.
Lact. inst. div. 1, 20, 36). Jedoch verrät sich
diese Angabe als ätiologische Erfindung schon
dadurch, dafs sie mit der in der Sache be-
gründeten und auch in den Sagen der ver-
wandten indogermanischen Völker wiederkeh-
renden Version der Cacussage unvereinbar ist,
wonach die Rinder selbst durch Brüllen ihren
Aufenthaltsort und den Räuber verraten. Man
hat vielmehr mit Recht darauf hingewiesen,
dafs sowohl die Abstammung der Caca (ihr
Bruder Cacus heifst nämlich Sohn des Vulcan,
z. B. Verg. Aen. 8, 198 u. a.), als auch die
Art ihrer Verehrung, welche sie in direkte
Verbindung mit Vesta setzt, sowie endlich
auch ihr Name, der sicher auf Verwandtschaft,
z. B. mit Caeculus, dem Vulcanssohne und
Gründer von Praeneste, hinweist, darauf füh-
ren , in ihr eine uralte Göttin des Herdfeuers,
die dann durch Vesta verdunkelt wurde, zu
erkennen (vgl. Preuner, Hestia-Vesta S. 386 f.)
und dafs Cacus und Caca wohl ursprünglich
ein altes Götterpaar sind (Ambrosch, Rcligions-
biicher der Römer S. 52, 193. Schwegler, Röm.
843
Cacunus
Caelus
844
Gesell. 1, 372; vgl. auch Osthoff) quaest. mythol.
Bonn 1869 p. 7 ff.). [Wissowa],
Cacunus, sabinischer Beiname des luppiter
auf einer Inschrift vom Berge Moretta im Sa-
binergebiet, Orelli 1209 : ( J)ovi Cacuno F. G.
und einer solchen auf einer Bronzeplatte zu
Bom, C. I. L. 6, 371: Jovis | Cacu \ nus. Vgl.
cacurnen (nach Biondi ) , also = Gulminalis u.
Cacus s. Hercules. [ähnl. [Steuding.]
Caeculus. 1) Während griechische Schrift-
steller ( Zenodotos bei Solin. 2, 9. Mart. Cap. 6,
642) als Gründer von Praeneste einen Heros
Praenestes, Sohn des Latinus und Enkel des
Odysseus (und. der Kirke) nannten, wufste die
einheimische Überlieferung {Solin. 2, 9) , wel-
cher Gato in den Origines und Varro folgten
{Schol. Veron. Aen. 7, 681), über die Entste-
hung der Stadt eine schöne Sage zu erzählen.
Vor der Erbauung der Stadt wohnten in jener
Gegend als Hirten die diui fratres Depjdii (die
Überlieferung des Namens ist eine sehr schwan-
kende; diui fratres heifsen sie bei Sero. Aen.
7, 681, Depidii in den Schol. Veron. Aen. 7,
681, Digidii bei Solin. 2, 9; Bursian, Bitter.
Centralbl. 1859, 609 will Digiti hersteilen, Har-
tung, Relig. d. Böm. 1, 88 Indigetes) mit ihrer
Schwester; als diese einst am Herdfeuer sitzt,
fällt aus der Flamme ein Funken in ihren
Schofs und sie wird dadurch schwanger: sie
gebiert einen Knaben, den sie in der Nähe
eines Tempels des luppiter aussetzt, Serv.
Aen. 7, 681. Dort finden wasserholende Jung-
frauen das Kind nahe bei einem Feuer neben
der Quelle liegend und bringen es zu den
nämlichen fratres Depidii, welche es aufziehen,
Varro b. Schol. Veron. Aen. 7, 681; vgl. Verg.
Aen. 7, 680. Serv. Solin. a. a. 0. Mythogr.
Vatic. 1, 84; nach Solin. sind sogar die auf-
findenden Jungfrauen selbst ebenfalls sorores
Digidiorum. Wegen der merkwürdigen Art
seiner Auffindung hält man ihn für einen Sohn
Vulcans {Verg. Aen. 7, 679. 10, 544. Schol.
Veron. Serv. a. a. 0.) und nennt ihn wegen
seiner infolge der Wirkung des Rauches klei-
nen und blinzelnden Augen Caeculus, während
er eigentlich Depidius hiefs {Schol. Veron. Aen.
7, 681. Serv. ibid.). Nachdem er längere Zeit
unter den Hirten ein Räuberleben geführt,
sammelt er schliefslich eine Menge seiner Ge-
nossen und anderen Volkes um sich und grün-
det die Stadt Praeneste {Verg. Serv. Schol.
Veron. a. a. 0.), nicht ohne dabei noch einen
Beweis seiner göttlichen Abkunft zu geben.
Als er nämlich bei der Einweihung der neuen
Gründung festliche Spiele feiert und die zahl-
reich zusammengeströmten Nachbarn unter
Hinweis auf seine Abstammung von Vulcanus
zur Ansiedlung in seiner Stadt auffordert, will
man seiner Behauptung keinen Glauben schen-
ken; da bittet er den Vater um ein Zeichen
für die Wahrheit seiner Worte, und plötzlich
sieht sich die ganze Menge von lodernden
Flammen umgeben , die sich erst auf Befehl
des Caeculus wieder legen: nun ist sein über-
menschlicher Ursprung deutlich dargethan, und
man drängt sich in die von ihm neu gegrün-
dete Stadt Praeneste {Serv. Aen. 7, 681; ratio-
nalistisch erklärt von Mythogr. Vatic. 1, 84).
Später leitet sich in Rom die Familie der
Cäcilier von Caeculus ab {Paul. p. 44). Die
Sage enthält eine Menge von Zügen, die uns
auch anderweit in Gründungssagen begegnen:
die wunderbare Zeugung durch einen Funken
des Herdfeuers finden wir auch in der römi-
schen Vorgeschichte mehrfach, bei der Geburt
sowohl des Romulus, Plut. Rom. 2, als des
Servius Tullius, Hion. Hai. 4, 2, und auch die
Erzählung von der Auffindung durch wasser-
holende Jungfrauen, der Erziehung durch Hir-
ten , dem Räuberleben u. a. kehren häufig
wieder {Schwegler, Böm. Gesell. 1, 431). In all
diesen Gründungssagen ist auch der Gedan-
keninhalt ein durchaus verwandter : die Gott-
heiten des Herdfeuers, des sprechendsten Sym-
bols der Sefshaftigkeit und Häuslichkeit, sind
die Erzeuger der Städtegründer; bei Caeculus
ist das auch im Namen selbst ausgesprochen,
der wohl mit v.cdco u. ähnl. zusammenhängt
(anders Corssen, Aussprache etc. 1, 378). Die
Depidii fratres endlich, oder wie der Name
lauten mag , hat man mit vollem Recht als
die Lares praestites von Praeneste aufgefafst,
denen als solchen die Erziehung des zukünf-
tigen Stadtgründers naturgemäfs zufällt; vgl.
Premier, Hestia- Vesta p. 400. — 2) Der in den
Indigitamenta vorkommende Todesgott Cae-
culus, qui oculos sensu exanimet {Tertull. ad
nat. 2, 15) hat natürlich mit dem Gründer
Praenestes nichts als den Namen gemein, Am-
brosch, Religionsbücher der Römer S. 18. Vgl.
auch Indigitamenta. [Wissowa.]
Caedicas, 1) ein Italer, Gastfreund des Ti-
burtiners Remulus, dem er einen Gürtel als
Geschenk sandte, Verg. Aen. 9, 362. — 2) Ein
Etrusker, Krieger im Heere des Mezentius,
Aen. 10, 747. Der Name hängt wahrschein-
lich mit der zu Camillus’ Zeit blühenden gens
Caedicia (Liv. 5, 45 f. App. Celt. 5; vgl. Iuv.
13, 197) zusammen. Vgl. auch den Caedicius
campus im Gebiete der Vestini ( Plin . N. H. 11,
241 ; vgl. ib. 3, 108; 14, 62) und Caeditiae taber-
nae {Paul. Diac. p. 45, 13 Müller). [Roscher.]
Caelestinns , Beiname des luppiter, Orelli
inscr. 1223. [Steuding.]
Caelestis, ein verschiedenen Gottheiten so-
wie konsekrierten Personen beigelegter Bei-
name, besonders häufig zur Bezeichnung der
als Iuno, Diana, zuweilen auch als Kybele
oder Venus aufgefafsten Himmelsgöttin von
Karthago (= der phönicischen Astarte). Der
Name Caelestis findet sich jedoch auch selb-
ständig und ohne spezielle Bestimmung, aber
auch in diesem Falle dürfte meist letztere
Göttin gemeint sein: C. I. L. 2, 4310 (Tar-
raco), 3, 992 (Carlsburg), 6, 79 (Rom), 8, 1360.
2592. 4673f. 2226 (Afrika); dea Caelestis 8,
1887; dea sancta Caelestis 8, 8433; dea magna
virgo Caelestis 8, 9796; vergl. Tertull. Ap.
24. Aug. de civ. Hei 2, 4. 26; Caelestis Au-
gusta C. I. L. 2, 2570 (Spanien); 3, 993 (Carls-
berg), 8, 859. 993. 1318. 1837. 6351. 6939. 8241.
8432; 8239. 4286 — 4290; domina Caelestis 6, 77.
Caelestis victrix 6, 756; invicta Caelestis 6, 78.
[Steuding.]
Caelus , i. m. , Gott des Himmels , auch
Caelus pater {Serv. Verg. Aen. 5, 801), und
845
Caieta
Camenae
846
trotz der Bemerkung des Servius a. a. 0. oft
auch Caelum genannt, Neue, lat. Formen}}
1, 416, ist nach Hygin. fab. praef. der Sohn
des Aether und der Dies, Bruder der Erde und
des Meeres, während ihn Mythogr. Vat. 1, 204
zum Sohne des Ophion (s. d.), oder Oceanus,
oder Nereus und der älteren Thetis macht.
Nach Varro de 1. lat. 5, 10, 57ff. (vergl. Non.
197, 6), sind dagegen Himmel und Erde über-
haupt die ältesten Götter , die dei magni, die
divi qui potes, {Hol SvvcaoC, so viel als anima
et corpus, humidum et frigidum ; doch setzt
er ihnen für Latium Saturnus und Ops, sonst
auch Iuppiter u. luno gleich. Cie. de nat. deor.
3, 2 1 ff', nennt den Himmel als Vater des Iup
piter II, des Vulcanus I, des Mercurius I (vgl.
Ampel. 9, 5. Mythogr. 2, 41 nennt Mercurius II)
und der Venus I (vgl. Ampel. 9,9), und zwar
wird dabei als die Mutter der beiden letzte-
ren die Dies bezeichnet, während Charis. 1 p. 55
cd. Putsche u. Lindemann Caelus mit Vesta
verbindet. [Vgl. auch Mythogr. 1,204, wo er
Vater des Saturnus (vergl. Myth. 2, 1), des
Phorcus und der Rhea genannt wird.] Sie alle
schliefsen sich dabei an die von der späte-
ren griech. Theologie vertretene Vorstellnngs-
weise an , die , nachdem die älteren Personi-
fikationen des Himmels sich von der Natur-
vorstellung losgelöst und selbständig entwickelt
hatten, nach neuen Abstraktionen suchte und
diese dann genealogisch mit den alten Gott-
heiten in Verbindung brachte. Sonst ist Cae-
lum oder Caelus immer nur eine Übersetzung
des Ovqkvos; er ist dann Vater des Saturn =
Kqovos ( Cic . de nat. deor. 3, 17. Ennius bei
Nonius 197, 9), und der von ersterem überlie-
ferte Mythus wird auf ihn übertragen; so bei
Cic. a. a. 0. 3, 24, 62 ff. 2, 24, 63. Serv. zu
V erg. Aen. 5, 801 u. Fel. 6, 13. M aerob. Somn.
Scip. 1, 2, 11. Mythogr. 2. fab. 30,(198?); 3 fab.
1, 7. (3, 4?). In späterer Zeit deuten die Weih-
inschriften C. I. L. 2, 2407. 6, 81, 83, 84 auf
wirklichen Kultus ; auch spricht Vitr. 1 , 2, 5
von Hypäthraltenrpeln des Caelus. Auf römi-
schen Kunstdenkmälern erscheint derselbe (nach
Visconti) als bärtiger Mann mit im Bogen
über dem Kopf ausgebreitetem Gewände, öfter
auch mit Terra zusammen, Jahn, Arch. Beitr.
35. 91. Matz-Buhn, A. 23.2711. 3315f. 3341.
1449. Vergl. Preller, Ii. AI.3 2, 372. Be-Vit, •.
On. s: v. [Steuding.J
Caieta. Vorgebirge und Stadt Caieta im
; südlichem Latium sollte nach heimischer Über-
ieferung von Caieta, der Amme des Aeneas
nach andern der Creusa oder des Ascanius
/gl. Serv. Aen. 7, 1) benannt sein, welche auf
ler Fahrt starb und an jenem Orte begraben
vurde, Verg. Aen. 7, lff. Ovid. met. 14, 441 ff.
Strabo 5 p. 233. Solin. 2, 13. Serv. a. a. 0.
iurel. Vict. orig. 10. Doch gab es auch an- (
lere Ableitungen des Hamens, von einem lako-
nischen Worte hcuszcc = noilog ( Strabo a. a. 0.)
»der Uno rov %ca 'uv, weil dort die Flotte des
Aeneas infolge eines Unfalls verbrannt sei
Serv. a. a. 0. Aurel. Victor, orig. 10 hat dar-
aus mit fingierten Gewährsmännern eine neue
I ersion geschaffen, wonach Caieta den Flotten-
u-and veranlafst hätte; vgl. II. Jordan , Her-
mes 3, 411; zur Sache vgl. Fest. p. 269. Bio-
nys. Hai. 1, 72. Flut. QB. 1, 6). Ein früher
angenommener Tempel des Apollo und der
Caieta zu Formiae beruhte auf einer falschen
Lesart bei Liv. 40 , 2 , 4 (vgl. Obseq. 5) , wo
man früher las: 'et a Formiis [sc. nuntiatum
est ] aedem Apollinis ac Caietae de caelo tac-
tam\ während jetzt Weifsenborn und Madvig
das 'ac' tilgen. [Wissowa.]
» Cailarus, oder wohl besser Caiiarus, eine
celtische Gottheit auf einer Inschrift aus Ar-
les, Orelli 1976: Ex imperio T. Attius Quar-
tus Cailaro v. s. I. m. ( Garrucci , diss. sugli acc.:
Caiiaro). [Steuding.J
Caligo , das Dunkel , nach Hyg. f. praef. 1
Mutter des Chaos und von diesem wiederum
Mutter von Nox , Dies, Erebus und Aether,
erstes Prinzip der Theogonie. Es entspricht
dem griechischen Zxorog, welcher aber sonst
i nicht als Erzeuger des Chaos, sondern der Eu-
meniden angesehen wurde: Soph. Oed. C. 40
und 106 (vgl. auch Schol. z. v. 42) Schol. Aeschin.
p. 25, 35 ed. Tur. [Roscher.]
Calpus , einer der vier Söhne des Numa
Pompilius (Flut. Num. 21), Stammvater der
gens Calpurnia, Festus bei Paul. Biac. p. 47,
2 M. Panegyr. in Pisonem 15. Acron, Por-
phyr. u. Schol. Cruq. zu Hör. cp. 2, 3, ad Pi-
son. 292. [Steuding.J
i Calva dea, wohl gleich der Venus Calva
(s. d.) , auf einer Inschrift aus Pelm bei Ge-
rolstein in der Eifel, Or. -Benzen 5681: Calvae
deae aedem omni sua impensa donavit AI Vic-
torias Pollentin et ob perpetuam tutelam ejusd.
aedis dedit etc. (124 n. Cbr.). [Steuding.J
Calybe, eine Priesterin der luno, deren Ge-
stalt die Furie Allecto annahm, um den Tur-
nus zum Kampfe mit Aeneas zu entflammen:
Verg. Aen. 7, 419. [Roscher.]
Camb(us, Dat. o) , vielleicht ein celtischer
Beiname des Mercurius aus einer Inschrift aus
Impflingen bei Landau, Or.-Henzen 5690: Beo.
Mercurio. Cambo. Iusti. v. s. 1. 1. m., wenn Cambo
nicht etwa als Name des Dedicierenden auf-
zufassen ist. Denselben Stamm enthalten die
celtischen Namen Cambodunum , Cambolectri
u. ä. S. Mercurius_._ [Steuding.J
Camenae. Der Überlieferung nach weihte
Numa auf Rat der Egeria vor der porta Ca-
pena den Camenae einen Hain mit einer Quelle
{Liv. 1, 21, 3. Flut. Numa 13. Sulpic. 67 f. ;
über die Örtlichkeit luven. 3, 10 ff. mit Schol.
Becher, Topogr. p. 513ff.) , sowie eine kleine
eherne aedicula, welche später vom Blitze ge-
troffen und erst in dem benachbarten ( Symm .
cp. 1, 21) Tempel des Honos und der Virtus,
nachher in der von Fulvius Nobilior gegrün-
deten aedes ITerculis Musarum aufgestellt
wurde, Serv. Aen. 1, 8; der Grund der Dedi-
kation war nach einer Angabe der Fall des
ancile, Plut. Numa 13, nach den meisten Zeug-
nissen aber das enge Verhältnis, in welchem
die Camenae zu des Numa Freundin und Be-
raterin Egeria standen (Liv. Sulpic. a. a. 0.).
Ob eine aedes Camenarum , in welcher der
Dichter L. Accius eine grofse Statue von sich
aufstellte (Plin. 34, 19) in jenem Haine lag,
ist bei dem Fehlen jeder weiteren Nachricht
847 Camenae
fraglich (vgl. Becker, Topogr. p. 515). Man
opferte den Camenen in ihrem Haine Wasser
und Milch, Serv. Ecl. 7, 21, und das Wasser
ihrer Quelle, welches als besonders vortrefflich
berühmt war, Vitr. 8, 3, 1, diente nach der
alten Vorschrift Numas speziell zum Tempel-
gebrauch der vestalischen Jungfrauen, Blut.
Numa 13. Jedoch scheint der Kult der Came-
nen schon verhältnismäfsig früh verfallen zu
sein; zwar war noch in der augusteischen Re-
gioneneinteilung ein vicus der ersten Regio,
in dem jener Hain lag, vicus Camenarum ge-
nannt (C. I. L. 6 , 975 aus dem Jahre 136
n. Chr.); aber zur Zeit Iuvenals waren Hain
und delubrum bereits ihrer ursprünglichen Be-
stimmung entzogen und verpachtet {luven. 3,
10 ff.), wozu die Thatsache stimmt, dafs uns
auch nicht ein einziges inschriftliches Zeugnis
der Camenen- Verehrung erhalten ist; denn
wenn in einer rheinischen Inschrift, C. I. Rh.
484 , eine Dedikation unter andern Göttern
auch Granno {et) Camenis gemacht wird, so
ist das natürlich nur eine affektiert gelehrte
Ausdrucbsweise für Apollo und die Musen.
Der Grund für dieses Zurücktreten des Dienstes
der Camenen liegt jedenfalls im Aufblühen
der seit dem Anfang des 2. Jahrhdts. v. Chr.
in Rom eingeführten Verehrung der griechi-
schen Musen: denn als Musen gelten die Ca-
menen in der alten Überlieferung durchweg;
man leitete ihren Namen stets in diesem Sinne
ab , sei es nun a carminibus , da die älteren
Formen Casmena und Carmena lauteten, Paul.
p. 67. 43. Varro a. a. 0. 7, 26; vgl. H. Jor-
dan, kritische Beiträge p. 132 f., oder quasi Ca-
nenas a canendo {Paid. p. 43. Serv. Ed. 3, 59.
Macr. comm. 2, 3, 4; vereinzelt steht die Ety-
mologie 'castae mentis praesid.es ’ Paul. p. 43)
und die Schriftsteller brauchen auch die Na-
men Camenae und Musae einfach als identisch.
Diese Auffassung mufs schon in Geltung ge-
wesen sein , als sich in Rom die Poesie zu
entfalten begann ; das zeigen die Erwähnungen
und Anrufungen der Camenae bei Livius An-
dronicus bei Gell. 18, 9. Naevius bei Gell. 1,
24 und Varro a. a. 0. 7, 26, Accius bei Varro
a. a. 0. u. a. Dennoch aber würde man
Unrecht thun mit G. H. Grauert {index lect.
Monaster. hiem. 1848/49) dies für die ursprüng-
liche Bedeutung der Camenae zu halten: viel-
mehr zeigen ihre Verehrung an einer Quelle,
ihre Verbindung mitEgeria und ähnliche Züge,
dafs sie auch Quellgöttinnen waren, und es
kann keinem Zweifel unterliegen, dafs diese Be-
deutung älter ist als die Übertragung auf das
geistige Gebiet; ja auch die Alten selbst haben
die Erinnerung an diese ursprüngliche Geltung
der Camenae nie verloren: Varro bei Serv. Ed.
7, 21behauptet direkt die Identität von Nymphen
und Musen d. h. Camenen, und Tertullian, adv.
Marc. 1, 13 führt unter andern Naturkräften,
welche die Alten zu Göttern gemacht hätteh,
auch die aquae, die als Camenae verehrt wür-
den, auf. Der Übergang von Quellnymphen
zu Gottheiten einerseits der Weissagung, an-
drerseits des Gesanges und der Dichtung ist
leicht begreiflich und läfst sich durch zahl-
reiche Analogieen belegen, vergl. Welcher,
Camilla 848
Gr. Götterl. 1, 703 ff. Siehe auch Indigita-
menta. [Wissowa.]
Camers. Camers, Sohn des Vulcens, ist ein
sagenhafter König der einst zwischen Terra-
cina und Caieta gelegenen latinischen Stadt
Amyclae oder Amunclae, Plin. 3, 59 , welche
schon sehr früh, angeblich durch Schlangen,
unterging, Plin. 3, 59. 8, 104. Serv. Aen. 10,
564, wo man auch die Erklärungsversuche der
Antiquare für den Namen rtacitae Amyclae’
findet. Bei VergilAen. 10, 561 ff. tritt Camers ;
als einer der landreichsten Fürsten im Heere
des Turnus auf; er ist es auch, unter dessen /
Gestalt Iuturna in den Kampf zieht, Verg. Aen.
12, 224ff. — Ganz unabhängig davon ist der
alte Name von Clusium Camers oder Camars, 1
worüber vgl. Müller, Etrusker 1, 96. [Wissowa.]
Camese. Ein alter Name von Latium, Ca-
rneseue, für den man keine überlieferte Erklä-
rung hatte, hat verschiedentliche genealogische
Erfindungen der Grammatiker zur Folge ge-
habt. Die Überlieferung mufs diesen Namen
in einer für uns nicht mehr ersichtlichen Weise
mit Ianus zusammengebracht haben, da all
die sonst von einander abweichenden Tradi- I j
tionen das zur Voraussetzung haben. Die eine,
vorwiegend griechische Version der Sage, nach i
welcher Ianus aus dem Perrhäberlande in lll
Italien einwandert, Plut. Q. R. 22, läfst ihn
noch in der Heimat seine Schwester Kccglßg |,i
{KafiaGrjvrj Demophilos bei Lyd. de mens. 3, 2,
Camesene Serv. Aen. 8, 330) heiraten und mit Im
ihr zwei Kinder, einen Sohn Ai&r^ und eine ■ Dj
Tochter ’OXvGzrjvg zeugen {Drakon von Ker- ilt
kyra mol h'&oiv bei Athen. 15 p. 192 DE); Iii
weiterhin heilst auch Tybris, der Eponym des Iii
Tiberflusses, ein Sohn jenes Paares, Serv. Aen.
8 , 330. Die andere Überlieferung dagegen,
welche den Ianus zum Ureinwohner von La-
tium machte, konnte jene griechische Gemah- Iej
lin nicht brauchen und sah daher in Camese
einen ebenfalls in Latium uransässigen Fürsten,
der mit Ianus eine Weile zusammen regierte
und nach welchem die Gegend Camesene ge-
nannt wurde, wie die Stadt nach Ianus Iani- l:
culum; man gab sich aber gar nicht einmal ■
die Mühe, jenen Camese weiter in der Reihe |
der Fürsten von Latium zu verarbeiten, son-
dern liefs ihn einfach verschwinden und Ianus
allein weiter regieren {Protarchos von Pralles
und Dygin bei Marc. S. 1, 7, 19). Dafs alles
das nur aus dem der Erklärung bedürftigen
Namen herausgesponnen ist, behauptet Har-
tung, Relig. d. Römer 2, 227 mit vollem Rechte;
für uns aber ist es ziemlich aussichtslos, die
Erklärung des Namens finden zu wollen, welche
die alten Grammatiker vergeblich suchten; je-
denfalls kann das, was man bisher in dieser
Richtung versucht hat, Vergleichung von Na-
men wie Camena, Carmenta, Heyne ad Verg.
Aen. 3 p. 156, oder wie des umbrisehen Stamm-
namens Camertes, Preller, Rom. MytholJ 1,
183, keinerlei Anspruch auf Wahrscheinlichkeit
machen. [Wissowa.]
Camilla. Camilla ist die Heldin einer von
den vielen Lokalsagen latinischer Städte, die
Vergil in der Aeneis verwertet und dichterisch
ausgestaltet hat. Nach ihm ist Camilla die
io
20
30
40
50
60
849 Campestres
Tochter des Volskerfürsten Metabns von Pri-
vernum und seiner Gemahlin Casmilla. Nach
dem frühen Tode der letzteren wird Metabus
von seinen Feinden aus der Stadt vertrieben
und kommt auf der Flucht mit dem Kinde an
den hoch angeschwollenen Amasenus-Flufs. V on
den Verfolgern gedrängt gelobt er im Augen-
blicke der höchsten Gefahr das Kind der
Diana, wenn sie ihm ihren Beistand leihe, und
schleudert es, an seinen Speer gebunden, ans
jenseitige Ufer; dann durchschwimmt er selbst
unversehrt den Strom und lebt nun mit sei-
ner Tochter in tiefster Einsamkeit, indem er
sie mit Stutenmilch ernährt (vgl. Hygin. fab.
252. Serv. Acn. 1, 317) und sie zu einem ganz
der Diana geweihtem Leben, zur Liebe zur
Jagd und zu beständiger Jungfräulichkeit er-
zieht, Verg. Acn. 11, 531 ff. Davon leiteten
auch die Alten ihren Namen ab, da man mit
camillus und camilla die jugendlichen und
edlen Diener bei heiligen Handlungen bezeich-
nete ( Macr . S. 3, 8, 5 ff. Serv. Aen. 11, 543.
558). Wir hören erst dann wieder von Camilla,
als sie an der Spitze der Volsker dem Tur-
nus zu Hilfe zieht (Aen. 7, 803 ff.). In der
grofsen Schlacht greift sie zuerst die Troer
an, Aen. 11, 498 ff'. , und thut als Amazone
Wunder der Tapferkeit, Aen. 11, 648ff. , bis
Arruns, vom Apollo von Soracte unterstützt,
sie mit dem Speere tötlich trifft, Aen. 11,
759 ff. Damit wendet sich auch die Schlacht
zu gunsten der Troer, wenn auch Diana ihre
Dienerin rächt, indem sie Arruns durch ihre
Nymphe Opis mit dem Pfeile töten läfst, Aen.
11, 838ff. Die Sage scheint aufser von Vergil
: nirgends behandelt worden zu sein und es ist
daher für uns keine Möglichkeit vorhanden,
I festzustellen, in wie weit Vergil in seiner Er-
1 Zahlung an ältere Tradition anknüpfte. Es
wäre daher sehr interessant , wenn wirklich,
wie Brunn, Anncili d. Inst. 1864, 304 vermutet,
auf der etwa 200 Jahre vor Vergil fallenden
sog. Aeneasciste, Monum. d. Inst. 8, 7. 8 auch
Camilla dargestellt wäre; doch beruht grade
1 für diese Figur die Deutung nur auf Vermu-
tung. [Wissowa.]
Campestres, celtische Göttinnen der Flur,
i Sie werden allein genannt auf den Inschriften
C. I. L. 3, 3667 (Pest), 7, 1029 , 1080 (England),
I Orelli 2102 (Böckingen bei Heilbronn); neben
Britannia C. I. L. 7, 1129, neben Epona 3, 5910
I (Pföring hei Ingolstadt), neben Mars, Minerva,
Hercules, Epona, Victoria 7, 1114 (England),
neben den Sulevae 6, 768 (hier sind sie wahr-
scheinlich als drei gleichgekleidete, sitzende
! Frauen abgebildet). Endlich werden sie selbst
| als Matres (s. d.) bezeichnet 7, 1084: Matrib
Alatervis. et Matrib. Gampestrib. etc. u. 510:
i Matr(ibus ) tribus campe (stribus) et Genio alae
\ pri(mae ) Hispanorum Asturum etc., also gilt
auch für sie, wie für die Nornen, Moiren,
Parzen, etc. (Grimm, D. M. S. 382. 388) die
Dreizahl. Vielleicht sind sie mit diesen nahe
verwandt und haben auch die Bedeutung
von Schicksalsgöttinnen , weshalb sie ge-
rade von Soldaten so oft angerufen werden.
Dii campestres aber, als Beschützer der mili-
tärischen Übungen, wie sie De- Vit, Onom. s. v.
Canens 850
annimmt, sind nicht nachweisbar; vgl. Mars
Campester. [Steuding.]
Camulus, ein celtischer Gott, der mit Mars
identificiert wird, auf einer Inschrift aus Ivil-
syth (am vallum Hadriani), G. I. L. 7, 1103:
Deo Mar || (t)i. Cainulo || etc. und einer solchen
aus Rhynern, jetzt in Bonn, Orelli 1977: Marti
Gamulo sacrum pro saliete Tiberii Claudii Cae-
saris Aug. Germanici imp cives Remi. qui
templum constituerunt. Auf einer andern Seite
des Steines befindet sich eine corona civica u.
0. G. S. = ob cives servatos. Vgl. 1978, die
jedoch nach Uenzen verdächtig ist. Camulus
ist also ein im Kriege Schutz gewährender
Gott. Zeufs , gr. C. p. 766 teilt Cam-ulus ab
und führt davon abgeleitete Namen an. Siehe
solche auch bei De- Vit, On. s. v. [Steuding.]
Canaclie, Hund des Aktaion, Hyg. fab. 181.
Ovid. Met. 3, 217 (Canace); vgl. v.avccif\ Ge-
räusch. [Steuding.]
Candamius, ein celtischer Beiname des Iup-
piter auf einer Inschrift aus der Nähe von
Oviedo in Asturien, C. I. L. 2, 2695: Iovi. Gan-
damio. Derselbe ist jedenfalls nach dem monte
Candamio ebenda genannt, Hübner a. a. O.,
und zwar dürfte der erste Teil des Wortes so
viel als candidus sein (Gott des weifsen oder
hell beleuchteten Berges?); vergl. cambr. ccm
Zeufs, gr. G. p. 857 a und Cantunaecus , Can-
diedo. [Steuding.]
Candelifera (vgl. Lucina), Göttin b. Ter-
tull. adv. nat. 2, 11, von dem altrömischen,
auch sonst weit verbreiteten Brauche, bei Ent-
bindungen eine Kerze anzuzünden, um Kind
und Wöchnerin vor den namentlich im Dun-
kelnschwärmenden bösen Dämonen zu schützen.
Vergl. F. Liebrecht, ezur Volkskunde ’ S. 31 ff.
S. auch Indigitamenta. [Crusius.]
Candiedo (Dat. oni), ein celtischer Beiname
des Iuppiter auf einer wahrscheinlich aus As-
turien stammenden Inschrift, G. I. L. 2, 2599 :
1. O. M. | Candiedoni \ T. Caesius. Rufus j
Saelenus \ ex voto fecit. Candiedo ist wohl
mit dem gleichfalls asturischen Candamius
(s. d.) und dem Namen des Passes Candanedo
auf der Höhe des monte Candamio zusannnen-
zustellen. [Steuding.]
Canens. Canens ist die Heldin einer schönen
altlatinischen Volkssage, welche am ausführlich-
sten Ovid, Met. 14, 320 ff. erzählt. Der jugend-
liche Laurenterkönig Picus liebt die Canens,
eine Nymphe von schöner Gestalt und wunder-
voller Stimme , welche einst Venilia auf dem
Palatin dem Ianus geboren, und gewinnt sie
zur Gemahlin. Da erblickt ihn einst auf der
Jagd Kirke und von Begierde entbrannt lockt
sie ihn unter der Gestalt eines Ebers von sei-
nen Waidgenossen fort, um in der Einsamkeit
in ihrer wahren Gestalt seine Liebe zu gewin-
nen. Als er aber, nur seiner geliebten Gattin
Canens gedenkend, sie verschmäht, verwandelt
sie ihn erzürnt in einen Specht und auch sein
Gefolge wird, als es von Kirke den Herrn zu-
rückfordert, in verschiedene Tiere verwandelt.
Seine Gattin aber irrt , um den Gemahl zu
suchen, 6 Tage und 6 Nächte lang ruhelos
umher, bis sie endlich am Tiberufer erschöpft
niedersinkt und, nachdem sie noch einen letz-
10
20
30
40
50
60
851 Cantunaecus
ten leisen Gesang hat hören lassen, in Luft sich
auflöst. Den Ort aber haben nach ihrem Namen
die veteres Camenae' benannt. Soweit Ovid.
Die Verwandlung des Picus durch Kirke wird
auch anderweitig erzählt ; doch heilst dann
entweder diese selbst Gemahlin des Picus,
V erg. Aen. 7, 189 ff. Val. Flacc. 7, 232. Flut.
Q. R. 21, oder als solche tritt die Fruchtgöt-
tin Pomona auf, Serv. Aen. 7, 190. Es mufs
daher die Möglichkeit zugegeben werden, dafs
Canens gar keine Figur der alten Sage ist,
sondern eine freie dichterische Erfindung des
Ovid, in Anlehnung an ähnliche Figuren des
griechischen Mythus, wie z. B. Echo, geschaf-
fen. Die Bedeutung der Figur als einer Ver-
körperung Ries Gesanges in seiner ältesten
Wirkung und Bedeutung, wie er aus den Stim-
men der Natur, aus Wäldern, Flüssen und
Quellen in siifsen und lockenden Klängen her-
vortönt’, Preller, Pom. Myth.3 1, 378, ist da-
bei immer leicht zu durchschauen. [Wissowa.]
Cantunaecus (?), eine celtische Gottheit, wenn
etwa in der unter Bcantunaecus (s. d.) ange-
führten Inschrift das B mit Hübner a. a. 0. als
F = filius zu lesen sein sollte. [Steuding.]
Capare(nses?) nyniphae, auf Inschriften klei-
ner Altäre aus Banos bei Salamanca, C. I. L.
2, 883: Ny(m)phi,s | Capcir \ Trebia \ Sever. | v.
ci. I. s. 884: Apci. . . | . .tvv. . . | nin | Ca-
pare \ sis \ Votum, vgl. 891, sind jedenfalls nach
der nicht weit südlich vom Fundort gelegenen
Stadt Capara genannt. [Steuding.]
Capricornus s. Aigokeros u. Sternbilder.
Caprio , Name eines Gottes auf einer In-
schrift aus Mürlenbach in der Gegend der Ei-
fel, Or .-Uenzen 5805: ln h. d. cl. deo Caprioni
L. Tettiatius primus. Uenzen denkt an einen
caprorum deus, während ihn Preller, R. M.3
2, 227 , 2 wegen des Fundorts der Inschrift
wohl mit Recht für celtisch erklärt. Für letz-
teres spricht auch der Name Tettiatius; vgl.
Tettaeus bei Zeufs , gr. C. p. 69 a. Möglicher-
weise besteht aber doch ein Zusammenhang
mit caper, und es wäre vielleicht an den all-
gemein europäischen Stamm kap auf und
niedergehen (Fick, vergl. W. 1, 519; vgl. xa-
nQog) und an einen Gott der Befruchtung (vgl.
dea Pertunda u. dgl.) zu denken. [Steuding.]
Caranus s. Garanus.
Cardea s. Indigitamenta und Carna.
Cari . . beflac(ae?), hispanische Gottheiten
auf einer Inschrift aus S. Juan de_ los Banos
in Hisp. Tarrac., 0. I. L. 2, 2531: Cari . . be \
flacis | Secundi [v. s. [Steuding.]
Carmenta. Über die Abkunft des alten La-
tinerfürsten Euander gab es verschiedene Über-
lieferungen: er hiefs Sohn des Hermes und
einer arkadischen Nymphe, Tochter des La-
don, Pa,us. 8, 43, 2, oder der italischen Sibylle,
Schol. Platon, p. 269 f. Herrn . ; andere Genea-
logieen bei Serv. Aen. 8, 130; bei weitem am
verbreitetsten aber ist die Tradition, welche
ihm die Carmenta oder Carmentis (denn beide
Schreibungen gehen neben einander her) zur
Mutter giebt, angeblich eine arkadische Nymphe,
Serv. Aen. 8, 336. Strab. 5, 3, 3, welche ihren
Sohn zur Auswanderung nach Italien veranlafst
und mit ihm in die neue Heimat übersiedelt,
Carmenta 852
60 Jahre vor dem trojanischen Kriege, Verg.
Aen. 8, 333 ff. Ovid. fast, 1, 461 ff. Liv. 1, 7.
Dion. Hai. 1, 31. Plut. Q. R. 56. Charis, p. 33.
Aur. Vict. orig. 5. Polem. Silv. 11 Jan. ; hier
weissagt sie ihrem Sohne die Gröfse Roms,
Verg. Aen. 8, 333 ff. Ovid. fast. 1, 461 ff, ver-
kündet ihm die Schicksale des Hercules, Strabo
5, 3, 3. Dion. Hol. 1, 40. Solin. 1, 10, wird
die Erfinderin des ältesten lateinischen Alpha-
betes von 15 Buchstaben, Hygin. fab. 277.
Isid. orig. 1, 4, 1. 5, 39, 11. Als Vater des
Euander gilt gewöhnlich Hermes, Dion. 1, 31.
Aur. Vict. orig. 5, welchen allerdings andere
seinen Grofsvater, Vater der Carmenta, nann-
ten, Serv. Aen. 8, 130; Carmenta selbst aber
soll, ehe sie diesen Namen annahm, anders
geheifsen haben, nach den einen Tyburs, Serv.
Aen. 8, 336 , nach andern Oeyig, Dion. 1, 81.
Plut. Q. R. 56 , nach den meisten Gewährs-
männern aber war ihr ursprünglicher Name
Ninoatgarrj, Plut. Romul. 21. Q. R. 56. Solin.
1, 10. Strabo 5, 3, 3. Serv. Aen. 8, 51. 130.
336. Aur. Vict. orig. 5. Isid. orig. 1, 4, 1.
Einige machten sie zur Gattin des Euander,
Plut. Rom. 21; andre wufsten zu erzählen, sie
habe ihren Sohn Euander veranlafst seinen
Vater umzubringen, Serv. Aen. 8 , 51 ; nach
noch andern war sie selbst im 110. Lebens-
jahre von ihrem Sohne umgebracht worden,
Serv. Aen. 8, 51. Darin aber stimmte alle
Überlieferung überein, dafs ihr nach ihrem
Tode von Euander unterhalb des Capitols in
der Nähe der nach ihr benannten porta Car-
mentalis ein Altar errichtet wurde, Verg. Aen.
8, 333 ff. Serv. Aen. 8, 337. Dion. Hai 1, 32.
Liv. 5, 47. Solin. 1, 13; vgl. Becker, Topogr.
p. 137 ; und mit diesem hing wahrscheinlich
auch das Fest zusammen , welches ihr nach
den Kalendarien am 11. Januar gefeiert wurde;
es waren feriae statiuae, Macr. S. 1, 16, 6;
vgl. Varro a. a. O. 6, 12, und ein sacrum pon-
tificale, Ovid. fast. 1, 461 ff., und galt als nach
dem latinisch-sabinischen Synoikismos einge-
richtet, Plut. Rom. 21. Ein andres Heiligtum
der Carmentis (vielleicht das bei Gell. 18, 7, 2
erwähnte) haben ihr die römischen Matronen
als einer Geburtsgöttin gebaut, Plut. Q. R.
56 , und zugleich einen zweiten Festtag am
15. Januar gestiftet, Ovid. fast. 1, 617ffi, und
zwar weifs die Sage dafür eine ganz besondre
Veranlassung anzugeben. Als nämlich die
Römer den Frauen das Fahren auf Wagen
(carpenta) untersagten, beschlossen die Matro-
nen, sich solange den ehelichen Pflichten zu
entziehen und keine Kinder zu gebären, bis
die Männer dies Verbot würden aufgehoben
haben; als sie ihren Zweck erreicht hatten
und ihnen wieder reicher Kindersegen blühte,
stifteten sie der Carmenta jenes Heiligtum und
den zweiten Festtag, Plut. Ovid, a. a. 0. Nach
andrer Überlieferung war dieser Festtag von
einem Feldherrn, dessen Name in den prae-
nestinischen Fasten, welche uns allein diese
Thatsache mitteilen, ausgefallen ist, für die
Einnahme von Fidenae gelobt und eingeführt;
man denkt dabei gewöhnlich an den Diktator
Mam. Aemilius, der 317 oder 328 u. c. Fide-
nae einnahm ; doch liegt es viel näher auf
io
20
30
40
50
60
853
Carmenta
Car na
854
ältere Zeit zurückzugreifen und den Namen
eines Königs , etwa des llomulus oder des
Ancus in die Lücke zu setzen , Mommsen, C.
I. L. 1 p. 384. An diesem Festtag wurde
! aufser der Carmenta auch den beiden Carmen-
| tes, Schwestern und Begleiterinnen der erste-
ren, geopfert, Porrima (oder Prosa Varro hei
i Gell. 16, 6, 4) und Postverta mit Namen, Ovid.
| fast. 1,617 0'.; es sind das geburtshelfende Göt-
: tinnen, die ebenfalls Altäre besitzen und ihre l
■ Namen von der Kopf- und Steifsgebuvt haben,
| vermittelst derer sie das Kind ans Licht be-
; fördern, Varro a. a. 0. ; andre freilich bezogen
die Namen lieber darauf, dafs die Carmentes
als weissagende Gottheiten die Vergangenheit
sowohl wie die Zukunft überschauten, Macr.
. 1, 7, 20. Serv. Aen. 8, 336. Tertüll. ad nat.
: 2, 11. Der Kult der Carmenta, der sich durch
manche besonders ins einzelne gehende Ritual-
vorschriften auszeichnet (z. B. das Verbot, 2'
, Leder in den Tempel zu bringen, Ovid. fast.
1, 629. Fast. Praen. 11 Jan.), wurde noch in
der Kaiserzeit von einem eignen üamen Car-
mentalis geleitet, ß ic. Brut. 59. Fphem. epigr.
4, 759; doch scheint er im Volke nicht mehr
recht lebendig gewesen zu sein, da keine ein-
i zige auf Carmenta oder die Carmentes bezüg-
liche Votivinschrift auf uns gekommen ist; in
der Inschrift bei Orelli 1415 las man allerdings
früher ' Mercurius et Postuerte doch hat Hen- 3
t sen (bei Orelli 3 p. 1401 die richtige Lesung
Bosmerte festgestellt. — Deutung: Haben sich
j auch an die alte Tradition von der Göttin Car-
menta mancherlei Auswüchse und willkürliche
Erfindungen festgesetzt, so haben dieselben
doch die Wesenheit der Göttin nicht verdunkeln
können. Wie schon der Name zeigt, haben
wir es mit einer echt italischen Gottheit zu
thun: die Bezeichnung als Nymphe, die ihr
mehrfach gegeben wird, läfst uns die Quellen- 4
göttin erkennen; noch mehr aber tritt in der
1 Sage ihre Thätigkeit als weissagende Gott-
heit hervor; einige leiteten ihren Namen von
1 carere mente , d. h. von der wahnsinnartigen
1 Verzückung der Weissagenden ab, Plut. Bom. 21.
Q. B. 56; bei weitem aber die meisten brach-
■ ten ihn mit Recht mit carmen, der alten Be-
I Zeichnung für die Weissagungen, zusammen,
Plut. Bom. 21. Q. B. 56. Solin. 1, 10. Mart.
Gap. 2, 159. Isid. orig. 1, 4; carmentes soll 5
i geradezu Appellativ für die Seherinnen in der
alten Zeit gewesen sein, Serv. Aen. 8, 336, und
manche leiteten sogar carmen erst wieder von
Carmenta ab, Plut. Q. B. 56. Aur. Vict. orig. 5.
Dazu kommt als dritte Funktion der Göttin:
ihre Eigenschaft als Geburtsgöttin, welche
so gut überliefert ist, dafs Hartungs (Bclig. der
Bömer 2, 199 f.) Zweifel durchaus ungerecht-
fertigt erscheinen. So finden wir in Carmenta
1 dieselbe Vereinigung von Quellen-, Geburts- und e
Weissagegöttin wie z. B. in Egeria, und wie
| diese dem Numa und Iuturna dem Ianus, so
tritt sie dem Euander als helfende und bera-
j tende Gottheit zur Seite ; um sich dann mit
' verschiedenen andern Traditionen, welche Ni-
v.ooTQUTri oder &spig oder andre als Mutter
Euanders nannten , abzufinden , identificierte
! man einfach Carmenta mit allen diesen, und so
entstand jenes Gewirre von Genealogieen, aus
dem oben das Wichtigste angeführt wurde.
Ihre Bedeutung aber als weissagende Geburts-
göttin, als eine Art Geburtsparze, blieb unver-
gessen, Plut. Bom. 21. Q. B. 56. August, c.
Dei 4 , 11, und in dieser Bedeutung ist sie
auch von den Neueren richtig erkannt worden,
Klausen, Aeneas und die Penaten p. 883 0.
Merkel, Prolegom. p. 211. Preller, Böm. Myth.
1, 406 f. Die Carmentes Prosa und Postverta
treten ihr dann als untergeordnete und die-
nende Gottheiten, gewissermafsen als Darstel-
lungen der Einzeläul'serungen der in ihr ver-
einigten göttlichen Funktionen , zur Seite.
[Wissowa.]
Carna. Auf dem Caelius gab es ein altes
Heiligtum der Göttin Carna, angeblich eine
Gründung des M. Iunius Brutus, Macr. S. 1, 12,
31 ff. ; erwähnt auch von Tertull. ad nat. 2, 9;
vgl. Ambrosch, Studien u. Andeutungen p. 165,
32. Becker, Topogr. p. 499, und bis in die spä-
teste Zeit hinein wurde dieser Göttin am 1. Juni
ein Fest gefeiert, an welchem in der Kaiser-
zeit auch Circusspiele, freilich geringeren Um-
fangs, gegeben wurden, Kalendaria G. I. L. 1
p. 394. Sie galt als eine Göttin, welche die
Hauptlebensfunktionen des menschlichen Kör-
pers schütze und vor allem für die Erhaltung
von Herz und Eingeweiden sorge, Macr. a. a. 0.,
und darum wurden ihr an ihrem Feste beson-
ders kräftige Speisen, Speck und Bohnenbrei,
zum Opfer gebracht und vom Volke genossen;
daher heifsen auch die Kalenden des Juni
Kalendae fabariae , Macr. Kalend. a. a. 0. ;
Varro de vita p. B. bei Non. p. 341. Mit
dieser Göttin , deren Funktionen doch recht
deutlich ausgesprochen sind, haben alte und
neuere Erklärer eine andere Göttin vermischt,
welche aufser der Namensähnlichkeit nichts
mit Carna gemeinsam hat, nämlich Cardea,
die als Göttin der Thürangeln neben For-
culus, dem Gott der Thürpfosten, und Limen-
tinus, dem Schwellengott, in den Indigitamenta
(s. d.) figurierte, Aug. c. I). 4, 8. 6, 7. Tertull. ad
nat. 2, 15. de idol. 15. de coron. 13. Scorp. 10.
Diese Cardea vermengt Ovid (fast. 6 , 107 ff.)
fälschlich mit Carna, indem er am Feste der
letzteren, die Identität beider Göttinnen vor-
aussetzend, das hübsche Märchen erzählt, wie
Cardea zu ihren Funktionen als Göttin der
Thürangeln gekommen sei. Sie war eine
Nymphe im Haine des Helernus am Tiber,
ursprünglich Crane geheifsen (den Namen
möchte Merkel , proleg. p. 195 für eine Erfin-
dung Ovids halten; wunderliche Vergleichung
von Carna mit der griech. ’Aovrj bei Panoflca,
Annali d. inst. 1847, 224), und bekannt durch
ihre spröde Jungfräulichkeit ; machte ein Jüng-
ling ihr Liebesanträge , so schickte sie ihn
vorerst unter dem Gebote , sich nicht umzu-
wenden, ins Gebüsch, und entwischte ihm so-
dann. Bei Ianus aber, dem Gotte mit dem
Doppelgesicht, war diese List erfolglos, er
gewann ihre Liebe und schenkte ihr zum
Lohne die Herrschaft über die Thürangeln und
den wunderthätigen Weifsdorn, mit dem sie
bösen Zauber abhält, vor allem die nächt-
lichen Strigen, welche den Kindern das Blut
855
Carneus
Catillus
856
aussaugen: namentlich rettet sie vermittelst
dieses Gegenzaubers das schon beinahe den
Strigen verfallene albanische Königskind Pro-
cas. Wieviel an diesem Märchen alte Volks-
tradition, wieviel dichterische Erfindung Ovids
ist, läfst sich bei dem Mangel andrer Über-
lieferung nicht mehr feststetlen ; dafs aber seine
Identificierung von Cardea und Car na eine
willkürliche ist, zeigt schon eine blofse Prü-
fung seiner eignen Erzählung, in der ganz 10
heterogene Dinge durcheinanderlaufen. Was
neuere Gelehrte, welche sich durch ihn haben
täuschen lassen, teils auf Grund der Etymo-
logie des Namens ( Curtius , Griecli. Etymologie
p. 143), teils aus der Überlieferung über ihre
Funktionen ( Preller , Rom. Mythol.3 2 p. 239) für
die Identität der Göttinnen beigebracht haben,
hat keinen Anspruch auf Überzeugungskraft
und fällt, wenn man die Basis der ovidiani-
schen Erzählung wegnimmt, von selbst. So 20
werden wir also Carna, die Göttin der Kalen-
dae fabariae, von Cardea, der Gottheit der Thür-
angeln und Geliebten des Ianus, streng zu
scheiden haben, womit sich Prellers Vermu-
tung, an der verdorbenen Stelle des Mart.
Cap. 1, 4 'Janusque Ar gionam utraque mi-
ratur effigie’ sei der Name der Carna einzu-
setzen, von selbst erledigt. S. auch Indigita-
menta. [Wissowa.]
Carneus, wohl ein celtischer Gott auf einer 30
Inschrift aus Arrayolos bei Ebora in Lusitania,
G. I. L. 2, 125: Carneo || Calantice || 8. Caeci-
lia || Or ni cuis || r. cuis. An den Apollo Kag-
vsiog ist dabei wohl nicht zu denken, viel-
leicht aber an das durch Hesych. als gallisch
bezeichnete ■xccqvov (Horn), was dann auf den
gehörnten Gott der Nacht und des Todes bei
den Celten deuten würde. S. Cernunnos. Zu
vergleichen sind die Völkernamen Cami, Car-
nutes, Carnuntes. [Steuding.] 40
Carutius (?) s. Acca Larentia.
Casenter(a), auf einer pränestini sehen Ciste,
C. I. L. 1, 15C1 = Cassandra, vgl. Aucena u.
Ateleta. Quintil. 1, 4, 16 führt die Form Cas-
santra als auf alten Inschriften vorkommend
an. Vgl. das etruskische Casntra. [Steuding.]
Casius {Kuotog), Beiname des Iuppiter oder
Zeus (Lucan. 8, 858. Lactant. 1, 22), der unter
demselben Tempel auf den Bergen Casius
(. Kcioiov ogog) in Syrien ( Anthol . Pal. 6, 332. 50
Proc. Gotli. 4, 22. C. I. Gr. 4, 7044 b. Am-
mian. 22, 14, 4. Spartian. Hadr. 13) und in
Ägypten hatte ( Suid ., Strabo 16, 2, 33, p. 760.
Plin. n. h. 5, 12, 68). Ein anderes Heiligtum
desselben befand sich in Cassiope auf Corcyra,
Plin. n. li. 4, 12, 52. Sueton. Nero 22 s. f., C. I.
L. 3, 576f. Vgl. Münzen desselben bei Eckhel
3, 326. 2, 179. Annal. dclV Inst. arch. 1846.
177. Genannt wird Deus Casius auf einer In-
schrift bei Steiner , inscr. Rh. 229: Deo Casio 60
Ovinius v. s. I. I. m. Vgl. De-Vit, Onom. s. v.
Pape, gr. Eigenn. übersetzt Kciciog durch „der
Leuchtende, der Hervorglänzende“, wofür die
Verehrung auf Bergen sprechen würde. Vgl.
die Erzählung von dem eponymen Heroen des
Casius (rb Kucglov), Phil. Bybl. 2, 7 bei Mül-
ler fr. h. gr. 3, 566. Auch wird gerade von
dem Casius in Syrien mehrfach hervorge-
hoben, dafs man von ihm aus die Sonne zu-
erst erblicke, Plin. h. n. 5, 22, 80. [Steuding.]
Casmilus {Kdoyilog), bei Varro de l. I. 7, 34;
vgl. Macrob. Sat. 3,8, 5f. Orelli 440 ; Schöl. zu
Apoll. Arg. 1, 917; vgl. Kadmilos. [Steuding.]
Casses, jedenfalls celtische (nicht germa-
nische, wie De- Vit, On. s. v. meint) Gotthei-
ten auf einer Inschrift zu Speier, Orelli 1979 :
Diis Cassibus, denn das Wort ist doch schwer-
lich von den celtischen Tricasses, Bodioeasses,
Velio-casses (melior-), Vidu-casses (Baum — )
u. a. m. {Plin. n. h. 4, 107 f.) zu trennen, mit
denen Fiele, gr. Personenn. 74 irisch cais =
Studium, odium (?) vergleicht. [Steuding.]
Castaeci oder ae, celtische Gottheiten (ma-
tres?) auf einer Inschrift aus der Nähe von
Caldas de Vizella bei Guimaraens, C. I. L. 2,
2404 : Rebur | rinus \ lapida \ rius. Ca | staecis \
v. I. s | m. Vergl. die celtischen Namen Casti-
cus {Caes. b. g. 1, 3, 4), Kugtcc^ {App. 1b. 32).
| Steuding.]
Castitas, absolut für Minerva, die jungfräu-
liche Göttin als Schützerin des Ölbaumes, Pal-
lad. de re rust. 1, 6, 14. [Steuding.]
Catauiitus, altlateinische Form statt Gany-
medes: Plaut. Men. 1, 2, 35. Cie. Phil. 2, 31,
77. Paul. Diac. p. 7. 16 u. ö. Vgl. die latei-
nischen Lexika u. d. W. [Roscher.]
Catillus, 1) Catillus, ein Arkader, der Be-
fehlshaber der Flotte des Euander, gründete
Tibur ( Cato bei Solin. 2, 8 = or. 2 fr. 24 Jord.,
2 fr. 56 Peter, vielleicht aus tiburtinischen An-
nalen; vergl. Mart. Cap. 6, 642 aus Solinus).
— 2) Catillus, der Sohn des Amphiaraos (s. d.),
wurde nach dem wunderbaren Tode seines
Vaters auf Geheifs seines Grofsvaters Oikles
mit der heimatlichen Jugend als ver sacrum
ausgesandt und zeugte in Italien drei Söhne,
Tiburtus, Coras und Catillus, welche die alten
Sica.ner aus ihrer Stadt vertrieben und sie
nach dem ältesten Bruder Tibur nannten {Sex-
tius bei Solin. a. a. O.). Nach Serv. Aen. 7,
670 kamen die drei Brüder Catillus, Coras
und Tiburtus, deren Vater er nicht nennt, aus
Griechenland und erbauten aufser der gemein-
samen Gründung Tibur jeder für sich Städte.
Vergil läfst den jüngeren Catillus am Kampfe
gegen Aneas teilnehmen (mit Coras , Aen. 7,
670 ff. ; vgl. Sil. Ital. 4, 186, wohl nach Ver-
gil) und den Troianer Iollas niederstrecken
(11,640); sonst feiert die römische Poesie nur
den einen Catillus als Gründer Tiburs, also
jedenfalls den unter 1) Genannten {Hör. c. 1,
18, 2 Catilus. Sil. Ital. 4, 224. 8, 364. Stat.
süv. 1, 3, 100). Serv. Aen. 7, 672 spricht von
einem mons Catilli, rquem Catelli dicunt per
corruptionem , [ iuxta Tibur]’ (vgl. Jordan, Pro-
legg. Caton. S. XLII1). Falsch ist es, bei Soli-
nus den Bericht des (sonst unbekannten) Sex-
tius mit dem Catos zu verbinden (wie z. B.
Rormann, Altlatin. Chorogr. S. 233. De- I d,
Onomast. s. v. Catillus es thun) , da uns hier
offenbar verschiedene Fassungen der Sage vor-
liegen, von denen die catonische, weil einfacher,
die ältere zu sein scheint. Unrichtig ist auch
die Auffassung Prellers, Rom. Mytli.3 2, S. 139,
dafs die Sage Catillus , den Gründer Tiburs,
bald einen Begleiter des arkadischen Euander,
-
ri
■
.
..
Isr
(
:ü
is
A
lie
H
(
tim
in I
BE
c
Li
k
V
skr
isl
i»
ätsj
Isr'
liß
itn
«zt
M
iii(
«is
857
Catius
Centimanus
858
bald einen Sohn des argivischen Propheten
Amphiaraos nenne. Doch hat Preller mit Recht
bemerkt , dafs durch die Verbindung mit
Euander und Amphiaraos Catillus als ein dem
Faunus nahe verwandter Prophet charakteri-
siert werde, Catillus = catus (vgl. den römischen
Indiges Catius pater, 'qui catos id est acutos
faceret ’ Augustin, c. d. 4, 21), und dafs er
speziell als Gründer der Burg von Tibur ver-
ehrt worden zu sein scheine. [R. Peter.]
Catius s. Indigitamenta.
CaturiXj igis, ein gallischer Gott des Krie-
ges, nach Fick, griech. Per sonn. 73 von catu
(kymr. arm. cad , lad, irisch cath ) = Schlacht
und rix — König abzuleiten und mit germ.
Hudu-rich zu vergleichen; ebenso ist der Volks-
name Caturiges gebildet. Inschriften bei Orelli
1980: I. 0. M. et Marti Caturigi. genio loci
etc. und Mommsen, inscr. Helv. 70: Marti Ca-
tur. sacr. [Steuding.]
Cau (leilenses , celtische Gottheiten (matro-
nae?) auf einer Inschrift aus Cadenet, depart.
Vaucluse, Orelli 1988: Dexsivae et Caudellen-
sibus C. Helvius Primus sedilia v. s. I. m.
Vielleicht ist der Name von einer Ortschaft
(vgl. das nahe Cabellio) abgeleitet. [Steuding.]
Caulex (? Dat.-eci), celtische Gottheit auf
einer Inschrift aus Castro Sancti Christophori
in Gallaecia, C. I. L. 2, 2551: 1). D. Cauleci.
sac etc. [Steuding.]
Caute(s) oder Caut(us), Dat. Caute, o oder i,
oft mit dem Zusatz von Pati, ist nach Labus,
Ann. d. Inst. arch. 1846 p. 268 ff. u. Marm.
Bresc. p. 48 ein Beiname des Mit-hras. Der-
selbe stützt sich dabei besonders auf eine in
Hessen gefundene Inschrift, Or. -Uenzen 5853:
D. I. M (= Deo invicto Mithrae ) || Cauto Pati ,
über welcher ein Jüngling mit phrygischem
Hute und umgekehrter Fackel dargestellt ist.
Diese Figur ist durchaus dieselbe, welche sonst
als Begleiter resp. Wiederholung des Mithras,
einer zweiten gleichen mit erhobener Fackel
entsprechend , erscheint. Ferner findet sich
der Titel pater (patrum), der im Mithraskult
als Bezeichnung für denjenigen gebraucht wird,
der die höchsten Weihen erhalten hat, auch
auf Inschriften des Cautes, C. I. L. 5 , 765.
6, 86 und 2 , 464 , wo das P am Ende sicher
so zu lesen ist. Demnach wird man berech-
tigt sein die Inschriften: Deo M \ C. P. S. I. 50
(7 , 650 u. 1344i) mit Hübner Deo Mithrae
Cauto Pati Soli Invicto und 2 , 1025 : M. C.
(P?) etc. Mithrae Caute (Pati?) zu lesen. Allein
findet sich der Name Caute (Dativ.) 2 , 464.
6, 86. 7, 748. Cauti 3, 994, 4736. Cauto 5,
763 (i?); dagegen Cauto Pati (Cautopati?) 5,
1809, 4935, 5465. Kauto Pati 8, 2228. Cauto
Pati Aug. 5, 765. Pati ist also nur eine nähere
iBezeichnung, die auch wegfallen kann; da der
Mithraskult aber persischen Ursprungs ist,
dürfte sie dem paiti des Zend = Herr, dessen
ursprüngliche Form pati das Sanskrit erhalten
hat, identisch sein. Für die Zusammenstel-
lung von Cautes mit dem lat. cautes = Spitz-
säule spricht, wie De- Vit, On. s. v. mit Recht
lervorhebt, einerseits der Umstand, dafs über-
haupt die tcstqcc im Mithraskult von Bedeu-
tung ist, andererseits der Fund in der Mithras-
höhle unter der Basilica S. Clemente in Rom.
Man entdeckte dort einen Altar mit der In-
schrift Caute sacrum ( C . I. L. 6, 748) und da-
neben eine Marmorspitzsäule, aus welcher eine
Flamme (d. Symbol des M.) hervorbricht. Da-
zu kommt, dafs sich die Inschrift 5, 4935 ans
dem val Camoniea auf einem cippus aus schwar -
zem Mairnor befindet. Wenn nun ein anderer
mit dem Mithraskult zusammenhängender (s.
io Elagabalus) Name des Sonnengottes , Ammu-
dates (s. d.), geradezu „kegelförmige Säule“
bedeutet, so dürfte dies auch für Cautes sehr
wahrscheinlich sein. Es ist aber, wie schon
die dreifache Form auf c, i, o vermuten läfst,
wohl nicht an das lateinische Wort cautes,
sondern an dessen (freilich nicht nachweis-
bare, s. Fick, vergl. W. 1 , 236) persische Pa-
rallele zu denken. Die Verbreitung des Kul-
tus wird durch die erwähnten Inschriften für
20 Hisp. Baetica , Lusitania , Dacia , Britaunia,
Numidia, Rom, Oberitalien und Deutschland
(Hessen) erwiesen. [Steuding.]
Ceaiius oder Ceaigus (lens, ein celtischer Gott
auf einer Inschrift aus Wardal in Cumberland,
Orelli 1981: Deo [| Ceaiio Aur. (Aug?) || M(a)rti
et MS || etc.; Baxter, Gloss. Brit. p. 85 bietet
dagegen Deo Ceango. Vergleichen wir die
dii Ceceaigi (s. d.), so dürfte etwa Ceaigo zu
lesen sein. [Steuding.]
30 Ceceaigi dii, celtische Götter auf einer In-
schrift aus Gallaecia, C. I. L. 2, 2597: Düs
Cec || eaigis || Iriba || Marcu || s A(e)turi. Die
zweite Hälfte des Wortes ist wahrscheinlich
mit dem in Aegiamunniaegus (s. d.) und den
übrigen dort angeführten Beispielen enthalte-
nen Stamm identisch (vgl. auch Ceaiius und
Bcantunaecus). Es dürfte dabei vielleicht an
yag (vergl. ayog) einen Gott verehren zu den-
ken sein , da auch das ähnlich lautende yaga
40 Eis altirisch als aig erscheint, Fick, vergl, W.
1, 729 f. [Steuding.]
Celeia, die Stadtgottheit von Celeia in Nori-
cum (Cilli) auf daselbst gefundenen Inschrif-
ten aus dem Anfang des 3. Jahrh. nach Ohr.
(213 u. 215 n. Chr.). Celeia Aug. wird sie
C. I. L. 3, 5154 genannt, Celeia neben I. O.
M. u. Noreia sancta 5188, Celeia sancta neben
ersterem 5187 , neben Arubianus 5185, neben
Epona 5192. [Steuding.]
Celeritas, die Tochter der Sonne (Mart.
Cap. 1, 50. Mythogr. Vat. 3, 8, 17), eine
wahrscheinlich erst in später Zeit gebildete
Abstraktion. Sie wird bei Mart. Cap. in die
sechste Region des Himmels und zwar nach
Deecke, etruskische Forschungen 4, das Tem-
plum von Piacenza p. 20 genau in den Ost-
punkt versetzt. Derselbe (p. 47) nimmt an,
dafs sie der catlia(nia?) auf der Bronze von
Piacenza gleich sei, welche er wieder mit
oo Kad’rjzog , catus , citus zusammenstellt. Auch
vermutet er ihre Identität mit Salia , der
Tochter des etruskischen Königs Annius-lanus
(p. 76)?? [Steuding.]
Cemenelus , Beiname des Mars zu Cemene-
lum (Cimella bei Nizza) auf daselbst gefunde-
nen Inschriften, C. I. L. 5, 7871; 7970 (?)
[Steuding.]
Centimanus s. Aigaion u. Hekatonclieiren.
859
Centondis
Ceres (Name)
8G0
Centoiulis(?), eine jedenfalls celtische Gott-
heit auf einer Inschrift aus Ceinenelum (Ci-
mella in den Seealpen) , C. I. L. 5, 7867 : D.
Vesuccius Celer Centondi v. s. Zum Stamm
des Wortes ist die Stadt Centobriga in Celt-
iberia zu vergleichen. [Steuding.]
Cerenaeci Laves , auf einer Inschrift aus
S. Salvador de Thuyas im Conventus Bra-
caraugustanns, C. I. L. 2, 2384 : Laribus Cere-
naccis. Niger. Proculi f. v. I. s. [Steuding.]
venustus; ursprünglich venös C. I. L. 1, 57 f.)
hervorgegangen ist und überdies im Nominativ
keine Längung durch Einflufs des Nomina-
tiv s erfahren hat, während die Messung Ce-
res durch Verg. Georg. 1, 96. Martial. 3, 58 si-
cher steht. Der schwurartige Vokativ eccere
(s. Festi epit. S. 78ltf.) hat Verlust des s er-
litten. Genau entspricht dagegen das Adjektiv
pubes, puberis ; und so wie man das Femini-
10 num dieses letzteren zu einem. Substantivnm
verselbständigte, wel-
Demeter oder Ceres thronend (pompeian. Wandgemälde; vgl. Ooerbeck, K.-M. 2, 5220'.).
Ceres. (Vgl. u. a. J. A. Hartung , Bel. d.
Römer 2. S. 135ff. Klausen, Aeneas u. d. Pe-
naten 1. S. 274f. Becker u. Marquardt, Hdb.
d. röm. Altert. 4. S. 307 ff. Preller , B. Myth .2
S. 432 ff.). Der Name der Göttin garantiert
auch hier, dafs der ihr zu Grunde liegende Be-
griff ein echt italischer, autochthoner gewesen
ist. Zunächst formell betrachtet, steht die
Bildung des Substant. ceres, cereris im Latei-
nischen nahezu vereinzelt. Nicht analog ist
vcnus veneris’, welches aus venus venuris (vgl.
Begriff zum Ausdruck gedient haben , da das
Adjektiv kerriis als Epitheton jedweder Gott-
go heit dient. . Auch den Verbalbegriff crcarc
scheint das Oskische besessen zu haben,
falls der Name Nu-ceria richtig als vs6-%u-
(jtog gedeutet ist (Büchelcr , Lexicon Ital.
S. 13). Die Umbrer besafsen zwei entspre-
chende Götternamen, mascl. Qerfus , fern. Qer-
fa ( Büchelcr a. a. 0. u. Festschrift nat. sciec.
Niebuhri 1876. S. 24f.). Endlich dürfen viel-
leicht auch die Städtenamen Carsulae und
ches sowohl abstrakt
die Mannbarkeit, als
konkret das Zeichen
derMannbarkeit bedeu-
tete, so dürfen wir auch
für den Wortsinn von
ceres Ähnliches gewär-
tigen. Während Varro
de l.l. 5 , 64 (und mit
ihm Cic. de nat. d. 2,
26. 3 , 52) vielleicht
nach des Fnnius Vor-
gang ( Epich . v. 6 V ali-
len) den Namen a ge-
rendo ableitete, hängt
er stammhaft ohne
Zweifel vielmehr mit
crescere und creare zu-
sammen : „entstehen“
und „erzeugen“ ; so
schon Serv. zu Verg.
Georg. 1 , 7. Diesen
Stamm verwandte das
Latein vielleicht auch
noch in Wortbildungen
wie volu-cer, ludi-crum ;
von ihm abgeleitet ist
ferner crassus „dick,
wohlgenährt“ ; übri-
gens applicierte ihn die
alte Sprache auf Göttli-
ches in dem mascl. ce-
rus oder kerus (gleich
divus, genius ; vgl. die
Art. „Cerus“ u. „Ge-
nius“). Das Oskische
bietet uns auf der Ta-
fel von Agnone zwei-
mal den Dativ kern
(heidemal statt kerrei!),
mit welchem Götter-
namen das lat. Cereri
formell fast identisch
ist; doch mufs die os-
kische Gottheit einem
universelleren, höheren
861 Ceres (Name)
Garseoli zum selbigen Wortstamm gezogen
werden.
Ob nun Ceres selbst zunächst die Schöpfe-
rin oder das Schaffen oder etwas Geschaffe-
nes bedeutete, läfst sich nach der Wortform
nicht entscheiden. Bei Terenz steht das Dic-
tum ( Eun . 732) sine Cerere et Libero füget
Venus; noch älter ist der Vers des Naevius
(com. v. 121 jR.) cocus cdit Ncptunum Venerem
Cererem (vgl. auch V erg. Aen. 1, 701 und da-
selbst Servius) \ diese Metonymie gilt den Rhe-
toren als stilistische Eleganz ( Cornific . 4, 43;
Cic.deor. 3, 167), und die in stoischer Manier
spekulierende Theologie bei Cicero de nat.
deor. 2 , 60 knüpft an sie an , um zu zeigen,
dafs man häufig Dinge nach ihren göttlichen
Urhebern benenne. So hiefs ja auch z. B.
ianus ,,der Durchgang“ u. a. m. Doch wäre
nicht undenkbar, clafs in ceres sowie in venus
umgekehrt die dingliche Bedeutung die pri-
märe war. Denn ähnlich machte man ja auch
vgl. Müller- IVieseler, Denkm. a. K. 2, 90).
iol, luna und hjmphae zu Gottheiten, schuf so-
gar eine Göttin Bobigo, eine Göttin Fornax ,
die dea Pccunia u. a. Hierfür aber würde
sprechen, dafs bei den Sabinern das Wort für
Brot Panis selbst Name dieser Göttin war, wie
von Servius bezeugt ist, zu V erg. Georg. 1, 7 :
quamvis Sabini Cererem Panem appellcnt , Li-
berum ■ Lebasium; der Zusammenhang dieser
■Stelle beweist, dafs hier Servius unter Panis
o gut wie unter Lebasius einen Eigennamen
verstanden wissen will.
Ceres (== Demeter) 862
Eine immerhin auffallende Thatsache, welche
den Ceresdienst selbst betrifft, könnte durch diese
Erwägung ihre Erklärung finden. Für das alte
Latium ist kein Ceresdienst nachweis-
bar. Und so hat, soviel wir wissen, auch
in Rom ein Heiligtum der Göttin mit einhei-
mischem Ritus nie bestanden. Der römische
Ceresdienst, den wir kennen, ist vollständig
griechisch, also erst durch griechischen Ein-
io flufs geschaffen. Es war, wie Festus S. 257
ausdrücklich sagt , ein peregrinum sacrum ;
diese Ceres ist nach demselben dea evocata
und um nichts römischer als die Magna Ma-
ter oder Aesculapius. Somit kann schwer-
lich schon vorher eine Ceres Gegenstand des
Kultus gewesen sein; erst damals ist das alte
Nomen für Saat und Brot auf die Saat und
Brot spendende Demeter der Griechen ange-
wendet worden. Gleichzeitig wurden dann
20 auch Liber und Libera mit persönlicher Ge-
stalt versehen. Vorbild aber war wahrschein-
lich speziell die Demeter von Enna auf Sici-
lien; denn zur Zeit der Gracchen war es eben
diese, auf welche die sibyllinischen Bücher
verweisen zu müssen glaubten (vgl. Cic. Verr.
4, 108. Val. Maxim. 1,1, 1).
Die Tradition machte den Cereskultus zu
dem ältesten der griechischen Kulte in Rom;
vgl. Dionys, antiq. 6, 17 u. 94. Tacit. Ann.
30 2 , 49. Seine Gründung fällt in den Anfang
der Republik ; die Kriege mit Porsenna hat-
ten Not ins Land gebracht; nach Befragung
der sibyllinischen Bücher beschlofs man, den
Dienst der griechischen Korn- und Weingott-
heiten einzubürgern. Wie in griechischen
Städten wie Lampsakos Demeter, Dionysos
und Kora als Hauptgottheiten neben einander
bestanden (vgl. Klausen a. a. 0.), so wurde in
Rom i. J. 496 v. Chr. von A. Postumius die
io aedes Cereris Liberi Liberaeque gelobt und
nach drei Jahren von Sp. Cassius konsekriert,
und zwar am Aventin beim Circus maximus
(vgl. Liv. 40, 2, 2. 41, 28, 2. 3, 55, 7). Es
war dies somit ein publicum sacrum ( Marquardt
a. a. 0.),und dasLectisternium konnte gelegent-
lich auch in ihm stattfinden (Arnob. 7, 32).
Während Tempel und Tempelschmuck in Rom
bisher etruskischen Vorbildern nachgebildet
zu werden pflegten, zeigte dieses Heiligtum zum
50 ersten Mal griechischen Stil und den Schmuck
griechischer Plastik und Malerei; in griechi-
scher Schrift standen die Künstlernamen Aa-
porpilog und rbgyaoog am Tempel zu lesen
(Plin. 35, 154). Das Erzbild der Göttin kam
etwa fünf Jahre nach der Einweihung hinzu
(vgl. Plin. 34, 15 mit Liv. 2, 41, 10). Sie trug,
der griechischen AryirizriQ entsprechend , auch
den volleren Namen Ceres mater ( Varro de
r. r. 3, 1, 5; vgl. J. B. N. 5750. Benier inscr.
00 Afr. 3581; hiernach ist Preller l3, S. 56 zu be-
richtigen). So durften aber auch die Prieste-
rinnen nur Griechinnen sein; die Kultsprache
war die griechische (Cicero pro Balbo 55: per
Graecas semper curata sunt sacerdotes et grae-
ca [?] omnia nominata etc.); ein Geheimgot-
tesdienst der Frauen knüpfte sich daran
„graeco sacro“ (Cic. de leg. 2, 21). Der vgazsia
entsprach endlich das iciunium Cereris, welches
863
Ceres (= Demeter)
Ceres (Eigenschaften)
864
Annona u. Ceres, Münze des
Nero (vergl. Cohen, med. imp.
pl. XII, 84).
im J. 191 y. Chr. auf Geheifs der sibylli-
nischen Bücher eingeführt wurde (am 4. Okto-
ber; vergl. Kal. Amitern. mit Liv. 36, 37, 4).
Ein anderer Ceresdienst neben diesem aber hat
nicht bestanden. Auch da, wo Ceres mit Tel-
lus zusammen angerufen wurde (s. unten), ist
die griechische Saatgöttin gemeint. Über de-
meterartige Darstellungen auf römischen
Münzen vgl. Overbeck, Kunstmyth. 2 S. 496 f. ; so
vereinigt eine Münze des Nero Ceres mit der
späten Proviantgöt
tin Annona {Cohen,
med. imp. pl. XII, 84).
[Auch dieDarstellun-
gen der Demeter auf
pompejan. Gemälden
(s. o.) können eben-
so gut als solche der
Ceres gelten. R.].
Ihr Tempel brannte
übrigens i. Jahre 31
v. Chr. ab und ist
vom Augustus und
Tiberius restituiert
worden ( Tac . Ann.
2 , 49). Die eleusinischen Mysterien führte
Hadrian in Rom ein {Aur. Victor. 14), nach
einem früheren Versuch des Claudius, ( Sueton
Claud. 25). Ein Cereris mystes des 5. Jhdts.
erscheint Ephem. epigr. 4. S. 299.
Naturgemäfs hatte sich dieser römische
Ceresdienst allmählich über ganz Italien ver-
breitet: z. B. war ein Cerestempel in Capua
{C. I. L. 1, 566, 568), Teanum (I. B. N. 3988),
Pompeji {I. B. N. 2378. 2350), Falerii (1107-
manns expl. 793), Ostia {ibid. 1724), Casinum
( C . I. L. 1, 1183). Dagegen zeigen in den
Provinzen Gallien, Spanien, Britannien die la-
teinischen Inschriften den Namen der Göttin
fast gar nicht (nur C. I. L. 2, 2407 ( Cer)er{i ).
5, 2795). ln Afrika freilich, wo er wiederum
häufig ist, wird spät sogar einmal eine Ceres
graeca unterschieden ( C . I. L. 8, 10 564). Ceres
in Pannonien z. B. Ephem. epigr. 2 , 841 , in
Achaia Ephem. 4, S.M7.
Ceres besitzt nun infolge dessen die meisten
Eigenschaften der Demeter und keine mehr
als diese. Schon der Anlafs ihrer ersten Ein-
führung in Rom zeigt, dafs sie vornehmlich
als die nährende galt, die die Ernte sichert,
darum heifst sie alma, ist wie bei Homer
die blonde Göttin (z. B. V erg. Georg. 1 , 96),
kränzt sich mit Ähren ( corona spicea ) u. s. w.
Ihr sollte jeder getötet werden, der ein Saat-
feld beraubte, nach der Bestimmung des Zwölf-
tafelgesetzes, {Elin. 18, 12). Als Ceres vertens,
„die umpflügende“, verehrte man sie speziell
in Potentia (J. M. N. 375). Hier und dort
wurde mit ihrem Priestertum das der Naturgöt-
tin Venus verbunden {C. I. L. 1, 1183. I. B.
N. 4227. 5434). Ihrem Charakter entsprachen
die friedlichen Gaben, die sie empfing, bren-
nende Fackeln, Spelt- und Weihrauchopfer;
die Tötung des Pflugstiers verpönte sie {Ovid
East. 4, 413); doch war ihr von blutigen Opfern
vor der Ernte das Schwein genehm, wie viel-
fach auch in Griechenland ; vgl. {Cato de r. r.
134 mit Gell. 4, 6, 7. Fest. S. 238. Varro de
r. r. 2, 4, 9). In ihren Festen und Opfern ahmte
sie aber in sehr auffallender Weise die Tellus,
sowie auch die Ops und Bona dea (s. d.) nach
(vgl. Marquardt S. 311), eben Tellus wird die
echtitalische Vorgängerin der Ceres gewesen
sein. Tellus giebt der Ceres ihren Kranz bei
Horaz c. s. 30.
Die Spenderin des Erntesegens war not-
wendig zugleich Gönn er in des Friedens: um
io Abwendung des Kriegs wurde sie angerufen
{Ovid. F ast. 4, 407). Und so ist sie es weiter, die
mit der Agrikultur als &eGgoq>OQOs oder legi-
fera { Vergil ) auch überhaupt „Recht, Sitte und
Menschlichkeit“ gelehrt hat (vergl. bes. Cic.
Verr. 5, 187), die die Ehen stiftet und beschützt
{Fest. epit. S. 87), und die Städte gründet,
wie von ihr Calvus sang {fr. 6 Müller) : Et leges
sanctas docuit et cara iugavit Corpora conubis
et magnas condidit urbes. Die Göttin fried-
20 lieber Ernährung war in ihrer höchsten Po-
tenz die Patronin des intelligenten Fortschritts
in der Menschheit.
Liber und Libera traten hinter Ceres
zurück. Dafs sich mit diesen echtitalische Got-
tesvorstellungen verbanden, ist wahrschein-
lich. Libera aber galt doch wesentlich als
die griechische Persephone, so wie die Römer
auch die sicilische Sage vom Raube der Ceres-
tochter in Enna vollständig übernommen hat-
30 ten {Ovid. Fast. 4, 392 ff.). Um Ceres nicht
an ihren Schmerz zu gemahnen, vermied man
bei den Opfern von Vater oder Tochter zu
reden {Serv. z. Aen. 4, 58); ja, es gab solche,
die sie darum für Gegnerin der Ehe und Patro-
nin der divortia ausgaben {Serv. z. Aen. 3, 139).
Der Tochter Vermählung mit Piuton wurde
als Orci nuptiae, so wie in Griechenland, mit
grofser Feierlichkeit von den Pontifices began-
gen; dies nannte man, weil der Gebrauch des
40 Weines dabei ausgeschlossen war, auch dop-
pelsinnig nuptias Cereri celebrare (so wohl bei
Serv. zu Georg. 1 , 344 zu lesen nach Plaut.
Aul. 354). Ceres selbst tritt hierdurch nun in
Bezug zu Tod und Unterwelt; bei den Säku-
larspielen empfing sie ihr Opfer mit Dis und
Proserpina {Zosim. 2, 4). Die Gruben, die in
den Städten den Eingang zum Orcus bedeu-
teten {Fest. S. 154) , hiefsen geradezu Cereris
mundus {Fest. S. 142) und waren ihr heilig
50 wie dem Orcus und der Tellus. Wer einem
Toten nicht die gebührenden Ehren erwiesen,
hatte der Ceres zur Sühne ein Schwein zu
opfern {Gell. 4, 6, 8. Festi epit. S. 223). Bei
Erdbeben betete man zu ihr wie zur Tellus
{Ovid. Fast. 4, 409). Pluto und Ceres stehen
auf Inschriften zusammen, C. I. L. 8, 8442.
9020. 9021. Die frohe Feier der Wiederver-
einigung der Mutter und Tochter aber begin-
gen die Frauen am Anfänge des August {Elu-
eo tarch. Fab. 18. Ovid Met. 10, 431 f. Weifsen-
born z. Liv. 22, 56, 4) durch neun Nächte, in
denen „tactus viriles“ verboten waren (vergl.
auch Tertull. de monog. 17). Aus diesem Feste
erklärt sich aber, dafs auch im Bauernkalen-
der der Ceres nicht die tutela des April, son-
dern die des August gehörte, I. B. N. 6746.
Die Hauptbedeutung der Ceres für Born
war indes eine socialpolitische, und wie
Cernunnos
866
865 Ceres (Eigenschaften u. Kult)
alle griechischen Kulte ist auch dieser iu Anlafs
bestimmter Verhältnisse des Staatslehens ein-
geführt worden. Es geschah als Konzession
an die Plebs. Die Plebs war es, die der Ce-
res, d. h. billigeren Kornes bedurft hatte; und
bis hinab in die Gracchischen Unruhen ist sie
so Patronin der Forderungen des Volks im
Gegensatz zum Patrizier und Grofsgrundbesitzer.
i Noch beim Lucilius lesen wir (v. 195 L.): Dc-
I ficit alma Ceres nec plebes pane potitur. Die
plebejischen „Tempelmänner“ oder Ädilen
; hatten die Sorge für den Kornmarkt (vergl.
j Mommsen, St. 11. 2 S. 491 f.) und stationierten
zu diesem Behuf beim Tempel der Ceres. Das
ädilische Amt selbst aber war, nach den An-
i nalisten, erst kurz vor der Gründung dieses
Tempels eingeführt worden. Im Cerestempel
wurden die Senatsbeschlüsse zur Kenntnisnahme
I für die Volkstribunen deponiert ( Liv . 3, 55.
33, 25). Wer immer einen plebejischen Beam- :
i ten verletzte, dessen Vermögen verfiel der
j Ceres {Liv. 3, 55, 7. Dion. Hai. (3, 89). Von
einem ihr zugefallenen argentum multaticium
; erfahren wir aus dem J. 197 {Liv. 33, 25, 3).
'Ebenso war aber auch mit dem Vermögen des
Volksaufwieglers Sp. Cassius, Urhebers einer
ijlex agraria, verfahren worden {Liv. 2, 41, 10.
j Dion. Hai. 8, 79). Panembonum fert galtauch
in der Kaiserzeit vom Ädilen in Pompei {C. I.
L. 4, 429). .. :
Und denselben plebejischen Ädilen lag da-
i rum auch endlich die Sorge für die Festspiele
der Ceres ob (vgl. Liv. 30, 39, 8. Cic. Verr.
! 5, 36. Dio C., 47, 40 für das Jahr 42 v. Chr.;
über die Übertragung derselben an die kuru-
iilischen Ädilen zur Zeit Ciceros vgl. Momm-
\ sen im St.-R. 2 S. 509). Die Cerealia oder
I ludi Cereales mögen anfangs nur von Zeit zu
Zeit begangen worden sein; als jährliches Fest
sind sie zuerst für das Jahr 202 v. Chr. nach-
gewiesen {Mommsen, St.-R. 1 S. 586). Diesel-
ben fielen in den Frühling, wo die Felder voll
junger Saat standen, vom 12. bis 19. April,
I (vgl. auch das hemerolog. Caeretanam in Ephem.
Epigr. 3. S. 7), gleichzeitig mit den Fordici-
dia der Tellus {Kal. Maffe.), und wurden nicht
| nur in Rom , sondern ebenso auch auf dem
» Lande begangen {Orelli n. 1495). Innerhalb der
Plebs gab man in diesen Tagen üppige Gaste-
; .'eien {mutitarc) , wie dies die Patricier am i
1 Pest der Megalensien tliaten {Gell. 18, 2, 11);
nnd bei Plautus bedeuten darum cenae Cerea-
'es besonders üppige Mahlzeiten {Men. 1, 1,
■ 15). Gleichwohl hat die Luxusgesetzgebung
loch nur gegen den Aufwand der Megalesien
ainschreiten zu müssen geglaubt {Gell. 2, 24, 2).
Ifficiell wurde das Fest durch eine pompa
m Circus eröffnet und durch circensische Spiele
dreensium Cerialium ludicrum, Tac. 13, 74)
un letzten Tage beendet, mit Ausschlufs der i
Radiatoren {Dio C. 47, 40). Aus Ovid, der diese
Spiele Fast. 4, 391. 679 ff. erwähnt, entnehmen
•vir, dafs man sich besonders durch eine Fuchs-
letze vergnügte, bei welcher den Tieren auf
len Rücken Feuerbrände gebunden wurden.
Cine ätiologische Legende hierzu weifs der-
elbe Ovid beizufügen und lokalisiert sie in
'er Nähe seines Geburtsortes, in Carseoli in
Roscher, Lexikon der gr. u. röm. Mytkol.
Latium. Dafs bei dem Feste endlich auch
nucum sparsiones üblich waren , scheint Sin-
nius Capito bei Festus S. 177 bezeugt zu haben.
Ceres wird natürlich oft auch mit anderen
Göttern zusammen angerufen und verehrt, so
mit allen unterirdischen Gottheiten an den
Säkularspielen {Klausen a. a. O. S. 264), mit
Tellus an den feriae sementinae {Varro de l. I.
6, 26; vgl. de r. r. 1, 2. Festi epit. S. 337);
mit Venus (s. oben), mit Iuppiter und Ianus
{Cato r. rust. 134; hier ist der Name Iunos
interpoliert); mit der Ops (/. R. N. 6748.
575); mit Annona (s. oben); mit Mercurius
im lectisternium , Liv. 22, 10. Speicherauf-
seher geben ein donarium dem Genius loci
und dem numen Caereris I. R. N. 1387.
Lehrreicher ist, dafs wir in der Kaiserzeit
mehrfach dem Plural Cereres begegnen ; so
I. R. N. 2479, besonders in Afrika C. I. L.
8, 580. 1548 und sonst, ja mit Zusatz Cereres
domnotutores 8, 1838 add. Dieser Plural wird
weniger nach Analogie der dreihundert Iup-
piteres des Varro {Tertull. ad nat. 1, 10) als
nach der jener „Matronae“ der nördlichen Pro-
vinzen zu erklären sein, welche auch Iunones
genannt wurden (bes. oft im C. I. Rhen.-, vgl.
Preller l3, S. 289). Ob hier vielleicht die
Ceres graeca (s. oben) mit der Romana ver-
bunden war?
Das augusteische Kaiserhaus scheint
zur Ceres in keine nähere theosophisch - ge-
nealogische Beziehung getreten zu sein. Doch
ist zu erinnern, dafs, wie Apollini divo Augusto
dediciert wurde (J. R. N. 930) , so auch die
Iulia Augusta mit Ceres identificiert erscheint
auf der Inschrift Wilmanns expl. N. 907. [Vgl.
C. I. Gr. 4, 3 (lndices) p. 20 R.] [Birt.]
Ceruenus, ein Beiname des Iuppiter auf
einer Wachstafel (167 n. Chr.) aus einem
Bergwerk bei Aprudbanya in Siebenbürgen,
C. I. L. 3 p. 925: . . . Artemidorus Apolloni
(sc. servus ) magister collegi Iovis Cerneni etc.
Mommsen a. a. O. S. 921 erinnert zur Er-
klärung des Beinamens an ein jetzt Korna
genanntes Dorf in der Nähe des Fundortes
d. Inschr. (vgl. Cernenses oder Cirnenses Aquae
Anthol. lat. 350 Riese). Vielleicht ist jedoch
an Cernunnos (s. d.) zu denken (der wegen der
ihn begleitenden Blitzschlange wohl mit Iup-
piter identificiert werden konnte) , da auch
andere Namen derselben Inschrift auf celti-
schen Einflufs deuten. [Steuding.]
Cernunnos, ein celtischer Gott auf einem
von den nautae Parisiaci zur Zeit des T'iberius
geweihten Altar (no. 3 des musee de Cluny
zu Paris, Orelli 1993; vgl. Murat. 1066, 5).
Unter der Inschrift befindet sich eine gehörnte
menschliche Figur, deren untere Hälfte zerstört
ist; nach der Höhe zu schliefsen, mufs dieselbe
kauernd dargestellt gewesen sein. H. D'Arbois
de Iubainville, le cycle myth. Irland, p. 385. Der-
selbe vergleicht damit ganz ähnliche Bilder des
gehörnten celtischen Gottes der Nacht (des
Sturmes), des Todes und des Bösen. Der Name
Cernunnos bedeutet aber vielleicht so viel als
„der Gehörnte“ == Carneus (s. d.) , d. h. der
die Mondsichel (?) tragende Gott der Nacht,
wozu sehr gut palst, dafs auf dem erwähnten
28
867
Cerus
Chalkaor
868
Altäre Castor und Pollux, die Stellae der
Schiffer, neben ihm dargestellt werden. Ander-
wärts ( D'Arb . de Jub. a. a. 0.) ist diese Gott-
heit meist noch von einer Schlange (Blitz) mit
Widderkopf begleitet; hier ist diese dagegen
auf eine andere Seite des Altars verlegt, wo
sie (von dem Gotte des Lichtes?) erschlagen
wird (siehe Atusmerius). Natürlich tötet die-
ser ursprünglich auch nach irischer Überliefe-
rung den Gott der Nacht selbst, der als sein io
Vater oder Grofsvater bezeichnet wird [D'Arb.
de Jub. a. a. 0.). [Steuding.]
Cerus. Cerus oder Kerus ist die ältere latei-
nische Bezeichnung für ein schöpferisches gött-
liches Wesen, welches uns unter den entspre-
chenden Namen auch bei den verwandten ita-
lischen Völkern begegnet, als Kerri bei den
Oskern auf der Weihinschrift von Agnone
( Mommsen , Unterital. Dial. p. 133), als Qer-
fus auf den Denkmälern umbrischen Dialektes, ‘
Aufrecht-Kirchhoff , Umbrische Sprachdenlcm. 2,
265. Bücheier, Rhein,. Mus. 33,281. Lexicon Ita-
licum p. 13. Alle diese Worte stammen zusam-
men mit Ceres (s. d.), creare u. ähnl. von einer
Wurzel, welche rthun, schaffen’ bedeutet und
noch in der Sskrt. -Wurzel har vorliegt, Corssen,
Aussprache 1, 473. Curtius , Griech. Etymolog.
p. 154, und es verhält sich demnach Cerus zu
creare, wie Genius zu gignere und Semo zu oq
serere, Breal, Herctde et Gacus p. 60; alle drei
Namen sind Bezeichnungen für dieselbe schöpfe-
rische Gottheit, für die später der Name Genius
(s. d.) der allgemeine geworden ist. Was die
alten Grammatiker noch von Cerus wufsten,
stimmt völlig zu dem eben Gesagten. Im
Salierliede wurde er mehrfach angerufen, Paul.
p. 122 führt daraus die Worte Cerus manus,
das heifse creator bonus , an, und in dem bei
Varro l. I. 7, 26 erhaltenen Fragmente je- 4Q
nes Liedes hat Bergh {de carmin. Saliar. reli-
quiis, Ind. lect. Marburg 1847/48 p. 8) mit Evi-
denz die Worte duonus Cerus es hergestellt
(anders Corssen, origin. poes. Boman. p. 56 ff.
Aussprache 1, 230, der Ceruses als eine Weiter-
bildung von Cerus erklärt, sicher mit Unrecht).
Endlich ist uns noch eine jetzt im Museo
Gregoriano des Vatikans befindliche Trink-
schale erhalten, welche neben einem Flügel-
knaben mit der Doppelflöte die Inschrift KERI
rOCOLOM trägt, C. I. L. 1, 46. Wahrschein- 0
lieh ist aber in diesen Denkmälern überall der
Name Cerrus zu sprechen: darauf führt sowohl
das osk. Kerri, als das umbrische Qerfus (Vgl.
umbr. parfa, latein. parra) und dafs unsere
Überlieferung überall nur ein r giebt, ist durch-
aus in der Ordnung, da all diese Denkmäler in
die Zeit zurückgehen, wo man die Konsonanten-
gemination in der Schrift noch nicht ausdrückte,
Buecheler, Umbrica p. 98 f. [Wissowa.] 60
Cervae, vielleicht segenspendende Geister auf
einer Inschrift aus Zalatna (Dacia), C. I. L.
3, 1303: Libero ( p)atri et Li{b)ere Herclia{n)is
et Cervabu{s ) Romanus Auglusti ) n{ostri) et
Aur{elia ) Creste vo{tum) posuerun(t). Momm-
sen a. a. 0. hält die Hercliani und Cervae für
Priesterkollegien ; wenn wir aber bedenken,
dafs Hercules (= Semo Sancus) auf dem Lande
als Genius des Segens verehrt und gerade in
dieser altitalischen Auffassung mit Ceres zu-
sammengestellt wird ( Preller , R. M.3 2, 282),
so dürfen wir neben Liber und Libera, den
alten Gottheiten des strömenden Segens, wohl
die Hercliani für eine Vervielfältigung dieses
Hercules (ursprüngl. Herdes, Preller a. a. 0. 2,
278, 1), die Cervae aber für die weibliche Er-
gänzung derselben halten , welche dann der
Ceres (Cereres) entsprechen würden. So wäre
vielleicht Cerva als eine Femininbildung zu
Cerus (s. d.) resp. *Cervus, entsprechend den
Cerfiae der iguvinischen Tafeln , zu betrach-
ten. [Steuding.]
Chatlisia {Xadhaia), Amazone, Eponyme der
gleichnamigen Ortschaft bei Themiskyra, Steph.
Byz. s. v. Xahcia u. Xaöioia ; nach Hekataios,
b. Schol. Ap. Rh. 2, 999 Chadesia; vgl. Schol.
Ap. Rh. 2, 373. [Kliigmann.]
Ckairesilaos {XaLgycilaog , Xaigyai^scos),
Sohn des Iasios, Enkel des Eleuther, Vater des
Poimandros, des Gründers von Tanagra, Paus.
9, 20, 2. [Stoll.]
Chairias {Xcuq tag) , s. Eunomos. [Stoll.]
Cliairon {Xcclqoov), Sohn des Apollon und
der Thero , einer Tochter des Phylas, nach
welchem das von ihm gegründete Chaironeia
benannt ward, Hesiod in d. grofsen Eoien bei
Paus. 9, 40, 3. Hellanikos b. Steph. Byz. s. v.
XaLQobvsiu. [Stoll.]
Cliaitos (Xauos), 1 ) Sohn des Aigyptos, von
der Danaicle Asteria ermordet, Apollod. 2,
1,5. — [2) vgl. C. I. Gr. 7719. R.] [Stoll.]
Chalastre {XahxozQy) , nach welcher die
Stadt Chalastra in Makedonien genannt sein
soll, Steph. Byz. s. v. Xalaezga. [Stoll.]
Chalbes {Xdlßyg), Herold des ägyptischen
Königs Busiris, von Herakles erschlagen, Schol.
Ap. Rh. 4, 1396. S. Busiris. [Stoll.]
Chaldaios {XalSaHog), der vierzehnte König
nach Ninos, dem Erbauer von Ninos, der alle
nach ihm genannten Chaldäer zusammenzog
und die Stadt Babylon gründete, Steph. Byz.
s. v. Xalduioi. Eustath. ad Dionys. 767. C.
Müller, fr. hist. gr. 2. p. 237, 8. [Stoll.]
Chaldene ( XaXdfjvr] ) , gebar von Zeus den
Solymos, den Heros eponymos der Solynier.
die später den Namen Pisider erhielten, Steph.
Byz. s. v. moiSia. Dieselbe wird jedoch von
Antimachos bei Schol. zu Od. 5, 283 KaliySo-
v [a genannt, weshalb vielleicht mit Buttmann
(z. d. St.) b. Steph. Byz. X 'aX-nydovia zu lesen
ist. [Steuding.]
Clialis {Xdchg) , Beiname des Dionysos ah
des Gebers des reinen, ungemischten Weines
Eustath. Iiom. p. 1471, 2; denn ’A^yvatoL toi
anguzov %alLv XsyovoLv, Schol. Ap’. Rh. 1, 473
Deshalb hatte auch der dionysische Dämon
der Silen Akratos, den Namen Chalis. Erklä
rungen des Wortes ^altg (wahrscheinlich zu
sammenhängend mit %uld(o und so viel ah
IvotLog) b. Hesycli. s. v. Tzetz. Hesiod. Opp. .336
Lylc. 579. Et. M. xaHcpQcov. Creuzer, Symbol
u. Myth. 3. S. 210ff. 2. Aufl. Gerhard, griech
Mythol. § 447, 3. 464, 2. [Stoll.]
Clialkaor {Xalnäoo), eine Führerin der Aina
zonen vor Troja, von Achilleus getötet, Tzet.
Posthorn. 181. [Stoll.]
.
869
Ckalkedane
Ckalkos
870
Chalkedaue, XcdvySccvy zavzgg i sqov iv
ZnuQzr]. Hesych. s. v. M. Schmidt vermutet
dafür XalvCvaog ’A&ctvu-, der Reihenfolge bei
Hesych. nach wäre etwa Xalnoöävg zu erwar-
ten. [Steuding.]
Chalkedon {Xcdvgd cöv), 1) Sohn des Kro-
nos, nach welchem zuerst der Flufs und dann
auch die Stadt Chalkedon am thrakisehen Bos-
porus benannt ward, Aman hei Eustath. zu
Dionys. 803. — 2) Sohn des Sehers Kalclias, io
der nach einigen die Stadt Chalkedon gegrün-
det haben soll, Hesych. Mil. 4,21. C. Müller,
fr. hist. Gr. 4. p. 150. [Stoll. ]
Chalkinos {Xalv ivog), ein Nachkomme des
Kephalos, des Stammvaters der Kephallenier,
und Bruder des Daitos. Daus. 1, 37, 6f. Vgl.
d. Art. Daitos. [Steudiug.]
Chalkioikos {Xalv.CoLV.og) , ein auch selbst-
ständig gebrauchter Beiname der Athene {Thuh.
1, 128. 134. Lycurg. in Leocr. 32, 128. Dlut. 20
garr. 14. Polyaen. 2, 15. 2, 31, 3. Polyb. 4, 22,
8. Paus. 4, 15, 5. Eurip. Hel. 228. Arist. Ly-
sistr. 1320) in Sparta, wo sie einen Tempel
nebst ehernem Standbild unter diesem Namen
hatte, Paus. 3, 17, 2. Jedenfalls war dieses
Heiligtum nach alter Sitte innen mit Metall-
platten ausgeschlagen, Paus. 10, 5, 11. Ael.
v. h. 9, 41. Liv. 35, 36. C. Nep. Paus. 5. u.
Hesych. s. v. XalvCvaog. [Steuding.j
Chalkiope {XccIvloht]) , 1) Tochter des Eu- 30
rypylos , Königs der Insel Kos, mit welcher
Herakles in Kos den Tlressalos zeugte, Apol-
lod. 2, 7, 8. II. 2, 676 ff. Schol. II. 2, 677.
14, 255. Schol. Pind. Nein. 4, 40. Plut. Quaest.
Graec. 58 , wo zr\v Xulviozzrjv zu schrei-
ben ist. Kallim. II. in Del. 161. Hygin. f.
254. [C. I. Gr. 5984 B. R.] Heyne, Obss.
in Apollod. p. 199. Osann zu Cornut. p. 368.
Preller , Gr. Myth. 2, 236. Bei Eustath. Hom.
p. 318, 34 und Schol. min. zu II. 2, 677 40
heifst der Sohn des Herakles und der Chal-
kiope Eurypylos. Hygin. fab. 97 nennt Chal-
kiope Gemahlin des Thessalos. — 2) Toch-
ter des Aietes, Schwester der Medeia, Gemah-
lin des Phrixos , dem sie den Argos , Melas,
Kytisoros und Phrontis gebar, Apollod. 1, 9, 1.
Ap. Rh. 2 , 1 140 ff. 3 , 248 u. ö. Schol. Ap.
Rh. 2, 1. 388. 1122. 1149. p. 534, 14 Keil.
Orph. Arg. 792. 860. Eudoc. p. 146 u. 236.
Tzetz. Lylc. 22 , wo noch eine Tochter Helle 50
genannt wird, Hygin. f. 3. 14. Als fünfter
Sohn wird Presbon genannt, Schol. Ap. Rh. 2,
1122. Paus. 9, 34, 5. Hesiod u. Alcusilaos
1 nannten die Gemahlin des Phrixos , Tochter
des Aietes, lopbossa, Pherekydes Euenia, die
die Beinamen Chalkiope u. lopbossa gehabt
Jliabe, Schol. Ap. Rh. 2, 1122. 1149. — 3) Toch-
| ter des Rhexenor oder des Chalkodon, zweite
(Gemahlin des Aigeus, Apollod. 3, 15, 6. Tzetz.
Lylc. 494. Schol. Eurip. Med. 668. Athen. 13. co
jp. 556 f. Phanodemosh. Nat. Com. 9, 10. p. 996.
I Müller fr. hist. Gr. 1. p. 366. — 4) Tochter
jdes Alkon, eines Sohns des Ereclrtheus; sie
floh mit dem Vater aus Attika nach Euboia,
j Schol. Ap. Rh. 1, 97. [Stoll.]
Chalkis {Xalv Cg), 1) Mutter der Korybanten,
welche hier mit den euböischen Kureten ver-
mengt scheinen. Schol. Vict. llom. II. 14, 291.
— 2) Tochter des Asopos und der Metope,
nach welcher Chalkis auf Euboia benannt war,
Diod. 4, 72. Eustath. z. Hom. p. 279, 6. Steph.
Byz. s. v. XalvCg. [Stoll.]
Chalkodon {Xalvdöoiv), 1) König der Aban-
ten auf Euboia, Sohn des Abas, ein Nach-
komme des Erechtheus im 5. Gliede, Vater
des Elephenor, der am trojanischen Kriege
teilnahm, II. 2, 541. 4, 464. Schol. II. 2, 536.
Eustath. Hom. p. 281 , 45. Soph. Phil. 484.
Tzetz. Lylc. 1034. Apollod. 3, 10, 8. Nach
Tzetz. a. a. O. hiefs seine Gemahlin, die Mut-
ter des Elephenor, Melanippe, nach Hygin. /'.
97 Imenarete (?). Chalkodon fiel durch die Hand
des Amphitryon (s. d.) in einer Schlacht gegen
die Thebaner, wodurch diese von dem an die
Euboier zu zahlenden Tribut befreit wurden,
Plut. Amator. 3. S. 72 Hutt. Paus. 8, 15, 3.
9, 17, 2. Müller, Orchom. S. 232. Sein Grab
war am Teumessos, am Wege nach Chalkis,
Paus. 9, 19, 3. Er und seine Nachkommen,
die Chalkodontiden {Eurip. Ion 59), sind die
Repräsentanten der Abanten in Mitteleuboia,
welche auch über einen Teil von Boiotien ge-
herrscht zu haben scheinen und sich mit den
attischen Ioniern gemischt haben, weshalb der
Vater der Chalkiope (s. d. No. 3), der Gemah-
lin des Aigeus, sowie der, welcher zu Athen
am peiräischen Thor einen Heroentempel hatte
{Plut. Thes. 27), auf den euböischen Chalko-
don zurückzuführen sein werden. — 2) Ein
Genosse des Herakles bei seinem Zuge gegen
Elis; er fiel in der Schlacht und hatte ein
Grabmal bei Pheneos an der Quelle Oinoe.
Pausanias trennt ihn von dem Euboier glei-
chen Namens, Paus. 8, 15, 3. — 3) Ein Freier
der Hippodameia, von Oinomaos getötet. Sein
Grab hatte er gemeinsam mit den andern Freiern
in der Nähe von Pisa, Paus. 6, 21, 7. Chalkon
heifst er b. Schol. Pind. Ol. 1, 114. 127. — 4)
Ein Koer, von welchem Herakles im Kampfe
gegeu Eurypylos verwundet ward, so dafs er
fliehen mufste und in grofse Not geriet, Apol-
lod. 2, 7, 1 ; vgl. Schol. Tlieocrit. 7, 131. Plut.
Qu. Gr. 58. Bei Tlieokrit. 7, 6 heifst er Chal-
kon, Preller, Gr. Mytli. 2, 236, 4. — 5) Sohn
des Aigyptos , von der Danaide Rhodia ge-
mordet, Apollod. 2, 1, 5. [Stoll.]
Chalkomedusa {XalvogCäovoa), Gemahlin
des Arkeisios , Mutter des Laertes , Eustath.
Hom. p. 1796, 34. [Stoll.]
Chalkon {Xalvav), 1) König auf Kos, Sohn
des Eurypylos und der Klytia, der Tochter
des Merops. Er stiefs mit seinem Fufse die
Quelle Burinna auf Kos aus dem Felsen, Theo-
lerit. 7 , 6 u. Schol. S. Chalkodon No. 4. —
2) König in Euboia, Nachkomme des Erech-
theus im 3. Gliede, Vater des Abas, Schol. II.
2, 536. — 3) Myrmidone, Vater des vor Troja
von der Hand des Glaukos gefallenen Batky-
kles, II. 16, 595. — 4) Ein Kyparissier, Füh-
rer und Schildträger des Antilochos. Er liebte
die Penthesileia , wurde aber , als er ihr zu
Hilfe eilte, von Achilleus getötet und seine
Leiche darauf von den Griechen ans Kreuz
geschlagen, Eustath. Ilom. p. 1697, 5 4. — 5) S.
Chalkodon No. 3. [Stoll.]
Chalkos {Xalvog), Sohn des Athainas in
28 *
871 Chalybs
Orehomenos, Erfinder der Schilde, Plin. N. H.
7, 57. Müller, Orchomenos S. 132. [Stoll.]
Chalybs (XäXvip), Sohn des Ares, nach wel-
chem die Chalyber, ein eisengrabendes und
eisenbearbeitendes skythisches Volk in Pon-
tos, benannt sein sollte, Schol. Ap. Eh. 2,
373. [Stoll.]
Cli am os (Xccpcog), nach Suid. s. v. und s. Xolo-
ficov (vgl. Zonaras lex. p. 1840)' eine Gottheit
der Ammaniter u. Tyrier; Alex. Polyhist. bei
Euseb. Chron. 1, 23 deutet auf Verehrung des-
selben bei den Babyloniern, die orientalischen
Quellen aber erweisen ihn als den Hauptgott
der Moabiter, vgl. W. v. Baudissin in Herzogs
B.-E. s. v. Kemosch und oben S. 650, 50.
[Steuding.]
Chamyne (Xagvvrf), Beiname der Demeter
bei den Eleern, Paus. 6, 20, 9. 21, 1. An
letzterer Stelle wird ein Tempel derselben er-
wähnt und der Name mit %uvEtv zusammen-
gebraebt in Bezug auf die Erdspalte , in wel-
cher Hades mit Persephone verschwand; doch
wird zugleich auch ein von Pantaleon getöte-
ter Pisäer Chamynos erwähnt , auf dessen
Kosten jener Tempel erbaut worden sein soll.
Es ist aber wohl besser an den Stamm %agci
Erde (vgl. jjaftat, %cqicc&) vgl. ghamina die
Erde betreffend zu denken. Litauisch keifst
die Erdgöttin Zemina, Zemyna oder Zemyne,
Fick, vergl. W. 1, 578. [Steuding.]
Chamynos s. Chamyne.
Chanaan (Xavauv = der jüngste Sohn
des Cham (= Ham), Heros eponymos des Lan-
des Chanaan, Hesych. Suid. Josephus 1, 6, 2.
Nach Alex. Polyh. fr. 3 bei Euseb. pr. ev. 9,
17 p. 419 d ist er ein Sohn des Belos und
Stammvater der Phönizier, also identisch mit
Chnas (s. d.). [Steuding.]
Chania, eine Nymphe, welche mit Herakles
den Gelon, den Stammvater der skythischen
oder sarmatiseken Geloner, zeugete, Serv. Verg.
Georg. 2, 115. [Stoll.]
Chaon (Xdav), ein Trojaner, ein Bruder oder
Freund des Helenos, nach welchem dieser, als
er König in Epirus geworden, einen Teil von
Epirus Chaonia nannte, weil er ihn gegen sei-
nen Willen auf der Jagd getötet hatte, oder
weil Chaon sich bei einer Pestilenz oder bei
einem Sturm auf der See zum Besten seiner
Genossen freiwillig geopfert, Serv. Verg. Aen.
3, 297. 334. 335. [Stoll.]
Chaos ( Xäog , sog von %a Cvco klaffe, vgl. %kg-
uor, %icog Kluft, G. Curtius , Grundzüge 5 196),
bei Hesiod. Theog. 116 das erste Moment der
Weltwerdung, vor aller Gestaltung, der gäh-
nende Baum, doch wohl nicht reiner Raum
scharf distinguiert, sondern Raum, Materie und
Dunkel in Eins (vgl. Flach, Hes. Kosmog. 11 ff.).
Aus dem Chaos gingen Erebos und Nyx her-
vor, aus diesen Aither und Hemera, v. 123ff.
Vgl. Akusilaos b. Müller frg. hist. 1, 100. Fiat.
Symp. 178b. Verg. Georg. 4, 347. Lucian. Salt.
37. Philopatr. 13. Amor. 32 u. a. Deutung
auf den leeren Raum bei Aristot. phys. 4,
208b, 31. Sext. Emp. 478, 17. 149, 2 Bekk.;
stoische Deutung bei Schol. Hes., Plut. mor.
955 e. Flach, Glossen 37 f. Als Urmaterie, ru-
clis indigestaque moles Ov. met. 1, 7. Als zwei-
Charila 872
tes Moment der Kosmogenie u. a. Hggin. fab.
pr. Ex Galigine Chaos etc. s. Preller- Plew 1,
32 , 1. In orpkischer Kosmogenie ist zuerst
Chronos (s. d.) , der den Äther und das Chaos
hervorbringt, Zeller, Gesell. I4, 85 ff. — In der
bestehenden Welt a) der Weltraum, das Welt-
all, Hes. Th. 700; b) der Luftraum, Ibyk. frg.
28. BaJcchyl. frg. 47 Bgk. Aristoph. Nub. 424,
627. Av. 192. Simm. Al, 6, 672 Jac. In der
Parodie der Hes. Th. bei Aristoph. Av. 691 ff.
erzeugt der geflügelte Eros mit dem dämme-
rigem Chaos das Geschlecht der Vögel; c) der
Hades Ov. met. 10, 30. Verg. Aen. 4, 510. 6,
265. Plut. mor. 953 a. Quint. Smyrn. 2, 614.
Epigr. adesp. 282; als Strafort, %ä)Qog dcsßäv
[Plat.\ Axioch. 371 e; Abgrund überhaupt, s.
die Lexika. Metaphorisch die schwarze Nacht,
Ap. Bliod. 4, 1697, die Ewigkeit, M. Anton.
4, 3. [v. SybeL]
Charaxos, ein Lapitke, auf der Hochzeit des
Peirithoos von dem Kentauren Rhoitos mit
einem Feuerbrand erschlagen, Ov. Met. 12,
271 ff. [Stoll.]
Charideiuos (XaQi'drgiog) ein Bakekant: C. I.
Gr. 8184. [Roscher.]
Chariklo (Xagmlco), 1) Tochter des Apollon
oder des Perses oder des Okeanos, Gemahlin
des Kentauren Cheiron (s. d.), Mutter des Ka-
rystos, Pind. Pyth. 4,103 (181) nebst Scholien.
Bei ihr und Cheiron und dessen Mutter Philyra
wurde lason erzogen, sowie auch Achilleus,
Ap. Eh. 1 , 554. 4, 813 nebst Schol. Hesiod
nannte die Gemahlin des Cheiron eine Naiade,
Schol. Pincl. a. a. O. Auch Ap. Bhod. 4, 813
nennt Chariklo und Philyra Naiaden. Eine
Tochter der Chariklo und des Cheiron heifst
Okyroe, Ovid. Met. 2, 636. [Bildlich dargestellt
auf der Framjoisvase; vgl. Overb. Gail. T. 9, lu.
C. I. Gr. 8185 d. R.] — 2) Tochter des Kycbreus
aus Salamis, Gemahlin des Skiron oder Skei-
ron in Megaris , dem sie die Ende'is gebar,
die Gemahlin des Aiakos , Megarensische Ge-
schichtschreiber bei Plut. Thes. 10. Vergl.
Apollod. 3, 12, 6 u. Heyne z. d. St. Paus. 2,
29 , 7. Anderwärts heifst der Vater der En-
de'is Cheiron statt Skeiron , Schol, Pind.
Nein. 5, 12. Schol, II. 16, 14. Hyg. f. 14.
— 3) Eine Nymphe , Gemahlin des Eueres,
Mutter des Teiresias Athene hatte den Tei-
resias geblendet, weil er sie nackt gesehen;
da aber Chariklo ihr teuer war, so reinigte
sie auf deren Bitten zum Ersatz des Augen-
lichts dem Teiresias die Ohren, dafs er die
Stimmen der Vögel verstehen konnte, und gab
ihm einen Stab, an dem er sicher ging, Phere-
Icydes bei Apollod. 3, 6, 7. Kallim. lav. Pall.
59 ff. [Stoll.]
Charila (XÜQtla), ein Mädchen und ein nach
ihr benanntes ennaeterisches Fest zu Delphi
(Plut. Quaest. Graec. 12). Während einer in-
folge grofser Trockenheit entstandenen Hun-
gersnot in Delphi bat unter vielen anderen
auch ein kleines Waisenmädchen Namens Xa-
gdcc an der Thiire des Königs um Getreide,
dieser aber schlug sie mit dem Schuh ins Ge-
sicht, worauf sich Charila aus Scham erhängte.
Da die Hungersnot zunahm, wurde durch ein
Orakel befohlen, ihren Tod zu sühnen. Dies
io
20
30
40
50
60
873 Charilaos
geschah dadurch, dafs alle neun Jahre eine
Getieideverteilung durch den König vorge-
nommen und dabei eine Charila genannte
Puppe von demselben geschlagen, dann von
der Führerin der Thyiaden ergriffen und in
einer Bergschlucht vergraben wurde, nach-
dem der Hals derselben mit einem ßinsen-
seil umwunden worden war. Es ist dies
wahrscheinlich eine alte lokale sjunbolische
Darstellung der Ernte. Das Getreide stirbt
infolge der Trockenheit ab , wird zu Garben
gebunden, ausgetreten und eingebracht. Xcc-
Qila dürfte demnach ein Getreidedämon sein,
vgl. jedoch Usener im Ehein. Mus. 30, Jahrg.
1875. S. 203ff. Mommsen, Delphika S. 249ff.
Mannliardt , ant. Wald- u. Feldkulte S. 298.
Auch die von Plutarch a. a. 0. mit der Xa-
gilcc in Verbindung gebrachten Feste Ertniri-
qlov und 'Hgcoig weisen auf erstere Auffassung
hin. [Steuding.]
Charilaos oder Charillos oder wohl besser
Chorillos {Xagilaog, Xagillog, XogdXog?), Sa-
tyr; Heydemann, Satyr- und Bakchennamen.
Halle 1860 S. 36; vergl. C. I. Gr. 7461.
[Roscher.]
Charipliemos {Xccgtcpryiog), Sohn des Philo-
terpes , einer der zehn Vorfahren Homers in
der bis auf Orpheus zurückgehenden Reihe
derselben. Hellanikos , Damastes u. Pherekydes
bei Proclus v. H. p. 25 ; vgl. Müller , fr. h. gr.
2, 66, 10 u. 1, 46, 6. Schol. Ven. Beide, praef.
p. I. S. Euphemos. [Steuding.]
Charippos s. Charops 4.
Charis, Chariten {Xägig, Xdgizig, Gratiae;
statt Xägizsg sagte Sophokles in einer Elegie
Xcigcti, Erotian. 390), die personificierte An-
mut. Bei Plom. II. 18, 382 ist Charis die Ge-
mahlin des Hephaistos, während in der Odys-
see (8, 270) Aphrodite seine Gemahlin ist; doch
darf man bei dem streng ausgebildeten Namen-
system des Dichters nicht behaupten wollen,
dafs jene Charis die Aphrodite selbst sei, son-
dern mufs für beide Stellen verschiedene Ver-
fasser annehmen. Nägelsbach , homer. Theol.
3. 109. Hes. Theog. 945 nennt die Charis,
welche dem Hephaistos vermählt war, Aglaia,
die jüngste der Chariten; nach den Schol. zu
ler homerischen Stelle hiefs sie Aglaia oder
Thalia. (Nach orphischer Lehre zeugte He-
r ihaistos mit Aglaia vier Töchter, Eukleia,
: Eustbeneia, Eupheme und Philophrosyne, Pro-
mi. in Tim. 2, 101). Homer II. 14, 267 spricht
1 70n einem ganzen Geschlecht von Chariten ;
lort verspricht Hera dem Hypnos die Pasithea
v. ftecc, Schau, also die Wunderschöne, Prel-
’cr; „die über alle gebeut, wie der Schlaf
selbst“, Welcher), eine der jüngeren Chariten,
■ur Gattin. Vgl. Paus. 9, 35, 1. Mus. Hero
1 Leand. 77. Dieses Charitengeschlecht scheint
ihnlich den Nymphen des Verg. Aen. 1, 71.
Homer nennt weder Zahl noch Namen und
Ybstammung der Chariten. Auch Pamphos, der
merst von den Chariten gesungen haben soll,
lannte weder Zahl noch Namen, Paus. 9, 35, 1.
'lach Hesiod Theog. 907 , dem die Späteren
aeistens folgen, waren es drei: Euphrosyne,
'halia (bei manchen Thaleia) und Aglaia, Töch-
er des Zeus und der Okeanine Eurynome,
Charis u. Chariten (Mythus) 874
„der weithin Waltenden“. Vergl. Apoll od. 1,
3, 1. Paus. 9, 35, 1. Orph. 11. 59. Hygin.
praef. Cornut. 15. Osann zu Cornut. p. 272.
(Über Eurynome s. Preller, Griech. Myth. 1.
S. 394 f. Schümann, Opusc. Ac. 2. p. 160 f.).
Pindar Ol. 14, 13 nennt die drei Chariten mit
den hesiodischen Namen und den Vater Zeus,
aber nicht die Mutter. Zeus gilt gewöhnlich
als Vater der Chariten; aber als Mutter wird
auch Hera angegeben ( Cornut . 15. Koluth. E.
Ilel. 174. XaQLzwv t iQ-rivg heifst sie V. 88), mit
der sie überhaupt in enger Verbindung stehen
{Welcher, Gr. Götterl. 1. S. 372 ff., auch im
Anhang zu Schwenck, Etym. -myth. And. S. 288),
Eurydome {Cornut. 15), Eurymedusa {ib.),
Euanthe {ib.), Hemonia {Burmann, Anth. Lat.
T. 1. p. 54), Harmione oder Harmonie {Lact,
z. Stat. Theb. 2, 286), Eunomia {Orph. H. 59, 2,
nicht in Eurynome zu korrigieren, s. Müller,
Orchom. S. 180, 2. Lobeck, Aglaoph. 1. p. 398.
Osann zu Cornut. c. 15. Eunomia unter die
drei Chariten gezählt, Themist. Or. 16 p. 406
ed. Petav.), die Orcliomenierin Koronis von
Dionysos {Norm. 48, 555), Aphrodite von Dio-
nysos {Serv. Aen. 1, 720; die Charis Pasithea
heifst Tochter des Dionysos bei Norm. 15, 91.
33, 1). Nach Dosiadas {Ara 14) stammten
sie aus den himmlischen Lüften, von Uranos.
Auffallender Weise steht Gratia Cic. Nat. D.
3, 17, 44 unter den Kindern des Erebos und
der Nacht. Lethe nannte man die Mutter der
Charis, weil der Dank {%ÜQtg) leicht verges-
sen wird, Schol. II. 14, 276. Eustath. Hom.
p. 982, 46. Antimachos {Paus. 9, 35, 1. fr. 85
Stoll), der weder Zahl noch Namen der Cha-
riten genannt, machte den Helios zum Vater
und Aigle (Glanz) zur Mutter derselben. Vgl.
Schol. Anthol.gr. 1, 27 p. 52 ed. Frankf. (1600).
Suid. u. Hesych. Ai'ylgg Xägiztg. Danach hat
Osann. Cornut. 15, wo Aglaia die Mutter der
Chariten heifst , Aigle geschrieben. — Die
Chariten waren die Göttinnen heitrer Anmut
und erfreuenden Reizes sowohl im Bereiche
der Natur wie im Menschenleben; doch haben
sie unter dem Einflufs der Dichter mit der
Zeit sich mehr dem Menschenleben zugewandt.
Hier bezeichnen sie besonders das heitere
frohe Festesleben, die Anmut des durch Sitte
und Schönheitssinn geregelten, durch Schmuck
und Freude gehobenen Beisammenseins. Da
der Begriff der Geselligkeit hei ihnen vor-
herrscht, so sind sie unzertrennlich mit einan-
der verbunden und selbstvergessen gerne im
Dienste andrer beschäftigt. Ihre Namen Eu-
phrosyne, „die Frohsinnige“, Thalia, „blühende
Festesfreude“, Aglaia, „festlicher Glanz“, wei-
sen auf die fröhliche Geselligkeit hin. Sie
verschönen den Menschen das Leben ; „nichts
Liebliches und Schönes wird den Menschen
zuteil ohne die Chariten“, Theokr. Id. 16, 108.
Wie selbst die Götter nicht ohne der ehrwür-
digen Chariten Geleit zum fröhlichen Mahle
und Reigen gehen , sondern sie im Himmel
über allem walten, was geschieht, so kommt
auch den Sterblichen alles Süfse und Liebe
von ihnen , sei einer ein weiser , ein schöner,
sei er ein ruhmstrahlender Mann , Find. Ol.
14, 5ff. Wo zu Fest und Spiel, zu Tanz und
io
20
30
40
50
60
875 Chariten (Mythus)
Gelage die Menschen sich vereinen , da er-
scheinen die Chariten leicht und frei und lösen
die beengenden Bande ; heitere glänzende
Freude giefsen sie aus; doch wehret ihr sin-
nig ordnendes Walten der Mafslosigkeit und
der tobenden Lust. Sie lieben die Gesellschaft
des Dionysos , der zum heiteren Feste den
herzerfreuenden Wein giebt; doch sie fordern,
dafs Mafs gehalten wird. Darum sagt Panya-
sis : der erste Trunk beim frohen Mahl gehört
den Chariten , den Horen und dem Dionysos,
der zweite der Aphrodite und wiederum dem
Dionysos; das ist für Männer die schönste Art
zu trinken. Wenn einer aber unenthaltsam
es treibt bis zum dritten Gang, dann kommen
Hybris und Ate und bringen Leid. Darum
halte Mafs. Athen. 2. p. 36 D (fr. 6 Hübner).
Vgl. Horat. Od. 3, 19, 15. Die Chariten (gs-
f ivai, ysläaai, <xß()cd} ß(ioSo7i(i%£ES, ccyvcd z/tög
noQca, S.äppho fr. 65 Bergk) sind Freundinnen
des Gesanges und des Chorreigens und ver-
kehren daher gern mit den Musen , mit denen
sie auf dem Olympos zusammen wohnen, Hes.
Theoy. 64; vergl. Eurip. Here. für. 673. Die
Musen begeistern den Dichter zum Schaffen
der Gesänge, während die Chariten diese zur
Verherrlichung der Feste aufführen im Chor-
tanz und im Aufzug. Sie geben den Chorfüh-
rern und sonstigen Wettkämpfern den Ruhm
des Siegeskranzes, Pind. Ol. 14. 4, 9. 6,' 76.
Nem. 5, 54. 6, 38. Pyth. 5, 48. fr. 67, 182
Ilerglc. Simonid. 150. 166 Bergk. Den Chor-
reigen ordnen und tanzen sie selbst zugleich
mit andern Göttinnen, mit den Musen, Aphro-
dite , den Horen u. s. w. Im Olymp spielt
Apollon die Kithara; die Musen singen, die
Chariten aber mit den Horen, Aphrodite und
andern jugendlichen Göttinnen tanzen den Rei-
gen, Hom. H. in Ap. Pyth. 10 ff. Artemis geht
nach Delphi zum Tanz der Musen und Chari-
ten, Hom. Hymn. 27, 15. Die Chariten tanz-
ten bei der Hochzeit des Peleus, Quint. Sm.
4 , 140 , sie sangen mit den Musen bei der
Hochzeit des Kadmos die schönen Worte, die
ihr eignes Wesen bezeichnen: „was schön ist,
ist lieb, was nicht schön ist, ist nicht lieb“,
Theogn. 15. Sie werden zusammen mit den
Musen angerufen von Sapplio fr. 60. Als aus-
gezeichneter Tänzer unter den Göttern (Pind.
fr. 75) ist auch Pan den Chariten lieb, Pind.
fr. 71. Auch dem Kitharspieler Apollon,
dem Genossen der Musen, sind die Chari-
ten eng verbunden, sie haben neben dem
pythischen Apollon ihre Throne, Pind. Ol.
14, 10, nach den Schol. z. d. St. haben sie
zu Delphi ihre Throne zur Rechten des Got-
tes. Das Bild des delischen Apollon trug die
drei Chariten auf der Hand, Paus. 9, 35, 1.
Preller , Gr. Myth. 1. S. 235, 2. Der Aphrodite
(s. d.) stehen die Chariten besonders nahe.
Die Göttin der Schönheit bedarf der Chariten,
weil ohne den Reiz der Anmut die Schönheit
keine dauernden Erfolge zu erlangen vermag.
Sie umgeben die Aphrodite (die Königin der
Chariten, Kolutli. B. Hel. 16) als Begleiterin-
nen und freundliche Dienerinnen. Sie baden
und salben die Liebesgöttin, sie fertigen ihr
schöne duftige Gewänder und schmücken sie
Chariten (Mythus) 876
zu den Festen der Liebe, erheitern sie durch
Tanz und Spiel, Hom. II. 5, 338. Od. 8, 362 ff
18, 192 ff. Hom. Hymn. 4, 61. Athen. 15
p. 682 E.F. Sapplio bei Himer. 1, 4 (Bergk z.
fr. 93). Hes. Opp. 72. Paus. 6, 24, 5. Mosch.
Id. 2, 71. Quint. Sm. 5, 72. Dafs auch Eros
oder die Eroten hier nicht fehlen, ist natür-
lich. Auch andern Göttern wirkten die Cha-
riten schöne Gewände, wie dem Dionysos, Ap.
Bh. 4, 424 ff. Die schönsten Werke der Kunst
heifsen Werke der Chariten; ohne sie vermag
nichts die Geschicklichkeit und kalte Regel
der Kunst; erst durch die Anmut erhält sie
ihre wahre Weihe; deshalb sind die Chariten
Genossinnen der Musen, ist Charis die Gemah-
lin des Künstlers Hephaistos. Aus den Ge- I
dichten mufs der Hauch der Chariten wehen,
Simonid. Antli. Pal. 7, 25. Vgl. Plato b. Tho-
mas Mag. Vita Aristoph. p. 14. Simmias Antli.
Pal. 7, 22. Meleagr. Antli. Pal. 7, 417. Pind.
Ol. 9, 25. Tlieokr. Id. 16, 6. Die Chariten j .
helfen selbst der Athene als der Göttin der
ernsten Studien, die ohne Anmut gleichfalls
nichtig sind, und auch die Weisheit wird
durch sie verschönert; deshalb rät Platon dem 1
Xenokrates: opfere den Chariten. Auch mit |
Hermes sind die Chariten befreundet, der I;
durch die Gabe anmutiger Rede seine schön-
sten Triumphe feiert und mit Anmut jegliches
Ding zu gutem Ende führt. Hermes Xccqiuov
fiysycöv, Eudoc. p. 153. Über die häufige Ver-
bindung der Chariten mit Hermes s. Benndorf,
Arch. Zeitg. 1869, 58 u. O. Jahn, Entführung j
der Europa. Wien 1870. 32 — 43. Preller, Gr. 1
Myth. 1. S. 397, 1 und unten S. 882, Z. 52ff
Deshalb ist auch die freundliche Peitho, die p
Göttin der Überredung, oft in ihrer Mitte
(Hes. Opp. 73. Pind. fr. 100, 10. Ibylc. 5
Bcrglc)-, ja sie wird sogar von Hermesianax |
selbst eine der Chariten genannt, Paus. 9,
35, 1. — Schol. Antli. Graec. 1, 27 p. 52 ed. i
Frankf. (1600), der den Pausanias ausgeschrie-
ben, hat nvyih statt nsi&cci, indem vorausge-
nannt sind Helios und Aigle, nach Antimachos |
die Eltern der Chariten. Ganz besonders häu-
fig findet man mit den Chariten die Horen
(s. cl.) vereint (in alten Kunstwerken, Paus. 2, .
17, 4. 3, 18, 7. 5, 11, 2), die im Kreise der I
Natur sind , was die Chariten im geselligen |
Leben, obgleich die Chariten ursprünglich nur
Naturgottheiten und von gleicher Bedeutung
mit den Horen waren; später aber haben sich *
Chariten und Horen so von einander geschie-
den, „dafs die Chariten den letztem gerade :
so entgegenstehen, wie menschliches Leben
und Ordnung der Natur. Diese zeitigen den
Wein, den jene geniefsen helfen (Athen. 2
p. 38 C); während bei Hesiod (Opp. 73) die
Horen das Götterkind Pandora mit Frühlings- :
blumen kränzen, schmücken es die Chariten
mit goldnen Halsketten. Jene pflücken oder
streuen Blumen, diese winden sie und giefsen >
Balsam aus (Apulej. Met. 6, 24): Dichterbil-
der, in denen sich immer noch alte Vorstei
lungen fortpflanzen.“ Midier , Orcliom. S. 181.
Übrigens blieben die beiderseitigen Gebiete ;
doch nicht so streng geschieden. Die Horen r
greifen hinüber in das der Chariten, wenn es *
io
20
30
40
50
60
877 Chariten (Kultus)
z. B. TheoJcr. Id. 1 , 150 von einem künstlich
geschnitzten Becher heilst, er sei getaucht in
den Born der Horen; die Chariten aber lassen
auch Rosen sprossen ( Anahreont . 44, 1 Berglc)
und stehen in Beziehung zum Reiz des Früh-
lings. Überhaupt wo Lenz und Liebe, frische
Lebenskraft und Lebenslust herrschen, da sind
die Chariten nah, Stesich. fr. 34 Berglc. Ari-
phron p. 984. Berglc. Horat. Carm. 1 , 4 , 5.
1, 30. 4, 7, 5. Ov. Fast. 5, 215 ff. Ihnen ver-
danken wie die Götter so auch die sterblichen
Jünglinge und Frauen ihre frische, anmutige
Schönheit, sie heifsen Xagt'zcov cpvzov, &aXog;
ihre Schönheit wird verglichen mit der der
Chariten, Theolcr. Id. 28, 7. Lylcophronides 2.
Berglc. Athen. 15 p. 670 E.F. Hes. fr. 52. 67.
167. Lehrs. Quint. Sm. 6, 152. Tzetz. Ante-
hom. 125; vgl. Mus. II. et Leand. 63ff. 100.
Analcreont. 15, 28 Berglc.
Kultus. Ein uralter Kultus der Chari-
ten war in dem boiotischen Orchotnenos der
Minyer, schon vor der Minyerherrschaft ge-
stiftet von dem König Eteokles oder Eteo-
klos , dem Sohn des Kephissos (oder des An-
dreus). Ihre ersten Bilder waren rohe Steine,
die dem Eteokles vom Himmel gefallen waren;
erst zu des Pausanias’ Zeit wurden daneben
künstlich gearbeitete Statuen aufgestellt. Es
wurden drei Chariten zu Orchomenos an-
genommen; doch wufste man die Namen
nicht, welche ihnen Eteokles gegeben. Prel-
ler vermutet, dafs es die gangbaren Namen
Euphrosyne, Thalia und Aglaia gewesen, mit
welchen Pindar Ol. 14 sie anruft, „die san-
geswerten Königinnen des prangenden Orcho-
menos, der altgebornen Minyer Schutzgotthei-
ten, die an den Wassern des Kephissos woh-
nen in rossereichem Sitz“, Paus. 9, 35, 1. 38, 1.
Theolcr. Id. 16, 104 („die göttlichen Jungfrauen
des Eteokles, dem minyeischen Orchomenos
hold“), Schol. Find. Ol. 14, 1. Strab. 9 p. 414.
Find. Pyth. 12, 26. Serv. Aen. 1, 720. Bergler z.
Alkiphr. 3,1. Meineke ad Euphor. p. 135. Höclc,
Kreta 2. S. 85. Der Tempel der Chariten stand
in der Nähe der Stadt in dem fruchtbaren
Thale des Kephissos, und in der Nähe befand
sich ein Tempel des Dionysos und ein der
Aphrodite geheiligter Quell, welche beiden Gott-
heiten hier mit den Chariten in enger Ver-
bindung standen, Müller, Orchom. S. 178. Prel-
ler, Gr. Mythol. 1. S. 395. Bursian, Gr. Geogr.
1. S. 210. Vischer, Erinnerungen aus Griechen-
land S. 584 f. Conze e Michaelis rapporto p. 79
etc. Von den reichen Feldern an dem Flufs
brachten die Periöken oder Ackerbauer von
Orchomenos einen priesterliclien Zehnten zu
dem Tempel, Ephoros bei Schol. II. 9, 381.
Müller, Orchom. S. 183. Der Charitenkult
blieb in Orchomenos immer der vornehmste.
Man feierte ihnen ein altes Fest, die Charite-
sien, mit musischen Agonen, worüber uns noch
Urkunden erhalten sind, C. I. 1. n. 1583. 1584.
c. explic. Boeclch. Beide, aus etwa 01. 145
stammend, nennen die Sieger in den Agonen,
Trompeter und Herold, einen epischen Dich-
ter, Rhapsoden, Flötenbläser, Kitharspieler,
Tragöden und Komöden u. s. w. , die aus
den verschiedensten Städten zusammenkamen.
Chariten (Kultus) 878
Aufserdem wurden die Charitesien mit nächt-
lichen Tänzen begangen, nach deren Beendi-
gung Kuchen von geröstetem Weizen und
Honig und anderes Backwerk ausgeteilt wur-
den, Eustath. Ilom. p. 1843, 25. Müller, Or-
chom. S. 181, 2. In diesem uralten Kultus
waren die Chariten ohne Zweifel Naturgott-
heiten, Gottheiten der Fruchtbarkeit, Spende-
rinnen der erfreulichen Gaben der Natur; und
auch die andern Gottheiten , die häufig mit
ihnen vereint sind, mögen ursprünglich zum
Teil wegen ihrer Naturbezüge mit ihnen in
Verbindung getreten sein; erst allmählich ist
wohl die Vorstellung, welche wir bei Pin-
dar finden, die herrschende geworden, ohne
dafs man jedoch die alte Naturbeziehung ganz
wird vergessen haben. Auch anderwärts tritt
noch die Naturbedeutung der Chariten hervor.
In Athen verehrte man zwei Chariten , Auxo
und Hegemone, die „Förderin des Wachstums“,
und die „Führerin“ der wachsenden Pflanze
zum Licht, zu Blüte und Frucht; sie wurden
mit Helios, den athenischen Horen Thallo und
Karpo (Blüte und Frucht) und der Taugöttin
Pandrosos angerufen, Paus. 9, 35, 1, nach
Pollux 8, 106 im Eid der Epheben, Stob.
Senn. 41 n. 141; vgl. Hygin f. 183. Am Ein-
gang zur Akropolis stand die angeblich von
Sokrates gearbeitete Gruppe der Chariten, und
an dieser Stelle hatten die Athener einen Ge-
heimkult , Paus. 1 , 22 , 8. 9,35,1. Schol.
Aristoph. Nub. 773. JJiog. Laert. 2, 19. Plin.
36, 32. In Aristoph. Thesm. 300 werden sie
in Verbindung mit agrarischen Gottheiten an-
gerufen. An den Eleusinien erhielten sie mit
Hermes ein Opfer, Mommsen, Heortol. S. 257.
In betreff der Bildwerke siehe unten. Auch
die Spartaner hatten nur zwei Chariten,
Kleta und Phaenna (Schall und Schimmer),
Namen, die, obgleich vom Naturleben ausge-
hend, doch mehr als die attischen Chariten
in das Menschenleben hineinspielen; Lakedai-
mon hatte ihnen am Flufs Tiasa einen Tem-
pel gegründet und die Namen gegeben, Paus.
3, 18, 4. 6. 7. 9, 35, 1. Ein Tempel der Cha-
riten und Dioskuren zu Sparta, Paus. 3, 14, 6.
In Paros hatte Minos den Chariten geopfert.
Während des Opfers erhielt er die Nachricht
von dem Tode seines Sohnes Androgeos (s. d.) ;
da warf er den Kranz vom Haupte und liefs
die Flöte schweigen. Deshalb wurde bis in
späte Zeiten dort den Chariten ohne Kränze
und Flöten geopfert, Apollod. 3, 15, 7. Auch zu
Thasos, einer Pflanzstadt von Paros, war Cha-
ritenkult, s. Michaelis, Denlcm. u. Forsch. 1865,
4 ff. t. 217. Alter Dienst der Chariten in Ky-
zikos, Welcher, Anh. zu Sclnvenclcs Andeutun-
gen S. 289. In Elis hatten die Chariten ein
Heiligtum , und daneben standen Bilder des
Helios und der Selene, Paus. 6, 24, 5. Sie
wurden im Frühling von den eleischen Frauen
mit Dionysos angerufen, Flut. Quaest. Gr. 36.
In Olympia gehörten die Chariten mit Diony-
sos vereint zu dem dortigen Zwölfgöttersystem,
Schol. Find. Ol. 5, 5 (10); vgl. Paus. 5, 14, 8.
Peter sen, das Zwölfgöttersystem d. Gr. Ham-
burg 1853. S. 19. Zu Ilermione Tempel der
Chariten neben einem Tempel des Helios, Paus.
io
20
30
40
50
60
879 Chariten (Kultus)
2, 34, 10. Als Göttinnen der Geselligkeit hat-
ten sie ihre Tempel häufig auf Märkten, Mül-
ler, Orcliom. S. 182. Dorier 1. S. 353 Anm. 3.
— - Die Chariten wurden gedacht als blühende
Jungfrauen in mädchenhafter Unbefangenheit
von schlanker Gestalt und freundlicher Ge-
sichtsbildung , in älterer Zeit von der Kunst
bekleidet dargestellt, später nackt, gewöhnlich
die drei zusammen in der bekannten engver-
schlungenen Gruppe, Daus. 9, 35, 2. Zenob. l
1, 36. Senec.de benef. 1, 3. Weiteres s. unten.
Über den Streit der Chariten mit Aphro-
dite um die Schönheit auf der Hochzeit des
Peleus, vgl. Sostratos b. Eustath. Dom. p. 1665,
58). Ihre Attribute waren Rosen , Myrten,
Würfel (Paus. 6, 24, 5), musikalische In-
strumente, Apfel und Salhenfläschchen , auch
Ähren und Mohnbüschel, je nachdem sie ent-
weder als Umgebung der Aphrodite oder des
Apollon und der Musen oder des Dionysos 2
und der Fruchtgöttinnen gedacht wurden. —
Vergl. im allgemeinen Manso , Versuch über
einige Gegenstände aus der Mythol. d. Gr. u.
liöm. S. 425 — 462. Müller, Orchomenos S. 177
— 183. Osann, Ausg. d. Cornutus p. 270 ff.
Urlichs, Reisen u. Forsch, in Griechenl. S. 180.
Schoemann de Oceanidum et Ner. catalogis p. 16
= Opusc. Ac. 2 p. 161. Welcher, Anhang zu
Schwenclcs Et.-myth. Andeut. S. 288 ff. Griech.
Götterl. 1. S. 371. 373. 696. Gädechens, Dali, s
A. Encycl. Sekt. 1, 88, 423 ff. Preller, Griech.
Mythol. 1. S. 394 ff. Gerhard, Gr. Mythol. 1.
§ 563 f. E. Braun, Gr. Götterl. § 375 fl'. En-
gel, Kypros 2. S. 415. Jacobi, mythol. Wör-
terbuch. F. D. Krause, Musen etc. 187 1 . [Stoll.]
Die Chariten in der Kunst.
Der Dreiverein der Chariten ward schon
früh dargestellt ; eine selbständige Gruppe der-
art war, wie es scheint, die des Bupalos, die 4
zur Zeit des Pausanias oder seiner Quelle im
einstigen Palaste des Attalos zu Pergamon
bewahrt wurde (Paus. 9, 35, 6), ferner die des
Endoios vor dem Poliastempel in Erythrai,
Paus. 7, 5, 9; die ayocl jicetce im Pro-
naos des Heraion bei Ärgos, Paus. 2, 17, 3;
die von Bathykles gefertigten und selbst ge-
weihten, Paus. 3, 18, 9; endlich die vergol-
deten £oara in ihrem eignen Csgöv zu Elis,
Paus. 6, 24, 5. — In enger Verbindung mit £
höheren Gottheiten und ihnen untergeordnet
fanden sie sich vor allem in Delos , nämlich
auf der Hand des Kultbildes des Apollon von
Tektaios und Angelion (Paus. 9, 35, 3; Flut,
de nms. 14); ferner in Smyrna vusq t.cöv ayal-
gccxwv der Nemesis von der Hand des Bupa-
los, Paus. 9, 35, 6; noch mehr untergeordnet,
als Stützen des Thrones, den Bathykles dem
Amykläischen Apoll machte, Paus. 3, 18, 10,
den Horen entsprechend (vgl. Dymn. liom. in e
Ap. P. 16)v Die grofsen Götterbilder des
5. Jahrh. folgten hierin der alten Tradition.
Polyklets Hera hatte auf ihrem Stephanos die
Chariten und Horen, Paus. 2, 17, 4, und Phei-
dias bildete als Krönung des Zeusthrones hier
drei Chariten, dort drei Horen, Paus. 5, 11, 7.
Wie die Bilder aussahen, wissen wir ungefähr,
nämlich nicht anders als andere archaische weib-
Chariten (in d. Kunst) 880
liehe Gestalten. In langer, zierlicher Ge-
wandung standen sie wohl steif nebeneinander ;
jedenfalls darf mannoch nicht an eine eigentliche
verbundene Gruppe denken; die des Delischen
Apollon hielten alle drei verschiedene Attribute,
die eine die Leier, die andere Flöten, die dritte
die Syrinx am Munde (vgl. die Kalliope der
sog. Fran^oisvase) ; die Bilder zu Elis hielten
Rose, Astragal und Myrtenzweig; sie fafsten
sich also noch nicht bei den Händen. Ein ar-
chaisches Relief von Thasos, dem Apollon, den
Nymphen und Chariten geweiht (Arch. Ztg.
1867. Tf. 217. S. 4ff. ; 0. Rayet, mon. de l'art.
ant.), stellt die letzteren ebenfalls noch ein-
zeln neben, resp. hinter einander gereiht dar;
auch ist kein Versuch gemacht, sie von den
Nymphen zu unterscheiden, die Attribute sind
allgemeiner Art und beiden gemeinsam (Tänie,
Blume, Frucht).
Chariten, Belief von Thasos (s. oh. S. 880 Z. 11).
In Athen jedoch begegnen wir nun einem
wohl in der 1. Hälfte des 5. Jahrh. ausgebilde-
ten Typus für den Dreiverein der Chariten, der,
ohne zu äufseren Attributen zu greifen, das We-
sen sowohl wie die Vereinigung derselben durch
Handlung zum Ausdruck bringt, indem er sie,
sich bei den Händen fassend, in feierlichem
Tanzschritte bewegen läfst; die Richtung ist
dabei immer nach links. Das älteste Beispiel
ist gegenwärtig ein echt archaisches Relief-
fragment aus dem Peiraeus (Mitt. d. I. 3, 189),
jetzt in Berlin; noch fallen lange Locken den
reichbekleideten Göttinnen auf die Schultern
und hohe Diademe zieren sie. In archaistischer
Nachahmung sehen wir denselben Typus auf
dem bekannten Borghesischen Zwölfgötteraltar
(auf der Seite des Zeus und der Hera, D. a.
K. 1 , 43). — Es folgt darauf eine Serie von
Reliefs , die dem Übergangsstile angehören,
nicht mehr archaisch , doch noch etwas ge-
bundenen und strengen Stiles sind; die langen
Locken und Diademe haben einer weniger
feierlichen, mädchenhafteren Haartracht Platz
gemacht; auch das Gewand ist einfacher; doch
die Motive sind in allem Wesentlichen die-
selben geblieben; leicht schreiten sie nach
IS
is;
iiä
U
ia
M
1 £
»i
las
eins
(in
rar
sen.
in
len
M
sie:
MB
Heil
K:r
Der«
is
ilti
fh
Ar
*);
tfi.
Hand
Sil
Öl
•Eri
881
Chariten (in d. Knnst)
links, sich die Hände gebend; die vorderste
und die letzte fassen mit der einen, leeren
Hand* das Gewand. Fünf genau übereinstim-
mende Exemplare dieses Relieftypus sind er-
halten: zwei in Rom ( Arch . Ztg. 1869, 55.
1870, 83) und drei in Athen {Mitt. d. Inst. 3,
181), wovon 2 auf der Akropolis selbst, 1 am
südlichen Abhang derselben gefunden wurden.
Die auf der Burg gefundenen waren gewils
Chariten (in d. Kunst) 882
genossen zu haben ( Anthol . Pal. 6, 342; vgl.
Jahn, Europa S. 37); ein solches mit der In-
schrift tcms Xuqlgiv Asovnog ist in jedenfalls
sehr interpolierter Abbildung aus Boissards
Schriften bekannt ( Montfauc . 1, 109 = Clarac
632E, 1427 B, C. I. Gr. 5971); anderein Athen
{Mitt. d. I. 195). Nicht selten sind sie in der
Weise mit der ihr im Kulte sehr nahe stehen-
den Artemis-Hekate verbunden {Mitt. d. I. 3,
Yotivgaben an die dort am Eingänge verehr- io 193). — Auch die um den Altar des Apollon
ten Chariten. Eben hier-
bei den Propyläen befand
sich aber nach der Tradi-
tion das die Chariten dar-
stellende Relief des So-
krates ( Schol . Aristojdi. nub.
773. Plin. 36, 32. Paus. 1,
22, 8. 9, 35, 3. 7). Da auch
der Stil der erhaltenen Re-
liefs zu dem jugendlichen
Sokrates sehr wohl pafste,
so ist die Vermutung, dafs
das Werk desselben eben
eins jener Reliefs , oder
ein verlorenes gleichartiges
war, nicht ganz abzuwei-
sen. Derselbe Typus ward
in Athen indes auch für
den Charitenkultus in der
Unterstadt gebraucht, wo
sie mit dem Demos zusam-
men verehrt wurden; ein
kleines Relief und ein
Piombo sind Zeugnis da-
von {Mitt. d. Inst. 3, 192).
Derselbe kehrt ferner wie-
der auf athenischen Tetra-
drachmen und Drachmen
als Beizeichen (schlechte
Abbildung bei Beule, Monn.
d'Ath. p. 297, wonach Ar-
chäolog. Zeitung 1869, 22,
4); die von mir untersuchten 9 Berliner
Originale zeigen deutlich die langbekleide-
ten , nach links schreitenden , sich an der
Hand fassenden Gestalten; doch hält die vor-
derste Charis in der Rechten jeweils einen
runden, für einen Apfel etwas grofsen Gegen-
stand. Der auf diesen Münzen mehrfach er-
tanzenden Mädchen auf archaischen Reliefs
mögen Chariten sein {Stephani, ausruhender
Heroldes 250).
Häufig wurde späterhin, besond. im 4. Jahrli.
unser Charitentypus, dessen wesentlicher Grnnd-
zug das nach links Schreiten dreier sich die
Hände gebender Gestalten ist, für die Darstel-
scheinende Beamtenname Sokrates wird viel- 50 lung der ihnen von Anfang an so nahe ste-
leicht die Deutung des Beizeichens enthalten :
wie z. B. ein Beamter Namens Themistokles
in Erinnerung an den grofsen Ahnen eine Prora
mit Tropaion auf das Tetradrachmon setzen
läfst, so mochten die Chariten durch jenen
Sokrates veranlafst worden sein, der damit an
den grofsen Sokrates erinnern wollte. (Vergl.
auch ein Relief in Athen, wo nach Bull. 1876,
109 der Kopf des Sokrates mit einer Inschrift
henden Nymphen verwendet, die zumeist mit
Hermes und Pan zusammen dargestellt wur-
den (s. Ann. 1863, 31 2 ff.; Mitt. d. I. 3, 199 ff.
5, 214, wo mit Recht statt der von mir auch
hier früher vermuteten Chariten die Nymphen
wieder eingesetzt werden; vergl. auch Furt-
wängler, S. Sabouroff, Text zu Taf. 27. 28).
Der besprochene Typus hatte ausschliefs-
lich in Denkmälern des Kultus und Weibge-
der Chariten verbunden sein soll, C, I. A. 3, oo schenken seine Geltung; anderwärts wie aut
224b c). In statuarischer Kunst besitzen wir
keine so alten Charitentypen; doch scheint
man sie zuweilen an einem Pfeiler oder einer
Schale herum tanzend gebildet zu haben, in
ähnlicher Weise wie man die drei Gestalten
der Hekate in der statuarischen Kunst an
einem Pfeiler vereinigte. In Kyzikos scheint
ein derartiges Bild der Chariten Verehrung
Vasenbildern, wo man sie beide in Gemein-
schaft mit Aphrodite nicht selten vermuten
möchte (vergl. das Bild des Nearchus, Plin.
35, 141 Venus inter Gratias et Cttpidincs) las-
sen sie sich schwer feststellen , da sie sich
äufserlich in nichts von andern langbekleide-
ten Mädchen unterscheiden.
Bevor wir nun zu dem 2. Haupttypus, dem
883 Chariten (in d. Kunst)
nackten übergehen, der wenigstens zwei Jahr-
hunderte später als der des Sokrates geschaf-
fen wurde, müssen wir ein Übergangssta-
dium erwähnen, auf das wir freilich nur durch
litterarische Nachrichten schliefsen: Seneca de
benef. 1, 3 beschreibt die drei Chariten mani-
bus irnplexis solutaque nc perlucida veste und
in einer bekannten Ode des Horaz (1, 30)
erscheinen die Gratien solutis zonis ; noch
haben sie also Gewandung , aber der Gürtel
des langen Chiton ist gelöst, und dieser ist
aus durchsichtigem Stoffe. Die Stelle des
Seneca geht wahrscheilich auf Ghrysippos zu-
rück; also wäre im 3. Jahrh. der nackte Cha-
ritentypus wenigstens noch nicht allgemein
recipiert gewesen. Dals er aber bereits auf-
gekommen war, lehrt ein Fragment des Eupho-
rion, auf das O. J ahn [Europa 34) aufmerksam
macht ( Xccqlgiv <xcp<xQ£66Lv). Apelles malte Cha-
ris als Einzelfigur bekleidet im Odeion zu
Smyrna (Paus. 9, 35, 6); sie dürfen wir uns nach
Art jenes Übergangstypus denken. Ob auch die
bekleideten Chariten hierher gehören, die Pytha-
goras von Paros (ohne genügenden Grund mit
dem von Samos identificiert) beim Pythion zu
Pergamon malte (Paus. 9, 35, 7), ist ungewifs.
Erst die hellenistische Zeit in ihrem Stre-
ben nach sinnlichem Reiz schuf also den nack-
ten Charitentypus; doch fand derselbe sol-
chen Anklang, dafs wir in römischer Zeit
wenigstens gar keine bekleideten Chariten mehr
nachweisen können (die von Einigen auf Kaiser-
münzen von Germe erwähnten bekleideten Cha-
riten sind vielmehr drei Nymphen mit Was-
sergefäfsen). Alle die fast unzähligen Darstel-
lungen der nackten Chariten, die wir besitzen,
sind aber nur Wiederholungen eines einzigen
Typus, dessen Elemente bis ins Einzelnste so
fein abgewogen sind, dafs Änderungen ihn nur
verderben konnten. Am vollständigsten erhal-
ten finden wir ihn auf Wandbildern und ge-
schnittenen Steinen (s. von ersteren Helbig,
Campan. Wandb. n. 856 = Atlas Tf. IXa; und
856 b u. 857. Mon. d. I. 2, 46, 47; von letz-
tem hauptsächlich den Cameo in Petersburg,
abgebildet bei Köhler, Gesammelte Schrif-
ten 5, Taf. 5(i) S. 65ff. ; zahllose Gemmen
mit der Charitengruppe sind gefälscht); hier
sind die Attribute am besten erhalten, die
jede in der einen freien Hand hält; es sind
Blumen, Früchte oder Zweige, der gerade in
römischer Zeit wieder lebendigen Naturbedeu-
tung der Chariten entsprechend. Das Typische
der Stellung ist folgendes: die 3 Figuren sind
so vereinigt, dafs sie nebeneinander stehen,
doch die mittlere von hinten gesehen wird;
die beiden äufseren legen ihre inneren Arme
je auf eine Schulter der mittleren; letztere
legt den linken Arm auf die Schulter der links
stehenden; mit der Rechten hält sie ihr Attri-
but nach rechts hinaus ; ebendahin, nach rechts
ist auch ihr Kopf gewandt, der also im Pro-
fil erscheint; die andern beiden neigen die
Köpfe etwas nach aufsen; sie stehen beide je
auf dem äufseren Beine fest auf, so dafs die
entlasteten , etwas zurückgezogenen Beine in
das Innere der Gruppe fallen; die mittlere hat
immer rechtes Standbein. Indem so die streng
Charon 884
symmetrische Anordnung durch die Bewegung
der Arme und des Kopfes der mittleren rhyth-
misch gemildert wird, so entsteht, namentlich
auch durch die Abwechslung von Rück- und
Vorderansicht eine überaus reizvolle Kompo-
sition, deren Ursprung wir indes schwerlich
in der Skulptur zu suchen haben, da sie nur
für eine Ansicht berechnet ist. In hellenisti-
scher Zeit war gerade die Malerei vielfach die
tonangebende, und ein berühmtes Gemälde des
dritten Jahrh. wird wohl die Quelle des Typus
sein. — Das Vorkommen desselben in staiua-
rischen Werken römischer Zeit (unter denen
besonders die Sieneser Gruppe berühmt ist:
Clarac 633, 1427A. I). a. K. 2, 723), sowie
in römischen Reliefs, auf Gemmen, Münzen,
Lampen und Gläsern findet man bei Jahn,
Chariten (nach e. geschnitt. Stein hei Müller- Wieseler,
D. a. K. 2, 724).
Europa S. 34, Anm. 5 zusammengestellt. In-
teressant ist, dafs auch in römischer Zeit, ana-
log wie wir es oben an dem bekleideten Ty-
pus bemerkten, die Chariten zuweilen den
Typus für Nymphendarstellungen hergeben
müssen (s. Jahn, Eur. S. 39). — Die mannig-
fachen Verwendungen der Charitengruppe in
römischer Zeit auch in rein allegorischer Weise
können hier nicht besprochen werden. — Nichts
Beachtenswertes über Chariten enthält die
Schrift F. H. Krause, Musen, Gratien, Horen
tt. Nymphen. Halle 1871. [Furtwänglen]
Charisios (Xccgitnog), Sohn des Lykaon, der
die nach ihm benannte Stadt Charisiai in Ar-
kadien gründete , Paus. 8 , 3 , 1 . Steph. Byz.
s. v. XccQioiai. [Stoll.]
Charmas (Xagyag), Vater des Evander (s. d.)
aus Arkadien, Schol. zu Dion. Perieg. 348.
[Bteuding.]
Charmopliron (XagiUHpQwv o Egayg Ile-
sycli) ; vgl. Hom. hymn. in Merc. 127, wo dies
H. Stephanus vermutet. Der Name „der Herz-
erfreuende“ pafst aber sehr wohl für Hermes
als Gott des Glücks. [Steuding.]
Charmos (Xägyog), ein Sohn des Aristaios,
den dieser auf der von ihm cultivierten Insel
Sardinien zeugte. Ein Bruder von ihm, eben-
da gezeugt, war Kallikarpos, Diod. 4, 82. Prel-
ler, Griech. Myth. 2, 374, 4. [Stoll.] ,
Charon, Xugcov , covog m. (über yagmv st.
yccgonog von Löwen u. a. vergl. G. Curtius,
io
20
30
40
50
60
885
Charon
886
Charops
Grundzüge 6 198; auch xcti’ aviicpgaaiv von %al
qhv abgeleitet, Serv. Aen. 6, 299. Eust. 16, 34;
! von einem ägyptischen Worte %oiq<j>v abgelei-
tet mit der ganzen Figur bei Biod. 1, 92. 96,
vergl. E. Gurtius, Ionier 19. 50 und Krüger,
Arch.Ztg. 1867, 104). 1) Der greise Fährmann
der Toten , vehvcov noQ'd’ysvg , ovnl ncoitj], zpv-
%onoyn6g ( Eur .). Nachhomerisch, Eust. 1666,
36; zuerst in der Minyas, sodann gemalt von
[ Polygnotos in der Lesche zu Delphi, beides
bei Fans. 10, 28, 2. Ygl. Eur. H. F. 432;
Alk. 255. 361. Aristoph. llan. 182; Lys. 606;
Fl. 278. Antiphanes b. Stob. flor. 121,4. Her-
mesianax b. Atli. 13, 597. Iuv. 3, 266. Verg.
Aen. 6, 299. Seneca II. F. 764 ff. Lucian oft,
s. die Register. Kaibel, Epigr. n. 302. 647.
566. [Vgl. G. I. Gr. add. 2239 c. 6203. 6239,
wo er vrjlsd&vgo g heifst, 6298. R.] C. I. L.
8,1, 8992. Obolus oder Dareike als Fähr-
geld dem Toten in den Mund gelegt, C. Fr.
Hermann, Privataltert. §. 39, 20. Bestraft,
weil er den lebend in den Hades eingedrun-
genen Herakles übergesetzt hatte, Serv. Aen.
6, 392. Später der Tod überhaupt, Apul. M.
6, 19. Neugriechisch Charontas oder Cha-
ros, als schwarzer Vogel auf sein Opfer her-
abschiefsend oder als Reiter die Scharen der
Verstorbenen durch die Lüfte wegführend,
s. B. Schmidt, Volksleben der Neugriechen 1,
122 ff. — Dar gestellt bärtig, auch häfslich
und struppig, in Exomis und Mütze, im Kahn
mit dem Ruder, die herankommenden Ver-
storbenen aufnehmend, auch wohl den Obolus
empfangend, oder auch im Kahn beim Grab hal-
tend; oft an Sepulkralmonumenten, besonders
Lekythen und Reliefs, auch Gemmen; doch ist
noch nähere Feststellung nötig. Vgl. Müller -
Wiesel., Benkm.2,869— 871. Stackeiberg, Gräber
Tfl. 47 (= Benndorf, Vasenbild. 2, 27, 1) u. 48.
Bull. corr. hell. 1877 pl. 1. 2. Academy 6, 571.
Milchhöfer, Mitt. d. d. arch. Inst. 5, 180 f. v. Sy-
bel , Katalog p. XX unter „Schiff*1, bes. n. 487.
3328. Wieseler, Gott. Nadir. 1874, 554. Schrei-
ber, Annali 1876, 342. Vgl. G. Krüger, Charon
und Thanatos 1866. — Etruskisch Charun;
häfslich, krummnasig; auch geflügelt, auch mit
Vogelbeinen; im Chiton, mit grofsem Doppel-
hammer, auch Schlangen (s. das Bild S. 887);
kommt auch unbärtig und weiblich vor; als
Würger in der Schlacht, als Seelengeleiter,
io als Wächter an der Grabthür. Reliefs an
Sarkophagen u. Urnen, Wandgemälde in Grä-
bern, Ambroscli, de Charonte Etrusco. Ganina,
Etruria marittima 2. Tfl. 84. Arch, Ztg. 1863
Tfl. 186; 1871, 60. Tfl. 46 (vergl. aber Robert
Thanatos 44). Annali 1866 tav. W. 1879, 299
Körte. Bull, 1874, 102. 213; 1877, 101. 104.
115. Der Henker in der
Arena in Charons Maske
(„p7iemt“),cornetanisches
Grabgemälde, Keck, Mon.
11, 25. Annali 1881, 19.
Milchhöfer , Anfänge der
Kunst 255. — XagoivEiDc,
Unterweltseingänge wie
zu Tainaron , Herakleia
Pont. u. a. , XtxQCüvsiog
ffvp cc, Xccqcqv £ loi uXCfia-
nig, vtQoaconoi , s. d. Le-
xika. [v. Sybel.] — Cha-
ron, auch auf einer In-
schrift aus Taksebt, Mau-
ret. Caes. , C. I. L. 8 ,
8992 : Beo Cliaroni Julius
Anabus votum solvit. [ßteu-
ding.] — 2) Name eines
Teilnehmers an einer
Eberjagd auf einer alten
Vase im Vatikan : C. I.
Gr. 7374. [Roscher.]
Charopos ( Xdgonog ) ,
1) Vater des Nireus, der
von der Insel Syme eine
kleine Schar nach Ilion
führte. Die Mutter des Nireus war die Nymphe
Aglaia, II. 2, 671. Hygin. f. 97. Tzetz. Lyk.
1011. Aristot. Fepl, 17. Bergk. Biod. 5, 53.
Bei Hygin. f. 270 heifst er Charops. — 2)
s. Charops N. 4. [Stoll.]
Charops (Xcigoili), 1) ein Thraker, Vater des
50 Oiagros, Grofsvater des Orpheus. Da er dem
Dionysos die feindliche Absicht des Lykurgos
mitgeteilt, setzte ihn der Gott nach dem Tode
des Lykurgos als König von Thrakien ein und
machte ihn mit den bakchischen Weihen be-
kannt, deren Kenntnis dann auf Oiagros und
Orpheus forterbte, Biod. 3, 65. — 2) Ein Troer,
Sohn des Ilippasos , Bruder des Sokos , mit
diesem vor Troja von Odysseus getötet, llom,
II, 11, 426ff. — 3) Beiname des Herakles, der
60 unter diesem Beinamen in Boiotien am Berge
Laphystion eine Statue hatte, an der Stelle,
wo er den Kerberos aus der Unterwelt her-
aufgeführt haben sollte, Paus. 9, 34, 4. — 4)
Gemahl der Oie, nach welcher der attische
Demos Oie genannt sein soll , einer Tochter
des Kephalos , Philochoros b. Harpokr. s. v.
OBj&s v. Bei Suid. s. v. Olrfiev heifst er Char-
ippos oder Charopos, bei Photios Lex. p. 232
Charon u. Hermes (nach Benndorf, Griechische Vasenbilder Taf. 27).
887
Charybdis
Cheiron
Charopos. — 5) Ein Hund des Aktaion, Hy-
gin. f. 181, vgl. xciqotioI v.vviq, Hom. 11. in
Merc. 194. — 6) s. Charopos Nr. 1. [Stoll.'J
Charybdis (Xagvßd'ig). Homer erzählt von
zwei Felsen in dem fernen westlichen
Meere, welche in Bogenschufsweite einander
gegenüberstehen. Der eine, ringsum glatt und
mit seinem Gipfel in Himmel und Wolken
ragend, hat in der Mitte eine tiefe Höhle, in
wieder auf die Balken und rettete sich, Ocl.
12, 430 ff. Die Argo wurde glücklich durch
Thetis an der Charybdis vorbeigeführt, Ap.
Bh. 4,789.825.923. Orpli. Arg. 1252 ff. Apol-
lod. 1, 9, 25: vgl. Ovid. Met. 7, 63. Aineias
vermied die Fahrt durch die Enge und fuhr
um Sicilicn herum, Verg. Aen. 3, 41 8 ff. 428.
555 ff. — Die Alten verlegten später Skylla
und Charybdis in die sicilische Meerenge, ob-
welcher das Ungeheuer Skylla (s. d.) haust; io gleich die Gefahren der dortigen Durchfahrt
der Beschreibung der alten Dichter nur
Der etruskische Charun (nach Annali dell’ Inst. 51, T. 5).
der andre ist niedriger und trägt einen grofsen
wenig entsprechen, und zwar die Cha-
rybdis auf die sicilische Seite unter das
Vorgebirg Peloron bei Messene, Schol.
Ap. Bh. 4 , 825. Thuk. 4, 24. Strab. 6
p. 268. Tzetz. Lyk. 47. Vergl. Iustin.
4,1. Der Name Charybdis (verwandt mit
XctQÜÖQcc) bedeutet „den wirbelnden Schlund
und Abgrund“, Pott, Zeitschr. f. vgl. Spr.
5, 244. „Der wilde Feigenbaum, sQtvsög,
erinnert an ’Eoivvg und wird deshalb
wiederholt in Verbindung mit den Mäch-
ten des Todes gesetzt“, Preller, Griech.
Mythol. 1, 507, 1. Eine späte Sage macht
Charybdis zu einer Tochter des Poseidon
und der Ge, zu einem Weibe von gro-
fser Gefräfsigkeit, das dem Herakles Rin-
der raubte und deshalb vom Blitzstrahl
des Zeus ins Meer geschleudert ward, wo
sie ihre gefräfsige Natur behielt, Sen.
Verg. Aen. 3, 420. Ähnliches erzählt von
Skylla Tzetz. Lyk. 47. — Auch ein Schlund
bei Antiochia in Syrien, in den der Oron-
tes stürzt, hiefs Charybdis, Strab. 6 p. 275.
[Stoll.]
Cheirimaclios (fXsiQiya.%og) , Sohn des
Elektryon und der Änaxo , Bruder der
Alkmene, Apollod. 2, 4, 5. [Stoll.]
Cheirogastores (XstQoytxGzoQsg) , ein
Name der Kyklopen (s. d.) nach Hekat. bei
Pollux 1, 5, 60 in Müller, fr. h. gr. 1, 59,
359. Proitos baute mit Hilfe der sieben
aus Lykien herbeigerufenen Kyklopen, die
den gleichbedeutenden Namen yaazsQo-
y/tQfg führten, die Mauern von Tirynth
(Strabo 8, 6, 11 p. 372; Schol. z. Aristid.
2, 52, 10). Das Wort will offenbar (trotz
Strabo , der yaGzsgoxsiQ unserem „aus der
Hand in den Mund leben“ entsprechend er-
wilden Feigenbaum, unter dem sich die Cha- 50 klärt) sagen, dafs sie auch am Bauche Hände
rybdis befindet, ein furchtbarer Schlund, der
dreimal täglich mit schrecklichem Getöse die
Meeresflut einschlürft und wieder ausspeit, so
dafs dem vorüberfahrenden Schiffer selbst die
Hilfe Poseidons wenig nützt. Als Odysseus
durch die Enge zwischen den beiden Felsen
hindurchfuhr, mied er glücklich die Charybdis,
nahte aber zu sehr der Skylla, die ihm 6 Ge-
fährten aus dem Schiffe entraffte, Od. 12, 73 ff.
hatten (vgl. Hekatoncheiren); auch eine Komö-
die dieses Namens wird mehrfach erwähnt.
[Steuding.]
Cheirogonia, XstQoyovlcc g nsQGscpovg, He-
sych. [Steuding.]
Cheiron, Xsiqcov, covog mascul. (wird von
%£lq abgeleitet) , XeiQcovsg , Titel einer Komö-
die des Kratinos. — Cheiron ist einer der
Kentauren (s. d.) , der Gerechte genannt,
234 ff. Nachdem bald darauf seine Genossen t>o drucaözazog Kivzccvqwv Ilias 11, 832. Xen.
wegen ihres Frevels an den Rindern des He-
lios mit dem Schiffe zu Grunde gegangen
waren, trieb er auf dem Kiel des zertrümmer-
ten Schiffes zurück zur Charybdis, welche eben
die Flut in sich einschlang; in der Angst er-
griff er den Feigenbaum, der über dem Schlunde
stand, und hing daran, bis der Kiel wieder
ausgestofsen wurde. Da schwang er sich
Cyn. 1, 1. Ov. fast. 5, 384. 413; 6 Ksvzccv-
Qog Kotz ’ t^oyjiV Pmd. Pyth. 9, 64. Hör.
Epod. 13, 11; Führer der Kentauren, Hom.
nd/uvog 17. In älteren Kunstwerken mit
menschlichen Vorderbeinen, amKypseloskasten,
Paus. 5, 19, 7. Overbeck, Gail. Taf. 7, 5. 8, 6
u. a. ; vgl. Klügmann, Bull. 1876, 140, anders
Puchstein, Arch. Ztg. 39, 243. — Philyride,
■
889
Cheiron
Cheiron
890
Hes. Th. 1002. Find. Pyth. 3, 1. 6, 22. 9, 30.
Ap. Rhod. 1, 554. Verg. Georg. 3, 560. Nonn.
Dion. 48,40. Philyreius heros, Ov met. 2, 676.
fast. 5, 383. 391; Kronide (und älter als Zeus),
Rind. Nein. 3, 47. Pyth. 3, 4. 4, 115. — Sohn
des Kronos und der Philyra, Apollod. 1,
2, 4. Plin. 7, 196, einer Najade, Xen. Cyn.
1, 4; in Rofsgestalt wohnte Kronos der Okea-
nide Philyra bei, daher die Zwittergestalt
Cheirons, Gigantomachia bei Schol. Ap. Rhod. i
1, 554. PhereJc. b. Schol. Ap. Rh. 2, 1231. Ov.
met. 6, 126; oder Kronos, im Beilager gestört,
verwandelt sich in das Rol’s, Philyra flieht auf
den Pelion und gebiert Cheiron, halb Rofs,
halb Mann, Ap. Rhod. 2, 1231. Cheiron Po-
seidons Sohn, Schol. II. 4,219; Ixions Sohn
und Bruder des Peirithoos, Said. Thessal. bei
Schol. Ap. Rh. 1, 554. 2, 1231. Vermählt mit
einer Najade {Hesiod), mit Chariklo ( Find .
Pytli. 4, 103. Schol. Ap. Rh. 1, 554. Ov. met. 2
2, 636, Fram^oisvase, Overb. Gail. Taf. 9, 1),
Tochter des Apollon oder des Perses oder des
Okeanos, Schol. Pind. Pyth. 4, 181. Vater
des Karystos, Schol. Find. Pyth. 4, 181;
eines Aristaios, Schol. Ap. Rhod. 2, 498; der
Ende is, Gemahlin des Aiakos , Mutter des
Telamon und Peleus, Schol. Pind. Nein. 5, 12.
Schol. II. 16. 14. Hyg. f. 14 u. a. (Skirons
Tochter ist Endei's bei Apollod. 3, 12, 6, 4.
Paus. 2, 29, 7. Flut. Thes. 10); der Thetis, 3
Schol. Ap. Rhod. 1 , 558. Dict. 1 , 14. 6,7;
der Okyrrhoe, Ov. met. 2, 636; der Mela-
nippe oder Euippe, Euripides bei Erat. cat.
18. Hyg. p. astr. 2, 18. Poll. 4, 19. — Chei-
ron ist ein Dämon des thessalischen Pelion,
Horn. lies, etc.; XsiQoovidsg darren Kalliin. hy.
Del. 104; seine Höhle ( Xsiqroviov uvzqov) am
Gipfel nach dem pagasäischen Golf hin, Di-
Skaiarch ( frg . hist. 2, 262). Bursian, Geograph.
1, 97; Pind. Pyth. 9, 30. Isthm. 7, 41. Val. 4
Fl. Arg. 1, 407. Quint. Smyrn. 4, 143 u. ö.;
ccvzox&cov iozia Hesych., auch Philyras Ge-
Imacli genannt, weil sie ihn da gebar und mit
ihm hauste, Pind. Pyth. 4, 102. Nem. 3, 43.
Kalliin. hymn. Del. 118. Nonn. Dion. 48, 40.;
sie lag über der kräuterreichen pelethronischen
Schlucht (vgl. Find. Pyth. 3, 4), Nicand. Ther.
440. 505. Schol. Nie. Ther. 438; daher Chei-
ron der Pelethronier, Hes. LMEttpöno g;
der Pelion kräuterreich, Theophr. hist. pl. 9, 5
15, 4; Dikaiarcli. Cheiron im Peloponnes bei
iMalea s. unten. Seine Menschenfreundlichkeit
J|(PmcZ. Pyth. 3, 5. Schol. Ap. Rh. 1, 554) erfuhr
•| zumeist der Heros des Pelion Peleus; diesem
gab Cheiron, da Akastos (s. d.) auf der Jagd
ihn verlassen, ein Messer, womit er die ihm
begegnenden wilden Tiere tötete, Schol. Ap. Rh.
L, 224; oder Akastos hatte das Messer in Kuh-
mist versteckt, Cheiron aber rettete ihn aus
len Händen der Kentauren (s. d.) und schaffte ihm c
las Messer wieder, Hes. Erg. 110 Götti. ; Pind.
Nem. 4, 60 u. Schol. 88. 95. Apollod. 4, 13, 3;
;r berät ihn die Thetis zu gewinnen, Apol-
lod. 3, 13, 5; ist auf Kunstdarstellungen des
Itingens von Peleus und Thetis öfter anwesend;
lie Vermählung findet in Cheirons Höhle statt;
forthin kommen die Götter und bringen Ge-
chenke, Cheiron selbst vom Berggipfel den
Eschenschaft, nyhaäce ysUgv (s. übrigens
K. Koch, Bäume Altgriechenlands 130), Ilias
16, 143. 19, 390. Kypr. frg. 2 bei Schol. II.
16, 140. Apollod. 3, 13, 5. Zu alledem siehe
Peleus. Staphylos n sqI Gsooalia g P bei Schol.
Ap. Rh. 4, 816 rationalisiert, Cheiron sei him-
melskundig gewesen, habe Peleus mit Aktors,
des Sohnes Myrmidons, Tochter Philomela
(diese als Achills Mutter auch bei Da'imachos,
Schol. Ap. Rh. 1 , 558) vermählt und hierzu
Regen und Sturmzeit abgewaitet, sodafs die
vorher von ihm ausgesprengte Rede, Peleus
werde Thetis ehelichen und die Götter kämen
dazu mit Regen und Sturm , Glauben fand.
Menschenopfer für Peleus und Cheiron zu Pella,
Clcm. Al. protr. p. 37 P. ; vergl. Preller - Pleiv
2, 397, 4. Cheiron selbst ist Jäger, typisch
mit Jagdbeute dargestellt, Overbeck, Gail. Tf.
9, 1. Arch. Ztg. 34 Tf. 17 u. a. Vorzüglich
ist er kundig der heilkräftigen Kräuter und
der Heilkunst, insbesondere Wundarzt; Ilias
4, 219. 11, 831 u. a. unten; er erfand herbariam
et medicamentariam, Plin. 7, 196. Chironica
ars Sidon. ep. 2, 12 extr. Kult des Cheiron im
thessalischen Magnesia uud Cheironiden in De-
metrias, Dilcaiarch ; Hyg. f. 274; Flut. symp.
3, 1, 3. Müll. Orch. 249. Vgl. den Kentaur
auf der Münze von Magnesia, Friedländer, Thes-
salische Kunst n. 7. Menschenopfer in Pella,
Preller- Pleiv. 2 , 397. XsiQcovig ßc'ßlog , medi-
cinisches Buch, Epigr. adesp. 579, Anth. 7,
158, 9. Xezqcoveioc fi'Qa , Theophr. hist. pl. 9,
11. Schol. Nicandr. Ther. 500. 858. Xsi geovsia,
Chironia, Chironion, wächst im Peloponnes,
Plin. 25, 66, Centaurea Verg. Georg. 4, 270,
heilkräftige Pflanzen, s. die Lexika. Cheiron
mit Asklepios und Apollon im pompejan. Wand-
gemälde Ilelbig, n. 202. Spielt die Lyra, Val.
Fl. Arg. 1 , 139 ; vgl. die magnesische Münze
Friedländer, Thessal. Kunst n. 8. Weissagt
Achills Gröfse bei Peleus’ Hochzeit, Eur. I. A.
1064. Hör. Epod. 13, 11. Er ist Lehrer vie-
ler Heroen gewesen. Von ihm hat Achill
die Heilkunst, II. 11, 831, Asklepios ib. 4,
219. Pind. Pyth. 3, 45. Nein. 3, 55. Apollod.
3, 10, 3, 7, weiterhin Iason Schol. Ap. Rhod.
1, 554. Alkon, Vita Soph. 11; vgl. Meineke,
com. gr. 2, 2, 683. Apollon, lustin. M. de
monarcli. 6. Kokytos, Ptol. Heph. 1. Die
ganze Erziehung der jungen Heroen, Unter-
richt in Heilkunst, in Jagd, Musik, Kriegs-
kunst, Gerechtigkeit wird ihm überwiesen, zu-
nächst des Achill (nachhomerisch) Aristarch.
zu II. 11, 832. Schol. Ap. Rh. 1, 558; zuerst
in den hesiod. Katalogen? Robert, Bildu. Lied
124; Scene am amykläischen Thron, Paus. 3,
18, 12. Find. Pyth. 6, 21. Nem. 3, 59. Phe-
rekydes? b. Apollod. 3, 13, 6. Eur. I. A. 209.
Xen. conv. 8, 23. Apollod. 3, 13, 6. Val. Fl.
1, 255. Luc. dial. mort. 15, 1. Philostr. her.
19. imag. 2, 2 u. a., vgl. auch die Kunstdarstel-
lungen [s. Achilleus’ Kindheit] hes. Cheirons
Unterricht im Lyraspiel und im Reiten (auf
seinem Rücken). Epische Unterweisungen an
Achill, Xsigcovog vTzoftrjncu (zuerst die Götter
und die Eltern ehren), bis auf den Grammatiker
Aristophanes für hesiodisch gehalten, Schol.
Pind. Pyth. 6, 19. Paus. 9, 31, 5 u. a. Frei-
891
Cheiron
Ckesloimos
892
ler-Plew 2, 17. 400. C. I. Gr. 7870. Cheiron
setzte Achill einen Astragal des schnellfüfsi-
gen Giganten Damysos aus Pallene ein, Ptol.
Heph. 6; Cheirons Lehrer hiefs Achilleus,
nach diesem nannte Cheiron den Peliden, ib. 6.
Ferner Zöglinge Cheirons: Medeios, lies. Th.
1001. Preller - Plew 2, 320, 2. Iason, lies.
Frg. 111. Pind. Nem. 3, 54. Pytli. 4, 102.
Sei toi. Pytli. 4, 135. Schol. Ocl. 12, 69. As-
klepios, Sohates Arg. bei Schol. Pind.
Nem. 3, 92. Apollod. 3, 10, 3, 7. Ov. met.
2, 630. Herakles, Klügmann, Archäol. Zig.
34, 199 Tat. 17. Schol. Theokr. 13, 9. Ari-
staios, Ap.Rli.V, 510. Aktaion, Apollod. 3,
4, 4 (dessen Bild in der Höhle, von Cheiron
gemacht zur Beruhigung der ihren Herrn
suchenden Hunde). Dionysos, lernt von Chei-
ron seine Feiern , Ptol. Heph. p. 25 Roulez.
Cheiron u. Achilleus, pompejan. Gemälde.
Xen. Cyn. 1 nennt als Cheirons Schüler im
Jagen (u. anderem) Kephalos, Asklepios, Me-
lanion, Nestor, Amphiaraos, Peleus, Telamon,
Meleagros, Theseus, Hippolytos, Palamedes,
Odysseus, Menestheus, Diomedes, Kastor, Poly-
deukes, Machaon, Podaleirios, Antilochos, Ai-
neias, Achilleus, Philostr. her. 9 den Asklepios,
Telamon, Peleus, Theseus. Ch. u. Argonauten
Ap. Rh. 1, 554. Orph. A. 375. Ch. in Delphi pa-
rodiert El. cer. 2, 94. Ch. langlebig, Xen. Gyn.
1. Philostr. her. 9 ; ursprünglich unsterblich (llsog
bei Aesch. Prom. 1027 u. Soph. Trach. 715. Luc.
dial. mort.2&, vgl. Lehrs , Aufsätze 2 85); durch
einen der vergifteten Pfeile des Herakles ward
er unheilbar verwundet (solche Wunde heifst
daher Xsiqcovsiov ihiog Zenob. 6, 46. Alex.
Aphr. probl. 1, 92. Ghironium vulnus, Cels.
Apul.), in das Knie, da Herakles die Kentau-
ren vom Pholoe-Gebirge bis Malea verfolgt,
wo Cheiron damals hauste, von den Lapithen
vom Pelion vertrieben; er überläfst dem Pro-
metheus seine Unsterblichkeit, Apollod. 2, 5,
4, 5. 11, 10; oder den Fufs verletzt ein sei-
ner Hand entfallender Pfeil, da Herakles ihn
besucht (vergl. Schol. Theokr. 7, 149. Phi-
lostr. her. 9) , Ov. fast. 5 , 398. Hyg. p. astr.
2, 38. Plin. 25, 66; vgl. Apollod. 2 , 5, 4, 7.
Cheiron wird als Schütz unter die Gestirne
versetzt, Erat. cat. 40. Arat. ph. 436. Ovid.
fast. 5, 414 u. a. Mosaik von Sentinum, Arch.
Ztg. 35. Taf. 3; vgl. Kentauren, [v. Sybel.]
Chelidon und Chelidonis {Xslidwv, Xehöo-
vig) , Tochter des Pandareos von Ephesos,
Schwester der Aedon, von Polytechnos, ihrem
Schwager geschändet und von Artemis in eine
Schwalbe verwandelt, Anton. Lib. 11. S. Ae-
don. [ Roscher.]
Chelone (Xehövr}, die Schildkröte). Als Zeus
zu seiner Vermählung mit Hera durch Hermes
alle Götter und Menschen und Tiere einlud,
blieb Chelone, eine Jungfrau zu Hause, ihre
Verachtung jener Vermählung ausdrückend.
Da Hermes ihre Abwesenheit bemerkte, stieg
er noch einmal zur Erde hinab und stürzte
das Haus der Chelone, das an einem Flusse
stand, in den Flufs; die Jungfrau verwandelte
er in das Tier gleichen Namens und liefs dies
hinfort sein Haus auf dem Rücken tragen,
Serv. Verg. Acn. 1, 505. [Stoll.]
Clielpliun {Kulncovl), Satyrname auf einem
etruskischen Spiegel b. Gerhard, Etrusk. Spie-
gel Taf. 314. Vergl. Corssen, Spr. d. Etr. 1,
244 u. 338. Heydemann , Satyr- u. Bakchenn.
S. 33. [Roscher.]
Cherias (Xsqlu g), s. Eunomos.
Chersibios (Xegaißiog) , Sohn des Herakles
und der Megara, Bruder des Polydoros, Ani-
ketos , Mekistophonos , Patrokles , Toxoklei-
tos, Menebrontes, Baton b. Schol. Pind. Istlrn.
3(4), 104. [Stoll.]
Chevsidamas (XegaiSd gag), 1) Sohn des Pria-
mos, von Odysseus erlegt, Rom. II. 11, 423.
Apollod. 3, 12, 5. Bei Hygin f. 90 heifst er
Chirodamas. — 2) Ein Sohn des Pterelaos,
Apollod. 2, 4, 5. [Stoll.]
Chersis (Xtgaig), Tochter des Pliorkys und
der Keto , eine der Graien oder Phorkides.
Graien werden entweder zwei genannt, Pe-
phredo und Enyo {Hes. Theog. 270), oder es
wird noch eine dritte, Deino , zugefügt, die
auch XtQGig oder IIiqg cö heifst, Hygin praef.
p. 29 Bunte. Vgl. Apollod. 2, 4, 2. Tzetz. Lylc.
838 Schol. Aeschyl. Prometh. 793. Schol. Ap.
Rhod. 4, 1515. Heraclid. de incred. c. 13. p. 73
Gal. Schömann, Opusc. Ac. 2 p. 212. [Stoll.]
Chesias (Xycuxg), 1) Beiname der Artemis,
von dem Vorgebirge Chesion der Insel Samos,
wo sie einen Tempel hatte, Kallim. h. Dian-
228 Schol. — 2) Eine samische Nymphe, mit
welcher der Flufsgott Imbrasos die Nymphe
Okyroe zeugte. Apollon liebte die schöne
Okyroe und wollte sie entführen. Als sie nach
Milet zu einem Feste der Artemis gefahren
war, bat sie, um den Nachstellungen des Apol-
lon zu entgehen, einen Schiffer Pompilos, einen
Freund ihres Vaters, sie in ihr Vaterland zu
bringen. Als Pompilos sie ans Ufer gebracht,
um sie fortzuführen, erschien Apollon, raubte
die Jungfrau, verwandelte das Schiff in einen
Felsen und den Pompilos in den Fisch glei-
chen Namens, Athen. 7 p. 283 e. [Stoll.]
Chesloimos (Xicloiyog) , Sohn des Me-
stra.imos (= Aigyptos), Joseph. 1, 6, 2.
[Steuding.]
;
r
!
P
1
■
I
893 Chethimos
Ciietllimos (XHhyog), Heros eponymos des
Stammes der der Bewohner der Insel
Xe&ifid = Kvngog, Sohn des Iavan, Enkel des
Iapheth, Joseph. 1, 6, 1. [Steuding.]
Chettaios (Xsrx aiog), ein Sohn des Chanaan,
nach welchem die Bewohner des Landes Cha-
naan auch Xszzcuoi genannt wurden, Joseph.
1 , 0 , 2. [Steuding.]
Chias (Xuxg), eine der sieben Töchter der
Niobe und des Amphion , nach welchen die
7 Thore von Theben benannt sein sollen, Hy-
gin f. 09 (vergl. f. 11, wo sie Chiade heilst);
doch stimmen diese Namen fast durchgängig
nicht mit denen der Thore, Stark , Niobe
S. 381. Nach Pherelajdes bei Schot. Eurip.
Phoen. 159 heilst eine der Niobetöchter Chione.
Die verschiedenen Namen der Niobetöchter
sind zusammengestellt von Stark, Niobe S. 96.
[Stoll.]
Chimaira. 1) Ein fabelhaftes Wesen, vorn
Löwe, hinten Schlange, in der Mitte Ziege,
Feuer speiend ( Hom . Z 180); gewöhnlich wird
es nach Lykien, nach dem gleichnamigen Berg
versetzt ( Strabo 14, 665 D. Nat. Com. 9, 4,
nach Eustatli. Nom. Z S. 634, 60) ; nach Hom.
II 328 ist es von Amisodaros, König von Karien,
aufgezogen worden; nach lies. Theog. 319 ist
die Chimaira die Tochter des Typhaon und
der Echidna. Über ihre Bildung wird Ver-
schiedenes erzählt; sie ist entweder eine Ziege,
der ein Löwenkopf und als Schwanz eine
Schlange gegeben ist (Schot. Hom. Z 181), oder
sie ist aus mehreren Köpfen, mit dem Ziegen-
kopf in der Mitte emporragend gebildet, Hes.
Theog. 321. Apottod. 2,3,1; vgl. 1,9, 3. Dann
ist der Ziegenkopf regelmäfsig derjenige, wel-
cher das Feuer ausspeit, vgl. noch Ovid. Met.
9 , 647. Über andere Bildungen s. Annal. d.
Inst. 1874 S. 7. Sie wird von Bellerophontes
(s.d.) im Auftrag des Königs von Lykien getötet,
Hom. Z 185, s. Iobates, Amphianax, nach Hes.
Theog. 323 besonders durch die Hilfe des Pe-
gasos, während Homer den Bellerophontes nur
&säv r squsggi. TU&iqGug den Kampf aufnehmen
läfst. Nach Lysias (Tzetz. ad Lykophr. 17,
vgl. Myth. gr. S. 388 n. 82) befestigt Belle-
rophontes Blei an seinem Speer und wirft die-
sen in den feuerspeienden Rachen; durch die
| Flammen schmilzt das Blei und tötet das Tier.
; Später wird die Xiycugu allgemein als Fabel-
I wesen neben den andern Schreckbildern an-
I geführt und mit ihnen zusammen in die Unter-
welt versetzt, Luc. diat. mort. 30, 1. Nec. 14.
Hermot. 72. Verg. Aen. 6, 288. Vergl. noch
Find. Ot. 13, 128. Athen. 11, 497b. Luc. cal.
\ non. er. 26. Schot. Arist. Pax 141. Quint.
j Smyrn. Posthorn. 8, 107. Nicot. Dam. ( Mütter ,
I fragm. hist. gr. 3 S. 367, 16), Hyg. f. 57. Prag-
I matisch wird der Mythus gedeutet bei Schot.
Hom. Z 181. Mytli. gr. S. 290. 316, n. 15;
! auf den Berg wird er bezogen bei Plut. de
j virt. mut. 9 (Myth. gr. S. 322, 8); den feuer-
speienden Berg sehen in ihr Pomp. Meta 1,
15. Plin. hist. n. 2, 236. 5, 100. Serv. Verg.
I Aen. 2, 288.
Der Kampf des Bellerophontes mit der
Chimaira war im Altertum vielfach dargestellt,
| vergl. Euripid. Et. 474 (nvgnvoog lituvcc als
Chimaira 894
Schildzeichen des Achilleus). Eurip. Ion 201
(nvgnvsovGcc xgiGcö/iaxog alxd in den Metopen
des delphischen Tempels?). Paus. 3, 18, 13
(am Thron des Amykläischen Apollo) 2, 27, 2
(am Thron des Asklepios in Epidauros), s. u.
Bellerophontes. Auch Einzeldarstellungen der
Chimaira sind nicht selten, namentlich findet
sie sich an Stelle der Gorgonenmaske zur Ab-
wendung von Unheil öfter angebracht, vergl.
Verg. Aen. 7, 785. 5, 118. Am bekanntesten
ist die grofse bronzene Chimaira des Floren-
tiner Museum, vgl. Müller -W ieseter , a. D. 1,
287. Ami. d. Inst. 1874 S. 7. Auf den Mün-
zen von Korinth und Sikyon wird sie als
Münzbild verwendet; vgl. beistehende Abbil-
dung, eine Münze von Sikyon darstellend. Vgl.
noch Longperier Musee Napol. 3 T. 53, Vasen-
bild aus Kameiros im Louvre.
Über die verschiedenen Erklärungen des
Mythos s. Fischer, B etter ophon , eine mytholo-
gische Abhandlung, Leipzig 1851, S. 90 und
oben unter Bellerophontes. Dafs vulkanische
Vorgänge darin angedeutet sind, wird fast
allgemein angenommen und galt schon im
Altertum vielfach als sicher; Schwierigkeiten
macht nur der Umstand, dafs der Hauptwert
im Mythus auf die „Ziege“, Xlyougu, ge-
legt werden mufs; um dies zu beseitigen,
möchte Fischer (a. a. O. S. 92) das Wort aus
dem Lykischen oder Karischen ableiten , ein
Verfahren, was insofern etwas für sich hat,
als der Mythus anerkanntermafsen ein lokal-
lykischer ist, vgl. 0. Benndorf, vorläufiger Be-
richt über zwei österr. arcliäol. Exp. nach Klein-
asien, Wien 1883, S. 51 (Arch.-epigr. Mitt. aus
Österr. 6. Heft 2). Doch verschwindet das
Fremdartige, was für Nordländer darin liegt,
dafs die Gestalt einer Ziege verwandt wird,
um das Schrecklichste auszudrücken , wenn
man bedenkt, dafs im Süden die Ziege durch
das Benagen der Rinde weit und breit den
Baumwuchs hindert und dadurch die Verödung
der Landschaft verschuldet, vergl. V. Hehn,
Kulturpfl. 4. Aufl. S. 7. Apottod. 2, 3, 1: ncc-
x rjv %(6qav discp&ngs ueä xd. ßoGnrifuxxa elv-
yuivsxo ' f iCa ydg cpvcig xgimv Q-ggiiav ti%£ dv-
vccyiv. Dann hat man kaum nötig , an die
Bedeutung von a2|, alyCg (Sturm- und Gewit-
terwolken) zu erinnern, die für Xlyouoa noch
nicht nachgewiesen ist, während andererseits
zugegeben werden mufs , dafs Gewitterwolken
mit dem Vulkan auf das engste verknüpft sind
(vgl. Fischer, Bell. S. 95 u. ob. S. 766). Dem
Kampf des Bellerophontes gegen die Chimaira
liegt fast die gleiche Anschauung zu Grunde, wie
wenn Zeus den Typhon oder die Giganten und
Kyklopen (s. d.) niederschmettert. Neuerdings
hat A. Milchhöfer (Anfänge der Kunst in Grie-
10
20
30
40
50
60
895
Chimaireus
Chloris
896
chenland , Leipzig 1883 S. 81 ff.) versucht die
Entstehung der Mischgestalt durch Verschmel-
zung mehrerer hinter einander gedachter Tiere
zu erklären, ein Verfahren, für welches in den
Inselsteinen sich zahlreiche Analogieen finden.
Dagegen wendet sich Bofsbach, Arcliäol. Ztg.
1883, 323. Für die Bedeutung der Chimaira
vgl. auch Zeitschr. für vergl. Sprachf. 19 , 43.
Giermont- Ganneau myth. iconolog. 23 f. Vergl.
Bellerophontes. — 2) Eine Nymphe, welche der i
schöne Hirt Daphnis (s. d.) liebte, um derent-
willen er von der eifersüchtigen Nymphe Nomia
erst geblendet und dann in Stein verwandelt
wurde, Serv. Verg. Ed. 8, 68. ( Jacobi myth.
Wörterb.). [Engelmann.]
Chimaireus {Xipaigsvs) , Sohn des Prome-
theus und der Kelaino , Tochter des Atlas,
Bruder des Lykos. Beide Brüder lagen in
Troja begraben. Als nun in Lakedaimon eine
Pest wütete und das Orakel verkündete , die- 2
selbe werde aufhören, wenn ein edler Lake-
daimonier in Troja auf den Gräbern desselben
opfere, so reiste Menelaos dorthin und brachte
die Opfer dar. Bei dieser Gelegenheit ward er
Gastfreund des Paris, Tzetz. Lyk. 132. 136. 219.
Phavorin s. v. ”Azhxg. Eustatli. p. 521 , 30.
Völcker, Iapet. Geschl. S. 240. [Stoll.]
Cliione {Xiovg, r\ g f. von %u hv Schnee). 1)
Tochter des Boreas (vgl. Od. 14, 475. Xen.
Anab. 5, 5, 3. 4) und der Oreithyia, hat zu 3
Geschwistern Kleopatra, Zetes und Kalais
(s. Boreaden). Als Thrakierin wird sie im Mythus
demEumolpos zur Mutter gegeben; der Vater
ist Poseidon; um ihren Fall zu verheimlichen,
wirft sie das Kind in die See, Poseidon rettet
es, Lykurg, p. 160. Apollod. 3, 15, 2. 4. Hy-
gin f. 157. Paus. 1, 38, 2. Preller 3 2, 149.
Stephani, Boreas, Mem. acad. 16. — 2) Toch-
ter des Arkturos, von Boreas geraubt, auf
den (seitdem Koizg Bogiov genannten) Berg 4
Niphantes gebracht, gebiert den Hyrpax,
welcher Heniochos’ Nachfolger wird, Plut.
fluni. 5, 3 (XIcoqiv Iigb. , Xcaviqv Hs., Xiovgv
Stark, Niobe 361). — 3) Tochter der Kal-
lirrhoe (Okeanos’ Tochter) und des Neilos;
auf dem Lande lebend erlitt sie von einem
Landmann Unbill; auf Zeus’ Befehl hob Her-
mes sie empor in die Wolken; daher ist der
Schnee der Saat feindlich, Serv. Aen. 4, 250.
— 4) Daidalions Tochter, welcher Apol- 5
Ion und Hermes in derselben Nacht beiwoh-
nen; sie gebiert von Apollon Philammon,
von Hermes Autolykos (s. d.) ; sie beleidigt
späterhin Artemis auf der Jagd und wird
von ihr erschossen; den verzweifelnden Dai-
dalion verwandelt Apollon in den Habicht,
Hyg. f. 200. Ovid. met. 11, 266 — 345 (Daida-
lion u. Keyx, Sohn des Lucifer, zu Trachin;
Chione wegen ihrer Schönheit vielumworben,
in Einer Nacht erst von Hermes, dann von 6
Apollo besucht; nach ihrem Tod will Daidalion
sich vom Parnassos stürzen). Pherekydes 63 er-
zählt die Doppelgeburt und nennt als die Mutter
der Kinder Philonis, Deions Tochter. —
5) Mutter des Priapos , Vater ist Dionysos,
Schol. Theokr. 1, 21. — ö) Nymphe, nach wel-
cher Chios genannt sei, Steph. Byz. Xiog
{Xiovo g IIss., Xiovgg Meineke). — [7) Name
einer Crotalistria auf einer rotfigurigen Vase:
G. I. Gr. 7468; vgl. Heydemann, Satyr- und
Bakchennamen S. 29. R.] [v. Sybel.]
Chios {Xiog), 1) Sohn des Poseidon und einer
Nymphe auf Chios, nach welchem diese Insel
benannt sein soll. Er ward geboren, während
Schnee vom Himmel fiel , weshalb Poseidon
ihn Chios nannte, Paus. 7, 4, 6. — 2) Sohn
des Okeanos, von welchem die Insel Chios
den Namen hatte, Steph. Byz. s. v. Xi og, wo
statt Xiov z yg ’Slyisuvov zu schreiben zov Lix.
Er fügt hinzu : ?j onto vvgipgg zrj g Xiovo g { Xib -
vgg? Plin. N. H. 5, 38). [Stoll.]
Chitone {Xizoivy, Xizavia Epich. b. Steph.
Byz. s. v. Xizcövrj , Xizcovsa Athen. 14 , 27
p. 629 e), Beiname der Artemis (s. d.) in Be-
zug auf den iizwv , mit welchem sie darge-
stellt wurde , Steph. Byz. s. v. Eggicov (hier
absol.). ln Syrakus tanzten Mädchen in sol-
chem iizcov ihr zu Ehren einen besonderen
Tanz , der von Flötenspiel begleitet wurde
{Athen, a. a. O.). Nach Kallim. li. 1, 77 Schol.,
3, 225 (absol.) wurde sie auch zu Milet ver-
ehrt. Der Schol. zu ersterer Stelle leitet den
Namen von dem attischen Demos Xizwvy ab,
was wohl umgekehrt auf den Kult der Göttin
an diesem Orte hin weist. [Steuding.]
Chlemos {Xlipog), ein Lykier, Sohn des
Peisenor, vor Troja von Meriones getötet,
Quint. Smyrn. 8, 101. [Stoll.]
Chloe {Xlorf , Name der Demeter (s. d.)
als Hüterin der grünenden Saat (vgl. A. %kor]-
cpogog, sv%loog ) Athen. 14, 10 p. 618 d, attische
Inschrift bei Bocckh , ind. lect. univ. Berol.
1835 — 36 p. 404. Dieser wurden vor allem
die XXöutx am 6. Tliargelion mit Widderopfern
und Spielen in Athen gefeiert {Schol. z. Soph.
0. C. 1600, Plesych.). Ihr Heiligtum daselbst
in der Nähe der Akropolis erwähnt Paus. 1,
22, 3 (vgl. Ge Kurotrophos) u. Ar ist. Lys. 835;
s. auch Eust. zu Hom. p. 772, 62; ein anderes
svyloov AfgirjzQog auf einem Hügel bei Kolo-
nos erwähnt Soph. a. a. 0. [Steuding. j
Cllloris {Xlcogig , idog f. von jTcopog) , 1)
Nymphe, gleichgesetzt der Flora; im Früh-
ling vermählt sich ihr Zephyr os, Ov. fast.
5, 195 fF. Pompejan. Wandgem., Helbig n. 974.
Chloris von Boreas geraubt, f. L. bei Plut.
flum. 5, 3, s. Chione 2. — 2) die Mutter des
thessalisclren Mopsos, von Ampykos, Hyg.
f. 14. Schol. Ap. Bhod. Arg. 1, 65; war Toch-
ter des Orcliomenos, Tzetz. Lyk. 881. — 3)
Gemahlin des Neleus von Pylos, war eine
Tochter Amphions, der Od. 11, 281 (dazu
Paus. 9, 36. 10, 29) Iaside, König von Or-
chomenos {Strabo 8 , 347) und Gemahl der
Minyastocliter Persephone {Pherekydes bei
Schol. Od.) heifst, dagegen Hyg. 10, 69 und
Apollod. 3, 5, ß König von Theben und Ge-
mahl der Niobe. Nach dem Tod der Kinder
erhenkt sich Chloris, Schol. II. 11,692. Stark,
Niobe 359. — 4) Zu Argos im Tempel der
Leto; neben deren Bild stand der Niobide
(s. vorher, auch Tzetz. Chil. 4, 422) Chloris’
Bild (wie jenes von Praxiteles? Overb. Plastik 3
2, 25) ; nach dortiger Sage hatte sie mit ihrem
Bruder Amy kl as den Tempel gebaut, als die
auf Gebet zu Leto einzig verschonten Niobi-
897
Chnas
Chromios
898
den; von Schrecken gebleicht, erhielt sie den
Namen Chloris ; früher hiefs sie Meliboia,
Paus. 2, 21, 10. Amyklas und Meliboia hiefsen
die Geretteten bei Telesilla, Amphion und Chlo-
ris bei anderen ( Apollod .), Chloris bei Hygin.
In Olympia soll Chloris, nach dortiger Sage,
an den H e r ä e n im Lauf gesiegt haben, Paus.
5, 16, 3. In der delphischen Lesche hatte Poly-
gnot sie gemalt, auf Thyias Knieen sitzend
Paus. 10, 29. [v. Sybel.] l
Chnas (Xväg), der Heros eponymos des Lan-
des Xvä — Phönicien ( Hecat . bei Müller, fr.
h. gr. 1, 17, 254), welcher mit Agenor, dem
Vater des Phoinix ( Choerob . bei Bekk. An.
1181, 20. Etym. Magn. 635, 30), oder mit letz-
terem selbst identificiert wurde (Phil. Bybl.
bei Euseb. pr. ev. 1, 10, 39). Auch auf phö-
nicischen Münzen findet er sich, Eckhel, d. n.
v. 4, 409. Xvcc ist jedenfalls = )5?33 , denn
i es wurde ja auch Phönicien zu Kanaan ge- 2
rechnet, vergl. E. W. Schultz in Herzogs B.-E.
s. v. Canaan. S. Clianaan. [Steuding.]
Clinnbis, eine ägyptische Gottheit, die in
der Gegend von Syene verehrt wurde, auf
einer Inschrift daher C. I. L. 3, 75: I 0 M.
Hammoni. Chnubidi \ lunoni. Beginae etc. (203
n. Chr.) und einer solchen von der Insel Esse-
• hei, ebenda in den Katarakten, C. I. Gr. 3,
• 4893, 1 ... . Xvovßsi zip ual "ly/icovi, Eäzsi
Ti] Kal 'Hqk, ’Avovksl tt) Kal ’EovCu etc. Die-
| ser Trias war nach Champollion, lettr. ecr. d'Eg.
p. 111 auch der Tempel auf Elephantine ge-
weiht. In derselben Inschrift deuten dann
noch die Namen Wsvxvovßig, Xytvixvovßiog,
i näxvovßig auf den Kultus dieser Gottheit.
Sicher war die etwas weiter nilabwärts ge-
legene Stadt Xvovßig, in welcher ein Tempel
des Anubis erwähnt wird (Ptol. 4, 5, 73), eben-
falls eine Stätte seiner Verehrung. Nach dem
Gotte ist wohl der König Xvovßog TvEvgog ge-
nannt, dessen Name durch Xgvögg Xgvoov i uog
erklärt wird (Eratostli. 12 bei Syncell. 96 C, in
Müller, fr. h. gr. 2, 545). Mit Xvovßig identisch
ist Kvovipig, der nach Strabo 17, 48 p. 817
auf der Insel Elephantine bei Syene (s. o.)
einen Tempel mit Nilmesser besafs. Wenn
nun auch Chnubis oben, dem Gebrauch einer
bestimmten Zeit entsprechend (siehe Ammon
ob. p. 285, 20), dem Juppiter Ammon gleich-
gesetzt ist, so ist dieser doch ursprünglich von
Chnubis oder Knuphis (= Kneph) streng zu
scheiden (vgl. ob. 284, 30). [Steuding.]
Choirile (XoigiAg, Xogihq Suid. Xoigvlhq He-
i rodian. Epim. p. 153), Beiname der'Endßr] Suid.
s. v., Philochoros b. d. Schol. z. Eurip. Hec. 3.
Letzterer leitet den Namen von xoigog ab und
bezieht ihn auf ihre Fruchtbarkeit. [Steuding.]
Choiros (Xoigog), eine Mänade: C. I. Gr.
8378. Heydemann , Satyr- und Bakchennamen
15. 39. [Roscher. ]
Chomisdaites (Xcogiodaizrjg) , 6 HgaKlgg,
Suid. s. Chon. [Steuding.]
Chon (Xäv) , ägyptische Gottheit, die mit
Herakles identificiert wurde. Der Stamm der
Xävsg am Meerbusen von Tarent soll nach
ihr genannt worden sein, Etym. M. 816, 29
p. 740 S. Nach Jablonslc. (vgl. Stcph. thes. s. v.)
ist ägypt. chom = virtus u. potcntia ; vergl.
Koscher, Lexikon der gr. u. rüm. Mythol.
Macrob. Sat. 1, 20, 6 ff. Auf diesen Stamm
geht vielleicht auch XcofiiGSairgg' o IlgaKlrig
(Suid.) zurück. [Steuding.]
Choraios (Xcogaiog), Vater der KaXUO-ta,
der Gemahlin des Atys, Dion. Hai. 1, 27.
Derselbe ist als eine Personifikation von igcc
zu betrachten , wie auch seine beiden Enkel
AvSog u. Tvggrjvog eponyme Heroen von Län
dern sind. [Steuding.]
Choranthe (Xogäv&rj), Mainade : Heydemann,
Satyr- u. Bakchennamen 30 u. 39. [Roscher.]
Clioreia (Xogsia), eine Mänade: G. I. Gr.
8387. Heydemann a. a. 0. 17. 39. [Roscher.]
Chorikos , ein König in Arkadien , dessen
Söhne Plexippos und Enetos die Ringkunst er-
funden hatten und vor dem Vater bei festli-
chen Spielen übten. Dies verriet Palaistra, die
Schwester derselben, ihrem Geliebten Mercu-
rius, der jene Kunst vervollkommnete und die
Menschen lehrte. So galt Mercurius für den
Erfinder der Ringkunst. Als die Söhne dem
Vater den Verrat der Schwester meldeten,
ward er zornig über die Söhne , dafs sie den
Mercurius als Dieb nicht verfolgten. Als diese
darauf den Mercurius auf einem Berge schla-
fend fanden , hieben sie ihm die Hände ab,
und daher hiefs der Gott und der Berg Cylle-
nius, von k vllog, d. h. der verstümmelte (Nie-
der hat. Als Mercurius dies dem Iuppiter
klagte, wurde Chorikos abgehäutet und in einen
Schlauch verwandelt; seine neue Kunst aber
nannte Mercurius nach der Geliebten Palaistra,
Serv. Verg. Aen. 8 , 138. Der Name Chorikos
scheint zurückgeführt werden zu müssen auf
KiogvKog, d. i. der grofse lederne, mit Sand
gefüllte Sack, der in den Gymnasien von den
Athleten geschwungen wurde. [Stoll .]
Chorillos (XogiUog), Satyrname auf zwei
Berliner Vasen: Heydemann , Satyr- und Bak-
chennamen 23 u. 25. [Roscher.]
Clioro (Xogco), 1) Nereide: C. 1. Gr. 7398.
— 2) Mainade: C. I. Gr. 7461. Heydemann,
Sat.- u. Bakchennamen 12. 25. 39. [Roscher.]
Chorochartes (XogoxagT-qg) , Satyrname auf
einer Berliner Vase: Heydemann , Satyr- und
Bakchennamen 24 u. 36. [Roscher.]
Ckorouike (XogovUrf), 1) eine Mänade: C. I.
Gr. 7452 (?) = Choranthe? (s. d.). — 2) Muse(?):
C. I. Gr. 7815. Vgl. Bödiger in den Jahrbb.
f. dass. Philol. Suppl. 8. S. 278. | Roscher.]
Chromia (Xgof. hu), Tochter des Itonos, Ge-
mahlin des Endymion, Paus. 5, 1, 2. [Stoll.]
Chromios (Xgoyiog), 1) Sohn des Pterelaos,
Apollod. 2, 4, 5. Tzetz. Lyk. 932. — 2) Sohn
des Priamos, von Diomedes mit seinem Bru-
der Echemon erlegt, Hom. II. 5, 160. Tzetz.
Homerica 68. Apollod. 3,12,5. — 3) Sohn
des Neleus und der Chloris, Bruder des Nestor,
Hom. Od, 11, 286. Schol. Ap. Bhod. 1, 152.
156. Schol. II. 11, 692. Wohl derselbe, wel-
cher II. 4, 295 ein Genosse und Unteranführer
des Nestor heifst. — 4) Ein Troer, von Teukros
erlegt, Hom. II. 8, 275. — 5) Ein Lykier, von
Odysseus vor Troja erschlagen, II. 6, 677.
Tzetz. Homer. 97. — ß) Ein Grieche aus My-
kene (oder Lakedaimon), vor Troja von Eury-
pylos erschlagen, Quint. Smyrn. 6, 616, — 7)
Ein Bundesgenosse der Troer, wohl derselbe,
29
899 Chromis
welcher II. 2, 858 unter dem Namen Chromis
(s. d. No. 1) Anführer der Myser ist, II. 17,
218. 494. 534. [Stoll.]
Chromis (Xqo/iis) , 1) Bundesgenosse der
Troer, der mit Ennomos diesen eine Schar
der Mysier zu Hilfe führt, Ilom. II. 2, 858.
Dict. 2, 35 (Chromius). — 2) Ein Geführte
des Phineus , der auf der Hochzeit des Per-
seus den Emathion tötete, Ovid. Met. 5, 103.
— 8) Ein Kentaur, auf der Hochzeit des Pei-
rithoos von diesem erschlagen , Ovid. Met.
12, 333. — 4) Ein junger Satyr, Vera. Buc.
G, 13 u. Serv. [Stoll.]
Chronos ( Xqovo g), 1) die personificierte Zeit,
welche in der orphischen Kosmogonie [und bei
Pherelvydes von Syros, vergl. Diog. L. 1, 119
(=1,11, 6). Creuzer , Symb.3 1, 28. 4, 79. 81]
die Rolle eines Urgrundes aller Dinge spielte
(. Proc . in Grat. p. 71 Boiss .; vgl. ebenda p. 64. in
Tim,. 1 , 86. in Theol. 1 , 28 , 68. in Farm. 7,
230. Damasc. de Princ. 1, 198. Philo p. 952 B.;
s. Lobeck, Aglaoph. 470 ff. u. vgl. Pind. Ol. 2, 19 :
%Qovog o nccvtcov naxriQ) , also eine ähnliche
Personifikation wie Kairos, Eniautos und Aion
(s. d.), der von Eur. Heracl. 900, vielleicht im
Anschlufs an orphische Vorstellungen, Xqovov
naig genannt wird (vgl. Eur. fr. 223 Nauclc, wo
zUnrj (als Höre?) ebenfalls Xqovov n uig heilst,
während derselbe Dichter sie fr. 150 nodg Aiog
nennt). In den späten orph. Hymnen wird Chro-
nos (xqo vog‘?) Sohn der Selene (9 [8], 5) oder
des Herakles (12 [11], 3), in dem orphischen
Fragm. bei Scholl Ap. Rh. 3, 26 (p. 482 H.) Vater
des Eros und der Winde {nvsvyaxa), bei Nonnos
Vater der Horen genannt {Dion. 12, 15. 96; vgl.
ib. 2, 422 :e£o[i£vog (Zeus) nxsQoevzi Xqovov {Kqo-
vov G) xszQcc&yt, dicpQco und 3 , 197, wo von
ninlu Xqovov die Rede ist; s. auch Stob. ecl.
1,2, 31). In dem Epigramm Anth. 7, 245
(vergl. Eaibel, epigr. gr. 27) wird er a Xqovs
ncivxoLcov d'vgzokg nuvsnioyione 8ciiyov\ (vergl.
Soph. fr. 280 N.) angerufen und gebeten Ver-
künder der Leiden zu sein , welche die bei
Chaironeia gefallenen hellenischen Freiheits-
kämpfer erduldet. Bildlich dargestellt er-
scheint Chronos (durch Beischrift gesichert) in
dem Relief der sogen. Apotheose Homers, und
zwar beflügelt, neben ihm Oikumene, zwei
Rollen (Ilias u. Oclysseia) in den Händen haltend,
um die Unvergänglichkeit der homerischen Ge-
dichte anzudeuten: Müller- Wieseler, I). a. K.
2, 742 u. 968 ( Müller , Hdb. d. Arch. 399, 3).
Nach Anth. 9, 499 scheint man sich den Chro-
nos altersgrau ( nohog ) vorgestellt zu haben
(vgl. Luc. Am. 12 ysQOVxog xqovov. Eiphil. 4,
414 M. noXiog xe%vix r\g soxlv 6 %Qovog). Über
die schon aus dem Altertum stammende (s. die
Stellen bei Buttmann, Mythol. 2, 32. Lobeck
a. a. 0.470), aber nicht haltbare ( Gurtius , Grund-
züge5 154f. 200) Gleichsetzung von Xgovog und
KQovog {Flut, de Is. 32), für welche sich neuer-
dings Buttmann ( Mythol . 2, 31 ff.) und Welcher,
gr.G.-L. 1, 140 ff entschieden haben, s. Preller,
gr. Mytliol ,4 1, 51 Anm. 1. Wenn nach Gel-
lius, N. A. 12, 11, 7 ein alter (griechischer?)
Dichter die Veritas {’Aly&eux, s. d.) eine Tochter
der Zeit (Tempus = XQÖvogl) nennt, während
Flut. Q. Bom. 11 u. 12 Kronos (Saturnus) als
Chrysas
900
Vater der Wahrheit bezeichnet, so beruht die
letztere Vorstellung wohl auch auf der Identi-
ficierung von Xgovog und Koovog und auf dem
Gedanken, dafs die Zeit alles ans Licht bringe
{Buttmann a. a. 0. 32 Anm.). Auf späteren
Kaisermünzen ist Saturnus (s. d.) mit Xgovog
(— Kgovog) gleichbedeutend ( Eckhel , D. N.
7, 381. Preller, B. AI.3 2, 23, 3). Von den
griechischen Tragikern verrät zuerst Sophokles
io eine Neigung die Zeit personificiert zu denken
(vgl. El. 179 Xgovog yuQ svyaQrjg ffsög. Frgm.
280 (vgl. Oed. T. 1213): 6 ndvQ’’ oqcöv xat ndvx
cchovcov ndvx’ dvanzvoon %Qovog. — 2)Rofsdes
Helios (?): Schol. Eur. Phoen. 3. [Roscher.]
Clirysantliis {XQvoavO'ig) , eine Argiverin,
die nach der argivischen Sage der die Toch-
ter suchenden Demeter , als sie nach Argos
kam, den Raub der Tochter erzählte, Paus. 1,
14, 2. Die mit Eleusis und Athen rivalisie-
20 renden Argiver verlegten den Raub der Per-
sephone an den Flufs Cheimarros in die Nähe
von Lerna, Paus. 2, 36, 7. [Stoll.]
Clirysaor {Xqvoo:coq). 1) Als Perseus der
Gorgo Medusa das Haupt abschlug, sprangen
aus dem Halse derselben das Flügelrofs Pega-
sos und der grofse Clirysaor, beide eine Frucht
des Umgangs des Poseidon mit Medusa. Pega-
sos wird erklärt als die geflügelte Donnerwolke,
Chry saor (= Goldschwert) als Personifikation des
30 blitzenden Feuerstrahls, nach andern ist er ein
Bild des Regens. Mit der Okeanide Kallirrhoe
zeugte er den Geryones und die Echidna, Hes.
Theog. 278ff. 979ff. Hygin. praef. f. 30. 151.
Apoilod. 2, 4, 2. 2, 5, 10 und Heyne, Observ.
p. 125. Tzetz. Lyk. 17. Eiod. 4, 17. 18. Nach
Steph. Bys. s. v. EvQconog war Chrysaor Vater
des ldrieus, von dem eine lrarische Stadt, die
früher Chrysaoris geheifsen, den Namen Idrias
erhielt. — Schümann, Opusc. Ac. 2 p. 205 f.
io Schivenck, Etymol.-myth. Andeutungen S. 232.
Völcker, Iap. Gesell. S. 205. 209. 232 ff. Prel-
ler, Gr. Mythol. 2, 65. 202. Braun, Griecli.
Götter-Lehre §. 106 — 110. Fischer, Belleroplion
S. 88. Boscher, Gorgonen S. 115. — 2) Xqv-
gÜcoq und Xqvouoqo g (mit goldner Waffe) Bei-
name verschiedener Götter: des Apollon,
Ilom. II. 5, 509 u. Schol. 15, 256. Jl. in Ap.
Del. 123. in Ap. Pyth. 214. Hes. Opp. 771.
Pind. Pyth. 5, 97. Orph. Arg. 138. Welcher,
50 Griecli. Götterl. 1. S. 536. Boeckh, Explic. ad
Pind. Pyth. 5 p. 293. — Der Demeter (nach
der Sichel?) , Ilom. H. in Cerer. 4. Preller,
Demeter S. 77. Welcher a. a. O. — Der Ar-
temis, Herodot. 8, 77. — Xqvgcccoq u. Xqvok-
oqsv g, auch XQVOaoQiog {C. I. G. n. 2720. 2721),
Beiname des Zeus zu Stratonikeia (das frü-
her XQVGaoQig hiefs, Paus. 5, 21, 5) in Karien,
nach dem von ihm geführten Doppelbeil, Strab.
14. p. 660. Overbeck, Kunstmyth. d. Z. S. 269 f.
eo Schümann, Opusc. Ac. 2. p. 206. s. Zeus. —
Auch Orpheus lieifst xQvcdoQog Find. fr.
inc. 84 Boeckh, und Perseus wegen seiner
Harpe, Orph. Litli. 15, 41. [Stoll.]
Chrysas, der Gott des gleichnamigen Flus-
ses in Sicilien, welcher ein Marmorstancibild
und ein Heiligtum bei Assorus hatte , Cic.
Verr. 4, 44, 96. Sil. It. 14, 229; auf Münzen
bei Eckhel, D. N. 1, 198 (Crysas). [Steuding.]
I*
(! ä
••
II
‘ !■
ä
io.
I it
I ~ r
-
■ ■
'
L ■■
901 Chryse
Chryse ( Xqvgt 7, r\g f. Xqvgk, Strabo u. Quint.
Smyrn.) , 1) eine der Kultstätten des sminthi-
schen Apollon, II. 1, 30 u. ö. Soph. ( Lern -
niai und Aiclimalotides) bei Steph. Byz. s. v.
Ov. met. 13, 174. Quint. Smyrn. 7, 402. 14,
412. — Strabo 13, 604 611ff. setzt die homer.
Stätte in die Gegend von Adramyttion und unter-
scheidet sie von dem historischen Ort (gvvv Xgv-
oa) bei Hamaxitos (j. Karliköi), der später mit
Alexandreia Troas vereint wurde, 605. 611 ff.;
vergl. Plin. 5, 30. Eust. z. II. 77. — 2) (auch
XQvoij geschrieben) Göttin auf L e m n o s (Chryse
Athena, Schot. 11. 2, 722; hypoth. metr. Soph.
Phil.; Schol. Soph. Phil. 194; Eust. 330, 11)
oder auf einem gleichnamigen Inselchen bei
Leinnos , in der Tragödie. An ihrem Altar
ward Philo ktetes (s. d.) von dem Hydros
gebissen, Overb. Gail. 324 ff. Milani Annali
1881, 249 ff. ; auf Lemnos selbst, auf Anstiften
der Hera, als Philoktetes den (nur ihm von
seiner früheren Anwesenheit mit Herakles be-
kannten) Altar suchte, an welchem die Grie-
chen opfern mufsten , wenn sie die Troer be-
siegen sollten, Eur. Pliiloct. (aufgeführt Ol.
87, 1). Hygin. f. 102; hypoth. metr. Soph. Phil.;
Dio Chrys. 59. Pliilostr. im. 17 ; vergl. Dar es
15 ; C. I. Gr, n. 8403 ; nach Soph. Philoktet (auf-
geführt Ol. 92, 3) auf dem Inselchen Chryse
(v. 270; vgl. Soph. Lemn. Erg. 352), als Phi-
loktetes der den geweihten Bezirk der Nymphe
Chryse (v. 194) hütenden Schlange (cpvXulg,
oIhovqos ocpig v. 1326, vgl. die attische Burg-
schlange, Htrod. 8,41) zu nahe kam; cöyocpQaiv
heifst die Nymphe v. 194, nach dem Schol.,
weil sie den Piloktetes , der ihre Liebe ver-
schmähte, verfluchte. Die Schlange ward von
Odysseus getötet, Dictys 2, 14. Das Inselchen
soll untergegangen sein (vergl. Onomalcritos'
Weissagung bei Herocl. 7, 6), Paus. 8, 33, 4.
Doch zeigte man auf einer wüsten Insel bei
Lemnos einen Altar Philoktets , eine eherne
Schlange, Bogen und Panzer, Appian. Mithrid.
77; Neai heifst das Inselchen bei Steph. Byz.
s. v. — Herakles hatte nach seiner Fahrt
nach Troja an dem Altar geopfert, in Gegen-
wart des Philoktet, Schol. Soph. Phil. 194.
Pliilostr. im. 17. Steph. Byz. Neon. Flasch,
Angebliche Argonautenbilder 13 ff. C. I. Gr.
n. 8430, vgl. aber Aldenhoven, Ann. 1873, 69 ff'.
— Iason hatte auf dem Argonautenzug den
Altar gestiftet, Pliilostr. im. 17. Chryse als
Mondgöttin erklärt von Welcher, Götterl. 1, 307.
Preller-Plew 1, 160, 5. Pervanoglu, Arcli. Ztg.
32, 110; mit der thrakischen Bendis identi-
ficiert von Petersen, Gr. Mytliol. 294. Preller-
Plew 1, 160, 5. — 3) Chrysa in Athen, in
der Gegend der Pnyx, Plut. Thes. 27 xard
t rjv Xqvgccv. — 4) zu Or ch omen os in Boio-
tien, Tochter des Almos (Haimos); von Ares
Mutter des Phlegyas, welcher dem Almos in
i der Herrschaft folgte, Paus. 9, 36. Vgl. Müller,
Hell. Stämme 1,137. — 5) vermähltmit Darda-
nos (s. d.) [ — 6) Bakchantin: Heydemann, Sa-
i tyr- u. Bakchennamen 14 u. 39. R.] [v. Sybel.]
Cliryseis (XgvGrgg) , 1) Tochter des Chry-
ses, Apollopriesters in Chryse (s. d.), von Achil-
. leus auf einem Streifzuge erbeutet und dem
Agamemnon als Sklavin zugeteilt (II. 1, 366 ff.).
Clnysippos 902
Als ihr Vater kam, um sie auszulösen, wurde
er schroff von Agamemnon abgewiesen. Auf
sein Gebet erzwang Apollon durch Sendung der
Pest ihre Auslieferung (II. 1, 9—317. 430ff.).
Agamemnon preist ihre Schönheit und Tugend
II. 1, 113. Nach dem Schol. z. II. 1, 18 hatte
Achilleus die Cliryseis in Thebe erbeutet, wo-
hin sie zum Besuche der Iphinoe, Schwester
des Eetion, gekommen war. Ihr eigentlicher
Name war Astynome (s. d.), Schol. z. II. 1, 392.
Dict. 2, 28. Eust. z. II. 77, 33. Nach Dict.
Cret. 2, 47 brachte Chryses, zum Dank für die
ihm zu Teil gewordene reiche Sühne (2, 33)
und weil seine Tochter gut behandelt worden
war, die Astynome freiwillig zu Agamemnon
zurück. Hyg. /'. 121 nennt ihren Sohn Chry-
ses (s. d.), nach Et. M. 815, 56 u. Tzetz. Lyk.
183 soll sie auch eine Tochter Ipliigeneia gehabt
haben. S. auch Chryses 4. Hinsichtlich der
die Chryseis betr. Bildwerke vgl. Overbeck,
Bildw. d. tlieb. u. tro. H. S. 376 u. 384ff Vgl.
auch C. I. Gr. 6125 u. 6129 b. — 2) eine von
den 50 Töchtern des Thespios, von Herakles
Mutter des Onesippos: Apollod. 2, 7, 8. — 3)
eine Tochter des Okeanos und der Tethys: Hy.
Cer. 421. Hes. Th. 359 (wo auch KQgvgCg oder
Kqlggi jt's gelesen wird). [Roscher.]
Chryses, -ae (X gvGrjs, ov), 1) zu Orchome-
nos in Boiotien; Sohn der Chrysogeneia (Almos’
Tochter) von Poseidon; Vater des Minyas, Paus.
9, 36, 4. — 2) auf Paros, s. Brüder Eurymedon,
Nephalion und Philolaos, Söhne der Nymphe
Pareia von Minos, Paus. 3, 1, 2, 5; die vier
Brüder getötet von Herakles (auf dessen Zug
gegen die Amazonen), nachdem sie zwei seiner
Gefährten, die gelandet waren, erschlagen hat-
ten, Apollod. 2, 5, 9, 3. — 3) Priester des Apol-
lon von Chryse (s. d.), Vater der Chryseis (s. d.),
Ilias A ein Haupttriebrad der Handlung, Plato
rep. 3, 393 d. Strabo 13, 612. Tabula lliaca.
Chryses betend, V.-B. aus Ruvo, Arcli. Zeitg.
30, 43. Kqiotvg nebst KgiGgi g auf V.-B., Arcli.
Ztg. 40, 4. Chryses und Brises (Brisei's’ Vater)
Söhne des Ardys, Eust. II. 77, 31. Weiteres
unter Chryses Nr. 4. — 4) Sohn der Chryseis
(s. d.) von Agamemnon. Schwanger kam sie
zu ihrem Vater nach Sminthe zurück; den hier
gebornen Chryses gab sie für Apollons Sohn
aus. Als aber Orestes und Ipliigeneia auf
der Flucht vor Thoas dahin kamen und der
Priester Chryses (3) sie ausliefern wollte, be-
kannte Chryseis , ihr Kind sei Agamemnons
Sohn, also Orests Bruder, worauf die Brüder den
Thoas töteten, Hyg. f. 121. Über Sophokles' u.
Pacuvius' Tragöd. s. Naelce,opusc. 1, 91. 0. Jahn,
Hermes 1, 233. Bibbeck,Böm. Trag. 248 ff. Der
letztere bezieht (a. a. 0. 250) hierher das pom-
peianische Wandgemälde Heilig n. 1333. Bo-
ber t , Arcli. Ztg. 33, 134. 145. [v. Sybel.]
Chrysippe (XguGiincg), eine Danaide. Siehe
Chrysippos No. 1. [Stoll.]
Chrysippos (Xgcainnog), 1) Sohn des Aigyptos,
vermählt mit der Danaide Chrysippe , Apollod.
2, 1, 5. Hyg. f. 170. — 2) Sohn des Pelops und
der Nymphe Axioche (Schol. Pind. Ol. 1, 144.
Schol. Eurip. Orest. 5; vgl. Hellan. b. Schol.
Hom. II. 2, 105) oder der Danais (Plut. parall.
Gr. et Born. li. 33), Stiefbruder des Atreus,
29*
903
Chrysippos
Chrysippos
904
Thyestes, Pittheus u. a. (s. Pelops). Der Tlie-
bauer Laios, von Zethos und Amphion aus der
Heimat vertrieben und von Pelops gastlich
aufgenommen, gewann den schönen Jüngling
Chrysippos lieb, unterrichtete ihn im Wagen-
lenken und raubte ihn (von Hause oder von
den nemeischen Spielen, Hygin. f. 85) auf sei-
nem Wagen nach Theben. Dies war bei den
Hellenen das erste Beispiel von Knabenliebe.
Chrysippos tötet sich aus Scham , Apollod. 3,
5, 5. Athen. 13 p. 602 f. 603 a. Aelian. H. An.
6, 15. Pseudo- Pisander b. Schol. Pur. Phoen.
1760. Pelops sprach über Laios den Fluch aus,
wodurch alles Unglück über die Labdakiden
kam, Schol. Pur. Phoen. 66. Argum. Phoen. e
cod. Guelph. bei Matthiae p. 155. Argum. Ae-
schyl. Sept. c. Th. Diese Form der Sage lag
dem Chrysippos des Puripides zu Grunde, W el-
cker, Gr. Tr. 2. S. 533. Trilogie 354. Nauck,
Frgm. tr. gr. 497. Preller, Gr. M. 2. S. 343.
347, 1. Gerhard , Gr. M. § 742. Bildwerke:
Gerhard, Apulische Vasen Tf. 5. Overheck, Gdll.
S. 3 ff. Ann. dell' Inst. 1866, 371 ff. u. beist.
Abbildg. Vgl. auch C. I. Gr. 8487 und die
dort angegebene Litteratur. Die sikyonische
S. 16 ff. Hyg. f. 271 nennt Theseus den Räuber
des Chrysippos. — Nach peloponnesischer
Sage fand Chrysippos den Tod durch seine
Stiefbrüder. Pelops hatte zu seinem mit seiner
ersten Frau erzeugten Sohn Chrysippos eine
solche Liebe, dafs seine zweite Frau Hippoda-
rneia (s. d.) und ihre Söhne fürchteten, der Vater
möchte ihm die Herrschaft übergeben. Sie ver-
anlafste daher ihre Söhne Atreus und Thyestes
io (nach megarischer Sage den Alkathoos, Schol.
Ap. Rhod. 1, 517) ihn zu töten, worauf sie die
Leiche in einen Brunnen warfen; oder sie ertränk-
ten ihn in einem Brunnen. Pelops verbannte die
Mörder und sprach den Fluch des Bruderzwistes
gegen sie aus, Hellanikos b. Schol. II. 2, 105 (vgl.
569). Schol. Purip. Orest. 5. 800. Vgl. Thuk.
1, 9. Paus. 6, 20, 4. Hippodameia, von Pelops
überführt, tötet sich selbst, Hygin. f. 85 u. 243.
Nach Paus. 6, 20, 4 floh Hippodameia (mit ihren
20 Söhnen) vor dem Zorn des Pelops nach Midea
in Argolis. Nach Schol. Thuk. 1, 9 tötete Pelops
selbst den Chrysippos , und Atreus floh aus
Furcht vor gleichem Schicksal, Preller, Gr.
M. 2. S. 387. Gerhard, Gr. M. § 871. Welcher,
Gr. Tragöd. 2. S. 536. Die beiden durchaus
Dichterin Praxilla sagte, dafs Chrysippos von
Zeus geraubt worden sei, Athen. 13. p. 603a.
Vgl. jedoch Valckenaer Diatr. p. 23. Nach
Schneidewin dichtete Praxilla, dafs der in Sikyon
(oder Pisa oder Tenea) aufgewachsene Oidipus
dem (nicht erkannten) Vater durch Entführung
des gemeinsamen Lieblings zuvorzukommen
suchte, dafs aber Laios ihn einholte, um Chry-
sippos nach Theben zu entführen, und nun in
dem Handgemenge der Totschlag des Vaters er-
folgte, Schneidewin, die Sage v. König Oidipus
verschiedenen Fabeln von dem verhängnisvollen
Frevel des Laios und der Söhne der Hippoda-
eo meia an Chrysippos sind von Hygin. f. 85 u.
Tzetz. Chil. 1, 415—23 dadurch verknüpft, dafs
der von Laios entführte Chrysippos sich nicht
das Leben nimmt, sondern durch Pelops mit
Waffengewalt von Theben zurückgeholt wird,
worauf dann in Pisa der Mord des Chrysippos
durch die Brüder erfolgt. Eine Tragödie Chry-
sippos schrieben noch Diogenes ( Welcher , Gr.
Tragöd. 3. S. 1035 f.), Lykophron und Attius
905 Chrysis
(Ribbcck , Rom. Tragöd. 344; 444 ff.)- — Hy-
gin. f. 271 zählt den Clirysippos unter den
Jünglingen von ausnehmender Schönheit auf:
Adonis, Hyakinthos, Narkissos, Hylas u. a.,
und Chrysippos ist auch in seinem Schicksal ein
diesen ähnliches Wesen. Vgl. Argennos. — 3)
Der Gründer der Stadt Chrysippa in Kilikien,
Steph. Byz. s. v. XgvGimta. — 4) S. des Aio-
los, Apost. 1, 83. Arsen. 2, 43. [Stoll.]
Chrysis (XgvGig), 1) Amazone auf einer Vase
aus Nola in Neapel nach Heydemann , Kata-
log n. 2613. [Klügmann.| — 2) Bakchantin:
Heydemann , Satyr- und Bakchennamen 14 u.
I 39. — 3) vgl. C. I. Gr. 8487. [Roscher.]
Chryso [Xqvgco 1 öatgtov Hesycli.) , doch ist
wohl Xqvgw nach Analogie aller übrigen
gleichgebildeten Namen zu accentuieren. Die-
sem Dämon des Goldes ist etwa THovrco (s. d.)
und SiSgQoa (s. d.) zu vergleichen. Vgl. Try-
phon bei Walz, rhet. Gr. 8, 2, 741. [Steuding.]
Clirysochoas (XguGoyocig), Sohn des Nil und
der Garmathone. Trotz der Trauer über den
Tod desselben nahm letztere die wandernde
Isis gastfreundlich auf; zum Dank dafür liefs
diese dann durch Osiris den Clirysochoas aus
der Unterwelt zurückholen, Thras. Mend. (?) b.
Pseudoplut. de fluv. 16 in Müller , fr. h. gr. 3,
502 , 2. Aus gleicher Veranlassung entreifst
Terakles die Alkestis dem Tode , Eurip. Ale.
1122 ff. [Steuding.]
Chrysocome (?) : Anth. lat. cd. Riese 1, 267.
[Roscher.]
Chrysogeneia (XQVGoysvfia) , Tochter des
disypliiden Haimos, welche dem Poseidon den
Jhryses gebar, der in dem goldreichen Orcho-
nenos König ward, Paus. 9, 36, 1. 3. Müller,
Orchom. S. 134. 137. Nach Schol. Ap. Rhod.
i, 1094 heifst die Tochter des Haimos Chry-
ogone, von Poseidon Mutter des Minyas, der
.Jrchomenos gründete. [Stoll.]
I Chrysogone (A 'gvcoyorg), s. Chrysogeneia.
Clirysokomas {XguGonoga g) , Beiname des
Ipollon, s. oben S. 423 , 26 und Eur. Troad.
:54; vergl. xgvGoxogog Mnasalcas in d. Anth.
Pal. 6, 264; XQVGonogr]g Beiname des Diony-
os Hes. Theog. 947 ; des Hymenaios Philipp.
Phess. in d. Anth. Plan. 4, 177; des Eros, Anacr.
. >ei Athen. 13 p. 599 c. Eurip. Iphig. Aul. 548;
les Zephyros Plut. Amat. 20, 2. [Steuding.]
I Chrysolaos (XqvgoXcio g), ein Sohn des Pria-
uos, Hygin. f. 90. [Stoll.]
Chrysomede (XguGogsög), Beiname der Bak-
hantin Chalkomede, Nonn. 34, 119. [Steuding.]
Chrysonoe ( Xqvgovo? /); s. Kleitos.
Chrysopator ( XpoGonärcog ), Name des Dio-
■ysos, Nonn. 47, 471; vgl. Ignigena Ovid. M.
, 12 und xQvGonciTQog als Beinamen des Per-
eus, Lycophr. 838. [Steuding.]
Chrysopeleia (Ngvoonelsia.) , eine Baum-
iymphe, die, in einer Eiche wohnend, Gefahr
ief, von einem Giefsbach samt dem Baum
veggerissen zu werden. Da kam ihr Arkas
u Hilfe, indem er den Flufs ablenkte und die
liehe durch einen Damm schützte. Aus Dank-
'arkeit willigte die Hamadryade in eine Ver-
indung und gebar dem Arkas den Elatos und
epheidas , die Stammväter der Arkader , Eu-
lelos bei Apoll. 3, 9, 1 und Tzetz. ad Lyk. 480.
Chthonia 906
Der Name Chrysopeleia ist nur dem Eumelos
eigen ; andere (a. a. O. und Schol. Eur. Or.
1646) nennen an ihrer Stelle Leaneira, Mega-
neira oder Erato. Vergl. Paus. 8, 4, 2. Ap.
Rhod. 2, 477 u. Schol. Mehr bei E. Wilisch,
über die Fragmente des Epikers Eumelos 36.
[Wilisch. |
Chr ysor ( Xqvggöq ), ein phönicischer Gott
der Schmiedekunst und der Erfindungen über-
haupt , welcher mit Hephaistos identificiert
wurde; doch nannte man ihn auch Zeus gsi-
Uliog (= Melech? nach Movers p. 326). Philo
Bybl. bei Müller, fr. li. gr. 3, 566, 9. [Steuding.]
Clirysortlie ( Xqvgoq&yi ), Tochter des Sikyo-
niers Orthopolis , welche dem Apollon den
Koronos, Vater des Korax und Lamedon, ge-
bar, Paus. 2, 5, 5. [Stoll.]
Chrysothemis (XQVGÖ&iyt g), 1) eine Danaide,
vermählt mit dem Aigyptiden Asterides, Hy-
gin. f. 170. — 2) Gemahlin des Staphylos,
Mutter von drei Töchtern , Molpadia , Rhoio
und Parthenos, von denen Rhoio dem Apol-
lon den Anios (s. d.) gebar, Diod. 5, 62.
C. Proculus b. Apulej. de orthogr. § 4, wo
Chryseis statt Chrysothemis steht. — 3) Die
Mutter der Parthenos, welche sie dem Apol-
lon gebar. Als Parthenos im Kindesalter starb,
versetzte sie Apollon als n<xQ&tvog (Virgo)
unter die Sterne , Hygin. P. A. 2 , 25. — 4)
Tochter des Agamemnon und der Klytaimne-
stra, II. 9 , 145. 287. Soph. El. 157 u. Schol.
des Hemetr. Triklin. 2 p. 362 I)ind. Schol.
Eurip. Or. 5. 14. 23. Tzetz. Lyk. 200. Preller,
Griech. Mytliol. 2, 419, 5. — 5) [Hesperide:
C. I. Gr. 8487. Roscher.] — 6) 'O Xqvgo&s-
iug, Sohn des Apollopriesters Karmanor, aus
Tarrha in Kreta, ein apollinischer Sänger, der
in dem ältesten musischen Wettkampf zu Del-
phi mit einem Triumphgesang auf den Sieg des
Apollon über Python den Sieg davontrug, vor
Philammon und Thamyris, Pausan. 10, 7, 2.
Nach Schol. Find. Pyth. Hypoth. p. 298 Boeckh
reinigte er den Apollon von dem Morde des
Python, was sonst seinem Vater Karmanor (s. d.)
zugeschrieben ward, Müller, Dorier 1. S. 207.
213, 343. 348. Böckh, de metr. Find. p. 182.
Welcher, Gr. Götterl. 2. S. 377 ff. Preller in
Paulys Real.-Enc. 2. S. 914. Griech. Mytliol.
1. S. 223. Gerhard, Griech. Mythol. 1. § 318,
5. [Stoll.]
Chtlion \ X&cov) , der fruchtbare Erdgrund
und die Erdtiefe, personificiert, Aesch. Eum. 6.
Prom. 205 (vergl. Ahrens , Themis 1, 11, 15),
Eurip. Hec. 70. Hel. 168. [Stoll.]
Chthonia, (X&ovia), 1) Tochter des Pho-
roneus , Schwester des Klymenos. Beide Ge-
schwister stiften, nach Aussage der Bewohner
von Hermione , in dieser Stadt der Demeter
ein Heiligtum; nach der Aussage der Argeier
dagegen ist Chthonia die Tochter des Kolon-
tas, welcher der Göttin Aufnahme und Ehren-
bezeugung verweigerte, wider den Willen sei-
ner Tochter. Infolge dessen sei Kolontas mit
seinem Hause verbrannt , während Chthonia
von der Göttin nach Hermione übergeführt
wurde und dort das Heiligtum errichtete; in
diesem wm’de Demeter unter demselben Na-
men fÄ'&ovia) verehrt. Ihr jährliches Fest
10
20
30
40
50
60
907
Chthonioi
908
heifst X&ovta, Paus. 2, 35, 3 ff'. Aelian hist,
an. 11, 4. Der Tempel der Demeter Chthonia
in Hermione wurde zur Zeit des Pompejus von
Piraten geplündert, Plut. Pomp. 24. — 2) Toch-
ter des Erechtheus und der Praxithea; ihre
Geschwister heifsen nach Apollod. 3 , 15 , 1
Kekrops, Pandoros, Metion, Prokris, Kreusa,
Oreithyia, nach Suidas (IlaQ&svot) sind es da-
gegen sechs Töchter, aufser den genannten
noch Protogeneia und Pandora; nach Schal, io
Ap. Rhod. Arg. 1, 211 sind Kreusa, Oreithyia
und Prokris die Kinder des Kekrops, Chione,
Chthonia, Kleopatra, Zetes und Kalais dagegen
die Kinder der Oreithyia und des Boreas (s.Borea-
den). Nach Apollod. a. a. 0. heiratet sie den
Bruder ihres Vaters, Butes (s. d. vgl. dagegen
3, 15, 4 6(pd£ccvT,og avvov (iEfreyttscos) xgv veco-
xaxgv Kai ai lotnai euvxäg Kaxsocpai-av). Als
Eumolpos gegen Athen heranzieht , oder als
Feinde aus Boiotien kommen, wird durch das 20
Orakel dem Erechtheus aufgetragen,- eine sei-
ner Töchter zu opfern, um den Sieg der Stadt
zu sichern (s. Erechtheus). Nach Apollodor
a. a. 0. und Hygin. f. 46 u. 238 ist Chthonia
die Geopferte, nach Hygin allerdings erst nach
dem Tode des Eumolpos (Neptunus , ne flii
sui morte Erechtheus laetaretur , expostulavit ut
eins filia Neptuno immolar etur); nach Suidas
a. a. 0. gaben sich Protogeneia und Pandora
selbst zum Opfer hin, nach Mythogr. gr. S. 345 30
wurde Prokris getötet; kaum war das Opfer
dargebracht, als die übrigen Schwestern, die
sich unter einander durch einen Eid zu ge-
meinsamem Tod verpflichtet hatten, sich selbst
töteten. S. auch Hyakinthides u. Hyades. — 8)
Eine der Alkyoniden (s. d.), Tochter des Kie-
sen Alkyoneus; ihre Schwestern sind Anthe,
Methone , Alkippa , Pallene , Drimo , Asterie ;
nach dem Tode ihres Vaters stürzen sie sich
aus Trauer von einem Felsen ins Meer und io
werden in Vögel, Alkyones, verwandelt, Bek-
ker, Anecd. p. 377, 25: Ahivovide g rititoeu. Vgl.
Suidas s. v. ’AIkvovlS sg. Eust. Hom. p. 776,
37. Fragm. Hist. Gr. 4, 422, 46. — 4) Neben-
benennung der Insel Kreta, vergl. Steph. Byz.
ethn. ed. Mein. p. 384: Kulstxai de y vrjoo g Kai
’Aeqta Kal X&ovt'a Kai ’lSata. [Engelmann.]
Chthonioi (X&ovtot &sot) s. Chthonios 5.
Chthonios (X&ovtog), 1) Kentaur, auf der
Hochzeit des Peirithoos von Nestor getötet, 50
Ovid. Met. 12, 441. — 2) Sohn des Aigyptos
und der Kaliadne, der die Danaide Bryke (s. d.)
zur Braut erhielt, Apollod. 2, 1, 5. — 8) Sohn
des Poseidon und der Syme (einer Tochter des
Ialysos, Steph. Byz. s. v. Xvfiy), unter dessen
Führung von Knidos aus die karische Insel
Syme bevölkert wurde , Diod. 5 , 53. Nach
Athen. 7 p. 296 c wurde Syme, die Tochter des
Ialysos und der Dotis, von dem Meergott Glau-
kos entführt. — 4) Einer der thebanischen 60
Sparten (s. Kadmos) , Vater des Lykos und
Nykteus, Apollod. 3, 4, 1. 3, 5, 5. Schol. Ap.
Rh. 3, 1179. 1186. Schol. Eurip. Phoen. 670.
Hygin. f. 178. Paus. 9, 5, 1. — 5) X&ovioi
01 (im Gegensatz zu den ovqd.vi.ot) die
Leben und Fruchtbarkeit zeugenden und den
Tod bringenden Gottheiten des Erdbodens
und der Erdtiefe, der Unterwelt, wie Deme-
Cipus
ter, Persephone, Pluton (Zsvg XAoviog, lies.
Opp. 465. Paus. 2, 2, 7. 5, 14, 6. Orph. H.
69, 2. Katax^ovtog, 11. 9, 457. Preller, Gr.
Mytliol. 1, 127, 3. 622. 655), zu welcher Gruppe
sich noch gesellen: Hermes X&ovtog als
Psychagogos (Aesch, Choeph 1. 124. 147. Pcrs.
628. Soph. Ai. 813. C. 1. Gr. n. 538. 539.
Preller, Demeter S. 201 ff. Gr. Myth. 1, 320.
329—331), Dionysos X&ovtog (Orpli. II. 52, 1.
Suid. s. v. Zayqsvg. Preller, Gr. Myth. 1, 564 f.
Gerhard, Gr. Myth,. 1. §.447, 5), die Erinyen
als strafende Dämonen der Unterwelt (Orph.
H. 68, 8. 69. Preller, Gr. Myth. 1, 690, 2).
Ferner ist x&oviog ein Beinamen der Tita-
nen, Hes. Theog.&'dl, ob proleptisch, weil sie
in die Tiefe der Erde verstofsen werden, oder
als yyyevetg, wie die Sparten (s. N. 4), die %ft6-
vtot Eoeyßetdca, Soph. Ai. 200? Preller, Gr.
Mythol. 1, 53. Vergl. Scliömann, Hes. Theog.
S. 229. 231, 1. Die %&6vtat Nvycpai sind die
einheimischen Nymphen, eyxcoQtot, deae indige-
nae, Ap. Rh. 2, 504. 4, 1322. — Über die clitho-
nischen Götter überhaupt s. Preller, Demeter
S. 18311'. Gr. Myth. 1, 83 f. 522. 0. Müller in
Ersch u. Gr. Encykl. 1, 33. S. 287. [Stoll.]
Chthonophyle (X&ovocpvlri), eine Nymphe,
von Dionysos Mutter des Phlias oder Phlius,
nach welchem die Stadt Phlius genannt war,
Ap. Rhod. 1, 115 u. Schol. Steph. Byz. s. v.
(hhovg. Nach Paus. 2, 6, 3 ist sie die Toch-
ter des Sikyon und zeugte mit Hermes den
Polybos; später heiratete sie den Phlias, den
Sohn des Dionysos , und gebar ihm den An-
drodamas. Die Mutter des Phlias aber war
Araithyrea, Paus. 2, 12, 6. Gurtius, Pelopon-
nesos 2. S. 471. [Stoll.]
Chtlionopliylos (X&ovocpvlog) , Gigant des
Altarfrieses von Pergamon: Conze, Vorläufig.
Bericht etc. 1, 64. 2, 44. [Roscher.]
Clium (Xov g.), Sohn des Chanaan und Stamm-
vater der Athiopen, der von den Griechen ’9g-
ßolog genannt worden sein soll , Alex. Polyh.
bei Eitseh. pr. ev. 9, 17 p. 41 9 d. Diese Iden-
tilicierung beruht natürlich auf der Etymolo-
gie beider Namen. Dtn schwarz, von der
Sonne verbrannt, wird aeßoXog Rufs gleichge-
setzt. [Steuding.]
Chytros (Xvxqog), Sohn des Aledros, Enkel
des Akamas, nach welchem die Stadt Chytroi
auf Kypros (das früher Akamantis hiefs, Plin.
N. H. 5, 31, 35) benannt war, Steph. Byz. s. v
Xvtgot. Engel, Kypros 1, 220. [Stoll.]
Cimiacinus, wohl celtischer Beiname des
Mercurius auf einer Inschrift aus Ludenhausen
bei Epf'ach (Abudi-acum in Raetia): C. I. L. 3,
5773 Deo Mercurio Cimiacino aram turariam
M. Paternius Vitalis quiaedem fecit et signum po-
suit v. s. I. I. m. dedicat III Kal Octohr Gentiana
et Basso cos d. h. 211 n. Chr. [Steuding.]
Ciniaemus, ein Genius auf einer Inschrift
zu Räkos-Pälota bei Pest, C. I. L. 3, 3617:
(IO AI et) | Iunoni. Reg \ et genio Ci (oder Cel)
niaemo. et | genio com \ merci. etc. [Steuding. |
Cipus. ln der servianischen Mauer der
Stadt Rom gab es ein Thor , die porta Rau-
dusculana , welches vielleicht ganz mit Erz
beschlagen war (vergl. Fest. p. 274. Jordan ,
Topogr. 1, 1 p. 234. 251, 7), jedenfalls aber
n
.£
i«
iti
if
Sf
ri(
I e\
d
Ifu
1
:
I i
Lj
..
lltll
;?
.
Ml
■
‘
l'i
’*■ fi
I
909 Ciris
über der Thoröffnung das eherne Bild eines
gehörnten Mannes trug, wahrscheinlich von
derselben Art, wie die für denselben Zweck
bestimmten ehernen Masken bärtiger, gehörn-
ter Köpfe im etruskischen Museum des Vati-
kan (z. B. Mus. Gregor. 1, 38; 1. 2). An die-
ses Bild knüpft sich eine sonderbare 'ätiolo-
gische Sage. Als einst der Prätor Genucius
Cipus aus diese’m Thore mit dem Heere aus-
rückt, bemerkt er plötzlich, als er sein Spiegel-
bild im Flusse sieht, dafs ihm Hörner gewach-
sen sind, und die Haruspices deuten das Pro-
digium dahin, dafs Cipus, wenn er in die Stadt
zurückkehre, König sein werde; als echter
Republikaner zieht es Cipus, nachdem er dem
Heere die Sachlage eröffnet, vor, in freiwillige
Verbannung zu gehen und erhält als Dank
vom römischen Volke soviel Land, als er an
einem Tage umpflügen kann; sein gehörntes
Bild aber wird an der porta Raudusculana
angebracht ( Valer . Max. 5, 6, 3. Ovid. Me-
tam. 15, 565 ff.). Den unzweifelhaft ätiologi-
schen Charakter der Erzählung verkennt Prel-
ler {Rom. Myth. 1, 319) vollständig, wenn er
Cipus wegen der Ähnlichkeit mit Aktaion zum
Kreise der Diana zieht; damit gesteht er ihm
viel zu viel mythologischen Gehalt zu, und
wenn Plinius (11, 123) Aktaion und Cipus zu-
sammen nennt, so ist dabei nur die Thatsache
des Hörnerwachsens das rein äufserliche Ter-
i tium comparationis. Für das Alter der Sage
I spricht der Umstand, dafs sich in der für uns
hellen Zeit das Cognomen Cipus in der Fami-
lie der Genucii nicht mehr findet. Bücheier
{Rhein. Mus. 33, 490, zustimmend Jordan,
i Hermes 15, 9f.) hat bei Gelegenheit des in der
alten Bronzeinschrift vom Fuciner See vor-
i kommenden Wortes Gceip’’ auch unsern Cipus
herangezogen und etwa in dem Sinne von
r Grenzwart’ erklärt, indem er auf die Mög-
lichkeit hinweist, dafs in dem Appellativ ’cip-
pus’ die Bedeutung des Steins die sekundäre,
> die der Grenze (vorausgesetzt dafs cippus
i eigentlich den Grenzstein bezeichnet), die
ursprüngliche sei. Mehr als Möglichkeit kann
allerdings dieser ganzen Kombination nicht
\ zugestanden werden, und sie zu weiteren Schlüs-
sen auf das Wesen des Cipus zu benützen
würde unvorsichtig sein. [Wissowa.]
Ciris s. Nisos und Skylla.
Cisonius (oder Cissonius, Cessonius), ein
I celtischer Beiname des Mercurius auf einer
Inschrift aus Besamjon, Orelli 1406: Deo 31er-
curio Cissonio Dubitatia(?) Castul a natione
Syria templum et porticus vetustate collabsum
denuo de suo restituit , und auf solchen vom
Mittelrhein, Steiner, inscr. Dan. et Rhen. 640,
722 f. ; vgl. 786: Deo Cisonio etc.; 760. 1675.
Deo Cessonio etc. Zeufs, gr. C. p. 773b ver-
mutet die Ableitungssilbe önia in dem Worte,
dann wäre wohl für den Stamm an cts = cen-
• sus (vgl. ebenda p. 42 a) zu denken und der Mer-
curius Censualis zu vergleichen. [Steuding.]
Civitas wird als Göttin , wohl gleichbedeu-
! tend mit der Dea Roma , betrachtet auf der
Inschrift eines Altars zu Rom, C. I. L. 6, 88:
j Civitati sacrum A. Aemilius Artema fecit.
[Steuding.]
Glementia 910
Clementia. Zur Aufnahme einer Göttin
Clementia in den öffentlichen Kultus gab die
Ermordung des C. Julius Cäsar Veranlassung.
Milde war eine hervorragende Eigenschaft
Casars {Vellei. Pat. 2, 56. Plin. n. h. 7, 93.
Sueton. Div. Jul. 75. Solin. 6) und wurde als
die Ursache seines Todes angesehen {Cie. ad
Att. 14, 22. Marcus Aurelius bei Vulcat. Gal-
lic. v. Avidii Casii 11). Deshalb liefs der Se-
nat dem Divus Julius und der vergötterten
Clementia Caesaris einen gemeinsamen Tem-
pel bauen, in welchem Cäsar und die Göttin
sich gegenseitig die Hände reichend dargestellt
waren {Plut. Caes. 57, 3. Appian. h. c. 2, 106.
Cass. Dio 44, 6: ’EnisCtieia avrov. Münze des
Sepullius Macer bei Cohen, Med. imp. Jules
Cesar 18 mit der Legende Clementiae Caesa-
ris und dem Bilde des Tempels , dazu A. von
Sollet in Ztschr. f. Numism. 4, 1877 S. 130 f.).
Die Clementia Caesaris wollte Raoul-Rochette
auf dem Relief eines dem Augustus geweihten
Altars, das die Konsekration des Julius Cäsar
darstellt, in einer dem zum Himmel fahrenden
Cäsar mit zwei Knaben (C. und L. Cäsar)
voraufschreitenden Frau erkennen ( Raoul-Ro-
chette, Mon. ined. t. 69 S. 389 , vergl. dazu
H. Jordan in Arm. d. inst. 34, 1862 S. 306),
doch mufs dies Vermutung bleiben; unbegrün-
det ist die Annahme Cavedonis {Bull. d. inst.
1840 S. 39 ff.), dafs auf Münzen Casars ein
mit einem Kranze geschmückter Frauenkopf
die Clementia oder eine Venus Clemens dar-
stelle (willkürlich deutet auch Klausen , Aen.
u. die Penat. S. 980 Anm. 1964 und S. 1070
Anm. 2144 die weiblichen Kopfe auf einigen Mün-
zen der gens Aemilia und gens Iulia als Clemen-
tia). In gleicher Weise, wie die clementia
Caesaris, wurde die clementia der Kaiser per-
sonificiert und göttlicher Ehren teilhaftig. Von
Augustus ist es nicht überliefert (vgl. jedoch
über einen Schild, den ihm nach Beendigung
der Bürgerkriege Senat und Volk virtutis cle-
mentiae iustitiae pietatis causa widmete, Res
gestae divi Aug. ed. Th. Mommsen S. 97. 103 f.
= S. 144. 152 f.3, und die Aufserung Marc
Aurels bei Vulcat. Gallic. a. a. 0., dafs auch
den Augustus seine Milde unter die Götter er-
hoben habe). Dem Tiberius dekretierte der
Senat einen Altar der Clementia {Tac. ann. 4,
74) und setzte auf Münzen mit der Umschrift
Clementiae das Bild eines Schildes mit einem
weiblichen Kopfe, also wohl dem der Clemen-
tia {Cohen a. a. 0. Tiber e 23, vgl. Eckhel, Doctr.
nimm. 6 S. 187. Daremberg-Saglio, Dictionn. des
antiquites s. v. Clementia Fig. 1632 ; von Cave-
doni, Ann. d. inst. 23, 1851 S. 226 falsch als
Kopf des Tiberius erklärt), wahrscheinlich die
Kopie eines dem Kaiser gewidmeten Weih-
geschenks (vergl. Plin. n. h. 35, 13*)). Unter
Caligula setzte der Senat ein jährliches Opfer
an die Clementia des Kaisers ein {Cass. Dio
59, 16). Ganz unsicher ist die Lesung einer
pompejanischen Inschrift {C. I. L. 4, 1180),
in der man die Erwähnung eines Altars der
*) Die von Eckhel a. a. O. 5 S. 130 (vgl. Cavedoni, Ann.
a. a. 0.) angeführte Münze des Aemilius Paulus Lepidus
mit einem ähnlichen ltevers ist gefälscht und seit Eckliel
von niemand mehr als echt angesehen worden.
10
20
30
40
50
GO
911
Ciementia
Clitumnus
912
Ciementia vermutete, und die Beziehung der
Inschrift auf Kaiser Claudius (vgl. Uenzen 5814.
Arch.Ztg. 26, 1868 S. 87 ff. 90. Overbeck, Pomp.*
S. 474; Garrucci hatte den Namen einer Göt-
tin Amentia vermutungsweise in die Inschrift
gesetzt). Die Arvalakten aus der Zeit Neros
berichten von einem i. J. 66 von den Arva-
len dargebrachten aufsergewöhnlichen Opfer ob
supplicationes a senatu decretas , wobei unter-
anderen Gottheiten der Ciementia eine Kuh io
geopfert wird ( Hensen , Act. fr. Arv. S. LXXXII
u. 85 = C. I. L. 6, 1 S. 490 d 1 7 f . ; an Nero
richtete Seneca seine Schrift de ciementia).
Den Namen und das Bild der Ciementia Au-
gusta tragen Münzen des Vitellius ( Cohen
a. a. 0. Vitellius lf. 60. Supplem. 1: Ciemen-
tia imp\eratoris ] Germ[anici ], vergl. Tac. hist.
1, 75); des Trajan (Cohen, Trajan 327); des
Hadrian (Coli., Adrien lOOff. 686 ff. 762ff. 1165);
des Antoninus Pius (Coli., Antonin 36f., vergl. 20
120. 887 f.) ; des Marc Aurel (Cohen, Marc
Aurele 5 ff. 41‘2ff 549. Suppl. 59. 60), der es
liebte, seine Milde mit der des grofsen Cäsar
und der des Augustus zu vergleichen (Vulcat.
Gail. a. a. 0. und 12. 13). Später tritt an die
Stelle der Ciementia Augusta die Ciementia
temporum, die seit Gallienus ausnahmslos auf
den Münzen genannt wird (s. unten). Schliefs-
lich wird der Name Ciementia zu einer blofsen
Titulatur des Kaisers (Ciementia nostra, Cod. 30
Tlieodos. 2, 8, 20. Ciementia principalis , Noti-
tia dign. Orient, c. 19. 42; vergl. C. I. L. 10,
7229. 7230). — Die Münzbilder zeigen ver-
schiedene Darstellungen der Ciementia. Vitellius
verwendet für sie ein Bild, das später (z. B.
Cohen a. a. 0. Nerva 46—49. 102. 1 13 f. Tra-
jan 512 f.) gewöhnlich der Justitia zukommt:
eine sitzende Frau mit einem Zweig und Scep-
ter ; Schwester der Justitia nennt die Ciementia
Claudian. de Manl. Theod. cons. 166. Typisch 40
wird die Göttin abgehildet als eine stehende
Frau mit patera und Scepter (das ihr als Au-
gusta zukommi) , einer Iuno ähnlich (angef.
Münzen des Trajan,
Hadrian, Anton. Pius,
Marc Aurel ; neben-
stehende Abbildung
nach einer Münze
Hadrians; vgl. ''Cie-
mentia 0 Giunone’, 50
capitolinischeStatue,
Bull. d. inst. 1873
S. 50. Altar und
Säule sind der Göt-
tin beigegeben Coh.,
Ciementia (Münze Hadrians). Adrien 107 f. Suppl.
S. 111 zu 107). Auf
Münzen des Antoninus Pius und Marc Aurel
hält Ciementia in der Rechten die patera und
hebt mit der Linken das Gewand nach Art 60
der Spes empor (Coh., Antonin. 37. Marc Au-
rele 5 — 8. Suppl. 59). Die Münzen des letzte-
ren Kaisers zeigen aufserdem folgende Varia-
tionen: die Göttin hält in der Rechten eine
doppelte patera (41 3 f., vgl. 656); oder sie hält
in der Rechten die patera und legt die Linke
an ein Füllhorn, das an einem Altar befestigt
ist (412 = 415 mit dem Namen der Concor-
dia). Die Ciementia temporum erscheint mit
einem Scepter auf eine Säule gestützt (Coh.,
Gallien 76 f. Tacite 36 f. Florien 17. Probus
152 f.), gewöhnlich aber zeigen die Münzen mit
ihrem Namen ein symbolisches Bild: der Kai-
ser, in militärischer Tracht mit einem Scepter,
empfängt von Iuppiter eine Kugel, auf der
meistens eine Victoria steht (Coh., Tacite 38 f.
Probus 154ff., vgl. 163. 164ff. Carus 33. Nu-
merien 2 1 f. Car in 55 lf. Diocletien 133ff. Maxi-
mien Hercule 132 £). — Statius Tlieb. 12, 481 ff.
fingiert ein Heiligtum der Ciementia in Lerne
und führt den Ursprung desselben auf die
Nachkommen des Hercules zurück; Claudianus
in I cons. Stil. 2 , 6 ff verwebt Ciementia in
ein theogonisches System und preist sie als
die Ordnerin des Chaos. [R. Peter.]
Clitumnus. Unter den besonderer Vereh-
rung sich erfreuenden Flufsgöttern Italiens
nimmt eine der ersten Stellen Clitumnus ein,
der Gott des gleichnamigen umbrischen Flus-
ses (über die Etymologie vgl. Corssen, Ausspr.
2, 174); die Gegend desselben war weit und
breit sowohl durch ihre landschaftliche Schön-
heit, als durch ihren Reichtum an Rindern von
prächtiger weifser Farbe berühmt ( Verg. Georg.
2, 146 mit den Schol. des Serv. u. Pliilarg. Prop.
3, 12, 25. Sil. Ital. 4, 546 ff. Stat. Silv. 1, 4,
128 ff.), vor allem aber durch das hocliange-
gesehene Heiligtum des Gottes. Plinius (epist.
8, 8) giebt uns von demselben, sowie von der
ganzen Landschaft eine vollendete Schilderung.
In der Nähe der Quelle fand sich der berühmte
und noch in der Kaiserzeit von Reisenden viel
besuchte (Suet. Calig. 43) Hain, und in diesem
lag der alte Tempel des Gottes, umgeben von
einer grofsen Menge von Kapellen geringerer
Gottheiten, teilweise kleinerer Quellgötter von
Wassern, die sich mit dem Clitumnus verei-
nigten; ringsum fanden sich auf Säulen und
Tempelwänden zahlreiche Dank- und Votivin-
schriften, vor allem wohl von solchen, denen
der Gott gnädig die Zukunft enthüllt hatte:
denn seiner Weissagegabe wegen war er vor-
wiegend berühmt. Der Gott galt als ganz be-
sonders heilig (luven. 12, 13) und genols seine
Verehrung unter dem Namen Iuppiter Clitu-
mnus (Vib. Sequ. s. v.), d. h. nicht, wie Prel-
ler, Rom. Mytlif 2, 141) will, schlechtweg Di-
vus pater Clitumnus, sondern Iuppiter in sei-
ner Individualisierung als Clitumnus (Reiffer-
scheid, Annali d. inst. 1866, 2 15 f.) ; dies zeigte
auch sein Bild, welches den Gott nicht in der
gewöhnlichen gelagerten Stellung der Flufs-
gottheiten zeigte, sondern stehend und mit
der praetexta bekleidet, d. h. unter der Ge-
stalt des Iuppiter, und als Clitumnus nur durch
irgend welche unterscheidenden Attribute be-
zeichnet. — Noch heute findet sich zwischen
Trevi und Spoleto, bei der Ortschaft Le Vene
an der Clitumnusquelle ein kleiner antiker
Tempel , den man für den des Clitumnus zu
erklären pflegt; jedenfalls ist es aber nicht
der von Plinius beschriebene, da er nach der
ganzen Art des Baues frühestens aus der Zeit
der Antonine stammen kann; vgl. R. Venuti,
Osservazioni sopra il fiume Clitunno , Roma
1753. |(Wissowa.]
913 Clivicola
Clivicola s. Indigitamenta.
Cloacina oder Cluacina als selbständiger
Name Plaut. Cure. 4, 1, 9. Liv. 3, 48. Augu-
stin. ep. 17, 12. de civ. Dei 4, 8. 6, 10, 1 nach
Varro; Prudent. Ap. 265. Minuc. Octav. 25.
Cyprian, de id. van. 4. Abgebildet ist sie
auf einer Münze der gens Mussidia bei Colien ,
med. de la rep. Pom. 29, 6; vergl. Eckhel, d.
n. v. 5 p. 258. Vgl. De- Vit, On. s. v. Siehe
Venus und Concordia S. 915 Z. 8 ff. [Steuding.J
Cloanthus, Gefährte des Aneas, von wel-
chem das römische Geschlecht der Cluentii
sich ableitete, Verg. Aen. 1, 222. 510. 5,
122 f. 245. Serv. Verg. Aen. 5, 117. Hyg. f.
273. [Stoll.] _
Cocidius, ein celtischer Gott, der auf einer
Anzahl Inschriften aus verschiedenen Orten
am vall. Hadr. erscheint. Abgesehen von den
Namen der Dedicatoren, die meist als Solda-
ten bezeichnet sind, lauten dieselben: Deo
Cocidio, C.I.L. 7, 701, 800—804, 876; Sancto
Cocidio (eo?) 973; Deo sancto Cocidio 953 ; vgl.
Eph. ep. 3, 113; M (— Marti oder Magno?
nach Hübner) deo Cocidio 643; Cocidio genio
pr[ae~\sidi ( praesidii ? Hübner ) 644; Mart. Coc.
914; Deo sancto Marti Cocidio 286: Deo Marti
Cocidio sancto 977; Deo Marti [ C]ocidio . . .
Martius . . \c\oh. I Da\cor.\ genio vall[i v. s.J
7. m. 886 , hier wird er also genius valli ge-
nannt. Auf einer Inschrift aus Housesteads, 7,
642 erscheint er dagegen mit Silvanus identi-
ficiert. De-Vit, On. s. v. vermutet in dem Fano-
cocidi (Fanocedi?) des Anon. Ravenn. 5, 31
p. 433 Pr. ein fanum Cocidii. [Steuding.J
Cocliensis , Beiname des Liber Pater auf
einer Inschrift bei hlommsen, Inscr. Helv. 113:
Libero Patri Cocliensi P. Severins Lucanus
v. s. 7. m. De-Vit, On. s. v. vermutet, dafs
der Beiname von einer Ortschaft entlehnt sei,
; dagegen denkt er s. v. Cochlias an eine Ab-
leitung von soxHag. [Steuding.J
Coera, Name einer Gottheit auf einem Be-
I eher wahrscheinlich etruskischen Ursprungs,
\ C. I. L. 1, 45: Cocrae pocolo(m ?). Mommsen
denkt an die dea Cura (vgl. Sorgenbrecher?),
Wilmanns , inscr. lat. 2827 d liest dagegen
Cotra. [Steuding.J
Coinquenda s. Indigitamenta u. Dea Dia.
Collatina s. Indigitamenta.
Comedovae Angustae, celtische Göttinnen
auf einer Inschrift aus Äix les bains in Sa-
i voyen, Orelli 2098 : Comedovis Augustis AI. Ilel-
| vius Severi fil. luventius ex voto. ( Brambach ,
inscr. Rhen. 469 liest Comedonibus). Wahr-
| scheinlich gehören dieselben zu den in dieser
Gegend so häufig vorkommenden matres ; viel-
leicht dürfte in dem Namen der Stamm co-
, meit, comet, comid retten ( Zeufs , gr. C. p. 871a)
und die Ableitungssilbe ov (ebenda p. 784)
enthalten sein. [Steuding.J
Coinmolenda s. Indigitamenta u. Dea Dia.
Complices (dei) nach Varro b. Arnob. 3, 40
identisch mit den Consentes (s. d.), d. h. Göt-
ter, welche nach dem Glauben der Etrusker
lie innersten Räume des Himmels bewohnten
md den Rat des Iuppiter bildeten. Zahl und
• Lamen derselben waren nach Varro unbekannt,
loch scheinen einige behauptet zu haben
Concordia (in republ. Zeit) 914
(Etrusker?), dafs 6 männliche und ebensoviel
weibliche zu unterscheiden seien, was deutlich
an das griechische Zwölfgöttersystem erinnert.
Die etwas unklare Notiz bei Arnob. a. a. O.
(vergl. auch Caecina bei Sen. Q. nat. 2, 41)
lautet: 'Varro qui sunt introrsus atque in in-
timis penetralibus caeli deos esse censet , quos
loquimur (d. i. Renates) , nec eorum numerum
nec nomina sciri. Hos Consentes et Complices
Etrusci aiunt et nominant, quod una oriantur
et occidant una, sex mares et totidem feminas,
nominibus ignotiset miserationis parcissimae ; sed
eos summi lovis consiliarios ac principes existi-
mari\ Vgl. Preller, Rom. Myth. 3 1, 70. Müller,
Etrusker2 2, 83. Klausen, Aeneas 2,659 f. Oehler
Z. Arnob. a. a. 0. vgl. unt. 923, 3. [Rosclier.J
Coiicanaunae matronae, celtische Göttinnen
auf einer Inschrift aus Corbetta bei Mailand,
C. I. L. 5, 5584: Sanctis Matr \ onis. Ucel-
las | icis Concana | unis. Novell(i) \ us Maila-
nds) | (P)rimuli filiu(s) | votum Mas(i?) \ von-
num | Matronis | v. s. I. m |. Zu vergleichen
sind vielleicht die Concani in Cantabria.
[Steuding.J.
Concordia. Die Personifikation der Ein-
tracht ist eine der ältesten der römischen
Religion [vergl. die griecli. Homonoia. R.J.
Zur Zeit der Republik tritt besonders
die politische Bedeutung der Göttin als Ver-
körperung der Bürgereintracht in der Grün-
dung einer Anzahl von Heiligtümern hervor
(vgl. über dieselben Mommsen in Arm. d. inst.
16, 1844 S. 293 f. Detlef sen daselbst 32, 1860
S. 148 f. Mommsen im Hermes 9 , 187 5 S. 287 ff.).
Im Jahre 388/366 erbaute Camillus nach dem
Kampfe um die licinischen Gesetze eine Ka-
pelle der Concordia am clivus Capitolinus
( Ovid . f. 1, 637 ff. Plut. Cam. 42. Varro l. I.
5, 148; vergl. Becker, Topogr. S. 311 f. und
unten); 450/304 errichtete Cn. Flavius , der
die Patricier durch die Veröffentlichung des
Kalenders erzürnt hatte, eine kleine eherne
Kapelle der Concordia auf der area Volcani,
von nun an area Volcani et Concordiae ge-
nannt (Liv. 9, 46. Plin. n. h. 33, 19, vgl. Liv.
39, 56. 40, 19 = Obsequens 4. 6; vgl. Becker,
Topogr. S. 289. 312 A. 550. Hartung , Relig.
d. Rom. 2. S. 107. Preller , Reim. Mythol.3 2
S. 1 5 0 f . ) . Nach der Beilegung eines Aufstan-
des im Heere wurde der Concordia-Tempel in
arce im Jahre 537/217 gebaut und am 5. Febr.
538/216 geweiht (Liv. 22, 33. 23, 21. Kal.
Praenest. zum 5. Febr. C. I. L. 1 S. 314; vgl.
Becker, Topogr. S. 409. Jordan, Topogr. der
Stadt Rom 1, 2 S. Ulf.), nach der Ermor-
dung des C. Gracchus von L. Opimius im
Jahre 633/121 ein Concordia-Tempel in der
Nähe der von Camillus und Flavius gestifte-
ten Heiligtümer errichtet ( Nicostratus in libro
qui inscribitur de senatu habendo bei Fest.
S. 347 s. v. senacula. Varro l. I. 5 , 156.
Cie. Sest. 67, 140. Plut. C. Gracch. 17. Ap-
pian. b. c. 1, 26. August, c. d. 3, 26; vergl.
Becker, Topogr. S. 309; über Senatssitzungen
in dem Tempel Mommsen im Hermes a. a. 0.
S. 290). Ob ein dem Julius Cäsar nach seinem
Siege über Pompejus vom Senate dekretierter
Tempel der Concordia Nova zur Ausführung kam,
io
20
30
40
50
60
915
Concorclia (in republ. Zeit)
Concordia (in d. Kaiserzeit) 916
ist ungewifs ( Cass . Dio 44, 4 'Oyovoicc v. cuvg;
vgl. Becker, Topogr. S. 335 A. (514. Momm-
sen im Hermes S. 289. Eckhel, Doctrin. num-
mor. vetl. 5 S. 130). Da fast alle diese Stif-
tungen in der Nabe des Platzes liegen, auf
welchem nach der Tradition Romulus und
Titus Tatius sich verbunden und der Cluacina
ein Heiligtum gestiftet hatten ( Plin . n. h. 15,
119. Serv. Aen. 1', 270; vergl. die Münze des
L. Mussidius Longus mit einem verschleierten
weiblichen Kopfe und dem Namen der Con-
cordia auf cler Vorderseite und einem tribü-
nenartigen Aufbau mit der Inschrift CLOACIN
auf der Rückseite, Eckliel a. a. 0. S. 258. Co-
hen, Med. cons. Taf. 29 Mussidia n. 4f.), so
erscheint die politische Concordia als eine
Nebenform jener Bundesgöttin, die ihrerseits
nichts anderes als eine Form der Venus ist,
( Preller a. a. 0. S. 260); eine Venus Concor-
dia beruht jedoch lediglich auf einer unrich-
tigen Vermutung von Graefe {De Concordiae
et Fidel imagg., Petropoli 1858 S. 17 ff. , vgl.
A. Bei ff er scheid, De ara Vcneris Genetricis, in
Ann. cl. inst. 35, 1863 S. 365). In mystischer
Weise bringt Concordia mit Venus in Verbin-
dung E. Gerhard {Über Venusidole in Abhdlgn.
d. Perl. Acad. 1843, ph.-hist. Kl. S. 317 ff. =
Gesammelte Abhandlungen 1 S. 258 ff.) als eine
r venusähnliche Göttereintracht’, in der ’aller
besondere Venusdienst seine oberste Einigung
und Heiligung fand’ (S. 327=271). Später
schliefst sich Concordia an Venus Victrix an
(vgl. B. Stark in N. Jahrbb. f. Pli. 79, 1859
S. 634f.), indem Münzen des L. Vinicius an
Stelle des gewöhnlichen, verschleierten Haup-
tes der Göttin einen venusähnlichen, lorbeer-
bekränzten Kopf zeigen {Eckhel a. a. 0. S. 343.
Colien a. a. 0. Taf. 42 Vinicia n. 1. Momm-
sen, Histoire a. a. 0. S. 521 n. 304; vgl. d.
untenstehende Abbildung; auf der Rückseite
eine Victoria, vergl. Lio. 26, 23 in aede Con-
cordiae Victoria, quae in culmine erat, f ul-
mine icta decussaque ad Victorias, quae in
antefixis erant). [Aufser cler angeführten Münze
vgl. den Denar des Paulus Aemilius Lepidus
Eckhel a. a. 0. S. 129 f. Cohen a. a. 0. Tf. 1
Aeniilia n. 10. Mommsen, Histoire de la mon-
naie rom. 2 S. 499 f. n. 280 b., dazu Canina in
Ann. cl. inst. 18, 1846 S. 251. Benndorf- Schöne,
Lateran. Mus. n. 440. Kliigmann in Ztschr.
f. Numism. 6, 1879 S. 39 f. 42; uncl den Denar
des P. Fontejus Capito Eckhel a. a. 0. S. 219.
Cohen a. a. 0. Taf. 18 Fonteja n. 10. Momm-
sen, Histoire a. a. 0. S. 509 n. 290 b., dazu
Kliigmann in Ztschr. f. Numism. a. a. 0. S. 40 ;
auf beiden ist der Kopf der Göttin durch die
Beischrift des Namens kennt-
lich gemacht; B. Engelhard ,
De personificationibus quae in
pocsi atque arte Born, inveniun-
tur, Gotting. 1881 S. 42f. will
auch den weiblichen Kopf auf
den Münzen der gens Marcia,
Cohen a. a. 0. Taf. 26 Marcia
n. lOf. , dem kein Name bei-
geschrieben ist, nicht für den der
Iuno Moneta, sondern der Concordia halten; zu
den Münzen mit dem Kopfe der Concordia vgl.
Concordia (Denar
der gens Vinicia).
im allgemeinen Kliigmann in Ztschr. f. Numism.
7, 1880 S. 64]. Ein Standbild der Concordia ;
hatte der Censor Q. Marcius (Censor 590/164,
vgl. C. de Boor, Fusti censorii S. 19) öffentlich
aufgestellt; als der Censor C. Cassius (Censor i
600/154, de Boor S. 20) dasselbe in die Curie I
überführte und zugleich mit dieser der Con-
cordia weihen wollte, verhinderten die Ponti-
fices die Dedikation {Cie. de domo 50, 130 f.
io 53, 136 f). Ob bei Plin. n. li. 35, 141 Habron
amicam {Amicitiaml) et Concordiam pinxit ei
deorum simulacra an die römische Concordia
zu denken ist, läfst sich nicht entscheiden, da !
wir über die Zeit des Künstlers und über das
Gemälde sonst nichts wissen (vgl. Brunn, Gesch. f 5
der griech. Künstler 2 S. 299 und 1 S. 519.
525. Urlichs, Malerei in Bom S. 21 A. 18).
In der Kaiserzeit gehört der Kult der 1 $
Concordia zu den angesehensten. Augustus er- j
20 richtete im Jahre 745/9 einen Altar, auf wel- :
ehern am 30. März dem Ianus, der Salus, Con- »
cordia und Pax geopfert wurde {Ovid. f. 3, S.
881 f. Cass. Dio 54, 35; vgl. Preller a. a. 0.
S. 251. Mommsen im C. I. L. 1. S. 395; zur
Verbindung der Concordia mit Salus vergl.
Cohen, Med. imp. Galbci 252 mit dem Kopf der
Salus auf der Vorderseite und Concordia auf
der Rückseite, und Luccm. 4, 189 ff. ; mit Pax: |
C. 1. L. 2, 3349 und unten; auf einer alexan,- 1
30 drinischen Münze Trajans reichen Eigiqv q und '
’Ogcvoia sich die Hände , Eckhel a. a. 0. 4
S. 63). Livia weihte in der porticus Livia im
Jahre 747/7 am 11. Juni ein Heiligtum der ..
Concordia {Ovid. f. 6, 637 ff.); Tiberius unter-
nahm in demselben Jahre die Erneuerung des B
von Camillus gestifteten Heiligtums und weihte Fi<
am 16. Jan. d. J. 12 n. Chr. bei Gelegenheit fei
seines Triumphes über die Pannonier und Dal- Fr;
matier den Tempel der Concordia Augusta *
40 {Ovid. f. 1, 645 ff. Cass. Dio 55, 8. 56, 24. I
Sueton. Tib. 20. Kalend. Praenest. zum 16. Jan.
C. I. L. 1 S. 312, dazu Mommsen S. 384 und ®
295 n. 9. Jordan in Ephem. epigr. 1 S. 236 ; ler
zum Jahr 12 : E. Meyer in Ztschr. f. d. Gymn- «
Wesen 32, 1878 S. 457 gegen Brandes in N. fe
Jahrbb. f. Phil. 115, 1877^ S. 349ff., der 13 Jaf
n. Chr. angenommen hatte, während die Dedi- &
kation früher in d. J. 10 n. Chr. gesetzt wurde, -1
vergl. Mommsen im C. I. L. 1 S. 384 zum B
50 16. Jan.; Lage am clivus Capitolinus neben
dem Vespasianstempel und erhaltene Reste: ;>(
Ovid. a. a. 0. , Flut. Cam. 42. Stat. Silv. 1,
1, 22 ff. Serv. Aen. 2, 116. Notit. und Curios.
Urbis S. 12 f. Prell. 552 Jord. Acta fratr. Ar- |1
val. ed. Hmzen S. CXVII und 5 = C. I. L. 6, 1
S. 514; vgl. Becker, Topogr. S. 311. Nissen, \
Tcmplum S. 204 f. Jordan, Top. d. St. Bom 2
S. 444. 477. 483. 1 , 2 S. 192 f.) ; das Bild der ;
Göttin in diesem Tempel trug einen Lorbeer-
60 ltranz {Ovid. f. 6, 91 ff, dazu Preller a. a. 0.
S. 262; Kunstwerke in dem Tempel: Plin. n. h.
34, 73. 77. 80. 89f. 35, 66. 131. 144. 36, 196.
37, 4; vgl. Urlichs, D. Quellenregister zu Plin.
letzten Büchern, Würzb. 1878 S. 19); noch in
später Zeit restaurierte der Senat den Tempel
{C. I. L. 6, 89 und Henzen z. d. Inschr,; vgl.
Jordan, Topiogr. 1, 2 S. 192A. 31). Nach der
Entdeckung der Verschrvörung des M. Libo
917 Concordia (auf Kaisermünzen etc.)
Concordia (Ehegött. d. kais. Hauses) 918
im J. 16 n. Chr. erhielt mit anderen Göttern
auch Concordia reiche Geschenke ( C . I. L. 1
S. 324. Tac. Ann. 2, 32. C. I. L. 6, 91—94
und Henzen das.). Die Arvalen bringen ein
auf Kaiser Claudius bezügliches Opfer im Tem-
pel der Concordia dar (Acta fr. Arv. ed. Hen-
zen S. LVI und 165 = C. I. L. 1 S. 474) und
opfern am Geburtstage der Agrippina unter
anderen Gottheiten im J. 57 der Concordia
( Acta etc. S. LXIV und 57 — C. I. L. 6,1
S. 478), im J. 58 der Concordia ipsius ( Acta
S. LXX und 57 = C. I. L. 6, 1 S. 482; vgl.
Henzen im Hermes 2, 1867 S. 47 und in Ann.
d. inst. 39, 1867 S. 251), am Geburtstage des
Nero im J. 58 der Concordia honoris Agrip-
pinae Augustae (hon. Agripp. = Nero; Acta,
C. I. L. a. aa. 00. , vgl. Henzen im Hermes
S. 51, in Ann. S. 257), im J. 60 der Concor-
dia (Acta S. LXXVII und 57 = G. I. L. 6, 1
S. 486); im Tempel der Concordia sagt der
magister das Opfer der Dea Dia an (Acta
S. 5). Auf den Münzen*) erscheinen durch
Beischrift des Namens
gesicherte Bilder der
Concordia Augusta zu-
erst unter Nero; eine
sitzende Frau mit einer
Opferschale in der vor-
gestreckten Rechten
und einem Füllhorn im
linken Arm (Neron 7 f.
„ , Titus 157 ff. Julie 12 f.
Concordia Augusta, Münze d. T, ... , ,
Titus (Imhoofs Sammlung). Domihen 300 und sehr
ott; nebenstehende Ab-
bildung; vergl. Claude 97 Taf. 10 die gleiche
Figur ohne Namensbeischrift; das Füllhorn
fehlt bei Sabine Suppl. 2) und eine stehende
Frau mit denselben Attributen (z. B. Vespci-
sien 263. Titus 161. Antonin Suppl. 6. Lu-
cille 47 ; vgl. unten) sind die Haupttypen der
Concord. Aug. auf Münzbildern. Danach hat
man ähnliche Bronzefiguren sitzender und ste-
hender Frauen mit patera und Füllhorn Con-
cordia benannt (vgl. v. Sachen, Ant. Bronzen
des Je. Je. Münz- und Ant.-Cabin. in Wien 1
Taf. 16, 2. 36, 1. und S. 87, wo auch eine
Neapeler Bronze, Bronzi d'Erc. 2 S. 15. Wie-
selet-, D. A. K. 2 3 Taf. 5, 59, die man gewöhn-
lich als Iuno Augustae oder weiblichen Ge-
nius einer anderen angesehenen Frau bezeich-
net , für Concordia in Anspruch genommen
wird); über andere als Concordia aufgefafste
Bildwerke vgl. Engelhard a. a. 0. S. 56 f. ; als
Concordia erklärte Cavedoni (Bull. d. inst. 1859
S. 173) die mit Füllhorn und patera thronende
Göttin einer ceretanischen ara des lateran.
Museums (abgebild. Monum. d. inst. 6, 1858
Taf. 13; vergl. Fortuna); auch Darstellungen
geschnittener Steine, die den Münzbildern ganz
entsprechen, hat man als Concordia gedeutet
(vgl. z. B. TölJcen, ErJclär. Verz. d. antiJcen
Steine S. 234 n. 1372). Unter den beiden
Haupttypen der Conc. Aug. werden oft auch
*) Alle folgenden Citate von Kaiser münzen beziehen
sich, sofern nichts anderes angegeben, auf Cohen , Med.
imp. ; vgl. das. Suppl. S. 440 f. in der table des legendes des
revers die Sammlung aller Münzen, auf denen Concor-
dia genannt ist.
die Kaiserinnen selbst dargestellt (auf Mün-
zen, z. B. Caligula 13 Taf. 9, wo die drei
Schwestern des Caligula als Securitas, Concordia
und Fortuna abgebildet sind; Claudia 1 Tf. 12
eine sitzende Frau mit Füllhorn und patera
in einem Tempel, Umschrift: Diva Poppaea
Aug. ; Faustine jeune 125 f. sitzende Frau
mit denselben Attributen, Beischrift: Augusti
PU fdia; Statuen: Monum. d. inst. 6/7, 1863
io Taf. 84, 3 Statue der Faustina sen. mit patera
und Füllhorn, dazu vgl. U. Köhler in Ann. cl.
inst. 35, 1863 S. 450 ff. und Engelhard a. a. 0.
S. 56; vergl. Nissen, Pompejan. Stud. S. 290.
Overbeck., Pompeji 4 S. 134); andererseits wird
Concordia unter dem Bilde der Divae Augustae
(vergl. z. B. Galba 20. 107. 120) sitzend und
stehend mit Opferschale und Scepter dar-
gestellt ( Commode 13 ff. 472 ff.: Concordia Covi-
modi; Plautüle 1 f. ; bei Severe II 4 noch mit
20 modius auf dem Kopfe), und das Symbol der
vergötterten Kaiserinnen , der Pfau , auch für
Concordia verwandt (Doniitüle 2. Julie 2. Uo-
mitia 2 ff. Taf. 18). Con-
cordia ist in der Kaiser-
zeit hauptsächlich die
Ehegöttin des kai-
serlichen Hauses.
Die Vereinigung zweier
Füllhörner im Arme der
30 Göttin (z. B. Trajan 121.
134. 152. 195. 283. 519.
Lucille 44 ff. sitzende
Concordia; Adrien 697.
Sabine 9 Taf. 7 ; 10. Concordia mit 2 Füllliör-
39 ff. Aelius 1. Faustine Münze Gordians III.
mere 63. 213. Faustine
jeune 141. Crispine 3 stehende Concordia; vgl.
nebensteh. Abbildung) scheint auf die Verbin-
dung der beiden Mitglieder des Kaiserhauses
40 bezogen werden zu müssen und den aus dem
Ehebunde hervorgehenden Kindersegen zu sym-
bolisieren (vgl. Drusus 1 und Antonin 248 f.
Taf. 11; 846 zwei mit Kinderköpfen gekrönte
Füllhörner; EcJchel a. a. 0. 2 S. 257 u. Mion-
net, Dcscr. de med. 2 S. 192 n. 327: auf einer
in Paträ geschlagenen M. des Claudius mit der
Beischrift Liberis Aug. ein jugendlicher männ-
licher Kopf zwischen zwei mit weiblichen
Köpfen gekrönten Füllhörnern); gerade im
50 Arm der Concor-
dia ist das dop-
pelte Füllhorn ein
stehendes Symbol
geworden. Die
auf die Ehe ge-
setzte Hoffnung
wird ansgedrückt
durch eine der
Concordia beige-
60 seilte Statuette
der Spes , auf
welche sie zuwei-
len den linken
Arm legt (Adrien
109—116. 702 ff.
Sabine 2 ff. Tf. 7; 36. Suppl. S. 132 zu 5 und
6 mit Scepter statt patera; Adrien 698 f. Sa-
bine 45 ff. Taf. 7. Antonin 41f. Faustine viere
Concordia mit Spes (vgl.
S. 919, 3).
919 Concordia (Ehegött. d. kais. Hauses etc.)
Concordia (Augustorum etc.) 920
215. Suppl. S. 158 zu 62. Lucille lf. Medail-
lon des Commodus und der Crispina, abgebil-
det bei Fröhner , Lcs niedaillons de Vempire
vom., Paris 1878 S. 148; s. Abbildng. S. 918;
vgl. Gerhard, Venusidole S. 327 = HW«. S. 271,
der S. 329 f. Taf. 6, 2. 3. = Ablidlg. S. 273f.
Tat. 33, 2. 3 zwei Bildwerke, deren trümmer-
liafte Erhaltung jede sichere Deutung verbietet,
ergänzt und als Concordia mit einer Venus-
Spes deutet, vgl. dessen Prodromus S. 65. 67) ;
in gleichem Sinne stützt sich Concordia auf
das neben ihrem Sessel stehende Füllhorn
( Adrien 706. Aelius 2 ff. Taf. 9; 7 ff“. 2 8 ff. Fau-
stine mere 60 ff. 214, vgl. Adrien 700. Marc
Aurele 10 ff. 17 ff. Faustine jeune Suppl. 4. Lu-
cius Verus 6f. 113). Die jüngere Faustina
setzt auf ihre Münzen eine nach Art der Spes
das Gewand emporhebende Concordia mit
Füllhorn ( Faustine jeune 15 ff. 140. 1 42 ff. , vgl.
14) und giebt der auf das Füllhorn, das hier
noch auf einer Ku-
gel aufsteht, sich
stützenden Concor-
dia in die Rechte
die Blume der Spes
(18 1. 136f. ; nebenst.
Abbildg.). Als Stif-
terin des Ehebundes
wird Concordia cha-
rakterisiert , wenn
auf einer Darstellung
der dextrarum iun-
Concordia mit Blume der Spes,
Münze d. Faustina jun. ctio des AntonillUS
Pius und der älte-
ren Faustina der Kaiser eine Statuette der
Concordia in der Hand hält ( Antonin 502 f.
Taf. 12 = Faustine mere 217 mit der Legende
Concor diae ) und bei anderen Darstellungen der
gleichen Scene Concordia nach Art einer Iuno
Pronuba zwischen beiden Personen steht und
sie vereinigt (z. B. Marc Aurele 20. Suppl. 7.
Caracalla 15. Iulia Paula 18 f. Aquilia Severa
8 Taf. 16 mit dem Namen der Concordia;
Faustine mere 115. Marc Aurele 808 ff. Tf. 15.
Crispine et Commode 2 Taf. 4, bei Grueher u.
Poole, Roman medaillons in the British Mu-
seum, London 1874 Taf. 37, 1 und Fröhner
S. 147, mit der Umschrift Vota publica; vgl.
PL. Brunn in Ann. d. inst. 16, 1844 S. 189 A. 1;
vgl. die Darstellungen der dextr. iunct. ohne
die Göttin, denen nur der Namen der Concor-
dia beigeschrieben ist: Sabine 11. Faustine
mere 65. 216. etc., vgl. Fröhner S. 177; Stal,
silv. 1, 2, 239 ff. Claudian. nupt. Honor. et
Mar. 202 f. Martian. Cap. 2, 147). Auf diesen
Münzbildern will Rofsbach (Rom. Hochzeits-
und Ehedenlcm. S. 24, ihm folgt A. Herzog,
Stati Epithalamium denuo editum, Lips. 1881
S. 34, vergl. auch Fröhner S. 149) trotz der
Umschrift in der die beiden Personen verbin-
denden Göttin nicht die Concordia, sondern
Iuno Pronuba erkennen. Dafs aber die Bei-
schrift sich auf die Figur bezieht, welche die
Verbindung des Kaisers und der Kaiserin her-
beiführt, geht daraus hervor, dafs wir auf an-
deren Münzen durch dieselbe Umschrift eine
Göttin bezeichnet finden, die in ganz gleicher
Weise zwei männliche Mitglieder des Kaiser-
hauses verbindet, wo an eine Iuno Pronuba
natürlich nicht zu denken ist (z. B. Adrien
536, abgeb. bei Grueher u. Poole Taf. 3, 1.
Aelius 26 Taf. 10. Grueher u. Poole Tf. 7, 1
und Fröhner S. 44. PHocletien 104; dieselbe
Scene sehr häufig ohne die Concordia mit der
Legende Concordia Augustorum , z. B. Marc
Aurele 21 ff. 417 ff. Lucius Verus 8 ff. 114 ff. Tf. 1 ;
auf den Münzen griechischer Städte mit der
io Legende 'Ogovoiu Usßuozcöv; vergl. Eckhel
a. a. 0. 4 S. 332). Als Ehestifterin wird
Concordia Felix genannt ( Lucille 34, abgeb.
Fröhner S. 97. Iulie Domne 14. Caracalla 15 f.
Plautille 9; später jedoch ohne Beziehung
auf den Ehebund Concordia felix dominorum
nostrorum, z. B. Maximien Hercule 160. Ga-
lere Maximien 58; vgl. Prudent. Psychomach.
644 f. ) ; der lange Bestand ihres Werkes wird
ausgedrückt durch eine Säule, an die sie sich
so lehnt (z. B. Adrien 697. Sabine 39 ff Aelius
1. 27. Faustine mere 64. 211 f. ; vgl. Concor-
cliae aeternae: Caracalla, Sept. Severe et Lulie
lff. Suppl. 1. Lulia Paula 4. 18. Plautille 7f.
Tf. 12 ; 26. Salonine HOt; Martial. 4, 13, 7 ff).
Die Concordia Augustorum wird häufig auf
den Münzen genannt (vgl. Cohen, fable s. v. ;
C. L. L. 8 , 8300) ; auf die Eintracht des
M. Aurel und L. Verus bezieht Hübner (Ann.
d. inst. 36 , 1864 S. 233) die in einer metri-
30 sehen Inschrift bei Brambach, C. I. Rhen. 484
genannte Sospes Concordia (vgl. dazu Zange-
meister im N. Rh. Mus. 19, 1864 S. 49 ff., und
C. I. L. 8, 8301); alle männlichen Mitglieder
des kaiserlichen Hauses umfafst die auf den
Münzen der späteren Kaiserzeit sehr häufige
Concordia Augustorum et Caesarum (vgl. Co-
hen, table s. v. und die Concordia perpetua
dominorum nostrorum Maximien Hercule 168.
Constantin I 217; vgl. Cass. Dio 77, 1).
40 Aufser den angeführten Darstellungsweisen
zeigen die Kaisermünzen noch andere Bilder
der Concordia; Ähren oder ein Mohnkopf mit
Ähren in der Hand der Göttin an Stelle der
Opferschale bedeuten die von ihr verliehenen
Gaben der Ceres und Annona ( Vespasien 19 ff.
Titus 12. Domitien 18—20; vgl. Cavedoni in
Ann. d. inst. 25, 1853 S. 9; Ähren hält auch
die ' Ofiövoux auf alexandrin. Münzen des Titus
und des Aelius, vgl. Eckhel a. a. 0. 4 S. 332).
50 Vereinzelt sind andere Darstellungen der Göt-
tin: sitzend mit Scepter und Ölzweig ( Galba
113 ff = Clementia, vgl. d.), stehend mit Scep-
ter und Füllhorn (Antonin 38, vgl. 120. Fau-
stine mere Suppl. 7), sitzend mit Opferschale
und an die Brust gelegter linker Hand, hinter
dem Sessel das Füllhorn (Marc Aurele 16),
stehend mit Opferschale und die Linke auf
ein Füllhorn, das an einem Altar befestigt ist,
legend (Marc Aurele 415 ff, = Clementia, vgl. d.).
60 Auf Münzen der beiden Faustinen ist die Taube
das Symbol der Concordia (Faustine mere 59.
jeune 20 ff Taff 18. Suppl. 3; vgl. Ilor. cp. 1,
10, 3 ff).
Concordia wird in der Familie besonders
am Feste der Cara Cognatio (Ovid. f. 2, 361 f. ;
vgl. Valer. Maxim. 1, 8, 17), vielleicht auch
bei dem Opfer der Frauen am 1. April (Lyd.
de mens. 4, 45) angerufen; sie wird in Zünf-
:
:>
I;
] m
il di
1-
t;
1 l
3!
in
1:'
K
1 iii
:
Coi
I»
L
' f.
13!
3
921 Concordia (provinciarum etc.)
teil , Corporationen und Gemeinden verehrt
( Conc . collegi brattiariorum inauratorum C. 1.
L. 6, 95. Conc. collegii fahr um hastensium das.
5, 7555. Conc. curatorum arcae collegii fabrum
et centonariorum das. 5612. Conc. decurionum
das. 2, 3424. Conc. coloniarum Cirtensium das.
8, 6942. Conc. civitatis hei Ch. Robert, Epigra-
pliie de la Moselle S. 13. Conc. populi et ordinis
C. I. L. 8, 2342. Conc. Agrigentinorum das.
10, 7192; vergl. Brambach, C. I. Rlien. 2027.
C. I. L. 8, 757; über die entsprechende auf
Münzen griechischer Städte genannte und dar-
gestellte ’Ogövoicc von Gemeinden etc. vergl.
Eckhel a. a. 0. 4 S. 332 ff.). Klügmann (in
Ztschr. f. Numism. 6, 1879 S. 39 f. 41 f.) hat
darauf aufmerksam gemacht, dafs auf den von
mehreren Monetären gemeinsam geprägten
Denaren der Kopf der Concordia nicht ohne
Kücksicht auf die Verbindung der Miinzmeister
gewählt sei. Die Kaiser loben auf den Mün-
zen die Conc. provinciarum ( Galba 12 ff. 254,
vgl. Orelli 2131 dis deabusque praesidibus pro-
vinciarum Concordiae etc.), Conc. praetoriano-
rum ( Vitellins 7. 100), Conc. senatui {Vespa-
sien 264), Conc. equitum ( Gallien Suppl. 10.
Postume 12. 13 f. mit dem Bilde der Fortuna;
vgl. Cic. ad Att. 1, 14, 4), Conc. imperii ( Ga -
lere Maximien 61. Severe II 16. Maximin II
37 f. Constantin I 214; vgl. orbis Concordia
in einem Gebete bei Flav. Vopisc. v. Probi
12), und besonders oft die Conc. exercituum
( Vespasien 25. Nerva 9 — 18. 71—80. Adrien
707 f. Antonin 504 ff., vgl. 924. 934. Marc Au-
rele 427. etc.), Conc. militum ( Connnode 16 tf.
und aufserordentlich häufig auf Münzen der
späteren Kaiserzeit, vgl. Cohen, table s. v.) und
Conc. legionum (Valerien pere 31. Claude II 48.
Aurelien 9f.). Concordia Populi Romani ( Vi-
tellins 3 ff.) und Conc. Augusti ( Vitellius 62 ff.
Vespasien 24. 261 f. Suppl. 59 f. Titus 13. 157 f.
C. I. L. 2, 465; vgl. Conc. Commodi Commode
13 ff. 472 ff.) drückt nach Hübners (C. I. L. 2
zu n. 465) Vermutung die Eintracht des Kai-
sers mit dem Volke aus. Die Conc. provinc.
und praetor, wird mit Fides exercituum ver-
bunden ( Galba 254. Vitellius 100, vgl. Ephem.
epigr. 4, 715) und unter dem Bilde der Pax
mit Ölzweig und Füllhorn dargestellt; die Conc.
exercit. etc. erscheint gewöhnlich als stehende
Frau mit Feldzeichen in den Händen (bei
Claude II 43. 46. Quintille lOff. mit einem
Feldzeichen und Füllhorn); einmal hält sie
eine Victoria-Statuette in der Rechten und ein
Feldzeichen in der Linken ( Antonin 504 ff. ;
s. obenstehende Abbildg.), ein andermal führt
sie ein Feldzeichen und einen caduceus ( Galba
253); oder sie wird selbst nicht dargestellt,
sondern durch das Symbol der verbundenen
Hände bezeichnet.
Aufs er halb Roms sind uns Bilder und Hei-
ligtümer der Concordia aus republikanischer
Zeit bekannt aus Cora (Bild, C. I. L. 10, 6508
= 1, 1154), Casinum (Bild und Altar, 40 v. Chr.,
C.I.L. 10,5159), Syrakus (Altar, Liv. 24, 22);
in Agrigent ist ohne genügenden Grund eine
Tempelruine als Tempel der Concordia be-
zeichnet worden (vgl. Schubring , Histor. To-
pogr. von Acragas, Leipz. 1870 S. 80. 52 ff.).
Consentes
922
Concordia exercituum (siehe
S. 921, 54).
Der Concordia Augusta. und Pietas weiht unter
Tiberius oder Nero in Pompeji die städtische
Priesterin Eumacliia das Chalcidicum, in des-
sen Trümmern eine Concordia-Statue ohne
Kopf mit reich ver-
ziertem Füllhorn ge-
funden worden ist
(C. I. L. 10, 810;
vergl. Nissen, Tem-
10 plum S. 219. Pom-
ptejan. Stud. S. 287 ff.
Overbeck , Pompeji
S. 131ff.); in Pata-
vium war ein be-
rühmter Tempel der
Concordia Augusta
mit einer besonderen
Priesterschaft Con-
cordiales oder Con-
20 cordiales Augustales ( C . I. L. 5, 2307. 2525.
2843. 2865. 2869. 2872.2874f. 3130; vgl. Momm-
sen das. S. 268); in Anaunium stiften drei Brü-
der der Concordia Augusta eine ara cum signo
(C. I. L. 5, 5058). [R. Peter.]
Concubinus s. Indigitamenta.
Condat[es] (Dativ Condati), eine celtische
Gottheit auf der Inschrift eines Altars aus der
Nähe von Piers bridge am Tees, C. I. L. 7,
420: D.M. || Condati || Attonius || Quintianus etc.
30 Mommsen und Hübner meinen, dafs nicht Dis
Manibus, sondern Deo Marti Condati aufzulösen
sei. Letzteres Wort wird meist durch confluens
erklärt, wofür der häufig vorkommende Städte-
name Condate zu sprechen scheint; als Name
eines Gottes ist diese Bedeutung aber nicht
wahrscheinlich. [Steuding.]
Conditor s. Indigitamenta.
Couiuinbric(enses) dii und deae, celtische
Ortsgottheiten auf einer Inschrift aus Freixo
40 de Numäo (Lusitania), C. I. L. 2, 432: . . . dis.
deabusq \ Coniumbric \ s. I. m. Hübner a. a. 0.
denkt an Conimbriga = Coimbra und vermutet
deshalb Conimbrigensibus; doch kann es auch
eine Ortschaft Coniumbriga gegeben haben.
[Steuding.]
Consentes. Die Vorstellung von einer Zwölf-
zahl besonders hervorragender Götter ist, wie
sie sich ja auch bei den Griechen findet, den
italischen Völkern gemeinsam, aber von den
50 einzelnen in verschiedener Weise ausgebildet
worden. Die Etrusker zunächst hatten unter
den verschiedenen Kreisen von Göttern, welche
ihr theologisches System umfafste, einen, des-
sen etruskischen Namen die römischen Anti-
quare durch das Wort Consentes oder Com-
plices wiedergeben. Es sind das 12 Götter,
die zusammen entstanden sind und zusammen
vergehen werden, aber nicht etwa die höchsten
des ganzen Götterkreises, sondern, von diesen
60 geschieden, geheimnisvolle Wesen, deren Na-
men man nicht weifs , sechs weibliche und
sechs männliche Gottheiten (wenn das letztere
nicht erst eine Übertragung von den römischen
Consentes ist). Sie bilden einen hohen Rat,
den Iuppiter bei bestimmten Anlässen, nament-
lich beim Schleudern einer bestimmten Gattung
von Blitzen zuzieht ( Caecina bei Seneca Quaest.
nat. 2,41. Arnob. 3, 4:0 (ob. 914,6). Mart. Cap. 1,
923 Consortes dei Herculis invicti
Consus
924
41. 45; vgl. 0. Müller, Etrusker 2 2, 83ff., wo
aber Etruskisches und Römisches nicht genü-
gend geschieden ist; s. G. Schmeifser de Etru-
scorum deis Consentibus qui dicuntur in Com-
mentat. pliil. in honorem A. Reifferscheidii ( Vra-
tislaviae 1884) p. 29 ff.). Eine ganz andre Ge-
stalt dagegen nimmt die Vorstellung von den
di Consentes in Rom an, wo sich mit der ita-
lischen Anschauung von dem Zwölfgötterkreise
(vgl. Mommsen, Unteritäl. Dial. S. 141. Mar- io
quardt, Horn. Staatsverw. 3, 24. Preller, Rom.
Mythol .8 1, 66ff.) etruskische und griechische
Einflüsse begegneten. Hier sind die zwölf
Götter, welche den Senat des Iuppiter bilden,
nicht geheimnisvolle namenlose Wesen, son-
dern es sind die zwölf höchsten Gottheiten
Iuppiter, Neptunus, Mars, Apollo, Volcanus,
Mercurius, Iuno, Minerva, Venus, Diana, Vesta,
Ceres, ein Kreis, der bereits in der Zeit des
Ennius definitiv festgestellt war ( Ennius bei 20
Apul. de deo Socrat. 2 p. 6 Goldb. ; vgl. auch
August, de civ. Dei 4, 23). Diese zwölf Götter
wurden schon in verhältnismäfsig früher Zeit
bildlich dargestellt: am Aufgange vom Forum
zum Capitol befanden sich ihre vergoldeten
Bildsäulen ( Varro r. r. 1, 1, 4; vergh Detlef-
sen , de arte Romanorum antiquissima 1 p. 22.
Becker, Topogr. S. 318) und diese r deorum Con-
sentium sacrosancta simulacra ’ wurden noch
im Jahre 367 von Vettius Praetextatus wie- 30
derhergestellt, wie die erhaltene Weihinschrift
besagt ( C . I. L. 6, 102); die porticus der di
Consentes selbst wurde im Jahre 1834 aufge-
deckt und ist jetzt restauriert. Auch aus an-
dern Zeugnissen wissen wir, dafs die Vorstel-
lung von den di Consentes bis in die späte-
sten Zeiten des Heidentums im Volke lebendig
blieb, wenn man auch den Namen nicht mehr
recht verstand und mit consentire zusammen-
brachte (während natürlich con-sens wie prae- 40
sens, ab-sens gebildet ist). So begegnen uns
öfter in den Inschriften der Kaiserzeit die di
consentes ( C . I L. 3 , 942) , das consentium
deorum ( C . I. L. 3, 1935), das Consilium deo-
rum ( Orelli 1869), cler consessus deorum ( C . I.
L. 3, 1063), und als der Mithrasdienst aufbliiht,
fügt man den neuen Gott in diesen Götter-
senat ein, indem man ihn als deus magnus
Mithras pollens consens bezeichnet ( C . 1. L.
6, 736). [Wissowa.] 50
Consortes <lei Herculis invicti , auf einer
Inschrift aus Carlisle , G. 1. L. 7 , 924 , mit
Hercules zusammen verehrte Gottheiten, die
nach Hübners Annahme (a. a. 0.) vielleicht
auf einem ursprünglich über dieser Inschrift
befindlichen Steine genannt waren. [Steuding.]
Constantia. Eine Personifikation Constan-
tia ist nur durch Münzen, welche Kaiser Clau-
dius mit seinem und seiner Mutter Antonia
Namen und Bildnis schlagen liefs , bekannt go
(C. Augusti, Colien, Med. imp. Claude 5 ff. 73.
Supplem. 1. 10. Antonia lf.). Eckhel (Doctrin.
numm. 6 S. 236) ist mit Recht der Ansicht, dafs
Constantia Augusti die Standhaftigkeit, mit
der Claudius die vielen Widerwärtigkeiten bis
zu seiner Erhebung auf den Thron ertrug, re-
präsentiere. Nach der Analogie anderer personi-
ficierter Fürstentugenden dürfen wir auch hei
Constantia
(s. S. 924, 11 ff.).
dieser Personifikation göttliche Verehrung an-
nehmen. Auf die Münzen der Antonia mit
der Umschrift Constantia setzte Claudius das
Bild einer Frau mit Fackel uud Füllhorn (d. i.
Ceres, wie auch auf der Vorderseite Antonia
als Ceres mit einem Ährenkranz abgebildet
ist; vgl. Eckhel a. a 0. S. 179. Hirt, Mythol.
Bilderb. S. 115 hielt die Figur für Constantia,
welche die Anhänglichkeit und dauerhafte
Liebe der Antonia zu Drusus darstelle) ; auf
seinen eigenen Münzen ist die Göttin in zwei-
facher Weise dargestellt: a ) als sitzende Frau,
welche die Rechte gegen das Gesicht empor-
hebt (5 ff. Sappl. 1 ; nebenstehende Abbildung) ;
das Symbol des aufgebogenen
Armes ist jedenfalls dem Bilde
der Nemesis entlehnt und, wie
bei diesem , Ausdruck des
Mafses (vgl. z. B. Zoega, Ab-
handlung. S. 52. Schulz in Ann.
d. inst. 11, 1839 S. 105. O.Jahn,
Arch. Beitr. S. 150. Midier,
Iiandb. d. Archäol .3 § 398, 4.
Benndorf- Schöne, Later an. Mus.
zun. 19. Friederichs, Berlins ant.Bildw. 1S.392),
nicht der Verschwiegenheit, wie Eckhel (a. a. 0.
S. 236) und Cavedoni (Ann. d. inst. 23, 1851
S. 239, der eine Stelle Suetons Cal. 10 fälsch-
lich auf Claudius bezieht) annehmen, da der
charakteristische Ausdruck des Schweigens,
das Auflegen des Fingers an den Mund (vgl.
z. B. Müller -Wieseler, Denkm, a. K. 2 n. 948.
954 u. Text dazu), fehlt, b) auf den übrigen
Münzen des Claudius mit der Legende C. Aug.
(73 Taf. 10, danach nebenstehende Abbildg.,
Suppl. 10 Taf. 1; von Titus ohne Beischrift
des Namens Constantia wiederholt , Cohen
a. a. 0. Claude 93 'Re-
stitution de Titus') ist
die mit Helm , Lanze
und Kriegsmantel abge
bildete Figur, die eben-
falls den rechten Arm
gegen das Gesicht em-
porbiegt, weder ein iu-
venis galeatus, wie Eck-
hel (a. a 0. S. 236)
meint, noch eine Pal-
las Casquee, wie Cohen Co^ta^tia als Roma-Virtus
(a. a. 0.) sie nennt, son-
dern , nach brieflicher
Mitteilung A. v. Sallets, Constantia in Tracht
und Aussehen der Roma-Virtus oder eine Iden-
tificierung der Constantia mit Roma-Virtus. —
Die von Eckhel (a. a. 0. 8. S. 44) nach Tanini
angeführte Münze des Carausius mit Legende
Constant. Aug. (nach Eckhel — Constantiae
Aug.) und Bild des Hercules (? nackter Mann,
die Rechte an die Hüfte legend, in der Lin-
ken eine Lanze haltend) ist auf Taninis Ge-
währ hin nicht ohne weiteres als echt anzu-
sehen; sie fehlt bei Cohen, und selbst wenn ihre
Echtheit sich feststellen liefse, müfste es zwei-
felhaft bleiben, ob an Constantia Aug zu den-
ken ist. [R. Peter.]
Consus. Der Gott Consus hatte in Rom
zwei Heiligtümer, von denen das eine seinen
Ursprung bis in die Urzeit der Stadt zurück-
925 Consus
führte. Es war dies ein im Circus maximus
'ad primas mctas ’ ( Tertull . de spect. 5; apud
metas Murcias d. h. an den südlichen metae,
Tert. de spect. 8) gelegener Altar (r iptvo? nennt
ihn Dionys. 1, 33: templum sub tecto ungenau
Serv. Aen. 8, 63G) merkwürdiger Art ( Varro
1. I. G, 20. Tac. ann. 12, 24): er war nämlich
unterirdisch , mit Erde bedeckt , und wurde
nur an dem Feste des Gottes blofsgelegt ( Flut .
Rom. 14. Dionys. 2, 31. Tertull. de spect. 5).
Tertullian, der in der Schrift 'de spectaculis ’
Sueton folgt (vgl. Reifferscheid, Suet. rel. S. 463),
giebt sogar die auf dem Altar befindliche In-
schrift 'Consus consilio , Mars duello , Rares
coillo potentes ’ an , deren Authenticität aller-
dings nicht über allen Zweifel erhaben ist.
An diesen Altar knüpften sich das Fest und die
Spiele des Gottes, die Consualien. Es waren
dies feriae publicae ( Yarr . 7. I. G, 20), ursprüng-
lich ein Hirtenfest (Varro b. Non. p. 21), nach-
her von den Landleuten gefeiert, deren Zug-
und Lasttiere , Pferde und Esel, an diesem
Tage ruhten und mit Blumen bekränzt wur-
den (Flut. Q. R. 48. Dionys. 1 , 33. Fast.
Praen. 15. Dec.). Vor allem aber wurden an
diesem Tage ludi circenses gefeiert (Serv. Aen.
8, G35. 63G. Ps.-Ascon. p. 142 Or. Dion. 2, 31),
bei denen namentlich auch Maultiere um die
Wette liefen, weil dies die älteste Art von
Zugtieren war (Paul. p. 148). Den Ursprung
dieser Spiele, die noch in der augusteischen
Zeit gefeiert wurden (Strabo 5, 3, 2. Dionys.
2, 31), führte man auf die älteste Zeit zurück.
Diejenigen, welche alle altrömischen Bräuche
und Einrichtungen aus Griechenland herleite-
ten , meinten , es sei eine von Euander ein-
geführte Nachbildung der arkadischen ’lnno-
hqÜzsik (Dionys. 1, 33); die herrschende Tra-
dition jedoch schrieb die Einsetzung der Con-
jsualia dem liomulus zu (Oie. de rep. 2, 12.
Flut. Rom. 14; vgl. Schwegler, Rom. Gesell. 1,
|171) und brachte dieselbe in Verbindung mit
dem Raube der Sabinerinnen: um nämlich die
Sabiner mit ihren Frauen und Töchtern nach
|ttom zu locken, feierte der Sage nach ßomu-
(us zum ersten Male die Spiele der Consualien
1 Varr. I. 1, 6, 20. Cie. de rep. 2, 12. Slrab. 5,
t, 2. Dionys. 2, 30. Flut. Rom. 14. Folyaen.
i, 3. Tertull. de spect. 5. Ps.-Ascon. p. 142
\>r. Serv. Aen. 8, 635. 636). Wann jene älte-
Iten Consualien gefeiert wurden, mufs dahin-
gestellt bleiben, Plutarcli (Rom. 15; gebilligt
on Schwegler, Rom. Gesell. 1, 477) verlegt sie
uf den 18. August; jedoch geben unsere Kalen-
arien an diesem Tage keine Consualien an,
nd das am 21. August gefeierte Fest des Con-
. us kann jedenfalls nicht das Hauptfest ge-
lesen sein, da hier die Kalendarien nur von
em aventinensischen Heiligtum , nicht von
em Altar im Circus sprechen. Einer Nach-
icht zufolge (Serv. Aen. 8, 636) fanden jene
onsualien, an denen die Sabinerinnen geraubt
'urden , im März statt und dazu würde die
anz vereinzelte Überlieferung (Tertull. de spect.
) stimmen, wonach Romulus die ehemaligen
onsualien in Equirria, Spiele des Mars, um-
wandelt hätte ; diese letzteren fallen bekannt-
ch auf den 14. März. In historischer Zeit
Oonsus 926
wurden diese grofsen Consualia am 15. Dezem-
ber gefeiert (C. I. L. 1 p. 408). Dagegen
knüpfen zwei andre Feste des Consus , am
21. August (jedoch wurde an diesem Tage
dem Consus auch auf dem Altäre im Circus
durch den flamen Qirinalis und die vestalisclun
Jungfrauen geopfert, Tertull. de spect. 5; von
einem ebenda am 7. Juli durch die sacerdotes
publici dargebrachten Opfer, welches Tertul-
lian erwähnt, wissen die Kalendarien nichts),
und 12. December, an ein von L. Papirius
L. f. Sp. n. Cursor 461 oder 482 u. c. gegrün-
detes Heiligtum auf dem Aventin an, welches
man früher fälschlich mit dem Altar im Cir-
cus identificierte (Fest. p. 209; vgl. TI. Jor-
dan, de Vertumni et Consi aedibus Aventinen-
sibus , in der Gratulationsschrift der Königs-
berger Universität zum 50jährigen Jubiläum
des deutschen archäol. Instituts 1879 p. 3—6).
Was die Anschauungen der Alten über das
Wesen des Consus anlangt, so begegnen uns
zwei verschiedene Erklärungsweisen, für deren
richtige Würdigung man sich gegenwärtig zu
halten hat, dafs in der späteren Zeit Consus
keineswegs ein Gott war, der eine besonders
lebhafte Verehrung vom Volke genossen hätte;
denn es kann kaum Zufall sein, dafs keine
einzige auf ihn bezügliche Dedikationsinschrift
auf uns gekommen ist. Die am weitesten ver-
breitete Ansicht identificierte den Consus mit
dem griechischen IIogsiScöv "inniog (Liv. 1, 9,
7. Dionys. 1 , 33. 2, 30. 31. Strab. 5, 3, 2.
Plut. Rom. 14. Q. R. 48. Polyaen. 8, 3. Ter-
tull. de spect. 5. Serv. Aen. 8, 635. 636. Lyd.
de mag. 1, 30, weshalb auch spätere Dichter
schlechthin Consus für Neptunus gebrauchen
(Auson. id. 12 de dis 3; epigr. 69, 9), und stützte
sich dabei vor allem auf die Thatsache, dafs
dem Consus Rennspiele gefeiert wurden. Je-
doch kann es keinem Zweifel unterliegen, dafs
diese Deutung nur der falschen Analogie des
griechischen Gottes ihren Ursprung verdankt:
schon einige der alten Gelehrten hatten die
Bemerkung gemacht, es sei unmöglich anzu-
nehmen, dafs dem Neptunus equester ein unter-
irdischer Altar geweiht gewesen sei, und des-
halb den Gott des Altars von dem der Cir-
cusspiele unterschieden (Dionys. 2, 31); noch
mehr springt in die Augen , dafs unmöglich
eines der ältesten Feste, welches die Hirten-
oder Bauernbevölkerung einer Binnenstadt
feiert, dem Meeresgotte geweiht gewesen sein
kann (vgl. Schwegler, Rom. Gesch. 1, 472). Eben-
sowenig Beachtung verdient die zweite antike
Ansicht, wonach Consus als deus consilii galt
(Paul. p. 41. Plut. Rom. 14. Serv. Aen. 8, 636.
Tertull. ad nat. 2, 11), und zwar speziell, weil
er den Plan zum Raube der sabinischen Jung-
frauen dem Romulus eingegeben habe (Ovul.
fast. 3, 199. Ar mb. 3, 23. Tertull. de spect. 5.
Cyprian, quod idola dii non sint 4); es liegt
auf der Hand, dafs hier die falsche Etymolo-
gie das bestimmende Element gewesen ist.
Glücklicherweise ermöglichen uns die über
die Verehrung des Consus überlieferten That-
sachen die Bestimmung des Götterkreises, dem
Consus angehört: sowohl die Zeit seiner Haupt-
feste, die ohne Zweifel in Beziehung zur Ernte
io
20
30
40
50
eo
927
Contrebis
928
stehen, als auch die unterirdische Anlage
seines Altars, die sich sonst nur noch bei Dis
pater findet, weisen mit Sicherheit darauf hin,
dafs wir es mit einer chthonisch - agrari-
schen Gottheit zu thun haben: auf diese Weise
erklärt sich das Feiern der Zug- und Lasttiere
an seinem Feste, das Darbringen von Erstlings-
opfern ( Bionys . 2, 31), die Veranstaltung der
Spiele (vgl. Mommsen , 1 iöm. Forsch. 2, 4211'.
Die Abhandlung von Hüllmann , de Consuali-
bus , Bonn 1819 ist wertlos) und durch eine
leicht verständliche Symbolik auch dieBeziehung
zu dem Raube der Sabinerinnen (vgl. Schwegler,
Böm. G. 1, 473 ff. Bofsbach, Unters, über d.
röm. Ehe S. 330 ff. Mommsen , C. I. L. 1 p. 400.
[Mannhardt, rnyth. F. 172.]). Wahrscheinlich
ist diese Bedeutung des Gottes auch in sei-
nem Namen ausgesprochen, der wohl wie Con-
sevius, Consivia u. a. von der Wurzel sa (se-
rere) abgeleitet ist. [Wissowa.]
Contrebis deus sanctus , Name oder Bei-
name einer celtischen Gottheit auf einer In-
schrift aus Overborough, C. I. L. 7, 290: Deo
san(cto) | Contr \ ebi etc. , links daneben ein
Vogel, rechts ein Opferbeil, und einer solchen
aus Lancaster 7<$ 284: Deo | Ialono \ Contre(bi?)\
sanctissi \ mo etc. Contrebis dürfte aus con
und treb (kymr. = Dorf, Fiele, vergl. W. 1, 604)
zusammengesetzt sein; vgl. Contrebia und Atre-
bates, atreba = liabitat, Zeufs, gr. C. p. 866 a.
Nach der zweiten Inschrift scheint der Haupt-
name des Gottes Jalonus zu sein. [Steuding.]
Convector s. Indigitamenta.
Copia. Schon zur Zeit des Plautus kannte
man in Rom eine Personifikation Copia (Blaut.
Pseud. 736 sagt Pseudulus von Charinus, der
ihm alles, dessen er bedarf, zu geben ver-
spricht: di inmortales, non Charinus mi hie
quidemst, set Copia) und stellte sich dieselbe
als eine Göttin, die in einem Füllhorn alle
guten Gaben führt, vor; denn als Attribut
einer persönlich gedachten Göttin Copia auf-
zufassen und nach ihr benannt ist das eben-
falls schon von Plautus erwähnte cornu Copiae
(Pseud. 671: Pseudulus von einem ihm über-
brachten Briefe: nam haec adlata cornu Copi-
aest, ubi inest quidquid volo ; vgl. Plin. n. h.
praef. 24 Copiae cornu , Gell. 1,8,2 cornum
Copiae, 14, 6, 2 Copiae cornum, wo die Aus-
gaben überall copiae bieten; später als ein
Wort cornucopia, z. B. Ammian. Marc. 22, 9,
1. 25, 2, 3. Lact. Placid. fab. 9, 1). Die Exi-
stenz einer Göttin Copia zur plautinischen Zeit
wird auch durch die Benennung der i. J.
561/193 nach Thurii gesandten römischen Kolo-
nie Copia vorausgesetzt, s. unten. Als Segens-
göttin mit reichlich gefülltem Horn wird Copia
von Horaz als Repräsentantin der mit Glücks-
gütern gesegneten Friedenszeit unter der Regie-
rung des Augustus gepriesen (Hör. carm. saec.
59 f'. adparetque beata pleno Copia cornu ; epist.
1, 12, 28 f. ; vgl. Porphyr, zu c. saec. 60). Da-
neben finden sich Stellen, wo die Grenzlinie
zwischen dem Appellativ copia und dem nom.
propr. sich nicht scharf ziehen läfst, insofern
das Apellativ mit dem Attribut des cornu ver-
bunden wird (IPor. carm. 1, 17, 14 ff. : hic tibi
copia manabit ad plenum benigno ruris hono-
Copia
rum opulentu cornu). An einer anderen Stelle
(epist. 1, 12, 28 f. aurea fruges Italiae pleno
defundit Copia cornu) scheint dem Horaz ein
Bild der Copia vorzuschweben, gerade so wie
dies bei der Schilderung der Fides der Fall
ist (carm. 1,35, 21 f., vgl. Reifferscheid im Ind.
schol. Vratislav. hiem. 1878(79 S. 4f.), umso-
mehr, als die Abundantia, welche in der spä-
teren Zeit die Copia ablöst, auf den Münzen
mit demselben Gestus, indem sie nämlich das
Füllhorn ausschüttet, dargestellt wird (vergl.
Abundantia). So sicher die Göttin Copia dem
echt römischen Streben nach Personifikation
abstrakter Begriffe ihre Entstehung verdankt,
so wahrscheinlich ist es, dafs das Füllhorn
ein in Griechenland erfundenes und künstle-
risch ausgebildetes Symbol und auf Copia erst
übertragen worden ist, so dafs die von den
Alten vorgenommene Gleichsetzung cornu Co-
piae = rsqag ’AgaX&eias (s. d. ; Plin. n. h.
a. a. O. Gell. 1,8, 1 f. gloss. Stephani s. v.
cornucopiae) das Richtige trifft. Eine zuerst
von Ovid mitgeteilte , dann bei den Mytho-
graphen mit geringen Veränderungen wieder-
kehrende ätiologische Legende erzählt da-
gegen, dafs die Najaden das Horn, welches
Herakles dem Flufsgotte Achelous im Kampfe
abbrach, mit Früchten und Blumen füllten, und
dafs Copia dieses Horn von ihnen erhielt
(Ovid. met. 9, 86ff. ; vergl. Lact. Placid. Stat.
Theb. 4, 106 und Mythogr. vatic. II 165; nach
Albric. de deor. imagg. 22 und Mythogr. vatic.
III 13, 4 giebt Herakles selbst das Horn der
Copia; bei Hygin. fab. 31 und Lact. Placid.
fab. 9, 1 wird nnr erzählt, dafs das dem Ache-
lous geraubte Horn von den Hesperiden oder
Najaden mit Früchten gefällt und cornu Co-
piae genannt wurde). Nach anderer Tradition
(Mythogr. vatic. I 58) gaben die Nymphen
das Horn des Achelous der Fortuna, die es
mit allen guten Gaben anfüllte und ihrer Die-
nerin Copia übergab (Dienerin der Fortuna
heifst Copia auch bei Lact. Placid. Stat. Ilieb.
a. a. 0.) ; unverständlich in ihrem letzten Teile
ist die Erzählung des Mythogr. vatic. II 165
quem (sc. taurum) Hercules amplexus reluctan-
tem cornu quod implicaverat brachiis fregit:
quod Fortunae fertur consecrasse, cum quo ille
(illa?) copiam dicitur fecisse. Veranlassung zu
diesen mythologisierenden Erzählungen mögen
griechische Legenden gegeben haben, in denen
das HEQcts ’Agcd&tiag in den Achelous-Mythus
verflochten wird (vergl. Achelous, Amaltheia),
und die selbst nur erdichtet zu sein scheinen,
um das Füllhorn im Arm des Herakles (vgl.
B. P. Hartwig, Heroldes mit dem Füllhorn,
Diss. Leipz. 1883) mythologisch zu erklären.
Dafs Copia mit Fortuna in Verbindung ge-
bracht und selbst eine Dienerin derselben ge-
nannt wird, ist nicht auffällig; denn Copia ist
nach Begriff' und Bild nur eine besondere Form
der Glücksgöttin. Von einer Verehrung der
Copia erfahren wir durch eine Inschrift des
Museums zu Avignon, welche eine Widmung
an die Göttin enthält (Sex. V fejratius || Pri-
scae. I, Pothufs] || Copiae v. s. I. m., von Almer
in Bevue epigr. du midi de la France, mars
1884 und J. F. Cerquand, Copia etude de mytlio-
929
Cornia
Cuba
■ 930
logie r omaine, in Memoires de l'Academie de
Vaucluse 1884 publiciert). Auf die Göttin selbst,
nicht auf das Appellativ bezieht sich auch die
Benennung der durch Munatius Plancus i. J.
711/43 in Lugdunum gegründeten römischen
Kolonie Colonia Copia Claud. Aug. Lugd. ( Gru -
ter 30, 2. 388, 6. 488, 8; danach hat man
Münzen mit der Legende COPIA und. einem
Schiffsvorderteil u. s. w. Lugdunum zugeteilt,
Eckhel, Doctr . numm. 1 S. 73. Mionnet , Descr.
de med. 1 S. 82 n. 214. Suppl. 2 S. 148 n. 149
—152; ist dies mit Recht geschehen, so hat
die Kolonie , da die Münzen zum Teil den
Kopf des Augustus auf der Vorderseite tra-
gen, wohl bald nach der Gründung den Namen
Copia erhalten) , sowie der Name der i. J.
561/193 (Liv. 34, 53. 35, 9) nach Thurii ge-
sandten Kolonie Copia (Münzen derselben mit
dem Namen COPIA bei Eckheia,, a. 0. 1 S. 164.
Mionnet a. a. 0. 1 S. 172 f. n. 697 — 700 Suppl. 2
S. 324 n. 872 — 875. Eit seid, P. L. M. E. tab. 7,
84. 85 und Enarratio tabularum S. 13; was
'es mit dem Plural KmniccC bei Strabo 6 S. 263 C
und Steph. Byz. s. v. Govqiol, der sich in die-
sem Artikel ausdrücklich auf Strabo beruft,
für eine Bewandtnis hat, wenn derselbe nicht
auf einem Irrtum beruht, läfst sich nicht er-
kennen: die officielle Bezeichnung, die vollstän-
dig wohl Colonia Copia gelautet hat, geben
jedenfalls die Münzen). In der Verbindung
Ool. Copia, wie Lugdunum ohne allen Zweifel
genannt wurde, ist nach Reifferscheid Copia
adjektivisch gefafst, ebenso Concordia in der
Verbindung Colonia Concordia, da das Latein
lie Substantive auf -ius, -ia ohne weiteres Suf-
ix als Adjektiva verwendet, wie lex Iulia,
;olonia Claudia. Col. Copia bezeichnet also
lie unter den Schutz der Copia gestellte Kolo-
lie (vgl. colonia Veneria); dafs die Benennung
lopia dieselbe Bedeutung auch bei Thurii hat,
rgiebt sich aus dem Füllhorn , welches als
Itadtwappen auf den Münzen der Stadt er-
cheint (s. oben; Borghesi fafst das auf einem
epublikanischen Denar mit dem Kopfe der
IOMA und L . CVP auf der Rückseite neben
lern Kopfe der Roma befindliche Füllhorn als
ine Art sprechenden Wappens auf und teilt
hernach die Münze einem Mitgliede der gens
’upiennia oder Copiennia, die ihren Namen
on Copia abgeleitet hätte, zu; vgl. Borghesi,
Oeuvres 1. S. 466 f. Mornmsen , Ilistoire de la
wnn. vom. 2. S. 278 n. 76). Die Benennung
on Kolonieen nach der Copia sowie die Be-
eichnung des Füllhorns als Horn der Copia
eigen, dafs Copia eine der ältesten und an-
esehensten Personifikationen der römischen
eligion war, die aber schliefslich durch die
ortuna verdrängt worden zu sein scheint. In
Ser späten Kaiserzeit tritt der ihr zu Grunde
egende Begriff der Fülle zum Überflufs gestei-
ert in der Abundantia (s. d.) hervor. Bildliche
•arstellungen der Copia sind nicht erhalten
der lassen sich wenigstens nicht nachweisen ;
ie Annahme Prellers ( R . MO 2 S. 259), dafs
opia auf den römischen Denkmälern eine
-hr gewöhnliche Figur gewesen sei, ist ohne
len und jeden Anhalt. [R. Peter.]
Cornia, Beiname der Diana auf einer In-
Uo§ch£r, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
sclirift aus Rom, Orelli 2909 = 3539 : Ti. Clau-
dius divi Claudii lib. Actius Honoratus cura-
tor Germanorum et aedituus Dianae Cornie etc.
Henzen z. d. I. erinnert jedenfalls richtig an
Plin. n. h. 16, 44, (91), 242, wonach sich im
Gebiete von Tusculum ein Hügel namens Corne
mit einem alten, der Diana heiligen Buchen-
hain befand. [ Steuding.]
Corniscae. Nach italischer Religionsvorstel-
lo lung waren der Iuno unter andern Vögeln
namentlich auch die Krähen heilig; so sehen
wir eine Krähe als Begleiterin der Iuno Lanu-
vina auf den Münzen der Cornificier (Cohen,
med. cons. pl. 15 Cornif. 1—3. Denhn. d. alten
Kunst 1, 341). In Rom aber besafsen diese
heiligen Krähen einen eignen geweihten Hain
in Trastevere, der unter dem besondern Schutze
der Iuno stand (Paul. p. 64, wo wohl zu lesen
ist: 'Corniscarum diuarum lucus erat trans
20 Tiberim’). Aus dieser Gegend stammt ein er-
haltener Grenzstein mit der altertümlichen In-
schrift 'deuas Corniscas sacrund , der offenbar
zur Begrenzung des Areals dieser Gottheiten
in republikanischer Zeit gehörte (C. I. L. 1,
814). Übrigens ging die Verehrung dieser gött-
lichen Wesen früh unter, da Festus von ihr
als etwas Vergangenem sprach. [Wissowa.]
Corotiacus, ein celtischer Beiname des Mars
auf der Basis des Erzbildes eines liegenden,
30 mit Schild versehenen Mannes, aus Martlesham
in Suffolk, C. I. L. 7, 93a: Deo. Marti | Co-
rotiaco | Simplicia \ Procev.p.l.m. [Steuding.]
Corsica, die Personifikation der gleichnami-
gen Insel. Dafs derselben ein Tempel geweiht
war , geht aus den Resten einer Inschrift zu
Aleria hervor, C. I. L. 10, 8034. [Steuding.]
Cososus , ein celtischer Beiname des Mars
auf einer Inschrift aus dem Gebiet der Bitu-
riges Cubi, Orelli 1984: Flavia Cuba Firmani
40 fdia | Cososo deo Marti suo hoc | signum dicavit
Augusto ; doch scheint Henzen die Abschrift
der ganzen Inschrift nicht recht zuverlässig zu
sein. [Steuding.]
Coventina, Couventina, Countina oder Con-
ventina, die (keltische?) Göttin einer Heilquelle
bei Procolitia auf Inschriften, die neben etwa
16000 Münzen und 2 Reliefs in dem Quellen-
schacht selbst gefunden worden sind. S. Hüb-
ner im Hermes 12, 257 ff. Clayton , the temple
50 of the goddess Coventina at Procol., Newcastle
1878. Watkin , Ephem. epigr. 4, 680. [Steuding.]
Crisida = Chryseis auf einer pränestinischen
Ciste, C. I. L. 1, 1501; vgl. Aucena. [Steuding.]
Crougintoudadigoe (Dat.), Bezeichnung einer
celtischen Gottheit auf einer Inschrift aus Sa.
Ma. de Ribera, C. I. L. 2, 2565: CBOUGIN I
TOUDA | DIGOE \ RUFON1ASEVER . . |
Toudadigoe (Dat.) dürfte neben Totatigens
C. E L. 6, 2407 und Toutati ib. 7, 84. 3,
00 5320 zu stellen sein, unter welchem Namen
der Naflht- und Todesgott Teutates (s. . d.)
zu verstehen ist. S. PI. D’Arbois de lubain-
ville , le cycle myth. Irl. p. 378 f. Vielleicht
ist Crougin auch in dem Namen der britan-
nischen civitas Croucingo (Anon. Ravenn. 5, 31
p. 433 Find. s. De-Vit, On. s. v.) enthalten.
[Steuding.]
Cuba, Göttin der Indigitamenta (s. d.), die
30
931
Cultores
Dada
932
den Kindern das Liegen gedeihen läfst: Varro
hei Donat. zu Terent. Phorm. 1 , 1 , 15.
[Crusius.]
Cultores dii auf einer Inschrift aus Rising-
ham, Britannien, C. I. L. 7, 980 : Dis cultoribus
hujus loci Iiü. Victor trib. [Steuding.]
'Cuniua s. Indigitamenta.
Cuntinus, Beiname des Segomo auf einer
Inschrift aus der Gegend von Cemenelum (Ci-
mella bei Nizza), G. I. L. 5, 7868: (S)egomo-
ni | Cuntino | vic(us). Cunttinus ) | p. Wenn die
letzten Worte richtig ergänzt sind, so wäre
der Name nach der Ortschaft gebildet. Vgl.
Coventina. [Steuding.]
Cupido , lat. Bezeichnung des Eros (s. d.),
gewöhnlich wohl = Amor, doch auch bisweilen
von diesem unterschieden, wie ja auch im Grie-
chischen öfter Eros, Anteros, Himeros und Pothos
(s. d.) unterschieden werden. Vgl. Plaut. Most.
1, 3, 7: Amor et Cupido. Gurc.l, 1, 3: Venus
Cupidoque imperat suadetque Amor (vgl. Serv.
z. Verg. Aen. 4, 194). G. I. L. 4, 1928. Sen.
Phaedra 280: quam vocat matrem geminus
Cupido. Cic. de leg. fr. 2: Graecia . . . Cupi-
dinum et Amor um simulacra in gymnasiis con-
secraverat. Hie und da werden auch Cupidi-
nes ebenso wie Amores erwähnt: Hör. ca. 1,
19, 1: Mater saeva Cupidinum (vergl. 4, 1, 5
und Cornut. p. 142 Osann). Oft wird Cupido
wie Eros mit Bogen und Pfeilen ausgerüstet
gedacht: Plaut. Pers. 1, 1, 25. Ov. 3Iet. 5,
366. Nach Horaz (ca. 1, 2, 34) umflattern
locus und Cupido die Venus. Vgl. aufsei'dem
Cic. de nat. deor. 2,61. 3,58—60, wo mehrere
Cupidines: 1) Sohn des Mercurius und der
Diana, 2) Sohn des Mercurius und der Venus,
3) Sohn des Mars und der Venus = Anteros
unterschieden werden. Inschriften, die sich auf
Cupido beziehen: C. I.L. 1, 58. 2, 1956, 2407.
3270. 5,741. 7,2. 8,6965. Mehr unter Eros.
[Roscher.]
Cupra. Cupra dea war eine namentlich in
Umbrien und Picenum verehrte Gottheit, die
nach Namen und Wesen ganz der Bona Dea
des römischen Gottesdienstes entsprach. Denn
ohne allen Zweifel hängt der Name zusammen
mit dem sabinischen Wortstamme cup = bo-
nus, von dem uns mancherlei Bildungen be-
kannt sind (cyprum, vicus cyprius Varro l. I.
5, 159; cupencus Serv. Aen. 12, 539; 'Marti
cyprio’ auf einer in der Nähe von Iguvium ge-
fundenen Inschrift Henzen 5669). Es war also
jedenfalls eine Erd- und Totengöttin, und in
letzterer Hinsicht hat man mit Recht darauf
hingewiesen , dafs ja auch die Latiner ihre
Totengötter Manes , Mania u. ,s. w. als die
Guten bezeichnen, da bekanntlich mane = bo-
num ist (Corssen, Kuhns Zeitschr. 20, 81 ff.).
Das weitbekannte Hauptheiligtum dieser Gott-
heit lag im Gebiet der Picenter, an der Küste
zwischen Firmum und der Mündung de§ Truen-
tus, in der nach der Göttin so bekannten Stadt
Cupra maritima ( Strab . 5, 4, 2. Sil. Ital. 8,
434); noch im Jahre 127 erfuhr der dortige
Tempel durch Hadrian eine Restauration, wie
die noch erhaltene Restitutionsinschrift beweist
( G . I. L. 9, 5294). Ein andres Heiligtum der
Göttin auf umbrischem Gebiete wird durch eine
bei Fossato gefundne Dedikationsinscbrift in
umbrischem Dialekt (Cubrar matrer u. s. w.)
bezeugt (vgl. II. Jordan, quaestiones Umbricae,
Begimonti 1882 S. 3ff. Bücheier , Umbrica p. 173).
Wenn Strabo (5,4,2) die Cupra für eine etru-
skische Gottheit erklärt, so widerspricht dem so-
wohl der Name als auch die Thatsache dafs sich
in Etrurien und auf etruskischen Denkmälern
keine Spur von ihr gefunden hat (vgl. Momm-
sen, Unterital. Dialekte S. 350 f.). [Wissowa.]
Cura, die personificierte Sorge. Sie spielt
eine Rolle in der sinnigen Fabel bei Hyg. f.
220, wonach der Mensch zugleich dem luppi-
ter, der Erde und der Sorge gehört, weil alle
drei Götter zu seiner Schöpfung beigetragen
haben. Curae ultrices sind bei Vergil Aen. 6,
274 die personificierten Gewissensbisse, welche
mit anderen Schreckgestalten am Eingänge
des Orcus wohnen. Vgl. auch Hör. ca. 3, 1,
40: post equitem seiet atra Cura ( ib . 2, 16, 12.
22) u. d. Art. Coera. [Roscher.]
Curae s. Cura.
Cusicelenses Lares, auf einer Inschrift aus
Argeris bei Chaves (Aquae Flaviae, Hisp. Tar-
rac.), C. I. L. 2, 2469: Laribus Cu \ sicf (= e?)
lensbus | etc. Hübner vergleicht die Aquae
Celenae. [Steuding.]
Cuslanus, ein celtisclier Gott auf einer In-
schrift aus Fumane im valle Policella, Prov.
Verona, C. I. L. 5, 3898: Cuslano. sac \ L. Oc-
tavius etc. Zeufs, gr. C. p. 766 vergleicht da-
mit Cosli (Kusel in d. bayerischen Pfalz) und Cu-
ses Orelli 484. Ersteres stellt er p. 1077 mit altg.
cosl = corylus Hasel zusammen. [Steuding.]
Custodes dii, Schutzgottheiten auf einer
Inschrift aus Chesterholm, C. I. L. 7, 705:
I O M | et. Genio \ diisq. cus \ todib. ( campi ?,
wie Hübner lesen zu können glaubte, sonst ist
hujus loci vorgeschlagen worden). [Steuding.]
Cyrist[is?], Name einer Göttin auf einer In-
schrift aus Fregellae, Orelli 1945: Pro salute
C. Rufi. Sereni aram et bas. Deae Cyrist. do-
num dedit etc. Vielleicht ist sie mit der Kv§-
QEGzlg (= Athene; Steph. Byz. Kvqqos) iden-
tisch. [Steuding.]
Dacia, die Personifikation der Provinz Dacia
auf Inschriften, C. I. L. 3, 1063 : 1 O M | et ceteris
düs | deabusque . im \ mortalibus et Da | eine |
pro salute domi \ ni n(ostri) M Aur Antoni |
ni pii etc. (215 n. Chr.); terra Dacia 1351;
vergl. 996; Daciae tres 995 in Bezug auf die
Dreiteilung Daciens im Jahre 168 n. Chr.; vgl.
993. Auf Münzen bei Eckhel d. n. v. 2, 4ff.,
10 ff. De- Vit, On. s. v. [Steuding.]
Dada (AäScc), die Gemahlin des Kreters Sa-
mon, der dem Kreter Skamandros, dem ersten
König der Troer, das troische Land hatte er-
obern helfen. Als Samon in einer Schlacht
gefallen war , begab sich seine Gemahlin in
Begleitung eines Herolds nach der Stadt Po-
lion , um sich dort wieder zu vermählen. Da
aber der Herold ihr unterwegs Gewalt anthat,
so durchbohrte sie sich mit dem Schwert ihres
Gatten, das sie bei sich trug. Als die Kreter
dieses erfuhren, steinigten sie den Herold an
derselben Stelle, welche den Namen yßQos
1
i
I
;
t
in
4
i
:
-
e
s!i
sit
ii
933
Dadas
Daidalos
934
’Avcadsia g erhielt, Constantin. Excerpt. Nicol.
Damasc. de virt. Müller, fragm. hist, graec. 3
p. 369, 21. [Stoll.]
Dadas (Aäöag), der Erbauer der karischen
Stadt Themissos, Steph. Byz. s. v. Gsyio-
aog. [Stoll.]
Daeira (Aasigcx, Jocigcx, Hesych.), eine Toch-
ter des Okeanos , welche mit Hermes den He-
ros Eleusis, den Eponymos der Stadt Eleusis,
16, 222. Eustath. ad Hom. p. 1056, 53. Prel-
ler, Gr. Myth. 1, 155. Gerhard, Gr. Myth.
§ 265, 2. [Stoll.]
Daidalion (Aaidcth'av) , Sohn des Heospho-
ros (Lucifer) , Bruder des Keyx, Vater der
Chione (s. d.), ein heftiger, kriegerischer Mann.
Als seine Tochter, weil sie die Schönheit der
Artemis der ihrigen nachgesetzt, durch die Göt-
tin den Tod fand, wurde er auf dem Parnafs in
zeugte, Paus. 1, 38, 7. Sie war ein göttliches io seinem unbändigen Schmerz durch die Gnade
Wesen der eleusinisclien Geheimlehre, dessen
Bedeutung in späterer Zeit zweifelhaft war.
Aeschylos (fr. 271) u. andere nannten sie gleich-
bedeutend mit Persephone. Auch wurde sie der
Demeter oder Aphrodite oder Hera gleichgesetzt.
Pherekydes nannte sie eine Schwester der Styx,
welche in der Genealogie bei Apollod. 1, 3, 1
die Mutter der Persephone heifst, Ap. Ilhod.
3, 847 u. Schol. Et. M. s. v. Tzetz. Lyk. 710.
des Apollon in einen Habicht verwandelt, Ov.
Met. 11, 291 ff. Hygin. f. 200. Preller , Griech.
Myth. 2, 151. Nach Paus. 8, 4, 3 war Dai-
dalion (und nicht Hermes) der Vater des am
Parnafs herrschenden Autolykos. [Stoll.]
Daidalos (Acü SaXog) wird als der kunstreiche
Arbeiter, der Künstler schlechthin von der Le-
gende an den Anfang griechischer Kunst gestellt,
gehört aber in eine Reihe mit mythischen Wesen,
Eustath. II. 6 p. 648, 33 — 42. Preller, Deine- 20 wie Prometheus und Hephaistos, der selbst
ter u. Pers. 8. Griech, Myth. 1, 311, 1. Ger- Daidalos genannt wird (0. Jahn, Archäol. Auf-
hard, Griech. Myth, § 566. Loheck, Aglaoph. sätze p. 129). Sein Name bezieht sich auf die
p. 153. Mommsen, Heortolog. S. 254. Rinck, älteste Art plastischer Tliätigkeit, auf das Bild-
Bel. d. Hell. 2, 339. [Stoll.] schnitzen (W. dal, dca'-daX-og , dcaddllu, dou'-
Daeuion (Aaryicov der Kundige), Vater des daliia; vgl. Pott, Ztschr. f. vergl. Spr. 6, 30 ff.),
Homer, der als synogog = Grofshändler be- er repräsentiert die uralte Holzplastik, wie
zeichnet wird, Demokr. bei Wester-
mann, biogr. 1, 8, 2. S. 34. [Steuding.]
Dag'on (Aaycov , l"pM) wird als
Gottheit der Philistäer mehrfach in
der Bibel erwähnt (vgl. auch Joseph,
arch. 6, 1, 1. hell, Jud. 5, 9, 4), doch
scheinen verschiedene Ortsnamen eine
Verbreitung seines Kultus über das
Philisterland hinaus zu beweisen.
Da ein Gott Dakan oder Dagan auf
assyrischen Keilinschriften vorkommt,
während der Ortsname Beth Dagon
vgl. oben Betagon) assyrisch gleich-
falls Bit-Dakan lautet, so ist es nicht
anwahrscheinlich, dass der 'Kult die-
es Gottes aus Assyrien nach Kanaan
gelangt ist. Dagon wird wohl von
} = Fisch abzuleiten und vielleicht
nit Taff es (s. d.), dem Sohne der Atar-
?atis zusammenzustellen sein (vergl.
9 dacon bei Beros. fr. 5 in Euseb. Chr.
'). Müller fr. li. gr. 2, 499).' W. Bau-
lissin in Herzogs R.-E. und Winer,
nbl. Realw. s. v. Nach Philo Byhl.
14. 16, vgl. 25f. b. Müller fr. h. gr.
567 ist derselbe auch ein phönici-
cher Gott, Sohn des Uranos u. der Ge,
Iruder des El oder Kronos, des Bai-
ylos und Atlas. Von Kronos er-
ält er nach Überwältigung des Ura-
os eine der Nebenfrauen seines Va-
ers, welche, noch von diesem schwan-
;er, denDemarus gebiert. Philo Byhl,
■ a. 0. fr. 14 und 20 nennt ihn
\Jrcov als Erfinder des Getreides
nd des Pfluges , weshalb er ihn
em Zeus Agozgiog gleichsetzt; wahrscheinlich
Alt er dies aber nur, weil er den Namen (wohl
Uschlich) von = Getreide ableitet. Siehe
ie Literatur bei Baudissin a. a. 0. [Steuding.]
Daidale (AouSälrf) , Mutter der Metis , bei
elcher Athene aufgezogen wurde, Schol, II.
Daidalos und Ikaros, Relief der Villa Albani in Rom
(vgl. S. 937, 27 ff.).
Diopos (der Nivellierer von dionog sc. ctvXog)
die Architektur, Eugrammos die Malerei (Plin.
N. II. 35, 152). Seine Geschicklichkeit, sein
Ruhm wird in allerlei Genealogieen angedeu-
det: er ist Sohn oder Enkel des Eupalamos
oder des Palamaon (Paus. 9, 3, 2. Apollod. 3,
30*
935
Daidalos
Daidalos
936
15, 9. Schol. Plat. rep. 8 p. 529. Said. s. v.
rUgÖMog legov) ; Euphemos und Phrasimede,
Ruhm und Klugheit, sind seine Eltern {Schol.
Plat. a. a. 0. Hyg. fab. 39. Serv. ad Verg.
Aen. G, 14). Verschiedene Sagenkreise, die in
Athen , Kreta und Sicilien lokalisiert sind,
knüpfen sich an seinen Namen; ihre Verwandt-
schaft unter einander deutet vielleicht auf vor-
griechischen Ursprung, wenigstens auf eine
gemeinsame Wurzel. Einzelne Züge derselben
kehren ähnlich im Mythenkreise des Herakles,
des Hephaistos wieder (vgl. auch die Sagen
von Wieland dem Schmied). Die 'älteste Ver-
sion scheint die von Kreta zu sein, wo die
Bildschnitzerei ihren Ursitz hat, vertreten durch
die zünftige Schule der kretischen Daidaliden,
deren Kunst sich von Kreta aus über den
Peloponnes und einen Teil des Festlandes
verbreitete ( Furt -
wängler , Arch. Ztg.
1882 p. 55 ff.). Von
Kreta stammen die
Gründer der sikyoni-
schen Schule, die
Bildschnitzer Dipoi-
nos und Skyllis, wel-
che der Sage nach
Söhne und Schüler
des Daidalos gewesen
sein sollen {Paus. 2,
15. 1. Vergl. Klein,
Arcliäol.-epigr. Mit-
teil. aus Österreich
1881 p. 93). Aus
Kreta war vermut-
lich auch der in
Athen thätige Künst-
ler Endoios gebür-
tig, ebenfalls ein
Schüler des Daidalos
{Paus. 1, 26, 4 vgl.
Klein a. a. 0. p. 88).
Die Sage dichtete
freilich von einem
umgekehrten Weg
der künstlerischen
Traditionen , wenn
sie Daidalos von
Athen aus nach Kreta
fliehen liefs. In At-
tika sind die Spu-
ren der Sage über-
haupt deutlicher aus-
geprägt. Es gab
hier einen Demos
AcuSaliSca {Schol.
Soph. Oed. Cöl. 472);
das Geschlecht, des
Sokrates leitete sich
über Daidalos hin-
weg von Zeus ab.
Daidalos wird genea-
logisch mit der at-
tischen Sage verbun-
den, er gilt als in
Athen geboren und
wird zum Sprofs des
königlichen Hauses
der Erechthiden
{Biod. 4, 76). Bild-
werke werden ihm
hier nicht beigelegt,
doch wird ein Klapp-
stuhl im Ereclitheion
seiner Kunstfertigkeit zugeschriebeu {Paus. 1,
27, 1); ist er in Attika doch überhaupt der Pa-
tron der Tischlerzunft und Erfinder der Tischler-
geräte. Späterer Pragmatismus hat die einzel-
nen Lokalzüge der Sage in Zusammenhang ge-
bracht und der bildenden Kunst damit den
Daidalos verfertigt der Pasiphae die hölzerne Kuh, Relief in Palazzo Spada (nach Braun ,
12 antike Basreliefs Taf. V; vgl. S. 937, 13 ff.).
937
Daidalos
Daimon
938
Vorwurf für zahlreiche Darstellungen geliefert.
Darnach erzieht sich Daidalos in Athen einen
Schüler mit Namen Talos (s. d.), den Sohn
seiner Schwester Perdix , wird aber von Neid
über dessen Geschicklichkeit erfüllt und stürzt
ihn von der Burg herab. Daidalos, deshalb
vom Areopag verurteilt, flieht nach Kreta zum
König Minos (s. d.). Hier erbaut er die höl-
zerne Kuh für Pasiphae ('s. d.), das Labyrinth
für den Minotauros, den Tanzplatz für Ariadne
(siehe diese Artikel). Die erstere Scene ist
häufig auf Sarkophagen und Wandbildern
dargestellt, einmal auch auf einem hellenisti-
schen Reliefbild in Palazzo Spada {Braun, 12
Basreliefs Taf. V = Matz-Buhn , Zerstreute
Bildwerke in Born n. 3567. Siehe die Abbil-
dung). Vgl. 0. Jahn, Archäologische Beiträge
p. 237 ff. Helbig , Wandgemälde Campaniens
n. 1205 — 1208. Euripides behandelte den Stoff
in den Kretern ( Welcher, Gr. Trag. p. 801 ff.).
Um dem Zorn des Minos zu entgehen, flieht
Daidalos mit seinem Sohne Ikaros (s. d.) mit Hilfe
kunstreich mit Wachs zusammengefügter Flü-
gel. Die Verfertigung derselben schildert ein
Belief in Villa Albani in Rom {Braun, 12 Bas-
reliefs griech. Erfind. Taf. 12), eine geringere
Kopie davon ebendaselbst ( Zoega , Bassirilievi
tav. 44 u. die Abbildung auf S. 934); Daidalos
dem Sohn die Flügel anbindend auf einer rot-
figurigen Amphora in Neapel (nr. 1767 Heyde-
mann, aus S. Agatade ’Goti), abgeb. Mus. Borb.
13, 57. Ikaros kommt der Sonne zu nahe, das
Wachs seiner Flügel schmilzt, und er findet, in
das nach ihm benannte Meer stürzend, seinen
Tod. Die Wandbilder mit dieser Scene sind
bei Helbig a. a. 0. n. 1209 und 1210 und
Sogliano {Pompei e la regione sotterata dal
Vesuvio p. 173 f.) nr. 523. 524 angeführt, da-
zu Bobert, Archäolog. Zeitung 1877 Taf 1. 2
S. lff. Notizie degli scavi 1879 p. 23. Wei-
teres über Ikaros s. u. d. W. Daidalos rettet
sich nach Cumae , erbaut dort dem Apollon
einen Tempel, in welchem er seine Flügel als
Weihgabe hinterläfst; dann gelangt er nach Ka-
mikos oder Inykon in Sicilien, zu dem König
Kokalcs {Steph. Byz. s. v. Kd.giv.og) und wird
von diesem gegen die Verfolgung des Minos
geschützt, dem er zum Dank in Sicilien aller-
lei wunderbare Bauten ausführt {Paus. 7, 4, 5.
Serv. ad Verg. Aen. 6, 14. Diod. 4, 78. 79).
Die Erzählung ägyptischer Priester bei Diod.
1, 97 vom Aufenthalte des Daidalos in Ägyp-
ten ist vermutlich nur eine Fiktion zur Er-
klärung des Ursprungs der ältesten griechi-
schen Plastik aus der ägyptischen , wie man
manche mythische Traditionen von Ägypten
ableiten wollte. Die ihm von der Sage zu-
geschriebenen Werke sind aufgezählt und be-
sprochen in Brunn’s Gesch. d. griech. Künst-
ler 1 p. 15 ff. Die schriftlichen Zeugnisse fin- i
den sich zusammengestellt bei Overbeck, An-
tike Schriftquellen zur Gesch. d. bild. Künste
n. 74 — 142. Aufserdem sind zu vergleichen:
Preller, Griech. Mythol. 2 2 p. 499 ff. Eugen
Petersen , Kritische Bemerkungen zur ältesten
Geschichte der griech. Kunst. {Progr. d. Gymn.
zu Ploen. 1871). Waldstein, Dedale et V Artemis
de Delos, Bevue arch. 1881 p. 32 lff. [Schreiber.]
Dailoclios (Aatloxog) , Begleiter des The-
seus auf der Rückkehr von Kreta: C. I. Gr."
8185. [Roscher.]
Daimon , Aaigcov , ovog m. (Etymologie
fraglich, nach einigen zu äi div, licht, nach
anderen zu Sa Sai'co teile, nach anderen zu Saa
äafjgcov, kundig , s. G. Gwrtius , Grundzüge 5
230. Preller- Plew 1, 88). Die Daimonen ste-
hen in der antiken Vorstellung als eigene
i Wesensgattung in einer schwankenden Mittel-
stellung zwischen den Göttern und den Men-
schen. Da in ähnlichen Mittelstellungen auch
die Verstorbenen gedacht werden, so entste-
hen mancherlei Kombinationen und Varia-
tionen. Bei Homer und auch ferner oft,
hauptsächlich im poetischen Gebrauch , ist
Sca'gcov synonym mit &sog , obwohl einige
auch dort einen Unterschied, wonach S ai-
geov das göttliche Walten, tUbs die göttliche
Person bezeichne, anerkennen, s. Preller- Plew
I, 88. Kröcher, der homer. Daimon 1876. Der
Daimon als das unentrinnbare Menschenschick-
sal, Oc?.5,396. 10, 64. Aesch. Sept. 812. Soph.
El. 1156. Eur. I. A. 1136f. Theogn. 161;
religiös modificiert Find. Pyth. 5 , 515. Dai-
monen, oberirdisch, als Wächter über die Men-
schen und Reichtum spendend; es sind die
Entschlafenen vom goldenen Geschlechte, Hes.
op. 121 — 126 (ursprünglich nicht identisch, aber
bald identificiert mit den drei Myriaden un-
sterblicher Wächter v. 251 — 255, welche nähere
Vergleichungspunkte mit den in Menschenge-
stalt auf Erden wandelnden Göttern, Od. 17,
485, bieten). — Individuelle Schutzgeister, den
Menschen bei ihrer Geburt mitgegeben, nach
populärer Vorstellung ohne eigne Wahl, bei
Plato Pliaidon 107 d. Bep. 10, 617 e, vgl. die
Etymologie AavsSca'gcov f) AaxsSai'gcov Eust.
II. 2, 581; über die Versittlichung dieses Glau-
bens durch Plato und die Stoiker s. Zeller ,
Gesch. d. Philos. 23, 791. 33, 1, 318. Unter-
scheidung zweier solcher Dämonen, eines guten
und eines bösen, vergl. Menander bei Giern.
Alex. Str. 5 , 260 Sylb. , dazu Leop. Schmidt ,
Ethik 1, 153;- der böse Geist des Brutus, Plut.
Brut. 36, des Cassius, Valer. Maximus 1, 7, 7. —
Vgl. Genius und Iuno, nebst Ukert, Daemo-
nen, Heroen u. Genien, Sachs. Ges. Abli. 2, 139.
Gerhard, Daimonen u. Genien 1852. 0. Bib-
beck, Daemon u. Genius 1868. — Daimonen
als niedere Götter, wie Hypnos und Thanatos
bei Eukleides Megar. {Stob. flor. 6, 65), spe-
ciell Subalterngötter, Saigovsg ngonoloi ,
wie die Korybanten der Rhea, Strabo 10, 472;
Eurynomos im Hades , in Polygnots Nekyia,
Paus. 10, 28; Akratos, Daimon des Dionysos,
Paus. 1, 2, 4; Tychon und Orthages, Daimon
der Aphrodite, Preller- Plew 1, 444, 3. Tzetz.
Dyk. 538; Daimonen der Hekate, C. I. Gr.
n. 3857 k u. a. — Ausgedehnter Sepulkralge-
brauch. Wie Hades Sai'gcov x^oviog heilst,
C. I. Gr. 1034, so heilst der Tod Suigcov
ßaGvavog, cp&ovSQog, aloyiGtog, lvitr\Qog, xaxvg,
vrjlsgg, voivog, vavog, dnQotSyg, C. I. Gr. 710.
1499. 2059. 2237. 2767. 3123. 3344b. 3627.
4137. 6200. 6239. 6257. 6268. 6281. 6292. 6858.
Der Verstorben e ist Daimon, Eur. Alk. 1003.
Lucian de morte Peregr. 36. C. I. Gr. 5872.
939 Daiphron
5858b. Athenische Mitt. 6, 129. Kaibel, Epigr.
n. 243. ftsoi 's Suipoaiv (ß. svasßsoiv, naloig,
vergl. S. ayu&cöv) = Dis Manibus C. I. Gr.
n. 2264q. 4452. 5827. 5849.^ 5857. 6635. 6664.
Kaibel, Epigr. n. 607. — ’Ayu&og dulpcov
(Bonus Eventus ; s. d.), auch verbunden mit’Ay ufty
rvxg, C. I. Gr. 227 b. 2510. 2465 f. 3074. 4301 d.
5967. C. I. Att. 3, 1, 215. 691; auf Lebende
übertragen, C. I. Gr. 4717. 4699. 3886 add.
Der Trunk ungemischten Weines war ciya&ov
öaigovog H es. s. v. Eiodor 4, 3. Atli. 15, 17;
der Pithoigientag, Flut. Symp. Qu. 8, 10, 3.
Agathodaimoniasten, Hes. s. v., Hofs, inscr.
gr. ined. 3 n. 282, 5. Acayovwv «yaffc Sv —
Dis Manibus G. 1. Gr. 2684. 2700b. c. 2707—
2710; vgl. 6414. Bild des Agathodaimon von
Praxiteles, Plin. 36, 23; er trägt das Füllhorn
im athen. Relief v. Sybel , Katalog n. 6740.
Statue Pembroke, Clarac 3, 438 f. 803 a = 970 b.
2501 e. Als menschenköpfige Schlange (?) auf
der Tessera C. I. Gr. 8587. Vergl. Gerhard,
Agathodaimon (Abh. 2, 21). Daemonologieen
der Philosophen, s. Zeller, Gesell, d. Phil.3
Register. Über Scapoviov vgl. Leop. Schmidt,
Ethik 1, 52 [vgl. C. I. Gr. 3045. 3595 R,], über
das des Sokrates ib. 1, 230 ff. Die Heidengötter
bei Juden und Christen als Daimonen aufge-
fafst, s. Zeller 3, 23, 345, vgl. z. B. C. I. Gr.
8627 (ähnliches schon bei Demokrit, nach Zel-
ler l4, 838). Vergl. überhaupt Lehrs Daimon
(. Aufsätze 144). [v. Sybel.]
Da’iphron ( Aatcpgcov ), 1) Sohn des Aigyptos,
mit der Danaide Skaia vermählt, Apollod. 2,
1, 5, 3. — 2) Ein andrer Sohn des Aigyptos,
vermählt mit der Danaide Adiante, Apollod.
2, 1, 5, 9. [Stoll.]
Dais (Aalg ftcdeici), die als Göttin personi-
ficierte reichliche Mahlzeit, scheint in einem
Fragmente aus dem Triptolemos des Sophokles
bei Hesych. als die ngsoßiGzig Qtäv bezeich-
net zu werden. [Steuding.]
Daitas (Aalzag) , 1) Vater des Delphiers
Machaireus , der den Neoptolemos erschlug,
Asklepiades b. Schob. Pind. Nem. 7, 62. — 2)
Zwei Brüder in Lesbos , Daitas und Thyestes,
erzeugten aus einem Ei einen Knaben Namens
Enorches , der dem Dionysos einen Tempel
baute und dem Gotte von sich den Beinamen
Enorches gab, Tzetz. Lyk. 212. [Stoll.]
Daites (Aalxyg), ein bei den Troern verehr-
ter Heros des Gastmahls (Saig), welchen Mimner-
mos erwähnt haben soll, Athen. 4, 174a. Eustath.
Od. p. 1413, 23. Vgl. Daitoü. [Stoll.]
Daiton (Aaizcov) , ein Heros der Mahlzeit
(Saig), der Mahlbereitung, welchem zu Sparta
in der hyakinthischen Strafse zugleich mit
dem Heros Keraon (Weinmischer, nsgdvvvfii)
von den Dienern , welche zu den Pheiditien
das Backen des Brotes und das Mischen des
Weines besorgten, Altäre oder Bildsäulen ge-
stiftet waren, Athen. 4, 173 f. ; vgl. Eustath.
Od. p. 1413, 20. Dasselbe sagt Athen. 2, 39 c
von zwei Heroen Matton (pazzeo) und Keraon
in Sparta. Vgl. Daites u. Deipneus. [Stoll.]
Daitor (Aatzag), ein Troer, von Teukros
getötet, II. 8, 275. [Stoll. |
Daitos ( Aaizog ), ein Nachkomme des Kepha-
los (Deions Sohn) im 10. Glied. Derselbe er-
Daktyloi 940
hielt mit seinem Verwandten (Bluder?) Chal-
kinos in Delphi das Orakel , wenn sie nach
Attika, aus welchem ihr Ahnherr verbannt wor-
den war, zurückkehren wollten, „so sollten
sie dem Apollon daselbst an dem Punkte ein
Opfer darbringen, an welchem sie eine auf
dem Lande laufende Triere erblicken würden.“
Am Berg Poikilon trafen sie dann einen Dra-
chen, der nach seiner Höhle eilte. Sie opfer-
ten an dieser Stelle und erhielten hierauf auch
von den Athenern das Bürgerrecht, Paus. 1,
37, 6f. [Steuding.]
Daktyloi (AänzvXoi) auch Digiti m. (ädv.zvloi
Finger; vgl. Poll. 2, 156), Daimonen der idäi-
schen Mutter, Eisenschmiede und Zauberer (yor\-
zs g), Kelmis, Damnameneus und Akmon
(s. d.). a) Phryger; riesig und überstark, die
handtüchtigen Diener der Rhea, die zuerst
in den Gebirgsschluchten das Eisen fanden und ;
schmiedeten ; so in der Phoronis b. Schol. Ap. |
Phod. 1, 1129; Soph. ib. und bei Strabo 10, I
473 (fünf männliche thätig in Eisenarbeit, fünf 1
weibliche helfende' Schwestern) ; Pherekydes |
setzt 20 rechte, verzaubernde, 32 linke, den |i
Zauber lösende. Ap. Phod, 1, 1126 nennt Ti-
tias und Kylienos als nageSgoi der idäi- |
sehen Mutter, setzt sie aber mit den kretischen I
Daktylen in Verbindung. Von der Göttermut- 1
ter lernten sie die Eisenarbeit Diod. 17,7; sie |
gingen nach Samothrake als Orpheus’ Leh- ij
rer ib. 5, 64; waren die ersten ooepot, erfan- 1
den die ephesischen Zauberformeln und die jf
musikalischen Rhythmen, daher Daktylos als K
Name eines Metrums, Clem. Al. str. 1, 132; 1
vgl. Et. M.’lSaioi ; sie haben unter den ersten *
die Hellenen das Saitenspiel gelehrt , Alex. I
ne gl Invy tag bei Flut. mus. 5. Auf dem phry- ■
gischen Ida geboren, mit Mygdon nach Eu- I
ropa gegangen, Ephoros bei Diod. 5, 64. Der
Name ’lSaioi Acruzvloi komme vom Vater
Daktylos und von der Mutter Ida, Mnaseas .
nsgl ’Aaiug b. Schol, Ap. Phod. a. a. 0. —
b) In Kreta, Hesiod Acinzvloi ’ldaioi ( Frg .
14. 15.) bei Plin. 7, 57. Diod. 5, 64 (nach i
einigen 100 , nach anderen 10 gleich den
Fingern). Alarm. Par. = C. I. Gr. n. 237421. !
Zur Geburt des Zeus in der diktäischen
Grotte in Beziehung, entstanden aus den
Händen voll Staub, welche die Nymphe An-
chiale hinter sich warf, Ap. Pli. 1, 1129
nach Stesimbrotos ■, betr. Anchiale vergl. Lydus »
de mens. p. 95; sie warten den neugeborenen
Zeus, Diod. 5, 70; mit Kureten und Kory-
banten konfundiert, Strabo 10, 466. Schol, '
Arat. 33; Paus. 5, 7, 6; die Kureten als Nach-
kommen der Daktyloi, Diod. 5, 65. Einer hiefs
Morges, in dessen Mysterien Pythagoras ein-
geweiht worden sei, Porph. Vit. Pyth. p. 17.
Idaei dactyli kretische Edelsteine, eisenfarbig,
in Daumenform, Plin. 37, 170. Kelmis und
Damnameneus auf Kypros, CI. Al. str. 1,
132. — c ) In Olympia gilt Herakles als
Stifter der Spiele, bald Alkmenes Sohn, oder
ohne nähere Bezeichnung ( Pindar ; Lysias 33, 1 ;
Schol. Plato Phaülon 89c; Pol, 465 d; Diod. 4,
14, 1 ; 53, 4) bald als idäischer Daktyle ( Strabo
8, 355; vgl. Diodor 5, 64), mit seinen Brüdern
Paionaios, Epimedes, Iasias, Idas (oder
io
20
30
40
50
60
941 Damaios
Akesidas — also Heroen der Heilkunst) vom
kretischen Ida herübergekommen; Herakles als
der älteste liefs seine Brüder um den Kotinos-
kranz laufen, Paus. 5, 7, 6 nach elischer Sage;
Altäre des idäischen Herakles als nuguGzazyg
in der Altis und im Gymnasion, Paus. 5, 14,
7. 6, 23, 2, bei ersterem auch Altäre der Brü-
der, alle angeblich gestiftet von einem Nach-
kommen des idäischen Herakles Klymenos
aus Kydonia, Paus. 5,8,1. 6, 21, 6. Der
Altar des olympischen Zeus soll vom idäischen
Herakles gestiftet sein, Paus. 5, 13, 8. Sonst
fand sich der idäische Herakles in Megalo-
polis (yeys&og n rj%vv) nach Onomakritos, Paus.
8, 31, 1, in Mykalessos Paus. 9, 19, 4, in
Tyros und Erythrai, vielleicht auch in
Thespiai, Paus. 9, 27, 5; in Kos, Cie. Deor.
Nat. 3, 16. Über kretische Ursprünge olym-
pischer Kulte vergl. Köck, Kreta. Furtiväng-
ler, Bronzen aus Olympia. Milchhöfer, Anfänge
der Kunst, über die Daktylen überhaupt aufser
den genannten noch Lobeclc, de Idaeis Lakty-
lis ( Aglaopliamus 1156). Welcker , Götterlehre
2, 240. Preller-Plew im Register, [v. Sybel.]
Damaios (Aayui:og), Beiname des Poseidon,
Find. Olymp. 13, 98, nach dem Schol. p. 282
Böckh: and zr\g zäv i'nncov dayuGicog. Eine
andere Erklärung versucht Kuhn, Ztschr. f. vgl.
Spr. 1 S. 468. [Crusius.]
^ Damail hos (Aaguid-og), ein König in Karien.
In sein Land wurde Podaleirios auf seiner
Rückfahrt von Troja verschlagen, von einem
Ziegenhirten gerettet und zu dem König ge-
führt. Er rettete dessen Tochter Syrna von
einer Krankheit, und der dankbare König gab
ihm seine Tochter zur Ehe und eine Halbinsel
zum Besitz. Auf dieser gründete er zwei Städte,
von denen er die eine nach seiner Gattin
Syrna, die andre nach dem Ziegenhirten be-
nannte, Steph. Byz. s. v. Lvova. Vergl. Paus.
3, 26, 7. [Stoll.]
Damas {Augüg), ein Begleiter des Dionysos
auf seinem Zuge nach Asien, der in der Ge-
gend, wo später Damaskos stand, eine Hütte
( onyvif ) baute und ein Bild des Gottes auf-
stellte. Daher rj Augü ayirjvfj, Augu6Y.o g. Et.
AI. s. v. AuyuGuog. Vgl. Damaskos. [Stoll.]
Damas {Augug, -ocvzog), ein Grieche aus
Aulis, der mit Arkesilaos nach Troja gezogen
war, von Aineias erschlagen, Quint. Sm. 8,
303. [Stoll.]
Damasen {Auguoriv, Bändiger), ein Gigant,
den Gaia aus sich selbst geboren und Eris
aufgezogen hatte. Von Geburt an bärtig wird
er sofort von der Eileithyia mit Waffen aus-
gerüstet. Er wächst zu gewaltiger Gröfse her-
an und erschlägt auf Bitten der Nymphe Morie
Iden Drachen, welcher Tylos, den Bruder der-
I selben, getötet hatte, Nonn. Lion. 25, 486 — ■,
521; vgl. 453, 245. Vgl. Damysos. [Steuding.]
Damasichthon {Au yaGi'x&cov) , 1) Sohn des
Amphion und der Niobe (s. d.), Apollod. 3, 5,
6. — 2) Sohn des Opheltes, Enkel des Pene-
leos, nach dem Weggange des Autesion (s. d.)
zum König von Theben gewählt: Paus. 9, 5,
16. [Roscher.]
Damasiklos {Aapäßiv.log) , Vater der Ery-
mede , welche dem Elatos, dem Sohne des
Dameon 942
Ikarios, den Tainaros gebar, Pherekydes bei
Schol, Ap. lili. 1 , 102. [Stoll.]
Damasippe {AuyuGinnrj), Tochter des Atrax,
Gemahlin des Kasandros , verliebte sich in
ihren Stiefsohn , Hebros , der sie aber ver-
schmähte und, von ihr beim Vater verläum-
det, in den Flufs Rbombos (Hebros) stürzte.
(Apokrypher Mythus b.) Pscud. Plut. de fluv.
3, 1. [Roscher.]
Damasippos {AugÜGimrog), 1) Sohn des Ika-
rios und der Nymphe Periboia, Bruder der
Penelope, Apollod, 3, 10, 6. — [2) Vgl. C. I.
Gr. 8185 R.] [Stoll.]
Damasistrate {AuguaiGZQuzr]) , Begleiterin
des Theseus bei der Rückkehr von Kreta: C. I.
Gr. 8185. [Roscher.]
Damasistratos {AuguGiGZQuzog) , König von
Plataiai , der den von Oidipus erschlagenen
Laios begrub, Apollod. 3, 5, 8. Paus. 10, 5,
2. Schneidewin , die Sage vom König Oidipus
S. 27. [Stoll.]
Damaskos (AuguGKog), ein Sohn des Her-
mes und der Nymphe Halimede, der von Ar-
kadien nach Syrien kam und hier die gleich-
namige Stadt gründete; oder ein Mann, der
in Syrien die von Dionysos gepflanzten Reben
mit dem Beile abhieb und deswegen von dem
erzürnten Gott geschunden ward, Steph. Byz.
s. v. Vgl. Askos und Damas {Augccg). [Stoil.]
Damasos (AäpuGog), ein Troer, von Poly-
poites erlegt, II. 12, 183. [Stoll.]
Damastes {Auguczyg) oderPolypemon(Paws.),
ein gewaltthätiger Riese in Erineos bei Eleu-
sis in der Nähe des Kephisos, oder (nach Dio-
dor) in dem Korydallos, einem Teil des Gebir-
ges zwischen der eleusinischen und der athe-
nischen Ebene, welcher die Wanderer, die in
seine Hände fielen, in ein Folterbett zwang,
und wenn sie zu lang waren, ihnen die über-
stehenden Teile des Körpers abhieb, oder, wenn
sie zu kurz waren, sie ausreckte, indem er die
Fiifse hämmerte ( nQOY.QOvsiv ) oder Ambofse auf
sie legte. Daher hatte er den Beinamen Pro-
krustes. Theseus (s. d.) tötete ihn auf seiner
Reise von Troizen nach Athen auf dieselbe
Weise, wie er selbst die andern getötet, Plut.
Thes. 11. Paus. 1, 38, 5. Liod. 4, 59. Hy-
gin. f. 38. Ovid. Met. 7, 438. Preller, Griech.
Myth. 2, 290, 6. [Stoll.]
Damastor {AugdazcoQ) , 1) Sohn des Nau-
plios, Vater des Peristhenes, Grofsvater des
Diktys und Polydektes, Pherekydes bei Schol.
Ap. Rh. 4, 1091. — 2) Ein Gigant. Bei dem
Kampf gegen die Götter schleuderte er statt
eines Felsblocks den durch das Gorgonenhaupt
der Athene versteinerten Pallas, Glaudian. Gi-
gantom. 101 ff. — 3) u. 4) siehe Damastorides
No. 2. [Stoll.]
Damastorides {Auguozogidyg), ein Troer, von
Agamemnon erlegt, Quint. Smyrn. 13, 211. —
2) Sohn des Damastor, d. i. der Troer Tlepo-
lemos, II, 16, 416 und der Freier Agelaos auf
Ithaka, 0(7.20,321. 22,212.241.293. [Stoll.]
Dameon ( Augsmv ), Sohn des Phlius, der an
dem Zuge des Herakles gegen Augeias teil-
nahm und von Kteatos nebst seinem Rosse
getötet ward. Manche erklärten den Taraxip-
pos (s. d.) zu Olympia für das gemeinsame
io
20
30
40
50
60
943 Damia
Grabmal des Dameon und seines Rosses, Paus.
6, 20, 8. [Stoll.]
Damia (dafiia , nach Einigen v. dü = yd,
Zr}pf\xr\Q , s. Preller, Griech. Mythol. 1, 618,
2), s. Auxesia u. den folg. Artikel. [Stoll.]
Damia. Damia, Name der Bona Dea; wie
damium der ibres Opfers und damiatrix der
ihrer Priesterin, nach Paul. p. 68 damium
sacrificium , quod ftebat in operto in honorem
Bonae Deae, dictum a contrarietate , quod mi-
nime esset äaaoaiov id est publicum, dea quo-
que ipsa Damia et sacerdos eins damiatrix
appellabatur ; vgl. Placid. p. 30, 12 f. 33, lD.
Gloss. Labb. s. v. damium (ftvatcu vnuiO'QioL
yivogsvca). Das von Paulus erwähnte Opfer
ist dasjenige, welches bei dem im Anfänge des
Dezember in dem Hause des Prätors oder Kon-
suls von den vornehmsten Frauen Roms und
den Vestalinnen unter Ausschlufs alles Männ-
lichen im geheimen (in operto , vergl. Seneca
epist. 16, 2, 2 (97). Cic. parad. 4, 2, 32. har.
resp. 17, 37. Iuvenal. 6, 314) gefeierten Feste
der Bona Dea von der Frau oder Mutter des
höchsten Beamten mit den Vestalinnen für das
Wohl des römischen Volkes (daher popularia
sacra bei Martial 10, 41, 7, publicae caerimo-
niae bei Sueton. Caes. 6 genannt) dargebracht
wurde (vergl. über dasselbe Bona Dea). Wie
schon zu.Ciceros Zeit dieses nächtliche Fest
einen von den Bräuchen des strengen altrömi-
schen Kultus abweichenden Charakter an sich
trug, indem die Feier einem lectisternium glich
(pulvinaria Cic. har. resp. 5, 8. Pison. 39, 95.
Mil. 27, 72; vgl. de domo 53, 136) , in ihren
symbolischen Handlungen an die griechischen
Mysterien und Orgien erinnerte und die Gleich-
stellung der Bona Dea mit Kybele und Semele
veranlafste (Cic. ad Att. 5, 21, 14. 15, 25. Flut.
Caes. 9. Cic. 19. Macrob. sat. 1, 12, 23), so
sind auch die Namen Damia, damium und da-
miatrix, die aus dem Lateinischen nicht er-
klärbar sind, offenbar griechischen Ursprungs
(Preller, Böm. Myth.3 1 S. 402 Anm. 4. Stoll
in Paulys Beal-Enc. s. v. Bona Dea. Saglio
in Daremberg und Saglio, Dictionn. des anti-
quites s. v. Bona Dea; allerdings zeigt die Form
damiatrix, dafs das Lehnwort sehr alt ist, vgl.
auch Bücheier am unten a. 0.) und wahrschein-
lich mit einer dorischen Göttin Atxyi'a , deren
Verehrung für Troizen, Epidauros und Aigina
bezeugt ist ( Pausan . 2, 32. Herod. 5, 82. 83;
Litteratur s. bei Auxesia), und dem tarentini-
schen Feste Accgsia (Hesych. s. v.), das jeden-
falls sich auf diese Göttin bezieht (vgl. K. Fr.
Hermann, Gottesd. Altert ,2 § 68, 5), in Ver-
bindung zu bringen. Auch wird die sich zu-
nächst auf die Namensgleichheit gründende
Annahme, dafs man Bona Dea mit der griechi-
schen Accgia identifizierte und nach ihr be-
nannte, durch das Wesen der AayCcc gesichert.
Diese nämlich stellt, ähnlich wie Bona Dea,
d. i. Fauna, die Erdgöttin ist (s. Bona Dea),
nur eine besondere Form der Demeter dar
(vgl. ihre Verbindung mit Av^rjaia; Welcher,
Gr. Götterl. 3 S. 130fF. 0. Müller, Dorier l2
S. 406 Anm. 1. 2 2 S. 341. Bachofen, Versuch
über d. Gräbersymbolik S. 351); und wenn fer-
ner berichtet wird, dafs Accgia und Avtgya'a
Damia 944
in Epidauros durch geheime Ceremonien (kq-
ggtoi iQogy lat) und in Epidauros und auf Ai-
gina durch Chöre von Weibern, welche unter
der Anführung von Männern die einheimischen
Frauen, nicht aber die Männer schalten, ver-
ehrt wurden (Herod. 5, 83), so läfst sich aus
dem zuletzt genannten Kultusbrauch noch er-
kennen, dafs Accyiu eine Frauengottheit war
(vgl. auch die von Welcher a. a. 0. und Kl.
Schriften 3 S. 186 f. 202 nachgewiesene Geltung
der Augicc als Geburtsgöttin), also auch hier-
in der Bona Dea glich, während die geheimen
Ceremonien im Kultus der Bona Dea nachge-
ahmt worden zu sein scheinen. Wann die
Römer die Aceyia kennen lernten und sie der
Bona Dea gleichsetzend in ihren Kultus auf-
nalnnen, läfst sich nicht bestimmen; die An-
nahme Prellers (a. a. 0.; ihm stimmt Huschhe
in N. Jahrb. f. Pli. Suppl. 5 S. 890, s. unten,
bei), dafs dies in den ersten Jahren der Re-
publik zugleich mit der Einführung des De-
meterdienstes geschehen sei (ähnlich Stoll,
Saglio a. aa. 00.), ist nicht unwahrscheinlich.
Auch bei den Oskern haben Huschhe (Zu
den altitalischen Dialekten, in N. Jahrb. f.
Ph. Suppl. 5 S. 889 ff.), Guidobaldi (Damia o
buona dea, Neapel 1865) und Bücheier (Oshische
Bleitafel,' im N. Bh. Mus. 33, 1877, S. 7 1 f.)
die Damia nachzuweisen versucht, erstere auf
einer Inschrift aus einer oskischen Nekropole
bei Capua (hluva . . . | diuvia . . . | damu . . .
auf der einen Seite, hluv . . . | damuse . . . | diu-
via . . . auf der anderen, Zvetajeff, Sylt, inscr.
Osc. n. 36 tab. 6, 3a.b, wo die Publikatio-
nen der Inschrift aufgeführt sind, vergl. dazu
F. v. Dulin am unten a. 0. S. 185; Huschhe
vermutet eine Form des Namens wie diuviai
damüsenai = Ioviae Damiae, von öugöacog oder
dayötig gebildet, Guidobaldi sieht in damusa
die Priesterin der Damia Iovia), letzterer ge-
stützt auf eine oskische Bleitafel mit einer
Verwünschung aus derselben Nekropole (v. 2:
usurs inim malaks nistrus pakiu kluvatiud vala-
mais p[uklu] anikadum damia . . . j , Zvetajeff
n. 50 und Addenda S. 1 52 f. ; über die Nekro-
pole vergl. U. v. Wilamowitz-Möllendorff im
Bull. delV inst. 1873 S. 145ff. und besonders
F. v. Duhn das. 1876 S. 171 ff.); aber die
Deutungen Huschlces und Guidobaldis sind
durchaus unsicher (vergl. Corssen in Ztschr. f.
vgl. Spr.-F. 11, 1862, S. 322 und in Ephem.
epigr. 2 S. 160f. n. 10; Bücheier a. a. 0.), und
in der Imprecationstafel hat damia, . . . nach
S. Bugge (Altitalische Studien, Christiania 1878
S. 12, und Huschhe (Die neue oshische Blcitafel
etc. Leipzig 1880 S. 28) mit Damia nichts zu
thun. In welchem Verhältnis ein von Luxo-
rius (Anthol. lat. p. 70, 1 Biese) gebrauchtes
Wort damium ( quoniam . . . voti vobis damium
usque ad exodium vitulantibus coagmentem ;
Bücheier a. a. 0. übersetzt cHochzeitsceremo-
nien’, ohne einen Beleg für diese Bedeutung
anzuführen; jedenfalls hierauf bezieht sich die
Äufserung Huschlces. Bleitäfel a. a. 0., dafs
eine von dem Feste der Bona Dea verschiedene
Damienfeier hochzeitlicher Natur gewesen zu
sein scheine, damium von dayugco = su-
bigo) zu damium, welches das Opfer der Bona
945 Damithales
Danae 946
Dea bezeichnet, steht, läfst sich nicht er-
mitteln.
Eine genügende Erklärung des Namens
Aagza, Damia ist noch nicht gefunden (z. B.
Aufu'u = 'Bändigerin der Stiere, Einspannerin
der daficilcu. Pflügerin*, wie 'innoöapCa, Aao-
dufiiu, nach Welcher, Gr. Götterl. a. a. 0. S. 131 ;
Zagtet von Sggog , dieses von yfj, yrj = Sä,
Aggyzyg = TV] ggzgg nach Preller, Gr. Myth.
I3 S. 618 Anm. 2, ähnlich Huschlce, Beiträge
a. a. 0., vgl. aber Curtius, Etym ,5 S. 492; auch
Weise, 1). griech. Lehmeörter im Latein, Leip-
zig 1882 S. 316 setzt damium = öägiov =
drgiLov; ganz unrichtige Erklärungen der röm.
Damia von Hartung, Bei. d. Böm. 2 S. 197
und Guidobaldi a. a. 0., sowie von Cuno, Vor-
geschichte Borns 1 Leipzig 1878 S. 186, der
Damia etc. vom keltischen Stamme dag = bo-
nus ableitet); die Gleichstellung des Paulus
öagia = öagoaia = publica scheint von den
Römern in Rücksicht darauf, dafs das Opfer
pro populo Romano stattfand , vorgenommen
worden zu sein. Ganz verschieden von den
gewöhnlichen Erklärungen ist die Auffassung
Bergks ( Zivei Zauberformeln bei Cato, im Phi-
lol. 21, 1864 S. 596f. = Kl. philol. Schrift. 1
S. 567 f.); nach ihm hat die Bona Dea auch
ihre Nachtseite; als unholde, Schaden und Ver-
derben bringende Göttin führt sie den Namen
Damia; es ist dieselbe Göttin, die in Aigina
unter doppelter Gestalt, obwohl sie nur eine
war, als Av^gßta und Aagt'a verehrt wurde,
wovon Av^gat'a die Leben erzeugende und
erhaltende Göttin, Aecgi'a die Verderben brin-
gende Todesgöttin bezeichnet: Aagia = gapia
= ^ggia; doch haben die altitalischen Stämme
diesen Kultus und den Namen Damia nicht
von den Griechen entlehnt, sondern dieser
Gottesdienst ist beiden Nationen seit alters
gemeinsam; daher heifst das der Göttin dar-
gebrachte Sühnopfer damium, die Priesterin
damiatrix, von damiare 'durch Opfer versöh-
nen’, urspr. 'binden, fesseln’ (davon auch dam-
num = 'Qggta). Ferner nimmt Bergk an (das.
Ä.nm. 22 und De Paelignorum sermone, ind.
schol. aest. Halens. 1864 S. VII = Kl. philol.
Sehr. 1 S. 527), dafs die Damia.-Bona Dea von
der Laverna eigentlich nicht verschieden ge-
wesen sei, und stützt diese Annahme auf die
Inschrift C. I. L. 1 n. 1279, wo magistri La-
lerneis der Bona Dea pagi decreto einen Tem-
)el errichten, und vermutet aufserdem ( Zwei
Zauber f. S. 598 f. = Kl. Sehr. 1 S. 569 f.), dafs
rnn den bei Cato de agric. 160 überlieferten
iaubersprüehen der zweite , ursprünglich eine
leschwörung des Hagels , einst in einer Be-
iehung zu Bona Dea oder Damia , der Be-
chützerin des Landmanns, gestanden haben
cönnte. Doch entbehren diese Annahmen
teder sicheren Grundlage. [R. Peter.]
lithalcs {Aagt&uXgg), ein Heros des Acker-
■aus zu Pheneos , der in Gemeinschaft mit
'risaules die nach Pheneos kommende Deme-
er gastlich aufnahm und ihr unter dem Bei-
amen Thesmia am Fufse der Kyllene, 15 Sta-
ien von der Stadt, einen Tempel baute,
uch stifteten sie der Göttin einen Geheim-
ienst, der noch zur Zeit des Pausanias be-
stand, Paus. 8, 15, 4. Preller, Griech. Myth.
1, 618, 2. [Stoll]
Damnameneus ( Aagvagsvevg — Hammer
nach Welcher, Götterl. 3, 177), einer der idäi-
sclien Daktylen (s. d.) in der Phoronis, Schol.
Ap. Bhod. 1, 1129. Strabo 10 p. 473. Scamo
beb Clemens Alex. 1, 74 p. 362 (P) = Müller,
F. H. G. 4 p. 490. Vgl. Fröhncr, Philol, 22,
544, der den Namen in späten Zauberformeln
io (vergl. Hesych. s. v. ’Etpsoia ygäggaza) nach-
weist, auch in der Nebenform Aagvavotog auf
einer Silberplatte im Musee Nap. 3 snl zov
gsyäXov xal ctytov ovogazog tov geovzog v.v-
p/ov &iov AuyvuvuvoCov xal Adwvou'ov xzX.
[Vgl. auch C. I. Gr. 2374, 22 R.] [Crusius.]
Damneus (Jagvevg, Bändiger), ein Kory-
bant {Norm. Dion. 13, 144), welcher auf dem
Zuge des Bakchos mit den übrigen Koryban-
ten zusammen gegen die Inder kämpft (eben-
20 da 28, 271). [Steuding.]
Damno (z/apreo), eine Tochter des Belos, Ge-
mahlin des Agenor, dem sie Phoinix, Isaia
(Gemahlin des Aigyptos) und Melia (Gemahlin
des Danaos) gebar. Pherekydes bei Schol. Ap.
Bh. 3, 1186. [Stoll.]
Damokrateia (Aagoy-gdz fta) , Tochter des
Zeus und der Aigina, Schwester des Aiakos
(s. d.), Gemahlin des Aktor, Mutter des Menoi-
tios: Pythainetos b. Schol. Pind. Ol. 9, 107.
30 [Roscher.] '
Damokrates (z/aponparrjg Plut., Arigoxgd-
zgg Clem. Al.), ein Stammheros von Plataiai,
welchem vor der bekannten Schlacht daselbst
seitens der Griechen ein Opfer gebracht wurde,
Plut. Arist. 11 p. 325. Clem. Alex. adm. ad
gentes p. 26 Sylb. [Steuding.]
Damona, eine celtische Göttin auf Inschrif-
ten aus Bourbon-Lancy, Orelli 1974, wo aber
nach der Bevue Arch. 1880, 80 Bormoni et
40 Damonae zu korrigieren ist, und aus Bour-
bonne-les-Bains , Henzen 5880 (s. Borvo); vgl.
Bevue Arch. a. a. 0. 74 und die Inschr. im
Bull, d. Inst. Arch. 1875 p. 21, 23, 66, 76f.,
81, 133 und p. 25: Damonae Aug. Claudia
Mossia ... v. s. I. m. (nach De- Vit, onom.
s. v.). Mehrfach steht also Damona, die bei
Orelli 1974b Tomona genannt wird, neben
Borvo oder Bormo. [Steuding.]
Ramoiie heifst bei Hygin. f. 170 eine Toch-
50 ter des Danaos, die mit Amyntor vermählt ward.
Vielleicht ist Damno zu schreiben. [Stoll.]
Damophon (Auyocpäv), Sohn des Thoas, En-
kel des Ornytion, Urenkel des Sisyphos, König
in Korinth, Paus. 2, 4, 3. [Stoll]
Damysos (Aüpvoog?), der schnellste aller
Giganten, welcher in Pallene begraben war.
Cheiron grub seinen Knöchel aus und setzte
ihn dem Achilleus (s. d. oben S. 24) statt des
von seiner Mutter im Feuer verbrannten ein.
co Als dieser vom Apollon verfolgt wurde, ver-
lor er jenen Knöchel und wurde so zum Fal-
len gebracht und getötet. So lautet der offen-
bar erst spät erfundene und schlecht beglaubigte
Mythus bei Ptol. Heph, p. 195 Western. Wahr-
scheinlich erfand man ihn, um die Schnell-
füfsigkeit des Achilleus zu motivieren. Vergl.
Damasen. [Roscher.]
Danae {Aa.vct.rf) , 1) die schöne Tochter des
947
Danae
Danae
Akrisios, Königs in Argos, und der Eurydike,
einer Tochter des Lakedaimon und der Sparte
(einer Tochter des Eurotas), Apollod. 2, 2, 2.
3, 10, 3. Pherekydes bei Schol. Ap. Bhod. 4,
1091. Hygin. /'. 155. 224. Bei Tzetz. LyTc. 838
heilst Eurydike Tochter des Eurotas, bei Ily-
gin. /'. 63 ist Danae Tochter des Akrisios. und
der Aganippe. — Da Akrisios, schon in höhe-
rem Alter, sich einen Sohn wünschte, so be-
fragte er das delphische Orakel , wurde aber io
von diesem vor männlicher Nachkommenschaft
gewarnt: seine Tochter Danae werde einen
Sohn gebären, der ihn töten werde. Um dies
zu verhüten , verschlofs er die Tochter in ein
ehernes Gemach und bewachte sie streng.
Zeus aber, der Danae liebte, verwandelte sich
in einen goldenen Regen, drang durch das
Dach des Gemaches zu ihr und zeugte mit
ihr den Perseus, Apollod. 2, 4, 1. Vgl. Phe-
rekydes b. Schol. Ap. Bh. 4, 1091. Tzetz. Dyk. 20
838. Schol. P'md. Pytli. 10, 72. Diod. 4, 9.
Hygin. f. 63. II. 14, 319 u. Schol. z. d. St.
Hesiod. Scut. 216. Find. Pyth. 12, 17. Sopli.
Antig. 944 ff. Ov. Met. 4, 611. 698. 11, 117.
Horat. Od. 3, 16, lff. Strab. 10, 487. Schol.
Stat. Theb. 2, 220. 6, 286. Schol. Germ. p. 63
ed. Buhle. Myth. Vat. 1, 159. 2, 110. Von
dem ehernen, d. h. mit ehernen Platten be-
schlagenen Thalamos der Danae, der von den
meisten als unterirdisch bezeichnet wird (also 30
ähnlich dem Schatzhause des Atreus), spricht
Paus. 2, 23, 7 ; vgl. Curtius, Peloponnesos 2, 361.
Bursian, Geogr. v. Gr. 2, 51. Er war von
dem Tyrannen Perilaos zerstört worden. Manche,
auch Pindar an unbekannter Stelle, gaben an,
dafs Danae nicht von Zeus, sondern von Proi-
tos , dem Bruder des Akrisios, geschwächt
worden sei, und dies sei der Grund zu dem
grofsen Hafs und Streit der beiden Brüder ge-
wesen, Schol. II. 14, 319. Apollod. 2, 4, 1.40
Spätere erklären , Danae sei durch kostbare
Geschenke eines reichen Müfsiggäugers ver-
führt worden, Myth. Vat. 3, 3, 5. — Die mei-
sten der oben citierten Schriftsteller erzählen
weiter: Als Akrisios einst aus dem Thalamos
die Stimme des spielenden Knaben Perseus
hörte und so erfuhr, dafs seine Tochter den-
noch geboren hatte , tötete er die Amme, die
Tochter aber mit ihrem Sohne trug er auf den
Hausaltar des Zeus, um inbetreff des Vaters des 50
Knaben sich die Wahrheit beschwören zu las-
sen. Er glaubt der Aussage der Tochter nicht,
dafs Zeus der Vater sei, schliefst sie mit dem
Kinde in einen Kasten und wirft sie ins Meer.
Der Kasten wird von den Fluten an die Küste
von Seriphos getrieben, wo Diktys, ein Fischör,
gewöhnlich ein Bruder des Königs Polydektes
genannt, Mutter und Kind rettet, indem er siemit
seinen Netzen aus dem Meere zieht (s. die Münze
S. 948; die ergreifende Klage der mit ihrem Kind eo
in dem Kasten auf den W ogen umhertreibenden
geängsteten, aber den Ratschlüssen des Zeus
vertrauenden Danae in einem Threnos des Si-
monides bei Dionys. Hai. de verb. composit.
c. 26; vgl. Athen. 9, 396 e. Berglc, lyr. gr.2 fr.
37 p. 883). Diktys führt Mutter und Kind in
sein Haus und hält sie wie seine Verwandten
(Schol. Ap. Bh. 4, 1091. 1515). Er erzog den
948
Perseus wie seinen Sohn und sorgte für Da-
nae (Tzetz. Apollod.) ; aber Polydektes verliebte
sich in die schöne Mutter, und da ihm Perseus
im Wege stand, so suchte er diesen zu be-
seitigen, indem er ihn aussandte, das Haupt der
Gorgo Medusa zu holen. S. Perseus. Nach
Ilygin. f. 63, der über Polydektes und den Tod
des Akrisios eine von den übrigen abweichende
Sagenform überliefert, bringt Diktys Danae
und Perseus zu Polydektes , der die Danae
heiratet und ihren Sohn (vgl. Schol. II. a. a. O.)
in einem Tempel der Athene erzieht. — Als
Perseus mit dem versteinernden Medusenhaupt
und mit seiner in Äthiopien gewonnenen Ge-
mahlin Andromeda glücklich nach Seriphos
zurückkehrte, fand er Danae und Diktys als
Schutzflehende an den Altären, wohin sie sich
vor der Gewalt und der Begierde des Poly-
dektes hatten flüchten müssen. Perseus be-
freit sie, indem er
durch das Medusen-
haupt den Polydek-
tes und seine Freunde
versteinert. DenDik-
tys setzte er als Kö-
nig der Insel ein,
Bind. Pyth. 10, 46
(72). 12, 12. Apollod.
2, 4, 3. Schol. Find.
Pyth. 10, 72. Schol.
Ap.Bh. 4,1515.1091,
Tzetz. a. a. O. Epigr. Danae dem Kasten entsteigend,
CyZ. 11. Darauf folgte Münze v. Klaia Imhoofs Sanimlg.).
Danae dem Sohne
nach Argos und blieb dort bei ihrer Mutter Eu-
rydike, während Perseus auszog, den Akrisios
zu suchen, Schol. Ap. Bhod. 4, 1091. — Nach
italischer Sage soll Danae mit Perseus in dem
Kasten an die Küste von Latium gelangt sein, sich
dort mit Pilumnus vermählt und mit ihm die
Stadt Ardea gegründet haben, so dafs der
Rutulerkönig Turnus von Ardea, der Enkel
des Pilumnus, bei Vergil ein Abkömmling der
alten Heroen von Argos und Mykene heifst,
Verg. Aen. 7, 371 u. Serv. z. d. St. 410. 10, 76
u. Serv. Plin. N. II. 3 , 9, 56. Preller, Böm.
Myth.3 2, 330. — Joann. Antioch, fr. 6, 18
b. Müller fr. hist. gr. 4 p. 544 nennt den
Perseus Sohn der Danae und des Picus (6 w)
Z(vg). — Die Leidensgeschichte der Danae ist
mehrfach von den griechischen Tragikern be-
handelt. Aischylos schrieb Jix xvovHoi,
Welcher, Aesch. Tril. 378 ff. Nauck, trag. gr.
fr. p. 13. Sophokles hatte einen Akrisios
(= Danae?) gedichtet, Welcher, Gr. Trag. 1, 348.
Nauck 113. 143, Euripides eine Danae und
einen Diktys, Welcher, Gr. Tr. 2, 636 ff. 6G8ff.
Nauck 360. 365. Danae eine Komödie des San-
n y r i 0 n und Apollophanes, Meineke fr. com.
gr. 1, 264. 267. Eine Tragödie Danae schrie-
ben nach griechischen Mustern auch Liv. An-
dronicus u. Nävius, Welcher, Gr. Trag. 3,
1371. Teuffel, Gesch. d. röm. Litt. § 94, 5.
§ 95, 5. Bibbeck. trag. lat. 2, 5.
Bildwerke aus dem Sagenkreis der Da-
nae und des Perseus: Müller, Handbuch der
Archäologie § 351, 4. Mus. Borb. 2, 36.
Overbeck, Pompeji 3 242. 522. 526. Hclbig,
949
Danaiden
Danaiden
950
Wandgem. der vom Vesuv verschütteten Städte
Campaniens n. 116. 119 — 121. Welcher, a. 1).
5, 275 ff. T. 16. 17. Ann. d. Inst. 1856 p. 37. t. 8.
Gerhard , Danae ( Winck.-Progr . 1854). Heyde-
mann, Neapler Vascns. n. 3140. Arcli. Ztg. 1872,
37ff. O.Jaltn, Philol. 27, 1 — 17. Overbeck, Kunst-
inyth. d. Zeus BPS ff. — Sonst. Litteratur: V dicker ,
läget. -Gesclü . 191. 234. Buttmann, Myth. 1, 250.
2, 183. Müller, Prolegg. 185. 307. 313. Prel-
ler, Grieeh. Mythol. 2, 58. Gerhard, Gr lech,
Mythol. 2. § 797. P. Schwarz, De fab. Danacia.
Halle 1881. — 2) Tochter des Neoptolemos
und der Leonassa (oder Lanassa), einer Tochter
des Kleodaios, Lysimach. Alex. b. Schot. Venet.
Eurip. Androm. 24. Müller, fr. hist. gr. 3
p. 338, 13. [Stoll.'J
Danaiden (Accvca'Sss), die berüchtigten Töch-
ter des Danaos (s. d.) [ihr Namenverzeichnis
. unter Aigyptos], Hauptquellen: Danais (Fr.
Epic. gr. ed. K. 1, 78). Aesch. Supplices und
Danaiden. Pind. Pyth. 9, 117 u. Schol. Nein.
10, 7. Apd. 2, 1, 4. Hygin. f. 16811'. Schol.
11. 1,42. Eustath. 37, 10. Schol. Eur. Hck. 886.
Nach ihrem Grofsvater Belos liiessen sie auch
Belides, Ov. Met. 4, 462 u. a., Beliades bei Sen.
Here. Oet. 959. Sprichwörtlich war ihre Strafe,
Wasser in ein durchlöchertes Fafs zu schöp-
fen, für jede vergebliche Arbeit. „AavaiSav
nt&o g“ Macar. 3, 16. Luc. Tim. 18. Hermot.
61. Alciphr. ep. 1, 2. Porphyr,
de abst. 3, 27. Zenob. 2, 6.
Plut. sap. conv. 16 A. Mei-
nehe, fr. com. 1 p. 439. Um
ihrer Zahl willen „Danaos Töch-
ter“ auch sprichwörtlich für zahl-
reiche Nachkommenschaft, Cic.
gar ad. 1.
An die 50 Söhne des Aigyp-
tos verlobt , hatten sie ihrem
Tater versprochen, ihre Männer
n der Brautnacht zu ermorden:
iin Befehl , dem alle mit Aus-
rahme der Hypermnestra nach-
iamen, „die allein ihr Schwert
verhüllt in der Scheide hielt,“
Lind. Nein. 10, 7. Dasselbe wurde
Von anderen auch der Bebryke
lachgerühmt, Eustath. zu Dion.
Per. 805. Die Mörderinnen ver-
gruben darauf die Leichen ihrer
Jänner (vgl. Aigyptos) und wurden auf Be-
ehl des Zeus durch Hermes und Athene von
ler Blutschuld gereinigt, Apollod. a. a. O.
■lach anderer Variation des Mythus blie-
>en sie jedoch fortan mit Schuld behaftet, und
Danaos mufste, um sie wieder zu vermählen,
Vettläufe anstellen, bei denen sie nach der
lestimmung des Vaters ohne die Darbringung
ler üblichen Brautgeschenke seitens der Freier
len Siegern als Preis Zufällen sollten. Der
rste Sieger wählte zuerst unter den Jung-
rauen, und die übrigen, wie sie auf einander
efolgt waren. Da aber die Freier nicht eben
ahlreich kamen, mufsten die übriggebliebenen
uf die Ankunft anderer und einen erneuten
Vettkampf warten, Paus. 3, 12, 2. Nach Pind.
°yth. 9, 111 ff. stellt Danaos seine Töchter am
lorgen an das Ziel der Rennbahn, und jede
hatte noch vor Mittag einen sieggekrönten
Freier. Vgl. auch Hyg. 146, 8 ff. [u. Gerhard,
Ges. ak. Abhandl. 1, 60 Anm. R.] So wurden
sie an einheimische Jünglinge vermählt und
durch diese Mütter der Danaer, der bisheri-
gen Pelasger, Hyg. 34, lOff. Eur. fr. 230.
Automate und Skaia fielen den Söhnen des
Achaios, Arcliiteles und Archandros zu, Paus.
7, 1, 6; vgl. dazu Herod. 2, 98. Wenn Pin-
ie dar nur 48 Töchter erwähnt, so hatte das
nach dem Scholion seinen Grund darin , dafs
Amymone bereits mit Poseidon und Hyper-
mnestra mit Lynkeus vermählt war. Das end-
liche Los der Danaiden war nach dem Schol. zu
Eur. Hec. 886, dafs sie samt ihrem Vater von
Lynkeus getötet wurden und für ihre Mord-
that büfsten durch nie endende Arbeit: „Weil
sie tückischen Mord den eigenen Vettern be-
reitet, || Schöpfen verrinnende Flut rastlos die
20 belischen Jungfraun“ Ov. met. 4, 462. Heroul.
14. Hör. c. 3, 11, 25. Tibull. 1, 3, 79. Hyg.
31, lOff. Serv. Verg. Aen. 10, 497.
Der Mythus scheint sich auf jenen Wech-
sel von Dürre und Überschwemmung zu be-
ziehen, der für die argivische Laudschaft cha-
rakteristisch war*). Da die Sage vielfache
Hindeutung giebt, hat man die Danaiden als
Quellnymphen des Landes aufgefafst: Da-
naos und seine Töchter sollten die ersten
Die Danaiden (als Eidola) und Sisyplios, von e. archaischen Vase in München
(nach D. a. K. 2, 866).
Brunnen gegraben haben, ja Danaos selbst um
dieses Geschenkes willen König von Argos ge-
worden sein, Strabo 1, 23. 8, 370tf. Hes.
fr. 35. Plin. h. n. 7, 195. Serv. Aen. 7, 286.
Daher auch die nahen Beziehungen des Po-
seidon zur Amymone , die insonderheit in
diesem Zusammenhänge zu nennen ist (s. d.) :
Als Danaos auf der Flucht vor den Söhnen
des Aigyptos in Argos landete und seine
eo Töchter ausschickte, um Wasser zu suchen,
da Poseidon im Zorn gegen Inachos (Apoll. 2,
1, 4. Paus. 2, 15, 4 u. a.) die Quellen hatte
versiegen lassen , traf Amymone, als sie nach
einem Hirsche schofs, einen schlafenden Satyr,
*) Argos war nicht immer ,, 7toXudii^tov Tritt doch
Inachos im Gegenteil in der Sage als derjenige auf, der
das überschwemmte Land trocken legte, Schol. Eur. Or, 932
Vgl. Arist. met. p. 352, 9. Forchhammer , Erkl. d. Ilias 12.
951
Danaiden
Danaos
952
vor dessen Zudringlichkeit sie jedoch Posei-
don schützte. Amymone gab sich nun dem
Poseidon hin und dieser zeigte ihr zum Dank
dafür die Quellen von Lerna, Apollod. a. a. 0.
Etwas anders die Sage bei Hygin. 31, 24 ff.
Da nun andererseits die Flüsse von Argos in
der nassen Jahreszeit oft ungestüm dahin
brausten und häufige Überschwemmungen ver-
ursachten, so wurden mit ihnen die Aigyptia-
den als die Nachkommen des grofsen Aigyp- io
tosflusses identificiert, die als ungestüme Freier
der Quellnymphen erscheinen , während diese
sie im Sommer töteten und ihnen die Köpfe
abschlugen, d. h. ihre Quellen versiegen mach-
ten. (Auf Übermut und Ungestüm weisen auch
die Namen vieler der Aigyptiaden hin). Vgl.
Preller , Griech. Mythol. 2 p. 45 ff. Übrigens
kommt Danais auch für „Nymphe“ vor: eine
Dichters s. G. Hermann, op. 2 p. 319—336;
über die Verwertung d. Sage b. d. Komikern
s. Meineke a. a. 0. p. 253 u. 439. — [Bild-
werke: Von einer Darstellung des Danaos
mit gezücktem Schwerte unter seinen Töch-
tern im Portikus des palatinischen Apollo zu
Rom handeln Prop. 2, 31, 1 — 4. Ov. Am. 2,
2, 4. A. A. 1, 73. Trist. 3, 1, 60. In Betreff
der Darstellungen wasserschöpfender Nym-
phen, welche man auf die Danaiden bezogen
hat, s. 0. Jahn, Archäol. Aufs. 25 ff. Ein
schwarzfiguriges Vasengem'älde, welches Sisy-
phos als Steinwälzer und vier (als Eidola) be-
flügelte Danaiden darstellt, die sich bestreben
Wasser in ein grofses leckes Fafs zu schöpfen,
s. ob. S. 950 u. vgl. Müller- Wieseler , Denkm. a. K.
2 n. 866 (vgl. 0. Jahn, Beschr. der Vasensamml.
König Ludwigs n. 153). Mehr b. Midier, Häb. d.
Archäol. § 414, 2. Vergl.
auch Paus. 10, 10, 5 und
den Artikel Amymone. R.]
[Bernhard.]
Danais (ActvcJs), 1) eine
Nymphe , mit welcher Pe-
lops den Chrysippos zeugte,
Plutarch parall. Gr. et R.
h. 33. — 2) Eine kretische
Nymphe, welche dem Apol-
lon die Kureten gebar,
Tzetz. Lyk. 77. Lauer, Syst,
d. gr. Myth. S. 188. — 3)
Eine Tochter des Danaos,
wie Amymone, Ap. Rh. 1,
137. Siehe Danaiden.
_ [Stoll.]
Danaos (Aavaös), Sohn
des Belos und der Anchinoe
.
■
..
-
3
-
;»:(
irü
'i.r;
k
''Fa
-
>-i:
-
..
■
bi
Die Danaiden, Relief einer Ara im Vatikan. Visconti, Mus. Pio-Glem. IV tav. 36. oder Anchil'Oe, Enkel des
solche gebar nach Flut, parall. 33 dem Pelops i
nach seiner Einwanderung in den Peloponnes
den Chrysippos, und auch in thessalischen Ge-
nealogieen begegnen Danaiden als Nymphen,
Schol. Apoll. 1, 1212. Ant. IAh. 32. Vgl. Danais.
Die Danaiden sollten weiter den„ pelasgi-
schen Frauen des Landes zuerst die Weihen
der Thesmophorien überliefert haben, die in-
folgedessen auch für ägyptische galten (He-
rod. 2, 171), obwohl dies ein spezifisch grie-
chischer Kultus war. Preller bringt auch die- £
sen Zug der Sage mit ihrem Charakter als
Quellnymphen zusammen, die als reine Jung-
frauen galten.
Die vollständige Sage hatte den Stoff zu
einem Epos „Danais“ gegeben, aus welchem
Lyriker und Tragiker schöpften: Archilochos,
Phrynichos, Theodektes und. vor allem Aischy-
los, der, .abgesehen von den „Supplices“ und
„Danaiden“ den Stoff auch in dem Satyr-
spiel „Amymone“ behandelte. In den Supplices (
schildert er die Ankunft der Danaiden in Ar-
gos , die wohlwollende Aufnahme derselben
bei dem Könige des Landes, der in ihnen den
Stamm der argivischen Io erkennt, den Schutz,
den sie bei ihm gegen ihre Verfolger, die
Aigyptiaden, finden und den endlichen Einzug
des Danaos und seiner Töchter in die Stadt
ihrer Zukunft. Über die Danaiden desselben
Poseidon und der Libya,
Bruder des Aigyptos (s. d.) , nach Herod. 2,
91 (7, 94) ein Ägypter, aus Chemmis in
Oberägypten gebürtig. Er hatte von ver-
schiedenen Frauen 50 Töchter, sowie sein
Bruder Aigyptos 50 Söhne. Sein Vater hatte
ihm Libyen als Wohnsitz angewiesen, doch
verliefs er dasselbe nach des Vaters Tode,
entweder durch ein Orakel gewarnt {Eust.
ad II. p. 37, 20 ff.) , oder aus Furcht vor den
Söhnen des Aigyptos , nachdem er auf den
Rat der Athene" das erste öOruderige Schiff
gebaut und seine Töchter mit an Bord ge-
nommen. Er landet zunächst in Rhodos und
errichtet daselbst der Athene Lindia ein Stand-
bild, Hygin. f. 168. 273. Apollod, 2,1,4. Diod.
5, 58. (Nach Herod. 2, a. E. wurde der Tem-
pel der Athene zu Lindos von seinen Töchtern
erbaut). Von da kam er nach Argos und der
dortige Herrscher Gelanor übergab ihm das
Königreich, Apollod., vgl. auch Eust. a. a. 0.
Ausführlicher Paus. 2, 16, 1. 19, 3ff. 38, 4:
Nach ihm landet Danaos in Apobathmoi und
macht nach seiner Ankunft in Argos dem Ge-
lanor die Herrschaft streitig. Nachdem beide
Parteien viel hin- und hergestritten, verschob
man die Entscheidung auf den folgenden Tag.
Da entschied ein Wunderzeichen zu Gunsten
des Danaos: Mit Anbruch des Tages nämlich
fiel ein Wolf in die Herde der Rinder ein, die
»eil
Fl
■
3 EI
-3
bi
1,1
- -
•F V
- s
953 Danaos
Daphne 954
vor den Mauern weidete, und überwältigte den genannt wurden, Paus. 7, 1, 7. Strabo p. 221
Stier derselben. Die Argiver verglichen nun u. 371. Stcph. Byz. s. v. "Agyog. (Danaiden,
Danaos mit dem siegreichen Wolfe, indem sie Eurip. Orest. 933). Nach Serv. zu Verg. 10,
sagten: So wenig wie der Wolf unter Men- 497 starb er durch Lynkeus’ Hand; sein Grät-
schen lebe, habe Danaos bisher unter ihnen mal sab zu Argos auf dem Markte noch Paus.
gelebt. In dem Glauben, dafs Apollon den 2, 20, 4 (vgl. auch Strabo p. 371), desgl. sein
Wolf gesendet, stiftete Danaos dem Apollon Standbild mit dem der Hypermnestra und des
Lykios ein Heiligtum, dazu auf einem Fufs- Lynkeus zusammen in Delphi, 10, 10, 2. Über
gestell vor demselben ein Bildwerk, das in er- Danaos als Erfinder des Brunnengrabens (Strabo
habener Arbeit den Kampf des Stiers und io 23 u. 371) s. Danaiden. Inbetreff der Bild-
Wolfes darstellte, dabei eine Jungfrau, welche werke vgl. Danaiden. [Bernhard.]
einen Stein auf den Stier wirft — nach der Danuvius, der Gott des gleichnamigen Flus-
Meinung der alten Erklärer war es Artemis. ses auf Inschriften aus Risstissen bei Ehingen
Endlich hatte er in der Nähe ebendesselben C. I. L. 3, 5863: In h. d. d. | I. 0. M. et.
Tempels noch zwei Säulen von Holz gestiftet, Danu \ vio. ex. vo | to etc. (201 n. Chr.), aus
Bilder des Zeus und der Artemis, und aufser- Ofen 3, 3416: Danuvio | defluenti etc., aus Men-
dem seinen Schild in dem Tempel der Hera, gen, Epli. ep. 4, 615. Dargestellt ist er auf
)s. Abas). Der Apollotempel enthielt auch Münzen Trajans und Constantins, Eclihel d. n.
ein Schnitzbild der Aphrodite, das Hyper- «.6,418. 8, 35 f. [Steuding.]
mnestra geweiht. Da diese nämlich allein 20 Daortho (Aaogdcö), eine Tochter des Illy-
pon ihren Schwestern wider des Vaters Gebot rios ( Appian . Illyr. 2), von welcher wohl der
ihren neuvermählten Gatten Lynkeus nicht er- illyrische Stamm der Duqoiol oder Jaögatoi
nordet hatte (s. Aigyptos), liefs sie Danaos abstammen sollte, wie vielleicht statt des iiber-
?or Gericht fordern, aus Furcht, es möchte die lieferten zhxgaoi mit Schweighäuser zu lesen ist
Tettung des Lynkeus für ihn selbst gefahrvoll (vergl. Polyb. 32, 18. Plolem. 2, 16, 5. Steph.
verden, sowie aus Scham, weil Hypermnestra Byz. u. DagoLOi). [Steuding.]
ladurcli, dafs sie die Blutthat der Schwestern Daos (deemg), aus Pantibibla, einer der zehn
mrabscheute, die Schmach für ihn, den Anstif- Könige der Chaldäer, welche vor der Sintflut
er, vergrößerte. Aber freigesprochen von dem regierten. Abyden. bei Syncell. p. 38 b in Mül-
jerichte weihte sie aus Dank eine „siegbrin- 30 ler fr. h. gr. 4, 280, 1. Bei Euseb. Cliron. p. 5
;ende“ Aphrodite. (Vgl. aufser den
ibigen Stellen noch Dygin. f. 170).
Anders giebt Serv. zu Verg. 4, 377 /
len Anlafs zu dem Bau des Apollo- /
empels an: Durch den Zorn des /
’oseidon, der wegen eines der Athene <
;ünstigen Urteils des Stromgottes j
nachos (s. d.) ergrimmt war , war /
irgos wasserarm geworden. Als nun
>anaos seine Tochter Amymone aus- 1
andte nach Wasser, verschwand vor|
eren Augenein Quell und ward von'
er Erde verschlungen. Danaos be-
■ug das Apollonorakel über das Wun-
er und erhielt den Bescheid: wo er
inen Stier und einen Wolf käm-
fend finden würde , sollte er auf
en Ausgang des Kampfes achten
nd wenn der Stier siege, dem Posei-
on, andernfalls dem Apollon einen
empel bauen. Danaos sah den Wolf
egen und gründete der Weisung
es Orakels gemäfs dem Apollon Ly-
ios.den Tempel.
Über des Danaos’ Verfahren ge-
tan die, Söhne seines Bruders, die
m nach der Flucht aus Libyen
achgezogen waren und um seine
. öchter gefreit hatten, s. Aigyptos;
ie er seine Töchter nach dem
orde der ersten Männer weiter ver-
datete (mit Ausnahme der Hyper- Apollon und
nestra),s. u. Danaiden. — Er war der
egründer der Burg von Argos, hatte später in
m von ihm gegründeten Apollotempel einen
genen Thron und übertraf überhaupt alle frü-
ren Herrscher so sehr an Ruhm, dafs die Ar-
ier (bisher Pelasgioten) nach ihm Danaer
»apkne, pompeian. Gemälde (nach Museo Borbonico 12 Tf. 33).
in Müller a. a. O. 2, 499, 5 wird er Davonus
genannt. [Steuding.]
Dapline (Jctcpvrj) , der personifizierte Lor-
beerbaum. Der Lorbeer eignet dem Apol-
lon, daher liebt im Mythus Apollon die
955 Daphne
Daphne, vergl. Paus. 10, 7, 8. dem. Al.
protr. p. 27 P , u. a. Sie ist a) Tochter des
Flusses Ladon und der Erde (Ge, Terra)
Paus. 8, 20. 10, 7. 8. Tzetz. Lylc. 6. Lucian
desalt. 48. Philostr. Vit. Apoll, i, 16. Hesych.
AuScoyevyg oder b) des.Amyklas, Diodor und
Phylarch bei Parth. Prot. 15; vgl. Vary. ecl.
6, 83; übertragen c) nach dem Apolloheilig-
tum Daphne bei Antiocheia am Orontes,
Philostr., vgl. Strabo 16, 750. Müller , Antiq.
Antioch. 41 u. a. d) des thessal. Peneios,
Ov. met. 1, 452ff. Hycjin. f. 203. Spröde flieht
sie Apollons Liebe , er verfolgt sie ; auf ihr
Flehen nimmt die Erde sie in ihren Schofs
auf und läfst an ihrer Statt für Apollon den
Lorbeer hervorwachsen, Tzetzes ; oder Ge nimmt
sie auf und verwandelt sie in den Baum, Hy-
gin. ; oder sie flüchtet zum Peneios und wird
auf ihr Flehen verwandelt, Ovid; vgl. Philostra-
tos. S. Müller Hdb. 362, 4. Helbig, Apollon u.
Daphne, Jih. Mus. 24, 251 ; Wand gern. n. 206 ff.
Preller-Plew 1, 233 f. Heydemaxm, Annali 1871,
109. Engelmann, Lützows Ztschr. 57 ,253. — Von
der peloponnesischen Daphne (a und c) wird
noch erzählt, dafs Leukippos, Sohn des Oi-
nomaos von Pisa, sie liebte; um sich trotz ihrer
Sprödigkeit ihr zu nähern, kleidete er sich
als Mädchen und gewann als Jagdgenossin
ihre Freundschaft; aber der eifersüchtige Apol-
lon regt Daphne an zu baden, wobei Leukip-
pos entlarvt und von den Mädchen mit ihren
Jagdmessern und Speeren getötet wird, Paus.
8, 20. Parth. Erot. 15. — e ) Daphne zu Del-
phi habe Orakel geschrieben, denen Homer
entlehnt habe; sie habe den Beinamen Si-
bylle erhalten und sei die von den Epigo-
nen aus der thebanischen Beute nach Del-
phi geweihte Tochter des Teiresias gewesen
(welche sonst Manto genannt wird), Diod.
4, 66. [v. Sybel.]
Daphnis (Jdcpmg), 1) der Heros der Hirten
auf Sicilien und der Erfinder des bukolischen
Gesanges, dessen Lieblingsfigur er ist. Dio-
dor der Siculer berichtet von seinem Lands-
mann: Daphnis war der Sohn des Hermes, des
Herdengottes, und einer Nymphe (vgl. Aelian.
V. PL. 10, 18. Serv. u. Philargyr. zu Verg. Buc.
5 , 20 ; oder er war ein Liebling des Hermes,
Aelian a. a. O. Schol. Theokr. 1, 77). Er war
geboren in der herrlichsten Gegend von Sici-
lien , in einem Thalgrunde der heräischen
Berge , welche reich waren an Quellen süfsen
Wassers und gesegnet mit Reben und man-
nigfaltigen Bäumen von der üppigsten Frucht-
barkeit. Die Mutter gebar ihn in einem den
Nymphen geweihten Lorbeerhain (d'äcpvrj), wes-
halb er den Namen Daphnis (Lorbeerkind) er-
hielt. (Oder die Nymphe hatte ihn nach der
Geburt in einem Lorbeerhain ausgesetzt; Hir-
ten fanden ihn und nannten ihn Daphnis,
Aelian a. a. 0. Serv. Verg. Buc. a. a. 0.).
Von Nymphen erzogen ward, er ein Hirt,
der grofse Rinderherden besafs (die Rinder
waren versehwistert, mit den in der Odys-
see genannten Rindern des Helios , Aelian.
a. a. 0.) und diese (im Winter wie im Som-
mer, fern von dem Verkehr der Menschen, auf
den Bergen von Sicilien, bei Syrakus, an den
Daphnis 956
Abhängen des Ätna, am Himerasflufs, Parthen.
narr. am. 29. Theokr. 1, 67 f. 7, 74) mit Sorg-
falt hütete. Deshalb nannte man ihn Aacpvig
b ßovuoXog, b ßovtceg (die Rinderhirten bilde-
ten die vornehmste Klasse unter dem Hirten-
stande). Er ergötzte sich beim Weiden seines
Viehs am Spiele der Syrinx, am Gesang und
dem bukolischen Liede, das von ihm erfun-
den ward und in Sicilien sich bis in späte
Zeiten erhalten hat (vgl. Theokrit. Id. 8. Sil,
Ital. 14, 465 ff Serv. Buc. 5, 20). Diod. 4,84.
Daphnis war ein Jüngling von reizender Schön-
heit, so dafs alle Frauen ihn liebten ; die Nym-
phen und Musen, die segenbringenden Herden-
götter Hermes, Pan und Priapos waren dem
schönen Sänger hold, Serv. Buc. 8, 68. Theo-
krit. 1, 81. 122. 141. 5, 80. Epigr. 3. Anthol.
Pal. 7 , 535. Pan ist als musikliebender Hirt
und als Jäger mit Daphnis verbunden, denn
auch dieser war als Hirt ein eifriger Jäger;
er hat von Pan die Musik gelernt, Serv. Buc.
5, 20. Anth. Pal. 6, 78. 177 ( Theokr . Epigr. 2).
7, 535. 9,341.556. 12,128. Mit Artemis, der
Jägerin, war Daphnis befreundet; er trieb sich
mit ihr jagend in den Wäldern umher und er-
götzte sie mit seiner Syrinx und seinen Liedern,
Diod. 4, 84. Auch Apollon liebte den Jüng-
ling, entweder wegen seiner musischen Künste
(Sil. Ital. 14, 467), oder wegen Apollons Be-
ziehung zum Lorbeer, Serv. Buc. 10, 26. So
war Daphnis ein Liebling der Götter und
Menschen; aber mitten in der Blüte des Lebens
fand er den Tod. Die Hirten trauern um ihn
und die Götter, deren Freund er war; es
trauern Herden und Wild und die ganze Natur
(seine fünf Hunde starben aus Trauer, Aelian.
II. An. 11, 13. Tzetz. Ghiliaä. 4, 261). Des
Daphnis Leiden und Tod bleibt in Zukunft der
hauptsächlichste Gegenstand des Kirtenlieds,
Theokr. 1, 18. 63 ff. ; vgl. Vergib Ecl. 5, 20 ff.
(wo Daphnis den Iulius Cäsar bedeutet). Des
Daphnis Leid war sprichwörtlich, Theokr. 5, 20.
— Die Sagen von Daphnis drehen sich haupt-
sächlich um sein Leiden und seinen T o d. Ste-
sichoros von Ilimera in Sicilien ist der erste
Dichter, der den Daphnis in die Litteratur ein-
geführt hat ( Aelian . V. H. 10, 18); er mochte
den Gegenstand aus den Gesängen der Hirten
am IJimeras kennen gelernt haben. Ohne Zwei-
fel haben wir bei Aelian a. a. 0. die Form
der Daphnissage , wie sie Stesichoros erzählt
hat: der schöne Daphnis gewann, als er eben
in die Blüte des Jünglingsalters eintrat, die
Liebe einer Nymphe, und sie schlofs mit ihm
einen Vertrag, dafs er keiner andern Jung-
frau.naben dürfe, mit der Drohung, er werde
im Übertretungsfäll das Augenlicht verlieren.
Daphnis blieb lange treu, bis eine Königstoch-
ter ihn durchWein berauschte und zum Treu-
brucli verleitete. Die erzürnte Nymphe liefs
ihn blind werden („denn der Göttinnen Gunst
bindet streng, und ein einziger schuldiger Augen-
blick kann den Sterblichen aus seinem Him-
mel herauswerfen.“ Welcher. Vgl. das Ge
schick des Rhoikos , Schol, Ap. Bh. 2, 477).
Seitdem, sagt Aelian, gab es Hirtengesang, und
dessen Inhalt war das Leiden, die Erblindung
des Daphnis ; und die Erstlinge dieser Sanges-
10
20
30
40
50
60
957 Daphnis
weise, fügt er verkehrter Weise hinzu, stam-
men von Stesichoros , als wenn dieser ein
Zeitgenosse des Daphnis gewesen wäre und
bukolische Lieder gesungen hätte. Nach Phil-
argyr. zu Verg. Buc. 5, 20 tröstete sich Daph-
nis über sein Unglück durch sein Flötenspiel
md seinen Hirtengesang; und das war der
Ursprung des bukolischen Gesanges. Stesicho-
:os selbst war des Augenlichts beraubt Wor-
ten, wie er meinte, durch den Zorn der Helena,
:1er vergötterten Heroine, über welche er Un-
gebührliches gesungen; zum Widerruf dich-
;ete er dann seine berühmte Palinodie (fr. 26.
Berglc). Es ist möglich, dafs er in dieser Palin-
)die das Geschick des Daphnis als Parallele
:u dem seinigen erzählt hat; denn beide tru-
gen gleiche Schuld (sie hatten sich an dem
Göttlichen vergangen) und gleiche Strafe. Des-
vegen wohl ist in der stesichorischen Erzäh-
ung bei Aelian nur die Blindheit des Daphnis
ils seine Strafe erwähnt und nicht auch sein
rod, der nach Philargyrius a. a. 0. bald nach
ler Blendung erfolgt sein soll. Mit Stesicho-
■os stimmt im wesentlichen Timaios der Si-
tuier überein bei Partlien. narr. amat. 29, der
lie Nymphe Echenais nennt und die Blen-
lung des Daphnis mit der des Thamyras zu-
ammenstellt; ferner Diod. 4, 84, auch Serv.
l. Pliilar g. zu Verg. Buc. 5 , 20. Vergl.
•Schal. Theökr. 8, 93. Bei Philargyrius ist der
Game der Nymphe Lyca; Ovid. A. Am. 1, 732
lennt sie Nais, d. i. Nymphe, wie sie in den
neisten Quellen für die der stesichorische
äagenform und auch bei Theokrit einfach
leifst. Die Nachrichten über den Tod des
laphnis , welche sich bei einzelnen der er-
vähnten Autoren finden, lassen sich an diese
dtere Sagenform anfügen. Daphnis lebte nicht
ange mehr nach seiner Blendung, heifst es
>ei Philargyrius ; während er blind umher-
chweifte, sagt Schol. Theökr. 8, 93, stürzte er
on einem Felsen herab. Bei Kephaloidion in
ler Nähe von Himera zeigte man einen Fei-
en in der Gestalt eines Menschen, in welchen
•aphnis verwandelt worden sein sollte, Serv.
rerg. Buc. 8, 68. Nach Serv. Buc. 5, 20 rief
er geblendete Daphnis seinen Vater Hermes
m Hilfe an; dieser nahm ihn hinauf in den
Himmel, liefs aber an der Stelle, von wo er
in entführt, eine Quelle emporsprudeln, welche
'aphnis genannt ward und an welcher die
iculer jährlich opferten. Diese Angabe ist mit
en vorhergehenden Nachrichten wohl so zu
sreinigen, dafs der blinde Daphnis vom Felsen
ürzte und in der Todesqual den Vater um Hilfe
irief. Der betreffende Felsen hatte vielleicht
e Gestalt eines Menschen, in welcher der
olksglaube ein Steinbild des Daphnis sah.
:>weit wäre als die Grundlage der älteren
aphnissage, wie sie im Munde des Volkes i
nging und von Stesichoros u. a. erzählt wor-
n ist, Folgendes anzusehen: Daphnis erfreut
ch der Liebe einer Nymphe, verletzt sie durch
atreuo und wird zur Strafe geblendet; der
inde Jüngling stürzt von einem Felsen und
idet den Tod. Hermes entrückt ihn in den
mmel, und die Menschen bringen ihm jähr-
h an einem bestimmten Feste an der Quelle,
Daphnis 958
wo er verschied, Opfer dar — Sühnopfer fin-
den Früh verstorbenen. — Eine jüngere Sage
von dem Leiden und Tod des Daphnis findet
sich bei Tlieokrit , der von der Blindheit des
Daphnis nichts sagt. Er spricht von den Ge-
schicken des Daphnis Id. 1 , 64—142. 7, 72
— 77. 8, 92 f., aber, indem er eine allgemeine
Bekanntschaft mit der zu Grunde liegenden
Sage voraussetzt, nur unvollständig und an-
i deutend, so dafs es für uns schwierig ist, die
seinem Berichte zugrunde liegende Sage ge-
nau festzustellen , daher auch sehr verschie-
dene Deutungen sich geltend gemacht haben.
Id. 8, 92 f. heifst es, nachdem der noch sehr
jugendliche Daphnis den Menalkas im Wett-
gesange besiegt hat: „und seitdem galt Daph-
nis als der erste unter den Hirten, und Nais, die
Nymphe, ward ihm als Gemahlin zuteil“, Id.
7, 72 fl. heifst es: „Tityros wird singen, wie
einst Daphnis, der Rinderhirt, die Xenea liebte,
wie er die Berge durchschweifte und wie ihn
die Eichen beweinten, die an den Ufern des
Himeras wachsen, als er verging, wie der
Schnee in den Thälern des Haimos u. s. w.“
Das 1. Idyll enthält von Vers 64 an ein Lied
(cgdfi) „auf die Leiden des Daphnis“, noch ein
liebliches Echo von dem einfachen Trauerlied,
das die Hirten in den Bergen Siciliens gesun-
gen. Daphnis, der Liebling der Musen und
Nymphen , liegt , von tiefem Liebeskummer
verzehrt , am Boden , und es trauern teilneh-
mend die Tiere des Waldes und seine Herden.
Hermes kommt und die Hirten all und fragen,
welches Leid ihn drücke, wen er so sehr liebe.
Priapos kommt und spricht: „Warum schmach-
test du? Das Mädchen irrt ja um jeden Quell
und durchschweift, nach dir suchend, alle
Waldungen. Du bist ungeschickt in der Liebe“.
Aber Daphnis antwortete nicht, sondern „im
Herzen trug er die quälende Liebe und trug
bis zum Ende das Schicksal.“ Zuletzt kommt
auch Aphrodite, heimlich lächelnd über ihren
Sieg, aber äufserlicli bitteren Groll zur Schau
tragend, als ob sie dem Jüngling feind wäre.
„Ha“, ruft sie, „den Eros prahltest du nieder-
zuringen; bist du nicht selbst nun von Eros
niedergerungen?“ Daphnis antwortet der Ver-
hafsten mit Hohn und Schmähung und ruft
dann dem Wald und Wild, den Quellen und
Flüssen sein letztes Lebewohl zu. Er ruft
nach dem abwesenden Pan, dafs er komme
und als Andenken seine Syrinx empfange,
„denn ich werde jetzt von Eros in den Hades
hinabgezogen.“ Als er eben den Geist aus-
hauchte, wollte Aphrodite, die seinen Tod nicht
wünschte, ihn emporrichten und dem Leben
erhalten; aber sein Lebensfaden war völlig ab-
gelaufen, Daphnis stirbt. Hier gebraucht Theokrit
(V. 140) den Ausdruck t'ßa qoov, was die Scho-
lien und die meisten Neueren erklären: „er-
ging zum Flusse Acheron“, d. i. er starb.
Allein diese Bezeichnung des Acheron wäre
denn doch zu unbestimmt, und die folgenden
Worte tnlvoe dlva; „der Wirbel spülte ihn
weg“, scheinen wenig zu dieser Erklärung zu
passen. Gebauer (p. 75) erklärt: se praecvjai-
tavit in fluctus ; K. Fr. Hermann (p. 20): „er
zerflofs, sich auflösend, zu strömendem Was-
959 Daphnis
ser, er zerflofs zu einer Quelle“ (wie der sici-
Iisclie Akis, Ov. Met. 13, 750ff.). Damit scheint
zu stimmen Theölcr. • 7, 76: „Daphnis verging,
wie der Schnee in den Thälern des Haimos.“
Manche Erklärer wollen freilich von einer Ein-
mischung der beiden andern theokritischen Stel-
len nichts wissen und legen Id. 1 einfach fol-
gende Geschichte zu Grunde ( Fritzache zu 1, 64):
Daphnis, den Musen und Nymphen liebten,
hatte sich gerühmt, der Macht der Liebe wider- i
stehen zu können. Dadurch erregte er den Zorn
der Aphrodite, welche ihm Liebe zu einem Mäd-
chen einüöfste. Daphnis strebte dieses Gefühles
Meister zu werden, unterlag aber im Kampfe
mit der Liebe. Aphrodite wollte sich seiner
erbarmen; aber es war zu spät, er verschied.
Andere vereinigen die drei angeführten Stel-
len zu einer Sage. Diese lautet nach Welcher
folgender mafsen: Daphnis vermählte sich im
ersten Jünglingsalter mit einer Nymphe (Nais) ; 2
aber er rifs sich aus irgend einem Grunde
von der Gattin los und entzog sich, stets
von ihr gesucht', mit standhaftem Trotz ihren
Lockungen. Aphrodite und Eros versuchen
ihn der Nymphe wieder zuzuwenden, aber ver-
gebens. Die Liebe soll, so rühmt sich Daph-
nis, keine Macht mehr über ihn haben. Da
erregt die erzürnte Aphrodite, um ihn zu stra-
fen, in seinem Herzen eine neue Liebe zu einem
Mädchen Xenea , das seine Liebe nicht erwi- 3
dert und ihn flieht. So entsteht ein Suchen
und Fliehen, wie es noch ausführlicher Mo-
schos Id. 6 von Pan und Echo erzählt. Voll
quälender Sehnsucht durchschweift Daphnis
die Berge und sucht die Geliebte, die ihn
verschmäht, die er nimmer erreichen kann,
bis zuletzt die Liebe ihn aufreibt. Die ganze
Natur klagt um den Tod des schönen Daph-
nis. Vgl. die Erzählung bei Serv. Buc. 8, 68:
die Nymphe Nomia, d. i. eine Nymphe der 4
Trift, liebte den Daphnis; der aber verschmähte
sie und verfolgte mit seiner Liebe die Chi-
maira (Xenea bei Theokrit). Er wurde des-
halb von der erzürnten Nomia des Augenlichts
beraubt und dann in einen Stein verwandelt
(vgl. Ovid. Met. 4, 276 ff.), ein Motiv, das aus
der älteren Sage herübergenommen ist. Vgl.
ferner Schol. Theokr. 8, 93. Nach K. Fr. Her-
mann versuchen Aphrodite und Eros, als Daph-
nis das Verhältnis mit der Nais gelöst hat 5
und jeder andern Liebe entsagen will, an ihm
dadurch ihre Macht, dafs sie ein anderes Mäd-
chen, das ihn leidenschaftlich liebt, ihm nahe
bringen; da aber Daphnis sie verschmäht und
meidet , so entzündet Aphrodite , um ihn zu
strafen, in seinem Herzen eine heftige Liebe
zu einer Fremden (£sve a = die. er wohl nur
flüchtig gesehen und nimmer erreichen kann
u. s. w. Jacobi giebt der theokriteischen Sage
folgende Gestalt: Daphnis wird der Nymphe, g
die er zuerst liebte, untreu und vergeht sich
mit einer Sterblichen. Als jene ihm darüber
Vorwürfe macht, entsagt er aus Unwillen und
Verdrufs der Liebe ganz und gelobt, sein Herz
nie wieder durch die Liebe bändigen zu las-
sen. Darüber zürnen ihm Aphrodite und Eros,
und zugleich entbrennt in seiner Brust von
neuem die Liebe zu der älteren Geliebten, mit
Daphnis 960
der er sich entzweit hat. Die Sterbliche, der zu
Liebe er die T reue brach, sucht ihn überall auf,
er aber meidet sie. So von der einen gemie-
den, die er liebt, und von der andern gesucht,
die er nicht liebt, von Sehnsucht getrieben
und von Stolz zurückgehalten, gerät er in den
heftigsten Kampf mit sich selbst, dem er er-
liegt. — Ein Zeitgenosse des Theokrit, Sosi-
theos, hat in einem Satyrdrama, das den Titel
Acupvi g 7) Altviqg rjg führte {Athen. 10 p. 415 B),
die Fabel von Daphnis, dem Heros der Hirten,
mit der des Lityerses, des ländlichen Schnitter-
königs der Phrygier, verbunden, G. Hermann,
Opusc. 1 p.54ff. Welcher, Gr. Trag. 3 S. 1252 ff.
Nauck, Trag. Graec. fragm. p. 639 f. [ Mann-
hardt, Myth. Fo. lf. R.]. Wie er die Sage ge-
formt hat, darüber belehrt uns die Erzählung
bei Serv. Buc. 8, 68: Daphnis liebte die Pi-
plea, und als sie ihm durch Räuber entführt
ward, suchte er sie auf der ganzen Erde und
fand sie endlich in Phrygien wieder bei dem
König Lityerses (s. d.) dem sie als Magd diente.
Lityerses aber war ein grausamer Tyrann,
der die Fremden zwang mit- ihm wetteifernd
auf seinen weiten Gefilden Getreide zu mä-
hen , und wenn er sie besiegte , liefs er sie !
töten. Auch der zarte Daphnis sollte mit dem
Unholde Frucht schneiden; da kam zu rechter
Zeit Herakles , und aus Mitleid mit Daphnis
stellte er sich statt dessen zum Schnitterwett-
kampf. Kaum aber hatte er die Sichel in der
Hand, so schnitt er dem König den Kopf ab.
So ward Daphnis von der Gefahr befreit und
erhielt durch Herakles die Geliebte zurück.
Der Held schenkte dem Paare auch die könig-
liche Burg. Wir dürfen annehmen, dafs die-
ses die dem Sositheos ungehörige Sagengestalt
ist; nur liiefs das Mädchen bei Sositheos nicht
Piplea, sondern Thalia, Schol. Theokrit. 8, 1.
93. Eine zwiefache Liebe, ein Meiden der
einen und ein Suchen der andern, pafst nicht
in die Fabel des Sositheos; das Mädchen, wel-
ches Daphnis sucht, hat er im ersten Jüng-
lingsalter geheiratet (ähnlich wie bei Theo- 1 .
krit 8 die Nais), nachdem er zuvor in einem j,
Gesangeswettstreit, bei welchem Pan und die
Musen Richter waren, über Menalkas ge-
siegt, Schol. Theokr. 8,1. — Infolge dieser
Verknüpfung des Hirtenheros mit dem Heros
der Feldbauer und Schnitter wurde Daphnis, ;
der ursprünglich nur in Sicilien heimisch war,
auch nach Phrygien versetzt. So macht denn
Alexander Aitolos den Daphnis zum Lehrer
des Phrygiers Marsyas in der Musik {Schol.
Iheokr. 8, 1), und Ovid {Met. 4, 277) nennt den
Daphnis Idaeus, mit Bezug auf den phrygischen
Ida. Hermesianax hat Daphnis und den von
ihm geliebten Menalkas nach Euboia versetzt
{Schol. Theokr. 8, 55), der „rinderreichen“ In-
sel. — K. Fr. Hermann sieht in Daphnis, der
nach den Worten des Theokrit verging wie
der Schnee im Gebirge, die mythische Gestalt
des Winterschnees und Winterfrosts, der gleich- j j(
sam wider seinen Willen durch die Macht des
Frühlings besiegt wird. Aber der Winter er-
scheint denn doch immer als etwas Unholdes
und Feindseliges, dessen Besiegung durch den
Frühling von den Menschen mit Freuden be-
961 Daplidike
grüfst wird. Auch wir suchen die ersten Keime
der Daphnissage in uralter Naturanschauung,
wir sehen in ihm einen jener zahlreichen schö-
nen , früh verblafsten Knaben oder Jünglinge,
welche das fröhliche Aufblühen des Natur-
lebens im Lenze und das von den Menschen
betrauerte und beklagte Verwelken der Vege-
tation in den heifsen Tagen der Sommerzeit
darstellen (Hylas, Linos, Narkissos u. a. ; siehe
Welcher, Allg. Schulzeitung 1830. Abt.hlg. 2. i
N. 2f. Preller, Demeter u. Persephone S. 254 ff.).
Solche von dem Volksliede beklagte Wesen
wurden von der Sage zum Teil selbst zu Sän-
gern und Musikern gemacht , wie Linos und
Orpheus. So ist auch der von den Hirten Sici-
liens beklagte Daphnis der Erfinder des buko-
lischen Gesanges geworden. Bei der weiteren
Ausbildung seiner Sage wurde dann das Haupt-
motiv die Liebe, welche bei schönen Knaben
und Jünglingen das Nächstliegende war. — 2
Litteratur: Lennep, Comm. Inst. Belg. CI. 3.
T. 2. Amstel. 1820. p. 157ff. Welcher, Jahns
Jahrhh. f. Philol. 1829. P. 9. p. 284 ff. = Kleine
Schrift, z. gr. Litteratur gesch. 1. S. 189 ff. Döder-
lein, Lectiones Theocrit. Erlangen 1843 p. 176.
Klausen, Aeneas und die Penaten 1. S. 518 ff.
Ahrens in Schneidewins Philolog. T. 7. p. 414.
K. Fr. Hermann, Gotting, gel. Anzeigen 1845.
3. 1072 ff. u. Disputat. de Daphnide Theocriti.
3ött. 1853. Jacobi, Handwörterbuch d. gr. u.
m Mythol. Gebauer, de poetarum graec. buc.
nprimis Theocriti carminibus in eclog. a Vir-
jil. adumbratis. Lips. 1856. p. 74ff. Hauler,
le Theocriti vita et carm. Freiburg i. Br. 1855.
). 44. Bursian, litt. Centralbl. 1856. N. 46.
Preller, Gr. Mythol. 1. S. 324 u. 594 f. Ger-
Iiard, Gr. Mythol. § 558. Fritzsche , ( grofse )
iusg. d. Theokrit , Einl. S. 12. Anm. zu Id. 1,
9 u. 64. 7, 73. Einl. zu 8. Anm. zu 8, 93. —
!) Ein Kentaur , von Herakles erschlagen,
Diod, 4, 12. — 3) Eine Bergnymphe aus der
Jmgegend von Delphi, von Ge als Prophetin
hres dortigen Orakels eingesetzt, Paus. 10,
, 3. [Stoll.]
Daplidike heifst bei Hygin. f. 170 eine Da-
aide, die mit dem Aigyptiden Pugnon ver-
lählt war. Beide Namen sind verderbt. Viel-
leicht ist nach Apollod. 2, 1, 5 zu schreiben:
iallidike u. Pandion. [Stoll.]
Dardania {AugSavla, ctg f.), 1) mythische
|)der blofs epische) Stadt des Dardanos (1)
m troischen Ida, in historischer Zeit davon
eine Spur, II. 20, 216. Sleymn. 689. Apollod.
■ , 12. Strabo 13, 606. Hyg. f. 275. Diod. 4,
i 5. Schol. Lyk. 29. Nonn. Dion. 3, 191. Frei-
r-Plew 2, 373; als Landschaftsname, mit der
tadt Dardanos, nach Mnaseas bei Steph. Byz.
uqduvog. — 2) poetischer (angeblich frühe-
:r) Name von Samothrake, vergl. Darda-
os 1, Paus. 7, 4, 3. Steph. Byz. Kago-
odxrp Kallim. frg. 397 bei Plin. 4, 73.
[v. Sybel.]
Dardanis {AagSavCg, (8og f.), Dardanis und
oimen, Lokale an einem Flufs Acheron beim
thynischen Herakleia, benannt nach Darda-
s, der Tochter eines Königs Acheron, und
rem Sohne, den sie von Herakles hatte;
ihemeristisCher Mythus, aus dem Periplus des
Koscher, Lexikon der gr. u. röm. Mytliol.
Dardanos 962
Andron von Teos citiert bei Schol. Ap. Rh.
2, 354. [v. Sybel.]
Dardanos ( Adgäavog , ov m.), 1) Eponymheros
der troischen Dardaner (eine historische Stadt
Dardanos am Hellespont, der Heros ihr mythi-
scher Gründer, Diod. 4, 75; Stadt Dardanos
in Italien, Schol. Lykophr. 1129), Gründer von
Dardania 1 (s. d.), Sohn des Zeus, Ilias 20,
215, und der Atlantide Elektra (s. d.), Apol-
lod, 3, 12, 1. 2; Schol. Lykophr. 72; Athe-
nikon b. Schol. Ap. Rh. 1, 916; geb. in Tri-
pkylien in einer Grotte, Strabo 8, 346; in
Pheneos, Varro nach griechischen Autoren bei
Serv. Aen. 3, 167; in Troja oder auch in
Kreta, s. Serv. ib. — Grab in Troja, Lykoph.
72 m. Schol, — Vater desllos undErichtko-
nios, II, 20, 219. Dion. Hai. 1, 61. 68. 69.
Apollod. 3, 12; des Zakynthos, Paus. 8, 24, 3.
Steph. Byz. Z cr/.vv&og. Dionys. Hai. 1 , 50 ;
derldaea (zweiten Frau des Phineus) Apollod.
3, 15, 3. Con. 21. Gemahlin Bateia (vergl.
II, 2, 813 Batieia- Hügel) Apollod. 3, 12. Diod.
4, 75. Steph. Byz. AdtgSctvog-, oder Arisbe
von Kreta, Lykophr. 1308. — Sein Ursprung
ward nach Samothrake, das früher Dardania
(s. d.) gekeifsen habe, zurückverlegt, wo er mit
seinem Bruder Iasion wohnte; nach dessen
Ende ging Dardanos nach der Troas, gründete
Dardania (1) und lehrte die Troer die samothra-
kischen Mysterien; nach einigen vertrieb eine
Flut ihn von Samothrake; auf einem Flofs oder
Schlauch sei er herübergeschwommen, Str. 7.
Frg. 50. Skymn. Ch, 679. Apollod. 3, 12, 1.
Serv. Aen. 2, 325. Con. 21. Schol, Lykophr.
73. 1302. Tzetz. Lykophr. 29. 73. Schol, II.
20, 215. Eustath. u. a. ; er gründet Dardanos
und die troische Burg und beherrscht die troi-
schen Dardaner, Diod. 5, 48; Iasion zeugte
mit Kybele den Korybas; Dardanos geht mit
Kybele und Korybas nach Phrygien und
überträgt dahin den Kult der Göttermut-
ter, Diod. 5, 49. — In Samothrake sind Ia-
sion (Iasios, Iasos, Iason), Eetion und Har-
monia (s. auch Steph, Byz. Augdccvo g) seine
Geschwister (Iasion und Eetion identisch, Dar-
danos auch Polyarches genannt bei Schol,
Ap.Rhod. 1,916); seine Gemahlin ist Chryse,
Tochter des Arkaders Pallas, deren Mitgift
die Palladien und die Sacra der grofsen Göt-
ter, Dion. Hol. 1, 68, seine Söhne Idaios und
Deimas (Arkader). — Arktinos bei Dionys.
1, 69 liefs Dardanos ein Bild, das Palladion,
von Zeus erhalten {Paus. 7, 19 das Bild des
Dionysos Aisymnetes, s. Eurypylos u. Aisymne-
tes). — Dardanos raubt das Palladion aus
dem Tempel der troischen Athena, geht nach
Samothrake zu Kadmos, nachher zu Teukros,
und gründet Dardanos, Mnaseas bei Steph. Byz.
Augdccvog. Nach römis ch- e tru s k. Sage, der
Vergil folgt, stammt Dardanos aus der tus-
kisohen Stadt Korythos (Cortona), als Sohn
des Zeus und der Elektra; Iasios ist Sohn
des Korythos , oder beide sind Söhne des
Korythos, der ein Sohn des Zeus ist; nach
einigen ist Dardanos Gründer von Korythos
nach einem Sieg über die Aboriginer; Iasios
geht nach Samothrake, Dardanos nach Phry-
gien, Verg. Aen. 3, 167. 7, 210. Serv. Aen.
31
963
Dares
Dea dia
964
3, 15. 167. 170. 7, 207. 9, 10. Schol. Apollod.
1, 916.. [Wegen jener Herkunft der Dardaner
kehrt Aneas nach Italien als der Urheimath
seines Stammes zurück. Yergl. Verg. Aen. 3,
167 ff. ; 6, 650; 7, 206ff.; 8, 134 ff. ; auch 1,
380; 2, 620; 7, 122 u. sonst, nebst Servius u.
den andern Interprett.; ferner Gluver Itcü. ant.
2, 3. Dempster Etruria Regalis 4, 15. Venuti
in den Dissert. Cortonenses 4, 1 ff. (Sopra l’an-
tica cittä di Cortona). 0. Müller , Etrusker 2
2,289, Anm. 40. Dennis, Cit. and Cemet. of Etru-
ria2 2, 396, Anm. 1. 399, Anm. 7. [Deecke.] —
Rotfig. Vasenbild mit Dardanos, Priamos, Ti-
thonos u. Eos, C. I. Gr. 8410. AaQddv tov ys-
vog, C. I. Gr. 6280 b. — 2) Sohn der Helena
von Paris. Dionysios STcytobrach. bei Schol.
Ilias 3, 40. Eust. Hom. p. 380, 31. — 3)
Thessaler, vor Troja dem Protesilaos von
dessen Vater mitgegeben als yvryiwv, Eust.
Hom. p. 1697, 60. Ptol. Heph. p. 14, 64 Creuz.
— 4) Troer, Sohn des ßias, wie sein Bruder
Laogonos von Achilleus getötet, II. 20,
460. [v. Sybel.]
Bares (Adgy g), 1) ein Priester des Hephai-
stos, reich und. untadelig, Vater des Phegeus
und Idaios , von denen jener von Diomedes
erschlagen wurde , während Hephaistos den
Idaios dem Vater zuliebe rettete: II. 5, 9 ff.
Tzetz. Hom. 53. — 2) Ein Phrygier , der dem
Hektor auf das Geheifs des thymbräischen
Apollon als Führer beigegeben wurde, um ihn
vom Kampfe mit Patroklos abzuhalten; er ging
aber als Überläufer zu den Griechen über und
ward von Odysseus getötet, Antipatros Akan-
thios (?) bei Ptolem. Chennos 1 in Phot. Bibi. cod.
120 u. Eustath. Hom. p. 1697 , 58. Dieser
Phrygier Dares, mit Nr. l identifiziert, wurde
ausgegeben für den Verfasser einer vorhome-
rischen Ilias, welche auf Palmblätter geschrie-
ben gewesen sein sollte und von welcher Ae-
lian V. H. 11, 2 (c. 170 n. Chr.) behauptete,
dafs sie noch existiere. Ptolemäos Chennos
(Sohn des Hephaistion, 70 — 100 n. Chr.) war
übrigens ein Schwindler, und der von ihm
citierte Antipatros Akanthios ist ein von ihm
erdichteter Schriftsteller, II. Her eher , Ptol.
Chenn. S. 269 ff. Teuffel , Gesch. d. r. Litt.
§ 471. — 3) Ein Trojaner, gewaltig im Faust-
kampf, aber bei den Leichenspielen des An-
chises von Entellus besiegt, Verg. Aen. 5, 367 ff.
Hygin. f. 273. [Stoll.]
Barrhon (Auqqcov), nach Hesych. Mocusdovi-
u'og daiycov ct> vtcsq zdtv vocovvzav £v%ovxai,
also == (jeeoomv; nach Sonne Kuhns Ztschr. 14
S. 338 'Gott der Lebenszuversicht’ (?), bes-
ser nach Curtius, Grundz. d. gr. EtymI 315
S. 256 Mer des guten Mutes’ (vergl. griech.
Mythol. v. Preller- Plew 1 S. 431). Vgl. Adoaun •
i'&vog Godntov nach Ilekataios bei Steph. Byz.
s. v. ('Balten’ nach Benseler), und die mit i
jenen vielleicht identischen Asgoaioi am Pan-
gaios. [Crusius.]
Daseatas (AuGsdza g), ein Sohn des Lykaon,
der die arkadische Stadt Dasea gründete, Paus.
8, 3, 1. [Stoll.]
Daskylos (AdcnvXog), 1) Sohn des Tantalos
und der Anthemoisia, einer Tochter des Flufs-
gottes Lykos, König der Mariandynen in Bithy-
nien. Als Herakles nach dem Gürtel der Hip-
polyte ausgezogen war, wurde er von Dasky-
los freundlich bewirtet und half ihm die Myser
und Phryger und die Völker der Bithyner 1
unterwerfen, Ap. Rh. 2, 774 ff. Schol. Ap. Rh.
2, 724. 752. Hygin. f. 14. Sein Sohn Lykos
(s. d.) war ebenfalls Gastfreund des Herakles
und der Argonauten, Ap. Rh. 2, 752. Apollod.
2, 5, 9. 1, 9, 23. Müller, Orchomenos 292. — j
) 2) Sohn des Lykos, Begleiter der Argonauten,
Ap. Rh. 2, 803. 814. — 3) Ein Sohn des Periau-
dos (?), Gründer der Stadt Daskylion in Karien,
Steph. Byz. s. v. AugkvXiov. [Stoll.]
Dassaro (Auggccqio) , eine Tochter des Illy-
rios, von welcher das illyrische Volk der Aug-
GagriTioi abstammen soll, Arm i an. Illur. 2.
[Steuding.]
Dasyllios ( AaovXXiog ), 1) Beiname des Dio-
nysos (s. d.) zu Megara, wo er ein Standbild
) hatte (Paus. 1, 43, 5), nach Etym. M. 248, 54:
dno zov SaGvvsiv zag ayniXov g. — 2) ein Amy-
klaier, Sohn des Tainaros, von Morrheus ge-
tötet: Nonn. Dion. 30, 188. [Roscher.]
Daulieus (AavXisvg), Sohn des Tyrannos und
der Chrestone (Krestone) , Gründer und Epo-
nymos von Daulis in Phokis: Schol. z. II. 2,
520. [Roscher.]
Daulis ( AavXCg ), eine Nymphe, Tochter des Ke-
phissos, nach welcher die Stadt Daulis in Phokis
i benannt war, Paus. 10, 4, 7. St.B. s.v. [Roscher.]
Datums. 1) Den vorhistorischen Namen Apu-
liens, Daunia (Paul. p. 69. Plin. n. h. 3, 103f.),
leitete man ab von einem alten Könige dieses
Landes Daunus (Hör. carrn. 3, 30, 11 f. 4, 14,
25 f. Ovid. fast. 4, 76. Serv. Aen. 8, 9), der
in nächster Beziehung zu den Sagen von grie-
chischen Einwanderungen in Unteritalien steht.
Er soll wegen Zwistigkeiten aus seiner Heimat
Illyrien, wo er ein hervorragender Mann war,
ausgewandert und nach Apulien gekommen
sein (Paul. p. 69); Kikander wufste zu erzäh-
len , dafs drei Söhne des Lykaon , Daunios,
Iapyx und Peuketios nach Italien kamen, die
ansässigen Ausoner vertrieben und drei Reiche
gründeten, Messapien, Daunien und Peuketien,
zusammen auch lapygien genannt; und zwar
geschah dies alles lange vor dem Zuge des
Herakles (Anton. Lib. 31). Als später Diome-
des nach Italien kommt, nimmt Daunus ib’i
freundlich auf, und da jener ihm gegen die
Messapier beisteht , giebt er ihm Land und
seine Tochter zur Gemahlin , mit welcher je-
ner zwei Söhne Diomedes und Amphinomos
zeugt (Anton. Liber. 37. Ovid. met. 14, 408f
510 f. Plin. 3, 103. Serv. Aen. 8, 9). Eine
vereinzelte, späte Tradition (Tzetz. z. Lykophr
603 ff.) spricht von nachherigen Zwistigkeiten
zwischen Daunus und Diomedes und der Er
mordung des letzteren durch Daunus. — 2) Zt
unterscheiden davon ist der Rutulerfiirst Dau
nus, den Vergil als Vater des Turnus und de:
Iuturna nennt (Verg. Aen. 10, 616 f. 688. 12
22. 90 f. 723. 785. 932 ff.). [Wissowa.]
Dea dia (vgl. besonders G. Marini, gli ath
e monumenti de' fratelli Arvali, Rom 1795
E. Hoffmann, die Arvalbrüder , Breslau 1858
Preller, Rom. Mythol. 23. S. 29 ff. W. Het-
zen, scavi nel bosco sacro dei fratelli Arvali
965
Dea dia
Dea dia
966
Roma 1868. Ders. im Bulletim dell' inst. arch.
1869. S. 81 ff. Hir schfelcl in Göttinger gelehrten
Anzeigen 1869. S. 1600. Mommsen in den Grenz-
boten 1, 1870. S. 161 f. Vor allem Uenzen , acta
fratrum Arvalium quae supersunt, Berl. 1874.
TI. Oldenberq, De sacris fratrum Arvalium, Ber-
lin 1875).
In dieser „lichten“ oder „himmlischen Göt-
tin“, deren Name so durchsichtig wie der
der Bona Dea oder der Dea Muta (s. d.) gebildet i
ist (vergl. zu letzterer Varro de l. I. 5, 74.
Lactant. 1,20, 35) , wird man eine der vie-
len Varianten zum Typus der Acker und
Flur segnenden Gottheiten, zur Ceres
und Tellus, zu erblicken haben. Sie ist für
den Mythologen in zwiefacher Hinsicht höchst
merkwürdig, weil er sich bei keiner anderen
Gottheit so wie bei ihr über die Formen
des Gottesdienstes bis in das Einzelnste
unterrichten kann, und weil sie dabei doch zu- 2
gleich zeigt, bis zu welchem Grade eine antike
Gottheit mit ausgebildetstem Kult Lokalgott-
heit sein und bleiben konnte. Die römische
Litteratur kennt nicht einmal den Namen der
Dea dia; nur zahlreiche Inschriften geben be-
redtes Zeugnis von ihrer Existenz , aber alle
aus einer einzigen Fundstelle. Ging man aus
der porta Portuensis Roms auf der via Cam-
pana am rechten Tiberufer nur bis zum fünf-
ten Meilenstein stromabwärts ( Acta S. CCXIII), 3
so gelangte man zu dem auf einem Hügel ge-
legenen, mit Tempeln geschmückten Hain der
Dea dia. Hier, in der heutigen vigna der
Ceccarelli, sind die priesterlichen Akten aus-
jegraben worden, welche im Stylobates ihres
Tempels auf grofsen Tafeln geführt wurden.
Die ersten Funde fallen in das Jahr 1570;
weiteres kam 1699 hinzu; als endlich im Jahre
1866 wiederum eine grofse Tafel zum Vor-
schein kam , wurden auf Grund deutscher 4
Sammlungen bis 1871 planmäfsige Ausgrabun-
gen von Uenzen veranstaltet , deren reichen
Ertrag derselbe Gelehrte in seinen „Acta fra-
rum Arvalium“ zusammen mit dem früher be-
cannt Gewordenen chronologisch geordnet vor-
jelegt hat. Die ergänzenden in Rom am Esqui-
in, Aventin, Vatikan gemachten Funde (clar-
mter die wichtige Tafel vom Jahre 218) sind
ms Verschleppung zu erklären.
Die Göttin wurde von einer einzigen heiligen 5
.Brüderschaft“ verehrt, den fratres Ar-
ales, und ihr Kult ist, wie das Ritual beweist,
>ei aller örtlichen Beschränkung uralt und
ein italisch. Durch die Bezeichnung als Brü-
lerschaft bekundet sich der Kultverband als
licht durch und für den Staat gestiftet, sondern
ls einen privaten Bund von Familien-
liedern, die für ihre Felder gemeinsam Segen
u erflehen übereingekommen sind. Ähnlich
rivater Natur waren die Salier, die Luperci 0
nd die sodales Titii (vgl. Mommsen zu Borghesi
pp. 3. S. 414). Durch die Centralisation des
taatslebens verlor sich freilich dieser ursprüng-
che Charakter; von publica sacra der Arva-
» in redet Varro De l. I. 5, 85. Nie aber sind
ie Arvalfesttage dies nefasti geworden; es
ab keine feriae Deae diae\ die Kalendarien
erzeichneten dies Fest gar nicht; Ovid über-
geht es in seinen Fasti. Überhaupt hatte die
Litteratur auf die so eng lokale Thätigkeit
der Arvalen kaum Acht. Nur Varro besprach
sie a. a. O. und am Anfang der Kaiserzeit
Masurius Sabinus aus welchem Plinius n. h.
18 , 6 und Gellius 7 , 7,6 schöpfen. Hinzu
kommt eine Erwähnung bei Minucius Felix
Octav. 25. Masurius bezeichnete Romulus als
den Stifter der Brüderschaft, als erste Brüder
neben ihm die Söhne der mythischen AccaLaren-
tia (s. d.). Über Dea dia verlautet dabei nichts.
Der Schlufs, dafs die Brüderschaft vor Augustus
eingegangen war, ist durch die Spärlichkeit
dieser Erwähnungen nicht etwa gegeben (vgl.
Oldcnberg). Doch scheint sie Augustus, der
Wiederhersteller so manches alten Kultus
(. Sueton 31), wesentlich gehoben und erweitert
zu haben, gehoben, sofern sich die kaiser-
liche Familie an ihr beteiligte, erweitert, so-
fern die Brüder aufser dem Fest der Dea dia
von jetzt an noch eine Reihe sakraler Hand-
lungen zum Wohle des kaiserlichen Hauses
zu verrichten hatten.
Diese Erweiterung der Funktionen
derBrüderschaft durch Augustus dürfte nicht
vor 12 vor Chr. fallen , in welchem Jahre der
Kaiser pontifex maximus wurde ( Hirschfeld ).
Auch die unter Augustus gefertigten Fasti der
Arvalen fallen nicht früher ( Henzen S. CCXXX 111).
Die gefundenen Akten selbst beginnen mit dem
Jahr 14 n. Chr. und reichen bis zur Zeit des
Gordian, 241 n. Chr. (die letzten sind auf
dem leeren Platz der Tafeln früherer Jahr-
gänge nachgetragen). Dafs eine Priesterschaft
Protokolle in Marmor grub , war sonst nicht
üblich ( Uenzen S. IX); denn das Eisen, das zum
Gravieren nötig war, würde die heilige Stätte
entheiligt haben (vgl. Macrob. 6, 19, 11); da-
her hatten sich auch die Arvalen vor Augustus
mit der Eintragung der Protokolle im Codex
begnügt, welcher im Tetrastyl aufbewahrt
wurde und noch gelegentlich erwähnt wird
(vgl. unten über den zweiten Festtag). Erst
durch den Kaiser ist im Interesse der neu hin-
zugekommenen Sacra die glänzende monumen-
tale Form eingeführt worden; seitdem wurden
jährliche Sühnopfer ob ferri inlationem nötig
(vgl. unten).
Die Brüder feiern also jährlich die Augusta-
lien, die Geburtstage der Augusti u. s. f., eben-
so aber auch die Konsekration der Livia, die
Ernennung des Claudius zum pater patriae
(vgl. Dio C. 60, 3). Jährliche Vota bringen
sie in Rom pro Salute imperatoris , und diese
Vota richten sich nur in der ältesten Zeit
(Acta vom Jahre 38) auch an die Dea dia,
hernach nur an die Staatsgötter Iuppiter, Iuno,
Minerva, daneben an die Salus publica (Salus
Augusta publica). Die divi des Kaiserhauses,
sechszehn im Jahre 183, zwanzig im Jahre 218
(. Henzen S. 148), finden regelmäfsige Verehrung.
Auch aufserordentliche Feste begeht man, wie
nach der Entdeckung der Verschwörung des
Gaetulicus im Jahre 39.
Eingehender seien hier die aus älterer
Zeit stammenden Institutionen der Brü-
derschaft mitgeteilt.
So wie das Kolleg der Salii und wohl auch
31 *
967
Dea dia
Dea dia
der Luperci ( Preller l3, 388) bestand die Ar-
valbrüaerschaft nach des Masurius Angabe aus
zwölf Mitgliedern Doch finden wir meist
nicht so viele bei den Handlungen anwesend;
die Zahl schwankt. Überschritten wird sie
bei dem Opfer ob imperium Neronis(?) im
Jahre 57 ( Henzen S. LXIY), wo ohne den
Kaiser zwölf Brüder beteiligt sind. Der Kai-
ser ist Bruder vom ersten Tage seiner Regie-
rung an. Meistens trat er sowie die kaiser-
lichen Prinzen in leer gewordene Stellen ein.
Die Aufnahme geschah durch Cooptation ( coop -
tare et ad sacra vocare-, vgl. Uenzen S. 150 ff.).
Die vornehmsten Familienkreise waren be-
teiligt.
Hauptvorstand war ein magister, der für
ein Jahr am 2. Tag des Festes der Dea dia
gewählt wurde. Das Amtsjahr hub von den
Saturnalien an, d. i. vom 19. Dezember. Wie-
derwahl war gestattet. Im Todesfall ward ein 2
suffectus gewählt. Den Pro magistro ernennt
zu seiner Vertretung der Magister selber.
Neben ihm steht sodann ein fl, amen, für dessen
Wahl sowie Ersetzung genau die nämlichen
Bedingungen gelten. Stirbt der Magister, so
funktioniert auch der Flamen nicht mehr.
Der Flamen steht an Würde nach dem Ma-
gister, doch vor dem Promagister. Auch Kai-
ser erscheinen so als flamines wie als magistri.
Bei den Mahlzeiten assistieren weiter vier Edel- 3
knaben (je einer für drei Brüder) aus senato-
rischer Familie, welche Vater und Mutter noch
am Leben haben. Sie bleiben länger als Jahres-
frist. Ihre Namen werden erst seit dem Jahre
117 mitgeteilt. Vor allem besitzt die Brüder-
schaft wie die anderen Priesterschaften Roms
zahlreiche publici, Sklaven, die bei den Opfern
und gelegentlich auch bei der Administration
des Kollegs (so a commentariis, Henzen S. CC)
Dienst leisten. Einmal wird (im Jahre 91) als 4
von ihnen verschieden, mitopfernd, ein Thür-
hüter ( aedituos ) erwähnt. Endlich hat jeder
Bruder noch einen Personal-Opferdiener (ka-
lator ) von Libertenstande, den er sich selbst
wählt und dessen Patron er ist.
Der Hain der Göttin zog sich mit Ei-
chen und Lorbeer (vgl. acta a. 87 u. 105) einen
Hügel hinan. Der von Rom Kommende fand
an Monumenten zunächst unten vor dem Hain
eine ara Deae diae, daneben ein Tetrastylum 5
mit Garderoben und Speisesaal, ferner das
Caesareum, in welchem die Divi der kaiser-
lichen Familie konsekriert waren, und das un-
ter Domitian (1 acta a. 81) statt des Tetrastyls
als Speisesaal diente; das letztere war also
damals noch nicht erbaut oder in Reparatur.
Nahe dabei lag ferner auch der Circus für die
Festspiele (aus dem Tetrastyl kann der Ma-
gister unmittelbar supra carceres steigen, und
die exta der vacca trägt er direkt hierher), g
Dagegen hoch auf dem Hügel selbst stand der
Tempel der Dea dia, ein Rundbau, vor des-
sen Thüre sich ein zweiter Altar der Göttin
befand. In ihm aber stand ein heiliger „Tisch“
(vgl. Brunn, Annali dell' inst. 1856. S. 114ff.)
mit altehrwürdigen, hoch archaischen Thon-
gefäfsen ( ollae ), von denen noch achtzehn an
Ort und Stelle gefunden sind (de Bossi, Gior-
968
nale arcad. 1868 tab. IV). Der Tempel scheint
um das Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. neu
gebaut zu sein (Henzen S. XXII). Übrigens hatte
auch die baumheiligende Göttin Adolenda Coin-
quenda (auch Commolenda, Deferunda genannt)
ihren besonderen Altar im Hain; dagegen ward
ein Kreis von vierzehn Gottheiten nur an „zeit-
weiligen Altären “ (arae temporales) verehrt,
unter denen die Lares, der Mars pater ultor,
die Virgines divae und Famuli divi, sowie ein
Ungenannter „sive deus sive dea“ besonders
erwähnenswert sind. Der letztere war gewifs
der Genius loci. Nun ist ein steinerner Altar
des Genius loci aufgefunden worden (de Bossi,
Bull. arcli. Christ. 1868. S. 27), und auch die
übrigen arae temporales waren somit vielleicht
Stein, nicht Rasen. Die Virgines und Famuli
bedeuten wohl ein Dienergefolge der Kom-
göttin; sie sind also vielleicht die im Arval-
lied angerufenen Semones. Denn auch die I
Lares und Mars kehren ja im Arvallied wie-
der, nur dafs die Kaiserzeit für den alten Früh-
lings-Mars den kaiserlichen Mars ultor substi-
tuiert hat. Wenn wir endlich annehmen dür-
fen, dafs unter diesen vierzehn Gottheiten die!
zwei Vestae zusammen und ebenso die Mater!
larum mit den Laren nur je einen Altar hat-
ten, so war die Zahl der Arae gerade zwölf, j
Unter den heiligen Handlungen waren die;
0 Sühnopfer ( piacida ), über die sorgfältig be-
richtet wird, natürlich nicht Selbstzweck, son-
dern präparatorisch. Alljährlich, nachdem im
April die Protokolle des Vorjahres graviert
waren, brachte dafür der Magister des Vor-
jahres ein Sühnojffer dar „ob ferri inlationem
et elationem“ ; es bestand aus porca und agna
opima. Denn das Eisen, mit dem graviert
wurde , entheiligte den Bezirk (vergl. oben). |
Wenn ferner ein Baum stürzte oder ein Ast
0 brach , so wurde Beschlufs gefafst , den Ast
aus dem Hain zu tragen, den Baum als Brenn-
holz beim Opfer zu verbrauchen und dazu der
Haingöttin ein aufserordentliches Piaculum
gleichen Inhalts wie das obige zu schlachten.
Schlug gar ein Blitzschlag ein oder fafste wie
im Jahr 183 ein Feigenbaum am Tempelgie-
bel Wurzel, so wurde ein gröfseres Piaculum
mit Suovetaurilien nötig ( lustrum mittitur; vgl.
acta a. 224). Welcher Gottheit die letzteren
0 galten, erfahren wir nicht. Aufserdem wurde | it
alsdann der Dea dia und der Adolenda ge-
opfert, sowie jenen vorhin erwähnten vierzehn
Gottheiten, welche somit speziell Schutzherren
des Haines waren, und deren Reihe, wie obli-
gat, mit dem Ianus pater anhub und mit der
Vesta, der irdischen und himmlischen (V. ma-
ter und V.deorum dearumque), abschlofs. Je-
der Gott erhielt dabei zwei männliche , jede; 3
Göttin zwei weibliche Opfertiere.
0 Das dreitägige Hauptfest der Dea dia wird
auf den Tafeln anfangs nicht mit verzeichnet
(s. acta a. 14). Seine Feier war eine selbstver-
ständliche, sie war gesichert durch die Tradi
tion der republikanischen Zeit. Die Tafeln
zu gravieren unternahm man erst um der hin-
zukommenden Feste willen, die, wie wir sahen,
entweder aufserordentliche waren oder, falls
jährlich, alle Bezug auf das Kaiserhaus hat
969 Dea dia
ten, und darum eben beginnen die Tafeln erst
seit der Zeit des Augustus. Seit dem Jahre
27 oder 38 wird vom Hauptfeste sodann wenig-
stens der zweite Tag aufgezeichnet, seit dem
Jahre 66 (?) oder erst seit 81 kommt die Er-
wähnung des dritten , seit 81 die des ersten
hinzu. Dem entspricht, dafs auch die Angaben
über die heilige Handlung selbst, anfangs höchst
einsilbig, erst mit der Zeit immer ausführlicher
werden. Sie verraten so deutlich genug die
immer wachsende Sorge, das Ceremonial könnte
vergessen werden. Für das folgende Detail
war vorzüglich der Bericht des Jahres 218
(und 219 für den Scldufs des zweiten Tages)
zu benutzen.
Das Fest fiel in den Mai und es bezweckte
den Ackersegen (Varro a. a. 0.). Daher der
Name der Brüder, daher die coronae spiceac,
die sie tragen, daher die Ähren und Brode
und Töpfe mit Mehlbrei in der heiligen Hand-
lung, daher als Höhepunkt in derselben das
Arvallied mit der Herbeirufung der Semonen,
daher endlich die Amtsführung des Magister
von Saturnalien zu Saturnalien. Andere Mai-
feste desselben Zweckes, von denen wir wis-
sen, verraten nahe Verwandtschaft. Nach Strabo
(S. 230) wurde an vielen Grenzplätzen des ager
publicus zwischen dem fünften und sechsten
Meilenstein von Rom durch die „Priester“ (ob
j alljährlich? ob im Mai?) ein Opfer dargebracht,
: welches dpßovQi'a ( aviburbia ?) hiefs. Dies war
notwendig ein sacrum publicum, also mit dem
Privatfest der Dea dia nur verwandt. Noch
näher standen die privaten Ambar valien, se-
| getum lustrationes , welche der Landmann auf
'seinem Acker stets im Mai, doch an einem
beliebigen Tage, ausführte ( segetes lustrantur
iim Kalendarium C. I. L. 1 S. 358). Die Am-
barvalien galten bald, wie Cato (de r. r. 141)
Ivoraussetzt, dem Mars, bald auch, nach Ver-
\jils Darstellung, der Ceres (Georg. 1, 338);
die Opfernden hiefsen auch hier fratres, doch
waren es deren nur zwei (so Pauli Festus
3. 5; Mommsen und schon Frühere wollten hier
Indern), und ihre charakteristische Handlung
Bestand in dreimaligem Umgang um das Feld,
mit Umführung der zu opfernden Tiere; das
Opfer waren Suovetaurilien: porcus agnus vitu-
us. Noch spät, aus den acta martyrum Anau-
|iensium (in Rhätien) erfahren wir von einer
pustration am 28. Mai. Auch bei den Um-
llirern haben, wie die Iguvinischen Tafeln zei-
;en, Gebräuche desselben Zweckes und ähn-
Lcher Form bestanden.
Den Platz der Ceres oder des Mars hat bei
en Arvalbrüdern die Dea dia. An Mars (zu-
immen mit Laren und Semonen) richtet sich
ei ihnen nur die eingelegte Invokation des
vvalliedes. Die Zahl der Brüder ist nicht
wei, sondern zwölf. Den Suovetaurilien ent-
sprechen ungefähr die drei Opfer porciliae,
|acca und agna opima, welche Dea dia, frei-
lich in andrer Folge und nicht als ein Opfer,
lindern jedes unter einem anderen Titel er-
iält (vergl. unten). Ihr Haupttag war zwar
licht der 28. Mai, aber doch häufig der 29ste.
| ichts ist hier identisch , alles nur ähnlich. Die
■lmerhin gewagten Annahmen, Dea dia sei
Dea dia 970
nur eine denominierte Ceres, und weiter, diese
Ceres habe im Kult den Mars Catos verdrängt
(so Henzen nach Mommsen ), reichen doch wohl
schwerlich aus, alle Unterschiede zu erklären.
Vornehmlich mufs auffallen, dafs ja die Acker-
brüder gar keine Ackerumgänge ausführen,
auch gar nicht auf dem Felde ihre Handlung
verrichten, sondern opfernd, singend, speisend
im Haine sind und bleiben. Was sie begehen,
sind nicht ambarvalia. Nun mag das pro fru-
gibus facere im Hain , eine Haingöttin als
Korngöttin befremden; bei der nächststehen-
den Ceres , Tellus oder Ops wissen wir von
ähnlichem nicht, wogegen allerdings der Vieh-
segen im Wald von den Waldgöttern Faunus,
Mars Silvanus, Pales silvicola erfleht wurde
(saltus ubi pecus possit pasci, Varro de l. I. 5,
36). Gleichwohl wäre schwer glaublich , dafs
etwa erst die augusteische Zeit die Handlung
vom Feld in den Wald verlegt und demge-
mäfs umgestaltet habe. Vielmehr wird dies
Waldfest mit seinen so altertümlichen Bestand-
teilen durch den lucus Feroniae am Soracte
hinlänglich geschützt, in welchen das Volk
die Erstlinge der Felclfrucht, Segen erflehend,
zu tragen pflegte (Liv. 26, 11, 9. Sil. Ital. 13,
84 ff. ; vgl. Strabo S. 226), nicht minder auch
durch den Hain der Robigo, welcher, just wie
der Hain der Dea dia, fünf Millien von Rom
lag und in dem am 25. April um Schonung
der Saat und Feldsegen gefleht wurde (Ovid
Fast. 4, 907 ff.).
Es ist zu gewärtigen, dafs wie für die Pri-
vatfeste der Ambarvalien auch für das der Dea
dia der Tag im Mai beliebig angesetzt wurde.
Eben darum mufste das Festdatum in jedem
Jahr zuvor angesagt werden; dies geschah im
Januar zu Rom im Pantheon oder Concordia-
tempel (z. B. acta a. 59 zum 3. Januar: in
Pantheo astantibus illis fratribus arvalibus sa-
crificium Deae diae indixit L. Calpurnius L. f.
Piso magister . ... in VI Kal. Iunias domi et
in IV Kal. Iunias in luco et domi et in III Kal.
Iunias domi). Trotzdem ist das Fest mit grofser
Regelmäfsigkeit abwechselnd in den Varronisch
geraden Jahren auf den 17., 19. und 20., in
den Varronisch ungeraden auf den 27., 29. und
30. Mai, d. h. alljährlich auf den 9., 11. und
12. Tag der Zwillinge im Eudoxischen Kalen-
der angesagt worden (Mommsen, Köm. Chron.
S. 70). Nur unter Nero wurden die geraden
und ungeraden Jahre vertauscht; und im Jahre
90 verschob es sich auf den 25., 27. und 28.
Mai. Also im Prinzip war das Fest zwar ein
freies und wurde gelegentlich frei angesetzt;
doch hielt man sich durch becpiemere Gewohn-
heit an einen bestimmten Kalendertag des
Eudoxischen Jahres.
Es sei hiernach der Hergang der Hand-
lung selbst mitgeteilt, mit Weglassung un-
wichtigeren Details und kleiner Abweichungen
in der Überlieferung.
Der erste Tag hatte vorbereitenden Cha-
rakter. Er wurde „domi“, d. h. in Rom und
gewöhnlich im Haus des Magister begangen.
Die Haupthandlung gehörte dem Vormittag.
Mit Tagesanbruch traten die Brüder im obli-
gaten Priesterkleid, der Praetexta, weifser
io
20
30
40
50
GO
971
Dea dia
Dea dia
972
Toga mit Purpursaum (Mommsen , Staatsrecht
12S. 406), zusammen. Der Magister recitierte
eine Eröffnungsformel ( sacrificium conccpit), und
nach seinem Voi-gang spendeten alle mit Wein
und Weihrauch (ture vino facere). Diese Spende
pflegte jeden bedeutenderen Akt abzuschliefsen.
Hierauf wurden von ihnen , wiederum unter
seinem Vorgang, Feldfrüchte und mit Lorbeer
umkränzte Brode „berührt“ und die himmlische
Göttin gesalbt, von der sich also ein Bildnis
auch in Rom befand, worauf man niedersafs
und die Prätexta ablegte. Unter den panes
laureati „mit Lorbeer zubereitete“ Brode zu
verstehen (Cato de r. r. 12), scheint sprachlich
kaum möglich. Von der Feldfrucht werden
zwei Sorten unterschieden, reife Ähren vom
vorigen Herbste ( aridae ), frisch grüne des Mai-
monds ( virides ). Durch das Berühren aber
konsekrierte man so Brot als Früchte für die
Handlung des zweiten Tages. Grüne Ähren,
reife Ähren und das aus ihnen bereitete Ge-
bäck bezeichneten offenbar die drei Zustände,
zu denen der ausgestreute Same, um dem Men-
schen zu nützen, durch der Göttin Gnade sich
entwickeln mufs. Der Nachmittag brachte so-
dann im selben Hause das Festmahl, welches
nie im Priesterkleid stattfindet. Nach dem
Bade und nachdem man sich sitzend die Hände
gewaschen, legte man sich im weifsen Speise-
kleid ( synthesis , cenatoria) zu Tische. Die
vier Opferdienst thuenden Edelknaben speisten
sitzend daneben. Erst nach dem Hauptteil
des Mahles wurden die Triklinien mit kost-
baren goldbordierten Teppichen überdeckt; vor-
her wären sie arg befleckt worden. Man legte
sich abermals , spendete ture vino und liefs
opfern (ad aram pertulerunt per publicos eqs„
was? gewifs nicht die Ähren; vgl. die folgen-
den Tage) , nahm Kränze und Salbe , weihte
die in Servietten verpackten Speisereste , um
sie nach Haus zu schicken (man lese a. 218
Zeile 14f. .- et in mantelis contenta rursus con-
tigerunt), afs den leichten Nachtisch, empfing
die sportulae, das Speisegeld (hierüber Momm-
sen, De collegiis et sodal. S. 109 ff.) und trennte
sich nach Verteilung von Rosen mit dem Heils-
ruf auf den Kaiser. Die Gastmähler der fol-
genden Tage halten sich mit geringen Unter-
schieden in den Formen dieses ersten.
Der Haupttag folgte. Ihn allein beging
man im Hain selbst, und er war um vieles in-
haltreicher. Anscheinend unter dem unthäti-
gen Beisein der Brüder, die im Alltagskleide
blieben, eröffnete ihn der Magister in der Prä-
texta frühmorgens allein durch das Opfer einer
weifsen Kuh auf einem Dreifufs ( foculus ) neben
dem Altar der Dea dia vor dem Hain. Dies
heifst „Ehrenopfer“ (vacca honoraria), wurde
somit der Göttin nicht geschuldet , gehörte
noch nicht zur eigentlichen heiligen Handlung;
daher opfert er es allein und nicht auf dem
Altar selbst; daher vielleicht mufs dieser Akt
hernach im Codex besonders notiert werden.
Seit dem Jahre 59 aber sehen wir den Magister
vorher regelmäfsig noch zwei junge Schwein-
chen zum Sühnungszweck darbringen (porci-
liae piaculares duae ; ein Tier luco coinquendi,
eines operis faciundi)-, dies geschah auf dem
Altar selbst. Die Geweide der Schweine trug
er, nachdem sie im Tetrastyl gekocht waren,
auf den Altar zurück, die der vacca deponierte
er auf einem zweiten Dreifufs, der im Circus'
stand (vgl. acta a. 218, wo an Identität Hei- ]
der Dreifüfse sich nicht denken läfst), notierte
endlich den Vollzug im Codex und erwartete,
der Prätexta entkleidet, im Zelt, dafs sich die1
Brüder bereiteten. Dies geschieht um Vormit-
10 tag. Nunmehr legen allesamt die Prätexta
an, kommen im Tetrastyl zusammen (woher',
aus ihren Zelten?), notieren jetzt erst ihre Be-
teiligung am Geschehenen im Codex (warun
erst jetzt und nicht mit dem Magister zusam-
men? sie durften es nicht vor Änlegung dei |
Prätexta) und verspeisen daselbst das Schweine
fleisch und das Schweinebiut (anscheinend ir
der Prätexta; auch hernach beim Verspeisei
der Brode wird sie nicht abgelegt; dies war
20 kein Diner und Festschmaus, sondern ein cere
monial- priesterliches Pflichtessen). Dann is
man zum dritten, dem eigentlichen Festopfe:
bereit, das alle Brüder darbringen. Die Prä
texta bleibt, aber man verhüllt das Haupt uni
legt die Ährenkränze an, steigt vom Tetrasty
den Waldberg hinauf, und der Magister op
fert das fette Schaflamm , die agna opima
auf dem Altar vor dem Tempel der Dea dia
prüft den glücklichen Verlauf durch Eingeweide
30 schau ( litationem inspicere ) und „alle“ spen
den ture vino. Dies Opfer hat also mit Su
ovetaurilien nichts gemein; die vacca und poi
ciliae haben vorhin an anderer Stätte unte
anderen Umständen anderen Zwecken gedien
als das Lamm.
Hiernach beginnt nun der sonderbare Ritu
mit den heiligen Töpfen, Kornähren und Brc
den. Während Magister und Flamen vor dei
Tempel bleiben und wiederum am Altar Opfer
40 (Honig? Milch? vgl. Denzen S. 31), gehen zeli
Brüder in den Tempel und bringen den heil
gen Töpfen Verehrung, kehren darauf zui
Magister zurück (foras ad aram reversi) un
übergeben den Tempelschatz ( thesauros dedi\
runt. Dafs thesaurus für stips stehen könnt
läfst sich nicht belegen. Und sollte ma
„Geldbeiträge“ vor dem Tempel statt in dei
Tempel dargebracht haben?). Tempelscha!
waren wohl die silbernen Becher nebst sun
50 puvia und Weihrauchkästen, aus denen dan
Magister und Flamen sogleich allein die Spend
machen (vielleicht ist acta a. 218 zu lesen
item flamen et promagister seyfos argenteos cui
sumpuvis, vino repletis ante osteum, acerras V
nentes ture et vino fecerunt ; die sumpuvia wu
den erst vor der Thür mit Wein gefüllt). L
zwischen sind aus der Stadt (durch Public;
in Prozession?) die am Vortag geweihten Ähre
und Brode unten am Eingang des Hains ai
60 gelangt. Zwei der vor der Tempelthür ha
renden Brüder steigen den Berg hinab un
nehmen zunächst nur die Ähren in Empfar
(der eine die trocknen, der andere die frischen?
kehren zurück , und nun werden die Ähre
unter den Zwölf von Hand zu Hand gereich
indem gleichzeitig die Rechte giebt, die Link
nimmt, bis die Publici endlich sie zur Ve
Währung erhalten. Alle betreten den Tempe
fce
Dea dia
974
973 Dea dia
flehen zu den mit dem altbäurischen Mehlbrei
( puls) gefüllten Töpfen, konsekrieren den Brei
durch Berührung; die Tempelthüren werden auf-
gethan, und die Brüder werfen die Töpfe aus
dem Tempel über den Hügel hin (per clivum).
Mutmafslich war es hierbei auf das gute
Omen, dafs sie nicht zerbrachen, abgesehen,
und das Gebet an die Töpfe hatte hierauf
Bezug. Dann nimmt man auf Marmorsesseln
(im Tempel?) Platz, und jetzt kommen die
Brode unter den Brüdern durch die Publici
I zur Verteilung (zu partiri aliquid per aliquem
konnte ein inter alios nicht weggelassen wer-
den; also ist zu verstehen inter se und zu
vergl. omnes partircntur bei Cicero pro (Rose.
I com. 53, sowie Tacit. hist. 2, 77), augen-
scheinlich um verzehrt zu werden; daher wer-
den die Brode hernach nicht wie die Ähren
i an die Publici zurückgegeben, daher auch am
dritten Tage nicht wieder erwähnt. Endlich
nehmen die Arvalen Salbgefäfse ( lumemulia
cum rapinisl) und salben die „Göttinnen“, und
dann wird der Tempel geschlossen. Diese
„Göttinnen“ überraschen. Wer stand denn
noch neben der Dea dia im Tempel? Da in
der entsprechenden Handlung des ersten Tages
lediglich die Dea dia gesalbt wurde, so mufs
die hier hinzukommende Gottheit speziell
I Haingöttin gewesen sein. Nun hatten die
i Virgines divae blofs einen zeitweiligen Altar
| im Hain (s. oben); also bleibt die Adolenda
Coinquenda als die einzige mögliche Mit-Göt-
tin übrig.
Die zur Salbung zugehörige Bekränzung
unterbleibt noch; denn ein eigentümlicher Akt,
der nicht auf Dea dia Bezug hat, wird hier
'i eingeschoben : der Festtanz mit invocatio im
verschlossenen Tempel, nachdem „alle“, d. h.
die Publici, hinausgegangen. Dieser Akt wird
also den Augen des draufsen stehenden Vol-
kes entzogen. Die Brüder schürzen die Prä-
texta, nehmen Textbücher ( libelli ) in die Hände
und stampfen im Dreischritt ( tripodaverunt )
zu den Worten eines altehrwürdigen saturni-
H sehen Liedes, indem sie „das Lied skandieren“
i (das wird carmen descindentes heifsen; das Wort
verhält sich zu scandere, wie desaltare, decan-
' tare zu ihren Simplicia; scandere aber ist in
j diesem Sinn aus den Grammatikern bekannt).
Das Tripodieren war eben ein Skandieren; je-
der Halbvers mit drei Hebungen war ein tri -
\ pudium. Es sind 24 Halbverse, die sich auf
die 12 Brüder irgendwie verteilten , und in
ihnen werden die Laren um Hilfe, Mars um
Schonung der Ernte angefleht, alle semunes
herbeigerufen. Sicherlich war den Singenden
i der Inhalt des Liedes gar nicht mehr verständ-
lich; es war genug, dafs sie es zu skandieren
wufsten. Dann erst stellen sich die Brüder
wieder vor dem Tempel auf, um sich, jeder
von seinem Kalator, die nötigen Kränze reichen
zu lassen, und kränzen endlich gemeinsam die
„Göttinnen“ im Tempel.
Der bedeutsamste administrative Akt der
j Brüderschaft war die Wahl ihres Magister
und Flamen. Dieselbe wurde nun an jenes hei-
ligste Finale der Bekränzung ganz unvermittelt
1 angeknüpft. Ebenso seltsam scheint, dafs man
beide ex Saturnalibus primis in Saturnalia sc-
cunda wählte (vergl. Marini S. 275 ff.). Das
„Saatgott-Fest“ der Saturnalien fiel doch in
den Dezember. Man wird anzunehmen haben,
dafs die Arvalen ursprünglich auch Saturna-
lien gefeiert und an diesen ihren Vorstand ge-
wählt hatten; als dies Fest einging, verlegte
man die Wahl an den Schlufs des Maifestes,
ohne doch den Antrittstermin für das Amt
abzuändern.
Nach der Wahl steigt alles vom Tempel
den Berg hinab, legt die Prätexta (nicht auch
die Ährenkränze?) ab und speist im Tetrastyl.
Nach dem „Heil dem Kaiser“ giebt der Ma-
gister im nahen Circus für das Volk ludi cir-
censes, er selbst angethan in weltlichem latus
clavus und ricinium. mit Sandalen und Rosen-
kranz. So hatte auch das verwandte Fest der
Robigo (s. oben) ludi cursoribus maioribus
minoribusque hinter dem sacrificium (s. Fast.
Praen.). Es laufen Wagen und Desultoren.
Palmen und silberne Kränze sind der Preis.
Dann kehrt alles nach Rom zurück und es
folgt das Gastmahl der Brüder im Haus des
Magister oder seines Vertreters.
Der dritte Tag mutete den Erschöpften
nichts weiter mehr zu als ein neues Festmahl
in Rom , im selbigen Hause wie am ersten
Tage. An Nebenumständen sei hervorgehoben,
dafs nur bei diesem Mahle Lampen erwähnt
werden (am hellen Tag? vgl. Macrob. 1, 7, 31
über die Kerzen beim Saturnalienfeste) sowie
eine gewisse Sorte von Thongefäfsen, tuscani-
cae (vgl. Uenzen S. 43 f.), von denen jeder Bru-
der anscheinend eines (mit Inhalt?) durch Be-
rührung weiht und es durch seinen Kalator
in sein Haus befördern läfst, ähnlich wie am
ersten Tage der Inhalt der mantelia „berührt“
würde. Die wichtigste Handlung aber fiel zu
Anfang der Tafel, wo die vom gestrigen Tage
aufgehobenen Ähren endlich durch die Edel-
knaben libiert und zum Altar gebracht wer-
den. Die Brode dagegen werden hier ohne
Frage deshalb nicht mehr erwähnt, weil sie
am Vortage verzehrt sind.
Das Volk war nur am zweiten Tage betei-
ligt und auch da nur als Zuschauer; ihm gal-
ten die Circusspiele, und schon vorher drängte
es sich neugierig um die im Hain agieren-
den Brüder; (vgl. über summoto HenzenS. 28);
ein Anteil des Volks an der Handlung fehlt
auch da, wo er am ehesten möglich war, bei
der Weihung und Darbringung der Ähren (vgl.
das Fest der Feronia). Die Arvalen waren
eben von jeher nur ein Privatklub gewesen; ihr
Fest war exklusiv vornehm und in der Kaiser-
zeit nichts mehr als ein religiöser Sport weni-
ger Aristokraten oder des Hofes. Trotzdem
mufs für den, der sich den Glanz der Ausstat-
tung vor Augen hält und unter den gekränz-
ten Brüdern mit Magister und Flamen den
Kaiser des römischen Weltreichs mit Konsula-
ren und Prinzen sich vergegenwärtigt, das fast
drollig Kleinliche des auf Marmor verewigten
Ceremonials ins Bedeutsame wachsen, und ihm
eröffnet sich ein enger, doch fesselnder Durch-
blick in das so stillos buntscheckige Leben
jener Zeit der kämpfenden Religionen , wo
975
Dea Mena
De'ianeira
976
neben völkerreichen, jungen, exotischen Kulten
das Altheiligste in lokalster Beschränktheit noch
ängstlich gehütet wird. Sicher darf angenom-
men werden, dafs uns nicht nur in der Tri-
pudation des Arvalliedes, sondern in allem dem,
was mit Ähren, Broden und Töpfen vorgeht,
Reste ältesten Brauches erhalten sind. Den
Brüdern selbst erschien freilich wichtiger als
sie das Salben und Kränzen „der Göttinnen“,
das sie in ihren Protokollen weit regelmäfsi- 10
ger verzeichnet haben.
Zum Schlufs sei hier der Text des Arval-
liedes angefügt (vgl. Hennen acta S. CCIV;
Facsimile bei Ritscht priscae lat. mon. 36) :
Enos lases iuväte
Neuei verve(r) Märmar sins incürrere in
pleores
Satür fü fere Mars, limen sali, sta berber
Semunis ältdrnei ädvocäpit conctos
Enös Marmor iuväto 20
Triumpe.
Die Lesung der zweiten Zeile ist, von der
Accentuation abgesehen, nach Bücheier ( Index
Schot. Bonn 1876 S. 3f.) gegeben. Jede der
Zeilen steht dreimal, das Triumpe fünfmal.
Bei diesen Wiederholungen fehlt es nicht an
Varianten. Interpretations versuche sind vor-
nehmlich von Marini a. a. 0. p. 600. Bergk,
Z. f. A.-W. 1856. S. 129. Mommsen, C. I. L. 1.
S. 9; vgl. Römische Gesch. I5. S. 225. Bücheier 30
a. a. 0. gegeben worden. Für die besonders
schwierige zweite und dritte Zeile hat keiner
derselben Sicheres geboten, daher neuerdings
versucht wird , durch Emendation mit den
Unverständlichkeiten aufzuräumen; so Jordan,
krit. Beitr. z. Gösch, der lat. Sprache S. 203 f. ;
vgl. auch Breal in Memoires de la soc. de lin-
guistique 4. S. 373 ff. M. Ring, Altlat. Stucl.
Prefsburg- Leipzig 1882. Eine Interpretation
vorzunehmen ist nicht dieses Ortes. [Birt.] 40
l)ea Mena, Göttin der Menstruation, Toch-
ter des Iuppiter (Zeus?), ursprünglich wohl
eine Göttin des Mondes (grjvrj): Aug. C. D. 7,
2 : Dea Mena, quae menstruis fluoribus praeest,
Iovis filia. [Roscher.]
Dea Muta. Die Verehrung der Dea Muta
oder Tacita soll zuerst von Nurna infolge sei-
nes Verkehrs mit Egeria und den Camenen
eingeführt worden sein, in deren Kreis auch
diese Göttin gehörte, Blut. Numa 8. Die spä- 50
tere Tradition (vgl. Lact. inst. div. 1, 20, 35)
identificierte diese Göttin mit Lara oder La-
runda, der Mutter der Laren, welcher bereits
T. Tatius einen Altar errichtet hatte ( Varro
l. I. 5, 74), und Ovid {fast. 2, 583 ff.) erzählt
uns eine hübsche Sage darüber , wie jene
Nymphe Mutter der Laren geworden sei. Iup-
piter liebt die spröde Iuturna, welche ihn
flieht; da überredet er die Nymphen Latiums
sie auf ihrer Flucht aufzuhalten. Eine der- 60
selben aber, Lara oder Lala, die Tochter des
Almo, verrät sowohl der Iuturna als der luno
den Anschlag. Erzürnt darüber raubt ihr Iup-
piter die Sprache und übergiebt sie dem Mer-
kur , um sie in die Unterwelt zu führen , wo
sie die Nymphe der inferna palus sein soll.
Unterwegs aber thut ihr Merkur Gewalt an,
und so wird sie Mutter der beiden Lares com-
pitales. — Man wird sich hüten müssen auf
diese Form der Sage, die ihre Entstehung
wohl mehr der dichterischen Phantasie Ovids,
der mit den Mythen frei genug schaltet, als
volkstümlicher Tradition verdankt, zu viel zu
bauen. Dafs wir aber in der Dea Muta eine
Gottheit der Unterwelt zu sehen haben, steht
nach ihrem Namen und nach der Rolle , die
sie in den Ceremonien der Zauberin bei Ovid
{fast. 2, 5710'.) spielt, aufser Zweifel.
[Wissowa.]
Dea Syria s. Astarte.
Becima s. Indigitamenta.
Deferuinla s. Indigitamenta.
De'ianeira {ArjidvsiQu) , 1) Tochter des Ne-
reus und der Doris , Apollod. 1,2,7. — 2)
Tochter des ätolischen Königs Oineus und der
Althaia in der Stadt Kalydon {Soph. Trach. 7
nennt Pleuron ihre Heimat) , Schwester des
Helden Meleagros, Apollod. 1, 8, 1 [vgl. C. I.
Gr. 8434 R.]. Statt des Oineus wird auch
Dionysos, der einst bei Oineus einkehrte
und ihm die Rebe schenkte , als Vater der
De'ianeira genannt , Apollod. a. a. 0. Hygin.
f. 129. Satyros b. Theophil, ad Autolyc. 2
p. 94 in Müller fr. hist. gr. 3 p. 164, 21.
Entsprechend dem Charakter der Krieg und
Jagd liebenden Aitoler, war sie ein kühnes,
mannhaftes Weib, Müller, Dorier 1, 417, Ger-
hard, Griech. Mythol. 2 § 848. Sie lernte in
ihrer Jugend die Lenkung des Streitwagens
und übte sich im Gebrauch der Waffen, Apol-
lod. 1, 8, 1. Als sie später mit ihrem Gatten
Herakles nach Trachis durch das Land der
Dryoper zog, und diese mit ihrem König Theio-
damas den Herakles anfielen, kämpfte De'ia-
neira kühn an seiner Seite und scheute die
Wunden nicht; sie ward in die Brust ver-
wundet, Scliol. Ap. Rh. i, 1212. — Nachdem
Meleagros (s. d.) ein unglückliches Ende genom-
men, wurden seine Schwestern (Polyzo, Autonoe,
Eurymede, Melanippe) in ihrer Trauer um den-
selben durch die Götter in Vögel (Perlhühner,
f Lslsaygiöig) verwandelt; aber De'ianeira und
Gorge (welche den Andraimon heiratete, Apol-
lod. 1,8, 1) behielten auf Verwenden des Dio-
nysos ihre menschliche Gestalt, Hygin /'. 174.
Apollod. 1, 8, 3. Ov. Met. 8, 532. Anton. Lib.
2. Schot. II. 9, 584. — Als Herakles in der
Unterwelt den Kerberos holte, traf er dort
den Meleagros, welcher ihn bat, er möge sich
mit seiner Schwester De'ianeira , die durch
seinen Tod verwaist sei, vermählen, und Hera-
kles ging sogleich nach Kalydon , wo er die
De'ianeira von dem Flufsgott Acheloos um-
worben fand. Er rang in heifsem Kampfe
dem Flufsgott die Jungfrau ab und heiratete
sie selbst, Pindar b. Schot. II. 21, 194. Über
diesen Kampf s. Acheloos und Herakles, Ar-
chilochos b. Schol. II. 21, 237. Soph. Trach.
9 ff. 502 ff. Strabo 10, 458. Apollod. 2, 7, 5.
Ovid. Met. 9, 5 ff Tzetz. Lyk. 50. 662. Paus.
6, 19, 9. Serv. Aen. 8, 30. Nach Kephalion
b. Malala p. 164. Müller fr. hist. gr. 3 p. 631
hatte Acheloos vor der Ehe De'ianeira heim-
lich geschwächt und darauf von Oineus die
Herrschaft gefordert. Als sie ihm verweigert
wurde, bekriegte er den Oineus; dieser rief dann
Mi|
W
sta
: :
ifi
h I
efe
iF.
Mic
hM
A
ü
irSSO
:> :
I. i
' iii
V,
Sil
101
J:
-r
M
b
\.
i. s
“Ü?
-Sr!
V
1
%
977
De'ianeira
Deirna
978
den Herakles zu Hilfe, indem er ihm die Hand
der De'ianeira versprach. Die Vermählung des
Herakles mit der Aitolierin De'ianeira zeigt
den Bund an , in welchen die ätolische und
dorische Völkerschaft vor dem Einfall in den
i Peloponnes traten, Müller, Dorier 1, 417. —
Herakles blieb nach der Vermählung mitDe'ia-
Durch Hyllos ward sie die Stamm-Mutter der l
dorischen Herakliden, Diod. 4, 34. Apollod.
2, 7, 7. Hygin. f. 162. Tzetz. Lylc. 804. Sa-
tyros b. Theophil, ad Autol. a. a. 0. Phlegon
\ Trallian. fr. 4 b. Müller fr. hist. gr. 3 p. 603.
De'ianeira, dem aus dem Krieg gegen das thes-
: protische Ephyra nach Kalydon zuriickkehren-
den Herakles den kleinen Hyllos entgegen-
reichend, auf einem Vasenbild bei Gerhard,
A. V. t. 116 [vgl. C. I. Gr. 7603 R.]. Eine
ähnliche Darstellung zeigt eine Neapler Vase, 2
Archäol. Ztg. 1867. t. 218. Vergl. R. Ke-
i lade ebd. 1866, 259ff. Jüngere Kinder des
Herakles und der De'ianeira waren Ivtesip-
pos, Glenos (Gleneus, Diod), Oneites (Ho-
Idites, Diod.) und Makaria, Apollod. 2, 7, 8.
Diod. 4, 37. Paus. 1, 32, 5. — Als Herakles
nach der Tötung des Eunomos von Kalydon
i nach Trachis zog, begleitete ihn De'ianeira mit
dem kleinen Hyllos. Über das Abenteuer mit
Nessos auf diesem Wege und den von Deia- 3
neira durch das vergiftete Blut des Nessos
unfreiwillig herbeigeführten Tod des Hera-
kles s. Nessos und Herakles [vergl. C. I.
1| Gr. 7603 — 6 R.J. Als De'ianeira erkannte,
welches Unheil sie angerichtet, tötete sie sich
‘selbst, Soph. Trach. Apollod. 2 , 7, 6. 7. Hy-
\gin. f. 34. 36. 240. 243, Diod. 4, 36 ff. Strabo
8, 381. 10, 451. Tzetz. Lyk. 50. Ov. Met.
9, lOlff. Schol. II. 2, 527. Schol, Ap. Rh.
1, 1212. Das Grab der De'ianeira befand sich 4
in der Nähe von Herakleia am Oite (Trachis);
doch behaupteten die Argiver fälschlich, dafs
: ;j jin ihrer Stadt De'ianeira begraben sei, Paus. 2,
32,5; vgl. Curtius, Peloponnesos 2, 361. Bur-
\iian, Geogr. v. Gr. 2, 56. Da die Ptolemäer
n Ägypten behaupteten von den dorischen
Herakliden und also von De'ianeira abzustam-
inen, so war in Alexandria ein Demos Arya-
’siqis genannt ; ein andrer hiefs nach ihrer
flutter Satyros b. Theopliil. ad Autol, 5
]!, 94. — 3) Nach Hygin. f. 31 und 33 ist Deia-
jieira Tochter des Dexamenos (s. d.), Königs von
llenos, und er erzählt in /’. 33, dafs Herakles,
bis er zu Dexamenos als Gast gekommen, mit
essen Tochter Umgang gepflogen und ver-
prochen habe, sie zu heiraten. Nachdem
(erakles sich entfernt, forderte auch der Ken-
aur Eurytion die De'ianeira zum Weibe, und
dexamenos sagte sie ihm aus Furcht zu. Am
Hochzeitstage, wo Eurytion mit seinen Brii- 6
em erschienen ist , kommt Herakles dazwi-
chen, tötet den Eurytion und führt seine Ver-
übte heim. Vergl. Apollod. 2, 5, 5, wo die
ochter des Dexamenos Mnesimache heifst.
Hod. 4, 33 nennt sie Hippolyte und läfst auf
- eren Hochzeit mit Azan den Eurytion von Hera-
Jes erschlagen werden. Dexamenos(s. d.),„der
istlich Aufnehmende“, ist ursprünglich iden-
tisch mit dem gastlichen Oineus, der von
Atolien nach dem gegenüberliegenden Olenos
versetzt worden ist, Preller, Gr. Myth. 2, 245.
Müller, Dorier 1,417. Curtius Peloponnesos 1,
430. Stephani, compt.-rend. 1865,103. 0. Schnei-
der zu Kallim. h. in Del. 102. Mehrere Vasen-
bilder (vgl. unt. S. 999 f.) werden auf jenes
Abenteuer bezogen, Stephani a. a. 0. 106 ff.
[Stoll.] — 4) Amazone, Gegnerin von Herakles,
Diod. 4, 16. [Kliigmann.] — 5) Von Pelasgos
Mutter des arkadischen Königs Lykaon, Phere-
kydes b. Dion. Hai. Archaeol. 1, 13. [Stoll.]
De'fdameia (ArySüysi a), 1) Tochter des Bel-
lerophontes, heiratete den Euandros, König in
Lykien, einen Sohn des aus Kreta eingewan-
derten Sarpedon, eines Bruders des Minos. Sie
gebar dem Euandros den Sarpedon, der vor
Troja kämpfte, Diod. 5, 79. Bei Hom. II, 6,
197 heifst sie Laodameia. — 2) Gemahlin des
Peirithoos (s. d.), gewöhnlich Hippodameia ge-
nannt, Plut. Thes. 30. — 3) Tochter des Lyko-
medes, Königs auf Skyros; gebar dem Achil-
leus den Neoptolemos; s. Achilleus, Apollod. 3,
13, 8. Bion 15, 9. Quint. Smyrn. 7, 228 ff.
Schol. II. 19, 326. Hygin. f. 97. 122. Sero.
Aen. 2, 263. 477. Ptolem. Heph. 3. Tryphiod. 52.
Tzetz. Posthorn. 638. Tzetz. Lyk. 53. 185. —
4) Tochter des Perieres, Gemahlin des ätoli-
schen Königs Thestios, Mutter der Leda und
Althaia. Nach Plierekydes hiefs sie Laophonte,
Schol. Ap. Rh. 1, 146'. 201. [Stoll.]
De'ikoon (Arynocov), 1) Sohn des Herakles
und der Megara , mit dieser und seinen Brü-
dern von Herakles im Wahnsinn erschlagen,
Apollod. 2, 4, 11 u. 12. 7, 8. Schol. Od. 11,
269. Schol, Pind. Istlim. 4, 104. Hygin. f. 31.
32. S. Demokoon. — 2) Sohn des Pergasos, ein
troischerHeld, Freund des Aineias,von Agamem-
non getötet, II. 5, 534. Tzetz. Hom. 79. [Stoll.]
Be'ileon (AryUcov), 1) Sohn des Deimachos
(s. d.), aus Trikka, begleitet mit seinen Brüdern
Autolykos und Plilogios den Herakles gegen
die Amazonen, bleibt zurück und schliefst sich
den Argonauten bei Sinope an, Ap. Rhod. 2,
955 ff. Val. Flacc. 5, 115. Bei Plut. Luc. 23
heifst er Demoleon, ebenso bei Hygin. f. 14
als Sohn des Phrixos. [Seeliger.] — 2) Ein
Krieger des Epeios, vor Troja von Aineias ge-
tötet, Quint. Smyrn. 10, 110. [Stoll.]
Deiloclios (AryXoxog), ein thebanischer Krie-
ger zur Zeit des Zuges der Sieben gegen
Theben, von Tydeus erlegt, Stat. Theb. 8,
698. [Stoll.]
Dei'lyke {Arfi\vy.rf), Amazone in der Hera-
kleischen Sage, Schol. Ap. Rhod. 2, 777. Pott ,
Zeitschrift f. vergl, Sprachf. 8. S. 427: „gegen
Feinde eine Wölfin“. [Kliigmann.]
Beiina (Asiyu), Personifikation der Furcht
und des Schreckens. Zu Korinth stand an dem
Grabe der Kinder der Medeia noch bis zu den
Zeiten des Pausanias ein weibliches Bild der-
selben , eine äufserst schreckliche Gestalt, der
Sühne jener Kinder errichtet. Da nämlich die
Korinthier die Kinder der Medeia gewaltsam
und ungerechter Weise getötet, kam ein Ster-
ben über ihre eigenen Kinder, das erst auf-
hörte, nachdem sie auf den Rath des delphi-
schen Gottes jenes Bildes errichtet und den
Deimachos
979
Ermordeten jährliche Opfer eingesetzt hat-
ten, Paus. 2, 3, 6. Vgl. Schol. Eurip. Med.
276. S. auch Deimos. [Stoll.]
De'imachos (Ar]iya%o$), 1) Sohn des Neleus,
von Herakles getötet, Apollod. 1, 9, 9. Schol.
Ap. Ph. 1, 152. Der Scholiast zu II. 11, 691
hat dafür AvGi'yci%og. — 2) Vater der Enarete,
der Gemahlin des Aiolos, Apollod. 1, 7, 3. —
8) Ein Thessaler aus Trikka, dessen drei Söhne
Deileon, Autolykos und Phlogios den Herakles
auf seinem Zuge zu den Amazonen begleitet
und, nachdem sie von Herakles abgekommen,
sich am Halys niedergelassen hatten. Die vor-
beifahrenden Argonauten nahmen sie mit sich,
Ap. lih. 2, 955 ff. Valer. Flacc. 5, 115. Flut.
Lucull. 23. — 4) Sohn des Eleon, begleitete
den Herakles auf seinem Zuge nach Troja,
wo er seinen Tod fand, Plut. Qu. gr. 41. Vgl.
Glaukia. [Stoll.]
Deimas (Aiiyag) , Sohn des Dardanos und
der Chryse in Arkadien , wo er hei der Aus-
wanderung seines Geschlechtes mit einem Teil
der Bevölkerung zurückblieb, Dionys. Halle.
1, 61; s. Dardanos. Gerhard, Gr. Mythol. 2.
§ 880. [Stoll.]
Deimos (Astgog) , in der Regel mit Phobos
($>6ßog) verbunden, Pallor und Pavor, beide
Personifikationen der Furcht und des Schreckens,
Diener und Begleiter des Ares, II. 4, 440. 11,
35. 15, 119. Hes. Thcog. 934. Scut. 195. 463.
Quint. Smyrn. 5, 29. 10, 57. 11, 13. Nägels-
hach, Hom. Theolog. S. 89. In der Ilias (13,
299) ist Phobos Sohn des Ares , und ebenso
wohl auch Deimos. Bei Hesiod ( Theog . 934)
sind beide Söhne des Ares und der Aphrodite.
Vgl. Schol. II. 4, 439f. Antimachos (Schol. II.
4, 439. fr. 45 Stoll) sah beide irrtümlich für
die Rosse des Ares an, verleitet durch II. 15,
119. S. Ares. Panofka, hyperbol.-röm. Stud.
1, 245 ff. 0. Müller, Handbuch d. Archäologie
§ 406, 2. S. auch Deima. [Stoll.]
Deino (Asivw, von Ssivog), Harne der drit-
ten Graia bei Apollod. 2,4, 2, 3. Vgl. H. D.
Müller, cAres’ S. 75 und den Artikel Graien.
[Crusius.]
Deinomaclie (Asi voya%ri), Amazone auf einer
Vase aus Nola, Panofka, Cab. Pourtales pl. 35,
wo sie Theseus’ Gegnerin Hippolyte zu Hilfe
kommt. [Klügmann.]
Dei'nome (Agivögrj) , eine gefangene Troe-
rin auf dem Gemälde des Polygnotos in der
Lesche zu Delphi , deren Name auch in der
kleinen Ilias des Lesches vorkam, Paus. 10,
26, 1. [Stoll.]
Deiochos (Ayioxog), 1) ein Grieche vor Troja,
von Paris mit dem Pfeil erlegt, II. 15, 341.
— 2) Ein Trojaner, von dem Telamonier Aias
erlegt. Quint. Sm. 1 , 529. [Stoll.]
DeToleon (Agiolemv) , ein Freund des Kad-
mos, zugleich mit Seriphos von dem Aresdra-
chen getötet, weshalb Kadmos diesen erschlug,
Tzetz. Lylc. 1206. [Stoll.]
Deion (Ary'cov), 1) Sohn des Aiolos und der
Enarete, einer Tochter des Deimachos, Bruder
des Kretheus, Sisyphos, Athamas, Salmoneus,
Magnes , Perieres , König in Phokis. Er hei-
ratete Diomede , die Tochter des Xuthos und
zeugte mit ihr die Asteropeia (Asterodia, Schol.
io
20
30
io
50
60
Deipatyros 980
II. 2, 520), den Ainetos, Aktor, Phylakos und
Kephalos, der später in Attika einwanderte,
Apollod. 1, 7, 3. 9,4. 3, 15, 1. Hesiod bei
Schol. Arnbr. Od. 11,325 (fr. 162 Lehrs). Phot.
Lex. TsvfirjOi’a. Pausan. 1, 37, 4. 10, 29, 3.
Hygin. f. 48. 189. 241. 270. 273. Schol. II. 2,
631. 695. Nach Pherekyd. b. Schol. Od. 19,
432 war Philonis, mit welcher Apollon den
Philammon und Hermes den Autolykos zeugte,
eine Tochter des De'ion. Derselbe bei Schol.
Od. 11 , 321 nennt den Vater des Kephalos
Dei'oneus (vgl. Schol. Od. 11, 290. 326), ebenso :
Hellanikos b. Schol. Eurip. Orest. 1648. Apol-
lod. 2, 4, 6. Strab. 10, 452. 456. 459. Schol.
Ap. Eli. 1, 121. Gerhard, Gr. Myth, 2. § 653.
— 2) Sohn des Eurytos und der Antiope,
Hesiod,. b. Schol. Soph. Tracli. 263 (fr. 45 Lehrs).
Bei Plut. Thes. 8 heifst er Deioneus. — 8)
Sohn des Herakles und der Megara, Apollod.
2, 7 , 8 , wo jedoch der Name Ayicov in man-
chen Handschriften fehlt; auch wird er von
Apollod. 2, 4, 11 unter den Söhnen der Me-
gara nicht genannt. Die Zahl und die Namen
derselben werden sehr verschieden angege-
ben, s. Schol. Pind. Isthm. 4, 104, wo nur
von Deinias aus Argos auch Deion erwähnt
wird. [Stoll.]
Deione (Aguiivg), 1) von Apollon Mutter
des Miletos, Ov. Met. 9, 443. — 2) Die Toch-
ter der Deo (= Demeter), d. i. Persephone,
Kallim. (fr. 48 Blomf.) bei Schol. Pind. Nem.
1, 3. Doch wird hier zu schreiben sein: Arjco-
ivrj. [Stoll.]
Deioneus ( Aryovsv g), 1) s. Deion N. 1 u. 2. —
2) Vater der Dia, der Gemahlin des Ixion (s. d.)
Hygin. f. 155. Als er von diesem die Braut
gaben für die Tochter einforderte, wurde eil i
hinterlistiger Weise von ihm in eine mit feu
rigen Kohlen gefüllte Grube gestürzt und ver
brannt, Schol. II. 1, 268. Schol. Pind. Pyth
2, 39. Preller, Gr. Mythol. 2, 12. Gerhard .
Griech. Mythol. 2. §. 670. S. Ixion. — 2) Eil
Trojaner, von Pliiloktetes erlegt, Quint. Sin 4
10, 167. [Stoll.]
De'iope (Agiong), Tochter des Triptolemos! II
Mutter des Eumolpos, nach andern die Mut ] I
ter des Triptolemos, Schol. Soph. Oed. C. 1101
Paus. 1, 14, 2. Aristot. Mirab. 143. 291. Pho.
s. v. Eviiolnog. Preller , Gr. Myth. 2, 492 j 1
Demeter u. Pers. 106. [Stoll.]
Del'opeia (Agionsia) , 1) eine Nymphe i .:
der Umgebung der Kyrene, Verg. Ge. 4, 341 1
von Hera dem Aiolos zur Ehe versprochei
Verg. Aen. 1, 72. — 2) Eine Nereide, Hygii I
praef. [Stoll.]
De'iopliontes (Agiocpovrgg , der den Fein
Tötende), Name eines Trojaners bei Quin i
Smyrn. 8, 317. [Steuding.]
De'iopites (Arpomhyg, auch Arpontgg), ei
Sohn des Priamos, in der Schlacht von Ody
seus verwundet (oder getötet?), II. 11, 42 1
Apollod. 3 , 12 , 5. Hygin. f. 90. Bei Quin
Smyrn. 13 , 212 wird ein Trojaner Deiopiti
von Meges getötet. [Vergl. C. I. Gr. 61261
R.]. [Stoll.]
Deipatyros (Asindrvgog) debgnuQci (2) Tv\
cpuioig. Hesych., G. Curtius und Preller ve
gleichen Diespiter. [Steuding.]
!>-
I
981 Detphilos
l)e'iphilos s. De'ipylos 3.
Deiphobe (Jgiq>6ßg), bei Verg. Aen. 6, 36
(Sen.) der Name der cumanisclien Sibylle,
einer Tochter des weissagerischen Glaukos.
Über sie und ihren Aufenthalt berichtet Verg.
Aen. 3, 441 ff. u. 6, 10 ff. S. Sibylla. [Stoib]
Dei'phobos (Jglcpoßo?, G. Curtius, Grundz.
520), 1) einer der troischen Corpsführer, 11.
12, 94; in der Epinausimaclie 13, 402 — 539
(nebst Hyg. f. 113. 115); Sohn des Priamos i
und derHekabe (so auch Apollod. 3, 12, 5, 7.
Hyg. f. 89); dem Hektor der liebste unter den
Brüdern 22, 233; begleitet die Helena [als
ihr Gemahl] zum hölzernen Pferd, Od. 4, 276;
bei der Zerstörung Ilions geht Odysseus mit
Menelaos zum Haus des Deiphobos [um He-
lena aufzusuchen] und siegt nach schwerem
Kampf 8, 517. Robert, Bild u. Lied 70. Arch.
Ztg. 40, 44 f. ; sein Haus zerstört, Sero. Aen.
2, 310. Deiphobos als Gemahl der Helena 2
nach Paris’ T od, auch nach Lesches, Ilias mikra b.
Procl. Eur. Pro. 954 (ßicc)). Dictys 1, 10. 4, 22.
Tzetz. Lylc. 168 und Schol. II. 24, 251 (durch
Priamos’ Zuteilung); Sero. Aen. 2, 166. Con.
34. Sein Tod durch Menelaos, Ilyg. f. 113.
Quint. Smyrn. 13, 354ff. Dictys 5, 12. Eust.
894, 24 (sein unbestatteter Leichnam in die
Pflanze Akephalon verwandelt); Helena leitet
den Menelaos dazu an, Aen. 6, 494—547. Hyg. f.
240, Tumulus von Äneas errichtet, Aen. 6, 505. 3
Deiphobos fällt in der Schlacht durch Palame-
des , Daves 28. — Deiphobos bei Paris’ (s. d.)
Erkennung: im Agon beteiligt, Hyg. f. 273;
von Paris besiegt, Ov. Her. 15, 359; zückt ge-
gen Paris das Schwert , worauf dieser auf
den Altar flüchtet und Kassandra ihn erkennt,
Hyg. f. 91. Overbeck Gail. 258. Brunn, Urne
1,4. Zu Pferd bei Hektors Abschied, Vasenbild
aus Caere, C. I. Gr. 7379. Bei Tro'ilos’ Tod,
Vasenbild C. I. Gr. 7675. Overb. Gail. 15, 12. 4
Gerhard, A. V.-B. 3, 223. In einem Gemälde
Aristophons: Deiphobos mit Helena bei Odys-
seus vor Priamos, Plin. 35, 138. O. Jahn,
' Arch. Ztg. 1847 , 127. Aias gegen Deiphobos
beim Zweikampf des Achill und Memnon, in
J Lykios’ Gruppe zu Olympia, Baus. 5, 22, 2.
Achill in der Verfolgung der Polyxena von
Paris und Deiphobos getötet, Hyg. f. 110. —
Deiphobos der Heros fragl. in der Inschrift
; C. I. Gr. 3614b. S. auch Deithynos. — 2) 5'
Deiphobos von Amyklai, Hipp olytos’ Sohn;
zu ihm kommt Herakles nach dem Mord des
Iphitos und wird von ihm gereinigt, Apollod.
2, 6, 2. Diod. 4, 31. Eudocia p. 306 (De'ipho-
! bos König der Arkader). Tzetzes hist. 2, 425.
C. I. Gr. 5984 B, 40 u. O. Jahn, Bilderchro-
niken 70. [v. Sybel.]
De’iphontes (Argcpovvgs), Sohn des Herakli-
! den Antimachos (Herakles — Ktesippos —
Thrasyanor — Antimachos), heiratete des He- 6'
rakliden Temenos Tochter Hyrnetho (s. d.;
j nach Steph. Byz. s. v. TgvGhnv Ilyrnitho), mit
der er den Antimenes , Xanthippos , Argeios
und die Orsobia , die spätere Gemahlin
des Pamphylos , eines Sohnes des Aigimios,
zeugte, Paus. 2, 19, 1. 28, 3. Nicol. Da-
'■ masc. b. Müller , fr. hist. gr. 3 p. 376, 38.
Sohn des Temenos nennt ihn Shymn. Ch. 5,
De'iphontes 982
33. Als Temenos nach der Eroberung des
Peloponnes durch das Los Argos als seinen
Anteil erhalten hatte, wandte er, seine Söhne
(deren Namen sehr verschieden) vernachlässi-
gend, alle Gunst der Tochter und ihrem Ge-
mahl De'iphontes zu und gebrauchte diesen zu
allen wichtigen Geschäften, so dafs die Söhne
sich gekränkt fühlten und befürchteten , er
werde den De'iphontes zu seinem Nachfolger
machen. Deshalb dangen sie, mit Ausnahme
des jüngsten (Agaios , Aigaios, Agraios, Ar-
geios, Agelaos, s. Curtius , Peloponnesos 2, 575),
Mörder gegen den Vater. Diese überfielen und
verwundeten den Temenos , während er im
Flusse badete, liefsen ihn aher, da Lärm ent-
stand, noch lebend zurück. Temenos wurde
ins Lager getragen und übergab, ehe er starb,
die Herrschaft der Hyrnetho und dem De'i-
phontes. Die Söhne des Temenos wurden, als
ihr Verbrechen bekannt geworden , verjagt,
gaben aber ihre Hoffnung auf die Herrschaft
nicht auf. Deshalb veranlafste De'iphontes zu-
nächst durch heimliche Gesandtschaften die
Troizenier, Asinäer, Hermioneer und alle dort
wohnenden Dryoper, dafs sie von den Argi-
vern abfielen, Nicol, Damasc. a. a. O. Apol-
lod. 2, 8, 5. Diod. in exc. de insid. b. Müller,
fr. hist. gr. 2. p. 8. fr. 4. Paus. 2, 19, 1.
Pausanias sagt am Ende kurz, dafs Keisos, der
älteste Sohn des Temenos, die Herrschaft von
Argos erhielt. Ephoros, die Quelle für obige
Erzählung, gab an, dafs De'iphontes und Ai-
gaios (der jüngste Sohn des Temenos, der von
der Sage als Freund des De'iphontes und sei-
ner Schwester Hyrnetho bezeichnet wird) die
sog. Akte, die Attika gegenüberliegende Nord-
küste von Argolis , besetzt hatten , Strabo 8
p. 389, und zwar bemächtigte sich De'iphontes
der Stadt Epidauros, welche ihm der König
Pityreus, ein Abkömmling des Ion, gutwillig
abtrat, indem er nach Athen hinüberzog. Del-
phontes und diejenigen Argiver, welche aus
Hafs gegen Keisos und seine Brüder ihm nach
Epidauros gefolgt waren, sagten sich von den
übrigen Argivern los, Paus. 2, 26, 2. Skymn.
Ch. 533. Aigaios liefs sich in Troizen nieder,
Müller, Dorier 1, 81. Curtius, Peloponnesos 2,
426 — Während De'iphontes mit Hyrnetho in
Epidauros wohnte , unternahmen es seine
Schwäger Kerynes und Phalkes, ihm seine Gat-
tin nach Argos zu entführen. Sie liefsen die
Schwester vor die Mauern rufen, wo sie mit
ihrem Wagen Halt gemacht, und da sie nicht
gutwillig folgte , fiihrteu sie sie mit Gewalt
auf ihrem Wagen fort. De'iphontes verfolgte
sie und tötete den Kerynes durch einen Speer-
wurf; da aber Phalkes die Hyrnetho umschlun-
gen hielt, wagte er nicht den Speer zu wer-
fen und rang mit ihm. Hierbei wurde Hyr-
netho, die gerade schwanger war, von ihrem
Bruder getötet. Phalkes entrann, De'iphontes
aber und die Epidaurier begruben die Leiche
der Hyrnetho an einer Stelle, die nach ihr
Hyrnethion genannt ward, im Schatten wilder
Ölbäume und errichteten ihr ein Heroon. Das
umgebende Gehölz war ihr heilig und durfte
nicht geschädigt werden, Paus. 2, 28, 3. Cur-
tius, Peloponnesos 2, 425. Auch in Argos, wo
983 Deipneus
es wie in Epiclauros eine nichtdorische Phyle
Hyrnethia gab [Müller , Dorier 2, 77), hatte
man ein Grab der Hyrnetho, Paus. 2, 23, 3.
Bursian, Geogr. v. Griechen 1. 2, 56. Curtius
a. a. 0. 2, 361. Das unglückliche Schicksal
der Hyrnetho war Gegenstand der euripideischen
Tragödie Temenos, Welcher, Gr. Trag. 2, 697.
Nauck, trag graec. fr. p. 465. [Stoll.]
Deipnens (Asinvsvg) , ein Heros des Gast-
mahls, in Achaia verehrt, Athen. 2. p. 39c.
Ygl. Daitas, Daiton, Matton. [Stoll.]
Deipyle [Aginvlg), Tochter des Adrastos in
Argos und der Amphithea, Apollod. 1, 9, 13.
Adrastos vermählte sie mit Tydeus, dem sie
den Diomedes gebar , Apollod. 1 , 8, 5. Diod.
4, 65. Schol. Eurip. Plxoen. 410. Schol. II. 4,
376. Ilygin. f. 69. 97. 175. Serv. Verg. Aen.
1, 95. Preller, Gr. Myth. 2, 353. [Stoll.]
Deipylos [Aginvlog), 1) ein Freund und Ge-
nosse des Sthenelos vor Troja, II. 5, 325. — 21
2) Sohn des Iason und der Idypsipyle, Bruder
des Euneos, Ilygin. f. 15. 273. ■ — 3) Sohn des
thrakischen Königs Polymestor und der Ilione,
der ältesten Tochter des Priamos. Die Eltern
der Ilione hatten dieser ihren Sohn Polydoros
bald nach seiner Geburt zur Erziehung über-
geben, und Ilione hatte ihn heimlich mit ihrem
Sohne Deipylos (so zu schreiben für Deiphilos)
vertauscht, so dafs sie ihren Sohn Deipylos
für den Bruder Polydoros ausgab und umge- 3'
kehrt, damit, wenn der eine sterben sollte,
der andre immer den Vorzug hätte , dem
Königshause anzugehören. Als nun nach der
Zerstörung von Troja Agamemnon dem Poly-
mestor seine Tochter Elektra zur Ehe und
viel Gold versprach, wenn er den Polydoros
tötete, ermordete Polymestor seinen eigenen
Sohn Deipylos, im Glauben, den Polydor zu
töten. Dem Polydoros eröffnete Ilione den
wahren Sachverhalt, und auf seinen Rat bien- 4
dete und tötete sie den Polymestor, Ilygin , f.
109. Dies war der Inhalt einer nach griechi-
schem Muster gedichteten Tragödie Iliona des
Pacuvius , Welcher , Gr. Trag. 3. S. 1150 — 1156.
Bibbech, trag. la.t. rell. p. 83. 292. — 4) Ein
Epigramm Aristot. Pepl. 40 ( Bcrgk , lyr. Gr.2)
mit der Überschrift sni Agmvlov, beginnend
mit dem Worte Aymvlov und endend mit
ysivazo (?) Thqnolsgog , leidet an manchen
kritischen Bedenken, so dafs wir eine Bestim- 5
mung der Person nicht wohl wagen kön-
nen. [Stoll.]
üei'pyros (AyinvQog), ein griechischer Füh-
rer vor Troja, von Helenos getötet, II. 9, 83.
13, 92. 478. 576. Nach dem Schol z. II. 13, 92
war er ein Pylier, oder ein Bruder des Merio-
nes. [Stoll.]
Deirades (Asigadg g) , ein alter Heros, nach
welchem der Demos AsiqÜSs g in der attischen
Phyle Asovzig benannt sein sollte, Steph. Byz. 6
s. v. AsiqdSsg. [Stoll.]
Deii’ona, Dirona, eine celtische Göttin auf
Inschriften aus Lothringen (S. Nabor), Orelli
1987 : Deae Deironae Major Magiati ftlius v. s.
I. m. und aus Trier, Uenzen 5890: Deae. Di-
rona(e ) L. Lucanius. Censor(i)nu(s). sigillum
d. ( d ). Oberlin, Plus. Schoepflin. 1, 2 setzt sie
der Sirona gleich , die auch auf einigen In-
Delos 984
Schriften dieser Gegend (Oppenheim, Hocken-
heim) erwähnt wird. Über die Umwandlung
des d in z (u. s) siehe Zeufs , qr. G. p. 142 ff.
[Steuding.]
Deisenor (AsioqvcoQ) , ein Lykier unter den
Bundesgenossen der Troer, JZ. 17, 217. [Stoll.]
Dei'tliynos (AqtAvvog) , anderer Name des
Deiphobos auf der Münchener Troilosvase:
O. Jahn, Vasensammlung K. Ludwigs Nr. 124.
Gerhard, Auserles. V.-B. Taf. 223. Overbeck,
Bildw. d.theb.u.tro. Heldenhr. Taf. 15. Fig. 12.
Vgl. über diesen Namen Boscher im Bh. Mus.
1869 S. 618. C. I. Gr. 7675. [Roscher.]
Dekelos (Asnslog), Heros epon. vonDekeleia.
Er soll den Dioskuren (s. d.) mitgeteilt haben,
wo ihre von Theseus geraubte Schwester Helena
verborgen gehalten werde, und sie dann selbst
nach Aphidnai geführt haben ( Herodot . 9, 73.
Steph. Byz. s. v. Asualsiu). Die spätere (?) Sage
erzählt dasselbe von Akademos (s. d.). [Steuding.]
Delephat (Atltqnxz) o zrjg ’AcpQodizgg aozrjg,
vn'o XccldcJiov. Hesych. S.Belebatos. [Steuding.]
Deliades (Aqhddqg) , Sohn des Glaukos,
Bruder des Bellerophon, den dieser wider Wil-
len tötete. Nach andern hiefs der Bruder des
Bellerophon, dessen Ermordung ihn zur Flucht
zwang, Peiren oder Alkimenes, Apollod. 2, 3, 1.
Tzetz. Lyh. 17. S. Bellerophontes. [Stoll.]
Delos (Aglog) , 1) die Personifikation der
Insel Delos, der Geburts- und weitberühmten
Ivultusstä.tte des Apollon. Sie tritt als solche
redend und handelnd besonders in dem Mythus
von der Geburt des Apollon auf. In Hom.
Hymn. in Ap. Del. 49 ff. läfst sich die Ver-
treterin der kleinen öden Insel von der um-
herirrenden, mit Apollon schwanger gehenden
Leto erst zuschwören, dafs ihr Sohn sie nicht
wieder verlassen oder gar ins Meer hinaus-
stofsen werde, und bietet ihr dann eine Stätte
zur Geburt des gewaltigen Gottes; Apollon
aber liebte und ehrte die durch seinen Kultus
beglückte Insel seiner Geburt vor allen Lan-
den. Später, und zwar zuerst bei Pindar , fin-
det sich die Sage, dafs vor der Geburt des
Apollon die unfruchtbare Insel unstät im Meere
umherschwamm, dann aber, als Leto sie be-
trat, vier ragende Säulen sie im Meeresgründe
befestigten , einen weitstrahlenden Stern der
dunklen Erde, Pind. fr. 64. 65 Bergh. Vergl.
[Verg. Aen. 3, 75. Servius z. d. St. und die
von Farbiger gesammelten Belege. Roscher.]
Gallim. II. in Del. 35 ff, wo sie die kovqozqo-
cpog (V. 2) des Apollon heifst, den sie nach
seiner Geburt an die Brust nahm und nährte
(V. 264ff). Seit der Geburt des Apollon (und
der Artemis) hatte die Insel den Namen Delos,
ori HSUQvyysvyv avzgv iv zy Aalocooy Zsvg
Sglgv snoigasv, ozi ccdqlov sqqi£cq&i], wäh-
rend sie früher Asteria und Ortygia geheifsen
hatte , Et. AI. s. v. Aqlog. Schol. II. 1,9;
vergl. Schol. Ap. Bhod. 1, 308. Aristoteles bei
Plin. N. H. 4, 12. Eustatli. Dion. Per. 525.
Asteria, die Tochter des Koios, eine Schwester
der Leto, war, von Zeus in eine Wachtel ( og -
zv£,) verwandelt und ins Meer gestürzt, zur
Insel Asteria oder Ortygia geworden, s. Aste-
ria und Ortygia, Preller, Gr Myth. 1, 191.
238. — [2) Bakche auf einer Trinkschale in
flü
j
T
it
i
i
J. .
;
jj hü
j]
: ia
; ii
" — !
• Air
h
’rt i.
U.
fl.
fl.ll
, fl.
:
IM
h;:,
lir, ,
-.JA.
•".}(
fl::
Sr ’
-in
, hi
Ali.
3.28,
• f
%,
Sit,.
P
4.
►''i
u
all
985 Delphin
der Sammlung Dzialinsky : Heydemann , Satyr-
und Bakchennamen S. 32 u. 39. R.]. [Stoll.]
Delphin s. Sternbilder.
Delphos (AeXcpog), der Heros eponymos von
Delphi. Nach Aeschyl. JEum. 16 war er König
im delphischen Lande , als Apollon dorthin
kam , von dem Orakel Besitz zu nehmen. Er
hatte eine eherne Bildsäule 60 Stadien von
Delphi am Wege nach den Höhen des Par-
nafs, Paus. 10, 32, 2. Nach Plin. 7, 57 war
er der Erfinder der Haruspicin. Er galt fin-
den Sohn 1) des Poseidon und der Melantho
, (Melaina) , der Tochter des Deukalion , die
: von dem Gotte in Gestalt eines Delphins
berückt ward , Tzetz. Lylc. 208. Ovid. Met.
6, 120 mit d, Erklärern. Epaphrod. bei Schol.
\ Aesch. Eum. 2. Pindorf p. 519. — 2) Sohn
; des Apollon von Kelaino , einer Tochter
i des Hyamos , oder von Thyia , Tochter des
Kastalios, oder von Melaina, Tochter des
i Kephisos, Paus. 10, 6, 2. Hyg. f. 161. [Vgl.
A. Mommsen , Delphika 10. Roscher.] Bei
i Schot. Eurip. Or. 1087 heilst Melanis, die
Mutter des Delphos, eine Tochter des Hyamos
und der Melantheia, einer Tochter des Deuka-
lion. Nach einem Sohn des Delphos , dem
: König Pythes, oder nach einer Tochter des
; Delphos Pythis erhielt Delphi den Namen
Pytho, Paus. 10, 6, 3. Schot. Ap. Rh. 4, 1405.
Panofka, Delphi u. Melaina 1851. S. 6. Ger-
i j hard, Griech. Myth. 2. § 709. [A. Mommsen
; a. a. O.]. — 3) Nach den Schot. Veronens. zu
Verg. Aen. 4, 146 ( Servius ed. Lion 2. p. 316)
war Delphos Führer der Kreter, die nach Pho-
, kis kamen und nach ihm sich Delpher nann-
ten. [Stoll.]
Dclpliyiie, 1) y AsXtpvvy, AsXcptvy, AeXcpcvu
\ (dgccxcava) , oder ö AsXxpvvyg, AeXcptvyg, AsX-
yiv, JsXcpig (äguxcov), ein andrer Name des
delphischen Drachen Python, der, an der Quelle
AsXcpovooa gelagert , das alte Erdorakel be-
wachte und von Apollon (s. d.) getötet ward.
Der Name in seinen verschiedenen Formen
i kommt erst seit den Alexandrinern vor, Ap. Rh.
2, 706 und Schot, und daselbst Kallimachos.
Schot. Eurip. Phoen. 232. 233, Nonn. Dionys.
13,28. Dion. Per. 441. Tzetz. Lylc. 208. Suid.
Jiu. Stepli. Byz. s. v. AsXcpoi. Et. M. s. v. 'Ex y-
ßoXo g. 0. Mittler ( Eumeniden S. 140. 142) hält
den Namen für uralt, aus alter Sage oder
Kultuspoesie von alexandrinisehen Gelehrten-
dichtern wieder hervorgeholt, Preller, Griech.
I Mythol. 1. S. 194 in Paulys Encycl. 2. S. 903.
Gerhard , Gr. Mythol. § 326. Lauer , System
1 1. griech. Mythol. S. 260. Stoll, Ares S. 4. 8.
Schreiber, Apollon Pythoktonos p. 2f. u. 64 li.].
u p. Python u. Drakon. — 2) AsXcpvvy, weibli-
cher Drache, halb Tier, halb Jungfrau (wie Echi-
lua), welche inKilikien in der korykischen Höhle
len von Typhon überwundenen und verwun-
deten Zeus bewachte; Hermes aber und Aigi-
nan entwendeten ihr die von Typhon ausge-
schnittenen und in ein Bärenfell eingewickelten
(lehnen der Hände und Füfse des gefangenen
Gottes und setzten sie diesem heimlich wieder
in, worauf er den Kampf mit Typhon aufs
oeue begann, Apollod. 1,6, 3 u. Heyne, Ob-
j erv. S. Schümann, Opusc. Ac. 2 p. 37.3. [Stoll.]
Demodike 986
DelphynOs s. Delphyne.
Deltoton (AeXxorxov), s. Sternbilder.
Demarclios (JyyccQxog), Sohn des Aigyptos,
mit der Danaide Eubule vermählt, Ih/gin. f.
170. [Stoll.]
Demarns \jyyagov g), Sohn des Uranos und
Vater des phönicischen MtXxdQgog (Melkarth).
Er bekämpft mit Uranos zusammen den növ-
xog, wird aber von diesem in die Flucht ge-
schlagen, Phil. Bybl. fr. 2, 16. 22 bei Müller
fr. li. gr. 3, 568. [Steuding.]
Demeter {Ayyyxyg) wird mit Persephone
(s. d.) zu einem Artikel vereinigt werden.
Vgl. auch Ceres.
Demipllon(z/?jgi<p<»i'od. Ayyocpüv?), Königin
Elaeusa(’Elcaous) imthrakisclienCkersones, der
zur Abwehr einer Seuche in seinem Lande nach
dem Ausspruch des Orakels jährlich eine Jung-
frau aus vornehmer Familie opfern sollte. Er
that dies , indem er jedesmal die Jungfrauen
der Stadt losen liefs, aber die eigenen Töchter
vom Losen ausschlols. Als einst ein vornehmer
Bürger, Mastusius (so ist wahrscheinlich zu
schreiben statt Matusius), sich weigerte, seine
Tochter losen zu lassen, wenn nicht auch die
Töchter des Königs zugezogen würden, tötete
dieser dessen Tochter, ohne dafs sie gelost hatte.
Um sich zu rächen, lud Mastusius später den
König und seine Töchter zu einem Opfer ein
und tötete die vor dem Vater erschienenen
Töchter. Ihr Blut mischte er in einem Becher
mit Wein und gab es dem später kommenden
Vater zu trinken. Als dieser erfuhr, was ge-
schehen, liefs er den Mastusius mit dem Becher
ins Meer werfen. Danach hiefs das Meer das
Mastusische, und der Hafen hiefs Crater. Die
Astronomen aber nahmen den Crater unter die
Sternbilder auf, Phylarchos bei Hygin. poet.
astron. 2, 40. Müller, fragment. histor. gr. 1.
р. 358. [Stoll.]
Demiurgos (?) s. Demogorgon.
Demo (Ayyo)), 1) = Ayyyxyg (= Ayyoyy-
xygi Rhein. M. 37, 474ff.) Suid. s. v. Et. M.
s. v. Jyco. Preller, Demeter und Persephone
S. 135. 368. Jacobi, Mythol. Lex. p. 176 Anm.
schlägt Hom. li. in Cerer. 122 Ayyco für Jcog vor.
— 2) Tochter des Keleos, Königs in Eleusis,
und der Metaneira, Schwester der Kallidike,
Kleisidike und Kallithoe, Hom. li. in Cerer. 109
с. not. Baumeist. Die Namen der Schwestern
hiefsen anders nach Pamphos b. Paus. 1, 38,
3. — 3) Name der kymäischen Sibylle, Hype-
rochos aus Kyme b. Paus. 10, 12, 4. [Stoll.]
Demoauassa s. Demonassa.
Demodike (AyyoSUrf), 1) von Ares Mutter
des Thestios, Königs in Aitolien, Schot. Ap.
Rh. 1, 146. Bei Apollod. 1, 7, 7 lieifst sie De-
rnonike. — 2) Die Stiefmutter des Phrixos (s. d.),
welche diesen ohne Erfolg liebte und ihm da-
her nach dem Leben strebte. Pindar in den
Hymnen nach Schol. Pind. Pyth. 4, 288. Nach
Hygin. poet. astr. 2 , 20 war Demodike Ge-
mahlin des Kretheus. Da Phrixos ihrer IAebe
nicht willfährig war, klagte sie ihn bei ihrem
Gatten ungebührlichen Verlangens an , und
dieser verlangte nun von seinem Bruder Atlia-
mas den Tod des Phrixos. Nephele entrückte
io
20
30
40
50
60
987 Demoditas
ihren Sohn durch den Widder. [ — 3) vgl. C. I.
Gr. 7719 R.]. [Stoll.]
Demoditas (der Name ist korrupt), Tochter
des Danaos , vermählt mit dem Aigyptiden
Chrysippos, Hygin. f. 170. [Stoll.]
Demodoke (drjy.o86y.rj), Tochter des Agenor
(Sohn des Pleuron), welche wegen ihrer aufser-
ordentlichen Schönheit von vielen Königen
umworben ward, Hesiocl b. Schol. II. 14, 200.
Schöl. Od. 1 , 98. Bei Apollod. 1,7,7 heilst i
sie Demonike , bei Schol. Ap. Rh. 1 , 146 De-
modike. [Stoll.]
Demodokos (drjyodor tos) , 1) der treffliche
Sänger der Phaiaken auf Scheria (6 Ksgyv-
Qctrog, Flut, music. 3), von dem Volke hoch-
geehrt (Od. 8, 472. 13, 27). Die Muse liebte
ihn sehr , gab ihm jedoch Gutes und Böses
zugleich ; sie beraubte ihn des Augenlichts,
verlieh ihm aber den süfsen Gesang, dafs er
die Menschen ergötzen konnte, wie das Herz 2
ihn zu singen antrieb , Od. 8 , 44. 62. Als
Odysseus als Gast bei dem Phaiakenkönig
Alkinoos weilte, sang und spielte er in dem
Hause des Königs zum Mahl; er sang von
dem Streit des Odysseus und Achilleus vor
Troja, Od. 8, 75, er sang auf des Odysseus
Wunsch , der ihn lobte und ehrte , von dem
hölzernen Rofs und der Zerstörung von Troja,
wobei Odysseus die wichtigste Rolle gespielt,
V. 491 ff., er sang auf dem Markte den Jung- 3
lingen zum Tanz das scherzhafte Lied von der
Liebe des Ares und der Aphrodite, 266ff.,
(Athen. 1, 15d). Am Apollothron zu Amyklä
war er abgebildet, wie er zum Tanze der
Phaiaken die Phorminx spielte, Paus. 3, 18, 7.
Als Beispiel, wie die Sänger als Vertreter der
Weisheit und guter Zucht bei den Königen
weilen, führt Paus. 1, 2, 3 aus der alten Zeit
den Demodokos und den Sänger im Hause des
Agamemnon (s. d.) an. Vgl. Athen. 1, 14bc. 4
— 2) Der Sänger, welchen Agamemnon (s. d.) bei
seiner Abfahrt nach Troja seiner Gattin zur Seite
gab, dafs er sie in Zucht und guter Sitte er-
halte , soll auch Demodokos (oder Chariades
oder Glaukos) geheifsen haben. Der Phalereer
Demetrios gab an, er sei ein Lakonier ge-
wesen, Schüler des Automedes von Mykene
und des Perimedes von Argos und habe im
pythischen Wettkampf als Sänger gesiegt.
Agamemnon habe ihn damals (Od. 8, 79) be- 5
wogen, ihm nach Mykene zu folgen. Timolaos
nennt diesen Sänger einen Bruder des Phe-
mios, welcher der Penelope nach Itliaka als
Hüter gefolgt sei, Eustath. u. Schol. zu Od.
3, 267. — 3) Ein Gefährte des Äneas, von
Halesus getötet, Verg. Aen. 10, 413. [— 4) vgl.
C. I. Gr. 7381 R.] ‘[Stoll.]
Demogorgon (?), rätselhafter Gott (der Ma-
ger?) bei Lactant. z. Stat. Theb. 4, 516. Vgl.
Lobeck , Aglaopli. 597f. Ob aus SrjyiovQyos ent- 61
standen? Vgl. Greuzer , Symb.3 4, 86. Orph.
fr. 6 u. 27 (ed. Herrn.). [Roscher.]
Demokoon (drjyoyocov) , 1) Sohn des Hera-
kles und der Megara, mit dieser und seinen
Brüdern von Herakles im Wahnsinn getötet,
Tzetz. Lylc. 38. Bei Apollod. 2, 7, 8 u. andern
heifst er Dei'koon , s. Deikoon Nr. 1. — 2)
Natürlicher Sohn des Priamos, „der von Aby-
Demophon 988
dos ihm kam vom Gestüt leichtrennender
Gäule“, von Odysseus erlegt. Er war der
erste von den Priamiden, die vor Troja fielen,
II. 4, 499 u. Schol. Apollod. 3, 12, 5. Tzetz.
Homeric. 41. Strab. 13 p. 585. [Stoll.]
Deinokratia (drjyoyQDctLa) , dargestellt in
einem Gemälde des Euphranor: Paus. 1, 3, 3;
Brunn, Künstler g. 2, 183. Vgl. AthenaDemokra-
tia ü. I. A. 3, 165. S. auch Demos. [Roscher.]
0 Demoleon (dyyoUcov), 1) ein Troer, Sohn
des Antenor und der Theano, von Achilleus
erlegt, II. 20, 395. — 2) Ein Grieche aus Lako-
nien, Sohn des Hippasos, Genosse des Mene-
laos, von Paris erschossen, Quint. Sm. 10, 119.
— 3) Sohn des Deimachos, Plut. Lucull. 23.
Bei Ap. Rh. 2, 956 heifst er Deileon. S. Dei-
machos N. 3. — 4) Ein Kentaur, auf der Hoch-
zeit des Peirithoos von Theseus erlegt, Ovid.
Met. 12, 355 ff. — 5) Unter den athenischen
0 Jünglingen, welche von Theseus aus dem
Labyrinth befreit wurden, heifst bei Serv. Verg.
Aen. 6, 21 einer Demolion, wofür Demoleon
zu schreiben sein wird. __ [Stoll.]
Demoleos, ein von Äneas am Simois er-
legter Grieche, dessen Panzer er bei den Lei-
chenspielen des Anchises als Preis aussetzte,
Verg. Aen. 5, 258ff. [Stoll ]
Demon (drjycov), Satyr; Ileydemann, Satyr-
und Bakchennamen 32 u. 36. [Roscher.]
a Demonassa (drjyrovaooci) , 1) Gemahlin des
Iros, Mutter der Argonauten Eurydamas und
Eurytion, Hygin. f. 14; vgl. Ap. Rh. 1, 74 u.
Schol. Ap. Rh. 1, 71. Nach Ap. Rh. 1, 67 ist
Eurydamas Sohn des Ktimenos, vergl. Hygin.
a. a. 0. — 2) Von Adrastos Mutter des Aigia-
leus, Hygin. f. 71. — 3) Tochter des Amphia-
raos und der Eriphyle, Gemahlin des Thersan-
dros, Mutter des Tisamenos, Paus. 9, 5, 8. Am
Kasten des Kypselos abgebildet, Paus. 5, 17,
1 4. — 4) Gemahlin des Poias, Mutter des Phi-
loktetes, Hygin. f. 97. 102. — 5) Gemahlin
des Hippolochos, eines Sohnes des Bellerophon,
Mutter des Glaukos, des lykischen Bundesge-
nossen der Troer, Schol. II. 6, 206. [Stoll.J
Demonike (ArjyovCyrj), 1) Tochter des Age-
nor, des Sohnes des Pleuron, und der Epikaste,
einer Tochter des Kalydon, von Ares Mutter
des Euenos, Molos, Pylos und Thestios, Apol-
lod. 1, 7, 7. S. Demodoke u. Demodike. [— 2)
) vgl. C. I. Gr. 7719 R.] [Stoll.]
Demophile (Jrjyocpilrj), Tochter des Danaos,
vermählt mit dem Aigyptiden Pamphilos, Hy-
gin. f. 170. [Stoll.]
Demoplion (drjyocpcov, dyyoyocov), 1) Sohn
des eleusinischen Königs Keleos und der Meta-
neira, welchen Demeter, als sie, die geraubte
Tochter suchend, nach Eleusis gekommen und
unerkannt in die Dienste der Metaneira getre-
ten war , nährte und pflegte. Durch ihren
) göttlichen Anhauch und die geheime Läute-
rung im Feuer hätte sie das Kind unsterblich
gemacht, wenn nicht Metaneira durch ihre
neugierige Dazwischenkunft ihr Werk unter-
brochen hätte. Als die Mutter ihr Kind im
Feuer liegen sah und laut aufschrie, legte
Demeter unwillig den Kuaben vor sich aul
die Erde und gab sich als Göttin zu erkennen.
So behielt Demophon seine sterbliche Natur;
989 Demophoü
weil er aber auf dem Scliofse und in den Armen
der Göttin geruht, ward ihm eine unvergäng-
liche Ehre zuteil. Hont. li. in Cerer. 219 0'. S. De-
meter (unter Persephone). Später ward Demo-
phon in der eleusinischen Sage ganz von Tripto-
lemos verdrängt, und, was jenem zukam, wurde
auf diesen übertragen. Darum erzählte man,
um dem Triptolemos Platz zu machen, Demo-
phon sei bei der Feuerläuterung verbrannt,
ApoUod. 1, 5, 1. Preller , Demeter u. Perseph. 109.
288. Gr. Myth. 1, 635. Gerhard, Gr. Myth. 1.
§ 432, 2. Welcher, Z. f. alte Kunst 129. Momm-
sen, Heort. 239. Aum. 2. Mannhardt, W.- u. F. 69.
Von den Athenern wurde ein Fest ßaXXipv g
zu Ehren dieses Demophon gefeiert, Mommsen,
Heort. 265. — 2) Sohn des Theseus und der
Phaidra, der Tochter des Minos, Bruder des
Akamas, König von Athen , Diod. 4, 62. Hy-
gin. f. 48. Eurip. Heracl. 213. Nach Schol.
Od. 11, 321 waren Demophon und Akamas
Söhne des Theseus und der Ariadne. Pindar
nannte den Demophon Sohn des Theseus und
der Amazone Antiope (statt des Hippolytos),
Flut. Thes. 28. Im ersten Jahre der Regie-
rung des Demophon (oder im 4 Jahre, Lysi-
mach, Alex. b. Schol. Eurip. Hec. 892. Mül-
ler, fr. hist. gr. 3 p. 340 fr. 20), im 18. Jahre
der Regierung des Agamemnon soll Troja ge-
nommen worden sein, Dionys. Argiv. b. Euseb.
Praep. evang. 10, 12 p. 498 B ( Müller , fr. hist,
gr. 1 p. 65, 143). Vgl. Clem. Alex. Strom. 1.
p. 321 D. Die Brüder Demophon (Volksheil)
und Akamas (d. Unermüdliche) bezeichnen in
ihren Namen die Eigenschaft ihres Vaters als
unermüdlichen Kämpfers für das Heil des Vol-
kes. Homer kennt beide nicht; aber der attische
Patriotismus hat sich bemüht, sie in die troische
Sage einzuführen, anknüpfend an II. 3, 144,
wo Aithra, die Tochter des Pittheus, die Mut-
ter des Theseus , als Dienerin der Helena in
Troja genannt wird. S. Aithra. Aber die Alten
nahmen schon Anstofs an dem Vers; sie er-
klären ihn entweder für unecht, oder nehmen,
wenn er echt ist, eine jüngere Aithra an.
|S. Schol. z. d. St. Flut. Thes. 34. Von den
Kyklikern hat zuerst Arlctinos, der milesisch-
attische Dichter, in seiner Iliupersis die bei-
den Theseiden in die troische Sage hereinge-
igezogen; er erzählte von der Befreiung der
Aithra aus ihrer Knechtschaft durch ihre Enkel,
Welcher, Ep. Cylclus 2,222.528. Als Theseus,
durch Menestheus aus Athen vertrieben, sich
nach Skyros zurückzog, schickte er seine bei-
Iden Söhne heimlich nach Euboia zu Elephenor
II. 2, 540), Chalkodons Sohn, und mit die-
sem zogen sie als gemeine Krieger gen Troja,
Plut. Thes. 35. Oder sie gingen mit Mene-
theus (II. 2, 552) nach Troja, blos in der Ab-
ncht, Aithra zurückzuholen, Hellanic. (fr. 75
Müller, fr. hist. gr. 1. p. 55) bei Schol. Eurip.
Mecub. 119. Sie hatten einen besonderen An-
eil an der Eroberung und Zerstörung von
l’roja (beide waren im hölzernen Rofs, Quint,
ßmyrn. 12, 325. Trypliiod. 177. Tzetz. Posthorn.
>47; vgl. Paus. 1, 23, 10) und fanden und er-
:annten bei dieser Gelegenheit ihre Grofmut-
er, während sie verzweifelt in den Strafsen
mherirrte; oder sie war in das griechische
Demophon 990
Lager geeilt und wurde von Agamemnon, nach-
dem Helena in ihre Freigebung gewilligt, ihren
Enkeln übergeben, die sie mit sich in die Hei-
mat nahmen. Lesches und das Bild des Poty-
gnot b. Paus. 10 , 25 , 3. Quint. Smyrn. 13,
496 01. Lysimach. Alex. (fr. 19 Müller, fr. hist,
gr. 3. p. 340) bei Schol. Vat. u. Neap. in Eu-
rip. Troad. 31; vgl. Dilctys 5, 13. Tzetz. Lylc.
495. Overbeck, Gail. her. Bildw. S. 618. 621.
3 632 0’. [Vergl. C. I. Gr. 7746. 8154. 8487 (?).
Brunn, Künstlergeschichte 2, 40. Roscher],
Schon vor dem Kriegszug gegen Troja soll
Akamas oder Demophon (denn beide wer-
den öfter verwechselt) mit Diomedes dorthin
geschickt worden sein, um Helena zurückzu -
fordern (Tzetz. Antehom. 156). Er zeugte da-
mals heimlich mit Laodike, einer Tochter des
Priamos, den Munitos (oder Munychos), wel-
cher in Troja von Aithra auferzogen und nach
i der Zerstörung von Troja von dem Vater mit-
genommen wurde. Er starb aber unterwegs
in Thrakien durch einen Schlangenbifs , Plut.
Thes. 34. Tzetz. Lyk. 495; vgl. Parthen. Nie.
Erot. 16. — Nach dem Kriege gingen Demo-
phon und Akamas nach Athen zurück und er-
langten dort, da Menestheus vor Troja den
Tod gefunden, den Thron des Vaters; sie teil-
ten die Herrschaft durchs Los, Plut. Thes. 35.
Eurip. Heraclid. 35 [vergl. C. I. Gr. 2374,
i 41 R.]. Auf der Rückkehr von Troja hatte
Demophon (oder Akamas, Lukian ) in Thra-
kien in der Gegend von Amphipolis sein Liebes-
abenteuer mit Phyllis (s. d.), der Tochter des
Königs Sithon, Hygin. f. 59. 243. Lukian de
salt. 40. Sero. Ecl. 5, 10. Ovid. Her. 2. A. A.
3, 38. Myth. Vat. 1, 159. 2, 214. Plin. N. H.
16, 108. Pallad. de insit. v. 61.97. 149. Mann-
hardt, W.-u. F. 21. — Ihrem König Demophon
verdankten die Athener den Besitz des Palladions,
i Diomedes und Odysseus, die es aus Troja ge-
raubt, sollen es freiwillig dem Demophon zur
Aufbewahrung übergeben haben, Dionys. Bhod.
(fr. 5 Müller, fr. hist. gr. 2. p. 9) bei Giern.
Alex. Protr. c. 4. p. 14, 11 Sylb. Oder es
wurde dem Diomedes oder den Argivern , die
man sich auch wohl von Agamemnon ange-
führt denkt, als sie in der Nacht im Hafen
Phaleron landeten und das Land, das sie für
ein anderes hielten , plünderten, von dem zur
Abwehr herbeieilenden Demophon abgenom-
men, wobei einige der Argiver, die man nicht
erkannt hatte, und auch ein Athener unabsicht-
lich getötet wurden. Da Agamemnon und die
Argiver zürnten, oder die Anverwandten des
getöteten Atheners oder das athenische Volk
den Demophon anklagten, so unterwarf sich
Demophon einem Gericht, das zu diesem be-
sonderen Zweck damals veranstaltet wurde.
Damit ward für Athen der Gerichtshof ini
ncdladico gestiftet, der über unvorsätzlichen
Mord richtete. Das troische Bild stand bei
dem Gerichtshof, Kleitodem. u. Phanodem. bei
Suid. tni IlalXaöiü] (Müller, fr. hist. gr. 1.
p. 361. fr. 12 u. p. 368 fr. 14). Eustath. Od.
p. 1419. Paus. 1, 29, 9. Lysias b. Schol. Ari-
stid. p. 320 Ddf. Clem. Alex. Protr. p. 42 P.,
Polyaen 1, 5. Harpocr. Et. M. Phavor. Hesych.
ini HaXlaäiüi. Apostol. 8, 42. 0. Müller, Ae-
991 Demoptolemos Dervones 992
schyl. Eum. p. 155. Hermann, gr. Staatsaltert.
§ 101, 10. Mommsen, Heortöl. 432. — Zur Zeit
des Demophon kam der mordbefleckte Orestes
nach Athen, und Demophon nahm ihn freund-
lich auf. Damals wurde gerade zu Athen ein
bakchisches Fest gefeiert. Da Orestes noch
nicht gesühnt war, so liefs ihn Demophon am
Opfer nicht teilnehmen und befahl die Heilig-
tümer zu schliefsen; er liels aber jedem ein-
zelnen eine Kanne mit Wein vorsetzen, mit
dem Versprechen, dem, der zuerst ausgetrun-
ken, einen Kuchen zu schenken. Die Kränze,
welche die Feiernden getragen, verbot er zu
den Heiligtümern zu bringen, weil sie (bei
dem Trinkgelage) mit Orest unter Einem Dache
gewesen; jeder solle vielmehr den Kranz um
seine Kanne winden, und so sollten die Kränze
zu der Priesterin des Heiligtums Iv Alyvcag
getragen und dann erst die Festfeier vollendet
werden. Seitdem soll das Fest Voss, das Kan-
nenfest, genannt worden sein ; es war der zweite
Tag der Anthesterien , Phanodemos b. Athen.
10, 437 c. Plut. sympos. 2, 10; vgl. Tzetz. Lylc.
1374. Nicol. Dam. fr. 50 ( Müller , fr. hist. gr.
3. p. 386). Alarm. Par. epoch. 25 (— C. I.
Gr. 2374, 41). Mommsen, Heortologie 345 ff,
356 ff. 361 ff. Hermann, Gottesdienstl. Altert.
§ 58, 10 ff. — Während der Regierung des
Demophon kamen auch die von Eurystheus
verfolgten Herakliden nach Attika und fan-
den Hilfe bei ihm gegen Eurystheus , der in
der Schlacht gegen Demophon und die Hera-
kliden fiel , Pherekyd. b. Anton. Lib. c. 33
(fr. 39 Müller, fr- liist. gr. 1. p. 82). Eurip.
Heraclidae. — Demophon hatte zu Athen ein
Heiligtum, Mommsen, Heort. 432. Nach Tzetz.
Lylc. 495 behaupteten manche, er sei mit sei-
nem Bruder Akamas nach Kypros gegangen.
In Athen folgte ihm auf dem Thron Oxyntes,
diesem Thymoites , Nicol. Dam. a. a. O. —
Preller, Gr. Myth. 2, 465. Gerhard, Gr. Myth.
2. § 782. Etrusc. u. camp. Vasen t. 12. Arcli.
Ztg. 1848 n. 17. Puckert, Athenadienst 29 f.
Paucker , att. Palladion S. 16, 72. Brunn ,
Kü/nstlerg. 2, 40. — 8) Sohn des Hippomedon
N. 1, w. m. s. — 4) Gefährte des Aineias, von
Camilla getötet, Verg. Aen. 11, 675. [Stoll.]
Demoptolemos (AryiOTitolsyog) , ein Freier
der Penelope, von Odysseus getötet, Od. 22,
242. 266. [Stoll.]
Demos (Arjgog), öfters bildlich dargestellt,
z. B. von Lyson, Leochares, Aristolaos, Eu-
phranor, Parrhasios. S. die Belege b. Brunn ,
Künstler gesch. 1, 387. 438. 558. 2, 99. 109ff.
Müller, Handb. d. Arch. 405, 4. Friedländer-
Sallet, Miinzk. Berlin 2 n. 685 ff. (?). Kult in
Athen: C. 1. A. 3, 265. 661. Vgl. auch Demo-
kratia. [Roscher.]
Demuclios(zl?jpoi5^os), ein Troer, Sohn des Phi-
letor, von Achilleus getötet, II. 20, 457. [Stoll.]
Dendritis (Asvdgizig), 1) Beiname der Helena
auf Rhodos, wo sie als solche ein Heiligtum
hatte. Die Rhodier erzählten, nach dem Tode
des Menelaos, während Orestes noch umher-
irrte, sei Helena, von Nikostratos und Mega-
penthes , den unehelichen Söhnen des Mene-
laos, verfolgt, nach Rhodos gekommen, da sie
mit Polyxo (Philozoe b. Tzetz. Lylc. 911. Phi-
lixo haben die Hss. b. Polyaen. Struteg. 1, 13), der
Gemahlin des Tlepolemos, befreundet gewesen.
Denn auch Polyxo war von Geburt eine Argi-
verin, hatte den Tlepolemos, noch ehe er aus
Argolis floh, geheiratet und ihn dann auf der
Fahrt nach Rhodos begleitet. Hier hatte sie
nach dem frühen Tod ihres Gemahles vor Troja
(II. 5, 655) während der Minderjährigkeit ihres
Sohnes die Herrschaft über die Insel. Als
io Helena zu ihr kam, wollte sie den Tod ihres
Gatten an ihr rächen und schickte daher, wäh-
rend sie im Bade war, Dienerinnen gegen sie
ab , welche als Erinyen verkleidet waren.
Diese erdrosselten sie, indem sie dieselbe an
einem Baume aufhängten. Deshalb haben die
Rhodier ein Heiligtum der Baumhelena, Paus.
3, 19, 10; vgl. Ptolem. Heph. p. 189 Western.,
nach welchem das Kraut Helenion , welches
Helena gegen den Schlangenbifs gepflanzt
20 haben sollte (Aelian N. H. 9, 21. Hesych. v.
'Eltviov ), unter dem Baume der Helena wuchs, j
Heffter, die Gottesd. auf Phodos 3, 72 ff. Preller, |
Gr. M. 2, 110. [Mannhardt, W- u. F. 22. j
— 2) Baumnymphe: Agath. 46. R.] [Stoll.]
Deo (Agco) — Demeter (s. Persephone).
Deoine s. Deione 2.
Depidius s. Caeculus.
Derceimus, ein alter König der Aboriginer, ,
nach Einigen identisch mit Latinus, Verg. Aen. \
30 11, 850. Serv. s. Heyne z. d. St. Preller, Gr.,
Myth. 2, 213 Anm. 4. [Stoll.]
bereites (Agguzgg), Sohn des Harpalos, eines
Sohnes des Amyklas, Vater des Aiginetes, Paus.
7, 18,4. Nach Paus. 3, 1, 3 heilst der älteste !
Sohn des Amyklas Argalos. [Stoll.]
Deriades (AggiuSg g), Gegner des Dionysos,'
s. Blemys. [Schultz.]
Derimaclieia (Aggiyu%nci) , Amazone, vor
Troia von Diomedes erlegt, Quint. Smyrn. 1,
40 45. ‘260. [Stoll.] ,
Derioue (Aggiovg), Amazone, vor Troja von
Aias dem Lokrer erlegt, Quint. Smyrn. 1, 42.
258. [Stoll.]
Derke (Asg^g), nach Tlxeon zu Arat. Phaen.
239 eine syrische Göttin und Tochter der
Aphrodite , welche bei einem Sturz ins Meer j
von den Söhnen des grofsen T^thlg (s. d.) ge-
rettet wurde. Zu Ehren derselben enthielten
sich deshalb die Syrer des Genusses der Fische.
50 Sicherlich ist Aigv.g mit Asgxszco, ’Azccgyau g
identisch, siehe oben S. 653, 67. [Steuding. j
Derketo ( Asg-nszco ) = Atargatis; s. Astarte.
Derkynos (Asgxvvog) , Sohn des Poseidon, .
Fürst der Ligurer, der mit seinem Bruder Ale-
bion den mit den Rindern des Geryones durch
Ligurien ziehenden Herakles angreift, um ihm
seine fetten Rinder zu nehmen. Herakles tötete
beide und zog dann durch Tyrrhenien weiter.
Apollod. 2, 5, 10. Pompon. Mela 2, 5 nenn!
60 diese Söhne Poseidons Albion und Bergyosjl
(s. d.) , Tzetz. Chil. 2, 341 : Derkinnos u. Ale-
bion, Tzetz. Lylc. 649: Alebion und Ligys. .
s. Herakles, Bergbaus u. Alebion, Heyne z.
Apollod. a. a. O. Preller , Griech. Mythol. 2,
213. [Stoll.] [7- [Stoll. i
Dero (Aggd), eine Nereide, Apollod. 1, 2.
Dervones und Dervonnae, erstere als fa-
tae (fata?) , letztere als matronae bezeichnet, ,
Genealogische Tafel des Iapetiden-Gcsclileclits.
(Zum Artikel Deukaliou.)
Iapotos (Sohn d.
Uranos und d.
Ge, Gemahl d.
Klymene oder
Asia)
Epimetheus Pyrrlia
(Pandora)
(Melantho?)
Pandora
(Zeus)
Protogeneia
(Lokros)
v. Zeus
Ampbiktyon
Grailcos
Opus
Aethlios
(s. Kalyke)
Propi etheus
(Klymene)
Menoitios
Atlas
a) von Pleione
Apd. 3, 10, 1
oder v. Hesperis
Diod. 4, 27
Deukaliou \ Hellen
(ux. Pyrrka) ’ (Orseis)
Merope (verm.
m. Sisyphos)
Sterope IT. von Oinomaos
Ares (Hyg. Poet. Astr.
2, 21.
•erimede j Orestes
(Acheloos) [ Hippodamas
Eurykyde (Posei- f Eleios
dou) \
Kalyke
(Aethlios)
Endymion
Peisidike f Aktor
(Myrmidon) \ Antiphos
Paion
Aitoloa
Epeios
Eurytion
{Kalydon
(Aiolia)
Pleuron
(Xanthippe)
Hyrmiue
Augeas
[ Protogeneia Ares Oxylos
Demonike
Epikaste
| Agenor
Laophonte
Stratonike
Sterope
Alkyone
(Keyx)
Kanake
(Poseidon)
Perieres
(Gorgo-
phone)
Deion
(Diomede)
Salmoneus
(Alkidike)
(Nephele)
Athamas
(Ino)
Sisyphos
(Merope)
( Triopas
Aloeus (ux. Iphi- f
I medeia) \
I Epopeus
Nireus
l Hopleus I
Ilkarios j
Tyndareos (Leda )
v. Zeus) I
Leukippos1) '
Aphareus2)
f Diktys
\ Polydektes
( Kephalosux.Pro-
kris)
I Phylakos
| Ainetos
Asteropeia
l Aktor
\ Tyro
1 (s. Kretheus)
[ Melikertes
' Learchos
, Helle
( Phr ix os
{Haimos
Thersandros
Ornytion
Glaukos
Otos
Ephialtes
Polydeukes
Kastor
Klytaininostra
Helena
Timandra (verm.
an Echemos)
Philonoe
(Ares)
Porthaon
(Euryte)
Euandros (Serv.
Yerg.Aen.S, 33G)
J ux. Leukippe)
Thestios \ od. Laophonte?
od. Deidameia
Pylos
Molos
Buenos
Sterope
(Achelooa)
Leukopeua
Melas
Alkathooa
Hypermnestra
(Oikles)
Althaia (s. Oi-
neus)
Leda (s. Tynda-
reos)
Eurypylos
Plexippos
Euippos
»Iphiklos
Marpessa (Idas)
j Seirencn , Apol-
l lod. 1, 7, lü)
Agrios
Oineus
IMelanippoa
Leukopeus
Keleutor
1 Prothoos
I Onchestos
l Thersites
1) ux.Perihoia (Tydeus
) (Deipyle)
2) ux. Althaia
Menoitios
(Stheuele)
Meleager
Deianeira
(Herakles)
Gorge
(Andraimon)
Klymenos
Thyreus
^ Toxeus
Iasion
b) von Aithra J
c) von Sterope
Serv. Yergil.
Aen. 8, 130
Die übrigen Ple-
jaden (Elektra <
u. Zeus)
Die Hyaden
Die Hesperiden
j Darclanos
' ux. Bateia
(Oinomaos)
Maia (v. Zeus) Hermes
Ai olo s ,
(Enarete) \ Kretheus
l (Tyro)
{Diomede
Achaio s
Ion
( Ilos I
Poseidon u.
Tyro
Erichtho-
nios
Tros
v. Kallirrlioe
Phercs
(Periklymene)
Amythaon
(Eidomene)
Aison
(ux. Polymede)
P eli as
(ux. Anaxibia)
Neleus
(Chloris)
IKleopatra
Ilos II
I Assaralcos
Ganymedes
( Bellerophon-
\ t e s
I Periapis f.
Eidomene
(s. Amythaon)
Lykurgos
Admetos j
(ux. Alkestis) I
{Aiolia (s. Kaly-
don)
Melampus
Bias
Iason
’iLuadue (Diodor
4, 53).
Akastos
Peisidike
Pelopeia
Hippothoe
Alkestis (s. Ad-
metos)
I Nestor
l ux. Eurydike
Anaxibia
I Laomcdon
Perimeie (Argos) Magnes (Ant.Lib.
Eumelos 23. Müller, Or-
chom. p. 457).
Sterope
Aktor
Sthenele (s. Me-
noitios)
Laodameia
Thrasymedes
Antiloclios
Peisistratos
Echephron
Aretos
Stratios(od. Stra-
tichos)
Perseus
Polykaste
Peisidike
| Hesione
j Priamos
Amphiaraos
Diomcdet
Hyllo8
J) Töchter dos Leukippos: Phoibe,
Hilacira, Arsiuoc.
2) Söhne des Apharcus: Idas, Lyn-
kous, Peisos.
Roscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
993
Desmontes
Deukalion
994
auf einer Inschrift aus Calvazesium in der Ge-
gend von Brixen, C. I. L. 5, 4208: Fatis Der-
vonibus v. s. I. in. M. Rufnius Severus und einer
solchen aus Mailand, 5, 5791: Matronis Der-
vonnis G. Rufnius Apronius v. s. I. in. — Grimm,
D. Mythol.3 1 , 388 identificiert wohl rich-
tig die fatae (oder fata) mit den matronae,
so dafs die Dervones nicht von den Dervon-
nae verschieden sein dürften. Labus inarm.
Rresc. p. 101 stellt die letzteren mit einem
Dorfe Dervo im Mailändischen zusammen;
wahrscheinlich dürfte der Stamm dam, deru
cambr. dertv Eiche (Fick, vergl. W. 1 , 616.
Zeufs, gr. C. p. 7) in beiden Namen enthalten
sein (= celtische Aqvixös g). Vgl. Derva C. 1.
L. 3, 3405, Dervonia 3, 3659. Über die Ab-
leitungssilbe -on , -oiin s. Zeufs a. a. 0.
p. 773 f. [Steuding.]
Desmontes (?). Hygin.f. 186 nennt die Me-
lanippe, von Poseidon Mutter des ßoiotos und
Aiolos, Desmontis filiam sive Aeoli, ut alii
poetae dicunt. Die Fabel enthält den Inhalt
der euripideischen Tragödie MiXctvinnr] dso-
[Ußrig ( Welcher , Griech. Trag. 2, 850 ff. Nauck,
trag. gr. fragm. p. 408 ft'.), und wahrscheinlich
hat Hygin, durch eine Überschrift m-gl MtXa-
vCnngg zgg öeagcoziöog verleitet, irrtümlich die
Melanippe zu einer Tochter des Desmontes ge-
macht (s. Aiolos). [Stoll.]
Desos (Asoog, v. 1. Asvaog), ein Sohn des
Kyklopen Arges und der Nymphe Phrygia (?),
gründete mit seinen Geschwistern Atron und
Atrene die Stadt Atrene (Philosteph. bei Steph.
Byz. s. v. ’AzQrivg). Vgl. Deusos. [Steuding.]
Despoina (ÄeonoLvu) , Herrin , hehre Gebie-
terin, sowohl von menschlichen Frauen (von
der Hausfrau im Gegensatz zum Gesinde, Od.
14, 127; bei den Doriern und Thessalern ehrte
mit diesem Namen der Mann seine Frau, Mül-
ler, Dorier 1, 5. 2, 287) als auch von Göttin-
nen verschiedener Art. gebraucht; so von Aphro-
dite Theokr. Id. 15, 100, von Nymphen Kal-
lim. fr. 126 Blomf. , Artemis Sopli. El. 626
( Preller , Gr. Myth. 1, 243), Athene Aristoph
Equ. 763, Kybele Aristoph. Av. 877. Serv. Acn.
3, 113, Hekate Acschyl. fr. 378 Nauck, Deme-
ter Aristoph. Thesin. 286, Persephone Horn. h.
j in Cer. 366. Serv. a. a. 0. Plat. leg. 7, 796 b
\r] nag ggiv nogg ntxl (ttanoiva), Demeter und
Persephone zusammen Jsanoivca , die in der
Altis zu Olympia einen Altar hatten und mit
weinlosen Spenden geehrt wurden , Paus. 5,
15, 3. 6. Besonders wurde Persephone als
Despoina in Arkadien verehrt, wo sie für
sine Tochter der Demeter (Erinys) und des
Poseidon (Hippios) galt [vergl. auch Kaibcl,
Epigr. Gr. 1026, 3. R.]; sie hatte aber auch
■ och einen geheimen, mystischen Namen, den
Pausanias sich zu nennen scheut, Paus. 8, 37,
>■ 25, 5. 42, 2. Ein ausgedehntes ehrwürdiges
Heiligtum derselben befand sich zwischen Ly-
tosura und Akakesion unweit Megalopolis.
^or dem Eingang des Peribolos stand ein
’empel der Artemis Hegemone und ein eher-
les Bild derselben mit Fackeln in der Hand;
or dem Eingang des Tempels der Despoina
varen drei Altäre (der Demeter, Despoina und
er grofsen Mutter der Götter). In der Cella
Koscher, Lexikon der gr. u. rom. Mythol.
des Tempels sah man das Doppelsitzbild der
Demeter und Despoina: Demeter, eine Fackel
in der Rechten, die Linke um den Nacken der
Tochter gelegt, die mit der Rechten die auf
ihrem Schofse stehende mystische Kiste, in der
Linken ein Scepter hielt. Neben Demeter stand
noch Artemis , neben Despoina Anytos , nach
der Lokaltradition ein Titane, der die Des-
poina erzogen haben sollte. Höher als der
Tempel stand das sog. Megaron, ein zu Opfern
und Weihungen bestimmtes Gebäude, und dar-
über befand sich ein Hain der Despoina, über
welchem Altäre des Poseidon Hippios, des
Vaters der Despoina, und anderer Götter stan-
den. Auf einer noch höheren Terrasse war
eine ganze Gruppe von kleinen Heiligtümern,
Paus. 8, 37, 1 ff . 10, 4. 27,4. Welcher, Ztschr.
f. alte Kunst 78. Curtius, Peloponn. 1 , 295 f.
2, 135. Bursian, Geogr. v. Griechen l. 2, 238.
Gerhard, Gr. Mythol. 1. § 411, 1. — Preller,
Demeter und Pcrseph. 170. 384. Gr. Myth, 1,
618. 621. Müller, Dorier 1, 378. Völcker, la-
pet. Geschl. 164 ff. C, Fr. Hermann, Quaest.
Oedip. 3 p. 74f. Gerhard, Griech. Mythol. 1.
§ 233, 7. [Stoll.]
Denkalidai (AevuaXidcu) = Eclzvqol, Hes.
[Roscher.]
Deukalion (AsvnaXiaiv), 1) Sohn des Prome-
theus [inbetr. der Mutter s. Preller, gr. Mf 1,
84 f. R.], der mythische Stammvater der Helle-
nen. AnseinenNamen knüpft sich die vielen Völ-
kern gemeinsame Sage von der grofsen Flut (b
Stil AsvuaXlcovog xaxcniXvGfiog), welche das da-
malige Menschengeschlecht vernichtete. Zeus,
erzürnt über die Frevel des „ehernen“ Ge-
schlechts (Lykaon, Apollod, 1, 7, 2. 3, 8, 2.
Ovid. Met. 1, 260 — 415) beschliefst, dasselbe
auszurotten; nur der fromme Deukalion ent-
kommt mit seiner Gattin Pyrrha (Ilvgga) der
Tochter des Epimetheus und der Pandora, in-
dem er auf Rat des Prometheus einen Kasten
(Xdgvu£) erbaut, und in demselben mit Pyrrha
neun Tage und neun Nächte lang von den
Fluten getragen wird, worauf er am Othrys
oder Parnafs landet und dem Zeus hvlgiog ein
Opfer darbringt. Zeus schickt ihm hierauf
den Hermes und stellt ihm einen Wunsch frei.
Deukalion bittet um Menschen, und sie erhal-
ten nun die Weisung, die Gebeine der Mutter,
die Steine des Erdbodens, über den Kopf rück-
wärts zu werfen. Sie thun es, und aus den
von Deukalion geworfenen Steinen entstehen
Männer , aus denen der Pyrrha Frauen. Die
so entstandenen Menschen habe man XctoC ge-
nannt, metaphorisch von b Xctug = ö Xtöog
der Stein, Apollod. a. a. 0. Rind. Ol. 9, 44.
Hesiod fragm. 135 wird speciell den Leiegern
unter Lokros’ Führung dieser Ursprung zuge-
schrieben: "Htol yctg AoxQug AsXsycav rjyricazo
Xaäv , || zovg gd nozs Kgovidg g Zsvg acpfhza
ggösa sldcog || Xtuzovg sn yuigg Xaovg tioqs Asv-
huXiwvl. In beiden Fällen ist man versucht,
eine etymologische Spielerei anzunehmen. Der
beiden Wörtern gemeinsame Begriff scheint das
Massige, Gehäufte zu sein; Etym. M. s. v. laug:
öl byXoi • Xäeg v.azd. diaXsuzov oi XGh u Xiyovzcu.
Sehr weit gehen die Überlieferungen über
den Landungsplatz auseinander. Die Lan-
32
995
Deukalion
Deukalion
996
düng erfolgt am Parnafs in Pkokis oder am
Othrys in Thessalien, Hellanilcos bei Schöl.
Find. Ol. 9, 64. [vgl. C. I. Gr. 2374, 4 R.]
Ovid Met. 1, 316 (der am Parnafs das Orakel
der Themis angiebt), oder am Athos, Serv.
Verg. Ed. 6, 41, oder am Ätna, Hygin. f.
153. Nicht weniger differieren die Angaben
über den nachmaligen Wohnort Deukalions.
Der älteste Sitz der Flutsage, und ur-
sprüngliche Wohnort Deukalions ist die Gegend
von Dodona, Aristot. Meteorol. 1, 14: 6 huXov-
gtvog etcl AevuecXbcovog Kazcxr.XvGfiog tcsqI zov
' EllyvLxov syivszo fuxXiGzcx zonovAcu zovzov nsgl
zrjv EXXdäa zi]V ccqxciiciv' ccvzr) ö’ sgzIv rj zisqi
Acodcovrjv Kai zov ’AxsXwov ovzog yäp uoXXa-
Xov zö Qevya yszaßsßXynsv oWovv ybcQ Ob 2sX-
Xob ivzccv&u, «at Ob v.aXovgevoi zozs (isv PQccb-
y.ob, vvv d’ "EXlgveg. Nach Hesiod und Hellani-
lcos, Schol. Find. Ol. 9, 64 wohnte Deukalion
in Opus oder in Kynos, ibid. u. Strab. p. 425,
wo das Grabmal der Pyrrha gezeigt wurde,
„sowie das des Deukalion zu Athen“, oder in
Delphi, Flut. Quaest. gr. p. 292 ; ja sogar Athen
wird als Wohnort des Deukalion angegeben,
wo man zum Beweis hiefür in der Nähe des
Tempels des Olympischen Zeus, dessen erster
Bau dem Deukalion zugeschrieben wurde, sein
Grab zeigte, Marm. Par. 7. Paus. 1, 18, 8.
Strabo a. a. 0. (Dagegen ist Lykoreia auf
dem Parnafs, wo nach Mann. Par. Deukalion
vor der Flut regiert haben soll, nach Paus.
10, 6, 2 von Flüchtlingen aus Delphi gegrün-
det, welche dadurch, dafs sie dem Geheul der
Wölfe folgten , aus der Flut gerettet wurden,
wie auch Megaros , der Sohn des Zeus und
einer sithnischen Nymphe, durch das Geschrei
der Kraniche auf das Gebirge Gerania auf dem
Isthmos gerettet wurde, ein Zeichen, wie sich
von der Hauptsage einzelne Lokalsagen ab-
zweigten). *
So wandert die Sage mit Deukalions Nach-
kommen von Dodona durch ganz Mittelgrie-
chenland: Lokris, Phokis, Boiotien bis nach
Attika, ja sogar wieder zurück nach Epirus,
und es offenbart sich darin unverkennbar das
Streben der verschiedenen Stämme, sich durch
Aneignung des Stammvaters aller Hellenen
gleichfalls als solche zu legitimieren. Wie
aber Epirus der Ausgangspunkt, so ist Thes-
salien deutlich der Endpunkt der Wanderung
Deukalions und seines Geschlechts : in der
Phthiotis findet sich die erste historische Spur ;
Strabo p. 432 berichtet, dafs Deukalion hier
geherrscht habe; bei seiner Landung am Othrys
lag das ganze Thessalien, vor ihm als das
lockendste Gefilde; diese Übersiedelung eines
Geschlechts aus dem Thal von Dodona über
den Othrys nach Thessalien, und zwar im Zu-
sammenhang mit einer grofsen Flut, wird also
als der historische Kern der Sage zu betrachten
sein; vgl. Schömann, Griech. Altert. 1. S. 5f.
Durch die weiteren Wanderungen und Wan-
delungen der Sage wird Deukalion eben vom
ganzen hellenischen Volk als Stammvater be-
ansprucht, das für seine Eigenart und Über-
legenheit über die umliegenden Völker eine
sinnreiche Erklärung gefunden hat durch Zu-
rückführung seiner Herkunft auf einen einzi-
gen dem allgemeinen Untergang entronnenen
Götterliebling und Vater aller Kultur. Denn
nicht blofs Stammvater aller Hellenen ist Deu-
kalion nach der Genealogie des Mythos, son- |
dern auch der Träger und Vater aller Kultur, j
Er ist ja der Sohn des Prometheus, des grofsen
Wolilthäters der Menschen, der ihnen das Feuer :
gebracht und sie in allen möglichen Kunst-
fertigkeiten unterwiesen hat; aber er ist auch
im Gegensatz zu seinem trotzigen Vater fromm
und gottesfürchtig, der Gründer der Städte
und der Götterverehrung in Griechenland. In
diesem Sinn wird auf ihn die Gründung des
olympischen Zeusheiligtums in Athen zurück- |i
geführt und sagt von ihm Apollonius Phod. ,
3, 1085:
IamziovCdrig uyu&ov zsxs AtvnccXb'cova ,
Og 7CQCOZOS TlObTjGS 310/Ulg %CCb idSb/JbCCZO VY\OV g
u&avdzoig, tcqüjzos bi Kcd uvQ’Qbänav ßuct- j
XsvGtv.
Ebendahin ist auch die Sage von der Grün- 1
düng des Orakels in Dodona durch Deukalion
zu rechnen, Et. M. s. v. Acodcovubog. Mit
Rücksicht auf diese Seite im Wesen Deuka-
lions ist auch die Etymologie des Namens von
Benseler zu verstehen, welcher ihn zurückführt 1 i
auf die Bestandteile dsv == 6lo u. tuxXbd die
Hütte, „Gotteshüttner, Tempelbauer“.
Preller, Gr. Mythol. I2 S. 66 sieht in Deu-
kalion einen zweiten Noab, eine Personifika- i
tion sowohl der Flut, als auch der von neuem
aus ihr entstehenden Landeskultur, in Pyrrha |
eine Personifikation der fruchtbaren und durch x
ihren Weizenbau (nvQog) berühmten Fluren i
am Fufse des Othrys. Und allerdings findet 5;
sich dieser Name auch nicht nur für eine Stadt
in der Gegend, wo Deukalion geherrscht haben 1
soll, bezeugt, Strabo p. 432, sondern auch für ein j
Vorgebirge und eine Insel, Strabo p. 435, deren ;
Nachbarinsel Deukalion hiefs; ja Strabo nennt
auch Pyrasos an der Ostseite des Othrys =
Demetrium , ein heiliges Besitztum der Deine- j
ter (II. 2, 695), wodurch wir, wenn jene Ety- |
mologie richtig wäre, auf die Identität von
Pyrrha und Demeter geführt würden. So
wenig Wahrscheinlichkeit aber die Zurück- ;j
führung von IJvqqu auf nvQog hat, so wenig
oder noch weniger die Ableitung des Namens j
Asvkcxi Ucov von dsuxog = zo yXvHv, wodurch
Deukalion auch als Urheber des Weinbaus mit
Noah in Parallele gesetzt, ja schliefslich zum
Dionysos selbst gestempelt würde.
So klar nun im ganzen die Bedeutung der |
Sage, so rätselhaft ist die des Namens Deuka-
lion (siehe G. Gurtius, Griech. Etymol. S. 448.
G.F. Unger, Philol. 25, 2 12. Pott, Philologus ^
Suppl.-JBd. 2. S. 285. Grote, Griech. Gesell. 1,
89, 3 Fischer). Allerdings ist man wegen de:
mannigfachen Beziehungen des Mannes zu Zeus
versucht, im ersten Bestandteil diesen Stamm
finden zu wollen; allein so gut die oben-
genannte Deutung des Namens zu der einen
Seite im Wesen Deukalions zu passen scheint,
so ist doch eine solche Namenbildung kaum
anzunehmen, und bleibt die wichtigere Bezie-
hung zur Flutsage dabei ganz aufser Acht.
Und in diesem Betracht legt sich vielmehr die
von Schwenclc, Etym.-mytholog . Andeut. S. 149
10
20
30
40
50
60
997 Deukalion
vorgeschlagene Ableitung von äsvta = netzen
nahe. Deukalion wäre darnach eine Personi-
fikation des Wassers, wie Pyrrha die der roten
Erde (von tcvqqos), Schwende, S. 351. Aus dem
Bunde des Wassers mit der roten Erde ent-
*spriefsen die Hellenen, die Flut hat die Erde
befruchtet, die nun eine Ernährerin des helle-
nischen Geschlechtes wird, das seine Herkunft
von den fruchtbaren Gefilden Thessaliens her-
leitet, die einst unter Wasser standen, von den
Gestaden des vom Othrys herabkommenden
Enipeus, an dem einst Pyrrha lag. Die Sage
hat nun mit Anlehnung an die Namen des
Gesamtvolkes und der Hauptstämme dessel-
ben ein weitverzweigtes genealogisches System
aufgestellt, für dessen bequemere Übersicht
auf die beigegebene Tabelle verwiesen wird.
Die ersten Menschen, die sich um das gerettete
Menschenpaar scharten, sind die aus den auf-
gelesenen Steinen (Xsxzoi sx yaigg Xctoi) ent-
standenen Le leg er, lies, fragrn. 135. Nach-
dem sich sodann Deukalion in Thessalien nieder-
gelassen, erzeugte er den Hellen, der auch ein
Sohn des Zeus sein soll, den Amphiktyon
und die Protogeneia (s. d. und vergl. die
beigegebene genealogische Tafel). Nach Hes.
fragm. 5 hatte er noch eine Tochter Pan-
dora, die von Zeus denGraikos gebar. Grai-
koi wurde das Stammvolk der Griechen zu-
erst , später nach Hellen Hellenen genannt,
Apollod. 1 , 7 , 3 : wie sie also mit der Be-
nennung Hellenen ihr Geschlecht auf Deukalion,
bez. auf Zeus selbst zurückführen, so auch
in der älteren Benennung Graikoi, indem sie
auch den Graikos von Zeus erzeugt werden
lassen. Als weitere Kinder des Deukalion und
der Pyrrha werden noch genannt: Thyia,
Steph. Byz. s. v. MixxsSovldc , Kandybos, id.
s. v. Kd vävßa , Melantho, Tzetz. Lyk. 208.
Über Deukalion als Wassermann unter den
! Stern bildern s. Hegesianax bei Hygin, poet.
astron. 2 , 29 und die Artikel Ganymedes und
Sternbilder. [Weizsäcker.]
2) im Kult zu Knosos Vater des ygcog ßog-
ß-'og Idomeneus, und Molos sein Bruder,
Diod. 5, 79. Vater des Idomeneus (AsvxaXicov,
AsyxecXidyg), Sohn des Minos, II. 13, 451. Od.
19, 180. Pherek. b. Scliol. Ap. Iih. 3, 1087.
\ Apoll. 3, 1, 1, 3; s. Mutter Pasiphae, Apoll.
Ji, 1, 2, 4. Hyg.f. 14. Diod. 4, 60, oder Krete,
isklepiades b. Apollod. Seine Kinder ferner
Trete und aufserehelich Molos, Apollod. 3,
S, 1. Sero. Aen. 3, 121. (Argonaut Hyg. fab.
4, ist Zusatz einer Hs.). Kalydonischer Jäger,
2 yg. f. 173. Theseus, aus Athen vertrieben,
vill zu ihm, wird aber nach Skyros verschla-
en, Paus. 1, 17, 5. Nach Kleiclemos (frag in.
Müll. b. Plut. Thes. 19) hätte Theseus eine
'lotte nach Knosos geführt und den Deukalion
rschlagen. — 3) Deukalion und Amphion,
|usd. ach. Pellene, Söhne der Hypso, Argonau-
ten, Valer. Flacc. 1, 366; bei Ap. Bit. 1, 176
jeifsen der Hypso und des Ilyperasios Söhne
sterios und Amphion. — 4) Sohn des Ilera-
les und einer Tochter des Thespios, Hyg.
ib. 162. — 5) ein Troer, von Achilleus ge-
het, II. 20, 478. — ß) über ihn Hellanilcos
ei Schol. Ap. Bh. 3, 1087, nicht näher be-
Dexamenos 998
stimmt. — 7) Sohn des Abas; über ihn Ari-
stippos Arcad. bei Schol. Apollod. Bliod. 3,
1087. [v. Sybel.]
Deus amabilis auf einer Inschrift aus Rom
(Altar), C. I. L. 6, 112: Deo. amabili \ sacr \
Aelia Ehorte | fecit. Auf einem darüber befind-
lichen Kranze stehen die Worte: Kvql \ %ui qs.
Mommsen vermutet, dafs der Gott Glyco gemeint
sei, doch ist auch an Antinous oder Pliospho-
ros gedacht worden ( Orelli 2142) [Steuding.]
Deus scliolarius (?) auf der Inschrift einer
Säule zu Capua, C. I. L. 10, 3793: Deo scho-
lario(T) \ Sex Finnas Charito \ lunarem inar-
gentat \ (Zeile 4 und 5 sind nicht sicher les-
bar) | stauravit cancellis \ circumdatis ex voto \
n. m. que eins. d. d. Auf Zeile 5 ist nicht,
wie Mommsen früher (I. N. 3574) annahm,
Mitrae erkennbar, so dafs auch eine Beziehung
der Gottheit zum Mithraskult nicht erweisbar
scheint. [Steuding.]
Deusos ( Jfvaog ), Sohn des Kyklopen Arges
und einer phrygischen Nymphe, Bruder des
Atron und der Atrene, nach welcher die Stadt
Atrene (in Phrygien oder Lydien?) benannt
sein sollte, Steph. Byz. ’AzQfivq. Ein Ort Asv-
glov yovoU in der Nähe von Sardes wird er-
wähnt von J. Laurent. Lydus de mensib. 4,
48. Müller, hist. gr. fragm. 3. p. 29, 6. Vgl.
Desos. [Stoll.]
Deverra s. Indigitamenta.
Dexamene (As^apsvrf), eine Nereide, II 18,
44. Hygin. praef. [Stoll.]
Dexamenos (As^ccysvog) , 1) Name eines
Königs von Olenos, Apollod. 2, 5, 5, 6. Paus.
7, 18, 1. Von dem Kentauren Eurytion be-
drängt, der von ihm seine Tochter Mnesimache
zur Ehe verlangt, ruft er den eben von Augeias
kommenden Herakles zu Hilfe, der den Eury-
tion tötet. Dafs Herakles hernach die Mnesi-
mache geheiratet habe, wird nicht ausdrück-
lich berichtet. Auf diesen Kampf bezieht Ste-
phani mehrere Vasenbilder, Compt.-rend. 1865
S. 106 ff. Nach Hygin. f. 33 hiefs die Tochter
des Dexamenos Deianeira (s. d.); Herakles
fand bei ihm von Augeias kommend gastliche
Aufnahme (ds%oyou), pflog Umgang mit Deia-
neira und versprach beim Abschied , sie zu
heiraten. In seiner Abwesenheit nötigte der
Kentaur Eurytion den Dexamenos, seine Toch-
ter mit ihm zu verloben. Als aber eben die
Hochzeit stattfinden sollte, erschien Herakles
und tötete den Eurytion. Deianeira wird sonst
als Tochter des Oineus, Königs von Kalydon
genannt. Um sie wirbt der stierhäuptige Flufs-
gott Acheloos, wird aber von Herakles besiegt,
dem nun Deianeira in die Ehe folgt. Die
Verwandtschaft beider Mythen ist auffallend;
in beiden erscheint Herakles als Retter der von
einem verbalsten Freier bedrängten Deianeira-
Mnesimache; auch der Charakter der Freier ist
in beiden Mythen ein verwandter : hier Acheloos,
der ungestüme, wilde Flufsgott, dort einer der
Kentauren (s. df), ein Wolkensohn mit Namen
Eurytion, von svQvzog reichlich strömend, also
ebenfalls das Ungestüm des Wildwassers be-
zeichnend. Oineus selber wird von Verschie-
denen durch seine Ehe mit Periboia von Ole-
nos teils mit der ätolischen , teils mit der
32 *
io
20
30
40
50
00
999
Dexamenos
Dexamenos
1000
achäisclren Stadt dieses Namens in Verbin- ursprüngliche Einheit vergessen, immer neue
düng gesetzt, Apollod. 1, 8, 4, während sonst Züge zur alten Sage hinzu. Ein deutliches Bei -
Dexamenos als König von Olenos genannt spiel hievon bietet Nr. 2; vgl. auch Welcher
wird Der gastliche Oineus von Kalydon-Ole- zu Schwende, Etym.-mylh. Andeut. S. 309. — 2)
nos in Aitolien und der Dexamenos von Oie- Angeblicher Name eines Kentauren (s. d.), der
nos in Achaja sind daher offenbar als iden- zu Bura (Borget) in Achaja einen grofsen Rin-
tisch zu betrachten, wobei dann Dexamenos derstall besafs, von welchem die Stadt ihren
nur ein Beiname des Oineus wäre, und infolge Namen bekommen haben soll, Schol. Kallim.
der Existenz einer Stadt gleichen Namens in hymn. in Del. 102. Wenn in dieser Stelle der
Achaja wie in Aitolien wurde frühzeitig die io Kentaur Dexamenos ein Oiniade genannt wird,
auf das ätolische Olenos bezügliche Sage auch so scheint der Scholiast durch die Verwandt-
an das peloponnesische geknüpft (Tydeus führt schaft des Oienischen Dexamenos mit Oineus
den Oineus in den Peloponnes, Apollod. 1, 8, auf diese Genealogie geraten zu sein; im Et.
6, 2), der König dieser Stadt also irrtümlich M. s. v. Borget heifst der Kentaur zu Bura
von Oineus getrennt und für eine eigene Person Hexadios, und in dem dort angeführten Vers
mit Namen Dexamenos gehalten. Hieraus er- wird Dexamenos (wenn nicht auch hier Hexa-
geben sich dann die übrigen Variationen der dios dafür zu setzen ist) ein Oikiade genannt:
Sage von selbst, dafs für Acheloos der ver- Borget ts As^ctpsvoto (resp/E^ctdeoio) ßoootetoig
wandte Eurytion , für Deianeira die Mnesi- Olv.Ld.8cto. Offenbar hat dieser Dexamenos =
mache eintrat. Ja, wie Dexamenos nur ein 20 Hexadios von Bura mit Oineus nichts zu schaffen,
Beiname des Oineus, so scheint Mnesimache und wenn in einem Vasenbild der besten Zeit
nur ein anderer und zwar sehr bezeichnender beim Kampf des Herakles mit einem Kentauren
Kampf des Herakles mit einem Kentauren (Dexamenos) um die Deianeira in Gegenwart des Oineus
(nach Millingen , Feint, de div. collect. PL 33).
Name für Deianeira zu sein; denn Apollodor
erzählt 1, 8, 1 von dieser, dafs sie xd vaxcc
ndXcyov rjovst, und das besagt ja eben fivrjoi-
pd%rj „die Kampfmütige“. Wesentlich anders so
berichtet Diod. 4, 33, Dexamenos habe eine
Tochter Hippolyte gehabt, die mit dem Ar-
kader Azan verlobt, von Eurytion beim Mahle
beleidigt worden sei. Nach Daus. 5, 3, 3 hatte
Dexamenos von Olenos noch zwei Töchter,
Zwillinge Namens Theronike und Theraiphone,
erstere dem Kteatos, letztere dem Eurytos ver-
mählt; so spinnen sich, nachdem einmal die
um den Besitz der Deianeira in Gegenwart des
Oineus dieser Kentaur durch Inseln-ift als Dexa-
menos , statt als Eurytion bezeichnet wird,
(Müller, Dorier 1, 422 Anmerk. 1. C. I. Gr. 7605.
Millingen, Peint. de div. coli. PI. 33; s. unsere
Abbildg.), so spiegelt sich hierin nur aufs deut-
lichste die Verwirrung, die durch die früh-
zeitige Trennung des Dexamenos von Oineus
in die ganze Sage hineiugekommen ist. Ein
Vasenbild kann ja für die Annahme eines Ken-
tauren Dexamenos unmöglich beweisend sein,
da sich auf Vasenbildern häufig unrichtige
1001 Dexikreon
Diana (Lichtgöttin) 1 002
Beischriften finden. Bleibt also für den Ken-
tauren Dexamenos nur jene Stelle des Scho-
liasten zu Kallimachos , die durch die Ver-
schiedenheit des Namens im Et. 31. bedenk-
lich erschüttert wird. — 3) Sohn des Herakles,
Vater des Ambrax, D. Halik. 1, 50. — 4) Sohn
des Mesolas und der Ambrakia, von welchem
ds£uysvcü benannt sein soll, Stepli. Byz. s. v.
dt!-. [Weizsäcker.]
Dexikreon {dt^mgicov) , ein Kaufmann aus
Samos, welcher der Aphrodite ein Standbild
weihte, weil sie ihm, als er in Kypros sein
I Schiff befrachten wollte , den Rat gegeben
hatte, nur Wasser zu laden und schnell abzu-
fahren. Auf der See trat eine lange Wind-
stille ein, und Dexikreon konnte mit grofsem
Vorteil seine Ladung Wasser an andre Kauf-
fahrer verkaufen, Pint. Q. Gr. 54. [Stoll.]
Dexioclios (de£i'o%og), ein Grieche im Heere
des Bakchos auf dem Zuge nach Indien , der
den Phlogios verwundet, dann aber von Ko-
rymbasos getötet wird, Norm. Dion. 28, 60 ff.,
82. [Steuding.]
Dexion (dttj,icov) , Beiname des Sophokles,
unter welchem er nach seinem Tode von den
Athenern in einem besonderen Heroon verehrt
j wurde. Er soll so genannt worden sein, weil
! er den Asklepios in seinem Hause aufgenom-
men und ihm einen Altar errichtet hatte, Etym.
31. 256, 6. [Steuding.]
Dexios (dtlgiog), Vater des Griechen Iphi-
noos , welchen der Lykierfürst Glaukos vor
Troja erlegte, II. 7, 15. s. d. Schol. z. d. St.
Hesych. s. v. ds^iadyv. [Stoll.]
Dexitliea (Ds£tffsa), 1) s. Euxantios. — 2)
Tochter des Phorbas, welche dem Aineias
den Romulus und Remus gebar, Plat. Ro-
mul. 2. [Stoll.]
Dexo (Df|oi) , eine von Kratinos gebildete
Personifikation des Annehmens von Geschen-
ken, Hesych. Vgl. Emblo. [Steuding.]
Dexsiva, Dexsivia, eine celtische Göttin
auf einer Inschrift aus Cadenet, Dep. Vaucluse,
Orelli 1988: Dexsivae et Caudcllensibus C. Hel-
vius Primus sedilia v. s. 1. in. und einer sol-
Ichen bei Herzog, Gail. Narb. 426: Dexsiviae
v. s. I. m. Acom. Suc etc. (auch deutet Orelli
x. a. O. das Vorhandensein noch anderer In-
schriften an , auf denen sie erwähnt wird) ;
/gl. De-Vit, On. s. v. Eick, vergl. W. 1, 612
eitet den Namen von deks — es recht machen,
Itamm deksva , altir. des, dess ab. Vgl. Dex-
I erati. [Steuding.]
Dexterati (Dat.), eine celtische Gottheit auf
'iner Inschrift aus Körny bei Totis (vielleicht
‘us Brigetio), C. I. L. 3, 4273: DENTLRATI
nach Weszprem, Römer liest Delbath) | Flavia
l Vic | torina pro se et | ( p)ro suis om \ v s l m.
ist Dexsiva von Fick richtig abgeleitet, so
I“ "lürfte auch hier an altirisch des, dess zu den-
cen sein; freilich ist der Stamm dekstero nur
m Griechischen und Lateinischen nachweisbar
J Fick, vergl. W. 2, 123). [Steuding.]
Dia (dCcr, ctg, f.), 1) Göttin, zu Phlius und
ikyon verehrt, identificiert mit Hebe, Str.
, 382. Paus. 2 , 13 , 3 nennt die zu Phlius
anymeda, Preller - PI ew3 1, 410. de Cha-
ot, Gaz.arch.V ,46 pl. 15 (Terrae, aus Megara
erklärt als Dia-Hebe). — 2) Tochter des De'io-
neus (Eioneus, Pherek. u. Diod. Oineus irrig
bei Hygin.) , vermählt mit Ixion, von Zeus
Mutter des Peirithoos, II. 2, 741. 14, 317.
Pherek. frgm. 103 bei Schol. Ap. Rh. 3 , 62.
Schol. Find. Pyth. 2, 39. Hyg. f. 155. Diod.
4, 69. Schol. II, 1, 268. 14, 317. Schol, Od,
11, 631. Eust. Hom. p. 101, 3. — 3) Nymphe,
zu Troizen, von Pelops Mutter des Pit-
10 theus, Schol. Find. Ol. l, 144. — 4) Tochter
des arkadischen Heros Lykäon; von Apollon
Mutter des Dryops, Schol, u. Tzetz. in Lylc.
480. — 5) Als Name der zweiten Frau des
Phineus bei de Witte, Arch. Ztg. 39 (1881)
164, 1 ohne Beleg; sonst heifst sie Idaia,
Eidothea oder Eurytia. — 6) diu, Mutter
des Thersites, Schol. II, 2, 212. — 7) Name
der Insel Naxos im Mythus von Ariadne
(s. d.) [v. Sybel.]
20 Diades ( diüdgg ), Gründer der Stadt Dias in
Lykien, Steph. Byz. s. v. duxg. [Stoll.]
Diaecus oder Dialcus, eine celtische Gott-
heit auf einer Inschrift zu Madrid (vielleicht
aus dem Nordwesten Spaniens) , C. I. L. 2,
4977: Valerius Tir \ o DIALCO votu \ in libes
me | rito Ob Dialco oder Diaeco zu lesen
sei , hat Hübner auf dem Steine selbst nicht
sicher sehen können; doch ist letzteres bei
der Häufigkeit der Endung -aegus, -aecus in
30 celtischen Götternamen wahrscheinlicher.
[Steuding.]
Diaktoros s. Hermes.
Diallage (diulXccyr'i), Personifikation der Ver-
söhnung, mit Kypris und den Chariten aufer-
zogen nach Aristoph. Acharn. 989. Lysistr.
1114. [Steuding.]
Diana. (Vgl. u. a, Hartung, Rel. d. Römer
2. S. 207 ff. Preller, Rom. Mythol,3 1 S. 3 12 ff.
Ambrosch, Studien u. Andeutungen im Gebiet
40 des altröm. Bodens u. Cultus 1 (1839) S. 161.
172. Novi, iscrizioni mon. e vico scoperti con
nuove not. sul tempio di Diana Tif. Napoli
1861. Fiorelli, notizie, 1880 S. 450 ff. Miner-
vini in Comment. in hon, Mommseni S. 660ff.).
Die italische Parallelfigur zur griechischen 4^-
temis ist Diana. Sie ist rein italischen Ur-
sprunges , doch sind auf sie bei dem über-
mächtigen Andringen griechischer Kulte früh-
zeitig Eigenschaften der Griechin übertragen
50 worden, und die Ähnlichkeit beider wurde für
das römische Bewufstsein zur Identität. Diana
ist ursprünglich zwar nicht Mondgöttin, aber
Lichtgöttin gewesen und als solche weiter
Schützerin und Patronin der Fruchtbarkeit im
Pflanzenreich , Tierreich und unter den Men-
schen.
Ihre Lichtnatur zeigt schon ihr Name an.
Derselbe ist eine Ableitung der indogermani-
schen Wurzel dt, „scheinen“, „leuchten“, welche
60 im griechischen Ztvg de og vorliegt und im
Lateinischen nicht nur zur Bezeichnung der
Göttlichkeit dient in divus, deus, Diovis, Dies-
piter , sondern auch im gemeinen Sprachschatz
den hellen Himmel ( subdio ) bezeichnet und den
hellen Tag {dies). Diana ist hiervon eine Ab-
leitung, welche nicht aus dem ähnlich lauten-
den duövtj ( Benfey in Orient und Occident 1.
5. 27 9 f., der Divania als älteste Form ansetzt),
1003 Diana (Name u. Bedeutung)
Diana (Kultstätten)
1004
sondern aus der Analogie der lateinischen
Sprache seihst zu erklären ist. Der Name
Janus ist so aus Djanus hervorgegangen wie
Jovis aus Djovis; allein die Annahme, dafs Ja-
nus das Maskulin zu Diana sei, ist trotzdem
verkehrt; denn letzteres hat ursprünglich lan-
ges i, welches noch in den Dichtungen der
Kaiserzeit anzutreffen ist und gelegentliche
Kürzung wohl nicht vor der Zeit des Varro
( Menipp . fr. 385 Bücheier) erfahren hat. Lan-
ges i aber konnte nie konsonantisch werden.
Ferner ist aber auch ohne Wahrscheinlichkeit
die Ableitung vom Adjektiv dius „göttlich“,
welches einesteils in dius Fidius und Dea dia
erstarrt vorliegt, andernteils doch, besonders
von der Dichtersprache, lebendig erhalten wor-
den ist (diae orae luminis Lukrez; dia Camilla
Vergil u. a.). Denn Ableitungen auf -anus
pflegen nicht von Adjektiven, sondern ent-
weder und meistenteils von Substantivstäm-
men auszugehen (vgl. Silvanus, Bomanus, No-
lanus, paganus, solanus, memhrana u. a. ; alta-
nus von altum „die See“, decumanus vom Subst.
decuma, publicanus vom Subst. publicum ; so
auch rusticanus „bäurisch“, von dem Subst.
rusticus,, der Bauer“), oder abervon Verbalformen
(vgl. divus Statanus, deas Tutanus). Es blei-
ben somit nur zwei Möglichkeiten; dea Diana
ist entweder vom Subst. dium „der Himmel“,
welches im sub dio oder sub diu vorliegt, her-
geleitet (vgl. dialis) und sie bedeutet alsdann
die Göttin des hellen Himmels; oder
zweitens dies „der Tag“ hatte ursprünglich
lange erste Silbe, die früh gekürzt wurde wie
in fui u. a. , und dea Diana verhält sich zu
dies genau so, wie sich hora meri -diana zu
meri -dies verhält; in letzterem Falle aber ist
Diana die Göttin des hellen Tages. Die
Bedeutungsdifferenz zwischen diesen beiden
Erklärungen ist keine erhebliche. Der Zusam-
menhang mit dies war für Cicero evident, und
so nötigte ihn denn die griechische Auffassung
als Mondgöttin zu einer Etymologie nach dem
Stil des lucus a non lucendo: Diana dicta
«tta noctu quasi diem efficeret (De not. deor.
2, 69). Die altrömische Mondgöttin hiefs da-
gegen Luna (noctiluca), deren altes Heiligtum
sich wie das der Diana auf dem Aventin be-
fand. Die maskuline Form ist einmal inschrift-
lich in Jovi Dianö erhalten ( C . I. L. 5, 783;
vgl. Jordan b. Preller 1, S. 168); dieses wichtige
Epitheton bestätigt erstlich, dafs Janus von
Diana zu sondern ist (denn die Interpretation
als Jovi Jano würde mehrfache Bedenken haben)
und zweitens, dafs bei diesem Adjektiv nicht
an das Mondlicht, sondern an die Tageshelle
gedacht wurde; vergl. den Iuppiter serenator
( Preller 3 S. 190).
Der Kult dieser Göttin läfst sich nicht
blofs für Rom , sondern als gemein-italisch
nachweisen. Aufserhalb Latiums finden wir
auf ursprünglich oskischem Gebiete den offen-
bar alten Gottesdienst der Diana Tifatina
auf dem Mons Tifata dicht bei Capua, wofür
uns besonders Inschriften der Kaiserzeit Zeu-
gen sind ( I . B. N. 3675, 6310 u. sonst; aber
schon C. I. L. 1, 569 aus dem Jahr 99 v. Chr. ;
vgl. Novi a. a. 0.). Sulla hatte das Tempel-
gebiet dieser alten Tifatischen Göttin erheb-
lich vergröfsert ( Vellej . 2, 25. Plutarch, Sulla
6); der Kaiser Vespasian fand im Jahre 77
n. Chr. Anlafs, dasselbe im nämlichen Umfange
zu restituieren; noch im vierten Jahrh. fand
sie Vereinung (vgl. Nissen, Hermes 1. S. 156 f.
C. I. L. 2 , 2660). Aber auch für die nörd-
lichen Nachbarn Latiums, die Sabiner, ist
der Dianadienst bezeugt ( Varro De l. I, 5, 74).
io Innerhalb Latiums wird er an verschiedenen
Stellen angetroffen; so lag im Gebiet der Her-
nici ein Hain der Göttin, wo sich bei Anagnia
die via Lavicana und Latina vereinigten (Liv.
27, 4, 12; jetzt osteria della Fontana). So er-
wähnt Horaz ( carm . 1, 21, 6; vgl. carm. saec.
69) als Kultstätte mit Bergen Arkadiens und
Lykiens zusammen den hohen eichenbestande-
nen mons AJgidus im Gebiet der Aequi, öst-
lich von Tusculum ; über die Reste zweier Um-
20 fassungsmauern des Tempels s. Abeken , Mit-
telitalien S. 215. Berühmter war südlich von
Tusculum die Diana von Aricia, über die
schon Cato in seinen Origines redete (fr. 2, 21
Jordan )-; mit ihr zusammen wurde daselbst der
rätselhafte Halbgott Virbius verehrt; Hain und
Grotte der Egeria lag daneben, und die römische
Sagenerzählung wufste diese Gestalten in histo-
rischen Zusammenhang zu bringen. Der Hain
der Diana Aricina stand einst in so hohem
30 Ansehen , dafs sich ganz Latium an seinem
Kult beteiligte; vielleicht ist er eben als lati-
nisches Bundesheiligtum geweiht worden (Be-
loch, Italischer Bund S. 180). Cato (ed. Jor-
dan p. 41. 12) nennt als beteiligt Tusculum,
Aricia, Lanuvium, Laurentum , Cora, Tibur,
Pometia, die Rutuler mit der Hauptstadt Ar-
dea. Die Kultstätte wurde nach diesem Hain
auch schlechtweg Nemus ( Vitruv), Nspos (Stra-
bo , Äppian) und die Göttin selbst Nemoren-
40 sis genannt; ebendort oder in nächster Nähe
liegt das heutige Nemi. Aber auch später,
nicht allein zur Zeit des Augustus (Vitruv 4.
7, 4; vgl. Appian), sondern bis in das zweite.
Jahrhundert n. Chr. blieb dieser Kultus in
Blüte ; denn noch Appian (bell. civ. 5, 24) fin-
det den Reichtum der dortigen Tempelschätze
für seine Zeit bemerkenswert. Uber die Lage
des Tempels an dem „Waldsee“ lacus Nemo-
rensis ist des näheren Bosa in Bull, dell' inst
50 1 8 5 6 , 5. Henzen ibid. 1871 S. 53 ff. zu ver-
gleichen. Ein sehr nahe belegener zweitei
Hain der Göttin, ein Buchenhain im Weichbild
von Tusculum auf dem Hügel Corne, wird da
gegen nur einmal aus zufälligem Anlafs voi
Plinius erwähnt (hist. nat. 16, 242); er hatti
damals geringe Bedeutung; doch war sein Kuh
altheilig (antiqua religio Dianae) und, wie e;
scheint, ursprünglich gemein-latinisch (sacra
tus a Latio). So hat aber endlich auch de:
60 Haupttempel Dianas im alten Rom ge
meinlatinische Bedeutung gehabt. Diania ode
Kapellen der Göttin, die z. T. schon früh wie
der eingingen, befanden sich zu Rom auf dei
Carinen am Vicus Cyprius (Liv. 1, 48, 6), au
dem Caeliolus (Cie. Harusp. resp. 15) und ai
anderen Stellen. Bedeutsamer war ihr voi
Servius Tullius gegründeter Tempel auf den
Aventin, also aufserhalb des ursprünglichste!
1005 Diana (Wald- u. Seegöttin)
Stadtbereiches: ein commune Latinorum Dia-
nae templum ( Varro De 1. I. 5, 43). Die alte
Dedikationsurkunde der Verbündeten (lex arae
Dianae in Av.) in griechischer Schrift, welche
jährlich einmalige Festzusammenkunft be-
stimmte , wurde noch zu Augustus’ Zeit in
diesem Tempel gelesen {Dion. Hai. 4, 26 ; vgl.
Orelli N. 2489. C. I. L. 3, 1933). Dedikations-
tag waren die Iden des August ( Martial 12,
67: Augustis redit Idibus Diana ; Festus S. 343;
C. I. L. 1. S. 399. Orelli-Henzen Nr. 6086). Es
scheint bemerkenswert, dafs an demselben Tage
auf demselben Aventin auch dem Gott der
Fruchtbäume Vertumnus geopfert wurde (0. I.
L. 1 S. 399). Auch weiterher aber kam man
gelegentlich , um dieser Diana zu opfern , wie
jener Sabiner mit seinem prodigiosen Opfer-
tier, von welchem eine dortige Tempellegende
zu erzählen wufste (s. unten).
Als erste Eigenschaft der Tages- oder Him-
melsgöttin Diana tritt ganz ähnlich wie beim
Lichtgott luppiter dianus (vgl. Preller3 1 S. 113)
i ihre nahe Beziehung zur vegetabilischen
Natur heraus, insbesondere zu Wald undHai-
nen. Sie ist dea nemorensis und haust, wie am
! Waldsee bei Nemi, so in denEichen des Algidus,
unter den Buchen von Corne, auf dem gewifs
; waldreichen mons Tifata {tifata bedeutet iliceta
Paulus S. 366 M.). Sie ist Waldgeist und 0b-
] walterin der urwüchsigen und ohne mensch-
liches Zuthun spriefsenden, fruchtbaren Vege-
tation; dagegen eignet ihr weniger die Sorge
um die Saaten des Feldes, deren Wachstum
Menschenhand regelt. Ihr und dem Waldgott
! Silvanus zusammen wird auf Inschriften häufig
dediciert, wie C. I. L. 6, 656, 658 u. a. Das
Priestertum in Aricia fiel nach alt-barbarischer
'Sitte demjenigen zu, der den bisherigen Prie-
Ister im Kampf erschlug; dazu hatte ihm aber
lein aus dem heiligen Hain selbst gebroche-
ner Ast als Waffe zu dienen ( Strabo S. 239
und sonst).
Allein nicht blofs als Baumgöttin zeigt
! Diana ihre Lichtnatur, sondern deutlicher in
anderen Merkmalen. Ähnlich wie der Wasser-
spiegel beim Phaedrus 1, 4 speculum lympha-
rurn heifst , bezeichnete das Volk mehr als
finen seiner Landseen als ,, Dianaspiegel “.
I Speculum Dianae hiefs der Lacus Nemorensis
■ Serv. z. V erg. Aen. 7, 515) und der See von
jabicum (de Bossi, Bull. arch. munic. 1, 270ff.);
lies liefse freilich verschiedene Deutungen zu;
nutmafslich ist der See hier doch aber als
;in „Licht- oder Himmelsspiegel“ gedacht. So
iflegte , wer der Aricinischen Diana Dank zu
erzeigen und Gelübde zu erfüllen hatte, neben
finden und Votivtafeln ihr vor allem bren-
nende Fackeln oder Lichter darzubringen, wie
hid sagt (Fast. 3, 269 f.): Saepe potens voti,
rontem redimita coronis, Femina lucentes por-
at ab urbe faces (Preller S. 317). Und dem
ntspricht eine freilich sehr kurze Schilderung,
■ /eiche wir beim Statins ( Silv . 3, 1, 55 f.) von
er Hauptfestfeier zu Ehren der Nemorensis
''halten ; diese Feier wurde an den Iden des
ugust begangen; denn Statius redet hier frei-
ch nur von „Iden der Diana“, sagt aber, dafs
dieselben in die Hundstage fallen und ferner,
Diana (Schützerin des Wildes etc.) 1006
dafs ganz Italien (omnis Itala terra ) sie ge-
meinsam feiere; also kann er nur die Iden
des August und den Festtag der Aventinischen
Diana meinen; die Feier aber findet nicht
nachts, sondern am frühen Morgen statt (iam
diesaderat), also zur Begriifsung des Tageslichts :
die Feiernden halten mit zahllosen Fackeln
einen Umzug, so dafs der See aufleuchtet (da-
her eben speculum Dianae) und der Aricinische
Hain voll Rauch ist. Diese Fackeln der Diana
versinnbildlichen das Aufleuchten der Früh-
stunde und das Erwachen des dies Dianae
(dies Dianae z. B. bei Afranius v. 141 R). Im
Zusammenhang hiermit erhält nun auf einmal
die anscheinend seltsame und allgemein ver-
schmähte Nachricht des Servius (zu Aen. 7,
776) Sinn und Gewicht, dafs Virbius, der He-
ros oder vielmehr „Gott“, der mit der Aricina
auf das untrennbarste verknüpft ist, nach der
Ansicht einiger geradezu mit Sol identisch
war: Virbium autem quidavi Solem putant esse.
Zur weiteren Erläuterung kann aber auch noch
der Name desjenigen dienen, welcher nach der
Tempelsage den lucus Nemorensis dereinst
konsekriert haben sollte; er lautete Manius
Egerius und man wird darin den Anklang an
die Morgenstunde mane gewifs nicht für zu-
fällig halten; sein Geschlecht blühte lange in
Aricia , und es gab ein Sprichwort multi
Mani Ariciae (Festus S. 145; vergl. übrigens
0. Jahn z. Pers. 6, 55 — 60).
Die Beziehung der Diana zum Tier leben
ist nicht so deutlich mehr nachzuweisen. Viel-
leicht war auch die Fruchtbarkeit der Herden
ihrer Sorge unterstellt; in der Vorhalle der
Diana auf dem Aventin sah man lange Zeit
ein grofses Gehörn aufgehängt , und die Le-
gende erzählte: ein Sabiner habe in seiner
Herde eine Kuh gehabt von übernatürlicher
Schönheit; die Seher, welche darin ein prodi-
gium erblickten, setzten das Tier in abergläu-
bische Beziehung eben zur Diana; wer dasselbe
der Diana opferte, sollte über Rom und La-
tium herrschen (Livius 1, 45, 3 ff.; vgl. Pint,
guaest. rom. 4). Sicherer ist, dafs schon die
italische Diana wenn auch nicht als Jägerin, so
doch als Schützerin des Wildes galt; denn
nur so kann sich erklären, dafs man die unter
Dianas besonderen Schutz gestellten entlaufe-
nen Sklaven im Volksmund „Hirsche“ nannte
(vergl. unten). Ebenso wurde auch Silvanus
Jagdgott (C. 1. L. 7, 451). Eine Darstellung
der Tifätischen Diana als Jägerin und mit
Fackel und Hirschkuh (Fiorelli u. Minervini
a. a. O.) ist dagegen sichtlich nach dem grie-
chischen Vorbild der (pilola/mudos "Agrspig ge-
macht, und nicht zuverlässiger ist die Jägerin
Diana bei Statius Silv. 3 , 1 v. 58 oder auf
einer Inschrift des 4. Jahrhdts. n. Chr. „vena-
tibus incluta“ (Nissen a. a. 0.) neben der späten
domna Artemis (sic) und ihren canes agrestes
silbatici bei Wilmanns ex. 2751. Mehr von
Belang könnte scheinen , dafs der erlesene
Hirsch beim Verg. Aen. 7, 483 ff. gerade im
Haine der Diana Nemorensis gejagt wird und
dafs sodann Silius Italiens 13, 1 1 4 fi. die cerva
in seiner Nachbildung der Vergilstelle als fa-
mula Dianae ausdrücklich bezeichnet. Aber
io
20
30
40
50
60
1007 Diana (Gott, weibl. Fruchtbarkeit etc.)
selbst die gewifs recht alte Verknüpfung unserer
Göttin und des Virbius mit dem Jagdheros
Hippolytos, worüber hernach zu reden ist, er-
giebt noch keinen sicheren Schlufs auf ur-
sprünglich cynegetische Funktionen jener bei-
den italischen Numina. Auch Grattius ist in
seinem Jagdgedicht v. 483—496 vielleicht von
griechischen Vorlagen beeinflufst.
Auch zum Menschenleben tritt unsere
Lichtgöttinin direktesteBeziehung; wie über die
Fruchtbarkeit der stets weiblich gedachten Pflan-
zenwelt waltet sie auch über die Fruchtbar-
keit der Frauen; sie ist Geburtshelferin, und
die Schwangeren sind es, die sie vornehmlich
anrufen. Cie. Be nat. dcor. 2 , 68 vindiciert
diese Eigenschaft in seltsamer Flüchtigkeit
nur der griechischen Artemis. Auch sie war
Ausflufs des Grundbegriffs der Diana und kann
darum keineswegs von Mond und Menstruation
hergeleitet werden, wie wiederum z. B. bei
Cicero a. a. 0. geschieht, der Luna und Lucina
nicht nur etymologisch, sondern auch begriff-
lich gleichsetzt. Falls der Glaube an den Ein-
flufs des Mondes auf die Geburt sich als ita-
lisch erweisen hissen sollte, was bezweifelt
werden darf, so war die Namengebung jeden-
falls hiervon unbeeinüufst. Die beste Analogie
ist für Diana eben die zweite Geburtshelferin
der Römer, Iuno Lucina; Lucina hiefs diese
göttliche obstetrix deshalb, weil sie „Licht
gab“, weil sie die Kinder „das Licht der
Welt“ erblicken liefs; so erklärt das Epithe-
ton ausdrücklich Ovid. Fast. 3, 255 : tu nobis
lucem, Lucina, dedisti. Ganz ebenso heifst die
zweite Geburtshelferin Biana, d. i. die das
Tageslicht sehen läfst : quae cliem dedit infan-
tibus, als cpcoacpoQo ? oder cpsQsoßios. Sie wurde
darum auch selbst mit Zusatz Diana Lucina oder
Genitalis zubenannt [Borat, carm. saec. 15) oder
Dianalucifera aufMiinzen,und schon Titus Tatius
vo vierte neben ein ander Bianae Lucinaeque ( Var -
ro de 1. I. 5, 74). Nur Frauen hatten in Rom zu
ihrem Heiligtum im Vicus Patricius Zutritt
( Blut . quaest. rom. 3). Und vornehmlich Frauen
scheinen, wie die Cynthia des Propertius 2, 32,
9f. zu Aricia jene brennenden Fackeln und
Lichter ( lumina ) dargebracht zu haben, von wel-
chen vorhin die Rede war. Frauen auch nen-
nen sich auf mehreren Votivtafeln, Orelli 1453.
1455. 1456. C. I. L. 3, 1773 (vgl. aus ältester
Zeit jene Cesulla Atilia C. I. L. 1 , 168), und
bei Nemi sind nebst dem Bild einer Kreifsen-
den in Relief bekränzte Frauenköpfe ausgegra-
ben worden, welche genau jenen Worten Ovids
frontem redimita coronis femina (s. ohen) ent-
sprechen [Graevius Thesaurus 12 S. 754). An
den Iden der Diana reinigten sich die Frauen
Haupt und Haare ( Plut . a. a. 0. 100).
Aber der Funktionen der Göttin gab es
noch mehr. Das Heil aller Menschen lag ihr
am Herzen und auch von Männern nahm sie
Opfer. In der verlorenen Togatkomödie Ex-
ceptus des Afranius wurde anscheinend irgend
wer aus den Wellen gerettet, und der Retter
löst zum Dank sein Gelübde der Diana [solvo
operam Bianae, v. 144 Ribb.) ; vgl. dazu das
fatorum labes minasque exire bei Grattius v. 495.
Vor allem „galten“ ( vulgo existimatur ) die Iden
Diana (Mythen, Virbius etc.) 1008
der Diana auch als Festtag der Sklaven , an-
geblich, weil Servius Tullius, servus von Ge-
burt, das Dianium auf dem Aventin gegründet
hatte; insbesondere standen die servi fugitivi
unter ihrem Schutze, denn diese Flüchtlinge
schienen dem gehetzten Wilde vergleichbar
und wurden so statt servi cervi benannt
( Festus S. 343. C. 1. L. 1 S. 399) in ersichtli-
chem Silbenspiel und ähnlich gleichnisweise,
10 wie man z. B. die scorta lupae zu nennen
pflegte.
Endlich aber erhob sich die Dianareligion
im alten Latium sogar zu hoher politischer
Bedeutung. Gleichsam in Konkurrenz mit dem
Iuppiter Latiaris und anderen Gemeinkulten
(vgl. Ambrosch a. a. 0. S. 223) hat ihr Dienst,
wie schon oben gezeigt ist, an verschiedenen
Stätten, zu Rom wie zu Aricia und Tusculum
die Römer und die verschiedenen latinischen
20 Stämme zu jährlich gemeinsamem Opfer ver-
einigt und so dem Bewufstsein der politischen
und Stammesgemeinschaft als Träger gedient.
Diese Thatsache beweist, dafs vor dem Ein-
dringen griechischer Kulte die Naturreligion
der Diana bei den Italikern in allerhöchstem
Ansehen gestanden haben mufs. Innerhalb
Roms erscheint die Diana in Aventino in älte-
rer Zeit gelegentlich als Schutzgöttin der
Plebs (vgl. Liv. 2, 32. 3, 51. 54. Scdlust Lug.
30 31 , 17).
Mythen haben sich wenige an die Diana
geknüpft und sie verraten schon den griechi-
schen Einflufs. An der alten , erzenen Porta
Raudusculana zu Rom war der gehörnte Kopf
des Prätors Genucius Cipus (s. d.) zu sehen;
dem sollten Hörner gewachsen sein, als er sein
Heer aus diesem Thore führte , und man ver-
glich sein Schicksal mit dem des durch Arte-
mis verwandelten Aktaion [Ovid. Met. 15, 565 f.
40 Val. Max. 5, 6, 3. Plin. hist. nat. 11, 123).
Schon Cato erzählte ferner (S. 15 Jordan), dafs
das Dianabild zu Aricia von Orestes aus Tauri
über Rhegium dorthin gebracht worden sei,
und man hielt die Nemorensis geradezu für
die TuvQonoloq [Strabo S. 239) aus Anlafs der
vorhin erwähnten grausamen Zweikämpfe um
ihr Priestertum (ßa^ßapixov x«i anv&inov rffog).
Deshalb redet auch Silius von immite nemus
und immitis Aricia 4, 369. 8, 364; und die
50 placabilis ara Bianae bei Vergil 7, 764 hat
den Kritikern nicht unbegründeten Anstofs ge-
geben, Wichtiger aber ist der zu Aricia mit
Diana zusammen verehrte „Gott“ oder „Sonnen-
gott“ Virbius (s. oben). Er ward zum Heros
und Weidmann und sollte dort ihr erster Priester
(rex nemorensis) gewesen sein ; man wufste
aber jetzt auch von ihm nicht anders , als
dafs er mit dem griechischen Hippolytos iden-
tisch sei; Hippolyt wurde zwar durch die
60 Rosse des Poseidon zerrissen (die Sonne, die
im Meer untergeht?), allein Diana belebte den
Toten durch Hilfe des Asklepios und verbarg
ihn liebend im Hain von Aricia, wo er nun
unbekannt unter dem Namen Virbius haust;
denn sein griechischer Name gemahnte an die
verderblichen Rosse; auch durfte kein Pferd
hinfort den heiligen Bezirk betreten [Ov. Met.
15, 497 ff. Fast. 3, 265 f. 6, 735f. Apollod. bibl.
1009 Diana (Mythen, Virbius etc.)
3, 10 u. a.; vergl. Forbiger z. Verg. Aen. 7,
761 ff. A. Kalkmann , De Hippolylis Euripi-
deis Bonn 1882. S. 55ff.). Bei Vergil zeugt
dann Virbius weiter einen gleichnamigen Sohn,
der an den Kämpfen wider Aineias sich be-
teiligt. Einen clivus Virbi erwähnt Persius 6,
56, ein Bildnis Servius (z. Verg. 7, 776), und ein
solches ist wirklich bei Aricia gefunden wor-
den (s. Uhden in Abhdl. d. Berl. Alcad. 1818.
S. 189f.; vgl. M. Pio-CIem. 3, 39'?). Vier
Diana (== Artemis) 1010
felhaft, ob der erste Bestandteil mit den gött-
lichen Vires, mit virere zusammenzustellen ist
( Jordan vergleicht verbena) oder vielmehr mit
ver; denn der Frühling ist es ja, den die Sonne
wirkt. Die Vermutung Kalkmanns a. a. O ,
dafs diese ätiologische Fabel in den Ai'zux
des Kallimachos stand und erst daher den
Körnern durch Varro vermittelt wurde, hat nicht
hinlängliche Sicherheit; doch ist der Einflufs
des fabulierenden Griechentums hier evident,
der den starren numina Italiens menschliche
Bezüge zu geben sich bemüht hat. Echt ita-
lisch endlich ist auch noch Name und Funk-
tion der Quellnymphe Egeria, die im selbigen
Haine mit Verehrung fand und der römischen
Egeria vor der porta Capena gleicbgesetzt
wurde. Sie war nach der Etymologie und
Erklärung bei Paulus S. 77 M. egerens oder
„entbindend“ wie Diana, und die schwangeren
Frauen opferten ihr. Die Dichterfabel aber
machte sie zur Erzieherin des Virbius. Ein
jüngerer Virbius als Sohn einer Egeria er-
scheint noch bei Silius 4, 382.
Diana glich der griechischen Artemis nicht
nur, sofern sie nemorensis, sondern auch so-
fern sie genitalis war; die Identifizirung bei-
der konnte daher früh ausgeführt werden. Ori-
ginale bildliche Darstellungen hatten die
Italer von ihr anscheinend keine; schon das
alte Kultbild des Dianium auf dem Aventin
entsprach dem der grofsen Ephesiscben Arte-
mis. [Inbetreff der hier nach D. a. K. 2, 16,
168 gegebenen Münchner Diana von Gabii,
welche unzweifelhaft ein Tempelbild darstellt,
sei auf Schreibers Artikel Artemis (oben
S. 596 f.) verwiesen. Roscher.] Auch die
römische Litteratur, die für uns erst
seit dem zweiten punischen Kriege anhebt
und die ja von griechischen Mustern voll-
kommen abhängig war, hat im wesentlichen
die griechische Artemis getreu übernommen,
nämlich diejenige, unter deren Begriff schon
so Eileithyia wie Hekate und Selene subsu-
miert waren. Allerdings wissen die Monumente
in späterer Zeit gelegentlich noch Luna und
Diana korrekt zu sondern, wie auf der In-
schrift Ephem. epigr. 4 S. 269, wo zugleich
Sol Luna Apollo Diana erscheinen, oder C. I.
L. 5, 3224, wo Luna neben Diana lucifera
steht, beide verschieden gebildet, die letztere
als Jägerin. Doch schon bei Ennius trag.
v. 318 Vahlen heifst Diana Trivia, und dieselbe
der Hekate entlehnte Bezeichnung drang in den
Kult der Tifatisehen Diana ein ( Orelli-Henzen
5707). Aus dem Gebiet der römischen Poesie
sei noch besonders auf den Dianahymnus Ca-
tulls c. 34, auf den des Horaz carm. 1, 21,
auf desselben Horaz Säkularlied und Ode 3, 22,
auf Grattius Cyn. v. 483 ff. verwiesen. Diana
ist hier nicht nur Schützerin des Wildes,
sondern Jägerin, sie ist Mondgöttin, sie ist
Schwester des inzwischen gleichfalls recipierten
Griechen Apollo. Auf Grund des griechischen
Zwölfgöttersystems wurde zu Rom bei den Lec-
tisternien neben den Paaren luppiter und Iuno,
Neptun und Minerva, Mars und Venus auch schon
Diana mit Apoll als Götterzweiheit vereinigt
(Liv. 5, 13. Dion. Hai. 12, 9; vgl. Liv. 22, 10.
io
20
30
40
50
GO
1011
Dido
1012
Diana (u. Apollo etc.)
Klausen, Aneas 1 S. 258 f.) Nachdem sodann
M. Ämilius in der Schlacht gegen die Ligu-
rer v. Jahre 187 den Dianatempel beim Circus
Flaminius geloht hatte, weihte Augustus sei-
nen Palatinischen Apollotempel nicht ohne der
Diana Victrix neben dem Bruder Kaum zu ge-
ben. Apollini et Dianae findet man auf In-
schriften häufig dediciert , z. B. I. B. 1751.
C. I. L. 3, 986. 5, 4199. Beiden zusammen
wurden auch i. J. 17 v. Chr. die Säkularspiele l
gefeiert (im Sommer vgl. Glaudian. de VI cons.
Hon. v. 388 f.), wobei nach des Zosimos Be-
richt (2, 5) wiederholt griechische und latei-
nische Chorlieder ihnen zu Ehren gesungen
wurden, nachdem in den Vortagen eine Natu-
ralienspende an das Volk u. a. auch im Tem-
pel der Diana in Aventino verteilt war. ln
der Kaiserzeit wird sodann auch einer Diana
Augusta dediciert, z. B. in Born C. I. L. 6,
128; ferner Boissieu , Inscr. de Lyon S. 19. 2
Ephem. epigr. 2, 966. C. I. L. 5,‘ 771. 772.
8, 955 ; oder auch der caelestis Diana augusta,
z. B. C. I. L. 5, 5765. 8, 999. Merkwürdiger
ist die Identifizierung der Diana mit Vesta auf
der bei Aricia gefundenen Inschrift Wilmanns
ex. 1767, woraus sich vielleicht erklären kann,
dafs bei Propcrt. 2, 29, 27 Cynthia der Vesta
ihre Träume erzählt, wo wir die Nennung Dia-
nas oder der Isis erwarten ; einen weiteren
Bezug zwischen Diana und Vesta vermutet 3
Premier, Hestia- Vesta S. 239 Anm. Merkwürdig
endlich ist auch jenes Kolleg von Verehrern
der Diana und des Antinous zur Bestattung
armer Leute, das zu Lannvium unter Hadrian
bestand ( OrcJli 6086 aus d. J. 136 n. Chr. ;
vgl. Boissier, Ja religion rom. d' Auguste aux
Antonins 2. S. 308 f.). Vielleicht beruht auf
ähnlichen Voraussetzungen, wenn ein Grabmal
geradezu als sacrum Dianae bezeichnet wird,
wie bei Henzen n. 5704: D. M. sacrum Dea - 4
nae und ebenso Wilmanns ex. 242. Die Göt-
tin scheint hier insbesondere als Hekate, d. i.
als Unterweltsgöttin gefafst zu sein. [Birt.l
Diana, aus *Div-ana, etruskisch-römische
Mondgöttin, s. unter Tio (etruskisch). [Deecke.]
Dianus, Beiname des Inppiter (= Ianus?)
auf einer Inschrift aus Aquileia, C. I. L. 5, 783:
Iovi | Dianö j C. Herre \ n . nius. | Candidus \
v. s. 1. m. Vgl. Diana S. 1003, 50 u. s .Jordan
zu Preller, Ii. AI.3 1, 167, 2. [Steuding.] 5
Diaphoros (Aidcpogog), wird von Hygin. f.
97 unter den Griechen genannt, welche gen
Ilion zogen, und heifst judex , wie Epeus ar-
chitectus, Calchas augur. [Stoll,]
Diaprepes (z/ta ngenyg) König von Atlantis
und vieler anderer Inseln des Oceans. Plat.
Gritias 114 c. [Steuding.]
Dias (z/tag, -avzog) , 1) einer der Titanen,
Et. M. s. v. z/tag. — 2) Sohn des Abas, Bru-
der des Alkon und der Arethusa , welcher 6
’A&rivca z/tadsg auf Euboia gründete, Steph. Byz.
s. v. ’A&rivat, Bursian, Geogr. v. Griechenland
2, 409 f. — 3) Sohn des Pelops (Et. M. s. v.
z/tag) und der Hippodameia, Bruder des Atreus
und Thyestes. Atreus heiratete Kleolla (Kleola),
die Tochter des Dias, und zeugte mit ihr Plei-
sthenes, den Vater des Agamemnon, Menelaos
und der Anaxibia, Schol. Eurip. Or. 5. Nach
Ilesiod u. Aeschylos b. Tzetz. Exeges. in II.
p. 68, 20 war Kleolla, die Tochter des Dias,
Gemahlin des Atriden Pleisthenes, Mutter des
Agamemnon, Menelaos und der Anaxibia. —
4) Dias und Thoas hiefsen die Rosse des Am-
phiaraos (öioucu u. Hoog), Schol. Pind. Ol. 6,
21. . [Stoll.]
Riaulos ( Aiavlog ), der erste Erdensohn nach
eleusinischer Sage ; vgl. Pindars neuentdeck-
tes Fragment aus Hippolytos ed. Duncker et
Sclmeidewin p. 135 f. ; vgl. auch Schneidewin
im Philol. 1,421 ff. 437. Gerhard, Gr. Myth. 2.
§ 639, 3. Welcher, Gr. Götterl. 2, 473 will z/t-
oavlog lesen, s. Dysaules. [Stoll.]
Bidnasos ( Jiövuaog ), ein Inder, Vater des
Morrheus und Orontes, welcher, um den Tod
des letzteren zu rächen, trotz seines Alters am
Kampfe gegen Dionysos teil nimmt , Nonn.
Dion. 26, 79. [Steuding.]
Dido (Elissa). Ihr Name und ihre Schicksale
wurden, soweit nachweisbar, zuerst von Ti-
mäus (fr. 23 Müller ) in die Litteratur einge-
führt. Seine Erzählung giebt, wenn nicht ganz
vollständig , doch innerhalb dieser Beschrän-
kung anscheinend fast ganz ungetrübt, lustin,
18, 4, 3 — 6, 8 wieder; aufserdem lassen sich
einzelne Züge, die der letztere fallen gelassen,
noch aus sehr späten und im übrigen sehr ge-
trübten Niederschlägen der Tradition mit an-
nähernder Sicherheit herausfinden. Danach
setzte der tyrische König Mutto (= oder
■jtra „das Gegebene, das Geschenk“, vgl. Mo-
vers, Phönizier 2, 1 S. 353. Schröder, die phön.
Sprache S. 127) bei seinem Tod seine Tochter
Elissa und seinen Sohn Pygmalion zu Erben
seiner Herrschaft ein; doch ward nur der letz-
tere, obwohl noch ein Knabe, vom Volk als
Herrscher angenommen. Elissa vermählte sich
mit ihrem Oheim Sieharbas (über die verderbte
Namensform Acerbas s. v. Gutschmid im Litt.
Centralblatt 1872, Sp. 659), der als Priester
des Hercules die nächste Stelle nach dem
König einnahm. Aus Begier nach seinen ver-
borgen gehaltenen Schätzen tötet diesen nun
Pygmalion , freilich ohne sein Ziel damit zu
erreichen. Elissa aber, die sich darauf voll
Abscheu lange von ihrem Bruder ferngehalten
hat, erlangt schliefslich unter dem Vorgeben,
zu ihm übersiedeln zu wollen, Schiffe von dem-
selben, die sie mit den Schätzen des Sieharbas
und den Heiligtümern des Hercules besteigt,
um, nachdem sie die Bemannung durch eine
List zum Ansclilufs bewogen, nach dem Westen
zu entfliehen , begleitet von mifsvergnügten
Mitgliedern der tyrischen Aristokratie. Von
der beabsichtigten Verfolgung wird Pygmalion
durch die Bitten seiner Mutter und durch Dro-
hungen der Götter abgehalten. Auf Cypern
schliefst sich den Flüchtigen auf göttlichen
Antrieb ein Priester des luppiter (so jetzt
lustin ; richtiger aber wohl „der Iuno“, d. i.
Astarte, vgl. Serv. ad Aen. 1, 443, nach wel-
chem er auch später den Platz für die neue
Stadt bezeichnet) an, für sich und seine Nach-
kommen das Priestertum in dem neuzubegrün-
denden Staat sich ausbedingend; aufserdem
rauben sie als Gattinnen für die junge Mann-
schaft 80 Jungfrauen, die der Sitte gemäfs am
1013
Dido
Dido
1014
Gestade ihre Jungfrauschaft opfern wollten.
Elissa tritt an der Küste Afrikas, wohin sie
darauf gelangt, mit den Eingeborenen (Mdgi-
xrg, JEustath. ad Dionys. Perieg. 195—97 bei
G. Müller, Geogr. Gr. m. 2; über die Bedeutung
dieses Namens s. Meitzer, Gesell, d. Karth. 1,
S. 52, 431) in freundschaftlichen Verkehr und
erwirbt durch die bekannte List mit der Rinds-
haut (woher später der Name Byrsa) Land zu
einem zunächst nur vorübergehenden Aufent- io
halt. Eingeborne lassen sich neben den An-
kömmlingen nieder und wünschen sie bei sich
festzuhalten ; auch Gesandte von Utica bringen
Geschenke und ermuntern zur Gründung einer
Stadt. So schreitet man dazu, nachdem ein
jährlich an die Eingebornen zu zahlender
Grundzins festgesetzt worden ist. Da die Auf-
findung eines Rindskopfs beim ersten Grund-
graben als ein minder günstiges Vorzeichen
erscheint, schlägt man an einer andern Stelle 20
ein , wobei man (unter einer Palme , Eustath.
a. a. 0.) den Kopf eines Rosses, ein Vorzeichen
künftiger Kriegstüchtigkeit und Stärke (und
zugleich den Anlafs zur Benennung Kav-naßri
für die Stadt, Eustath. a. a. 0., vergl. Steph.
Byz. s. v. Kcigiydcov), findet. Durch weiteren
Menschenzuflufs aus dem Umland wächst die
Stadt rasch an. Da verlangt Jarbas, der König
der Maxitaner, unter Androhung des Kriegs
für den Weigerungsfall, die Hand der Elissa. 30
Da sie diesem von ihr verabscheuten Verlan-
gen sich nicht anders entziehen kanu, errich-
tet sie nach Ablauf der ausbedungenen drei-
monatlichen Frist unter dem Vorwand, dem
Sicharbas ein Totenopfer darbringen zu wol-
len, einen Scheiterhaufen und giebt sich auf
diesem selbst den Tod [vergl. Antliol. Plan.
151 R.]. So lange Karthago unbesiegt stand,
ward sie als Göttin verehrt. Den Namen
Dido übersetzte Timäus (fr. 23; vgl. Eustath. 40
a. a. 0. Etym. M. p. 272 s. v. Asiöd. Eudoc.
viol. 268, p. 194 — 97 Flach ) mit nhxvr\ng. Ob
er Anna als Schwester derselben genannt hat,
mufs dahingestellt bleiben.
In allen wesentlichen Punkten denselben
Bestand gab (übrigens selbstverständlich durch-
aus unabhängig von Timäus) Nävius, wie seine
Fragmente (9. 10. 12. 14 Vahlen) und mehr
noch die an die seinige stark angelehnte Darstel-
lung Vergils ( Aen . B. 1 u. 4) erkennen lassen, 50
nur erheblich .erweitert durch die Zusammen-
- führung des Äneas mit Dido. Er hat auch
sicher Anna genannt, obwohl kaum in bedeu-
tungsvollerer Stellung als Vergil, und ohne
i ihr Schicksal über Didos Tod hinaus zu ver-
folgen; Didos Vater hiefs bei ihm anscheinend
Mettes ( Serv . ad Aen. 1, 343), der libysche
König vielleicht Iopas (Serv. ad Aen. 1, 738).
Sofern Vergil von jenem Bestand abweicht,
Motive fallen läfst oder durch andere ersetzt, 60
Namen ändert (über Sychäus statt Sicharbas
vergl. Sero, ad Aen. 1, 343), Beziehungen und
Verhältnisse um- oder ausgestaltet, ist dies
nur der Rücksicht auf die Bedürfnisse seiner
dichterischen Darstellung zuzuschreiben. En-
nius, der einmal (fr. 8, 24 Vahlen ) die Punier
als „Didone oriundos“ bezeichnete, scheint auf
die Gründung Karthagos nicht eingegangen zu
sein. Cato ( Solin . 27, 9 — 11) liefs Karthago
von der Tyrierin Elissa (Elisa, Meitzer a. a. 0.
S. 476) gegründet werden, als der König Ja-
pon in Libyen herrschte, und zuerst Carthada
(= nova civitas) benannt sein, mit der Zeit
aber seien auf punisch beide Namen in Kar-
thago und Elisa (Elissa, Meitzer ) umgewandelt
worden. M. Terentius Varro (Serv. ad Aen.
5, 4; vgl. 4, 682) glaubte annehmen zu sollen,
dafs nicht. Dido, sondern Anna es gewesen sei,
die den Äneas geliebt und sich den Tod ge-
geben habe. Die Zusammenführung des Äneas
und der Dido-Elissa ist weiterhin definitiv fal-
len gelassen worden , augenscheinlich unter
dem Einflufs der Thatsache , dafs gegenüber
der auf eine weit frühere Zeit weisenden und
mit anderen Persönlichkeiten operierenden Da-
tierung des Philistus ( Synccll . p. 324, 2 ed. Bonn.
Hievon, ad a. Ahr. 803. App. Pun. 1, übernommen
von Eudoxos , Schol. ad Eur. Troad. 220 ed.
Cobet in Eur. Phoen. ed. J. Geelius, in mifs-
verständlicher Fassung nachwirkend bei Euseb.
ap. Sync. p. 340, 14. vers. Arm. ad a. Ahr.
978. Hieron. ad a. Ahr. 974), sei diese nun
mit Meitzer a. a. 0. S. 105, oder mit v. Gut-
schmid, Neue Jahrb. /'. Philol. 121 S. 295, oder
mit Ungcr , Bhein. Mus. f. Pliilol. n. F. 35,
S. 31 zu erklären, die auf das Jahr 814 ge-
stellte, eine derartige Berührung absolut aus-
scliliefsende (Serv. ad Aen. 1 , 267) Datierung
des Timäus die allgemeine Anerkennung er-
langte (Tim. fr. 21 = Dion. Hai. ant. 1, 74,
1; über die weiteren damit zusammenhängen-
den, bezw. mifsverständlicherweise daraus ab-
geleiteten oder danach zu berichtigenden Zeit-
angaben vgl. Meitzer a. a. 0. S. 108f. 459—63).
Und auch in materieller Hinsicht ist die be-
treffende Tradition, wie sie Timäus einerseits,
Nävius anderseits zuerst in die Litteratur ein-
fübrten, durchaus die herrschende geblieben.
Auf sie ist direkt oder indirekt jede fernere
Bezugnahme auf Dido-Elissa und die Gründung
Karthagos ihrem sachlichen Inhalt nach zu-
rückzuführen (vgl. App. Pun. 1. Veil. 1, 6, 4.
Sil. It. 1, 21 ff. ; vgl. 2, 410. 3, 241. Herodian.
hist. 5, 6, 4 und die zahlreichen Anführungen
bei Serv. ad Aen. 1 u. 4, der zugleich auf die
Behandlungsweise des Livius zu schliefsen ge-
stattet, übrigens mit der „historia Poenorum“,
bez. „Punica historia“, auf die er sich ad Aen.
1, 343. 738 beruft, gewifs nichts anderes be-
zeichnen will, als die Gründungsgeschichte in
der allgemein recipierten Form; tyrische Mün-
zen von Elagabalus an , vergl. Eclchel, doctr.
num. vet. 3 p. 388. Mionnet, descr. de med.
ant. 5 p. 433. 441 — 50. supplem. 8 p. 310 — 12),
nicht ohne dafs auf die Gestaltung im einzel-
nen auch schon wieder die Darstellung Ver-
gils von Einflufs gewesen wäre, aufserdem aber
auch zum Teil autoschediastische Erklärungs-
und Vermittelungsversuche (vergl. z. B. Serv.
ad Aen. 1 , 363. Eustath. a. a. 0. Malal. 6
p. 162 f. Cedrenus 1 p. 246 u. a. m.), endlich
augenscheinliche Mifsverständnisse und irrige
Namendeutungen (Dido = ,,virago“ Serv. ad
Aen. 4, 36. 674, vergl. 335. 1, 340; = olvöqo-
ipovog Eustath. u. a. m. ; vergl. Meitzer a. a. 0.
S. 122. 475) mit unterliefen. Ganz auf freier
1015
Dido
Dido
1016
Erfindung beruht, was über das Auftreten des
Jarbas und das Schicksal Annas (s. d.) nach Di-
dos Tode erzählt wird ( Ovid . fast. 3, 545 ff. ;
danach Sil. It. 8, 54 ff. unter Einsetzung von
Kyrene anstatt Malta, was Klausen, Aneas u.
die Penaten 2 S. 721 richtig erklärt; Eustath.
a. a. 0. , gegen Movers1 Deutung richtig er-
klärt von C. Müller, Geogr. Graeci min. z. d.
St.) , um die letztere mit der gleichnamigen
italischen Göttin in Verbindung zu bringen.
Nachdem früher nur oberflächlich versucht
worden war , in diesem Bestände sagenhafte
Bestandteile und einen sogenannten historischen
Kern von einander zu sondern, nahmen zuerst
Dido von dem fortsegelnden Aineias verlassen, neben ihr dienende Frauen und die
Afrika (vgl. Mus. Borb. 9, 4).
Klausen a. a. 0. Bd. 1, S. 502 — 15 und Movers,
Phönizier Bd. 1, S. 609 ff. Dido-Elissa ganz abzuleiten. Für
und voll für die Götterwelt in Anspruch, so scheint den eigentlichen Krystallisationspunkt
det ist. Derjenige des Philistus, der dies chro-
nologisch durch eine Bezugnahme auf den tro-
janischen Krieg, daneben durch die vorbildlich
an das in Karthago bestehende Doppelkönig-
tum angeknüpfte Personifikation Zcopog und
KaQxridcov als Gründer zum Ausdruck brachte,
beweist, dafs der Bericht des Timäus nicht in
Karthago selbst seinen Ursprung hatte, obwohl
derselbe schliefslicli wohl auch dort unter dem
io Eiuflufs des Hellenismus Eingang fand. Timäus
ebenso wie Ncivius und wohl auch andere
Römer der älteren Zeit schöpften das ihrige
aus einer Sage, die sich unter den Griechen
(bezw. hellenisierten Sikelern und Puniern) Sici-
liens ausgebildet hatte.
Seine Datierung erhielt
Timäus, indem er ein in
der Sage vorkommendes,
ursprünglich mythisches
Wesen namens Pygmalion
mit einem gleichnamigen
historischen König von
Tyrus, dessen Regierungs-
geschichte vielleicht noch
aufserdem Anknüpfungs-
punkte gab, identificierte;
selbstverständlich war
allerdings zugleich da-
mit für ihn die Benutzung
eines Zuges ausgeschlos
sen, der sich gleichfalls
wahrscheinlich noch in-
nerhalb jenes Kreises aus-
gebildet hatte und von
Nävius nur dorther über-
nommen und weiter aus-
gestattet, nicht geschaf-
en wurde (a. a. 0. S. 126;
übersehen von E. War-
ner , die Sage von ^ den
Wanderungen des Aneas
etc., Leipz., Progr. 1882.
S. 17): die Zusammenfüh-
rung von Aneas mit Dido-
Elissa, ersonnen, um die
Feindschaft Roms u. Kar-
thagos aus der vorbild-
lichen Entzweiung ihrer Stifter motivierend
die Ausbildung der Sage
Doch kam letzterer später von seiner Ansicht
zurück und nahm (s. besonders Plwn. Bd. 2,
1, S. 118 fF. 351 — 68. 2, S. 92—101. 133—57),
unter Benutzung sowohl des Philistischen als
auch des Timäischen Gründungsdatums , eine
ältere sidonische und eine jüngere ty rische
Kolonisation , eine mythische Dido und eine
historische Elissa an. Hauptsächlich hiergegen
richtet sich in ihrem negativen Teile die neueste
die Existenz einer Stadtgöttin von Karthago
(als datgoiv KtxQxgöovicov an erster Stelle ge-
nannt bei Polyb. 7 . 9 , 2 ; häufig dargestellt
auf karthagischen Münzen , vergl. L. Müller,
numism. de l'anc. Afr. 2, p. 74. 78. 84 — 104.
Supplem. p. 45 f. 48f.) abgegeben zu haben,
welche möglicherweise im Lauf der Zeit
auch schon in Karthago eine Auffassung als
Stifterin der Stadt erhalten hatte. Wurzelnd
Behandlung des Stoffes durch Meitzer a. a. 0. eo in dem grofsen weiblichen Gottesbegriff der
(S. 100 — 41. 458 — 78), dessen eigene Erklärung
im wesentlichen auf folgendes hinausgeht.
Beide Gründ ungsberichte sind ohne historischen
Wert, insofern mit Gewifsheit sich nur fest-
stellen läfst, dafs Karthago von Tyriern und
in der Zeit vor der (seit dem 8. Jahrh. v. Chr.
erfolgten) stärkeren Ausbreitung der Griechen
nach dem westlichen Mittelmeerbecken gegrün-
Semiten (s. Astarte) , vereinigte sie dessen
verschiedene Modifikationen in sich, war eben-
sowohl die „jungfräuliche“ Göttin (vergl. die
Virgo Caelestis im römischen Karthago), wie
die „wandernde , umherirrende“ (supponierte
Form bezw. iVU'ifi]; Wurzel "Tii, vgl.
Böchart, Chanaan, 1. 1, c. 24. Movers in Ersch
u. Grübers Allgcm. Encycl., Sektion 3, Bd. 24.
fee
M:
....
V
feil
1017
Dido
Dike
1018
S. 439. J Schröder, die phöniz. Spr. S. 126), die
j „frohe, freudige“ (nük? ; als weiblicher Perso-
nenname mehrfach inschriftlich belegt, wie
auch ein entsprechender männlicher; Wurzel
j 1 ob's, vgl. bibl. tbs>, öbi>, und die „gnä-
dige, freundliche“ (SCH; als Göttin erwiesen
auch durch den Personennamen SOH^iS). Eine
Modifikation des grofsen männlichen Gottes-
begriffs scheint zu sein Sicharbas (== “öt
oder bezw. “757, „Gedächtnis
Baals“ oder „Baal gedenkt“', bezw. „dessen
Baal gedenkt“?), ein göttliches Wesen auch
, Pygmalion (= “pi^-CSS „der vom Höchsten
Angetriebene“ oder ‘ji“'W-DS>S „ Ambofs des Höch-
sten“?). desgleichen ein in naher Beziehung zu
i Baal-Melkart stehender Gott Jarbas
„Baal erweckt“ oder „der, welchen Baal er-
weckt“ nach J. Euting), letzterer anscheinend
, früh verschmolzen mit einem national-libyschen
Gott, dessen Name einen, wenn auch vielleicht
inur entfernten, Anklang darbot ("22""?) , und
somit befähigt, das Substrat für den König
Jarbas (Jopas, Japon) als eine Art von Reprä-
Isentanten der libyschen Urbevölkerung gegen-
über den phönikischen Einwanderern abzugeben.
Diese göttlichen Wesen wurden in dem oben
bezeichneten Kreise nach griechischer Art in
(Menschen umgesetzt; welche Züge des ursprüng-
lichen Mythus dafür mafsgebend waren , die
Beziehungen zwischen den letzteren und ihre
i Schicksale gerade so zu gestalten, wie sie uns
in der Gründungssage vorliegen, läfst sich frei-
lich bei der notorischen Unzulänglichkeit unse-
rer Kenntnis der phönikischen Religion und
Mythologie mehrfach nicht ausreichend fest-
stellen. In weiterem Umfang ist es möglich,
die Anlässe nachzuweisen, welche zur Ausbil-
[dung der Gründungssage aus historischen That-
sachen und Namen abgeleitet, bezw. auf dem
IWege der ätiologischen oder etymologischen
Fabel verwertet worden sind. Unter diesem
Gesichtspunkt betrachtet Meitzer namentlich:
die Unabhängigkeit Karthagos von Tyrus und
die aristokratische Gestaltung seiner Verfas-
sung, das vermutungsweise angenommene Be-
i ätehen eines erblichen Astartepriestertums und
siner politischen oder sakralen Einteilung in-
lerhalb der Bürgerschaft auf Grund der Zahl
1 I0(?), das wirklich oder nur vermeintlich höhere
Alter von Utica und das dort obwaltende Mifs-
l/ergnügen über die mit der Zeit eingetretene
Abhängigkeit von Karthago, den in das Grie-
chische umgesetzten Namen der Burgstadt
ntiS2) und die Thatsache, dafs Karthago bis
n das 5. Jahrh. v. Chr. an libysche Völkerschaf-
ten einen (übrigens in seiner Bedeutung meist
erkannten) Grundzins zahlte, das überaus häu-
ige Vorkommen von Palme und Rofs (bezw.
/orderteil oder Kopf eines solchen) auf kar-
hagischen Münzen und die etwaige Existenz <
iner, wie den Griechen unverständlichen, so
llerdings auch uns rätselhaften anderweitigen
Benennung der Stadt oder eines Teiles der-
elben.
Hiergegen erhebt E. Meyer, Litt. Centralbl.
880, Sp. 453 einige allgemeine Bedenken und
mpfiehlt wieder die Deutung des Namens Dido
Sls „amata“ nach Gcsenius ( monutn . Phoen.
p. 406; Wurzel üü"'). Für das Timäische Grün-
dungsdatum treten ein v. Gutschmid (N. Jahrbb.
121, S. 294ff.) und Unger (Philoiog. Anz. 11,
S. 386), ersterer zugleich unter Einspruch ge-
gen die Annahme von dem specifisch griechi-
schen Ursprung der damit verbundenen, übri-
gens immerhin gesondert zu betrachtenden und
ihrem Inhalt nach eventuell preiszugebenden
Erzählung. Ein ganz neues Element führt in
i die Diskussion B. Stade , de populo daran,
Giefsen, Progr. 1880 p. 8f. eiu, indem er den
Namen Elissa zu dem liCibN der Mosaischen
Völkertafel (Gen. 10, 4; vgl. Ez. 27, 7) in Be-
ziehung setzt und darin einen alten Namen
Karthagos erblicken will , der in der tyri-
schen Königstochter der Sage personificiert
erscheine. [Über Dido auf Bildwerken vgl.
Anth. Plan. 151. Müller, Ilandb. § 418, 3.
S. auch oben die Abbld. S. 1015/16. Inbetreff
i eines Tanzes vgl. Luc. salt. 46. R.] [Meitzer.]
Didoros (AiäcoQog Joseph., Aiödcogog Euseb.),
Sohn des Herakles und der Tochter des Aphra
(Abrahams Sohn), Vater des Sophon oder Sopho-
nas Alex. Polyh. bei Joseph, ant. Jud. 1, 15
u. Euseb. pr. ev. 9, 20 in Müller fr. h. gr. 3,
214, 7. Vielleicht ist ein Heros eponymos der
Al'öovqoi Ptol. 5, 9, 22. Plin. 6, 10, 29 ge-
meint, da an der betreffenden Stelle nur von
solchen die Rede ist. [Steuding.]
Didymaon, ein geschickter Waffenschmied,
von dem ein Werk, ein kostbarer Schild, im
Besitze des Aneas war, Verg. Aen. 5, 359.
Ilygin. f. 273. [Stoll.]
Dies bonus , als Gott verehrt auf einer In-
schrift aus Cäsarea (Mauret.), G. I. L. 8, 9323:
Eie. bono. [ M. Allecinus.Athictus \ dedit.libens.
animo. d. s. Unter derselben befindet sich das
Bild eines Knaben (des bonus puer Phospho-
rus ?). [Steuding.]
Diespiter s. Iuppiter.
Digidii bei Solin. 2, 9 s. Caeculus.
Digines, wohl celtische Gottheiten auf einer
Inschrift aus der Nähe von Köln, Orelli 1729:
Eiginibus (nach Lersch, C. M. 1, 27) | sacrum |
(S)ex. (C)omminius j Sacratus . et \ Cassia . Vera \
ex . imp. ips. (vgl. dig, deug = der Trank? Zeufs,
gr. C. p. 244a). Steiner , I. E. et Ith. 1080.
[Steuding.]
Diilyke (AuXvnrf), eine Amazone, statt der
Hippolyte als Besitzerin des Gürtels genannt,
nach dem Herakles ausgesandt ward. Ibykos
nannte sie Oiolyke, Schol. Ap. Ithod. 2, 777.
Wahrscheinlich ist ArjBv-ur] zu schreiben. S.
Diiovis s. Iuppiter. [Deilyke. [Stoll.]
Dikaios (AUcaog) , Sohn des Poseidon, der
die Stadt Dikaia in Thrakien gründete, Steph.
Byz. s. v. AUcau. Nach Konon n. 17 wohnte
er mit seinem Bruder Syleus (s. d.) in Thes-
salien am Pelion. [Stoll.]
Dikaiosyne ( AiY.caoovvg ) , 1) die Gerechtig-
keit, Personifikation. Vgl. Dike, Orph. h. 62.
[C. I. Gr. 3544. — 2) = Isis, C. I. Gr. 2295.
C. I. A. 3, 203. Flut. Is. et Os. 3. R.] [Stoll.]
Dikanos(?) Bei Schol. Theolcr. 1,65 ist statt
Aiv-uvog zu schreiben Ziuavog. Siehe Sika-
nos. [Stoll]
Dike (AUg — SUrf), die Gerechtigkeit,
s. auch Justitia u. Aequitas. Dike, Eunomia
1019
Dike
Dimoites
1020
und Eirene, Horen, nehmen in Obhut die Werke
der Menschen, Töchter des Zeus und der
Themis, Hesiod Th. 901, danachPmd. Ol. 13,6.
Apd. 1, 3, 1. Hyg. f. 36. 183. Diod. 5, 72; dazu
Lehrs, Aufs.2 83. Völkern, welche sie ausge-
stofsen haben, folgt sie weinend, in Nebel ge-
hüllt, Schlimmes bringend, Hes. op. 222—224;
die Jungfrau, des Zeus’ Tochter, ehrwürdig den
Göttern (danach Plato leg. 943 e); wenn einer
sie verletzt, so setzt sie sich zu Zeus und sagt io
40
Dike und Adikia (nach Nuove Memorie dell’ Inst. arch. 2
tav. 4, 4).
der Menschen ungerechten Sinn , damit er es
büfse, op. 256 — 260 anklingencl an Ilias 9,
505 — 512 betr. Ate und Litai; op. 261 — 262
von Lehrs u. Götti, athetiert; aus v. 259 nag
Aul hat sich Dikes Prädikat Bei-
sitzerin (fj-ui ’sdgog, TtägsSgog) des Zeus ent-
wickelt, Soph. O. C. 1381. Orph. hymn. 42. 61.
Arr. Alex. 4, 9. Pint. Alex. 52. Mit au dag
verbunden, aber unpersönlich, bei Hesiod und 50
Plato, vergl. Leop. Schmidt, Ethik 1, 179.
Aldcog yuxu Nsfitoug verlassen das eherne Ge-
schlecht und begeben sich in den Himmel,
op. 200, welche Vorstellung später an Dike-
Astraia haftet, einer der Personifikationen
des Sternbildes der Jungfrau, s. Astraia.
Dike, die Adikia würgend und mit dem
Stab schlagend (vgl. Eur. Hippol. 1160), Scene
am Kypseloskasten , Pausan. 5, 18, dazu das
Vasenbild Nuove Memorie 2 tav. 4, 4 nebst 60
Furtivängler , Bronzefunde aus Olympia 95.
Dike weifs, was geschieht und was geschehen,
kommt mit der Zeit als Rächerin, Solon 4, 14
Bergle. Ihre Tochter ist die Ruhe, Hesychia,
Pind. Pyth. 8, 1, wie Hes. op. 225 — 228 die
Wirkung ihrer Herrschaft Friede ist. Dike
lohnt den gerechten Wandel, Aesch. Ag. 773,
Polyneikes führt sie als Schildzeichen, als die-
jenige, welche ihn zurückführen werde, Sept. 646.
Meist ist sie den Tragikern die Rächerin des
Unrechts, bei Aesch. Cho. 639 ff. mit dem Rache-
schwerdt; mit Po ine verbunden ib. 947, mit
Erinys, Eum. 510. Ag 1432. Soph.. Ai. 1390.
Tr ach. 808. Eur. Med. 1389. Als eine Dienerin
der Nemesis, Plut. sera num. vind. 9. Als In-
haberin des Gerichtshofs, Kaibel, Epigr. n. 905,
5. 906, 3. 909, 9. Eine Statue ib. n. 813b
(p. XVIII). Als Adoptivmutter desHerakles,
also als Gattin des Zeus gedacht? Kaibel
Epigr. n. 831, 7. Dike des Todes, Kaibel
n. 522, 11. Vgl. Dikaiosyne. [v. S}Tbel.]
Rikte (Auv.Trf), eine kretische Nymphe, welche
am Berge Dikte verehrt ward. Von Minos
geliebt und verfolgt, stürzte sie sich ins Meer,
wurde aber in den Netzen (dnttua) der Fischer
aufgefangen und gerettet Minos stand nun
von ihr ab und gebot, dafs die Gegend nach
ihr die diktäische genannt werde, Serv. Aen.
3, 171. Vgl. Britomartis und Bryte. [Stoll.]
Diktynna s. Britomartis.
Diktys (z/nerug), 1) einer der tyrrhenischen
Schiffer, welche von Dionysos in Delphine ver-
wandelt wurden, Ov. Met. 3, 615. Hygin. f.
134. — 2) Ein Kentaur, auf der Hochzeit des
Peirithoos von diesem getötet, Ov. Met. 12,
334 ff. — 3) Sohn des Magnes und einer Na-
jade, der mit seinem Bruder Polydektes sich
auf der Insel Seriphos niederliefs, Apollod, 1,
9,6; vgl. Hesiod {fr. 26 Lehrs) b. Herodian.
de soloecismo ( Boisson . Anecd gr. 3 n. 9). Bei
Tzetz. Lyk. 838 heifsen Diktys und Polydektes
Söhne des Poseidon und der Kerebia. Phcre-
kyd. b. Schol. Ap. Bhod. 4, 1091 nennt Diktys
und Polydektes Söhne des Peristlienes (dessen
Vater Damastor ein Sohn des Nauplios war,
eines Sohnes des Poseidon und der Amymone)
und der Androthoe, der Tochter des Perikastor;
er begründet dadurch eine Verwandtschaft des
Diktys und Polydektes mit Danae (s. d.) und
Amymone. Polydektes ist der König von Seri-
phos, sein Bruder Diktys wird öfter blofs Fischer
genannt, Hygin. f. 63. Diktys rettete mit sei-
nen Netzen die Danae und den Perseus aus
dem Meere und wurde später von Perseus nach
der Versteinerung des Polydektes als König
der Insel eingesetzt; siehe Danae und Perseus.
[Über den Diktys des Euripides s. Nauck, fr.
tr. gr. p. 365. C. I. Gr. 6047. Welcher , Gr.
Tr. 2, 668 ff. R.] Zu Athen hatte Perseus
einen heiligen Bezirk, in welchem ein Altar
des Diktys und der Klymene stand , welche
den Perseus gerettet hatten, Paus. 2, 18, 1.
(Vö Icker , Tapet. Geschl. 204 möchte hier Kly-
mene in Klymenos = Polydektes = Hades ver-
wandeln). Vö Icker, lapet. Geschl. 203 ff. Mül-
ler, Prolegg. 314. Preller , Gr. Mythol. 2, Gl.
71. Gerhard , Gr. Myth. § 653, 3. 673, 2, 797.
— 4) Sohn des Poseidon und der Agamede,
Tochter des Augeias, Hygin. f. 157. — 5) Pflege-
sohn der Isis, Plut. Is. et Os. 8. [Stoll.] _
Dimoites (zhjuoiT^g), Bruder des Troizen,
dessen Tochter Euopis er heiratete. Euopis
erhängte sich wegen verbrecherischer Liehe,
die sie mit ihrem Bruder gepflogen, aus Furcht
und Scham, nachdem sie zuvor dem Dimoites,
der ihr Verbrechen ihrem Vater mitgeteilt, ge-
1021 Dindyme
flucht hatte. Nach nicht langer Zeit traf die-
ser eine von den Wellen ausgestofsene weib-
liche Leiche von grofser Schönheit, und von
Liebe ergriffen mifsbrauchte er dieselbe. Als
diese darauf in Verwesung überging, und er
ihr einen hohen Grabhügel aufgeworfen hatte,
! erstach er sich auf demselben, da die Leiden-
schaft Dicht nachlassen wollte, Partlien. Erot.
31. [Stoll.]
Dimlyme {AivSvgrf) , Gemahlin des Maion,
Königs in Plirygien und Lydien , Mutter der
Kybele, Diod. 3, 58. | Stoll. ]
Dindymene = Kybele (s. d.)
Dinus (Aivog, Anvog'/), eines der Menschen-
fleisch fressenden Pferde des Diomedes, Hygin.
If. 30. [Steuding.]
Dioclithondes (Aiox&wvdgg), Sohn des Mi-
nyas und der Phanosyra, Tochter des Paion,
Bruder des (thessalischen) Orchomenos und
Athamas, Schol. Ap. Rh. 1 , 230. Müller, Or-
chomenos 141. 175. [Stoll.]
Diogeneia (Atoysvsia), 1) eine der Töchter
des Keleos, Königs von Eleusis, Runs. 1, 38, 3.
Vgl. Hom. h. in Cer. 109 u. Baumeister z. d. St.
Preller, Demeter u. Perseph. 68. — 2) Tochter
des Kephissos, Gemahlin des Phrasimos, Mut-
ter der Praxithea, der Gemahlin des Erech-
theus , Apollod. 3, 15, 1. — 3) Tochter des
Phorbas, eines Sohnes des Lapithes. Ihr Va-
ter gab sie dem Alektor , König von Elis,
zur Ehe, während er selbst dessen Schwester
zum Weibe nahm, Eustatli. p. 303, 8; s. Phor-
bas. [Stoll.] •
Diokles (AioxXrjs), 1) Sohn des Orsiloehos
(auch Ortilochos, Schol. II. 5, 542 u. Schol. Od.
3, 489), Enkel des Alpheios, Fürst in dem mes-
senischen Pherä, aber Vasall der Atriden, Vater
der Zwillingsbrüder Krethon u. Orsiloehos, die
vor Troja von Aineias getötet wurden. Bei
hm übernachteten Telemachos und Peisistra-
;os auf ihrer Beise nach Sparta wie auf der
Rückkehr, II. 5, 541 ff. Od. 3, 488. 15, 186.
21, 16. Paus. 4, 1, 3. Eine Tochter von ihm
liefs Antikleia, Paus. 4, 30, 2. Curtius, Pelo -
dionnesos 2, 158. — 2) Einer der Fürsten von
t jüleusis, welche von Demeter in die eleusini-
■ chen Mysterien eingeweiht wurden, Hom. h.
\n Cer. 475. In V. 153 heilst er Dioklos, Paus.
14, 2. Preller, Demeter u. Perseph. 104f. —
H) Heros der Megareer, dem zu Ehren die
IlokXsioc gefeiert wurden. Er sollte ein athe-
üscher Flüchtling gewesen und in einer Schlacht
apfer kämpfend gefallen sein, indem er einen
i eliebten Jüngling mit seinem Schilde deckte,
iristoph. Ach. 774 u. Schol. Schol. Theolcr.
2, 28. Der Anführer der Besatzung, welche
u des Theseus Zeit die Megareer nach Eleu-
.1 is gelegt hatten, ist wohl derselbe. Theseus
äuschte ihn durch eine List und nahm Eleu-
is, Plut. Thes. 10. [Stoll.]
Diokorystes (AionoQvaTgg), Sohn des Aigyp-
os (s. d.), vermählt mit der Danaide Hippo-
ameia, Apollod. 2, 1, 5. [Stoll.]
Diomede (zAo,u?jdry), 1) Tochter des Xuthos,
emahlin des Deion, Apollod. 1, 9, 4; s. Dei'on
r. 1. — 2) Tochter des Lapithes, Gemahlin
es Amyklas, Mutter des Kynortes und Hya-
mthos, Apollod. 3, 10, 3. — 3) Gemahlin des
Diomedes 1022
Pallas, Mutter des Eurychos, der von Argos
aus mit gegen Troja zog, Hygin. f. 97. Die
Namen scheinen verderbt; Bunte z. d. St. ver-
mutet in Pallas und Eurychos die Namen
Thalpios und Eurytos mit Bezug auf II. 2,
620 f. u. Hygin. f. 81. — 4) Tochter des Phor-
bas, aus Lesbos, Geliebte des Achilleus, II. 9,
665. [Vgl. C. I. Gr. 8207 Roscher], Zenodot
schrieb: tco ös yvvr\ nuQiXsuzo Kccslq’, rjv As-
oßo&ev gys, Schol. z. d. St.; vgl. Paus. 10, 25,
2. Bei Eustath. Hom. p. 596, 22 lieifst. sie Dio-
medeia, ebenso Dilct. 2, 19. [Stoll.]
Diomedeia (Aiopgdsia), 1) von Iphiklos Mut-
ter des Iolaos, der bei der Landung der Grie-
chen hei Troja zuerst aus dem Schiffe sprang
und sofort von Hektor getötet ward. Deshalb
nannten ihn alle Protesilaos (s. d.) , Hygin.
f. 103. — 2) s. Diomede N. 4. [Stoll.]
Diomedes (Aiopgögg , ovg, m.) 1) Sohn des
Ares und der Kyrene, König der thrakischen
Bistonen, warf seinen Stuten die landenden
Fremden zum Frais vor, bis Herakles lan-
dete, ihn tötete und die Rosse zu Eurystheus
brachte, als achte Arbeit in dessen Auftrag,
Apollod. 2, 5, 8. Vgl. Jahn, Bilder Chroniken
S. 36 ff. zu C. I. Gr. 5984. Bull. 1874, 221.
Die Rosse hiefsen P od argos, Lampon, Xan-
thos und Dinos, Hyg. f. 30; sie waren mit
eisernen Ketten an eherne Krippen gebunden,
Diod. 4, 15; Herakles warf den König selbst
ihnen vor, ib. und Hyg. f. 250, er ging über
Pherä dahin, Eur. Alk. 65, 499 ff. H. F. 380 ff.
Bei Abdera am Strand des bistonischen Sees
zeigte man die Burg des Diomedes (ßaaz-
Xeiov JioggSovg, Strabo 7, frg. 44; turris Dio-
medis , Pomp. Mela 2, 29. Plin. n. h. 4, 42
nennt Tirida als alten Namen des Orts, wo
Diomedes’ Ställe waren), an der Mündung des
Flusses Kossinites in den See; das Wasser des
Flusses macht die Pferde wild, Ael. nat. an.
15, 25, dasselbe bewirke die Weide im Knies
Diomedis , Plin. 25, 94. Abdera, Schwester
des Diomedes, Pomp. Mela 2, 29. Solin. 10, 10.
Ab der os (s. d.), Eponymheros der Stadt, von
den Rossen zerrissen ( Strabo 7 , frg. 47) , als
Herakles sie ihm zu halten gegeben, um die
verfolgenden Bistonen zurückzuwerfen, ein Sohn
des Hermes und Liebling des Herakles, Apol-
lod. Die Rosse liefs Eurystheus frei, sie lie-
fen auf den Olympos, wo sie von Tieren zer-
rissen wurden, Apollod.-, vgl. Preller 3 1, 101.
2, 201; oder Eurystheus weiht sie der Hera,
ihre Nachzucht erhielt sich bis auf Alexander
d. Gr., Diod. 4, 15; das Pferd des Seius sei
aus dieser Zucht, Gell. 3, 9. Herakles giebt
die Rosse seinem Sohn Chrom is, Mythogr. 2,
151. Herakles tötet die Rosse mit ihrem Herrn,
mit Hilfe des Abderos, Hyg. fab. 30. (Vergl.
übrigens Hyg. mit Serv. Aen. 1, 752 u. Mytho-
gr. 2, 151). Viele Kunstdarstellungen, am amy-
kläischen Thron, Paus. 3, 18, 7; in den Bild-
cyklen der Heraklesthaten zu Olympia, Paus.
5, 10, 9, am athen. Theseion, Mon. 10, 58, 5.
Ann. 1878, 194; am theban. Herakleion Paus.
9, 11, 6, in Alyzia, Strabo 10, 459 und sonst.
Preller deutet Diomedes als Sturm- und Win-
terkönig, die Rosse als die Sturmrosse der
thrakischen Küste. Das sonst auf Diomedes
io
20
30
40
50
60
1023
Diomedes
Diomedes
1024
II bezogene Sprichwort Aioyriduos dvaynrj auf
D omedes I bezogen: Iilearchos b. Hesych. s. v.
East. 822, 23. — 2) Diomedes II, Sohn des
Tydeus und der Dei'pyle (Adrastos’ Toch-
ter), Ä toi er von Herkunft (ätolische Tradition,
Ann. 1875, 293), aufgewachsen und herrschend
in Argos, oft in der Ilias, s. v. Sybel, Mytho-
logie der Ilias 178. Als einer der Epigonen
nahm er teil an der Einnahme Thebens, II.
4, 406. Eust. 489, 38, Hyg. f. 71. Apollod. io
3, 7, 3. Taus. 2, 20, 5 u. 10, 10, 2 (Bilder d.
Epigonen), vgl. Overbeck, Plastik3 2, HO. Dio-
medes rächt seinen von Agrios’ Söhnen der
Herrschaft in Atolien beraubten Grofsvater Oi-
neus, führt ihn nach der Peloponnes und be-
gräbt ihn in argolisch Oinoe, Apollod. 1, 8, 6.
Paus. 2, 25, 2. Sur. Oineus; Schol. Ar. Ach.
418; Nauck, fr.tr. gr. 423. Ovid. Her. 9, 153.
Hygin. f. 171. 175 (Sthenelos mit Diom.), Epho-
ros bei Strcibo 7, 325. 10, 462 (Alkmaion mit 20
Diomedes); nach dem trojanischen Krieg setzt
den Vorfall I)ict. 6, 2 und Anton. Lib. 37.
Vasenbilder J Bull. 1871, 123; Müllers Denkm.
2, 957. Preller- Plew 2, 370. Als Freier der
Helena Hyg. f. 81. Apollod. 3, 10, 8. Mit
Odysseus auf Skyros, um Achill zum
Krieg zu holen, Overbeck, Gail. 287 ff. Helbig,
pomp. Wandgem. n. 1296 ff. Bull. 1879, 52.
Sarkophag Arch. Ztg. 1874, 69, 117. Beim
Abschied des Achill von Thetis, Helbig, An- 30
nali 1880 , 260. Im Krieg führt er die von
Argos, Tiryns, Hermione, Asine, Troizen, E'io-
nai, Epidauros, Aigiua, Mases, mit 80 Schif-
fen, II. 2, 559. Hyg. f. 97. Bei Iphigeneias
Opferung, mit Odysseus, Hyg. f. 98. Pomp.
Wandgem. Helbig, n. 1304. Förster, Arch. Ztg.
1874, 91. Beim Opfer auf der Insel Chryse,
auf der Fahrt nach Troja, rotfigur. Vasenbild,
C. I. Gr. 8403. Mit Odysseus ertränkt er den
Pal am e des beim Fischfang, Kyprien b. Paus, do
10, 31, 1. Seine Aristie, worin er Aphrodite
verwundet, II. 5. Bei der Losung II. 7, 163,
Gruppe des Onatas, Paus. 5, 25, 8. Diomedes
u. Nestor, herkul. Gern., nach II. 8, 2. O. Jahn,
Arch. Beitr. 393. In der Gesandtschaft an
Achill llictys 2, 48. Bibbeck, Böm. Trag. 114.
Mon. dell' Inst. 6, 19, 21. Arch. Ztg. 1880,
40. 1881, 150 Bobert. Mit Odysseus tötet er
den Do Ion (s. diesen) und den Rhesos
(s. diesen), dessen Rosse ihm zufallen, II. 10. 50
Hyg. f. 113. Vgl. Hoernes, Arch. Ztg. 1877,
21 Tf. 5. Im Kampf um Patroklos’ Leiche,
Vasenb. , C. I. Gr. 8200. Annali 1875, 265.
Gegen Hektor, Gerhard , a. Vas. 3, 192. C. I.
Gr. 7671. In den Leichenspielen für Patroklos,
11. 23. Vasenb. C. I. Gr. 8185. Zürnt über
Th er sites’ (seines Grofsoheims Agrios Sohn,
Apollod. 1, 8, 6. Schol. II. 2, 212) Tod durch
Achill und schleudert Penthesileias Leiche in
den Skamander, Lykophr. 999 Tzetz. Quint, co
Smyrn. 1, 767. Schol. Soph. Phil. 445. Dictys
4, 3. Kämpft gegen Aineias beim Zweikampf
des Achill mit Memnon, Gruppe zu Olympia,
Paus. 5, 22. Bobert, Bild und Lied 56. Im
Kampf um Achills Leiche, Mon. 1, 51. C. I.
Gr. 7678. Holt den Philoktetes von Lem-
nos, Kleine Ilias ; mit Odysseus, Soph. Phil.
570. 592. Hyg. f. 102. Mit Odysseus nach
Paris’ Tod in die Stadt, unr zu unterhandeln,
Dictys 5, 4. Raubt das Palladion mit Odys-
seus , der es ihm auf dem Rückweg nehmen
will, Kleine Ilias. Hesych. s. v. Ai oygdsLog
ccvayv.7]. Zenob. s. v. Konon 34.’ Sophokles'
Lakonierinneri; Ions Wächter (Welcher, Gr.
Trag. 145. 948, ep. Cyhl. 2, 242). Serv. Aen.
2, 162. Eust. 822, 23. Ptol. Heph. pag. 18 R.
Bildwerke: O. Jahn, Philol. 1, 46. Annali 30,
228. Overbeck, Gail. 578lf. , Taf. 25. Pomp.
Wandgem. Archäol. Zeitng. 1874, 116. Gior-
nale 1873, 2, 377. Ball. d. Inst. 1873, 240.
Münze von Argos, Arch. Ztg. 1873, 102. Spie-
gel , Ball. 1878 , 42. Sarkophagrelief aus Ly-
kien in Athen, Mitt. 2, 132 Taf. 10; v. Sybel,
Katalog n. 2974. Diomedes giebt den Troern
das Palladion (nebst Anchises’ Gebeinen) zu-
rück, Sero. Aen. 2, 166. 3, 407. 4_, 427. 5, 81.
Mit Helena und einem Krieger in Vasenbil-
dern, Overbeck, Gail. 584 n. 33. Annali 1881,
179. Im hölzernen Pferd, Hyg. fab. 108.
In der Iliupersis des Lesches tötet er Kassan-
dras Freier Koroibos; danach Polygnot, Paus.
10, 27, 1; in der des Brygos , Heydemann,
Iliupersis. Bobert, Bild und Lied 68. Arch. Ztg.
40, 44. In vier Tagen von Troja nach Argos
heimgekehrt, Odyss. 3, 180. Auf der Heim-
kehr nach Libyen verschlagen; König Lykos
will ihn dem Ares opfern, Lykos1 Tochter Kal-
lirrhoe rettet ihn, luba bei Plut. Par all. Graec.
et Bom. h. 23. Heimgekehrt fand er seine
Gattin Aigialeia (s. d.) untreu, von Aphro-
dite aus Rache für ihre Verwundung ver-
führt ; Kometes, Kyllarabos, Hippolytos werden
als Liebhaber wechselnd genannt; Diomedes
flieht auf den Altar der Hera und verläfst
dann Argos, Lyk. 602 ff. Schol. und Tzetz. Serv.
Aen. 8, 9. Schuld des Nauplios, Schol. Lyk.
1093. Dictys 6, 2. Er irrt über Libyen und
Iberien nach Italien (s. u.), ist dort nicht
mehr Feind der Troer, Verg. Aen. 11, 279.
Serv. Aen. 8, 9. Paus. 1, 11 z. E. Göttliche
Ehren in Metapont und Thurii (s. u); durch
Athena unsterblicher Gott, Find, Nem. 10, 7.
Hör. Od. 1, 6, 15. Vgl . Ibykos frg. 38 Bergk.
Mit Hermione vermählt lebt er unsterblich mit
den Dioskuren, Schol. Pind. Nem. 10, 12. Ver-
schiedene Meinungen über sein Ende bei Strabo
6, 284. — Lokal mythologisch es. Argos be-
safs seinen Schild ( Ilias 5, 4), dieser war im
Athenetempel und wurde am Feste mit dem Pal-
ladion in Procession getragen und gebadet, Kal-
lim. lav. Pall. 35. Schol. 1. Spanheim, Call. p. 569.
Das Palladion, von Diomedes heimgebracht,
von seinen Nachkommen gewartet; auf Terne-
nos’ Veranlassung nach Sparta entführt, Plut.
Quaest. Graec. 48. Tempel der Athena Oxy-
de rk es auf der Burg von Argos, geweiht von
Diomedes, weil sie ihm vor Troja die Augen
geöffnet hatte, nach II. 5, 127. Paus. 2, 24, 2.
Der Berg Atlienaion bei Argos, so genannt
statt Keraunion wegen des dort von Diomedes
nach seiner Heimkehr von Troja gestifteten
Athenaheiligtums (?), Plut. fluv. 18. Sein Bild in
der Gruppe der Epigonen, Weihgeschenk der
Argeier nach Delphi, Paus. 10, 10, 4. Troi-
zen, Hippolytos’ Tempel, Bild und Opfer, ge-
stiftet von Diomedes; im Temenos ein Tempel
I
I 1
1
|
fett]
tan
ml
not
«
St
fcenG
für
fcf
Ul
®j"tnn
sic
'«Je
,1!
Diomedes
Diomedes
1026
1025
des Apollon Epibaterios, Weihung des Diome-
des für seine Rettung aus dem Schiffbruch der
von Troja heimkehrenden Griechen; Diomedes
hat auch die dortigen pythischen Spiele ge-
stiftet; Paus. 2, 32. Athen, Palladion des
danach snl IlaXla-
SCw genannten Ge-
richtshofs ; aus Pe-
lops’ Knochen gefer-
tigt, von Diomedes
I dem Demophon als
Deposit gegeben auf
der Heimfahrt von
' Troja, Giern. Al. pvotr.
pag. 42 Pott. Poly-
I aen. 1, 5; bei nächt-
licher Landung des
Diomedes ihm von
Demophon , der die
! Argeier nicht er-
1 kennt, im Kampf
abgenommen, Paus.
1, 28, 9; Demophon
heifstDemophilos bei
Lysias , Schot. Ari-
stid. p. 320 Dind . ;
itatt Diomedes wird
Agamemnon genannt
von Kleitodemos bei
\Suidas ’Enl Tlcdla-
)Yco ; kein Heros wird
genannt, blofs heim-
eehrende Argeier,
lie werden erschla-
gen , das Palladion
vird aufgelesen, Plia-
wdemos bei Suidas,
Pollux 8,118. Mes-
. jenisch Methone
iModon), Athena
vnemotis, Bild und
dame von Diome-
es gegeben , auf
essen Gebet Athena
ie für die Stadt
phädlichen Winde
nschädlich gemacht
atte, Paus. 4, 35, 8.
ypros, Mensch en-
pfer für Diomedes,
or dessen Zeit an-
eblich für Agraulos
ieren und Athenas
eiligtum neben sei-
3m sich befand),
irch Stieropfer er-
fczt durch König
iphilos zur Zeit des
deukos Theologos,
orphyr. abstin. an-
I*. 2, 54. In Me-
|ip ont und T h u r i i wurde Diomedes als
iott verehrt, Polemo bei Schot. Pind. Nem.
12. Bei den Dauniern in Apulien galt
rpi (Argyripa, Argos hippion; vergl.
elbig, Hermes 11, 261) für Diomedes’ Griin-
ng; König Daunos habe ihn gegen seine
inde zu Hilfe gerufen (vgl. Gerhard, Apul.
Vasenb. p. 1. 0. Jahn, Arch. Beitr. 400) ge-
gen das Versprechen eines Landanteils; hinter-
her stellte ihm Daunos die Wahl zwischen dem
ganzen Land und der ganzen Beute; als Schieds-
richter spricht Diomedes1 unebenbürtiger Bru-
Diomedes und Odysseus boim Raub des Palladion (Braun, 12 antike Basreliefs Taf. 4).
der Alain os, der Daunos’ Tochter Euippe
liebte, dem Daunos das Land zu, dem Diome-
des die Beute; dieser flucht dem Land, es solle
nicht Frucht tragen , aufser wrenn von einem
seiner Nachkommen oder Landsleute bebaut;
endlich wird Diomedes von König Daunos ge-
tötet , seine Gefährten in Reiher ( tQcoSioi )
Roscher, Ijexikon der gr. u. röm. Mythol.
33
1027
Diomedes
Dione
1028
verwandelt, die auf der Diomedischen In-
sel vor der Küste Apuliens ein menschenartig
geordnetes Leben führen, gegen landende Helle-
nen zutraulich, gegen Barbaren feindselig sind,
auch den (nebst seinem Tumulus unter einer
Platane) auf der Insel befindlichen Tempel
des Diomedes täglich mit Wasser besprengen.
Oder er ward auf der Insel unsichtbar. Nach
dem Aufidus hin erstreckten sich die Diome-
dischen Felder (Diomedis campus Liv. 22,
12. Festus s. v.), die er durch einen Graben
trocken zu legen begann, Strabo 6, 284. Plin.
3, 104. 151. 126 f. (nach Iuba) 12, 6. Aristot.
■9-avfi. cn i. 79. Lylc. 592. 632 nebst Schol. und
Tzetzes ; Tzetz. hist. 1, 27, 759. Verg. Aen. 11,
243 ff. nebst Serv. Liv. 22, 12. Ovül. Met. 14,
457 — 511. Vgl. noch Anton. Lib. 37 und Hel-
big, Hermes 11, 266. Auch Canusium (Serv.
Aen. 11, 246) und Sipontum ( Strabo ) galten
als seine Stiftung. Luceria besafs im Athena-
tempel Anathemata des Diomedes (Strabo),
Näheres- bei Arist. &avg. an. 109. In Samnium
findet er sich in Beneventum, Equus Tu-
ticus und Venafrum (Serv. Aen. 8, 9. 11,
246). Die Peuketier hatten im Artemistem-
pel einen von ihm herrührenden Schmuck ge-
habt, Arist. Havfi. av.. 110; auch B rundisium
sei von seinen Atolern gegründet, lustin. 12, 2.
Die Umtrer verehrten ihn, Scylax p. 6 Huds.
Spina seine Gründung, ut Delphicis credi-
tum est thesauris, Plin. 3, 120; die Heneter
verehrten ihn mit Opfer eines weifsen Rosses ;
auch die Haine der Hera Argeia und der Ar-
temis Aitolis beziehen sich auf ihn, Strabo 2,
215; sein Ende dort, ib. 6, 284. Timavum
hatte ein Heiligtum Diomeds ib. 214. Vergl.
Preller- Jordan, Rom. Mythol. 2, 306. Heyne
zu Verg. Aen. 11, Exkurs I. Klausen, Aneas
1173. Über das Iunoheiligtum inLanuvium
als diomedische Gründung s. Preller- Jordan 1,
282, 3. — 3) Diomedes und Amphinomos,
Söhne des Diomedes II und der Euippe,
Daunos1 Tochter, Anton. Lib. 37. [v. Sybel.]
Diomeneia (Aioysvsici) , eine Tochter des
Atlas, deren ehernes Bild auf dem Markte von
Mantineia stand, Paus. 8, 9, 5. [Stoll.]
Dioinos (Aloyog), ein attischer Heros, nach
welchem der städtische Demos von Athen Dio-
meia benannt war, ein Sohn des Kolyttos, des
Eponymos des angrenzenden Demos Kolyttos.
Als Herakles sich als Gast bei Kolyttos be-
fand , gewann er den Diomos lieb. Nach der
Apotheose des Herakles opferte ihm Diomos
auf dem väterlichen Herde; da kam ein Hund
und schleppte die Opferstücke vor das Thor
an die Stelle, wo Diomos darauf das Heilig-
tum des Herakles Kynosarges (in Diomeia)
gründete. Das Fest, welches hier mit Spie-
len dem Herakles gefeiert wurde, hiefs zho-
(uug(Et. M.), IIoKY.liici tccv Aioufioig (Aristoph.
Pan. 651). Schol. Ap. Pliod. 1, 1207. Steph.
Byz. Et. M. Hesych. Phot. Suid. s. v. ACo-
f vog, Aeogsia , Aiogsig, Kwcoagysg. Müller,
Dorier 1 , 438. 458. Göttling , Ber. der sächs.
Ges. 6, 14—27. Preller, Griech. Myth. 2, 258.
0. Jahn, N. memor. d. Inst. 2, lOf. Dettmer,
de Hercule Attico, Diss. Bonn. 1869. Bursian,
Geogr. v. Gr. 1, 274f. [Stoll. j
l)iou (Alwv), 1) König in Lakonien, Gemahl der
Iphitea, Tochter des Prognaos. Als Iphitea den
Apollon mit der gröfsten Ehrfurcht aufgenom-
men hatte, verlieh dieser ihren drei Töchtern,
Orphe , Lyko und Karya, zur Vergeltung die
Gabe der Weissagung, jedoch mit der Bedin-
gung, dafs sie die Götter nicht verraten und
nicht nach Unerlaubtem forschen sollten. Als
später auch Dionysos als Gast kam und freund-
io lieh von Dion oder seinem Weibe aufgenom-
men ward, gewann er die Liebe der Karya, so
dafs er nach seinem Weggange bald wieder -
kehrte , unter dem Vorwand , dafs er den
Tempel , den ihm der König gegründet,
weihen wolle. Die Schwestern aber bewach-
ten und beobachteten die Karya und wur-
den vergebens von Dionysos gewarnt und an
das Gebot des Apollon gemahnt. Deswegen
versetzte der Gott sie in Wut und verwarn
20 delte sie dann auf dem Taygetos in Fel
sen; die geliebte Karya aber verwandelte ei
in einen Nufsbaum (huqvc(). Artemis offen
barte dies den Lakoniern, welche nun de)
Artemis Karyatis einen Tempel weihten, Serv
Verg. Ecl. 8, 30. Zu Karya (Nufsdorf) feier
ten die Jungfrauen der Artemis Karyatis all
jährig ein Fest mit zierlichen, dem Diony
sosdienste verwandten Tänzen, s. Preller, Gr
Mythol. 1, 243. Bursian, Geogr. v. Griechen l
30 2, 119, 1. Curtius, Pelop. 2, 321. [ — 2) C. 1
Gr. 7374. R.] [Stoll.]
Dionaia (Dionaea) s. Aphrodite und Dione
Dione (Auivy, pg, Alcovu, ag f. zu 8i Zsv
Aiog; vgl. Diana, G. Curtius , Grundzüge 5 236
Preller- Pleiv 1, 99, inbetreff der in einem Frag
mente des Apollod. b. Schol. z. Od. 3, 91 übei
lieferten Form Aiuevy Roscher, Stud. z. vg:
Mythologie d. Griechen u. Römer 2. S. 24), vo!
Zeus Mutter der Kypris Aphrodite, Ilia
40 5, 312. 330. 370. 422, Mu dsdav 381 (doi
tröstet und heilt sie die von Diomedes vei
wuudete Tochter); Apollod. 1, 31. Eur. He
1098. Theolcr. 17,36. Aphrodite AuovuCu Theoh.
15, 106. Orph. Arg. 1320. Verg. Aen. 3, 1!
Neben Aphrodite genannt auch Hes. Theog. lr
AlsName der kyprischen Aphrodite selbs1
Theolcr. 7, 116. Bion 1, 93 (wo jetzt abe
ncucovu gelesen wird). Ov. Fast. 2, 461; h
A. 3, 3. Pervig. Veneris. Val. Flacc. Au,
50 7, 187. Serv. zu Verg. Ecl. 9, 47 Dionaei Cac
saris. Dionaea columba Stat. Silv. 3, 5. 80
vgl. die kyprische Stadt Aicovlu bei Steph. By
Preller- Plew 1, 274. Unter den vornehmste
Göttinnen, neben Rhea, Themis u. a., bei L(
tos Wehen, Ho. hy. Ap. Del. 93. Titanidt
Tochter des Uranos und der Ge, wie Tetky
Rhea, Themis etc., Apollod. 1, 1, 3; Tochtf
des Aet.her und der Terra, Hyg. f. init. -
Im Katalog der Quellen Tochter des Okea
60 nos und der Tethys, Hes. Theog. 353 (N<
reide, Apollod. 1, 2, 7). In Dodona mit Zeu
Na'ios ovvvaog, Strabo 7, 329 (nach ihm er
nachhomerisch hinzugefügt). Roehl, Inscr. ai
tiguiss. n. 332. Carapanos, Dodone pl. 341
1 Vgl. inbetreff des bräutlichen oder eheliche
Verhältnisses dieser dodonäischen Dione i
Zeus (Dione auf Münzen mit Diadem u. Schleie
- — " — - • 1 • ---b
s. auch Etym. M. 280, 42), sowie hinsich
1029
Dionysos (b. Homer)
lieh der ihr wie der Hera dargebrachten Kuh-
opfer (Dem. in Mid. 53), woraus schon Apol-
lodor b. Schol. z. Od. 3, 91 ihre Identität mit
Hera erschlossen zu haben scheint, Roscher,
Studien z. vergl. Myth. der Griech. u. Römer 2,
S. 24ff. R.]. Den dodonischen Nymphen,
den Ammen des Dionysos, eingereiht, und
dieselben als die Hyaden aufgefafst von Phe-
kebgd. b. Schol. Ilias 13, 48G und Hyg. p. a.
2, 21. Preller-Plew 1, 384. Mutter des Dio- io
nysos, Eurip. Antig. frg. 177 aus Schol. Pind.
Pyth. 3, 177; vergl. Ilesycli. Bdn%ov zhcovr ]g.
Behle. Anehd. 1, 225. Schoem. op. 2, 152. Wel-
cher, a. D. 1, 136. Auf rotfigur. Yasenbildern
Zeus u. Dior^e (nach Dione thronend (nach Fried-
Müller- Wieseler, D. a. K. länder-Sallet , Münzkabinet
2, Taf. 1, 6 a). Berlin - 633; vgl. Müller -
Wieseler 1, 54, 262).
in bakchischen Scenen, C. I. Gr. n. 8381. 8387. 30
1 8413 b. 8387 b. [Heydemann, Satyr- und Bak-
chennamen. Halle 1880. S. 39. Roscher.].
Nachdem auch Hyaden und Pie laden
| (s. d.) zusammengeflossen, ward Dione At-
lantide und von Tantalos Mutter der
Niobe und des Pelops, Hygin. fab. 9. 82.
83; Schwester der Ple'faden, Ov. met. 6, 174.
Im pisid. Terme ss os ein Priester Ai'og war
'Auovyg, C. I. Gr. n. 4366. In Athen, Keil,
Philol. 23, 615; Altar vor dem Poliastempel, 40
C. I. A. 1 n. 324. Rangabe, Mitt. d. d. arch.
Inst. 7, 331. Priestersitz im Theater, C. I. A.
3, 1 11. 333. In Pergamon in der Giganto-
machie am grofsen Altar, [v. Sybel.]
Dionysos. Bei Homer Aicowaog, ebenso bei
Hesiod, Archiloch. fr. 74. Theogn. v. 976 ; äolisch
ZovvvGog inschriftl. Conze, Lesbos Tf. 9, 1, 5;
vgl. Meister, Dialekte 1, 139. Verdoppelung
des v wie die vorausgehende Länge scheinen
auf *AiJ~o-Gvvoog zu führen, Alicens, Philol. 23, 50
210. Attisch Aiövvaog, vergl. v. Wilamowitz-
Möllendorf, Untersuchungen 1, 225. JsvvvGog
aus Asovvaog. Anakreon 2, 11. 11, 2.
§1. Dionysos bei Homer. V gl. Nitzsch,
A.nm. z. Od. 3, 42. Lobeck, Aylaopli. p. 284.
Nägelsbach, Homer. Theolr p. 115. Im home-
ischen Götterwesen spielt der nachmals be-
ieutend entfaltete Dionysoskult keine Rolle.
jVenn Dionysos den späteren Alten und auch
heueren Mythologen wesentlich als Weingott co
gilt, so ist zu beachten, dafs zwar bei den
|jomerischen Griechen der Genufs des Weines
jdlgemein verbreitet ist (s. Hehn , Kulturpflan-
ew3 S. 60), der Dichter aber noch nicht den
iott als „Erfinder des Weines“ kennt, wie die
\lten zu Od. 9, 198 bemerkten. An dieser
Telle wird der Wein zum wichtigen Hebel
er Handlung und gemäfs der epischen Tech-
Dionysos (orgiast. Elemente) 1030
nik diese Wichtigkeit durch Angabe seiner
Herkunft hervorgehoben: Odysseus hat ihn von
Maron (s. d.) erhalten, dieser Heros von Ismaros-
Maroneia heifst aber Priester des Phoibos Apol-
lon, woraus die alten Erklärer mit Recht fol-
gerten, dafs ein Weingott Dionysos dem Homer
unbekannt sei. Erst Hesiod, der auch Maron Sohn
des Oinopion und Enkel des Dionysos (Schol.
Horn. a. a. O.) nennt, kennt den Trank als Gabe
des Gottes (tgycc 614 diöga Aicovvgov nolvyr\-
•flf'og). Wie der Genufs ist auch der gottes-
dienstliche Gebrauch des Weines zur Spende
(als des Götteranteils beim Tranke, H 480.
Z 259, sowie zur feierlichen Unterstützung des
Bittgebetes und zum Totenopfer yor) l 25,
W 220, also des Weins als Götter- und Seelen-
tranks) ständig. Neuere Mythologen (Langlois,
acad. d. inscr. T. XVIII p. 2 p. 326. Maury,
hist, des rel. dela Grece 1, 118. Duncker, Gesell,
d. Altert. 55, 130) haben Dionysos als Geist
des Opfertrankes erklärt und mit dem Soma-
Haoma der asiatischen Arier parallelisiert.
Hätten aber die Griechen diesen Geist des
Göttertrankes und seiner begeisternden Kraft
als Erbstück aus der indogermanischen Urhei-
mat besessen , so erschiene im Hinblick auf
die Wichtigkeit der Spende bei Homer dessen
Nichterwähnung des Dionysos rein unbegreif-
lich. — Aufser an drei verdächtigen Stellen
(£) 325, l 325, co 74) geschieht ausführlicher
des dionysischen Sagenkreises Z 130 Erwäh-
nung : Lykurgos, der mit Göttern kämpfte und
dafür bald hingerafft ward, verscheuchte des
rasenden Dionysos Ammen : gcavogsvoio Aico-
vvgolo Tid’fjvag. Aufser der Pflegestätte des
Gottes Nysa (v. 133 fjyd&iov Nvaffiov ) giebt
diese Erwähnung noch von zwei wesentlichen
Momenten des bakchischen Dienstes Kunde :
von dem Orgiasmus „des rasenden“ Gottes
und dessen Verbreitung in Thrakien, wohin
Lykurgos in älterer Zeit als König der Edo-
nen versetzt wird.
A. Die orgiastisclien Elemente des Dionysos-
kultes; ihre Herkunft und Bedeutung.
§ 2. Von den Thrakern am Pangaion und
Haimos, von deren Dionysosdienst historische
Nachrichten, wie die Sagen von Lykurgos und
Orpheus melden , unterschied zuerst O. Mül-
ler, Orchom. u. d. Minyer 2, 372 tf. den Stamm
der Thraker in der mythischen Vorzeit, der
seine bestimmt umgrenzten Sitze in Pierien
am Olympos , sowie in Mittelgriechenland am
Helikon und Parnassos hatte. Dieser Stamm,
welcher, von Norden her einwandernd, den
orgiastischen Dionysosdienst nach Böotien und
Phokis trug, hat sich von dem thrakisch-phry-
gischen Urvolke abgezweigt; in dieser Form
hat Müllers Aufstellung von der thrakischen
Herkunft des Kultes mit Recht vielfache Zu-
stimmung gefunden: so von Welcher, Gr. Götterl.
1, 424, neuerdings von Raptp , Beziehungen d.
Dionysoskultes zu Thrakien, Progr. Stuttg. 1882.
Dafs die Thraker zur europäischen Gruppe der
Indogermanen gehörten, ebenso wie die ihnen
eng verwandten Phryger, sucht Fiele, Spracli-
einlieit der Indogermanen Europas S. 417 auf
Grund der deutbaren Glossen nachzuweisen.
33*
1031 Dionysos (in Thrakien)
Dionysos (mantisclr; in Delphi) 1032
§ 3. Dionysos in Thrakien; vgl. Lo-
beck , Agl. p. 289 ff. Welcher, Gr. Götterl. 1,
425. Dionysos wird von Herodot 5, 7 neben
Ares und Artemis (= Kotytto) unter den Haupt-
gottheiten der Thraker genannt. Wie sehr
gerade dieser Dienst nationales Eigentum war,
erhellt daraus, dafs die niemals unterworfenen
Satren auf ihren Bergen ein Orakel des Dionysos
besafsen ( Hcrod . 7, 11); dessen Propheten, die
Bessen, gingen erst durch Crassus des dem Gott io
heiligen Landes verlustig, welcher es den Odry-
sen, die gleichfalls den Gott verehrten, schenkte,
(Dio Cass. 51, 25). Während hier der Gott
durch Frauenmund wie in Delphi sprach ( He-
rodot a. a. 0.), bei den gleichfalls tlrrakischen
Ligyrern die weissagende Geisteskraft an den
Weingenufs geknüpft war (Macrob. 18, 1), ver-
kündete er im Lande der Bisalten (nach den
aus Aristoteles ausgeschriebenen OavyuGicc 122
р. 842 B) durch einen mächtigen Feuerschein 20
der an dem Hain harrenden nächtlichen Fest-
gemeinde, wann er ein fruchtbares Jahr ge-
währen wollte (oxav — svsxggCav ysllrj tioielv).
Dionysos , der auch dem Oktavius in thraki-
scher Wildnis antwortete barbara caerimonia
de filio consulenti , wie vordem dem Alexander,
(Suet. Oct. 94), wird allgemein als „Prophet der
Thraker“ (Eur. Hek. 1267 ; vergl. Paus. 9, 30, 5)
bezeichnet; von Bedeutung ist, dafs er zugleich
Urheber der Jahresfruchtbarkeit ist. Der Name 30
Sabazios, der dem thrakischen Dionysos ( Schol .
Arist. vesp. 9 u. av. 875. Macrob. 1, 18, 11
[ Thraces ] Sebadium nuncupantes magnifica re-
ligione celebrant ) ebenso wie dem phrygischen
Gotte (Arist. av. 875. £lgca fr. 3 Mein. He-
sych. s. v.) zukommt, erweist erstens die 1
enge Verwandtschaft der Thraker und Phry-
ger, zweitens wird dieser Name ausdrücklich
auf die orgiastische Verehrung bezogen und
war (wohl als Anrufung) in dem ekstatischen 40
Rufe svot Gaßoi, Dem. de cor. 260, enthalten.
Nymphis bei Schol. Ar. av. a. a. 0. ( F . H.
Gr. 3 p. 14 frg. 11): xvxsüv xrjg ngoGgyogi'ccg
naget xov ysvöysvov mgl avxov &siaGybv , xd
yctg svccfciv oi ßägßagoi Gtxßagsiv. Plut. symp.
4,6. 2. Hesych. Gaßageiv. Wenn aber seine
Geweihten Saßoi heifsen , also den Götter-
namen selber tragen (vergl. auch Phot. Ea-
ßov g, Eustatli. Od. p. 1431), so erscheinen
sie als Träger der ekstatischen Begeisterung 50
des Gottes voll und damit seines Wesens teil-
haftig. Auf der gleichen Besitznahme des
menschlichen durch den göttlichen Geist be-
ruht die Weissagung, in welcher der Gott aus
den Menschen spricht. So war z. B. die Lands-
männin des Spartakos yavx Kal K<xxo%og
xotg ntgl xov zUÖvvgov ogyiaGyoeg (Plut. Grass.
с. 8). Wenn der Gott den Menschen zeitwei-
lig mit seinem Geiste erfüllt, so sind diese
Thatsachen des orgiastischen Kultus und der 60
Mantik bedeutsam genug, um das Wesen des
thrakischen Gottes als ein geistiges festzustel-
len, und wenn er als Sonnengott bezeichnet
wird(Afacr. 1,18, 11), so ist darin nicht eine Per-
sonifikation des Himmelskörpers zu erblicken;
dem Geber der Jahresfruchtbarkeit wurde als
sinnenfälliger Sitz seines Numen, des Gott-
geistes, das Gestirn zugewiesen. Für die Geistig-
keit des thrakischen Gottes, d. i. für seine
Wesensverwandtschaft mit dem abgeschiede-
nen, aber als mächtig fortwirkend verehrten
Menschengeiste, spricht auch die Thatsache,
dafs bei den verwandten nordthrakischen Stäm-
men der Unsterblichkeitsglaube, wie er den
Griechen zuerst in die Augen fiel, deutlich
als Grundpfeiler ihrer Religion erscheint. Die
Geten (of aO'avuxCQovxsg Herodot 4, 94) glaub-
ten nicht zu sterben, sondern „zu Zalmoxis zu
fahren“: Gott ist die Einheit der abgeschie-
denen Geister , darum Hort und Helfer des
Volkes, wie der Ahnengeist dem einzelnen.
Wird dies und auf gleichem Glauben beruhende
Sitten, wie die Glücklichpreisung der Verstorbe-
nen, die Mitgabe der Frauen ins Grab (Herod.
5, 4, 5), von den nördlichen Thrakern berichtet,
so liegen auch aus dem dionysischen Gebiete
Thrakiens Anzeichen gleichen Glaubens vor.
Wenn unter Augustus ein Priester (0gai, Bgc-
Gog lsgsvg xov nag7 avxoig zhovvoov , Dio Cass.
54, 34) durch seine Offenbarungen (noXXa ■dsiä-
cag) einen Aufruhr erregen konnte, so erinnert
dies an den priesterlicken Beirat der Geten-
könige, der als Nachfolger des Zalmoxis leben-
diger Träger des Gottgeistes war, Strabo C,
298. Wenn dem Rhesos verheifsen wird (Blies.
964 f.; vergl. Dindorf zu v. 970) in Erdhöhlen
gleich dem Bakcliospropketen im Pangaion als
Dämon fortzuleben, so gleicht dies ganz dem
■Acixuycaov OLKryia (Herodot 4, 95), in welches
sich Zalmoxis zurückzog, um im vierten Jahre
wieder zu erscheinen; dies Verschwinden und
Wiedererscheinen, von den ponti sehen Grie-
chen als veranstaltete List ausgelegt, würde, von
dieser Entstellung befreit, zu dem trieterischen
Wiedererscheinen des Dionysos in Parallele
treten; vgl. Hahr z. Her. a. a. 0. In Anbe-
tracht der chthonischen Machtsphäre des grie-
chischen Gottes sind als Mittelglieder zu dem
Unsterblichkeitsglauben der nordthrakischen
Stämme auch die abgerissenen Notizen wich-
tig, welche den thrakischen Dionysos mit
dem Totenkulte in Verbindung setzen: auf
einer Grabschrift aus der Gegend von Philippi
mit thrakischen Namen wird den thiasis Li-
beri patris Tasibasteni eine Summe ausgesetzt
zur Feier des Totenmahles am Rosenfeste, C.
I. L. 3, 1, 703. 704. Den jung verstorbenen
Knaben nehmen die Bromio signatae mysti-
des oder die Nymphen als Genossen aut (at
se congregem uti Satyrum — poscunt (686); vgl.
Tomaschek , Brumalia und Bosalia nebst Be-
merkungen über d. hessischen Volksstamm , Ber.
d. Wiener Akad. phil.-hist. CI. 1868. p. 351 f.
A. Bapp, Beziehungen des Dionysoskultes etc.
S. 15 (wo die Lesungen des C. I. nachzutra-
gen sind). Es erübrigt noch, die Nachrichten
von dem orgiastischen Kulte des thrakischen
Dionysos beizubringen, die jedoch mit der Be-
sprechung des bakchischen Orgiasmus in Grie-
chenland zusammengestellt werden sollen.
§ 4. Bakckische Mantik; Dionysos
in Delphi. Wenn sich der thrakische Gott
mit seinen Verehrern durch Mantik und Or-
giasmus in Verbindung setzte, so scheint aut
den ersten Blick nur letzterer nach Griechen-
land verpflanzt. Die Einheit des Mantischen
-
V:
3
::
:
I
*
®i
!d
k1
i :
Kl
S
H
V
. 1
Mt
:K
0 _
:! 1
ölt
'' !_
L-
u
C
Ui
■m
■■ i
5 j<
3 Oe
■:
1
«lll
%
*01
1033 Dionysos (mantisch; in Delphi)
und Orgiastischen wird von Euripides klar aus-
gesprochen ( Bacch . 297 f.) und darauf zurück -
i geführt, dafs „der Gott mit Macht in den Leib
kommt.“ (Dies mit Welcher 2, 577 auf den
Wein zu beziehen, ist mit der Gliederung der
Rede des Teiresias unvereinbar). Ein Traum-
Heilorakel in Amphiklea (Paus. 10, 33, 5), wo
der Priester „vom Gotte erfüllt“ sprach , ist
1 bemerkenswert wegen der Lage in Phokis, dem
Sitze des mythischen Thrakerstammes ; vgl . Bur-
sian, Geogr. 1, 158. Von diesen ursprünglichen
Dionysosdienern stammt auch der alte und
wichtige Kult des Gottes in Delphi, an welcher
! Stätte er nicht minderen Anteil hat als Apol-
lon ( Plut . de Ei c. 9. Lucan. 5, 73). Wie in
den Giebelfeldern des Tempels vorn Apollon
mit den Musen , auf der Rückseite Dionysos
von den Thyiaden umschwärmt, mit dem unter-
gehenden Helios in Bezug auf die Nachtfeier,
(Paus. 10, 19, 3; vgl. Welcher, a. D. 1, 151 ff.)
| dargestellt war, so gehörte letzterem auch ein
! Theil des delphischen Kirchenjahres, das win-
terliche Drittel , während dessen der Päan
schwieg und der Dithyrambos erklang. Die
I Frühlingsankunft Apollons, seine Bewillkomm-
:nung durch Dionysos, der sich zum Weggehen
wendet, sind dargestellt auf dem Vasenbilde
■ Archciol. Zeitung 1866 Taf. 211 (vgl. Weniger
S. 186, anders Stephani, Comptc rendu etc.
1861 S. 114). Diese Gleichstellung der bei-
iden Götter führte in Kunst ( Archciol . Zeitung
1865 Tf. 202 u. 3. Gerhard S. 98 f.) und Poe-
I sie (Aesch. frgm. 332 : 6 Kzoosvg ’AnoXhav,
b Kaxysiog 6 geevr zg und Eurip. frgm. 480,
bei Macroh. 1, 18, 6) zum Austausch der At-
tribute. Da nun eine solche enge Beziehung
zu Dionysos nirgends aufserhalb Delphi vor-
kommt (vereinzelte Ausnahmen: der Apollons-
Priester und Dionysosenkel Maron (s. o.) ; ’AnbX-
izov Azovvoödozog in Phlyeis, Paus. 1, 31, 4)
. md daher sicher nicht im Wesen des Apolli-
; nschen Kultes wie etwa das Verhältnis zu
Artemis liegt, so mufs eine äufserliche histo-
rische Nötigung dies Zusammenfliefsen veran-
afst haben. Da Apollon selber im delphischen
dythus ankommend und seinen Orakelsitz nach
iegreichem Kampfe einnehmend erscheint, so
i st es am wahrscheinlichsten , dafs dort der
lionysische Kult älter als der Apollinische
st. Apollon nimmt in Besitz das chthonische,
on der Schlange gehütete Orakel. (Kampf
ait Ge, Find, bei Schol. Aesch. Eum. 2. Kon-
■ urrenz des nächtlichen Traumorakels, Eur.
ph. T. 1228). Da nun Orakelbefragung ur-
prünglich Verkehr mit einem abgeschiedenen
■'eiste ist (vergl. Tylor, Anfänge der Kultur
bers. II S. 130—134. Lippert, Relig. d. europ.
Culturvölher S. 399, dessen epochemachende
iehandlung des Seelenkultes überhaupt für
Ile Thatsachen dieses Gebietes in Betracht zu
iehen ist), so weissagte ursprünglich nicht
ie Erde, sondern der in ihr hausende Geist.
Ethonisch können alle durch nächtliche In-
ubation redenden Orakel ebenso wie die ve-
oogccvzsza genannt werden, da die Erde Mut-
r der Träume (Eur. a. a. O. u. Hec. 70), d. i.
erbergerin der Seelen, ist. Da nun der Stam-
esgott der den Thrakern eng verwandten
Dionysos (mantisch; in Delphi) 1034
oder thrakischen Phlegyer seine Traumorakel
hatte und durch diesen Traumverkehr wie
durch den Schlangenfetisch (Welcher 2, 734:
im Glauben war die Schlange der Gott) seine
Herkunft aus dem Seelenkulte deutlich er-
weist, so scheint mir der chthonische Dio-
nysos in Delphi ein ursprünglicher Toten-
und Todesgott und nicht erst aus der mythi-
schen Anschauung vom Hinsterben der .Tahres-
vegetation entstanden zu sein (wie Welcher 2,
622 Dionysos im Tode , Chthonios etc. will).
Die uns überlieferten Thatsachen dieses Kultes
sind: das Grab des Dionysos im Allerheiligsten
des pythischen Tempels neben einer goldenen
Statue Apollons in Form einer Stufe (ßäff^ov),
(Philoch. F. H. Gr. 1, 22. 23 p. 384—88; vgl.
Giern. Al. cohort. p. 15 Potter. Et. M. 255,
10) und ein daselbst von dem Kollegium der
"Oaoz dargebrachtes, geheimes Opfer (Lyhophr.
208. Plut. Is. Os. 35). Diesen Kultakt wollte
Bötticher (Tehtonih passim. Bildwerke d. drei-
seitigen Basis, Ärch. Ztg. 1858, nr. 116 — 118.
Grab d. Dionysos, Winchelmannsprogr. 1858)
auf einem Relief der sogen. Dreifufsbasis in
Dresden erkennen; doch stimmt hierzu weder
die Funktion der Priesterin , da die Thyiaden
mit der Erweckung des Bakchoskindes zu thun
hatten, noch die Form des Grabes. Dem del-
phischen Dionysos kommen (nach Plut. de sz
c. 9) die Hadesnamen ’looöazzrjg, der alle gleich
zu Gaste ladet ( Earpohrat . Plesych. Beicher,
Anecdot. 1, 267, 3), und Z ayQSvg zu (o gsydXcog
dygevco v Et. Gud. p. 227); dafs der Name des
wilden Jägers auf das zerstückelte Bakclios-
kind nur als ein schon geheiligter übertragen,
nicht aber dafür erfunden ist, leuchtet doch
ein. Auch der Beiname EvßovXsvg , (Plut.
Quaest. conv. 7,9, 7) ist ursprünglich chthonisch.
Herahlit fand in der Einheit des Hades und
Dionysos die Einheit von Leben und Tod, in
Hinblick auf die phallischen Umzüge, wieder,
Frg. 127 Bywater. Diesen ursprünglichen Dio-
nysos-Zagreus fassen wir als den Gott, der die
abgeschiedenen Geister um sich sammelte, und
sein Grab als die Behausung des Gottgeistes,
der dort ein Opfer empfing, das die ursprüng-
liche Gleichheit mit dem Seelenkulte noch er-
kennen liefs. Dafs nun dieser Dionysos älte-
ster Gestalt wie der Thrakerprophet zu sei-
nen Verehrern sprach, wird nach dem Gesag-
ten dadurch nicht aufgehoben, dafs das von
Apollon eingenommene Orakel der Erde zu-
gehörte; andrerseits ist es wohl begreiflich,
dafs an der den siegenden Gott feiernden Sage
einseitig nur das eine Prinzip, die Erde, nicht
der aus ihr sprechende Geist, eingeführt, der
als Mitinhaber des Heiligtums belassene Gott
nicht als besiegter genannt wird. Nur eine
gelehrt künstliche Kombination (Tno& EOLg Duff.
Schol. Find. Boechh 2 p. 297) nennt Dionysos
als Propheten der Nyx , Python als den der
Themis. D. Nvs.xsXzog neben einem Erdorakel
in Megara, Paus. 1, 40, 5. Die Verlegung
des Grabes gerade an den mantischen Dreifufs
wird als Rest der ursprünglichen Vorstellung
von dem aus der Erdtiefe seinen Geist
emporsendenden Gott anzusehen sein. Es er-
übrigt noch, das in Delphi von den Thyiaden
io
20
30
40
50
60
1055 Dionysos (Elem. des bakch. Orgiasm.) Dionysos (Elem. des bakcb. Orgiasm.) 1036
gefeierte Bakchoskind zu betrachten, was auf
Grund der Erörterung des Orgiasmus gesche-
hen soll.
§ 5. Elemente des bakchischen Or-
giasmus. Betreffs desselben haben wir zu
unterscheiden die Orgien derthrakischen Frauen
von denen Griechenlands, auf griechischem Bo-
den aber wiederum die in historischer Zeit er-
haltene und durch Gesetz und Brauch fixierte
Kultusübung von der mythischen, durch Sage
und Kultlegende fortgepflanzten Kunde von
den Mänaden des Diouysos, welche Überliefe-
rung von Poesie und bildender Kunst ergrif-
fen und mit tiefer lebendiger Empfindung reich
ausgebildet worden ist. Wenn auch durch die
bildende Kunst der Typus der Mänade vollendet
und diese speciell durch Skopas1 Meisterwerk
zu einem wesenhaften und lebensvollen Gebilde
geworden ist, so dürfen wir deshalb doch nicht
den künstlerischen Eindruck der Lebenswahr-
heit als Überlieferung der historischen Wirk-
lichkeit fassen; dafs die Kunst Wesen erschuf,
die nicht von dieser Welt waren, gilt für die
Gottesdienerin so gut wie für den Gott. Bei
den griechischen Frauen der historischen Zeit,
ihrem durch die Sitte eng beschränkten Leben
wäre ein zeitweilig zu den Festen rücksichts-
los ausbrechendes Rasen und Toben, wie es
Preller l3 570, der bei seiner Schilderung poe-
tische Züge auf den wirklichen Kultus über-
trägt, annimmt, psychologisch und historisch
unmöglich gewesen. Der orgiastische Taumel
konnte, wie Welcher 2, 57 2 sagt, mit Zunahme
der bürgerlichen Ordnungen nirgends beste-
hen; in Delphi erhielt sich ein Nachbild der
nächtlichen Schwärmerei der Thyiaden. Dafs
der historische Kultus in der That nur ein
Nachbild des von der Sage überlieferten und
geglaubten Orgiasmus bot, diesem Nachweis
und der Scheidung der beiderseitigen Elemente
ist die Abhandlung von Bapp gewidmet, Bh.
Mus. 27, lff. : die Mänade im griechischen
Kultus, in Kunst u. Poesie (vgl. d. Artikel
Mainaden). Für die Erkenntnis des mythi-
schen Glaubens ist natürlich der Einwand
der Unwirklichkeit gegen sagenhafte Züge
nicht zu erheben. Aufserdem kann uns be-
sonders die Übereinstimmung des aus Thra-
kien Bezeugten mit dem Griechischen auf das
Ursprüngliche leiten. Als erste solche Über-
einstimmung tritt uns die enge Verbindung
des Gottes mit seinen Geweihten entgegen, die
durch Namensgleichheit angezeigt wird: dem
Bakchos dienen Bakchen zumeist weiblichen
Geschlechts (ßdr-xoi, HeräMit fr gm. 124 Byw.
Eurip. Äorjreg frg. 475, 15. Plato Phaed. 69 C :
noXXol fiev vaQ&gnocpogoi xrl; vergl. Lobeck,
Aglaopli. 813). Dies entspricht ganz dem Ver-
hältnis des phrygisch - thrakischen Sabazius
zu den aäßo i; das den Gott mit seinen Die-
nern einende Element ist der Enthusiasmus,
der die Geweihten erfüllt und sie so dem Gotte
zu eigen giebt, welcher auch aufserhalb des
Dionysoskultes als ßax^st'a, ßanxrvnv bezeich-
net wird. (Bei Eustath. p. 1437 werden als
Bezeichnungen des zjj ’Peu nazsxögsvog rj ncc'i
aXXa daipovi zusammengestellt xvßyßog, odßog •
ßaH%og, ßaßänzrjg, ßäßat- u. a.). Dies Appella-
tivum ßuHxog wurde von den Alten von ßocgco
abgeleitet, Et. M. s. v. ; so auch Bibbeck, Dio-
nysoskult in Attika S. 6 n. 3. Cwtius, Ety-
mol.5 S. 460 von Wurzel J-en mit altem Gut-
tural, von der auch ’lccKxog = *J-i J-axxog. Cha-
rakteristisch ist, dafs dem Bakchos orgiastisch
von Weibern gedient wird, von den Bäx^ai,
Mcavctdsg, ©viadsg, Arjvai, abweichend von der
sonst üblichen Bedienung der Gottheit durch
io Personen gleichen Geschlechtes, die bekannt-
lich mitunter zur Vertretung des Gottes durch
den Priester, der Göttin durch die Priesterin
wird Das ist dem thrakischem und dem grie-
chischen Gotte gemein: die Thrakerinnen am
Haimos, wie die Edonischen Weiber dienten
dem Gotte mit den gleichen Cärimonien wie
in Makedonien die Bakchen, welche dort KXi6-
d'covsg und MipuXXovsg hiefsen ( Flut . Alex. c. 2
zu Mig. Callimacli. Schneider 2, 580 frg. 401.
20 Polyaen. 4, 1, der die Legende des A. tytv-
dävcoQ beibringt, Lykophr. 1464. Et. M. 587,
53. ticcqd! xd fUfisiG&ai xovg ürdgag. KXädcov fg
Hesych. Suid.). Von ihrem orgiastischen Kul-
tus wird aufser dem Gebrauch von Epheu und
Thyrsos noch der grofser zahmer Schlangen
und der bakchischen Schwinge (Xinvov) be-
richtet (vgl. Plut. u. Polyaen. a. a. O. Luk.
Alex. 6, 7). Vielleicht stammen auch die ga-
nszca (Pompe des Ptol. Philad. Athen. 5, 28)
30 aus Thrakien. War Bakchos der durch den
begeisterten Ruf der Bakchen verehrte Gott
(daher Bax^etog A. Hymn. hom. 19 , 46. Bax-
%svg Soph. Ant. 1121. Bax^dg Soph. frgrn. 608.
Bcchx£X°Q° S Hymn. Orph. 56, 3. 75, 1. ’lvyyvyg
Hesych., die Lieder ioßcc*xog. Archilochos nach
Hephaist. 98. Proklos bei Pliot. bibl. 320, 31
Bekker [auch Beiname Hesych.]) und ßax^aßax-
Xog Arist. equ. 408), so heifst er vom Lärm sei-
nes Thiasos Bgogiog (hymn. Hom. 26, 9 af ö’
40 dg’ tnovzo Nvycpca , 6 d’ stfyysixo' ßgöyog
d’ s%sv dcnszov vXgv. Aesch. Eum. 24. Find.
Ditliyr. frg. 45, 10, wonach Welcher 2, 610 zu
berichtigen ist; sgißgogog Anakr.frg.il. Hymn.
Hom. 7 , 56) ; von elem verzückten Ruf der
Bakchen svoi Eviog (Soph. Oed. B. 211. Arist.
Thesm. 994. Eviov svoi avaxogsveov u. ö.), Evav
(svdgco Soph. Ant. 1135), Eleleus (Ov. Met. 4,
15).' Die Form Evaiog (Et. M. 391, 12) geht
zurück auf svgoi, was mit dem (wohl nur um
50 der Interaspiration willen) als lakonisch über-
lieferten svol die Erklärungsversuche sv xai
xalwg sezm oi ( Scliol. Eur. Phoen. 656)
oder sv ooi (Harp. svoi) bestätigen; vergl.
Lobeck, Aglaojjh. 1042 f. Dindorf im Thes.
Steph. s. v. Evav. Nun war dieser Ausruf in
den aus Phrygien eingedrungenen Sabazios-
mysterien in der Verbindung svoi caßoi vrjg
uzxrjg üblich, und wahrscheinlich ebensowenig
wie die drei andern den Götternamen erlthal-
60 tenden Worte bedeutungslose Interjektion.
Die Analogie des Klagerufes aiXivov , der hel-
lenisch umgebildeten semitischen Wehklage,
zeigt , wie mit dem fremden Kulte zugleich
dessen charakteristische Laute, mehr der Stim-
mung als der wörtlichen Bedeutung nach ver-
standen, einwanderten und Wurzel schlugen.
Da nun die abgeleiteten Wörter Eviog, svioi
yvvainsg, svd£co u. a. den Tragikern geläufig
1037 Dionysos (Elem. d. bakch. Orgiasm.) Dionysos (Eiern, d. bakch. Orgiasm.) 1038
sind, so ist der Jauchzlaut svoo gewifs nicht
erst aus den verachteten und befehdeten Saba-
ziosmysterien auf Dionysos übertragen worden,
sondern dies Zusammenstimmen des dionysi-
schen mit dem später eiugedrungenen phrygi-
schen Kulte weist auf die Urverwandtschaft des
thrakischen und phrygischen Götterwesens hin.
Auch die Verwendung der rauschenden, ekstati-
schen Musik der Flöten, Handpauken und Schel-
len im Dienste der phrygischen Bergmutter wie
des Dionysos führt Strabo 10, 469. 470 unter
Anführung von Dichterstellen, welche in der
Schilderung den Orgiasmus die gleichen Züge
verwenden , auf die ethnische Einheit der
Thraker und Phryger zurück; worin aber z. T.
sicher eine Übertragung der im Kybeledienst
ausgebildeten Elemente liegt. Ein anderes
Moment, das die Orgien des Dionysos von dem
Dienste der olympischen Götter wesentlich
unterscheidet , ist die Nachtzeit der Feier,
welche des Lichts der Fackeln in den Hän-
den der Mänaden bedurfte; vgl. Eurip. Bacch.
485: vvkxooq xcc n oller Gsyvoxrjx’ £%£i Gxoxog.
Daher die NvkxbUcc (Flut- Quaest. conv. 4, 6.
10. Serv. Aen. 4, 303) , der A. Nvx.xigi.v6g
[Flut. ibid. 6, 7, ‘2. Verg. Georg. 4, 521 Noc-
turnus Bacchus, was Pliilargyrius mit Nycte-
lius erklärt; vgl. b. Nonn. Dion. 44, 218 die
Anrede der Mgvi] : vvxxocpasg Aoovvgs avv-
Sgogs Mr\vr\g\ vergl. 202 u. 279). Insbeson-
dere wird in der delphischen Thyiadenfeier
ler nächtliche Fackelglanz bedeutsam her-
vorgehoben. Echt orgiastisch, als das Werk
Jsines wilden, vom Gotte verhängten Wahn-
sinnes, erscheint die Zerfleischung von Opfer-
fcieren durch die Mänaden. Die Tiere des
Waldes und der Berge, besonders Rehkälber
and Böcke {Phot, vtßgigsiv . . . duxonäv vsßgovg.
Eesych. cüyöfciv), auch Stiere und Kälber (Eu-
. Baccli. 737. Catull. 64, 256) werden glied-
veis zerstückelt und ihr Fleisch roh verschlun-
gen {Eur. ib. 137 aygsvcov cciya xguyonxövov,
öyoquxyov %dgov , Apoll. Bhod. 1, 636 ftviccöeg
o (jLoßogoi. Luh. Baccli. 2. dem. Alex, cohort.
j. HP.). Die Übertragung dieses Rohmahles
luf den Gott selber ergab für diesen die Bei-
lamen ’Slyädiog, ’Slggoxrig (s. u.), T avgocpdyog
Soph. frg. 602). Auf Kreta soll nach einem
/on Firmicus Maternus err. prof. rel. c. 6
ausgeschriebenen Euhemeristen der Kultbrauch
aestanden haben , einen lebenden Stier im
Orgiasmus zu zerfleischen; auch in die orphi-
chen Mysterien, deren Anschauungen Euripi-
les {Kgrjxsg frg. 475) ausführt , sind die Roh-
nahle aufgenommen (v. 12 xag coyocpdyovg dcco-
ccg xsliaag). Die Bildwerke zeigen die Mäna-
'en mit Stücken von zerrissenen Tieren in
len Händen , wie Skopas seiner Bakche nicht
len Thyrsos, sondern eine getötete Ziege gab
Kallistr. sxcpgdo. ß.) , oder mit Sclilachtmes-
ern zur Zerteilung der Tiere gerüstet; dafs
ler darauf folgende Akt, das Verschlingen des
ohen Fleisches, bildlich nicht dargestellt wird,
tat seinen Grund in der ästhetischen Schwie-
igkeit oder Unmöglichkeit dieser Darstellung
n der Plastik und darf nicht dazu führen,
ie Omophagie als bedeutungslos anzusehen.
ls werden dieselben Tiere , die dem Dio-
nysos nach gewöhnlichem Kultbrauche darge-
bracht werden, wobei bekanntlich der Mitgenufs
der Menschen stehend ist, von den Mänaden
auf ihre Weise geopfert, d. h. zerrissen und
roh verzehrt. Nun erscheint das Tieropfer im
dionysischen Kult mehrfach als Lösung eines
Menschenopfers. In Potniai wurde dem Dio-
nysos Jtyoßolog anstatt eines blühenden Kna-
ben ein Zicklein geopfert {Paus. 9, 8, 1), auf
io Tenedos dem Dionysos ’Av&gcoxtoQQ(xiGxi]g ein
Kalb {Ael. N. A. 12, 34), wo aufser diesen Bei-
namen auch die Cäremonie der Opferung das
ursprüngliche Menschenopfer erkennen läfst.
Noch zur Zeit der Perserkriege brachte ein
plötzliches Aufflackern des Fanatismus dem
Dionysos ’SlygGxrjg drei gefangene Perser zum
Opfer {Phanias v. Eresos bei Flut. Them. 13.
Arist. 9). Wie der Beiname des Gottes auf
die Omophagie der Mänaden zurückweist, so
20 kehrt sowohl das orgiastische Zerreifsen wie
das Verzehren beim Menschenopfer wieder,
letzteres natürlich nur in den Mythen. In
Chios wurde einst dem Dionysos ’SlydSoog ein
Mensch zerrissen und geopfert {Porphyr, d.
abstin. 2, 55). Dafs die Minyaden eins ihrer
Kinder zerreifsen, geschieht, weil in ihrem
Wahnsinn die Gier nach Menschenfleisch er-
wachte {Plut. Quaest. Gr. 38), und auch von
den Proitiden von Sikyon {Apollod. 2, 2, 5) und
30 den Weibern am Argos {ib. 3, 5, 2) wird das
Verzehren der Säuglinge berichtet, was ich
nach diesem Zusammenhänge nicht mit Wel-
cher 1, 447 für übertreibenden Zusatz halten
kann. Von Nonnos Dion. 21, 105 f. wird die-
ser Zug auf die Weiber des von Lykurgos be-
herrschten Nysa übertragen und auch den er-
sten Ammen des Dionysos (9, 23 f.), den Töch-
tern des Lamos, kannibalische Gelüste nach
ihrem Pflegling zugeschrieben. Nach einem
40 sich für historisch ausgebenden Berichte^ {Por-
phyr. abst. 2, 8) fügten die Bdaoagoo zum Men-
schenopfer auch das Mahl hinzu, bis durch
diesen menschenmörderischen Wahnsinn das
Geschlecht, welches zuerst das Opfer angeriihrt,
vernichtet war. Da von einem historischen
Stamme dieses Namens nichts verlautet, wird
man bei dem sagenhaften Klange der Erzäh-
lung an mythische Dionysosdiener, benannt
nach den ßaeedpat (s. u.) , sowie bei Steph.
so Byz. die Edßoo zu einem phrygischen Volke
geworden sind, denken dürfen. Vermutlich
waren dieselben in Thrakien lokalisiert und
eine Manie des Kannibalismus wurde ihnen
sicherlich auf Grund bakchischer Bräuche und
Vorstellungen angedichtet. Bei Oppian, Cy-
neg. 4, 304 verwandelt Dionysos den Pentheus
in einen Stier , die Mänaden aber in Q’rjgcig
cofioßogovg (Panther), oqpga f uv — Soa axoytx.
dcuxgsvGiaysv. Wenngleich diese Version der
60 Pentheussage sicher späte Erfindung ist, so
verwendet sie doch echte Elemente des bakchi-
schen Orgiasmus und kann so die ursprüngliche
Zusammengehörigkeit der Omophagie mit dem
von der Sage selbständig verwandten Zerreifsen
als der Exekution des strafenden Gotteswil-
lens durch die Hände seiner Dienerinnen auf-
zeigen. An die ekstatische Zerreifsung oder
Opferung der dionysischen Tiere schliefst sich
1039 Dionysos (früh. Erklär, d. Orgiasm.)
die Bekleidung mit Fellen an; im Bilde der
mythischen Mänaden ist bekanntlich das Fell
des Rehkalbes , die Nebris , am häufigsten,
Phot. vsßgifcsi v r) vsßgov Sogar cpogsev rj vs-
ßgovg ÖLdonäv. Auch das Fell des im histo-
rischen Kulte am häufigsten geopferten Tieres,
die cdyi'g, wurde zur Umhüllung verwandt,
welche Aischylos in den Edonen als bakchi-
schen Ornat gleich der Nebris aufführte, frg.
62. Hesych. alyi^siv. id. zgaygcpogoi' ae na-
gen Aiovvocp ogynx^ovoai zgayrjv nsgeynzovzo.
Auch die Stiftungslegende eines ans Euboia
abgeleiteten argivischen Kultes {Paus. 2, 33, 1)
läfst auf das Ziegenopfer und den Schmaus Um-
hüllung mit den Fellen folgen, was nach dem
bekannten Schema der ätiologischen Legenden
als ständiger Kultbrauch zu betrachten ist.
Von einer andern Mänadentracht, der ßaaaexqa
(auf den Gott übertragen Dionysos Baoaagsv g),
geben die Alten eine doppelte Erklärung. Ge-
wöhnlich wird darunter der lange Chiton ver-
standen (so von Aeschyl. Edon. fry. b. Miller,
melanges grecq. p. 62: oGzig inävag ßaGGagag zs
Avöiccg noSfjgsig; Poll. 7, 50. Beide. Anecd.
1, 222, 26); die thrakischen Bakchen hiefsen
ßKGGceQca (übertragen gebraucht von Lyhophr.
771. 1393. Et. M. 190, 52. Athen. 5 p. 198)
oder ßaGGciQLÖeg (Chor in Aeschylos' Lykurgeia
frg: 23). Andere leiteten es von den Fuchs-
pelzen ab (Schol. Fers. 1, 101: quidam a vul-
pibus, quarum pellibus bacchae succingeban-
tur , Ilerod. 4, 192 ßaaGugia = Füchse, nach
Lagarde , Ges. Abh. 279; vgl. 275, 25 kop-
tisch basor, vielleicht ein persisches Fremd-
wort). Eine Einheit beider Ableitungen liefse
sich dergestalt denken, dafs bei dem Fremd-
wort die Beziehung auf den Stoff fallen ge-
lassen und nur an die Form der dionysischen,
vom Theater mitbestimmten Festtracht ge-
dacht wurde. Betreffs der übrigen Ausrüstung
der Monaden wird die Bekränzung mit Epheu
als tlirakische Festsitte ( Plin . N. H. 16, 34)
bezeugt. Die Festzeit der Orgien kehrt Jahr
um Jahr {nag’ sviavzov) wieder; wenn auch
der innere Grund dieses Cyklus noch nicht
erkannt ist, so werden doch in der antiken
Litteratur thatsächlich unter den Trieterieen,
an denen sich Dionysos freut (Eur. Bakch. 133),
orgiastische Weiberfeiern verstanden. {Ovid
Fast. 1, 393), Vergil Aen. 4, 302), Diodor (4,3)
läfst in vielen griechischen Städten Frauen die
Ankunft ( smepctveioc ) des Dionysos feiern, in
Nachahmung der vor alters den Gott um-
gebenden Mänaden. Trieterische Feiern wer-
den bezeugt von den attisch- delphischen Thyia-
den {Paus. 10, 4, 2) auf dem Parnafs, auf An-
dros {ül. 6, 36, 1), in Alea (8, 23, 1), My-
tilene {Ael. V. H. 13, 2), Kerkyra (C. I.
Gr. 1848, 17), Opus (Inschr. Bhein. Mus.
27, 612).
§ 6. Bisherige Erklärungen des Or-
giasmus. Fragen wir nun, woher diese or-
giastischen Bräuche entsprangen und was sie
bezweckten , so lautet die Antwort der an-
gesehensten neueren Mythologen dahin, das Mit-
und Nachfühlen des Naturlebens , seiner Be-
wegungen und Gegensätze , des Jubels und
Schmerzes des vegetativen Erdenlebens {Prel-
Dionysos (nordeurop. Parallelen) 1040 I
ler3 1, 545) habe sich im Orgiasmus in über- I
schwenglich ekstatischerWeise ausgesprochen.
So spricht Gerhard, Mythol. 1 , 495 von dem
'furchtbaren Gegensätze, der auf Erkenntnis 1
und Darstellung des blutig zerfleischten, aber ]
wiedererstandenen Gottes den entsprechenden j
Brauch drohender Verfolgung , blutiger Zer-
fleischung , aber auch demnächst erfolgen-
den Festjubels begründete’, Hehn, Eulturpfl.
S. 66 'von wütender Lust und herzzereifsender i
Klage’, mit der die Thyiaden des Gottes Tod Ijo
und seine Wiederauferstehung feiern. Man würde
demnach ein besonderes, nicht nur inniges, son-
dern auch gewaltsam ekstatisches Naturge- ■?!
fühl anzunehmen haben, damit die Natur „die |m
das menschliche Gemüt überwältigende und aus |se
der Ruhe eines klaren Selbstbewufstseins her- j
ausreifsende“ Macht sein könnte (O. Müller, f :
Arch.3 S. 594). Wenn aber wirklich ein solcher
'furchtbarer Gegensatz’ bestanden hätte , so I lei
nnifste es doch ein leichtes sein, die Aus- |»d
briiehe des Jubels scharf von denen der Klage I &
zu scheiden, die einzelnen Momente der über- l;o
lieferten bakchischen Bräuche dem einen oder fl ^
der andern zuzuweisen, wonach man jedoch Jim
in Prellers Schilderung der Trieterieen (l3, 569 f.) | .ti
vergebens sucht. Wie sich die Klage um lta<
den dahingeschiedenen Jahresgott ausspricht, 1 eb
sehen wir klar und deutlich im Adoniskulte; fl um
diese Klage hat mit der bakchischen Manie lifo
keinerlei Ähnlichkeit. Insbesondere geschieht
das Zerreifsen der bakchischen Opfer durch | Brä
die Mänaden nach den Alten neeza gigr]Giv lim,
zov nsg l z'ov AiÖvvgov nced'ovg, d. i. ein ätio- j ton'
logischer Mythus, den die Neuern zumeist als
Naturmythus fassen: „das Opfer eines zerstück- |jir(
ten Knaben scheint symbolisch auf die Zer- lünc;
reifsung des Dionysos, diese auf Vernichtung kf
der Vegetation Bezug gehabt zu haben“ {Wel- L
clcer 1,443). Dieser von Preller u. A. geteilten
Ansicht stehen folgende Bedenken entgegen: ,]je
Die Jugendlichkeit , die bei Tier- und Men- Lc;
schenleben festgehalten, also ein wesentliches.
Moment ist, würde bei einer naturmythischen
Deutung konsequent auf eine Vernichtung der Lr;
Frühjahrsvegetation führen. Sodann wird die
Zerreifsung des Opfers von den Bakchen, den
Dienerinnen des Gottes, vollzogen; in diesen |.te
aber Vertreterinnen der dem Vegetationsgotte I
feindlichen Macht, der vernichtenden Gewalt
des Winters, zu erkennen , wäre ganz wider-
sinnig. Endlich geschieht die Zerreifsung
nur um der nachfolgenden Verzehrung willen,
was den Gedanken an eine Darstellung der
vernichteten Jahresvegetation ausschliefst. Es
werden vielmehr Opfertiere zerrissen und roh
verzehrt, und daher ist die Frage zu stellen:
wie verhält sich diese Art orgiastischer Opfe-
rung zu dem im Dienst des Dionysos wie der
andern Götter üblichen Opfer?
§ 7. Parallelen aus nordeuropäi-
schem Volksbrauche. a) Gewisse Elemente ;
des bakchischen Orgiasmus, nämlich Fackel-
lauf, lärmende Musik unter ekstatischem Rennen
und Rufen kehren nicht allein im phrygischen
Kybelekulte, sondern auch in den über Frank-
reich, Welsch- und Deutschtirol und Süddeutsch-
land verbreiteten Volksbräuchen wieder , die
10
20
30
40
50
60
1041 Dionysos (nordeurop. Parallelen) Dionysos (Mainaden etc.) 1042
Mannhardt , Wald- und Feldkulte 1 S. 534 f.
zusammenstellt in den Paragraphen ''Packel-
lauf über die Kornfelder; Kornaufwecker, Perch-
tenspringen, Faschingsumläufe’. Gerade dafs
diese Bräuche zum gröfsten Teile in bäuerli-
chen Kreisen auf ihrem Mutterboden stehen
geblieben, zu keiner höhern Entwicklung aus-
gebildet worden sind, hat ihnen ihre unmit-
telbare Durchsichtigkeit in Bezug auf die ge-
glaubte und beabsichtigte Wirkung erhalten, io
ln Frankreich hat der Fackellauf, von wel-
chem der Sonntag Invocavit rjour des brandons’
heifst, den in den begleitenden lauten Rufen
ausgesprochenen Zweck, Saaten, Weinberge
und Obstgärten fruchtbar zu machen, Unge-
ziefer und Unkraut zu vertreiben. In Deutsch-
land geschehen die Umzüge unter dem Geläute
von Schellen und Kuhglocken, um „das Korn
, aufzuwecken“, „das Gras auszuläuten,“ „den
Lenz zu wecken.“ Je mehr in Tirol ver- 20
: mummte „Hutler“ gehen, desto besser schlägt
\ die Ernte aus; gab es kein gutes Erntejahr,
so schrieb man es dem unterlassenen Perch-
tenspringen zu. Wenn es nun bei Beschrei-
bungdesletzteren heifst: „sie sprangen und
stürmten in wilder Lust tobend und
rasend durch die Gassen“, so haben wir
einen Orgiasmus gleich dem bakchischen vor
1 uns, und die zuletzt angeführten Bemerkungen
über den geglaubten Erfolg führen uns in die 30
innern Motive ein. Bei Ausübung dieser
Bräuche, deren Wesen Mannhardts Bezeich-
nung 'Vegetationszauber’ trifft, tritt eine Schar
von Menschen in unmittelbarer Aktion den
Geistern der Vegetation gegenüber, um ihnen
durch vollen Einsatz der Energie die Jahres-
fruchtbarkeit abzuringen: je lauter und weiter
Ruf und Lärm ertönt, je mehr Acker und Flu-
ren die Leben zündende Kraft der Flamme er-
i fahren, um so weiter und kräftiger breitet sich 40
die Schaden abwehrende , die Vegetation er-
quickende Zauberwirkung aus. Zu Grunde
et liegt der Glaube nicht sowohl an eine über-
mächtig waltende Gottheit, sondern an einen
Dämonismus des Naturlebens, wonach die Kraft
des Menschen durch gewisse Bräuche der Dämo-
nen Herr werden, ihren schädigenden Einflufs
abwehren, ihren segnenden fördern kann. Wenn
aber eine sich auf das lauteste äufsernde Hand-
lung mit aller Energie betrieben wird, und 50
dabei deren Objekt in geisterhafter Unsicht-
barkeit bleibt, so müssen dergleichen Zauber-
brauch ausübende von einem andern Geiste
1 erfüllt und hingerissen erscheinen, b) Von
dem Perchtenlauf am Faschingsabend berichtet
Zingerle, Sitten etc. des Tiroler Volkes S. 88,
693: Wenn die Perchten „ganz wild und ra-
send tobten“, so hatte sich die wilde Percht
selber ins Spiel gemischt; voller Furcht rann-
ten sie ins nächste Haus, denn man erzählt go
mehrfach von Perchten, die von der wirklichen
zerrissen worden sind. So gesellen sich Eisen-
berta (in Franken, Panzer Beitr. z. d. Mythol.
2, 177, 184) oder Knecht Ruprecht ( Eisei , Sa-
\'/enbK d. Voigtl. S. 71, 171) leibhaftig zu den
Vermummten, die sie darstellen wollen. Es
Bedarf keiner langen Auseinandersetsung, dafs
die wirkliche Percht unter den Perchten, bis
auf das feindliche Verhältnis, genau dem Bak-
chos unter den Bakchen entspricht: die Phan-
tasiethätigkeit der Feiernden steigert sich bis
zu dem Punkte der Energie, dafs sie ihre Ge-
bilde aufser sich erblickt und vor ihnen zu-
sammenschrickt. Doch nicht allein den Feiern-
den erscheinen die Geister: da erstere zur Er-
wirkung des Naturzaubers einer bestimmten
Ausrüstung bedürfen, so ergiebt dies eine be-
stimmte Festtracht, welche schon die alljähr-
liche Wiederkehr mit dem Scheine des Wesen-
haften umkleidet So wie sonst Verkleidung
Nachahmung eines gesehenen wirklichen ist,
wird diese Tracht den ihren Ein- und Umzug
haltenden Naturgeistern zugeschrieben. Es
schliefsen sich andre Mummereien an (in
Deutschland namentlich zur Fastnacht) ; diese
repräsentieren die Vegetationsdämonen, de-
ren Erscheinen die Natur zu neuem Leben
erweckt.
§ 8. Mänaden als Vertreterinnen der
Nymphen- Ammen des Gottes. Dionysos
Liknites und dieThyiaden. Warauch das
bakchische Rasen nicht Nachempfindung eines
Geschehenen, wie Jubel über die Geburt, oder
Klage über den Tod des Jahresgottes, sondern
Ausübung eines Naturzaubers, damit etwas ge-
schähe, das Jahr fruchtbar werde? Die ersten
Mänaden, die mythische Umgebung des Got-
tes waren seine Ammen, die Nymphen, II.
Z 132. Soph. Oed. Col. 680 {fcaig ccfirpinolböv
TL&rivcag, Hymn. Hom. 26, 6f. Arist. Thesm.
992. Orph. hymn. 30, 9 ovv iv^covoiat. xL&rr
vcug = 53, 6. 54, 5. Diese Nährerinnen des
Kindes, durch welche es zu Leben und Stärke
heranwuchs, stellen im Kultus die Weiber dar;
also sollte auch ihre Kultübung der gleichsam
kindlich schwachen und zarten Jahresvegeta-
tion zu gute kommen. Da die Bakchen im
Zustande der Ekstase auch der Macht des
Gottes teilhaftig sind, so können sie, wie bei
der Ankunft des Gottes das Gefilde von Milch
und Honig fliefst {Für. Bakch. 142. Himer,
or. 18 p. 594), Quellen Wassers oder Weins
aus der Erde schlagen {Hur. a. a. 0. 704f.
Philostr. v. Ap. 6, 11 p. 115), aus Brunnen und
Flüssen Milch und Honig schöpfen ( Plat . Ion.
534. Phaedr. 253. Aeschin. Socrat. bei Arist.
55 vol. II p. 23 Bind.), Honig von den Thyrsen
schütteln {Hur. a. a. 0. 110 = Philostr. v. soph.
1 p. 217). Wie die Erde den Bakchen gleich-
sam die Brüste öffnet {Philostr. im. 14 p. 392
fj yrj Scogei ydla oiov 0:71b yctgav eXhelv zo ysv
eh ßcolov, zo ds eh Tzizgag), so säugen sie aus
den ihren die Tiere des Bergwaldes, Eur.
a. a. 0. 699. Sie melken die Löwinnen {Alk-
man. frg. 34; vergl. Arist id. 4, 1. 1, 49, das
überlieferte nolvcpavog [ Bergk nolvcpctyog] sogzct
geht wohl auf die bakchischen cpavol oder
cpavai) und sind überhaupt mit der Tierwelt
des Bergwaldes vertraut und freund, so dafs sie
sich mit Schlangen die Kleider gürteil {Eur.
a. a. 0. 698) oder sie in den Händen halten,
um damit die zudringlichen Satyrn zu schrecken ;
vgl. Rapp, Rh. Mus. 27, 572. Pis führen also
dem Glauben nach die Bakchen ein von allen
Schrecken und Bedürfnissen befreites Natur-
leben, wie die Naturgeister selber, sodafs sie,
1043
Dionysos (Mainaden etc.)
durch die Ekstase mit dem Gotte geeint, ganz den
Nymphen gleichstehen. Der orgiastische Frauen-
dienst ist in historischer Zeit am deutlichsten
in Delphi erhalten, s. Weniger, Collegium der
Thyiaden , Eisenach 1876. Hofs, de Bacclio
Delphico diss. Bonn 1865. Das Hauptfest der
Thyiaden , die Nachtfeier im Fackelscheine
(wovon der Monat Aadocpogiog), hatte zum
Zweck das Kind in der Schwingenwiege zu
wecken (iysiQSiv r'ov Acuvizgv, Flut. Is. Os. 35).
Um die winterliche Festzeit ist der Gott noch
ein zartes, der Pflege bedürftiges Kind; er er-
wacht zum Leben und wächst zur Fülle der
Kraft heran durch den Dienst der ihm erge-
benen Frauen So ist dieses Erwecken dem
Glauben nach eine reale Aktion , welche ihr
Verlangen nach der Erneuerung des Natur-
lebens zu verwirklichen strebt, nicht eine alle-
gorisch-mimische Darstellung oder ein Aus-
bruch des Gefühls über das Geschehene. Wie
es dem Namen nach an das deutsche Früh-
lingswecken erinnert , deuten wir auch die
wiederkehrenden Elemente nach dieser Ana-
logie: der laute Ruf der Bakchen sollte der
Weckruf für die schlafende Vegetation sein,
die Fackel in ihren Händen neue Lebensglut
mitteilen und ausbreiten, und aus diesem lau-
ten Eifer der Auswirkung des Vegetations-
zaubers ging das Stürmen (ftvsiv) hervor, . wo-
nach .das Priesterinnenkolleg benannt ist. Über
das Aufsere der Cäremonie können wir nur
noch sagen , dafs das Symbol der Schwinge
gewifs in der Fackelprozession einhergetragen
wurde. Eine Terrakotte, Millin. Gail. myth.
67, 232, zeigt das Kind im Liknon, getragen
von einem thyrsosschwingenden Satyr und einer
fackelschwingenden Mainade, in der wir wegen
dieses Attributs eine Thyiade erkennen; das
mythische Nachbild (nach griechischer An-
schauung Urbild) der delphischen Liknophorie.
Gleichzeitig mit der Erweckung des Wiegen-
kindes brachte das Priesterkolleg der " Ooioi
am Grabe des Dionysos ein Opfer dar, das
sich auf Grund dieses Zusammentreffens am
einfachsten auf den Wiedereintritt in die
Lebenswelt beziehen läfst; so feiert ein orphi-
scher Hymnus (53) den uycpiezTj Bcchxov , der
aus dem Schlummer im Hause der Persephone
erwacht, den Reigen mit den Nymphen eröff-
net. Durch Übertragung der Festtracht und
Festfeier auf die Naturgeister erhält das Fest
für den Gott und seine dämonischen Dienerin-
nen immerwährende Dauer, sowie jeder Kul-
tus die Tendenz hat ideale Kultträger aufzu-
stellen, deren dauerndem Chore sich die Fest-
gemeinde nur anschliefst, wie ja auch die
christliche Festgemeinde den himmlischen Heer-
scharen. Infolge solcher mythischen Verselb-
ständigung des Festbrauches wird der dem Dio-
nysos heilige Parnassos (ßax%£vovoa Aiovvam
nagvctoiog ■nogvcpä Eur. Iph. T. 1243) von dem
Gotte und seinen Nymphen durchschwärmt und
mit geisterhaftem Fackelglanz erhellt. Die
Teilnahme attischer Thyiaden an den Nacht-
feiern hat wohl die vielfache Erwähnung bei
attischen Dichtern veranlafst ( Soph . Ant. 1126.
Eur. Phoen. 233. Ion 714; 1125. Bacch. 306.
Hypsipyle init. fr gm. 752. Arist. nub. 603.
Dionysos (als Kind; s. Geburt) 1044
Attius v. 249 Bibbeclc). Nach diesen und ähn-
lichen Bildern erscheint die Fackel ohne be-
sondern Festbezug als Attribut des Dionysos,
Soph. Ant 209. Eur. Bacch. 145. Auch der
nach delphischer Sage zuweilen geschaute
Goldglanz der Korykischen Grotte ist wohl
aus der bakcliischen Wundererscheinung ab-
gelöst, Philoxen. frgm. 14. Antig. mirab. 127,
141. [ Weniger in der cit. Abhandl. entnimmt
io den oben als mythische Anschauung gefafsten
Dichterstellen einen ersten Akt der Trieterieen :
Schwärmen der Thyiaden um den angekom-
menen Gott in ausgelassener Freude; darnach
Tod des Gottes, Klage und Wiedererweckung,
was weder überliefert ist noch innere Wahr-
scheinlichkeit zu besitzen scheint]. Die Mit-
wirkung der Thyiaden beim Feste der Cha-
rila (s. d.) hat mehrfach zu der Annahme ge-
führt , dafs dies in den Bakchoskult gehört
20 habe (so z. B. Mommsen , Delphika S. 250, der
wenig wahrscheinlich als Endzweck dieser
Bräuche angiebt, Selbstmördern nachträglich
noch das Seelenheil zu verschaffen). Nach der
Kultlegende Flut. Qu. Gr. 13 handelte es sich
darum die zürnende Seele zu versöhnen, um
das Unheil aus diesem Zorne, nämlich Mifs-
wachs und Seuche, abzuwehren. Sowohl die-
sem Endzwecke nach, wie durch die Ähnlich-
keit der Hauptcäremonie , dem Begräbnis der
30 Charilapuppe, stellt sich das Fest zu deutschen
und slavischen Volksbräuchen (vergl. Mann -
hardt S. 410f. , wie Todaustragen u. a. , was
schon Bofs, de Bacclio d. p. 8 verglich), welche,
auf dämonistischer Naturauschauung ruhend,
auf die Zukunft der Jahresvegetation zaube-
risch einwirken sollen. Also ist das Charila-
fest gleicher Wurzel wie die Bakchoserweck-
ung der Thyiaden entsprungen. Da in der Le-
gende wie in dem Festberichte keines Gottes
40 Erwähnung geschieht, so ist möglicherweise
der Brauch auf der Stufe dämonistischen Na-
turzaubers stehengeblieben. Denn was im Bilde
schmählich ausgestofsen , getötet und in die
Öde eingescharrt wird, ist der Dämon des
Mifswachses und Mangels , im Gegensatz zur
schmausenden Festgemeinde, die zuvor vom
Könige Mehl und Hülsenfrüchte als Gewähr
für den Anteil am Jahressegen (ähnlich der
Panspermie) erhalten hat. Name und Amt der
50 Thyiaden werden von Thyia, der Tochter des
Kephissos ( Herod . 7, 178), oder des Kastalios,
und Mutter des Delphos {Paus. 10, 6, 2) ab-
geleitet und dadurch in die delphische Urzeit
zurückgeführt. Aufserdem hatten die Thyia-
den an der Mutter des Gottes eine Patronin,
da diese von ihrem Sohn aus dem Hades em-
porgeführt Thyone hiefs (s. § 10).
60
B. Dionysos’ Geburt und Kindheitspflege.
§ 9. Sem eie (s. d.), Tochter des Kadmos,
des Landeskönigs und Repräsentanten des
Kadmeerstammes , gebar den Dionysos , Hes.
Tlieog. 940. — AiscliyJos {Esyslg rj ’TdgocpoQOi,
frg. 217) hatte ihre Schwangerschaft, die sie
mit dem Geiste der Weissagung erfüllt, und
die Feuergeburt des Gottes {frg. 218) vorge-
führt, diese erfolgte vorzeitig, da Semele
1045 Dionysos (als Kind; s. Geburt)
sich die Erscheinung des Zeus, wie er als
Freier der Hera nahte , erbeten , Zeus aber
im Wetter mit Donner und dem tötenden
Blitz ( Eurip . Bacch. init. u. a.) nahte. Das
pragmatische Motiv der Eifersucht Heras ward
auch hier hereingezogen, Apollod. 3, 4, 3.
| Ovid. Met. 3, 253 f. Zeus als Himmelsgott
fährt im Frühlingswetter zeugend hernieder,
dieser Mythus ist aus der Zeusreligion her-
| übergenommen, um den Dionysos in das helle-
! nische Göttersystem einzureihen, da der phry-
] gisch-thrakische Sabazios schon an und für
. sich seinen Verehrern als Zeus, d. i. als höch-
ster Gott, galt. Mit dem Mythus von der Feuer-
geburt (daher nvQiysvfig , n vQi'onoqog) hat der
Geburtsmythus des Asklepios (s. d.),_, des Gottes
der thrakischen Phlegyer, grofse Ähnlichkeit,
die wir auf die gleiche Wurzel im thrakischen
Götterwesen zurückführen können. Vgl. den
Artikel Koronis in Br sch u. Grubers Encylelo-
i päclie. Hierzu treten das Auflodern der Flam-
! men im heiligen Bezirk der Semele , das die
Anwesenheit des Gottes verkündet [Baccli. 597),
und das Flammenvorzeichen der Jahresfrucht-
barkeit bei den Bisalten in bedeutsame Paral-
lele. Auch den fackeltragenden Thyiaden
konnte das neuerweckte Wiegenkind feuerge-
Iboren heifsen. Während nun auf dem Stand-
punkte des orgiastischen Kultes, also für uns
des dämonistischen Naturzaubers, der Zauber-
brauch der schwärmenden Frauen auf die Neu-
I: gebürt des Naturlebens einwirken sollte, setzte
hierfür die hellenische Religion die lebenzeu-
gende Kraft ihres Himmelsgottes ein. [ Preller
. I3, 547 deutet die Feuergeburt auf den in der
Sonne reifenden Wein, wobei der schillernde
Ausdruck „der Blitz ist das Merkmal der flam-
menden Himmelsglut“, die Inkongruenz des
Bildes: einschlagender Blitz = reifende Sonnen-
glut nur notdürftig verdecken kann. Strabo
13 C 628 bezeichnet die gleiche Deutung in
Bezug auf den Wein der KaxansKavfisvr] als
geistreichen Witz: äoxsC^öfisvot xrvsg sUoxcog
rxvgi.y£vr) xov A. nxL], Die Idee, dafs auch
das durch Dionysos mythisch vertretene Ge-
■ biet des Naturlebens aus Zeus entstamme,
war als das die Dionysosreligion hellenisie-
rende Bindeglied wichtig genug, um zwie-
fach deutlich ausgesprochen zu werden; er-
stens durch den Namen Aua-vvoog, den Dichter
bisweilen trennen [Arist. ran. 214. Apoll. Arg.
4, 1132: Alo s Nvofgov via). Da nun die dem
thrakischen Sabos geheiligten Orte oaßoi hiefsen
i [Schol. Arist. av. 875), wie die heilige Stätte
des Dionysos Nysa, so ist die Vorsetzung des
Vaternamens deutlich hellenische Umbildung.
Noch eindringlicher lehrt die Herkunft des
Dionysos aus Zeus der Mythus von der Doppel-
geburt. Zeus näht die unreife Frucht in sei-
nen Schenkel ein und gebiert sie aus diesem
! zum zweiten Male (daher Dionysos fiyQOQQa-
qtnjg, diooo xoxog, difiyzcoQ). Auf das Einnähen
bezog man den Beinamen iiQarpicoxrjg [Et. M.
1302, 53. Anecdot. Ox. 2 p. 211, 32) und den
Namen des dionysischen Frühlingsliedes Ai-
ttvgayßog, auf den Gott bezogen uno xov övo
Atvgag ßalvsiv, Etym. M. 274, 44; vgl. Eur.
Bacch. 87, 525, wo Zeus spricht: Vfh Ai&vQapß’
Dionysos (als Kind; s. Geburt) 1046
sgav ciQßsva vgdvv. Pindar liefs den gebärenden
Zeus dem Kinde zurufen IvQ’l gagyec [Et. M.
a. a. 0. Bind, dithyr. frg. 55. 56. Julian or. 7,
220 C.). Der Mythus von derSchenkelgeburt war
barock genug, um in frivoleren Zeiten auch den
Spott herauszufordern (vergl. das von Ivtesilo-
clius gemalte Wochenbett des Zeus, Plin. N.
H. 35, 140 ; des Polyzelos Komödie Atovvoov
yovai Frgm. Com. Mein. 2 , 2 , 869. Lulcian
Dial. d. 9). Für das mythologische Verständ-
nis aber ist erstens festzuhalten, dafs die Ein-
fügung des thrakischen Kultes in den helleni-
schen durch die Unterordnung des Gottes unter
Zeus, durch seine Herleitung aus Zeus vollzogen
wird. Zweitens ist bei jedem ernstgemeinten
und geglaubten Mythos das Bild, d. h. die auf
die Menschheit bezügliche Seite des Mythos,
ebenso wichtig wie die Sache, wie z. B. bei
der heiligen Hochzeit des Zeus und der Hera die
Schliefsung des Ehebunds ebenso wichtig ist
als das neu erzeugte Frühlingsleben. Dafs auch
das Männerkindbett für gewisse Übergänge der
Entwickelung des Familienrechtes bedeutsam
ist, wird dadurch evident bewiesen, dafs das-
selbe in der Form der Pflege des Mannes nach
der Geburt des Kindes durch die Frau bei ver-
schiedenen Naturvölkern des Altertums wie der
Neuzeit, z. B. bei den brasilianischen Karaiben,
vorgefunden wird; vgl. Apoll. Bhod. 2, 1011 f.
Nymphoclor beim Schol.: Skytliische Tibarener.
Diod. 5, 14: Korsen. Strabo 3, 165: Iberer. Mit
unserm Mythus hat diese Sitten schon Bacli-
ofen, Mutterrecht S. 255, 116 zusammengestellt,
der aber von seinen unklaren, synkretistisch-
mystischen Voraussetzungen aus darin eine Kon-
sequenz der Gynaikokratie sieht. Gerade um-
gekehrt erblicken wir darin die energische
Äufserkraftsetzung des Mutterrechtes der Ur-
zeit , nach welchem das Kind , als aus dem
Blute der Mutter entstanden, dieser angehört.
Dafs den Konflikt zwischen dem Mutter-ßluts-
und dem Vater = Herrenrecht die griechische
Mythologie bewahrt hat, lehrt eindringlich ge-
nug das theologische Drama des tiefsten Ken-
ners seiner ererbten Religion , Aischylos’ Eu-
meniden. Wie Apollon den Vertretern des
Mutterrechts, den chthonischen nach Menschen-
blute als dem eigentlichen Seelentranke gie-
rigen (v. 183, 253) Geistern entgegenhält: ovn
£Oxi yfjxriQ zoxsvg, zi'xzsi 6 ■d'gcoouorv, so konnte
Zeus, der Hort des Hausherrenrechts und der
aus ihm erwachsenen Königsgewalt, der auch
Athena aus sich gebiert, ganz eigentlich als
Gebärer eingeführt werden. \Böttiger , Ideen
zur Kunstmythologie 2, 179 wies auf altertüm-
liche Adoptionsriten als Nachahmungen der Ge-
burt, vgl. Diodor 4, 3. Genesis 30, 3, hin, doch
handelt es sich um mehr als vCodsota: Diony-
sos soll epvosi Zeussohn sein]. Der volle re-
ligiöse Gegensatz zwischen Altem und Neuem
und der Kulturfortschritt, der durch die my-
thische Voranstellung des Vaterrechts gesche-
hen ist, ist noch durch Betrachtung des von
den Müttern dargebrachten Kindesopfers zu
erläutern. Was aber die Mutter des Gottes
anlangt, so haben wir keinen Grund die Aus-
sage des Mythus, die Sterbliche habe den Gott
geboren [Res. Thcog. 942), für spätere Abschwä-
10
20
30
40
50
60
1047 Dionysos (Semeles Emporführung)
chung oder Unideutung zu halten; ältere und
neuere Mythologen [Apoll, bei Lyd. de mens.
1?. 72, 15 von d'spsXy, ebenso Welcher 1, 436;
vgl. THodor 3, 62. Schömann, opuscula 2, 155)
haben sie für eine Erdgöttin erklärt, wofür
kein Anzeichen vorliegt, und wozu der Flam-
mentod schlecht pafst. [Hehn, Kulturpflanzen3
N. 126 S. 503 fafst Semele als tlirakisches Wort
in der Bedeutung Erde (xagai, liumus etc.) mit
assibiliertem Anlaut, wie sl. semlja u. a. Aber
Semele gehört gerade in den spezifisch grie-
chischen Mythus , der den thrakischen Gott
hellenisiert.j Die Frauen, welche das Gottes-
kind zu neuem Leben Jahr um Jahr erweck-
ten , haben dies ihr Amt wie ihr Geschlecht
durch den Mythus von der Mutter des Flam-
mengebornen als einer Tochter des Landes-
königs gefeiert, wozu auch der Name Esgsly
= asgvy ( Schömann a. a. 0.) pafst. Aller-
dings beruht dies Priestertum der Weiber auf
der Anschauung, dafs sie als Vertreterinnen
der Urmutter Erde zu symbolisch-realem Na-
turzauber berufen sind, der auf deren Empfäng-
nis und Geburt einzuwirken imstande ist. —
Thebanisches Lokaldenkmal des Mythus war
ein die Trümmer des Gemachs der Semele
umfassendes , unbetretbares Heiligtum , Eur.
Bacch. 6—12. Paus. 9, 12, 3. Als Anzeichen
der Gegenwart des Gottes selbst galt der die
Trümmer nmrankende Epheu, emporgewach-
sen, um das unreife Kind vor den Flammen
zu schützen (Phoen. 649), nach der pathetische-
ren Ausführung des orphischen Hymnus 47 als
aufrecht haltendes Band während des Erdbe-
bens. Hiervon hiefs der Gott nsgi.yu6viog ( Mna -
seas Schol. Eurip. 1. c. u. cl. cit. Hymnus ), nach
diesem Beiwort war nicht die Säule , sondern
der umrankende Epheu Bild des Gottes; vgl.
d. Kiaaög in Acharnai Paus. 1, 31, 6. Das-
selbe Kultobjekt meint wahrscheinlich auch
Euripides ( Antiope frgm. 202 : uoywvtcc j ugg<x>
gtvIov d'sov) und in veränderter Auffassung das
Orakel bei Giern. Al. p. 418 P. arvlog (dyßcdoi-
Giv dicovvGog nolvyyQ'yg.
§ 10. Semeles Emporführung, Thyone.
Die oben entwickelte Auffassung, dafs die
Geburt des Gottes durch Semele der mythi-
sche Niederschlag des orgiastischen Frauen-
dienstes sei, wird vom Mythus direkt ausge-
sprochen: Dionysos führt seine Mutter aus dem
Hades in den Olymp empor und als verklärte
Göttin heifst sie ©vcovy (vergl. Diod. IV, 25:
(iSTccdovzcc zfjg a&avaGiag ©vcovyv (ist ovoyctGca.
Schol. Find. Pyth. 3, 177: ozt. Q-v 1 1 v.ca tv-
ftovcia. Schol. Apoll. Bh. 1, 636. Hom. frg.
liymn. 34, 21. Find. Pyth. 3, 98. Ol. 2, 25.
JDiod. 3, 62. Hesych. s. v.). 'Insbesondere ist
Thyone Patronin der delphischen Thyiaden,
und vielleicht hat deren Identifikation mit der
thebanischen Semele der letzteren allgemeine
Geltung als Gottesmutter gesichert. War der
delphische Dionysos, wie oben geschlossen,
Herr über die Abgeschiedenen, so mufs er
auch denen, die ihm besonders gedient, ein
besonderes Heil im Jenseits zukommen lassen;
sie feierten bei dem Gotte, wie sonst auf Erden,
ein ununterbrochenes Fest (vgl. den Iakchos-
zug der Mysten bei Aristophanes). Dies
Dionysos (als Kind; s. Ammen) 1048
stellten die Thyiaden in einer zum Theil ge-
heimen ennaeterischen Feier dar, welche sich
auf die Emporführung der Semele bezog (Es-
(isXyg avccyaiyy Flut. Q. Gr. 12). Wie es den
ganz allgemeinen Namen Heroenfest, 'Hgcotg,
trug, hatte es auch sicher eine allgemeine,
alle Betheiligten des Heiles versichernde Be-
deutung. Die Scene der Emporführung war
auf den Säulenreliefs des Tempels zu Kyzikos,
den Attalos und Eumenes ihrer Mutter errich-
tet, als Exempel der Apotheose durch Sohnes-
liebe dargestellt. Die geleitenden Satyrn tru-
gen Fackeln wie die delphischen Thyiaden.
Die Emporführung wurde an Lokalisationen
des Unterwelteinganges geknüpft in Troizen
(Paus. 31, 5) und in Argos (ib. 37, 5). Wahr-
scheinlich nannten auch die Argiver die Ver-
klärte Thyone, da die Rhodier, die dorther
ihren Dionysos holten, diesen ©vavCöag nann-
ten ( Hesych . s. v. Dionysos Thyoneus bei La-
teinern und Oppian 1, 25). Zur Gegengabe für
seine Mutter schenkte Dionysos den unter-
irdischen Göttern die Myrte, wie Iophon
(Schol. Ar. Ban. 330) dichtete, um die Myrten-
bekränzung der Geweihten, wohl in Hinblick
auf den verheifsenen ewigen bakchischen Rausch,
legendarisch zu begründen. — Während die im
Festbrauch dargestellte Heroisierung der my-
thischen Chorführerin der Thyiaden auf den
Grundlagen der dionysischen Religion ruht,
hat die tiefe Innigkeit des griechischen Götter-
dienstes, welche das Gefühl der Verehrung
von dem Sohne auf die Mutter überströmen
liefs, die Apotheose der Gottesmutter bewirkt.
Der Sohn holt seine Mutter in den Olymp
nach, wie auf die ascensio Christi die assum-
ptio Mariae gefolgt ist. So besingt sie Pin-
dar, wie sie unter den Olympiern lebt, von
Pallas, dem Vater Zeus und ihrem Sohne
geliebt, Ol. 2, 25. Die zccvvsd’HQU E, ist als
Thyone gedacht, die bei den Orgien ihr Haar
frei wallen läfst.
§ 11. Ammen und Kindheitspflege
des Gottes. Thyone wird von Panyasis (bei
Schol. Find. Pyth. 3, 157) unter den Ammen
des Gottes genannt: weniger eine Übertragung
als ein Rest der alten Identität der Funktion
der Mutter und der Ammen, welcher beider
Amt und Wesen mythisches Spiegelbild des der
Vegetationskraft zu gute kommenden Frauen-
dienstes ist. In gleicher Weise hiefsen nach
dem Gotte r'Ty g die Mutter "Ty und die Mäna-
denammen ’Tccdsg, welche mit dem Regen-
gestirn identificiert worden sind (Pherehycl. frg.
46). Wie die Anrufung 'Hyes Abtes’ in den
Sabaziosmysterien beweist, ist der Name ein
ursprünglich phrygischer, wie auch Aristopha-
nes den Hyes zu den fremden Göttern rech-
nete (Phot. Suul .) und Euphorion so den von
Sabazios beeinflufsten Gott der orphischen
Mysterien benannte (frg. XIV). Die Griechen
aber dachten dabei an den Regen des Zeus
bei der Geburt des Frühlingskindes (Zeus reg-
nete Ambrosia auf ihn herab Beklier, Anecdota
1, 207, 25, vgl. die Hyade Ambrosia) oder an
die Herrschaft des Gottes über die feuchte
Natur (Plut. Is. Os. 34). Die Pflege des Dio-
nysoskindes durch die Ilyaden oder Dodo-
10
20
30
40
50
60
1049 Dionysos (Einführung s. Kultes)
nischen Nymphen (s. die Zusammenstellung
Er. H. G. 1 p. 84 u. Robert, Eratostlien.
p. 108 — 9) wie die Pflege durch die Nymphen
überhaupt stellt das Erblühen und Erwachsen
der Jahresvegetation unter dem wolilthätigen
Einflüsse der Leben zeugenden Feuchte dar. Un-
ter den Hyaden wird Dione (s. d.) nicht nur als
Amme, sondern auch als Mutter und Bakche
genannt, was wir gleichfalls als Rest der Iden-
tität dieser drei Funktionen verstehen. Die
Pflegestätte des Nymphenzöglings heilst den
' Griechen allgemein Nysa. Die Ilias (Z 133)
versetzt die Gottesammen und Nysa nach dem
tlirakischen Reiche des Lykurgos; als die
: Eroberungszüge des Gottes in der spätem Ent-
wicklung seines Mythus immer weitere geogra-
phische Räume durchmafsen, wurde auch der
Ausgangspunkt in die Ferne verlegt (von Hcro-
clot 2, 146 ; 3, 97 nach Äthiopien ; vgl. d. Hymnen-
! fragment b. Diod. 3 , 66 = h. hom. 34 Bau-
, meister vs. 8 : Nvog, vnazov oqo g — zgXov tboivi-
nrjs, G%sdbv AlyvnzoLO qoüwv). Verschiedene
1 Niccub. Steph. B , Hesych. s. v., Eustath. z.. II.
p. 628, Voss, Mythol. Br. 4, 59. Im Gegensatz
zu diesen excentrisch ausschweifenden Sagen
! bedurfte der Cultus, je näher er dem ur-
sprünglichen orgiastischen Frauendienste und
dem hierdurch gefeierten Nymphenzögling
i stand, der Nähe der Pflegestätte. Daher haben
die Hauptorte des Dionysoskultes der älteren
i Gestalt lokalen Nymphen die Kindespflege an-
vertraut oder Nysa bei sich lokalisiert. In
Th eben vertritt die Stelle einer lokalen Nym-
phe Ino (s. d.), die Schwester der Semele und
Anführerin eines der drei Mainadenchöre auf
dem Kithairon ( Eur . Bacch. 680), nach Nonn.
9, 98 von Mvczig bedient. Auf Euboia hat
Makris, die Landesnymphe und Tochter des
Aristaios, zuerst des Kindes Lippen mit Honig
benetzt und es gepflegt, bis sie durch den
Zorn der Hera von der Insel weichen mufste
Apoll. Arg. 4, 1131 sq.). Das Nysa dieser Insel
' (Steph. B.) war ausgezeichnet durch das Wun-
der des an einem Tage blühenden und Trau-
'ben tragenden Weinstockes (Soph. frg. 235).
Dies wurde von den Häkchen zu Aigai bei
ihren Orgien geschaut ( Scliol . Hom. N 21);
auf den Parnafs übertragen (Soph. Ant. 1133.
Schot. Eur. Plioen. 229). Auf Naxos hiefsen
die pflegenden Nymphen Philia, Koronis, Kleis
■. [Diod. 5, 52). Als Ammen des Gottes werden
noch genannt Nysa (Ter p ander frg. 8, im atti-
■ sehen Theater Sessel vyvrjZQiäv Nvaag vvy-
yrjg G. I. A. III 1, 320; Nvcag zQocpov 351),
Töchter des Flusses Lamos (Nonn. 9, 28), ’EQi'cpiq
elegischer Dichter Et. M. 372, 4), Bromie,
Jakche (Serv. Verg. Ecl. 6, 15), Gsgksqcc (Theog-
■lostus, Cramer, Anecd. 2, 106, 31). — Nicht in
Iler Kultidee des Gottes begründet ist die Pfleger-
Schaft des Silenos und der Satyrn, die erst,
lachdem besonders durch die bildende Kunst
las Bild des dionysischen Thiasos ausgestaltet
var, in dieser Funktion auftreten.
C. Die Mythen von der Einführung des
Dionysoskultes
■ cheiden sich in zwei Gruppen, in denen bei-
en Dionysos aus der Fremde ankommend und
Dionysos (Mythus v. Lykurgos) 1050
seinen Dienst verbreitend erscheint: die Feinde
und Verächter seiner Gottheit, welche dem
orgiastischen Frauendienste hindernd in den
Weg treten, straft der Gott durch seine Macht,
über den menschlichen Geist Wahnsinn zu
verhängen (Pentheus, Minyaden, Proitiden);
dagegen giebt der einkehrende und freundlich
aufgenommene Gott seinen Wirten die Rebe
als Gastgeschenk (Oineus, Ikarios).
§ 12. Lykurgos (Thrakische Sage).
Nach dem ältesten Zeugnis (Homer Z 137)
verjagte Lykurgos des rasenden Dionysos Am-
men dafs sie, getroffen von seinem „Ochsen-
schläger1' (ßov7zXijyi), die Opfergeräte zu Boden
warfen; Dionysos sprang ins Meer und suchte
zitternd Schutz im Schofs der Thetis. Die
Alten haben den ßovnXrfe nicht, wie viele der
Neueren (dagegen Hehn, Culturpfl.3 S. 504 N. 25),
als Geifsel sondern als Dojipelaxt verstanden (L.
bipennifer Ovid. Met. 4, 22 ; trist. 5, 3, 39 ; secu-
riger Senec. Oed. 471). Nonnos (2C, 186) läfst
die Iris das Beil von Hera bringen. Die Bild-
werke (vgl. Zoega, Abliandl. herausg. v. Welcher
S. 1 f . ; Stephani, compte rendu etc. 1864, 184f.,
und die Aufzählung Heydemanns Arch. Ztg.
1872, 67) geben dem Lykurgos zumeist das
Doppelbeil (einfache Axt Zoega 2, 4, Schwert
Vas. a. Canosa Münchn. Samml. n. 853) in
die Hände. Diese uralte, aus der steinernen
Axt stammende Waffe ist für den barbarischen
Feind des Gottes aus zweifachem Grunde cha-
rakteristisch: die bildende Kunst hat dieselbe
ihren Barbarentypen (besonders den Amazo-
nen) zuerteilt und der konservative Kultus
sie beim Opfer, besonders auch beim bakchi-
schen Stieropfer, bewahrt. Eine bedeutende
Weiterbildung hat der Lykurgosmytlios durch
Aischylos erfahren, der denselben in einer
Tetralogie (Hdcovoi, BaGGagidsg , Nsuvlgkoi,
AvnovQyog o GuzvQinog, vgl. G. Hermann, de
Aesch. Lycurgia opusc. 5, 3 sq.) behandelt hat.
Diese ist uns für die mythologische Erkennt-
nis überaus wichtig, einmal, weil wir bei
Aischylos einer tiefen, auf den Grund blicken-
den Erfassung des Mythos sicher sind; zu-
dem hat er, wie schon die Erwähnung der
Kotyto (frg. 56) beweist, thrakische Religions-
anschauungen, von denen der bakchische Kult
ausgegangen, gekannt und zu Grunde gelegt.
Der Gott erschien vor dem Barbarenkönige
in einer Tracht, welche dieser als weibisch
verhöhnte (die Rede parodiert Aristopli. Thesm.
136 — 144; vgl. Fritzsclies Ausg. ad v. 135);
wenn Sophokles (Ant. 961) als Schuld des Ly-
kurgos gegen den Gott angiebt: ipccvcov zov
&sov sv KSQzofiLOi-g yXcoGGcag, so bezieht er
sich augenscheinlich auf dieselbe Scene. Der
dramatische Dichter hatte, wie wir mit Welcher
(Nachtrag z. Aesch. Tril. 114/5) annehmen, die
theatralisch schwer darzustellende Flucht ins
Meer fallen lassen und dafür eine heftige
dialogische Scene vorgeführt. Das Zusammen-
treffen des Gottes mit Lykurgos läfst sich
füglich nach der Analogie von Euripides' Bak-
chen , worin vs. 460 sq. ein ähnliches Verhör
stattfindet, dadurch herbeigeführt denken, dafs
mit seinem Thiasos, der nach Apollodor (3,
5, 1) eingefangen wird, auch der anführende
1051 Dionysos (Mythus v. Lykurgos)
Gott vor den König gebracht wird. Apollodor
berichtet weiter: Lykurgos tötete seinen Sohn
Dryas, indem er, von Dionysos verblendet,
den Weinstock auszurotten glaubte und kam
nach vollbrachter That (txygcoxggrjQidGag av-
xbv) zur Besinnung (vgl. Hyg. f. 132, wo der
Zusatz steht federn sibi pro vitibus excidisse =
dngcoxggidGag stxvxov bei Apoll., nach der
weitverbreiteten mythischen Anschauung, dals
der Baumfrevler sich selbst verletzt; vgl. Ha-
lirrhothios). Über die sonstigen Versionen über
Lykurgos’ Bestrafung und Ende s. Artikel
Lykurgos). Wichtig für die Erkenntnis der
Grundlage des thrakischen Lykurgosmythos
ist, dafs das Mittelstück der Aschyleischen
Trilogie, die Buooagidsg, das Schicksal des
Orpheus nach einer singulären und nur in
diesem Zusammenhänge verständlichen Ver-
sion darstellte (Eratosthen. p. 140/1 ed. Robert):
Orpheus erwies nicht dem Dionysos, sondern
allein dem Helios-Apollon Ehre, dessen mor-
gendliche Erscheinung er auf dem Pangaion
erwartete; hierfür liefs ihn Dionysos durch
seine Bassariden zerreifsen. Dies gewichtige
Zeugnis tritt mit der später verbreiteten Auf-
fassung des Orpheus als Dionysosdiener zu-
nächst in Widerspruch; betreffs des Sonnen-
dienstes aber erinnern wir uns, dafs auch der
thrakische Dionysos -Sabazios als Sonnengott
verehrt wurde. Die Parallelisierung des Orpheus
mit Lykurgos erstreckt sich nicht allein auf
die anfängliche Leugnung des Gottes, sondern
auch auf beider Ausgang: des Orpheus zer-
stückter Leichnam wird von den Musen be-
stattet ( Eratosth . a. a. 0.); daran schlofs sich
vielleicht wie im ßhesos die Weissagung vom
Fortleben des Geistes im Grabe (vgl. Preller
II3 487/8). Mit einem höheren Grade von
Wahrscheinlichkeit können wir diesen Aus-
gang für Lykurgos folgern, der nach dem
Glauben seiner Heimat Bccn%ov n(>ocpiqtr\g
JTayycrfov nitQCcv orngGS Gsgvbg xolaiv si'doGiv
ffrog (Wies. 973). Bei Sophokles „(Ant. 955),
der, wie oben geschlossen, das Aschyleische
Drama im Sinn hatte, wird er in felsiges
Band eingeschlossen (^svx&g — nexgcodst tux-
xcccpQO'v.xog sv dsagä; Schol. 955 Dind. Ip. 321
STEQOt, — d>g laßovxeg avxov ■ s lg avxgov sy-
ßcdövxsg Hod xgv si'aodov ■xlsiGccvxsg slifiay-
xovgoav; Ov. Trist. 5, 3, 39). Dies berichtet
Apollodor als Werk derEdonen, geboten durch
das Orakel des Gottes, dafs die Unfruchtbar-
keit des Landes nicht eher weichen würde,
als bis Lykurgos zu Tode gebracht wäre. Dafs*
dies der Inhalt des Schlufsstückes der Lykur-
gie war, dafür spricht zunächst, dafs diese
Art der Bestrafung von dem Frevel durch eine
Zwischenzeit, durch die Not der Unfruchtbar-
keit und die Orakelbeschickung getrennt ist
und sich hierdurch für- die trilogische, ein
Mittelstück umspannende Gliederung eignete;
dies ist nicht der Fall bei der Frevel und
Strafe unmittelbar verknüpfenden Version, wo-
nach Lykurgos in den Schlingen der in einen
Bebenstock verwandelten Ambrosia gefesselt
wird ( Nonn . 22 , 7 sq. ; Mosaik aus Herku-
lanum Arcli. Ztg. 1859 S. 21, 3). Sodann ge-
hört die Unfruchtbarkeit als Folge von Dio-
Dionysos (Minyaden) 1052
nysos’ Zorn nach dem oben (§ 3) Bemerkten
dem thrakischen Religionskreise an, wie wir
auch unter dem befragten Orakel wahrschein-
lich das nationalthrakisclie des Dionysos zu
verstehen haben. Die vom Gotte verlangte
Sühne, die Einschliefsung in die Gebirgshöhle,
dichtete Aischylos auf Grund des thrakischen
Glaubens vom Fortlehen eines Heros in sei-
nem Felsengrabe auf dem Pangaion. Dafs
der Lykurgos der Edonen geradezu am Kul-
tus des Dionysos Anteil hatte, bezeugt Strabo
10, 471 (xov Alovvgov nal xov ’Höcovov Av-
v. ovgyov Gvvdnxovxsg slg *iv trjv byoiOxqonCav
xiZv usgäv alvLxxovxca). Legte Aischylos diese
Thatsache des thrakischen Kultes seiner Dich-
tung zu Grunde, so schlofs auch diese Trilo-
gie wie die des Prometheus und Orestes mit
einer Aussöhnung der streitenden dämonisch-
göttlichen Parteien, indem der Gott seinem
besiegten Gegner einen Kultusanteil gestattete.
[Von anderen Bearbeitungen des Mythos sind
die dramatischen von Polyphradmon in einer
Trilogie {Arg. Aesch. sepjt.) und von Naevius
(Ribbeck, Rom. Trag. S. 55) sowie die epischen
von Eumelos {Schol. Z 130) und Antimachos
( Diod . 3, 65; frg. 70 Kinkel) zu erwähnen;
letzterer verlegte Nysa, das Reich des Lykur-
gos, nach Arabien, worin ihm Nonnos gefolgt
ist.] Halten wir die wesenhafte Geltung des
Lykurgos im wirklichen Kultus fest und suchen
seine Einheit mit Dionysos bei den Edonen
mit seiner mythischen Feindschaft wider den-
selben Gott zu vereinen, so ergiebt sich als
Gegensatz zu dem ins Meer flüchtenden Gotte
der Jahresvegetation, der auch im argivischen
Kulte aus dem Wasser als aus seinem unter-
weltlichen Aufenthalte emporgerufen wird, als
Gegensatz zur rettenden und bergenden Feuchte
die durch ihre Glut die Vegetation vernich-
tende Macht der Sommersonne. Wenn der
allgemein von den Thrakern (vgl. Soph. Tereus
frg. 520 r'HXis • Ogyh). ngsoßioxov Gsßag), bei
Aischylos von Orpheus verehrte Sonnengott
als Schöpfer der Jahresfruchtbarkeit Sabazios-
Dionysos hiefs, so ist hiervon durch Differen-
zierung des allgemein waltenden Numens die
lebensfeindliche Macht der Sonnenglut im
Hochsommer abgetrennt und für sich personi-
ficiert worden. Zwischen dieser Naturgottheit
und dem Charakterbilde der Sage von dem
,, männermordenden“ Lykurgos, der das Dop-
pelbeil schwingt, wie es schon der Name =
„Wolfhart“ andeutet, hat die Kultidee eines
Todes- und Kriegsgottes vermittelt, die sich, wie
die Analogie Apollons zeigt, von einem Sonnen-
gotte ablösen konnte. Ein solcher Todes- und
Kriegsgott ist der thrakische Ares, als dessen
heroische Hypostase wir nach (Welcher 1, 422
—431) Lykurgos betrachten.
§ 13. Minyaden, Proitiden, Pentheus.
Von den Gründungssagen des dionysischen
Kultes in Griechenland, die von bakchischer Ra-
serei der Weiber erzählen, stellen wir die von
Orchomenos voran, weil die Überlieferung
uns deren Verhältnis zum Kultus zu übersehen
gestattet (vgl. 0. Müller, Orchomenos u. d.
Minyer 2 S. 161). Nach Nikanders Verwand-
lungen (Anton. Lib. 10) verschmähen die drei
io
20
30
40
50
60
1053 Dionysos (Minyaden)
Töchter des Minyas die Weihen des Gottes
und bleiben zu Hause an ihren Webstühlen,
trotzdem sie Dionysos in Gestalt einer Jung-
frau dazu ermahnt. Darauf erschreckt sie der
Gott als Stier, Löwe und Panther erscheinend
und durch andere Wunderzeichen; sie geloben
ein Opfer, losen darum und die getroffene
bietet ihren Sohn dar, den sie zerreifsen. Als
sie in den Bergen umherschweifen, werden sie
in lichtscheue Nachtvögel (vv%rsQig, yi laü|, ßv £a,
wofür Aelian V. H. 3 , 42 weniger passend
noqwvrf), verwandelt. Die Erzählung Ovids
(Met. 4, 1 sq. 389 — 415) läfst das Kindsopfer
— wie der Kultbrauch zeigt, ein wesentliches
Moment — weg und berichtet nur eine Ver-
wandlung, die in Fledermäuse, auf welche
Abendzeit, Flucht ins Dunkel und das Zu-
hausebleiben ätiologisch überleiten (vs. 414
| tecta, non silvas celebrant , umgekehrt Ant. Lib.
1 a. a. 0. sßcevi%svov iv oqsgiv kzX.). Ovid kürzt
und vereinfacht den Stoff, mit dem er freier
schaltet als der sich an die Lokalsage hal-
(tende Nikander , geht aber in keinem neuen
Zuge darüber hinaus, so dafs in diesem Falle
wohl Nikander als Quelle gedient haben könnte
(vgl. Roh.de, gr. Roman S. 127 N. l). Aufser-
dem hat Korinha (Anton, a. a. 0.) den Stoff be-
handelt. Des Aischylos Eccvzqicu (frg. 162 — 166)
bezieht Fritzsche (Arist. ran. p. 413—417)
hierher; da in diesen Wollarbeiterinnen, —
die bei häuslicher Arbeit den Orgien fern
bleiben, — Avggcc im.d'tLccgovGcc zeeeg ßcin^aig die
Wirkungen der bakchischen Wut schilderte,
nachdem vielleicht vorher Hera in Gestalt
einer Priesterin, als Feindin des Dionysos, die
Widerstrebenden bestärkt hatte (frg. 162). so
ist diese Vermutung (bis auf die Annahme,
) dafs dieser düstere Stoff in einem Satyrspiel
behandelt worden sei) wahrscheinlich und der
Beziehung auf die Pentheussage vorzuziehen,
j — Die That der Minyaden wurde einem Ge-
I schlechte in Orchomenos zugeschrieben, in
welchem die Männer Wolosi g (von dunkler
Trauerkleidung) und die Frauen ’Olsica (olov
’OXocd) hiefsen (Flut. Quaest. Gr. 38). An dem
i trieterischen (nicht jährlichen, wie Preller l3
567) Feste ’AyQLcovioc verfolgte der Priester
mit dem Schwerte eine der Frauen des Ge-
schlechts, die er, wenn er sie erreichte, töten
durfte. Die alte Schuld der Frauen ist das
Kindesopfer, der Sage nach (Plut. a. a, 0.) aus
Gier nach Menschenfleisch ins Werk gesetzt
und darum mit dem Mahle verbunden. Dessen
Verwerfung wird dadurch ausgesprochen, dafs
der Gott durch seinen Priester diese That als
todeswürdigen Frevel rächen will, ln Theben
wurden Agrionien mit einem Agon verbunden
gefeiert (Hes. ’AyQidvecc Inschr. Mitth. d. arch.
Inst. Ath. 7, S. 349). An den böotischen (zoig
nag’ ryiiv ’A. Plut. qa. conv. VIII prooem.) such-
ten die Frauen den Gott als Entflohenen, liefsen
aber davon ab, weil er zu den Musen geflohen
und dort verborgen sei; nach dem Mahle un-
| terhielten sie sich mit Rätseln. Die Deutung
I dieser Flucht auf eine bestimmte Wendung
des Naturlebens hängt von der Lage des böo-
I tischen Monats ’Aygimviog ab, für den nach der
Zusammenstellung Bischoffs (de fastis Graec.
Dionysos (Proitiden; Pentheus) 1054
Leipz. Stud. 7 , p. 343) die 4. Stelle (=
Elapliebolion, so Lipsius ebend. 4, 156) oder
die 7. = Skirophorion frei ist, was der Lage des
gleichnamigen Monats bei den Doriern ent-
sprechen würde (so Latischew , Mitt. d. Inst.
a. a. 0. ; vgl. Bischoff p. 345). Mythologisch stellt
sich die Flucht zu den Musen als ursprüng-
lichen Quellgottheiten der zu Thetis parallel,
was für die Feier der Agrionien im Hochsom-
10 merspricht. DasSühn- und Totenfest vonArgos
(Hesych. s. v. ’AygdvLcm.’AyQidvKx) weist in der
Stiftungssage von den drei Töchtern des
Proitos, — zunächst des Herscliers von Si-
kyon — (vgl. die drei Minyaden. drei Bakcheu-
chöre auf dem Kitliairon, Für. Bacch. vs. 680.
Theocr. 25 init.) die gleichen Züge wie die
Sage von Orchomenos auf: im bakchischen
Wahnsinn verlassen die Weiber das Haus,
schweifen in der Wildnis umher und ver-
20 zehren sogar die Säuglinge (Apoll. 3, 5, 2. 2,
2, 2). Dafs es zugleich ein Totenfest war,
spricht sich in der Sage aus, dafs eine der
Proitiden während der Verfolgung durch Me-
lampus gestorben sei, wie in den von Aelian
(Tr. II. 3, 42) überlieferten Namen ’EXiyr/ u.
Kslcaiq. Der argivischen Sage eigen ist die
Abhilfe durch die Reinigungen des Sehers
Melampus. Wenn dieser die Heilung gsz’
dhxXayfiov %cd zivog iv&sov %OQ£i<xg (Apollod.
30 a. a. 0.) vollführt, so ist hier, wo es sich um die
Stiftungssage eines Seelenfestes handelt, daran
zu erinnern, dafs bei allen Völkern mit ent-
wickeltem Geisterglauben Wahnsinn als Be-
sessenheit gefafst und Austreiben der Krank-
heits- und Wahnsinnsgeister mit eben jenen
Mitteln ausgeführt wird. — Auch die The-
banische Sage kennt, vermutlich in Ver-
bindung mit den dortigen Agrionien, eine im
Wahnsinn, den Dionysos verhängt, vollbrachte
40 Zerreifsung des Kindes durch die Mutter, des
Pentheus durch Agaue (Für. Bakchen, Theocr.
id. 25. Ov. Met. 3, 513 sq. Norm. 44 — 46. Vgl.
0. Jahn, Pentheus u. d. Mänaden). Nur ist
die Kultussage gewissermafsen auf das Gebiet
des epischen Heroenthums gerückt: die Schuld
liegt nicht auf Seiten der Frauen, sondern in
der frevelhaften Neugier oder dem Trotze des
Königs, der seine Macht der des Gottes gegen-
über zu stellen wagt. Der Name llsvtkivg
50 (Kurzname etwa für *]l£vQ'SGi.yivr)g), den Wel-
cher, I 449 passend mit den Woloeig in Orcho-
menos und mit MsyanivQ'rig , dem Sohne des
Proitos zusammenstellt, ist vielfach von den
Dichtern ausgedeutet worden (Für. Bacch. 368,
508. Chairemon frg. 4. 77. taogsvrig GvgcpoQceg
£7id>vv(iog. Theocr. 25, 26. Nonn. 5, 553). Ein,
wie die noch zu erwähnende korinthische Legende
beweist, alter Zug der Sage liel’s denPentheus, um
die geheimen Orgien der Mainaden zu erspä-
oo hen, auf eine Fichte steigen, die von den Mai-
naden gefällt wird (Für. Bacch. 106, 4, dem
Philostrat im. 18 p. 394. [vgl. 14. p 392; bei
Dionysos’ Geburt pflanzt Megaira die Fichte
auf dem KithaironJ und Nonnos 44, 273; 46,
145 folgen). Pentheus wird von den Frauen
für ein Tier gehalten, als solches erjagt und
von seiner Mutter zuerst zerrissen (Für. a. a. 0.).
Der Mythus wurde dramatisch vor Euripides
1055 Dionysos (Opfer u. Symbole)
von Aischylos , nach ihm von Chairemon
( Welcher , Gr. Tray. S. 1090) behandelt; für
die Tragödie sind die Scenen vor der Königs -
bürg, wohl nicht nur die Warnungen des
Teiresias, sondern auch die Gefangennahme
des Dionysos nach dem Vorbilde von Aischy-
los' Lylcurgie erfunden worden. Eine späte,
durch Anfügung einer Verwandlung der Häk-
chen in Panther abweichende Version giebt
Oppian ( venat . 4, 267). Sagen von einer bak-
chischen Raserei der Frauen, in ihren Motiven
wahrscheinlich den besprochenen ähnlich, fan-
den sich auch in Lakedämon und Chios (Ael.
V. H. 3, 42). — ln den besprochenen Kult-
sagen handeln Agaue und die Minyaden ge-
trieben durch den vom Gotte verhängten
Wahnsinn und in Verblendung der Sinne.
Dieser Wahnsinn aber fällt nicht mit dem ge-
forderten und geleisteten „Rasen“ der Weiber
zusammen, da er gerade über die widerstreben-
den kommt; auch Pentheus z. B. läfst statt
des Gottes einen Stier fesseln (vs. 616 sp.),
haut in die leere Luft u. s. w. Der Gott be-
sitzt also die Macht der Menschen Sinne zu
verblenden und Gemüter zu verwirren, welche
Macht gelegentlich allen Göttern, als beson-
dere Eigenschaft aber Pan, Hekate, der phry-
gischen Mutter und ihren Korybanten (vgl. Eur.
Hipp. 141), unter den Dämonen den Erinnyen
eignet. Auf Grundlage der dämonistischen
Anschauung, dafs Wahnsinn Besessenheit durch
einen fremden Geist ist, lassen -sich Hekate,
die Führerin der Geisterscharen, und die chtho-
nischen Erinnyen als den Menschengeist im
Wahnsinn einnehmend verstehen, wie die auf
tiefer Entwicklungsstufe stehen gebliebenen
Gottheiten Pan und Kybele. Dem Dionysos
aber wird die Macht der Geistesverwirrung
analog der Geisteserfüllung im Orakel eben-
falls gemäfs seinem ältesten, ursprünglichen
Wesen als Herrn der Geister zukommen. An
Hekate und ihre sich verwandelnden Spuk-
gestalten, die sie sendet oder unter denen sie
erscheint, erinnert es, wenn Dionysos, um seine
Feinde in Schrecken und Verwirrung zu setzen,
vor ihnen seine Gestalt wandelt und dabei
ihnen Spukgestalten vor die Sinne zaubert.
So wird er im Schiff der Tyrrhener (s. u.) zum
Löwen und erschreckt sie durch einen Bären
eryiaza cpcdvmv ( Hymn . Hom. 7 , 32 , Ovid in
derselben Erzählung (Met. 3, 669) simulacra
inania, desgl. 5, 404: den Minyaden erscheinen
falsa — simulacra ferarum , während bei Ni-
Jcander der Gott aus einer Jungfrau zum Stier,
Löwen und Panther wird).
D. Opfer, Tier- und Vegetationssymbole.
§ 14. Opfer (Stier und Bock) Stier dio-
nysos. Das vorbesprochene, zum Teil auf kan -
nibalistischen Anschauungen ruhende Kindes-
opfer der Weiber reicht offenbar in eine barbari-
sche Urzeit zurück; es kann in dem Rahmen eines
einzelnen Artikels nicht seine Erklärung finden,
da hier nicht auf die bei Naturvölkern anzu-
treffenden, mit der Anthropophagie verknüpften
mythischen Anschauungen eingegangen werden
kann. Da wir auch auf griechischem Boden
Dionysos (Opfer u. Symbole, Zagreus) 1056
bei den Seelen (Hom. 1 , 35 sq.) Blutdurst im
eigentlichen Sinne als das Verlangen der lech-
zenden Schatten nach dem ihnen abgehenden
Lebenssäfte, ferner bei den nächstverwandten
Dämonen, den Keren (Hes. scut. Iierc. 249) und
ErinyenDurstnacliMenschenblute antreffen, end-
lich kinderfressende Gespenter wie Lamia und
Gello die Geister Verstorbener sind, so werden
auch die dem Dionysos 'SlyciS 1.0g, ’Slyriozt)g darge-
brachten Menschenopfer dem Gottgeiste, dessen
Wesen nach Analogie der abgeschiedenen Men-
schenseele gedacht wurde, gegolten haben. Auf
das Kindesopfer bezieht sich ätiologisch der
Mythus von Zagreus, der in der Theologie
der Orphiker zum präexsistenten Dionysos ge-
worden ist, öfters auch mit dessen Namen be-
zeichnet wird; so von Kallimachos (frg. 171
Schneider) und Euphorion (frg. 1.4. 15 Meineke,
Anal. Alex. p. 48) , der in seinem zhovvcog
wohl zuerst von den nichtorphischen Dichtern
den Mythus behandelt hatte. (Die Erzählung bei
Nonnos 6, 264 sq. Clem. Al. adhort. 2, 16 — 18;
sonstige Zeugnisse b. Lobeck Agl. p. 552 s.; vgl.
O. Müller, Trolegorn. S. 390, der überzeugend
nachweist, dafs Onomakritos nur als Bearbei-
ter, nicht als Erfinder des Mythus gelten kann).
Zagreus, der Sohn des Zeus und der Perse-
phone, wird beim kindlichen Spiele von den Ti-
tanen überfallen, zerstückelt und aufgezehrt;
das allein übrig gebliebene Herz verschlingt
Zeus oder giebt es der Semele im Tranke ein,
(Hyg. f. 157.), wodurch der Gott als Dionysos
wiedergeboren wird. Bei Nonnos sucht sich
Zagreus seinen Feinden durch verschiedene
Verwandlungen zu entziehen und wird zuletzt
(6, 197) als Stier überwältigt und zerstückelt;
nach Firmicus Maternus a, a. O. wurde zur Er-
innerung daran, quae puer moriens passits est
ein Stier zerrissen. Überhaupt wurde dem Za-
greuskinde Stiergestalt zugeschrieben (Euphor.
fr. 14. "Tg zuvqoHqcozl Nonn. 6, 165. ssgotv ßge-
epog Clem. Al. a. a. 0 ; der Sohn des Zeus und der
Persephone hat nach euhemeristisclier Umdeu-
tung zuerst Ochsen unters Joch geführt, a<p’
oi) ’• HSQccziav nctQ£i6cxyov6Lv , Diod. 4,4.3,64.)
Wie so die Zerstückelung des Zagreus durch
ein Stieropfer nachgebildet wird, so wurde in
Tenedos (Aelian Hist. an. 12, 34) das Opfer
eines Kalbes als dem eines Kindes gleichartig
behandelt: dem Diony'sos wurde eine trächtige
Kuh ernährt, und ganz als Wöchnerin behan-
delt, ihr Kalb mit Kothurnen an den Füfsen
geopfert; der Priester, der es mit dem Beile
geschlagen, wurde mit Steinwürfen bis zum
Meere verfolgt (wo er vielleicht mit Meer-
wasser gereinigt wurde). Das Doppelbeil er-
scheint bekanntlich als Wappen von Tenedos
(z. B. Imhoof-Blumer, monn. gr. p. 269 nr. 203
—206), was nach dem öfteren Zusatze der Traube
auf bakchische Opfer zu beziehen ist. Legenda-
rische Erklärungen des TsvsSiog nilsyivg b. Flut.
s. v. und den Parömiographen, vgl. Tivsdiog
| vvrjyoQog . Simonides (frg. 172) nannte in einem
Rätsel das Doppelbeil zhmvvaoio ßovcpovog
fff Quncüv. (Doppelbeil von Personen des bak-
chischen Thiasos getragen , Stephani compt.
rend. 1863 p. 125; zusammen mit trauben- und
eplieugeschmückten Stierschädeln (Bleifiguren)
«
!)
il
H
.'11
S
iiä
35
äii
ir
Ei
-
5 ■
k
A
il; .
hd
iff
KD
i-l'D,
1: t
\
--
ff
ul-l
«hr
Üi, (
trab
LS;
■ikhj
find i
«■ 4i(
» I
fff
* Li
Sl «i
Ne
'triff
oie i
“fei
Ndi
Sätet
«4
■ftSai
%eej
jtj
1057 Dionysos (Stier)
auf dem Boden von Olbia ausgegraben ebend.
1873 Tf. I, f. 15—24). Überhaupt ist der Stier
I gewöhnliches Opfertier im Dionysoskult. (D.
ravgocpccyog Soph. frg. 692. Schol. Arist. ran.
357. Suid.) Die Bedeutung des Stier-Diony-
sos lernen wir aus den Kulten von Argos
und Elis kennen. Die Argiver riefen den
Dionysos ßovyEvgg unter Trompetenschall {Poll.
4, 86) aus dem See von Lerna empor, wobei
dem IIvläo%oq(= Hades) das Opfer eines (schwar-
zen) Lammes dargebracht wurde, dafs er seine
Thore dem zur Oberwelt emporfahrenden öffne.
, ( Flut . qu. conv. 4, 6, id. Is. Os. 35 sgßällov-
zsg slg z r\v aßvaoov uqvcc. t] ußvcGog ngr/vg in
Lerna schol. Pind. Ol. 7 , 60.) Aus diesem
See hatte Dionysos seine Mutter aus dem Ha-
des emporgeführt (Paus. 2, 37, 3); der empor-
gerufene ßovysvr'/g ist die lebenzeugende Natur-
kraft, als deren Symbol in diesem Kultus auch
der Phallos gebraucht wurde. (Phallos von
Melampus eingeführt, Herod. 2,49; darauf be-
zog sich die obscöne Legende von Prosym-
nos (Polymnos Paus. a. a. 0.), der dem Gotte den
Weg in die Unterwelt gezeigt. (Giern. Al.
adhort. p. 30 P. gvhlvoi q> alloi auch in dem
aus Argos stammenden rhodischen Kulte He-
■ sych. ©vcovidag). — Aus einer vermutlich
späten Verbindung der eleusinischen Göttin-
nen mit Dionysos waren die Mysterien von
Lerna hervorgegangen (Paus. 2, 37, 2. Weih-
inschrift eines ßäx%og (Bcexxgi fis ß<x-x%ov nal
nQoovfivaioc fffrä nzl.) Kaibel epigr. 821. 822;
vergl. Keil, Philolog. Supplementb. 2, S. 588.)
Wie die Emporführung der Semele den Diene-
rinnen des Gottes für das Heil im Jenseits Ge-
währ leistete, umschlofs der Tempel des Got-
tes , der den Beiamen Rggoiog führte, das
jGrab Ariadnes (Paus. 2, 23, 8). Nach Nonn.
47, 665 starb sie durch Perseus, als dieser, den
Wkchischen Thiasos bekriegend, die Einfüh-
rung dieses Dienstes hindern wollte (a. a. 0.
vs. 476 s.). Man zeigte in Argos das Grabmal
der Mainade Choreia und der übrigen Bakchen
Paus. 2, 20, 2. 22, 1.), die im gleichen Kampfe
i gefallen. Diese werden durch die Bezeichnung
■ ils "Alicu yvvctiKig zu dem aus dem Wasser
imporgerufenem Gotte in enge Beziehung ge-
setzt. Deren Bekämpfung und Tötung bildet
len ergänzenden Gegensatz zur Frühlingsepi-
ihanie des Gottes, analog der Flucht ins Meer
I mr Lykurgos ; die Analogie mit diesem Mythus
sowie die Entsprechung und der Gegensatz zur
lufrufungsceremonie werden vervollständigt
lurch die Nachricht, dafs Perseus den Dionysos
jetötet und in den See von Lerna geworfen
f iahe ; nach einem Dichter Deinarchos , Cyrill ;
dv.Jul. 1. X p. 341. Schol. Horn. 3 319. Au-
' ust . civ.D. 18, c. 13; s. Lobeclc Agl. 573/4; dafs
liese Sage auf echt mythischer Grundlage ruht,
mrde eine Analyse der Perseussage bestätigen,
■'enn sie diesen als Aresheros erwiese, (s. Ar-
Ükel Perseus u. einstweilen d. Verf. Beiträge z.
Uythol. d. Ares. Lcipz. Studien 4, 265f.). —
n Elis (vgl. Weniger, Kollegium der sechzehn
’ rauen und Dionysoslcult in Elis. Frogr. Wei-
iar 1883) steht dem Emporrufen des Stier-
ottes in Argos gleich das Herbeirufen dessel-
ben durch ein Priesterinnenkolleg an dem Feste
Roscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
Dionysos (Stier, Bock) 1058
©via; der vgvog ■ulgzisog lautet nach Bergk
( lyr . vol. III carm. pop. 6): ’El&siv ygeo Aic-
vvge , Alsicov s g vccov üyvov avv XctQueoaiv,
Eg vaov tw ßoscg noöl ftveov. a^is zcivqs, a^is
zavQS. Dem Emporrufen aus der Unterwelt
entspricht das Herbeirufen des Dionysos als
Heros. Der Gott kommt mit den Chariten,
den Geberinnen der Festfreude, mit denen zu-
sammen er in Olympia einen der sechs Doppel-
altäre inne hatte (Herodor b. schol. Pincl. Ol.
5, 10). Ein Wunder, das die persönliche Ge-
genwart des Gottes bewirkte, war die Füllung
dreier Kessel mit Wein, welche in einer Ka-
pelle aufserhalb der Stadt leer aufgestellt und
am Morgen nach der nächtlichen Feier gefüllt
gefunden wurden (Theopomp. frg. 296, Paus. 6,
26, 1 [Aristotf] mirab. 123); das in der Ekstase
von den Bakchen geschaute Wunder wurde durch
Priestertrug, der sich auf die unversehrten Sie-
gel an den Tempelthüren berief, auf den Bo-
den der Realität übertragen. Dies Wunder ist
nur ein zusammenfassender und gesteigerter Aus-
druck der Macht des Gottes, durch sein blofses
Erscheinen Segen und Fruchtbarkeit zu ver-
breiten. Diese zeugerische Macht des Gottes
ist hier wie in Argos durch die Stiergestalt aus-
gedrückt; gewissermafsen deren komplementäre
Ergänzung, die Empfängnis der Erde, stellen
die Weiber dar. Nach Athenaeus 11, 476 A
wurde Dionysos von vielen Dichtern Stier ge-
nannt; ßovHsgcog Soph. frg. 871A v.tQaog NikancLer
alexiph. 31. zavQogszamog , ^ucmtf'peoe Antli.
Pal. 9, 524, 23; aureo cornu decorus Hör. carm.
2, 19, 29, Tib. 2, 1, 3, Prop. 3, 17, 19 u. a. —
Das im Vergleich zum Stier bescheidenere Opfer-
tier des einfachen ländlichen Kultus war der
Bock, von den Ziegenhirten und Weinbauern
der Bergabhänge dem Berggotte (oQSupoizgg,
ovgsGicpolzgg) dargebracht (Plut. de divit. cup. 8;
auf der Darstellung des attischen Festkalenders
sind die grofsen Dionysien durch einen Satyr, der
einen Bock am Horne herbeiführt, bezeichnet, s.
Bötticher, Philolog. 22, S. 403 Fig. 22 der 2. Tf.).
Eine volkstümliche Legende liefs das Opfer
geschehen zur Strafe dafür, dafs der genäschige
Bock den Weinstock benagt. Dies führte Leo-
nidas von Tarent in einem Epigramm (Antli.
Pal. 9, 99) aus; die Weissagung des Wein-
stocks wider den Bock, von Euenos aus Askalon
in ein Distichon gebracht (ibid. 9, 75: ngv
gs cpäyyg Siel ql£<xv, ogeog szi nccQnocpoQfjGa)
(jggov ehigtieigcu Gol, zQayE, &vo{isvq>), ist un-
gemein populär geworden. Wir finden dies
Epigramm in Pompeji angeschrieben und illu-
striert (Dilthey , epigr. gr. Pompeis repertorum
trias ind. lect. 'Turici 1876, id. Ann. d. Inst.
1876 p. 307; s. Mon. d. I. X t. 36, 1); von Ovid
übersetzt (Fast. 1, 357, der die Worte aber einem
Zuschauerin denMund legt), bei Domitians (Suet.
Dom. 14) Mafsregelung des Weinbaus citiert
(Porphyr, de abstin. 2,10 [ Theophrastos ?] ; Varro
de r. r. 1 2, 19. Verg. Georg 2, 380. 395. Serv.
ad h. I. vgl. ad Aen. 3 , 18. Martial 3 , 24
init.). Dafs die legendarische Auffassung des
Opfers als eines Strafgerichts über eine Ver-
sündigung de® Tieres an dem Gotte volks-
tümlich und alt ist, zeigt ihre Anwendung bei
den attischen Buphonien, an welchen man, um
34
io
20
30
40
50
00
1059
Dionysos (Stier, Bock)
Dionysos (Vegetationsgott) 1060
das Opfer des Stiers zu motivieren, diesen von
der heiligen Gerste fressen liefs (Paus. 1, 24, 4.
Porphyr, a. a. 0.) ; aus dieser Auffassung ist die
Legende von der Feindschaft des Priapos gegen
den Esel (Ovid. Fast. 1, 391 s.) entsprungen,
und ganz in derselben Weise fragt das deutsche
Volkslied, ( Uhland 2, S. 205) wenn zu Martini
das grofse Strafgericht über die Gänse herein-
bricht: rWas haben doch die Gans gethan,
dafs soviel müssen 's Lehen län’? und weifs io
von deren Verschuldung gegen den Heiligen
zu erzählen. In keinem dieser Fälle können
wir die Ätiologie der Legende für den wahren
Grund annehmen. Wenn nach Servius (a. a. 0.)
victimae numinibus aut per similitudinem aut
per contrarietatem immolabantur, so wird die
similitudo, die positive Wesensverwandtschaft
durch den Beinamen ’Egiqnog bestätigt, wie
der Gott ( Apollodor hei Steph. B. ’Ay.gcSoeia.
Fes. "Egicpog) bei den Metapontinern hiefs. 20
Gleichen Sinn hatte (Wieseler, Phüolog. 10,701)
slgucpunzyg ( Hom . hymn. 34, 2. Alcaei frg. 90
SQQucpscorag). Andere Ableitungen Et. M. 371,
57 , dagegen von Porphyr, abst. 3 , 17 mit
AslqjCviog u. a. von Tieren hergenommenen
Beinamen zusammengestellt. Das Dionysos-
kind ward, um der Hera zu entgehen, in ein
Zicklein verwandelt (Apollod. 3, 4, 3). —
Demnach ist es eine Eigentümlichkeit dieses
Kultus, dafs der Gott selber in der Gestalt 30
seiner Opfertiere, des Stieres und des Bockes
erscheint. Das stiertötende Opferbeil führt
nicht der Gott, sondern sein Feind Lykurgos,
dem er weichen mufs. In dem mythischen
Urtypus des Kindsopfers, dem Zagreusmythus,
erscheint das göttliche Wesen nicht als Opfer-
empfänger, sondern wird selber zerstückelt und
verzehrt, ohne dafs überhaupt ein eigentlicher
Opferempfänger auftritt, wie etwa Zeus beim
Opfer Lykaons. Dies führt uns aufdieZerreifsung 40
der Tiere durch die Mänaden zurück, die oben
als orgiastische Opferung bezeichnet wurde;
auch hierbei fehlt gerade die Darbringung vor
ein höheres Wesen, es findet nur die gewalt-
same Aneignung statt, während im Tieropfer
der Götterverehrung bekanntlich Darbringung
und sakramentaler Genufs verbunden sind.
Im bakchischen Orgiasmus erkannten wir Aus-
übung dämonistisehen Naturzaubers; verlegen
wir die Mythen, dafs Dionysos selber Stier, Zick- 50
lein ist und als Zagreuskind selber den Opfertod
erleidet, auf die Stufe des Naturdämonismus zu-
rück,so sind Stier undBock nicht blofse Sinnbil-
der der Naturtriebkraft, sondern deren leibhaf-
tige V erkörperung, tiergestaltete V egetationsdä-
monen. Durch den Genufs ihres Fleisches und
Blutes,umdessenalsdes eigentlichen Lebenssaf-
tes willen das Rohessen stattfindet, eignen sich
die Weiber Kraft und Segen der zeugendenNatur
an und eignen diese Kraft zugleich der Erde, eo
der empfangenden und gebärenden Natur zu.
§ 15. Dionysos als Vegetationsgott,
Dendrites.
Dem Dionysos wird die Triebkraft, der
schwellende Saft der Vegetation zugeschrie-
ben, wie sie in Blumen und Ranken, an Bäu-
men und deren Früchten offenbar werden. Da-
her A. (frlscov Ael. Var. liist. 3, 41. <Mscog in
Ephesus ( W ood , discov. at Eph. inscr. city
nr. 13). Hesych. , d>lo 10g Plut. Symp. 5
8, 3; in Phlius sein Sohn Phlias, Apoll. Arg.
1, 115. Orph. Arg. 195. Paus. 2, 12. 6. 6, 3;
alter Tempel des Dionysos daselbst 13, 7, Stepli.
Byz. Im attischen Demos Phlyeis erscheint er
als Blumengott ('AvQ’iog, Paus. 1, 31, 2) und
am attischen Blumenfeste (s. u.); ’Av&svg aus
dem eingegangenen Flecken Antheia, Paus. 7,
21, 2; vgl. 19, 1. Das bekannteste Abzeichen
der den Gott feiernden ( Chairemon frgm. 5 %o-
qc ov sgccaryg vu-GGog) ist der Ep heu, schon
nach thrakischem Brauche zur Bekränzung be-
nutzt (s. Plin. N. H. 16, 34). Indem die Fest-
sitte der Bekränzung auf den Gott übertragen
wurde, heifst dieser y.iGGoxaizyg (Elcphantides
frg. 3: Eint y.lggox<xcz ’ kvcc^, %aig£ , Pratinas
frg. 1, 43); -utGGocpÖQog (Ar ist. thesm. 988), xto-
GOKoyyg etc. sliKonsraXog , frgm. adespot. 115
Berglc. Ein unmittelbarer Bezug des Gottes
auf die heilige Pflanze liegt uns aus dem Kulte
des Dionysos nsgituovtog in Theben (s. oben
1047) und des A. KiGGog in Acharnai vor: im
Epheu war das göttliche Numen selber gegen-
wärtig. Ein gleiches Einwohnen desselben
wird dadurch bezeugt, dafs die Kränze oder
Zweige der Mysten wie diese selber ßccnx 01
liiefsen ( Nikander [Schneider p. 205] und Pisi-
des bei Schot. Ar. equ. 408 = Suid. Bär-xog.
Hesych. ßaxxog — ttlddog 6 sv zccig zsXszcdg.
ßciHXctv sGxsqiccväGQ'cu hlggcö. In Sikyon
itx-Hxcc = GTStpavcoga svcSösg, Philetas und der
Glossograph Timachülas b. Athen. 15, 22 p. 678).
Bei Acharnai erwuchs nach heimischer Sage
zuerst der Epheu (Paus. 1, 31, 6), ohne Zwei-
fel die Art, welche anderwärts nogvgßiag, in
Athen uxugi av.6g hiefs (Theophrast. li. pl. 3,
18, 6; vgl. Anthol. Pal. 7, 21 , Epigramm auf
Sophokles v. 3: nolhxtag — ’Axagvüyg KiGGog
igsips xöyrjv, vgl. ib. 4, 186). Metamorphose
eines KiGGog, nach dem bekannten Schema der
Verwandlungssagen erfunden, der aus einem
wettlaufenden ceegGLnodyg zum dsQGMozyg wird,
Nonn. 10, 401. 12, 97. 190. Auch wenn Baum-
zucht und -wuchs nach dem allgemeinen Aus-
druck dem Gotte als heilig zugeeignet werden,
scheidet sich das allgemeinere Verhältnis der
göttlichen Fürsorge von dem intimeren der
Immanenz des göttlichen Wesens im Baume.
Plut. Is. Os. 35 belegt, dafs Dionysos nicht
allein des Weines, sondern ndcgg vygäg q>i>-
Gscog nvQLog sei (vergl. August, civ. JD. 7, 21:
quem liquidis seminibus — non solum liquoribus
fructuum quorum primatum vinum tenet — prae-
fecerunt mit dem Gebete Pindars: Ssvöqscov
vogov diovvGog TtoXvya&gg avlgdvoL ; ähnlich
Orph. hymn. 49, 10: n oXvyrj&ia ykqttov ccetgcov,
Nonn. 7, 303 ds^icpvzog; wahrscheinlich auch
A. Av^izyg in einer arkadischen Stadt Paus.
8, 26, 1). Nach Plut. Symp. 5, 1 opfern fast
alle Hellenen dem Poseidon epvrcdgiog und dem
Dionysos d'svd'QLzqg. In Sparta A. Zvklzi ]g
Sosibios bei Athen. 3 p. 78 c, AWfdzrj? Hesych.
(icthx Alcovvgolo , Theokr. 2 , 120. Athen. 3
p. 82 d. Der Dionysos i'vösvÖQog der Boio-
ter (Hesych.) bedeutet dem Wortsinne nach
das dem Baume einwohnende Numen, wie es
die Landleute noch in späterer Zeit in einem
Ip
inj
tacl
üidf
h
Sen
üoli(
v«
fca
(feit
Sh
»er 1
lai
»Eni
«b 1
•de ei
i W;
Btt
Heu!
1062
1061 Dionysos (Älteste Idole)
avrocpvsg ngegvov ehrten , das für ihren länd-
lichen Kult den Gott der Gärten und Auen
darstellte (Max. Tyr. diss. 38 init.). Wenn
nach der Legende des Kultes von Korinth
(Paus. 2, 2, 5) die Bilder des Avaiog und Bän-
XSiog aus dem Holze der Fichte stammten, die
als Versteck des Pentheus von den Mainaden
gefällt war, und ihre Verehrung auf das Gebot
der Pythia zurückging: ro SsvSqov l'occ tö> &sc ö
asßsiv, so werden ursprünglich die Mainaden ;
auf dem Kithairon in der Fichte den Gott
verehrt haben; vergleicht man hiermit nun
(den ursprünglicheren phrygischen Festbrauch,
alljährlich eine Fichte zu fällen und in das
Heiligtum einzuführen , so sehen wir in der
Erfüllung jenes Gebotes den Übergang von
der Verehrung des Vegetationsgeistes in dem
Naturkörper, welcher seine unmittelbare Ver-
körperung ist, zum Bilderdienste. Die Bildung,
welche an dem heiligen Gegenstände Maske,
Haupt, Gewand u. dgl., (s. u. Thrämer, früheste
Par stell, d. bärtig. Dion. S. 1091) anbrachte,
oezweckte nur Andeutung des Innewohnens
les göttlich-persönlichen Wesens, nicht Ver-
bildlichung seiner Idee. In Sikyon (Paus. 2,
1, 5) wurden die Idole des Bakcheios und Ly-
iios , gleichfalls auf pythischen Befehl aus
Theben eingeführt , nur einmal jährlich in
lächtlicher Prozession in das Dionysion ge-
macht, sonst aber in heiliger Abgeschlossen-
heit aufbewahrt; es waren also nicht für die
ichau bestimmte Bilder. Auch in der Mutter-
tadt dieses Dienstes, Theben, wurde der Tem-
>el des Lysios nur einmal jährlich geöffnet
Paus. 9, 16, G). Durch die gleiche Abgeschlos-
enheit des Idoles wie durch den Kultus-
amen erweist sich der attische (s. u.) aus
■oiotien eingeführte ’Elsv&sQsvg dem Lysios
ng verwandt. In Naxos (Athen. 3, 78 c) tritt
eben A. Banxsvg der aus heiligem Feigenholz
erfertigte MsiUxiog auf. Auch A. Alavpvrj-
r;g in Patrai (Paus. 7, 19. 20) wurde nur in
iner bestimmten Nacht in einer Lade (ld(j-
Bk£) ausgetragen; nach der Stiftungslegende
es Kultes hatte Eurypylos (s. d.), dem delphi-
dien Orakel folgend, das Schnitzbild in der
ade eingeführt; vorher geöffnet hatte es ihn
it Wahnsinn erfüllt , wovon ihn der Gott
: -st in Patrai erlöste, so dafs er hierdurch als
I wiog erscheint. Zugleich brachte dieser Dienst
l .e Abstellung der von der Artemis TqihXccqioc,
«kr Göttin dreier vereinigter Flecken, gefor-
mten Menschenopfer: am Dionysosfeste gin-
:n in der Kleidung jener Opfer Kinder zum
jusse Msihxog^OM. dem das Artemision lag,
!gten dort die Ährenkränze ab , badeten und
:hrten mit Epheu bekränzt zum Dionysostem-
,;1 zurück. Der Flufs Meilichos, der nach der
ige vor der Opferablösung ’Aysü Xixog hiefs,
innert an den Naxischen Mnh'x iog und an
us Meilichios, den Gott der Mordsühne*).
. *) Neuerdings hat Rapp , Beziehungen des Dionysoskul-
zu Thrakien S. 13 unter mehrfacher Zustimmung auf
k wichtigen Gegensatz zwischen dem Bakcheios und
im Lysios hingewiesen , ersteren als den wild orgiasti-
»en thrakischen, den Lysios als den hellenischen Gott
klärt und mit dem alteinheimischen Dendrites zusam-
jngefafst; dieser Hinweis möge der Kürze halber für
Stimmung und Modifikation im einzelnen stehen.
Dionysos (Lysios)
Den Beinamen Avaiog bezieht Welcher, Nach-
träge z. Tril. S. 195. N. 40 mit manchen der
Alten (Diod. 4, 2) auf politische Befreiung
der unteren Volksklassen, was doch nur neben
dem Emporkommen seines Dienstes hergeht.
Der einem Bakcheios entgegenstehende, dem
Meilichios, Aisymnetes, Eleuthereus synonyme
Avaiog wird am einfachsten als Befreier vom
orgiastischen Wahnsinn aufgefafst. Wie allen
Sühngöttern ein doppelseitiges, in dem zusam-
mengefafsten Gegensatz von Zorn und Versöh-
nung begründetes Wesen eignet (vgl. Erinyen-
Eumeniden, Apollon als Verderber und Abwehrer
des Verderbens), so ist auch der Angelpunkt
dieses Kultes, dafs derselbe Gott, der die Ge-
müter mit Raserei erfüllt, in seinem Kultus
die Mittel zu seiner Versöhnung, zur Befreiung
vom Wahnsinn darbietet. Wie wir nun eine
doppelte Manie unterschieden, die vom Herrn
der Geister verhängte Besessenheit und den
zur Auswirkung des Vegetationszaubers erfor-
derlichen Orgiasmus , so kann sich auch die
Lösung auf beides beziehen. Es liegt in der
Natur der Sache, dafs in der Sage mehr von
der erstgenannten Wirkung des göttlichen Zor-
nes die Rede ist. In der Wirklichkeit aber
wird Dionysos Lysios in Sikyon, Korinth, Mei-
lichios in Naxos u. s. w. nicht infolge einer
Epidemie des Wahnsinns verehrt worden sein,
sondern um der Ablösung des Orgiasmus wil-
len: die Verehrung des Gottes in den Formen
des hellenischen Tempel- und Bilderdienstes
war Unterpfand der Gewährung desselben Na-
tursegens, welchen die Mainaden dem Lande
orgiastisch erwirkten. Wenn Dionysos Den-
drites mit Recht aus dem alteinheimischen
Baumkultus, der Verehrung des Vegetations-
dämons im Baume abgeleitet wird, so enthielt
diese dämonistische Anschauung auch die An-
lage zum Orgiasmus; daher sehen wir auf
Vasenbildern (vgl. die Zusammenstellung Pa-
nofkas unter dem nicht passenden Titel: Dio-
nysos und die Tliyiaden, Abhandl. d. Perl. Akad.
1852, worunter die wegen ihrer altattischen
Herkunft wichtige Schale von Hieron Taf. 1, 2)
die kunstlosen Baumidole von Mainaden um-
geben. Dem entspricht genau, wenn im nord-
europäischen Volksbrauche Weiber den Ver-
treter des Vegetationsgeistes, den Erntemai,
einführen, empfangen etc. (vergl. Mannhardt,
Baumkultus S. 216 und Register unter: Weib),
welche der Erde dessen Kraft als Vertreterin-
nen des empfangenden Prinzipes zueignen.
Das Symbol der zeugenden Naturkraft, der
Phall os, bezieht sich im Dionysoskulte auf die
vegetative Fruchtbarkeit. Über Namen und
Aufzug der Phallophoreu in Sikyon und ander-
wärts Semos von Delos b. Athen. 14 p. 621 f.
u. p. 622 b — d, in Rhodos ib. 10 p. 445; über den
Phallos im Kulte von Argos und Rhodos s. oben
S. 1057. Seine Umführung (cpallocpoQia) an
den ländlichen Dionysien führt Aristophanes
in den Acharnern vor, wo das Liedchen Vers
261 ff. ein Beispiel der bei diesen Prozessio-
nen gesungenen cp ctlhucc (Poll. 4, 100, Tanz:
cpaViiv-ov £7tl Aiovvaco) darbietet. Darin wird
bcdyg als Freund und Zechgenofs des Diony-
sos personificiert und seine Lust drastisch ge-
34*
1063 Dionysos (Phallos, Priapos)
Dionysos (Wein) 1064
feiert; auch Heraklit (frg. 127 Byw.) nennt die
Lieder dieser Umzüge schamlos. Diese Ein-
führung des Phales ist offenbar freie dichte-
rische Personifikation; das Lied der Ithyphallen
bei Athen. 14, 16 p. 622 c verlangt für „den
Gott“, also doch wohl für Dionysos selber,
Raum: £vqv%cöqlccv xü> ttera noisixs — e&sXel yag
6 d'sog oq&ös iag/vScofisvog (ha fisaov ßadf-
£hv. Die allgemeinere Verwendung und Ver-
breitung des Symboles macht nicht sowohl
eine Ableitung aus Dionysos als vielmehr eine
Verknüpfung mit dem eingeführten Kulte wahr-
scheinlich, die dergestalt geschah, dafs der
darin verkörperte, früher oder anderwärts selb-
ständig auftretende Dämon der Zeugungskraft
der hohem Macht des Gottes untergeordnet,
gewissermafsen als Teil seiner wirkenden Macht
erkannt wurde. Dem entspricht das Verhält-
nis zu Priapos (s. d.); in Lampsakos, dem
Hauptsitze seiner eigentlichen V erehrung, wurde
von den Alten seine teilweise Identität mit
Dionysos anerkannt (Athen. 1, p. 30 b.: 6 ar-
ros wv xd) Aiovvgg o e'% ei ii&exov Halovysvog ov-
xcog), während er zumeist für dessen Sohn von
Aphrodite (Paus. 9, 31, 2. Steph. Byz. Adg-
ifanog. Tibull. 1, 4, 7 u. a.) galt. In Methy-
mna wurde ein A. (kallfjv verehrt (Paus. 10,
19, 2 codcl. Kscpalyv , was Lobeck, Agl. 1087
aus dem bei Euseb. praep. ev. 5, 36 p. 233 er-
haltenen Orakel korrigiert), dessen Bild nach der
Legende Fischer aus dem Meere gezogen hatten.
§ 16. Wein.
Aus dem Wirkungskreise des Vegetations-
gottes stammt auch dessen gepriesenste Gabe,
der Wein; doch soll damit nicht gesagt sein,
dafs er lediglich dem Vegetationsgott Diony-
sos geheiligt war. Es wurde oben S. 1055
darauf hingewiesen, dafs dem Gotte die Macht
der Geistesverwirrung und Sinnesverblendung
zukommt, welche mit der Geisteserfüllung (im
orgiastischen Dienste wie im Orakel) aus einer
Wurzel entsprungen ist. Für diesen Zustand,
in welchem nach der mythischen, naiv sinn-
lichen Psychologie die Ekstase von aufsen her
überwältigend über das gewöhnliche, verstän-
dige Bewufstsein kommt, ist Trunkenheit durch
berauschenden Trank das nächstliegende Ana-
logon. So geht im bakchischen Sagenkreise
mehrfach Berauschung dem von Gotte ge-
sandten Wahnsinn voraus; wenn Lykurgos
(. Ilyg . f. 132) die Gottheit des Dionysos leug-
net, darnach im Rausche an seiner Mutter sich
vergreifen will, sodann die Reben ausrodet und
vom Gotte mit Wahnsinn geschlagen wird, so
ist offenbar die erste Sinnesverwirrung als
göttliche Strafe gemeint (vergl. den Mythus
von Ikarios, der von den Hirten in ihrer
Trunkenheit getötet wird bei Apollod. 3, 14, 7).
Platon (leg. 2, 672 B) sagt, das mythische
Gerücht wiedergebend, von dem durch Hera
rasend gewordenen Gotte: Sio rag ßaH%sia g
■xal ndoav rijv (lavinriv syßdlXsi %°QEi'av xi-
ycoQOuysvog ■ oQ'sv nai xov oivov snl xovx uv-
x'o Ösöwqgxai. Hiernach wird also von der Ma-
nie auch der Weinrausch mythisch abgeleitet.
Neuere Mythologen haben dies Verhältnis um-
gekehrt, wie Preller l8, 549: die Sagen von
den Schwärmereien des Gottes und seines
Thiasos sind eigentlich weiter nichts als ein
bildlicher Ausdruck von den natürlichen Folgen
und Freuden des Weingenusses. Hiergegen
möge nochmals an die über den Weinrausch
weit hinausragende Bedeutung der Manie im
dionysischen wie auch in anderen Sagenkrei-
sen erinnert werden, da z. B. die chthonischen
Erinyen, welche „nüchterne“, weinlose Opfer
erhalten, Maviai , Furiae sind. Da die Mythen
io keineswegs bakchische Raserei mit Weinrausch
identificieren, so halten wir fest, dafs beim Ge-
nufs der berauschenden Getränke die Erfahrung
mit dem Glauben , dafs eine Macht den Geist
des Menschen zu seinem Heile oder Verderben
entzücken und verrücken könne, zusammenfiel:
der Wein wurde dem Bakchos geheiligt erstens
als materielles Substrat der Geistein-
flöfsung, als Mittel der bakchischen Macht-
:i:l
20 schenk des Vegetationsgottes. Der Wein er-
scheint, wie oben S. 1030 bemerkt, bei Homer
ohne Beziehung auf Dionysos; nur wenn 3 328
der Gott als xdgya ßgoxoiaiv bezeichnet wird,
geht dies zweifellos auf den Wein (vgl. Hes.
tgya 612 öäga A. noXvyrföEog. Pind. frg • 5, 5
Böckli. Auovvgolo n obvyu&ea xigdv. id. frg.
125). Von den Weingott angehenden Sagen
seien hier unter Verweis auf die betr. Art.
genannt die Rückführung des trunkenen He-
30 phaistos auf den Olympos, die Verwandlungs-
sagen von Ambrosia, Ampelos, Pithos, der
Mythus von dem Sohne des Dionysos MarOD,
von Ariadne, Oinopion, Staphylos , Euanthes
(Ion bei Paus. 7, 4, 6. Theopomp b. Athen. 1
p. 26 b. Schol. Apoll. Rh. 3, 997; vgl. Osann ,
Rh. Mus. 3 S. 242), von den Enkelinnen des
Staphylos , den Oinotropen auf Delos ( Epic .
frg. Kinkel fr. 17). Auf Einkehr und Bewirtung
des Gottes, die mythische Empfehlung der
•io Gastfreundschaft, beziehen sich die Sagen von
Oineus, Ikarios, Semachos. Wenn in den bei-
den erstgenannten Sagen der von den Sterb-
lichen gastlich aufgenommene Gott diesen als
Gegengeschenk den Trank der Rebe bietet, so
kehrte dies wechselseitige Verhältnis der Be-
wirtung an dem Feste des „Gottesschmauses1
wieder, an dem der Gott die Opfer der Sterb-
lichen, diese seinen Trank geniefsen. OiodaiGia
in Mytilene mit Weinverteilung (vgl. die In
50 sehr, im Bull. d. corr. hell. 4 p. 424), auf Andros
mit wunderbarer, Wein spendender Quelle, no-
nis lanuariis gefeiert (7 ’lin. 2, 23, 1; vgl. 31,
13. Paus. 6, 26, 1; vgl. Philostr. im. 1, 25),
iite
' S ■
(Ir i
AI
da
Bin ist
Knie
b
le- -
s“
11.3,4
Ml
Lös
auf Kreta (C. I. Gr. 2, 2554), zu Kyrene (Hes.
Suid. ’AGxvÖQoyia), wo die Nymphen an den
Ehren des Gottes Anteil hatten (Hes. Gsododoiog '
Aiovvoog). Die kretischen Theodaisien standen
im Widerspruche zu dem „Minoischen“ , in
Wahrheit wohl altdorischen Gesetze, welches
eo das gemeinsame Zechen bis zur Trunkenheit
verbot ([Plat.] Min. 320 A), wie auch in Sparta
hierfür kein Vorwand durch Dionysien ge-
währt wurde, während im dorischen Tarent
an diesen Festen die ganze Stadt trunken
{17.
Mai
'«ui]
schien (id. leg. 1 , 637 B). Es bedarf keiner
weiteren Ausführung, welch wichtige Rolle
die zum Weingenufs versammelte Gemein-
schaft im griechischen Volksleben spielte — ■
1065 Dionysos (Weingott)
Grund genug für Bewohner von weinhauen-
den Landschaften, Inseln und Gehirgshängen
den Gott zu verehren , wie für die Dichter ihn
durch die Poesie des Symposion zu feiern; bei
deren fast gänzlichem Untergange geben noch
die bakchische Darstellungen der Trinkgefäfse
eine Vorstellung davon, wie ein ursprünglich
ernster Kultus allmählich dahin kam, nur noch
Bilder und Formen für künstlerische Verklärung
des Lebensgenusses herzugeben. Ion ruft den
Gott seiner weinreichen Heimat an als sv&vgcov
avynoGimv zigvzavig ( frg . 1 , 14) und er bittet
VS. 15: ötdov S’ atcöva , xaXäv tniggavs igycov ,
zivsiv neu nai^siv xalzä dixcua cpgovsiv (Letzte-
es im Hinblick anf die ilßgi g infolge des über-
näfsigen Weingenusses); nach Panyasis bei
Athen. 2 p. 36 d gehört der erste Teil des Ge-
ages den Chariten, Horen und dem Dionysos,
ler zweite und schönste dem Dionysos und der
Aphrodite, der dritte ist vßgiog aioa xal arg g(A.
zaig AglAgg und mit der zur Welt gekom-
nen nach Plut. Symp. 7, 5, 3; vgl. die Saium-
ung von Dichterstellen b. Athen. 2 p. 36. 37).
Sine einfache Erweiterung dieser Richtung des
lionysoskultes war die Verbindung mit Aphro-
ite und ihrem Kreise. Eines der ältesten
leugnisse hierfür ist das Gedicht Anakreons
'rg. 2), der Dionysos, dem Spielgesellen des
Bezwingers Eros, der Nymphen und der pur-
urnen Aphrodite, sein Liebesleid klagt. Wie
ehr die Freigebung der sinnlichen Lust als
ebot des Dionysos sich einschmeichelte und
1s wesentliches Stück seines Dienstes er-
ibien, zeigt das schöne Chorlied in Euripides'
■akchen v. 370 sq., gesungen inmitten der Dar-
ellung des alten blutigen Mythus , und von
em Dichter, bei welchem die Anpreisung des
ebensgenusses , dem gegenüber alle Theorie
:au ist (v. 395 zb ocxpbv d’ ov oocpiu), bekannt-
3h nicht Ausflufs der eigenen Lebensauffassung
ar. Von Beinamen des Weingottes beziehen
ch Ogcpanizyg, Azucpvhizgg, IlQOZQvyaiog ( Ael.
h. 3, 41) auf Zucht und Wachstum der Rebe;
■m alten Kultusnamen Avgio g ist Avaio g, d. i.
Ir Löser und Befreier der Seele von Sorgen
id Kummer, nachgebildet, was zahlreiche
:i poetische Beinamen (XvCLgsgigvog , Xa&i-
ör/g, zsgt/u'gßgozog) ausführen. Wegen der
Isundheitliehen Wirkung des Weines wurde
’lazgog geehrt, in Athen auf pythisches Ge-
t, Athen. 1 p. 22 e. A. ' Tyiazyg id. 2 p. 36 b;
er medizinische Verwendung des Weines
1. Plin. n. h. ed. Jan. Index Vol. VI p. 452/3.
§ 17. Thiasos.
1 Das Bild der weiblichen Thiasoten des
vttes , der Mainaden , wurde oben (S. 1043)
I klärt aus der Übertragung der von den Frauen
:i|3geübten Festbräuche auf die Naturgeister,
li‘. Nymphenammen des Gottes. Die Satyrn
ijd nach Welcher ( Nacldr . z. aesch. Trilogie
> 21 If.) nichts anders als ein Abbild der
•'rklichen ländlichen Festtänzer des Gottes,
<< aus dem Irdischen unter die Dämonen er-
iljoener Chor. Von den ländlichen Festen des
( ttes ist sicher der Satyrtanz hergenommen
(Uivvig, o [ oazvQOL GLvuvviGzai nach Aristo-
k nsgl xoqcZv Athen. 14 p. 630b) und die
I kleidung mit dem Ziegenfell, welche im
Dionysos (Thiasos) 1066
Verein mit den Bocksprüngen der Sikinnis,
dem künstlich gesträubten Haare u; a. die
Tänzer Böcken anähnlichen sollte (Dion. Hai.
7, 72: TCSQi^cogaza nal dogai zgaycov hocI oq -
&6zQixsg Stil zotig xecpalaig cpoßai. Et. Magn.
p. 764, 9: zag nogag avinltxov Gxgga ZQceywv
gigovgevoi. Poll. 4, 118: 7] guzvqixi ) iGd’rjg [W-
ßpig], alyg, r)v xai ÜgaXgv txdlovv nal zgaygr).
Die Satyrn der Bühne werden geradezu als
Böcke angeredet (Aesch. frg. 190), sodafs die
in der bildenden Kunst dargestellten tierischen
Körperteile nur Reste sind , die der Prozefs
der Vermenschlichung hat stehen lassen. Sehr
zutreffend und weitführend erläutert Welcher
(a. a. 0. S. 226) die ästhetische Seite der
Sache, warum die Hirten an den Festen des
Gottes der Bergtriften und Rebenhügel in
ihren Mummereien Ziegenböcke, ihre tägliche
Gesellschaft, darzustellen Belieben fanden: die
allgemeine und überall hervorbrechende An-
lage zur Nachahmung erlustigte sich, in Er-
mangelung andrer Personen , die nicht wären
wie alle, in Tiermaskeraden. Wenn Welcher
als Parallelen die Festanzüge und Tiermasken
asiatischer Naturvölker und die nordischen
Julböcke anführt, so liefse sich ebensogut ein
reiches ethnographisches Material herbeischaf-
fen , welches die Büffel- , Bären- und Kängu-
ruhtänze von Jägerstämmen aus verschiedenen
Weltteilen den Bockstänzen der griechischen
Hirten gleichstellt. Wenn demnach auf die
äufsere Erscheinung der Satyrn die festliche
Schau der Dionysien bestimmend einwirkte,
so treten doch die Dämonen auch selbständig
auf, die Menschen schädigend, Herden rau-
bend und den Weibern nachstellend (Apollod.
2, 1, 2, 3. 2, 1, 4, 4. Philostr. v. Apoll. 7, 27
p. 123 Kayser). Demnach kannte der griechische
Volksglaube sogut wie der andrer Völker scha-
denfrohe Poltergeister und lüsterne mcubi (ys-
vog ovziSav cöv Eazvgcov xal agrixavosgyatv,
Hes. b. Strab. 10 p. 471; über die verwandte
Sippe der Satyrn vgl. besonders Mannhardt,
Ant. Wald- u. Feldk. c. 3: die wilden Leute
der antiken Sage, Satyrn S. 136 f.). Es fragt
sich, warum gerade sie dem Dionysos als Ge-
folgschaft, die den Taumel seiner Feste stän-
dig macht, beigegeben sind. Bei Philostrat.
a. a. 0. fängt Apollonius einen berauschten
Satyr, nachdem er in den Wassertrog Wein
geschüttet hat. Dieselbe Sage wurde vom
Silen erzählt (Bahchylid. frg. 2. Aristot. bei
Plut. consol. ad Apoll. 27. Cic. Tuscul. 1, 48;
vergl. Itohde, gr. Boman S. 204, 4), der vom
König Midas in seinen Rosengärten in Make-
donien (Herod. 8, 138) wie in Phrygien (Paus.
1, 4, 5. Xen. anab. 1, 2, 13) durch Mischung
einer Quelle mit Wein eingefangen worden
war. Wegen der Zugehörigkeit der Satyrn
und der Silene zum dionysischen Thiasos wie
wegen des Weines könnte man die Sage für eine
auf dem Boden des dionysischen Sagenkreises
erwachsene halten, wie denn z. B. auf einem
Krater aus Palermo die Vorführung des ge-
fesselten Silens mit bakchischen Scenen zu-
sammen dargestellt wird (Mon. In. d. Inst. 4,
t. 10). Dagegen spricht aber, dafs die Sage von
der Fesselung des berauschten wilden Mannes
io
20
30
40
50
GO
1067 Dionysos (Thiasos)
in Geistersagen anderer Völker wiederkehrt
(. Mannhardt a. a. 0. S. 150. Baumlcult S. 96 ff.),
sonach aus dämonistischen Anschauungen ent-
standen und eben daher zu verstehen ist*).
Wenn, wie im vorigen § gesagt, der Wein
den Glauben, dafs man durch den Genul's einer
Seelensubstanz, welche zunächst im Blute ge-
funden wurde , der eignen Seele Kraft und
Stärkung zuführen könnte, zur Erfahrung er-
hob, so wurde hierdurch der Trank, den wir
heute noch als „geistigen“ bezeichnen , zum
Seelen- und Geistertranke, vor welchem im
dionysischen Kulte der älteste Träger dessel-
ben mythischen Glaubens , das Blut der Roh-
mahle, zurücktrat. Dies Verhältnis der Dämo-
nen zum berauschenden Tranke spricht sich
in einer Reihe von Mythen aus, die vor der
Erhebung des Dionysos zum allgemein ver-
ehrten Weingott entstanden, vordionysisch ge-
nannt werden können. Und zwar führt die 2<
Sage die Wirkung des Weins nach zwei Rich-
tungen hin aus. Entweder kommt, hierdurch
bei den Dämonen ihr wildes, unbändiges Wesen,
das ihnen schon an und für sich eignet, zu
thätlichem Ausbruche in Kampfeswut (so die
Kentauren der Heraklessage, die vom Wein-
geruch angelockt zur Höhle des Pholos kom-
men, Apollod. 2, 5, 4) oder frecher Brunst
(Eurytion Hom. q o 235, oder überhaupt die
Kentauren auf der Hochzeit des Peirithoos; 3'
besonders sprechend Bind, fr gm. 147 Böchh:
als die Untiere [fff/pss] die männerbezwingende
Gewalt des honigsüisen Weins merkten, stiefsen
sie gleich die Milch weg und berauschten sich
von selber aus den Trinkhörnern). Oder der
berauschende Trank wird in der Hand des
Menschen zum Mittel , den Dämon zu über-
wältigen, zu fesseln oder zu überlisten (Sei-
lenos, Satyrn s. o., der Triton**) in der Sage
von Anthedon [Paus. 9, 26, 7], der Riese Orion 4
auf Chios, Apoll. 1, 4, 1, 3, Polvphemos). Die
mythische Anschauung, dafs der Wein zeit-
weilig einen einzelnen Dämon in die Gewalt
des Menschen giebt, verallgemeinert sich da-
hin, dafs dem eigentlichen Herrn und Spender
des Weines die Schar eben jener Geister ins-
gemein als festlich schwärmendes Gefolge an-
hangt. [Ähnlich fleht in Shakespeares Sturm
*) Auch in den sekundären Zügen stimmt die grie- K
cliische Yolkssage mit der neueien überein: der Wein
wird in den Brunnentrog, in die Milchgefäfse gegossen,
oder die Wasserfarbe des weifsen hervorgehoben — , so
wird von Midas eine Quelle gemischt, von Apollonius
ein Wassertrog der Schafe gefüllt , also hier wie dort
der berauschende Trank dem unschädlichen äufserlich
gleichgestellt; der Dämon wird, um ihm eine Weissagung
abzuzwingen, eingefangen; in einigen Versionen (so auch
Ant. Waldk. S. 126) triumphiert er über seinen Bezwin-
ger, dafs er das Beste für sich behalten habe u. dergl. ;
eine ähnliche volkstümliche Wendung mag in die Sage
umgewandelt sein, dafs König Midas den allen mensch- (
liehen Stolz niederschlagenden Spruch erhält: DvatoToi
/uri (pvvou (peQiotov y.xX.
**) Die Sage konnte auch von Wasserdämonen er-
zählt werden, da die zu gründe liegende mythische An-
schauung nicht im Naturelement, sondern im geistigen
Wesen der Dämonen wurzelt; eine Parallele bietet die
Sage aus Steiermark bei Pröhle , Deutsche Sagen S. 196
Nr. 142: der Wassermann von Obersteier wird berauscht
eingefangen und zur Weissagung gezwungen.
Dionysos (Thiasos) 1068 j
Caliban da er den Wein gekostet, zu dem
Geber: ich bitte dich, sei mein Gott.] Andrer-
seits bot für jene ungezügelte Sinnenlust,
welche, als vßgie ausbrechend, die Menschen
schädigte und daher von ihnen bekämpft wurde,
der dionysische Kreis freien Tummelplatz.
Betreffs der einzelnen Gattungen der in den
Thiasos aufgenommenen Dämonen sei unter
Verweisung auf die betr. Artikel über ihre Ver-
bindung mit Dionysos noch folgendes bemerkt.
Im Typus der Satyrn (vgl. auch unten § 20)
nehmen wir wie bei den Mainaden eine Aus-
stattung dämonischer Wesen mit Zügen mensch-
lichen Eestbrauclies an. Schon den ersteren
war vermutlich die Tiergestalt eigen; wenn
die bildende Kunst als deren Reste zum Teil
auch von Pferden entnommene Formen zeigt,
(Pferdeschweif noch auf rotf. Vasen strengen
Stils; L7t7iovQis r; tüöv Buzvqwv ovqcc , Bekker,
Anecd. 1 p. 44, auch Ohren und Hufe), so dürfen
wir wohl das Durchdringen des vermensch-
lichten Bockstypus dem Einflüsse des Dionysos-
kultes, insbesondere des Satyrspieles, zuschrei- 11
ben. Die im Gegensatz zu den festen Typen
der Bühne und der plastischen Kunst schwan-
kenden Gebilde der Volksphantasie belegen |®
vereinzelte Darstellungen der Vasenmalerei: j|M
Dionysos reitet auf einem Bock mit Menschen-
antlitz, Benndorf, griech. u. sic. Vasen 53, 1 ; I E
Ziegenbock mit bärtigem Menschenkopfe er- 1
schreckt anspringend einen Satyr, Münchner
Vasensamml. nr. 682. Deutliche Entlehnung
aus dem Bilde der ländlichen Festfeier (Tanz
beim Keltern, Bongos 4, 38) ist es dagegen,
wenn Satyrn mit der Arbeit des Weinbaues, f
besonders dem Keltern beschäftigt dargestellt
werden (vgl. 'Welcher, Alte Denhm. 2 S. 111
Idealisclie Vorstellung des Kelterns), da den Jet
Dämonen vielmehr ein freies, aller Mühe und ®
Arbeit enthobenes Naturleben zukommt. Wenn
Seilenos als Pfleger des Dionysos auftritt, ■
so beruht dies ebenso wie seine Verbindung «fj
mit den Najaden (vgl. Bind. frgm. 57 Büddi Ife
auf seiner Geltung als Quelldämon, wenn diese Ifieis
auch nicht konsequent festgehalten ist (vergl litte
Welcher , Nachtr. S. 214). Die weissagende Ner
Geisteskraft ist dem Silen, wie oben bemerkt
aus seinem eignen dämonischen Wesen geblie
ben; dagegen hat nach seinem Eintritt in der
dionysischen Kreis die Kunst an ihm das be
kannte Charakterbild des bejahrten , aufge
schwemmten, kahlköpfigen Zechers ausgestaltet
— Das Eintreten der Kentauren (s. d.) in de)
dionysischen Thiasos zeigt besonders deutlich nai;
wie derselbe anderwärts selbständig ausge ; %
staltete Wesen aufnahm und den durch keine)
ethischen Mafsstab gezügelten Dämonen freie)
Tummelplatz bot. Während die epische Hel
densage und die bildende Kunst der erste)
i (in Pheidias gipfelnden) Blüteperiode gerad-
die frevelnde Wildheit der Kentauren, vo)
Wein und Brunst entfacht, in heifsem Ver
nichtungskampfe mit den Helden schildern
schuf zunächst die bildende Kunst das Bih
des freien Waldlebens der Naturdämonen, wi
es sich selbst genugsam, ohne Bezug au
die Menschen sich entfaltet (Kentaurenfamih
des Zeuxis Luc. Zeux. 3 ff.). Und gerade di
10G9 Dionysos (Thiasos)
hierdurch erst geschaffenen Kentaurinnen oder
die nach ihrem Typus jugendlich schön (bart-
los, mit Satyrohren) gebildeten Kentauren (auch
Kentaurenpaare) werden als Thiasoten mit
bakchischen Attributen versehen , mit Maina-
den gruppiert u. s. w. (vgl. Helbig, Wandgem.
d. camp. Städte Nr. 496—503). Eine Verbin-
dung der älteren Kentaurensage, in welcher
der Wein eine Itolle spielte, und der späteren
Vorstellung von Dionysos als dem Weingotte ]
wird durch den Zug hergestellt, dafs das von
Pholos verwahrte gemeinsame Fafs der Ken-
tauren diesem von Dionysos geschenkt sei
( Diod . 4, 11. Schot. Theolcrit. 7, 149). — Pan
(oder die Pane) ist dem Gotte untergeben, weil
er mit ihm seine Heimat, das Waldgebirge
teilt und seine Syrinx in die orgiastische Musik
des Thiasos einstimmt. Aus diesen Gründen,
die ihn auch bei Pindar ( frg . 63. 66 Böckh)
zum Begleiter der ihm ursprünglich gleich i
fernstehenden Kybele gemacht haben, opferten
die Argiver dem Dionysos und Pan gemeinsam,
und das bakchische Fest hiefs von dem rau-
schenden Lärme Tvgßr] (Paus. 2, 24, 7; vgl.
Poll. 4, 104: zvgßaGia — OQ%rgux didvQccfißi-
uov, aiiuvvozvQßr] Athen. 14 p. 618 c.: Satyr-
name Tvgßccg, Mon. In. d. Inst. 2, t. 38). —
Wenn so Dionysos eine reiche Fülle von dämo-
nischen Gestalten verschiedenen Ursprungs und
eigener Ausbildung aufgenommen hat, so war 3
doch der allgemeine Rahmen für diese bunte
Mannigfaltigkeit, der Glaube einer Herrschaft
des Gottes über die Geister schon in der alten
I Kultidee des chthonischen Dionysos gegeben;
an Stelle der abgeschiedenen Seelen ist der
Thiasos getreten, ein Bild des üppigen Natur-
lebens und des sinnlichen Genusses in rauschen-
der Festinst, wie auch der Gott selber in sei-
ner jugendlichen Erscheinung zumeist weich-
liche Hingebung an verfeinerten Lebensgenufs 4
zur Schau trägt. Eine parallele Entwickelung
liegt vor , wenn an Stelle der Zaubergöttin
Hekate , die an der Spitze der nächtlichen
Geisterscharen (’Exdzrjg r.cögog) einherzieht,
Artemis, die Führerin des Nymphenjagdzuges
oder -reigens getreten ist (vgl. Dilthey , Arte-
mis d. Apelles u. d. ivilde Jagd, Rh. Mus. 25,
S. 321. 332); in beiden Fällen haben die füh-
renden Gottheiten wie die Schar der Dämonen
die gleiche Entwickelung erfahren, indem das 5
griechische Religionsbewufstsein sich von der
Geisterfurcht der Urzeit ab- und der wolilthä-
tig schaffenden Macht des Naturlebens zu-
wandte und die schönste Entfaltung des Gött-
lichen im verklärten Menschentume wieder-
gespiegelt fand.
E. Dionysos in Attika.
§ 18. Aufnahme des Kultes; Feste.
Vgl. Ribbeck, Anfänge u. Entwickelung des s
Dionysoskultes in Attika Kiel 1869. Mittel-
baus, de Baccho Attico diss. Die älteste Ein-
führung des Dionysoskultes geschah nach Philo-
choros (bei Athen. 2 p. 38 c. d. = frg. 18. 19
Müller) durch König Amphiktyon, der einen
kltar des A. ’Opffog im Heiligtume der Horen
and daneben einen Altar der Nymphen errich-
<ete. Die Verbindung mit den Horen, die in
Dionysos (in Attika; Feste) 1070
Attika als Spenderinnen der Blüte und Frucht
im Jahreslaufe verehrt wurden, bezeichnet den
Gott als Geber des vegetativen Segens. [Die
gleiche Verbindung auf der attischen Fran^.ois-
vase; nach Panyasis (bei Athen, p. 36 d = frg.
13 Kinkel ) gehört der erste Teil des Gelages
den Chariten, Horen und Dionysos, die den
Trank bereitet; der Bauer, der seine Reben
und Feigen beschaut, ruft: Slgcu cpiXaz Ar.
pax 1159 sq.] Zu diesem Naturbezuge des Got-
tes passend deutet der Beiname auf phallische
Natur (so Ribbeck a. a. 0. S. 4), während
ihn die Alten (Philoch. a. a. 0.), weil Amphi-
ktyon von Dionysos die Mischung des Weines
mit Wasser gelernt hatte, in ihrer bekannten
willkürlichen Manier auf das Aufrechtbleiben
des mäfsigen Trinkers deuteten. Amphiktyon
hatte den Gott bei sich aufgenommen und be-
wirtet, was ein Bildwerk an einer Kapelle in
der Nähe des heiligen Bezirkes darstellte, Paus.
1, 2, 5; daneben wird auch Pegasos aus Eleu-
therä genannt, der mit Unterstützung des del-
phischen Orakels den Gott einführte (Phal-
losdienst hierdurch eingeführt nach Schot, Ar.
Ach. v. 243.) Der Dienst des Gottes in Eleu-
therai am Fufse des Kithairon hängt, wie der
Ort selber früher zu Boiotien gehörte, mit dem
boiotischen Kulte zusammen; seine orgiastische
Wurzel wird noch durch folgende Legende auf-
gedeckt: Die Töchter des Eleuther sahen eine
Erscheinung des Dionysos, der mit schwarzem
Ziegenfell bekleidet war; als sie darüber spot-
teten, schlug sie der Gott mit Wahnsinn,
Eleuther erhielt das Orakel, zu dessen Abwen-
dung den A. Mtluvcayiq zu verehren ( Suid . Ms-
lavaiyidu). Hiernach ist auch der A. ’EXsv&e-
givg oder ’EXsv&sgog ( Hesych . s. v.) als Be-
freier vom orgiastischen ,, Rasen“ zu fassen.
Eine andere Legende giebt eine wichtige Da-
tierung der Einführung des Kultes, indem sie
dieselbe mit dem Sturze der Theseiden durch
die Neleiden verbindet (vergl. Welcher, Nach-
trag z. aeschyl. Tril. S. 194 ff. : Einführung des
Dionysosdienstes in die Staatsreligion, insbe-
sondere zu Athen). Nach Schot. Ar. Ach. v. 146
(= Suid. Harpocrat. ’Anazovgicr, vgl. Polyaen.
1, 19) stand Dionysos im Streite der Athener
mit den Boiotern um KeXouvcA (nach Schot.
Fiat. Tim. 21 B u. Konon 39 bei Phot. bibl. p. 138
wurde um Oivbr j gekämpft — beides diony-
sische Namen) dem Melanthos im Zweikampfe
bei, indem er, mit einem schwarzen Ziegenfell
bekleidet, hinter den boiotischen Gegner trat;
als dieser sich nach ihm umsah, wurde er ge-
tötet, und daher ehrten die Athener an den
Apaturien den Dionysos MeXavcayig (Konon
l, c. : MeXav&idrjg) durch einen Altar. Die
Legende vom Truge des Gottes ist aus der
Etymologie: ’Ancczovgioc von dndzg ersonnen
(vgl. Nonn. 27, 302: yfXecvouylg ndzgr\v qvgszul
iigsXdoccg Bounziov gyspovriu, der v. 305 mit
Nonnianischem Wortwitz mazog ’Ancczovgiog
s. v. a. treuer Betrüger heifst). Dafs des Got-
tes am Feste der Apaturien besonders gedacht
wurde, scheint von der Aufnahme seiner im
nördlichen Attika angesessenen Verehrer aus
dem Hirtenstande in die Bürgerschaft Zeugnis
abzulegen Im Gau Eryxu%idcu (Steph. Byz.)
1071 Dionysos (in Attika; Feste)
wurde Dionysos von Semachos aufgenommen
und machte dessen Töchter zu seinen Prieste-
rinnen. Gröfsere Berühmtheit hat die Sage von
der Einkehr und Bewirtung des Gottes bei Ikarios
und seiner Tochter Erigone (s. die Artikel) er-
langt; auf ersteren wird ätiologisch der Tanz
auf aufgeblasenen Ziegenschläuchen ( uG-KcoXtcto -
fiog Porphyr, abst. 2, 10. Mythograph. Vatic. 2
c. 61), auf Erigone das Schaukelfest (cttcogct Kt.M.
Bes. Athen. 14, 10. Poll. 4, 55. Serv. Vtrg.
georg. 2, 39. Bygin. f. 130) zurückgeführt.
Dionysische Feste. Yergl. Böckh , Kl.
Sehr. Bd. 5 S. 1 ff. Mommsen, Heortol. S. 323 ff.
und die Handbücher. Im Poseideon Dionysien
auf den Dörfern (rä naz’ aygovg AiovvGict
Beicher, Anecdot. 1, 235, 6. Schöl. Plat. rep.
475 D. Besych. Azovvgzk). Ein Bild der bäuer-
lichen, derblustigen Feier giebt Aristophanes
in den Acliarnern v. 201. 240 sq. Hauptstücke
waren die Umführung des Phallos unter Ab-
singung der cpaHitiä uud das Ziegenopfer. Eine
Jungfrau als navgcpoQog (Ar. a. a. O. 253) trat
auch in der städtischen Pompe der Dionysien
auf, vom Eponymos auserlesen (s. C. I. A. 2,
I. 420 l. 8 sq.; vgl. die Inschrift Bull, de corr.
hell. 3 p.62 [= Bittenberger, Sylt. 2, 383]; 6 p. 338
nr. 41). Vom Genüsse des Weines hiefs das Fest
Geozvict ( Barp . s. v. Aesch. frg. 397 nuxeQ&iozve).
Über die religiöse Bedeutung der Lenäen, welche
in Attika im Gamelion gefeiert wurden und
von denen der ionische Monat Ayvcaoiv (Bes.
f'gyc « 502 Schol.) seinen Namen hatte, sind
wir ganz unzureichend unterrichtet. An ein
„Kelterfest“ im eigentlichen Sinne zu denken
verbietet die Jahreszeit. Mommsen S. 340
will den Namen von der Kufe (hqvög) , in der
man den Wein gären liefs, herleiten, Rib-
beclc S. 13 nr. 3 von den lyvuC = ßccx%ai,
den „Packenden“ (von derselben Wurzel wie
lyvog, erweitert laß), die das zu zerreifsende
Opfertier erjagen; doch ist von Orgiasmus an
den Lenäen nichts überliefert. [Über die ioni-
schen Lenäen belehren die Opfervorschriften von
Mykonos (Bittenberger, Sylloge 2, 373 l. 16 sq.),
nach welchen im Lenaion am 10tfm vneg nag-
■jtov der Demeter, Kore und dem Zeus Buleus zu
opfern ist, am 12ten AiovvGcozAgvez exyaiov vntg
xcxqtköv, AuX&ovlcol rfjzX&ovtriz nzB] Im allge-
meinen dürfte wohl die Ansicht, dafs die Lenäen
eine städtische Nachfeier der ländlichen Dio-
nysien waren, nachdem die Dörfer dieselben
gefeiert hatten, das Richtige treffen (so Momm-
sen S. 44. Preller l3, 553. Schömann 23, 493).
Der heilige Bezirk des Gottes, iv Aiyvcng ge-
legen, welcher den älteren und den jüngeren
Tempel umschlofs, hiefs das Agvcuov, davon
Agvazog A. (Bes. Alfivca. Kt. M. Bes. Int Ag-
vaicp ayrnv Pliot. Agvatov). Das Hauptfest des
Gottes in älterer Zeit (Tlmlc. 2, 15 zu ugxuto-
zegu Alovvglu) waren die Anthesterien , vom
II. — 13. Anthesterion gefeiert (vergl .Gerhard,
Abhandl. d. Bert. Ahad. 1858 S. 141 f. = Ges.
Abhandl. 2, 148 ff.). Vom Anstich des ausge-
gorenen Weines wurde der Festtag, der in
Boiotien dyafrov duzyovog hiefs, ntQ'otyiu ge-
nannt; Herren und Knechte thaten sich zusam-
men gütlich (. Plut . conv. 4; quaest. 10, 3, 6.
Schol. Bes. l'gyu 370). An dem zweiten, dem
Dionysos (in Attika; Feste) 1072
Tage der Kannen (Adeg), wurde ein förmliches
Wetttrinken veranstaltet, wozu der Priester
des Dionysos die Gemeinde entbot (Acliarn.
v. 1087) und wobei der Sieger vom Basileus
den Preis, einen Kuchen (Phanodem s. u. Z. 37)
oder Weinschlauch (Ach. 1224) erhielt. (Suid. 1,1
p. 795 vermengt den aufgeblasenen Schlauch
des uGKuiUuGyog und den Schlauch als Preis,
woraus eine ganz sinn- und wertlose Schilde-
10 rung entspringt.) Dies Wetttrinken verpflanzte
Themistokles nach Magnesia als Feier des
Alovvgo g Xoonozgg (Athen. 12 p. 533 d). An-
dere Festbräuche, Z d £K Züjv äfia^WV GUCOflflUZU,
Bekränzung der Kinder u. s. w. s. bei Momm-
sen S. 347 ff. Ungeachtet dieser lauten Fest-
lichkeiten galt der Tag als ytugü gyiga (Phot.
s. v.), an welchem die Seelen umgingen; durch
unheilab wehrende Mittel — Wegedorn, Teer
au den Thüren — suchte man sich vor ihnen
20 zu schützen. Die Göttertempel wurden mit
einem Seil umspannt (negiaxoCviGpu) und ab-
geschlossen (Ale. 2, 3, 11. Poll. 8, 141).
Mommsen (S. 23) macht wahrscheinlich, dafs
die Totenbräuche, welche der Mythus mit der
Deukalionischen Flut — den Regengüssen des
Xeificc — verknüpft, ursprünglich den Gott,
der diese verhängt und entfernt, nämlich Zeus
angingen; als man das Fest auf Dionysos über-
trag, lag dessen Herrschaft über die abgeschie-
30 denen Geister wahrscheinlich noch mehr zu
Tage, als in der spätem Form seines Kultes.
Das mythische Vorbild für das Trinkgelage
au dem unheimlichen Tage fanden die Athener
in Orestes, der von der Blutschuld noch nicht
gereinigt, weder Zugang zu den Tempeln noch
Tischgenossenschaft mit den Bürgern erhielt
(Phanodem frg. 13 Müller, bei Ath. 10 p. 437.
Kur. Iph. Taur. 949 — 960. Plut. conviv. 2,
quaest. 10, 3). Den verfolgenden Erinyen stehen
40 die umgehenden Seelen gleich. Jeder Zecher
safs und trank für sich , wahrscheinlich ein
Rest der alten, aus Homer bekannten Tisch-
sitte. Die Form der Kannen, die später nur
noch bei dem Feste iu Gebrauch war ( Kratcs
b. Athen, p. 435a: zo uyyezov nufhega iyevov
tv zfj toozy nuguziQ'ezui pövov, xd ä’ eg zgv
Xgeiuv ntnxov yexsGxgyuxiGzaz), lernen wir aus
einem Exemplar (abgeb. Archäol. Zeitg. 1852
Taf. 37, vergd. L. Fivel, Gaz. Arch. 5 p. 6f.)
50 kennen , auf welchem vier Knabengestalten
sämtlich Kannen gleicher Gestalt, wie das
Gefäfs mit Epheu bekränzt, in den Hän-
den halten; benannt sind BAIAN mit Fackel
(Sclrlufsgesang des Symposion), KSIMOZ, NE-
ANIAX. Dargestellt ist die Heimkehr vom
Choengelage , die mit besonderen Bräuchen
verknüpft war: die Feiernden schlangen ihre
Kränze um die Kannen und brachten sie der
Priesterin im Heiligtume iv Atavatg , wo sie
60 auch den Rest des Weines, wahrscheinlich an
den gleich zu erwähnenden vierzehn Altären
opferten ( Phanodem a. a. 0.). Da dieser Schlufs-
akt erst im Morgengrauen des folgenden Tages
(so Mommsen S. 364) stattfand, so gehen wahr-
scheinlich auf die Scharen der übernächtigen
Zecher die Verse Ar. ran. 215 sq.: iv Aiyvcug
— gvix b HQcancdoKcoyog xoig [eqolgl Xvxqolgl
XmQtL Mar’ iyov zipevog Xaäv oxXog (v. Leutscli,
1073 Dionysos (in Attika; Feste)
Philolog. 11 S. 733 versteht: wir [der Frosch-
chor] wollen das an den Chvtren gesungene
kyklische Chorlied wiederholen , und folgert
daraus’ kyklische Chöre an den Chytren, was
ich aus dieser Stelle nicht herauslesen kann).
Der wichtigste und heiligste Festakt vollzog
sich am Abend der Choen; aus dem Heilig-
tume des Eleuthereus, das nur an diesem Feste
geöffnet wurde, brachte man das Kultbild in
einen kleinen Tempel im Kerameikos , um es
am Abend in feierlicher Prozession wieder zu-
. rückzuführen ([Dem.] c. Neaer. § 76. Paus. 1,
29); Abendzeit und Fackelzug macht Mommsen
S. 356 wahrscheinlich, was durch die gleichen
Züge im Kulte des gleichbedeutenden Lysios
(s. o. § 15) fast zur Cewifsheit erhoben wird.
Dem Grotte wurde, vielleicht während des Zuges,
die Gemahlin des zweiten Archon, die „Köni-
gin“ zugeführt und ihm in der heiligen Ab-
geschlossenheit des Tempels förmlich ange-
traut ([Demosth.] a. a. 0. § 73. 76. 110. Des.
Jiovvaov yugog). Ihr beigegeben wurden vier-
zehn rsQccQui, die sie, bedient vom Hieroke-
ryx, vor den Opferkörben am Altäre verei-
digte; ([Dem.] a. a. 0. 76 — 78. Poll. 8, 108.
Hes. Dt. M. regugut)-, sie beschworen ihre
Reinheit und Festhalten am Dienst des Got-
tes nach Vätersitte ( — tu ©eoivux aal zu
’loßunxlLCC [sonst unbekannt] ysguigco). Die
Opfer, welche die Ehrenfrauen, jede an einem
besonderen Altäre , verrichteten, bezogen sich
zweifellos auf den folgenden Ehebund mit dem
Gotte, und geschahen, wie dieser selbst, zum
Heile der Stadt ([Dem.] a. a. 0. 73: tzt qu£e vnl g
zr\g nolscog zu nuzgiu — uytu nul dnoggyza).
Hieraus, wie aus dem oben über die Bedeu-
tung des bakchischen Frauendienstes Bemerk-
ten, folgt, dafs es sich nicht um eine nach-
bildende Darstellung eines mythischen Vor-
ganges, sondern um einen symbolischen, fin-
den Glauben realen Akt handelte, worin die
Königin als Vertreterin zunächst der Frauen
der Gemeinde und dadurch des Landes han-
delte. (Zuerst Böttiger , Archäol. der Malerei
S. 209, dann 0. Müller , Etrusker bearb. von
Deecke 2 S. 100 nr. 65 a und Gerhard in der
cit. ak. Abliandl. S. 169 haben die dem Gotte
vermählte Königin für Kore erklärt, was weder
bezeugt noch an sich wahrscheinlich ist.) Der
rben erörterte Glaube, dafs die Weiber im
jakchischen Kulte als Vertreterinnen der
empfangenden Natur handeln und so die kom-
plementäre Ergänzung der zeugenden Götter-
iraft beibringen, wird am deutlichsten in die-
iem Akt der Vermählung ausgesprochen. Wenn
Dionysos seine Liebe der Altliaia , der Ge-
nahlin des ätolischen Königs, schenkt (Apoll.
jl, 8, 1. Hyg. fab. 129), so ist dies wohl der
agenhafte Ausdruck derselben Anschauung,
Welche der Ehe des Gottes mit der attischen
Königin zu Grunde liegt. Der letzte Tag der
^.nthesterien hiefs Xvzgot, von den in Töpfen
largebrachten, aus gekochten Sämereien be-
tehenden Totenopfern (Theopomp. b. Schol.
Ir. ran. 218). Diese waren ursprünglich Speise
er Seelen, wie die 'Encczrjg öetnvu oder die
ei der täglichen Mahlzeit zu Boden fallenden
hocken (Arist. " Hgcosg frg. 305 Kock. Eurip.
Dionysos (in Attika ; Feste) 1074
frg. 667. Athen. 10 p. 427 e. u. a.), wurden
aber nach späterer Auffassung geopfert 'Eggy
X&ovLcp vTtlg zäv zt&vtcözcov (Theopomp. a. a. 0.),
d. h. dem Hermes, damit er die Seelen wieder
zur Ruhe brächte. Dasselbe bezweckte am
Schlufs des Festes der Zuruf an die Geister:
<9 vgu^s Ärjgsg, ovu tz’ ’AvQ'SGzygtu (nach der
Erklärung von Didymos bei Phot. 1 p. 286
Naber; dafs diese Fassung vor der auf die
io Sklaven bezogenen Kccgtg n. z. I. den
Vorzug verdient, zeigt 0. Crusius, Artikel Ke-
ren, Encykl. v. Ersch u. Gruber, vgl. Anm. 13
ebend.). So tragen die Anthesterien den Cha-
rakter eines Frühlingstotenfestes, nach dem
auch sonst bei den Alten verbreiteten Glau-
ben (vergl. Preller l3, S. 330), dafs mit dem
neuerwachenden Naturleben auch die Seelen
zum Lichte empordrängten; wir können fol-
gern, dafs auch Blumen und Wein, die zum
20 Schlüsse des Choengelages an den Altären des
Dionysos geopfert wurden, ursprünglich Toten-
opfer waren. Dem Dionysos aber feierte man
das Fest nicht allein als dem Geber dieser
Frühlingsgaben, sondern auch als dem Gott,
der , gleichfalls aus dem Totenreiche aufstei-
gend, Fruchtbarkeit und Segen mit sich brachte.
[Den gtugul ygsgai entsprechen die römischen
dies religiosi, an denen mundus patet (Varro
bei Macrob. 1, 16). Eine noch vollere Para,l-
30 leie bieten die heiligen „Zwölfnächte“ des
deutschen Volksbrauches , während welcher
einerseits wegen der umziehenden wilden Jagd,
oder wie die mythische Bezeichnung der Geister-
scharen sonst lautet, die Hausarbeit ruht (be-
sonders deutliches Verbot für die giugui ygi-
gath. Kuhn, Westfälische Sagend, S. 111 — 113.
Bartsch, Mecklenb. Sg. S. 242 f.), andererseits
gerade jener Umzug im Sturmeswehen die
Fruchtbarkeit in Feld, Garten und Weinberg
40 schafft.] — Die städtischen Dionysien im
Elaphebolion (vgl. Mommsen S. 387 ff.) boten
die glänzendste Entfaltung des ausgebildeten
Dionysoskultes und der aus ihm entwickelten
dramatischen Kunst; ihre Einführung fällt
zweifellos mit dem hohen Aufschwünge jener
zusammen. ( Mommsen S. 58 ff. läfst die Dio-
nysien an Stelle eines Apollinischen Festes
treten , Bibbeck S. 28 vermutet Einführung
unter Kimon, Mittelhaics S. 54 unter Peisistra-
50 tos.) Daher standen sie in Bezug auf eigent-
lich rituale Kultgebräuche ohne Zweifel den
älteren Festen nach; sie mochten sich zu den
älteren Festen verhalten wie das goldelfen-
beinerne Prachtbild des Gottes zu dem alt-
heiligen Holzbilde des Eleuthereus. Von den
Epheben wird in späteren Inschriften (G. I.
A. 2, 1. 470. I. 11, 471. I. 12) gemeldet: slayyu-
yov zov Aiovvoov ano rfjg £G%ugag s lg zo ftsa-
zgov gszu cpcozbg nzX. ; nach Dio Chrys. or. 31,
go 121 wurde das Bild in der Orchestra auf-
gestellt ( Alciphr . 2, 3, 16: o tn £6%ägug Aib-
vvGog). Mommsen S. 312 bezieht dies auf das
Bild des Alkamenes, was nach dem Wesen
der Chryselephantintechnik , wenn nicht un-
möglich , ganz unwahrscheinlich ist. Da-
gegen ist Mommsen im Rechte , wenn er
S. 354 N. *) gegen Hermann ( Gottesd . Altert.
§ 59, 7) und (Preller l3 S. 556) feststellt, dafs
1075 Dionysos (Dithyrambos)
das Eultbild des Eleutliereus in der Prozession
der grofsen Dionysien nicht zur Verwendung
kam, da der Tempel nur einmal jährlich, an
den Anthesterien , geöffnet wurde. Da kein
Zeugnis aus der Blütezeit die Aufstellung des
Idoles in der Orchestra bezeugt, so wäre mög-
lich, dafs hierin eine Neuerung vorläge; was
für ein Idol ano zrj g sß^dgag eingeholt wurde,
bleibt ungewifs.
Das Fest der Weinlese ( (6ß%ocp6gicc ) im
Pyanepsion (vgl. besonders Mannhardt , Ant.
Wald- u. Fcldlc. S. 216. 253 f.) bestand aus
zwei Akten: einem Wettlauf ( Aristodemos bei
Athen. 11, 62) und einer unter dem Gesänge
von (o6%ocpooiY.d fislr/ (s. Procl. ehrest, b. Phot,
bibl. cod. 239 p. 322) stattfindenden Prozes-
sion, in welcher unter dem Vortritte eines
Heroldes zwei Jünglinge in Frauenkleidern
einen traubenbehangenen Rebzweig einhertru-
gen. Die Feier galt Dionj^sos und Ariadne,
daher die ätiologische Legende an die The-
seusfahrt anknüpfte ( Plut . Thes. 23). Über die
Teilnahme an diesem Festzuge entschied, wie
Mannhardt a. a. 0. wahrscheinlich macht, der
vorausgehende Wettlauf. Die Sieger erhielten
als Preis einen aus Wein, Öl, Honig, Mehl
und Käse bereiteten Fünftrank; dieser Trank
bedeutete ohne Zweifel dasselbe wie die Pan-
spermie der Pyanepsien, den von der Gottheit
geschenkten Herbstsegen. Wenn dessen Ver-
sinnlichung zum Preise eines Agons gemacht
wird, so erscheint dieser als ein Ringen um
die Aneignung eines Heiltumes , also weit
mehr als religiöse Ceremonie denn die sonstigen
Wettspiele, bei denen es mehr auf die Schau-
stellung des Ringens ankommt , nachdem der
zu erringende Preis blofse Anerkennung des
Sieges geworden war.
§ 19. Die musische Kunst im Dio-
nysoskulte: Dithyrambos, Entstehung
des Dramas.
Die für die hellenische Kultur und deren
Erben wichtigste, folgenreichste Thatsache des
Dionysoskultes ist die Entstehung des Dra-
mas; im Folgenden sollen die hierfür grund-
legenden Thatsachen, selbstverständlich mit
Übergehung des rein Litterarhistorischen, kurz
erörtert werden. — Das eigentliche Lied des
dionysischen Dienstes ist der Dithyrambos (vgl.
Pcrnliardy , Gr. Litterat. 2, l8 S. 613 f. S. 646 f.
J. A. Hartung, Phüölog. 1, 397 f.). Der Name
wurde auch dem Gotte als Beinamen beige-
legt, wie auch sonst die Ephymnien der alten
religiösen Lieder — Paian, Linos, Hymenaios —
zu Personennamen werden und , wie oben
bemerkt, auf den „durch zwei Thüren gegan-
genen“, zweimal geborenen gedeutet ( Plat .
leg. 3, 700B. Aiovvßov ysvsßzg. di&vgctpßog Xs-
yofisvog). Eine sichere Etymologie ist noch
nicht gefunden ; der alten Erklärung stimmt
Welcher, Götterl. 2, 580 bei, nach Hartung a. a. 0.
= Ai'og •d-gi'apßog , ffop'ußog , Zeus’ Unwetter,
das zeugende Frühlingsgewitter, nach Schömann,
Alt. 23, 494 Nr. 1 = *äi-Q-gL<xpßog Doppeldrei-
schritt. Jedenfalls ist der Anklang an das
sinnverwandte {Xgiapßog zu beachten, das gleich-
falls als Beiname des Gottes erscheint (Athen.
1, 30 b. Bergh, lyr. 34 fr gm. adesp. 109
Dionysos (Dithyrambos) 1076
•d-giapßs, ov xwvds %6gays, Pratinas frg. 1, 10
d’giccpßod'i&vgccpßs , Et. M. 455, 16. Kratinos
frg. 36 p. 23 Koch.). Der Dithyrambos in sei-
ner ältesten Gestalt war das Lied der wein-
seligen Lust beim Gelage oder Komos ( Archi -
lochos, Epicharmos, Philochoros bei Athen. 14,
p. 628. Aesch. frg. 391: f u^oßöav ngtnsi Si-
frvgctpßov öpagzsiv ßvyxcopov Aiovvßcg). Und
zwar stimmte ein einzelner das Lied an: Arcli.
a. a. 0. = frg. 77:
Slg Aicovvßod dvanrog ho tXov sigdgigea pei log
oiSa di&vgapßov, oi'vco ßvynsgavvw&slg epgsvag.
Es war die Vortragsweise nicht allein des
ältesten Dithyrambos, sondern überhaupt der
ältesten Lyrik, dafs einem einzelnen slgdgxt ov
das eigentliche Lied, dem Chore dagegen das
Ephymnion zufiel. Dieser ursprüngliche re-
spondierende Vortrag wurde durch denkunstge-
mäfsen Chorgesang des strophisch gegliederten
Melos abgelöst; diese Einführung in die Kunst-
lyrik bezeichnen die Alten als „Erfindung“ des
Dithyrambos durch Arion, die Pindar (Ol. 13,25)
Korinth, nach den Scholien z. d. St. in den
Hyporchemen der Insel Naxos, in einem Dithy-
rambos Theben zuschreibt — , in den beiden
letzten Fällen war wahrscheinlich das mit dem
Dionysoskulte gleich alte Lied beim Weine
gemeint; vergl. Schol. Plat. rep. 3, 449, 35.
Dikäarcli u. Hellan. bei Schol. Ar. av. 1403;
Bernhardy a. a. O. S. 578 f.). Arion hatte ohne
Zweifel in seiner Heimat Methymna den an-
gestammten Gott gefeiert, ehe ihn der Tyrann
Periander berief, die Feste der Weinbauer,
des Landvolkes, welches bekanntlich die Ty-
rannis gegen die Geschlechter stützen half, in
der Stadt mit dem Glanze musischer Kunst zu
feiern. (Dionysos in Korinth: Lysios s. o., Ahn-
herr der Bakcliiaden, Schol. Ap. Bhod. 4, 1212,
auf der Kypselidenlade in einer Höhle unter
Fruchtbäumen gelagert, Paus. 5, 19, 1). Auch
der Tyrann Kleisthenes von Sikyon gab die
„tragischen Chöre“ zu Ehren des Heros Adra-
stos dem Dionysos zurück (Herod. 5, 67); auch
in Athen war die politisch-soziale Richtung
der Tyrannis der Hebel, welcher die früher
sich selbst überlassene bäuerliche Festlust und
die ihr zu gründe liegenden religiös-mythischen
A nschauungen auf den städtischen Markt ver-
setzte und in das volle Licht des litterarischen
Geisteslebens stellte. Der von einem einstu-
dierten Chore vorgetragene Dithyrambos Arions
unterschied sich in der Vortragsweise von dem
inmitten des Komos improvisierten Liede, wie
ein Pindarisches Epinikion von dem als Olym-
pisches Enkomion verwandten Hymnus auf
Herakles von Archilochos (Pind. Ol. 9 init.
Archil. fr. 119 mit Berghs N.), den nach Era-
tostlienes (Schol. Pind. a. a. 0.) der slgo!Q%0$
und der einfallende Chor (scpvpvid^cov — ozäv
neopeeß zcöv x°Q°s) im Wechselgesange ausführ-
ten, oder wie ein chorischer Threnos von der
alten Totenklage, deren respondierende Form
Hektors Beklagung in der Ilias aufzeigt und
der Kommos der Bühne bewahrt hat (elgdg%£iv
auch beim Paian geübt, Archil. frg. 76). Da
nun nach Aristoteles die Tragödie von den
Vorsängern des Dithyrambos (poet. 4, 1449 a
dno zäv ilgaQxovrav zov äi&vgapßov) ausging,
10
20
30
40
50
60
1077 Dionysos (Dithyrambos)
Dionysos (Dithyrambos) 1078
so hatte die Festfeier der ländlichen Demen
die alte Weise bewahrt, sodafs das Verhältnis
von s^ccqxcov und x°QÖg im Drama zu dem von
vnonQixrig und %oqö g werden konnte*). Nun
ist es bekanntlich eine Eigentümlichkeit des
chorischen Melos, dafs die Dichtung von dem
Vortrag durch die Mehrheit des Chores ganz
absieht und der Dichter allein für seine eigne
Person das Wort führt (was vielleicht eben
mit der Übertragung des vom i'igaQxog gedich-
teten und gesungenen Liedes auf den Chor zu-
sammenhängt). Dasselbe war auch beim Dithy-
rambos Brauch, den Plato {rep. 3, 394 C) bei
seiner Scheidung der nachahmenden und refe-
rierenden Dichtung (von 392 Dan) als Vertreter
der letzteren Gattung nennt, welche di’ ccnuy-
ysh'ag avxov xov noirjxov spricht; nach Ari-
stoteles ( probl . 19, 15) wurden die Dithyram-
ben erst, nachdem sie die strophische Gliede-
rung aufgegeben, mimetisch (und nahmen, vom
Dionysosdienst abgelöst, die nicht in den Kreis
unserer Betrachtung fallende jüngere Gestalt an).
Dies bezeugt auch das erhaltene Fragment von
Pindars athenischem Dithyrambos, in welchem
der Dichter von seinem persönlichen Verhält-
nis zu Athen spricht ( frg . 45 Böclch v. 7 sq.).
Demnach steht fest, dafs der Dithyrambos der
Kunstlyrik ebensowenig mimetisch oder dra-
matisch war wie das sonstige Melos, und die
schwer zu beurteilende Nachricht des Suidas,
dafs Arion Satyrn eingeführt und ihnen einen ver-
sifiziertenText in den Mund gelegt habe, kann ich
keinesfalls auf die Chorsänger des Dithyrambos
beziehen, als ob diese im Kostüm und in der
Bolle vom Satyrn gesungen hätten. — Wenn die
Entstehung des Dramas im ländlichen Dionysos-
kulte der attischen Demen stattfand , was die
literarhistorische Überlieferung an den Namen
des Thespis von Ikaria knüpft, so fragt sich
vor allem: wann und wodurch trat die Urer-
scheinung dramatischen Spieles und dramati-
scher Illusion ein, dafs einer in Maske, Rede
u. s. w. sich als ein andrer darstellt und ge-
bärdet und von den Zuschauern für diesen
andern genommen wird? Es ist die allgemeine
Annahme, dafs dies mit dem bakchischen Or-
giasmus in Zusammenhang stehe, daher unsere
Üntersuchung auf die §§ 6 u. 7 erörterten Fra-
gen zurückkommt. 0. Müller { Litteraturgesch . 2
S. 26 f.), der wohl die ausführlichste Darlegung
der dionysischen Geburt der Tragödie bietet,
leitet zunächst die enthusiastische Begeisterung
aus einer „leidenschaftlichen Teilnahme an den
Ereignissen der Natur“ ab, in denen man den
*) 0. Müller, Litteraturgesch. 2 S. 87 hält das „beson-
dere Hervortreten des Chorführers“ für etwas dem Dithy-
rambos Eigentümliches und diesen für einen Repräsen-
tanten des Dionysos oder Boten aus der Umgebung des
Gottes, welcher die dem Gotte drohenden Gefahren be-
richtete u. s. w. — womit das Wesentliche des Dramas
schon im Dithyrambos gegeben gewesen wäre. Der
neueste Geschichtschreiber der griechischen Lyrik {Flach,
Gesell, d. Lijrik 1, 348) versteht unter igocQ/wv den Be-
gleiter und einstudierenden Vorsänger des Chores; Ari-
stoteles meine „die Dithyrambendichter, welche den Grund
zur Tragödie gelegt haben“ — was weder Aristoteles
meint noch thatsäcblich der Eall ist , da aus den Dithy-
ramben des Arion, Pindar, Simonides u. s. w. die Tra-
gödie weder entstanden ist, noch hätte entstehen können.
Gott selber angegriffen, getötet und wieder-
auflebend glaubte. Die begeisterten Festteil-
nehmer empfanden „das innere Verlangen mit
dem Gotte selbst in Gemeinschaft zu kämpfen,
zu leiden und zu siegen“ und dachten sich da-
her in die Rolle der Begleiter des Gottes, der
Satyrn hinein. Die Leiden des Gottes in der von
Müller angenommenen Ausdehnung sind, wie
oben zu zeigen versucht, nicht geglaubt und
io daher auch nicht dargestellt worden; in den
Mythen, welche von Leiden und Gefahren des
Gottes handeln (Zagreus , Lykurgos, allenfalls
auch Pentheus), spielen ursprünglich die Sa-
tyrn gar keine Rolle , noch auch tragen
sie besonders Verlangen nach einer Gemein-
schaft des Leidens u. s. w., welche Worte
eher auf eine christliche Passionsgemeinde
passen mögen. Aus dem Satyrhaften {in occ-
xvQinov) ist die Tragödie nach dem Zeug-
20 nisse des Aristoteles allerdings hervorgegan-
gen; da sie nach demselben Zeugnis von klei-
nen Stoffen und burleskem Texte {in fungeöv
pvQ'cov neu Xilgsag yiloiag) ausging, so wider-
streitet diesem wichtigsten unserer Zeugnisse
die Annahme , dafs die Tragödie einer Klage
über die Leiden des Gottes entsprungen sei.
Sodann ist nach dem oben Erörterten die dio-
nysische Gefolgschaft der Satyrn nicht als das
Uranfängliche anzusetzen, sodafs den Festteil-
30 nelimern deren Charakterrolle zum Hineinfah-
ren fertig Vorgelegen hätte, sondern diese ist
mit der Entwickelung des Kultes aus dem
Bilde der ländlichen Festfeier entstanden.
Wenn man nicht allein die immerwährende
dämonische Umgebung des Dionysos im Glau-
ben nach dem Bilde des geschauten Festes
gestaltete, so wie die dämonischen Thyiaden
auf dem Parnafs den Gott immerdar um-
schwärmten, sondern von diesem Glauben zur
40 leibhaftigen Sichtbarkeit der Dämonen inmit-
ten der Festgemeinde schritt , so war hiermit
jener oben gesuchte Urkeim der dionysischen
dramatischen Kunst gegeben. Einen Hinweis
auf die Begründung des dramatischen Spieles
durch diese Identifikation enthält der Name
xQaywdicc. Die Alten leiten ihn von dem Chore
der Bocksatyrn ab {Et. M. p. 364, 6 oxi xd
xxolXd oi x°901 EaxvQiov ovvioxavxo, ovg
indXovv xqccyovg ) oder von dem Bocke als
50 Preis {Et. M. a. a. O. Verg. Georg. 2 , 387.
Hör. ep. ad Pis. 220. Porphyr, ad h. /.; nach
Bioskor ides Anth. Pal. 7, 410 war ein Bock
und ein Korb Feigen Preis des Chores, wovon
sich natürlich ein Preis für den Chorführer
und Dichter erst mit der zunehmenden Be-
deutung der Dichtung ablösen konnte). Die
erste Ableitung = Sang der Böcke wird durch
die nächstliegende Analogie nmpcodice , Sang
des Komos, gestützt; doch ist deswegen die
eo Thatsache des Kampfpreises für das ländliche
Spiel nicht abzuleugnen, wie besonders die
Analogie des Dithyrambos beweist. Den in
Korinth erblühten Dithyrambos nennt Pindar
{Ol. 13, 25) stiertreibend ( ßorildxrjg ); Simonides
{epigr. 145) giebt die Zahl seiner Siege damit an,
wieviel „Stiere u. Dreifüfse“ er errungen habe;
nach Schol. Plot. rep. 3, 449 erhielt der erste
Sieger einen Stier, der zweite einen Krug Wein,
1079 Dionysos (Drama)
der dritte einen Bock. Der Dreifufs wurde be-
kanntlich später in Athen als dramatischer Preis
erteilt und dem Gotte als Weihgeschenk aufge-
stellt ( Anth . P. 13, 28. Fiat. Gorg. 472. Athen.
2, p. 37f. Böckh zu C. 1. Gr. 211), als es sich
darum handelte ein bleibendes Andenken des
Siegesruhmes zu stiften; er ist ein Zeichen der
Dankbarkeit gegen den Gott, und ebendeshalb
ursprünglich ein andrer dem Menschen zufal-
lender Preis wahrscheinlich. Wenn der Wett-
lauf der Oschophorien ein deutliches Beispiel
für die ursprüngliche religiöse Bedeutung des
Agon bot, wonach derselbe ein Wettringen
um die sakramentale Aneignung eines Heil-
tumes war, so waren Stier und Bock hier-
für geeignet, welche im dionysischen Kulte
(vgl. § 14) als Verkörperung des lebenzeugen-
den Nurnens des Gottes selber galten; auch
Wein und Feigen konnten als Unterpfand die-
nen, sich des gnädig mitgeteilten Jahressegens
zu vergewissern. Besonders vollständig und
deutlich ist die zu gründe liegende Vorstellung
dann ausgedrückt, wenn die Aneignung des
im Tiere verkörperten Nu mens durch die sakra-
mentale Verzehrung vollzogen wird, die im
griechischen Götterkulte, durch Hinzutritt der
Darbringung vor den Gott , zum Opfermahle
geworden ist*).
Bei einer derartigen Auffassung des Bocks-
opfers wird es durch die angezogenen Paral-
lelen nahe gelegt, die Umkleidung mit dem
*) Den innern Zusammenhang der ursprünglich in
ernster Absicht, zur Erlangung des Natursegens geübten
Bräuche: "Wettkampf um tiergestaltigen Vegetationsdä-
mon, sakramentale Verzehrung, Übertragung von Numen
und Nomen auf Menschen mögen zwei Parallelen aus
neuerem Volksbrauche belegen. Der Erntehahn ( Mann-
hardt, Kornclärnonen S. 13), der „im Getreide sitzt“, wird
heim Schnitt der letzten Halme gehascht (Haupt-Schma-
ler, Volkslied, d. Wenden 2 S. 221), mit dem letzten
Fuder eingefahren , sei es als lebendes Tier oder im
Abbild (Kuhn, Westfäl. Sag. 2, 180 Nr. 499 — 509), oder die
letzte Garbe oder der Erntekranz führt den Namen
( Witzschel , Sag. a,. Thüring. 2, 2 _ 0 ; ; vom Verzehren des
Hahnes heifst der Ernteschmaus „Erntehahn“ (Pfannen-
schmid , German. Erntefeste S. 109 — 111). Aus der Tötung
desselben beim Dreschen hat sich das agonistische Spiel
des Hahnenschlagens abgelöst, wobei der Sieger („Hahn-
könig“) den Hahn zum nachfolgenden Schmause erhält.
— Um darzustellen, dafs der „Kornstier“ ( Mannhardt ,
Mgtholog. Forschungen S. 58 — 64) beim Schnitte getötet,
wird in Frankreich nach einem blumen- und ährenge-
schmückten Kalbe, oder nach der Garbe, die la gerbe du
jeune boeuf heifst, von den Schnittern ein Wettlauf an-
gestellt; der Sieger ist „roi de veau“, darauf Schjnaus;
wer den letzten Hieb beim Kornschnitt gethan, hat das
Beeilt zum Dreschermahl einen Ochsen zu schlachten.
In Schwaben wird der Drescher, der den letzten Schlag
gethan, in Stroh gehüllt und unter nachgeahmtem Gebrüll
als „Kornstier“ u. s. w. umgeführt , in Ungarn wird als
Hülle die Kuhhaut mit den Hörnern benutzt. Über den
Umzug der tiergestaltigen Dämonen (Habergeifs, Erbsen-
bär, bes. Julbock in Skandinavien, s. Mannhardt , Ant.
Wald- u. Feldk. : Dramatische Darstellungen des Vegetations-
lockes S. 183 ff. ; der aus dem Korn der letzten Garbe ge-
backene Weihnachtsstollen heifst Julbock u. s. w. , wo-
durch wiederum sakramentale Verzehrung sich mit der
Umführung verbindet. Die mythisch-dämonische Bedeu-
tung des Opfer- und Preistieres wird im neueren Volks-
brauch durch das ausdrücklich ausgesprochene Einwoh-
nen im Getreide, im dionysischen Kulte, der zum Acker-
bau keine Beziehungen hat , durch die Tiergestalt des
Gottes und der Dämonen erwiesen.
Dionysos (Drama) 10S0
Felle {aiyig, xgcnyr]) , welches als das Haupt-
stück des Satyrkostüms dieses eigentlich schuf,
ursprünglich nicht für eine blofse Vermum-
mung zum Spafse, sondern für eine real-sym-
bolische Identifizierung der Feiernden mit den
Vegetationsdämonen zu halten, ganz wie die
römischen Luperci ( Mannhardt, Mythol. Forsch.
Kap. 3) nach einem Ziegenopfer als Böcke,
Fauni umliefen, „der Volksgemeinde bocksge-
staltige Dämonen in leiblicher Versinnlichung
vorführten.“ Diese in Attika und Latium unge-
fähr um die gleiche Frühlingszeit stattfindende
Darstellung des Einzuges der Vegetations-
dämonen ist durch die divergierende Entwicke-
lung der hellenischen und italischen Religion
dadurch differenziert worden, dafs die römische
Gemeinde den realen — Reinigung und Frucht-
barkeit wirkenden — Endzweck festhielt, wäh-
rend die griechische Festlust den einen Um-
stand festhielt , dafs hierbei Personen als
Wesen andrer Art erschienen und sich gebär-
deten. So trat an Stelle des Glaubens
an die vorhandene leibhaftige Identi-
tät, die für Ausübung des Naturzaubers nötig
war (wie sie in dem Glauben, dafs der Schlag
der Luperci die Weiber fruchtbar mache, ge-
wahrt ist), die Bewunderung der Fähigkeit und
Fertigkeit, ein fremdes Sein vorzuführen, eine
Rolle zu übernehmen und durchzuführen und
mit der freien Übernahme der Rolle zu-
gleich das eigentliche dramatische Spiel. War
der ursprüngliche Gegenstand der dramati-
schen Darstellung der Einzug und Umlauf der
Dämonen, so erhellt sofort, warum das älteste
Satyrspiel wie die Tragödie ganz aus Chören
bestand {Gvvioxrjns — aaxvQLni] näau noigois
To ncdcuöv in v, cog nocl r] t ots XQaycgdicc
Athen. 14 p. 630 c). Der Urkeim der Tragödie,
der Satyrchor, blieb bekanntlich als Schlufs-
stück der ausgebildeten Tragödie im dgä/ia Ga-
xvQinov erhalten, dessen erste Ausbildung durch
Pratinas aus Phlius , einem alten Sitze des
Dionysoskultes, erfolgte {Welcher , Nachträge
S. 146 f.). In dem einen erhaltenen Satyrdrama,
wie in denen, deren Inhalt aus der Zertrüm-
merung ersichtlich ist, beruht Einführung und
Anteilnahme des Satyrchores an der Handlung
der heroischen Personen auf freier Erfindung
der Dichter, ein Anzeichen, dafs der Dionysos-
kult dem Drama nur Spieler und deren Cha-
raktermaske, nicht aber Stoffe zukommen
liefs. Was aufser der Grundlage der dra-
matischen Kunst, dem mimetischen Spiele
des Chores, der Dionysoskult der nicht weiter
zu verfolgenden Entwickelung des Dramas mit-
gab, war die Form des Wettkampfes, der
zu immer stattlicherer Ausstattung vorwärts
drängte, ferner für den Dichter, der gläubig
zu Ehren des Gottes schuf, wie für die Fest-
gemeinde, der Erweis seiner Macht, vermöge
deren er den menschlichen Geist mit seinem
Geiste erfüllen und über die Sorgen des nüch-
ternen Alltagslebens hinwegheben konnte.
Wenn die Mythen von Trugbildern berich-
teten , welche der Gott vor den Geist sei-
ner Feinde zu deren Verderben zauberte, so
entstand jetzt an seinen Festen eine Kunst
der Illusion {cci iaxr\ z. B. in der vita Aesch.) ,
io
20
30
40
50
60
1081 Dionysos (Komödie)
welche gleichfalls den Geist zu entrücken ver-
mochte. Wie ferner der Gott als Befreier
1(Av6los) das Gemüt vom Wahnsinn reinigt, so
wurde auch die Wirkung des Dramas als Be-
freiung (hu&ccqois) empfunden, die von dem
Urheber dieses vielumstrittenen Terminus mit
Ider Wirkung der orgiastischen Weisen ( Aristot .
pol. 8, 7, 1342 a) zusammengestellt wird. — Die
Ursprünge der Komödie lagen nach Aristoteles
( poet . 4) in den Improvisationen derer, welche
die Lieder bei den phallischen Umzügen an-
stimmten ( and zcöv {£aQ%6vT(ov za qpaLlncce),
welche Sitte zu seiner Zeit noch in verschie-
denen Städten fortbestand. Aus der Beschrei-
bung des Semos von Delos {Athen. 14 p. 622)
ist ersichtlich, dafs für die Phallophoren ein
bestimmtes Kostüm, namentlich Bekränzung,
z. Teil auch Maskierung bräuchlich war, wel-
ches nach dem Vorbilde der Tragödie in das
Kostüm des komischen Chores überging. Dafs
die Komik zunächst als persönlicher Spott
unter dem Schutze der Maskenfreiheit losbrach,
ist echt volkstümlich, wie auch dergleichen bei
volkstümlichen Festmaskeraden alter und neuer
!Zeit üblich war; im übrigen zeigt die alte
Komödie nicht nur darin, dafs sie die persön-
lichen Ausfälle des aggressiven Volkshumores
I (was Aristoteles die tagßiKg iSsa nennt) be-
' wahrt, ihren Ursprung an; sondern sie wur-
■ zeit auch, wie sie im Gegensatz zu der die
Allerweltsmisere porträtierenden neuern Komö-
die echt attisches Landesgewächs ist, ganz in
der Feststimmung .des Dionysoskultes. Was
die Alten so vielfach als Wirkung der Gottes-
gabe ausführen, dafs wir {Pind. fr. 203 Bgk.)
von ermüdenden Sorgen befreit, alle ein-
ander gleich, in einem Meere goldnen Über-
flusses nach einem Traumlande segeln, in einen
solchen Rausch des lachenden Optimismus und
[ zugleich der verwegensten Phantastik sucht
die Komödie die Festgemeinde zu versetzen:
da wird das Unmögliche möglich, sei es die
Fahrt in den Hades {Aristophanes' Frösche u.
i rriQvräörjs. Kock, Com. I [worauf sich auch die
folgenden Citate beziehen] p. 427. Pherecrates
Kgancczaloi p. 167, Mszctllris p. 134), das Wie-
dererlangen geliebter Toten, oder die Reise zum
Olympos, die Alten und Kranken werden wieder
jung und lebensfroh, heil und gesund {Aristo-
I phanes' Bitter, Wespen, Plutos,Aficpicigscos p. 396
j rfjQc/g Athen. 3 p. 109. Pherekrates rpäsg[?]
p. 153), wenn nicht gleich ein Schlaraffenland,
wo die onzczl Kylai mgi z'o azoy snszovzo {Phe-
recrates MszaXXrjg a. a. 0. frg. 108, 23), sei es in
ider Unterwelt, im goldnen Zeitalter oder in den
Wolken geschildert wird. Wie diese echt dio-
nysische, übermütige Phantastik kein littera-
i risches Vorbild hat, so führen auch die Tier-
chöre, in welchen die Dichter von Magnes an
(vergi. Ar. equ. 522 Scholl. Bdzgaxot., ’Ogvid'sg,
Wr/reg-, Kratrs ("hjout p. 133 ; Eup o lis A ty f g p . 2 5 8 ;
Aristophanes rhlagyoi p. 502. Archippus ’ly-
fftsg p. 681) ihren Humor entfalteten, ein vor-
her nicht anzutreffendes Element eines urwüch-
sigen Natursinns, der von der Waldmuse {Movocc
i loxfiona Ar. av. 737) selber gelernt hat, in die
bitteratur ein, worin die Dionysosverehrer auf
len Bergtriften und den Rebenhügeln ihr ver-
Dionysos (Kult der Inseln) 1082
trautes Zusammenleben mit der Natur wie mit
ihren Herden wiedergespiegelt fanden. Be-
achten wir , wie zum Teil (vergi. Wespen,
Frösche ) die Tiermaske gar nicht mit der Idee
des Stückes gegeben ist, sondern als an sich
selbst berechtigter Scherz erscheint, so dürfen
wir wohl annehmen, dafs bei dem bäuerlichen
Fasching vor Ausbildung des Dramas die
Satyr-Bocksmaske nicht die einzige Tierver-
mummungwar, dafs wie in unsern Weihnachts-
und Fastnachtsbräuchen auch andere Masken,
mit Stimme und Gebärde Tiere nachahmend,
umgingen. Die Stellung des Menschen zur
Tierwelt wird in diesen humoristischen Erfin-
dungen von Vogelstaaten, Friedensschlüssen
mit Fischen u. s. w. so gehalten, dafs die
Tiere als zum mindesten gleichstehende Wesen
erscheinen; hierdurch wird nur der einst ernst-
haft gemeinte Glaube der Urzeit reproduziert,
welchen wir im dionysischen Religionskreise
im Opferwesen, der Tiergestalt der Dämonen
und deren Verkörperung und Darstellung durch
Menschen ausgesprochen finden.
Die Pflege des Dramas hat den Dionysos
in ein nahes Verhältnis zu den Musen ge-
bracht. A. Mslndysvog in Athen als Stamm-
gott der Euneiden (vgl. Artikel Euneos) und
Acharnai Paus. 1, 2, 4; durch ihn ist seine
nächststehende Genossin Melpomene zur Muse
der Tragödie geworden. Im attischen Theater
Sitze des Priesters Aiovvgov M. s’x zsxvsLztnv
C. I.A.3, 1, 278 u. Evvsidäv {ib. 274). Auf dem
Helikon Dionysos und Terpsichore , die ihre
Attribute, Epheu und Flöte getauscht haben,
Kaibel, epigr. 788. Votivinschrift für A . Mova-
ayszgg von dem Agonotheten der grofsen Diony-
sien in Naxos, Mitteil. d. ath. Inst. 3 S. 161.*)
F. Dionysos auf den Inseln und in Kleinasien;
im hellenistischen Zeitalter.
§ 20. Dionysoskult der Inseln.
Von den Inseln des Agäischen Meeres sind
schon Lesbos, Chios, Tenedos, Andros, Naxos
erwähnt worden. Auf Lesbos A. BgriGaytryg
s. Inschr. Bullet, de corr. hellen. 4 p. 445, der
früher nur als Bgiaaio g {Steph. Byz. Bgiact)
bekannt war. Tempel zu Mytilene mit Ge-
mälden aus dem dionysischen Sagenkreise Lon-
gus 4, 3, was, da der Roman auch sonst Lokal-
kenntnis zeigt, erwähnt werden darf; Priester
des Dionysos ebendas. Ael. v. h. 13, 2. In
Methymna Dionysien mit Umführung des Ido-
les, (reo ayotXyazog nsgupogee , Inschr. Bull. d.
corr. hell. 7 p. 35) vielleicht des S. 1063 er-
wähnten A. (frctXXrjv. Auf Amorgos A. Kiggo-
y. 6a ctg Bofs, inscr. ined. nr. 135; eine eigen-
tümliche Namensform Alsvvgcoi giebt eine
ebend. stammende Inschrift Bull, de corr. 7
p. 187. Auf Mykonos {Dittenberger, Sglloge 2,
373 l. 28) wird als Opfer im Monat Bak-
chion vorgeschrieben Azovvacg B xiuagog
Hcdhczavaiv. Von Naxos, bekanntlich einer
*) Die Schauspieler hiefsen bekanntlich ol mol r'uv
A. re/vitai. Über ihre Vereinigungen — die bedeutendste
die Synodos tü>v mol tbv A. te/ritüv tr'iv in' 'hovlag
xal 'BÄÄijanbvzou zuTeos, welche die re/vitai mgl zbv
xaOijyi/uora A . nebst einer anderen Gesellschaft in sich auf-
nahm,— vgl. 0. Luders, Die dionysischen Künstler , Berl. 1873.
10
20
30
40
50
60
1083 Dionysos (Verwandlg. d. Tyrrhener)
der berühmtesten Stätten des Dionysosdienstes,
ist bereits die Lokalisation des Geburtsmythus,
sowie der Kultus des Baxxsvg und Msili%Loq
erwähnt; der gefeiertste Mythus ist das da-
selbst vollzogene Beilager mit Ariadne (s. d.);
eine angeblich Wein spendende Quelle be-
wahrte die Erinnerung daran (. Steph . Byz. Na-
£og. Seneca Oed. 503 sq.). Der hohen Bedeu-
tung des Kultes für diese Insel entspricht es,
dafs dieselbe Sitz der Thraker war, auf welche 10
ohne Zweifel dessen Stiftung zurückzuführen
ist. Da die naxischen Thraker eine bedeu-
tende Seemacht entfalteten ( Biod . 5, 50), so ist
es wahrscheinlich, däfs sie auch ihren Stammes-
gott als Helfer zur See anriefen, da auf die
Gottesverehrung vor dem künstlichen Ausbau
des polytheistischen Systems die spätere Ein-
schränkung auf bestimmt abgegrenzte Wir-
kungskreise nicht zu übertragen ist. Das
Symbol gnädigen göttlichen Geleits und glück- 20
licker Fahrt ist bekanntlich der Delphin. Nun
verwandelt Dionysos tyrrhenische See-
räuber, die den jugendlichen Gott, statt ihn,
wie bedingt, nach Naxos zu fahren, gefangen
fortführen wollen, in Delphine, während sie
durch Spukgestalten und Wunderzeichen er-
schreckt ins Meer springen {Rom. Hymn. 7.
Apollod. 3, 5, 3. Ov. Met. 3, 577 sq. Hyg. f.
134. id. P. A. 2 , 17 nach den Naxica des
Aglaosthenes. Serv. Verg. Aen. 1, 67. Nonn. 30
45, 106 sq.). Bekanntlich sind eine grofse An-
zahl der Verwandlungssagen ätiologische Le-
genden, die als Begründung, warum ein Tier
oder eine Pflanze dem Gotte lieb oder heilig
sei, ein Neigungs Verhältnis desselben zu ei-
ner Person fingieren , das auch nach voll-
zogener Verwandlung ihres Wesens fort-
dauert. Wie Dionysos als Gott der Rebe
galt, längst ehe die Verwandlung des Ampe-
los erfunden war , so erkennen wir einen 40
Nachklang der Verehrung des Gottes als Asl-
qu’viog, d. i. als hilfreichen Geleiters seiner
seefahrenden Verehrer auf Naxos, im Mythus
von den Tyrrhenern. Als dieser Bezug des
Gottes auf das Seeleben verloren gegangen
war, wurde daraus ein einzelnes Abenteuer
gedichtet , und zwar nach dem Typus der
Mythen von Lykurgos und Pentheus ein Sieg
über seine Feinde, die in dem zarten Jüngling
nicht den mächtigen Gott erkennen. Das Lo- 50
kal führte darauf, als die Ubelthäter die ver-
rufenen Piraten des Ägäischen Meeres, die
Tyrrhener, anzusetzen, welche auch in der Tem-
pellegende von Samos {Athen. 15 p. 672) eine
ähnliche Rolle spielen; den Sprung aus dem
Schiffe ins Meer ergab die Naturbeobachtung
der Delphine, wie wir der Darstellung des
Lysikratesdenkmales entnehmen dürfen, welche
die erschreckte Flucht aus dem Schiffe und den
Sprung der Delphine in ihr Element in leben- 60
digster Weise verschmilzt. [Betreffs der jugend-
lichen Erscheinung sucht Baumeister , Hymn.
Rom. S. 338) die Worte vsyriy ardgi fowws
7iQco&/ißy zur Zeitbestimmung des Hymnus zu
verwerten, als erst nach der von der Kunst
eingeführten jugendlichen Bildung des Gottes
möglich; dagegen ist auf ihr offenbares Vor-
bild Horn. K 278 hinzuweisen, woher die drei
Dionysos (Verwandlg. d. Tyrrhener) 1084
ersten Worte wiederholt, die folgenden: ngä-
tov vTtt]vr'iT7], ov7t£Q %eiQir ozdxr] rjßrj in ein Bei-
wort zusammengezogen sind; die Stelle lehrt
zugleich , wie die Poesie in der Einführung
jugendlicher Gottgestalten ihren eignen Weg
ging.] Durch diese Annahme löst sich der
Widerspruch, dafs, während sonst das Natur-
dasein nach der Verwandlung sich als Fort-
setzung der Beziehungen des menschlichen
Lebens giebt , hier die wilden Seeräuber in
Tiere verwandelt werden , die den Griechen
sonst als menschen- u. musenfreundlich galten.
Das Innenbild einer Trinkschale (schwarzfig.)
des Exekias (München nr. 339 = Gerhard, a.
V. 49) stellt den Gott zu Schiffe dar unter
einer den Mastbaum umrankenden Weinlaube
liegend; Schnabel und Spiegel des Schiffes
sind in der Form eines Delphins gebildet, das
von Delphinen umschwärmt wird. Will man
hierin eine Darstellung des Tyrrhenermythus
erblicken, so fehlt den Schiffen wie den Del-
phinen jede Andeutung des vorangegangenen
Zustandes; wir sehen darin einen Dionysos
Delphinios, eine Darstellung von dem Walten
des Gottes über die beruhigte See, welche Vor-
stellung der Verwandlungssage vorausging.
[In Smyrna wurde an den Anthesterien eine
vom Dionysospriester gesteuerte Triere um-
geführt, der Legende nach zur Erinnerung an
einen Sieg über die während des Festes ein-
brechenden Chier {Philostr. vit. soph, I p. 227.
Aristid. or. Srnyrn. p. 373 Dind .); der wahre
Grund mochte sein, dafs man hiermit den Ein-
em
h
-1
k
rik
ki.
!
[tri
iä
itsil
lei
Mt
Aen
mg
näc
ierPi
Seite
!«,
isi. I
iniDt
hl
zng des Frühlingsgottes über das nach den
Winterstürmen wieder beruhigte Meer vor-
führen wollte.] Bei Euripides {Cycl. 11) han-
deln die Tyrrhener von Hera angestachelt, und
Silen mit den Satyrn macht sich auf, um
nachgehend den Gott zu suchen; diese dem
Satyrspiel geläufige Anschauung, an den Aben-
teuern des Gottes den Satyrchor teilnehmen
zu lassen, leitet zur Darstellung des Lysikra-
tesdenkmales über, auf welchem die Züchtigung
der Seeräuber z. Teil Werk der Satyrn ist.
In späterer Zeit identifizierte man die Tyrrhe-
ner mit den Etruskern (so Nonnos a. a. 0.,
bei dem übrigens gerade wie bei Ovid die
Sage dem Pentheus zur Warnung erzählt wird),
und stellte diese besiegten Feinde im Westen
mit den Indern im Osten zusammen {Arist.
or. 4 p. 50 D. Luc. de satt. 22 Tvggyvovg nal
’tvdovg nui Avdovg £%eiQ(6oeeTO , Bong. 4, 3).
Eine eigentümliche Wendung bietet das Ge-
mälde Philostrats (1, 19), wo Dionysos nicht
auf dem Schiffe der Tyrrhener sich befindet,
sondern auf seinem eigenen bakchisch ausge-
statteten {vaiig ftscogig) ruht , welchem das
kriegerisch gerüstete Piratenschiff entgegen-
fährt. Lukian sagt, dafs der Gott die Tyr-
rhener in einer Seeschlacht besiegt habe {dial.
d. mar. 8 p. 306: naTavccvucixgaoig gsxsßcds,
Siov yovov , cooitsg rovg allovg
vnrjyccysTo); da man in dieser Zeit die Tyrrhe-
ner als Völkerschaft verstand und, wie § 22
auszuführen, an der Schilderung des Dionysos
als siegreichen Anführers seines Thiasos und
dessen Kämpfen grofses Gefallen fand, so war
wahrscheinlich in die Reihe der Kriegsthaten
siele
Ls
jäh;
in Bi
' isW<
lach E
Wen
» tri
■ feilt l
. *]'
tU]a
P;;
Äos J.
; % OK
Piere
3t dar
I JM.
| Mos,
■Jfiein
itietie;
Z,
I
Ifbii:
| plelel
| Sier <
j !’%(]
St
r’toi
mt
1085 Dionysos (Kult in Kleinasien)
des Gottes auch dieser Mythus hineingezogen
und zur Seeschlacht ausgesponnen worden, wo-
wozu Philostrats Gemälde die einleitende Situa-
tion darstellte; vgl. den Kampf des poseidoni-
schen mit dem dionysischen Thiasos wegen der
Liebe der beiden Götter zur Beroe, Norm. 1. 43.
— Auch nach Kypros liefs man den Gott ge-
langen und dort sich in Adonis verlieben (Pha-
i noliles b. Fiat, quaest. conv. 4, 5, 9. Plat. com.
bei Athen. 10 p. 456 a).
§ 21. Dionysoskult in Kleinasien.
Verhältnis zu Kybele und Sahazios.
Der ldeinasiatische Dionysoskult ist vor
i allem durch die Verbindung mit dem gleich-
falls orgiastischen Kybelekulte wichtig gewor-
den. Die bei den Phrygern heimische Lärm-
musik der ehernen Becken (-nvfißcda) und
Handpauken (xvgnava), die frühzeitig ausge-
bildete Flötenmusik hat sich der dionysische
Kult vollständig angeeignet. Was die glei-
chen Elemente anlangt, die eine Verschmel-
izung der beiden Kulte begünstigten, so sei
zunächst auf die enge Stammverwandtschaft
der Phryger und Thraker hingewiesen, welche
eine entsprechende Wesensgleichheit der Gott-
heiten in ihrer ältesten, von fremden Ein-
flüssen unberührten Gestalt zur Folge hatte.
Wie Bakchos hat Kybele die Macht der
«Geistesverwirrung; wie dem Bakchos von B«-
t ’,cu, so wird der Kvßqßiq von Kvßyßoi, räl-
lot, Kogvßcevxsg u. s. w. gedient; der Ver-
[ shrung des Dionysos Dendrites ähnelt die
Einführung der Fichte aus dem Walde in das
lybeleheiligtum. Die Verbindung des Dio-
lysos mit Kybele knüpft an deren Macht an,
iV ahnsinn zu verhängen , wie zu entfernen,
iur Befreiung von Gemütsverwirrung wurde
lie Weihe der Korybanten gesucht; so sollte
/ucli Kybele den von Hera in Wahnsinn ver-
etzten Dionysos in ihren heiligen Felsgrotten
sv Kvßslot-g) gereinigt und die Weihen ge-
ehrt haben ( Schol . II. Z 131 , der mit dem
nter Apollodors Namen gehenden Leitfaden
3, 5] aus einer Quelle schöpft, Marm. Par.
p. 10; in der Pompe des Ptolemaios Philadel-
hos A. nsgi xov xijg ’Psug ßcogov Kccxarcscpsv-
cog, oxi vnbr'HQug sdicossxo, Athen. 5 p. 201c).
mdere erzählen von der Pflege seiner Kincl-
eit durch die Göttin ( Nonn . 10, 13 sq. Steph.
<yz. MuGTavQcc); r'lmta, seine Amme auf dem
molos, Orph. hymn. 47, 4. 48, wahrscheinlich
in Beiname der Göttermutter, der, leicht ver-
trieben, auf einer Inschrift aus Kula ( Mov -
‘ uov x. Bißho&qxr] xijg svctyysX. aiolij g sv
yvQvr] 3 p. 169 nr. xyß'.) wiederkehrt: MII-
'PI ihTA KAI AIEI 2[<xß u&<p]. Auch die
eubelebung. der wiederzusammengesetzten
jlieder des von den Titanen zerrissenen Got-
s wurde der Rhea oder der Demeter ( Diod .
, 62) zugeschrieben (Paus. 8, 37, 3. Philo-
'•m TtsQi svasß. Gomperz 2 p. 16 col. 44 p. 47
>1. 96). Nach Apollodor und Schol. II. a. a. O.
npfing Dionysos von der Göttin die Aus-
istung ( axolrjv , diaonsvriv ) , womit die teil-
j eise Entlehnung des Kultusapparates aus
sm phrygischen Dienste bezeichnet wird,
enn Dionysos von Kybele gereinigt und in
n Weihen unterrichtet worden ist, so ist er
Dionysos (Kult in Kleinasien) 1086
hierin das Vorbild seiner Verehrer, die sich
in den abgeschlossenen Zirkeln privater Myste-
rien vereinigten und, wie sogleich zu zeigen,
mit den Elementen phrygischen Kultes der
orphischen Theologie neuen Stoff zuführten.
(Die personifizierte Tslsxg zeugt Dionysos mit
Nikaia, der Tochter des Sangarios, Nonn. 15,
169 bis 16, nach Memnon sv xoig tisql ’IIqcc-
kIslciv (Phot. Mbl. cod. 190 p. 233 b) HÜxvqov
red sxsQovg). Die Beeinflussungen, welche Dio-
nysos hierdurch erleidet, führen auf eine teil-
weise Identifikation mit Sabazios zurück. Ari-
stophanes (vesp. 9) erwähnt Nachtfeiern der
Sklaven zu dessen Ehren; zum vollen Ver-
ständnis der Worte: xov avxuv <?p’ sgol ßov-
Holsig Haßctljiov ist zu berücksichtigen, dafs
die Mysten jenes Gottes ßovxoloi hiefsen; es
wäre daher ßovxohs ig Haßa£iq> zu erwarten, wo-
für jene Worte na q vnovoxav stehen. Die be-
kannte Schilderung, die Demosthenes (de cor.
260) von dem Gebaren seines Gegners in den
Winkelmysterien entwirft, bringt aufser dem
rituellen Gebrauche der Schlangen die Ämter
des niaxocpoeog und huvocpoQog bei. Bedeu-
tender entfaltete sich dieser Mysteriendienst
in seiner kleinasiatischen Heimat. In einem
Ehrendekret der ßovsölox aus Pergamon (Her-
mes 7 S. 40) für den uQiißovyioXog , dia xov
svGsßcög scd ä^icog xov xa&yyrjyovog Aiovvgov
TtQoCGxaGlIui rcöv ftsiav gvaxgqicov, werden als
Beamte genannt 'TyvodidtxGxaloi, Hsilrjvioi,
und ein xoQgyog-, auf einer Inschrift aus Apol-
lonia (C. 1. Gr. 2052) kommen zu dem \ly.vo-
tpoQog, ßovzolog, KLGxoqjoQog noch xparpptaxög,
aQ%ißuGGC(QU u. a. Wie namentlich die erste
Inschrift zeigt, fiel dies Mysterienwesen mit
der Schwärmerei für Orchestik zusammen; nach
Lucian de salt. 79 wurde man in Ionien und
am Pontos nicht müde dem Mimus der Tita-
nen, Korybanten, Satyrn und Hirten zuzu-
schauen, und dergleichen tanzten auch die
vornehmsten Bürger, wonach die ßovxoloi so
wenig Hirten von Profession waren, wofür sie
der Herausgeber der ersten Inschrift hält, wie
die arkadischen Schäfer des 17. Jahrhunderts.
Darstellungen der in diesen Mysterien von den
mGxocpoQOt. einhergeführten cista mystica als
eines geflochtenen Korbes, unter dessen halb-
gehobenem Deckel eine Schlange hervorschlüpft,
finden sich bekanntlich auf den in römischer
Zeit zur Münze der Provinz Asia erhobenen
sog. Cistophoren (vergl. Pinder, Abliandl. der
Berliner Äkad. 1855 S. 533. Mommsen , Rom.
Münzw. S. 704). Der umgebende Epheukranz
sichert die bakchische Bedeutung dieses auch
in anderen Kulten verwandten Gerätes (Harp.
HiGxocpoQovg). Dieser Korb findet sich auch
unter den bakchischen Gerätschaften der
Gruppe des Farnesischen Stieres, ferner auf
zahlreichen römischen Sarkophagen im bak-
chischen Thiasos, öfters zu Füfsen des Diony-
sos. Einen der Schlange selber geltenden ri-
tuellen Akt stellt das Innenbild einer Silber-
schale dar , die der Herausgeber (Stephani,
Schlangenfütterung in den orphischen Mysterien,
St. Petersburg 1873) ins zweite Jahrhundert
n. Chr. setzt : eine Balcchantin öffnet den Deckel
des Korbes und tränkt die sich hervorwin-
1087 Dionysos (Mysterien)
Dionysos (Indischer Feldzug) 1088
dende Schlange aus dem Kantharos. Was
nun die Bedeutung dieser mystischen Schlange
anlangt, so steht die Beziehung der Schlange
zu Sabazios fest (vgl. l'heophr. char. 16: iav
l'Sy ocpiv sv xfi oiv-iu nuQSi'av, Naßdt,iov nalcäv;
Relief von Blandos, Conze, Heise auf d. Inseln
d. thrakisch. Meeres. T. 17, 7 : neben dem Gotte
eine Schlange sich emporringelnd; Relief aus
Kula (Koloe) Mem. couronn. p. l’acad. belg. t. 30
p. 8: auf Wagen des Gottes Schlange und Adler
(letzterer wegen der Identifikation mit Zeus
gemäfs der Inschrift: r] Kolorjvcbv xaroixia y.cAt-
iSQoußsv Ata Haßdgiov). Das Hauptsymbol der
Sabaziosmysterienwar eine durch die Kleider der
Einzuweihenden gezogene Schlange, genannt
6 äicc yoXtiov &sog {Giern. Al. Protr. 2, 16.
Firmic. Mat. cap. 11); dies bezog sich, wie
Clemens ausdrücklich bezeugt, auf den orphi-
schen Mythus, dafs Zeus in Schlangengestalt
der Persephone beiwohnte und, mit ihr ..den
stiergestaltigenDionysos-Zagreus zeugte. (Über
diesen Mythus bei den Orphikern Lobeck, Agl.
547 sq. Nonn. 5, 566 sq.) [Zu dem Euphe-
mismus des Bildes : in den Busen nehmen
s. v. a. empfangen vergl. die Sage von At-
tis, Paus. 7, 17, 5: sGd'sysvrjg {ttnyargog)
slg x ov yoXuov (nämlich die Mandel), xap-
nog — rjv CCVXLV.K cccpuvgg , ccvxr] de invei, und
Anton. Lib. 32 'AnoXXeov — sysvsxo — ysv
nXs(i[ivg — Agvong xgv ulepgvv svsQ'sxo ei g
rovg yoXnovg — gsxaßaXtbv sysvsxo bgccxcov
v.xX. ] Dies besagte der orphische Spruch, dem.
a. a. 0.: xavgog naxrjQ ÖQccYovxog xai (nax r/Q
del. Pindorf) xavQov Squ-acov. Der Spruch be-
zieht sich in seinem zweiten Teile auf die
Sage. Zugleich wird aber eine mythische Ein-
heit des Zeugers und des Gezeugten angezeigt,
wie denn Sabazios gewöhnlich Zeus genannt,
auch in einem orphischen Hymnus (48) ausdrück-
lich als Vater des Dionysos gefeiert wird; andrer-
seits ist die Schlange, die mit Devotion in dem
heiligen Korbe einhergeführt wird, Verkörpe-
rung oder Fetisch des Dionysos (Dionysos als
vnonoX-niog angerufen Orph. Hymn. 52, 11).
§ 22. Indischer Feldzug.
Der indische Feldzug Alexander des Grofsen
liefs die Griechen, die bekanntlich mit gröfs-
ter, höchst unkritischer Leichtigkeit in frem-
den Gottheiten die heimische wiederfanden,
bei den Indern dionysischen Kult vorfinden;
Megasthenes (bei Strab. 15 p. 711) nennt als
Anzeichen hierfür die bunten Gewänder der
Könige, ihr Aufzug unter Schellen- und Pau-
kenmusik. Das Gebirge, das die Griechen
Mygog nannten, erinnerte an die Schenkel-
geburt, Arr. Ind. 5, 4; eine Stadt Nvaaa
ebend. , Berg Nvca mit Heiligtum , das aus
Ölbäumen, Epheu und Reben zusammengewach-
sen, Pliilostr. vit. Apoll. Tyan. 2,8p. 26.
Hach dem Vorbilde des wunderbaren Sieges-
zuges Alexanders , der auch zu rauschenden
Festlichkeiten Anlafs gab, an denen der Make-
donenkönig unter üppigen Gelagen den ange-
stammten Gott seiner Heimat feierte, führte
man jenen angeblichen Dionysosdienst der In-
der auf ihre Unterwerfung durch Dionysos zu-
rück. Hach Strabo 15 p. 687 hielt Megasthe-
nes mit wenigen andern den indischen Feld-
10
20
30
40
50
co
zug für historisch, während Eratosthenes ihn
für mythisch (axnoxce xcri fiv&(übrf) erklärte; so
auch Theoplirast hist. pl. 4, 4, 1 bei Erwäh-
nung des Meros: o&sv xad xbv Alowgov sivca
yv&oloyovGi. [Einen AiovvaaXs^avSgog von
Kratinos hielt MeineJce {Com. 1, 56) für einen
Spott auf jene mythologische Affektion und daher
für ein Werk des jüngeren Dichters dieses Na-
mens, Kock {Com. 1,23) bezieht es auf den Mythus
des Paris, was, soweit die Fragmente ein Ur-
teil gestatten, wahrscheinlicher ist, und schreibt
das Stück demgemäfs dem älteren zu.] — Die
poetische Gestalt der Sage liegt uns in der
Bearbeitung des Nonnos (vom 13. Buche an)
vor; nachweisbare Quelle hierfür waren ihm
die BaG6uQiY.Dc eines Dionysos (vergl. Köhler,
Pionysiaka des Nonnos v. Panopolis, Halle
1853, S. 27 fi). Unsere Kenntnis derselben geht
auf Steph. Byz. zurück, der aus demselben die
von Dionysos aus dem Kriege gegen den In-
derkönig Deriades besiegten indischen Städte
Pa^og , rrjQSia und die Stämme AugSue, ”Eu-
gsg , Zaßioi, MccXXoi, Tlcivdcci, Hißca aushob.
Im Artikel Zh’ßai, der aller Wahrscheinlichkeit
nach aus der gleichen Quelle geflossen ist,
nennt er drei Unterfeldherrn des Deriades,
Orontes, Oruandes und Blemys. Von diesen
fehlt der zweite bei Nonnos. Orontes wird in
der Gegend des Taurus geschlagen und stürzt
sich in den fortan seinen Hamen tragenden
Flufs (Z. 17). Blemys {ngoyog ’Eqv&qcAu> v ’lv-
dcbv 17, 385) unterwirft sich freiwillig und
bleibt in Äthiopien (Libyen) Herr der Blemyer.
Der Hauptheld auf indischer Seite ist Deria-
des, der Sohn des Flusses Hydaspes, nach ihm
sein Schwiegersohn Morrheus. Piodor (2, 65)
nennt unter den von Dionysos gezüchtigten
Feinden einen Inderkönig Myrrhanos; Köhler
(a. a. 0. S. 54) kombiniert beide Hamen mit
Hesychs Glosse: Magisig , oi xü>v ’lvScov ßaGi-
Xsig, welche sich auf eine indische Dynastie
bezieht. Nonnos hat den indischen Feldzug
zu einer dionysischen Ilias {Köhler S. 65 f.) mit
Heerschau, (die dem Thiasos noch Kabiren,
idäische Daktylen = Korybanten-Kureten, Tel-
cliinen und Kyklopen willkürlich einfügt), Schild-
beschreibung, Aiog änccxg, Leichenspieien und
anderen Entlehnungen verarbeitet. Für seine
epischen Schlachtengemälde war aufser litte-
rarischen Vorgängern noch der Mimus, der
bekanntlich zur Zeit des sinkenden Heiden
tumes die Bühne beherrschte, vorbildlich. Man
sah die Tänzer Thyrsen, Harthexstäbe und
Fackeln anstatt der Waffen handhaben, belegte
diese Tänze mit dem Hamen der Pyrrhiehe
und entnahm die Stoffe dem indischen Feld-
zuge , sowie anderen dionysischen Mythen.
{Athen. 14 p. 631); vgl. Luc. de salt. 22: xuv-
xrj xy xs%vrj %Qcoysvog d A. Tvggrjvoiig xat l v-
dovg ncd Avbovg s%siQ(baaxo xctt cpvXov ovxco
ycc%ifiov rotg fhotaoig YaxcagxQGaxo. id. ligo-
XaXia ij Aiovvoog. — - Hach der alten Tyran-
nis und der attischen Demokratie wurde zum
dritten Male dem Dionysosdienste politische
Begünstigung zu teil durch die höfische Pracht-
liebe hellenistischer Könige. So nahm sich
Demetrius den Gott zum Vorbilde, der im
Kriege seine Feinde gewaltig zu Boden streckte,
k
liier
Re®
|| flefai
| (ä, a,
ITSuf
[ ui-
fi
I lieft
%t
I schafi
I denG
read
einer
lionj;
len v
schied
jj Das
der 1)
: sieben
Epbu
I alten i
El zt'njj, j
j ,fgetai
I gemein
der ft
%,
liefet
I fehlen
j Wahrni
m i
Diojivei
'on'at
'rietn
1*14«
! «dpi
Nin<
heile D
fliken
Wen I
1089 Dionysos in d. Kunst (bärtig)
Dionysos in d. Kunst (bärtig) 1090
den Frieden aber voller Freude scliuf {Flut. Dem.
2). Kriegerischer Dionysos Macr. 1, 19, 1 : Bak-
chos ’EwccIlos, Frei. lyr. adesp. ( Bcrglc 34) 108:
ßgöyis, doQazocpÖQ’ , h 'vtxhs, noleyoY.sl.oc8s, nd-
rsgAgy. Besonders aber wurde der Gott Vor-
bild des festlich einziehenden Siegers, der alte
Beiname &Q(ayßog erhielt die vom römischen
triumphus her bekannte Bedeutung ( Diod . 3,
j 65, 8: nQiüTOv — noczocyaysiv ftgtcc yßov st g zyv
1 nazQLÖa ■ id. 4, 5, 2. Plin. 7, 191: diadema, io
reyium insiyne et triumphum invenit; Macrob.
! Sat. 1, 19, 4. Arrian. Anab. 6, 28, 2. Solin.
| 52, 5). Ein Beispiel der dionysischen Pracht-
i aufzüge ist uns aus der Beschreibung der
Pompe des Ptolemaios Philadelplius von Kal-
; lixenos b. Athen. 5 p. 197 sq. erhalten; auch
hier trat zu den älteren Bildern aus dem
i Sagenkreise des Gottes die Rückkehr des Sie-
I gers über die Inder; dieser war auf einem
I Elefanten gelagert, die Satyrn in Kriegsrüstung 20
, (a. a. 0. p. 200 d.e). Die Kriegszüge des Dio-
1 nysos wurden auch auf andere Völkerschaften
I ausgedehnt : die Amazonen der Sage von Ephesos
1 ( Flut . Qu. Gr. 56), die Tyrrliener (s. o. S. 1084),
1 die Iberer {Flin. n. h. 3, 8. Sil. Ital. Fun. 3, 101.
I [ Flut.] de flum. 16) ; für die nordischen Völker-
I schäften sollte der Gott als Ersatz des Weines
I den Gerstentrank {£v&og) erfunden haben, wäh-
d rend Kaiser Julian {Anthol. Pal. 9 , 386) nach
I einer Probe auf seinem gallischen Feldzuge die 30
I dionysische Herkunft des nicht feuer-, son-
I dern weizengeborenen ( nvQoysvyg ) Tranks ent-
I schieden bestritt. [F. A. Voigt.]
Dionysos in (lex* Kunst.
Das Überwiegen von Attributen, welche mit
der Weinkultur in keinem Zusammenhänge
!j stehen (unter ihnen das altehrwürdigste der
Epheu), die Verwendung des Feigenholzes zu 40
alten Kultbildern, die Beinamen Asv8qtzrig, Ev-
v.izr]q, Kiaoög, ”Av&los, d)vzdliuog bekunden eine
j vegetative Bedeutung des Dionysos von all-
gemeiner Art, welche den specifischen Gott
I der Rebe nicht zur Voraussetzung hat (vgl.
I Voigt, oben p. 1029 u. 1059 f.) ; einen Gegensatz
[bietet der Kult des Gottes andererseits im
Fehlen oder im Vorhandensein des Orgiasmus :
Wahrnehmungen, welche den Gedanken nahe
legen, dafs in der überkommenen Gestalt des 50
Dionysos etwas älteres Echtgriechisches mit
(i von aufsen her eingedrungenen Elementen
verschmolzen worden sei (vergl. Papp, Be-
t Ziehungen des Dionysoskultes zu Thralc. und
| Kleinas, p. 13 u. 22). Vom kunstarchäologischen
'{ Standpunkt ist jedoch ein anderer Dualis-
mus in der Erscheinung des Gottes auffälliger:
) seine Darstellung als reifer Mann oder als
blühender Jüngling. Während man frü-
her geneigt war das Auftreten des jugend- co
liehen Dionysosideals mit Praxiteles in Ver-
bindung zu bringen, dann seine Spuren bis auf
Pheidias zurückzuverfolgen suchte, hat neuer-
Idings ein an sich geringfügiges Denkmal der
Kleinkunst den Beweis geliefert, dafs schon
Kalamis den Gott jugendlich dargestellt hat.
iOb aber F. Curtius , dem die kunstgeschichtliche
Verwertung dieser Thatsache verdankt wird {A.
Roscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
Z. 1883, p. 255), mit Recht hierin einen Beweis
dafür sieht, dafs bereits in der 1. Hälfte des 5.
Jahrh. „die Verjüngung der Olympier in vol-
lem Gange war“, scheint doch zweifelhaft.
Allerdings hat derselbe Kalamis auch einen ju-
gendlichen Asklepios geschaffen, aber jugend-
liche Kultstatuen der Götter kann es auch schou
geraume Zeit vor Kalamis gegeben haben. Man
darf die Veranlassung zu solchen Bildungen an
denjenigen Kultstätten suchen, welche eine Ge-
burtslegende des Gottes besafsen. Von der-
artigen sakral und lokal begrenzten Ausnahmen
ist jedoch ein weiter Schritt bis zu derKanoni-
sierung eines jugendlichen Götterideals in den
bildenden Künsten überhaupt. Die dekorative
Kunst ist von der (entschieden ältesten) bärtigen
Bildung der Götter zu der jugendlichen nicht in
einer bestimmten Zeit, ja bei einzelnen Göttern
überhaupt nicht übergegangen. Am frühesten
und am konsequentesten erfafst die verjüngende
Tendenz Apollon, Asklepios läfst sie (trotz dem
Vorhandensein einiger jugendlicher Kultidole)
unberührt. Für Dionysos gelangt der jugendliche
Typus im Lauf des 4. Jahrh. auf allen Kunst-
gebieten zur Geltung, ohne jedoch — was wohl
behauptet worden ist — den bärtigen Typus zu
verdrängen. Vielmehr zeigt die Kunstmytholo-
gie des Dionysos forthin einen bei keinem an-
deren Gotte so bestimmt durchgeführten Dua-
lismus. Daher empfiehlt es sich, im folgenden
die überlieferten Kunstwerke nach zwei Kate-
gorieen auseinander zu halten und von der Ent-
wickelung 1) des männlichen, 2) des jugend-
lichen Dionysosideals gesondert zu handeln,
wobei dem 1. Abschnitt ein Überblick über
die primitiven Agalmata, aus welchen der bär-
tige Typus hervorgegangen ist, vorausgeschickt
werden soll.
I. Die Darstellungen des in reifer Männ
lichkeit gefafsten bärtigen Dionysos.
Die ältesten Symbole des D. fallen aufser-
halb unseres Rahmens. Die kunstarchäologische
Betrachtung beginnt au dem Punkte, wo an die
Stelle der freigewachsenen Gaben des Gottes
als Kultsymbol ein (wenn auch nur roh) be-
arbeitetes Stück Holz tritt. Die altertüm-
lichsten Beispiele dieser Art liefert Boiotien,
für Griechenland anscheinend die Wiege des
Dionysosdienstes: so den Dionysos Ivadmos
auf der Burg von Theben , ein angeblich vom
Himmel gefallenes Stück Holz, welches mit
Erzbekleidung geschmückt war (Paus. 9, 12,
4), den Dionysos Stylos der Boioter ( Clem .
Alex. Strom. 1, 24, p. 418), für welchen das
pompeianische Wandgemälde bei Bötticher,
Baumlcultus der Hellenen Fig. 12 eine Illustra-
tion abgiebt. Der thebanische Dionysos Pe-
rikionios fällt nach der sehr ansprechenden
Erklärung Voigts (oben p. 1047) unter einen an-
deren Gesichtspunkt (= der rankende Epheu).
Dafs Spitzsäulen wie dem Apollon Agyieus so
auch dem Dionysos errichtet worden, ist eine
Angabe Harpolcrations (s. v. uyviä s), für welche
anderweitige Belege fehlen. Die primitive Form
der heiligen Pfosten und Pfeiler blieb in den länd-
lichen Kulten des Dionysos stets üblich , wie
35
1091 Dionysos in d. Kunst (bärt. Maske)
Dionysos in d. Kunst (bärt. Herme) 1092
Max. Tyr. 8, 1 bezeugt: yscoQyol Aiovvaov rt-
[id&GL ny^avTEs OQ^cttcg <xvtoepvsg TtQSfivov,
uyQoiY.ov aycclyct. — Ein Schritt weiter in der
Entwickelung war es, wenn man auf den ent-
weder noch roh belassenen oder viereckig be-
hauenen Stamm einen Knauf oder sonstigen
architektonischen Abschlufs setzte, den Schaft
mehr oder weniger mit Gewändern bedeckte und
unter dem Kapital die Maske des bärtigen
Gottes (über die Maske im Bakchoskult vergl.
0. Müller, Arch. § 345*, 3) anbrachte. Zweige
eines dem Gotte heiligen Gewächses wurden
an dem Stamme angesteckt. Ygl. Gerhard,
akad. Äbh. t. G7, 3, Mon. d. Inst. 6 u. 7 tav.
65 A ( Daremberg - Saglio,
dict. des antiq. I3 Fig. 449),
Bötticher , Baumkultus
Fig. 43 b u. unsere Fig. 1
(= Bötticher Fig. 43 a).
Ob die TCQOGcona das Dio-
nysos Bakcheus (aus
Rebenholz), und Meili-
chios (aus Feigenholz)
auf Naxos (Athen, p. 78 c)
isolierte Masken waren,
oder etwa Bestandteile
eines Idols der bespro-
chenen Art, läfst sich
nicht entscheiden. Einen
weiteren Fortschritt be-
zeichnet die Sitte, den
architektonischen Ab-
schlufs des Pfostens fal-
len zu lassen und den
vollständig als Rundbild
ausgeführten Kopf des
Gottes auf den Pfosten
zu setzen. Der Haar-
sclimuck (ursprünglich
wohl perückenartig aufgesetzt), die tief her-
abgehende und den Stamm fast verdeckende
Gewandung geben
B
of gr. coins t. 15, 11, in welchem Newton eine
Nachbildung des Dionysos Phallen der Myti-
lenäer vermutet hat.
An diesem Punkte der ikonischen Entwicke-
lung zweigt sich eine wichtige Form des Göt-
terbildes ab, die Herme. Man vgl. über ihre
Fig. 1 (Dionysosmaske an
e. Pfosten).
Fig. 2 (Kopf auf e. Pfosten).
hier schon die Illu-
sion eines mensch-
lich gestalteten Kult-
bildes. Mit den
Mitteln vollendeter
Kunst führt uns ein
solches aycdycc das
Yasenbild Figur 2,
n. Bötticher, Baum-
kultus Figur 44 vor.
Die sonst meist am
Stamm angesteckten
Zweige dienen hier
dazu die Vorstellung
eines das Haupt des
Gottes umgebenden
buschartigen Kran-
zes hervorzurufen
(die Auffassung Böt-
tichers a. a. 0. p. 103
scheint uns nicht
haltbar). Man vgl.
auch das schöne
Herkunft die verschiedenen Ansichten bei Preller
in Paulys N.-E. 4 p. 1845 u. 1857, dem ich aber
den genetischen Zusammenhang der Egyai mit
io den EQ/xaioi loqpof ebensowenig zugestehen
kann wie die Annahme, dafs die.Hermenform
bei anderen Götter erst einer „Übertragung“
aus dem Hermeskult ihre Existenz verdanke.
Diese Form des Agalma ergiebt sich mit in-
nerer Notwendigkeit aus der allmählichen Fort-
entwickelung des ikonischen Gesetzes und hat
nur ihren Namen von demjenigen Gottesdienste
erhalten, in welchem sie sich am festesten ein-
bürgerte. Neben Hermes ist es nun von anderen
so Göttern Dionysos, dem man hermenförmige Idole
aufstellte ; doch bedarf die herrschende Ansicht
von der grofsen Pläufigkeit überkommener Dio-
nysoshermen einer beträchtlichen Einschrän-
kung. Wir kommen hierauf am Schlüsse dieses
Abschnittes zurück (p. 1121) und beschrän-
ken uns zunächst auf die Erwähnung einiger
sicheren Beispiele jener Hermenart, in welcher
die beiden Arme mit bezeichnenden Attributen
an den Stamm angefügt und meist auch der
30 ganze Oberkörper plastisch ausgeführt ist, so
in dem Relief einer Lampe bei Müller- Wieseler
2, 615, dem pompeianisch. Wandgemälde Mus.
Borb. 7,3, einem Relief des Louvre bei Cla- \ u
rac 132, 112 (Müller- Wieseler 2, 641). Dagegen jtwäi
ist die bärtige nur mit einem Tierfell um die iisfe
Lenden bekleidete Herme der Sarcl onyxvase dar. log ■■
yd. 125 (Midier- Wieseler 2 n. 626 b) wohl kein
Dionysos, wie Wieseler annimmt, sondern eher
ein Herakles (sehr muskulöse Brust). [Hier-
40 her die ludovisische Herme ( Schreiber n. 3.
Mon. d. Inst. 10, 56, 2) zu ziehen fehlt die ge-
nügende Sicherheit.] — Somit sind wir bei der
anthropomorphischen Ausgestaltung der gan-
zen Figur angelangt und behandeln: die iko
nischen Darstellungen des bärtigen
Dionysos.
Die Zahl der n ur durch schriftliche
Überlieferung bekannten altertümlichen
Dionysosbilder ist eine beträchtliche, doch
Go
50 läfst sich nicht feststellen, wie viele dieser Her Lyi
lorphisch waren, o L
berl. Vasenbild Gerhard, Trinksch. u. Gef. 1,
4. 5 (Bötticher Fig. 42) und das Idol einer
lesbischen Münze bei P. Gardner , the types
Idole bereits rein anthropomorphisch
wie viele etwa zu den primitiveren Formen
der eben besprochenen Art gehörten. Der Dio-
nysos A k r a t o p h o r o s zu Phigaleia dürfte wohl
zu der Pfosten- oder Hermenklasse gehören, da
Paus. 8, 39, 6 von dem unteren Teil desselben
vor Lorbeer- und Epheublättern nichts sehen
konnte. Vermutlich sollte durch solche Blätter-
fülle der' unten aus dem Gewände hervortretende
eo Pfosten verdeckt werden. Die sichtbaren Kör-
perteile des Gottes waren mit Zinnober gefärbt.
Zu Patrai befand sich ein uraltes Bild des Dio-
nysos Aisymnetes (s. d.), der Sage nach von
Hephaistos verfertigt und von Eurypylos als
troisches Beutestück in einer Larnax nach Pa-
trai gebracht, Paus. 7, 19. 6 ff. (Abbildung dieser
Larnax nach Sacken auf einer Münze der Samm-
lung St. Florian Taf. 2, 21, fraglich). Ebenso
I l'urtijT
pan
piitt
1093 Dionysos in d. Konst (bärtig)
müssen die zu Patrai beim Theater aufbe-
wahrten drei Dionysosbilder sehr alt gewesen
sein, da ihre Beinamen die Erinnerung an die
drei alten, später in Patrai aufgegangenen
Flecken Antheia, Aroe, Mesatis bewahrten
Waus. 7, 18,3). — Mehrere altertümliche Idole
des Gottes besafs Athen: ein mit dem Kult zu-
gleich aus Eleutherai importiertes Bild des Dio-
nysos Eleuthereus im ältesten Hieron beim
Theater (Paus. 1, 20. 3; vgl. Mommsen, Ileort. i
p. 356, Ribbeck, Dionysoslcult in Attika p. 8
u. 21, K. Waclismutli, Stadt Athen p. 401). Aus
Schot. Ar. Ach. 243 ersieht man, dafs im Kult
des Eleuthereus der Phallos eine Rolle spielte,
doch ist damit noch nicht das Agalma selbst
als eine phallische Herme erwiesen. Vielleicht
ruht auf letzterer Vorstellung der Dionysos
Ort ho s, dem Amphiktyon im Horentempel
einen Altar errichtete, Philochor. fr. 18 (Müll)
u. j Ribbeck a. a 0. p. 4. Ein merkwürdiges 2<
Bild besafsen die Athener endlich an ihrem
Dionysos Morychos, dessen Prosopon zur
Weinlese mit Most und frischen Feigen be-
strichen wurde (yogv^ui. yug t 6 yolvvca Po-
lemon. fr. 73 Müll). Dasselbe war aus porö-
sem Phellatas von Simmias, Eupalamos’ Sohn
gearbeitet, den Brunn K. G. 1, 96 mit Recht
n eine frühere Zeit setzt. Über einen auch
ron den Sikelioten verehrten Dionysos Mory-
;hos vgl. Polcm.fr. 73 ff. — Zu Megara rühmte 3
nan sich eines alten von Polyeidos geweihten
üoanon des Dionysos Patroos, von welchem
rnr das Gesicht zu sehen, alles übrige durch
lewänder verdeckt war; ein zweites ebenda-
elbst befindliches Bild des Dionysos Dasyl-
ios wurde dem Enkel des Polyeidos zuge-
chrieben, Paus.nl, 43, 5. In dem Tempel zu
forinth befanden sich zwei Bilder, das eine
lionysos Lysios, das andere Dionysos Bak-
i hi os genannt, tgouva sni^qvGu TtXgv tg>v i
■QOGCÖlTCOV , TU Ss 71Q0GG)7CU ÜXoUpf] GCpLGlV £QV-
^qcc v.SY.oGfir\zui. Das Holz der Bilder sollte
on dem Baume stammen, in welchem sich
' inst Pentheus versteckt hatte. Auch in Si-
yon gab es zwei gleichbenannte Kultbilder,
ie Iv ünoQQr'iTcp aufbewahrt und einmal jähr-
ich im nächtlichem Fackelzuge zum Diony-
ostempel getragen wurde, der Bakcheios auf
es Gottes Enkel Androdamas zurückgeführt,
er Lysios nach delphischem Spruch aus The- 5
; en eingeholt, Paus. 2, 7, 6. Über den A.
Ivgios der Thebaner vgl. Paus. 9, 16. 6. — Im
’emeterheiligtum bei Sikyon standen Bilder des
'ionysos, der Demeter und Kora rd ngoaumu
uivovzu, Paus. 2, 11. 3, wo die Verbindung
liit dem eleusinischen Götterpaar den Gedan-
len an Iakchos nahe legt. In Argos war ein
Vxtvov des Dionysos , das von heimkehrenden
rojakämpfern aus Euboia mitgebracht sein
jfflte, Paus. 2, 23, 1. Zu Bryseai durften e
nem sv dnoQQr\Tcp bewahrten Bilde allein
ie Frauen in geheimnisvollem Dienste nahen,
■'aus. 3, 20, 3; im Ileraion zu Olympia be-
md sich unter anderen Götterbildern, welche
!’aus. 5, 17, 3 eg tu yukioiu uq^ulu rechnet,
ich ein Dionysos; von einem h,ouvov des
ionysos Saotes bei Lerna endlich giebt Paus.
37, 2 ausdrücklich an, dafs es den Gott
Dionysos in d. Kunst (hart, auf Vasen) 1094
sitzend darstellte, während man in den Fäl-
len, wo er hierüber nichts anmerkt, wohl stets
die stehende Haltung voraussetzen darf, welche
sich in natürlicherweise aus dem älteren Idol,
dem mit Gewändern behängten Baumstamm,
entwickelt und geraume Zeit die herrschende
geblieben sein wird. — • Die gegebenen Bei-
spiele genügen für den Nachweis, dafs im Kult
des Dionysos schon in alten Zeiten der Bil-
derdienst eine grofse Rolle gespielt hat. Für
die Vorstellung des ältesten ikonischen Typus
ergeben sich aus demselben nur wenig Züge,
vornehmlich die Vorliebe für starke Verhül-
lung, für Bemalung der sichtbaren Körperteile
mit lebhafter Farbe, endlich auf Grund eines
Schlusses das Vorherrschen der stehenden
Stellung. Weiter führt uns eine Betrachtung
der erhaltenen Denkmäler archaischen Stils.
Die Vasen mit schwarzen Figuren bieten
eine grofse Menge von Darstellungen des Got-
tes. Die Bekleidung besteht in der Regel
aus einem doppelten Gewände, dem %iT<av no-
driQrjg mit Halbärmeln (Gerhard a. V. 4, 318,
3, 246; Roulez, clioix d. v. p. 3; Heydemann,
yr. V. 3, 1; Müller- Wieseler 2, 605; ganz kurz-
ärmelig Gerhard a. V. 1, 55, 1) und dem dar-
übergeschlagenen Himation. Oft hüllt letzte-
res die ganze Gestalt so stark ein, dafs nur
die beiden Hände oder auch nur eine Hand
zum Halten eines Atributs hervortritt (Mon.
d. Inst. 9,11, Gerhard, a. V. 1, 67, Stackeiberg,
Gräber der Hell. 12). Seltener ist statt des
Himation als leichterer Umwurf die Chlamys
(Framjoisvase AI. d. I. 4, 54 f. ; Mittheil. 7,13;
Gerh. a. V. 1, 17; 4, 318 [von Gerh. verkannt]).
Die für die Vasen des alten Stils charakteristi-
sche Form der stark verhüllenden Doppelge-
wandung (Fortwirkung der primitiven Umhül-
lung des Dionysospfahls) wird gerne auch da
beibehalten, wo der Gott handelnd auftritt: als
Gigantenbekämpfer auf der sehr altertümlichen
Vase Oppermann (Fröhner, mus. de France
pl. 7), wagenbesteigend (Münch, n. 364, 482,
1133), auf Stier seitwärts sitzend ( Gerhard , a.
V. 1, 47, Münch, n. 1271), auf Maultier gela-
gert (Münch. 1246), ja einmal selbst wirklich
reitend (Münch. 550). Sonst ist des Gottes
Reitkostüm mehr zweckdienlich ein kurzer (dor.)
Chiton und eine auf der Brust zusammenge-
nestelte Chlamys (Mon. d. Inst. 9, 9, 10. Münch.
60, 288, 346, 668 etc.), oder die Chlamys allein
(Münch. 360, 577, 709, 1348); im Giganten-
kampf hat Dionysos einmal die gewöhnliche
Kriegerrüstung, kurzen Chiton, Wams, Stiefel
(Gerhard a. V. 1 , 63 — Müller- Wieseler 2,
433). Wo die Handlung es nicht nahe legt,
erscheint statt des solennen Doppelgewandes
nur ausnahmsweise eine leichtere Bekleidung:
kurzer Chiton und Mantel Gerhard a. V. 1,
32, gestickte Chlamys und Stiefel Münch. 1202
(Dionysos schreitet zwischen 2 Frauen) und
singulär blofs ein langer Chiton Münch. 696
(affektiert archaisch und flüchtig). Eine ziem-
lich zahlreiche Gruppe zeigt Dionysos in be-
haglicher Ruhe im Schatten einer Epheulaube
auf e. Kline gelagert, gewöhnlich in Gesellschaft
eines Mundschenks oder einer Frau (Münch.
1284, 1325); auch hier fehlt es nicht an Bei-
35*
1095 Dionysos (bärtig auf Vasen)
Dionysos (bärtig auf Vasen) 1096
spielen der Doppelbekleidung [Roulez , choix
de v. pl. 3. Münch. 85, 417, 582), doch hat der
Gott dann häufiger blofs das Ilimation um den
Leib geschlagen, ein nicht übler Hinweis auf
eine Situation, wo man sich zu Hause fühlt.
Das Haar des Dionysos ist an Haupt und Bart
durchaus kräftig entwickelt [Find. A. svqv-
%utTris), doch fällt es meist noch ungegliedert
auf den Nacken herab (Frarnjoisvase, Gerhard
a. V. 1, 55, 1) oder es zweigt sich hinter dem
Ohr eine lange Locke ab [Heydemann, griech.
V. 3, 1. Gerhard a. V. 3, 246. 1, 38); eine
später bei Dionysos nicht selten erscheinende
Besonderheit, das im Nacken in einen Wulst
zusammengenommene Haar, hat auch schon
hier einige Beispiele, Gerhard a. V. 1, 14.
Mittheil. 7, 3. Als Attribute erscheinen auf
schwarzfig. Vasen: der Eplieukranz, durch-
aus herrschend ( yuGo6%caz ’ avat, Fratinas fr. 1
Bergt: ; Find. Dithyr. fr. 75 Bergt:. Boss, in-
scr. ined. 135), seltener die schmale Haar-
binde (Münch. 102. 157. 555. 607. Benndorf,
gr. u. sic. Vas. 52, 4), singulär ein Myrtenkranz
(Münch. 1207). ln der einen Hand hält Dionysos
meist ein Trinkhorn [Gerhard a. V. 1,48.49.
Mittheil. 7, 3 etc.) oder einen Kantharos
[Gerhard 4, 246. Mon. d. Inst. 9, 9. 10), seltener
eine Schale (Münch. 303, 455, 218) oder einen
henkellosen Becher (Münch. 241), in der an-
deren Hand gewöhnlich eine Ranke, im Falle
deutlicher Charakterisierung meist eine Wein-
rebe ( Gerhard a. V. 1, 73 etc.), seltener Epheu
[Gerhard 3 , 206. 2) ; in beiden Händen Reb-
zweige (Münch. 609. 1150. 1163. 1395). Bis-
weilen hält Dionysos ein gewöhnliches Scep-
ter, Gerhard, etr. u. camp. V. 4, 5. Heydc-
mann, gr. V. 2, 2 b. Der Thyrsos als Attribut
des Gottes ist noch unbekannt (das einzige
schwarzfig. Beispiel, welches mir vorgekommen,
Münch. 179, ist von flüchtiger Arbeit und ver-
hältnismäfsig jung). Die Nebris trägt Diony-
sos noch nicht, wohl aber haben sie neben
dem Gott Mainaden (Münch. 147, 474, 1272
etc.). Die Pardalis dagegen läfst sich be-
reits einmal belegen, Gerhard a. V. 1, 63 =
Müller- Wieseler 2, 433 ( Gigantomachie ). Dem
Gott zugeteilte Tiere sind: der Ziegenbock,
Gerhard a. V. 1, 32. 37. 39 Münch. 422 (ein-
mal mit menschlichem Antlitz, Benndorf, gr.
u. sic. Vas. 53, 1); der Stier, Gerhard 1, 47
Münch. 1271 (eine Kuh, Gerhard 1, 73); eine
Hindin (Münch. 375, 1133); das Maultier
ist sein häufigstes Reittier (Münch. 60 , 288,
346, 561 etc.), erscheint aber auch sonst neben
ihm (Münch. 135). Ein Löwe scheint Gerhard
a. V. 1, 38 als des Gottes Lieblingstier dar-
gestellt, wenn hier nicht besser der Panther
zu erkennen ist, der sicher bei Gerhard 1, 36
und Münch. 756 neben Dionysos erscheint. Auf
einem affektiert archaistischen Vasenbild [Mon.
d. Inst. 10, 20) gehören zu dem absonderlichen
Viergespann des Gottes nach Flasch 2 Löwen,
nach Brunn 1 Löwe und 1 Panther. In der
älteren Kunst dürfte überall der Panther ge-
meint sein, dessen treue Bildung nicht immer
glückte. Gerhard a. V. 1, 63 erscheinen im
Gigantenkampf als Mitstreiter des Gottes Löwe,
Panther und Schlange, welche Robert , Bild u.
Lied p. 22 ansprechend als naive Andeutung
der Verwandlungen des Dionysos fafst. An-
ders Heydemann, Hall. Winckelmann-Programm
1881 p. 8. (Doch scheint die Häufung der Tiere
auf obigem schwarzfig. und einigen rotfigur.
Bildern, verbunden mit dem Umstand, dafs die
Schlange wohl in Darstellungen der Giganto-
machie , sonst aber dem Gott nicht beigege-
ben*), der Löwe mit ihm erst später als attrib.
io Tier sicher verbunden wird, zu Roberts Gunsten
zu sprechen.) Das frühe Auftreten des Panthers
in der Kunstmythologie des Dionysos ist sehr
zu beachten; er ist das älteste sicher unhel-
lenische Attribut des Gottes. Thrakien als
Ausgangspunkt ist fraglich, da der Behauptung
Ps.-Xenophons de venat. 11 die Autorität des
Aristoteles h. a. 8, 28 entgegensteht, wonach der
Panther nur in Kleinasien heimisch ist; vgl.
T chihatcheff , Asie mineure 2, 621. Wir haben also
20 in ihm ein bakchisches Tier von kleinasiati-
scher Herkunft und vielleicht auch direktem
Import anzuerkennen. Inbetreff der später meist
weiblichen Bildung des bakchischen Panthers
vgl. Oppian, cyneg. 4, 3 6. Hinsichtlich der S t e 1 -
lung des Gottes herrscht auf schwarzfig. Vasen
bei durchgehend ruhiger Haltung eine grofse
Mannigfaltigkeit. Am häufigsten ist Dionysos
stehend dargestellt, mit leicht geneigtem Haupt
(Normaltypus Gerhard a. V. 1, 73), aber auch
30 sitzend, besonders in Götterversammlungen oder
zwischen 2 tanzenden Frauen [Rapp, Mainade
Rhein. Mus. n. F. 27, 563), auf Tieren oben
p. 1094, auf dem Rücken eines Satyrs [Mus.
Gregor. 2, 3. 3 a), wagenbesteigend (p. 1094),
im Wagen fahrend mit wechselndem Gespann
[Gerhard a. Vas. 1, 41. 54: Böcke; Mon.
d. Inst. 10, 20: zwei Hirsche und 2 Panther;
Gerhard a.V. 1, 17 = Müller- Wieseler 2, 605:
zwei Satyrn und 2 Mainaden), oder endlich auf
40 Kline gelagert (ob. p. 1094). — Von bestimm-
ten Mythen werden dargestellt: der Gigan-
tenkampf, Fröhner , m. de Fr. 7, Gerhard
a. V. 1, 63; das Abenteuer mit den Tyr-
rlienern, Gerhard 1, 49, nur anspielend; die
Zurückführung Hephaists, Gerhard 1, 38
[Fl. cer. 1, 49 A?] Frangoisvase. Derselben
Vase verdankt man auch eine Darstellung des
Gottes als Horenführers, Mon. d. Inst. 4,
54. 55; Dionysos ist hier naiv materialistisch
50 aufgefafst, insofern er auf eigener Schulter ein
mächtiges Weingefäfs zum Fest der Thetis
herbeibringt und durch üppigen Haarwuchs
allen anderen Göttern überlegen ist. Über Dio-
nysos und Semele vgl. p. 1146, über Dio-
nysos und Ariadne p. 1147.
An die archaischen Vasen reihen wir unmit-
telbar die Vasenb i Id er des strengen rot-
fig. Stils, die in ihren Anfängen ja ziemlich
weit zurückreichen [O. Jahn, münch, Vasens.
60 Einleitung p. 174f.), daher auch in ihren Typen
dem schwarzfig. Stil näher stehen als dem
schönen. Auf jenen Vasenbildern nun erscheint
zunächst die Gewandung des Dionysos ge-
nau der auf den schwarzfig. entsprechend. Der
tage,
s fl
Lei
n,f
!i etc.
seiet
M 0
Fr.
f
Net (G
Utfc.
plänl
*) Ein spätes Beispiel, die Statue Welcher, a. D. 5, 2,
kommt hier nicht in Betracht, ebensowenig der Umstand,
dafs Schlangen nicht selten den Mainaden beigesellt sind.
1097 Dionysos (bärtig auf Vasen)
i lange Halbärmelchiton und darüber das Hima-
!tion (resp. die Chlamys) sind durchaus vor-
herrschend, Mon. d. Inst. 11, 27. Gerhard a.
V. 1, 57, 3. Panoflca, Dion. u. Thyiaden t. 1,
2a etc. Nur solche Fälle sind mit gutem
Grunde auch hier ausgenommen, wo der Gott
;n energischer Handlung dargestellt ist, so im
Gigantenkampf als gewappneter Krieger ( Ger-
hard a. V. 1 , 64. 1. 2, 84. 85. Fröhner, m.
ie Fr. 6), ja einmal nur mit der Chlamys be-
Dionysos (bärtig auf Vasen) 1098
hier so wenig wie auf den schwarzfig. Vasen,
dagegen sehen wir wie dort so auch hier neben
Dionysos bisweilen Nebris tragende Bakchan-
tinnen , R. Rochette , m. ined. 1, 44 B [Münch,
n. 408 hat Dionysos über dem Doppelgewand
die Pardalis, während Satyr und Mainade die
Nebris tragen]. Das Haupthaar des Gottes
ist bisweilen im Nacken in einen Wulst zu-
sammengenommen ( Rocliette a. a. 0. Gerhard
10 ant. V. 1 , 64. 1, 77; El. cer. 1, 44), (in der
Fig. 3.
Zeus und. Dionysos, Vasenbild (nach Mon. dell' Inst. 9, 43; vgl. p. 1099 Z. 9 ff.).
jiidet ( Gerhard 1, 50. 51), während das volle
l|ppelgewand trotz Gigantomachie beibehal-
4 1 ist b. Gerhard, Trinkschalen A. B. — Das
I ntherfell, für welches oben nur ein Bei-
B el beigebracht werden konnte , findet sich
j zt häufiger, in verschiedener Drapierung
( rhard 1, 64. 67. Gaz. arch. 1875 pl. 4), als
S;ild gegen Giganten vorgestreckt ( Gerhard
284. 85. C. R. für 1867 t, 6. Millin, g. m. 88,
2>). Ständiges Bekleidungsstück des Gottes
if es nie geworden (die Behauptung Diodors
4 4, 4, dafs die Pardalis nur Kriegskleidung
(1 Dionysos sei, findet durch die Denkmäler
vs Her beim *bärtigen noch beim jugendlichen
6[t Bestätigung). Die Nebris trägt der Gott
Regel jedoch fällt es in kräftiger Fülle herab,
in ungegliederter Masse: Münch. 56 Gerhard
a. V. 2, 175. Heydemann, Winckelmann-Progr.
1881 , in reichen Locken rings um den Hals :
Müller- Wieseler 1, 210b. Mon. d. Inst. 9, 43.
Gerhard a. V. 4, 319, oft mit Absonderung
60 von tief auf die Brust herabfallenden Ohr-
locken : Gerhard 1, 4. Millingen, Coghillpl. 31,1.
Mon. d. Inst. 10, 23. 24. Gerhard, etr. u. camp.
V. 6. 7. Wenn im allgemeinen auf altertüm-
lichen Vasen für Dionysos die kräftige Haar-
fülle nicht gerade als ein unterscheidendes
Charakteristikum hingestellt werden kann, so
ist doch eine Reihe von Beispielen hervorzu-
heben, wo mehrere Götter nebeneinander dar-
1099 Dionysos (bärtig auf Vasen)
Dionysos (bärtig auf Münzen) 1100
gestellt sind und die Absicht durch die Haar-
bildung zu individualisieren , deutlich wird.
Hier erscheint dann der A. avQv%aCzi]c, (Pind.
Isthm. 7, 4) vor den anderen Göttern deutlich
ausgezeichnet: Gerhard a. V. 1, 4 (Geburt Athe-
nasmit Zeus, Poseidon, Dion.) id. 2, 175 (Her-
mes, Poseidon, Dion.), Mon. d. Inst. 6 u. 7, t. 67
(Hermes u. Dion.). Instruktiv in dieser Hinsicht
ist das Vasenbild ob. 1097/8 Fig. 3 (nach Mon. d.
Inst. 9, 43), wo neben dem Himmelskönig der
Gott des vegetativen Wachstums nicht nur mit
vollerem Haarwuchs , sondern auch in mäch-
tigeren Körperformen gebildet ist. Zugleich
ist die bei Dionysos beliebte stärkere Verhül-
lung zu beachten. Unter den Attributen
herrscht zunächst noch die Ranke vor (So-
siasschale Müller- Wieseler 1, 210b. Gerhard
a. V. 1, 77. El. cer. 1, 44 etc.). Der Thyr-
sos erscheint zunächst bei dem Thiasos des
Gottes , während für letzteren die Ranke bei-
behalten ist, Mon. d. Inst. 11, 27, Münch. 273.
332. Dann wird er dem Gott selbst in die
Hand gegeben, zunächst mit gleichzeitiger Bei-
behaltung der Ranke ( Panofka , T>. u. Thyiad.
1,2 a), dann unter Wegfall der letzteren (Mil-
lingen 31, 1. Gerhard 1, 4 etc.). Die Spitze
des Thyrsos schmückt Epheulaub in dichtem
Busch (vgl. Eur. Bacch. 1054 f.), zuweilen sind
aber nur einige Ranken oben an und in den
Schaft gesteckt, wodurch sich letzterer als ein
Rohrgewächs {vagd'-y^, ferula communis) zu er
Hi
hoi
kennen giebt. Im übrigen ist die Natur des
Schaftes nicht deutlich genug charakterisiert
(vgl. unten p. 1106). Bei Fröhntr, m. de Fr. 6
dringt Dionysos auf einen Giganten mit der
Lanze ein, deren untere Spitze einen Epheu-
büschel trägt (eine Art d'vgoöloyxog) , nach
späterer V orstellung ist die Lanzenspitze selbst
in Epheublättem versteckt, Diod. 3,65.3; eine
einfache Lanze führte ein Dionysosbild der
Lakonier, Macrob. sat. 1, 19, 2. Das Trink-
horn wird seltener ( Gerhard 1, 77. Münch.
273, 736), der Kantharos Regel. Der Epheu-
kranz ist auch hier der übliche Hauptschmuck,
ein Kranz von Weinlaub ausnahmsweise
(Münch. 273. 388), nur eine schmale Binde
El. cer. 1, 44, eine dicke reifartige (vgl. oben
unter Asklepios p. 628, 6) Millingen 31, 1.
In einem Beispiel (edelster strengfig. Stil)
zeigt sich auch schon die verzierte Stirnbinde
mit befransten Zipfeln ( Gerhard , etr. u. camp.
V. 6. 7), über welche unten S. 1107. In der
Stellung des Gottes findet man hier weniger
Mannigfaltigkeit als bei den schwarzfig. Vasen.
Der lässig gelagerte Gott tritt zurück (Münch.
388 [Verbindung beider Stilarten] u. 783. Tisch-
bein 4, 11), nicht minder der reitende {Mon.
d. Inst. 6. 7. t. 67 auf Ziegenbock gelagert).
Fast ganz verschwunden ist der wagenbestei-
gende Gott (ein Beispiel sehr strengen Stils,
Mon. d. Inst. 10, 23. 24. bakch. Zug). Sitzend
ist Dionysos in Götterversammlungen darge-
stellt , sonst aber meist stehend , umgeben
von dem bunten Treiben seines Thiasos , an
welchem er nur selten lebhafter teil nimmt
{Gerhard a. V. 1 , 77 Münch. 273) , von dem
er meist in würdevoller Ruhe sich umschwär-
men läfst.
Die dargestellten Mythen sind dieselben
wie auf den schwarzfig. Vasen, nur fehlen Bei-
spiele für das tyrrhen. Abenteuer und die
Verbindung mit Semele; dafür tritt als neu hin-
zu die Verknüpfung des Dionysos- und The-
seusmythos in dem grofsartigen att. Vasenbild
Gerhard , etr. u. camp. Vasen 6. 7.
Die betrachteten Vasendarstellungen sind als
einzige sichere Urkunde für den altertümlichsten
io Typus des Dionysos von Wichtigkeit. Sie zei-
gen, obschon in den reifsten Exemplaren des
strengen Stils in verhältnismäfsig späte Zeit ^
(Ende des 5. Jalirh.) hinabreichend, ein zähes
Festhalten am Althergebrachten. Weniger kon-
servativ erscheint die Kunst der Stempel-
schnei düng, insofern die wenigen archai- ™
sehen Darstellungen des Gottes auf Münzen
doch schon gewisse Merkmale eines fortgeschrit-
tenen Typus bekunden. Gleich an der Spitze
20 steht sogar ein überraschendes Unicum, eine
aus dem 6. Jahrh. stammende Silbermünze
Grofsgriechenlands („uncertain of Luca-
nia or Bruttii“), beistehend (Fig. 4) abgebildet
nach Catal. of gr. coins in the brit. Mus. Italy
p. 395. Da völlige Nackt-
heit sonst bei dem bärti-
gen Gott ganz unerhört ist,
so hat man in dieser Figur
lieber einen Satyr erblicken
30 wollen, doch tritt P. Gard-
ner, the types of gr. coins
p. 87 mit Recht für die
Erklärung derselben als
fei
iiegei
seloi
fei
19, 6
irProi
Dionysos ein. Es ist hier Fig. 4.
eben der Versuch den Gott Münze Unteritaliens, jj nga
in völliger Nacktheit dar-
zustellen nicht wegzuleugnen , nur steht der- •%
selbe ganz vereinzelt da. Im übrigen zeigt Mern,
die Münze den gewöhnlichen archaischen Dio-Per
40 nysostypus: ein ruhiges Dastehen, tief auf den Titon
Nacken fallendes Haar, Rebzweig und Kan- Ms
tharos. Eine Normaldarstellung des hochalter h B;
tüm liehen Stils bietet der Dionysoskopi Pfflj
auf Münzen von Naxos (Sicil.) Friedländer- 19,3
Sollet, das Tcönigl. Münzhab. n. 539 und 540 1®
(Taf. VI). Der Gott hat hier den Epheukranz
in den Nacken tief herabfallendes Haupthaar um
spitzen Bart, der geöffnete Mund soll freund- Wiiets,
liches Lächeln ausdrücken (vgl. die cäretan
50 Vase Mon. d. Inst. 9, 55, den A. M ? i Xi% t o S -Mer
von Naxos (Insel) , Tlieogon. 942 Aiwvvnoi wonyso
n olvyg&EK u. a.). Die Beziehung des Kopfe' - im
auf einer Münze v. Antissa {Gardner 15,12 - Zusa;
auf den Dionysos Phallen ist sehr unsicher sei £
Einen Schritt über den archaischen Typus de'
Vasenbilder hinaus thun mehrere Münztypen
welche beweisen, dafs um die Wende des 6
und 5. Jahrh. an Stelle jener alten solennei
Doppelgewandung das Idealkostüm des ein
6o fachen Himations (O. Müller, Arch. § 336, 4ff.
auch für Dionysos zur Anwendung gekomme.
sein mufs. So schon auf einer von Gardnc
zwischen 550 und 479 gesetzten Münze vo.'
Galarina (a. a. O. Taf. 2, 2), welche beiVoi
deransicht des Rumpfes in der Seitenstelhinj
von Füfsen und Kopf die Eigentümlichkei
des ältesten Reliefstils, in der Ranke das altei
tümliche Attribut des Gottes bewahrt, dagege
Rjw 2
[Unter
[ü ein
[" !Ir*
KitB
1101 Dionysos (bärtig; arch. Skulpt.)
die rechte Brust und den rechten Arm nackt
aus dem Himation hervortreten läfst. Und
die Bekleidung mit dem blol'sen Himation hal-
ten dann die Münzen der folgenden Periode
(479 — 431) fest, so die Münzen v. Nagidus,
j Gardner 4, 25 (Dionysos mit Weinranke und
Tliyrsos), oder die Typen von Ab de ra, unter
denen ein vorzüglich erhaltenes Exemplar bei
I Inihoof-Blumer , monn. grecques t. C p. 38 in der
t linken Hand des Gottes einen Stab mit Baum- io
I kröne, in der rechten den Kantharos, ein an-
deres bei Gardner t. 3 , 29 nur eine Trink-
( schale in der Rechten zeigt. Dafs indes die
althergebrachte Darstellung des Dionysos in
langem Chiton und darüber geschlagenem Hima-
tion durch solche Neuerung nicht verdrängt
i1 wurde, sondern (von den Münzen abgesehen)
! als die Regel beibehalten worden ist , wird
I sich weiter unten zeigen.
Die Umschau nach Darstellungen des Dio- 20
■ nysos in der archaischen Skulptur führt
I auf einen sehr unsicheren Boden. Unter den
1 Reliefs des alten Stils ist keine Darstellung
I des Dionysos erhalten , nur litterar. Zeugnisse
I liegen vor. So war an der Lade des Kyp-
selos der bärtige Gott liegend dargestellt, in
»der Hand ein goldenes Trinkgeschirr und be-
ikleidet mit einem %ircov nodriQgg, Paus. 5,
1 19, 6. ln dieser Darstellung „lydisehen Ein-
lflufs“ mit Welcher, Gütterl. 2, 615 zu empfin- 30
Iden vermögen wir nicht, wir müfsten denn
»überhaupt die Göttertracht der altertümlichen
IjVasen, für welche dieser Chiton charakteristisch
list, ly dischem Einflufs zuschreiben. Die Darstel-
lilung am Kypseloskasten ist ein Seitenstück zu
■ len ob. p. 1094f. besprochenen Vasenbildern mit
gelagertem Dionysos und ergänzt dieselben in-
sofern, als auf jenen entweder Doppelgewand
)der blofses Himation erschien; im langen
I phiton allein lernten wir einen stehenden Dio- 40
liysos kennen im münch. Vasenbild n. 696.
[Am Bathron des amykläischen Thrones
j yaren Dionysos und Semele dargestellt (Paus.
16, 19, 3) und am Throne selbst (3, 18, 16) fehlte
ler Zurückführung Hepliaists auf den Olymp
hr Protagonist sicherlich nicht; vgl. oben die
Pasenbilder. Eine Reihe hochaltertümlicher
I Reliefs , die sogen. „Kantharosmänner“, sämt-
lich aus der Umgegend von Sparta, wurden,
|[achdem das zuerst gefundene Exemplar auf 50
rmysos und Ariadne gedeutet worden ( Conze
Annali 1870, 284 ff. u. a.), von Milchhöfer
n Zusammenhang behandelt und dem bakchi-
(■: ohen Kreise mit Recht abgesprochen , Mittei -
mgen 2 p. 303 ff. Die zuerst versuchte Deu-
mg auf Hades-Chthonia (a. a. 0. p. 459) hat
I lilchhöfer später durch die richtige auf heroi-
1 ierte Tote ersetzt, Mittheil. 4 p. 163 und
»L rch. Zeitg. 39 p. 293 ff.
Unter den erhaltenen archaischen Statuen 60
ird ein sicher bezeugter Dionysos vermifst,
la in den Fällen, wo man einen solchen zu
• i.kennen geneigt ist, die entscheidenden Attri-
jute verloren gegangen sind. So ist es der
all bei einer Kolossalstatue der Villa
lbani, welche Winclcelmann, G. d. K. 3, 2
' 11 ( Werke 3, 319 Eisei.) für einen Priester
. ld ein Beispiel altetruskischer Kunst erklärte,
Dionysos (bärtig; arch. Skulpt.) 1102
während sie entschieden altgriechischen Ur-
sprungs ist (ob als Original oder als genaue
Kopie, ist noch festzustellen). Dieses für die
Kunstgeschichte wichtige Werk, bis jetzt nur
in Feas Übers, d. Kunstgesch. Winckelmanns 1
tav. 18 publiciert, giebt nach einer Photogr.
Kolossalstatue der Villa Albani.
beistehende Fig. 5. Feas Erklärung derselben
als Sacerdote di Bacco 1 p. 434 hat später der
Deutung auf Dionysos selbst Platz gemacht,
Beschreibung der Stadt Born 3, 2 p. 535; vgl.
E. Braun, liuinen u. Mus. Borns p. 683. Eine
sichere Benennung ist bei dem Mangel cha-
rakteristischer Attribute (beide Unterarme er-
gänzt) nicht zu wagen, doch läfst sich wenig-
stens so viel sagen , dafs diese Gestalt mit
1103 Dionysos (bärtig; arch. Skulptur)
Dionysos (bärtig; 1. Blütezeit) 1104
ihrem lang auf den Rücken und in je 4 Locken
tief auf die Brust herabfallenden Haupthaar,
den vollen Körperformen, der Doppelgewan-
dung, dem offenbar beabsichtigten freundlichen
Gesichtsausdruck aufs beste zu der Vorstel-
lungstimmt, welche man auf Grund der Vasen-
bilder und anderweitiger Überlieferung sich
von einer archaischen Dionysosstatue bildet.
Dafs sich im Haar kein Epheukranz, sondern
eine Binde befindet, entspricht dem Brauch
der alten Skulptur; auch haben wir oben selbst
auf Vasenbildern statt des regelmäfsigen Epheu-
kranzes bisweilen die einfache Binde angetrof-
fen (z. B. Münch. 157. Mon. d. Inst. 5, 35).
Keine gröfsere Sicherheit bietet die Benennung
einer Statue des Pal. Doria ( Matz-Dulm 1
n. 317), welche in Haarbildung, Doppelgewan-
dung und Stellung der albanischen Statue
nahe steht. Die beiden Marmor köpfe von
Delos (Bull, de c. h. 5 pl. 10), welche über
der Stirn in drei Reihen frisierte Schnecken-
locken, eine schmale runde Haarbinde, langen
und breiten Bart, volle Wangen und milden
Gesichtsausdruck zeigen (archaischer Typus,
aber archaisierende Ausführung), würden durch
den Fundort als bakchisch bezeugt gelten kön-
nen, wenn die Kombinationen IIomolles( a. a. 0.
p. 507 u. 509) das Richtige treffen. Über die
in der 1. Hälfte des 5. Jahrh. geschaffenen
Dionysosbilder des Dionysios von Argos
(Paus. 5,26, 3) und des Myron (nach Paus. 9,
30, 1 das zweitbedeutendste Werk des Meisters)
fehlen genauere Nachrichten. Ein trefflicher
Münztypus von Naxos Sic. (fällt zwischen
479 u. 431) lehrt, in welcher Weise der Kopf
des Dionysos von der reifarchaischen Kirnst
aufgefafst wurde; s. Ab
bildg. 6 nach Friedlän-
der-Sallet t. 6 n. 57 1 ;
vgl. P. Gardner 2, 22.
Den Beschlufs mag
ein auf Münzen von
Mende in der 2. Hälfte
des 5. Jahrh. erschei-
nender und später häu-
fig wiederkehrender Ty-
pus machen , welcher
den Gott auf einem
Maultier gelagert dar-
stellt (Müller- Wieseler
31, 349. Catal. of gr. c. Macedonia p. 81 n. 4;
p. 83 n. 10. Annuaire de la soe. de numism.
3, 1, 40, überall mit Kantharos, Imhoof- Blumer,
monn. gr. p. 83 u. 87 mit dem altertümlicheren
Rhyton). Man schwankt in der Erklärung die-
ser Figur zwischen Dionysos und Silen. Die
Musterung der Reihe im Katal. des brit. Mu-
seums scheint mir die Deutung auf den Gott
zu sichern: in n. 5 u. 6 steht ein deutlich
satyresk gebildeter nackter Silen neben einem
Esel. Ganz anders in n. 4 die auf dem Maul-
tier gelagerte Gestalt, welche in ihrer behag-
lichen aber würdevollen Ruhe, in dem langen
Haupt- und Barthaar, dem durchaus idealen
Ausdruck des Kopfes, dem um den Unterleib
geschlagenen Himation ein Wesen höheren
Ranges bekundet und an den in der altertüm-
lichen Kunst beliebten Darstellungen des ge-
lagerten Dionysos (vgl. oben p. 1094) ihr Ana
logon findet.
1. Blütezeit. Von den beiden Koryphäen
derselben, Pheidias u. Polyklet, sind uns keine
Darstellungen desDionysos überliefert (über e. ge-
mutmafsten Dionysos unter den Parthenonskulp-
turen vgl. jugendl. Dionysos p. 1126f.). Kolo-
tes hatte an seinem Tisch zu Olympia auf der
einen Nebenseite Dionysos mit Pluton und
io Persephone dargestellt (Paus. 5 , 20, 3) , eine
Statue des Dionysos von demselben Künstler
entnimmt aus Eust. z. II. 2, 603 Brunn , G. d.
gr. Zf. 1, 242. Praxias (Kalamis’ Schüler)
und Androsthenes schmückten den West-
giebel des Delphischen Tempels mit Dionysos
und den Thyiaden, Paus. 10, 19, 3; vgl. Wel-
cher, a. D. 1, 151 u. 2, 111. In allen diesen
Beispielen läfst sich die bärtige Bildung des
Gottes wenigstens voraussetzen. Wenn aber
20 nach Welckers auf Eurip. Ion 187 ff. gestützter
V ermutung (a. a. 0.) die beiden letztgenannten
Künstler in einer Metope des Delph. Tempels
Dionysos einen Giganten tötend bildeten (Hey-
demann, Winckelmannsprogr. 1881 p. 18 ver-
gleicht zu Eur. a. a. 0. Luynes, Descr. 19, 20.
Gerhard, Trinksch. A. B), so werden wir in Über-
einstimmung mit sämtlichen Vasenbildern bis
zum schönen Stil herab diesen Gigantenbezwin-
ger nur als den bärtigen Gott auffassen dür-
30 fen. Und mit genügender Sicherheit läfst sich
dieser Typus auch von dem chryselephantinen
Dionysos des Alkamenes, der Kultstatue
des athenischen Heiligtums beim Theater, an-
nehmen (Paus. 1, 20, 2), deren Nachbildungen
Beule, monn. d' Athenes p. 262 in athen. Te-
tradrachmen und Erzmünzen erkannt hat. Die-
selben sind offenbar von einem statuarischen
Typus abhängig (Darstellung von verschiede-
nen Seiten in stets gleichbleibender Anordnung),
40 und das Original ist schwerlich anderswo zu
suchen als in jenem kostbaren, die hervor-
ragendste Stätte des athenischen Dionysoskults
schmückenden Werk des Alkamenes. Die Mün-
zen zeigen den Gott auf einem Thron mit
hoher Rückenlehne würdevoll dasitzend, in der
erhobenen Rechten den Thyrsos, in der vor-
gestreckten Linken den Kantharos. Das Ge-
wand, nur ein Himation, liegt in den für De-
tails zuverlässigeren Erzmünzen auf der lin
50 ken Schulter und an dem Unterkörper; vergl.
den olymp. Zeus des Pheidias. Bei Beule p. 261
(Overbeck, Plastik 1 p. 274) und Gombe, num.
mus. brit. 7, 8 (schlecht wiederholt b. Müller-
Wieseler 2 n. 348) ist der Bart ziemlich kurz
und das Haupthaar im Nacken aufgebunden,
wohl nur eine Ungenauigkeit infolge schlech-
ter Erhaltung. Ein mir in Abdruck vorliegen-
des Exemplar zeigt langen Bart und um das
Haupt einen kräftig vorspringenden Reif (vgl.
60 Millingenp. d. v. Coghill 31) oder Kranz. Eben-
falls von Gold und Elfenbein gearbeitet war
die Tempelstatue in dem wegen seiner alter-
tümlichen Dionysosbilder schon oben (p. 1093)
erwähnten Heiligtum zu Sikyon, Paus. 2,
7, 6. Zu beiden Seiten des Gottes befanden
sich Marmorstatuen von Bakchen, ein Hinweis
darauf, dafs in dem chryselephantinen Kult-
bilde der Gott orgiastisch gedacht war, ent-
«1
roll
ki
%
täj
Ger
1105 Dionysos (bärtig ; 1. Blütezeit)
sprechend dem ebendaselbst befindlichen alten
Schnitzbilde des A. Bkv.%uos. Der Goldelfen-
beintechnik gemäl's wird die Statue nicht spä-
ter als Ende des 5. Jahrh. anzusetzen sein.
Auf Münzen, welche um den peloponn. Krieg
und bald nachher geschlagen worden sind,
läfst sich der bärtige Kopf des Dionysos mehr-
fach nachweisen. Münzen v. Th asos ( Gard-
ner 7, 8) zeigen ihn mit dem Ausdruck gött-
licher Hoheit und zeusartig , Münzen von io
Naxos Sicil. ( Gardner 2, 22. F riedländer -Sol-
let 6, 571) in einem etwas vorgeschrittenen
Typus. Das Haupthaar ist hier überall in
kleine Ringellöckchen aufgelöst; um den Kopf
liegt ein breites mit einer Epheuranke ver-
ziertes Diadem. Der geistige Inhalt tritt hin-
ter der formalen Schönheit des Kopfes zurück
(jedenfalls aus der letzten Zeit der Stadt,
zerstört 403 v. Ohr.). Theben, welches auf
älteren Münzen sich mit Dionysischen Attri- 20
buten begnügte, zeigt jetzt den Kopf des Got-
tes in einer interessanten Reihe von Typen,
( Fatal . d. brit. Mus. Central Greece t. 13 Fig.
5—9, zwischen 426 u. 395 angesetzt), welche
einen Fortschritt vom strengeren Stil zur edel-
sten Auffassung vorführen (n. 9 mit mildem,
sinnendem Ausdruck); vgl. auch die Elektron-
münzen Thebens aus dem Anfang des 4. Jahr-
hunderts a. a. 0. Taf. 14, 1 u. 2. Den schönen
Köpfen dieser Reihe ist gemeinsam das lockere 30
Haar, welches mäfsig tief auf Nacken und
Hals fällt und der kurze, die Kinnbildung
nicht verdeckende Bart (die kräftigere Haar-
f ri Ile und überhaupt materiellere Auffassung
des Kopfes bei Gardner 7, 24 erklärt sich
wohl aus der gewählten Vorderansicht). Der
Doppelkopf auf Münzen v. Tenedos ( Gard-
ner 10, 43) wird von Gardner p. 175 im
Anschlufs an Leuormant für einen zweige-
staltigen oder androgynen Dionysos erklärt. 40
Meine Bedenken gegen den oft behaupteten
Androgynismus des Dionysos finden unten
(p. 1110 f.) Ausdruck; bei den tenedischen Dop-
pelköpfen ist der jugendliche durch das Ohr-
gehänge doch entschieden als weiblich ge-
kennzeichnet, also Ariadne. Auf Münzen v.
Aigai ( Mionn ., D. 3, 2. 4. Cli. Lenormant, n.
(fall. myth. pl. 33, 10) hat der Kopf des Gottes
bei mächtiger Haarfülle einen sehr freund-
lichen Ausdruck. 50
Welchen Einflufs die Malerei während
der 1. Blütezeit auf die Entwickelung des Dio-
nysosideals ausgeübt hat, läfst sich nur indi-
rekt aus den Vasenbildern abnehmen. Der
einzige der älteren Maler, von welchem Dio-
nysosbilder erwähnt werden, ist Parrhasios;
vgl. Brunn 2 p. 100 über seinen Liber pater,
mit dem vielleicht ein zu Korinth mit dem
Preise gekröntes Bild identisch ist. Die Notiz
des Theaitet über letzteres bei Suid. s. v. 60
ovdiv TtQog Aiovvcov könnte die Mutmafsung
einer Neuerung, welche Parrhasios in der Dar-
stellung des Gottes wagte, veranlassen, und
in der That werden uns bei den Vasen des
schönen Stils alsbald eine Reihe von neuen
Zügen im Bilde des Gottes begegnen. Dafs
ein Charakteristikum dieser Vasen in der
Vorführung des Dionysos als einer schönen
Dionysos (bärtig; 1. Blütezeit) 1106
Jünglingsgestalt bestehe, hat 0. Jalin, Ein-
leit. zum manch. Vasenlcat. p. 190f. ausge-
sprochen, aber p. 205 wieder eingeschränkt,
und mit Recht; denn der bärtige Gott ist auf
diesen Vasenbildern noch sehr häufig darge-
stellt und läfst sich bis in den flüchtigen Stil
hinab verfolgen.
Im allgemeinen hält sich der Typus des
Gottes in den von früher überkommenen For-
men; vgl. Millingen, peint. d. v. pl. 19. El.
cer. 1, 46 A (— Münch. 780). Münch. 793. Pa-
nofka, Dion. u. d. Thyiaden 3, 12 etc.
Unter den benutzten Sagenstoffen erfreuen
sich der alten Beliebtheit die Gigantomachie
und die Zu rück füll rung Hephaists. Er-
stere ist durch zwei hervorragende Vasenbilder
vertreten, welche in der Zeichnung die Grenze
des strengen und schönen Stils, in der Situa-
tion dagegen eine neue Auffassung zeigen,
nicht mehr den kämpfenden Gott, sondern ein
Vorstadium, die Rüstung zum Kampfe. Auf
der lebensvollen Vase v. Milo ( Fröhner , mus.
de Fr. 81 ist der Gott eben im Begriff den
Panzer über dem langen Chiton zu schliefsen,
während ein Satyr den Helm bereit hält ; in
der Petersburger Vase ( C.-B . für 1867 t. 4) er-
scheint Dionysos in kurzem Chiton, Panzer
und Stiefeln, die erhobene Linke auf den Thyr-
sos gestützt, die Rechte in die Seite gestemmt,
jeder Zoll ein Krieger. Bakchantinnen halten
seine Waffen (Schwert, Schild, Helm). Dafs
diese beiden Bilder nur auf den Giganten-
kampf zu beziehen sind , begründet Stephani
a. a. 0. p. 186. Auf die zahlreichen Darstel-
lungen der Zurückführung Hephaists kommen
wir unten mehrfach zurück.
Unter den Attributen ist jetzt die Ranke
durch den Thyrsos so gut wie vollständig
verdrängt (Münch, n. 1181, Dionysos mit Ranke,
Mainade mit Thyrsos, soll nach 0. Jahn dem
schönen Stil angehören). Der Schaft, in wel-
chem man nach der schriftlichen Überlieferung
(Eurip. u. Plato ) den Narthex annehmen mufs,
ist meist nicht genügend charakterisiert, am
treuesten etwa Millingen pl. 19 mit stehen-
gelassenen Blattstielen und Daremberg- Saglio 1
Fig. 712; vgl. auch Mon. gr. 1879 pl. 3. Ein
eigentümlich gewundener Schaft Mon. cl. Inst.
11, 27. Gerhard, etr. Spiegel 1, 102. — Dierbach,
Flora mythol. p. 677 ist ungenügend. Lenz,
Botanik der Griechen u. Börner p. 563 zählt
drei Arten von Narthex auf. Den oberen Ab-
schlufs bildet ein Ej:>heubüschel. [Der dol-
denförmige Blütenstand der ferula als natür-
liche Spitze des Thyrsos ist noch unbekannt
und erst auf späteren Vasen wie Müller-Wie-
seler 1 n. 11. 2 n. 442 dargestellt. Ebenso un-
bekannt ist auch noch der Pinienzapfen auf
dem Thyrsos, dessen frühestes Beispiel die Pla-
stik im Beiwerk des farnesischen Stiers (das
Lysikratesdenkmal giebt keine Sicherheit), die
Vasenmalerei in der Hand des jugendlichen
Gottes auf einem apul. Vasenbild ( Gerhard ctp.
V. 15) liefert, während ältere Vasen wohl stets
den Epheubüschel meinen. Eine meines Wissens
nur auf süditalischen Vasen erscheinende Thyr-
sosform ( Gerhard , Ap. V. 1. Millin, peint. d.
v. 2, 16) wird man , da ihre Blattstengel zum
1107 Dionysos (bärtig; 1. Blütezeit)
Aufhängen eines Tympanon kräftig genug sind
{Müller- Wieseler 2 n. 543), schwerlich mit Ger-
hard als „Kornähre“ fassen dürfen , eher als
eine Rohrpflanze des Südens.] Jetzt zuerst
erscheint auch dieNebris unter den Gewand-
stücken des Gottes, z. B. Müller- Wieseler 2
n. 196, eine relativ späte Übertragung von
den Mainaden auf den Gott selbst. Während
auf den älteren Vasenbildern neben dem Epheu-
kranz nur vereinzelt die Binde als einfaches
und schmales Haarband erschien, tritt jetzt
eine anspruchsvollere breite Binde sehr
häufig zu dem Epheukranz oder an seine Stelle
und zwar meist in der für Dionysos, besonders
den jugendlichen, charakteristisch gewordenen
Verwendung als Stirnbinde ( A . Z. 31, 14.
Müll er- Wieseler 2, 603, C. 11. für 1861 Taf. 4),
oft mit tief herabhängenden Zipfeln ( Mülin
g. m. 83, 336. Müller - Wieseler 2 n. 136
etc.), in auffallendster Weise Millin , peint.
d. v. 1, 30; ein vereinzeltes Beispiel dieser
Art giebt bereits das grofsartige Vasenbild
aus der letzten Periode des strengen Stils
Gerhard, etr. u. carnpan. Vas. 6, 7. Da die
Stirnbinde als palästrische Tracht üblich
war (Diadumenos Farnese, Müller- Wieseler 1
n. 136; attischer Ephe-benkopf , Mon. d. Inst.
9, 36), so wird man in ihrem Auftreten bei
Dionysos noch keine weibische Tendenz, son-
dern ein natürliches Mittel erblicken dürfen,
um das volle Haar an dem Herabgleiten auf
das Gesicht zu hindern. Anders freilich Fälle
wie Millin p. d. v. 1,30, wo die befranste
Binde durchaus als Kopfputz wirkt und an
den ^gnoofiR gag Buh%o g ( Sopli . Oed. R. 209)
erinnert (eine ähnliche Binde von auffallender
Länge tragen übrigens auch Männer beim Ge-
lage, Mon. d. Inst. 3, 12). Und hiermit kom-
men wir zu einer anderen, noch auffallenderen
Neuerung im Typus des Gottes auf Vasen seit
dem 4. Jahrh. , jenem ärmellosen, mit reicher
Stickerei verzierten kurzen Rock*) nebst
Gürtel, welchen Dionysos über dem langen
ion. oder dor. Chiton trägt in Beispielen wie
Müller- Wieseler 2, n. 196 und den jüngeren.
C. R. für 1861, t. 4 (= Conse, Heroen- und
Göttergest. 60). A. Z. 31, 14. Gas. arch. 1879
pl. 5 = nebenstehende Abbildung Fig. 7).
In dem ersten und letzten Beispiel trägt
Dionysos über diesem gestickten ^trwWexos
noch die Nebris , in Figur 7 zudem auf dem
linken Arm noch eine Chlamys. An dieser
komplizierten Gewandung sind das auffallendste
der Chitoniskos und die Binde. Beide haben
einen fremdländischen Charakter und werden
uns beim jugendlichen Dionysos, in dessen
Typus sie eine viel gröfsere Rolle spielen,
wiederbegegnen. Der Chitoniskos, am reich-
sten verziert in der Petersburger Vase Compte-
Rendu a. a. 0. (vgl. auch Mon. delV Inst. 10,
51 , wo er unmittelbar auf den Leib gezo-
*) Statt dieses Rocks ein nur bis zu den Hüften
reichendes Wams b. Müller- Wieseler 2, 603 und dazu
eine befranste Prachtbinde ib. n. 616 (Priester des Dio-
nysos?). Vielleicht ist auch im pompejan. Gemälde ib.
n. 613 dies Wams, und nicht ein Pauzer ( Quaranta ) ge-
meint. Dafs es kein spezifisches Kostüm des Dionysos
war, beweist der Flötenspieler Mon. d. Inst. 5, 10.
Dionysos (bärtig; 1. Blütezeit) 1108
gen), gehört in die Kategorie jener Pracht-
gewäncler, welche fortan auf Vasenbildern
bei mehreren Göttern und Heroen erschei-
nen und von 0. Jahn, Einleitung p. 227
etwas zu spät erst aus der Zeit des Verfall-
stils datiert werden. Am frühesten scheint
von den Göttern Ihonysos mit ihnen ausgestat-
tet worden zu sein; doch ist ihre Verwendung
beim bärtigen Gott auf die Vasenbilder be-
schränkt geblieben und auch hier selten
Mg. 7.
Dionysos in absonderl. Tracht auf Vasenb. (S. 1107, 47).
nachweisbar. Aufgekommen sein mag dieser
orientalische Luxus bei den Dionysischen Pracht-
aufzügen ( Müller , Arch. § 336, 8), in die Kunst
hat er aber vermutlich erst durch Vermitte-
lung des Theaters Eingang gefunden. Unter
den oben genannten 4 Vasenbildern behandeln
zwei offenbar einen Bübnenstolf: 1 Hüller- Wiese-
ler 2 n. 196 die Zurückführung Hephaists, welche
Epicliarm in seinen Komasten dramatisch be-
arbeitet hatte (0. Müller, Dorier 2“ p. 247), das
attische Vasenbild Arch. Zeit. 31 T. 14 (Dio-
nysos einen Satyr mit der Lanze züchtigend)
vermutlich eine Situation aus irgend einem Sa-
tyrdrama. F. Lenormantb.Daremberg-Sagho 1
p. 628 b will den hier verwendeten kurzen Über-
rock als -rgonunog in Anspruch nehmen, wozu
hinreichender Grund fehlt. Denn Krokotos heifst
bald ein Himation (Rollux 4, 117. Suid.s.v.),
io
20
30
40
50
60
1 109 Dionysos (bärtig; 1. Blütezeit)
bald ein Chiton ( Schol . Thesmoph. 268), und
offenbar ein Chiton ist gemeint Thesmoph. 253,
wo Mnesilochos den Krokotos als erstes Gewand-
stück auf den Leib zieht. Da der Name kqo-
niozog von der Farbe hergenommen ist und die
verschiedensten Gewänder safranfarbig sein
konnten, so werden wir auf seine Nachweisung
verzichten müssen. Die gleiche Zurückhaltung
ist gegenüber der Bassara geboten, nach
Pollux 7, 60: Avdwv %izwv zig ... . Aiovvoia -
■sog nodriQrig, nach Etym. magn. p. 191, 5 thra-
kisch, nodr/Qgg und noinilog. Sicher ist die-
selbe als Tracht der Mainaden (vergl. oben
p. 1039 und F. G. Schoene, de person. in Eurip.
Baach, habitu scen. p. 23 u. 146) und schon
von Aischylos auf der Bühne verwendet (vgl.
seine „ Bassarides “ u. frg.&ih Bind). „ Baccho qui-
dem perspicue nusquam tribuitur “ sagt Schoene
a. a. 0. p. 23. Den Beinamen des Gottes Bassa-
reus von dem Gewände seiner Mainaden abzu-
leiten, wie der Schol. zu Hör. cartn. 1, 18, 11
thut, ist vollständig ausreichend, und da wir
von der Beschaffenheit der Bassara keine klare
Vorstellung haben, so wird die Annahme eines
mit der ßctaougct bekleideten Dionysos auch in
jenen sehr seltenen Beispielen, wo der Gott
auf Vasenbildern einen dem weiblichen Kostüm
entsprechenden Chiton trägt, zu vermeiden
sein und umsomehr, als das Prädikat noinilog
{Et. Magn.) auf ihn nicht zutrifft. Nicht zu
diesen Beispielen gehört das schöne Vasenbild
mit der Zurückführung Hephaists Millingen
pl. 6 {Mülin, g. m. 83, 336), wo Dionysos wie
der ihm folgende Hephaist auf dem blofsen
Leib einen kurzen gegürteten Chiton trägt,
aber im Gegensätze zu jenem von einem fein-
gefältelten Stoffe und mit einem Überschlag,
welche beiden Merkmale im Gewände der vor-
aufschreitenden Komodia wiederkehren. Hier
findet also wenigstens eine Annäherung an die
weibliche Tracht statt, und dafs darin eine
Eigentümlichkeit des bakchischen Bühnen-
kostüms überliefert ist, beweist die inschrift-
lich beglaubigte Anwesenheit der Komodia.
(Ich kann weder mit 0. Müller, Dorier 22, 348
hier einen Dionysos „im alten Feierkostüm“,
noch mit F. Lenormant bei Baremberg-Saglio
p. 627 den Typus des D. Brisaios anerken-
nen. Von letzterem wissen wir nichts wei-
ter, als dafs er bärtig dargestellt wurde,
Macrob. Sat. 1, 18, 9.) Für eine von weib-
licher Gewandung nicht mehr zu unterschei-
dende Bekleidung des Dionysos scheinen nur
drei Beispiele vorzuliegen, von welchen zwei
den Gott in gleicher Situation, im Lauf- oder
Tanzschritt auf eine folgende Mainade zurück-
blickend, vorführen: die Pariser Vase bei Da-
remberg-Saglio 1 Fig. 712, wo der Gott einen
feingefältelten, mit tiefem Überschlag verse-
henen ion. Chiton und darüber die Pardalis
und einen Gürtel trägt, die Mainade denselben
Chiton , nur etwas tiefer herabgelassen und
über ihm eine Nebris ohne Gürtel. Das
2. Beispiel giebt Millin, peint. d. v. 1, 30; der
Gott trägt hier nur einen langen dorischen
Chiton mit Überschlag und doppelter Giirtung
und über den linken Arm eine Chlamys. Da-
zu kommt noch El. cer. 1 , 47 (Dionysos im
Dionysos (bärtig; 1. Blütezeit) 1110
ion. Chiton mit Überschlag, darüber Himation).
In allen drei Fällen hat der Gott auch die
breite Zipfelbinde. Das 3. Beispiel ist wieder
eine Zurückführung Hephaists und damit wer-
den wir auch für dieses seltene Kostüm des
Dionysos auf den Brauch des Theaters hin-
gewiesen.
Nun hat aber, nach anderer {Welcher, Göt-
ter! 2, 616. Preller, gr. Myth. I3, 575f.) Vor-
gang, Fr. Lenormant b. Daremberg-Saglio s. v.
Bacchus p. 598ff., 616, 628 f. mit grofser Zuver-
sicht den Typus eines androgynen lydischen
Bassareus aufgestellt und für die „tiefgreifen-
den Modifikationen“, welche der bärtige grie-
chische Dionysos zur Zeit der grofsen Tragi-
ker durch denselben erfahren, unter anderem
das erste der eben besprochenen Vasenbilder
{Darcmb. Fig. 712) als Beleg beigebracht, wo-
bei als Bassara bald der lange Frauenchiton,
bald das darübergeworfene Tierfell gelten
mufs. Als Beleg gilt Lenormant ferner die
Vase Mon. d. Inst. 1, 50 A = Müller- Wieseler 2
n. 447, welche völlig asiatisch bekleidete Män-
ner und Frauen um einen ebenso kostümier-
ten, auf einem Dromedar sitzenden Mann mit
phrygischer Mütze und kurzem Scepter schwär-
mend und musicierend vorführt und eine Dar-
stellung der dem Bassareus als Eroberer Bak-
triens (vergl. das I>romedar) auf dem Tmolos
gefeierten Feste sein soll. Aber das Bild
giebt gar keine für den Dionysoskult charak-
teristischen Merkmale, vielmehr eine Darstel-
lung aus der menschlichen Sphäre, den fest-
lichen Aufzug irgend eines orientalischen
Würdenträgers (die Vase wohl aus dem Ende
des 4. Jahrh.). Beispiele eines androgynen
bärtigen Dionysos sieht Lenormant auch Mus.
P. CI. 5, 8 (vgl. das Folg.) und besonders in
einer Bronze des Mus. von Angers {Ch. Lenor-
mant, nouv. gall. myth. p 53). Aber die hier
angeblich auf dem Himation dargestellten drei
Reihen weiblicher Brüste sind nichts anderes
als ein troddelartiger Gewandschmuck (ein
Webemuster ähnlicher Form auf dem Gewand-
stoffe Bev. arch. n. S. 24 pl. 15), überdies ist
die Deutung des Figürchens als Dionysos nicht
sicher. Die beigebrachten Zeugnisse halten
nicht Stich und. die ganze Hypothese schwebt
in der Luft. Überliefert ist vom Dionysos
Bassareus nur, dafs er bärtig gebildet wurde,
Macrob. Sat. 1, 18, 9. — Früher als der lydische
Bassareus ist der phryg. Sabazios herange-
zogen worden, um ihn auf den Dionysostypus
einen verweichlichenden Einflufs ausüben zu
lassen, so besonders von Gerhard, der (Text
zu den a. D. p. 129 f., gr. M. § 438, 3c ; 446,
2 a; Etruslc. Spiegel 1, 70 A. 140) bis zur Auf-
stellung eines mannweiblichen sabazischen Dio-
nysos gelangt. Auch hier fehlt die positive
Grundlage. Die von Gerhard herbeigezogem n
Monumente stammen ans später römischer Zeit
und zeigen (soweit mir in Abbildung zugäng-
lich) nichts Androgynes, sondern den bärtigen
Gott höchstens mit breiter Kopfbinde und lan-
gem, gegürtetem Chiton. Der römische Sar-
kophag M. P. CI. 5, 8 {Millin, g. m. 63, 241)
liefert einen absonderlich ausgestatteten Dio-
nysos in gegürtetem Chiton (mit Überschlag'
io
20
30
40
50
60
1111 Dionysos (bärtig; 1. Blütezeit)
Dionysos (bärtig; 2. Blütezeit) 1112
wenn nicht richtiger mit übergezogenem Chi-
toniskos, oben p. 1107) und langen Ärmeln.
Letztere erscheinen zwar auch auf einem late-
ranischen Sarkophag (Bennd.- Schöne nr. 125
Taf. 22, 2), sind aber sonst ebenso wenig wie
das von der Linken gehaltene Tympanon für
den bärtigen Gott nachweisbar , denn die
beiden Eckfiguren auf dem Sarkophag Casali
(Maller- Wieseler 2 n. 432 a, nach Gerhard ein
„zweifaches Idol des Sabaz“) , sind mit Wie- io
seler entschieden für 2 Priester zu erklären,
und demnach liegt auf dem vatikanischen Sar-
kophag wohl nur eine Übertragung dieses
priesterlichen Habitus auf den Gott vor. Auf
keinen Fall können so späte Bildwerke für
eine vermeintliche Beeinflussung des Dionysos-
typus in griechischer Zeit etwas beweisen. Zu-
dem lassen Gerhard wie Lenormant aufser acht,
dafs der weichliche Charakter, welchen Dio-
nysos bei den Tragikern und besonders in der 20
späten Litteratur zeigt, mit dem Ideal des
bärtigen Gottes nichts zu thun hat, sondern
von der Vorstellung des jugendlichen Diony-
sos ausgeht, worüber der 2 Abschn. zu vergl.
Das wenige, was wir von der Darstellung des
Sabazios wissen, giebt der Theorie des Andro-
gynismus keinen Halt.
Nur zwei (durch Inschrift gesicherte) Dar-
stellungen des phrygischen Sabazios
sind uns überkommen: 1) ein Relief v. Koloe, 30
welches nach Wageners leider von keiner Ab-
bildung begleiteter Beschreibung ( Mem . cou-
ronn. et mein, des sav. etrang. der bclg. Acad.
Bd. 30 p. 8) den Gott auf einem von 2 Ros-
sen gezogenen Wagen mit den Attributen der
Schlange und des Adlers darstellt; 2) das Re-
lief v. Blau dos ( Conze , Heise auf den Inseln
d. thralc. M. T. 17, 7; vgl. p. 99 f.): S. als thro-
nender Jüngling in Chiton und Himation, im
Haar e. Binde, in den Händen Schale und lan- 40
zenartiges Scepter und neben ihm um einen
Baum geringelt seine Schlange. Für den grie-
chischen Dionysos geben beide Reliefs keinen
charakteristischen Zug, in der Schlange viel-
mehr ein Symbol, das neben der Gestalt des
Dionysos keine Rolle spielt (s. ob. p. 1095 u. 96).
Nun hat man in zwei Reliefs thrakischen
Ursprungs einen stierartig gebildeten Sabazios
erkennen wollen, was (wenn richtig) für den in
einzelnen griechischen Lokalkulten verehrten 50
„Stierbakchos“ (vgl. unten p. 1149) in Betracht
kommen würde. Diese Darstellungen liefern
3) ein Relief v. Paros, Müller -Wieseler 2
n. 814 (die Weihung eines Odrysers), in wel-
chem jedoch der Stier mit bärtigem Menschen-
kopf trotz Ileuzey ( Bev . arch. n. s. 11, 451)
nicht als irgendwie gesicherte Darstellung des
Sabazios gelten kann (Flufsgott nach Michaelis,
Annali 1863 p. 317), 4) das von dem genannten
Gelehrten entdeckte Felsrelief v. Philippi 60
( Mission de Maccd. pl. 3, 2), darstellend das
Brustbild eines langgelockten Jünglings mit
Nebris und Stierhörnchen unter einem Kopf-
tuch (Bäumet „Löwenfell“). Ileuzey erblickt
in diesem Bild den unter griech. Einflufs an-
thropomorphisierten, ursprünglich stiergestaL
tigen thrakischen Naturgott; vgl. auch Lenor-
mant, Bev. arch. n. s. S. 29, 380 ff. Aber das
Relief v. Philippi ist eine späte griechische
Arbeit und wenn bei der schlechten Erhaltung
doch ein gehörnter Dionysos anzuerkennen ist,
so würde sich derselbe schon aus dem seit
hellenistischer Zeit auftretenden allgemeinen
Kunstgeschmack (vgl. unten p. 1150) hinreichend
erklären lassen. Dafs die stierartige Bildung
des Sabazios später (wenigstens in Kleinasien)
nicht üblich war, zeigen oben Relief 1 und 2,
demnach bleibt zur Stützung derselben nur
Biodors Zhxßufciog -nigaziag (4, 4, 1 in Verbin-
dung mit 3, 64, 2) übrig. Beruht derselbe auf
guter, alter Überlieferung, so kann man auf
ihn die vereinzelten stierförmigen Bildungen
des griechischen Dionysos zurückführen. Je-
denfalls sind dieselben lokalisiert geblieben
und frühzeitig hinter den idealen Tendenzen
der griechischen Kunst zurückgetreten. Als
dann in späterer Zeit (5. Jahrh.) der Sabazioskult
in seiner spec. phrygischen Mysterienform noch
einmal in Griechenland Eingang fand, begeg-
nete ihm der bessere Teil der Bevölkerung durch-
aus ablehnend (Arist. Lysistr. 833 und sonst,
Apollophan. Kniiztg fr. 3 Meineke. Bemosth. de
cor. p. 313 Beiske); eine Beeinflussung des in
sich längst gefestigten Dionysoskults von die-
ser Seite ist also an sich unwahrscheinlich,
zudem läfst das inschriftlich häufige Z svg
Baßa&og den Versuch einer Gleichsetzung mit
dem Göttervater erkennen. Wir verlassen die
fremdländischen Göttergestalten mit dem nega-
tiven Resultat, dafs sie auf die Entwickelung
des bärtigen Dionysosideals keinen bemerk-
baren Einflufs ausgeübt haben. War der in
vorgeschichtlicher Zeit aus Thrakien importierte
Gott von Hause aus stiergestaltig gewesen, so
erscheint doch das archaische Dionysosbild in
rein griechischem Typus. Uralter Einflufs
Thrakiens erhält sich im bakch. Orgiasmus;
an ihm haftet eine Reihe von Symbolen und
Geräten (vgl. Voigt oben p. 1036), als deren
Träger zunächst der mythische Thiasos des
Gottes erscheint. Allmählich geht dann von
diesen Attributen das eine oder das andere
auf die Gestalt des Gottes selbst über (Par-
dalis, Tbyrsos, Nebris). Andererseits scheint
das unter dem Patronat des Dionysos erwach-
sene Bühnenwesen in gewissen Kostümformen
auf die Ausstattung des Gottes Einflufs ge-
habt zu haben, doch (ausgenommen etwa die
breite Hauptbinde mit langen Zipfeln) nur vor-
übergehend. Aber dies alles sind Äufserlich-
keiten, von denen die Gestalt des Gottes in
ihrem Wesen nicht berührt worden ist. Die
Weiterentwickelung des Dionysosideals wird
dies zur Genüge bestätigen.
2. Blütezeit. Dem Streben der jüngeren'
attischen Schule nach individueller Charak-
teristik und psychologischer Vertiefung mulste
die Gestalt des Dionysos ein ergiebiger Stoff
sein, vermöge der mannigfachen in seinem
Wesen liegenden Kontraste. Dem feurigen
Bdnxs 10g (in dem auch ein Zug mantischer
Verzückung liegt, Eurip. Bacch. 297; vergl.
Hcrod. 7, 111. Paus. 10,33, 11) steht der milde
Avaiog, der herzerfreuenden Kraft des Weines
eine Trübsinn und Ermattung bewirkende ge-
genüber; derselbe Gott, der sich den Menschen
int
lern
Ljsi
jede
drüc
Prai
leim
kick
'Sen
«rTf.
ki
wii
W
1113 Dionysos (bärtig; 2. Blütezeit)
Dionysos (bärtig; 2. Blütezeit) 1114
als ?y3uwrarog erweist, kann sich in einen {tsog
dsivoTccrog wandeln {Für. Bciccli. 860); einen
bedeutenden Gegensatz birgt das Patronat der
tragischen und zugleich der komischen Poesie ;
endlich hat Dionysos eine (im Bewufstsein der
Griechen nie ganz verdunkelte) allgemeinere
Bedeutung als Vegetationsgott, es konnte an
ihn also neben der Vorstellung des Spriefsens,
Blühens, Früchtezeitigens (wie bei allen Göt-
tern vegetativer Naturkraft) auch die Vorstel-
lung des Ersterbens und Vergehens, der Ge-
gensatz von Freude und Trauer geknüpft wer-
den (s. indes ob. S. 1040). So mochte jetzt in den
bildenden Künsten dem in voller Jugendschöne
gebildeten Frühlingsgott (vgl. den A. "Jv^ioe)
ein von der Vergänglichkeit des Erdenlebens
bewegter, ein leidender Gott entgegengesetzt
werden, und dafs dies in der That geschehen,
beweist vielleicht ein gleich zu besprechendes
Kunstwerk.
Zahlreiche Dionysosbilder von Künstlern
des 4. Jahrh. werden erwähnt, von den Bild-
hauern Kephisodot d. Ä., Eukleides, Eu-
phranor, Skopas, Praxiteles, Bryaxis,
Lysipp os , Thy mil os, Eu ty chides, von den
! Malern Aristides, Nikias, meist leider ohne
jede genauere Angabe. Zweimal wird aus-
Idrücklich das Dionysoskind genannt (Kephisod.,
Praxitel.) , einmal der Jüngling (Praxiteles),
keinmal der bärtige Gott. Der Schwerpunkt
liegt jetzt jedenfalls in der Ausgestaltung des
jugendlichen Ideals (vergl. Abschnitt II); doch
ist damit der bärtige Gott noch keineswegs in
den Hintergrund gedrängt, wie erhaltene Bild-
werke lehren. •
Von besonderem Interesse ist der Kopf auf
einer thebanischen Münze (s. Abbildg. 8,
nach Friedländer- Sollet Taf. 3, 183). Der ab-
wärts geneigte Blick*), der vergeistigte Aus-
Fig. 8.
Theban. Münze.
Münze v. Sybrita.
lruck einer in sich versunkenen Schwärmerei
veisen diesem schönen Kopfe eine wichtige
helle in der Entwickelung des Dionysostypus
;u. Auf einer Münze v. Sybrita bei Gard-
\ ler Tf. 9, 4 erscheint der Gott in ganzer Ge-
walt, auf einem Stuhl sitzend, mit Kantharos
md Thyrsos , Himation um den Unterkörper,
i eichlich auf den Nacken fallenden Locken.
charakteristisch ist die in beistehender Skizze
1 s. Figur 9) nicht recht zur Geltung kom-
aende Neigung des Hauptes, durch welche
in dem theban. Münzbilde verwandter Aus-
ruck sinnender Versunkenheit bewirkt wird.
>eshalb kann ich den Ausführungen Gardners
*) Im Text wird der „dem B. eigene, sinnend in die
erne gerichtete Blick“ betont; unser Text ist der Ab-
ldung gefolgt.
(p. 161) nicht beipflichten, dafs dieser Typus
für den Charakter des Gottes wenig sprechend
sei und die biofse Vertauschung der Attribute
mit Adler und Scepter eine angemessene Dar-
stellung des Zeus geben würde. Gerade das ge-
neigte Haupt unterscheidet diese Gestalt sehr-
fühlbar von der des Götter vaters. W enn Gardner
p. 162 ferner, auf die geringe Originalität kre-
tischer Münztypen verweisend, in der Münze
10 die Nachbildung eines athenischen Typus
(Dionysos des Alkamenes) möglich denkt, so
ist dagegen zu bemerken, dafs in der durch
die athenischen Münzen (oben p. 1104) überkom-
menen Haltung des Gottes noch mehr von der
Würde und Straffheit der älteren Kunst liegt,
hier dagegen ein gelöstes Wesen durch die
ganze Gestalt geht, welches eher den Geist der
jüngeren attischen Kunst wiederspiegelt. Hier
ist nun der Ort ein hervorragendes Kunstwerk
20 einzuordnen , die herkulan. Bronzebüste
in Neapel ( Bronzi d'Ercol. 1, 27, 28. Mus.
Borb. 1, 46. Müller -Wieseler 2, 342. Bau-
meister, Denlcm. d. Jcl. Alt. Fig. 482), welche
lange für einen Plato galt. Dafs es ein Dio-
nysos ist, darf mit grofser Wahrscheinlichkeit
behauptet werden (vgl. Arcli. Ztg. 1862 p. 229).
Die breite Stirnbinde, das über dem mächtigen
Nacken aufgenommene Haar, die hinter den
Ohren herabfallenden Ringellocken sind uns
so im Typus des bärtigen Dionysos bereits mehr-
fach begegnet. Ins Auge springt zudem der
Zusammenhang mit sicherenDionysosköpfen wie
oben Abbild. 6 S. 1103 (Münze v. Naxos) oder
Gardner T. 13, 30(M. v. Lampsakos). Friederichs,
Bausteine n. 438 hat den berkul. Kopf treffend
besprochen und sein Original (Kolossalstatue)
wegen der strengen Stilisierung des Haares
spätestens der Mitte des 4. Jahrh., wegen des
pathologischen Ausdrucks der Kunstrichtung des
40 Skopas und Praxiteles zugewiesen. Der Aus-
druck des Leidens ist nach Friederichs eine
Folge des Weingenusses; doch empfindet er
selbst die Unterstellung dieses „bedenklichen
Motivs“ bei einem so bedeutenden Kunstwerk
als mifslich. Wir haben oben der Möglichkeit,
den leidenden Dionysos in einem idealeren
Sinne aufzufassen, das Wort geredet (p. 1113).
Einen ähnlichen Kopf haben die Ausgrabun-
gen zu Delos ans Licht gebracht, den Ho-
so molle, Bull. d. c. h. 5 p. 509 gelegentlich er-
wähnt. Dem geneigten Haupt des Gottes
wurden aber noch andere Motive gegeben.
Liebevolle Herablassung und Fürsorge ist es
in dem Vasenbild Gerhard a. V. 1, 56, 2, wo
der Gott dem kleinen Komos den Kantharos
zum Trinken darreicht. In einem bestimmten
Kreise von Darstellungen ist die Kopfneigung
offenbar eine Folge des Weingenusses. So in
einem attischen Terracottarelief {Arcli.
co Ztg. 1875 Tf. 15, wiederh. Baumeister, Denlcm.
Fig. 481), das zwar noch ziemlich strenge Ele-
mente zeigt, aber doch wohl erst im 4. Jahrh.
gearbeitet sein dürfte. Der Gott sitzt, von
Wein und Schlaf übermannt, auf seinem Maul-
tier, während ein Satyr seinen Oberkörper
stützend umfafst hält, eine derb realistische
Auffassung, welche Bildner und Abnehmer des
Reliefs in den unteren Volksschichten suchen
1115 Dionysos (bärtig, kellenist.)
Dionysos (bärtig, bellenist.) 1116
läfst. Ferner gehört hierher eine Reihe vonV as en-
bildern mit der Zu-rückführung Hepli aists.
Auf den Vasen älteren Stils sehen wir sowohl
Dionysos wie den von ihm bezwungenen He-
phaist ihre göttliche Würde vollständig wahren,
und das geschieht auch noch auf mehreren
Vasen des schönen Stils (El. cer.l, 46, 46 A);
lebhaft bewegt aber würdig ist die Haltung
des Dionysos, während sich an Hephaist die
Wirkung des Weins schon olfenbart in dem
vorzüglichen Vasenbild ib. pl. 48; beide Göt-
ter wandeln angeheitert Arm in Arm (pl. 45 A)
und geradezu im Stadium der Weinschwere
folgt hinter dem voraufreitenden jugendlichen
Hephaist der bärtige Dionysos pl. 47. Er er-
scheint in stark verhüllendem Doppelge wände,
geneigten Hauptes, im schwankenden Gange
vorsorglich von einem bedeutend kleineren
Silen unterstützt. Man beachte, dafs dies das
früheste Beispiel jener später so oft für den
bärtigen wie den jugendlichen Dionysos verwen-
deten Komposition ist, welche Welcher, a. D. 4
p. 6 Gruppierung „nach hergebrachter
Etikette“ genannt hat. Die Vorführung
des trunkenen Gottes hat etwas Anstöfsiges,
wogegen das Gefühl der Alten sich auflehnte
(Theophr.\?\ bei Athen, p. 428c). Gemildert
wird die Thatsacke im vorliegenden Fall so-
wohl durch den gewählten Sagenstoff, jenes
sehr populäre Abenteuer mit Hephaist, als
durch die den Stoff benutzende Kunstgattung.
Mit einer Vase solchen Gegenstandes ein Speise-
gemach zu schmücken, war weniger anstöfsig,
als einen Jiövvaog olvcogsvos statuarisch dar-
zustellen. Die Komödie (Epicharms Komasten)
war in ihrer Ausgelassenheit vorangegangen,
erst nach ihr konnten die bildenden Künste
dergleichen wagen, am spätesten die monu-
mentalste derselben, die Plastik. Wenn also
bei Athenüus a. a. 0. Bildhauer, Maler und
Bühnendichter, welche Dionysos trunken dar-
gestellt , gemifsbilligt werden , so wird die
Reihenfolge der Künste historisch gerade die
umgekehrte gewesen sein. — Die normale Be-
kleidung des Gottes ist auch jetzt noch das
Doppelgewand. Die herkul. Büste hat den
Chiton, zu welchem bei der Vollfigur das Hi-
mation hinzugefügt zu denken ist, wie wir deu
Gott auch auf einem Vasenbild schon leicht
hingeworfener Zeichnung ( Heydemann , gr. V. 2
n. 2b) noch in Chiton und flimation sehen;
vergl. auch Müller- Wieseler 2, 625, wo trotz
des Lorbeerkranzes wohl nach Analogie der
Vase Arch. Ztg. 38 Tf. 16 ein Dionysos zu er-
kennen ist. Dafs indes das ideale Kostüm
(blofs Himat.) jetzt endlich auch in die Vasen-
malerei eindringt, zeigt eine Vase bei Gerhard
a. V. 1, 56, 2. — El. cer. 1, 45 A ist sowohl
Hephaist als Dionysos blofs mit einer Chlamys
bekleidet.
Hellenistisches Zeitalter. Der eben bespro-
chene Typus des d. olvcopsvog klingt an
in der Gruppe der zahlreichen sogen. Ika-
riosreliefs, welche 0. Jahn, archäol. Beitr.
p. 198 — 211 zusammengestellt hat (vgl. auch
Stephani im C.-li. f. 1869 p. 75 ff. und Friede-
richs , Baust, n. 780). Genaue Übereinstim-
mung und Häufigkeit der Repliken sprechen
für einen bestimmten und beliebten Vorwurf ;
dargestellt ist die Einkehr des Gottes bei
einem begnadeten Sterblichen (von jugendl.
und idealer Bildung, auf Kline gelagert, ein-
mal allein Anc. marh. 2,4, sonst mit einer
Frau; an der Kline gewöhnlich Theatermasken).
Die Überlieferung bietet die Namen Dion,
Oinos, Semachos , Ikarios. Am natürlichsten
knüpft die arckäolog. Erklärung, statt an ab-
10 gelegene Legenden, an den Besuch bei Ikarios
an, den in der Geschichte des Dionysoskultus
folgenschwersten. Denn aus der mimischen
Darstellung dieses Mythos im Gau Ikaria ist
nach Welchers wahrscheinlicher Vermutung
(Nachtr. zur Aesch. Tril. p. 222 ff.) die Tragödie
hervorgegangen und dazu stimmen gut die
Masken an der Kline. Der künstlerischen Kon-
zeption nach gehören die genannten Reliefs
offenbar (vgl. Schreiber , über alexandrinischen
20 Belief stil, Arch. Ztg. 1880 p. 154 f.) erst der
hellenistischen Epoche an. Allen Repliken ge-
meinsam ist gemäfs überkommener Typik die
einfache Kopfbinde, das im Nacken aufgenom-
mene Haar, die starke Verhüllung des Diony-
sos durch ein weites Himation, auch die grofse
Fülle des Bartes findet in strengfig. Vasen wie
oben Abbdg. p. 1097/8 Seitenstücke; als Novum
erscheinen dagegen die starke Beleibtheit und
damit zusammenhängend die bejahrte Erschei-
30 nung des Gottes, welche diese Reliefs fast zu
einem Beleg der nur durch Macrob. Sat. 1,
18, 9 überlieferten senilis species Liberi patris
machen ; • die Stützung des Gottes auf _ einen
Satyr bietet, wie das ältere Vasenbild El. cer.
1, 47 zeigte (p. 1115, 18), keine Originale Grup-
pierung, aber dieselbe ist durch den schuhlösen-
den Satyrknaben erweitert, und auch sonst sind
der Komposition Geschick und Leben nicht ab-
zusprechen (im Relief Mus. Camp. 29. 30, aus
40 zwei verschiedenen Darstellungen kontaminiert,
ist der 1 o rb e erbekränzte Kopf des Gottes wohl
modern. Der Krater von Pisa (Dütschhe nr. 132
Gerhard, a. B. Tf. 45), ein zusammengestoppel-
tes Machwerk , entlehnt sehr unpassend die
»achte
Mittelgruppe. Gegenüber den Vasen-Darstel- jri, [,
lungen der Zurückführung Hephaists zeigt der
Gott die Wirkung des Weingenusses in einem
geringeren Mafse, es ist eine leise Andeutung
unbeschadet der göttlichen Würde. Spurlos
50 dagegen ist letztere verschwunden in einem >.
(seiner Erfindung nach) ebenfalls in helleni-
stische Zeit zurückgehenden Relief in Nea-
pel (Müller- Wieseler 2, 548, etwas abweichend
Mus. r. de Napl. Cab. secr. 7), wo es den ver-
einten Anstrengungen zweier Satyrn kaum ge-
lingt eine ithyphallische , langbekleidete bär-
tige Figur (nach bisheriger Erklärung Dion.)
aufrecht zu erhalten. So tief auch diese ganze
Darstellung in den sittlichen Verfall des nie-
go dergehenden Hellenentums blicken läfst, so
fragt es sich doch, ob je Dionysos so bar
aller Göttlichkeit dargestellt worden ist, und
da in der späteren Kunst auch Silen in Dio-
nysosartiger Gewandung, idealem Gesickts-
typus und Dionysischer „Etikettenstellung“
(1115,23) erscheint (vgl. Dütschhe 2, 515 Dop-
pelgewand, Welcher, a. D. 4, 1. Müller-Wie-
seler 2, 601 u. 510. Sachen, Bronzen des Wie-
fcit v
fSrm Jj
Ir®! BO
Rt JJr
4/
«ogr.jei
fce]
1117 Dionysos (bärtig, heilenist.)
Dionysos (bärtig, heilenist.) 1118
ner Cab. Tal'. 27, 3), so möchte ich die Deu-
tung auf Silen vorziehen , der ja im drit-
ten der ebengenannten Reliefs in einer ganz
ähnlichen Situation dargestellt ist. Durch-
aus mafsvoll ist die Wirkung des Weines auf
den Gott in der Deckelgruppe einer prä-
nestin. Cista ( Mon . d. Inst. 6 u. 7 Tf. G4)
ausgedrückt, welche die technischen Forderun-
gen eines handlichen Griffs nicht ungeschickt
durch das Stützbedürfnis der Mittelfigur ver- io
deckt (ungünstiger Friederichs, Baust, n. 986).
Zu beachten ist, dafs der Gott hier nur mit
dem Himation bekleidet ist. Die Arbeit ist
etruskisch, aber wohl nach dem Vorbild eines
A. otvcogsvog der hellenistischen Kunst. Die-
ser in der That sehr vermenschlichenden Auf-
fassung des Gottes hält der sakrale Ty-
pus des bärtigen Dionysos das Gleichge-
wicht, zwar eingeschränkt durch den immer
häufiger auftretenden jugendlichen Gott, aber 20
auch im hellenistischen Zeitalter noch leben-
dig. So zeigen den feierlich mit Thyrsos und
Kantkaros dastehenden bärtigen Dionysos z. B.
Münzen von Nagidos (Combc , num. mus.
Brit. 10, 16. Gardner 13, 2), den alten Typus
n freier Formengebung bewahrend; auch eine
STeugründung wie Cassandrea benutzt ihn
[ür ihre Münzprägung (Imhoof- Blumer , monn.
p\ p. 68) , ebenso Antiochus IV ( Imhoof -
Bumer, choix 7, 219), das einzige Beispiel für 30
loppelgewandung auf Münzen [ungewifs bleibt
ieselbe auf einer autonom. M. Thebens in
lerlin, Prokesch- Osten, Inedita Tf. 2, 32]. Der
artige Kopf erscheint auf Erzmünzen von P e p a-
ethos (Cat. of gr. c. Thessal. a. Aet. p. 53 n. 1),
assope (ib. p. 99, 15), Lampsakos (Gard-
er 13, 30) etc. Und dafs in der That auch
ie hellenistische Zeit noch neue Kultbilder
es bärtigen Gottes hervorgebracht hat, be-
■ eist ein statuarischer Typus, von dem 2 Re- 40
iiken erhalten sind. Die eine bietet jene
tatue des Vatikan, welche wegen einer
urch spätere Laune auf dem Gewandsaum an-
sbrachten Inschrift lange als „Sardanapal“
ilt. (Unzureichend abgebild. b. Winckelmann,
on. ined. 163. M. P. CI. 2, 41. Müller-Wie-
ler 2, 347, ganz verfälscht Clar. 684, 1602).
ieses bedeutende Kunstwerk ist nach dem ver-
hlten Versuch Winckelmanns, die inschriftl.
mennung zu halten ( Werke 8, 307 f. Eisei.) 50
>n Visconti, M. P. CI. 2 p. 290 ff. mit schar-
m Blick als ein Bild des bärtigen Dionysos
kannt worden. Und wenn es noch eines
fseren Beweises zu Viscontis Gunsten be-
irfte, so läfst sich derselbe jetzt durch eine
1 Posilipp ausgegrabene Replik im Briti-
hen Museum erbringen, welche die In-
hrift der vatikanischen nicht kennt, dagegen
rch Epheubekränzung sich unzweifelhaft als
1 Dionysos darstellt. Wir geben hier (nach e. eo
otogr.) eine Abbildung dieser bisher unedier-
l Statue (Fig. 10). Die Inkongruenzen zwischen
iden Werken sind untergeordneter Art (bei
Epheukranz , bei 1 Binde , bei 2 vortreten-
bei 1 verdeckter linker Fufs, bei 2 in
lern Detail viel Leben, bei 1 wenig Model-
Irung, doch scheint die Statue (nach einer
ljotographie zu urteilen) stark überarbei-
Ü
tet: daher das Dominieren weniger Haupt-
linien , welche der Gewandung einen ein-
facheren und strengeren Charakter verleihen.
Bei 2 ist das Fleisch weicher, der Bart vol-
ler, der Gesichtsausdruck freundlicher [was
unsere Abbildg. nicht erkennen läfst, während
Fig. lü.
Kolossalstatue des Dionysos (Brit. Museum, unediert).
das Gesicht hier älter erscheint als im Origi-
nal], Im ganzen ist die Übereinstimmung bei-
der Statuen eine überraschende. Die Vatikan.
Replik wurde bei Frascati samt 4 Karyatiden
unter Umständen gefunden, welche ihre Ver-
wendung zu Kultzwecken sichern. Das Urteil,
welches sich durch den Luxus in Bekleidung
1119 Dionysos (bärtig; römisch)
und Haartracht an den Orient gemahnt sieht
(z. B. Wieseler im Text zu den Denkmälern, und
bis in neueste Zeit hat man den lydischen
Sandon herangezogen), steht noch unter dem
Banne der Inschrift. Betrachtet man die Sta-
tue voraussetzungslos in ihrer künstlerischen
Formensprache, so wird man den gutgriechi-
schen Typus nicht verkennen. Man vergl. die
Gestalt oben (p. 1198) mit ihrer starken
Verhüllung, ihren mächtigen Formen und 10
die Ikariosreliefs (p. 1115 f.). Gegenüberden
letzteren zeigen die beiden Statuen in dem
Streben, den Gott reicher Fruchtfülle in mäch-
tigen und vollen Formen darzustellen , ein
gröfseres Mafshalten, ihre Erfindung wird dem-
nach früher fallen. Der gehobene rechte Arm
ist auf einen hochgefafsten Thyrsos gestützt
zu denken, eine effektvolle Haltung im Ge-
schmack dieser Periode (vgl. den Dionysos bei
Combe, num. mus. Brit. 10, 16). Eine dritte 20
Replik dieses Typus bietet die schöne farne-
sische Büste Mus. Borb. 3, 39 (nur Haar-
binde). — F. Lenormant bei Daremberg-Saglio
1 , 629 bemerkt anläfslich der vatikanischen
Statue, dafs diesem Typus allein die Bezeich-
nung „indischer Bakchos“ zukomme. Der
sogenannte indische Bakchos, der in der Ar-
chäologie lange sein Unwesen getrieben hat,
entstammt dem verwirrten Bericht Diodors
über die verschiedenen Dionyse , welche er 30
in seiner Quelle (Dionysios Skytobrachion, vgl.
Sch-w arts , de Dion. Siegt, p. 42 ff'.) vorfand.
Als ältesten Dionysos stellt Diodor den indi-
schen voran, der nach Inder sitte einen
langen Bart trage (3, 63, 3). Derselbe ist ein
Welteroberer (63, 4). Aber auch der 3. Dio-
nysos, Semeles Sohn (64, 3), ist Welteroberer
und dehnt seine Siege bis nach Indien aus
(65 , 4). Beide hält Schwarts a. a. 0. p. 47
richtig auseinander. Ersterer ist eine schatten- 40
hafte Figur alexandriniseber Gelehrsamkeit,
die vom griecb, Meifsel nie dargestellt worden
ist; letzteren meinten die Hellenen, wenn sie
vom indischen Triumphator sprachen. Als Cha-
rakteristikum des indischen Triumphes nennt
nun Diodor 3, 65, 8 u. 4, 3, 1 die Verwendung
von Elefanten, und alle bildlichen Darstellun-
gen desselben oder der Siege im fernen Osten
zeigen uns (der vermeintliche bärtige Diony-
sos als Eroberer Baktriens ist ein Phantasma 50
vgl. oben p. 1110, 30) den jugendlichen Dio-
nysos, welchen man zudem als den indischen Sie-
ger ausdrücklich bezeugt findet bei Luk. Bacch.
2 ( ccyevHov angißcSg). Wir können demnach
den kunstarch. Terminus des „indischen Bak-
chos“ als gegenstandslos über Bord werfen.
Späthellenistisclies u röm Zeitalter. Die
beiden eben behandelten Statuen und die
Ikariosreliefs bezeichnen für die Entwicke-
lung des bärtigen Typus den Abschlufs. eo
Was aus der Folgezeit erhalten ist, bewegt
sich in mehr oder weniger geschickter Be-
nutzung der vorhandenen Typen. Im Gebiet
der dekorativen Kunst ist der bärtige Dio-
nysos allgemach aus der Mode gekommen.
Die Vasen des flüchtigen Stils zeigen das
Bild des Jünglings in zahllosen Beispielen, den
bärtigen Gott sehr selten (Körte, Arch. Zeitg.
Dionysos (bärtig; römisch) 1120
1884 p. 85 citiert einige Beispiele, vergl. auch
Heydemann, gr. Vas. Tf. 2, 2b). Die etrus-
kischen Spiegel kennen nur den jugend-
lichen „Fufluns“ (s. d. ; die einzige Ausnahme
Gerhard, etrusk. Spiegel Taf. 305 ist als Fäl-
schung verdächtig; vergl. Archäol. Ztg. 1884
p. 85 Anm. 6). Auf einer Cista von roher
etruskischer Gravierung Gerhard, alt. Abh. T. 58
erscheint der bärtige Gott unter seinem Thia-
sos der Etikette gemäfs (vgl. oben p. 1115), je-
doch nur im Himation ; der Kopf dekorativ an
einem Silbergefäfs bei Afneth, ant. Gold- und
Sübermon. Taf. S. lila. Die Wandgemälde
von Herkulanum u. Pompeji benutzen den
jugendlichen Typus des Dionysos in ungezähl-
ten Fällen, den bärtigen nur ausnahmsweise
(z. B. Helbig, Wandgem. n. 410 in rotem dop-
pelgegürtetem %ixö) v noörjQrjg mit Schale und
Thyrsos; M. Borb. 15, 45 als Statue in stark
verhüllendem Doppelgewand mit Thyrsos; Böt-
ticher, Baumkult. Fig. 24 ==_ Müller- Wieseler
2 , 613 als Kultstatue im Ärnielchiton und
kurzem Wams (Panzer?) mit Kantharos und
Lanze; vergl. auch die bärtige Herme M.
Borb. 7, 3). Anders steht es mit den nicht
so seltenen Fällen, wo in Verbindung mit
einem handelnd auftretenden jugendlichen Gott
eine bärtige Dionysosstatue erscheint, wie
Helbig , W andgemälde n. 402. Denn gerade
dieser Gegensatz beweist, dafs die dekora-
tive Kunst mit Bewufstsein das Bild ihre
Geschmacks dem durch den Kultus überliefer
ten gegenüberstellt. Dieselbe Erscheinung auf
Rel iefs, M. P. CI. 5, 8 = Millin g. m. 63, 241.
Benndorf- Schöne , Lateran. Mus. Taf. 22, 2
(vgl. ob. 1111). Gerhard a. B. Taf. 110, 1 u. 2
(mit Kalathos). Eroten neben bärtiger Dio-
nysosherme, Müller -Wieseler 2 n. 641. Kult
statue mit Thyrsos (nicht „Fackel“ Wieseler),
vor welcher ein Opfer dargebracht wird, Mül-
ler-Wieseler 2 n. 640 (geschn. Stein). [Arch
Zeitg. 1851 Taf. 35 ist das Gegenstück zum
jugendlichen Dionysos nicht der bärtige, son-
dern Priapos]. Lebend in die Komposition ein-
bezogen wird der bärtige Dionysos auf späte-
ren Reliefs selten: mit Ariadne auf Wagen
Müller- Wieseler 2, 422. = Brunn, Glypt. n. 100,
Combe, anc. terrae, nr. 14. Gerhard, a. B. 45
(Ikariosreliefs benutzt), einem Tanze zuschauenc
Müller- Wieseler 2,549 (Verbindung von freiem
und archaisierendem Stil) , Anc. marbl. 9 , 28
(archaisierend). Das archaistische Relief Clar.
132, 110 möchte man für einen Dionysos als
Horenführer nehmen , wenn nicht ein ver-
wandtes Relief, Gerhard, a. D. 13 Schwierig-
keiten machte.
Die Vorliebe des römischen Geschmacks
für die archaische Kunst hat uns endlich
einige archaisierende Statuen erhalten, in
denen mit mehr oder weniger Sicherheit ein
bärtiger Dionysos zu erkennen ist. So dev
sogen. Bakchospriester in München
(Clar. 696 A, 1641. Brunn, Glypt. n. 50. Frie-
der ichs , Bausteine n. 59, Kopf und Unterarme
modern). Das überladene Kostüm (ionisckei
Chiton, um den Unterleib geschlagenes Hi-
mation, Pardalis, Leibgurt und über beide
Unterarme geworfene Chlamys), läfst von den
|ilio dei
l.¥oi
F grob
de im]
f®, feri
p Seit
1 fieeid
M-ä
N Dionv
*pnich 1 j
jf&ertwi
p, St,
1121 Dionysos (bärtig; Hermen)
bekannten Gewandstücken des Gottes nur den
vorübergehend auftretenden Chitoniskos (Abb.
p. 1108) vermissen, das Vasenbild strengen Stils
Gerhard, a. V. 1, 77 bietet das nächste Vor-
bild. Zu dem an der Spitze zusammengeknüpf-
ten Nackenzopf vergl. man die Haartracht des
Dionysos auf der Framjoisvase ( Mon . d. Inst.
4 , 56). Gewifs ist der Gott selbst gemeint,
demnach die Ersetzung der restaurierten At-
itribute durch Thyrsos und Kantharos gebo-
ten. Unsicherer ist eine ebenfalls als Priester
ergänzte Statue der Villa Albani nr. 983
(ined.) , da hier bakchische Attribute fehlen.
Die nur mit dem Himation bekleidete Sta-
tue Hope ( Clar . 696 A. 1641 A. Michaelis, Deep-
dene nr. 36 „St. of Dionysos1') ist wohl ab-
zulehnen (Kopf aufgesetzt , Arme mit den At-
tributen ergänzt), denn für ein archaisierendes
Werk hätte wohl ein in Doppelgewand geklei-
deter Dionysos das Vorbild abgegeben, wäh-
rend das Idealkostüm erst seit Alkamenes und
auch dann nur ausnahmsweise statuarisch nach-
weisbar ist. Noch gröfseres Mifstrauen erweckt
der in freiem Stil gearbeitete Torso des Louvre,
(i Glar. 675, 1600 A.; für so starke Entblöfsung
nur Chlamys auf rechter Schulter und um
linken Unterarm) bietet nur ein Vasenbild
: etruskischen Stils ( Gerhard , Trinksch. Tf. 10)
ein Seitenstück. Griechische Vasen geben dem
li Hott die blofse Chlamys ausnahmsweise in be-
Iitimmter Situation (Gigantomachie , Zurückf.
lephaists). Zudem ist von der Vasentechnik
pur statuarischen Kunst ein weiter Schritt. Ist
■lso der mit Weinlaub bekränzte Kopf des
Pariser Torso wirklich zugehörig, so haben wir
s mit einer Anomalie zu thun. Einen bärti-
en Kopf des Dionysos in völlig freiem Stil
us römischer Zeit bietet Matz-Huhn n. 348.
[)er Gott hat im Haar einen Epheukranz,
ie Stirn zeigt Zweiteilung mit vorladendem
nteren Teil, wofür der Dionysos vom Posilipp
oben Abb. p. 1118) ein Analogon bietet.
Hermen des bärtigen Dionysos.
Vgl. oben p. 1092. Hier handelt es sich um
ie grofse Masse jener in allen Sammlungen
ertretenen Hermen, die ohne charakteristische
ttribute einen bärtigen Kopf darstellen, mit
inde und herabfallenden , meist archaisieren-
en, bisweilen aber auch völlig frei gearbei-
iten Seitenlocken. Die Formen sind füllig,
ie Gesichtszüge gewöhnlich verschwommen
eundlich; vgl. M. P. Gl. 6, 7. Mus. Chiar.
, 30 — 33. Visconti war geneigt solche Her-
en Dionysos zuzuteilen (M. P. CI. 3 p. 190,
p. 65 ff.), Zoega nahm sie für Hermes in
nspruch (De orig. . . . obelisc. p. 217). Zuletzt
it Gerhard dieses Thema behandelt; vergl.
yperb. Stud. 2, 197 — 283 und Über Hermen-
Ider auf gr. Vas. Al: ad. Abli. 2, 126 ff. Taf.
!— 57. Letztere Abhandlung hat, gerade in-
m sie neben Hermes die gleichen Ansprüche
lionysos zu wahren suchte, gezeigt, wie hier
'nächst Hermes in Betracht kommt, im
»rigen alles in einander verschwimmt. Nach
r schriftlichen Überlieferung waren Hermen
•Roscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythcl.
Dionysos (bärtig; Hermen) 1122
für alle Götter anwendbar, auch für weibliche,
Müller, Arch. § 345, 2. Diejenigen Hermen,
welche durch Attribute wie den Epheukranz
etc. sich als bakcliisch erweisen, stehen, wenn
der Kopf nicht satyresk (wie Overbeck, Pompeji
Fig. 288, 1) sondern ideal ist, natürlich aufser
Diskussion (Michaelis , anc. marb. in Gr. Br.
Cambridge nr. 105. Betworth nr. 20. Specf of
anc. Sculpt. 1, 39. Stephani, tit. graec. part. 5
io tob. 5. Combc, anc. terrae, nr. 75 mit shawlart.
Binde etc.). Aber die grofse Masse giebt in mehr
oder weniger archaisierender Weise den indif-
ferenten Typus eines bärtigen Gottes der älteren
Kunst. Zudem ist fast alles römische Dutzend-
arbeit für dekorative Zwecke (vgl. Overbeck,
Pomp. p. 491). Auch lehren die Vasenbilder
( Gerhard a. a. O.), dafs eine genauere Charak-
terisierung der bärtigen Hermen in der Regel
nicht für nötig gehalten wurde, und wenn ein-
20 mal ein bestimmendes Attribut hinzutritt, so
ist es der Caduceus oder Petasos, Gerhard Tf. 63,
1. 2. 64, 2. 65, 2. 63, 3. El.cer. 3, 78. Selbst
von Satyrn und Mainaden umgebene Hermen
( C.-B . für 1874 Taf. 2, 1 trägt ein Satyr die
Herme) liefern keinen sicheren Dionysos, denn
Gerhard 54, 6 u. 63, 2 ist das von bakchischen
Figuren verehrte Bild durch Caduceus als Her-
mes bestimmt. Von dem Anteil an den über-
kommenen phallischen Hermen ist Dionysos
30 vielleicht ganz auszuschliefsen , obwohl der
Phallos unter die alten Symbole des Gottes
gehört, Welcher, Götterl. 2, 600 f. und oben
p. 1093. Schon I Velcker hat bemerkt, dafs die
Sitte pliallischer Hermen für Dionysos sich
nicht verbreitet hat. Das von ihm gegen zwei
bei Müller, Archäol. § 383, 3 angeführte Bei-
spiele erhobene Bedenken ist berechtigt; nur
möchte ich bei Müller-Wieseler 2, 411 nicht
an den Dämon Phales, sondern wegen der Zu-
40 rückbiegung des Oberkörpers an Priapos denken.
Unter den erhaltenen Darstellungen ist mir
keine bekannt, die auf Dionysos gedeutet wer-
den müfste. [ Gerhard , ah. Abh. Taf. 67, 2 ist
nicht, wie der Herausgeber will, ein ithypli.
jugendlicher Dionysos mit Stierhörnem , son-
dern offenbar ein Hermes mit Petasos, dessen
Krämpen in der ungeschickten Zeichnung des
Vasenbildes hörnerähnlich abstehen.] Alsoläfst.
sich wohl sagen, dafs jene fraglichen Hermen,
50 wenn phalliscb, den Hermes darstellen sollen.
Wie weit die bei Dionysos seit dem 4. Jahrh.
aufkommende Stirnbinde (mit herabhängen-
den Zipfeln, oben p. 1107) bei Hermen als
Kennzeichen des Dionysos zu betrachten, wäre
noch zu untersuchen.
Doppelhermen: Beiderseits epheube-
kränzter Dionysos im Capit. Mus. n. 45; epheu-
bekränzter Dionysos und geflügelter Hermes
im Vatikan Braun , Kunstvorst. des ge fl. Dion.
60 Taf. 5; Dion. u. Ariadne Müller-Wieseler 2,
428. Pistolesi, Vatic. descr. 6, 104. Drei-
facher Hermenpfeiler, Müller-Wieseler 2,
341. = Matz-Duhn n. 294, nach Wieseler Dion.,
Demeter, Kore? (Dionysos ist durch die Wein-
rebe am Stamm und anscheinend ein Panther-
fell bestimmt). Vergl. auch Gerhard, ak. Ab-
handl. Taf. 31, 1 — 3 u. dazu Müller, Archäol.
§ 345, 2.
36
i
1123 Dionysos (als Kind)
II. Der jugendliche Dionysos.
A. Dionysos als Kind nnd Knabe.
Dionysos’ Geburt. Overbeck, Zeusp. 416ff.
zweifelt die Mehrzahl der herangezogenen Dar-
stellungen an. ZetishjV xlv.t ovcav in einem
Gemälde des athenischen Dionysostempels er-
wähnt Longus 4, 3 {Jahn, Beitr. p. 288); vgl.
Philostr.imag. 1,14. Die Wiedergeburt aus
Zeus’ Schenkel, schon auf einer sehr alter-
tümlichen Vase dargestellt (R. Bochette, peint.
de Pompei p. 73, 76 f.), ist später in allen Gat-
tungen dekorativer Kunst ein beliebter Stoff:
Müller, Arch. § 384, 2. I)e Witte in Nouv.
Annal . de Vinst. 1. Welcher, Götterl. 2, 580.
Wiesel er weist im Text der D. a. K. 2 n. 393
darauf hin, dafs man in manchen Darstellun-
gen zwischen Dionysos’ und Athenas Geburt
schwanken mufs. Ebenso konkurrieren auch
Dionysos und Erichthonios in Fällen wie Mül-
ler-Wieseler 1, 211 u. 2, 401, wenn hier nicht
. stets Erichthonios gemeint ist. Erste Schick-
sale des Neugeborenen: Ino als Nährmut-
ter {Apolloä. 3, 4, 3. 5) läfst sich in bildlichen
Darstellungen keineswegs sicher belegen, Mül-
ler- Wiesel er 2, 399. 401. Die münch. Gruppe
und das Relief der Villa Albani sind längst
in Wegfall gekommen; eine säugende Frau
mit Epheukranz hei Gerhard, akad. Abh. Taf.
80, 2 (gegen Gerhards Erklärung' vergl. Over-
beck, Dem. u. Kora p. 489) ist vielleicht Ino,
vielleicht eine Nymphe, vergl. Annali 1865
t. E. Hermes das Kind den Nymphen über-
bringend ist eine altbeliebte Darstellung. Die
Übergabe an Zeus behandelt M. P. CI. 4,
19 = Millin g. m. 53, 223. Am amykläischen
Thron war von Bathykles der (gewifs noch
bärtige) Hermes mit Dionysos auf dem Arm
dargestellt (nach Paus. 3, 18, 11 freilich sg
oiqavov cpegcov). Auf dem Markt von Sparta
ein Egg. Jiovvoov cpiqcov ncciSa Paus. 3, 11,
11, an den sich vielleicht späte laked. Mün-
zen anlehnen, Imhoof-Blumer m. gr. p. 173,
90. 91. Eigentümlich ist diesen Münzbildern
der eilige Laufschritt des Hermes, ein hüb-
scher an ältere Kunstweise (vgl. Arch. Zeitg.
34 Taf. 17) gemahnender Ausdruck des Boten-
eifers. Gleichfalls im Laufschritt trägt Her-
mes das Kind auf Reliefs, vgl. Müller-Wieseler
2, 392. 395 u. 396 (Krater des Salpion). [ Lenor -
mants Behauptung, dafs dieser Typus auf die
Gruppe des Praxiteles zurückgehe, hätte hei
Daremberg- Saglio in der Ausgabe von 1881
(p. 602) ebenso wenig stehen bleiben dürfen
wie die münch. „Ino-Leucothea“.] Den Mo-
ment der Übergabe an die Nymphen stellen
dar Stackelb erg, Gräber d. Hellenen 2 1 . Müller-
Wieseler 2, 397. 398. Salpion (n. 396) verwertet
dabei den laufenden Hermes. In der Gruppe
Kephisodots ( Plin . 34, 87) war Hermes
nicht mehr als diensteifriger Überbringer, son-
dern nach Plinius' Worten (in infantia nutriens)
in einer jener Situationen dargestellt, welche
die Pflege und Aufziehung des Dionysos
zum Gegenstand haben, ein Vorwurf, welchem
wir die anmutigsten Schöpfungen griechischer
Kunst verdanken. Unter den erhaltenen Dar-
Dionysos (als Kind) 1124
Stellungen steht voran das Originalwerk des
Praxiteles, ein ruhig dastehender Hermes,
auf dessen Arm das Dionysoskind in seinen
auffallend kleinen Verhältnissen freilich noch
stark zurücktritt Abgeb. Ausgr. v. Olympia 3 r5,
Taf. 6 — 9; 5, 7 — 10 etc. Die Litteratur bei
Overbeck, Plastik 23, 38. Unter den Vermu-
tungen über die Ergänzung ist diejenige am ,
ansprechendsten, dafs Hermes mit der Rechten
eine Traube in die Höhe hielt, zu welcher
das Kind mit Arm und Oberkörper empor-
strebt. Der Zusammenstellung der von Praxi- ,
teles abhängigen Monumente ( Benndorf , Vor-
legeblätter Ser. A , 12) ist jetzt hinzuzufügen
die Bronzestatuette von Marche-Alou-
arde (Rev. arch. 1884 pf 4; vgl. de Witte in
gaz. des b. arts 1880 p. 410). Der rechte Arm
des Hermes ist hier mehr gesenkt und sein
Attribut durch den in der Hand erhaltenen
Stengel als Traube gesichert, der Knabe in
gröfseren Verhältnissen gebildet, sonst grofse
Übereinstimmung mit der Komposition des
Praxiteles. (Andere Darstellungen des Hermes ;
mit Bakchoskind: vermutlich am Proscenium
des athenischen Theaters, Mon. d. Inst. 9, 16.
Münze von Philadelphia, Imlioof-Blumer, clioix J
5, 184. Hermes sitzend Millyi, g. m. 67, 228.
Imhoof-Blumer, choix 5, 166). Erschien in der
Gruppe des Praxiteles das genrehafte Motiv
noch mit einer gewissen Zurückhaltung, so
herrscht dasselbe uneingeschränkt in jenen
Gruppen, wo alle Aufmerksamkeit der Darge-
stellten auf das Kind konzentriert ist (nach-
praxitelische Motive). So zunächst die treff-
liche Gruppe des bärtigen Satyr mit dem
strampelnden Dionyskinde in den Ar-
men, deren mehrfache Repliken ein berühm-
tes Original verbürgen: die beste im Louvre,
Clar. 333, 1556 (s. beist. Abbild. 11), ferner in
München {Clar. 676, 1556 A), im Vatikan (fff ws.
Ciliar. 2, 12), Pal. Massimi {Clar. 333, 1556), ver-
wässert Coli. Pembr. {Clar. 724, 1680 B). Eine
hübsche Gruppe, Dionysos auf d. Arm des
Papposilen bei Schöne, griech. Bel. 37, 147.
Strenger gedacht ist Le Bas, voy. en Gr. mon.
, Fig. 27 {Schreiber, Bilderatlas Taf. 1, 5): Dio-
nysos auf der Schulter des Papposilen
reitend {Friederichs , Baust, n. 621). Das- tau
selbe Motiv in völlig genrehafter Auffassung
heiteren Spiels zeigt die Gruppe der Villa {'Itn
Albani, Clar. 704B , 1628B (jugendlicher iete
Satyr und Dionysos) und deren Neapler '} ;lE;
Replik ib. 1628A, Werke der Diadochenzeit, -r letz
vgl. Brunn, perg. Gigantomachie p. 17. Dem iUn,
Geschmack der späteren Zeit entsprechend -Hin
wird eine Fülle genrehafter Züge aus dem
Kindesleben des Gottes in Kunstwerken aller
Gattungen zum Ausdruck gebracht: in statuar.
Gruppe Clar. 673, 155 ( Matz-Duhn nr. 354),
eine Mainade beugt sich zu dem ihren linken
Arm umfassenden Dionysos herab. Eine als
Aphrodite und Eros ergänzte Replik in Dres-
den Clar. 640, 1452 {Matz-Duhn)-, vergl. auch
das Fragment des Palatin Matz-Buhn n. 355.
Vasenbild: Minervini, Bull. arch. Ital. 1862
t. 6. Pompej. Wandgem. : Mus. Borb. 10, 25
[Welcher , a. D. 4 p. 33). Münze v. Sardes
Streber, n. gr. reg. Bav. t. 4, 8. Reliefs: Sacken,
1125 Dionysos (als Kind)
Wiener Bronzen T. 27, 5. Schöne, gr. Bel. 37,
149. Müller- Wieseler 2, n. 41'4 (Satyr und Mai-
nade schwingen tanzend den in einem Korbe
liegenden Dionysos. Trotz der Fackel in der
Hand der Mainade ist gegenüber weitherge-
holten Erklärungen wohl mit Wieseler nichts
' als ein Spiel in dieser und ähnlichen Darstel-
lungen zu sehen). Das Münch. Sarkophagre-
lief Müller- Wieseler 2, 402 {Brunn Kat n. 116)
ttj -Satyr mit dem Dionysoskinde (Louvre, S. 1124, 39).
Bst aus 3 Scenen zusammengesetzt: in der
lütte Waschung des Kindes, rechts läfst ein
fcatyr dasselbe auf seinen Händen stehen, links
l eitet es auf dem vom Satyr geführtem Widder.
I >ie angenommenen mystischen Beziehungen
I er letzten Scene scheinen in dieser genrehaf-
Jen Umgebung trotz der Cista auf dem Kopf
( es Kindes bedenklich (vgl. auch Mus. Capit.
, 60. Friederichs, Baust, n. 785). Das Reiten
uf Tieren wiederholt sich sehr häufig: auf
■ iege, Müller- Wieseler 2, 403. Benndorf -Sei töne
t later, n. 293; auf Panther Müller- Wieseler 2,
05; auf Löwe ib. n. 414 (dodonäisches Lokal?).
1 »ionysos mit Silens Hilfe ein Zweigespann von
antherweibchen und Ziegenbock kutschierend :
mdüller- Wieseler 2, 518. Diese spielenden Züge
nden sich sogar auf Münzen , so auf einer
■ ergamenischen Marc Aurels Mionn. D. 2,
! 91. 576, wo ein junger Satyr sitzend einen
naben auf seinem rechten Fufs schaukelt,
ne vortreffliche Komposition, die gewifs dem
Dionysos (als Knabe) 1126
Balcchoskind gilt. Um seine Figur haben sich
diese Züge heiteren Kinderspiels entwickelt
und sind dann erst auf das satyreske Gebiet
ausgedehnt worden (wie bei Müller- Wieseler
2, 563). Darstellungen desBakchoskindes allein
auf Münzen scheinen mir zweifelhaft, Müller -
Wieseler 2, 415. 416. Imlioof-Blumer , rn. gr.
Tf. 9 n. 27. Statuen des kindlichen Dionysos
sind selten oder gar nicht überkommen: Clar.
678C, 1564 A (der aufgesetzte Kopf scheint
Matz n. 357 zugehörig); Clar. 678 A, 1567 ist
fraglich {Michaelis, anc. marbles Wilton H.
n. 112 „ Sleeping Eros'1) ; Clar. 694A, 1610B
{Michaelis C. Howard n. 9) scheint reines Genre.
Für reiferes Knabenalter finden sich
einige Statuen des Dionysos, doch ist bei Clar.
mehreres zu streichen (gesichert 674, 1561 u.
1562) vergl. das Relief 161 C, 149 A. Sacken,
Wiener Bronzen 25, 2. Bereits die Über-
gangsstufe zum Jüngling zeigen Sacken
a. a. 0. 26, 1 (Ausdruck träumerischer Ruhe),
die vorzügliche Bronze aus Herculanum Müller-
Wieseler 2, 353 {Clar. 684, 1601), eine Gruppe
in Sparta {Mittheil. 2, 333 n. 57) etc.
B. Dionysos als Jüngling.
Ältestes Beispiel der Überlieferung ist der
Dionysos des Kalamis zu Tanagra, eine
Tempelstatue aus par. Marmor, Baus. 9, 20. 4.
Auf einer tauagr. Erzmünze M. Aurels hat
Imhoof-Blumer, Wiener Num. Ztg. 9 p. 32 n. 111
eine Nachbildung der Statue erkannt, ihre
Jugendlichkeit E. Curtius, Archäol. Ztg. 1883
p. 225 hervorgehoben; vergl. oben p. 1089 f.).
Letztere bestätigen Dubletten des Cab. Allier
de Haut. Dumersan pl. 6, 7 und des Berliner
Münzkabinetts (ined.). Eine Münze des Anton.
Pius kommt hinzu {Cat. of gr. coins , Centr.
Gr. pl. 10, 15), wo (obwohl vom Herausgeber
nicht angemerkt) der Kopf ebenfalls bartlos
erscheint. Sämtliche Münzen sind von schlech-
ter Erhaltung, doch zeigen n. 2 — 4, dafs Dio-
nysos wohl nicht eine Chlamys {Curtius), son-
dern einen kurzen Chiton [in nr. 3 (Berlin)
scheint vom linken Arm auch noch eine Chla-
mys herabzuhängen] und sicher hohe Stiefel
trug. Die Statue war im Vorschreiten darge-
stellt (r. Standbein), im linken Arm den Thyr-
sos, in der vorgestreckten Rechten den Ka.n-
tharos. (Dafs der zu den Füfsen der Statue
befindliche Triton eine Komposition für sich
und die beiden Gebälkträger später hinzu-
gefügt sind, hat Curtius bemerkt.) — Ferner
hat man unter den dekorativen Skulpturen
des Parthenon den jugendlichen Gott nacli-
weisen wollen, so in dem „Theseus“ des Ost-
giebels, Michaelis, Parthenon p. 168 u. Beter-
sen, Kunst des Phidias p. 119 ff. Dagegen
spricht sich aus Brunn, Bildw. d. Barth, p. 4f.
Zu seinen Bedenken kommt noch das weitere
hinzu, dafs in Pheidias’ Zeitalter jener Gott,
dem vor allen das hüllende Gewand eigentüm-
lich ist, schwerlich schon in völliger Nackt-
heit dargestellt werden konnte. Dies Beden-
ken fällt zwar weg gegenüber dem in der
Götterversammlung des Frieses neben Her-
mes dargestellten Jüngling, nach Michaelis
a. a. 0. 254 u. Petersen ebenfalls einem Dio-
36*
io
20
30
40
50
60
1127 Dionysos (als Jüngling)
nysos. Doch ist auch hier die Deutung sehr
fraglich, und wenn überhaupt die Anwesen-
heit des Gottes in dieser Versammlung vor-
ausgesetzt werden mufs (was die Bedeutung
des attischen Dionysoskultes nahe legt) , so
wird man sich wohl nur für den mit Posei-
don gruppierten Jüngling entscheiden können,
zu dessen Gunsten Flasch, zum Parthenon-
fries p. 4 und 20 sehr ansprechende Gründe
vorbringt. Eine stärkere Verhüllung durch io
das Himation unterscheidet diese Gestalt von
den übrigen Götterjiinglingen der Versamm-
lung. Ganz problematisch bleibt der gemut-
mal'ste Dionysos im Fries des Theseion und
des Niketempels, Annali 13, 64. Gegenüber
solcher Unsicherheit haben um so gröfseres
Gewicht zwei Münztypen von Naxos
Sic., (zerstört 403). Der bärtige Dionysos
herrscht hier von den ältesten Zeiten bis zum
Untergang der Stadt (vgl. oben p. 1100, 1103 ?o
u. 1105), aber zu Ende des 5. Jahrh. tritt neben
demselben der jugendliche auf, vgl. Mionnet
S. 1, 409, 325. 326 {Clar. 1004, 2756), schöne
Epheu- resp. Weinlaubbekränzte, aber durchaus
noch affektlose Köpfe.
Erst die 2. Blütezeit der Kunst bietet
ein litterarisch verbürgtes Beispiel, es ist die
Erzstatue eines jugendl. Dionysos von
Praxiteles, beschrieben von Kallistr. st. 8,
nach der Aufstellung in einem aloog wohl ein 30
dekoratives Werk. In der Schilderung des Kal-
listratos ist zunächst der äufserliche Umstand
wichtig, dafs diese Statue mit der Nebris
(offenbar mit ihr allein) bekleidet war. Wir
haben oben bereits für den bärtigen Dionysos
einige Beispiele derselben aus dem 4. Jahrh. an-
geführt (s. d. Abbildung S. 1108f.). Dem Vor-
gang des Praxiteles wird es zuzuschreiben sein,
wenn dieses dem Gott selbst ursprünglich fremde
Attribut später bei zahlreichen Statuen und 40
Reliefs als einziges Gewandstück des jugend-
lichen Dionysos erscheint*). Dann betont Kal-
listr. die Verwandtschaft mit der Auffassung
des Dionysos in Euripides’ Bakchen ; aber eben-
sowenig wie der euripideische Gott bei nähe-
rer Prüfung sich als eine weibische Gestalt
erweist (vgl. unten p. 1138), ebensowenig sind
die Epitheta des Kallistr. KvO'rjQÖg, aßQÖtrjxog
ys/iav anders zu verstehen denn als Merkmale
einer edlen, aber vom Staub der Palästra unbe- 50
rührten Jünglingsfigur. Besonders wichtig ist
in dieser Hinsicht, dafs an der praxitelischen
Statue der feurig strahlende Blick {imvcmv
iSsiv) hervorgehoben wird; doch scheint der
ßuv.ytiog oIotQog sich auf den Blick beschränkt
zu haben, denn gleicherzeit rühmt Kallistr. die
lächelnde Miene ( ysXeozog ipxdsag), welche der
ekstatischen Begeisterung des Blicks das Ge-
gengewicht gehalten haben mufs (vergl. auch
p. 1141 Schema Ia). In der Ausprägung des 60
bakchischen Enthusiasmus dürfte Skopas, der
Schöpfer des kanonischen Mänadentypus, wei-
ter gegangen sein. Nach Plin. 36, 22 arbei-
*) Wie weit der soeben von Spratt , Academy 1885
n. ß81 p. 370 an gekündigte Torso aus d. Maiandros-
thal (mit Nebris und vor der Brust gehaltener Traube)
als „Kopie nach einem Praxitel. Muster“ betrachtet wer-
den darf, bleibt abzuwarten.
Dionysos (als Jüngling) 1128
tete er für Knidos einen Dionysos. Dafs der-
selbe jugendlich gebildet war, ist zwar nicht
direkt überliefert aber wenigstens zu vermu-
ten, da die knidischen Münzen nur den jugend-
lichen Typus zeigen (Köpfe Mionn. D. 3, 342,
nr. 233. 234. S. 6, 483, nr. 234, nr. 245—47,
ganze Figur Mionn. S. 6, 481, nr. 231. 234).
Zwar besafs Knidos auch von Bryaxis einen
Dionysos, doch darf man auf den gen. Münzen
(welche sämtlich der späteren Erzprägung an-
gehören) eher die Anlehnung an den berühm-
teren Künstler voraussetzen; dazu kommt, dafs
Fig. 12.
Dionysoskopf in Leiden.
die Münzen den Gott in langem, hoch gegür-
tetem Chiton mit Chlamys über dem linken
Arm darstellen (vgl. Sachen , St. Florian t. 4,
15), einem Typus, der an den wahrscheinlich
auf Skopas zurückgehenden Apollo Kitharödos
(vgl. oben p. 463) anklingt. (Dieses Kostüm
weiblich zu nennen ist bei dem einen Gott
nicht mehr gerechtfertigt wie bei dem ande-
ren.) Vielleicht giebt von der Art, wie Sko-
pas das Dionysosideal psychologisch fafste, der
vorzügliche Kopf in Leiden eine Anschau-
ung (s. beistehende Abbildg. nach Mon. dell
Inst. 2, 41 B). Über seine kunstgesch. Bedeutung
vgl. Overheck, Plast. 2, 40. Der Kopf wurde
um 1700 von einem holländischen Residenten
aus Smyrna nach Amsterdam geschickt. Am
Original fehlen Nase und Oberlippe , die Ab-
bildung nach einer Restauration Eberhards
(vgl. Annali 9 p. 151). Der Ausdruck dieses
mit Stirnbinde und Korymben geschmückten
Kopfes ist der einer freudigen, selbstbewussten
Kraft, das flammenartig (vgl. die thessaliscke
Münze Cat. of gr. c. p. 109, 85) über der Stirn
Ip a:
In de
llopf,
I die .'
La. 0.
jsfei ,
: jftt Leide
j per At
jpre §e
Wi,
jpHTSOJ
IN.
nach
p;
Maler
plend
1129 Dionysos (als Jüngling)
emporstrebende Haar giebt ihm einen erhöhten
Schwung, wir haben den ßaH%(iog oiazgog in
seiner vergeistigtesten Form vor Augen. Eine
ganz andere Auffassung des Gottes bietet ein
in den Caracallathermen gefundener
Kopf, Mon. d. Inst. 10, 20 u. Annali 1876 iav. C
1 (s, die Abbildg. 13), dessen Erfindung von Iiobert
|a. a. 0. p. 37 ff. mit guten Gründen der jüngeren
Fig. 13.
Kopf aus den Caracallathermen (London).
tischen Schule zugesprochen wird. Während
?r Leidener Kopf bakchischem Schwung und
luer Ausdruck giebt, erscheint hier eine
idere Seite der Natur des Gottes, jener nach-
snkliche Zug, welcher auch dem bärtigen
ionysos nicht fremd geblieben (ob. Abbild. 8
1113). Das schmalwangige Oval stimmt zu
m nach innen gekehrten Charakter des schö-
m Kopfes aufs beste. Erst die spätere Kunst
!it diesen Zug zu schwärmerischer, fast sen-
nentaler Versunkenheit gesteigert und die
(fallend vollen Formen des Gesichts , den
inlichen Ausdruck und die künstliche Haar-
!sur geschaffen. Von einer dritten Seite, als
jiterer und freundlicher (vgl. ysXcozog ignlsag
i ullistr.) Gott des Segens ist Dionysos dar-
jistellt auf Münzen v. Kydonia ( Gardner
19, 22), in deren Köpfen Gardner den Einflufs
• r Praxitelischen Schule erkennt. Auch hier
ult das Haar in weichen Locken kunstlos auf
' n Hals herab. So sehen wir das vielseitige
esen des Gottes (vgl. ob. p. 1112 f.) von den
hnstlern der 2. Blütezeit besonders für das
Dionysos (als Jüngling) 1 130
jugendliche Ideal in reicherWeise ausgebeutet.
Die Schöpfung desselben aber liegt schon in
einer früheren Epoche. Wie weit einzelne
Kultstätten an der verjüngenden Tendenz An-
teil gehabt, läfst sich (abgesehen von Eleusis,
wo Iakchos von Hause aus als Kind oder Knabe
gedacht wurde, aber seine Sonderstellung ge-
genüber dem allgemeingriechischen Dionysos
behielt,) nicht nachweisen. Doch darf man
vermuten, dafs der erste Anstofs zur Bildung
des Jünglingstypus von jenen Lokallegenden
ausgegangen ist, die von den Thaten des zu
jugendlicher Kraft herangewachsenen Gottes
erzählten, und so ist es wohl nicht zufällig,
dafs der älteste uns bekannte jugendliche Dio-
nysos mit der tanagräischen Priesterlegende
eines über Triton gewonnenen Sieges in Ver-
bindung steht. Wie an solchen Stätten, wel
chen ursprünglich die Vorstellung des bärtigen
Dionysos eigentümlich ist , allmählich die
jugendliche Auffassung eindringt, zeigt die
vom Kultus abhängige Münzprägung. Das
älteste Beispiel (Naxos, Sic.) wurde schon er-
wähnt. Weitere Beispiele bieten: Mende (vgl.
ob. p. 1103), welches seit der 3. Periode seiner
Prägung (400 — 346) auch den jugendlichen Gott
zeigt {Cat. of gr. C. Maced. p. 83 nr. 11);
Sybrita läfst auf den thronenden bärtigen
Dionysos (Abbildg. p. 1113) gegen Ende des
4. Jahrhdts. den jugendlichen auf dem Panther
reitenden folgen ( Gardner 9, 6), auf Münzen
von Peparethos tritt zunächst neben den
bärtigen Gott (vgl. ob. p. 1117) der jugendliche,
Cat. of gr. c. Thess. p. 53 nr. 4, in den beiden
letzten Jahrh. v. Ch. erscheint letzterer allein
(ibid. nr. 7 pl. 11, 15); in derselben Zeit prägt
den jugendlichen Kopf Thasos (Mionn. I). 1,
435 nr. 30—39. Cat. of gr. c. Thrak. p. 223
nr. 74) etc. Wenn man so die Münzprägung
erst allmählich dem neuen Bildungsprincip nach-
geben sieht, so wird das Vorherrschen dessel-
ben in der Gesamtkunst seit dem 4. Jahrh.
durch denEinflufs einzelner Kultstätten nicht ge-
nügend erklärt; eine allgemeine, mächtige Trieb-
feder mufs wirksam gewesen sein. Und zwar
war es diePoesie, welche die lokalen Sagen von
den Thaten des jugendlichen Gottes populari-
siert und damit den bildenden Künsten den Weg
bereitet hat. Die beiden Mythen von Lykur-
gos und Pentheus sind hier von mafsgebendem
Einflufs gewesen. Schon die Ilias erwähnt den
Lykurgosmythos (6, 135) und gedenkt dabei
des Dionysos als eines schreckhaften Knaben.
In der Lykurgie des Aischylos war der Knabe
Homers zum Jüngling herangewachsen und
zugleich in einer befremdlich weichlichen Aus-
stattung vorgeführt, welche mit der ihm an-
gedichteten Herkunft aus dem Orient zusaul-
menliing. Gewifs jugendlich trat Dionysos
auch in der Lykurgie des Polyphradmon auf.
Die Pentheussage soll schon Thespis verwen-
det haben, Aischylos that es sicher, ln den
Bakchen läfst Euripides Dionysos als körper-
lich zarten und doch unheimlich gewaltigen
Götterjüngling aus Asien heimkehren. Nach
solchem Vorgang der Poesie war es der bil-
denden Kunst möglich im Verlauf des 4. Jahrh.
den Jünglingstypus des Gottes in allen Kunst-
10
20
30
40
50
60
1131
Dionysos (als Jüngling)
Dionysos (als Jüngling)
1132
gattungen zur Verwendung zu bringen. Nur
einzelne Sagenstoffe , wie Hephaists Zurück-
führung in den Olymp und der Gigantenkampf
bleiben von der neuen Tendenz unberührt, bei
ersterer erscheint nur der bärtige Dionysos
(unt. p. 1144 A), in letzterer der jugendliche erst
beträchtlich später (vgl. unten p. 1144 D). Das
Abenteuer mit den tyrrhenischen Seeräubern
war von der Figur des bärtigen Gottes aus-
gegangen (vgl. das schwarzfig. Vasenbild oben
p. 1096, 44), aber der Ilom. Hymn. 7 läfst in
demselben Abenteuer Dionysos erscheinen vsgvürj
ccvöqI solkcos nQco&rißrj • nahxl d's nsgiGosiovro
e&siqcu xvccvsai, giägog Sn tisql GzißaQotg £%sv
cogcug noQqivQsov, und dieser poet. Vorstellung
folgt der Fries des 334 v. Chr. errichteten
Lysikratesdenkmals (Anc. mar bl. 9, 22 —
26, mit Restaur. Stuart , ant. of Ath. 1, 4 pl. 30.
Müller-Wieseler 1, Taf. 27. Ovcrbeclc, Plastik
Fig. 113. 114). Das epeegog des Hymnus ist
auf den Felsensitz des Gottes herabgeglitten,
beibehalten aber sind die äfiot Grißctgol, ein
Beweis, dafs auch in der 2. Hälfte des 4. Jalirli.
die weichliche Auffassung des Gottes der Kunst
noch fremd war (vgl. Overbeck, Plastik 2 p. 94).
Das Lysikratesdenkmal liefert das älteste Bei-
spiel eines unbekleideten Dionysos, aber das
Gewand ist doch noch nicht principiell besei-
tigt, sondern als Unterlage verwendet. Im
allgemeinen bleibt das verhüllende Himation
zunächst noch durchaus die Regel. Mit ihm
ist der Gott bekleidet auf dem ins 4. Jahrh.
zurückgehenden Relief der Villa Pamfili
(Gerhard, a. B. t. 82, 1. = Matz-Buhn nr. 3773
als Leierspieler), ebenso auf Münzen ( Gardner
10, 35 u. 13, 4. Head, synopsis pl. 29, 25),
auf Vasen (vgl. p. 1134) und in vielen statua-
rischen Beispielen, von denen einige wie die
Gruppe Fejervari, Mon. Ann. Bull. 1854
p. 81 tav. 13, die Statuen Müller-Wieseler 2
nr. 356 (Villa Albani) und Bull, de c. h.
1882 pl. 5 (Dijon) in dem Motiv des auf dem
Haupte ruhenden rechten Armes auf die Schule
des Praxiteles zurückgehen mögen. Ja der
Künstler des vorzüglichen Dionysos vom
Thrasyllosmonument (320 v. Chr. oder
vielleicht noch später; vgl. Overbeck, Plastik
2, 94) wählte hier, wo es wahrscheinlich die
Darstellung eines A. yslno gsvog galt (vgl.
Overbeck a. a. 0.), das solenne Doppelgewand
des Kitharöden mit Hinzufüguug der specifisch
bakchischen Pardalis (abgeb. Anc. marbl. 9,
1 = Müller-Wieseler 2, nr. 362; in Seitenan-
sicht mit restaur. Kopf als „Dekeleia“ Stuart,
A. of Ath, 2 , 4 pl. 28 , 2). Nach Luk. Iup.
trag. 12 bildete Lysipp einen Dionysos aus
Erz, den Brunn, Gesch. d. gr. Künstl. 1, 370
als zarte Jünglingsgestalt denkt; völlige Nackt-
heit darf man wohl bezweifeln. Auf Lysipp
oder seine Schule ist eine Gruppe von Köpfen
des jugendlichen Dionysos mit Stier-
hörnchen zurückgeführt worden: zum Kopf
des Lateran merken Benndorf- Schöne nr. 236
die Verwandtschaft mit den Zügen des Apo-
xyomenos an; vergl. ib. nr. 489; Villa Albani
nr. 107 Fea; M. P. Clem. 6, 6. 1 (= Müller-
Wieseler 2, 376) und dazu llobert, Annali 1875
p. 39. Auf Grund solcher Beobachtungen darf
...
man auch die Lysippische Schule von einer
weichlichen Auffassung des Dionysos freispre-
chen. Der leicht nach links gewendete vatik !
Kopf zeigt zwar etwas Träumerisches, aber eint I
durchaus männliche (Müller, Archäol. § 383, 9 1
„fast satyrhafte“?) Auffassung; über den in
alexandrinisclier Zeit wieder auftauchenden Ty-
pus des gehörnten Dionysos vgl. unten „Stier
bakchos“ p. 1150. Eine bereits im 4. Jahrh,
io erscheinende eigentümliche Tracht isthiei
noch zu erwähnen, bestehend aus kurzem Chi
ton , hohen Stiefeln (vergl. den Dionysos de;
Kalamis) , Nebris oder Pardalis, Gürtel, dazv
meist auch noch Chlamys. Beispiele: l)Tors< I
desGiard. d. pigna (Vatik.), nach Skizze unci ij
Notiz, die ich Herrn Prof. Schreiber verdanke j|:
ein attisches Original des 4. Jahrh. 2) Schoene
gr. Bel. 27, 110 (Athen), angeblich thebische:
Herkunft, vielleicht aber auch attisch. 3
20 Bronzerelief aus Theben (in Berlin, Anti
quarium Inventar, nr. 7457) : lebhaft vorwärt:
eilender Dionysos, Pan und Satyr. 4) Terra
cottaform vom Peiraieus, Annali 187<
tav. J. 5) Attisches Vasenbild, Compte
Bendu 1872 tav. 1. Letzteres zeigt den Chito
niskos zudem (wofür die plast. Denkmäler ver j
sagen) reichgestickt, wie ihn einige Vasen
bilder (als Überkleid) auch dem bärtige:
Dionysos geben (obenp. 1107). Eine Besonder
30 heit unserer Vase sind die langen Ärmel
Für Initiative der attischen Kunst spreche:
oben nr. 1 , 4 u. 5 , für fremdländische Her
kunft der Tracht Thamyris (Mon. dell' Inst. 1
23), Paris (ibid. 25), Anchises (Mill. g. m. 44
644), Pelops (Gerhard, apul, V. 6. 7), Amazc ; ö
nen (Millin, g. in. 134, 447. Archäol, Ztg. 3 (
Tf. 21 etc.), die thrakischen Mörderinnen de
Orpheus (Knapp, Arch. Ztg. 36 p. 146). Übei '
tragen wird sie auf Artemis (oben s. v. § 21, 1
40 Erinyen (Dilthey, Arch. Ztg. 31 p. 81ff.), Hei
mes (Mon. dell' Inst. 2, 59 u. Gerhard, akai
Abhandl. t. 21, 2 Komödienscene) etc., abe ,
auch auf eleusin. Priester (Müller-Wieseler L|
nr. 112). SpeziellbakchischwirddieTracht dura!
Hinzufügung der Pardalis oder Nebris*); wäb
rend sie aber beim bärtigen Dionysos nur ar
Vasen und vorübergehend erscheint, wird si
beim jugendlichen Gott zu einem geläufige
Motiv, das in der Folgezeit z. B. wiederkehrt
50 am Hyposkenion des athenischen Theatei
(Annali 1870, p. 97 ff. Mon. dell' Inst. 9, 16
im archaistischen Relief Albani (Zeichnung cf
Cod. Pigh. Sächs. Ber. 1868 t. 5, mit fälscht
Restaur. Winckelm. m. ined. nr. 6 = Welche,
a. D. 2, 1. 1), auf einem späteren Vasenbil
(C.-B, 1862 tav. 6), ohne Nebris auf der Vaf
von Canossa (Zocga, Abh. t. 1, 3, wo Welch
die Figur unrichtig als Mainade erklärt) ur
in dem pompeian. Gemälde Mus. Borb. 8, 1
60 Hclbig nr. 568 (langärmel. Chitoniskos u. H
mation). Auf Münzen scheint der Typus nicl
nachweisbar (etwa Annuaire de la soc. nwm.
tav. 12, 42?). Ein sehr ähnliches Kostü:
wird dadurch erzielt, dafs ein längerer Chito
.
i
■fat
fcrte
Wiai
*) Gilt mit gewisser Einschränkung. Die Nehr:
hat oft auch Artemis, einmal Peleus (Inghirami, Mi
Chius. 1 tav. 46) und selbst die Pardalis erscheint ei
mal bei Artemis, Röchelte, mon. ined. p. 179 pl. 45.
1133 Dionysos (als Jüngling)
mit Überschlag bis über die Knie emporgeschürzt
ist: Relief des Louvre, Arch. Zeitg. 1881
tav. 14 (lange Ärmel, Pardalis), Dionysos
vom grofsen und kleinen pergamen. Altar-
fries Ergehn. 1 p. 53 E und Beschr. d. perg.
Bildw. 1883 p. 10 Anm. (Nebris) , Statue
Hope, Clar. 695, 1614 = nebenstell. Abbil-
dung 14 ; Kopf aufgesetzt, beide Arme ergänzt.
Pardalis, nach Michaelis, anc. marh. Deepdene
3 Nebris?), dazu eine Replik in der Ermi-
1
Fig. 14.
Dionysos Hope (Deepdene, Clarac 695, 1614).
tage, Clar. 695, 1615 ( Katal . nr. 156 Parda-
i i lis), Berl. Relieffrgm. gr. Cab. nr. 687. In ei-
nem späten Relief aus dem athenischen
Theater, einer fragm. Opferscene mit Frie-
mderichs., Bausteine nr. 631 die ebenso kostü-
mierte Figur rechts für Dionysos zu nehmen,
:wozu der von der Rechten vorgestreckte
! Kantkaros auffordert, verbietet sich wegen des
Iim linken Arm gehaltenen Weingefäfses und
noch mehr wegen der durchaus weiblichen
Brust. Es wird eine Priesterin oder Mainade
sein. (Kurzer Chiton und Stiefel für letztere
nicht ganz ohne Beispiel : Matz-Duhm nr. 2269,
|2339, 2340, für Vasen Knapp, Archäol. Ztg. 36
p. 145, mit Nebris Bull. Napol. 3, tav. 2, 4;
vergl. auch Bapp , Beziehungen des Dionysos-
• kults p. 25 und über erinysartige Gestalten des
bakchischen Kreises Dilihey , Archäol. Ztg. 31
Dionysos (als Jüngling) 1134
p. 81 ff. Zu letzteren gehört aber schwerlich
Anc. marbl. 1, 7, wo die Figur in Chitoniskos
und Pardalis nach dem Herausg. männlich ist,
was der Gipsabgufs bestätigt.
Der Anteil der Malerei an der Ausbildung
des jugendlichen Typus läfst sich nicht be-
stimmen; doch werden Aristides ( Strabo
p. 381) und Nikias ( Blin . 35, 131) nach herr-
schender Tendenz den Jüngling Dionysos dar-
10 gestellt haben. Von einem A. rsXsiog (adul-
tus), welchem Silen den Becher darreichte, be-
richtet Polemon fr. 60 (Müll.). Auch von den
Malern des 4. Jahrk. läfst sich jedenfalls an-
nehmen, dafs sie weder zu völliger Entkleidung
noch zu weibischer Ausstattung des Gottes-
neigten; das zeigen die Vasenbilder dieser
Zeit. Aus der grofsen Masse einige Beispiele:
auf dem vorzüglichen Vasenbild, Gerhard, apul.
Vas. 15 sieht man auf Panthergespann, dem
20 Euthymia mit Fackel voraneilt, Dionysos in
langem, Unterkörper und linke Schulter be-
deckendem Himation dahersprengen. Bemer-
kenswert ist auch die Kürze des mit einfacher
Binde umschlungenen Haares (auf anderen
gleichzeitigen Vasen gewöhnlich lange Hänge-
locken). Das Himation trägt Dionysos ferner
Millin peint. d. v. 1,5 (sitzend) ; 1 , 60 (auf
Panther reitend), Hall. Winckelmannspr. 1880
(auf Kline) , Mon. delT Inst. 6. 7 tav. 70 =
30 Baumeister , Denlcmäl. Fig. 491 (thronend mit
Scepter in der erhobenen Rechten, besonders
jugendlich; an ihn schmiegt sich Ariadne).
Nur mit der Chlamys um Rücken und Arme
erscheint Dionysos auf einer kyrenäischen Vase
leicht hingeworfener, lebendiger Zeichnung,
Mon. gr. 1879 pl. 3, im kurzen Haar Epheu-
kranz und breite Stirnbinde. In der symboli-
schen Deutung des merkwürdigen Dreigespanns
(Stier, Greif, Panther) verliert sich Heuzey
40 a. a. O. p. 57 wohl zu weit. Den leierspie-
lenden Dionysos zeigen im Himation Mil-
lin, peint d. v. 1, 53 und Nouv. Annal. 1 Mon.
tav. 5 = Overbeck, Gail. her. Bildw. Taf. 4, 3,
in Chlamys und Stiefeln eine von Stephani
dem 3. Jahrh. zugeschriebene Vase C.-B. 1869
tav. 6, 1 (vgl. den etrusk. Spiegel Arch. Ztg.
1859 tav. 131 und die Vase Mon. d. Inst. 3,
31). Vollständige Entblöfsung des Körpers auf
Vasenbildern weifs ich nur für dem Lysikrates-
50 clenkmal ähnliche Situationen zu belegen, wo
das Gewand auf den Felsensitz herabgesunken
ist, z. B. auf einer Vase von Kertsch, C.-
B. 1859 tav. 2 ( Gerhard , akad. Abh. Taf. 77),
an welcher die männlich kräftigen Formen des
Gottes bemerkenswert sind. Den gelagerten
Gott zeigen mit verhülltem Unterkörper auch
spätere Vasen noch häufig genug, z. B. Ger-
hard, apul. Vas. tav. 1. C.-B. 1862 tav. 5, 1.
Über die chronologische Einordnung des
60 Typus eines A. oivwpsv og wurde schon oben
p. 1114f. gebandelt. Häufiger erscheint der
jugendliche Gott in solcher Verfassung, wobei
die leise Andeutung ( Xenoph . conviv. 9 , 2 :
vnonsncoycog , Apollon. Bh. 4, 423:
oi'vcp m. vsy.za.Qi) vorangegangen, die Darstel-
lung wirklichen Berauschtseins erst später ge-
wagt sein wird. Beispiele: Die Statue des
Louvre Mus. Kräng. 4, part. 3, 7 = Clar. 274,
1135
Dionysos (als Jüngling)
Dionysos (als Jüngling) 1136
1609, die fragmentierte Gruppe in Berlin
Ganina, Tuscul. tav. 33. Friederichs, Bausteine
nr. 624, kleinere Gruppe ebendas. Man. dell'
Inst. 4, 35 ; Bronzefigürcken Annali 1846 tav.
K., Thonform des Peiraieus, Annali 1870 tav.
1 ; Pariser Relief, Archäol. Ztg. 1881 Taf. 14,
neapler Relief M. Borb. 3 , 40. Friederichs
nr. 632, etrusk. Bronzerelief, Gerhard, a. B.
Taf. 88, 8; hercul. Gemälde 31. Borb. 10, 52.
Nachweisungen auf Gemmen bei Müller, Arch. io
§ 383, 6. 7.
Dem während der zweiten Blüteperiode aus-
gebildeten Jünglingsideal des Dionysos glaub-
ten wir noch absprechen zu dürfen 1) die Ein-
bürgerung des vollkommen nackten Typus;
2) die Einmischung weichlicher oder gar weib-
licher Elemente, in der Diadochenzeit ist
dann neben dem mehr oder weniger bekleide-
ten offenbar der nackte Typus durchgedrun-
gen; aber erst die spätere hellenistische Zeit 20
hat der Gestalt des Gottes hin und wieder
einen weibischen Beisatz gegeben. Nichts
Weichliches zeigen auf Münzen z. B. die Köpfe
von Herakleia ( Gardner 13, 9), Andros ( Combe ,
n. M. Br. 8, 21), Amisos {ibid. 8, 26), Knidos
( Mionn . I). 3, 342. 233), Rhodos {Combe, M.
Hunt. tav. 45, 9); auf den ins 1. Jahrh. v. Chr.
gehörenden Münzen von Maroneia und Thasos
{Head, synops. pl. 64, 5 u. 6) bilden die kräf-
tigen Gesichtsformen einen Kontrast zu der 30
weiberartigen Frisur. Nichts Weichliches oder
gar Weibisches, sondern eben nur die zarten
Formen des frühen Jünglingsalters (vergl. die
gleiche Erscheinung bei Apoll) zeigen unter
den erhaltenen Statuen : der ganz unbekleidete
Dionysos in Neapel M. Borb. 11, 10 {3Iül-
ler-Wieseler 2, 354 wo die Notiz „aus Salerno“
auf Verwechselung mit der ähnlichen Statue
31. Borb. 14, 7 beruht), zu dem zahlreiche
nicht mit Friederichs, Baust. 437 bereits „das
Hinüberspielen ins Weibliche“ zu erkennen.
Eher zeigt (nach Photographie zu urteilen) der
Torso des Vatikan, 31. Bio-Clem. 2, 29 :
{Clar. 675, 1565) ein ins Weibliche spielen-
des Überwuchern der Fettpolster. Weniger
hierdurch als durch Weichlichkeit der Hal-
tung fällt auf die Madrider Statue, Clar.
690 B. 1598 A. Friederichs, Baust, nr. 625. Bei
dem a u f A m p e 1 0 s (s. d.) gelehnten Diony-
sos, s. ob. S. 292. Anc. marbl. 3, 11 {Müller-
Wieseler 2, 371. Friederichs nr. 762), wirkt die
überein die treffliche Wiener Bronze {Sachen
Tf. 23. 24 und danach nebenst. Abbildung 15),
welche der Herausgeber der Diadochenzeit zu-
weist und trotz mangelnder Attribute mit
Wahrscheinlichkeit als Dionysos fafst. Die
Formen sind weich aber elastisch, der träu-
merisch-sehnsuchtsvolle Ausdruck zeigt die
Weiterentwickelung einer bereits im 4. Jahrh.
aufgetretenen Tendenz (p. 1129). Eine zweite,
durch den Epheukranz gesicherte Bronze des 50
Wiener Kab. a. a. 0. Taf. 25, 4 ist ungemein
schlank und schmalhüftig (was besonders in
Wandgemälden wiederkehrt, 31. Borb. 2, 52;
8, 51 etc.), aber nicht weichlich; auf jede Schul-
ter fällt eine lange Locke, der leicht geneigte
Kopf hat einen schwermütigen Ausdruck.
Während in solchen und anderen Beispielen
(vgl. das Thonrelief Hall. Winelcelmannsprogr.
1882 Taf. 2, 1) durchaus die natürlichen Jüng-
lingsformen vorliegen, zeigt die völlige Ent- 60
blöfsung den neuen Kunstgeschmack. Der
schöne Torso der Berliner Gruppe {Friede-
richs, Bausteine 624) hat fleischige, Brust aber
durchaus männliche Formen. Auch im berühm-
ten farnes. Torso, M. Borb. 11, 60 {Clar.
683, 1599) vermag ich wohl mit Winckelmann
{Werke 5, 470 Eisei.) „den edlen Verein des
Grofsen mit dem Schönen und Weichen“, aber
40
V.'jfl t
i
a '.13
■ '4 f
'tg' Jül||
l
Fig. 15.
Dionysos, Bronzefigur in Wien (S. 1135, 41).
ausgebogene Hüfte weichlich, während das Feh
len aller Muskulatur als künstlerischer Mange
(sehr leblose Behandlung der Oberfläche) er
scheint. „Sehr weiblich geformt“ ist dagegef
nach Müller, Archäol. § 383, 6 der Vatikan
Torso, M. Bio-Clem. 2, 28 (in Doppelansicb
bei Müller-Wieseler 2, nr. 351 a. b.). Im all
gemeinen kommt diese Tendenz weniger ii
der Körperbildung als in der Behandlung de:
Kopfes zum Ausdruck. Das ausgesprochenste
Beispiel dieser Art liefert der Capitolin ischt
Kopf, Winckelmann , m. in. 55. Bouillon 1
I Ä:l
I bi
1137 Dionysos (als Jüngling)
70, 2 (s. nntenst. Abbildung 10), früher für Leu-
kothea und Ariadne genommen, seit dem Hin-
weis auf die keimenden Stierhörner {Meyer,
Propyl. 2, 1. 63. Weide er , alcad. Kunstmus.
nr. 117 = Kekulc nr. 216) als ein Dionysos in
weibischer Auffassung anerkannt (vgl. Friede-
ridis , Baust, nr. 628). Hier ist einmal die
Frisur auffällig, das gescheitelte Haar über
den Ohren zurückgestrichen und nach Weiber-
art am Hinterkopf in eine Schleife (vergl. io
M. Borb. 13, 10 und Clar. 131, 711) zusam-
mengenonnnen, eine Binde zweimal um das
Haupt geschlungen , die einfache Halslocke
durch eine Menge längerer und kürzerer künst-
licher Ringellocken ersetzt (vgl. eine ähnliche
Umbildung bei Apoll oben p. 464: Haarschleife
über der Stirn). Aber auch Wangen und Kinn
haben weibliche Fülle und Rundung. Der Ge-
sichtsausdruck, die leichte Neigung des Kop-
fes, die Bildung der A ugen, welche durch Zu- 20
sammenzielien der Lider etwas vom vygbv
des Venusblickes bekommen, deuten auf Ge-
danken erotischer
Natur. Die Erfin-
dung des Werkes
kann nach ange-
deuteten Gründen
erst aus der späte-
ren hellenistischen
Zeit stammen (vgl. 30
einen verwandten,
aber we niger weich-
lichen Kopf in
Wien, Sacken Taf.
28, 4 „Ariadne“).
Bei männlichem
Gesichtstypus lie-
fern Haarknauf
im Nacken und
zugleichHänge- 40
locken besonders
Münztypen: Head,
synopsis pl. 64, 5.
6. Gat. of gr. c.
Maced. p. 11, 32;
vergl. 109 , 85.
Thessal. pl. 24, 1.
23, 16 (Haarnetz?) ;
doch auch Reliefs , z. B. die Sonnenuhr
aus Athen, Berlin, gr. Cab. nr. 460 A. Die 50
kürzlich ausgegrabene Statue der Villa Ti-
burtina (s. nebenst. Abbild. 17 nach Mon.delT
Inst. 11, 51), von Michaelis mit einer detail-
lierten Analyse begleitet, Annali 1883, 136 fF.,
erinnert in Körperbau und Stellung an Poly-
kletische Typen, liefert aber zugleich ein Bei-
spiel dafür, wie die griechische Kunst der
römischen Zeit (nach Michaelis’ Vermutung
p. 150 eklektische Richtung der Pasitelischen
Schule) an dem Einmischen einzelner weib- 60
licher Züge Gefallen fand, deren bemerklich-
ster übrigens aus einer Aufserlichkeit be-
steht , der Tracht des Haares , über welche
Michaelis p. 145. Einen Dionysos in auffal-
lend weibischer Haltung bietet der Kasseler
Sarkophag, Müller- Wicsder 2 nr. 965, ein spät
römisches Machwerk.
Die besprochene Um- oder Verbildung des
Fig. 16.
Kopf im Capitol. Museum.
Dionysos (als Jüngling) 1138
Dionysostypus auf die Einwirkung orientalischer
Vorstellungen vom Androgynismus der Natur-
gottheiten zurückführen, heifst den Grund zu
weit suchen. Den ersten Anstofs hat die grie-
chische Tragödie mit ihrem jugendlichen
Bühnengott (obenp. 1130) gegeben. Dem Ly-
kurgos- wie dem Pentheusmythus ist der mit
fremdländischem Gefolge aus der Fremde (dem
Orient) kommende junge Gott eigentümlich.
Der Erscheinung dieses Dionysos etwas Fremd-
artiges, Orientalisches zu geben, lag nahe.
Aischylos scheint sich mit einem äufserlichen
Mittel begnügt zu
haben , indem er
in den Edonern
Dionysos mit xgo-
mcotÖs, jtfMfjpqpalos,
azQocpiov, vielleicht
auch vsßQig {Be-
scher, Bhein. Mus.
1869 schlägt für
Ivqcc Thesmopli.
138 doQu vor) und
einer der Män-
nersitte widerspre-
chenden Fufsbe-
kleidung auftreten
liefs (sollte
leicht der oben
p.ll32bespro-
cheue Typus
hier anknii-
pfen?), über-
dies zur Verstär-
kung des weichli-
chen Eindrucks
(yvvvig Thesmoph.
134) einen Spiegel
hinzufügte. Zum
gleichen Zwecke
braucht Euripides
andere Mittel, die
ans eigene Wesen
des Gottes greifen.
Eine weibische
Tracht des Diony-
sos in den Bakchen
{Lenormant a. a. O.
p. 628 b) darf man
schwerlich anneh-
men , denn eine
solche würde Pen-
theus nicht unge-
rügt lassen. Anstofs
nimmt er , abge-
sehen vom Thyrsos
(495) , am langen
u. weichen Locken-
haar (455. 493), an
der weifsen Hautfarbe (457), ov nälrjg vno
sagt Pentheus spöttisch, mufs aber zugleich die
Schönheit des Gegners anerkennen (453). Die
Eigenart des Eurijndeischen Dionysos beruht also
auf dem Fehlen palästriscli er Merkmale,
wodurch ihm nach hellenischer Anschauung
etwas Verzärteltes (mehr will auch v. 353 &rr
XvfiOQcpog nicht bedeuten) gegeben ist. im
übrigen hat Euripides alles getlian, um diesen
Fig. 17.
Dionysos aus Villa Tiburtina
(S. 1137, 51).
;
1139
Dionysos (als Jüngling)
Dionysos (Bekleidung) 1140
zarten Jüngling als einen gewaltigen und
furchtbaren Gott zu charakterisieren. Weiter
zu gehen wagte die Komödie und fafste den
Gott als wirklichen Weichling, als Schwelger
und Poltron (vgl. Aristophanes’ Frösche, deren
Dionysos so ungöttlich ist, dafs Koch, Jahns
Jahrbb. Suppl. 3, 101 ff. in ihm den verkapp-
ten Demos vermutet, ferner Phrynich. Kronos
fr. 5 Mein. Hesycli. s. v. diovvg. Etym. M.
p. 277 , 3. Heroclian. n. yovgQ. As|. p. 31). io
Aus solchen Keimen hat sich jene Auffas-
sung des Dionysos entwickelt, welche als eine
hellenistische (vgl. oh. p. 1119, 31)überliefert
ist durch Eiodor 3, 64, 6 und 4, 4, 2 tat ocäfiazz
ZQveptQov hui navzsXcös caz aXov) und welcher
endlich auch die bildende Kunst Rechnung
getragen hat. Doch gehen hier die überkom-
menen Beisjriele nicht so weit wie die spätere
Litteratur (Ov. met. 4, 29. Seneca Oed. 420ff
Priapeia 36 , 3. Lucian deor. conc. 4. deor. 20
dial. 18. Cornut. 30. Aristid. in Bacch. p. 29
(■ Jebb ). Arnob. adv. gentes 6, 12. Firm. Mat.
p. 9. Isid. orig. 8, 1, zu geschweigen der neu-
platon. Spekulation orphischer Hymnen, unter
deren Zwitterwesen auch Dionysos erscheint.
Nach den erhaltenen Kunstwerken kann nur
von einem Typus die Rede sein, welcher die
Energie des gymnastisch ausgebildeten Körpers
vermissen Iahst, in einer sehr weichen Behand-
lung des Fleisches, weichlicher Haltung oder 30
weibischer Ausstattung sich gefällt*). Dafs Dio-
nysos jetzt auch in geradezu weiblicher Tracht
dargestellt worden, sollte man nach der schrift-
lichen Überlieferung vermuten ( Seneca a. a. 0.
Eustath. zu II. p. 629, 40). Aber der hierfür
stets citierte „ Bacco in abito feminile “ M. Pio-
Glem. 7, 2 ist einmal nicht als Dionysos ge-
sichert (der epheubekränzte Kopf ist nicht zu-
gehörig), legt vielmehr durch die ganze Auffas-
sung den Gedanken an einen Apollo Kitharöd. 40
näher (ärmellosen Chiton trägt letzterer El.
cer. 2, 24 und C.-B. für 1862 Taf. 6). Jeden-
falls hat man von weiblichem Gewände zu
sprechen hier nicht mehr Recht als bei der
Tracht von Kitharöden oder Priestern (als
weiblich bekleideter Dionysos galt früher C.-
B. 1862 Taf. 3 (— Gerhard, akad. Abh. Taf. 78),
bis Strube, Bilderkreis v. Eleus. S. 28 in dieser
Figur den eleusin. Hierophanten nachwies).
Der lange, gegürtete Chiton ist eben auf das 50
weibliche Geschlecht nicht beschränkt, sondern
auch solenne Männertracht. Für Dionysos ist
dieselbe nachweisbar: am Thrasyllosmonument,
auf Münzen v. Knidos {Kenner , St. Flor. 4,
15), Andros_ { Müller- Wieseler 2 nr. 359 [beide
Male mit Überschlag oder wahrscheinlicher
mit übergezogenem Chitoniskos]) , Kibyra {St.
Flor. 6, 3), Dionysopolis {Neumann, num. vet.
2 tav. 12). Einige Male auch auf späten Re-
liefs: (mit langen Ärmeln) Mon. d. Inst. 6, 60
80. 1 = Bennd.- Schöne, Lateran, nr. 408. Gail.
Giust. 2, 122 = Matz-Buhn nr. 2275 („mit
völlig weiblicher Brust“?), Rel, Pamfili, Matz-
Buhn nr. 2274, Darstellungen des indischen
Triumphes. Auf dem pompeian. Gemälde
M. Borb. 15, 32. Zahn 3, 85 b sehen Minervini _
und Stephani {G.-B. 1867 p. 165) in der Figur
rechts vom Tropaion einen weiblich kostümier-
ten Dionysos, 0. Jahn (Text zu Zahn) wahr-
scheinlicher eine Mainade.
1 1
III. Übersieht über die erhaltenen Typen
des jugendlichen Dionysos.
1) Die Bekleidung-.
1) Solennes Doppelgewand (länger ge-
gürteter Chiton, darüber Himation oder Chla-
mys) vgl. das unmittelbar Vorhergehende; an
der Statue desThrasyllosmonuments (p.1131) ist
zum Doppelgewand auch die Pardalis gefügt.
2) Gegürteter Chitoniskos, Stiefel,
gewöhnlich mit Hinzufügung der Nebris (Parda-
lis) und der Chlamys. Vgl. ob. p. 1132 u. 1138.
3) Idealkostüm des einfachen Hima-
tion. Sehr häufig: Kyren. Tempelstatue {Smith-
Porcher, Cyr. nr. 61), Dionysos Albani {Mül-
ler- Wieseler 2 , nr. 356) etc. , Reliefs , geschn.
Steine, Vasen, Wandgemälde, Münzen bis zur
späteren Kaiserzeit (Olbia Cil. unter M. Aurel,
Kenner, St. Flor. 5, 11).
4) Nebris und Chlamys. Da beide Ge-
wandstücke als leichter Umwurf dienen, so
wirkt ihre Verbindung nicht erfreulich, daher
auch die Beispiele selten: Statue Mus. Capit.
3, 30 {Clar. 682, 1596).
5) Nur Chlamys. Statuarisch selten :
Gruppe Brocklesby unten (Abbildg. p. 1142).
Clar. 67SD, 1619 A {Michaelis, Petworthll) u.
678 F, 1595 H {Matz-Buhn 399) sind nur zu
Dionysos restauriert. Häufiger in anderen
Kunstgattungen , auf Münzen von Maroneia
{Müller- Wieseler 2, 357), Bagae ( Combe , num.
31. Br. 10, 24), Seleucia Pis. {St. Flor. 5, 3),
Cohen, med. imp. 22, 333, 646 etc.
6) NurNeb ri s (Ziegenfell, Pardalis). Älte-
stes Beispiel die Statue des Praxiteles (oben
p. 1127). Unter den erhaltenen Statuen zahl-
reiche Beispiele: Clar. 275, 1574; 684, 1603A.
{Michaelis InceBl. nr. 32), Müller- Wieseler 2,
367, oben Abbild, p. 1138; Pardalis: Mül-
ler- Wieseler 2, 371 und Collect. Greau , catal.
d. bronzesant.pl. 42; Ziegenfell: Clar. 688,
1616 (Dresden, Ilettner nr. 110) etc. Auch in
8t
Reliefs, Clar. 161 C. 149 A. hliillcr- Wieseler 2,
443 f. Vasen? Wandgemälde? Auf Münzen,
*) Der auf einem Sarkophag Colonna Matz-Duhn 2256
(Auffindung Ariadnes) angeblich zu weiblichem Porträt
verwendete Dionysos kann füglich aus dem Spiele gelas-
sen werden. (Spät, sehr zerstört).
wie es scheint, nur spät (Sept. Sever. Cohen 3,
297, 500 Pardalis).
7) Der Gott völlig nackt (zuweilen in
Stiefeln). Diesen Typus, der oben (p. 1135 f.)
erst der Zeit nach Alexander d. Gr. zugeschrie-
ben wurde, vertritt die Mehrzahl der erhalte-
nen Statuen. Beispiele guter Arbeit oben
p. 1135. Die grofse Masse stammt aus römi-
scher Zeit. Auf Reliefs seltener {31 üller- Wie-
seler 2, 441. 445). Gemmen: Gerhard , akad.
Abhandl. Taf. 52, 14. Vasen vergl. oben 1134
Wandgemälde? Münzen wohl erst in römischer
Zeit (Nikaia Kilb. Combe, num, 31. Br. 10, 25.
Pheneos St. Florian 3, 10. Raphia ib. 6, 17.
Cohen, med. imp. 3, 297. 501).
äeti
MB
I
R8A.
«tan
1141 Dionysos (stehend)
2) Die Stellung.
Stehender Dionysos.
Schema I. Der Gott steht frei auf bei-
den Füfsen.
a) Mit rechtem Stand- und linkem
SjHelbein, in der erhobenen Linken den
T h y r s o s , in der gesenkten Rechten den
Kantharos (oder ein anderes Attribut): Nor-
maltypus des in göttlicher Würde dargestell-
ten Gottes. Häufig auf Münzen ( Müller - Wie-
selet• 2, 359. St. Flor. 5, 11. Iler, der sächs.
Ges. 1851 Taf. 2C. Combe M. Br. 10, 24 und
25 etc.) ; so auch die Erzstatue des Praxiteles
zu denken ( Kallistr . st. 8 ciozi'jxtt zgv Xaiuv
insQSLÖcov tw Q'vqg(o) ; vgl. Brunch, anal, 2,
446. 5. Erhaltene Beispiele: oben Abbildung
p. 1136, Clar. 688, 1616 (Gewand 6), 678, 1579
(nackt), 682, 1596 (Gewand 4), Fehule , Ter-
racott. 2 Taf. 48, 3 (Gewand 3).
b) Mit linkem Standb ein und rechtem
Spielbein, in der erhobenen Rechten
den Thyrsus, den linken Arm gesenkt.
1 Beispiele selten: Clar. 681, 1593 (Gewand 6),
ebenso wohl zu ergänzen Clar. 679, 1585;
678 A. 1595B. [Clar. 684, 1611 = Müller- Wie-
selet' 2, 353 hält in der gesenkten Linken den
Thyrsos, und hielt in der hochgehobenen Rech-
ten ein anderes Attribut],
c) Beide Arme gesenkt, wechselndes
Standbein. Beispiele häufig: die schöne Tem-
pelstatue aus Kyrene (Gewand 3) Smith- Por-
cher nr. 61. Dionysos aus Villa Tiburt. oben
Abbildg. p. 1138, Clar. 684, 1603 A. ( Michael .
Ince Bl. nr. 32), Clar. 678 E. 1586 A etc.
Schema II. Der Gott steht nicht mehr
frei, sondern hat den einen Arm aufgestützt
(auf einen Baumstamm oder eine Figur seines
Kreises). Hierdurch tritt an Stelle der Würde
des in sich geschlossen dastehenden Götterbil-
des der Eindruck zwangloser Bequemlichkeit.
Bist dann der freie Arm noch gehoben (um ein
Attribut zu halten), so liegt dann wenigstens
in einem Teil des Körpers noch eine gewisse
Spannung. Auch sie verschwindet, sobald der
freie Arm unbeschäftigt abwärts geht. Den
vollständigsten Ausdruck behaglichen Aus-
ruhens bietet endlich das mit dem Aufstützen
des Körpers verbundene Motiv des aufs Haupt
gelegten rechten Armes. Je stärker die Auf-
stützung, um so stärker ist die Ausbiegung
der entgegengesetzten Hüfte. Gerne verbin-
det sich mit diesen Typen des ruhenden Dio-
nysos auch das zur Seite geneigte Haupt (Clar.
678B. 1619C. 690B. 1600B).
a ) Rechter Arm aufgestützt, linkes
Standbein, Clar. 686, 1625A (aus Troas);
die Gruppe Brocklesby ( Michael . nr. 90 Clar.
690, 1626 = beistehender Abbildg. 18), Clar.
678 A. 1595 A ( Michael . Ince Bl, nr. 31).
b) Linker Arm aufgestützt, rechtes
Standbein (sehr häufig, besonders bei den
ganz unbekleideten Statuen): Clar. 679, 1586
(dem erhobenen rechten Arm hat der Restaur.
eine Traube gegeben), 678 B. 161 9 C ( Michael .
! Cast. Howard nr. 8) 272, 1609 (viel ergänzt),
Müller- Wieseler 2, 367 (stützte seinen Arm auf
eine verloren gegangene Figur; den Eindruck
Dionysos (stehend) 1142
des Ausruhens vermehrt die gekreuzte Stel-
lung der Beine) Sachen, Wien. Br. 25, 4.
Clar. 690 B. 1598 A (als Stütze dient eine bär-
tige Dionysosherme, Friederichs, Baust. 625).
c) Linker Arm aufgestützt, rechter
Arm auf dem Haupt ruhend. Die häufige
Wiederkehr dieses Schemas in verschiedenen
Denkmälergattungen läfst auf ein berühmtes
Original schliefsen. Auch Apoll ist diese
io Haltung eigentümlich (vergl. oben Abbildung
p. 460) , aber wohl seltener. Es wäre zu
untersuchen, von welchem Gott dieser Typus
p-q Dionysos und Eros (Gruppe Brocklesby, S. 1141, 59)
auf den anderen übergegangen; bakchischem
Sichgehenlassen erscheint er besonders ange-
messen. Statuen: in Himation Villa Albani
(Clar. 690 B. 1568 A, Müller- Wieseler 2, 356),
Dijon (Bull, de c. h. 1882 pl. 5 Apoll ?), Gruppe
Fejervary (Mon. Annal. Bxdlet. 1854 p. 81
Taf. 13), mit Nebris Clar. 275, 1574; 695,
1568 ( Michael . Landsd. nr. 31), Laborde, voy.
60 pitt. de VEsp. Taf. 59 (Friederichs , Bausteine
nr. 627), nackt Clar. 227, 1571, 686, 1613 etc.;
in Gruppe Clar. 694, 1633 u. 1635 (Dütschhe 5
nr. 149) etc. Reliefs: Fröhner, M. de Fr. pl.
34, 4. Müller- Wieseler 2, 152. Arch. Ztg. 34
Taf. 10 nr. 15. Millin , g. m. 64 , 242 (Cip-
pus). Matz-Buhn nr. 2302, 2343. Gemmen:
Gori , M. Flor. 2, 88. 8. Wandgemälde Bar-
toli, rcc. de peint. pl. 5 (Titusthermen). Vasen?
1143 Dionysos (thronend, liegend etc.)
Dionysos (in d. Kunst; Mythen)
1144
Münzen: Smyrna Streber, num. gr. reg. Bav.
t. 4, 3.
IV. Darstellung bestimmter Mythen und
mythischer Beziehungen.
Thronender (sitzender) Dionysos.
Beispiele für würdevolles Thronen liefern:
wahrscheinlich der Parthenonfries (siehe oben
p. 1127, 6), Gardner 13, 4. M. Borb. 13, 10. 14,
21 (= Zahn 3, 92). Müller- Wieseler 2, 361.
hi gemessener Haltung sitzt auf Felsblock die
Statue vom Thrasyllosmonument (vergl. Ger-
hard, a. B. 82, 1. Schöne, gr. Bel, 27, 110.
Millin, peint. de v. 1. 5 u. 53). Doch zeigt
sich auch schon auf Münzen des 4. Jahrh. das
genrehafte Motiv des auf dem Panther sitzen-
den Gottes, Gardner 9, 6. Genrehaft ist auch
die Auffassung in der Statue Clar. 686, 1611,
wo- der Gott unbekleidet in lässiger Ruhe auf
einem Block sitzt, neben sich seinen Panther.
In einer ähnlichen Situation mufs der Farne-
sische Torso (Clar. 683, 1599. Friederichs
nr. 437) gedacht sein, nur mit umgekehrter
Verwendung der Seiten und erheblich stärke-
rer Drehung nach links. Ein spielendes und
nicht erfreuliches Bild giebt der auf einem
Löwen sitzende Dionysos, Clar. 685, 1610.
( Matz-Duhn nr. 358).
A. Zuriickführung Hepliaists.
Die seit alter Zeit (Fran^isvase) beliebten Dar-
stellungen dieses Mythus kennen nur den bärti-
gen Dionysos, selbst da, wo neben ihm Hephaist
jugendlich gebildet ist. Vgl. oben pp. 1096.
1108f. 1115. und die Zusammenstellung El. cer.
10 1 pl. 41 — 49; über den amykläischen Thron
oben p. 1101. Ein Gemälde im athenischen
Heiligtum, Baus. 1, 20, 3.
B. Tyrrhenische Seeräuber.
Selten dargestellt, in andeutender W eise auf
einer schwarzfigur. Vase (bärtiger Dion.), in
lebendiger Ausführung am Lysikratesdenkmal.
Oben p. 1096 u. 1131. Ein Gemälde bei Plii-
lostr. imag. 1, 19.
tte
20
Liegender Dionysos.
Für den auf Maultier gelagerten Dionysos
(vgl. den bärt. Dionysos p. 1103, 48) giebt das
Vasenbild Müller- Wieseler 2, 366 ein sicheres
Beispiel; vergl. auch das Mosaik bei Bartoli,
sepolcri t. 14. Sehr verschieden ist die Auf-
fassung bei Clar. 696, 1610 A, gewifs nicht
ein „ Bacchus ivreu, sondern ein angeheiter-
ter Satyr (vgl. Michael. Marburg Hall nr. 11
und Mon. Annal. Bull. 1854 p. 119 tav. 40,
p. 59 tav. 14). Unter den Statuen, welche ehren
auf dem Boden gelagerten Dionysos darstellen,
ist Clar. 273, 1592 (Midier- Wieseler 2, 360)
wohl gar nicht hergehörig (der herankrie-
chende Knabe hat mit Dionysos nichts zu
schaffen). Ebenso zweifelhaft ist Clar. 681,
1594, dagegen wohl anzuerkennen 683, 1604
(Nebris und Panther sind alt) als ein Dionysos
in später dekorativer Auffassung.
C. Einkehr bei einem begnadeten Sterblichen.
Ein früher Stoff der bildenden Kunst, wie
die alten Tlionbilder bei Paus. 1,2,6 (Am-
phiktyon bewirtet Dionysos u. andere Götter)
beweisen. Uber die zusammengehörige Reihe
der am ehesten wohl auf den Besuch bei
Ikarios bezogenen heilenist. Reliefs vergl.
oben p. 1115 f. Der Gott ist hier stets bärtig.
Beispiel für die Einkehr eines jugendli-
30 che n Dionysos (Gewand 2) ist ein Pariser
Relief Arch, Ztg. 1881 Taf. 14. Der Begna-
dete hat rasierten Portraitkopf. Der Reliefstil
folgt der vorhellenist. Weise, die Erfindung
hat schwerlich (wie Denelcen will , Arch. Ztg.
1881 p. 275) vor den Ikariosreliefs die Priorität.
Letztere haben mehr innere Einheit der Kom-
position, das Pariser Relief dagegen kontami-
niert das sogen. Totenmahl und die Einkehr
des Dionysos (letztere unter Entlehnung eines
40 vom bärtigen Dionysos stammenden Typus
(vgl. oben 1115, 20).
Dionysos ln Gruppen.
Das beliebteste, vom bärtigen Dionysos (vgl.
p. 1103, 48) entlehnte Motiv ist der von
einem Begleiter um den Leib gefafste und ge-
stützte Gott. Vortrefflich ist die Gruppe Fejer-
vari (Mon. Ann. Bull. 1854 p. 81 tav. 13): zu
dem in stolzer Ruhe ausschauenden Gott blickt
Silen begeistert .empor, indem er seine Hüften
umfafst hält. Ähnlich die Kolossalgruppe in
Parma (Bianchini , del pal. de' Cesari tav. 19.
Hütschlce 5 nr. 956). Vergl. Clar. 274, 1569
(Dionysos u. Papposilen). Dionysos auf jugend-
lichen Satyr gestützt: Clar. 694, 1633. 1635.
691 , 1627 etc. Dionysos und Eros (oben
p. 1142; vgl. Clar. 691, 1627). Dionysos und
Ariadne (Bakchantin) : Clar. 697, 1634 (Mi-
chael. Marb. Hall. nr. 8). Keimte, Terracott.
2, 48. 1. Gruppen zu drei Figuren vgl. oben
p. 1135, lff. unter A. olv oipevog. Uber Diony-
sos, Methe u. Satyr von Praxiteles (Plin. 34,
69) vgl Overbeck, Schriftquellen nr. 1203.
D. Gigantomachie.
In dieser besonders auf Vasen beliebten
Darstellung ist vor der hellenistischen Zeit nur
der bärtige Gott üblich. Vasen oben p. 1096,
1099, 1106, Delph. Metope 1104. Jugendlich
gebildet war Dionysos aller Wahrscheinlich-
keit nach in dem von Attalos I. nach Athen
50 gestifteten Weihgeschenk (Paus. 1, 25, 2. Flut.
Anton. 60). Jugendlich erscheint er am per-
gamen. Altarfries (Ergehn. I p. 53 E, Gewand
2), auf der Vase v. Miio (Mon. gr. 1875 pl. 1. 2
= Hell. Stud. 1882 p. 16 Gewand 5) ; hierher
ziehe ich endlich auch das oft besprochene
Vasenbild Minervini, mon. ant. ined. 1, 21.
22, wofür die Begründung demnächst an einem
andern Ort. — Litteratur: Stephani, C.-B.
1867 p. 16811’. p. 182 ff. O. Jahn, Annali 1869,
60 1 76ff. Overbeck, Zeus p. 339ff. Heydemann,
Winclcelmannsprogr. 1881 p. 11 ff.
In den Darstellungen der folgenden Sagen-
stoffe (E— H) erscheint der Gott ausschliefslich
in jugendlicher Bildung (vgl. oben 1130 f.).
E. Lykurgos.
Ein Gemälde im athenischen Heiligtum,
Paus. 1 , 20, 3. Unter den erhaltenen Denk-
1145 Dionysos (in d. Kunst; Mythen)
malern zeigen den Gott thätig eingreifend oder
als beteiligten Zuschauer ein neapler Mosaik
(Gerhard, Neapels ant. Bildw. p. 143), ein Re-
lief in Frascati (Matz-Duhn nr. 2269. Müller-
Wieseler 2 , 441). Hierher gehört auch die
Vase v. Canosa (Zoega, Äbli. 1,3), auf wel-
cher die Figur links von Lykurgos nicht eine
Mainade ( RWc/cer), sondern Dionysos selbst ist
(Gewand 2). Auf der Vase Müller -Wiesel er 2,
442 bildet er mit seinem Thiasos das ruhige
Gegenbild der Rückseite zu der Raserei des
Lykurgos auf der Vorderseite. In der Mehr-
zahl der hergehörenden Darstellungen ( Wel-
cher, a. D. 2, 94—112. Stephani, C.-R. 1867
p. 184. Heydemann , Arch. Ztg. 1872 p. 67)
ist der Gott gar nicht gegenwärtig. Fremd
ist die von Lenormant hielierbezogene Gemme
Müller- Wieseler 2, 452.
F. Pentheus.
Ein Gemälde im athen. Heiligtum (Paus. 1,
20, 3) und bei Philostr. 1 , 18. Iu letzterem
war der Gott gegenwärtig und stachelte die
(Weiber zur Wut an. Gegenwärtig war er wohl
auch in dem rechts fragmentierten Sarkophag
Matz-Duhn 2266. Müller- Wieseler 2, 437. Auf
dem Vasenbild ibid. nr. 436 bildet er das
; ruhige Gegenstück der Rückseite , Münch.
I nr. 807 fehlt er ganz. Vgl. Welcher zu Phi-
lostr. a a. 0. 0. Jahn, Penth. u. die Maina-
den 1841. Stephani, C.-R. 1867 p. 183f. Dil-
they in der Arch. Ztg. 31 p. 78 ff. (bes. p. 79,
Anm. 5).
G. Proitiden.
Darstellungen dieser Sage selten, Müller-
Wieselcr 1 nr. 11 (Vase). Chabouillet , cab.
Foidd nr. 394 (Gemme).
H. Besiegung des Orients. Indischer Triumph.
Auf Heereszügen in barbar. G egen-
i! den (vgl. Eurip. Bacch, 13ff.) ist der jugend-
i. liehe Gott in einigen Reliefs dargestellt, ohne
dafs die Gegner speziell als Inder charakteri-
1 siert wären, z. B. Müller-Wieseler 2, 444 (Ge-
wand 6). [Der ebendas, nr. 447 angeblich darge-
i stellte baktrische Triumph des bärtigen Dio
> nysos ist oben p. 1110,30 aus dem bakchischen
Kreise ganz gestrichen worden.] Barbaren u.
i Amazonen als Gegner des Gottes: Müller- Wie-
\ seler 2, 443. Seit den Kriegszügen Alexanders
d. Gr. liebte man es als Prototyp des jugend-
lichen Königs den jugendlichen Gott darzu-
stellen im Kampf gegen die Inder (Clar. 126,
108?) und besonders im indischen Triumph
(vergl. oben p. 1119 und Welcher, Götterl. 2,
624ff Preller, Griech. Myth. I3, 579f). Dem
Beispiel der hellenistischen Herrscher (über
die grofse Prozession des Ptolem. Philad. zu
Alexandria Kallixen. b. Athen, p. 200) folgten
; die römischen Feldherren (Preller, röm. Myth,
23 p. 368) und die Kaiser. Daher die auf röm.
Sarkophagen bis in spätere Zeit so beliebte
Darstellung dieses Gegenstandes, für welche
Stephani, C.-R. 1867 p. 164 viele Beispiele bei-
bringt. Charakteristikum ist die Verwendung
von Elefanten (Diod. 3, 65, 8; vergl. auch
Athen, a. a. 0.), für den Typus des Gottes
Dionysos (in d. Kunst; Mythen) 1146
aber bringen diese Darstellungen nichts Neues;
bald erscheint er im solennen Chiton poderes
(vgl. oben p. 1139), bald im blofsen Himation
(M. Pio-Cl. 1, 33. Clar. 144, 109), bald nur mit
der Nebris, Mülin, g. m. 61, 237. Zoega, Bas-
siril. 1, 7.
I. Dionysos u. Semele.
Am Bathron des amykläischen Thrones
waren Dionysos und Semele stehend und neben
letzterer Ino dargestellt, Paus. 3, 19, 4. Die
Heraufholung Semeles aus der Unterwelt ist
auf älteren Bildwerken nicht nachzuweisen, da
die Deutung der beiden durch Inschrift als
Dionysos und Semele gesicherten Köpfe der
schwarzfigur. Vase bei Gerhard, ah. Abh. Tf. 68
auf die Anodos von Strube, Bilderhr. v. Eleu-
sis p. 69 als nicht stichhaltig erwiesen wor-
den. Jedenfalls aber weist dies Bild den ähn-
lichen, von Gerhard auf eine Epiphanie des
Dionysos u. der Kore gedeuteten Darstellun-
gen (ah. Abh, Taf. 68, 3) ihre richtige Stelle
an. Auf der archaischen Hydria Gerhard, etr.
u. camp. Vas. 4, 5 tritt zu dem auf Wagen
stehenden Dionysos eine Frau, nach der undeut-
lichen Inschrift Semele. An die Einführung in
den Olymp zu denken fehlt der Anhalt. Im
alexandrin.- römischen Zeitalter waren die Be-
ziehungen des ( j u g e n d 1 i c h gefafsten) Dionysos
zu seiner wiedergewonnenen Mutter ein belieb-
tes Thema der Kunst. So war die Herauf-
führung dargestellt unter den Säulenreliefs am
Tempel der Apollonis zu Kyzikos, Anthol. Pal.
3, 1 (in feierlicher Prozession Hermes, Diony-
sos, Semele und Thiasos). Vielleicht dasselbe
meint das Vasenbild Welcher, a. D. 3, 13
(vgl. Jahn, Vasenbilder p. 16 A. 12 u. Münchener
Vasenhatal. Einleit. p. 205). Der Gerhardsche
Spiegel (Etr. Spiegel 1, 83 = Müller-Wiese-
ler 2, 308) zeigt Mutter und Sohn in zärt-
licher Umarmung stehend; Apolls Anwesenheit
deutet auf das Delphische Heroisfest nach
Müller , Arch. § 384, 5. Dieselbe Darstellung
hat Wieseler in einer Berliner Pasta erkannt,
Müller- Wieseler 2 , 430. Eine etwas abwei-
chende Ausdrucksform derselben Vorstellung
giebt die Vase Millin, g. m. 60, 233 (Se-
mele sitzt, im Schofs den jugendlichen Sohn).
Iu den angeführten Beispielen ist das Verhält-
nis von Mutter und Sohn in der kleineren,
knabenhaften Bildung des Dionysos deutlich
bezeichnet. Dies vermifst man bei einem im
übrigen dem obigen Vasenbild verwandten
Münztypus von Smyrna (Streber, num, gr. reg.
Bav. Taf. 4, 3), doch wird man hier mit dem
Herausgeber Dionysos und Semele anerkennen
dürfen. Zweifelhaft wird aber die Sache beim
Cameo Müller- Wieseler 2, 431, einer allem An-
schein nach erotischen Scene. Und Semele
unter Umständen nicht als Mutter, sondern als
Geliebte oder Gattin des Dionysos zu fassen,
wie Gerhard, ah. Abh. 2, 208 A. 106 u. an-
dere nach ihm wollen, liegt durchaus kein
Anlafs vor (vgl. Welcher, Götterl. 2, 594, 65).
Daher ist hier wohl die Übertragung eines
für Dionysos und Semele erfundenen Motivs
auf Dionysos und Ariadne anzunehmen. Semele
als teilnehmende Zuschauerin bei einer Liebes-
1147 Dionysos (i. d. Kunst; Mythen)
Dionysos (i. d. Kunst; Mythen)
1148
scene: Archäol. Ztg. 1859 Taf. 131 , und wohl
auch als vvgcpsvTQict im Hochzeitszug: Müller -
Wiesel er 2, 422 u. M. Pio-Cl. 4, 24.
K. Ariadne.
Abgesehen von einigen unerklärten Vasen-
bildern, welche Dionysos als Verfolger
einer Frau (Jalm, Beiträge p. 33, 77. C.-B.
1881 Taf. 1 , 5) zeigen , deren Benennung als
Ariadne fraglich ist, abgesehen andererseits von io
den seltenen Fällen, wo das vom Gott ausge-
zeichnete Weib inschriftlich anders benannt
ist (wie Müller- Wieseler 2, 584 in sehr klarer
Allegorie Eirene), ist die Geliebte und Gattin
des Dionysos A riacl ne. Dieser alten Vorstel-
lung ( Hesioä Tlieog. 984) folgt die Kunst seit
alter Zeit. Welcher s Vermutung in Bezug auf
den Kypseloskasten ( Götterl . 2, 594) ist zwar
sehr gewagt, aber nicht zu beanstandende Bei-
spiele liefern die Vasen vom schwarzfigurigen 20
Stil beginnend: Benndorf, griechische u. sicil.
Vasen 53. Mon. dell' Inst. 10, '8. Gerhard,
a. V. 4, 246, 2. Etr. u. camp. Vas. 6, 7
(Theseus, Athena, Dionysos, Ariadne), Mül-
ler-Wieseler 1, 210b. Mon. d. Inst. 5, 35. Pa-
noflca , Dion. u. TTvyiad. 3, 12. Müller- Wiese-
ler 2, 582. Annali 1878 tav. H. , endlich der
münchener Sarkophag (Brunn, Glypt. nr. 100.
Müller- Wieseler 2, 422, neu abgebildet Bau-
meister, D. Fig. 491), mit Hochzeitszug und nach 30
Weise der älteren dekorativen Kunst bärtig
dargestelltem Dionysos. Ungleich häufiger
wird in der späteren Zeit der jugendliche
Dionysos mit Ariadne verbunden: 1) die Auf-
findung der schlafenden Ariadne, in
zahllosen Beispielen variiert, wird wegen der
sinnlich reizenden und sentimentalen Motive
von Jahn, Beitr. p. 298 f. erst der alexandrin.
Zeit zugewiesen, Litteratur oben p. 545. In
einem hübschen Bronzerelief bei Sachen Taf. 40
48, 6 trägt Dionysos e. schleierartig über den
Hinterkopf gezogene Chlamys u. Fackel; ge-’
nau entspricht der Cameo Müller- Wieseler 2,
419. Im Gemälde des athen. Heiligtums (Paus.
1, 20, 3) ist der jugendl. Gott vorauszusetzen;
der bärtige ist für diesen Vorwurf nur ein
einziges Mal benutzt, in einem Vasenbilde
etrusk. Technik, Mon. d. Inst. 10, 51. 2) Der
Hochzeitszug des Paares ist ein fast gleich-
beliebter Stoff; vergl. unter Ariadne p. 546. 50
Falsch zieht hierher eine Münze des Commo-
dus Cohen, med. imp. 22, 333, 646, wo die Fi-
gur neben Dionysos nicht „Ariadne“, son-
dern ein Satyr ist. In dem Relief M. Pio-Cl.
4 , 24 erscheint der Gott auffallend knaben-
haft im Schofs Ariadnes und das Motiv als
eine ungeschickte Entlehnung. 3) Liebe s-
gruppe. Diesen so recht für den hellenisti-
schen Geschmack gemachten Vorwurf beuten
die erhaltenen Denkmäler mit auffallender Zu- 60
riickhaltung aus: in dem Vasenbild Müller-
Wieseler 2, 424 deutet nur der herbeifliegende
Eros auf die erotische Beziehung des sitzen-
den Paares. Eine stimmungsvolle Gruppe giebt
die schöne Vase Mon. d. Inst. 6 u. 7 Taf. 70
(Baumeister, Denlcm. Fig. 491). Das Goldrelief
Arch. Zeitg. 1884 p. 93 zeigt beide behaglich
nebeneinander sitzend , ähnlich Müller- Wiese-
ler 2, 426 u. 432 a ( Matz-Duhn nr. 2344). Die
Frau wird hier wegen des Tympanon von einigen
für Kybele erklärt). In Umarmung hinschrei-
tend auf der Vase M. Borb. 13, 15 und in der
statuar. Gruppe Clar. 694, 1634 (Michaelis,
Marburg Hall nr. 8). In lebhaften Farben sinn-
lichen Reizes ist die Liebesgruppe geschildert
nach einer mimischen Darstellung bei (Kenoph.
conviv. 9 und bei Apollon. Argon. 4, 423 [auf
seinem Purpurpeplos ruht Dionysos weinselig
(dnQOxcihä, oi'vcg xod vsmoigi.) und schlingt den
Arm um den Leib der schönen Minostochter],
zu solcher üppigen Auffassung scheinen aber
bildliche Belege zu fehlen, man vergl. allen-
falls das Relief bei Pistolesi, Vat. descr. 5, 39
(Friederichs, Bausteine 633), das übrigens aus
einer Darstellung des Hochzeitszuges zu stam-
men scheint, und Clar. 138, 155 (Dionysos u.
Ai’iadne auf Wagen in bakchischem Zug).
L. Dionysos und Kora?
Unter allen zu Dionysos in Bezug treten-
den Figuren ist am schemenhaftesten Kore.
Eine Annäherung des Dionysos an die cerea-
lischen Gottheiten lag freilich nahe genug und
sie hat stattgefunden , wie der eleusinische
Knabe Iakchos und der orphische Zagreus
beweisen. Von hier aus kommt man aber nur
zu einem mütterlichen Verhältnis Kores
oder Demeters zu Dionysos. Ein bräutliches
oder eheliches zu Kore aufzustellen blieb der
neueren Forschung, besonders Gerhard Vor-
behalten (über die Anthesterien ; Bilderlcreis
von Eleusis). Das Mifsliche seiner ganzen
Hypothese begann Gerhard selbst im Verlaufe «
seiner Untersuchungen zu fühlen (Akad. Abh. \
2, 183); ihre Unhaltbarkeit ist aus den Bild- 1
werken gut erwiesen von Strube, Bilderkreis J
von Eleus. p. 64 ff. Die an den Anthesterien |
dem Dionysos vermählte ßaothvv a ist nicht
Stellvertreterin Kores (Böttiger, 0. Müller, j
Gerhard ), wohl auch nicht Ariadnes (Thier sch, I
Strube), sondern des athenischen Volkes (Prel-
ler, gr. Mythol. I3, 554. Mommsen, Ileortolog.
359 A. 3), die auf den Denkmälern mit Dio-
nysos verbundene Frau (abgesehen von Mai-
naden und bakchischen Personifikationen, Mül-
ler, Arch. § 388, 5) entweder Semele (oben J)
oder Ariadne (oben K).
In dem aus Anfang des 5. Jahrh. stammen-
den röm. Kulte Cereris Liberi Liberaeque wur-
den allerdings die altitalischen Vorstellungen
von Liber und Libera den griechischen von Dio-
nysos und Kore gleichgesetzt, aber die von
den Hellenen dem Gott allgemein gesellte Ge-
nossin war doch so mächtig, dafs selbst die
röm. Libera von Ovid fast. 3, 512; met. 8, 170
für Ariadne genommen wird, was bei der grie-
chisch. Benennung von Doppelköpfen wie Mül-
ler-Wieseler 2, 428 u. Pistolesi, Vat. descr. 6,
104 zu berücksichtigen ist.
Auf einem Relief des eleusin. Kreises (Mül-
ler-Wieseler 2, 117. Overbeck, Atl. Taf. 16)
sieht man an die Schulter Demeters gelehnt
einen Jüngling von Dionysischem Habitus,
doch ist hier entweder der eleusin. Iakchos
unter Benutzung des gewöhnlicken Dionysos-
typus dargestellt oder mit Overbeck, Demet.
8-
I
J”
s»
Fi
rDi
;|>j
«er
gut
seh
ist
anc.
p.l
der
röm
Dul
Lau
1
an?i
seit:
pro!
Dk
verr,
sprai
gefol
feite
ileiü
stellt
ffljst
bakc
titele
Im»
lia 1.
km
Birst
itamri
kt d
V.
i Na
8%i
«Her J
fei 81
Sbt 1
fednj
fcfio
feeni
fci
feld
feer,
*®!tl
1149 Dionysos (Stierbakchos)
u. Kora p. 550 und 572 zu erklären. Wo
einmal ein echter Dionysos im eleusinischen
Bilderkreise erscheint, wie (7.-2?. 1859 Taf. 2
(Gerhard, ah. Abh. Taf. 77), spricht die Art,
wie er abseits von der Hauptgruppe angebracht
ist, deutlich genug.
Eine offenbar cerealisch gefafste Frau in
enger Verbindung mit Dionysos zeigen erst
spätere und zudem vereinzelte Darstellungen,
der Cameo Carpegna Müller- Wieseler 1 , 116, i
eine Homonoienmiinze von Kyzikos u. Smyrna
ibid. nr. 115 u. dergl. , worin der Bund der
guten Gaben Brod u. Wein und nicht mehr zu
sehen sein wird.
M. Dionysos als Horenfiilirer
ist eine alte Vorstellung (Framjoisvase; vei’gl.
auch Pliilochor. fr. 18 u. das archaist. Relief ob.
p. 1120, 59), Dionysos unter den Genien
der 4 Jahreszeiten ein beliebter Gegenstand 2
röm. Sarkophage, Müller- Wieseler 2, 965. Matz-
Duhn nr. 2355 etc.; vgl. auch das Mosaik von
Lambese, Gas. Arch. 1879 pl. 22.
N. Mystisches.
Dafs sich an Dionysos ein mystischer Kult
angeschlossen, ist ebenso sicher, wie anderer-
seits unwahrscheinlich , dafs von diesen vor
profanen Blicken gehüteten ( Theocr . Id. 26, 14)
Dingen der überkommene Denkmälervorrat viel 3
verraten werde. Der schrankenlosen Mysterien-
theorie früherer Zeiten ist seit 0. Jahns (Ein-
leitung zur Vasens. p. 137) und anderer Ein-
sprache eine nüchternere Betrachtungsweise
gefolgt. Wir gehen auf dieses Thema nicht
weiter ein und bemerken nur soviel: Eine
kleine Gruppe von Bildwerken (bes. Reliefs)
stellt offenbar die Einweihungsbräuche eines
mystischen Kultes dar, wie man meinte, der
! bakchischen Mysterien (vgl. Wieseler im Text 4
«I zu den Denhm. 2 nr. 606 f.). Aber eine 1879
entdeckte Marmorvase und die Zusammenstel-
lung aller verwandten Monumente durch Ersi-
' ! lia Lovatelli im Bull, della comrn. arcli. di
<! Roma 7 p. 5 ff. beweist schlagend, dafs diese
' Darstellungen dem eleusinischen Kult ent-
i| stammen. Baumeister , Denhm s. v. Bacchus
hat dies aufser acht gelassen.
V. Sonderbildungen des Dionysos. 5
A. „Stierbakchos".
Nach der schriftlichen Überlieferung war
einigen Lokalkulten, offenbar als Vermächtnis
alter Zeit, die Vorstellung des Dionysos unter
dem Symbol des Stieres eigentümlich; doch er-
fährt man nicht, wie weit dieser Vorstellung
Ausdruck gegeben worden. Zu Argos hiefs
der Gott ßovysvrj g, in der Anrufung der elei- &
j sehen Frauen ist er geradezu als Stier gedacht
' (Schömann, gr. Altertli. 23 p. 500), ob auch in
dem Idol zu Kyzikos Athen, p. 476a, ist nicht
| sicher, wenn auch wahrscheinlich, da bei Athe-
naios ravQÖgoQcpog eine Steigerung zu dem vor-
hergehenden KSQcczocpvri zu bilden scheint. [Dafs
in Campanien d. " Hßcov (Macroh. sat. 1, 18, 10)
Istierleibig dargestellt worden, ist eine unricli-
Dionysos (Stierbakchos) 1150
tige Annahme auf Grund falsch erklärter Münz-
typen]. Die Dichter geben nur für die Dar-
stellung mit Stierhörnern Anhalt: Soph.
frgm. 871 Nauck: 6 ßovnsQ(og "iccn^og, Eurip.
Bacch. 99: ravQoyiSQcov &sov (ibid. v. 1017 u.
920 ff. beruhen auf der Vorstellung des d. <xX-
XoiogoQtpog), vgl. auch den Sophisten Stesim-
brotos bei Tsetzes zu Lyc. 209. Es ist mög-
lich, dafs dieser Vorstellungskreis auf altthra-
0 kisehen Einflufs zurückgeht; vgl. Diod. 4, 4, 1
u. ob. p. 1112, lOff. Jedenfalls ist er in den bil-
denden Künsten früh zurückgetreten, da aus
älterer Zeit Beispiele für Stierbildung oder
auch nur für Stierhörner fehlen. Die alte
Streitfrage, ob auf den Münzen mehrerer Städte
der Stier mit Menschenkopf (bisweilen auch
Mensch mit Stierkopf — Metapont) auf Diony-
sos gedeutet werden dürfe (die Litteratur bei
Sachen, ant. Br. des Wien Cab. p. 59 ff. , der
0 sich bald für Dionysos, bald fiirFlufsgötter (s.d.)
entscheidet, ähnlich Gardner the types of gr.
c. p. 88 f. und Rapp, Bez. des Dionysoskults
p. 18 u. 23), führt zu einem negativen Resul-
tat. Anders steht es mit der anthropomorphi-
schen Bildung unter Beigabe von Stierhörnern.
Ist dann das Tierische auch noch durch rohen
Gesichtsausdruck und Stierohren verstärkt
(Retterin rec. de med. 1, 13, 9 Thyreion, ibid.
nr. 16 u. 17 Oiniadai. Sacken a. a. 0. 26, 6.
0 29, 14. Müller- Wieseler 1, 303. 2, 379), so ist
die Deutung auf Dionysos gewifs abzulehnen,
hingegen ein Stierbakchos anzuerkennen bei
idealer Gesichtsbildung (Stierohren dann mei-
nes Wissens auf Doppelköpfe des Dionysos
und Ammon beschränkt, Pistolesi, Vat. elescr.
6, 103. Berliner Heroensaal nr. 13 u. 14)*) und
genügenden Hinweisen auf den bakchischen
Kreis. Nur sind derartige Beispiele verhältnis-
mäfsig späten Datums. Wieseler bringt zwar
0 Denhm. 2, 378 nach Peilerin eine oft citierte
theb. Silbermünze besten Stils bei, aber dieselbe
zeigt so auffallende Übereinstimmung mit der
bekannten Reihe thebanischer Münztypen (oben
p. 1105), dafs man das Horn in der Abbildung
Pellerins nur für ein verkanntes (weil schlecht
erhaltenes) Eplieublatt (resp. Ranke) erklären
kann. Sicher ist aber die altertümliche und
verschollene Bildung des Gottes unter den
Diodochen zu neuem Leben erwacht. Das
0 bezeugen zahlreiche Münztypen , welche die
hellenistischen Herrscher (nach Alexanders
Vorgang) unter dem Bilde des jugendlichen
stierhörnigen Gottes verherrlichen, z. B. Clar.
1035, 3038 (Seleukos I), Gardner 12, 19 (De-
metr. Poliork.) und Text p. 196. Zu diesem
in hellenistischer Zeit auftretenden neuen (er-
neuerten) Bildungsprinzip stimmt aufs beste
die von Benndorf -Schöne gemachte Beobach-
tung, dafs der gehörnte Dionysoskopf des
» Lateran (nr. 236) den Gesichtstypus der Ly-
sippischen Schule zeige (über verwandte
Köpfe vergl. oben p. 1131). Hieran schliefst
sich der noch jüngere Kopf des Capitols,
s. oben p. 1137 Fig. 16. Auch in dem Ge-
*) Der Kopf mit „Ziegenohren11 Coli. Greau, br. ant.
nr. 167 ist schwerlich Bakchos ( Fröhner ). Vergl. Bar -
toli, sepolcri tav. 24.
1151 Dionysos (mit Widderhörnern?)
Dionysos (geflügelt etc.) 1152
mälde hei Philo.str. 1 , 15 (Überraschung der
schlafenden Ariadne), hat der Gott nsQug vitsv.-
epvopsvov r. XQOTctcpcov und als Streiter gegen
die Inder bei Lucian Bacch. 2 ist er KSQctacpoQog.
In die Vasenbilder ist dieser Typus kaum einge-
drungen. Zwar spricht Gerhard, a. I). zu Taf. 59
von kleinen Hörnern hinter der Binde des Got-
tes, doch düifte eine Prüfung des Originals
wohl Epheublätter ergeben (die angebliche
Dionysosherme mit Hörnern auf dem Vasenbild
bei Gerhard, alc. Ahh. Taf. 67, 2 wurde oben
p. 1122, 46 als ein Hermes mit Petasos erkannt).
Die von dem alexandr. Zeitalter gegebene An-
regung (vgl. auch Lykophr. Kass. 209 u. Pau-
san. 10, 15, 2) wirkt in römischer Zeit fort,
wie Tibull 2, 3. Hör. carm. 2, 19. 29. Ov. Met.
4, 19 zeigen u. Flut, de Is. et 0. 35 berichtet:
rtxvQoyoQcpcc (stierhörnige) Aiovvoov noiovai
dycclpatcc noXXol zcöv EXXrjviov. Eine andere
Art die symbolische Beziehung des Stiers zu
Dionysos auszudrücken liefert eine merkwür-
dige Statuette , welche den Gott mit einer
mächtigen Stierhaut bekleidet vorführt, Wel-
cher, a. I). 5, 2. Annali 1857 p. 146. Hierher
gehört auch der weinbekränzte Kinderkopf des
Berk Museums (Arch. Ztg. 1851 Taf. 33), des-
sen Hinterhaupt in einen Kalbskopf ausläuft.
jugendlichen Ammonideals neben dem bärtigen
nichts Auffälligeres als in der Existenz eines
jugendlichen Dionysosideals. Stephani sieht
in der Vatikan. Doppelherme ( Pistolesi 6, 103)
eine Gegenüberstellung des allgemein griechi-
schen Stierbakchos und des nordafrikanischen
Widderdionysos (jugendlich , mit Anflug von
Bart) ; dafs hier indessen als Gegenstück zu
Dionysos nur Ammon gedacht sein kann, be-
10 weisen zwei Berliner Doppelbiisten (Heroen saal
nr. 13 u. 14), in welchen dem jugendlichen
Stierbakchos der gewöhnliche Typus des voll-
bärtigen Ammon entgegengesetzt ist.
B. Dionysos mit Widderhörnern?
Der Versuch diesen Typus aufzustellen ist
nicht neu, vgl. z. B. Sestini, statere ant. p. 72,
8 Münze von Abydos: caput Bacchi imberbe
cum cornu ariclis u. Cornbe , num. m. Br. p. 153
zur Münze von Tenos. Wieseler im Text zu den
Denkmälern 2, 411 und 481 schwankt zwischen
Dionysos und Ammon L. Müller , num. de
Tune. Afr. 1 p. 101 nimmt, gestützt auf Dio-
nysios bei Diod. 3, 73 u. Leon bei Hyg. poet.
astr. 2, 20, die Widderhörner entschieden für
den libyschen jugendlichen Dionysos, den
Sohn Ammons in Anspruch und denkt diesen
Typus weit über seine ursprüngliche Heimat
hinaus wirksam. Ihm schliefst sich an Ste-
phani, C.-B. 1862 p. 76. Dafs der bärtige
Kopf mit Widderhörnern überall Ammon dar-
stellt, wird schwerlich bestritten werden;
dafs cler jugendliche ein Dionysos sein soll,
erregt doch Bedenken. Diodor teilt Ammon
und Dionysos nur öpoiuv nqoGoxpiv zu , bei
Hygin scheinen allerdings beiderseits Widder-
hörner gedacht zu sein, doch darf man auf
diese Stelle kein zu grofses Gewicht legen.
Allenfalls liefse sich eine lokale kyrenäische
Assimilation des Dionysos an Ammon denken;
aber soll man eine solche auch auf Münzen
von Abydos, Thasos, Mytilene, Tenos, Meta-
pont, Nuceria erblicken? Wie viel einfacher
ist die Anerkennung eines jugendlichen
Ammon in allen Fällen. Dieser Typus scheint
nicht erst durch Darstellungen Alexanders mit
ammonischen Attributen (z. B. auf Münzen des
Lysimachos, ob. S. 290, Gardner 2, 16) ins Leben
gerufen, sondern schon früher in der Kyrenaike
ausgebildet worden zu sein, da L. Müller a. a. 0.
p 64 bemerkt, dafs der widderhörnige Jüng-
lingskopf vereinzelt bereits in der voralexan-
drin. Epoche auf Münzen von Kyrene erscheine,
und in der That liegt in der Ausbildung eines
C. „Löwendionysos“?
Die Bereicherung der Kunstmythologie durch
diesen Typus verdankt man Panoflca ( über
Deimos und Phobos Anm. 12), welchem sich
Gerhard (Text zu den a. B. p. 104 Anm. 154)
20 auschliefst. Dazu die beiden Bildwerke Mül-
ler-Wieseler 2, 384 und 385. Die Hypothese
gründet sich auf den J. im Tempel
des Gottes zu Samos, über den Eratosthenes ,
Eupliorion und vermutlich auch Polemon (fr.
71. C. Müller) gehandelt hatten, Plinius 8, 58
und Aelian, n. a. 7, 48 kurz berichten. Bei
letzterem ist die betreffende Stelle sehr ver-
derbt, doch scheint sie wenigstens keinen
„Dionysos mit Löwengesicht“ zu meinen, eher
30 einen mit einem Löwen gruppierten Dionysos,
denn bei Aelian soll das samische Bild eine
Parallele zu der vorher erzählten Geschichte
von Androklos abgeben. Freilich bleibt dabei
unverständlich, wie der Gott selbst w. exgvcog ge-
nannt werden kann, eine Schwierigkeit, mit
welcher sich Welcher, Götterl. 2, 626 zu leicht
abfindet. Auch bei Kallim. ep. 48 finde ich
keine Lösung des Rätsels (hier Bakchosmaske ?)
40 D. Geflügelter Dionysos (mit Flügeln über
den Schläfen).
Pausanias berichtet 3, 19, 6, dafs in Amy-
klai Dionysos als W Hai, verehrt werde, ipiXa
yccQ ■kuXovgiv oi Acoqlsis tu 7ct(qu. Dafs diese
Lokalvorstellung eine weitere Verbreitung ge-
funden, hat aus den Denkmälern nachzuweisen
gesucht E. Braun, Kunstvorstellungen d. ge fl.
D 1839. Mehrere der daselbst zusammenge-
stellten Monumente hat dann Panoflca, Abh.
co der Berl. Akad. 1857 p. 171 — 76 für Narkaios,
den Sohn des Dionysos von Physkoa (Paus. 5,
16, 5), m Anspruch genommen. Doch wird
man Dionysos zuweisen dürfen: 1) Das Flo-
re nt in. Relief, Braun Taf. 1 = Müller- Wie-
scler 2, 388. Das hier erscheinende Schleuder-
diadem ist bei Dionysos wohl ungewöhnlich,
aber doch zu belegen durch den Kopf vom
Eurysakesmonument (Stephani, Ind. Schul. Dorp.
1850 Taf. 5), die vatic. Doppelbüste Pistolesi
oo 6, 104 und das archaisierende Relief Müller-
Wieselcr 2, 549. 2) Den Kopf von Narni
(in Berlin) bei Braun Tf. 2 — 4 (Müller- Wieseler
2, 387), Panoflca a. a. O. Taf. 2, 1. Das
schleierartige Tuch, welches vom Scheitel nach
beiden Seiten herabfällt, ohne den Hinterkopf
zu verhüllen, ist ganz singulär. 3) Das Vasen-
bilcl Braun Taf. 4, 2. Panoflca 2, 3: In den
Händen Thyrsos und Rosenzweig (Braun), statt
■Irr?.
IW
Mat
■ha
llidN'k
» dort ■
Ml. /
Phter <
rhhflli
1 «9. s,
1153 Diopan
dessen Panofka einen Mohnstengel erblickt.
Fraglicher ist die bärtige, verschleierte Büste
Braun Taf. 4, 4 = Müller- Wieseler 2, 38 G,
deren Flügel unter dem Schleier versteckt sind.
Für Verschleierung bei Dionysos bietet
ein Beispiel der bärtige Kopf einer Gemme,
Müller -Wieseler 2, 343. Was Braun sonst her-
anzieht ist teils noch weniger sicher, teils
ganz fremd, wie die bärtigen Köpfe mit Schmet-
terlingsflügeln (Taf. 4, 1. 3 u. 6 = Müller- Wie-
seler 2 , 389). Dasselbe gilt für den von Le-
normant angeführten Kopf mit Weinrauken -
kranz und einem aus 4 Bienenfliigeln gebilde-
ten Bart ( pierres gravees d' Orleans 1, 59), eine
späte Spielerei. Auch die aus Ranke auf-
wachsenden bärtigen Figuren mit Schulterflü-
geln an den Marmorsesseln Matz-Buhn nr. 3700
u. Berlin nr. 1051 haben schwerlich etwas mit
Dionysos zu schaffen (phantast. Ornamental-
figur).
E. Materialistisches.
Den Vegetationsgott als eine Personifika-
tion seiner edelsten Gabe zu fassen, ist schon
die alte Kunst geneigt. Dahin gehört die naive
Auffassung der Franijoisvase, welche die Schul-
ter des Gottes mit einem grofsen Weingefäfs
ausstattet; dahin gehören die grofsen Wein-
ranken, welche er auf älteren Vasen und Mün-
zen in einer oder in beiden Händen hält. V on
hier aus zur Gleichsetzung von Gott u. Wein
thut den ersten Schritt der- vatikanische
Kopf bei Müller- Wieseler 2, 344, aus dessen
Haupt- und Barthaar Trauben hervorspriefsen.
Vollendet ist die Metamorphose in dem pom-
peianischen Gemälde Gaz. arch. 1880 p. 10
ol. 2: im Hintergründe die Rebengelände des
Vesuv, im Vordergründe — wenn man noch
jo sagen darf — Dionysos, d. h. eine mächtige
Weintraube, aus welcher Kopf, Arme u. Fiifse
les Gottes vortreten. [E. Thraemer.]
Dionysos (etruskischer) s. unter Pu fl un s
etruskisch). [Deecke.]
, Diopan {Aionav) — Pan (s. d.); vgl. C. I.
Ir. 4538. Kaibel, Epigr. gr. 827. [Roscher.]
Diopatra (AionürQci) , eine Nymphe am
)thrys, Anton. Lih. 22; s. Terambos. [Stoll.]
Diopithes (== Deiopites?), von Philoktetes
jetötet, C. I. Gr. 6126 B. [Roscher.]
Diopletlies (AiOTtXfj&rjg) , Sohn des Myrmi-
|ion, Vater des Perieres, Grofsvater des Boros,
Ichol. II. 16, 177. [Stoll.]
Diores (Aimgrig), 1) Sohn des Amarynkeus,
er in 10 Schiffen Epeier gegen Ilion führte
nd dort von Peiroos erlegt wurde, II. 2, 622.
, 517. Baus. 5, 3, 4. Tzetz. Homer. 42. —
) Vater des Automedon, des Waffengefährten
es Achilleus, II. 17, 429. — 3) Sohn des Wind-
lottes Aiolos, Partlien. Erot. 2; s. Polymeie. —
) Sohn des Priamos, Begleiter des Aineias,
amt seinem Bruder Amykos von Turnus ge-
ltet. Er beteiligte sich bei den Leichenspielen
es Anchises am Wettlauf, V erg. Aen. 5, 297.
24. 339. 345. 12, 509. Hygin. f. 273. [Stoll.]
Diorplios (Hiopqpog), ein Sohn des Mithras,
en er mit einem Felsen (der Petra genetrix)
zeugte. Derselbe forderte den Ares zum Zwei-
ampfe heraus, wurde von diesem getötet und
Koscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
Dioskuren (Bedeutg. u. Wesen) 1154
dann in den Berg Diorphon am Araxes in Ar-
menien verwandelt (apokryphische Sage bei
Pseudoplut. de fluv. 33, 4). [Steuding.]
Dios (Aiog) , 1) ein unehelicher Sohn des
Priamos, II. 24, 251. Pherelcydes bei Eustatli.
u. d. Scliol. z. d. hom. Stelle, Hygin. f. 90. —
2) Ein Metapontier, in dessen Hause Melanippe
den Boiotos gebar; zu Dios und nicht zu Me-
tabos (Metapontos) soll Melanippe gebracht wor-
den sein nach Antioch. Syrac. u. Asios b. Strabo
6, 265. — 3) Sohn des Pandoros, nach welchem
die Stadt Dion in Euboia benannt war, Scliol.
II. 2, 538. — 4) König in Elis zur Zeit, wo
der Aitolier Oxylos mit den Doriern in den
Peloponnes einfiel. Um den Besitz von Elis
liefsen sie nicht ihre beiderseitigen Heere, son-
dern nur zwei Krieger kämpfen; der Aitoler
siegte, und Oxylos erhielt die Herrschaft; er
teilte aber dem Dios Ehrenrechte zu, und sein
Volk bürgerte sich im Lande der Epeier ein.
Paus. 5, 4, 2; vergl. 5, 15, 7. Müller, Dorier
1, 61 f. — 5) Sohn des Apollon, Harp. s. v.
MsHrrj. — 6) Sohn des Anthos, Enkel des
Poseidon, Vater des Anthedon, Steph. Byz. s. v.
’Av&gdcov. — 7) Sohn des Apellis, Vater des
Hesiod , Bruder des Maion , des Vaters von
Homer; Hellanilcos , Damastes und Pherelcydes
führten sein Geschlecht auf Orpheus zurück,
Proklus Vit. Hom. p. 25 in Bioyg. Westerm.
S. Müller fr. hist. gr. 2 p. 66, 10. [Stoll.]
Dioskuren (Aiookovqoi; auf Inschriften der
guten Zeit in der Regel Aiogxoqoi, z. B. in
Erythrae Revue archeol. vol. 34, 1877, p. 107 ff'.;
vgl. Phryn. p. 235; dorisch Aioghwqoi, in
Sparta z. B. Inscr. antigu. ed. Röhl add. 62a;
auch zIiog>i6qco Jiog novQoi im Hom. hymn.
33, 1).
I. Bedeutung und Wesen.
Der Name Dioskuren bedeutet die jungen
Söhne oder Helden des Himmelsgottes Zeus.
Ihr zweiter Hauptname Tvvdagidcei, der in äl-
terer Zeit und namentlich an dem ursprüng-
lichen Sitze ihres Kultus, in Lakonien, der
wichtigste gewesen zu sein scheint, bezeichnet
sie als Söhne des Tyndares, des Stofsenden
(Cr. Curtius, Grundz. d. Etymol. 248 S. 226),
was wahrscheinlich ursprünglich eine Benen-
nung des Himmelsgottes war. Sie sind ein
Götterpaar, wie ja auch manche andere Gott
heiten als Paar auftreten; ihr göttlicher Cha-
rakter blieb im Kultus immer bestehen, wenn
auch die Sage sie zu Heroen machte. Das
Natursubstrat ihres Wesens ist im allgemeinen
ohne Zweifel das Licht, doch nicht in seiner
Ruhe, sondern in seinem Übergange vom
und zum Dunkel. Daher sind viele Züge in
ihrem Wesen, die sie trotz ihrer Lichtnatur den
Gottheiten des Erdendunkels nahestellen. Man
hat ihr Natursubstrat spezieller als Morgen- und
Abendstern bezeichnet (vgl. namentlich Wel-
cher, Götterlehre 1 , 606 ff.) ; es mag der Ein-
druck dieser Naturerscheinung, zu der vieles
im Wesen der Dioskuren palst, mit zur Bil-
dung desselben beigetragen haben allein dar-
aus entstanden ist es schwerlich. Ursprünglich
verbunden mit den Dioskuren sind ihre Rosse,
37
io
20
30
40
50
60 1
1155 Dioskuren (Bedeutg. u. Wesen)
die symbolischen Tiere, deren Verbindung mit
den Mächten des Dunkels wie auch des Lich-
tes bekannt ist. Von den Namen KccGzorg und
IJoXvdevAgg wird der erstere fast allgemein
von der das Glänzende bedeutenden Wurzel
Kctd abgeleitet, während der letztere eine be-
friedigende Deutung noch nicht gefunden hat
(vgl. Pape-Benseler, gr. Eigennamen S. 1223 f.;
Welcher, Götterl. 1,610; Schömann, gr. Altert.
2, 533, 9; Preller, gr. Mythol. 23, 95, 2). -Sie
sind von Anfang an vereint mit ihrer Schwe-
ster Helena (s. d.), ebenfalls einer Lichtgöttin,
die als Morgenröte oder Mond gedeutet wird
— Dafs die Dioskuren mit zum ältesten Be-
sitze der griechischen Religion gehören, zeigt
sich darin , dafs in den V eden im wesent-
lichen dieselben Gottheiten Vorkommen, als
die divo napätä , was gleich dij- dg xovgoi ist,
mit ihrem gewöhnlichen Namen die Aijvina;
agvin bedeutet „mit Rossen versehen“, also
gehört auch hier das Rofs zu ihrem ursprüng-
lichen Wesen. Ausführliches über sie und ihr
Verhältnis zu den Dioskuren s. bei Myriantheus,
Agvms oder arische Dioskuren, München 1876;
derselbe deutet sie als das Zwielicht; die Zeit
ihres Erscheinens ist von Mitternacht bis zur
Morgenröte; unmittelbar vor der letzteren wer-
den sie angerufen; sie entfernen das Dunkel;
ihre Gattin ist Süryä, welche die Morgenröte be-
deuten soll. Die agpinä (Dual) im Zend scheinen
dieselben Figuren zu sein (ib. S. 43 f.). Wie-
derum dieselben sind offenbar die in der let-
tischen Mythologie erscheinenden Gottessöhne
dewa deli , die ebenfalls Reiter und Werber
des Mondes sind (s. Mannhardt in der Ethnol.
Zeitschr. 7, 1875, S. 309 ff.).
Parallelfiguren zu den Dioskuren sind bei
den Griechen die Molioniden (vgl. namentlich
Ibyhos frg. 16, Xevaltitiol, aus einem silbernen
Ei geboren etc.); ferner Amphion und Zethos
in Theben, die XevkoucoXco { Eur . Here. für. 29.
Phoen. 609; vgl. Welcher, Götterl. 1, 614. My-
riantheus a. a. 0. 48).
Im einzelnen läfst sich das Wesen der
Dioskuren nach folgenden Gesichtspunkten
betrachten :
A. Wechsel von Licht zu Dunkel, von Tod zu
Leben.
Nach der alten Vorstellung in Lakonien, für
die Alhman uns Zeuge ist, walten sie im Dun-
kel unter der Erde, doch nicht als Tote, son-
dern lebendig {Allem, fr. 5 — Schot. Eurip. Tro.
212 vno rgv ygv zgg ©egdnvgg sivcu Xsyorzcu
'C,mrzsg)\ damit stimmt die Nekyia der Odyssee
(11 , 301) rovg apeput £caov g HUT£%et, epvaigoog
a itx ; vgl. II. 3,243 rovg d’ rjäg aclzeiev cpvol-
fcoo g a lec tv AaAEÖatpovi av&i. Bestimmter
ausgebildet ist dann die Vorstellung, dafs sie
Tag um Tag wechseln, beide zusammen ent-
weder in der dunkeln Unterwelt oder im Lichte
bei Zeus weilen; die in der Nekyia an die
obigen sich anschliefsenden, doch offenbar von
einem andern Dichter zugesetzten Verse drücken
dies aus: dl xcw vsgQ’Ev yrjg ripyv ngog Zgvog
£%ovx£g aXXoze p'sv t,mova’ szegfipsgoL aXXors
<T avTs ztüvuGi.v ; sehr deutlich auch Pindar:
Nem. 10, 103 ff. pszapseßopsvoi ö’ svaXXaS,
io
20
30
40
50
60
Dioskuren (m. Rossen; ritterlich) 1156
upegav rar per naga i tazgl rpi'Xco Al vspovzcu
zav d vno aevQ'egl yalag tv yvuXoig ©sganvag-
vgl. ib. 164 f. ; Pyth. 11, 94 viol &ecov, zö per
nag’ ccpag EÖgcuGi ©eganvag zo Ö’ olniovrEg
evö'ov ’OXvpnov. Daher sind sie ucpQ'iroi re
r.al cp&izol {Lycoplir. Al. 565), zE&vÜGi uov
rsd-vccGi {Eur. Hel. 138). Daher verglich Al-
kibiades sein Leben mit dem rcöv AtoGAÖgoov,
weil er bald wie bei den Göttern, bald wie
bei den Toten sei {Ael. var. hist. 13, 38). Erst
späte Zeugnisse lassen sie einen um den an-
dern täglich wechseln, so dafs sie immer ge-
trennt sind (deutlich Luc. dial. d. 26).
-
B. Ihre Verbindung mit Rossen.
Diese ist alt und ursprünglich allgemein,
ohne nähere Ausbildung der Vorstellung; in
bestimmterem Ausdruck dachte man sie dann
die Rosse entweder zähmend oder zum Fahren
und Reiten benutzend. In den homer. Hymnen
sind sie zayti ov imßrjzogsg Vnncov (17, 5; 33,18).
Alhman nennt sie (frg. 12) ncöXcov dpatggsg,
imtorca aoepoi; Pindar nennt die Tyndariden
Evennoi {Ol. 3, 69) und XsvAoncoXoi {Pyth. 1,
126) mit weifsen Rossen; den Lichtglanz hebt
Euripides hervor: l'nnoiGL paggaigovzs {Iph.
Aul. 1154); nach demselben kommen sie zu
Wagen (mit i'muov agpa) durch die Luft {Hel.
1495). Ihren Rossen gab die Poesie Namen,
Xanthos (ein sehr gewöhnlicher Pferdename)
und Kyllaros (auch Name von Kentauren):
diese beiden sollte Hera gegeben haben, die
sie von Poseidon hatte; mehr mythologisches
Wesen liegt in den Namen der beiden andern,
die sie von Hermes haben sollten, Phlogeos
und Harpagos, die coaecc zenva nodagyag {Ste-
sich. frg. 1), der Harpyie (vgl. Milchhöfer, An-
fänge d. gr. Kunst S. 63. 155).
J,1
:nt
ln
M
ich i
Im
»f
und
h 1
ip.
den 1
blase
Seite
hm
# J
habet
Diosh
iller;
Hiebt
die (
len '
Spielt
C. Ritterliches Wesen (in ethischem Sinn).
Aus der Grundvorstellung der lichten Söhne
des Himmelsgottes und ihrer Verbindung mit
dem Rofs ward, wohl erst durch die Dorier,
das heldenhafte Wesen der Dioskuren ausge-
bildet. Sie besitzen alle Heldentugend, zu-
nächst natürlich in allem, was die Rosse an-
geht, dann aber auch in athletischer u. krie-
gerischer Beziehung. Die Poesie mufste sieb
frühzeitig gedrungen fühlen, das in Glauben
und Kultur ganz gleiche Paar in der einzelnen
Person zu individualisieren. Ein alter epischer
Vers, der in Ilias (3, 237) und Odyssee (11
300) vorkommt, Käazoga &’ innbSa.gov %ui
nvtg aya&ov noXvSsvAsa , verteilt die Haupt
eigenschaften auf beide, und diese Unterschei-
dung blieb in der Folgezeit typisch. Der Vers
erscheint wenig variiert auch in den homer.
Hymnen (33, 3 dpcbpgzov TLoXvS.) und in den
Kyprien (frg. 9, 6 deQ'Xocpbgov Ilolvö.). Kastor
ist den Dichtern nun speziell der Wagenlenker
oder Reiter; Pindar singt von ihm und Iolaos
{Isthm. 1, 21 ff.) aelvoi yag ggccxov SupggXdzai
Aaxsdalpovi Aal ©gßca g ezeavw&ev ngdriGroi ;
sie erwarben sich die meisten Siegespreise
auch in den gymnischen Kämpfen; Pyth. 5,10
ist der %gvGugpaxog Kaczcog der Wagensieg-
spender. Er galt als der Erfinder der | vvcoglg
{Schot, Find. Pyth, 5, 6). Dagegen ist Polydeukes
Ipojll
im Si
iS ö
Olrmj
Kppti
ll(
nrde
fcstoi
19 Ec
S,i
w.
bFr
foltde
ii
bfc '
»11)
1 157 Dioskuren (Retter; Epiphanieen)
vor allem der Faustkämpfer ( Simonid . fr g. 8).
Die späteren Dichter sagen dasselbe oft: Apol-
lon. Rh. Arg. 1, 146 ff. HoXvS. ist ■/.QtxxEQog,
aber Kixctcoq convnodcov dsSargiEvog inncov.
Theoikr. 20, 2 (/Tot.) cpoßegog nvh, eqeQi&lv ;
! 34 KÜgxcoq d’ cdoloncolog o t’ olvionog TIol. (als
I Athlet). Vgl. Hör. sat. 2, 1, 26; ocl. 1, 12,25;
Ovid. Fast. 5, 700 (hie eques Ule pugil). Als
Held zu Wagen und Rofs ist Kastor auch
hauptsächlich der Krieger; hei Find. Nein. 10 , i
I' 170 heifst er ^cdxofu'rpag; bei Theolcr. 20, 79
v7in'QO%og sv hat und wird 136 xu%vnu>l£ öo -
Qvoaos ^alzso&coQri^ angeredet. Vgl. Apollod.
* 3, 11, 2 (Kastor als Krieger). Der Angriffs-
ij marsch der Spartaner liiefs Kugxoqeiov (Flut.
Ide mus. 26; Lylc. 22; Scliol. Find. Pyth. 5, 128;
O. Müller, Dorier 2, 335). Nicht bezeugt finde
ich indes, dafs Kastor den Herakles das Waf-
I fenwesen gelehrt habe; nach Theolcr. 24 (19),
II 25 ff ist dies vielmehr Aktor der Hippaside 2
und Apollod. 2, 4, 9, 1 ist "Akxoqo g für Kar, xo-
Qog zu schreiben. Ferner ward die Erfindung
des kriegerischen Waffentanzes in Sparta den
Dioskuren beigelegt; nach Epicharm (hei Athen.
4 p. 184 e; vgl. Aristides 1 p. 24) sollte Athena
i den Dioskuren auf der Flöte xov tvonhov ge-
blasen haben (vgl. Plato de leg. 7 p. 796 b;
Schol. Find. Pyth. 5,128 nax’ evCov g haben sie
tvonlov 0Q%r]6Lv erfunden; (iQigoxrAol ydq xivsg
• of A.); auch den hccqvccx igeiv genannten Tanz 3
i haben die Dioskuren _die Lakedaimonier ge-
lehrt (Luc. de salt. 10). Überhaupt wurden beide
lj Dioskuren ohne Unterschied als Beschützer
! aller gymnastischen Tbätigkeit gedacht und als
solche verehrt; Pindar (Nein 10,97) nennt sie
1 die evqv%oqov xagtai Endgxag aycavcov. In
. den von Herakles veranstalteten olympischen
Spielen siegte nach dortiger Tradition Kastor
l ÖQÖgcp, Polydeukes nvnxsvatv (Paus. 5, 8, 4);
I im Stadion von Hermione sollten sie gekämpft 4
haben (Paus. 2, 34, 10); in Sparta wurden sie
I als acpExrjQiot. verehrt (Paus. 3, 14, 7), und in
Olympia stand ihr Altar am Eingang des
f Hippodroms (Paus. 5, 15, 5). Weihgeschenk
eines gymnisclien Siegers an die Dioskuren
J) C.I. G. 1421. Ihre Bilder auf Münzen tragen
häufig Palmzweig und Siegeskranz. — Endlich
lj wurden beide auch als Jäger gedacht, und von
<ii Kastors Zucht sollten die KoiGxoQiSsg genannten
■ ! Hunde abstammen (Xenoph. de ven. 3, 1; Poll, o
.‘i on. 5, 39; Oppian. Kyn. 2, 14 ff). — In höherem
i j ethischen Sinne ward den Dioskuren besonde-
; rer Edelmut zugeschrieben (svGsßsici, Siwuo-
i Gvvy, GXQtxxriyLa und dvSqsia. an ihnen gerühmt
’ f, Diod. 4, 7). Unter einander waren sie durch
engste Freundschaft verbunden ; als Beschützer
der F reundsebaft ruft sie Theognis (1087) an;
I Polydeukes sollte einen Verleumder des Bru-
ders mit der Faust erschlagen haben (Phere-
; leydes bei Hesych. v. Ei>Qvgag ; Plut. de frat. c
! am. 11); Eratosth. epit. catast. 10 p. 86 (Robert):
1 cpilccdsXcpicc Se vnEQr'ivEynav nuvxag.
D. Retter der Menschen. Epiphanieen.
Das Hilfe- und Heil bringen gehört zum ur-
! sprünglichen Wesen der Dioskuren. (Auch die
| vedischen Alwinen retten den der sie anruft in
1 der Schlacht, bringen Gedeihen jeder Art, auch
Dioskuren (Mythus; Geburt) 1158
als Ärzte, Ehebeschützer u. a. ; s. Myriantheus
a. a. O. S. 105 ff. 112 ff) Es ist dies ihnen
ebensosehr als Lichtwesen eigen wie als im
Schofse der dunkeln Erde weilenden Mächten ;
denn bekanntlich ward gerade letzteren das
Heraufsenden von Segen und das Erscheinen
in der Not zugeschrieben. Sie heifsen in die-
ser Eigenschaft GioxijQEg , und zwar war dies
auch Beiname des Kultus. Schon Terpander
redete sie in einem Hymnos als mxXXlgxoi oco-
xrjQEgun (frg. 4); GGixfiqsg eg&Iol Kiiya&oi nccqa-
Gxdxca lautete ein offenbar volkstümlicher V ers
von herzlichem Ausdruck (Ael. var. hist. 1,30).
Vgl. Strabo 5 p. 232. Sie sind ayafroe über-
haupt (Aristoph. Lys. 1301; Für. El. 994) und
werden als Schützer gegen alles Üble ange-
rufen (Aristoph. Eccl. 1089 mit Herakles, Pa-
nen und Korybanten; Luc. Alex. 4. 66). Als
Krieger helfen sie natürlich vor allem in der
Not der Schlacht (Theolcr. 20, 6 [sie sind gco-
Tijpfg] l'mtcov ff’ ulyuxoEv xa xccgaoGogEvcov xaff’
ofuXov) und zwar durch eigene Erscheinung
auf ihren weifsen Rossen, von denen sie mit-
kämpfen. Diese Epiphanieen, die berichtet
werden und von denen die berühmteste die in
der Schlacht der Lokrer und Krotoniaten am
Flusse Sagra war (Cic. nat. d. 2,2,6. 3,5,13;
lustin. 20, 3. 4; Diod. exc. Vat. 7 — 10; Suid.
s. v. ccXyö1. xcöv e. XccyQO'-, vgl. Meinehe, com.
gr. p. 1232), fielen, wie man bemerkt hat (A.
Mommsen im Philol. 11, 706 ff ; Jahrb.f. Philol.
3. Suppl. S. 355 ff.), um die Zeit des längsten
Tages, in welcher in der Regel die Festfeier
der Dioskuren begangen wurde (Preller, gr.
Myth. 23,99) und dieselben also dem Menschen
besonders nahe waren. Den Simonides erret-
teten sie zum Danke für sein Loblied aus dem
Saale des Aleuaden Skopas, indem sie ihn, per-
sönlich erscheinend, herausriefen, bevor der Saal
zusammenstürzte (Kallimachos bei Ael. var. hist.
fr. 63; Cic. de or. 2, 86). — - Diese rettende
Natur der Dioskuren begünstigte indes sehr
eine frühzeitige Vermengung derselben mit an-
deren durch ihre Erscheinung heilbringenden
Dämonen. Durch eine solche scheinen sie
schon frühzeitig auch zu schützenden Mächten
auf der See geworden zu sein, eine Eigenschaft,
die ihnen ursprünglich nicht eigen war, die
aber späterhin alle übrigen fast verdunkelte.
Wir sprechen in einem besonderen Abschnitt
davon.
II. Mythus.
A. Geburt.
Schon in ihrem Hauptnamen Aiöguovqoi
liegt, dafs sie Söhne des Himmelsgottes sind,
und dasselbe sollte ursprünglich der Name
TwSctgidai sagen. Als letzterer Name nicht
mehr verstanden wurde und der Mythus die
Götter zu vermenschlichen suchte, wurden sie
zu Söhnen eines sterblichen Helden Tyndareos;
doch wagte man andrerseits nicht ihrer Her-
kunft von Zeus zu widersprechen. Die home-
rische Poesie, die überall nach Vermenschli-
chung strebte, läfst sie die Söhne des Tynda-
reos von Leda sein (Od. 11, 298 ff Leda rj q’
VJtÖ TwdctQECp KQOlXEQOCpQOVE yEl’vKXO TtCClÖE ;
37 *
1159 Dioskuren (Mythus; Geburt)
II. 3, 236 ff. wird nur die Mutter Leda ge-
nannt offne Yater). In den homer. Hymnen
dagegen stammen sie von Zeus, und TvvScxql-
dca ist nur als Beiname gebraucht (17,2 Tw-
ö'cxQibai oi Z rjvbs ’OlvyuLOV slgsysvovzo; vgl. 33;
ebenso Hesiod beim Schol. ad Pindar. Nem.
10, 150; ferner Hur. Or. 1689; Theokr. xd. 20,
1. 89; Pind. Pyth. 11, 94 allgemein nur vioi
&twv). Die Mutter ist Leda, und zwar sind sie
Zwillinge derselben ( Pind . Ol. 3, 61 gvv ßa- i
Q’v^covov Siävfivoig tzcugI Aydag; Hur. El. 1238
ÖLTtzv/oL etc. ;_ Apoll. Bhod. Arg. 1, 146 If. ; Ter-
pander fr. 4 cd Zrjvog -nal AtjSag. . .). Sie sind
die Brüder der Helena von derselben Mutter
Leda; als Tochter des Zeus war Helena auch
in der homerischen Poesie anerkannt (II. 3,426;
Od. 4, 184. 219), während Klytaimnestra nur
Tochter des Tyndareos war (Od. 29, 199). He-
lena (s. d.) war geboren aus dem Ei; nach
der Tradition in Rhamnus und in den Kyprien i
war es Nemesis, die von Zeus befruchtet das
Ei legte, das Leda aufzog; auf attischen Vasen
des 5. und 4. Jahrh. stehen die Dioskuren neben
Leda, wie sie das Helena enthaltende Ei findet
(s. Kekule, Hestschr. d. Bonner Univ. für d.
arch. Instit., 1879, S. 7 ff.); von einer Eigeburt
der Dioskuren weifs die ältere Tradition nichts
(. Kyprien ; Apollod. 3, 10, 7; Paus. 1, 33, 8;
Eratosth. epit. catast. p. 142 Rob. ; Hygin. astr.
2,8); erst die spätere läfst auch sie zusammen 3
mit Helena aus dem Ei entstehen, das Leda,
von Zeus in Gestalt eines Schwanes befruch-
tet, legte oder das, von Nemesis gelegt, von
Leda gewartet ward (Schol. vet. Lycophr. 88;
Schol. Gallim. in Dian. 232; Schol. Od. 11,298;
Auson. ep. 56); die spitzen Hüte wurden in
alexandrinischer Zeit aus der Eigeburt erklärt
(Lykophr. : 506 je die Hälfte der Eierschale
deckt und schützt ihr Haupt; vgl. Schol. dazu).
— Zu dem Zuge des Mythos von der Zeugung 4
durch den in einen Schwan verwandelten Him-
melsgott kann der vedische Mythos verglichen
werden, wonach Vivasvat („Himmel“) als Rofs
mit der in eine Stute verwandelten Saranyü
die A^vins zeugt. Der Schwan ist als Symbol
der Sonne bekannt. — Aus ihrem zwischen Dun-
kel und Licht schwankendenWesen entwickelte
sich der Mythos von der Unsterblichkeit des
einen (des Polydeukes) und der Sterblichkeit
des andern (des Kastor); schon in den Kyprien 5
heifst es Kcxgtcoq ysv &vrizog. . .avzdg o y’ a&a-
voczog IlolvSev-urjg (fr. 5 Kink.); hei Pind. Nem.
10, 150 von Kastor gtcsqikx ftvctzov; er ward
dann als von dem sterblichen Tyndareos mit
Leda gezeugt gedacht wie Klytaimnestra
(Apollod. 3, 10, 7 ; Hyg. fab. 77) und war dann
der jüngere von den Brüdern (Theokr. id. 20,
176. 183); wogegen Polydeukes von Zeus bei
Pindar (Nem. 10, 150) eggl yoi vcog angeredet
wird und von Zeus mit Leda wie Helena gezeugt ß(
gilt (Apollod. 3, 10, 7; Hyg. fab. 77). — Die
lokale Tradition, wie sie Alkman verwertet hatte,
liefs die Dioskuren auf einer Felseninsel vor
Pephnos am westl. Abfall des Taygetos unweit
Thalamai geboren werden; wie den kleinen
Dionysos, so bringt auch sie Hermes vom Ge-
burtsort zur Erziehungsstätte, und zwar nach
Pellana, dem Sitze des Tyndareos (Alkm. fr.
Dioskuren (Aphariden; Leukippiden) 1160
13 bei Paus. 3, 26, 2); am Taygetos lassen
auch die homer. Hymnen sie geboren werden.
Als Heimat ihres Kultus ist Lakedaimon über-
haupt, Amyklai und Therapne insbesondere,
auch in der allgemein verbreiteten Sage, die
Heimat der Dioskuren (II. 3,239; Theogn. 1087;
Aristoph. Lys. 1301; Verg. Georg. 3, 89 u. a.
vgl. unten).
, B. Die Aphariden und Leukippiden.
Der wichtigste, mit ihrem Wesen eng zu-
sammenhängende Mythos der Dioskuren ist ihr
Streit mit den Söhnen des Aphareus Idas und
Lynkeus. Die Kyprien (frg. 9 Kink.) und Pin-
dar (Nem. 10, 112 ff.) sind die beiden alten
Hauptquellen dafür ; wohl auf die Kyprien geht
auch die Erzählung bei Apollod. 3, 11, 3 ff.
zurück. Aus Arkadien treiben beide Brüder-
paare gemeinsam eine Beute von Rindern;
i Idas teilt und erwirbt sich durch seine Gefrä-
fsigkeit (s. Idas) die ganze Herde, die er mit
dem Bruder nach Messenien treibt; die Diosku-
ren ziehen gegen Messenien zu Felde und rau-
ben die Herde und anderes ; sie legen den Apha-
riden einen Hinterhalt und verbergen sich in
einer hohlen Eiche; Lynkeus ersteigt den Tay-
getos und erspäht mit seinem alles durch-
schauenden Blicke die Beiden in dem Baume;
er sticht und tötet den Kastor. (Bei Pindar
a. a. 0. 116 lasen Aristarch und Apollodor
rjfisvov, wonach also nur Kastor im Baume
steckte.) Polydeukes rächt den Bruder, ver-
folgt die Aphariden, welche das äyccXy’ ’AiÖa
(bei dem man an spartanische Bildwerke, wie
Arch. Ztg. 1881, Tf. 17, 3, erinnern kann) vom
Grabe des Vaters vergeblich auf ihn schleu-
dern; er ersticht den Lynkeus; den Idas tötet
Zeus mit dem Blitze und sie verbrennen beide
zusammen. Polydeukes trifft den Bruder ster-
bend, fleht zu Zeus und lebt mit dem erweck-
ten Bruder gemeinsam abwechselnd im Olymp
und in der Unterwelt. Wahrscheinlich hat
dieser Mythos eine Naturbedeutung und die
Aphariden sind mehr als blofse Konkurrenz-
figuren Messeniens, deren Unterliegen dem
Unterliegen ihres Vaterlandes entspräche (wie
z. B. Preller 23, 97 meint); der Kult der
Dioskuren scheint dem vordorischen Messe-
nien und Lakonien gemeinsam gewesen zu
sein; der Mythos ist gewifs älter als der
feindliche Gegensatz jener Landschaften. Die
Namen Idas und Lynkeus werden gewöhn-
lich als die Scharfsehenden gedeutet (s. d.).
Mannhardt (Ethnol. Ztschr. 1875, 7 S. 312)
glaubt in ihnen die Zeit, wo man wieder an-
fängt deutlich zu sehen, personifiziert; er er-
innert auch an den Steinwurf der Sonne ge-
gen den Mond im lettischen Liede. Zum
hohlen Baum, der wohl den Nachthimmel be-
deutet, vergl. Kuhn, Herabkunft des Feuers
S. 25. 126; die Aiyvins befreien die Sonne
aus dem Baume (Myriantlieus a. a. 0. 90). —
Die spätere Tradition der hellenistischen Zeit,
die uns durch Theokrit (id. 20, 137 ff.) und Ly-
kophron (Al. 535 ff. mit den Scholien) insbe-
sondere erhalten ist (vgl. auch Ovid fast. 5,
699 ff. ; Hyg. fab. 80), verbindet den Streit der
Aphariden mit einer andern alten Sage, der
im .
lira t
fe I
fein
terto
Spart;
If ri
lat«.
I:
I Tfri'ji.
I r
i A
I:
p ei, n
I ne m
I sie de
I fitste]
I Ijm
I au da
I ft fall
I liedtrj
I M di
I de» L;
I beschi
I doch
I gräbt.
I diese
ffflü
I als l;,
stiehl
1161 Dioskuren (Aphidna)
vom Raube der Leukippos- Töchter Hila-
eira und Phoibe; die Namen des Vaters wie
der Töchter bezeichnen deutlich Lichtwesen,
die ursprünglich wohl nur mit den Dioskuren
verbunden waren und mit ihnen zusammen in
Sparta verehrt wurden (s. unten). Nach den
! Kypricn war der Lichtgott Apollon selbst ihr
Vater. Jene spätere Tradition läfst Leukippos
Bruder des Aphareus sein, dessen Söhne mit
den Töchtern jenes verlobt sind. Die Diosku- 1
: ren rauben nun die Leukippiden; die Aphariden
verfolgen sie. Der Rinderraub der alten Sage
wird damit verbunden, indem sie zugleich
Rinder und Schätze mitnehmen (Theokr.) oder
indem sie von den Aphariden beschimpft wer-
den, weil sie keine Geschenke gegeben, worauf
i sie nun die Rinder des Aphareus rauben und
sie dem Leukippos geben, woraus der Streit
i entsteht ( Schol . Lyk. 540). Bei Theokrit hält
j Lynkeus eine Versöhnungsrede und will, dafs 2
nur das jüngere Paar-, Kastor und er, kämpfe;
er fällt im Zweikampfe mit Kastor; Idas wird
niedergeblitzt, und beide Dioskuren kommen
heil davon. Bei Hygin. fab. 80 tötet Kastor
den Lynkeus, Idas begräbt den Bruder, Kastor
beschimpft den Toten, Idas tötet nun Kastor,
i! doch Pollux kommt, besiegt den Idas und be-
ii' gräbt den Bruder. Als Ort des Kampfes nennt
Bl diese spätere Tradition zuweilen Aphidna ( Ov .
I; fast. 5, 699 ff. ; Steph. Byz. "Acpiä'ra, wo der Ort 3
l! als öggog Azzcugg aber auch Acnuovtnyg be-
zeichnet wird, o&sv fjGcey at AsvyunntSsg), was
wohl nicht echte alte Überlieferung, sondern
eine Verwechselung mit dem Kampfe der Dios-
kuren in Aphidna in Attika ist.
C. Aphidna.
Theseus und Peirithoos hatten Helena ge-
raubt und in der Feste Aphidna oder Aphi-
dnai in Attika geborgen; ihre Brüder, die 4
Dioskuren, befreien sie. Nach einer Version,
welche auch hiermit den Streit der Aphariden
vermischte, war Helena von Idas und Lyn-
keus geraubt und von Theseus nur auf bewahrt
und den Dioskuren verweigert worden (Plut.
'( 1 Thes. 31). Die Dioskuren verwüsten Attika,
erobern Aphidnai mit der Helena und nehmen
Theseus’ Mutter Aithra gefangen, da Theseus
abwesend ist; dies die schon von Alkman ( frg .
12; Paus. 1, 41, 4) und Hellanikos (fr. 74 Müll.) 5
berichtete Tradition. Den Aufenthalt der He-
lena sollten sie in Dekeleia oder in Athen von
Akademos erfahren haben; ein Titakos (Steph.
Byz. TizavJScct) war Verräter der Burg; oder
es fand offener Kampf statt, in dem Kastor
vom Könige Aphidnos am rechten Schenkel
verwundet wurde (Schol. II. 3, 242); die spä-
tere Tradition sah einen Krieg der Lakedai-
monier und Athener überhaupt darin; nach
einem von Hereas angeführten epischen Ge- 6
dichte war Theseus beim Kampfe selbst gegen-
wärtig (Plut. Thes. 32). Wie im Aphariden-
kampfe liefs man Kastor auch hier fallen (Hyy.
\p. a. 2,22; Avien. v. 370 ff.; Schol. Germ. Arat.
p. 50) ; schon Euripides (Hel. 138 ff.) deutet
auf einen Xoyog, wonach die Dioskuren starben
Gcpaytxig ddsXqprjg ovvsuct. — Mit der Befreiung
der Helena hat man die indische Sage von den
Dioskuren (Kämpfe; Vergötterung) 1162
Afvins verglichen, die ihre Schwester Ushas
befreien. — Nach dem Siege geben die Dios-
kuren der gewöhnlichen Tradition zufolge
dem Menestheus die Herrschaft (Ad. var. hist.
4, 5). Das Vorhandensein der Dioskuren im
attischen Kultus ward von den Athenern im
Ansclilufs an diese Sage begründet, indem
man den Menestheus den Kult einführen und
den Aphidnos sie in die elensinischen Mys-
terien einweihen liefs (Ael. a. a. 0. ; Plut.
Thes. 33).
D. Sonstige heroische Kämpfe.
Die lakonische Sage kannte einen Kampf
der Hippokoontiden und Dioskuren, von
dem indes nur Spuren in der Tradition er-
halten sind; Alkman hatte von ihm gedichtet
(frg. 16, 1; vergl. Preller, gr. Myth. 23, 91, 4);
auch in der Version, dafs Tyndareos den Hip-
pokoontiden Enarsphoros gefürchtet habe, dafs
er der kleinen Helena Gewalt anthue und sie
deshalb dem Theseus übergeben habe (Plut.
Thes. 31), offenbart sich der Gegensatz der
beiden. — Am Zuge der Ar gonaute n sind die
Dioskuren Hauptteilnehmer (vgl. z. B. Paus.
3, 24, 7). Ebenso an der kalydonischen
Eberjagd (im Verzeichnis bei Ovid Met. 8, 300
stehen die Tyndaridae voran; auch die Apha-
riden und Hippokoontiden sind dabei); schon
altattische Vasenbilder stellen sie dabei thätig
dar; im Giebel von Skopas in Tegea waren
sie auf die beiden Seiten verteilt (Paus. 8,45,
6). Als That des Polydeukes allein war be-
sondersberühmt sein Sieg im Faustkampf über
Amykos, den König der Bebryker, es ward
diese Sage als Episode in den Argonautenzug
eingeflochten (s. unter Amykos und Argo-
nauten). — Wohl nur dichterische Erfindung
ist es, wenn die Dioskuren bei Eur. Iph. Aul.
1153 Agamemnon bekriegen, um die Schwester
Klytaimnestra zu schützen, da jener ihren er-
sten Gemahl Tantalos erschlagen. Die Dios-
kuren kamen überhaupt in der Tragödie öfter
vor, auch als Hauptpersonen (vgl. Naitck, fr.
tr. gr. p. 606. 645) : in Tragödien von Patrokles
und Sophokles dem Jüngeren.
E. Vergötterung.
Die Sage, welche die Dioskuren als Men-
schen behandelte, mufs die ihnen im Kulte
anhaftende Göttlichkeit durch eine Vergötte-
rung erklären; es ist hier nicht von dem al-
ten Mythos ihres Wechsellebens und -Todes
die Rede, sondern von der späteren Sage ihrer
Vergötterung und Versetzung unter die Sterne.
Schon Euripides scheint letztere zu kennen,
wenn er als einen Xoyog über ihr Ende berich-
tet UGZQOtg GCp’ OflOLCO&SVZS cpuß tivctl ffscii
(Hel. 138 ff); Polemon wird citiert für die Ver-
setzung unter die Sterne Schol. Eur. Gr. 1637;
im Schol. Pind. Nein. 13 wird gleich nach
einem Citat aus Ibykos und vor einem von
Polenion gesagt, dafs Diomedes mit den Dios-
kuren vergöttert worden sei und mit ihnen
weile ; bei Eratosth. epit. catast. 10 p. 86 (Bob.)
heifst es von Zeus, dafs er sie Atövyovg ovo-
ydoag . . taziqGsv sv zotig uazQOtg; vergl. Ovid
Fast. 5, 692 ff.; Serv. zu Verg. Aen. 6, 121.
1163 Dioskuren (Retter z. See; Kabiren)
Dioskuren (Kultus)
1164 I
i'
Nach einer von Pausanias berichteten Tradi-
tion (3, 13, 1) wurden sie im 40. Jahre nach
dem Streit mit den Aphariden für Götter
gehalten. Das Zwillingsgestirn am Himmel
wurde erst relativ spät für die Dioskuren er-
klärt (vgl. Preller, gr. Mytli. 23, 106, 3).
III. Retter zur See und Vermischung
mit den Kabiren.
Das Erretten aus der Not war, wie oben
gesagt, eine Hauptfunktion der Dioskuren;
der altpeloponnesische und von da ausgegan-
gene Glaube liefs sie besonders im Getümmel
der Schlacht durch ihr Erscheinen Hilfe brin-
gen. Schon früh ward indes ihre Wirksam-
keit auf das Meer übertragen und wurden mit
ihnen, wie es scheint, andere rettende Dämonen
der gemischten Bevölkerung des aigaiischen
Meeres identifiziert. Zuerst scheint dies bei
den seefahrenden Ioniern geschehen zu sein;
im homcr. Hymnos 33 wird sehr schön und
poetisch geschildert, wie im Sturme auf der
See nach einem Gebete und einem Opfer von
weifsen Lämmern die Dioskuren plötzlich er-
scheinen ^ov&jjaL msgvySGGL 8t ai&sgog alt,av-
rsg; wahrscheinlich ist dies ein poetisches Bild
für das sog. St. Elms -Feuer, das man, wie
spätere Zeugnisse lehren, den Dioskuren zu-
schrieb und mit Sternen verglich (Luc. navig.
9; Charid. 3; demerc. cond. 1; Kallim. lav. Pall.
24; Horat. Od. 1, 12, 27 ff.; 1, 3, 2). Bei Eurip.
wird öfter geschildert, wie die Dioskuren, die
den Sternen ähnlich geworden und im Äther
unter den Sternen wohnen, nebst Helena, die
Sterblichen im Sturme auf der See erretten
(Hel. 140; 1495 ff ; El. 990 ff. ..dl cploysgäv
cci&sq’ sv ccGTQOig vaCovoi ; 1241; 1348ff, . . dux
8’ alO'SQLccg gtsl%ovts TiXccuog helfen sie nur
den Guten; Or. 1636 Helena mit den Diosk. ;
vgl. noch die Verse bei Plut. de def. orac. 30
und non posse s. vivi s. Epic. 23 snsQ%6gsvot
ts ycdaGGovreg etc.). — Als Retter auf der
See hatten die samothrakischen Götter, die
ffeol [isycdoi, grofsen Ruf; vgl. Callim. cp. 47
( Wilam .); Lobeclc, Aglaoph. p. 1218. Ausdrück-
liche Zeugnisse der Vermengung und Verbin-
dung der Dioskuren und Kabiren finden sich
indes erst seit hellenistischer Zeit, wo die sa-
mothrakischen Götter überhaupt mehr hervor-
treten. Auf die Vorstellungen von den Dios-
kuren haben indes jene Gottheiten oder ihnen
verwandte wahrscheinlich schon in alter Zeit
Einflufs gehabt. In Brasiai an der Ostküste
Lakoniens standen auf einer av.qa im Meere
drei fufshohe eherne Bilder mit nilot auf dem
Kopfe, dazu Athena; Pausanias konnte nicht
erfahren, ob man sie für die Dioskuren (trotz
der Dreizahl) oder Korybanten hielt (P. 3,24, 5).
Die fufshohen Bilder bei Pephnos im Meere
waren gewifs gleicher Art, von der See ge-
kommene Dämonen, ursprünglich von den
Dioskuren verschieden. In Amphissa uyovav
ts\s%r\v ’Jvkktcov Hcdovyevcov naiScov, für wel-
che Pausanias drei Erklärungen verzeichnet,
als Dioskuren, Kureten oder Kabiren (P. 10,
38, 7). Der allgemeine Name avunrsg und
f isyaloi ffeot und die jugendliche Bildung
scheint diesen Gottheiten gemeinsam gewesen
zu sein. Aus Herod. 3, 37 und 2, 43. 50
schliefst Lobeclc, Aglaoph. p. 1212 mit Recht,
dafs Herodot Dioskuren und Kabiren noch
scharf schied. Als gegen Zauber helfende Dä-
monen werden die Dioskuren neben den Ko-
rybanten schon bei Aristophanes (Eccles. 1089)
angerufen. Spätere Zeugnisse der Vermischung
mit Kabiren : Diod. 4, 43 ; die Argonauten sind
io im Sturm an der troischen Küste, Orpheus
betet zu den samothrakischen Gottheiten, und
Sterne lassen sich auf die Dioskuren nieder,
und der Sturm schweigt; daher beten die
Schiffer zu den samothrakischen Gottheiten,
aber die Hilfe schreiben sie den Dioskuren
durch das Erscheinen der aGTSQSg zu. Die
Dioskurep. galten dann auch für eingeweiht in
die samothrakischen Mysterien (diese sind ge-
meint Diod. 5,49). Auf Delos befand sich ein
20 gegen Ende des 2. Jahrh. v. Chr. gebautes
Heiligtum der Dioskuren- Kabiren (Pull, de
corr. hell. 7 , 335 ff.) mit einem Priester ffeä iv
gsyäXcov Aioghovqwv Kaßsigcav (C. I. Gr. 2296;
Bidl. de corr. hell. 7, 339, 4. 340, 5) oder ff.
gsy. n ul A. %cä Kaß. (Ball. corr. hell. 7, 337, 3)
oder ff. f isy. Hapob'Qa-Kcov Aiogy.. Kaß (Bull.
1. c. 341). In der Nähe des Heiligtums waren
andere fremde, namentlich ägyptische Kulte
angesiedelt. Ein Tetradrachmon von Syros
30 zeigt die Dioskuren mit Umschrift Q-säv Ka-
ßsigcov Evqliuv (D. a. K. 2, 821; Daremberg et
Saglio, Dict. 1, p. 773). Sehr ähnlich ist das
Bild auf dem Tetradrachmon des Eumenes II
(Brit. Mus. guide pl. 48, 7 ; Imlioof- Blumer, M.
v. Pergamon, Abh. Berl. Alcad. 1884, Tf. 3, 18.
S. 13) ohne Umschrift. Varro setzte die römi-
schen Penaten, den (isyaloi ffsot (magni dii)
gleich, und diese seien simulacra duo virilia
Castoris et Pollucis in Samothrake am Hafen
40 (Serv. ad Aen. 3, 12; vgl. Dion. Hai. 1, 68 ff.
die Penaten von Troia hergeleitet, wie die
Dioskuren als zwei Jünglinge mit Lanzen be-
schrieben; vgl. Neuhäuser, de Cadmilo p. 8 ff).
Auch im orphischen Hymnus 37 sind Dioskuren
und samothrakische Gottheiten identifiziert.
iirtei
Hilf
I urijuo
y
les F'
IV. Cultus.
Der Cultus ist eigentlich zu Hause in Lake-
50 daimon und Messenien, auch Argos, wo er der
vordorischen , der achaiischen Bevölkerung
eigen war. Die Messenier erhoben noch spä-
terhin Anspruch, die Dioskuren ursprünglich
besessen zu haben (Paus. 3, 26, 3. 4, 31, 9).
Nicht die Kultstätten am Meere , obwohl die
von Alkman benutzte Geburtssage in Pephnos
lokalisiert war (wo jedoch, wie in Brasiai, die
Dioskuren mit rettenden Seedämonen ver-
quickt waren, s. o.), sondern die inmitten des
60 Landes scheinen die ältesten; namentlich The-
rapne, das Centrum der vordorischen Kultur,
und Sparta selbst; bei Therapne weilen sie
unter der Erde nach Pindar Nem. 10, 105; den
Kastor nennt derselbe sv ’Axcaotg viphzsdov 0s-
Qanvctg olnscov s8og (Isthm. 1,42); die Dorer in
Amyklai werden ysuovsg der Dioskuren genannt
(Pytli. 1, 126). Bei Therapne war das Plioi-
baion (vgl. Herod. 6,61) und darin der Tempel
I;®::
|»t d
lirrtr
I in Spa
Ifa P
I am Ai
I Ml I.J
I id de
i v.
aende
1301 :
Mt
Spart»
der Fi
Ml
wurde
erster
(27, fi
lei Ste
breu
\h tu
schrieb
bren
durch 1
1.26, (
I ktkera
Map/
I k Arb
I di (IP/I
b/t
ft ff®
18,5;
186.
I «flffiisd
kiei&K
mot
Wßjip,
k Kl.
1165
Dioskuren (Kultus)
1166
Dioskuren (Kultus)
der Dioskuren ; ihr Kult scheint hier mit dem
des Ares verbunden gewesen zu sein, da die
| Epheben hier dem Enyalios opferten (Paus. 3,
! 20, 2); das Bild des Ares in seinem benach-
barten Tempel sollten die Dioskuren von Kol-
: chis geholt haben (Paus. 3,- 19, 7). Kaoxogog
yvryia war in der Stadt Sparta und über dem
Grab das Heiligtum (Paus. 3,13,1); das lsquv
des Polydeukes mit einer nach ihm benannten
i Quelle war zur Rechten des Weges nach The- i
Ij rapne. Die oiMa der Dioskuren ward in Sparta
; gezeigt (Paus. 3, 16, 2); hier wurden sie auch
; mit den Chariten zusammen in einem tsgov
verehrt (Paus. 3,14,6). Auf dem Krammarkte
| in Sparta waren Altäre von Zeus, Athene und
«den Dioskuren als agßovhoi (Paus. 3, 1 3, 6) ;
am Anfang des dgogog standen sie als dcpsxr'i-
ii qlol (Paus. 3, 14, 7). Ein tgöncnov erinnerte
j an den Sieg des Polydeukes über Lynkeus.
(Oft werden von Dichtern die am Eurotas woh- 2
nenden Tyndariden genannt (Aristoph. Lys.
1301; Theogn. 1087). In der südlich von Gy-
theion belegenen Bergfeste Las sollten die
Dioskuren, von Kolchis zurückgekehrt, den
I Tempel der Athena Asia gebaut haben (Paus.
i 3, 24, 7); der Beiname, den die Dioskuren in
:t { Sparta führten, Adnigcca ward im Altertum,
i doch schwerlich richtig, von einer Zerstörung
i der Feste durch die Dioskuren erklärt (vgl.
! Preller, gr. Mytli. 23, 101). — ln Messenien s
li wurde bei Neugründung der Stadt Messene in
< [ erster Linie dem Zeus lthomatas und den Di-
> oskuren als obersten Göttern geopfert (Paus.
| 4, 27, 6). Von einem Birnbaum in der Ebene
: bei Stenyklaros ging die alte Sage, die Dios-
kuren hätten auf ihm gesessen, weshalb er
ihnen heilig war, ein Rest des an Bäume an-
kniipfenden ältesten Cultus (Paus. 4, 14, 5).
Ihr Unglück im zweiten messenischen Kriege
I ' schrieben die Messenier dem Zorne der Dios- 4
kuren zu, den sie erst bei ihrer Rückkehr
i durch Epaminondas versöhnt glaubten (Paus.
4, 26, 6; 27, 1 ff ; vgl. 14,9). In der Stadt
1 Messene waren Bilder der Dioskuren mit den
Leukippiden im Arme (Paus. 4, 31, 91. — Auf
, Kythera ein Dioskuren -Relief mit Inschrift
Ttfdapidat[e] (Mitth. d. a. I. 5,231). — Auch
in Arkadien wurden sie verehrt (Tempel in
Mantinea Paus. 8, 9, 2; Kleitor Paus. 8, 21, 4
als ysydlox ffsot; ein Dioskuren-Relief in Tri- 5
politza Mitth. d. a. I. 4, 144, 2). — In Achaia:
bei Pharai ein Lorbeerhain der Diosk. (Paus.
7,22,5); Diosk. -Relief in Patras (Mitth. d. a. I.
4, 126, 3). — In Argos ist der Kult altein-
- heimisch: mau verehrte hier das Grab des
Kastor, der MitgccQxaytxug hiefs, während Po-
lydeukes für einen der Olympier galt (Plut.
1 qu. gr. 23). In der Stadt war ein Tempel mit
I alten Bildern von Dipoinos und Skyllis, die
Dioskuren nebst Söhnen und Frauen (den 61
Leukippiden) darstellend (Paus. 2, 22,5); auf
dem Wege nach Lerna ein Alogkovqwv isqov
’Avdnxav (Paus. 2, 36, 7); Basis einer männ-
lichen Statuette aus Argos mit der Inschrift
I xwv J-avccCfCov (Arch. Ztg. 1882, S. 383); ein
Rad ebendaher mit Inschrift xol J-dvanoi (Roehl,
; inscr. antiquiss. 43 a p. 173; Inscr. of the Brit.
Mus. 138); ein Sieger in Wettspielen weiht
ihnen Bilder (Boehl, inscr. ant. 37). Ein Ti-
mokrates in Argos rühmt sich, Nachkomme
der Dioskuren zu sein (C. I. Gr. 1124). Vgl.
Sophocl. frg. 869; Schol. Find. Pyth. 1, 127.
In einem Stadion bei Hermione sollten die
Dioskuren gekämpft haben (Paus. 2, 34, 10). —
Von Lakonien über Thera kam der Kult nach
Kyrene (durch Battos), wo er in hohem An-
sehen stand; vgl. Find. Pyth. 5, 10 f. nebst
Schol., wo Kastor der den König beglückende
Hausgott ist (vgl. Thrige de Cyren. p. 290).
Auf den Münzen der Cyrenaica erscheinen nur
Symbole, die man auf die Dioskuren beziehen
kann, jedoch nicht mufs (ein oder zwei Sterne;
Rofs mit Stern; Rad). In Kerkyra war ein
Isqov der Dioskuren (Thuk. 3, 75; vgl. C. I.
Gr. 1874).
In Akragas Verehrung der Tyndariden mit
Helena (Find. Ol. 3, 1); in Selinunt s. die In-
schrift höhl, Inscr. antiq. 515 (ebenfalls „Tyn-
dariden“); in dem von Messemern 396 gegrün-
deten Tyndaris waren sie Stadtgottheiten, vgl.
v. Buhn in v. Sallets Num. Ztschr. 1876 S. 39. —
In Attika wurden die Diosk. hauptsächlich un-
ter dem Namen "Avcoisg verehrt wie in Argos;
so heifsen sie in den Inschriften des 5. Jahrh.
(C. I. A. 1,34. 206. 210); in ihrem alten Hei-
ligtum waren sie mit ihren Söhnen dargestellt
wie in Argos (Paus. 1, 18, 1; Thuk. 8, 93); die
Einführung ihres Kultes unter dem Namen ”Av.
und ZW fjQsg ward in späterer Zeit dem Me-
nestheus zugeschrieben, da er die Herrschaft
von ihnen erhalten habe (Ael. var. hist. 4, 5) ;
oder sie seien so genannt worden, da sie At-
tika verschont und nur Aithra ‘geraubt hätten
(Schol. Lyc. Al. 504), natürlich auch eine späte
historisierende Deutung. Ihr Priester in der
Inschrift Athen. 6 p. 235 b; C. I. A. 3, 290;
ib. 195 Altar Xcoxygoxv Avd%oiv xs Aloghoqoiv.
Ihr Tempel hiefs ’Ardnexov , ihr Fest ’Avdusia.
Auch ’EysaxioL sollen die Dioskuren in Athen
geheifsen haben (Theodoret. Therap. 8 p. 115
Sylb. ; Schöll im Hermes 6, 18), vielleicht auch
(poicrpöooi (vgl. Schöll ebenda; die Inschriften
C. I. A. 3, 10. 1041 u. a.). Sie galten als in
die Mysterien von Eleusis eingeweiht (Xenoph.
hell. 6, 3, 6; Apollod. 2, 15, 12; Diod. 4, 14. 25;
die Inschrift C. 1. Gr. 434 = C. I. A. 3, 900;
über die Vasen vgl. Strube, Eleusin. Bilderkr.
S. 46 ff.). Im Demos Kephalai waren sie die
Hauptgötter und als Msydloi ffsoi verehrt
(Paus. 1, 31, 1). — In Erythrai wird ein Prie-
stertum der Dioskuren erwähnt (Rev. arch.
1877, 34, 107 ff. ; Bittenberger, Syll. 370). Hei-
ligtum bei Torone in der Chalkidike Thuk. 4,
110. Priester in Tenedos C. I. Gr. 2165. Hei-
ligtum in den akrokeraunischen Bergen Heu-
zey, Maced. p. 407; in Epirus an einer Fels-
wand am Strande Inschriften späterer Zeit an
die Dioskuren (C. I. Gr. 1824 ff.). — Die Kult-
beinamen der Dioskuren kamen schon vor.
Was ihre Feste betrifft, so wissen wir,
dafs in Sparta Tanz dabei eine besondere
Rolle spielte (Plato de leg. p. 796 b); auch
Agone waren dabei, vgl. C. I. Gr. 1444 (aus
späterer röm. Zeit) eine Priesterin und dycovo-
Q'txig xcov Gspvoxazcov Aioghovqsl gjv- ihre Fest-
feier im Heer Paus. 4, 27, 2. Wie noch einige
1167
Dioskuren (Kultus)
andere Gottheiten, deren Walten vorwiegend
in der Erde gedacht wurde, so. feierte man
namentlich die Dioskuren durch Aufstellung
eines wirklichen Speisetisches und einer Kline,
auf die man die Gefeierten zu Gaste lud, wes-
halb diese Art der Feier £svia genannt zu
werden pflegte; in Familien, die den Kult der
Dioskuren besonders pflegten, scheint meist
die Tradition eines einstigen leibhaftigen Be-
suchs derselben existiert zu haben; Vereine
Dioskuren und Helena (nach Annali clell' Inst. 33
tav. D Fig. 2).
Dioskuren (b. d. Römern) 1168 !]
Gaste gekommen sein sollten und dessen Ge- ,1
schlecht sie als Schutzgötter verehrte ( Pind .
Nem. 10, 91 ff.). Euphorion aus der Azania in
Arkadien hatte die Dioskuren auch einst em-
pfangen ( Herod . 6, 27). Tn Akragas wurden
die Dioskuren (mit Helena) vom Geschlechte
der Emmeniden £sviaig TQansgcag verehrt ( Pind ,
Ol. 3,70). Detailliert ist die Angabe aus einem
Komiker über den Kult in Athen, wo man im
Prytaneion den Dioskuren Inl räv xgans^mv
Käse, Gerstenteig, Oliven und Lauch vorsetzte
{Athen, p. 137 e; vgl. Schöll im Hermes 6, 17 f.) ;
auch rtctQCiGiTOi waren beim Feste in Athen im
Anakeion (Inschrift bei Athen, p. 235 b; vgl.
Denelcen, de theoxen. p. 23). Eine attische Le-
kythos (aus Kameiros) giebt ein Bild, wie m^n
die Dioskuren zu ihren %sviu kommend dachte
{Froehner, deux peint. de vases gr. und beist. >
Abbildung S. 1169/70). Aus der Geschichte von
Iason von Pherai bei Polyaen. straf. 6, 1,3
geht hervor, dafs in Thessalien %hia der
Dioskuren Brauch waren, zu denen man kost-
bare Gefäfse benützte. Ein Relief aus La-
rissa in Thessalien stellt den Apparat der T
via, Tisch und Kline, dar und darüber die
schwebenden Dioskuren, unten die betenden
Stifter {Heuzey, Maced. pl. 25, 1). Die Lokrer
bereiten den Dioskuren eine vJJvy auf dem
Schiffe, nachdem sie von den Spartanern auf
deren Hilfe hingewiesen waren (Hiod. 8, 32).
Eine Inschrift lehrt d-so^evia der Dioskuren in
Paros kennen (C. I. Gr. add. 2374 e; Opfer und
Schmaus, deren Besorgung dem Polemarchen
obliegt). Bakchylides (frg. 28) rief in einem
Liede die Dioskuren enl £,svia. Die Dioskuren
heifsen t an 6 Im bei Aristophanes {fr. 295).
llf
iie
jil«
Mi
fest
dess
lest
WUIi
M<u
m
zu gemeinsamer Opferfeier, die sich an solche
Familien allmählich anschlossen, stellten in
späterer Zeit zuweilen Relieftafeln zur Erinne-
rung an die Feier auf; solche besitzen wir aus
Sparta, s. Denelcen, de theoxeniis, Berl. 1882,
p. 75 ff. und obige Abbildung; sie stellen die
Dioskuren nebst Helena dar (in Gestalt eines
steifen Bildes) , deren Kult hier und ander-
wärts mit dem der Dioskuren verbunden war
(vergl. Huhn in Sallets Numism. Zeitschrift
1876, S. 39); auf einem Exemplar ist der
Speisetisch auch deutlich; darunter die In-
schrift mit dem Verzeichnis der Teilneh-
mer. In Sparta (wie in Argos, s. o.) gab es
Priester, die sich auf die Dioskuren selbst zu-
rückführten {C. I. Gr. 1340. 1353. 1355). Von
dem Glauben an die Epiphanie der Dioskuren
bei ihrem Feste in Sparta sollen alte Kriegs-
listen Gebrauch gemacht haben {Paus. 4, 27,
1 ff-; Polyaen. strat. 2, 31, 4). Der Spartaner
Phormion, ein Wundermann ähnlich Epimeni-
des, ward besonders mit Erscheinungen und
Wundern der Dioskuren in Verbindung gesetzt;
s. über denselben Meinel&e, com. gr. 2 p. 1227 ff. ;
es geht daraus hervor, dafs auch in Kyrene
und Kroton seit alter Zeit die Dioskuren mit
Uvia gefeiert wurden; in Kyrene war ihnen
das Silphion heilig. Dafs Helena in Sparta
mit den Dioskuren durch | tvia geehrt wurde,
deutet Eurip. Hel. 1668 an. ln Argos wissen
wir von Pamphaes, bei dem die Dioskuren zu
V. Bei den Römern.
Vgl. das Buch von Maur. Albert, le culte
de Castor et Pollux en Italie , 1883, und dessen
Recension von Jordan, Deutsche Litteraturztg.
1883, S. 1503. Von den eifrigen Kultstätten
der Dioskuren in Unteritalien scheint sich
frühzeitig ihr Kult auch in die Gegend von
Rom verbreitet zu haben. Tn Latium war
Tusculum ein Ort alter Verehrung derselben;
vgl. Cicero de dir. 1, 43, 98; Münzen der gens
Sulpicia zeigen die Dioskuren auf der einen,
die Burg von Tusculum auf der andern Seite.
Sie wurden dort durch ein jährliches lectister-
nium mit einem stroppus auf dem pulvinar
gefeiert {Festus s. v. stroppus). Sie müssen
den Römern bereits bekannt gewesen sein, als
sie in der Schlacht am See Regillus 496 v. C.
auf dem Gebiete von Tusculum glaubten, die
Dioskuren erschienen ihnen gerade wie den
Lokrern in der Schlacht an der Sagra helfend
zu Rofs {Cie. nat. deor. 2, 2, 6. 3,5,11; Dion.
Hai. 6, 13; Flut. Aem. Paul. 25); es war um
die Iden des Juli, in welche Zeit wahrschein-
lich die Festfeier der Dioskuren fiel; auch die
Schlacht bei Pydna {Cic. nat. d. 3,5,11; Val.
Max. 1, 8, 1) und die gegen die Cimbern bei
Verona {Plut. Mar. 26), in denen beiden man
die Dioskuren erschienen glaubte, fanden um
diese Zeit statt. Nach dem Siege am See Re-
gillus wurde den Dioskuren em Tempel an
der Stelle auf dem Forum in Rom erbaut, wo
iator
fce R
am, (
fei ii
fanit
pofeei
Ä
H
%
Ü30T
»Et
1169 Dioskuren (b. d. Römern)
Dioskuren (Symbole n. Attribute) 1170
sie nach der Schlacht erschienen sein sollten;
auch das Bassin der luturna, wo sie ihre Rosse
gebadet haben sollten, ward ihnen heilig; vgl.
Albert a. a. 0. p. 35 ff. Die noch stehenden Säu-
len des Tempels stammen von dem Neubau
des Tiberius; auf zwei Fragmenten des Stadt-
plans aus Septimius Severus’ Zeit erscheint
dieser Bau ( Albert a. a. 0. pl. 1). Das jährliche
Fest fiel auf die Iden des Juli; der Glanzpunkt
desselben war die transvcctio equitum, deren
bestimmte Anordnung um 304 v. Chr. getroffen
wurde; vgl. Liv. 9, 46; Dion. Hai. 6, 13; Val.
Max. 2, 2, 9; es war ein Festzug der Ritter
von dem Thore, durch welches einst der Dik-
hiefs es aedes Castoris, indem man diesen für
wichtiger als Pollux gehalten zu haben scheint.
Man schwor bei ihnen oft ( Edepol , Mecastor).
VI. Symbole und Attribute.
a) d b h a v u nach Flut, de frat. am. 1 das
älteste Kultsymbol, onpidQvpa bei den Lake-
daimoniern, bestehend aus zwei vertikalen,
durch zwei horizontale verbundenen Balken,
io Sie sind bildlich bis jetzt noch nicht vorge-
kommen. Viel Wahrscheinlichkeit hat die Ver-
mutung von E. Cartius [Peloponnesos 2 S. 316),
dafs es ein Symbol der heiligen Grabesthüre
bei Thalamai sei. — b) Zwei Amphoren
l
Die Dioskuren zu den Xenia eilend (von einer attischen Lekythos; vgl. S. 1168, Z. 17 ff.).
tator mit den Rittern von der Schlacht am
i ■ See Regillus eingezogen war, dann aufs Fo-
rum, Capitol und herab zum Circus. Sie wur-
den in Rom speziell vom Ritterstande verehrt;
damit wurden sie auch Schutzpatrone der
grofsen Kaufmannschaft und des Börsenge-
schäfts, und so waren sie ein passender Typus
für die für denVerkehr nach aufsen geprägten
ersten Denare Roms (s. Mommsen, röm. Münzw.
S. 301). — Aufserhalb Roms ist ein Tempel
der Dioskuren erhalten in Cora ( C . I. L. 1,
1150 aedem Castoris et Pollucis) ; wir haben
| ferner die Inschrift eines Tempels in Capua
vom Jahre 648 d. St. ( C . I. L. 1, 567) und
, eines am Tifata vom Jahre 655 d. St. (ib. 569).
Der Kultus verbreitete sich übrigens im römi-
schen Reiche wenig weiter (s. Jordan bei
Preller, röm. Myth. 2, 305, 1). — Die Namen
der Dioskuren in Rom waren Kastor und Pol-
lux, älter Polluces; im Plural sagte man ge-
wöhnlich Castores-, aedes Castormn kommt in-
des erst mit dem 3. Jahrh. n. Chr. vor; sonst
mit oder ohne Schlangen. Dies Symbol ist
in Lakonien sehr häufig, doch aus der archa-
ischen Zeit bis jetzt nicht bekannt. Es ist ein
50 häufiger Typus der Erzmünzen der Lakedaimo-
nier (s. Abbild. S. 1171.) ; die Schlangen umwin-
den die Amphoren; der Avers dieser Münzen
zeigt die Köpfe der Dioskuren; auf laked. Silber-
münzen kommen die Dioskurenhiite mit Ster-
nen zu den Seiten einer Amphora vor. Auf
Votivreliefs aus Sparta mit dem Bilde der
Dioskuren erscheinen die Amphoren mit und
ohne Schlange ( Dressei und Milchliöfer in den
Mittli. d. Ath. Inst. 2 Nr. 209. 210). Auf einem
co Postamente vor den Bildern der Dioskuren
stehen die Amphoren in dem Votivrelief des
Argenidas in Verona ( Dütschke , Bildiv. v. Oberit.
4 Nr. 538; s. Abbildg. S. 1171), das vermut-
lich aus einer lakonischen Küstenstadt stammt
(wohl aus d. 2. Jahrh. v. Chr.). Wir finden
dasselbe Symbol endlich als Beizeichen auf
Münzen des von Sparta kolonisierten Tarent
(AG, neben Adler, zwei Amphoren mit Sternen
11 71 Dioskuren (Symbole u. Attribute)
Dioskuren (Symbole u. Attribute) 1172
darüber; AS unter dem Rosse des Reiters;
neben dem Taras auf dem Delphin, vgl. Brit.
Mus. guide 2 pl. 33, 12). Die Form der Gefäfse
ist immer schlank, die Henkel meist gewunden;
gewöhnlich mit konischen Deckeln versehen ; die
Form stimmt mit den auf den attischen Grab-
steinen besonders der hellenistischen Zeit so
häufig vorkommenden überein. Die Bedeutung
derselben ist schwer zu bestimmen; agonistisch
der See als Retter verehrten, da man hier der
Erscheinung der ugtsqes die Rettung zuschrieb.
Schon die Aigineten weihen nach der Schlacht
von Salamis nach Delphi drei goldene Sterne
auf einem Mastbaum, die sich wohl auf die
Dioskuren und Helena beziehen. Von archa-
ischen Denkmälern wüfste ich indes keines,
das Sterne mit den Dioskuren zusammen-
stellte; in späterer Zeit jedoch ist es ganz
sind sie jedenfalls nicht zu fassen, denn dann io allgemeiner Brauch und ist dies Symbol be
miifste man statt der Schlange einen Palm-
zweig dabei erwarten. Viel-
leicht beziehen sie sich auf
einen Kultgebrauch , wonach
.man den Dioskuren, wie man
I ihnen Speisetische hinstellte,
so etwa auch Weinamphoren
vorsetzte ; sie erscheinen neben
dem Speisetisch auf einem spar-
sonders auf Münzen häufig. - — Die Identifi-
kation der Dioskuren mit dem Zwillingsge-
stirn am Himmel ist spät (s. o.). — g) Piloi.
Das konstanteste Attribut der Dioskuren in
späterer Zeit ist der hohe Hut, der niXoq. Von
Wichtigkeit ist indes, dafs er den Dioskuren
in älterer Zeit fremd ist. Wir können sein
Aufkommen namentlich mit Hilfe der Münzen
und Vasen verfolgen. Es ist mir kein Denk
Lakedaimonische tanischen Relief; auf dem Re- 20 mal vorgekommen, das sicher wesentlich älter
Erzmünze. lief des Argen idas (s. u.) ste- als das 3. Jahrh. v. Chr. wäre und die niXoi
hen sie auf einem Postament als Attribut der Dioskuren zeigte. Im 3. Jahrh.
neben dem Altar. Die Schlangen sind jeden- jedoch sind sie bereits sehr häufig und zwar
falls sepulkraler Bedeutung; da die Dioskuren an den verschiedensten Orten, obwohl auch
in Lakonien besonders als Unterirdische ver- Dioskuren ohne Piloi noch oft gebildet werden,
ehrt wurden, so darf dies nicht auffallen; viel- Häufig ist dann auch zu sehen, dafs Sterne über
leicht sind die Vasen auch nur sepulkrale den Hüten schweben; auch ist der Pilos oft von
Lorbeer bekränzt. Eine
dem 4. Jahrh. noch zuzu-
weisende Silbermünze im
Brit. Mus. zeigt in der
Abbild. (Catal., Itahj p. 172)
Piloi, von denen die Be-
schreibung jedoch nichts
sagt , und die wohl nur
durch die Zeichner herein-
Votivrelief des Argenidas in Verona.
Symbole. — c) Schlange. Nicht nur mit
den Amphoren, auch allein kommt die Schlange
in Lakonien bei den Dioskuren vor; so auf 50 Piloi.
gekommen sind; am Ber-
liner Exemplar der Münze
sind die Köpfe leider ab-
gescheuert. — Die Lake-
daimonier trugen nüoi in
der Schlacht (Thule. 4, 3 ff.);
doch die altspartanischen
Dioskuren entbehren ge-
rade der Hüte. Dagegen
i trugen die wahrscheinlich
alter Zeit angehörigen drei
mit den Dioskuren identificierten Dämonen
auf der Klippe bei Brasiai (Paus. 3, 24, 5)
Wir besitzen aus Griechenland in Ter-
tackt,
nd Sl
einem spartanischen Relief (Dressei- Milclihöf er
a. 0. Nr. 220) und auf dem Veroneser Relief
(s. 0.). — d) Silphion. Es war den Dioskuren
in Kyrene heilig. Vgl. Paus. 3, 16. Suid. s. v.
'Poq/ju'cov. Münzen von Kyrene (Silphion und
zwei Sterne). — e) Hahn. Im Giebel eines
spartanischen Reliefs an die Dioskuren zwei
Hähne (Dressei- Milclihöf er a. 0. Nr. 209). Auf
Münzen von Tyndaris (iE) Hahn und Stern.
racotta zwerghafte Dämonen phoinikisieren-
den archaischen Stiles mit Piloi. Die Piloi
hängen wohl mit der, wie wir sahen, besonders
nach Alexander durchgeführten Vermischung
der Dioskuren mit anderen zur See rettenden
Dämonen zusammen. — h) Pferde. Das Rofs
ist das älteste und mit dem Wesen der Dios-
kuren innigst verknüpfte Symbol und Attribut
derselben. Das Rofs führend oder reitend er-
■hi
I osten
JwÜg,
I rM*
Heu
hAii
Der Hahn konnte den Dioskuren als Licht- 60 scheinen sie seit den ältesten Zeiten. Ob ein
gottheit gegeben werden. Der Euainetos je-
doch, der nach einem Epigramm des Kalli-
maclios (56) einen ehernen Hahn den Tynda-
riden wegen eines Sieges weihte, dachte wohl
zunächst an ihre streitbare Natur. — f) Sterne.
Sie sind eins der gewöhnlichsten Symbole der
Dioskuren, doch, wie es scheint, anfänglich
nicht der altpeloponnesischen, sondern der auf
Rofs allein mit einem Stern darüber, eine auf
Münzen der die Dioskuren verehrenden Orte
häufige Darstellung (z. B. Kyrene, Syrakus,
Tyndaris u. a.), sich auf die Diosk. beziehe, ist
wahrscheinlich, doch nicht gewifs. — i) Kranz.
Palmzweig. Ihrer Wirksamkeit als Siegver-
leiher entsprechend, wird den Dioskuren öfters
ein Kranz gegeben; so halten sie auf einemsehr
I «net Ot
1173 Dioskuren (in d. Kunst)
alten spartanischen Relief einen Kranz ( Mittli .
d. atli. Inst. 8, Taf. 18, 2); der Palmzweig, an
dem sich zuweilen noch ein Kranz befindet,
kommt in den Händen der Dioskuren auf Mün-
zen des 4. Jahrh. in Tarent vor (s. Abbildung
S. 1175), auf etwas späteren der Brettier u. a.
VII. In der Kunst.
a) Die Heimat des Kultes der Dioskuren, io
die Peloponnes, liefert auch die einzigen uns
bekannten alt archaischen Monumente. Er-
halten sind aus der Umgegend von Sparta:
Relief Mittli. d. ath. I. 8 S. 371 ff. Tf. 18, 2, beide
gegenüber stehend, einen Kranz haltend, mit
Weihinschrift; ib. 2 S. 313, 14 neben ihren
Rossen stehend; ib. S. 316, 17 sich gegenüber,
ohne Rosse; sie sind, soweit erhalten, immer
Dioskuren (in d. Kunst) 1174
legebl. 4, 9, 1; s. beist. Abbildung nach Mon.
d. Inst. 2, 22); verwandt eine Amphora im
Brit. Mus. Nr. 584.
b) In den Denkmälern des 5. Jahrh. sind
die Dioskuren selten. Beistehend wird zum
ersten Male eine Gemme des
Berliner Museums ediert, neuerer
Erwerbung, aus Kleinasieu an-
geblich, doch wohl eher pelo-
ponnesisch, die in noch etwas
gebundenem Stile der 2. Hälfte
des 5. Jahrh. die Dioskuren als Berhn' Gemme
Knaben, durch Inschrift bezeich- (uuediert).
net, mit dem Knöchelspiel beschäftigt zeigt;
sie haben beide eben einen Astragal ausgewor-
fen. Die Darstellung ist sehr lebendig und hat
doch etwas sehr Strenges; die Figuren haben
besondere Plinthen; man könnte an ein statua-
Dioskuren, Leda u. Tyndareos ( Monumenti inedit. d'Instit. II Taf. 22).
nackt, unbärtig und ohne Attribute. Dipoinos
und Skyllis bildeten sie mit ihren Söhnen
Anaxis und Mnasinus und deren Müttern in
Argos (Paus. 2,22, 5; vgl. Milchhöf er, Anfänge
gr. Kunst S. 168. 180). Auf dem Kypselos-
kasten standen sie zu beiden Seiten der He-
lena, zu deren Füfsen Aithra; der eine war
bärtig, der andere nicht (Paus. 5, 19,2); die
Gruppe bezog sich nach ihrem Epigramm auf
die Heimführung der Helena aus Attika. Am
amyklaiischen Throne waren am oberen Ende
die Dioskuren zu Pferde angebracht, wenn an-
ders diese Reiterfiguren von Pausanias oder
seiner Quelle mit Recht dafür erklärt wurden;
an einer andern Stelle des Throns waren Mna-
sinus und Anaxis zu Pferde gebildet; endlich
auch der Raub der Leukippiden (Paus. 3, 18,
11). Wohl auf ein peloponnesisches Vorbild
zurück geht die lebendige Darstellung der
.Heimkehr der Dioskuren zu Leda und Tynda-
reos auf der Vase des Exekias ( Wiener Vor-
risches Vorbild und die pueri astragalizontes
des Polyklet denken. — Von Hegias sah man
die Dioskuren in Rom vor dem Tempel des
Juppiter tonans (Plin. 34, 78). Die alte Hypo-
these Viscontis , die berühmten Kolosse vom
Monte Cavallo seien Nachbildungen derselben,
enthält wohl wenigstens so viel«, Wahrheit,
dafs sie auf ein Original noch des fünften
Jahrhunderts zurückzugehen scheinen (die Lit-
teratur über dieselben bei Matz-Bulm, zerstr.
Bildwerke in Rom l,260ff.); die Pferde nament-
lich haben die attische Bildung des 5. Jahrh.
— Im Weihgeschenke der Lakedaimonier nach
Aigospotamoi standen die Dioskuren von An-
tiphanes neben den höchsten Gottheiten (Paus.
10, 9, 8). — Ins 4. Jahrh. gehören einige
schöne Münzen; beistehend nach Luynes, choix
de monn. pl. 2, 6 die schöne Goldmünze von
Tarent, wo die inschriftlich bezeichneten Dios-
kuren ruhig neben einander reiten, mit Palm-
zweig und Kranz. Münzen von Tyndaris mit
1175
Dioskuren (in d. Kunst)
Dioskuren (in d. Kunst) 1176
zwei oder einem Heiter, mit Palmzweig oder
neben den Rossen ruhig ( Sallets Num. Ztschr.
1876 S. 27 ff.). — Auf attischen Vasen des 5.
und 4. Jahrh. kommen die Dioskuren öfter
vor, meist mit Chlamys oder Chiton und zu
Pferde; besonders schön die Talosvase (Bull.
Napol. 3, 2. 6; 4, 6; Archäol. Zeitg. 1846,
44. 45), wo sie den Talos auf Kreta einfan-
gen, und die Meidiasvase (Wiener Vorlegebl.
4, 6), wo sie die Leukippiden rauben; im ro
Argonautenkreise neben dem
gebundenen Arnykos (Gerhard,
auserles. Vasen Taf. 153. 154).
Sie tragen auf Vasen öfter den
Petasos, nicht Pilos; vergl.
auch 0. Jahn, Ficoron. Gista
S. 16. Der Raub der Leukip-
piden ward oft dargestellt;
bedeutend war jedenfalls das
Bild von Polygnot in Athen 20
In Statuengruppen in Messene
Goldmünze von
Tarent.
im Anakeion.
(Paus. 4,31,9); auf den Giebeln des sog. Ne-
reidenmonumentes von Xanthos (s. Arch. Ztg.
1882, S. 347).
Erst der Zeit vor und nach Alexander fällt
die Ausbildung des Typus zu, der von da an
immer festgehalten
wurde und durch zahl-
lose Denkmäler be-
kannt ist. Auch Au- 30
toren beschreiben ihn
gelegentlich (Ael. var.
hist. frg. 61 Statuen,
vsavica fisyaloi, o-
goioi to eidog, Chla-
mys, Schwert, Lanze
aufstützend; danach
Suid. s. v. Aida*.;
Luc. d. d. 26 xov nov
to rgiirogov [Pilos] 40
x cd ußzrjQ vnsQixvco,
ornörnov , ixtnog lev-
nog; an Polydeukes
Narben des Faust-
kampfs ; Flui. Tib.
Gracch. 2 , Unter-
schiede beider in der
Kunst: g . . . . ogoioxiqg
xtva xov nvr.xiY.ov
[Polyd.] ngog rov 8qo - 50
funov [Kastor] sni xfjg
poQcpris duxyoQccv). Sie
tragen jetzt in der
Regel den Pilos und
meist die Chlamys ;
der Chiton kommt
jetzt kaum mehr vor.
Für den Kopf wird
ein bestimmter Typus
festgestellt, der ge- eo
wisse Züge mit dem
späteren aufgeregten Zeusideale gemein hat; die
untere Stirne tritt vor, die Haare streben über
der Stirn empor und fallen in Locken herab;
die Augen sind grofs und weit geöffnet wie
bei Helios, der Blick in der Regel in die Höhe
und etwas seitwärts gerichtet, der ganze Kopf
etwas in den Nacken geworfen, was dem Gan-
zen etwas Pathetisches giebt; die Wangen
sind voll, das Kinn schmal. Gute Statuen sind
wenige erhalten; eine der besten ist die Bronze
aus Paramytliia im Brit. Mus. (Specim. of
anc. sculpt. 2, 22; s. die beistehende Abbil-
dung). Kopf mit Pilos in Argos : Mittheilungen
d. athen. Instituts 4, 149. Guter überlebens-
grofser Terracottakopf mit bekränztem Pilos
aus Capua in Berlin. Bekannt, doch gering
sind die beiden die Rosse führenden Statuen
am Aufgang des Capitols. Öfter ist zur Ab-
kürzung unten neben einer Dioskurenstatue
ein Pferdevorderteil oder -Kopf angebracht
(im Louvre, Froehner Nr. 416; in Sparta: Dres-
sei und Milchhöfer Nr. 87. 88. 89; vgl. 212).
Auf Münzen sind folgende die Haupttypen:
sie reiten beide neben einander, bald ruhig
(namentlich in älteren Stücken), bald im Ga-
lopp, in der Regel mit flatternder Chlamys
und die Rechte vorstreckend: Tarent Al; Sy-
racus M von 215 — 212, Num. Ghron. 1874, pl.
13, 13; Brit. Mus. catal. p. 225: von da kam
der Typus zu den Brettiern, Al, Palmzweig
in der L. ; Nuceria, Hü, aus dem 3. Jahrh.; in
diesen Beispielen sind sie meist noch ohne
Piloi; ferner Paestum, Caelium; um dieselbe
Zeit, in welche diese Münzen fallen, um die
Mitte des 3. Jahrh., 268 v. Chr., prägte Rom
seine ersten Denare, welche deu Typus im
Galopp, mit Piloi und Sternen zeigen, die Lan-
zen gefällt, s. d. Abbildung nach einem Berliner
Original und vergl. Mommsen, römisch. Münz-
ivesen S. 294; ferner erscheint der Typus in
Erzmünzen des Seleukos II, 246 — 26, s. Im-
hoof-Blum er , monn. gr. p. 427, 42 mit Lan-
zen, und British Mus. catal. Seleuc. pl. 6,9
mit Palmzweigen; Silberm. des Antiochos
VI , mit Lanzen ; baktrische
Königsm., namentlich des Eu-
kratides aus dem 2. Jahrh., s.
z. B. Brit. Mus. guide pl. 52, 32
mit Palm zweigen und Lanzen;
im griechischen Osten aus dem
1. Jahrh. und der Kaiserzeit öf-
ter in Bronzem. ; in Sparta
tnl EvqvhIsos; Thessalonike,
Brit. Mus. catal. Maced. p. 112;
Tomi, Brit. Mus. cat. Thrace
I
■ r.
MC
' me:
' DiO;
Bronze von Paramythia
(Brit. Museum).
54 ; Locri
Opunt. , Brit. Mus. Centr. Greece p. 10. —
Eine nicht seltene Abart des Typus ist,
dafs sie beide auseinander reiten (z. B. Sam-
nium, Zeit des Sozialkrieges, Ai). — Weni-
ger häufig ist der stehende Typus, wo sie
die Lanzen aufstützen; z. B. in Sparta; in
Adada Pisid., röm. Zeit; in Sagalassos stehen
sie auf den Ecken einer Aedicula, deren Giebel
von einem Halbmond bekrönt ist. — Häufig
und schön sind auf Münzen die meist etwas
aufblickenden Köpfe oder Brustbilder der
Dioskuren mit bekränzten Piloi nebeneinander:
Seleukos I, Brit. Mus. cat. pl. 2, 8, bereits mit
Piloi und Sternen, ist wohl das älteste sichere
Beispiel dafür; der eine Kopf blickt zuweilen
nach aufsen und erscheint fast von vorn, so
Seleukos I, ib. pl. 2, 10. 11; ebenso unter den
Incerti ZE der syrischen Könige; Seleukos II,
Brit. Mus. cat. pl. 6, 11, sogar beide Köpfe
von vorn; Antiochos I, Imhoof ’-Blumer , choix
Kais
1177
Diosphos
Disciplina
1178
pl. 6, 204 = monn. gr. p. 425, einer von vorn;
Sparta iE; Thasos iE; dann in Unteritalien,
vor allem die At der Brettier aus dem
3. Jahrh., s. Abbildung nach einem Berl. Ori-
ginal; sehr ähnlich in lihegion M, Locri und
Paestum; in Rom Denare der
gens Cordia. Einen merkwür-
digen Typus aus Mantineia
s. b. Imhoof-Blumer , monn. gr.
Schwestern des Phaethon (s. d.), Hygin. Praef.
f. 154 ( Hesiod fr. 104 Lehrs). — 2) Danaide,
mit dem Aigyptiden Aigyptos vermählt, Apol-
lod. 2, 1, 5. — 3) Eine Amazone, Hygin. f.
163. — 4) Gemahlin des Agenor, Mutter des
Sipylos, Flut, de fluv. 9, 4. — 5) Ein Hund
des Aktaion, Hygin. f. 181. [Stoll.]
Dioxippos (Juogntnoq), Gefährte des Aneas,
von Turnus getötet, V erg. Aen. 9, 574. [Stoll.]
p. 199, n. 238: die Dioskuren- io Dipsakos (Aiipccuog), Sohn des Flusses Phyl-
Dioskuren. Münze
der Brettier
(Berlin).
büsten über einer Art von
breitem Alter oder xgunttfcc.
— Ein Dioskur allein kommt
auch vor, z. B. in Suessa, Mit,
Reiter mit zwei Rossen, Pi-
los, Palmzweig; einzelner
Dioskurenkopf zwischen zwei Sternen : Imhoof-
Blumer, monn. gr. p. 466, 38, wahrscheinlich
einer aiolischen Stadt gehörig. — Von Votiv-
reliefs der späteren Zeit sind die in Sparta 20
die wichtigsten, die schon oben genannt wur-
den: Dressei- Milchhöf er Nr. 201. 202.203; An-
nali de I. 1861, D, 1. 2 Helena als steife Kult-
figur zwischen den zwei stehenden Diosku-
ren; Dressel-Milchh. Nr. 204. 209. 210 die Dios-
kuren allein; ein Dioskur allein ib. Nr. 218.
Helena zwischen den Dioskuren erscheint
auch auf Erzmünzen römischer Zeit in Ter-
messos Akalissos (Lyc.) und Kodrula (Pisid.),
über Helena ein Halbmond, Sterne über den 30
Dioskuren, Imhoof-Blumer, clioix pl. 5, 172;
monn. gr. p. 345). Eine ruhige Frau, wohl
Helena, zwischen den galoppierenden Dios-
kuren auf einem Relief wohl später Zeit
aus Stobi in Macedonien ( Heuzey , Maced.
p. 337. Bev. arch. 1873, 2 p. 40; vergl. Heu-
zey a. a. O. p. 420). — Auf den etruski- /
sehen Spiegelzeichnungen des dritten
und zweiten Jahrhunderts sind die Dioskuren
häufig (sie heifsen meist Castur und Pul-
tuc), oft in uns bis jetzt unverständlicher
Weise vielleicht mit kabirischen Gott-
heitenvermengt; sehr häufig sind drei
Jünglinge mit Piloi und eine Frau,
Gerhard, etrush. Spiegel 264. 275 ff.),
lis in Bithynien und einer Nymphe, der mit
seiner Mutter friedlich an den Wassern seines
Vaters wohnte und seine Herden weidete.
Er nahm den Phrixos gastlich auf, als er auf
seinem Widder nach Kolchis floh, Ap. Bhod.
2, 652 ff. mit Schol. Gerhard, G riech. Myth.
2. § 688, 1. [Stoll.]
Dirae = Erinyes und Furiae (s. d.).
wobei man sich an die Statuen bei
Brasiai (oben S. 1163) erinnert. Die
Dioskuren halten den befreiten Pro-
metheus Gerh. 138; sie sind mit Me-
leager vereint Gerhard 355; Kampf
mit Amykos Gerhard 58. 56(?). Ein
Dioskur allein mit Rofs Gerhard 254. — Auf
ömischen Monumenten erscheinen die
Dioskuren zuweilen in der Unterwelt; so auf
inner Lampe (Venedig, pal. Giustiniani dei
/esc.) zu den Seiten des Pluton mit dem
lerberos; auf einer Gemme ( Cades 27, 13,
|!27) zu den Seiten der Hekate. — Häufig
ind sie auf den römischen Sarkophagen.
Dirkes Bestrafung (Gruppe d. ‘Toro Farnese’; vgl.
oben Art. Amphion. S. 309).
Birke {Aign y), die böse Gemahlin des Ly-
kos, Königs in Theben. Ihre Geschichte siehe
unter Amphion. Zu Theben scheint man auch
ein Grab von ihr gezeigt und an demselben
sühnende Totenopfer und andere abergläu-
- Sarkophag römischer Zeit aus Kephissia mit go bische Gebräuche begangen zu haben , Flut.
). und Helena s. Arch. Zeitg. 1868, 38.
[A. Furtwängler.]
Diosphos (Aids epäg) — Dionysos, C. I. Gr.
p. XVIII. [Roscher.]
Biovis s. Iuppiter.
Bioxippe (Aiia^innr]), 1) Tochter des Helios
ad der Klymene, oder der Merope und des
lymenos , eines Sohns des Helios , eine der
de gen. Socr. 5. Preller, Griecli. Mythol. 2, 33.
Betr. d. Bildwerke s. Amphion u. Antiope.
Bis s. Dis Pater. [Stoll.]
Disciplina, die Personifikation der Manns-
zucht auf Inschriften aus Altava in Mauret.
Caes. (Hadjar er- Rum), C. I. L. 8, 9832 : Dis. \
ci. pli. | nae. \ mi. li. \ ta. ri. und aus Bir umm-
Ali bei Theveste 8, 10657 : Disciplinae \ mili-
1179
Discordia
Dis patei'
tar, sowie aus Cambeckfort am val 1. Hadr. 7,
896: Discipu \ linae | Aug(ustorum oder usti ).
Sonst erscheint Disciplina Aug. auf Münzen
des Hadrianus und Anton. Pius. Ygl. Hübner
a. a. 0. und Eckhel, d. n. 6, 503. [Steuding.]
Discordia, 1) die lateinische Übersetzung der
griechischen Eris (s. d.). Nach Vergil (Aen. 6,
280) wohnt sie mit den Eumeniden, dem Kriege,
Tod, Schlafe, Hunger u. s. w. im Eingänge
zum Orcus (vergl. Claud. in Rufin. 1, 29 f.),
führt das Epitheton demens (vgl. Val. Flacc.
2, 204) und hat Schlangenhaare, welche von
blutigen Binden zusammengehalten werden.
Derselbe Dichter läfst sie (8, 702) zusammen
mit Mars, den Diren und Bellona im Getüm-
mel der Schlacht von Actium erscheinen, an-
gethan mit einem zerrissenen Mantel; vergl.
Petron. 124 v. 271 ff. scisso Discordia crine ||
extulit ad superos Stygium caput. huius in
ore || concretus sanguis, contusaque lumina fle-
bant: || stabant irati scabra rubigine dentes, ||
tabo lingua fluens, obsessa draconibus ora, || at-
que inter torto laceratam pectore vestern || san-
guineam tremula quatiebat lampada dextra. |j
haec ut Cocyti tenebras et Tartar a liquit. . . .
Vgl. Wieseler, Nachr. d. Gött. G. d. Wiss. 1885
S. 89 ff. Nach Claud. a. a. 0. und Hyg. f.
praef. ist sie eine Tochter der Nox und des
Erebos. Weiteres unter Eris. [Roscher.]
2) Lateinische Bezeichnung einer etruski-
schen Göttin in der dritten Region des Him-
melstemplums des Martianus Capella, neben
der Seditio. Vgl. Mart. Cap. Nupt. Philolog.
et Mer cur. lib. 1 § 45 ff. ; dazu Nissen , Tem-
plum p. 182 ff. ; t. 4. Deecke, Etrusk. Forsch. 4,
17 u. 43. Siebe auch Eris (griechisch-etrus-
kisch). [Deecke.]
Dis pater. Unter dem Namen Dis pater
( Caper de verb. dub. p, 109 K. : Dis pater, non
Ditis pater. Priscian. 7, 8, 136 p. 749 H. und
so gewöhnlich) oder Ditis pater ( Petron . 120
v. 76. Quintü. 1, 6, 34. Apulej. inet. 6, 18.
Tertull. ad nat. 1, 10. Serv. Aen, 6, 273: di-
cimus autem et hic Dis et hie Ditis ; georg. 1,
43. Isidor, or. 8, 11, 42. Gloss. Labb. s. vv.
Ditis, Ditis pater), d. i. der reiche Gott {Cie.
n. d. 2, 26, 66. Mythogr. vatic. III 6, 1 : Dis
id est dives, vgl. Quintil. a. a. 0.: Ditis, quia
minime dives-, unter den Neueren hat Vanicek,
Etym. Wörterb. d. lat. Spr ,2 S. 124 den Namen
Dis vom Stamme div [in divus, divinus, Dia-
lis etc.] abgeleitet), wurde in Italien ein Unter-
weltsgott verehrt, der in Wahrheit nichts an-
deres ist , als wofür ihn die Alten ansahen,
der italisierte Pluto (ausdrückliche Gleichstel-
lung von Dis pater und Pluto bei Ennius
Euhem. Lactant. I. D. 1, 14 = fr. 3 S. 170V.
Cic. a. a. 0. Augustin. C. D. 7 , 28. Interpp.
Verg. Aen. 7, 327. Mythogr. Vat. III, Gloss.
Labb. a. aa. 00.; vgl. Welcher, Gr. Götterl. 1
S. 392. Mommsen, R. G. I7 S. 179), wobei einhei-
mische Vorstellungen mitgewirkt haben mögen.
Dis pater ist der Sohn des Saturn und
der Ops, Bruder des Iuppiter und Neptun
(Ennius Euhem. a. a. 0. Tertull. apol. 15 und
a. a. 0. Augustin. C. D. 7, 23. Mythogr. vat.
III a. a. 0.; vergl. Auson. teclmopaegn. 7 [de
dis] 3) ; als die drei Brüder um den Besitz
i
m
Feie:
terei
in di'
|
1180
der Welt stritten, erlöste Dis pater die Unter-
welt (Serv. Aen. 1, 139. Augustin. C. D. 7, 28 ;
vergl. Ovid. f. 4, 584. Senec. Here. für. 832 f.
609 f.). In der römischen Poesie ist oft von
Dis pater als dem erbarmungslosen Fürsten
der Unterwelt, von seinem Reiche und seinem
Palaste im Sinne der griechischen Vorstellung
die Rede (so z. B. bei Vergil, Ovid, Lucan,
Silius Italiens, Statins , besonders Senec. tra-
io goed. , u. a. , auch in metrischen Inschriften,
vgl. C. I. L. 7, 250. 8, 9018. 6, 6319. 6986.
10, 7569. 1, 1009 = 6, 10 096. Bullet, comm.
1, 1872 S. 172 f. ; Dis pater wird z. B. rector
Erebi, rector Stygius, tenebrarum potens, Sty-
gis mortisque dominus , rector umbrarum, rex
noctis, rextremendus genannt; seine Epitheta
sind inmitis , saevus, durus, horridus, ferus,
severus, avarus, implacabilis etc.; sein Palast:
domus Ditis vacuae, Ditis aeterna domus, atria
20 Ditis etc., vgl. C. I. L 6, 10971 in lare Ditis
— in domo Ditis). Nach griechischem Muster
wird mit Dis pater Proserpina als seine Ge-
mahlin und Unterweltsfürstin verbunden (Cic.,
Augustin, a. aa. 00.; Vergil, Valer. Flaccus,
Apulejus , Claudian de rapt. Pros. u. a. ; auch
in Inschriften wird Proserpina öfter mit Dis
pater genannt, vergl. Brambach, C. I. Rhen.
404. 2025. Ephem. epigr. 2, 372; s. Proserpina).
Wie Pluto die Persephone, so sollte Dis pater
so die Proserpina oder Libera = Proserpina ge-
raubt haben (Cic. Verr. 4, 48, 106f. 50, 111.
Ovid. inet. 5, 385ff. fast. 4, 417ff. Sil. Ital.
7, 688 ff. 14, 238 ff. Claudian. de raptu Pro-
serp. Solin. 5, 14f. Arnob. 5, 32. 35. 40. 43.
Serv., Schol. Bernens. und Schol. cod. Bernens.
105 S. 988 Hag. zu Verg. ecl. 3, 105. Serv.
Aen. 4, 609. Lactant. fab. 5, 6. Mythogr. vat.
II 94; s. Proserpina); es ist der sicilische Per-
sephone-Mythus, der jedenfalls mit dem De-
40 rneter- und Persephone-Kult von Unteritalien
aus nach Rom gekommen ist (vgl. Preller, R.
Myth.3 2 S. 40. Förster, Raub der Persephone
S. 9. 23 f. 88); gewöhnlich schliefsen sich die
römischen Erzählungen an die Sage von Henna
an (Cic., Ovid, Sil. Ital., Claudian, Solin, Lac-
tant. fab.), aber daneben wurden auch diejeni-
gen sicilischen Lokalsagen, _ welche den Raub
der Persephone an den Ätna oder an den
Halesusflufs und die Niederfahrt zur Unter-
50 weit in die Gegend von Syracus versetzen,
von den römischen Schriftstellern aufgenom-
men und auf Dis und Proserpina übertragen
(vgl. über die am Ätna lokalisierte Sage Phil-
argyr. Verg. ecl. 3, 105, über den Halesus
Columella 10, 268ff. , über Syracus Cic. Verr.
a. a. 0. 107 und Ovid. met. a. a. 0. 412 f. ; im
allgemeinen s. Förster S. 14 ff. und das. S. 68 ff-
75 ff. 84ff. über die Behandlung des Pluto-
Persephone-Mythus durch die römischen Dick-
oo ter); ganz abweichend folgt Proper z (4[3], 22,
1 ff.) einer kyzikenischen Lokalsage (vergl.
Förster S. 14).
Mit Proserpina erscheint Dis pater auch
im Kultus gleich bei seinem ersten Auftreten
verbunden. Eine wahrscheinlich auf Vale-
rius Antias zurückgehende und von diesem
aus Familienüberlieferungen der gens Valeria
genommene Tradition berichtet, dafs einst
%
icka
(harrt
17, 0.
I «irin
hu,
«u
Mir
I hu, T
ßmicli
haleriu
iWjlt,
ttttt d;
«eh da
Flntarct
hlf «I,
grie
«nieinj;
h Di
I werrf,
'{% .
1181
1182
Dis pater
(jedenfalls in der Königszeit) ein Sabiner Vale-
sius durch Wasser, das er an der Stelle eines
unterirdischen Altars des Dis nnd der Proser-
pina auf dem Terentum (oder Tarentum) ge-
wärmt, seine fieberkranken Kinder geheilt und
zum Danke hierfür die terentinischen (oder
tarentinischen) Spiele zu Ehren des Dis und
der Proserpina gegründet habe, und dafs der
erste römische Konsul P. Valerius Poplicola
(wie Plutarch erzählt , auf Befehl der sibylli -
nischen Bücher, als die römischen Frauen nur
Mifsgeburten zur Welt brachten und zuletzt
gar keine Geburten stattfande'n) und später
M. Valerius Coryus (cos. zum ersten Male
406/348) dieselben wiederholt hätten ( Valer .
Maxim. 2, 4, 5. Censorin. de d. n. 17, 10 nach
'veterum annales’. Plutarch, Popl. 21. Zosi-
mus 2, lff. ; Näheres s. v. Terentum). In die-
ser Tradition erscheint, nach Mommsen , das
Fest des Dis und der Proserpina auf dem
Marsfelde als ein uraltes , gentilicisches der
Valerier, veranlafst durch eine in diesem Hause
in fernster Zeit erfolgte wunderbare Heilung,
und auch, nachdem es eine Gemeindefeier ge-
worden war, an das valerische Geschlecht ge-
knüpft ( Mommsen , Rom. Chron.'2 S. 180ff.). Im
Jahre 505/249 fand die unzweifelhaft erste
Feier sowie überhaupt die Einrichtung dieser
terentinischen Spiele als Säkularspiele statt;
in diesem Jahre wurden wegen ungewöhnlicher
Wunderzeichen die sibyllinischen Bücher be-
fragt und diese ordneten an, dafs dem Dis
und der Proserpina terentinische Spiele auf
dem Marsfelde in drei Nächten gefeiert, dafs
schwarze Opfertiere dargebracht und die Spiele
jedes hunderte Jahr wiederholt werden sollten
( Varro de scaenicis originibus 1 bei Censorin
17, 8. Verrius Flaccus beim Schol. Crvq. zu
Hör. carm. saec. Antias und Livius bei Cen-
sorin a. a. 0. 10. Liv. epit. 49. Augustin. C.
I). 3, 18. Zosim. 2, 4; vgl. besonders Momm-
sen a. a. 0., Marquardt, Staatsvenv. 3 S. 370ff.
Preller, R. MJ 2 S. 82 ff. und s. vv. saecu-
lum, Terentum). Bemerkenswert ist, dafs die
Einrichtung dieser Spiele (wie die Feier des
Valerius Poplicola) an die sibyllinischen Bücher,
die Quelle und Grundlage des griechischen
Elements im römischen Kultus, geknüpft ist
{Marquardt a. a. 0. S. 350ff. führt Dis pater
unter den Gottheiten auf, die durch die sibyl-
linischen Bücher eingeführt sind, und bezieht
sich dabei auf die angeführte Angabe des
Plutarch; Preller a. a. 0. S. 88 vermutet,
dafs gelegentlich der Befragung der sibyllini-
schen Bücher i. J. 505/249 vielleicht 'zuerst
die griechischen Namen anstatt der älteren
einheimischen’ genannt wurden).
In nahen Zusammenhang tritt Dis pater
zu Saturn und dessen Heiligtum am fufse
des Capitols. Dort befand sich eine uralte
ara Satumi und dabei eine Kapelle des Dis
{Macrob. sat. 1 , 11, 48 : sacellum Ditis arae
Satumi cohaerens; vgl. Becher, Topogr. S. 313.
Jordan, Topogr. d. Stadt Rom 1 Abt. 2 S. 360
Anm. 68; zu der Verbindung von Saturn, der
nach Preller a. a. 0. S. 16 hier als ’ Segen -
Spender aus der Tiefe’ erscheint, und Dis vgl.
Dressei in Annal. d. inst. 52, 1880 S. 187); von
Dis pater
der Gründung beider erzählte Varro (bei Ma-
crob. sat. 1, 7, 28 ff., dazu 11, 48 f. ; darauf be-
zieht sich Arnob. 2 , 68) folgende Legende :
Als die Pelasger aus ihren Sitzen vertrieben
nach verschiedenen Ländern auszogen, ström-
ten die meisten in Dodona zusammen, wo sie,
unschlüssig wo sie sich niederlassen sollten,
den Orakelspruch erhielten, dafs sie das satur-
nische Land der Sikuler und Kotyle im Lande
io der Aboriginer (nach Dionys. Halic. 1, 19, der
von der Niederlassung der Pelasger in Italien
erzählt, war Kotylia eine Stadt der Aborigi-
ner), wo eine Insel sich bewegte, aufsuchen,
dort mit den Bewohnern sich vereinigen und
dem Phöbus den Zehnten senden sollten;
aufserdem aber schrieb das Orakel vor : «cd
HecpaXas "Aiby {Kgorühj bei Dionysios-, über die
Stelle des Dionysios s. unt.) neei xm natgl nsp-
nsxs cpüza (nach Dionysios gab Asvxio? MtxXXiog
20 [nach Sylburgs Verbesserung, überliefert ist
Mdiuog] an, dafs er den Orakelspruch auf
einem Dreifufse im Tempel des Zeus mit alter-
tümlichen Buchstaben eingegraben selbst ge-
sehen habe). Als nach Irrfahrten der gröfste
Teil in Latium gelandet war , fanden sie auf
dem cutilischen See eine Insel, die von den
Fluten hin- und hergetrieben wurde; aus die-
sem Wunder (und als sie, nach Dionysios, von
den Gefangenen den Namen der Bewohner er-
30 fahren hatten) erkannten sie , dafs hier die
ihnen vorausgesagten Wohnsitze seien; nach
Vernichtung der sikulisclien Einwohner nah-
men sie die Gegend in Besitz, weihten den
Zehnten der Beute dem Apollo und errichte-
ten dem Dis ein sacellum und dem Saturn
eine ara. Nachdem sie lange Zeit gemäfs
ihrer Auslegung des Orakels dem Dis Men-
schenhäupter und dem Saturn Menschen ge-
opfert, kam, wie man erzählt, Hercules mit
40 den Bindern des Geryon nach Italien und riet
den Nachkommen der pelasgischen Ansiedler,
die ’infausta saerificia’ mit ’fausta’ zu ver-
tauschen , indem sie fortan dem Dis nicht
Menschenhäupter, sondern menschenähnliche
oscilla, und dem Saturn nicht Menschen, son-
dern angezündete Lichter darbringen sollten.
Offenbar ist dies eine ätiologische Legende,
erfunden, um die im Kulte des Dis pater ver-
wendeten oscilla und die Sitte, an den Satur-
50 nalien Lichter anzuzünden , zu erklären (über
den Oscillenritus im allgemeinen vgl. Leist,
Gräco-italische Rechts geschickte , Jena 1884 S.
271 ff.). Möglicherweise sind die oscilla an
Stelle ursprünglicher Menschenopfer, die man
dem Unterweltsgotte darbrachte , getreten.
Verwandt ist der Kultusbrauch , der Mania
und den Laren an den Compifalien Puppen,
maniae, und pilae sowie Mohnköpfe, die für
die Familienmitglieder gelten sollten, darzu-
oo bringen {Paul. p. 121 laneae effgies, p. 239
pilae. Macrob. sat. 1,7, 34 f. Varro Sesculixe
bei Non. p. 538 stroplxium und p. 542 reticu-
lam); der gemeinsame zu Grunde liegende Ge-
danke ist der, dafs der Mensch die liostia der
Unterweltsgottheiten ist (vgl. die gleich anzu-
führende Imprecation C. I. L. 1, 819 und die
unten besprochene lex Komuli); nach dem auch
sonst im römischen Sakralrechte geltenden
1183
1184
Dis pater
Dis pater
Satze fin sacris simulata pro veris accipi’
(Serv. Aen. 2, 116. 4, 512; vgl. z. B. Paul.
p. 57 cervaria ovis. Fest. p. 360 tauri verbe-
naeque, p. 238 porcam auream und die Legende
von Numa und Juppiter Elicius Preller, B.
M.3 1 S. 191) läfst man bei Ceremonien, bei
denen die ursprün gliche Anschauung Menschen-
opfer verlangt, Bilder von Menschen eintreten
(vergl. die Bestimmung des Sakralrechts bei
IAv. 8, 10, 12, dafs, wenn ein Devo vierter nicht
umkommt, ein Bild desselben in der Erde ver-
graben werden müsse, und das Opfer der Bin-
senmänner am Argeerfest, das auf ursprüng-
liche Menschenopfer hinzudeuten scheint, (siehe
Argei); über italische Menschenopfer vgl. Plin.
n. h. SO, 12. Böper, Lucubrationes pontificales
S. 39 f. Schwegler, Böm. Gesell. 1 S. 381 und
gegen die Annahme solcher Mommsen, Böm.
Gesch. VS. 172 £). Manilius (bei Fest. p. 334
sexagenarios ; die Stelle ist lückenhaft, aber
der Name Mani[lius] sowie der Teil der Stelle,
der hier in Betracht kommt, nach Ausweis der
Reste von Scaliger und Ursinus in der Haupt-
sache richtig ergänzt) erzählte, dafs die frü-
hesten Bewohner Roms (also die Aboriginer
oder Pelasger) dem Dis pater jährlich einen
Greis von 60 Jahren (sexagenarius) opferten;
Hercules schaffte bei seiner Ankunft dieses
Opfer ab und setzte dafür das Opfer von Bin-
senmännern ein. Hierdurch wird Dis mit dem
Argeeropfer in Verbindung gebracht. Diesen
Bericht aber des Manilius, wie gewöhnlich ge-
schieht ( Mommsen im N. Bh. Mus. 16, 1861
S. 284 f. Marquardt in Bechers Handb. d. röm.
Altert. 4 S. 202 und Staatsverw. 3 S. 187.
Jordan, Topogr. 2 S. 282. 284f. Steuding oben
S. 496 d s. v. Argei) , mit der oben angeführ-
ten, von Varro erzählten Legende zu verbin-
den und in jener ebenfalls ein Zeugnis für die
Ansicht der Alten, dafs das Argeeropfer dem
Dis gelte, zu finden, ist deshalb unstatthaft,
weil in jener varronischen Legende von dem
Ai’geeropfer gar nicht die Rede ist; denn so-
wohl die oscilla, die nach Varros ausdrück-
lichen Worten dem Dis an Stelle von Men-
schenhäuptern dargebracht wurden, als auch
die dem Saturn angezündeten Lichter haben
mit den Argeern nichts zu thun (vgl. Macrob.
1, 11, 48: . . Pelasgos . . coepisse Saturno ce-
reos potius accendere et in sacellum Ditis
arae Saturni cohaerens oscilla quae-
dam pro suis c apitibus ferre. ex illo tra-
ditum, ut . . sigilla arte fictili fngerentur ac
venalia pararentur quae ho min es pro se at-
que suis piaculum pro Dite Saturno fa-
cerent ). Allerdings hatte Varro (bei Lactant.
I. D. 1, 21) auch das Argeeropfer mit jenem
Orakelspruche in Zusammenhang gebracht, in-
dem er erzählte, dafs dem Saturn wegen der
Zweideutigkeit des letzten Verses des Orakels
et fax et homo iaci solet, und dafs Hercules
das Menschenopfer abgeschafft und das Hin-
abstürzen von Binsenpuppen in den Tiber ein-
gesetzt habe; dabei hatte Varro den Vers in
der Form gegeben , in der er bei Dionysios
(a. a. 0. , dazu s. 1 , 38) auf Mälhog (d. i.
nach gewöhnlicher Annahme L. Manlius oder
Manilius, zur Zeit Sullas, s. Teuffel, Böm. Bit.*
§ 158, 1) zurückgeführt wird (aal nscpaXcig
Kgoviörj etc.). Da nicht anzunehmen ist,
dafs Dionysios die Erzählung aus Manlius selbst
genommen habe, so hat er jedenfalls dessen
Namen bei seinem Gewährsmann Varro gefun-
den (dafs Dionys. 1 , 19 aus Varro stammt,
nimmt auch Mommsen a. a. 0. an), und die-
ser hatte also in der Herleitung des Argeer-
opfers von dem dodonäischen Orakel und Her-
10 cules sich an Manlius angeschlossen, wie er
ihn öfter als seine Quelle nennt (vgl. I. I. 5,
31. 7,16,28). Ist nun der Manilius bei Festus
wirklich derselbe , wie der MdXXiog bei Dio-
nysios, so giebt uns doch nichts darüber Auf-
schlufs, ob und in welcher Weise Manilius hei
der Angabe , dafs dem Dis jährlich ein sexa-
genarius geopfert wurde, an jenes Orakel an-
knüpfte (mit der Scheidung der Berichte des
Varro bei Macrob. und des Manilius bei Fest.
20 fällt die Ansicht Jordans Topogr. 2 S. 284f.,
dafs die Beziehung des Argeeropfers auf Dis
pater durch ''Interpolation’ enstanden sei).
Ob das Opfer des Curtius und der von den
Schriftstellern mehrmals erwähnte Brauch, An-
gehörige fremder Nationen lebendig zu ver-
graben, zu Dis pater in irgend einer Bezie-
hung stand, wie Marquardt (a. a. 0. S. 351 f.)
vermutet , läfst sich nicht entscheiden (das
Opfer des Curtius ist nach Varro l. I. 5, 148
30 eine Forderung der di Manes, die andere Cere-
monie nennt Livius 22, 57 sacrificia extraordi-
naria ex fatalibus libris facta und minime Bo-
manum sacrum, Plutarch q. r. 83 spricht da-
bei von dXXbv.oxo( xivtg daigoveg v.ed £svoi).
Aufser der erwähnten Kapelle des Dis wird
ein Heiligtum desselben in der elften Region-
beim Circus maximus erwähnt ( Notit . urb.
S. 19 Pr. 559 Jord. : circus maximus . . conti-
net . . aedem Ditis patris) ; über den Altar
40 des Dis pater und der Proserpina, den nach
der Sage (s. oben) Valesius auf dem Marsfelde
zwanzig Fuss tief unter der Erde gefunden
haben sollte, und über die von Zosimus (2, 3)
erzählte Legende von dem Ursprünge dieses
Altars vergl. s. v. Terentum. Ferner ist der
mundus in Rom dem Dis und der Proserpina
heilig, und in der Zeit, wo er geöffnet war,
stand gleichsam der Eingang zur Unterwelt
(deorum tristium atque inferum ianua, faux
50 Plutonis ) offen ( Macrob . 1, 16, 16ff. und Varro
das., der von dem mundus der palatinischen
Stadt spricht; von dem mundus, der nach
Plut. B.om. 11 sich in der Gegend des Comi-
tiums befand und wohl als mundus der er-
weiterten Stadt anzusehen ist, wird dies nicht
ausdrücklich überliefert; vergl. mundus). In
Italien wurden als ianuae oder spiracula Ditis
(vgl. Acheruntis ostium Plant. Trin. 525, Orci
ianua Bacch. 368) Stätten bezeichnet, an denen
eo ein giftiger Hauch dem Boden entströmte; so
vor allem der Averner-See bei Kumä (ianua
Ditis: Verg. Aen. 6, 126 f. Valer. Flacc. 6,
112 f. Arnob. 5, 28; ostia Ditis: Verg. Aen.
8, 667; vgl. 5, 731ff.; Petron. 120 v. 67 ff.; s.
Avernus; nach römischer Auffassung ist auch
das Plutonium am Vorgebirge Taenarum ein
spiraculum Ditis, vgl. z. B. Verg. georg. 4, 467.
Apulej. met. 6, 18), ferner das von düsteren
fäl
Imp
a»f]
mrii
feit
fiebi:
tich
lue h
hoff
!t(f
|Swto
fogel
um. 8
Manen
leih
>1.; m
seien (
ifc; 8
lipis;
Ul
1819 =
ns kn
der a
*»s Ter
ie
bi Ton
9018).
I ln di
wa f’jj.
Wen. lg;
p ui,
Mfler,
fer.-
'Ulf
IM
■vT
hU,
Kui
1185
1186
Dis pater
Wäldern eingeschlossene Thal des schwefligen
Ampsanctus Sees mit einer Höhle, auf der
Grenze von Campanien und Apulien, wo ein
eigentümlicher Kult der Unterirdischen be-
stand, indem die Opfertiere nicht geschlachtet,
sondern durch die Ausdünstungen getötet
wurden (der Ort hiefs umbilicus Italiae, die
Höhle spiraculum Ditis: Verg. Aen. 7 , 563 ff.
■ Serv. zu v. 563; über eine ähnliche Örtlich-
keit am Soracte s. unten); eine waldreiche
i Gebirgsgegend mit einer tiefen Höhle war
auch bei Henna die Stätte, wo Dis die Libera-
Proserpina gei’aubt haben sollte (umbilicus Si-
ciliae, Cic. Verr. 4,48, 106. Sil. Ital. 14, 239 f. ;
vergl. die inferi Ditis specus [plur. , d. i. die
Unterwelt] C. I. L. 3, 2197). • Als Unterwelts-
gott erhält Dis pater schwarze Opfertiere, fur-
vae hostiae (s. oben; Serv. georg. 2, 380; vgl.
Paul. p. 93 furvurn bovern. Verg. Aen. 6, 153 f.
243 ff.), wie ihm die düstere Cypresse heilig 2i
ist ( Plin . n. h. 16, 139. Petron. a. a. 0. v. 75);
gelang bei einem Opfer an ihn die litatio, so
galt dies als unglückverheifsendes Zeichen
■ ( Sueton . Otho 8); die Weihe ist der heilige
I Vogel des raubenden Gottes ( Dracont . carm.
I min. 8, 464 ff. 4760'.). Mit Veiovis und den
i Manen wird Dis pater angerufen in einer prie-
Isterlichen Devotionsformel ( Macrob . 3, 9, 10;
j dagegen ist Dis nicht genannt in dem älteren
iDevotionscarmen des P. Decius bei Liv. 8, 9, 3
16 ff. ; mit den Manen ist Dis auch in den metri-
schen Grabinschriften C. I. L. 6, 6986 [Manes
Ditis avari ] und 7579 verbunden; s. manalis
lapis ; an ihn werden Imprecationen gerichtet
I (C. I. L. 1, 818 = 6, 140, worin es heifst:
Dite pater, BJiodine(m) tibi commendo, uti sem-
per odio sit M. Licinio Fausto; vgl. C. I. L.
1, 819 = 6, 141 Danae ancilla noicia Capito -
nis lianc ostiam acceptam habeas et consumas
Danaene. liabes Eutychiam Soterichi uxorem, 4
|wo der angeredete Unterweltsgott nach Momm-
: mctjs Vermutung [z. d. Inschr.] Dis pater ist).
Ganz vereinzelt ist die Vereinigung von Dis
und Hercules (auf dem Altar C. I. L. 6, 139)
md von Dis und Iuppiter Hammon ( C . I. L.
I b, 9018)..
An die Stelle der Proserpina tritt in In-
schriften zuweilen eine Göttin Aerecura oder
j lera Cura (C. I. L. 5, 725. Brambach, C. I.
Rhen. 1679, vgl. C. I. L. 3, 4395; 5, 8970 a: 5
Uiti patri sacr. und Erae sacr.; s. Aerecura
md Denzen zu Orelli 6042. Corssen, Kritische
Vachtr. z. lat. Formen l. S. 256. J. Becher in
rahrbb. d. V er. v. Alt.-Fr. im Bhlde. 42, 1867
1. 111 ff. und 50/51, 1871 S. 175ff). Mit der-
elben erscheint Dis als Unterweltsfürst thro-
nend auf einem spätheidnischen, von christ-
ichen Vorstellungen beeinflufsten Grabgemälde
|ei Rom ( C . I. L. 6, 142; abgeb. bei Perret ,
i 'atacombes de Borne 1 pl. 72. 73; vgl. Förster, 6
I taub etc. S. 231 ff., wo weitere Litteratur an-
egeben ist); er ist bärtig, mit dem modius,
de es scheint, auf dem Haupte dargestellt
'Dis pater Aerecura’’ ; rechts von Dis und
lerecura stehen drei verhüllte Personen, c Fata
\mna\ von der Linken führt ’ Mercurius nun-
jws’ zwei Frauen, ’Vibia Alcestis\ herbei);
if einem anderen Teile des Gemäldes ent-
Roscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
Dis pater
führt er, wie Pluto auf einer quadriga fahrend,
ein Weib (r abreptio Vibies et discensio ’; die
Entführung derVibia ist hier unter dem Bilde
des Persephone- Raubes dargestellt, Preller,
B. AI.3 2 S. 65 Anm. 2. Förster S. 231; in
ähnlichem Sinne wird in der metrischen Grab-
inschrift C. I. L. 6, 6319 der Verstorbene
Ditis focda rapina feri genannt, vgl. das. 1,
1220. 6, 6986; über die Darstellung des Unter-
welts-Einganges auf dem Gemälde als fafs-
ähnliche Öffnung s. Förster S. 233 und s. v.
mundus). Zur Zeit Tertullians erschien Dis
unter den Masken in den Zwischenspielen der
ludi wie der etruskische Charun mit dem Ham-
mer in dem Leichenzuge der gefallenen Gla-
diatoren ( Tertull . ad nat. 1, 10. apol. 15; vgl.
die späte Gleichstellung von Dis und Charon
bei Apulej. u. Isidor, a. aa. 00. Gloss. Labb.
s. vv. Xüqwv, Ditis; vgl. Müller -Deecke, Etru-
sker 2 S. 102f.); den anderen Todesgott der
Etrusker, Mantus, fafste man geradezu als den
etruskischen Dis pater auf ( Caecina in den
Schol. Veron. z. Verg. Aen. 10, 200. Serv. Aen.
10, 198; vgl. ALüller- Deecke a. a. 0. u. S. 68).
Die Gallier leiteten nach druidischer Tradition
ihren Ursprung von einem Gotte ab, den Cä-
sar Dis pater nennt (b. g. 6, 18, 1); auch in
orientalischen Gottheiten glaubte man den Dis
zu erkennen (Tao. hist. 4, 83 f. und dazu Jor-
dan in Prellers B. AI.3 2 S. 65 f. Aum. 3;
Martian. Cap. 2, 191).
Wie Pluto bei den Griechen Zsvg %&6viog
oder ■Äccvax&oviog genannt wird ( Preller , Gr.
AI. I3 S. 655 f.), so sagt Varro (l. I. 5, 66) von
Dis pater: idem hic (d. i. Iuppiter) Dispater
(so Müller, dies pater cod. Flor.) dicitur , infi-
mus qua est coniunctus terrae, ubi omnia ut
oriuntur ita aboriuntur (so Müller, omnia oriun-
tur ui aboriuntur cod. Flor.; vgl. Cic. n. d. 2,
26, 66. Firmic. Matern. 17), in welcher Be-
zeichnung Iuppiter denselben allgemeinen Sinn
zu haben scheint wie in der Verbindung Iup-
piter Liber etc. (vgl. Reifferscheid, Sülle ima-
gini del dio Silrano e del dio Fauno, in Ann.
d. inst. 38, 1866 S. 216). Auf einer Inschrift
(C. I. L. 1, 188 = 6, 136) scheint mit Recht
Di]ti Diove, worin Alommsen (z d. Inschr.)
eine Stütze für Diiovis finden wollte , herge-
stellt worden zu sein. In dem von Dionys.
Halic. (2, 10) mitgeteilten Gesetze des Königs
Romulus gegen Mifsbrauch der dem Patronus
über seinen Klienten zustehenden Gewalt, das
uns in lateinischer Sprache nicht vorliegt, ist
in der Strafbestimmung tbv de cdovztx zg> ßov-
loyivcp v-tsivsiv oc iov rjv a>e Q'vycc rov »at a-
X&ovlov Aiog der Zsvg jtarajjffönog wahrschein-
lich eine Umschreibung für den römischen Dis
pater (vgl. Lange, Röm. Altert. I3 S 241; die
Annahme AI. Voigts , Über die Leges regiae 1
S. 574 f. , dafs darunter Tellumo zu verstehen
sei, läfst sich durch nichts rechtfertigen), ähn-
lich wie bei Dichtern Iuppiter Stygius, I. Tar-
tareus, I. infernus, I. tremendus, I. niger (z. B.
Verg. Aen. 4, 638 : Iovi Stygio, Serv. z. d. St. :
hoc est Pl-utoni. Ooid.fast. 5,448. Sil. Ital. 1,386.
2, 674. Valer. Flacc. 1, 730 vgl. 828. 3, 384 f.
Seneca, Here. für. 47. Here. Oet. 1705; vgl. Au-
son. technopaegn. 13 \grammaticomast.] 16) ohne
38
1187
Dis pater
Dithyrambos
1188
Zweifel Pluto oder Dis pater bezeichnet (vgl.
Purgold , Archäol. Bemerk, zu Glaudian und
Sidon., Gotha 1878 S. 91. JDressel in Annal.
d. Inst. a. a. 0. S. 188 f. Breal in Revue ar-
cheol. n. s. 44, 1882 S. 87); in diesem Sinne
giebt Silius Ital. (13, 601) dem Unterwelts-
gotte eine Iuno Averna (d. i. Proserpina; auch
Ovid met. 14, 114 nennt dieselbe; vergl. die
Iuno inferna Verg. Aen. 6, 138. Serv. z. d. St.
die Wölfe nach ahmten, d. h. vom Raube leb-
ten; dies thaten sie und wurden deshalb Hir-
pini Sorani genannt: nam lupi Sabinorum lin-
gua hirpi vocantur , Sorani vero a Dite, nam
Bis pater Soranus vocatur , quasi lupi Bitis
patris (Hirpini wohnen auch bei dem Amp-
sanctus-See, Cic. de div. 1, 36, 79. Plin. n. h.
2, 208. Serv. Aen. 7, 563; vgl. Müller- Beecke,
Etrusker 2 S. 67f.). Ferner wurde Dis mit
und zu 1, 734. C. I. L. 10, 7576, u. die Iuno io Februus identificiert (Serv. georg. 1, 43. Lyd.
Stygia Stat. Theb. 4, 526 f ; s. Proserpina) zur
Gemahlin. Dafs 'bei den altitalischen Stäm-
men der Gott der Unterwelt von dem Herrn
des Himmels nicht verschieden gewesen sei,
gerade so wie bei den Griechen’, schlofs Bergk
(Zwei Zauberformeln bei Cato, im Philol. 21,
1864 S. 592 f. = Kl. philol. Schriften 1 S. 563 f.)
aufser aus den angeführten Worten Varros aus
Paul. p. 115 lapidem silicem , wo nach der
de mens. 4, 20). Bei Martianus Capella (2, 166)
und dem Mythcgraphus vaticanus III (6, 1)
wird Dis einem sonst nur noch aus einer
Glosse des Papias bekannten Gotte Vedius,
der auch Veiovis genannt worden sei ( Mar -
tian. nennt ihn auch 2, 142; vgl. über densel-
ben Preller, Ii M. 3 l S. 263 Anm. 1. Beecke,
Etr. Forsch. 4 S. 69 ff.), vom Mythogr. über-
dies noch ausdrücklich dem Veiovis gleichge-
handschriftlichen Überlieferung indem Schwur 20 stellt (. . Vedius . ., quem etiam Bitem Veio-
bei Iuppiter Lapis nicht Diespiter, sondern
Dispiter d. i. Dispater angefleht wird (si sciens
fallo, tum me Bispiter [so 'boni codd.’ Bies-
piter 'vg.’] salva urbe arceque bonis eiciat , uti
ego hunc lapidem; in der griechischen Trans-
scription der Formel bei Polyb. 3, 26 ist kein
Gott genannt; an 'Iuppiter infernus’ dachte
auch Müller z. d. St. unter Hinweis auf die
Varro-Stelle, wogegen Preller, R. MS 1 S. 248
vemque dixere Martian. ; inde est quod idem
deus [d. i. Dis] Vedius, id est malus deus , et
Veiovis, id est malus Iovis, sed et Orcus appel-
latur Mythogr.; vgl. Preller, R. MS 1 S. 267).
Ebenso wurde in der späteren Zeit Summanus
als summus Manium dem Dis gleichgestellt
(Arnob. 6, 3. Mart. Cap. 2, 161; Arnob. 5, 37
läfst sogar den Summanus die Proserpina rau-
ben). Mit gröfserem Rechte wird Dis mit Or-
Anm. 1 den Gedanken an denselben zurück- 30 cus identificiert (Ennius Euliem. a. a. 0. Ar-
weist) und aus den Schlufsworten des von ihm
hergestellten Zauberspruches bei Cato de agric.
160 (dissunapiter , nach Bergk = Bis suna
piter = Diespiter sana), indem er der Ansicht
ist, dafs Diespiter und Dispiter, obwohl for-
mell zu sondern, denselben Gott bezeichnen
(als einen nur besonders charakterisierten Iup-
piter hatte übrigens auch Huschke , Rom. Jahr
S. 249 Anm. 127 S. 303 f. Anm. 208 den 'Dis-
nob. 5, 32. Augustin. C. B. 7, 16. 23. Isidor.
a. a. 0.), der ebenfalls als reicher Unterwelts-
gott aufgefafst wird (vergl. z. B. Tibull. 3, 3,
39); s. Orcus. [R. Peter.]
Dis pater (etruskischer Unterweltsgott) s.
unter Vetis (etruskisch- lat. Vedius). [Deecke.]
Dithyrambos (Ji&vQixyßog), 1) Beiname des
Dionysos, dem zu Ehren der Dithyrambos ge-
sungen wurde (Eurip. Bacch. 526. Athen.
pater Veiovis’ aufgefafst). Aber aus der Cato- 40 1, 30b. 11, 465a), nach der Ansicht der Gram-
Stelle läfst sich dies nicht entnehmen, da die
Herstellung derselben durchaus unsicher ist
(vgl. auch den kritischen Apparat Keils z. d.
St.), und bei der Schwurformel läfst sich das
Bedenken, dafs ein Schreibfehler vorliegt und
Diespiter gelesen werden mufs, kaum abwei-
sen. Umgekehrt verhält es sich mit der Stelle
Isidors (or. 8, 11, 42): Pluton Graece, Latine
Biespiter vel Bitis pater , wo sicher Dispiter
matiker wegen seiner Doppelgeburt durch Se-
mele und durch Zeus, indem er durch zwei
Thüren ans Licht trat, oder weil er in Nysa
in einer Höhle mit zwei Thüren erzogen ward,
Et. M. s. v. Schol. Pind. Ol. 13, 26. Schol.
Apoll. Rhod. 4, 1131. Tzetz. Lyc. Prolegg. 1
p. 252 ed. Müller. Procl, Chrestom. p. 382
Gaisf. Schol. Fiat. p. 158. Welcher, Griech.
Götterl. 2, 579 ff. Nachtr. z. Tril. S. 191. Prel-
zu lesen ist, eine Namensform, die durch Mars- 50 ler, Gr. Myth. 1, 547. Vgl. Schwenck, Andeut.
piter neben Mars pater hinreichend gestützt
wird (vergl. noch Gloss. Labb. s. v. Xccqcov:
Orcus, Bespiter , wo Mancher zu Hygin. fab.
41 Dispiter emendiert).
Vollständig identificiert wird, wie es scheint,
b. Serv. (Aen. 11, 785) Dis pater mit dem Gotte
des Berges Soracte, der auch Apollo So-
ranus genannt wird (Preller, R. MS 1 S. 268 ff.);
Servius erzählt, dafs, als einst am Berge So-
S. 146 u. ob. S. 1075 ff. — 2) Aus dem Beinamen
des Gottes schuf man eine besondere Person,
einen Begleiter des Dionysos, eine Figur des
Thiasos (Satyr), Athen. 1, 30 b, wo neben Dithy-
rambos die ähnlich entstandene Person Thriam-
bos genannt wird. Aeschyl. (fr. 317 Herrn.)
bei Flut, de Ei delph. c. 9 : yi'^oßoav ngsnii
AiQ'vQayßov bgagrsiv ovyncogov Aiovvacg, Prel-
ler, Gr. Myth. 1, 593. Gerhard, Gr. Myth. 1
m
ki
Tat
racte dem Dis ein Opfer gebracht wurde — 60 § 466, 2. Bildlich dargestellt auf einem Vasen -
nam diis Manibus consecratus est — plötzlich
Wölfe erschienen und die exta aus dem Feuer
raubten; die Hirten verfolgten sie und gelang-
ten dabei an eine Höhle, der ein die dabei
Stehenden tötender Dunst entstieg; hierauf
entstand eine Pest, weil sie den Wölfen ge-
folgt waren, und ein Orakel gab an, dafs sie
sich von derselben befreien könnten, wenn sie
fragment im Museum Thorwaldsens (Mus. Thor-
tvald. 1 p. 71 n. 97. Heydemann, Satyr- und
Bahchennarnen S. 21 und 36) und einer Lam-
bergischen Vase (Gerhard, Amt. Bildw. 1 T. 17),
Welcher, a. Benhn. 3, 125 ff. Tf. 10, 2. Auf
d’er ersteren Vase ist der bekränzten , die
Kithara spielenden Satyrgestalt beigeschrieben
Ai&vQccycpos, eine Form, die sich zu Ai&vQccy-
o®cl
hol/
1189 Dithyrambos
ßog verhält wie triumphus zu Q'outußog. Wel-
cher, a. Denkm. 3, 132f. 0. Jahn, Vasenbilder
S. 21. C. I. Gr. n. 7464. [Stoll.]
Dithyramplios = Dithyrambos (s. d.).
Ditis s. Dis Pater.
Dius Fiilins. Unter der unbeschränkten
Zahl von Genii, welche nach italischer Reli-
gionsvorstellung als die Vermittler zwischen
Göttern und Menschen thätig sind, ist der her-
vorragendste der Genius Iouis oder auch Ge-
nius schlechtweg genannt. Wie nun Iuppiter
selbst als Himmelsgott in hervorragendem Mafse
auch ein Gott des Rechtes und der Treue ist,
so ist es auch sein Genius und dieser führt
daher in Rom den Namen Dius Fidius, von
den Griechen ungenau, aber doch in richtiger
Erkenntnis seines Gesamtcharakters, als Zsvg
Ih'oziog übersetzt. Dieser Dius Fidius ent-
sprach nach den übereinstimmenden Aussagen
der alten Grammatiker (Fest. p. 238. Ovid.
fast. 6, 213 ff. Cato bei Dion. Hai. 2, 49. 4, 58)
dem sabinischen Gotte oder vielmehr Heros
(Dion. 2, 49; vgl. Sil. Ital. 8, 421 ff. Aug c.
D. 18, 19. Lact. inst. div. 1, 15, 8) Semo San-
cus , mit dem er durch Verschmelzung der
Namen als Semo Sancus Dius Fidius verbun-
den und identificiert wurde. Dafs wir in Dius
Fidius wie in Semo Sancus den Genius Iovis
zu erkennen haben , wird für den ersteren
durch die falsche Etymologie des Aelius Stilo
'Diouis filius ’ (Varro de l. 1. 5, 66. Paul.
p. 147. Placid. p. 32, 10; vergl. auch Paul.
p. 74 'Dius heroum aliquis ab Ioue genus du-
cens’’), für Semo Sancus durch seinen Namen,
der ebenso mit serere zusammenhängt, wie
Genius mit gignere, für beide durch ihre Iden-
tifikation mit Hercules (Varro l. I. 5, 66. Fest.
p. 229. Paul. p. 147. Prop. 5, 9, 71 ff. Ter-
tull. ulol. 20; vgl. Schwegler, Böm. Gesch. 1,
364 ff.) bewiesen, da der italische Hercules mit
dem Genius identisch ist, wie dies als siche-
res Resultat der Untersuchungen Reifferscheids
feststeht, dem auch die Erkenntnis der Iden-
tität von Dius Fidius und Semo Sancus mit
dem Genius Iouis verdankt wird; vgl. Hercu-
les. Nach der übereinstimmenden Tradition
des Altertums wurde der Kult des Semo San-
cus von dem sabinischen Teile der Bevölke-
rung in Rom eingeführt (vgl. Ambrosch, Stu-
dien und Andeutungen S. 170f.), und Titus
Tatius galt als der Stifter des auf dem Quiri-
nal gelegnen Hauptheiligtums des Semo San-
cus Dius Fidius (Tert. ad nat. 2 , 9. Becker ,
Topogr. S. 575ff.), welches, wie dort gefundene
| Inschriften (C. I. L. 6, 568. Bullet, d. inst.
1881, 38) beweisen, noch in der Kaiserzeit be-
stand. Der Festtag des Gottes war der 5. Juni
(Ovid fast. 6, 213 ft'. Fast. Venusi), nämlich der
Tag, an welchem das quirinalisclie Heiligtum
! durch Sp. Postumius im Jahre 288 u. c. ein-
geweiht worden war (Dion. 9, 60 ; vgl. Merkel,
j Prolegg. p. CXXXVI). Ein zweites Heiligtum
des Gottes befand sich auf der Tiberinsel (Iu-
, stin. Mart. apol. 1 , 26 und bei Euseb. hist,
eccl. 2, 13; vgl. Becker, Topogr. S. 652. C. I.
L. 6, 567), und eine dort befindliche Weihin
| schrift gab den christlichen Apologeten grofses
; Ärgernis , da sie dieselbe mifsverständlich
Dmasagoras 1 190
an Simon Magus gerichtet glaubten (lustin.
a. aa. 00. Tertull. apol. 13; Zweifel daran bei
De Bossi, Bull. delV Inst. 1881, 65). Jedoch
war der Kult des Gottes keineswegs auf Rom
beschränkt: auf den iguvinischen Tafeln findet
sich ein Fise Sansie = Fidius Sancus (Aufrecht-
Kirchhoff , Umbr. Sprachdenkm. 2, 186 ft'.), ein
Tempel des Sancus ist uns für Velitrae (Liv.
32, 1), ein sacellum für die Gegend von Marino
(Orelli-Henzen 6999) bezeugt. — Das Wesen des
Dius Fidius als eines Recht und Treue schützen-
den Gottes tritt sowohl in der Schwurformel
me Dius Fidius (vgl. Paul. p. 147) als in der
Thatsache hervor, dafs man Staats-Verträge
in seinem Heiligtume aufbewahrte, wie z, B.
den Vertrag des Tarquinius Superbus mit
Gabii (Dion. 4, 58). Eine Erinnerung an sein
nahes Verhältnis zum Himmelsgotte hat sich
noch in dem Brauche erhalten, bei ihm nur
unter freiem Himmel zu schwören, weshalb,
wer dies zu Hause thun wollte, in das Com-
pluvium trat (Varro 1. I. 5, 66 und bei Nonius
p. 494), ebendahin weisen wohl auch die kreis-
runden Scheiben von Erz , welche aus dem
konfiszierten Vermögen des Vitrubius 329
n. Chr. im Heiligtume des Sancus auf dem
Quirinal gestiftet wurden (Liv. 8, 20, 8; vgl.
Preller, röm. Myth.3 2,273,3}. Wenn in dem-
selben Tempel sich auch eine eherne Statue
der Gaia Oaecilia oder Tanaquil, sowie ihre
Spindel und ihre Sandalen befanden (Varro
b. Plin. n. h. 8, 194. Fest, p 238. Plut. Q. B.
30), so liegt der Zusammenhang nach Reiffer-
scheid darin, dafs Gaia Caecilia, die römische
materfamilias im vorbildlichen Sinne, neben
Dius Fidius tritt, wie luno neben Genius und
Hercules. Vergl. Hercules. Sehliefslich mufs
noch der vor kurzem (angeblich) auf dem Qui-
rinal gefundenen, durch die Inschrift 'Semoni
Sanco sancto Deo Fidio ’ u. s. w. beglaubig-
ten Statue des Gottes gedacht werden, deren
Hieherbeziehung aber dadurch in Frage ge-
stellt ist, dafs man die Zugehörigkeit der
Inschriftbasis zur Statue, wie es scheint, mit
Grund in Zweifel gezogen hat (Abbildung bei
C. L. Visconti in den Studj e Documenti di
Storia e Diritto 2, 105 ff.). Gehörte sie zu,
so hätten wir einen neuen Beweis für die Art
und Weise, wie die Römer griechische Göt-
tertypen auf die Gestalten ihres Kultus über-
trugen: die dargestellte Gottheit ist nämlich
ohne Frage ein archaischer griechischer Apollo-
typus : es konnte das Bewufstsein , dafs auch
Dius Fidius in nahem Verhältnis zum Licht-
gotte stand, Einflufs darauf haben, dafs man
gerade ein Bild des Apollo für seine Darstel-
lung wählte. [Wissowa.]
Diuvis s. Iuppiter.
Diva s. Angerona.
Divöna, keltischer Name einer Quelle bei
Burdigala, welche wohl göttliche Ehren ge-
nofs, Auson. clar. urb. 14, 32. Derselben Gott-
heit verdankt jedenfalls die nahe gelegene Stadt
Dibona (oder Divona) Cadurcorum (Tab. Peu-
ting.) ihren Namen. Zur Bildung des Wortes
vgl. Dirona, Epona u. Dervonnae, sowie Zeufs,
gr. C. S. 20. [Steuding.]
Dmasagoras (JjuxnayÖQag), Vater des Homer,
38*
1191 Dmeteira
nach Kallikles in Rom. et Hesiod. Certam. 1
(p. 34 in Western. Bioygcecp.). [Stoll.]
Dmeteira (Ayyzsiga) dcxydGZQLcc, rj ArjfiyzrjQ.
Etym. 31. 281, 9; vergl. 255, 48. 609, 13 und
Hesych. s. v. , der sie noch aufserdem durch
yy yswyzgia erklärt. Der Name ist entweder
= Ayyyzyg oder = Sccydrsigcc, d. i. die Bän-
digerin. Hom. II. 14, 259 wird die Nacht
dyrjzsiQu Q'säv ncd dcvd'Qcöv genannt. [Steuding.]
Dlllia (zfyua?) ’Slnsavov Q'vydzyg Kal Arjyy-
zgog. Ilesycli. — Loheck, Aglaopli. 1 S. 154 be-
zieht es auf dasiQu, während M. Schmidt dafür
' Alice ’Qkikvov {IvytxzyQ und ’Aycdcc' Ayyyzyg
konjiciert. [Steuding.]
Dodon (Acodav), Sohn des Zeus und der
Obeanide Europe , nach welchem das dodo-
näische Orakel benannt sein sollte, Steph. Byz.
s. v. A codcövy. Vgl. Schot. II. 16, 233, wo er
Dodonos heilst. Bergk in Fleckeisens Jahrbb.
81. Band (1860) S. 317. [Stoll.]
Dodone (Aeoäcovy), eine Okeanide, nach wel-
cher Dodona in Epirus benannt sein sollte,
Steph. Byz. s. v. Acoäcövy. Schot. II. 16, 233.
Et. M. s. v. AooScovociog. [Stoll.]
Doias (Aolccg) , nach welchem Aoiavzog ns-
Siov am Thermodon bei den Wohnsitzen der
Amazonen genannt war. Er war ein Bruder
des Akmon, von dem der benachbarte Hain
dclcog ’AKyoviov seinen Namen hatte; aber der
Vater von beiden war nicht bekannt nach
Pherekydes b. Schot. Ap. Bli. 2, 373. Steph. Byz.
Aoiavzog nsdiov. S. Akmon 5. [Stoll.]
Dolicliaon, Vater des in der Schlacht von
Mezentius getöteten Hebrus, V erg. Aen. 10,
696. [Stoll.]
Dolichenus. In der Stadt Doliche (jetzt
Doluk) in Kommagene, die zwischen dem ge-
wöhnlichen Euphratübergang bei Zeugma und
dem Amanus liegt, verehrte man einen Gott,
der von den Einheimischen zweifellos Ba‘al
genannt wurde. Man stellte ihn dar als einen
kräftigen, auf einem starken Stiere stehenden
Mann. Diese Manier, die Macht, Stärke oder
Schnelligkeit der Götter dadurch zum Ausdruck
zu bringen , dafs man sie auf Tiere stellt,
stammt aus Babylon (sie ündet sich bekannt-
lich in der indischen Kunst) und ist von hier
nach Syrien gedrungen , speziell zu den Che-
titern, welche in Nordsyrien und auch in Kom-
magene die älteste Bevölkerung bildeten. In
ganz Syrien (Hierapolis-Bambyke, Ba‘albekk
Qadesch u. a. [vgl. S. 653]) ist sie bei männ-
lichen und weiblichen Gottheiten ganz gewöhn-
lich , und von hier aus auch nach Kleinasien
gedrungen, wo sie sich namentlich in Kilikien
findet (auf Münzen) ; auch die gewöhnliche
Darstellung der Göttermutter , die auf Löwen
thront, geht darauf zurück.
Doliche war nie ein bedeutender Ort; vor
Ptol. V. 15, 10 und Münzen des M. Aurelius
wird es nie erwähnt. Es war der Kreuzungs-
punkt verschiedener zum Euphrat führender
Strafsen und nach der Tab. Peuting. Badeort,
hat aber nie gröfsere politische oder kommer-
zielle Bedeutung besessen. Indessen ist in der
Mitte des zweiten Jahrhunderts, in der ja so
zahlreiche syrische Götter, wie die von Emesa,
Heliopolis , Bambyke , sich weit in der römi-
Doliclienus 1192
sehen Welt verbreiten und begeisterte Ver-
ehrer finden , auch der Gott von Doliche in
die römische Welt eingedrungen. Es sind
vor allem die syrischen Sklaven und Händler,
durch die der Kult in Rom und in anderen
italischen Städten verbreitet wird. In Rom
hatte der Gott in der späteren Kaiserzeit einen
Tempel auf dem Aventin, zu dem eine grofse
religiöse Genossenschaft gehörte ( 0 . I. L. 6,
406); der Uber de regionibus erwähnt ihn
unter dem Namen Dolocenum. Eine andere
Kultstätte befand sich auf dem Esquilin ( C . I.
L. 6, 414; vergl. Visconti in bullet, municip.
1875 , 204). Die meisten seiner Verehrer tra-
gen ausländische, griechisch-syrische Namen.
Des weiteren finden wir den Gott in allen
europäischen Grenzprovinzen des Reichs, Da-
cien , Pannonien , Germanien , Britannien. In
erster Linie sind es Soldaten, die ihm anhän-
gen , wie denn die aus der Bevölkerung der
verschiedensten Länder zusammengewürfelten
Heere Hauptträger der Religionsmengerei sind
und auf sie auch zahlreiche Denkmäler anderer
syrischer Götter in den genannten Provinzen
zurückgehen. Daneben sind es Kaufleute und
Ansiedler aus Syrien, welche seinen Kult pfle-
gen. So errichten ihm zu Apulum in Dacien,
wo er einen Tempel hatte, zwei Suri negotia-
tores eine Säule ( Ephem . epigr. 2, 401), und in
Ampelum in Dacien scheint es eine komma-
genische Ansiedlung gegeben zu haben, da der
Gott hier Iuppiter Optimus Maximus Doliche-
nus Deus Aeternus Commagenorum (u. var. ; C.
I. L. 3, 1201 a.b. Ephem. epigr. 2 , 422) ge-
nannt wird. In Salona in Dalmatien finden
wir einen Priester des Dolichenus, der den
syrischen Namen Barlaha („Sohn Gottes“) führt,
Ephem. 2, 529. In den übrigen Provinzen fin-
det sich der Gott nur ganz vereinzelt (zu er-
wähnen sind drei von Soldaten verfafste In-
schriften aus Lambese in Numidien (O. I. L.
8, 2623 tt'.). Im ganzen sind etwa 90 auf sei-
nen Kult bezügliche Denkmäler erhalten. Es
ist wiederholt bemerkt worden , dafs sich in
denselben als Name der Priester auffallend oft
der Name Marinus findet: Marinus Mar iani sac.,
Aurelius Marini sac., sub sacer. Antioco et
Marino, Ar das Marinus sacerdos, Belticus, Ma-
rini f. sacerdos u. a. ( Heitner , de Iove Dolicheno
p. 9). Wir werden wohl nicht fehlgehen, wenn
wir hierin eine Latinisierung des syrischen
Wortes ma.rina „unser Herr“ und somit einen
ursprünglichen Titel des Priesters erkennen
(vergl. ähnliche Namen in altägyptischen In-
schriften, Z. D. M. 31, 726). Griechische In-
schriften zu seinen Ehren sind meines Wissens
nicht gefunden (C. I. Gr. 593 in Rom ist wahr-
scheinlich gefälscht, s. Hettner 29), ebenso-
wenig kommt er auf Münzen vor, auch nicht
in seiner Heimat. Von Schriftstellern erwähnt
ihn nur Steph. Byz. s. v. Aoh’xy . . . nohg zyg
Koyfiayyvrjg ■ s&vikov AoXi%u£og [so auch auf
den Münzen bei Mionnet 5 p. 111 ; Suppl. 8 p. 84:
Joh.%cua)v], (cög Ao\i%aio g, eingeschoben von
Wolff, de noviss. orac. aetate 25) Ztvg- ol S
IniywgLOi. AoXixyvol Xiyovzui ( XiyovGLV ? Mei-
neke). Es sind eben nur unbedeutende Men-
schen , welche das Streben nach irgend wel-
10
20
30
40
50
60
1193
Dolicheuus
Dolichos
1194
chem religiösen Halte in die Arme dieses
Dämons geführt, hat.
Die gewöhnliche Darstellung des Gottes auf
den Bildw erken ist durchaus von der grie-
chisch-römischen Kunst der spätem Zeit ab-
hängig. Er ist meist bärtig, trägt eine römische
Rüstung und auf dem Haupte die phrygische
Mütze. In der Rechten hat er eine Doppelaxt,
wie der karische Zeus Stratios von Labraynda,
9, 948; aeternus (s. o.); in einer grofsen römi-
schen Inschrift heifst es ex praecepto I. 0.
M. H. aeterni conservatori totius poli et nu-
viini praestantissimo exibitori invicto (näm-
lich dem Gotte selbst) I. Tettius Hermes eq.
r(om.). cet. Verbunden mit ihm erscheinen in
einzelnen Inschriften Iuno (d. i. die vorhin er-
wähnte Göttin), Sol, Aesculap, Hygia; ferner
I. O. M. üulccno Heliopolitano, C. I. L. 3, 3462;
in der Linken gewöhnlich ein Bündel Blitze, io beide neben einander ib. 3908. Wiederholt
Der Stier, auf dem er steht, schreitet nach erteilt er den Befehl, dafs ihm oder einer
rechts vor. Sehr häufig ist
ihm ein Adler beigegeben,
einmal auch ein Stern ,
mehrfach tritt die
gesgöttin mit Kranz i
Palme an ihn heran. G
legentlich findet sic
neben ihm eine weih
liehe Gottheit , die auf
einem Steinbock (ei-
ner sehr gewöhnlichen
Figur der syrischen
Kunst; auf einem
Denkmal aus Kä.rn
ten bei Hettner
No. 27 soll sich
statt dessen eine
Ziege finden)
steht, wie ähn-
lich in Bam-
byke Zeus auf
Stieren , die
Hera (d. i. die
dea Svria)
auf Bären
thront(ÜM-
cian , de
dea Syria
15). Wie
weit die
Einzel
heiten
dieser
bildli
chen
Dar-
stel-
lung auf das alteinheimische Götterbild in die nie mehr als eine ephemere und auf einzelne
Doliche zurückgehen, wird sich nicht entscliei- 50 Kreise beschränkte Bedeutung gehabt hat.
der mit ihm verbundenen
Gottheiten eine Statue oder
ein Weihgeschenk gewid-
met werde. Ob ausge-
bildete mythische An-
schauungen sich an sei-
nenKult geknüpft haben,
wissen wir nicht; der
Hauptsache nach ist
er jedenfalls , wie je-
der andere syrische
Gott , der höchste
allgebietende Herr,
u. trägt speziell ei-
nen kriegerischen
Wv\ Charakter.
Von der Mitte
des zweiten bis
zum Ende des
dritten Jhdts.
läfst sich der
IvultdesDoli-
chenusnach-
weisen; mit
demZusam-
menbruch
des Hei-
dentums
ver-
Iuppiter Dolichenus, Relief von Kömlöd (nach Seidl, Dolichenuskult Taf. III, 1).
den lassen. Vielleicht zeigt die zweite Tafel
der seinem Dienste geweihten Bronzepyramide
von Kömlöd in Ungarn neben der gewöhn-
lichen hier reproducierten Darstellung eine
ältere (bei Seidl Taf. 3, 2 unten) in einem zwei-
imal wiederholten Bilde, wo der Gott, in der
jeinen Hand den Blitz, in der andern eine
Rosette (resp. dieselbe frei zum Himmel empor-
streckend) von den Knieen an aus zwei hal-
Zusammenstellung und Besprechung des
Materials von Braun, Iup. Hol. 1852, Seidl,
über den Hol ichenus- Kult, in Her. Wien. Ale.,
phil.-hist. CI, 12, 4 ff. 13, 233 ff. 1854 und
Hettner, de Iove Holiclieno, Bonn 1877 Diss.
Vergl. auch die Indices zum C. I. I.
[Ed. Meyer.]
Rolichios oder Dulichios (AoU%iog, Jovli-
;t;ioe), Sohn des Triptolemos, nach welchem die
jben Stieren hervorragt, die mit den Leibern eo Insel Dulichion, die auch Dolicha hiefs, be-
in einander verwachsen und durch eine Rosette
verbunden sind.
Identificiert wird der Gott mit Iuppiter und
Ifieifst in der Regel I. 0. M. Dolichenus (var.
Oolicenus, Dolocenus, Dolchenus u. a. , abge-
kürzt D. ; einmal einfach Deo Dol.). Wie es
Ich gehört , wird er mit überschwenglichen
Attributen gefeiert: exuperantissimus C. I. L.
nannt sein sollte, Eustatli. II. 2, 625. Steph.
Byz. s. v. BovM%i°v. [Stoll.j
Doliclios (AoXixog, Aoli%o g), 1) einer der
Fürsten von Eleusis zu der Zeit, wo Demeter
dorthin kam, Hom. h. in Cer. 155. — 2) Sohn
des Aigyptos, vermählt mit der Danaide Peirene,
Hygin. f. 170. Bei Apollod. 2, 1, 5 erhält Pei-
rene den Agaptolemos zum Gemahl. [Stoll.]
Dolion
1195
Domiduca 1196
Dolion {AoUmv von dolcov Etym. M. , vgl.
AoXCatvog Suid.), der Sohn des Seilenos und der
Melie, welcher am See Askanie in Bitliynien
wohnte {Alex. Aet. fr. 4 aus Strab. 14, 681).
[Steuding.]
Dolios (dolio?), ein alter treuer Sklave der
Penelope, den ihr Vater ihr mitgab, als sie
sich mit Odysseus vermählte, und der ihr den
Garten besorgte, Od. 4, 735. Er wohnte mit
sechs Söhnen auf dem Gute, auf welches Laer-
tes sich zurückgezogen hatte. Hier bewill-
kommnete er mit seinen Söhnen den heimge-
kehrten Odysseus und wappnete sich mit ihm
und Laertes gegen die Verwandten der er-
schlagenen Freier, welche kamen, um Blut-
rache an Odysseus zu nehmen, Od. 24, 222.
358. 387. 397 ff. Er ist der Vater der Me-
lantho, Od. 18, 321, und des Geishirten Me-
lanthios oder Melantheus, Od. 17, 212. 22, 159.
[Stoll.]
Dolon {AöXcov, abgeleitet von dolos), a ) epi-
sche Figur in Ilias K {Aolcovua), Sohn des
reichen Herold Eumedes {Evyydyg , von sv
yydoyca), von übler Gestalt, aber schnellfüfsig,
unter fünf Schwestern aufgewachsen (vgl. Schal.
v. 315. 317); gegen das Versprechen, dafs Hek-
tor ihm das Gespann des Achilleus geben werde,
erbietet er sich, als Späher in das Griechen-
lager zu gehen, kleidet sich in ein Wolfsfell
(v. 334) und trifft mit Odysseus und Dio-
medes zusammen, die ihn fangen und ausfra-
gen. Diomedes tötet ihn (v. 455, so auch Hy-
gin. f. 113). Nach Eur. Blies. 591 (vgl. Jahn ,
io
20
30
108. Bei Hygin. f. 90 heifst ein Sohn des
Priamos Dolon. [v. Sybel.]
Dolonkos {Aoloynog), nach welchem die thra-
kischen Dolonker benannt sein sollten, Bruder
des Bithynos, Steph. Byz. Aoloyv.01. Bi&vvici.
@QUKrj. Sohn des Kronos und der Thrake,
Tzetz. Lyk. 532. Er hatte viele Kinder von
vielen Frauen; denn dieser König hatte bei
den Thrakern die Polygamie eingeführt, Arrian.
b. Eustath. ad Dion. 322 {Müller, fr. hist. gr. 3
p. 593, 37). [Stoll.]
Dolopion {AoXonioov), 1) Troer, Priester des
Skamandros, Vater des Hypsenor, II. 5, 77;
vgl. Tzetz. Homer. 60. — 2) Vater des Iphi-
machos , eines Hirten des Königs Aktor auf
Lemnos, der den dort ausgesetzten Pbiloktetes
ernährte, Ilygin. f. 102. [Stoll.]
Dolops {Aoloip), 1) Sohn des Lampos, Enkel
des troischen Königs Laomedon ; fiel im Kampfe
mit Meges und Menelaos, II. 15, 5 2 5 ff '. — 2)
Ein Grieche vor Troja, Sohn des Klytios, II.
11, 302. — 8) Sohn des Hermes, der in der
Stadt Magnesia (Thessalien) umkam und dort
am Meeresufer ein weithin sichtbares Grab
hatte, Ap. Bh. 1, 585 u. Schol. 587. Orph. Arg.
459. — i) Heros Eponymos der Doloper, Steph.
Byz. Aolonsg. — 5) Sohn des Saturnus (Kro-
nos) und der Philyra, Bruder des Cheiron, Hy-
gin. praef. p. 30, 3 Bunte. [ Stoll.]
Dolor, der Schmerz, Sohn des Äther und
der Erde, Hygin. praef. p. 1. Vergl. Hesiod
Th. 226ff. Alyta dcrugvoevzo:. [Stoll.]
Dolus, der Betrug, Sohn des Äther und der -
I ^
11
h
L
G
1 5t
I,
1.
J.
2
12
1,
ui
(Di
11
80:
IM
dl
[ ]
ohi
I als
Ih
mi
aaci
teil
h
Bilderchron. 104) soll er von beiden, nach spä-
teren von Odysseus, umgebracht worden sein,
vgl. z. B. Overb. Gail. Taf. 16, 19. Die Scene
öfter auf Vasenbildern, Gemmen und Miniaturen,
Overb. Gail. 412 ff. Schreiber, il mito di Dolone
Annali 1875, 299. Bobert, Arch. Ztg. 1882, 47.
- b) auf schwarzfigurigen Vasenbildern bei
Aineias’ und 'Aias’ Monomachie, C. I. Gr. 4
p. XVIII. Annali 1862 B. Bobert, Annali 1874,
öo Erde, Hygin. praef. p. 1. Vgl. Hesiod Theog.
224 AnJzr,. [Stoll.]
Domeaousuemecus (?), eine celtische Gott-
heit auf einer Inschrift aus Em Burgaes im
Convent. Bracaraug. C. I. L. 2, 2375: Dcod \
omca | ous \ uem | ecoe \ votox | auf der Seite:
Seve | rus e \ osue \ f. Hübner im Index liest:
Deus Domeacusuemecus. [Steuding.]
Domiduca s. Indigitamenta.
1197
Domiducus
Dorminus
1198
Domiducus s. Indigitamenta.
Domina. Nach Varro hei dem Interpol.
Serv. Aen. 3, 113 (vergl. Serv. zu Verg. 438)
war Domina vorzugsweise ein Namen der Göt-
termutter (Domina — Kybele z. B. bei Verg.
Aen. 3, 113. Valer. FJacc. 3, 23). Servius
selbst sagt a. a. 0. Dominos (leas dicunt , und
in der That werden nicht nur bei Schriftstel-
lern, sondern auch in Inschriften einzelne Göt-
tinnen Domina genannt, ähnlich wie bei den
Griechen verschiedene Göttinnen Asonoiv <x
heifsen; so Venus (Domina Venus: Ovid. a. a.
1, 148. Properz 4, 2, 31. Petron. 85. C. I.
L. 2, 1638. 1639), Iuno (Domina luno: Verg.
Aen. 3 , 438 und Serv. z. d. St. Properz
2, 5, 17), Diana (Domina Diana: Martial
12, 18, 3), Proserpina (Verg. Aen. 6, 397:
Dominam Ditis thalarno deducere — Pro-
serpinam, vergl. Interpol. Serv. a. a. 0.), Isis
(Domina = Isis: Iuvenal 6, 530. Apulej. Met.
11, 21. Isis Domina: C. I. L. 2, 33. 981),
Bona Dea (C. I. L. 6, 68 : Felix publicus Asi-
nianus pontific(um ) Bonae Deae agresti felic . . .
v. . Votum solvit iunicem alba(rn) libens animo
ob luminibus restitutis , derelietus a medicis,
post menses decem bineficio Dominaes medicinis
sanatus etc.). Aufserdem werden in Inschriften
ohne jeden Zusatz eines Namens Göttinnen
als Dominae bezeichnet: C. I. L. 3, 1004:
Dominae et d. pro salut(e) imp. Nerval e) Irai-
i ani etc. (107/117 n. Chr.); 5, 3307, worin es
nach mutmafslicher Ergänzung Mommsens
j heifst [ eum diem collegiatos volo celebrajre ad
Dominam felices et totum populum; 9, 5652
Lucretia 31. f. Sabina ad aquam perducend(am )
\ Dominae fistulas s. p. /'. ; 10, 607 6 Alexande[r\
ex viso Domna[e ] libes [ a]nimo fecit; Orelli
1525: Thiasus Acili Glabrion. inpetratu aram
fecit Dominae ; 1526 ex imperio Dominae so
crutn etc. Bei den Dominae der Inschriften C.
I. L. 3 , 1005 (aus Alba Iulia) Mestrius 31ar-
[t]inus pictor constituit pro salute sua et suo-
rum fanum Dominarium ) und 5, 774 (aus Aqui-
leja) Domnab(us ) sacrum etc. ist vielleicht an
die meist in der Dreizahl auftretenden germa-
nisch-keltischen Matronen zu denken, s. Ma-
tronae. In der Inschrift C. I. L. 2, 605 wird
die spanische Dea Ataeciua Turibrigensis Do-
mina genannt ( Dominae [ T\uribri\g](ensi ) Ad -
aeginae\e] maritum ....); die das. 1164 ge-
nannten Dominae Nymphae (I. 0. 31. Conser-
vatori e\f\ Domini[s ] Nymphabus etc) scheinen
i ebenfalls spanische Lokalgottheiten zu sein.
C. I.L. 6, 77 : T. Annius Hedypnus | (2 Ohren) |
Dominae Caelesti \ donum dedit ius \ sus a nu-
minae \ eins bezieht sich möglicherweise auf
die häufig unter dem Namen Caelestis ver-
ehrte Göttin von Karthago. In der metrischen
Inschrift C. I. L. 8, 9018 wird in V. 1 eine
Pan\-thea cornigeri sacris cidiuncta Tonantis
genannt; auf dieselbe scheint sich der letzte
1 Vers . . . facie renovam Dominamque bif ar-
mem zu beziehen. Unsicher ist die Auflösung
der Inschrift C. I. L. 5, 8246: Dom. tr. \
Cervia \ Musa \ v. s. I. rn. in Dominabus Tri-
viis (z. d. Inschr.) oder Dominabus tribus (im
Index). [R. Peter.]
Domitius s. Indigitamenta.
Domnus Fidus , Name einer Gottheit auf
einer Inschrift aus der Gegend von Zalatna,
C. I. L. 3, 1289: Domno. Fido \ 31. Naevi-
rius | Felix, pro. pro \ se. et. suos. v. s. I. rn.
*[Steuding.J
Douakinos (Aorcrx ivog, von 8ovu'£, = Angel-
rute), nach Tzetzes z. Lycophr. 107 u. 229 ein
Fischer, der mit seinem Bruder Amphimachos
den Leichnam der Ino-Lenkothea (s. d.) nach
Korinth brachte. [Crusius.]
Douaktas (Aovar izav), zov ’AnoXXcovcc. Gto-
nognog Uesych. Nach 31. Schmidt zu der
Stelle ist der Name von dem dorischen öo-
väco = dovsco (dovdfcco) schütteln abzuleiten(?).
[Steuding.]
Dori patri cultores auf einer Inschrift aus
Caesarea, C. I. L. 8, 9409, wofür aber wohl
mit Wilmanns Liberi patris zu lesen ist.
[Steuding.]
Doridas (Augida g), Sohn des Propodas, Bru-
der des Hyanthidas. Er und sein Bruder waren
in Korinth die letzten Könige aus dem Stamm
des Sisyphos. Sie übergaben dem Dorier Ale-
tes (s. d.) die Herrschaft und blieben im Lande,
Paus. 2, 4, 3. Müller, Dorier 1, 86 f. Gerhard ,
Gr. Myth. 2 p. 237. [Stoll.]
Dorieus (Awgisvg), Sohn des Neoptolemos
UDd der Leonassa, Proxen. u. Nicom. bei Ly-
sim. in den Schol. Venet. Eurip. Androm. 24
u. Cineas (?) ebenda 33, bei Müller , fr. h. gr.
3 , 338 f. [Steuding.]
Doriön (Aoigiov), Tochter des Danaos, ver-
mählt mit Kerkestes, Apollod. 2, 1, 5. [Stoll.]
Doriöu (Jcogiav), Sohn des Orpheus, Vater
des Eukles, Ilellan. b. Prolcl. Vit. Hom. p. 25
in Westermann Bioyg. [Stoll.]
Dorippe (Aaginng), 1) Mutter des Melam-
pus, Dieuchidasb. Schol. Ap. Ilhod. 1, 121. —
2) siehe Anios. [Stoll.]
Doris, idis (Acogtg, idog, f.) 1) Tochter des
Okeanos und der Tethys, Gemahlin des Ne-
reus, Mutter der Nereiden, lies. Theoq. 240 —
264. Apd, 1, 2, 2 u. 7. Ov. Met. 2, 269. 13,
741. [ Kaibel , epigr. gr. 1028, 66 R.] Bei Verg.
Ekl. 10, 5 u. a. metonymisch für das Meer.
— 2) Tochter des Nereus und der Doris II.
18, 45. Hes. Theog. 250. [Weizsäcker.]
Dorkeus (Aognsvg), 1) Sohn des Hippokoon
(s. d.); er hatte wie sein Bruder Sebros zu
Sparta ein Heroon. Beide lagen nahe an ein-
ander auf einem Platze, der Sebrion hiefs. In
der Nähe war ein Brunnen Dorkeia, Paus. 3,
15, 2. Curtius, Peloponn. 2, 235. Bei Apollod.
3, 10, 5 werden unter den Söhnen des Hippo-
koon genannt Dorykleus u. Tebros; beide sind
wahrscheinlich dieselben mit Dorkeus und Se-
bros. I. Beider schreibt bei Apoll odor Aog-
y.svg. — 2) Ein Hund des Aktaion , Hygin. f.
181. Ov. 3Iet. 3, 210. [Stoll.]
Dorkis (Aogtug) , Name eines Satyrs auf
Vasen: C. I. Gr. 7459 u. 7460, wo auch die
übrige Litteratur angegeben ist. Vgl. Ileyde-
munn , Satyr- u. Bakchennamen S. 26. 28. 36.
[Roscher.]
Dorminus , ein celtischer (?) Gott auf einer
Inschrift aus Aquae Statiellae (Acqui), C. I. L.
5, 7504: P. Vimivinus. L. f. Glarus \ Dormino.
1199
Doro
Drakaulos
1200
et. Suetai \ v. s. I. m., doch scheint die Lesart
nicht ganz sicher. [Steuding.]
Doro (Acoqco), Name einer Mainade auf einer
ehemals Durand’schen, jetzt im Leidener Mu-
seum befindlichen Vase: G. I. Gr. 7460. Vgl.
Heydemann , Satyr- und Bakchennamen S. 28
u. 39. [Roscher.]
Dorodoclie (Acogodoxy), Tochter des Ortilo-
chos (Orsilochos), Gemahlin des Ilcarios, Sohnes
des Oibalos , Mutter der Penelope , Scliol. Od. l
15, 16. [Stoll.]
Doros ( Aägog ), 1) Sohn des Hellen ( Herod . 1,
56. Diod. 4,37. 58-60; 5, 80. Apoltod. 1,7, 3.
Strab. p. 333. 370. 383), Vater des Tektamos,
Diod. a. a. O,, Eponymos der Dorier. Von ihm
sagt Strabo p. 383 : „zov g negl nagvccoGov Aa-
gisag GvvoiHiGug xcizshnsv sncovvyovg tavzovu,
und Her. 1, 56 nennt das dorische Geschlecht
viel umherirrend, nolvnhxvrjTog: unter Deuka-
lion habe es das Land Phthiotis bewohnt, unter 2'
seinem Enkel Doros das Land unter dem Ossa
und Olymp, genannt Hestiaiotis, von hier von
den Kadmeiern vertrieben, siedelte es sich am
Pindus an , und wurde das makednische ge-
nannt, von hier ging es hinüber in die Dryo-
pis, am Oita und nachdem es von hier in den
Peloponnes gekommen, ward es das dorische
genannt, vgl. 8, 43. Strabo (a. a. 0.) nennt Do
rier nur den unter Doros am Parnafs wohnen-
den Stamm, während Herodot erst eine spä- 3
tere Generation dorthin kommen läfst.
Der Doros, Sohn des Apoll und der Phthia,
Bruder des Laodokos und Polypoites, den Apol-
lodor (1, 7, 4, 6) mit seinen Brüdern von Ai-
tolos, Endymions Sohn, in ihrem eigenen nach-
her Aitolia genannten Lande getötet werden
läfst, ist zweifelsohne mit dem ersteren Doros
identisch (vergl. Hellen als Sohn des Phthios),
darauf weist schon der Name der Mutter, Phthia
hin; denn aus Phthia stammt das dorische, 4
wie das ganze hellenische Geschlecht. Auch
Apollon als Vater des Doros neben Hellen zu
begegnen, ist nicht nur nicht befremdlich, son-
dern bei dem spezifisch dorischen Kultus des
Apollon sehr erklärlich. Die Sage von der
weiten Ausdehnung der dorischen Wanderzüge
ist der unzweideutige Ausdruck für die weite
Verzweigung des dorischen Stammes über ganz
Griechenland , die Tötung des apollinischen
Doros und die Usurpation seines Landes durch 5
den aiolischen Aitolos der Ausdruck der alten
Feindschaft der Aitoler gegen die Dorier, spe-
ziell gegen den Dienst des delphischen Gottes,
Müller, Dorier 1,31 ff. 214f. — 2) Doros, Sohn
des Poseidon, Gründer von Dora in Phönikien,
Steph. Byz. s. v. Aägog , Vater der Nymphen,
Leon. ep. 9, 329, wenn dort nicht mit Meineke
Aäzov st. Aägov zu lesen ist. Vgl. Serv. Verg.
Aen. 2, 27. — 3) Doros, Sohn des Epaphos,
Steph. Byz. s. v. Ilvynctioi,. [Weizsäcker.] 6
Do(r)saneS) Ao(g)acivt] g' ö 'Hpax/lijg , nag’
’lvd'oig. Hesych. Gerhard, Mythologie 915, 2.
[Steuding.]
Dorykleus s. Dorkeus.
Doryklos (Aogvnlog) , 1) unehelicher Sohn
des Priamos, von dem Telamonier Aias ge-
tötet, II. 11, 489. Apollod. 3, 12, 5. Hygin.
f. 90. — 2) Sohn des Phoinix und der Kassie-
peia , Bruder des Phineus und Kilix , Schot.
Ap. Rh. 2, 187. — 3) Gemahl der Beroe (s. d.), js
Verg. Aen. 5, 620, wo er das Epitheton Tma-
rius hat. — 4) Sohn des Odysseus und der
Thesprotierin Euippe; andre nannten ihn Leon-
tophron, Lysimachos bei Eustath. Od. p. 1796,
51. — 5) Führer der Uatokoitai, Nonn. Dion.
26, 97. 29, 263. [Stoll.]
Dorylas, 1) ein Nasamonier (in Libyen, west- ]
lieh von Kyrenaika), der reichste seines Vol-
kes, der auf der Hochzeit des Perseus für die-
sen kämpft und von dem Baktrier Halkyoneus
getötet wird, Ovid. Met. 5, 129 ff. — 2) Ein
Kentaur, von Peleus auf der Hochzeit des Pei-
rithoos erlegt, Ovid. Met. 12, 380. [Stoll.]
Dotadas (Aazudag), Sohn des Istbmios und ;
Vater des Sybotas , König von Messene. Er
legte in Mothone (= Methone) einen Hafen an I
Paus. 4, 3, 10. [Steuding.]
Dotia (Äcoz(a), Tochter des Elatos (s. d.), | *
nach der die thessalische Stadt Dotion benannt t
worden sein soll: Steph. Byz. s. v. Aäziov.
Vgl. auch Dotis und Dotos. [Roscher.]
Dotis (Aäzig), Sohn des Asterios und der ■ n:
Amphiktyone, nach welchem das dotische Gefild l
in Thessalien benannt war, Steph. Byz. s. v.
Aäziov. [Stoll.]
Dotis (Aa> zig), Thessalierin, von Ares Mutter
des Phlegyas, Apollod. 3, 5, 5. Von Jalysos
Mutter der Syme, welche Glaukos, der Sohn
des Anthedon, raubte und nach der karischen I 6,
Insel Syme brachte, die er nach ihr benannte, tt d;
Athen. 7 p. 296 b. Steph. Byz. s. v. Bvgr\. 1 (g.
Müller, Orchom. 192. 195. [Stoll.]
Doto ( Acozco ), eine der Nereiden (s. d.), welche < «
nach Paus. 2 , 1 , 8 zu Gabala in Syrien ein fa
Heiligtum hatte, wo der Peplos der Eriphyle 13
oder Harmonia (s. d.) aufbewahrt wurde. Siehe I -20
auch C. 1. Gr. add. 6784. [Roscher.]
Dotos (Aäzog), Sohn des Pelasgos oder Sohn j E
des Neonos, Enkel des Hellen, nach welchem I ]j(
das dotische Gefild benannt war, Steph. Byz. 1 Di
s. v. Aäziov. Müller, Orchom. 192. [Stoll.]
Draco, Hund des Aktaion, Hygin. f. 181.
[Steuding.] ; en
Di aeoues, auf einer Inschrift aus Rom, C. I ft;
I. L. 6, 143: Carpus. Aug. lib \ Pallantianus | i \
sanctis | Draconibus | d. d. Nach Orelli zu 1797 j»
vermutete Lupi, dafs die Drachen gemeint seien, )0
die den Nero als Kind bewacht haben sollen, 1 J(]
vgl. Tacit. ann. 11, 11 ; [vielleicht dürfte aber , ;e]
hier vielmehr an die Bedeutung der Schlangen B!
als genii locorum zu denken sein; vergl. dar- [ Jn
über J. Maehly, Die Schlange im Mythus und
Gultus etc. Basel 1867 S. 20 f. E. Gerhard , tiki
Ges. akad. Abliandl. 2, 42, sowie die Artikel
Daimon und Genius. Roscher.] Zu vergleichen j j ,
ist auch der deus Manus Draconis auf einer j
Inschrift aus Scherschel (Caesarea) , G. I. L. | jS!
8, 9326 , sowie die Dracconi und Draccenae j i,e,
geweihte Inschrift aus Scupi, Epliem. epigr. 3
p. 331 n. 493. [Steuding.]
Drakaulos (Agccnctvlog), Beiname der Athene
in Sophokles’ Tympaoisten (fr. 569 Dindf.), j a
Etym. AI. p. 287, 14 ( Hesych . Sind.), angeb-
lich ensl rj ’A&yva doxst nag' ccvz(xig(?) ayU-
oca zov dgccuovra zaig Ksngonog O’vycczQaGiv.
Vielleicht bezieht sich aber der zweite Teil
1201
Drakios
1202
des Wortes vielmehr auf den mit dem Schlan-
gensymbol meist verbundenen Höhlenkult: vgl.
den Asklepios Aulonios Paus. 4 , 36 , 7 oder
die Aulis (= Erinys; Tümpel, Fleckeis. Jahrbb.
Suppl. 11p. 686) bei Suidas s. v. ngaQd inoci;
s. Crusius, Fleckeis. Jahrbb. 123 (1881) S. 293.
[Crusius.]
Drakios (AgaMog), nebst Meges und Am-
phion Führer der Epeier vor Troja, II. 13,
692. [Stoll.]
Drakon (Agäscov), 1) Name eines der Ge-
lahrten des Odysseus. Ihm zu Ehren war in
der Nähe von Laos in Lukanien ein Heroon
(AgccKovxog riQcoov) errichtet, welches in einem
Orakelspruch erwähnt wird: ' Aeuov dgcpl Agct-
xovux n olvv 7 tozs \abv olEiöftcxi.’ Strab. 253.
— 2) Bezeichnung verschiedener mythischer
Drachen, welche die spätere euhemeristische
Auffassung vielfach zu Menschen Namens Agd
tkov umstempelte. Hierher gehören a ) der
thebanische Drache, Wächter der Quelle
Dirke zu Theben, von Kadmos (s. d.) getötet,
für welchen Mord dieser ähnlich wie Apollon
nach der Erlegung des delphischen Drachen
büfsen mufste (vergl. J. Maehly, die Schlange
im Mythus u. Cultus. Basel 1867 S. 16f).
Nach der euhemeristisehen Auffassung der
späteren Zeit war dieser Drache eigentlich ein
König von Theben Namens Drakon, Sohn des
Ares, Vater der Harmonia ( Palaeph . de incred.
6. 7. Derkylos b. Schol. Für. Phoen. 7). b)
der Drache im Mythus von den Hesperiden
(s. d.), nach Palaiph. a. a. 0. 19 eigentlich ein
milesischer Schafhirt, den Herakles samt sei-
nen Schafen entführte (vgl. die ähnlichen Auf-
fassungen des Agroitas (b. Schol. Ap. Eh. 4,
1396), des Diodor (4, 26), Herakht de incred.
120. c) der Drache, den Apollon zu Delphi er-
legte (vgl. Apollon, Python, Delphyne), nach
Eplioros b. Strab. 422 eigentlich ein gefähr-
licher Mann Namens Python mit dem Beinamen
Drakon. Vgl. A. Mommsen, Delpliika 170 ff.
206 f. 2941'., der auch Plut. de def. or. 15. Q.
Gr. 12. Paus. 10, 6, 6f. als Zeugnisse für diese
euhemeristische Version der Pythienfabel an-
führt. d) die Schlange im Mythus des Glau-
k os und Polyidos (s. d.) sollte nach Palaeph.
de incred. 27 eigentlich ein Arzt Namens Dra-
kon gewesen sein. Vergl. über die Heilkraft
der Schlangen Maehly a. a. 0. S. 12 f. e) der
Schlangenschwanz der Chimaira (s. d.) , war
nach Heraklit de incred. 15 eigentlich der eine
Bruder einer bösen Fürstin Namens Chimaira.
— 3) Über Aq ■naiv als Sternbild vgl. den Ar-
tikel Sternbilder. — 4) Vgl. Dracones und die
dsselbst angegebene Litteratur. — 5) Vgl. C.
I. Gr. 7153(?). [Roscher.]
Drances, ein Latiner, feindseliger Gegner
des Turnus , „reich an Habe und der Zunge
Gewalt; doch weniger feurig kämpfte der Arm.“
Er sprach für den Frieden und warf dem Tur-
nus die Schuld an allem Unheil des Krieges
vor, Verg. Aen. 11, 122. 220. 336 und Heyne
j zu 336. [Stoll.]
Dres (Agyg), Sohn des Orpheus, Vater des
Eukles, Vorfahre des Homer. Gharax b. Suid.
s. v. r,OyrjQog. S. Müller, fr. hist. gr. 3 p. 641,
i 20. [Stoll.]
Dryas
Dresaios (Aggaaiog), ein Kämpfer vor Ilion
auf troischer Seite , von Neaira und Theioda-
mas am Sipylos gezeugt. Er ward erschlagen
von Polypoites, Quint. Sm. 1, 291 ff [Stoll.]
Dresos (AgyGog), ein Troer, vor Ilion von
Euryalos getötet, 11. 6, 20. Tzetz. Homer.
114 [Stoll.]
Drimakos (Agipu-Hag). Die Chier sollen die
ersten gewesen sein, die sich Sklaven kauften.
Dafür strafte sie die Gottheit. Viele Sklaven
entliefen auf die Gebirge und verheerten von
da die Ländereien ihrer früheren Herrn unter
ihrem tapferen Führer Drimakos. Nach län-
geren vergeblichen Kämpfen mit ihnen einig-
ten sich die Chier mit Drimakos, dafs er ge-
gen regelmäfsige Kontributionen an Lebens-
mitteln seine Räubereien einstellte. Gleichwohl
setzten sie später einen hohen Preis auf sei-
nen Kopf. Da überredete Drimakos, der des
Lebens satt war, einen geliebten Jüngling, ihm
den Kopf abzuhauen und sich dafür in der
Stadt den Preis zahlen zu lassen. Nach dem
Tode des Alten begannen die Verheerungen
der Sklaven aufs neue. Darum bauten ihm
jetzt die Chier, sein Andenken ehrend, an der
Stelle , wo er begraben lag , ein Heroon und
nannten es das Heroon des wohlwollenden
Heros, ygwog svgtvovg. Die Sklaven opferten
ihm die Erstlinge ihrer Beate; der Heros aber
erschien denen, welchen Unheil von Sklaven
bevorstand , warnend im Traume , und wem
er erschienen war, der opferte ihm an seinem
Heroon. Nymphodoros b. Athen. 6 p. 265 b —
266 d. [Stoll.]
DiTino (Agiyco) , 1) eine Nereide , Hygin.
praef. p. 29 (Bunte)-, bei Vergib Ge. 4, 336,
woraus Hygin eine gröfsere Zahl von Namen
genommen, heilst sie Drymo. — 2) Eine der
Töchter des Giganten Alkyoneus, der Alkyo-
niden (s. d.), Eustath. II. 9, 558 p. 776. Bek-
ker. Anecd. p. 377, 25. (Müller, fr. hist. gr. 4
p. 422. 46). Suid. s. v. Alv-vovidsg ryiEQOu.
Arsen, p. 40. Apostol. 2, 21. Eueloc. p. 35.
Bachmann. Anecd. 1 p. 68. [Stoll. j
Dromas (Agogdg = Läufer), eine Hündin
desAktaion; Ovid. met. 3, 217. Hygin. f. 181;
vgl. ebenda Dromius. [Steuding.]
Drosera (AgoGigd, -y tauig, feucht), eine
Quellnymphe, Hesych. Nonn. 40, 365, 544ff.
[Steuding.]
Dryades s. Nymphai.
Dryainos (Agvaivog) , Gründer der Stadt
Dryaina in Kilikien, Steph. Byz. s. v. Agv-
cavcc. [Stoll.]
Dryalos (Agvctlog), ein Kentaur, Sohn des
Peukeus, Bruder des Perimedes, Hes. Scut.
187. [Stoll.]
Dryas (Agva g), 1) ein Sohn des Ares, aus
Kalydon, kalydonischer Jäger, Apollod. 1, 8, 2.
Ovid. Met. 8, 307. Hygin. f. 159. Bei Ilygin.
f. 173 in einer korruptem Stelle heifst er Dryas
lapeti. — 2) Sohn des Ares , Thraker, Bruder
des Tereus. Als Tereus das Orakel erhalten
hatte, dafs seinem Sohne Itys von verwandter
Hand der Tod bevorstehe (was sich auf den
Tod des Itys durch Prokne, die Gemahlin des
Tereus , bezog), tötete er seinen unschuldigen
Bruder Dryas, im Glauben, dieser trachte sei-
1203
Drymo
Dryops
1204
nem Sohne nach clem Lehen, Hygin. f. 45. — 3)
Ein Fürst der Lapithen, der mit den Kentauren
kämpfte, II. 1, 263. Hes. Scut. 179, und zwar
auf der Hochzeit des Peirithoos, seines Freun-
des, Ov. Met. 12, 290. 297 ff. — 4) Vater des
Lykurgos, des Königs der thrakischen Edoner
am Strymon , des feindlichen Verfolgers des
Dionysos, II. 6, 130 u. Schol. Apollod. 3, 5, 1.
Soph. Antig. 955. Hygin. f. 132. 242. Tzetz.
Lyk. 273. Serv. Aen. 3 , 14. — 5) Sohn des io
vorgenannten. Lykurgos , von dem rasenden
Vater getötet, der ihn für eine Kebe hielt,
Apollod. 3, 5, 1. — 6) Sohn des Aigyptos, nach
Hygin. f. 170 mit der Danaide Hekabe, nach
Apollod. 2, 1, 5 mit Eurydike vermählt. — 7)
s. Pallene. — 8) Vater des Amphilochos 3
(s. d.) — 9) Ein Grieche vor Troja, von De'i-
phobos getötet, Quint. Sm. 11, 86. [Stoll.]
Drymo {Agvpü), eine Nereide: Verg. G. 4,
336 (wo Bibbeck Drumo liest), Hyg. f. p. 29, 3 20
ed. Bunte, der Drimo (s. d.) liest. [Roscher.]
Dryope {Agvong), 1) Einzige Tochter des
Dryoperkönigs Dryops, hütete am Oita die
Herden ihres Vaters, und wurde von den Hama-
dryaden, die sie sehr liebten, als Gespielin an-
genommen. Von ihnen lernte sie Hymnen auf
die Götter und Reigentänze. Als einst Apoll
sie tanzen sah, wurde er von Liebe zu ihr er-
griffen, und verwandelte sich, um sich ihr zu
nähern, in eine Schildkröte; mit dieser spiel- 30
ten die Nymphen; als aber Dryope sie auf den
Schofs nahm, verwandelte sich Apoll plötz-
lich in eine Schlange. Die Nymphen flohen,
und Apollon war am Ziele seiner Wünsche.
Bald darauf wurde Dryope mit Andraimon,
des Oxylos Sohn, verheiratet und gebar von
Apollon den Ampliissos, welcher später die
Stadt Oita am Oita gründete und über die
Gegend herrschte. Auch erbaute er dem Apol-
lon einen Tempel in Dryopis. Aus diesem 40
Tempel wurde einst seine Mutter Dryope von
den Hamadryaden aus alter Anhänglichkeit
entführt und selbst in eine Nymphe verwan-
delt, an ihrer Stelle aber wuchs eine Schwarz-
pappel aus der Erde, und daneben entsprang
eine Quelle. Amphissos erbaute den Nymphen
aus Dankbarkeit einen Tempel, und stiftete
Spiele dazu, denen aber nie eine Frau an-
wohnen durfte, weil zwei Jungfrauen die Ent-
führung der Dryope durch die Nymphen aus- 50
geplaudert hatten. Zur Strafe waren diese in
Fichten verwandelt worden , Anton. Lib. 32.
Steph. Byz. s. v. Auch Ovid. Met. 9, 331 ff. be-
schreibt die Verwandlung der Dryope, aber er
läfst sie zur Strafe in einen Baum verwandelt
werden, weil sie für ihren Säugling Amphis-
sos eine Blüte der Lotosblume abgebrochen
und dadurch die Nymphe Lotis beleidigt hatte.
Ihr Verhältnis zu Apollon, ihre Ehe mit An-
draimon und die Geburt des Amphissos wird 60
wie bei Anton. Lib. erzählt. Ihren Vater da-
gegen nennt Ovid Eurytos (vgl. Steph. Byz. s. v.
Agvomq u. Ol%uMa) und giebt ihr die lole zur
Halbschwester. Die Scene des Vorgangs ist dann
Oichalia (vgl. Paus. 4, 2, 2), und zwar wahr-
scheinlich das thessalische, vgl. Müller, Dorier
1, 416 u. 417. Die Sage von Dryope scheint
späten Ursprungs zu sein; ihre Freundschaft
mit den Dryaden ist wohl erst aus der Ver-
wandtschaft der Namen abgeleitet. In der
Verbindung der Dryope mit Apollon aber scheint
die spätere Versöhnung der ursprünglich sich
befeindenden Dryoper und Dorier angedeutet
zu sein, Müller, Dorier 1, 42. — 2) Dryope,
eine Nymphe, Geliebte des „silvicola“ Faunus
und Mutter des Rutulers Tarquitus, Verg. Aen.
10, 550ff. Da die Tochter des arkadischen
Dryops nach Hom. Hymn. in Pan. von Her-
mes Mutter des Pan ist, und bei Vergil Dryope
Geliebte des Faunus, des italischen Pan, heilst,
so liegt es bei den nahen Beziehungen , die
zwischen Arkadien und Italien durch Euander
hergestellt sind , nahe , beide für identisch zu
halten, indem die Verwechslung ihres Ver-
hältnisses zu Pan nichts Befremdliches hat.
[Weizsäcker.]
Dryops {Agvoip) = „Baum“, d. i. wie ein
Baum aussehend, oder nach Curtius „Baum-
hauer“ (on = lat. op-us, sskrt. ap-as ), 1) Sohn
des Flufsgottes Spercheios und der Danaide
Polydora, Anton. Lib. 32. Plierekyd. b. Schol.
Apoll. Bhod. 1, 1213. (Wenn in letzterer Stelle
als Vater der Flufsgott Peneios genannt wird,
so scheint dies nur ein Versehen, da es dann
weiter heifst: Agvoip, cccp’ ov Agvones xcclovv-
tcu ' oixovai de enl xm noxaycg). Er war
Vater der Dryope, des Kragaleos {Anton. Lib.
c. 4) und des Theiodamas {Schol. Apoll. Bhod. 1,
131), Eponymosder Dryoper, eines pelasgischen
Stammes, der in vorhellenischer Zeit manche
unfreiwilligen Wanderungen vollzog. Von der
Spercheiosgegend leitet auch Aristoteles die
später in Asine in Argolis, und dann in Mes-
senien angesiedelten Dryoper her (bei Strabo 8
p. 373), und Strabo läfst es dabei unentschie-
den, ob der Arkadier Dryops es war, der
die dorther zugewanderten hier ansiedelte,
und ihnen seinen Namen liefs, oder ob sie
diesen Namen schon vom Parnafs her mit-
brachten. Nach andern Quellen heifst Dryops
Sohn des (arkadischen) Lykaon und der Dia,
Schol. Ap. Bhod. 1, 1218, oder Sohn des Apol-
lon und der Dia, einer Tochter des Lykaon,
die den neugeborenen Knaben in einer Eiche
{Sqv g) verbarg, Schol. Ap. Bh. 1, 1283. Tzetz.
Lykoplir. 480. Etym. M. p. 288. Auf den am
Parnafs wohnenden Dryops führt auch Pausa-
nias den später in der Peloponnes angesiedel-
ten Dryoperstamm zurück , 4 , 34 , 6. Seinen
ursprünglichen Sitz hatte dieser Stamm nach
übereinstimmenden Nachrichten zu beiden Sei-
ten des Oita und bis zum Parnafs, wurde aber
zur Zeit seines Königs Phylas, in der dritten
Generation {Paus.), von Herakles und den Ma-
liern in die Peloponnes getrieben und zuerst
in (Hermione und) Asine in Argolis, später,
von den Argeiern wieder verdrängt, in dem
messenischen Asine angesiedelt, wo sie den
Dryops in einem jährlichen Feste mit einem
Geheimgottesdienst als Sohn des Apollon ver-
ehrten und ein Heroon desselben (mit seinem
uralten Bilde, zur Erinnerung an das einst auf
dem Parnafs aufgestellte) erbauten, Nonn. Dion.
35, 91. Paus. a. a. 0. Ein anderer Zweig der
Dryoper liefs sich auf Euboia (Styra, Ivarystos),
der Insel Kythuos, in Ionien (um Abydos) und
Ifc.
1 Bl
I Sa
] eii
|l
get
1
Aii
34;
eim
I.
Aii
mal
I, 1
196,
Inge
1205
Ducavavius
Dusares
1206
auf Kypros nieder, Herod. 1, 14G. 8, 43 — 47.
Thule. 7, 57. Diod. S. 4, 37. Apollod. 2, 7, 7.
Straho 7 p. 321. 8 p. 373. 9, 434. 13, 58G.
Paus. a. a. 0. und 4, 8, 3. 5,1,2. Schöl.Ap.Mh.
a. a. 0., Steph. Byz. Müller, Dorier 1, 42 ff.
Bursian, Geogr. v. Griechen!. 1, 153 u. a.
Dryops erscheint als Eponymos der Dryo-
per sowohl in ihren ursprünglichen Sitzen (als
Sohn des Spercheios oder Apollon) als auch
in ihren späteren in der Peloponnes (als Sohn i
des Lykaon oder Arkas); daraus ergab sich
mit der Zeit eine Unklarheit über diesen Heros
und die Auffassung von zwei Männern dieses
Namens; und wenn diese selbst auch nicht aus-
einandergehalten wurden (wie denn auch offen-
bar beide ursprünglich identisch sind), so er-
scheint doch für die Nachkommenschaft die
Trennung unausweichlich : Der oitäische Dry-
ops hat einen Sohn Kragaleos, der nachher
in Dryopis im väterlichen Reiche herrscht 2
(Anton. Dih. 4. Müller, Dorier a. a. 0.), und
eine einzige Tochter Dryope, von Apollon Mut-
ter des Amphissos, s. Dryope; der arkadische
Dryops dagegen hat eine ungenannte Tochter,
von Hermes Mutter des Pan ( Hymn . Hom. in
Pan. , vielleicht auch Dryope geheifsen ; vgl.
Verg. Aen. 10, 550 u. Dryope 2), während wir
sonst über dessen Nachkommen keine Nach-
richt haben. Also mit den Dryopern wanderte
auch die Sage von ihrem Stammheros nach 3
der Peloponnes, er wurde aber dort allmäh-
lich in die peloponnesische Genealogie einge-
reiht, und dadurch der arkadische Dryops
scheinbar zu einer besonderen Persönlichkeit.
— 2) Dryops, Sohn des Priamos, von Achill
getötet (II. 20, 455) oder von Idomeneus, Dict.
4, 7. Apollod. 3, 12, 5. — 3) Gefährte des
Aineias, von Clausus getötet, Verg. Aen. 10,
345 f. [Weizsäcker.]
Ducavavius?, ein wohl celtischer Gott auf 4
einer Inschrift zu Romeno (val di Non), G. I.
L. 5, 5057: D. DVCAVAV | IO C ■ C ■ EX \
VO. P. h l\3I |. Mommsen a. a. 0. liest D(eo)
1 Ducavavio, doch scheint ihm die Inschrift viel-
Jmehr DN in Ligatur zu bieten. [Stending.]
Duellona = Delloua (s. d.), Varro d. 1. I.
7, 49. Duelona auf den Inschriften C. I. L. 1,
196, 2. = Senat, cons. d. Baccli. Z. 2. 10, 104.
[Steuding.]
Dulicliios siehe Dolichios. 5
Dulis (Aovligl), von Ixion Mutter der Ken-
! tauren (s. d.), Sclwl. II. 1, 266. [Stoll.]
Dul(l)ovi(s, -ius), ein celtischer Gott auf einer
I Inschrift aus Vaison, Orelli 1990: Dullovi | M.
Licinius Goas ] v. s. I. m., dagegen liest Mu-
rat. 1986, 4 u. 5: Didovio. Vgl. dul elemen-
tum, dulevi creator, induil creatura ( Zeufs , gr.
C. p. 25, 249) und den gallischen Namen Dul-
I lius bei Mommsen, inscript. Neapel. 5330.
[Steuding.] c
D lipon (Jovnwv) ein Kentaur, den Herakles
tötete , wohl gleichbedeutend mit Erigdupos
j (s. d.): Diod. 4, 12. [Roscher.]
Durius (Duris?) der Gott des gleichnami-
gen Flusses auf einer Inschrift aus Oporto, C.
1 I. L. 2 , 2370: Duri | G. lulius \ Pylades.
| Mommsen meint, dafs die Nominativform Du-
ris in einer so barbarischen Gegend nicht un-
möglich sei. Oder ist statt des auf Duri
folgenden G ein 0 zu lesen? [Steuding.]
Dusares (Jovodgris) , Stammgott der Naba-
täer, eines arabischen Volksstammes, der sich
seit der Perserzeit in dem Gebiete südlich
und östlich vom Toten Meere festgesetzt hat
und in der hellenistischen Zeit allmählich höhere
Kultur annahm; zur Kaiserzeit bildete er be-
kanntlich einen gröfseren Staat mit der Haupt-
stadt Petra. In den nabatäischen Inschriften
erscheint der Name des Gottes als jOUTiü Dü-
scharä, in der arabischen Litteratur mit Arti-
kel dhü-lscharä. Durch seinen Namen wird
der Gott als „Herr (dhü = nordsemitisch ba‘al)
von scharä“ bezeichnet. Ob letzteres ursprüng-
lich eine Örtlichkeit (resp. das Kultusobjekt
selbst) bezeichnet, wie so häufig ( Levy , Z. D.
M. 14, 465 denkt an das arabische Küsten-
gebirge Scherä; vergl. Steph. Byz. s. v. Aov-
ouQr'f), oder sich auf eine Eigenschaft des Got-
tes bezieht (so Krehl), wissen wir nicht; erwähnt
werden mag immerhin, worauf ein Freund mich
aufmerksam gemacht hat, dafs es formell genau
dem gleichfalls etymologisch unerklärten Namen
Sarai (Gemahlin Abrahams) entspricht, die ur-
sprünglich ein mythologisches Wesen gewesen
sein rnufs, das in Hebron zu Hause war und
jedenfalls nicht der israelitischen Religion,
sondern der des hier ansässigen Stammes Ka-
leb angehörte.
In Petra hatte Dusares seinen Wohnsitz in
einem vier Fufs hohen, zwei Fufs breiten Stein-
block (Suid. s. v. &(vGtxQrjs , wo der Name durch
eine absurde Etymologie als Gso? "Aggs erklärt
wird); Steinkultus ist bekanntlich bei allen
Semiten ganz gewöhnlich. Um diesen Stein
erhob sich der Tempel , und Epiphanios (in
einem 1860 neu aufgefundenen, von Oehler u.
Mordtmann, Z. D. 31. 29, 99 ff. edierten Ab-
schnitt) erzählt, man habe hier am 25. Dez.
mit einer Prozession das Geburtsfest des Got-
tes gefeiert. Er sei der Sohn einer Jungfrau
Xaaßov, zovzsgziv Kogg r'/yovv Ttag&svog, und
sein Name bedeute govoysvg s zov Stanozov.
Letzteres ist fälsch und kann nur ein Beiname
des Dusares sein; dagegen bedeutet Ka‘abü
allerdings eine blühende Jungfrau; dabei ist,
wie immer in solchen Fällen, der Nachdruck
nicht auf die Jungfräulichkeit, sondern auf die
strotzende Fülle zu legen. Ob diese Mutter
des Dusares mit dem in Mekka verehrten Stein-
klotze , der Ka‘aba , an die sich bekanntlich
auch die Verehrung mehrerer Göttinnen, der
A llät , der fUzza und der Manät, anschlofs
(Qoran 53, 19 ff), identisch oder nahe verwandt
ist, mufs bei dem gänzlichen Mangel genauer
Nachrichten dahingestellt bleiben. Aus der
Angabe über das Geburtsfest geht hervor, dafs
Dusares, wie die höchsten Götter semitischer
Stämme so häufig (s. Art. Ba‘al) zum Sonnen-
gott geworden ist, und dementsprechend sagt
Straho 16, 4, 26 die Nabatäer ijhov xzpäGLv
inl zov Scöfiazog idgvGciysvoi. ßcogov, gtisvöov-
xsg sv avzeg xaff rgisgav xcd Xißavwzi^ovzsg.
So heifst es auch in einer Inschrift aus Sueda
Ao^vGagsog 0s[ov . . . .] uviugxov ( Wadding-
ton in Lebas , voy. arcli., Syrie n. 2312).
Dagegen bezeichnet Isidoros von Cliarax bei#
1207 Dyalos
Dysaules
1208
Hesych. s. v. AovaixQgv den Gott als Dionysos,
und das ist korrekter. Denn Dusares ist offen-
bar in erster Linie der Gott des Naturlebens,
der im Winter neu geboren wird und sich
speziell in der Sonne manifestiert.
Daher werden die Symbole desDionysos
auf ihn übertragen: Kaisermünzen von Adraa
(in Batanaia) und Bosra (im Haurän), die beide
zum Gebiet der Nabatäer gehören, tragen die
Aufschrift Aovcagiu oder Av.xict Aovoccqicc ( Eck-
liel , Doct. numm. 3, 178. 499. Mionnet 5 p. 578.
585), die sich auf ein Fest des Gottes be-
zieht, und das Bild einer Weinkelter (eine
andere zeigt ein sacellum in quo , ut videtur,
lapis rudis); und Waddington bemerkt (in
Lebas, voy. archeol. , Syrie zu n. 2C23) , dafs
sich in den Tempeln des Haurän kaum ein
anderes architektonisches Ornament als Wein-
laub finde.
In nabatäischen Inschriften in aramäischer
wie in griechischer Sprache findet sich Dusa-
res einige Male (de Vogue, inscr. semit., Naba -
taea n. 7 a. 9 ; Waddington a. a. 0. n. 2023. 2312),
ferner auf einer Inschrift aus der Gegend von
Puteoli, die ein nabatäischer Händler errichtet
hat (Gildemeister in Z. B. M. 23, 150). Auch
eine lateinische Weihinschrift: Dusari sacrum
hat sich hier gefunden (C. I. L. 10, 1556). Den
Namen Dusarius trägt ein Philosoph aus Petra
(Bernays, Rhein. Mus . 17, 304) und ein Arzt
in Macrobius , Saturnalien 1 , 7 , 1 ; noch ein
Christ in Bostra trägt ihn (Waddington a. a. O.
1916). Irgend welche Verbreitung in der grie-
chisch-römischen Welt hat Dusares nie er-
langt.
Alles Material über Dusares in dem Aufsatz
von J. H. Mordtmann, Busares b. Epiphanius,
Z. B. M. 29, 99 ff.; die völlig wertlosen An-
gaben der arabischen Schriftsteller bei Krehl,
Religion der vorisl. Araber S. 49 — 5 1. Vergl.
auch v. Baudissin , Stud. z. semit. Religion 2,
250 f. [Ed. Meyer.]
Dyalos (Avalog) 6 Atovvoog, nagd naicoGiv.
Hesych. Gerhard, Gr. Myth. 1, 488 vermutet
dafür Agvalog , M. Schmidt verweist dagegen
auf Hesych. s. v. Avalo g' o Aiövvcog, wofür
vielleicht auch Avalog zu lesen sein dürfte (vgl.
ebenda vdlixog ncogg • Aiovvoiog). [Steuding.]
Dymas (Avgag), 1) König in Phrygien am
Flusse Sangarios , Vater des Asios und der
Hekabe, der Gemahlin des Priamos, Hom. II.
16, 717. Apollod. 3, 12, 5. Ooid. Met. 11, 761.
Hygin. f. 91. 111. 243. 249. Preller , G riech.
Mytliol. 2, 375. s. Hekabe. Nach Pherehgdcs
war des Dymas Vater Eioneus, und die Nymphe
Eunoe gebar ihm die Tochter Hekabe , Tzetz.
Exeg. in II. p. 38, 11. Schol. II. 16, 718. Der
Phrygier Otreus (II. 3, 189), welchem Priamos
gegen die Amazonen, die einen Beutezug an
den Sangarios machten, zu Hilfe zog, war ein
Sohn des Dymas, Schol. II. 3, 189; ebenso
Meges, der goldreiche Phrygier, dessen Zwil-
lingssöhne Keltos und Eubios , am Sangarios
von Periboia geboren , vor Troja kämpften
und fielen, Quint. Smyrn. 7, 606 ff. — 2) Ein
segelkundiger Phaiake , dessen Tochter die
Freundin der Nausikaa war, Od. 6, 22. — 8)
,Ein Troer, der bei der Eroberung von Troja
in der Nacht sich dem Aineias zum Kampfe
gegen den Feind anschlofs und fiel, Verg. Aen.
2, 340. 428. — 4) Sohn des Dorierfürsten Ai-
gimios, Bruder des Pamphylos und des adop-
tierten Hyllos. Nach diesen drei Brüdern soll-
ten die drei Stämme der Dorier, Hylleer, Dyma-
nen und Pamphylen, benamit sein. Dymas
und Pamphylos lebten bis zur Einwanderung
der Dorier in die Peloponnes und fielen in
io der Schlacht gegen Tisamenos Apollod. 2, 8, 3.
Paus. 7, 17, 3. Tzetz. Lylc. 1388. Eust. Hom.
p. 1644, 20. Schol. Pind. Pyth. 5, 92. Pyth.
1, 121, wo der dritte Bruder Doros heifst. Bei
Steph. Byz. s. v. Avyccv heifst er Dyman, Mül-
ler, Borier 1, 58. 2, 75 f. [Stoll. ]
Dyme (Avgg) , eine Heroine , von welcher
die Stadt Dyme in Achaia ihren Namen haben
soll, Etym. M. 291, 15. [Steuding.]
Dyn arnene (Avvagevg), eine Nereide: II,
20 18, 43. Apollod. 1, 2, 7. Hyg. f. p. 28, 12
Bunte. [Roscher.]
Dynaste (Avvdaxrj), eine Tochter des Thes-
pios, welche dem Herakles den Eratos gebar,
Apollod. 2, 7, 8, wenn die Lesart Avvdcxgg
"Egaxog richtig ist. Wenn gelesen wird Av-
vaoxgg Ega xovg, so ist Dynastes ein Sohn
der Erato. [Stoll.]
Dynastes (?) s. Dynaste.
Dyrrliacliios (Avggäxtog u. Avggaxo g), Sohn
30 des Poseidon und der Melissa , einer Tochter
des Epidamnos. Nach ihm wurde die illyrische
Stadt, die früher Epidamnos geheifsen, Dyrrha-
chion benannt, Steph. Byz. s. v. Avggdxiov.
Constant. Porphyr ogennet. de them. 2, 9. Appian.
b. civ. 2, 39. Vgl. Paus. 6, 10, 2. [Stoll.]
Dysaules (Avaavlgg), ein Heros des Acker-
baus , dessen Name ursprünglich Aiauvlyg,
„der zweimal Furchende“ lautete (vom zweima-
ligen Pflügen des Ackers im Jahr), wie Trisaules
40 in Pheneos (Paus. 8, 15, 1) und Triptolemos,
der Eleusinier, sich auf das dreimalige Pflügen
im Jahr beziehen und die dreimal Ackernden be-
deuten, s, Schwenclc, Etym.-myth. Andeut. 113f.
Schneidewin , Philol. 1 , 429 ff. Preller ebend. 7, 48.
(Früher hatte Preller in Bemeter u. Pers. 135
den Namen Dysaules auf das Unwirtliche der
Lebensart vor dem Erscheinen der Demeter
und der Einführung des Ackerbaues bezogen).
Nach orphischer Sage, die in Eleusis Eingang
50 gefunden, war Dysaules Vater des Triptole-
mos und Eubuleus, während die Argiver den
nach Eleusis geflüchteten Argiver Trochilos
als Vater dieser beiden ansahen, Paus. 1,
14, 2. Nach Aslclcpiadcs aus Tragilos bei
Harpolcrat. s. v. Avaavlgg war Dysaules (siehe
Diaulos) eleusinischer Autoclithon und zeugte
mit Baubo die Protonoe und Misa (so zu schrei-
ben für Nisa, s. Müller, fr. hist. gr. 2 p. 339,
3); er und Baubo nahmen in Eleusis die ihre
eo Tochter suchende Demeter auf nach Palai-
phatos aus Abydos (Harpolcrat. a a. O.), der wie
Asklepiades in der eleusinischen Mythologie
dem Orpheus folgte, dein. Alex. Cohort. p. 13
ed. Sylb. nennt als Erdgeborne in Eleusis zur
Zeit der Ankunft der Demeter Baubo , Dysau-
les und Triptolemos. Vgl. Arnob. adv. gent. 5
p. 175. Orph. hymn. 40 Hermann. Der ältere,
vom Homeridenhymnus vertretene Mythus von
bi
PU
P
ifi
üai
Ml
des
D
fii«
! !
432
1
mai
10,
10
ga
Df:
lj;
je:
des
ul
I
tim
d. .
ist
I
ran
»
fa
1
äit
Pis;
na;
les
kl
Crii
II
E
ali
sia
ks
ßst
Ei
<#.
1209 Dysis
Eleusis kennt unter den Fürsten von Eleusis,
welche von Demeter die Mysterien empfingen,
keinen Dysaules (vgl. Paus. 2, 14, 2). Nach
Phlius, wo schon vorher von Aras (dem Pflü-
ger) der Ackerbau eingeführt worden war, soll
der von Eleusis kommende Dysaules die Myste-
rien der Demeter gebracht haben , und zwar
in den von der Stadt etwa 5 Stadien entfern-
ten Ort Keleai , welchem Dysaules diesen
Namen gab nach seinem Bruder Keleos. Dort
war auch das Grab des Dysaules neben dem
des Aras, Paus. 2, 14, 2. Preller, Demeter u.
Pers. 134 f. 138. Gr. Mythol. 1, G34, 3. Cur-
tius, Pelop. 2, 471. 475. Welcher, Gr. Götterl.
2, 471. 473. Gerhard, Griecli. Myth. § 410, 0.
432, 2. Panoflca, Arclt. Ztg. 1849 n. 17. [Stoll.]
Dysis, eine Höre, Hygin. f. 183. Hygin sagt,
manche sprächen von 10 Horen (es sind die
10 Stunden des Tages), nennt aber dann statt
10 Namen 11; darunter: Anatole (Sonnenauf-
gang) , Mesembria (Mittag) und am Schlufs
Dysis (Sonnenuntergang), Preller, Gr. Mythol.
1, 392, 2. Vor und nach Mesembria stehen
je 5 Namen, so dafs diese als Mittelpunkt
des Tages vielleicht nicht mitgezählt werden
soll. [Stoll.]
Dysmaiuai ( JvGycuvca ), Name der Bakchan-
tinnen (Mcavctdsg) bei den Spartanern. Hesych.
u. Philargyr. z. Verg. Georg. 2, 487. Das Wort
ist aus övg u. yai'vouca gebildet. [Steudiug.]
Dysnomia {Avavoyca), Gesetzwidrigkeit, eine
von den Ausgeburten der Eris , Des. Theog.
230. Braun, Griech. Götterl. § 260. 261. 268.
Gerhard, Gr. Myth. § 602. [Stoll.]
IDysponteus oder Dyspontos {Avanovrivg,
Avanovrog) , Gründer der Stadt Dyspontion in
Pisatis, nach Paus. 6, 22, 2 Sohn des Oino-
maos, nach Steph. Byz. s. v. Avanovuov Sohn
des Pelops. Vgl. Strabo 8 p. 356 f. Curtius,
Peloponn. 2, 73. 114. Bursian, Geograph, von
«Griechen! 2, 288. [Stoll.]
Dyspontos s. Dysponteus.
Eaecus , ein celtischer Gott auf zwei In-
1 Schriften aus Brozas (Tongobriga in Lusita-
nia), C. I. L. 2, 741 : Cilius Caenonis f. Apu-
lus Eaeco v. s. I. m., 742: Qu . . . e . . . vito
I (= Iovi Solutori? Mommsen) [E]aeco | Auf.
Celer. et ( Cornelia | Flaviana. s \ ag{= d)erdo-
f es etc. (219 n. Chr.) und einer solchen aus
Coria (Caurium in Lusitania) 2, 763: D. Eaeco
Claranus. Caenici. v. s. I. m. [Steuding.]
Easun (easun), etruskische Form des Na-
: mens lason ([s. d.; vgl. auch ’Eaacov C. I. Gr.
7751. Roscher.]) , auf einer Gemme von Kar-
1 leol in Scarabäusform , unbekannter Herkunft.
Oer Held steht vor dem Schiffe Argo, das
3allium über dem Arm, einen Hammer ge-
?en die Schulter gestützt, s. Micali Storia
.u tav. CXVI , nr. 2; Fahr. C. I. I. 2520;
av. XLIV. Ebenso erscheint der Name auf ei-
lem andern Scarabäus etruskischen Ursprungs,
n der Sammlung Vannutelli, später bei Castel-
ani in Rom; s. Bullet. 1869, 55; Fahr. Pmo.
iuppl. 464 Eine Nebenform Eiasun (eiasun)
eigt ein Spiegel von Bolsena, im Florentiner
Itr. Museum, wo er mit Fufluns (fufluns),
Eckelos 1210
d. i. Dionysos, Aratlia (araffa), d. i. Ariadne,
Castur (castur), d. i. Kastor, und Amintli
(aminff), d. i. Amor-, "Epcos, gruppiert erscheint;
s. Gamurr. Bullet. 1870, 152 ff. ; Fahr. Pmo.
Supp! 374. Endlich begegnet er unter der
Namensform H eiasun (heiasun), im Kampfe
mit dem Drachen, noch auf einem Spiegel von
Vulci, einst bei Basseggio in Rom, jetzt im
Berliner Museum, dessen obere Hälfte Klytai-
mnestra , Orestes und eine Furie darstellt;
s. Braun, Oreste 1841. Genarelli, la moneta
primit. 147 ; tav. VII. Gerhard, Etrusk. Spiegel
3, 221 ; tav. CCXXXV1H. Cavedoni Bullet. 1842,
47 ff. Fahr. C. I. I. 2156; vgl. Bezzenbergcr,
Beitr. 2, 166, nr. 43. [Deecke.]
Ebidas (’Eßtdäg), Bruder des Epkas, Opkren
(= Aphren Eus ), Anochos und Eldas , Sohn
des Madianes, Enkel des Abraham, die auf
des letzteren Veranlassung Kolonieen nach den
Küsten des Roten Meeres geführt haben sollen.
Alex. Polyh. 7 bei Joseph. Ant. Jud. 1, 15 und
Euseb. pr. cv. 9, 20; vergl. Müller fr. h. gr.
3, 214. [Steuding.]
Ebrietas, die Personifikation der Trunken-
heit = Me&r] (s. d.) in e. Gruppe des Praxi-
teles, Plin. N. II. 34, 69. [Roscher.]
Ebrius , Name eines Silens auf einer prae-
nestiniscken Cista: Heydemann, Satyr- u. Bak-
chennamen 34 u. 36. Mon. delV Inst. 9, 22.
23. [Roscher.]
Eburuicae matres, celtische Gottheiten, die
nach einer Ortschaft, Eburnum oder Eburni-
cum, dem heutigen Yvours bei Lyon genannt
sind, wo sich eine Inschrift mit ihrem Namen
gefunden hat (vgl. Eburobriga in derselben Ge-
gend). Or.-Henzen 5935: Matris Aug. Ebur-
nici(s) L. Iul. Sanim .. et [Steuding.]
Ecapa (ecapa), etruskische Form des Na-
mens Hekabe fExccßg, s. d . ) , neben Priumne
(priumne), d. i. Priamos ( Ilpi'ccgog ), auf einem
etruskischen Spiegel (Brief von Ad. Klüg-
mann an mich); vergl. Gott. gel. Anz. 1880,
1444. [Deecke.]
Ecliedemos s. Eckemos.
Ecliedorides CExsScogidsg) , Nymphen des
makedonischen Flusses Echedoros , Des. s. v.
[Schultz.]
Echekles (E%£Y.\r\s), Sohn des Aktor, Ge-
mahl der Polymeie, die dem Hermes den Eu-
doros geboren hatte, Dom. II. 16, 189. [Schultz.]
Echeklos ("E^fwlog), 1) Sohn des Agenor,
von Achilleus getötet, D. 20, 474. Paus. 10,
27 , 2. — 2) ein Trojaner von Patroklos ge-
tötet, II. 16, 693. — 3) ein Dolione, von An-
caeus getötet, Val. Flacc. 3, 138. — [4) Ken-
taur bei Ovid {Met. 12, 450, wo gewöhnlich
Echetlos gelesen wird); vgl. Roscher in Fleck-
eisens Jahrb. 1872 S. 427 f. R.] [Schultz.]
Eclielaos (Eieluos), 1) ein Kyprier, Nonn.
32, 199. 211. — 2) Anführer der Pentliiliden
bei der Gründung von Lesbos, Plut. sept. sa-
pient. conv. 20; vgl. ’E^fGag. [Schultz.]
Eclielas (’E^s'lofg), Sohn des Penthilos, Vater
des Gras, Paus. 3, 2, 1. S. Echelaos. [Schultz.]
Echelos (’E^fAog), ein attischer Heros, nach
welchem der Demos Echelidai benannt war,
Steph. Byz. s. v. ’EisUdcu-, Etym. M. s. v.
’EvsxshcSco. [Schultz.]
io
20
30
40
50
60
1211
Echemmon
Eehidna
Echem[m]on (’E%£(icov, 'Exigymv), Sohn des
Priamos, von Diomedes getötet, II. 5, 160.
Apollod. 3, 12, 5. Darauf bezog Campanari
ein Vasenbild, Ann. delT Inst. 1843 p. 68 sq.
[Schultz.]
Echemos (’Ei'cuoq) , Sohn des Aeropos aus
Tegea , Enkel des Kepheus oder Phegeus
( Herod .), Gemahl der Timandra, der Tochter
des Tyndareos und der Leda, nach Lykurgos
König von Arkadien. Als die Herakliden in
den Peloponnes einzudringen versuchten, ging
Echemos mit Hyllos einen Zweikampf auf
dem Isthmus von Korinth unter der Bedin-
gung ein , dafs die Herakliden im Falle der
Niederlage 50 oder 100 (Herod.) Jahre lang
den Einfall nicht erneuerten. Hyllos fiel im
Kampfe, und die Herakliden zogen sich zurück.
Die Tegeaten aber erhielten die Auszeichnung
immer auf dem einen Flügel des peloponnesi-
schen Heeres zu stehen, Paus. 8, 5, 1. 45, 2.
Diod. 4, 58. Herod. 9, 26. lies. Fragm. 105
p. 318 (Mariisch.). Schot. Find. Ol. 10, 79.
Bei der Einrichtung der olympischen Spiele
soll Echemos im Faustkampf gesiegt haben,
Find. a. a. O. Sein Grab wurde neben dem
des Hyllos in Megara gezeigt, Paus. 1, 41, 2;
die Stelle des Kampfes auf der Grenze zwi-
schen Megara und Korinth, Paus. 1, 44, 10.
In Tegea zeigte man ebenfalls ein Grabmal
des Echemos, sowie eine Säule mit einer Dar-
stellung des Kampfes , Paus. 8, 53, 10. Nach
Steph. Byz. s. v. ’Eitciäryiog begleitete Echemos
die Tyndariden auf ihrem Zuge nach Attika,
während Flut. Thes. 32 statt dessen Echede-
mos und Marathon nennt. [Schultz.]
Eclienais (’Exsvcc'l'g), eine Nymphe, Timaios
bei Parthen. Erot. 29, 6. [Schultz.]
Eclieneos (’Exsvriog) , der älteste unter den
Phaiaken des Alkinoos, Od. 7, 155. 11, 342.
[Schultz.]
Ecliephrou (’E%scpQav) , 1) Sohn des Hera-
kles und der Psophis, der Tochter des Eryx,
welcher im Hause des Lykortas mit seinem
Bruder Promachos aufwuchs und die Stadt
Psophis, welche früher Phegia hiefs, nach sei-
ner Mutter benannte, Paus. 8, 24, 1; in Pso-
phis hatte er ein Heroon, Paus. a. a. 0. — 2)
Sohn des Nestor und der Eurydike, Od. 3,413,
oder der Anaxibia, Apollod. 1, 9, 9. — 8) Sohn
des Priamos, Apollod. 3, 12, 5. [Schultz.]
Ecliepolis s. Ischepolis.
Ecliepolos (’E%sncoios), 1) ein Trojaner, Sohn
des Thalysios, von Antilochos getötet, II. 4,
458. — 2) Sohn des Anchises aus Sikyon, Ur-
enkel des Pelops, der dem Agamemnon die
Stute Aithe gab, um nicht gegen Troja ziehen
zu müssen, 11. 23, 296 mit Schot. [Schultz.]
Echestratos (’ExsoTQcczog) , Sohn des Agis,
Vater des Labotas (Leobotes), König der Spar-
taner, Paus. 3, 2, 2. Diod. 7, 8. [Schultz.]
Ecüetimos (’E%& tigog), ein Sikyonier, Vater
des Agasikles. Seine Frau soll den Asklepios
auf einem Maultiergespann in Gestalt einer
Schlange nach Sikyon geführt haben, Paus. 2,
10 , 3. [Schultz.]
Echetlaios s. Echetlos.
Echetlos ("Ehrlos). 1) Nach Paus. 1, 32, 4
1212
soll in der Schlacht bei Marathon ein Mann
in bäurischer Tracht erschienen sein, der viele
Perser erschlug und dann wieder verschwand.
Infolge eines Orakelspruches verehrten ihn die
Athener als Heros Echetlaios. Er war darge-
stellt in dem Gemälde der Schlacht bei Mara-
thon von Panainos in der Stoa Poikile, Paus.
1 , 15, 3. Zoega glaubte ihn zu erkennen auf
einer etruskischen Urne, Zoega, bassir. Tf. 40;
i vgl. Ann. delV Inst. arch. 1835 p. 104; 1837, 2
p. 256. 264. Bull. delV Inst. arch. 1839 p. 74.
1849 p. 9. 1859 p. 182; doch gehört diese
Figur vielmehr in den Kreis etruskischer Reli-
gionsanschauungen. — [2) Vergl. Echeklos
4. R.] [Schultz.]
Echetos ('Ext tos), König von Epirus, Sohn
des Euchenor (Suid. AvxgrcoQ) und der Phlo-
gea (Suid. T>loy Ca), oder Sohn des Buchetos
und König der Sikeler (Mnaseas in Schol. Od.
> 18, 86), der Schrecken der sterblichen Men-
schen , zu welchem Antinoos , der Freier der
Penelope, den Bettler Iros schicken wollte, da-
mit er ihn verstümmle, Od. 18, 85 mit Schol.,
116. 21, 308. Seine Tochter Metope oderAm-
phissa blendet er, weil sie sich ihrem Gelieb-
ten Aichmodikos (s. d.) preisgegeben hatte, und
verstümmelte diesen. Darauf gab er jener eherne
Gerstenkörner zu mahlen unter der Versiehe-:
rung, dafs, wenn sie Graupen daraus mache,,
sie ihr Gesicht wieder erhalten werde, Eust. I
z. Hont. p. 1839. Apollon. Bhod. 4, 1091 mit
Schol. lies. Suid. s. v. Suid. s. v. (hrjorog.
[Schultz.] ,
Eehidna, ’Exibva, rjg f. (i'xiävcc = Schlange),
oberhalb Weib, unterhalb Schlange a) haust
im Land der Arimer in unterirdischer Höhle,
unsterblich, Hes. Th. 295 ff., wo undeutlich ist
welche Eltern gedacht sind, eher Phorkys;
und Keto als Chrysaor und die Okeanidei
Kallirrhoe. Eehidna ist Tochter der Okea-
nide Styx von Peiras nach Epimenides vor
Kreta bei Paus. 8, 18, 2; der Ge, von Tar-
taros, und beraubt die Vorbeikommenden,
bis Argos Panoptes sie im Schlafe um-
bringt nach Apollod. 2, 1, 2, also zwei pelopon-
nesische Lokalisierungen. Nach Hes. Th. 306ff
ist sie von Typhaon (vergl. Typhoeus' Lager
bei den Arimern, II. 2, 782) Mutter der mythi
sehen Tiere: des Orthos oder Orthros (auch
bei Apollod. 2, 5, 10, 3), des Kerberos (auch
bei Soph. Tracli. 1099), der lernäischen Hydra
der Chimaira (auch bei Apollod. 2, 3, 1, 4)
und vom Orthos Mutter der Phix (Sphinx;
E. Mutter der Sphinx auch Für. Pliön. 1020) und
des nemeischen Löwen. Nach Hygin. fab. pr.
und fab. 151 stammen von Typhon und Eehidna
Gorgon, Kerberos, der kolchische Drache.
Skylla, Chimaira, Sphinx (so auch Apollod
3, 5, 8), Hydra, der hesperische Drache
(so auch Apollod. 2, 5, 11); nach Apollod. 2, 5,
1 1 auch Prometheus’ Adler. Eehidna hundert-
köpfiges Ungeheuer der Unterwelt, Aristoph
Ban. 473. Eehidna und Typhös, als Pendants
Tritonen, am amykläischen Thron, Paus. 3, 18,
10. Archäol. Ztg. 1881, 17, 11. Joh. Diaconus
p. 565 deutet Eehidna auf Wirbelwind, andre
auf Vulkanismus. Ursprung in Lykien ver-
mutet Müchhöfer , Mitteil. 4, 52. Arch. Zeitg-
ii
(,
m
|
I !u
I
I I
I ]
I
I
I
I
I
I au
I i
I F;
I
I
I 5. 1
I -
I ^i1
I 1 ~
I des I
I derA
I der
I der
Zwil]
derdi
leteil
mit
%n
nach
¥■
4 a
rolle
äii i
fltiso
pw
und K-
macht,
Arkacl.
kl .
uiOt, (
%TTl
-i Mt
Etlii
’Hi p0
Jo®, /
Jin;
Ithi
1213
Echinades
Echse
1214
1881 , 285. Ygl. überhaupt Flach, Hes. Kos-
mogonie 84 f. b) im skythischen Land Hylaia
ist Echidna von Herakles Mutter des Aga-
thyrsos, Gelonos und Skythes, Herodot.
4, 8 — 10; oder sie ist Tochter des Agathyr-
sos I, dann von Herakles Mutter des Agathyr-
sos II und des Skythes, 0. Jahn, Bilder Chroniken
72 ( Michaelis verm. als Vater Araxes); oder,
erdgeboren, gebiert sie von Zeus den Sky-
nificiert, vgl. Lucret. 4, 580), a) Nymphe, oder
auch Sterbliche, als zur blofsen nachhallenden
Stimme vergangen gedacht, überall gegenwär-
tig, wo Wiederhall ertönt. Grotten und Schluch-
ten der Echo , Colum. de r. r. 9 , 5. Hallen
der Echo , zu Olympia (siebenfaches Echo),
auch Poikile genannt, Paus. 5, 21, 17. Arch.
Zeit. 1879, 41; zu Hermione (dreifaches Echo),
Paus. 2, 35, 6. Heiligtum zu Athen, C. I.
thes, dessen Söhne Palos und Napes die io A. 2,1, 470. — ln Euripides' Plelcabe (110)
Heroen skythischer Stämme werden, Diod. 2,
43, 3. [v. Sybel.]
Echinades s. Acheloos.
Echinos (’E^tkog), bei Steph. Byz. u. Et. M.
s. v., statt Echion (s. d.) als einer der Sparten
und Gründer der Stadt Echinos in Akarna-
nien (Steph. Byz.) oder Thessalien (Et. M.)
genannt. [Schultz.]
Echion (’E%fcov). 1) ein Gigant bei Clau-
dian, Gigantomachie v. 104.
und Andromeda, s. Robert, Archäologische Zei-
tung 1878, 18. In der Tragödie Adonis des
Ptolem. Philopator. Echo hiefs eilte Komö-
die des Eubulos. Bilder: Anthol. Plan. 4,
153 — 156. Anthol. Pal. 9, 27. Philostr. im.
2, 33. Der hallfrohe Pan liebt Echo ohne
Erwiederung, Echo liebt ebenso den Satyr,
Moschos idyll. 6. Pan und Echo oft in der
Litteratur. Pan verfolgt sie vergebens, da
2) einer der 20 macht er die Hirten rasend, dafs sie Echo
am Leben gebliebenen Sparten des Kad
mos (von f'^ig), Apollod, 3, 4, 1. Hygin.
fab. 178. Ov. Met. 3, 126, Genosse des
Kadmos beim Bau von Theben, Ov.
Met. 3, 130, errichtete da-
selbst einen Tempel der Ky-
bele, Ov. Met. 10, 686,
heiratet des Kadmos
Tochter Agaue und
wird Vater des Pen-
theus, Apoll. 3, 4,
2.5,2. Ov. Met.
3, 513. Vergl.
Echionius =
Thebanus bei
Verg. Ovid. u.
a. — 3) Sohn
des Hermes u.
derAntianeira,
der Tochter
des Menetos,
Zwillingsbru-
der des Erytos,
beteiligte sich
mit ihm am
Argonautenzug
nach Pindar
Pyth. 4, 179, der
ihn am Pangaion
wohnen läfst, während
Apollon. Rhod. 1 , 52
ihn nach Alope versetzt,
ebenso Hyg. fab. 14. Va
lerius Flaccus, der ihn zum Boten
und Kundschafter der Argonauten
macht, nennt ihn als Hermessohn einen
Arkader 1, 440. 4, 134. 734. 7, 543. _
Orph. Arg. 137 f. giebt als Mutter Lao- paiTumT Echo Echoiax (’E/otag), einer von den Leu-
thoe, die Tochter des Meretos (Mene- (nach Baumeister, ten des Menelaos auf dem Polygnoti-
tos?), an. Unter den kalydonisclien Denkmäler isagg. schon Gemälde in Delphi, Paus. 10, 25,
Jägern als „unbesiegbar im Lauf“ von Nr- 5U). 2. [Schultz.]
Ov. Met, 8, 311 genannt. [Seeliger.] Eclion (”E%b)v, ’Hxäv?), Satyr auf einer
Ecliios (’Ejjfog), 1) ein Grieche vor Troja, Trinkschale des Brygos (Brit. Museum), abgeb.
im Singen zerreifsen und ihre Glieder zer-
struen , welche im Wiederhall forttönen,
Longus 3, 23. Vgl. Kallistr. stat. 1. Echo-
statuen im Paneum zu Cäsarea Phi-
lippi, C. I. Gr. nr. 4538. 4539,
Furtwängler , Annali 1877,
187. Echo, Mutter
der Iynx (s. d.), von
Pan, Tzetzes Lyk. 310;
von Pan Mutter
der Iambe (s. d.).
— Pans uner-
widerte Liebe
zu Echo , von
Aphrodite ihm
zur Strafe auf-
erlegt , Ptol
Heph. 6. Echo
vergeht zur
blofsen Stirn
me, verschmäht
von N a r k is
sos, Ov. met
3, 356 —401
Auson. Epigr
99. Wieseler
NarkissoslSbß
Ilelbig , W andge-
mälde nr. 1358 ff.
dazu Trendelenburg,
Archäolog. Zeitg.1816,
11. Preller -Plew 1, 597.
612. b) Früherer Name
der Helena, weil sie cpcovoyiyog war,
Ptol. Heph. 4. Eust. Od. 4, 279.
Reiches Material bei Wieseler, Echo
1854. [v. Sybel],
von Polites getötet, Vater des Mekistheus,
Horn.. II. 8, 333. 13, 422. 15, 339. — 2) ein
Lykier, von Patroklos getötet, Horn. II. 16,
316. [Schultz.]
Echo, ’Hxeo, ovg f. (fix w Wiederhall, perso-
Mon. d. Inst. 9, 46. Vgl. Heydcmann, Satyr-
u. Bakchennavnen 15. [Roscher.]
Echse (e^se), etruskischer Name eines Göt-
terjünglings auf einem Spiegel im Florentiner
Museum, neben einem andern Jüngling Um aile
1215 Echtur
(umaile), noch ungedeutet; doch s. Elchsntre;
s. schon Demister., Etr. Reg. tav. XXXVIII.
Lcmzi Saggio 2, 233 = 185; tav. XII, no. 5.
Gerhard, Etrusk. Spiegel 3, 197 tav. CCVII, 2.
Gonestabile Insc. etr. 192 tav. LVIII, 204. Fahr.
C. I. I. 110, und sonst. [Deecke.]
Eclitur s. Ectur.
Ectur (ectur), etruskische Form des Na-
mens Hektor (” Exzcog , s. d.) , neben seinem
Gegner Aivas (aivas) d. i. Al'fag, Aiax, auf
einem Spiegel von Vulci im Brittischen Mu-
seum, s. Bullet. 1847, 139. Gerhard, Etrusk.
Spiegel 4, 40; tav. CCCXCII. Fahr. C. I. I.
2148 bis. Die aspirierte Form Echtur (e^tur)
zeigt ein Spiegel von Bolsena, gleichfalls im
Brittischen Museum, wo er dem Zweikampfe
zwischen Achle (ajjde) d. i. Achilles, ’A%iX-
Itvg , und Evas (evas) d. i. Memnon, als Sohn
der Eos, zuschaut. Hinter ihm steht die Todes-
göttin Vanth (vanff) und über dem im Hin-
tergründe befindlichen Skäischen Thore Truial
(truial) d. i. Troia, Tgota, s. Gorssen, Spr. d.
Etr. 1, 1007. Fahr. Tzo. Suppl. 315. Bezzen-
berger, Beitr. 2, 166, nr. 45. [Deecke.]
Eddanos (’Edduvos) , Heros eponymos der
phönicischen Stadt "Eädava am Euphrat, Steph.
Byz. s. v. ’Eddtxvcc. [Steuding.]
Edonis (’Hdcovig), eine Edonierin (von dem
thrakischen Volke der Edonen), überhaupt eine
Thrakerin und insbesondere eine thrakische
Mainade, Propert. 1, 3, 5. Ov. Met. 11, 69.
Sil. 4, 775. Lucan. 1, 675. Die Thraker und
besonders die Edonen galten als enthusiastische
Bakekosverehrer , Blut. Alex. 2. Horat. Carm.
2, 7, 26. Uv. Trist. 4, 1, 42. Lobeck, Agl. 1
p. 289 f. Bakchos selbst heifst Edonus , Ov.
Remed. 593. Vgl. Dionysos. [Stoll.]
Edonos (HScovo g), Sohn des Ares, Bruder
des Mydon, Stammvater der Edoner in Thra-
kien, die besonders den Dionysoskult pflegten,
Steph. Byz. s. v. ’Hda volu. Biazovia. [Schultz.]
Edovius , ein celtischer Gott auf einer In-
schrift aus Caldas de Reyes (in der Gegend
von Iria Flavia) , C. I. L. 2 , 2543 : Edovio
Adalus Cloutai v. s. I. m. Vgl. Endovellicu?,
[Steuding.]
Edusa s. Indigitamenta.
Eerihoia (’HiQißoia), 1) Gemahlin des Alo-
eus, Stiefmutter der Aloaden, welche, als diese
den Ares gefesselt hatten, dessen Aufenthalt
dem Hermes verriet, Hom. II. 5, 385 fF. ; s. Alo-
aden. — 2) = Periboia (s. d.) Schol. II. 16,
14. [Schultz.]
Eerie (’Hsglg), Tochter des Tektaphos, des
Feldherrn des indischen Stammes der Bolin-
gen, Nonn. Dion. 30, 163. 184. Während ihr
Vater von Deriades gefangen gehalten wurde,
nährte sie ihn mit der Milch ihrer Brust. Eben-
da 26, 104, 1 35 ff. — 2) Mutter des Aigyptos
und alter Name des Landes Ägypten selbst,
Etym. M. 421 , 14. Schol. Apoll. Rhod. 1,
580; vgl. Aeria. [Steuding. ]
Eetion (’Hszrcov), 1) König der Kilikier in
Thebe am Plakos , Vater der Andromache,
Apoll. 3, 12, 6; mit sieben Söhnen wird er
von Achill getötet, als dieser Thebe eroberte.
Doch achtete ihn Achill so hoch, dafs er ihn
Egeria 1216
nicht der Waffen beraubte, sondern mit die-
sen verbrannte, und ihm ein Denkmal errich-
tete, auf das Bergnymphen Ulmen pflanzten.
Seine Gemahlin wird gegen Lösegeld freige-
geben, aber von den Pfeilen der Artemis ge-
tötet, II. 6, 415 ff. Unter der in Theben ge-
machten Beute wird besonders hervorgehoben
eine grofse eiserne Wurfscheibe, die Achill
später bei den Leichenspielen des Patroklos
aussetzt, II. 23, 826 ff. , ein Rofs Pedasos, II.
16, 153, und eine Phorminx mit silbernem
Stege, II. 9, 186 ff. ; vergl. Strabo 13, 585ff.
Quint. Smyrn. 1 , 98 u. ö. Steph. Byz. s. v.
"Aduvu. — 2) Sohn des Ieson, ein Gastfreund
des Priamossohnes Lykaon, den Achill gefan-
gen und nach Lemnos verkauft hatte, von wo
ihn Eetion loskaufte und nach Arisbe sandte,
II. 2 1,40 ff. — 3) Sohn der Elektra, Enkel des
Atlas, auch lasion genannt, der vom Blitze er-
schlagen wurde, weil er gegen eine Bildsäule der
Demeter frevelte, Hellan.u.Idom. in Schol. Apoll.
Rh. 1, 916. — 4) ein Trojaner, Vater des Podes,
II. 17,575. — 5) ein Grieche vor Troja, Quint.
Smyrn. 6, 639. — 6) Sohn des Briseus, Königs
von Pedasos und Lyrnessos, Mnas. in Schol.
II. 19, 291. — 7) Sohn des Echekrates, Vater
des Kypselos, Her. 1, 14. 5, 92. Paus. 2, 4, 4.
Et. M. — 8) ein athenischer Heros, nach wel-
chem Eetioneia benannt sein sollte, Steph. Byz.
s. v. ’Heucoveiu. Philoch, bei Harp. s. v. ’Hs-
zzmvia. Suid. s. v. [Schultz.]
Eetione (’Hszuövrj), Tochter des Eetion, d. i.
Andromache, Quint. Smyrn. 1, 115. 13, 268.
[Schultz.]
Egeria. Unter den in Italien verehrten
Gottheiten von Quellen und Flüssen nimmt
eine hervorragende Stellung Egeria ein, deren
Kult uns für zwei verschiedene Örtlichkeiten
bezeugt ist. Einmal nämlich galt sie für die
Nymphe des den Hain der Diana Nemorensis
zu Aricia durchfliefsenden Bächleins (Ov. fast.
3, 273ff. Strabo 5, 3, 12. Verg. Aen. 7, 763 f.
774f. u. a.) ; sodann aber hatte sie in der un-
mittelbaren Nähe von Rom eine berühmte
Stätte der Verehrung. Ihre Hauptbedeutung
erhielt die Göttin durch ihre enge Verbindung
mit dem Priesterkönig Numa, von der die Sage
zu erzählen wnfste : sie galt als seine Geliebte
oder Gattin , vor allem aber als seine stete
Beraterin bei den Neugründungen und Ver-
änderungen, die er auf dem Gebiete des Sa-
kralwesens vornahm (Ovid. fast. 3, 273 ff Plut.
Num. 4. 8. 13. 15. Dion. Hai. 2, 60. 61), eine
Sage, welche die späteren Historiker auf ver-
schiedene Weise natürlich zu erklären such-
ten. Varro bei Auqust. c. D. 7 , 35 fand in
ihr Hinweisung auf Hydromantie, welche Numa
getrieben hätte ; iiberwiegeird aber war die
Deutung, Numa selbst habe die Gerüchte über
seinen Verkehr mit der Göttin ausgesprengt,
um seinen Neuerungen leichteren Eingang zu
verschaffen, Liv. 1, 19, 5. Val. Max. 1, 2, 1
Dion. 2, 61. Diese Sagen vom Verkehr mit
Numa knüpfen sowohl ah die Göttin von
Aricia, als an die römische an: die nächtli-
chen Zusammenkünfte des Königs mit seiner
Beraterin werden bald in den Wald von Ari-
cia verlegt (Lact. 1, 22, 1. Serv. Aen. 8, 763.
io
20
30
40
50
60
1217
Egerius
Eidothea
1218
Schot. Iuv. S, 17), bald in das vor der Porta
Capena gelegene Thal, wo Numa, angeblich
an der Stelle wo das ancile vom Himmel ge-
fallen war, den mit Egeria eng verbundenen
Camenen einen Hain geweiht hatte ('Liv. 1,
21, 3. Plut. Numa 13. luven. 3, 11 ff. ; über
die Lage dieses Hains, den man bis in die
neueste Zeit fälschlich im Thale von Caffarella
suchte, vgl. Becker, Topogr. p. 513 ff.). Ovid.
Metam. 15, 482 ff. hat den Versuch gemacht,
beide Versionen zu vereinigen, indem er Egeria
nach dem Tode des Numa trostlos in den
Hain von Aricia kommen und, da sie mit
Weinen nicht aufhört und die heiligen Bräuche
der Diana stört, in eine Quelle aufgelöst wer-
den läfst. Doch ist das ohne Frage nur eine
hübsche poetische Fiktion, während der wirk-
liche Hergang der umgekehrte war, indem
die aricinische Egeria nach Rom übertragen
wurde; in Aricia wufste man auch von einem
Manius Egerius zu erzählen , der den Hain
der Diana geweiht haben sollte (Fest. p. 145),
während dieser ursprünglich wahrscheinlich
ein später verschollenes männliches Gegen-
bild der Egeria war. Die Sage von dem
Umgänge mit Numa aber hat wahrscheinlich
den umgekehrten Weg gemacht: denn es ist
natürlicher anzunehmen, dafs die Erzählung
von den Zusammenkünften des Königs mit der
Nymphe sich zunächst an die nahe bei Rom
gelegene Örtlichkeit knüpfte und erst nachher
auf das 15 Miglien von Rom entfernte Aricia
übertragen wurde. — Was die eigentliche Na-
tur der Egeria anlangt, so kann über dieselbe
nach den vorliegenden Nachrichten kein Zwei-
fel bestehen. Sie heifst allgemein Nymphe
und wird überall als Quellgöttin aufgefafst
(z. B. Martial. 6, 47. Ovid. met. 15, 482 u. a.
vvficpcov (ilcc ÖQvddcov bei Blut, de fort.
Rom. 9) ; wenn Dion. Hai. 2 , 60 berichtet,
einige erklärten sie nicht für eine Nymphe,
sondern für eine Muse, so geht das auf den
engen Zusammenhang, in dem Egeria mit den
Camenae , ebenfalls Quellgottheiten — 'wahr-
scheinlich von kleineren Quellen in der Nähe
der gröfseren Egeria’, Breiter, Rom. Mythol.3
2, 129, 4 — steht (vergl. z. B. Liv. 1, 21, 3.
Sulpic. sat. 67 f. u. a.). Wichtig ist endlich
Idie Notiz des Baulus p. 77, der Nymphe Ege-
ria hätten die Schwangeren geopfert, quod eam
putabant facile conceptam aluum egerere , eine
Nachricht, die Bott, Kuhns Zeitschr. 8, 96
nicht hätte in Zweifel ziehen sollen, da sie
einmal durch die von ihm selbst erwähnte
Verbindung der Egeria mit der Diana Nerno-
irensis, die ja ebenfalls eine Geburtsgöttin ist,
(bestätigt wird, sodann dadurch, dafs uns diese
Vereinigung von Quellen-, Weissagungs- und
Geburtsgöttinnen auch sonst wiederholentlich
begegnet, wie bei den Camenae, der Carmenta
u. a. Ob der Name Egeria in der von Bau-
lus angegebenen Weise oder mit Bott a. a. 0.
ab aqua quae egeritur ex terra abzuleiten ist,
mag dahingestellt bleiben. [Wissowa.]
Egerius s. Egeria.
Egertios (’Eyfprtog), Gründer von Chios,
'itrabo 14, 633. [Steudirjg.]
Egestas , Personifikation der Armut , von
Roscher, Lexikon der gr. u, röm. Mythol.
Vcrg. Aen. 6,276 (vgl. Sil. 1t. 13, 585) an den
Eingang des Orcus versetzt. Vergl. Penia.
[Roscher.]
Egestes s, Aigestes.
Egremos fEyigsgog) , Sohn des Eurynomos,
Schot. II. 18, 483. [Schultz.]
Eia Augusta, eine Göttin auf einer Inschrift
aus Pola in Istrien, C. I. L. 5, 8: Eiae Aug.
Ant. Sevenna v. s. [Steuding.]
Eiasun s. Easun.
Eidomeiie (EiSoysvrj, Steph. Byz. Elöoysvfj),
Tochter des Pheres, oder Abas, Apollod. 2, 2,
2, Gemahlin des Amythaon in Pylos, Mutter
des Bias und Melampus, Apollod. 1, 9, 11.
[Schultz.]
Eidothea (Eldo&ta), „die wissende oder
sehende Göttin“ oder „die Göttlichgestaltete“
(Benseler), 1) Tochter des Okeanos, Hyg.
fab. 182 , ohne Zweifel identisch mit der
Okeanostochter ’ldvicc, Hes. Theog. 960 = Ei-
ävia Soph. fr gm. 501 Nauck; vgl. F. v. Duhn,
die Würzburger Bhineussclu.de, Festschrift zur
XXXVI. (Karlsruher) Philol.-Vers. S. 122. —
2) Tochter des Proteus, des kundigen Meer-
greises, die zu Pharos oder Antipharos ihren
Sitz und ihr Grab hatte , Dion. Per. 259 ; sie
wird auch Theonoe genannt, d. h. göttliche
Einsicht, also etwa gleichbedeutend mit Eido-
thea. Sie giebt dem ratlosen Menelaos auf
der Insel Pharos Anleitung, ihrem Vater die
Kunde über Menelaos’ weitere Schicksale ab-
zuzwingen, Hom. Od. 4, 365—440. Nonn. 1,
37. 43, 102. Anth. 9, 474. S. Emp. dogm. 3, 5.
Die Hilfe, die der Vater wohl geben könnte,
verschafft sie, die wissende, von Mitleid getrie-
ben, dem Bedrängten, wie auch andere Meernym-
phen, im Gegensatz zu nahestehenden Meerdä-
monen, die ihr Wissen nur gezwungen preisge-
ben, den Menschen mit ihrem Wissen mehr ent-
gegenkommend sind, z. B. Leukothea, Kalypso,
vgl. v. Duhn a. a. 0. Die Deutung des Namens
Eldo&iu = nolvyoQcpog, Breiter, Griech. Myth.
I3 S. 500 Anm. 2, ist nicht nur nicht ver-
ständlich, da die Vielheit der Gestalt nicht
ausgedrückt ist, sondern auch gegenüber der
viel näher liegenden Etymologie vom Stamm
lö = sehen, wissen angesichts der Nebenform
slSvicc nicht wahrscheinlich. Unter dem Namen
Theonoe giebt ihr Euripides das bezeichnende
Epitheton ftscTiicodos, Eur. Hel. 145. 859; vgl.
auch Arist. Thesm. 897. — 3) Tochter des Eu-
rytos, Königs der Karer, Gemahlin des Mi-
letos, Gründers von Milet, Mutter des Kaunos
imd der Byblis, Antonin. Lib. 30, nach Nikan-
der. Eurytos ist ein nicht seltener Name, der
auf das Wasser hinweist, Breiter , Gr. Mythol.
23, 135 fafst ihn daher als Beinamen des Mäan-
der auf; vielleicht darf man ihn als Vater der
Eidothea mit Okeanos oder Proteus in Ver-
bindung bringen, vgl. v. Duhn a. a. 0. — 4)
Gemahlin des blinden Sehers Phineus in
zweiter Ehe , Schwester des Kadmos , Scliol.
Soph, Antig. 972; dieselbe wird auch Eurytia
genannt, also Tochter des Eurytos, bez. über-
haupt die Meerentsprossene, Schot. Hom. Od.
12, 70, oder Idaia, Tochter des Skythen-
königs Dardanos, Schot. Apoll. Rhod. 2, 178.
Diod. 4, 43. Apollod. 3, 15, 3, also nicht vom
39
1219 Eidyia
troischen Ida benannt, sondern durch diesen
Namen, wie durch Eidothea, als Besitzerin ei-
nes tieferen Wissens bezeichnet. Wenn sie
eine Schwester des Kadmos war, so wäre sie,
da Kadmos und Phineus Brüder (beide Söhne
des Phönikiers Agenor) waren, die Schwester
ihres Gemahls gewesen. Bekannt ist diese
Eidothea durch die gegen ihre Stiefsöhne er-
hobene Beschuldigung, dieselben hätten ihr
Gewalt anthun wollen, worauf Phineus die-
selben blendete und sonst grausam behandelte,
Diod. a. a. 0. [Weizsäcker.]
Eidyia (Eidviu) , 1) Gemahlin des Aiakos,
Lykophr. 1024. - — 2) Tochter desOkeanos, Apoll.
Bhod. 3, 243; s. Eidothea u. Idyia. [Schultz.]
Eileithyia, ElXstöviu (ElXfi&vict, ’EXsv&via,
’IXsC&vlu, EiXvQ'sia, ’EXsv&co, EfXiovia, 'iXsi&va,
Kaibel, Annali 1873, 111. Wörner in d. Fest-
schrift d. grammat. Gesellschaft von G. Cur-
tius Leipz. 1874 S. 122 ff. Öfter von sem. Iole-
deth oder Alilat abgeleitet , innerhalb des
Griech. zu siXsio&cu oder sXsv&io gestellt),
plur. ElXsi&viai , II. 11 , 271. 19, 119. C. I.
Gr. nr. 5974.; Vasenbilder; megarischer Kult.
Die Geburtswehe, die Geburt, plur. die We-
hen ( coSivsg ) II. 11 , 270 — 272, Hesycli. EiXsi-
ftviccg; in Rom Iuno Lucina ('Hg a cpcoGcpögog
Dionys. Hai. 4, 15). Teils selbständig, teils
als Prädikat der Hera (so in Argos[?], auch in
Attika) oder der Artemis (so in Boiotien; vgl.
Pint. mor. 659 a). Töchter der Hera Ilias 11,
271; Tochter des Zeus und der Hera, Schwester
der Hebe, lies. Theog. 922. Find. Nein. 7, 2.
Apollod. 1, 3, 1. Hyg. fab. pr. (Libertas für
Lucina, sXevQ'sgiu für tlsv&of Schmidt , Bhein.
3 Ins. 20, 460); Diod. 5, 72. uoyoGxoyiog II.
11, 272. 16, 187. 19, 102. noXvaxovog Kaibel,
Epigr. nr. 241a; ihr ßsXog 11. 11, 270. Theolcr.
17, 27; vgl. C. I. Alt. 3, 2, 1320, 4. ngavyr}-
x ig Find. Ol. 6 , 42. (laxgonoXog ib. Pyth. 3, 9.
svXivog und Eros’ Mutter, Olens del. Hymn.,
XvGpav os Theolcr. 17, 60. ’EmXvGccgsvri — ncd
ixlu xcöv EiXsifhuäv Des. s. v. Eileith yia mit
den Moiren verbunden, Pincl. Nem. 7, 1. Ol.
6, 42, bei Tod im Kindbett, Kaibel, Epigr.
nr. 238. Ellsi&viqg isgov gsXo g Kallim, hymn.
Del. 257 (die oXoXvyiq bei einer Geburt, vgl.
Hymn. Hom. Ap. Del. 119). Wird von Hera ge-
hemmt bei Alkmene s Kreifsen, II. 19, 119;
die Hemmung zerstört durch Galinthias’ oder
Galantliis’ List, Anton. Lib. 29. Ov. rnet. 9,
285ff. Orph. E. 13. [ Welcher, Kleine Schrif-
ten 3, 190 ff. Roscher], Ähnlich bei L e t o s Krei-
fsen Eileithyia durch Hera auf dem Olymp zu-
rückgehalten, aber durch Iris gegen Verspre-
chen eines Schmucks nach Delos geführt Hom.
hymn. Ap. Del. 98 ff. Sonst noch bei Ap. Bhod.
Arg. 1, 288. Kallim. hymn. Iov. 12 u. a. —
Lokalkulte: Kreta. Amnisos bei Knosos,
Grotte der Eileithyia, Od. 19, 188. Heiligtum,
Strabo 10, 476. Diod. 5, 72. Eileithyia unter
anderen Zeuskindern im 5. Abschnitt über
Kreta. Dort Eileithyia von Hera geboren,
Paus. 1, 18, 5. Von hier der Kult nach De-
los in Attika verbreitet, Müller, Dorier 1, 312.
243. EiXsi&via Eivaxeg zu Eivaxog, Steph.
Byz. Ei'vaxog. — Delos. Eileithyia bei Le-
tos Wehen, durch Iris vom Olymp geholt,
Eileithyia 1220
Hom. hymn. Ap. Del, 97, 115. Vgl. Preller 1,
192. Opfer an Eileithyia für leichte Geburt,
mythisch dargebracht von den hyperboreischen
Heroinen Hy peroche und Laodike, Herodot
4, 35. Opfer, dazu Hymnus des Lykiers Oien,
darin Eileithyia svXivog (als identisch mit der
Pepromene, so deutet Paus.) und Mutter des
Eros genannt, Paus. 8, 21, 3. 9, 27, 2. Ei-
leithyia zu Letos Wehen von den Hyperboreern
gekommen ; von Delos aus ihr Kult verbreitet,
Paus. 1, 18, 5. Par os. C. I. Gr. nr. 2389.
Teos. C. 1. Gr. nr. 3058. Athen. Tempel
zwischen Sarapieion und Olympieion , darin
drei bis auf die Fufsspitzen verhüllte Schnitz-
bilder — so nur in Athen, das älteste sei von
Erysichthon aus Delos gebracht, zwei aus
Kreta habePhaidra geweiht, Paus. 1, 18, 5,
Eileithyia sv ’ ’Aygaig , C. I. Att. 3, 1, 319. Te-
menos der Hera Eileithyia in Attika, Keil,
Philol. 23, 620. Votive an Eileithyia, C. I.
Att. 3, 1, 836a. 925. 926. Mitt. cl. d. arch.
Inst. 3, 197. 5, 528, 1. Boiotien. Artemis
Eileithyia, Örchomenos (Mitt. 7, 357), Chai-
roneia, (hier aufserdem auch Artemis Soodina
mit Apollon Daphnaphorios, C. I. Gr. nr. 1595
bis 1598), Tanagra ’A&rivcaov 4, 294, Thespiai,
Mitt. 5, 129. Vgl. Plut. symp. 3 a. E. Me-
gara. Heiligtum der Eileithyien, Paus. 1,44,
3. Argos. Eileithyia-Heiligtum, Anathem der
Helena, nachdem sie dort (von Theseus) die
Iphigeneia geboren, argivische Sage, auch
Stesichoros, Euphorion Chalk., Alexander Pleu-
ron. bei Paus. 2, 22, 6. Eileithyia-Heiligtum
am gleichnamigen Thor, ib. 2, 18, 3. Eilei-
thyia Here, Hesych. Eile i'dviag — 6 noiyxrig
svn ttag, "Hga sv Agysi mifsverständlich. Vgl.
noch ElXiovia als argivische Geburtsgöttin, A
Sokrates bei Plut. qu. Born. 52. Hermione.
Heiligtum innerhalb des Thors , Bild nur
den Priesterinnen sichtbar , Paus. 2 , 35 a. E.
Achaia. Aigion. Bild von Damophon aus ji fr
Messene, mit Fackel, eingehüllt, Paus. 7, 23, i k
5. Münzbild s. u. — Bura. Tempel mit Bild
von Eukleides aus Athen, Paus. 7, 25, 9. Ort
unbekannt, C. I. Gr. nr. 1554. Arkadien. A
T e g e a. Am Markt Tempel und Bild, knieend, Kt
genannt Avyy sv ybvaoiv , Paus. 8, 48, 7; s.
Auge. Kleitor. Heiligtum. Paus. 8, 21, 2. =
Olympia. Als Olympische Eileithyia und
als Pflegerin des Daimon Sosipolis im Vorraum
von dessen Tempel verehrt , Paus. 6 , 20 , 2. h
Sparta. Heiligtum nahe der Orthia, Kult ijj
und Tempel gegründet auf ein pyth. Orakel | am
hin, Paus. 3, 17, 1. Heiligtum am Dromos, %
gemeinsam mit Apollon Karneios und Ar-
temis Hegemone, ib. 3, 14, 6. Inschrift im j
’EXsvgi’oc, Bofs , Aufs. 2, 667, ’EXsvd'ia, Mitt. j Bi]<|
1, 162. Messene. Tempel mit Bild, Paus.
4, 31, 9. In Pyrgoi, Hafen von Cäre, ein dem
Heiligtum, angeblich Gründung der Pelasger,
Strabo 5, 226. Die ägyptischen Herakleo-
politen verehren den Ichneumon, der Leto
und Eileithyia geweiht, Aelian. Hist. an. 10,
47. Ägyptische Stadt Eileithyia mit Heilig-
tum der Göttin, Strabo 17, 817. Diod. 1, 12.
Steph. Byz. EIXsi&viag. Wilkinson-Birch, Man-
ners 2,194. — Bilder. Auf Vasenbildern der <
Atlienageburt, Löschcke, Arch. Ztg. 1876, 208 ff. ;
io
20
30
40
50
60
1221
Eilionia
Eirene
1222
sie stehen bekleidet, die geöffneten Hände vor-
haltend, die Handfläche von sich abgewandt,
vgl. Ov. inet. 9, 299. Plin. 28, 59. Mit Fackel,
zu Aigion, s. die Münzen des Orts; Paus. 7,
23, 6 deutet sie auf den brennenden Schmerz
der Wehen, oder als Symbol des ans Licht
Bringens. Vgl. Kekule , Annali 1864, 108
tav. Gr. Die weibliche Figur der Gruppe zu
Ildefonso und äbnl. deutet Stephani, Compt.-B.
1873, 15 auf Eileithyia; vergl. Furtwängler, io
Bull. 1877, 155. Diktamon zum Kranz, Zeno-
dot und Euphorion bei Schol. Arat. 33; vgl.
K. Koch, Bäume Altgriechenlands 96. 103.
[v. Sybel.]
Eilionia s. Eileithyia.
Einalia ( Elvcdla ), Beiname der Aphrodite,
Mnaseas in Anthol. 9, 333. [Schultz.]
Eione (' ’H'Covrj ), eine der Nereiden (s. d.),
Hes. Theog. 255. Apollod. 1, 2, 7. [Schultz.]
Eioneus ( ’H'iovsvg ), 1) ein Grieche, vor Troja 20
von Hektor getötet, Hom. II. 7, 11. — 2) ein
Thraker, Vater des Rhesos, II. 10, 435. Et.
AL. s. v.; dargestellt als Toter von Polygnot
in der Lesche zu Delphi, Paus. 10, 27, 1. —
3) Sohn des Aioliden Magnes, ein Freier der
Hippodameia, von Oinomaos getötet, Paus. 6,
21, 7. Schol. Eur. Phon. 1748. — 4) Vater
der Dia (= Dei'oneus), Diocl. 4, 69. Pherek.
in Schol. Apoll. 3, 62. — 5) Vater des Dymas,
Grofsvater der Hekabe, Pherek. in Tzetz. Ex. 30
II. 38, 11. [Schultz.]
Eirene (fElQgvg, gg f . ; slggvg Frieden), 1)
die Friedensgöttin a ) als eine der Horen im
Verein mit Eunomia und Dike, Tochter der
Themis von Zeus, Hesiod Theog. 902. Pind.
Ol. 13 , 6 ( xctylca nlovxov). Diodor 5, 72 (im
Abschnitt über Kreta). Apollod. 1,3,1. Orph.
hymn. 42, 2. b) einzeln, Bakcliyl. frg. 13 Bergk.
Eurip. Or. 1683. Suppl. 481. Bakcli. 411. Kresph.
fragm. 462 Nauck; kopiert Aristoph. Georg. 40
fr gm. 8 [Com. 2, 987 AI.). Aristoph. Pax-, Phi-
lemon Pyrrh. Menander frgm. 95; vgl. Stob,
flor. 55 ttsqI Elggvgg (2, 331 Mein.). Schilde-
rungen ihrer Segnungen als novQOTQOcpog ßa&v-
nlovxog olßioöoxsLQcc nolvokßog u. ä. Vergl.
Kallim. hymn. Cer. 138. Inschr. aus Thespiai,
Mitt. d. ath. Inst. 5, 121. C. I. Att. 3, 1, 370
= Sybel Katalog nr. 362 Zeus txccxsq ElQgvgg
ßa&vndQnov. In Athen unblutiges Opfer für
Eirene am Fest der Synoikesien, Schol. Ar. 50
Pac. 1020. C. I. Gr. 157. Herrn. G. A. 2,
§54,9. Der Altar gegründet nach dem Sieg
am Eurymedon, Plut. Kimon 13; nach dem
Sieg bei Leukas, Isokrates nsgl txvxid. § 109
— 110. Com. Nep. Timotli. 2. Elfenbeinbild
im athenischen Inventar, C. I. Gr. 150 § 47.
Bild im Prytaneion, Paus. 1, 18, 3. Erzbild
über der Agora, Eirene das Kind Plutos auf
dem Arm, von Kephisodotos, Paus. 1, 8, 3.
9, 16, 1. Wahrscheinliche Nachbildungen auf 60
Münzen von Athen und Kyzikos und aus Mar-
mor in München u. a. , Brunn , Glyptothek
nr. 96. Overbeck, Plastik 3 2 , 6. TJ. Köhler,
Mitteil. 6, 364. Statuenbasis aus Syrien, aus
M. Aurels Zeit , C. I. Gr. 4545. Otacilia als
Eirene, C. I. Gr. 3886 add. c) in bakchischen
Scenen. In Reliefs am Proscenium des athe-
nischen Theaters, mit Scepter und Füllhorn,
nach Alatz, Annali 1870, 97. Sybel, Katalog
nr. 4991. Auf rotfig. Vasenbildern, mit Scepter
oder Fackel und Rhyton, Krotalen, C. I. Gr.
8380. 8381. 8439. Antiqu. Bospli. Cimm. 2, 94,
A. 70, 1. 2. Preller 1, 393f. Vgl. Ekecheiria
und Pax. — 2) Tochter des
Poseidon und der Melan-
thea (Alpheios’ Tochter);
nach ihr habe die Insel
Kalauria früher Eirene ge-
lieifsen. Antikleides b. Har-
polcr., Stepli. Byz. und Pho-
tius s. v. KalavQLa. Plut.
Qu. Gr. 19. [ — 3) Bakchan-
tin auf zwei Vasen, be- Münze (aus Overbeck,
schrieben von Heydemann, FlasUk 3 2> 9- Fls- 96)-
Satyr- und Bakchennamen
19 f. ; vergl. ib. 39. S. auch Nonn. Dion. 14,
223, wo nach Heydemann a. a. O. wohl El-
Qgvg zu lesen ist. Roscher.] [v. Sybel ]
39*
1223
Eisera
El
1224
Eisera s. Aisera (Nachtr.)
Eisirios (Elaigiog), ein phönikischer Priester,
Bruder des Chnas, wird als Erfinder von drei
Buchstaben genannt (v. 1. "Igiql g). Phil. Bybl.
2, 27 bei Müller, fr. h. gr. 3, 569. [Steuding.]
Eita s. Aita (Nachtr.)
Eivas s. Aivas (Nachtr.).
Ekbasos ("ExßaGog) , Sohn des argivischen
Königs Argos und der Euadne, einer Tochter
des Strymon und der Neaira, Vater des Age-
nor (s. o. S. 103, 44). Apollod. bibl. 2,1,2
hei Müller, fr. h. gr. 1, 125. Hygin. f. 145.
Charax bei Steph. Byz. s. v. naggaGicc (vgl.
Müller a. a. 0. 3 , 642 , 25) nennt statt des
Agenor den Arestor als seinen Sohn. [Steuding.]
Ekecheiria (’Ersxsiglx) , die Waffenruhe,
eine Personifikation des olympischen Gottes-
friedens. Am Eingänge des olympischen Zeus-
tempels war sie den Iphitos bekränzend dar-
gestellt, Paus. 5, 10, 3. 26, 2. [Schultz.]
Ekphas (’Ercpug), Yater der Eurykleia, Epi-
men. in Schol. Bur. Phon. 13. [Schultz.]
El ist die kanaanäische Form eines in allen
semitischen Sprachen [mit Ausnahme des Äthio-
pischen] vorkommenden Wortes, dessen Grund-
form il ist [vergl. über Namensform und Be-
deutung vor allem Nöldeke , Berichte d. Berl.
ATcad. 1880, 760ff. 1882, 1175ff. gegen de
Lagarde, Abh. d. Gott. Ges. d. Wiss. 26, 1880.
Gott. Nachr. 1882, 173; die Grundform el mit
langem Vokal, die Nöldeke ansetzt, erscheint
mir recht problematisch] und das teils eine
bestimmte Gottheit , teils das Appellativum
„Gott“ bezeichnet. Neben ihm steht in den
meisten semitischen Sprachen als Appellativum
„Gott“ eine Weiterbildung derselben Wurzel,
nämlich iläh (arabisch iläh, mit Artikel alläh,
hebräisch elöh , aramäisch eläh) ; im Phöniki-
schen erscheint statt dessen alon, was gleich-
falls als Weiterbildung derselben Wurzel zu
betrachten ist.
Bei den Assyrern und Babyloniern ist
ilu (sumerisch dingir) reines Appellativum (da-
her auch z. B. die Städtenamen Bab-ilu Baby-
lon „Gottespforte“ und Arba-ilu Arbela „Vier-
götter [stadt J“); die Existenz eines höchsten
babylonischen Gottes Ilu ist zwar sehr oft be-
hauptet (so auch Delitzsch, Paradies S. 164.
Schräder, Keilinschriften und Altes Testament ,
2. Au fl. S. 11), doch sind mir stichhaltige Be-
lege dafür nicht bekannt.
In Arabien ist II demjenigen Teil der Be-
völkerung, dessen Sprache durch den Qorän
zur Schriftsprache wurde, d. h. den Bewohnern
des Hidschäz, unbekannt, und die muhamme-
danischen Gelehrten bezeichnen daher II als
hebräisches Lehnwort; aber mit Unrecht. Denn
sowohl in den sabäischen Inschriften aus
Jemen, wie in den griechischen und aramäi-
schen Inschriften, welche von den arabischen
Stämmen der syrischen Grenzlande, nament-
lich den Nabatäern, herrühren, begegnet uns
der Gott II zahllose Male, besonders in Perso-
nennamen (s. u.). Neben ihm steht eine Göt-
tin llät, mit Artikel al-ilät ( Herod . 1, 131. 3,
8 ’AXilccr) , zusammengezogen Allät , die von
den Griechen der Kriegsgöttin und Stadther-
rin Athene gleichgesetzt wird (vgl. oben S. 651 ;
aus ildhat kann der Name nicht entstanden
sein, da sich diese Form in der Bedeutung
„Göttin“ neben dem Eigennamen findet). Sie
ist auch bei den Hidschäzenern verehrt wor-
den, so in Mekka ( Qorän 53, 19)', und hat
sich neuerdings auch aufserhalb Arabiens auf
einer phönikischen Inschrift aus Sulci in Sar-
dinien gefunden ( Dillmann , Berichte der Berl.
Akad. 1881, 429). Als Appellativum ist il, so-
weit ich sehe , dem arabischen Sprachgebiet
fremd; doch ist es sehr charakteristisch, dafs
im Sabäischen das Compositum il-ilät als Ge-
samtbezeichnung der Götter („Pantheon“) ver-
wertet wird. Il vertritt hier die männlichen,
ilät die weiblichen Gottheiten, ähnlich wie im
Assyrischen der Name der Göttin Ischtar im
Plural die allgemeine Bedeutung „Göttinnen“
hat (vgl. oben S. 648).
In Sy rien (bei Hebräern, Phönikern, Syrern
u. s. w.) begegnet uns der Gott El weit selte-
ner. Den arabischen Eigennamen mit 11 ent-
sprechen hier die zahllosen Composita mit
Ba‘al, und überhaupt scheint bei den Nord-
semiten Ba‘al an die Stelle zu rücken, die bei
den Arabern 11 einnimmt. Doch sind bei den
Hebräern Namen mit El ziemlich häufig ( Sa-
muel „Name Eis“, Elchanan „El ist gnädig“
u. a.). Besonders oft findet er sich aber in
Stammes- und Geschlechtsnamen bei den He-
bräern und ihren Nachbarstämmen, so zunächst
Israel „El streitet“!?), ferner Ismael „El er-
hört“ [findet sich als Personenname auch bei
den Sabäern] , Jerachmeel „El erbarmt sich“,
lOtniel „Löwe Eis“ u. a. Bei den Hebräern
wird El dann völlig mit dem Nationalgott
Jahwe identificiert; beide Namen werden Syno-
nyma. Aus welchem Grunde der König Elja-
kim seinen Namen auf Befehl des ägyptischen
Königs in Jehojakim umändern mufs , wissen
wir nicht (Beg. 2, 23, 34; ähnlich nennen die
Assyrer einen König von Hamat bald llu-bi‘d,
bald lahubhd, s. Schräder, Keilinschriften u.
Altes Testament 23). Abgesehen von hebräischen
Eigennamen kann ich den Gott El nur in dem
auf Münzen vorkommenden König ‘Ainel „Auge
Eis“ von Byblos (Arrian 2 , 20 ’EvvXog; in
der Form LEniel nach assyrischen Angaben
König von Hamat) und in einigen wenigen
phönikischen und aramäischen Personennamen,
die sich auf Gemmen finden, nach weisen (de
Vogüe, nielanges d’archeologie orientale S. Hilf.
123). Auf den zahlreichen phönikischen In-
schriften aus den Kolouieen ist mir dagegen
kein Eigenname bekannt, in dem El vorkäme.
Dagegen erscheint El im Phönikischen
und Hebräischen sehr häufig [neben elöh
resp. alon\ als reines Appellativum, sowohl
im Alten Testament wie in phönikischen In-
schriften ( Ummel aw. 2. Athen. 4. Massil. 13);
der Plural elim findet sich aufserdem in Eigen-
namen wie Kalbelim „Götterhund“ Abdelim
„Götterknecht“ (Griech. ’JßdrjUyog) Mattän-
elim „Göttergabe“. Ebenso oft dient El dazu
einen bestimmten, aber unbekannten Gott zu
bezeichnen. So heifst jeder Stein (Fetisch), in
dem ein göttliches Wesen haust, Bet-el „Haus
Eis“ (Griech. ßctüvlog oder ßaizvliov) ; die
Gottheit, die in ihm wohnt, bleibt dabei ganz
1225
El
El
1226
unbestimmt; daher noch Damasc.vita Tsid. 203
zwv ö's ßairvXcov äXXov ccXXcp avccKtiG&cu fff®,
Kqovg j, All, ’HXi'co , roigdXXoig. Denselben Namen
ßeth-el fuhrt bekanntlich auch das alte Jahwe-
heiligtum des Stammes Ephraim, bei dem eine
Leiter Himmel und Erde verbindet und ein
heiliger Stein, den der Stammheros Jakob er-
richtet haben soll, die Wohnung der Gottheit
bezeichnet. Ebenso heifst eine heilige Stätte
jenseits des Jordan Pnuel „Antlitz Eis“, und
I denselben Namen wird in der einheimischen
Sprache das Vorgebirge @sov ngoGanov an
der phönikischen Küste geführt haben. [Eben-
so trägt, wie Ilalevy erkannt hat, die Kultus-
stätte der karthagischen Göttin Tnt (Aussprache
I unbekannt) den Namen Pneba‘al „Antlitz Ba-
‘als; im übrigen vgl. promunturium quod Sa-
iurni vocatur bei Neukarthago Plin. 3,19; das
wäre phönikisch Bösch-el], Der Name der
heiligen Bäume, in denen die Gottheit wohnt
!(in Sichern, Hebron u. a.), ist im Hebräischen
ela oder elon , worin Stade, Geschichte des FoZ-
Jces Israel S. 455 mit Recht eine Ableitung
von El erkannt hat.
I Die zuletzt behandelte Funktion des Wor-
Ites el läfst uns die zu Grunde liegende Be-
deutung am sichersten erkennen. El resp. das
ursemitische il ist sowohl ein göttliches Wesen
als auch das göttliche Wesen kki’ stgoxyv.
IEs bezeichnet zunächst immer ein individuel-
les, konkretes Verehrungsobjekt, einen bestimm-
ten 8cci(i(av, aber ist kein eigentlicher Eigen-
name. Jedes der unzähligen namenlosen aber
1 mächtigen Wesen, die der Semit in Steinen
und Bäumen, auf Hügeln und Berghöhen wir-
kend denkt und verehrt, ist il [oder wenn
es weiblich gedacht wird, Hat]. Dasselbe
Wesen ist, wenn es konkreter bezeichnet
werden soll, der „Herr“ der betreffenden Ört-
lichkeit (nordsem. balal, südsem. dhü, s. Arti-
kel Ba‘al in d. Naclitr.), und insofern decken
sich elivi und ba^alim. Aber das letztere in-
volviert schon sprachlich immer eine bestimmte
Beziehung, während el allgemein gedacht ist.
Daher kann el zum völligen Appellativum wer-
den oder dasselbe durch eine Ableitung aus
sich entwickeln.
Wie nun neben und über den einzelnen
ba‘alim ein höchster Ba‘al steht, der „Herr“
! an sich , so kennen die Semiten auch einen
j Gott II, den „Gott“ an sich. Er steht über
den einzelnen Dämonen ; aber eben deshalb
I steht er auch dem Menschen ferner, dieser
kann ihn nicht beeinflussen und nicht in direkte
Verbindung mit ihm treten; er wird anerkannt,
i , aber wenig verehrt. Einen eigentlichen Kult des
Il finden wir auch auf arabischem Gebiete nur
bei den Sabäern, wo er neben den übrigen
■„ Gottheiten genannt und angerufen wird. Da-
gegen bei den Nabatäern und den syrischen
Arabern begegnet uns ein Tempel des II, eine
Anrufung desselben , ein ihm dargebrachtes
Opfer niemals: er ist ohne Kult. Und doch
beweisen die zahlreichen Eigennamen wie
, Channel „Gnade Eis“, ‘•Aliel „El ist erhaben“,
‘ Azarel „El ist mächtig“, Habbel „El ist Herr“,
i Waddel „Liebe Eis“, Wahbel „Gabe Eis“, Taini-
\ el „Diener Eis“, dafs der Gott anerkannt
wurde. Genau dieselbe Stellung nimmt in
Mittelarabien schon vor Mohammed Allah ein,
der uns auch in zahlreichen Eigennamen be-
gegnet und als höchster Gott, als Oberherr
der Dämonen , welche im Mittelpunkt des
Stammkultus stehn, anerkannt, aber nicht
eigentlich verehrt wird. Es ist auch zu be-
achten, dafs uns in den Inschriften Nordara-
biens neben den eben angeführten Namen auch
io solche begegnen, die mit iläli „Gott“ zusam-
mengesetzt sind, wie Wahbiläh und Zabdiläh
„Gabe Gottes“ u. s. w. Bei dieser Stellung
des El halte ich es auch für wahrscheinlich,
dafs der ungenannte Gott, der in zahlreichen
palmyrenischen Altarinschriften als der höchste
angerufen wird (die gewöhnliche Formel ist
aramäisch : „dem, dessen Name gesegnet ist in
Ewigkeit, dem Gnädigen und Barmherzigen“,
griechisch Au vipLOza uai snrinoco) , sich aus
20 dem El entwickelt hat.
Was wir über El bei den Phönikern wis-
sen, entspricht genau dem bisher gewonnenen
Bilde. Er erscheint in Eigennamen, man bil-
det ihn nach Philo (fr. 2 , 26 Müller ) mit 4
Augen, von denen zwei geschlossen sind, mit
4 Flügeln, von dem zwei ausgespannt, zwei
gesenkt sind, um zu zeigen, dafs er auch
im Schlafe wache und im Ruhen fliege ; auf
dem Haupt trug er zwei Federn, ein den
30 Ägyptern entlehntes Symbol. [Trotz man-
cher Abweichungen hat de Vogiie
a. a. 0. 109 vielleicht recht, wenn
er das Bild des El in der bei-
gefügten, auf Gemmen einige Male
vorkommenden Figur wiederfin-
det.] Aber zu den Gottheiten,
welche in den Inschriften genannt
werden, gehört El nicht; er wird
nie angerufen, kein Tempel von
40 ihm wird erwähnt.
Und doch hat El bei den
Phönikern noch eine weitere hoch-
wichtige Rolle gespielt. In der
mythischen Genealogie , welche
Philo von Byblos (130 n. Chr.)
in seiner angeblich aus dem
Werke eines alten Weisen Sanchünjathön
übersetzten, aber ganz euhemeristisch gestal-
teten phönikischen Geschichte giebt, ist El der
50 Sohn des Himmels (Ba‘alsehamem?) und Vater
des Zsvg BijXog, cl. i. des Ba‘al, des eigentlich
höchsten Gottes. Daher wird er mit dem Kro-
nos identificiert. Die Gleichsetzung von El
und Kronos begegnet uns auch bei Diodor 2,
30, wo behauptet wird, der Stern Saturn (Kqo-
vog), dem die Chaldäer den mächtigsten Ein-
flufs zuschreiben, werde von ihnen Stern des
Helios genannt. In Helios steckt gewifs El,
nur gehört dieser nicht den Chaldäern, bei denen
60 der Planet Saturn dem Ninep geweiht ist, son-
dern den westlichen Semiten an. [Ob der Name
El bei Servius 1 , 642 omnes in Ulis partibus
Solem colunt , qui ipsorum lingua El ( al . Hel)
dicitur wirklich gemeint ist, mufs dahingestellt
bleiben.] In andern Fällen wird unter Kronos
allerdings Ba‘al verstanden, so Serv. ad Aen.
1 , 729: Saturnus . . . lingua punica Bai de-us
dicitur, apud Assyrius autem Belus dicitur et
Plioinikische
Gemme mit ei-
nem Götterbild
(vielleicht El).
[Die Inschrift
bezeichnet die
Gemme als Sie-
gel des ‘Uzza’.]
1227
El
El
1228
Satu/rnus et Sol; vgl. Damasc. vita Isidori 115
ozi (ßoivntig Mal 2vqol zov Kqovov HX nal
Bi]X Mal GoXd&yv (?) £novoyut,ov6iv, JEupole-
mos bei Euseb. praep. ev. 9, 17: BccßvXcovi'ovg
yäp Xsysiv tiqzüzov ysvsaQ'a i ByXov , ov slvai
Kqovov u. a. Aber in der Regel wird Ba‘al
dem griechischen Zeus gleichgesetzt, und wo
die Schriftsteller von einem phönikischen
Kronos reden, wird zunächst immer an El zu
denken sein. Andererseits kann es wohl nicht
zweifelhaft sein, dafs unter dem Saturnus, der
in den Inschriften des punischen Nordafrikas
so unzählige Male als Hauptgott verehrt wird
— Iuppiter findet sich nur verhältnismäfsig
selten und ist meist der römische , nicht der
einheimische Gott — ■ Ba‘al zu verstehen ist
und nicht El, schon aus dem Grunde, dafs in
den punischen Inschriften Ba‘al durchweg, aber
El nie angerufen wird (vgl. Art. Ba‘al in den
Nachträgen).
Was Philo von der Geschichte des El- Kro-
nos erzählt, würde von grofser Bedeutung sein,
wenn die Schrift nicht, von ihrem albernen
Euhemerismus ganz abgesehen, durchweg von
dem Streben beherrscht wäre, die griechische
Göttergeschichte als ein Plagiat der phö-
nikischen darzustellen. So wird erzählt, wie
Uranos mit seiner Gemahlin Ge zerfallt und
auch seinen Kindern nachstellt, aber Kronos
(El), als er erwachsen ist, ihm entgegentritt,
vom Hermes Trismegistos (Thoth) unterstützt.
Er verfertigt mit seiner und Athenes (‘Anat?)
Hilfe eine eiserne Sichel und einen Speer,
stürzt den Vater aus seiner Herrschaft, lockt
ihn schliefslich im 32sten Jahr seiner eigenen
Regierung in einen Hinterhalt und schneidet
ihm die Schamteile ab. Das Blut des Uranos
tröpfelt in die Quellen und Flüsse , und der
Ort der That wird noch gezeigt. Dann ver-
teilt Kronos die Erde unter seine Genossen
und Kinder [unter denen auch ein zweiter
Kronos erscheint]. Es ist gänzlich unsicher,
wie viel von diesen Erzählungen einheimisch-
phönikisch, wie viel Entlehnung aus dem Grie-
chischen ist: zu sagengeschichtlichen Folge-
rungen sind sie nicht zu verwerten. [Auch die
Angabe oi ds ov(ipcc%oi "HXov zov Kqovov ’EXo-
slfi sn£Y.Xr\Q'r]Oixv , a>g äv Kqovloi kzX. ist sehr
verdächtig, da das Wort Elohim „Götter“
im Phönikischen nicht nachgewiesen ist, und
hier leicht ein jüdischer Einflufs gewirkt haben
kann.]
Um so wichtiger ist die Angabe, dafs Kro-
nos seinen Sohn Sadidos(?) und eine Tochter
getötet habe, dafs er, alseine Hungersnot und
Pest ausbrach, seinen „eingebornen Sohn“ ( novo -
yevrj vl'ov) seinem Vater Uranos als Brandopfer
dargebracht und sich beschnitten, auch seine
Anhänger gezwungen habe , das gleiche zu
thun, Philo fr. '2, 18. 24;. fr. 4. 5 Müller. Die
Beschneidung ist wie in Ägypten, so auch bei
allen kana‘anäischen Stämmen gebräuchlich
und jedenfalls ihrem Ursprung nach ein den
Dämonen gebrachtes Opfer vom eignen Blut;
ebenso ist es Sitte, nicht nur Feinde, sondern
in Fällen der Not die eignen Kinder deu Göt-
tern zu opfern, allgemein kana'anäisch. „Die
phönikische Geschichte des Sanchunjathon ist
voll von solchen Opfern an den Kronos,“ sagt
Porphyrius de abst. 2, 56. Beide Sitten werden
an der angeführten Stelle auf El zurückge-
führt: wie immer in solchen Fällen gilt eine
Handlung des Gottes als Vorbild des religiösen
Brauchs.
Nach diesen Angaben kann es nicht zwei-
felhaft sein , dafs das Kindesopfer bei den
Phönikern dem El dargebracht wurde , und
alle griechischen Schriftsteller , die dasselbe
erwähnen (namentlich als karthagischenBrauch),
nennen denn auch den Kronos als den betref-
fenden Gott: Plato, Minos 315. Eiodor 13, 86.
20, 14. Iustin. 18, 6. Pint, de superstit. 13.
Schot. Od. v 302 = Suidas Suq8ccvios yiXwg
u. a. Die Neueren haben in diesem Falle
den Kronos in der Regel dem Moloch [oder
Ba‘al] gleichgesetzt, weil die ‘Ammoniter ihrem
Gotte Milkom oder Moloch das gleiche Opfer
brachten und die Hebräer, wenn sie dem Jahwe
ihre Kinder darbrachten, ihn als Melek „König“
oder Ba‘al „Herr“ bezeichnet zu haben schei-
nen — falls hier nicht lediglich die Tendenz
unserer Berichte, solche Handlungen als dem
Wesen Jahwes völlig widersprechend darzu-
stellen, dazu geführt hat, diese Namen einzu-
setzen; vgl. Meyer, Gesell, d. Altert. I § 364.
Aber dafs die Phöniker ihrem Ba‘al oder dem
in den Monumenten gleichfalls sehr oft vor-
kommenden Moloch (richtiger wohl Malik zu
sprechen) das Sohnesopfer dargebracht hätten,
ist nirgends gesagt. Unsere Quellen weisen
hier vielmehr ausschliefslich auf El hin. Eher
liefse sich noch annehmen, dafs man überall
dem Hauptgott des Stammes das Opfer brachte
[wem König Mescha1 von Moab seinen Sohn
opferte, Reg. 2, 3, 27, wissen wir nicht; viel-
leicht dem Nationalgotte Kamosch], Doch ist
der Hauptgott Karthagos offenbar Ba‘al cham-
män , der dem Kronos schwerlich entsprechen
kann.
Demnach hat El bei den Phönikern (und
Karthagern) doch eine bedeutendere Rolle
gespielt, als es nach den Monumenten schien,
ln Fällen dringender Not, in Krankheit, Hun-
gersnot oder Feindesgefahr appelliert man
direkt an den höchsten Gott und sucht seinen
Zorn durch das ihm freiwillig dargebrachte
Opfer des Liebsten zu besänftigen. — Haupt-
sitze des Elkults im Mutterlande scheinen By-
blos und Berytos gewesen zu sein, da ihre
Gründung auf Kronos zurückgeführt wird, Philo
und Steph. Byz. s. v.
Dafs der besprochene phönikische Kult auf
die hellenischen Anschauungen vonEin-
flufs gewesen ist, ist vielfach vermutet: schon
Diodor 20, 14 (Timaios?) ist geneigt, die Sage,
dafs Kronos seine eigenen Kinder verschlungen
habe, von den karthagischen Opfern herzuleiten.
Und sehr denkbar ist es gewifs, auch wenn
man über die Authenticität der phiionischen
Erzählung sehr skeptisch denkt, dafs die Kro-
nossage , die ja in Kreta ihre Heimat hat,
unter phönikischem Einflufs sich entwickelt
hat. Sicherer scheint, dafs manche der aut
griechischem Boden vorkommenden Menschen-
opfer phönikischen Ursprungs sind, so wenn
auf Rhodos am 6. Metageitnion dem Kronos
Elachsantre
1229
einMensch geopfert wird, Porphyr, de abst. 2, 54.
Doch ist eine Ausdehnung dieser Annahme
auf alle in Griechenland vorkommenden Men-
schenopfer völlig unzulässig. [Ed. Meyer.]
Elachsantre (ela^santre, ela^santre), s. Elch-
sntre. [Deecke.]
Elagabal ist der Name des Lokalgottes der
syrischen Stadt Heins (Emesa und hei Plin. 5,
81. 89 richtiger Hemesa) am Orontes. Seinen
Wohnsitz hatte der Gott nach syrischer Art
in einem grofsen schwarzen Steinkegel , der,
wie solche Steine durchweg, für vom Himmel
gefallen {dionstrig) galt. Die beigegehenen
Abbildungen von Münzen des Elagabal und
Uranius (nach Colien, monnaies de l'empire 3
tab. 15, 127. 4 tab. 3, 1) zeigen den in Tüchern
eingehüllten reichgeschmückten Stein , teils
allein, teils in Procession von einem Vierge-
spann gezogen und mit einem Adler geschmückt.
Als Attribut seiner Herrschermacht als Son-
nengott sind ihm Sonnenschirme beigegehen.
Auch sein hochgelegener, prächtiger Tempel (vgl.
Avienus , descr. terrar. 1054 ff.) wird auf Mün-
zen abgebildet. Processionen, Feste mit Musik
Münzen mit dem Elagabalidol.
und Tanz, bei denen der Oberpriester in rauschen-
den Gewändern die Festlichkeit leitet, ebenso
Orakel gehören zu seinem Kult ( Herodian 5, 3.
5. 6. Dio. 78, 31 u. a. Die Griechen und Römer
bezeichnen den Gott als Iuppiter ( Lamprid .
Helogabal. 1. 17) und gewöhnlicher als Sol,
Helios ( Herodian 5, 3. Bio. 78, 31. Epit. de
Caes. 23 u. a.); daher die gewöhnliche Verdre-
hung des Namens zu Heliogabalus (daneben
’EXcaayccßaXog , ’EXsyeßcdog). Die urkundliche
Form auf Münzen ist Elagabalus; der erste
Teil des Wortes ist jedenfalls das syrische
eläh „Gott“, der zweite wahrscheinlich gabal
„Berg“, also „Berggott“. Der Gott ist natür-
lich ein Lokalfetisch (Ba‘al), aber in seinem
Bereiche der höchste Gott (Iuppiter) und als i
solcher ein Sonnengott. Eine Soldateninschrift
aus Pannonien, C. I. L. 3, 4300: Deo Soli Ala-
gaba[lo] Ammudati identifieiert den Elagabal
mit Ammudates{s.A.). ‘ ammüdat heifst im Arabi-
schen die Standsäule (<jti;1i) hebr. ‘ ammüd ), ist
also ein Name des kegelförmigen Göttersteins.
Von einer vergoldeten Statue des Gottes Am-
mudates, die Orakel erteilte und in hohem An-
sehen stand, bis der Kaiser das Gold wegnahm
und das Holz des Götzenbildes ins Feuer wan- e
derte (vgl. Bedslob, Z. D. M. 32, 733), erzählt
der christliche Dichter Commodianus aus Gaza
instr. 1, 18 (um 240 n. Chr.). Ob damit direkt
ein (von dem Steinklotz verschiedenes) Götter-
bild des Elagabal von Hems gemeint ist oder
ein ähnlicher Kult in einer unbekannten aber
jedenfalls benachbarten Gegend, ist nicht zu
entscheiden und auch sehr unwesentlich, da
Elagabal 1230
es in Syrien zahlreiche ähnliche Kulte gab.
Auch von dem Gott von Hems wissen wir ja
nur durch einen Zufall Genaueres.
Der Ort Hemesa begegnet uns zuerst in
den Zeiten des völligen Verfalls des Seleuci-
denreichs kurz vor Pompejus, wo ein arabisches
Fürstengeschlecht sich hier festgesetzt hat;
vgl. Strabo 16, 2, 10: Zicxpipi-ntgafiog v.al ’ldp-
ßh%og . . cpvhxQxot. xov ’Euioriväv e&vovg. Da-
) nach ist jedenfalls ein Teil der Bevölkerung
des Ortes und vielleicht auch der Kult des
Elagabal arabischen Ursprungs; doch läfst sich
letzteres nicht entscheiden. Das Haus des
Samsigeramos regiert in Hems bis auf Vespa-
sian; dann wird der Ort römische Provinz.
Zu Ende des zweiten Jahrhunderts sehen wir
dann den Kult von Emesa in hohem Ansehen
stehn (wie die ähnlichen Dienste der Götter
von Heliopolis und Doliche, der syrischen Göt-
i tin u. s. w.); aus allen Nachbarländern sollen
ihm jedes Jahr Geschenke gesandt sein, He-
rodian 5, 3, 4. Die Tochter seines Oberprie-
sters Bassianus {epit. de Caes. 23), Julia Domna,
war mit Septimius Severus vermält , und ge-
langte so auf den römischen Kaiserthron. Als
dann ihr Sohn Caracalla durch Macrinus er-
mordet worden war, gelang es Julia Domnas
Schwester Julia Maesa, ihren jungen Enkel
Varius Avitus, den Sohn des Soaimias, der da-
i mals das Priestertum des Elagabal bekleidete,
für einen Sohn Caracallas auszugeben. Im
Jahre 218 wurde Macrinus gestürzt, und Varius
bestieg als M. Aurelius Antoninus , mit dem
Spitznamen Heliogabalus , den römischen
Thron. Mit dem Kaiser kam sein Gott, des-
sen Oberpriester er auch in seiner Tracht
blieb, nach Rom; durch ein Edikt wurde er
allen andern Göttern übergeordnet. In Rom
baute der Kaiser ihm einen Tempel und feierte
i seine Feste mit verschwenderischer Pracht.
Auf das wahnsinnige Treiben des syrischen
Priesters weiter einzugehen , ist überflüssig.
Von Interesse ist nur, dafs er auch andere
Steingötter in den Tempel seines Gottes
schleppte {Lamprid. vit. Heliog. 3. 7) und ihn
mit dem römischen Palladium, sowie mit dem
Steinklotz vermählte , der in Karthago als
Astarte verehrt wurde; letzteres fafste er, der
Theologie seiner Zeit entsprechend , als eine
Vermählung der Sonne mit dem Monde auf,
Dio 79, 12. Herodian 5, 6. Von geheimnis-
vollen Gebräuchen, Knabenopfern u. a. erzählt
Dio, der auch daran Anstofs nimmt, dafs der
Kaiser beschnitten war und kein Schweine-
fleisch afs (79, 11).
Vier Jahre lang ist so der Fetisch von Emesa
der höchste Gott der abendländischen Kultur-
welt gewesen, und Münzen wie Inschriften be-
zeugen seine Verehrung. Mit dem Sturze sei-
nes Priesters (222 n. Chr.) verschwand auch er
wieder; nur in seiner Heimat blieb er nach
wie vor angesehen; sein Bild erscheint auf den
Münzen des ephemeren Prätendenten Uranius,
der sich unter Alexander Severus in Emesa er-
hob, und noch im Jahre 272 hat Aurelian sei-
nem Tempel seine Verehrung dargebracht, Vo-
pisc. Aurelian. 25.
Alles Material, das fast ausschliefslich den
1231
Elaia
Elchsntre
1232
Urkunden und Schriftstellern über Heliogabals
Regierung entstammt, s. bei J. D. Mordtmann,
Z. D. M. Cr. 31, 91 ff. [Ed. Meyer.]
Elaia. (’EXai'a), eine Amazone, nach der der
Ort Elaia hei Nikomedien seinen Namen hatte,
Arr. Nie. bei Eustath. zu Dionys. Per. 828.
[Schultz.]
Eiais (’EXoä s), eine der Töchter des Anios
(Oinotropoi); s. diese Artikel: Schol. z. Ly kopier .
570 u. 580. [Roscher.] l
Elaius ( ’EXca'ovg ), Beiname des Zeus bei den
Kypriern, Hes. s. v. [Schultz.]
Elakatos (’HXd-Auzog) , ein Liebling des He-
rakles , zu dessen Ehren in Lakedämon ein
aycov, die ’HXcrxdmcc , gefeiert wurde, Sosib.
bei Desych. 0. Müller. Dorier 1, 451, 4. Der
Name geht vielleicht auf fjXa-näzr] Spinn-
rocken zurück, der ja auch im Mythus von
Herakles und Omphale eine Rolle spielt. Ygl.
auch Zeus ’HXa.v.azcitog bei Steph. Byz. s. v. 2
'HIcchcczcclov. [Steuding.]
Elara (’Elapa) , Tochter des Orchomenos
( Apollod .) oder Minyas, die von Zeus den Rie-
sen Tityos gebar. Aus Furcht vor Hera ver-
barg sie Zeus unter der Erde; sie starb bei
der Geburt wegen der Gröfse des Kindes, Plie-
relcyd. bei Schol. Apollon. JRhod. 1, 761. Apol-
lod. 1, 4, 1. Eustath. zu Dom. p. 1583, 55
(1. Mivvov st. Mivaog); Et. M. s. v. ’AXsqcc
nal "EIccqu; Schol. Od. 7, 324. In Euboia 3
wurde eine nach ihr benannte Höhle gezeigt,
Strabo 9, 423. [Schultz.]
Elasioi ( ’EXugioi ) , Dämonen , welche die
Epilepsie vertreiben sollten, Nachkommen der
Alexida, der Tochter des Amphiaraos: Plut.
Qu. Gr. 23. [Roscher.]
Elasippos fEXdomnog), 1) mythischer König
von Atlantis, Plato Kritias 114c. — 2) ein
Grieche, den Penthesileia tötet, Quint. Smyrn.
1 , 229. [Schultz.] 4
Elasos ('Ehxcog), 1) ein Trojaner, von Patro-
klos getötet, II. 16, 696. — 2) ein von Neo-
ptolemos getöteter Trojaner, von Polygnot in
der Lesche zu Delphi dargestellt, Paus. 10,
26, 1. [Schultz.]
Elate (’EXäzri), Schwester der Aloaden, glich
ihnen an Gröfse. Als diese getötet wurden,
weinte sie so lange, bis sie in eine Fichte
verwandelt wurde, Liban. narr. 34 p. 1110.
[Schultz.] £
Elatos f'EXazog), 1) ein Kentaur, von Hera-
kles getötet, Apollod. 2, 5, 4. ■ — 2) Sohn des
Arkas und der Leaneira , der Tochter des
Amyklas, oder der Metaneira, der Tochter des
Krokon, oder (nach Eumelos ) der Nymphe
Chrysopeleia, oder der Dryade Erato; Gemahl
der Laodike, Vater des Stymphalos, Pereus,
Aigyptos, Kylien, Ischys. Er nimmt das Kyl-
lenegebirge in Besitz und wandert von da
später nach Phokis, hilft den Phokiern im (
Kriege gegen die Phlegyer und gründet Ela-
tea, Paus. 8, 4, 2. 3. Apollod. 3, 9, 1. Auf
dem Markte zu Elatea befand sich sein Stand-
bild, Paus. 10, 34, 3; desgl. zu Tegea, Paus. 8,
48, 6. — 3) ein Lapithenfiirst zu Larissa in
Thessalien, Gemahl der Hippeia, der Tochter
des Antippos, Vater der Argonauten Kaineus
und Polyphemos, Dyg. f. 14. Schol. Apoll.
Bhod. 1, 40. Ov. Metam. 12, 497; und des
Ischys, Pincl. Pyth. 3, 31(55) mit Schol.-, und
der Dotia, Stepjh. Byz. s. v. Acoziov , oder der
Dotis, Apollod. 3, 5, 5. — 4) Sohn des Ika-
rios, Gemahl der Erymede, der Tochter des
Damasiklos, Vater des Tainaros, Schol. Apoll.
Bli. 1, 102. — 5) ein Bundesgenosse der Tro-
janer aus Pedasos am Satnioeis, von Agamem-
non vor Ilion getötet , Dom. II. 6 , 33. — 6)
ein Freier der Penelope, von Eumaios getötet,
Dom. Od. 22, 268. — 7) ein Wagenlenker des
Amphiaraos (sonst Baton gen.), Apollod. 3,
6, 8. Vgl. Elattonos. u. Jahrb. f. cl. Pliilol.
1882. S. 345 ff. [Schultz.]
Elatreus (’EXazgsvg) , 1) ein vornehmer
Phaiake, Dom. Od. 8, 111, welcher sich im
Diskoswurf vor allen auszeichnet (ebenda 129).
Der Name ist wie die fast aller Phaiaken vom
Meer und der Schiffahrt entlehnt; vgl. sXcczy.
Eustath. z. Dom. 1588, 41 — 2) ein Kyklope
vongewaltigerGröfse, welcher bis in die Wolken
emporragte und bei dem Kampfe des Bakchos
in Indien eine gröfse Fichte als Waffe gebrauchte,
Nonn. Dion. 14, 59. 28, 240. [Steuding.]
Elattonos ( ’EXuzzcovog) , Wagenlenker des
Amphiaraos , mit welchem er von der Erde
verschlungen wurde, Apollod. bibl. 3, 6, 8, 6
bei Müller, fr. h. gr. 1, 161. Derselbe wird
auch Baton (s. d.) genannt. Vergl. Elatos 7.
[Steuding.]
Elclisntre (el^sntre) , etruskische Form des
Namens ’AXe^cxvö'qo? d. i. Paris (Hdptg), auf
einem reich geschmückten Spiegel unbekannter
Herkunft, früher im Museum Durand, jetzt in
der Pariser Nationalbibliothek, ln der oberen
Hälfte zeigt Herde (hercle) dem thronenden
Tinia (tinia) d. i. Iuppiter den geflügelten
Knaben Epeur (epeur, etwa Hebe-Sohn), wäh-
rend in den Ecken sich Turan (turan) d. i.
Venus, und Thal na (Haina) befinden; in der
unteren Hälfte steht Elchsntre neben Eli-
nai (elinai) d. i. Helena, in Gegenwart der
beiden Atriden (menle, a^memrun), des Aias
oder Memnon (aevas) und einiger dienenden
Göttinnen (mean, lasa ffimrae, lasa racuneta);
s. De Witte, Catal. Durand nr. 1972 p. 420 ff. ;
derselbe, Orioli u. Cavedoni, Ann. 1834, 183 ff.;
1840, 268 ff. Monum. Vol. 2, tav. VI. Gerhard,
Etr. Spiegel 3, 174ff. tav. CLXXXI; Fabr. Gl.
It. col. 379. C. I. I. 2500. Dieselbe Namens-
form zeigt ein Spiegel im Museum zu Bologna,
wo aufser El in ei gleichfalls die beiden Atriden
zugegen zu sein scheinen (menle, a^mem . . .); s.
Lanzi Saggio 2, 221 = 175, nr. 17. Fahr. C.
I. I. 44. S. Bugge, Beitr. 1 (Etr. Forsch, u.
Stud. 4), 21 ff. , der statt ajjmem . . . vielmehr
a^sies liest, gedöutet als ’Ayxiasiog d. i. Ai-
neias. Mit Elision begegnet Elsntre (elsntre)
auf einem Spiegel unbekannter Herkunft, gleich-
falls einst im Museum Durand, jetzt in der
Pariser Nationalbibliothek. Hier steht Turan
(turan), d. i. Venus zwischen ihm und Elina
(elina); s. De Witte, Catal. Durand nr. 1968
p. 418. Gerhard, Etrusk. Spiegel 3, 192; tav.
CXCVIII. Fabr. C. I. I. 2495. Eine durch
Einschub von «erweiterte Form Elachsantre
(ela;usantre) zeigt ein palästriner Spiegel der
Sammlung ßarberini, auf dem aufser Elina
1233
Elcste
Elektra
1234
und Turan noch Ermania, d. i. Hermione
gegenwärtig ist; s. Garrucci Bull. 1859, 26. 88.
Gerhard, Etr. Spiegel 4, 26 ff. tav. CCCLXX1X.
Fahr. C. I. I. 2726. Eine geringe Variante
Iist ela^santre, auf einem Spiegel aus Orbe-
tello, im Besitze des Hrn. Itiblais in Florenz.
Neben El in ei und Turan zeigt er noch La-
ran (laran) d. i. Mars, ”A irrig ; s. Gamurr. Bul-
let. 1873, 144. Fahr. Sdo Suppl. 93. Mit er-
haltenem ursprünglichen Anlaut findet sich l
endlich Alaclrsntre (ala^sntre) neben Turan,
Uni, d. i. luno, und Menrva auf einem das
Urteil des Paris darstellenden Spiegel von Cor-
Ineto, den Gamurrini bei einem römischen Händ-
ler fand; s. Gamurr. App. 772. Stark synko-
piert ist die Form Elcste (elcste) auf einem
Bronzespiegel von Chiusi, der Paris dem Ai-
neas (eina) gegenüberstehend zeigt, zwischen
beiden Klytaimnestra (clutmsta) und Men-
rva; s. Helhig , Bullet. 1882 p. 133. So ge- 2
hört denn auch vielleicht sogar Echse (e^se)
hierher, Name eines Jünglings auf einem Spie-
gel in Florenz neben einem anderen Umaiie
(das U ist unsicher); s. schon Dempst. Etr.
Beg. t. XXX VIII; Lanzi Saggio 2, 233 = 185
t. XII, nr. 5; dann Gerhard, Etr. Spiegel 3, 197
tav. CCVII, 2; Conestabile Insc. Etr. p. 192
1t. LVI1I, 204;. Fahr., C. I. I. 110. Halbla-
teinisch sind die Formen: Alixsantre, neben
Menele und Elina auf einem Spiegel der 3
Luynes’schen Sammlung, unbekannter Herkunft;
is. Bullet. 1848 p. 36; Gerhard, Etr. Spiegel 5,
23; tav. CCCLXXVII; Fahr., C. I. I. 2523;
Alixentros neben Mirqurios auf einem jetzt
im Berliner Museum befindlichen Spiegel von
Orbetello; s. Gerhard, Etr. Spiegel 3, 181; tav.
ELXXXII; Fahr., C. I. I. 2491, tav. XLIV;
Alixentros neben der ihn kränzenden Vic-
toria auf einem Spiegel von Palestrina; s.
Garrucci Syll. 535; Gamurr. App. 925; ver- 4
stiimmelt Alixent . . . neben Velena, Venns
und einer Reihe anderer Figuren auf einer Cista
von Palestrina, s. Garrucci Ciste Pren. t. LV ;
I Fahr. C. I. I. 2726terd, t. XL VI; vergl. Bezz.
Beitr. 2, 166 nr. 46. [Deecke.]
Elcste (elcste), s. Elchsntre.
Ehlas (’EXSüg) siehe Ebidas.
Eleatas (’EXsdrag), Sohn des Lykaon, Paus.
8, 3, 1. ^Schultz.]
Elege fEXeyg), Tochter des Proitos, Ael. v. j
h. 3, 42, siehe Proitides; vergl. Elege'is.
[Steuding.]
Eie gei's ( ’EXsygtg oder ’EXsysug, Etym. AI.
327, 11), eine Tochter des Neleus, Enkelin
des Kodros, welche ursprünglich 77eipei (vgl.
IlriQco) hiefs, dann aber infolge ihres unsitt-
lichen Lebenswandels (iXsysivsiv = avoXuGTcd-
vsiv; vgl. tXsyalvtiv) obigen Namen erhielt,
Etym. Magn. 327, 5 ff. Vgl. sXeQ-aivofiivrj =
dvoXaozai'vovaa bei Hesych., wo Loheck , Ehern, t
1 S. 237 sXsycavogsvg vermutet. Sie galt als
Erfinderin der Unzucht, Etym. ALagn. 152, 50.
[Steuding.]
Eleios (’HXsiog), 1) Sohn des Poseidon und
1 der Eurykyda , der Tochter des Endymion,
Vater des Augeias, Paus. 5, 1, 6 u. 7. — 2)
Sohn des Amphimachos, König von Elis , zur
Zeit des Einfalls der Dorier , Paus. 5 , 3, 4.
4, 1 (1. ’HXsiog st. diog). — 3) Sohn des Tan-
talos, nach welchem Elis benannt sein sollte,
Stcph. Byz . s. v. ’HXig. — 4) Beiname des Zeus,
Steph. Byz. s. v. ’HXig. [Schultz.]
Elektra (’HXsvTQce , ion. ’HXsvtQg, d. h. die
Strahlende), 1) ein in die älteste Dämonologie
verflochtenes Wesen; bei Hes. Theog. 266 ist
sie Tochter des Okeanos und wird Gattin des
Thaumas, von dem sie die Iris und die Har-
pyien gebiert (wiederholt bei Apollod. bibl. 1,
26). Theog. 349 wird sie in dem Verzeichnis der
vielen Töchter des Okeanos und der Tethys
aufgezählt; unter ihren Schwestern ragt be-
sonders hervor die Styx, Theog. 361, dann die
Eurynome, Tyche, Kalypso u. a. (danach Apol-
lod. 1, 2, 2). Im homerischen Hymnus auf
Demeter (418) erscheint sie unter den Gespie-
linnen der Persej)hone auf der blumigen Wiese,
als diese geraubt ward; die Namen derselben
stimmen meist mit denen der Töchter des
Okeanos und der Tethys bei Hes. Theog. 349 ff.
überein ; vgl. Paus 4, 30, 4. Bei Nonn. Dion.
26, 360 zeugt sie mit Thaumas die Iris und
den Flufs Hydaspes. — 2) Tochter des Atlas,
mit alter Gestirnverehrung und den Alter-
tümern von Samothrake zusammenhängend,
eine der sieben Pleiaden, nach Apollod. 3, 10, 1
nebst ihren sechs Schwestern auf der Kyllene
in Arkadien als Tochter der Pleione und des
Atlas geboren (in Arkadien auch bei Dion.
Hai, ant. 1, 61). Verzeichnis der Atlastöchter
bei Diodor 3, 60, 4. Als ihr eigentlicher Sitz
erscheint in der Sage regelmäfsig Samothrake,
welche Insel selbst vrjoog ’HXevTQgg ’AtXavxi-
äog genannt werden konnte, Apollon. Eh. 1,
916. Zeus verband sich mit ihr und sie ge-
bar ihm Kinder. Ihr wichtigster Sohn ist Dar-
danos (s. d.), der von Samothrake aus nachTroas
ging und drüben das Land für sich gewann
und Stifter der Dynastie ward. Hellanikos fr.
56. Apollod. 3, 12, 1. Verg. Aen. 8, 135. Co -
non. narr. 21. Eratosth. catast. 23. Eine ge-
wisse Version schob Arkadien als ursprüng-
liche Herkunft vor Samothrake, Dion. Hai.
ant. 1, 61. Serv. Aen. 3, 167. 2, 325. Der
zweite Sohn heifst bei Hellanikos Eetion ov
’laaCcova bvoucigovai , Frgm, 129. Schol. Ap.
Eliod. 1,916, sonst gewöhnlich Iasion, der mit
Demeter eng verbunden ist, worauf schon die
Odyssee 5, 125 anspielt. Interessant ist, dafs
Hellanikos, der doch den Sitz der Elektra in
Samothrake annahm, den Iasion als Kreter be-
zeichnete, Frgm. 5S. Schol, Od. 5, 125, sodafs
auch hier Kreta hereinspielt. Bei Dion. Hui.
1 , 61 heifst er lasos. Nach Athenion beim
Scliol, Apollon. 1, 913 waren Dardanos und
Iasion dieKabiren; doch vgl. Lobeck, Aglaoph,
p. 1220. Nonnos kennt einen Sohn Emathion,
der auf Samothrake herrscht, 3, 186 ff. Die
Sagenbildung, die Italien zur ursprünglichen
Heimat der Trojaner machte, liefs Elektra als
Gattin eines Korythos (s. d.) in Italien den
Iasion und Dardanos (oder nur ersteren und
letzteren von Zeus) gebären ( Verg. Aen. 3, 167 ff.
und Servius dazu; Sero. Aen. 7, 207. 3, 104).
Gewöhnlich galt als drittes Kind des Zeus und
der Elektra auf Samothrake die Harmonia, so
Hellanikos Frgm. 129. Diod. 3 , 48. 49 ; bei
1235
Elektra
Elektra
1236
Ephor os Frgm. 12. Schol. Eur. Phoen. 7 ist
Harmonia die Tochter der Elektra und des
Atlas; Nonnos läfst sie Tochter des. Ares und
der Aphrodite sein, aber von Elektra aufgezo-
gen werden (3, 3 7 6 fF. ) . Die Entführung der
Harmonia durch Kadmos war Lokalsage auf
Samothrake , und das Suchen nach ihr ward
mimisch in den Festen dargestellt, Ephoros
a. a. 0. Nach LHod. 5 , 49 brachte Elektra
als Gabe bei der Hochzeit des Paares die lsqü
der Göttermutter mit ihren Cymbeln und Tym-
panen, was eine enge Beziehung der Elektra
zu diesem Kulte andeutet (wohl als Mutter der
mit Kybele identifi eierten Demeter) ; nach Scliol.
Eur. Phoen. 1136 brachte Elektra das Palladion
selbst nach Ilion für ihren Sohn Dardanos. Ihre
Bedeutung als Gestirn ward später als Verwand-
lung aufgefafst; bei Trojas Untergang erbleicht
ihr Glanz, Serv. Verg. Georg. 1, 138. Egg.
fab. 192, oder sie wird bei diesem Anlafs in
einen Kometen verwandelt, Serv. Verg. Aen. 10,
272. Nach ihr soll (nach Hellanilcos Frgm.
129 u. a.; andere Versionen beim Schol. in
Eurip. Phoen. 1129) das Thor MIshzqu in The-
ben benannt sein (nur eine Ungenauigkeit ist
es, wenn Paus. 9, 8, 3 die Elektra Schwester
des Kadmos nennt). Uber die Bedeutung des
Thornamens s. Brandis, Hermes 2, 278. Ob
der Flufs ’HXshzqcc in Messenien zwischen An-
dania und Kyparissia nach dieser Elektra be-
nannt war, ist ungewifs , Paus. 4, 33, 6. Ein
Flufs Elektra auch in Kreta, Hoch, Kreta 1,
393. Diese Elektra hiefs nach Hellanilcos Frgm.
129 indes auf Samothrake auch Xxgcizyyis\
auch ’HlsKtQvcovri sollte nach demselben (a. a. 0.)
dieselbe sein. Gewifs waren es ursprünglich
dieselben Wesen. Elektryone (s. d.) ward auf
Rhodos als Tochter des Helios und der Rho-
dos angesehen und ihr Kult ist durch eine In-
schrift von Ialysos uns deutlich geworden,
Transact. of the r. soc. 11 , 442. Inscr. of the
Brit. Mus. 349. - 3) Auch unter den 50 Töch-
tern des Danaos kommt eine Elektra vor;
bei Apollod. 2, 1, 5 war ihre Mutter die Naiade
Polyxo; durchs Los erhält sie einen Sohn des
Aigyptos und der Nymphe Kaliande; vgl. Hyg.
f. 168. — 4) Tochter des Agamemnon und
der Kly taimnestra. Sie ist im Epos noch
unbekannt und tritt zuerst bei den Lyrikern
auf. Nach Xanthos , der ein Vorgänger des
Stesichoros gewesen sein soll, was jedoch neuer-
dings in Zweifel gezogen worden ist, indem
man statt Xanthos Stesichoros einsetzte (Bo-
bert, Bild und Lied S. 173 ff.), ist Elektra die-
selbe Tochter, die bei Homer Laodike heifst;
sie erhielt den Namen Elektra (’Alsv.zqci) wegen
ihrer langen Ehelosigkeit (Aelian v. h. 4, 26;
vergl. Schol. Eur. Or. 71 — 80). Schon in der
Orestie des Stesichoros scheint sie eine be-
deutende Rolle gespielt zu haben (vgl. hierüber
besonders Robert , Bild und Lied S. 167 ff.);
eine Lieblingsfigur ward sie in der Tragödie.
Beim Tode Agamemnons hat sie den kleinen
Orest aus Klytaimnestras Händen gerettet,
Sopli. El. 296 ff. ; nach 1348 ff. hat sie ihn dem
alten Pädagogen gegeben; bei Seneca, Agam.
987ff. empfängt der gerade als olympischer
Sieger anwesende Strophios den Orest aus
Elektras Hand; bei Stesichoros war jedoch
wahrscheinlich die Amme die Retterin des
Orest, vgl. frgm. 41; bei Pind. Pyth. 11, 25
ist es die Amme Arsinoe, bei Eurip. El. 16.
416 endlich ist es der alte Pädagog selbst, der
ihn rettet. Nach Aesch. Clio. 444 ward Elektra
beim Tode des Agamemnon eingeschlossen wie
ein Hund; nach Eur. El. 25 ff. wollte Aigisth
sie töten, doch rettete sie Kly taimnestra; bei
Seneca Agam. 1055 wird Elektra vom Altäre,
wohin sie sich mit Kassandra geflüchtet, in
einen fernen Höhlenkerker abgeführt auf Ai-
gisths Befehl; vgl. Soph. El. 380, wo ihr das-
selbe angedroht wird. Sie führt nun ein elen-
des eheloses Leben; denn da sie dem Anden-
ken des Vaters treu ist, wird sie aufs schlech-
teste behandelt; ergreifend schildert es Soph.
El. 86 ff. ; sie klagt Tag und Nacht allein, hat
schlechte Kleider (191) und hungert, sie ist
im Hause eingeschlossen (911. 516 ff. 312) und
thut Sklavendienste (1192). Nach Euripüles
war Elektra einst dem Kastor verlobt gewesen,
bevor dieser zu den Göttern ging, El. 311;
nach der tragischen Fabel bei Hyg. f. 108 ward
Elektra als Gattin dem Polymestor verspro-
chen , wenn dieser den Polydoros töte. Bei
Euripides hat Aigisth sie nach Agamemnons
Tode an einen Mykenischen Landmann verhei-
ratet, damit sie keinen edeln Rächer gebären
könne; dieser läfst sie jedoch Jungfrau bleiben,
Eurip. El. 43; ihr Haus ist fern von der Stadt
am Felsenhang, ib. 246. 251. 211.489. Elektra
harrt, da.fs Orest als Rächer komme, sie steht
durch Boten mit ihm in Beziehung und for-
dert ihn auf, Soph, El. 319ff. Eur. Or. 616.
Endlich kommt Orest. Bei Äschylos erken-
nen sich die Geschwister dadurch, dafs Elektra
die von Orest auf dem Grabe Agamemnons
gelassene Locke (Clio. 168; vergl. die Anspie-
lung darauf bei Aristopli. nub. 5340.) und die
Fufstritte (Clio. 205) erkennt und Orestes ihr
ein von ihr selbst gefertigtes Gewebe zeigt
(231). Elektra ist von Kly taimnestra, die durch
einen Traum geschreckt ist, zum Grabe mit
der Spende geschickt worden (523 ff.); dasselbe
Motiv hatte wahrscheinlich schon Stesichoros.
Bei Äschylos betet nun das Geschwisterpaar,
dann wartet Elektra im Hause (553. 579) und
wird nicht mehr erwähnt, während Orest die
That begeht. Bei den folgenden Tragikern
wird Elektra ein gröfserer Anteil gegeben.
Sophokles , dessen Elektra gemeinhin für älter
als die Euripideische gilt, während v. Wilamo-
ivitz neuerdings ( Hermes 1883 S. 223) sie für
später als jene erklärt, vertiefte den strengen,
harten Charakter Elektras bedeutend; nicht sie,
sondern Chrysothemis, die fügsame Schwester
ist es , die bei ihm die Spende der Klytai-
mnestra auf Agamemnons Grab trägt. Durch
die falsche Nachricht, die Orest von sich giebt,
dafs er gestorben sei, wird Elektra aufs tiefste
erschüttert, aber ihr Mut ist so grofs, dafs sie
nun allein den Mord auf sich nehmen will
(954 ff'.). Die Erkennung der Geschwister fin-
det statt, indem sich Orest selbst zu erkennen
giebt und durch ein väterliches Siegel dies
bekräftigt (1220ff.). Bei der Tötung der Mut-
ter ist Elektra ohne eine Regung von Mitleid
io
20
30
40
50
60
1237
Elektra
Elektra
1238
und fordert vielmehr auf zuzuschlagen (1415),
den Aigisth will sie sogar unbegraben las-
Isen (1488f.). Bei Euripides findet die Er-
kennung der Geschwister (so wie wahrschein-
lich schon bei Stesichoros) durch den alten
Pädagogen statt , der Orest einst gerettet
hatte; Elektra schickt nach ihm und er führt
!die Erkennung herbei , Enr. El. 558 ff. Der
Greis rät, Aigisth auf dem Felde zu töten, was
geschieht; Elektra macht den Plan des Mut-
| termords; sie will Klytaimnestra durch die
fälsche Nachricht ihrer Niederkunft zu sich
locken, indem sie auf eine gewisse Gutmütig-
keit derselben haut; den schwankenden Orest
vor, erst noch Helena zu töten; Elektra rät,
sich der Hermione als Geifsel zu bemächtigen,
die von Klytaimnestra im Hause auferzogen
war; dies geschieht, und Pylades und Elektra
sind sogar im Begriffe den Palast anzustecken,
als Apoll erscheint. In der Tragödie Aktes
von Sophokles , mit der wahrscheinlich des
Accius Agamemnonidae und Erigona überein-
stimmten und deren Skizze bei Hyg. fab. 122
io erhalten scheint, spielte Elektra ebenfalls eine
Hauptrolle, vgl. Welcher, cjr. Trag. S. 215 ff. ;
Ribbeclc, röm. Trag. S. 469 ff. Orest ist in der
Ferne. Ein falscher Bote, wahrscheinlich von
dem intriguanten Aletes, dem Sohne des Ai-
(AfAEE
Trauernde Elektra, hinter ihr die Amme, vor ihr Talthybios, Orestes u. Pylades, Relief ira Louvre
(Monum. clell' Inst. VI. VII, tav. 57 ; vgl. S. 1239 Z. 2).
befestigt sie (970ff); die Klytaimnestra lockt
sie listig und grausam in das Haus, wo der
Mord geschieht und Elektra den Orest ermun-
tert (1224. 1205; vgl. Eur. Or. 1236); ja sie
sagt von sich ’gCqjov g ecprjipapav dpa El. 1225.
Den Leichnam des Aigisth hatte Orest der
Schwester überlassen, um ihn den Hunden zu
geben, doch sie scheut sich davor (902). In-
dem Euripides den Aigisth und die Klytaimne-
stra als sehr weich und gut schildert vor ihrem
Tode, wird die That um so schrecklicher, die
zum gröfsten Teil auf Elektra lastet. Orest
wird nun von den Eumeniden verfolgt. Die
Tragödie Orestes von Euripides schildert, wie
Elektra den kranken Bruder pflegt und seiner
wartet. Das Volk ist ergrimmt und wird von
Tyndareos noch mehr angereizt, von Menelaos
nicht beschwichtigt. Orest und Elektra wer-
den vom Volke zum Tode verurteilt und zwar
dürfen sie sich selbst töten. Pylades schlägt
gisth, gesandt, bringt die Todesnachricht von
Orest an Elektra , worauf Aletes Herrscher
wird; Elektra aber geht nach Delphi, wo ihr
derselbe Bote die soeben daselbst angekom-
mene Iphigeneia als die Mörderin des Bruders
zeigt. Elektra will Iphigeneia mit einem
Feuerbrande des Altares blenden; da kommt
Orest dazwischen und man erkennt sich. Ale-
tes wird nun von Orest getötet, doch Erigone,
die Tochter der Klytaimnestra und des Aigisth,
wird nach Attika entrückt. Orestes herrscht,
Elektra aber heiratet dessen Freund, den Py-
lades und folgt ihm in seine phokische Hei-
mat. Diese letztere Version ist eine alte und
allgemeine; auch des Euripides Elektra wie
der Orest schlossen mit der Anordnung jener
Heirat. Schon Hella, nilcos führte ( fvgvn . 43 =
Pc ms. 2, 16, 7; vergl. Schol. Eur. Or. 1654.
Paus. 3, 1, 6. 9, 40, 12) als Söhne der Ver-
bindung von Elektra und Pylades den Medon
1239
Eleuther
Elektrjon
uncl Strophios an. Unter den Kunst denk-
mälern ist das älteste und bedeutendste das
Relief von Melos im Louvre ( Mon . d. Inst. 6, 57, 1),
das hier wiederholt ist, und von dem neuer-
dings Repliken im Peiraieus gefunden sind (. Froh -
ner, Catal. de la coli. Lecuyer nr. 310, pl. 30).
Elektra (die Inschriften des Reliefs sind wahr-
scheinlich gefälscht) sitzt trauernd vor dem
Grabe des Vaters, hinter ihr die alte Amme;
der alte Talthybios kommt und spricht zu ihr
(zuerst richtig gedeutet von G. Robert, Bild
und Lied S. 168), Orest und Pylades folgen;
jener wird die Erkennung herbeiführen. Das
Relief gehört dem Stile nach in die Mitte des
5. Jahrh. Zweifelhaft ist die Deutung eines
anderen wenig späteren Reliefs in Berlin
(Mon. d. Inst. 6, 57, 2; vgl. Conze und Brunn
in den Annali 1861, 340ff. Robert, Bild und
Lied S. 169 Anm. 17), indem man die weib-
liche Figur sowohl Iphigeneia als Elektra ge-
nannt hat; sicher ist das Motiv, dafs der Jüng-
ling mit dem Schwerte auf das Mädchen los-
gegangen ist und von ihr zurückgestofsen wird ;
die Scene geht am Grabe vor; vielleicht also
eine in unsern litterarischen Quellen nicht er-
haltene Version, ein Mifsverständnis'des Orest,
das zur Erkennung führt. Beim Tode Aigisths
erscheint Elektra auf einer Berliner Vase
( Gerhard , etr.-camp. Vasenbild. 24; vgl. Robert,
Bild und Lied S. 149 ff.'); ihre Rolle in der
auf ein bedeutendes Urbild zurückgehenden
Komposition scheint die zu sein, Orest durch
Zuruf vor dem Beilhiebe der von hinten sich
nahenden Klytaimnestra zu warnen. In der
späteren Vasenmalerei wurde die Scene am
Grabe öfter wiederholt z. B. Overbeck, Gail,
her. Bildw. Tf. 28, 5, 7. Eine Marmorgruppe
in Neapel, in römischer Zeit mit Benutzung
älterer Typen entstanden, wird für Elektra
und Orest erklärt, Kekule, Gruppe d. Künstl.
Menelaos S. 25, nr. 5. Overbeck, Gesch. d.
Plastik3 2, 414. [Furtwängler.]
Elektryon (’HXsktqvcov), 1) Sohn des Per-
seus und der Andromeda, König von Myken
oder vonMidea in Argolis, Gemahl der Anaxo,
der Tochter des Alkaios, Vater der Alkmene,
des Stratobates, Gorgophonos, Philonomos, Ke-
laineus, Amphimachos, Lysinomos, Cheirima-
chos, Anaktor, Archelaos und des von einer phry-
gischen Frau Mideia geborenen Likymnios,
Paus. 2, 25, 8. Apollod. 2, 4, 5 ; s. Amphitryon.
[Schultz.] — [2) Sohn desltonos, Enkel des Boio-
tos, Vater des Leitos, Diod. 4, 67. Roscher.]
Elektryone (’HXsv.zQvwvri), 1) Tochter des
Elektryon (d.h. Alkmene), Hes. sc. Here. 16. 86.
— 2) Tochter des Helios und der Rhodos,
Diod. 5, 56. Schol. Find. Ol. 7, 24; vgl. oben
S. 1235, 37. — 3) Tochter des Atlas (= Elektra;
s. d.) ; Hellanikos bei Schol. Apollod. Rhod.
1, 916. [Schultz.]
Eleleis = Bakchantin: Ov. Her. 4, 47.
Bielens = Dionysos (s. d.)
Elenclios C'EXeyxog), personificierte Gottheit
der Überführung , die in einem Stücke des
Menander als Prolog auftrat, Luc. pseudolog.
4; pisc. 17. [Schultz.]
Eleon (’EXemv), Sohn des Eteonos, ein Nach-
komme des Boiotos (Schol. Horn. 11. 2, 497),
1240
Heros eponymos des Städtchens Eleon am
Skamandros in Boiotien (ebenda 500. Lust. \
Hom. 265, 35), Vater des Deimachos, welcher
mit Herakles gegen Troia zog, Flut. Quaest.
Graec. 41. [Steuding.]
Eieos (' EXsog) , Personifikation des Mitlei-
dens. Ihm war in Athen auf dem Markte ein
Altar (die einzige Kultstätte in Griechenland,
Sext. Emp. 9, 187 p. 592) geweiht, Paus. 1,
io 17, 1 ; zu diesem flüchteten Adrast, Apollöd. 3,
7,1, und die Herakliden , Apollod. 2, 8, 1.
Luc. Tim. 42. Dem. 57. Zen. 1, 30. 2, 61.
Schol. Aesch. 2, 15. Schol. Demosth. 2, 6. Schol.
Soph. O. C. 258. Suid. s. v. ’EXeov ßcoyög.
[Vergl. auch Kaibel, epigr. gr. 792. Roscher.]
[Schultz.]
Elephantis (’EXtcpavzig), Gemahlin des Da-
naos und Mutter der Gorgophone und Hyper-
mnestra, Apollod. bibl. 2, l , 5, 4 (== Müller,
ao fr. h. gr. 1, 127). Tzetz. hist. 7, 375. [Steuding.]
Elephenor (’EXscpfjvcoQ), Sohn des Chalko-
don und der Imenarete (Hyg. f. 97) oder Me-
lanippe (Tzetz.), König der Abanten auf Eu-
boia. Den Poimandros von Tanagra sühnte
er vom Morde, Flut. Quaest. Graec. 37. Als
er seinen Grofsvater Abas unabsichtlich er-
schlagen, mufste er nach Euboia flüchten. Er
erscheint unter den Freiern der Helena, Apol-
lod. 3, 10, 8, und führt die Abanten in 40
30 (Hyg.) od. 30 (Dict. 1, 17) Schiffen nach Troia.
Da er nach Euboia selbst nicht kommen durfte,
so begab er sich nach einem Felsen in der
Nähe von Euboia und versammelte dort die
Abanten , Tzetz. Lyk. 1029. Auf diesen Zug
nahm er auch die Söhne des Theseus mit,
Plut. Dies. 35. Paus. 1, 17, 6. Vor Troia
wird er durch Agenor getötet, II. 2, 540. 4,
463. Nach Tzetz. Lyk. dagegen ging er nach
der Einnahme Trojas nach Othronos, einer In-
40 sei bei Sicilien, und liefs sich dort nieder. Als
er von hier durch einen Drachen vertrieben
wurde, wanderte er nach Amantia in lllyrien,
Tzetz. a. a. O. [Schultz.]
Elete(?), verderbter Name einer der Horen
(s. d.) bei Hyg. f. 183 ed. Bunte. [Roscher.]
Eleus ( ’HXsvg ) — Eleios (s. di), Leandr. im
Et. 31. 426, 12. [Roscher.]
Eleusiuos ( ’EXsvoDog ) == Eleusis (s. d.). Bei
Myth. Vat. 2, 97 heifst er Eleusius. Vgl. De-
50 mophon. [Steuding.]
Eleusis ( ’EXevoig ), oder Eleusinos (’EXsval
vog, Suid. s. v. ’EXtvoivia , Hygin , Etym. M.
Harpokr.), Sohn des Hermes und der Daeira,
der Tochter des Okeanos, oder Sohn des Ogy-
I iiiO
I ehr
I k
m
f Sri
IE
Sa
, tke
’jlii
I
ml
Lilll
I sie
f
r
liiC
p
1»
I kr,
I
I
1
Itif
1
1
E
1
I
ein
(k
nr
■irr
I fr.
, and
E
t 1
yq.
I
kloä
Eil
E
die
Sreo
»(
»I
«k.
dam
11t:
#*
gos (Paus. 1, 38, 7), Eponym von Eleusis in
Attika. Seine Gemahlin Kothonea (S erv. Verg.
Georg. 1, 19) gebiert ihm den Triptolemos, Hy-
gin. f. 147. Er wird von Ceres getötet, weil
er sie durch sein Geschrei störte, als sie bei
Nacht den Triptolemos ins Feuer hielt, um
ihn unsterblich zu machen, Serv. a. a. O.
[Schultz.]
Eleuther ( ’EXsvQ-gQ ), 1) Gründer von Eleu-
therai in Boiotien , Steph. Byz. EXsvQ'sqcI;
Sohn des Apollo und der Aitliusa , der Toch-
ter des Poseidon, Vater des Iasios, Urgrofs-
vater des Poimandros, der Tanagra gründete,
Paus. 9, 20, 2. Er errichtete die erste Bild-
lacl
'ule
1241 Eleuthera
Emathios 1242
sänle des Dionysos (s. d.) und lehrte seine Ver-
ehrung, Hyg. fab. 225. — 2) Sohn des Lykaon
der mit seinem Bruder Lebeados allein von
dem Verbrechen gegen Zeus sich frei hielt,
Gründer von Eleuthera , Flut. Quaest. Graec.
39. — 3) Einer der Kureten , nach dem eine
Stadt in Kreta (Eleuthera, Eleutherai, Eleu-
therna) benannt sein sollte , Stepli. Byz. s. v.
’Acogog, ’EX ev&egai, ’EXev&egva. [Schultz.]
Eleuthera (’EXsv&sgci), eine Nymphe, nach l
welcher die Stadt Eleutherai in Lykien be-
nannt sein soll, Stepli. Byz. s. v. ’Egevdrgg ;
vgl. s. v. ’EXev&sgai'. An ersterer Stelle wird
sie mit ’Egeva identificiert. [Steuding.]
Eleutheria {’EXsv&egiaf Dio Cass. 38, 17,
C. 43, 44, 1. 58, 12, 5. Übersetzung der ita-
lischen Göttin Libertas (s. d.). [C. I. Gr. add.
4303hl (vgl. die Anm. hierzu) heifst sie agyp-
yit ig u. smcpavfig. Bildwerke der E. b. Mül-
ler, Handb. 406. Ein rsgsvog der E. (zu Sar- 2<
des?) erwähnt bei Kaibel, epigr. gr. 903. R.J
Eleutho s. Eileithyia. [Steuding.]
Eleuthya (’EXev&vcc, C. I. Gr. 3058) = Ei-
leithyia (s. d.). [Roscher.]
Elicius s. Iuppiter. [Schultz.]
Elieus s. Eunostos, Flut. Quaest. Graec. 40.
Elina, Elinai, Elmei, s. Velena.
Elissa s. Dido.
Elimi {’EXiovv) mit dem Beinamen ” Tipiazo g,
ein phönicischer Gott oder Heros , der in der 3
Gegend von Byblos gewohnt haben sollte. Er
erzeugte mit der Beruth den Epigeios oder
Autochthon , welcher dann Uranos genannt
wurde, und kam später im Kampfe mit wil-
den Tieren um, Fliil. Bybl. 2, 12 f. bei Müller,
fr. h. gr. 3, 567. Vergl. hebr. hx = Gott S.
auch d. Artikel E 1. [Steuding.]
Ellerophontes s. Bellerophontes.
Ellops ("EXXoip), Sohn des Ion (Strab. p. 445;
Stepli. Byz. s. v. ’EXXom'cc) od. des Tithonos 4
(Eustath. zu Hom. p. 280, 32), Bruder des Ai-
klos und Kothos, nach welchem Ellopia auf
Euboia benannt sein sollte. [Schultz.]
Eloeim {’EXoei'g, vgl. ’EXogg C. I. Gr. 9094),
die avfi[ici%(H des phönicischen El (s. d.) oder
Kronos, Phil. Bybl, 2, 18 bei Euseb. pr. ev. l,
10 ( Müller , fr. li. gr. 3, 568). Vgl. Delitzsch
in Herzogs R.-E. 4, 187 und den Artikel El
ob. S. 1227. [Steuding.]
Elpenor {’EXngvmg) , einer der Gefährten 5
des Odysseus, die von Kirke in Schweine und
dann wieder in Menschen verwandelt wurden.
Als man sich zum Aufbruche sammelte, schlief
ir weintrunken auf dem Dache des Baiastes,
oeim Erwachen taumelte er an den Rand des
Daches, stürzte herab und fand so seinen Tod,
Od. 10, 550ff. in der Unterwelt traf Odysseus
später seinen Schatten, der ihn anflehte, den
.jeichnam zu verbrennen und ihm ein Denk-
nal zu errichten, Od. 11, 57ff. Odysseus er- G
rillte die Bitte bei der Rückkehr aus der
Unterwelt auf der Insel der Kirke, Od. 12,
...Off.; vergl. Iuv. Sat. 15, 22. Ov. lb. 487.
■lach Serv. Verg. Aen. 6, 107 hatte Odysseus
hn behufs der Nekromantie getötet. Sein Grab
eigte man im Gebiet der Latiner, Slcyl, 8.
(• Theophr. li. pl. 5 , 8 , 3. In der Lesche zu
lelphi hatte Polygnot ihn dargestellt, Paus.
10, 29, 4. [Vgl. auch O. I. Gr. add. 6130 b.
R. | [Schultz.]
Elpis ( ’EXnig-, vgl. auch Spes), die Göttin der
Hoffnung, zuerst erwähnt von Hesiodos, Op.
96 ff. , der sie allein im Fasse der Pandora Zu-
rückbleiben läfst; vgl. Babrios 58 und Gött-
ling zu Hes. Op. 94. Soph. Oed.R. 157 nennt sie
XQvaea und Mutter der (fraget (vergl. G. Her-
mann z. d. St.). Nach Theogn. 1146 soll ihr
zuerst und zuletzt geopfert werden, da sie
allein von den Göttern noch unter den Men-
schen weilt; vgl. 1135. Anth. Gr. 9, 146 wird
Altar und Statue der Elpis (und Nemesis) er-
wähnt. Vgl. auch ib. 172; 9, 49 u. 134 {’EXnig
-/t ai Tv%y). Weiteres s. unter Spes. Auch der
Plural ’EXnidig kommt vor: Anth, Gr. 10, 70
( ’E . Tvyyg txaigca) und 7, 420 (’E. sXacpgcä
&sai, novcpÖTaxai Saiyovsg cx&avdzcov). Bild-
lich dargestellt neben 'Nemesis’ auf einer Mar-
morvase in Born (sie hält in der Linken einen
Zweig, mit Daumen und Zeigefinger der Rechten
eine Granatblüte; vgl. Matz-Duhn, Ant. Bildw.
in Rom nr. 3687, wo auch die sonstige Litte-
ratur angegeben ist) und auf einer Ara in Flo-
renz (O. Jahn, Ar cli. Beitr. 150). Vergl. auch
die Allegorie bei Luc. de merc. cond. 42 und
Hägelsbach , Nachh. Theol. 382 ff. [Roscher.]
Elsutre s. Elchsntre.
Elymos ('EXvyog), 1) Eponymos und Stamm-
vater der sicilischen Elymer, welche sich troia-
nischer Herkunft rühmten {Dion. H. 1, 47.
52. 53), unehelicher Sohn des Anchises, welcher
mit Aigestes (Acestes) noch vor Aineias nach
Sicilien kam und sich am Flusse Krimisos
niederliefs (Lyk. 965 ff. u. Schol. u. Dion. H.
a. a. O.). Aineias traf beide Landsleute in
Sicilien an irnd baute ihnen die Städte Aigesta
und Elyma {Dion. H. 1, 52). Strabon 608 be-
richtet dagegen, Aineias sei mit ihm nach Aigesta
gekommen und habe Eryx und Lilybaion be-
setzt. Auch Vergil gedenkt seiner {A. 5, 73.
300) und läfst ihn im Wettlauf siegen (er-
nennt ihn Helymus). Serv. z. Verg. 5, 73 nennt
ihn Gründer dreier Städte (Asca, Entella,
Egesta) und Bruder des Eryx. Vgl. auch Et,
AI. unter ’EXvyaiot . — 2) Heros Eponymos von
Elimia oder Elimeia in Makedonien und Vater
des Aianos, König der Tyrsener, welche nach
Makedonien übersiedelten , Stepli, Byz. unter
Alavfj und ’EXigsia. [Roscher.]
Elysiou {’HXvoiov), das elysische Gefilde,
Hom. Od. 4, 563; s. Hades. [Schultz.]
Ematliion (’Hyu&Lcov), 1) Sohn des Tithonos
und der Eos (s. d.), Bruder des Memnon, König
in Arabien oder Äthiopien, von Herakles getötet,
Hes. Tlieog. 984 u. Schol, Apollod. 2, 5, 11.
3, 12, 4. Diod. 4, 27. Et. AI. ; Gemahl der
Pedasis, Vater des Atymnios, Quint. Smyrn. 3,
300. Vergl. auch C. I. Gr. 5984 c. — 2) ein
Kepbener, auf der Hochzeit des Perseus von
Chromis getötet, Ov. Alet. 5, 105. — 3) ein Ge-
fährte des Aineias, von Liger getötet, Verg.
Aen. 9, 571. — 4) Vater des Rhomos, Dion. H.
1, 72. Flut. Rom. 2. — 5) Sohn der Elektra,
Nonn. 3, 186 u. ö. [Schultz.]
Euiatliios (’Hga&iog) , ein Heros in Make-
donien, Vater des Brusos und Galadros, Stepli.
Byz. s. v. Bgovaig und raXadgcu. [Schultz.]
1243 Emathis
Ematliis (dluaEig) und Emathides, 1) He-
roine , nach der die Stadt Emathia in Make-
donien den Namen erhalten haben sollte, Sky-
mnos 658. — 2) Bakchantin, Nonn. 48, 77. —
3) Plur., die Emathiden, die Töchter des Pie-
ros, des Königs von Makedonien, Ov. Met. 5,
669. [Schultz.]
Ematlios ("HyaQ-og), Sohn des Makedon, Bru-
der des Pieros , nach welchem Emathia be-
nannt sein sollte , Eustath. zu Iiom. p. 980,
32. [Schultz.]
Emblo (?EyßX(6),7CS7ilccotca nagu xo sgßXsnsiv
d>g y <da>Qcb nal As£cö, Hesych. Ist die Lesart
£(ißlinsiv richtig, so wäre etwa an das Scheel-
sehen = Invidia zu denken, welches von einem
Komiker (Kratin? vergl. Js^co) personificiert
wurde. Vielleicht ist daher mit Soping. u.
Hergk, Com. Att. rel. p. 69 ’Egßlsncö zu schrei-
ben. Lobeck, path. serm. gr.pr. 1, 36, 36 denkt
dagegen an sgßdUco. [Steuding.]
Empanda (Paul. p. 76), s. Indigitamenta u.
Panda. [Roscher.]
Empedo ('EynsSut), Name einer Frau auf
einer schwarzfigur. Vase, welche die Erlegung
des Minotauros darstellt. 0. Jahn erinnert
daran, dals so ursprünglich die später Klep-
sydra genannte Quelle auf der Akropolis hiefs
(Schol. Ar. vesp. 857. Lys. 913. Hesych. KlrrpvSQa,
vgl. auch ib. s. v. Jledco, d. li. wohl ’Eynsdcö),
von Lobeck ( Rhemat . p. 323) erklärt: eaperenni-
tate dictus .’ 0. Jahn , Beschreib der Vasens. in
München nr. 333. C. I. Gr. 8139. [Roscher.]
Empusa (Eynovacc), Aristoph. ran. 204. Ek-
kles. 1056. Dem. pr. cor. p. 270 Tbn. Philostr.
v. Apollon. Tyan. 2, 4. 4, 25 p. 165. 8, 7, 9
p. 341. Etym. M. s. v. ’'Egnov6a. Suid. s. v.
Schol. Apollon. Rhod. 3, 862. Lobeck , Aglaoph.
S. 121. Becker, Charikl, 1, 35. Preller, Griech.
Myth. I3, 260. Ein Gespenst aus der unheim-
lichen spukhaften Umgebung der Hekate, das
von dieser geschickt wird, die Menschen zu
schrecken, und das verschiedene Gestalten an-
nehmen konnte. Bei Libanius im Leben des
Aischines wird von dessen Mutter gesagt, man
habe sie Empusa genannt, weil sie Ik gkoxei-
väv t.otuüv x oug naialv Kal xakg yvvcu^lv coq-
gäxo, wie jenes Gespenst; vgl. Dem. a. a. 0.
Ähnlich heilst es im Et. M., dafs die Empusa
von finstern Orten her denen erschienen sei,
die in die Mysterien eingeweiht wurden.
Wenn man einer solchen Erscheinung Schmäh-
worte zurief, verschwand sie mit einem schril-
lenden (zwitschernden) Laut (xsxQiyvia) wie die
Schatten der Toten, Philostr. Ap. Tyan. 2, 4.
Nach Aristoph. a. a. 0. stellte man sich die-
selbe mit einem Fufse von Erz, und einem
von Eselsmist vor, daher der Name ’OvokcoIt]
(Et. M. ’Ovonolr]) oder ovoGKshg (Schol. z. d.
St. d. Ar ist.) • in der zweiten Stelle läfst 4h-
stophanes die Empusa in eine blutgeschwollene
Blase eingehüllt sein. Andre sagen, sie sei
ein Gespenst der Hekate, das den Unglück-
lichen erscheine.
Nach Philostratos , v. Apoll. Tyan. 4, 25
gehört die Empusa zu den Lamien und Mor-
molykeien, welche zwar nicht den Liebesge-
nufs , wohl aber Menschenfleisch lieben, und
ihre Opfer durch Liebreiz an sich locken, in-
Endovellicus 1 244
dem sie ihnen als schöne liebreizende Frauen
erscheinen; und ist wie jene die Ausgeburt
einer abergläubisch erregten Phantasie, die
das Unheimliche und Unbestimmte , Geister-
hafte der Mondnacht mit abenteuerlichem Spuk
ausstattete.
Die Etymologie des Namens ist unsicher,
nach Etym. M. entweder von lgnoöit,m — die
Hemmende, oder dno xov etsqov noSa i<xl-
kovv £%£iv = die Einfüfsige; nach Döderlein
von synevco — sich volltrinken, einschlürfen,
weil sie den Opfern ihr Blut aussaugt. Vergl.
den Vampyrglauben [Tylor, Anf. d. Cultur 2,
192 ff. R.]. [Weizsäcker.]
Enaesimus, Sohn des Hippokoon , von dem
kalydonischen Eber getötet, Ov. Met. 8, 362.
[Schultz.]
Enalos (Evalog). DenPenthiliden, den ersten
Anbauern von Lesbos , war vom Orakel be-
fohlen worden, wenn sie an den Felsen Meso-
geion kämen, dem Poseidon einen Stier, der
Amphitrite und den Nereiden eine Jungfrau
zu opfern. Von den acht Anführern hatten
sieben Töchter; diese liefsen sie losen und
das Los traf die Tochter des Smintheus oder
Phineus , Plut. de soll. an. 36. Als sie ins
Meer gestürzt werden sollte , umschlang sie
ihr Geliebter Enalos und sprang mit ihr hin-
ab. Später soll sich Enalos in Lesbos gezeigt
und erklärt haben, sie seien von Delphinen
unverletzt ans Land getragen worden. Als
einst sich hohe Wogen um Lesbos emportürm-
ten , stieg Enalos aus dem Meer empor und
Polypen folgten ihm zum Tempel des Poseidon;
der gröfste trug einen Stein, welchen Enalos
ihm abnahm und dem Poseidon unter dem
Namen Enalos reichte, Plut. sept. sap. conv. 20.
de soll. an. 36. Athen. 11, 466, c. d. [Schultz]
Enarete (’EvaQsxg), Tochter des Deimackos,
Gemahlin des Aiolos, Apollod. 1, 7, 3; s. Aio-
los. [Schultz.]
Enaroplioros (auch Evagaigpogog, od. ’Evagc-
cpoQog), Sohn des Hippokoon, Apollod. 3, 10, 5.
Als er sich der jungen Helena mit Gewalt be-
mächtigen wollte, übergab Tyndareos diese dem
Theseus, Plut. Thes. 31. Zu Sparta hatte er
ein Heroon, Paus. 3, 15, 2. [Schultz.]
Enarsplxoros s. Enaroplioros.
Eucheios (Ey%Eiog), Name der Aphrodite
bei den Kypriern, Hes. s. v. [Schultz.]
Encheleus (’EyxAsvg uud ’Eyiihqg) , Sohn
des Illyrios, Stammvater der Encheleis, App.
Illyr. 2. Stepli. Byz. s. v. ’Eyxelelg. [Schultz.]
Euchesimargos (’EyxsßtpuQyog), Name einer
Amazone, Tzetz. posth. 180. [Schultz.]
Enclio (’Ey^tö), Name der Semele , Hes.
s. v. [Schultz.]
Endeis (’EvSrjtg) , Tochter des Skeiron, Ge-
mahlin des Aiakos (s. d.) , Mutter des Peleus
und Telamon, der zu Liebe diese ihren Stief-
bruder Phokos töteten, Apoll. 3, 12, 6. Paus.
2, 29, 7. [Schultz.]
Eudovelliciis , ein keltischer Gott auf In-
schriften aus der Gegend von Villaviijosa (öst-
lich von Lissabon), wo derselbe beim Dorfe
Terena ein Heiligtum gehabt zu haben scheint.
Abgesehen von den Weihformeln und Namen
der Dedikatoren bieten C. 1. L. 2, 127 f.,
io
20
30
40
50
60
Endovellicus
1245
Endymion 1246
134f. , 138 (verlängertes L — 11), 141 nur
Endovellico ; 132 Endovelico ; 1291'., 133, 136,
140 Deo (oder D.) Endovellico-, 139 Deo En-
dovolico; 137 Deo sancto Endovellico-, 131 Deo
2 p. 17 führt eine Anzahl älterer Schriften
über denselben auf, von denen jedoch keine
weiteren Aufschlufs bietet. Vgl. Edovius.
[Steuding.]
Endymion, Relief des capitolin. Museums in Rom (nach Braun, 12 antike Basreliefs Taf. 9).
I Endovellico praesentissimi ac praestantissimi
numinis-, 142 Enobolico? — Eine in der Hist,
de l'academie des inscr. etc. de Paris 6, 178 ver-
öffentlichte Inschrift: Herculi Patr(i) Endo-
vellico Tolet(um ) urbs victrix Osca deis tutelar
\(ibus) etc. scheint ihn dem Hercules gleichzu-
setzen ( De-Vit On. s. v.). Mommsen, G. I. L.
Endymion ( ’EvSv/u'cov , i covog m.). Lokalisiert
a) in Elis ( Hesiodos , Peisandros , Akusilaos,
Pherekydes , Nikandros Aet. II und Theopom-
pos d. Epiker bei Schol. Ap. Rh. 4, 57); sein
Grab in Olympia am Stadion, Paus. 5, 1, 4.
6, 20, 6; Bild im Thesauros der Metapontiner
daselbst, Paus. 6, 19, 8. Sohn desAethlios
1 247 Endymion
(Zeus’ oder Aiolos’ Sohn, Paus. 5, 8, 1) und
der Kalyke, Hes. etc. Apoll. 1, 7, 5. Hyg.
f. 271. Paus. 5, 1, 2; nach einigen Sohn des
Zeus, Apollod. Endymion führte die Äoler
aus Thessalien nach Elis, Apollod. ; war König
daselbst, Ibykos Frg. 43 Bergk.; nachdem er-
den Klymenos abgesetzt, Paus. 5, 8, 1. Als
schöner Jüngling von Selene geliebt, Apollod.,
Hygin. , Paus.; hatte von ihr fünfzig Töchter
(die 50 Monde des olympischen Festcyklus nach
Boechh, Explic. Find. 138), Paus. 5, 1, 2; auf
seinen Wunsch gewährte ihm Zeus ewigen
Schlaf mit Unsterblichkeit und Jugend, Apollod.
Vermählt mit einer Najade (oder mit Iphia-
nassa), Vater des Aitolos, Apollod. 1, 7, 6;
vergl. Ephoros bei Strabo 10, 463. Oder ver-
mählt mit Aster odia, oder mit Itonos’ Toch-
ter Chromia, oder mit Arkas’ Tochter Hy-
perippe, Vater des Paion, Epeios, Aito-
los und der Eurykyda, läfst die Söhne um
die Herrschaft Wettlaufen, Epeios siegt, Paus.
5, 1, 3. Arkader keifst er Plutarch Numa 4,
Spartiat bei einem Ungenannten, Schol. Ap.
Bhod. p. 487, 9 Merkel, b) in Karien, bei
Heraklea (nahe Milet) in einer Grotte am
Latmos zeigte man sein Grab, Strabo 14,636.
Aristophanes bei Hesych. EvÖvaiwva Kana;
dort war sein Adyton , Paus. 5 , 1 , 5. Die
Liebe Selenes zu Endymion wird, seit Sapphos
erster Behandlung, an die latmische Grotte ge-
knüpft, nur vereinzelt wird sie in die elischeSage
verwebt. Die Herakleoten suchten die elische
Sage mit der ihrigen zu vereinigen durch die
Wendung , Endymion sei von Elis nach dem
Latmos gegangen, Paus. 5, 1, 5. In der Ge-
gend von Milet war noch ein „Fichtenberg“
(J>Qslq(vv oqos), dessen Eponymos Phtheir
Endymions Sohn gewesen wäre, Schol. II. 2,
868. Belker, Anecd. 1200. Preller 1, 363, 4
(Fichte deutet auf Trauer). — Endymion, der
ewige Schläfer, zugleich der im Todesschlaf
Befangene ( Preller erinnert an die Grabkam-
mern in den klemasiatiscken Felswänden), mit
mannigfaltiger Ätiologie. Von Zeus in den
Hades gestürzt, weil er, in den Himmel auf-
genommen, Hera begehrt hatte (grosse Eöen,
lies. Frg. 160 Kinkel); aus gleicher Ursache
zu ewigem Schlaf verdammt , Epimenides bei
Schol. Ap. Bhod. 4, 57. Schol. Theokr. 3, 49;
Vb. Jatta bezogen auf Endymions Verstofsung
Annali 1878, 41 G. Zeus hatte ihm gewährt,
die Zeit seines Todes selbst bestimmen zu
dürfen, IV airm Aavarov rcqiigg, Hesiod, Pei-
sandros etc. (s. o.). Zu den Göttern erhoben,
erbat er von Zeus ewigen Schlaf, Autor bei
Schol. Apoll. Bh. p. 487 , 7 M. Auf Selenens
Fürsprache gab ihm Zeus einen Wunsch frei,
er wählte ewigen Schlaf mit Unsterblichkeit
und Jugend, Zenob. 3, 76. Apollod. 1, 7, 5. —
Selene (s. d. und vgl. Luna) liebt den schö-
nen Schläfer und beschleicht ihn im Schlaf,
Sappho Frg. 134 Bergk. Theokr. 3, 49. 20,
37. Apollon. Bh. 4, 57. Nie. Aet. I bei Schol.
Apollon. Bh. p. 487 , 2 Merkel. Catull 66, 5.
Prop. El. 3, 15 Ov. epist. her. 18, 63. De
art. am. 3, 83. Trist. 2, 299. Am. 1, 13, 43.
Seneca Hippolyt, act. 1. Lucian. dial. deor. 11.
Quint. Smyrn. 10, 128. 455. Nonn. Dionys.
Eneugamos 1248
7, 238. 13, 554. 48, 668. Selene verleiht ihm
Schlaf, um ihn verstohlen küssen zu können,
Cic. Tusc. 1, 92. Bei Endymion schwört Em-
pedokles als Mondbewohner in Luc. Ikarom.
13. ln Umkehrung des ursprünglichen Ver-
hältnisses liebt Endymion die Selene , wird
anfangs verschmäht; da er aber die weifsesten
Schafe trieb, so wendete sie sich ihm zu, Serv.
Georg. 3, 391 und die lat. Mythographen s. u.
— Die Bildwerke (Endymion von Selene be-
lauscht) gehen auf Gemälde zurück, Bobert,
Bull. 1875, 72. Es sind Wandgemälde, Re-
liefs (wie das schöne S. 1245/6 abgebildete)
und speciell Sarkophagreliefs, O. Jahn, Ar-
chäol. Beitr. 51 ff. Helbig , Wandgem. p. 187.
457. Arch. Zeit. 1862,267. 1874,68. 1875,
79. 1878, 54. 1880, 148. Annali 1849, 409.
1860,364. 1869,30. 1881,93. Bull. 1858, 146.
1867, 238. 1868, 103. 1873, 238. — Hypnos
liebt den Endymion , läfst ihn mit offenen
Augen schlafen, um sie zu sehen, Likymnios
v. Chios ( Bergk P. L. G. 3, 1250) bei Ath. 13,
564 c. Diogenian 4, 60. Nonn. Dion. 48, 637.
Helbig, Wandgem. nr. 957. 960 u. a. Bobert ,
Bild und Lied p. 50. Der ewige Schlaf des
Endymion war sprichwörtlich, vergl. Platon
Phaed. 72 c. Aristot. eth. Nicorn. 10, 8. Schol.
Apoll. Bhod. p. 487, 21 Merkel. Zenob. 3, 76.
Diogenian 4 , 60. Suidas s. v. ’EvSvyiavog
vnvov Kcc&svdsig. Endymion als einer der
Götterlieblinge, welche die menschliche Ge-
sellschaft verliefsen, Plut. Numa 4. Endymion
meist als Jäger, Schol. Theocr. 3, 49. Lucian.
Her acl. de incred. 38; die meisten Monumente;
als Hirt, Theokr. 20, 37. Serv. Georg. 3, 391.
Quint. Smyrn. Nonn. Lat. Mythographen (s. u.).
Annali 1877,214. — Rationalistische u. a. Deu-
tungen. a ) Die Liehe der Mondgöttin zum
Hirten bedeute die Förderung des Wachstums
der Kräuter durch den von den Monddünsten
erzeugten Nachttau. b) Endymion war Jagd-
liebhaber, jagte nachts mit Selene (bei Mond-
schein) , schlief tags , ward daher für immer
schlafend gehalten, c) Endymion war erster
Meteorolog und studierte nachts die Verän-
derungen des Mondes, darum heilst es, er
habe Selene geliebt (er habe 30 Jahre mit
ihr geschlafen, nach der Dauer seiner Studien).
Mnaseas Europa I ( Müller , Frg. 1; auch bei
Schol. Apollon. Bhod, p. 487 , 2 einzusetzen?).
Germanicus Arat. Phaen. p. 196 cd, Basil.
Fulgentius Myth. 2, 19. Bodes Mythogr. 1,
229 nebst p. 198. Bl in. 2, 43. Schol, Apollon.
Bliod. p. 487, 10 ff. Wegen Endymions Mond-
studien wurden die Arkader ngoaslgvoi ge-
nannt, ib. zu 4, 264. Vgl. aoepbg ’Evd. Nonn.
41, 379. [v. Syhel.J
Eueubulos (’Evsvßovko g) , eines der vier
doppelnaturigen Wesen, welche zur Zeit de3
Chaldäerkönigs Daos aus dem Meere (als Vor-
boten der Sintflut?) emporstiegen. Abyden. bei
Sync. p. 38 d in Müller, fr. h. gr. 4, 280 und
bei Euseb. Arm. p. 22 ebenda (Enebulus).
Scaliger schlägt vor ’Evdßovlog zu lesen. Die
drei übrigen .werden von Abyden. a. a. O.
Evsdcoxog (Iotagus Euseb. a. a. 0.), ’Evsvya-
f log und ’Avrgisvrog genannt. [Steuding.]
Eueugainos (’Evevyayog), s. Eneubulos.
io
20
30
40
50
60
1249 Engyeus
Engyens (Eyyvev g), einer der Heerführer
des Rhadamanthys, dem dieser die Insel Kyr-
nos übergab, Diod. 5, 79. [Schultz.]
Enhydria (’EvvSqicc) , C. I. Gr. 5968, ’Ew-
Sqi'cc II. IlaniQiog . . . dvi&rjv.tv : nach Böcleh
Personifikation der bibundantia aquarum’ (man
würde dann eher Evvöqlcc erwarten); nach
E. Curtius, 'griech. Quell- und Brunneninschrif-
ten ’ in den Abli. der Göttinger Ges. der Wis-
senschaften 8 S. 179 als Name der Quellnymphe
zu betrachten, vgl. Soph. Phil. 1454: Nvgqxxi
t’ tvvdQOi IsiyatvidSsg. [Crusius.]
Eniantos (’Eviav zog), die Personifikation des
Jahres, Orph. hymn. prooem. 18. Nach Athen.
198 a wurde dasselbe als grofser Mann mit
dem Horn der Amaltheia dargestellt. [Yergl.
Annus b. Ov. Met. 2, 25. Müller, Handb. d.
Arcli. 399, 3. R.'J [Steuding.]
Enie (enie), wahrscheinlich etruskisierte
Namensform der Göttin Enyo ( ’Evvco ), dar-
gestellt als eine der Gorgoniden, neben Pem-
phetru (pemqpetru) d. i. ns(g)q>Qr]dc6 und
Pherse (qperse) d. i. Perseus, beschützt von
Menarva (menarva) , auf einem palästriner
Spiegel im Besitze des Hm. Martinetti; siehe
Helbig, Bullet. 1873, 8. Kekule, Annal. 1873,
126 ff. Mon. vol. 8, tav. LVI, n. 2. Fabr. Tzo.
Suppl. 393. Unsicher ist die Lesung Enie
auf dem Spiegel Gerhard, tav. CCX1II, wo der
Name eine schmückende Göttin bezeichnet
(andre lesen Epie, s. d.). [Deecke.]
Eniopeus (’Hvionsvg) , Sohn des Thebaios,
Wagenlenker desHektor, vonDiomedes getötet,
Hom. II. 8, 120. Hes. s. v. [Schultz.]
Euipeus (’Evntsvg), Flufsgott in Thessalien,
zu dem Tyro, die Tochter des Salmoneus und
der Alkidike Liebe fafste. Poseidon nahm die
Gestalt des Enipeus an und zeugte mit Tyro
die Zwillinge Pelias und Neleus, Od. 11, 238.
Apollod. 1,9, 8. Nonn. 1, 124 ö. Luk. d. mar.
13. Bei Ov. Met. 6, 116 zeugt Poseidon in
Enipeus’ Gestalt mit Iphimedeia den Otos und
Epliialtes. — 2) Flufsgott in Elis, wo ebenfalls
die Sage von Tyro lokalisiert war, Strab. 356.
[Betreffs der Etymologie s. Boscher im Progr.
v. Meifsen 1879 S. 54. R.]. [Schultz.]
Enkelados s. Giganten.
Ennomos (Evvogog) , 1) ein Troianer , von
Odysseus erlegt, Hom. Od. 11, 422 (= Euno-
mos, Schot. Lyk. 50. Tzetz. Hist. 2, 456). —
2) ein mysischer Vogelschauer, Bundesgenosse
der Troianer, von Achill erlegt, Hom. II. 2,
858. 17, 218. [Schultz.]
I Ennosidas s. Poseidon.
Ennosigaios s. Poseidon.
Euodia s. Artemis u. Hekate.
iEuops QHvoxp), ein Rinderhirt, der mit einer
Nymphe den Satnios am Satnioeis zeugte,
■ Hom. II. 14, 445. [Schultz.]
Enorches (’EvoQxgg) , 1) Sohn des Thyestes
und seiner Schwester Daito, aus einem Ei ge-
boren. Er erbaute dem Dionysos einen Tem-
pel, daher der Gott auch nach ihm benannt
wurde, Tzetz. Lyk. 212. Auf seine Geburt be-
■j zog Braun ein Vasengemälde, Annali d. Inst.
1850 p. 214ff. ; vergl. Bull. 1851 p. 94. — 2)
i Beiname des Dionysos in Samos, Hes. s. v.;
angeblich nach den Tänzen bei seinen Myste-
4 Roscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
Enyalios 1250
rien so benannt, Tzetz. a. a. 0.; wahrschein-
lich ist der Beiname vielmehr szil zgg rjßqg
zu erklären. Welcher, Griech. Mythol. 2, p. 622.
Enosiehthon s. Poseidon. [Schultz. |
Entelides (’Evz tlidgg), Sohn des Herakles
und der Thespiade Menippis, Apollod. 2, 7, 8.
[Schultz.]
Entellus, ein Troer (nach Hygin. bei Sero.)
oder sicilischer Heros, nach dem die Stadt
Entella in Sicilien benannt war, Verg. Aen. 5,
389 mit Serv. z. d. St. , nach Tzetz. Lyk. 953
war jedoch die Stadt nach der Gemahlin des
Aigestes Entella benannt. [Schultz.]
Enthenis (’Hv&yvig), wird Apollod. 3, 15, 8
statt Antheis (s. d.) unter den Töchtern des
Hyakinthos (Antheis, Aigleis, Lusia, Orthaia)
genannt, welche zu Athen für das Vaterland
geopfert wurden. Aber der Name ist zu strei-
chen; er ist durch Korruption des Namens
Antheis in den Text gekommen. [Stoll.]
Entoria (’Evzcogia), die Tochter eines Land-
manns , der den Kronos bei sich bewirtete.
Mit ihr zeugte dieser den Ianus, Hymnos,
Faustus und Felix und lehrte ihren Vater den
Anbau und die Bereitung des Weines mit dem
Aufträge, auch die Nachbarn damit zu bewir-
ten. Da diese infolge dessen in ungewöhnlich
tiefen Schlaf verfielen, hielten sie sich für ver-
giftet und steinigten den Landmann (im Texte
steht Ikarios); aus Betrübnis darüber erhingen
sich seine Enkel. Als später bei den Römern
eine Seuche ausbrach, verhiefs das Delphische
Orakel , dafs diese aufhören werde , wenn
man den Zorn des Kronos sühne. Daher
gründete Lutatius Catulus das Heiligtum des
Saturnus in der Nähe des tarpejischen Felsens,
sowie einen Altar mit vier Gesichtern und be-
nannte den Monat Januar nach Ianus. Kronos
aber versetzte alle unter die Gestirne unter
dem Namen nQozQvygzrjgsg, Plut. parall. Gr.
et B. h. 9. Vgl. Arat. 137. [Schultz.]
Enudos (’ Evovöog ), Sohn des Ankaios und
der Samia, der Tochter des Maiandros, Paus.
7, 4, 2. [Schultz.]
Enyalios (’Ewahog, abgeleitet v. ’Ewcö),
der Kriegerische, der von Enyo beseelte. 1)
In der Ilias (in der Odyssee kommt das Wort
nicht vor) entweder einfach als Name des
Ares gebraucht, II. 2, 651. 13, 519. 18, 309,
oder als Beiwort desselben, II. 17, 211. So
auch bei den folgenden Dichtern, Hes. Scut.
371. Apoll. Bh. 3, 322. 560. 1366. Find. Ol.
13, 106. Nem. 9, 37. Meleagr. Epigr. 115.
Leonid. Ep. 47. Ebenso im Kultus und sonst,
Paus. 3, 14,9. 3,15, 5. 5,18, 1. Plut. Quaest.
Gr. 111. Solon. 9. Thule. 4, 67. S. Ares. Im
attischen Ephebeneid bei Poll. 8, 106 ist zu
lesen: "Aygavlog, ’Evvdhog 'Ag-gg, 7,svg u. s. w.
Ein Priester des Ares Enyalios in e. attischen In-
schrift bei Bofs, Archäol. Zeitg. 1844 S. 247.
Vergl. die Inschrift von Hermione C. I. 1221.
Die Stellen Soph. Ai. 179 u. Arist. Pac. 457
beweisen nichts für die Differenz von Ares
und Enyalios , obgleich die Scholien sie an-
nehmen. In später Zeit wurde Enyalios als
besondere Person hingestellt und zum Sohne
des Ares und der Enyo, oder des Kronos und
der Rhea gemacht, Schot. Aristoph. Pac. 457.
40
io
20
30
40
50
60
1251 Enyeus
Schol. II. 17, 211. j Eustath. Horn. p. 944, 55.
Dionys. Hai. 3, 48. Hesych. s. y. Von AlJeman
heilst es, dafs er beide bald getrennt, bald als
gleich angenommen habe, Schol. Arist. a. a. 0.
Ein Mythus leitet den Namen von einem Thra-
ker Enyalios her, der nur die bei sich auf-
nahm, welche ihn im Kampfe besiegten, und
von Ares erschlagen ward, Eustath. p. 673, 50.
Preller, Gr. Mythol. 1. S. 265. Laiier, System
der griecli. Mythol. S. 246. Gerhard, Griech.
Mythol. § 347, 1—3. Lobeck u. Sclmeidewin
zu Soph. Ai. 179. Schneidewin, Phil. 4, 455.
G. Wolff b. Gerhard, Denkm. u. Forsch. 1857
S. 104. Keil, Pliilol. 23, 219. — 2) Beiname
des Dionysos, Macroh. Sat. 1, 19, des Zeus,
Joseph. 1,4; ’Evvulirj, Epitheton der Amazone
Penthesileia , der Tochter des Ares , Quint.
Smyrn. 1, 402. — 3) Sohn des Poseidon und
der Libye, Bruder des Agenor und Belos, Io-
ann. Antioch. fr. 6, 15 bei Müller, fr. hist. gr.
4 p. 544. fStoll.]
Enyeus ( ’Evvsvg ), 1) Sohn des Dionysos und
der Ariadne, König auf Skyros, das Achill er-
oberte, Horn. II. 9, 668 mit Schol.-, Unterfeld-
herr des Rhadamanthys , Diod. 5, 79. — 2)
ein Troianer, Qu. Smyrn. 1, 530. — 3) Vater
der Homoloia, Suid. s. v. bgolco'Cog. [Schultz.]
Enyo ( ’Evvco ), 1) die mordende, städtever-
wüstende Kriegsgöttin, II. 5, 592, gewöhnlich
in der Umgebung des Ares (s. d.), dessen Mut-
ter (Schol. II. 5, 333) oder Tochter oder Amme
sie von Jüngeren genannt wird, Cornut. 21.
Bei Quint. Smyrn. 8, 425 heilst sie Schwester
des Kriegs (nolsyog). Als Walterin des Kriegs
wird sie II. 5, 333 neben Athene genannt, wo-
rauf Paus. 4, 30, 3 zurückgeht. Ygl. Quint.
Smyrn. 2, 525. Von den Dichtern wird ihr
Name oft wie der des Ares einfach zur Be-
zeichnung des Krieges verwendet. Sie freut
sich der mit Blut auf dem Schlachtfeld ge-
tränkten Erde ( Philostr . Im. 2, 29); mit Dei-
mos und Phobos und andern schrecklichen
Wesen des Streits und des Unheils treibt sie
sich schweifsbedeckt, triefend von Blut, unter
den Kämpfenden umher, Quint. Smyrn. 5, 29.
8, 286. In Athen hatten die Söhne des Praxi-
teles ihre Statue gemacht für dep Tempel des
Ares, Paus. 1, 8, 5. In einer attischen In-
schrift (Bofs, Archäol. Zeitg. 1844 S. 247) wird
ein Archon Titus Coponius Maximus Priester
des Ares Enyalios und der Enyo und des Zeus
Geleon genannt. Der Göttin von Komana
(Anai'tis oder Ma) wird von den Griechen der
Name Enyo erteilt, Strah. 12, 535. Bei den
Römernist die der Enyo -entsprechende Göttin
Bellona (s. d.), welche asiatischen Einflufs ver-
rät. Darstellungen der Enyo oder Bellona
auf Münzen der Bruttier und Mamertiner, Mül-
ler , Handb. d. Archäol. § 406, 2. Panofka,
Archäol. Zeitg. 6 S. 100*. Der Name Enyo,
griech. Ursprungs, wird von den alten Gram-
matikern hergeleitet von svavco (Geschrei der
Kämpfenden), oder von sviryu (&vp6v jtai kI-
v.f\v ), oder s'vco == cpovsvco, oder svvco — sg-
cpovtvco. Et. M. p. 345, 51. Et. Gud. p. 66,
54. Cramer, Anecd. T. II p. 434. Cornut. 21.
loann. Diac. p. 462. Schol. II. 5, 333. Suid.
s. v. Ewa. Nach Buttmann, Lexilog. 1, 271 von
Eos (Allgemeines) 1252
i'vco, ivucö (wovon tvoatg). Pott, Etym. Forsch.
schwankt zwischen avco und avvco. Vgl. auch
Welcher, Gr. Gotterl. 1 S. 706, der die von
0. Müller, Orchom. S. 233 eruierte Enyo der
Homoloi'en zu Theben und Orchomenos, die
Enyo Homoloia oder Homolois zurückweist;
doch siehe Tümpel, Ares u. Aphrodite S. 705.
Gerhard, Griech. Myth. § 604. Tiesler, de Bel-
lona Berl. 1842. — 2) Eine der Graien (s. d.),
lies. Theog. 273. Apollod. 2, 4, 2. Preller, Gr.
Myth. 2 S. 63. Schümann, Opusc. Ac. 2 p. 211
leitet den Namen von vor ab und übersetzt
Inundona. [Stoll.]
Eone ( ’Hcovr; ), Tochter des Thespios (s. d.).
[Schultz.]
Eordos (’Eoqöö g) , Eponym von Eordeia,
Steph. Byz. s. v. [Schultz.]
Eos (’Hä g). Eos, ryoig, äol. avoog, att. folg,
die Morgenröte , ist sprachlich und sachlich
identisch mit der indischen ushäs und der
lateinischen aurora, von der Wurzel us bren-
nen, leuchten, indem eine gräko-italische Form
ausos vorauszusetzen ist, aus der die griechi-
schen Formen durch Ausstofsung, die latei-
nische durch Rhotacismus des s entstanden
sind, s. G. Curtius, Etym.6 S. 400.
Übersicht. Wie die Inder sie in den vedi-
schen Liedern mit tiefer poetischer Kraft und
in den zartesten Bildern besangen (vgl. Schrä-
der, die älteste Zeiteinteilung des indogermani-
schen Volks 1878 S. 47), da sie in dem täg-
lichen Erscheinen der Morgenröte die Quelle
und das Symbol alles Lebens erblickten (vgl.
M. Müller, Sprachiviss. Vorles. v. Böttger 2 530),
so nahm sie sicher auch im ältesten Glauben
der Griechen eine sehr bedeutende Stellung
ein. Denn für ein mehr im Freien und mit
der Natur lebendes Volk ist die Morgenröte
mit den daran sich knüpfenden Erscheinungen
von tief einschneidender Bedeutung, insbeson-
dere aber macht sie auch am südlichen Him-
mel durch die Pracht und weite Verbreitung
ihrer Erscheinung einen nachhaltigeren Ein-
druck auf den Menschen, als in nördlichen
Ländern; vgl. Welcher, Griech. Götterl. 1, 682.
So erklärt es sich, dafs noch in der Hesiodi-
sehen Theogonie Eos als Schwester den grofsen
Lichtern des Tages und der Nacht, Helios und
Selene, an die Seite gestellt ist. Ein Abglanz
der dankbaren Verehrung, mit der die frühe-
ren Menschengeschlechter zu dem täglich neuen
Wunder emporblickten , das die Bedingung
alles Daseins zu enthalten schien , tritt uns
noch bei Homer entgegen, wenn er bei jedem
neuen Tag der goldthronenden, rosenfingrigen
Göttin gedenkt, wie sie mit prächtigem Ge-
spann am Himmel emporsteigt, Göttern und
Menschen das Licht zu bringen. Wohl kennt
er schon die Mythen von ihrem Gemahl
Tithonos und ihrem Sohn Memnon, von ihren
Lieblingen Orion und Kleitos, aber er berührt
sie nur und viel mehr fesselt ihn ihre liebliche
und grofsartige Ercheinung, die in Beiwörtern
und bezeichnenden Wendungen (mehr als hun-
dertmal) zu feiern er nicht müde wird. Nach-
dem jedoch von Hesiod, in den homerischen
Hymnen und von den Tragikern die auf Eos
bezüglichen Mythen weiter ausgebildet worden
1253 Eos (als Naturerscheinung)
waren, tritt das Interesse für die Göttin in
den Hintergrund, was damit zusammenhängt,
dafs sich von einem Kultus bei ihr fast keine
Spur findet, Ovid. Met. 13, 588 rarissima tem-
piaper orbem. Nur in den Sela dien z. Soph. Oed.
C. 100 wird sie unter den Gottheiten aufge-
führt, welchen in Athen vycpccXioc , Trankopfer
ohne Wein, dargebracht wurden. Nirgends
aber wird eine Anrufung der Eos erwähnt.
Die gelehrte Dichtung der Alexandriner, wel-
cher die römischen Dichter folgen , und die
späten Nachahmer Homers, wie Quintus Smyr-
näus, greifen neben gelegentlichen Anspielun-
gen auf das Mythologische wohl mit Vorliebe
auf die homerischen Wendungen zur Bezeich-
nung des Tagesanbruchs zurück und schmücken
diese weiter aus, ohne sich jedoch über leere
Formeln zu erheben. Dem entsprechend zeigt
auch die Kunst der Blütezeit eine häufige und
selbständige Behandlung der Eos, sowohl ihrer
Einzelgestalt als ihrer Mythen, während sie
in der späteren Zeit zurücktritt oder nur zur
Dekoration dient. Im ganzen aber werden,
einzelne Weiterbildungen in den Mythen und
die Ausdehnung der Eos auf den ganzen Tag
abgerechnet, die homerischen Anschauungen
auch in der späteren Zeit beibehalten. Die
Vorstellungen von der griechischen Eos sind
sodann von den lateinischen Dichtern ganz auf
die römische Aurora übertragen worden, welche
bei den Römern keine Gottheit war. Deshalb
können die Nachrichten der Griechen und
Römer über die Anschauungen von Eos zu-
sammengenommen werden.
I. Eos als Naturerscheinung.
Nicht blofs in den Mythen, wenn sie sich
vom Lager des Tithonos erhebt oder den schö-
nen Keplialos raubt, war sie dem Griechen die
persönliche Göttin, sondern ursprünglich
auch in der täglichen Naturerscheinung; denn
sie bringt nicht blofs die Morgenröte, sondern
sie offenbart in derselben ihr Wesen und ist
sie selbst. Dadurch aber , dafs der Grieche
für die Göttin und für die Naturerscheinung
des Tagesanbruchs immer nur dasselbe Wort
hatte, ist durch den Gebrauch des täglichen
Lebens das farbenprächtige Bild, das im Worte
pcog liegt, abgeblafst und zur blofsen Zeitbe-
zeichnung geworden. Zwischen diesen beiden
Endpunkten der vollständig durchgeführten
und der scheinbar ganz aufgegebenen Personi-
fikation bewegen sich, oft nach beiden Seiten
hin schillernd und deshalb schwer greifbar,
die homerischen Wendungen. Vülclcer hat in
seiner Homerischen Geographie S. 27 — 32 den
Versuch gemacht, dieselben in mehrere Kate-
gorieen zu zerlegen , indem er z. B. an den
Stellen, wo ihr Aufgang durch cpaivsc&ca aus-
gedrückt ist, dem Wort ywg die Bedeutung
der Morgenröte, nicht der Göttin, beilegt.
Wenn aber dann noch Epitheta hinzukommen,
die unzweifelhaft die Göttin bezeichnen, wie
in dem Vers: rgiog ö’ r)giyiveLcc cpdvrj goSoSav-
xvXog ’Hug, so läfst sich jene Bedeutung nicht
mehr festhalten. Aber auch den Stellen, wo
ein solches Epitheton zufällig fehlt, wie & 12
Eos (als Naturerscheinung) 1254
(ovdi (uv rjcog epeavogivg Xyd-scvev vne'tg aXa
x’ rfiovctg x ?), wird man darum nicht weniger
einen persönlichen Sinn beilegen wollen. Das
Durcheinanderspielen der homerischen Bezeich-
nungen zeigt sich z. B. in Wendungen wie
T 1 ’Hcag yiv xgovönenXog ivCSvccxo näaav
in’ oclocv. was hier der Eos durch vgovonenXog
an persönlicher Bestimmtheit gegeben wird,
wird ihr durch ivid'vctxo, das nur der Natur-
erscheinung zukommt, wieder genommen; oder
wenn Homer, wo es sich blofs um eine Zeit-
bestimmung handelt, statt „den Morgen er-
warten“ sagt: ipeivafisv ’Hco Sfocv , iv&govov
’Hä diccv, so wird daraus wiederum die Per-
sonifikation. So dürfen wir also in der er-
scheinenden Morgenröte überall zugleich die
Göttin selbst sehen.
Die Zeit ihrer Erscheinung ist die
Morgenfrühe, weshalb sie bei Homer r\gi-
yivsi.ee heilst (an 26 Stellen, s. Völclcer a. 0.
S. 32), schon % 197 ip 347 ohne ’Hoig, und von
Hesiod. Theog. 381 als ihr Eigenname gebraucht,
die Frühgeborene, nach Curtius, Htym .I. * * * 5 400
vom gleichen Stamm gog , wie rycog selbst.
Auch die homerischen Hymnen gebrauchen es
(3, 184; 4, 226), dann erst wieder Quint. Sm.
2, 186. 592; und immer nur von Eos. Apoll.
Arg. 3, 1223 sagt ggiysvgg. A. P. 5 , 228
’HgmoXg. Mit bestimmterer Personifikation,
als in icpuvg liegt, sagt Homer agvvxo, sie er-
hebt sich, um Göttern und Menschen das Licht
zu bringen (T 2; s 2), so auch Hes. Theog.
372; Hymn. Horn. 3, 184; daher cpccsaigßgoxog
(Sl 785) und cpwGqiogog (. Eur . Ion 1157). In-
dem sie am Himmel emporsteigt, ovgavov sio-
ocvceßaivsi ( Mimnerm . fr gm. 12. Quint. Smyrn.
7, 253, wofür dieser auch ovgavov avyisv,
ngoGsßg, SLGavögovGS 2, 189; 6, 1; 14, 2 sagt),
wirft sie ihre ersten Strahlen auf den Olymp,
um den Göttern das Licht anzusagen (B 48),
wonach Apollon. Arg. 4, 385 ocv.gov sßaXXsv
ovgavov. Rasch verbreitet sich, besonders am
südlichen Himmel (s. Welcher, Griech. Götterl.
1, 682) die Morgenröte über Meer und Land
( iviSvaxo näoav in ’ aiav & 1, vntlg aXa W 226;
darnach Quint. Smyrn. 6, 2 navx.y) , wie in
den vedischen Liedern: „sie dehnt sich aus
weit und breit; dem All zugewandt, weit aus-
gedehnt erstrahlt sie“ ( Rigveda übers, v. Lud-
wig 7, 5; 17, 2; 8, 4; 13, 3). Daher kommt
die sprichwörtliche Redensart ogov x’ inividvcc-
xai yag ( H 451) und bei Theokrit. 16, 6 o-
noaoi vcclovglv vn’ ’Hä, sowie das Beiwort
ivyßolog bei Tryphiodoros 210. Deshalb sieht
sie auch alles wie Helios, Callim. hymn. Dian.
249. So bringt sie den Tag zu stände ryuxg
xiXsGS s 390. i 76. Erst Quint. Smyrn. sagt
von ihr: sie erwachte, i'ygsxo, als ihre Stunde
gekommen war 4, 75. 9, 1. Die Späteren las-
sen sie auch auf der Grenze zwischen Tag und
Nacht Wache halten (Ovid. Met. 7, 706. 13,
592) und dann die Nacht vertreiben und in
die Unterwelt schicken, Orph. hymn. 77, 5;
Ovid. Her. 17, 111. Quint. Smyrn. 12, 117.
Von den Naturerscheinungen, die siö
begleiten, ist zuerst zu nennen der Morgen-
stern, der ihr vorausgeht, der ’Ecogcpogog „nach
welchem sich Eos über das Meer verbreitet“
40*
io
20
30
40
50
60
1255 Eos (als Naturerscheinung)
W 226; Ovid. Her. 17, 112 praevius Aurorae
Lucifer. Dieser ruft sie Met. 11, 296. Weil
sie selbst dem Helios vorangeht, wird sie im
Orph. hymn. 77, 3 „die Botin Titans“ genannt
und von ihr gesagt, dafs sie den Sonnenwagen
herbeirufe, Ovid. Met. 4, 630. Homer dagegen
spricht sich über das Verhältnis der Eos zu
Helios gar nicht aus , obwohl er öfter beide
zusammen nennt und ihnen den gleichen Auf-
gangsort zuschreibt. Eine ziemliche Spanne io
Zeit ist zwischen dem Erscheinen der Eos
H 381 und dem Aufgang des Helios v. 421 zu
denken, da eine Reihe von Ereignissen zwi-
schen beiden liegen. Ebenso zwischen hymn.
in Cer er. 51 und v. 88. Ja nach einer home-
rischen Stelle scheint es, als ob Eos den gan-
zen Morgen bis Mittag bedeute, wie auch die
Scholien z. d. St. bemerken, 0 66 ’öcpga yhv
fjcog pv ncd ccs^aro isqov gyag, verglichen mit
v. 68: ryiog d’ fphog f leoov ovgavov ayquße- 20
ßyxei. Aber erst die Späteren lassen Eos eben-
so wie Helios die Himmelsbahn bis über die
Mitte (Verg. Aen. 6, 555), oder ganz zurück-
legen ( Asklepiades Schol. II. Z 155. Val. Fl.
Arg. 1, 283) und am Abendhimmel untergehen
{Musaeus 110: xcczrj'Csv sg dvaiv ’Hcög ; Try-
phiod. 210), weshalb sie bei Quint. Sm. 5, 593
bis zum Einbruch der Nacht beschäftigt ist
und dann im Okeanos untertaucht (ib. 1, 826.
4, 62). Hieraus erklärt es sich, dafs Eos auch 30
für den Tag genommen wurde (JBion 6, 18.
Quint. Sm. 1, 119. Schol. II. 0 66), nicht aber
von Homer; vgl. Völcker S. 28 f. Zuerst Euri-
pides ( Troad. 847), dann Tansanias 1, 3, 1 und
die Scholien z. Pindar Ol. 2, 148. Nem. 6, 85.
Schol. II. r 151 nennen sie auch in ihrer mytho-
logischen Beziehung zu Tithonos u. Kephalos
geradezu Hemera, während XsvuöncoXog fpisga
Aesch. Pers. 386. Soph. Ai. 672, wo vom
Tagesanbruch die Rede ist, als dichterische 40
Vertauschung für Eos gelten kann. Zu den
Naturerscheinungen, welche das Eintreten der
Morgenröte begleiten, gehören sodann auch
die frischen Morgenwinde, welche die
Nahende zu begrüfsen scheinen. Schon die
Alten haben im Sonnenaufgang die Ursache
ihres Entstehens erkannt, Aristot. Meteor. 2, 5.
Theophr. de vent. 15. Wenn sie auch erst von
Apollonias Arg. 1, 519. 4, 885 als poetisches
Motiv bei der Beschreibung des Erscheinens so
der Morgenröte verwendet wurden, so liegt doch
jener Kausalzusammenhang schon in der hesio-
dischen Genealogie Theog. 378 ausgesprochen,
nach welcher Eos mit Astraios, dem gestirn-
ten Nachthimmel, den Zephyros, Boreas und
Notos erzeugte; vgl. Apollod. 1, 2, 4. Hyg.
ed. Bunte p. 30. Quint. Smyrn. 2, 549. Nach
Hesiod und Apollodor a. a. 0. gebar sie dem
Astraios nach den Winden auch den Morgen-
stern und die Gestirne, die auch auf Bildwer- 60
ken den Aufgang des Helios und der Eos be-
gleiten (s. unt. S. 1277 und die Vase Blacas
unter Helios). Endlich ist es der beim Er-
scheinen der Morgenröte frisch erglänzende
Tau , der deshalb als ihre Gabe angesehen
wurde. Es lachen die Wiesen, singt Meleagros
A. P. 9, 363: nivovtsg ds^Lcpvzov dgocov ’Hovg.
Auf einem Vasenbild der besten Zeit schwebt
Eos (als Naturerscheinung) 1256
die beflügelte Eos ( AOS ) mit sternenbesätem
Gewand durch die Luft, in beiden Händen
grofse Krüge (mit Tau) tragend, von welchen
sie einen ausgiefst, Millingen , TJned. mon. pl. 6
(s. d. Abbildg. S. 1257/8). Ebenfalls aus der
griechischen Kunst stammt die anmutige Gruppe
der von der Taugöttin getragenen Morgenröte,
wodurch der von der ersteren ausgegossene
Tau als Gabe der Eos .erscheint, auf dem Pan-
zer des Augustus von Porta Prima {Mon. d.
Inst. 6. 7. T. 84. 0. Jahn, Popul. Aufs. 288),
und in mannigfacher Variation auf römischen
und campanischen Wandgemälden. Deshalb
heifst Aurora bei lateinischen Dichtem roscida
{Sil. Ital. 1, 576. Ps-Ovid. Cons. ad Liv. 292),
und Ovid {Met. 13, 621) führt mit poetischer
Wendung den Morgentau der Erde auf die
Thränen zurück, die Eos um ihren Sohn Mem-
non weint.
D er Ort, von dem aus die frühgeborene Eos
sich jeden Morgen erhebt, ist nach dem home-
rischen Glauben der Okeanos, vgl. T 1: ’Hwg
ysv v.QO%onsnXog an Jlnsavoüo qoixcov ojqvvtO',
am Okeanos hält Athene die Eos zurück, um
den Anbruch des Tages zu verzögern 244.
Ebenso hymn. Hom. 3, 185. 4, 227, wo nag’
Pnsavoio gorjg erklärt wird durch snl nsigad
yaege, die Grenzen der Erde, vgl. Apollon. Arg.
I, 1281. Quint. Sm. 9, 2. Denn dies ist in
jenem Ausdruck mit Okeanos gemeint: die
äufserste Ferne, worunter der äufserste Osten
zu verstehen ist, in welchem sich auch Helios
erhebt, weshalb goig auch den Osten als Him-
melsgegend bedeutet, s. Völcker S. 42. Vom
Okeanos erhebt sich Eos auch bei Mimnerm.
fr. 12 und bei den Späteren, Theoikr. 2, 148.
Verg. Aen. 4, 129. Quint. Smyrn. 5, 395. 6, 1.
II, 330, sowie auf Vasenbildern, Gerhard, Lichtg.
3, 1; ders. Auserl. Vas. 2, 80. Denselben Sinn
wie der Okeanos hat es, wenn das Land der
Äthiopen als der Aufenthalt der Eos genannt
wird, Eurip. fr. 771. Scrv. ad Aen. 1, 489;
denn auch sie wohnen im äufsersten Osten,
Völcker a. a. 0. 87. Viele Schwierigkeit für
die Erklärung macht dagegen Odyss. y 1 f.,
nach welcher Stelle Odysseus auf der Rückkehr
vom Hades im äufsersten Westen an die Insel
Aiaia gelangt, „wo der frühgeborenen Eos
Wohnung und Tanzplätze sind und der Auf-
gang des Helios“. Die Erklärung von Schwenck,
Philol. 15, 577, Homer nehme eine Insel fern
am Ende der Welt an, wo Helios und Eos,
nachdem sie den Himmel durchwandert, nachts
ruhen, ist allerdings nicht zulässig, da Eos,
wie wir gesehen , bei Homer noch nicht die
ganze Himmelsbahn durchläuft. Dagegen ist
wohl an die Neigung der Griechen zu erin-
ern, die Dinge im Osten und Westen sich ent-
sprechend zu denken, hier wie dort, wo die
Sonne am nächsten zu sein scheint, ein Sonnen-
land mit Äthiopen u. s. w. anzunehmen ; vgl. Völ-
cker 92. 130 u. oben S. 108. Hierzu forderte in
Beziehung auf Eos gerade diejenige Erscheinung
am westlichen Abendhimmel auf, welche ja
dem Morgenrot am östlichen genau entspricht,
das Abendrot, welches mit Unrecht dem süd-
lichen Himmel abgesprochen worden ist; vgl.
Welcher, Gr. Götterl. 1, 684. Bei Nonnos 18,
1257 Eos (als Naturerscheinung)
155 wenigstens findet sich noch Eos als Göt-
tin des Abendrots, wie auch zuweilen Ushas,
Sonne, Kuhns Zeitschr. 10, 365. Wenn aber
auch Eos zuweilen mit ihren Gespielinnen sich
auf Aiaia am Tanze erfreut (wie Ushas, Sonne
a. a 0. 359. 360), so ist doch ihr bleibender
Aufenthalt am östlichen Okeanos zu den-
ken , wo sie mit ihrem Gemahl Tithonos
zusammen wohnt. Vereinzelt endlich ist,
auch von ihrem Aufgang über dem
Kaukasos (Apollon. Arg 3, 1223) oder
über dem Phlegion in Kleinasien ( Ly -
Icophr. 16) die Rede.
Von ihrer Erscheinung ist es
besonders die Farbenpracht,
welche die Dichter besingen
(Rigveda 9, 2 Ludwig: die
farbenreiche ; 12, 4 die bunte;
15,3 die farbenreichen Strah-
len der Ushas), meist in
der Form eines
Epithetons, das
wenigstens bei
den griechi-
chen Dichtern
m individuell
mschaulicher
Weise dieFarbe
hren Händen,
\rrnen und Flü-
geln, ihrem Ge-
vand und ihren
tossen , nicht
hr selbst bei-
egt (auch Rig-
eda 7, 77, 2
schimmerndes
lewand tra-
end, wuchs sie
n Pracht“ bei
I. Müller, Ks-
igs 1,37). Da-
in gehört vor
llem das horne-
sche Qododdx.-
üog, das sehr
31-schieden er-
lärtwird. Wel- 60
:er , Griech. Götterlehre 1, 683 versteht dar-
iter die rötlich unterlaufenen Fingerspitzen
2i- zarten weiblichen Jugend, während man
merdings meist die der Morgenröte am süd-
:hen Himmel vorhergehende Erscheinung
senfarbiger Strahlen, die den Fingern einer
and gleichen, zur Erklärung des Wortes zur
ilfe nimmt, Preller l2, 343. — Jordan, Jahrb.
Eos (als Naturerscheinung) 1258
f. Philol. 1873 S. 80 nimmt es als die „Rosen-
fasserin“ von dccKtvlos Nehmer, Fässer, also:
„die rosenstreuende Frühe“; ähnlich J. Grimm
nach neugriechischen und altdeutschen Vor-
stellungen „die rosenlachende“ ( Mytli . 1054).
Im Grunde ist es ein einfaches Bild, das kei-
ner weiteren
Erklärung be-
darf, die von
einer Lichtgott-
heit ausgehen-
den Strahlen
ihre Hände oder
Finger zu nen-
nen, wie schon
im Veda der
Sonnengott Sa-
vitar „Gold-
hand“, „goldhändig“
heifst (Rigv. 1, 22, 5.
35, 9 bei M. Müller,
Vorles. 2, 410 Böttger)-,
derselbe wird auch
„ schönfingrig “ ge-
nannt (Rigv. 134, 4
Ludiv.), und 137, 1. 5
ebendas, heifst es von
ihm: „Emporgestreckt
hat Savitar der Gott
seine goldenen Arme“
und 139, 2 „die gold-
nen, reichen Arme em-
por bis an des Hirn-
Eos den Morgentau ausgiefsend
(nach Millingen , Anc. uned. mon.
pl. 6; vgl. S. 1256, lff.).
mels Enden“. Auch aufser Homer
(an 27 Stellen) gebrauchen es die
Früheren nur von Eos, lies. Op. 610; Anacr.
55, 16. Mimnerm. fr. 12. Die Rosenarmige,
godomri^vg, heifst sie Hymn. Hom. 31, 6. Pfheohr.
2, 147. Im übrigen findet sich zur Bezeich-
nung der roten Farbe bei den griechischen
Dichtern nur noch SQv&aivogsvg, Orph. hymn.
77, 2; die römischen legen dieselbe (aufser
Ovid. Met. 3, 184 purpurea aurora) in der
Regel ihren Rossen und ihrem Wagen bei,
roseis quadrigis Verg. Aen. 6, 535. roseis bigis
7, 25. Val. Flacc. 2, 261; puniceis invecta ro-
tis Aurora rubebit , Verg. Aen. 12, 77. Die
gelbe Farbe, die besonders vor Sonnenaufgang
eintritt, schreibt Homer ihrem safranfarbigen
Gewände zu (-/.Qo-nonsnlog T 1 © 1); darnach
bei den römischen Dichtem lutea (Verg. Aen.
7, 25. Ovid. Met. 7, 702) und croceis equis, Ps.-
Ovid. Cons. Liv. 292. Das strahlende Weifs,
das oft neben dem Rot und Gelb erscheint,
bezieht Euripides auf ihre weifsen Flügel (Isu-
uömsQog Troad. 847), doch auch Electr. 730
auf ihr Ange3icht(lsuKÖj'7r9döco7ror uovg) ; Aesch.
Pers. 386 u. Soph. Ai. 673 IsvAonmXog auf ihre
1259 Eos (als Naturerscheinung)
weifsen Rosse, ebenso Theokr. 13, 11 Xsvv.ni-
nog. Verg. Georg. 1, 447 pallida. Auch die
verschiedenen Farben neben einander zur An-
schauung zu bringen, haben die römischen
Dichter versucht ( Tibull . 1, 3, 94 roseis Can-
dida equis ; Verg. Aen. 7, 25 roseis fulgebat
lutea bigis) , wie in den Veden „die lichten,
roten Rosse die Strahlengöttin Frührot her-
führen“ ( Schräder a. a. 0. 48). Während die
angeführten Stellen das farbenprächtige Bild
der eben den Tag heraufführenden Göttin zu
veranschaulichen suchen , ist es wohl nicht
Zufall, dafs ebenso regelmäfsig da, wo die Göt-
tin nicht unmittelbar in dieser ihrer Thätig-
keit, sondern in rein mythologischer Beziehung,
z. B. als Mutter des Memnon oder zur blofsen
Zeitbezeichnung genannt wird, ihr nur solche
Epitheta gegeben werden, welche sie allge-
mein und bleibend als clie „glänzende“ be-
zeichnen, so rpuBLvq bei Homer 8 188; cpcxsv-
väg vlqv ’Aoog Pind. Nem. 6, 59; cpcuvoXcg
Sapph. fr. 95 ; Hymn. Horn. 5, 51; launnocpa/'g
Orph. hymn. 77, 2; cpcuäga Schol. Pind. Nem.
6, 85; xaLLcpsyyr/g Eurip. Hipp. 455; ylavnfi
Theokr. 16, 5; aiylrjsoacc Quint. Sin. 1, 826;
cpaeoqpogog ib. 2 , 186. 656. Eigentümlich ist
das Beiwort %iovoßXicp<xQog mit schneeweifsen
Augenlidern ( Dionysius hymn. 2, 7), welches
von Bellermann z. d. St. auf den weifsen Glanz-
schimmer bezogen wird, der zuweilen vor Auf-
gang der Sonne am Himmel zu sehen sei. Es
scheint , dafs hierbei an die schlafende Eos
gedacht wird, wie in den angeführten Stellen
bei Quintus Smyrnaeus. Dieselbe Farbenpracht
kommt ihrer Wohnung und ihrer ganzen Um-
gebung zu: Ovid. Met. 2, 112: rutilo patefecit
ab ortu purpureas Aurora fores et plena rosa-
rum atria. Das Offnen der Himmelsthore, das
ihr aufserdem nur noch bei Quint. Sni. 2, 665
zugeschrieben wird, beruht auf alter Anschau-
ung und wird auch der Ushas beigelegt, Rigv.
2, 15 Ludiv.
Nur ein Ausdruck der Naturerscheinung ist.
ihre eigene Gestalt und persönliche Erschei-
nung, die als überaus herrlich und glänzend
geschildert wird; Homer nennt sie oft die
„goldthronende“ xqvgo&qovos o 250 , zuweilen
auch iv&Qovog z 342 (wie auch die deutsche
Mythologie der Sonne einen Thron giebt
(If. Müller, Essays 2, 69); ebenso xQVGoQoovog
Hymn. Hom. 4, 226. Quint. Sm. 2, 592. 14, 1.
Den Goldglanz der ganzen Erscheinung will
wohl auch Sappho fr. 18 durch igvoonidilog,
Quint. Sm. 5, 395 durch xQvafjvcog ausdrücken;
vgl. Rigv. 8, 2. 17, 2 „die goldfarbige“. Des-
halb ist sie schön von Angesicht: wie Eos
beim Aufgang ihr schönes Antlitz zeigt , so
strahlt der Helena Schönheit, singt Theokr. 8,
26, noch ganz ähnlich wie Rigv. 4, 6. 6, 11.
17, 2. Homer nennt sie ivnXonccgog ( s 390),
Ovid. Met. 7, 705: roseo ore, namentlich aber
leuchtet ihr heller Glanz aus den Augen: cd-
ylfpGGcc cp asivocg bugacc, Apollon. Arg. 1,519;
%aQOTtf] ib. 1, 1280; auch ßoämig , Quint. Sm.
2, 643. Die Kunst suchte durch reichen Schmuck
das Glänzende ihrer Erscheinung auszudrücken,
sie gab ihr eine Strahlenkrone, Gerhard , Lichtg.
Tf. 3, 1. Stephani, Nimbus u. Strahlenkranz
Eos (als Naturerscheinung) 1260
S. 61, und reichverzierte Gewänder, Gerhard,
A. Vas. 79. 80; vgl. 0. Jahn, Arch. Beitr. 94
u. unt. S. 1276. Namentlich aber dienen die
grofsen Schulterflügel, die ihr fast immer ge-
geben werden, nicht blofs die Raschheit des
Erscheinens und der Ausbreitung der Morgen-
röte zu charakterisieren, sondern auch ihre
Gestalt über das Gewöhnliche herauszuheben
(s. unten die Bildwerke). Erst auf späteren
Darstellungen, Gemmen, Reliefs, Münzen, fehlen
dieselben zuweilen, vgl. Gerhard, A. V. S. 6.
So vereinigen sich alle diese Züge zu einem
Bild hoher, göttlicher Schönheit, und beson-
ders um ihrer Schönheit willen (ncdri I 707)
kommt ihr das Prädikat einer Göttin zu , da
sie ja fast keinen auf die Menschen sich er-
streckenden Wirkungskreis und keinen Kultus
hat. Homer nennt sie oft Sicc (z 342), einmal
fff« ( B 48, ebenso Hes. Theog. 380); ihre Er-
20 liabenheit wird {Hymn. Hom. 4, 223) durch
nozvia ausgedrückt und {Orph. hymn. 77, 8)
ihr erhabener Anblick hervorgehoben; bei
Quint. Smyrn. 1, 48 f. überragt sie die beglei-
tenden Horen alle an Schönheit.
Am meisten aber findet die Majestät ihrer
Erscheinung in dem mit Rossen bespann-
ten Wagen Ausdruck, der sie bei Dichtern
wie auf Bildwerken am Himmel emporträgt.
Derselbe ist nicht etwa blofs dem Helioswagen
30 nachgebildet , sondern gehört offenbar zum
ältesten Gemeingut der Jndogennanen: auch
in den Veden ist sie reich an Kossen, Rigv.
2, 2 Ludiv. ; sie besteigt den schöngestaltigen
(3, 2) flammenden (6, 17) Wagen; es naht die
schöne auf allgeschmücktem Wagen (15, 6);
und nicht blofs als von Rossen gezogen wird
sie daselbst dargestellt, sondern — was wohl
die allerälteste Vorstellung repräsentiert —
selbst mit einem Rofs verglichen (JA Müller,
ro Sprachw. Vorl. p. 518. 521). Wenn auch die
Erwähnung des Eoswagens erst den späteren
Gesängen Homers {ip 243) angehört, so giebt
doch dieselbe ein schon sehr ausgeführtes Bild,
während der Helioswagen bei Homer noch
ganz fehlt. Nach der Wiedervereinigung des
Odysseus mit Penelope verlängert Athena die
Nacht: „die goldthronende Eos aber hielt sie
am Okeanos zurück, und liefs sie nicht ihre
schnellfüfsigen Rosse anschirren, welche den
so Menschen das Licht bringen, Lampos und Pha8-
thon, die in Jugendkraft die Eos herführen.“
Phaethon, der Strahlende, ist auch Beiname des
Helios, Phaethusa und Lampetie , die Leuch-
tende, werden g 132 dessen Töchter genannt.
Noch dem Ewripides dient der Eoswagen zu
schönen poetischen Bildern; Troad. 855 nennt
er ihn ccgzsqcov zsfrQtnTiog jjjgticfog 6%og und
fr. 771 bezeichnet er Äthiopien als "Eco epasv-
veeg HXtov ■9’’ irnioGzccGeig'. dort stehen ihre
eo Rosse an glänzenden Krippen, ehe sie ausfährt.
Bei den Späteren blafst auch diese Vorstel-
lung ab und dient blofs zur Dekoration {Theokr.
2, 147; vgl. 13, 11). Hierher gehören die an-
geführten Stellen der römischen Dichter, welche
Aurora auf roseis bigis oder quadrigis hinan-
fahren lassen (wozu noch Stat. Silv. 1, 2, 45
Tithonia biga und Quint. Smyrn. 11, 331 hin-
zuzufügen). Vereinzelt steht die Vorstellung
1261 Eos (Mythen; Tithonos)
einer Eos mit einem Rosse yovönwloq Eur.
Orest. 1005, also reitend; auch scheint dieselbe
in der Kunst nicht vorzukommen, s. Furtwäng-
ler, Samml. Saburoff zu Taf. 03. Vielmehr
fährt sie auch auf den bildlichen Denkmälern
(s. unten) mit einem Zwei- oder Viergespann,
das in früherer Zeit öfter beflügelt ist, was
das Aufserordentliche der Erscheinung erhöht.
Aus diesen Flügelrössen ist ohne Zweifel die
Deutung auf den Pegasos zu erklären, den Eos
sich nach dem Sturze Bellerophons von Zeus
erbeten haben soll zur Unterstützung bei ihrer
täglichen Fahrt nach Asklepiades , Schol. 11.
Z 155; vgl. Lykophr. 17 u. Tzetz. z. d. St. So
unterliefs die Phantasie nichts, dem Wunder
der Morgenröte in der Gestalt und Erscheinung
der Göttin Ausdruck zu geben.
II. Die Mythen der Eos und ihre
Deutung.
In ihrer Genealogie bei Hes. Theog. 371,
wo Eos , Helios und Selene die Kinder des
Hyperion und der Theia genannt sind, ist für
uns , da Hyperion ursprünglich keine selbst-
ständige Gottheit gewesen ist, nur die Gleich-
stellung mit den grofsen Lichtern des Him-
mels bemerkenswert, da hierin, wie oben be-
merkt, ihre höhere Bedeutung in früherer Zeit
sich ausspricht. Dieselbe Ableitung hat auch
Apollodor 1 , 2 , 2 und Hygin. p. 30 Bunte.
Statt Theia nennt Hymn. Horn. 31, 4 Eury-
pliaessa als Gattin Hyperions und Mutter der
drei Lichtgottheiten. Die Orphischen Hymnen
7, 4 nennen dagegen statt ftyperion den ur-
sprünglich mit ihm identischen Helios Vater
der Eos. Erst bei Quint. Smyrn. 2 , 025 er-
scheint die ambrosische Nacht als ihre Mutter.
Beide aus dem Wesen der Eos von selbst sich
ergebenden Vorstellungen verbinden die Veden,
wo Ushas Tochter des Himmels (17, 6. 21, 3
Ludiv.) und Schwester der Nacht heifst {Bv. 7,
7, 1 bei Müller, Essays 2, 124). Vereinzelt
steht bei Ovid Met. 9, 421 die Benennung
Pallantias, Tochter des Giganten Pallas.
Um so eigenartiger aber ist der Mythos
von Tithonos. Schon Homer kennt ihn als
Gemahl der Eos in den gleichlautenden Ver-
sen A 1. s 1: ,,Eos erhob sich von ihrem Lager,
von der Seite des erlauchten Tithonos , um
Göttern und Menschen das Licht zu bringen“,
was erst spätere Dichter nachgebildet haben
(Verg. Georg. 4, 447 und Quint. Smyrn. 6, 1,
welcher gewifs im Sinn Homers das Lager des
Tithonos am Okeanos sich denkt). Im übrigen
wird nur noch seine Abstammung erwähnt,
indem die Genealogie des troischen Königs-
hauses Y 237 Laomedon seinen Vater, Pria-
mos seinen Bruder nennt. Hieran haben auch
die meisten Späteren festgehalten, Apollod. 3,
12,4. Schol. Find. Ol. 2, 148. Schol. II. F151.
A 5, wo er der Sohn des Laomedon und der
Skamandrostochter Strymo heilst, weshalb er
Lykophr. 16 (nebst Schol. Tzetz.) als Stiefbru-
der des Priamos bezeichnet wird. Servius da-
gegen zu Georg. 1, 447. Aen. 1, 489 nennt ihn
Laomedons Bruder. Eine nähere Veranlassung,
den Tithonos dem troischen Königshaus zuzu-
Eos (Mythen; Tithonos) 1262
teilen, als das allgemeine Streben, ihm seine
Heimat im Osten anzuweisen läfst sich nicht
erkennen; man müfste denn nur eine Moti-
vierung der Teilnahme des Memnon am troi-
schen Krieg (s. unten) darin sehen wollen und
die Memnonsage für älter halten als jene aller-
dings späte Genealogie. Gewifs im Sinn der
homerischen Auffassung von Tithonos war es
auch, wenn ihn die Späteren im Unterschied
von Eos’ sonstigen Geliebten als ihren Gemahl
bezeichnen, Eur. Troad. 854 nöoig-, Ov. Met.
9, 421. Serv. Georg. 3, 328, und sie als Titho-
nia coniunx, Verg. Aen. 8, 384. Ovid. Iler. 17,
111. Sil. Ital. 1, 576. Erst nach Homer, je-
doch allgemein und einstimmig wird berichtet,
dafs Eos den Tithonos wegen seiner Schön-
heit geraubt und so zu ihrem Gemahl gemacht
habe {Hymn. Horn. 4, 218: ggnaasv — snisC-
ntkov ä.&avuxoLGL), von Liebe zu ihm ergriffen
( Apollod . 3, 12, 4. Schol. II. F151. 4 5. Athen.
13, 566D.; Schol. Apollon. Arg. 3,158. Eustath.
ad Horn. p. 825, 51), denn seine Schönheit war
so grofs, dafs sie sprichwörtlich wurde, Tyrt.
fr. 12, 5. Auf ihrem goldenen Wagen ent-
führte sie ihn in die Lüfte, Eur. Troad. 855;
vergl. Ilorat. Carrn. 1, 28, 8. Serv. Verg.
Georg. 3, 48 proeliantern rapuit. Aen. 4, 585.
Stat. Silv. 1, 2, 44. Nach einigen brachte sie
ihn nach Äthiopien {Apollod. 3, 12, 4. Schol.
II. A 5) , nach dem Land des fernen Ostens
am Okeanos, von dem sie täglich ausfährt.
Diodor 4 , 75 läfst ihn (euhemeristisch) als
Laomedonssohn von Troia einen Feldzug nach
Äthiopien machen und dort mit Eos den Mem-
non erzeugen; er macht ihn sogar 2, 22 zu
einem assyrischen Statthalter, wohl auch mit
Bezug auf das Memnonion in Susa; vgl. Ja-
cobs, Verm. Schriften 4, 4. Kunstdarstellungeu
mit dem Raub des Tithonos sind nicht sicher ;
vgl. gegen Stephani, C. B. 1872 S. 187f. die
Bemerkungen Furtwänglers, Arch. Ztg. 40, 350.
Von den Schicksalen des Tithonos in der Ehe
mit Eos giebt der homerische Hymn. in Ven.
4, 220 eine zusammenhängende, farbenreiche
Erzählung: Nachdem Eos ihn geraubt, ging
sie zu Zeus und bat ihn für den Geliebten um
ein unsterbliches Leben, und Zeus gewährte
es; aber um ewige Jugend zu bitten, hatte sie
vergessen. So lange er nun in lieblicher
Jugend strahlte, wohnte er, der Liebe der gold-
thronenden Eos sich freuend, bei ihr am Okea-
nos; als ihm aber grau die Haare vom schönen
Haupt und am edlen Bart herabfielen, seitdem
enthielt sie sich seines Lagers ; doch pflegte
sie ihn im Palaste mit ambrosischer Speise
(vergl. oben S. 280, 65) und gab ihm schöne
Gewänder. Aber als er ganz alt gewor-
den und seine Glieder nicht mehr rühren
konnte, da hielt sie ihn im Schlafgemach
hinter verschlossenen Thriren, und so tönt
nun seine Stimme unaufhörlich aber ohne
Kraft. Sonst finden sich nur Anspielungen auf
diesen Mythus , die ihn als bekannt voraus-
setzen und nur in Nebendingen abweichen.
Das ewige Alter des Tithonos erwähnt Mirn-
nerni. fr. 4. Dafs Tzetz. Lykophr. 16 die Ver-
leihung der Unsterblichkeit der Eos selbst zu-
schreibt statt dem Zeus, ist wohl nur Kürze
io
20
30
40
50
60
1263 Eos (Mythen; Memnon)
des Ausdrucks. Dagegen läfst das Schol. II. A 5
den Tithonos die Eos um Unsterblichkeit bit-
ten und die ewige Jugend vergessen. Yon
dem Zusammensein mit Tithonos gebraucht
Eurip. Troad. 852 die Worte: zsxvonoiov
t'xovaa Tiooiv iv &<xXdyois. Öfter wird sein
Dahinschwinden im hohen Alter erwähnt, von
Horcd. Carm. 2, 16, 30, Ovid Met. 9, 421, Pro-
pert. 3, 18, der, entgegen dem homerischen
Hymnus, Eos auch des greisen Tithonos Lager io
mit unverminderter Zärtlichkeit teilen läfst.
Die Pflege , welche die jugendliche Eos dem
altersschwachen , auf kostbarem Lager ausge-
streckten Tithonos angedeihen läfst, ist dar-
gestellt auf dem Relief eines volcentischen
Goldschmucks, Gerhard, Lichtg. Tf. 4, 4. Die
kurze, muldenförmige Gestalt des Lagers, in
welchem der kleine, schwächliche Tithonos in
gekrümmter Stellung liegt, macht es wahr-
scheinlich, dafs diese seltsame Darstellung nach 20
Tzetz. Lykophr. 16 zu erklären ist: „er wurde
so alt, dafs er wie ein kleines Kind in einem
Korbe oder Wiege ( IGvco ) schlief; endlich ver-
wandelte sie ihn in eine Cikade.“ Dieser letzte
und späte Ausläufer der Sage, die Verwand-
lung des Tithonos in eine Cikade, ist wohl
eher aus dem Schlufs der angeführten Erzäh-
lung des Hom. Hymnus zu erklären v. 237 :
TOV 8’ i\toi cpcovt] Q£L uanszog ovds XL HLHVQ
(Spannkraft) toxi, als nach Welcher, Griech. 30
Götterl. 1, 686 aus der Vergleichung der Greise
mit Grillen, II. F 150. Am vollständigsten
berichtet hierüber Schol. II. Ah: da Tithonos
das Leben nicht mehr geniefsen konnte , .bat
er Eos ihn vom Leben zu erlösen; da verwan-
delte sie ihn in eine Cikade , um sich fort-
während an seiner Stimme zu erfreuen. Die
Verwandlung in die Cikade erwähnen auch
Schol. II. F 151. Sero. Verg. Georg. 1, 447.
3, 328. Aen. 4, 585. 40
Aus des Tithonos Verbindung mit Eos ging
der berühmte Memnon hervor. Die Sage von
Memnons Teilnahme am troischen Krieg ist
jünger als die Ilias und erst auf Grundlage der
letzteren gedichtet ( Bohert , Bild u. Lied 114.
119), dagegen der Odyssee bekannt (8 188),
welche ihn auch schon den „herrlichen Sohn
der glänzenden Eos“ und den schönsten der
Männer nennt (t 522); und in der Aithiopis
bildete dieselbe einen der Hauptgegenstände. 50
Vollständiger berichtet die liesiodisclie Theogo-
nie v. 984 : „Dem Tithonos gebar Eos den erz-
gerüsteten Memnon, den König der Athiopen,
und den Herrscher Emathion“; ebenso nennt
Pindar Ol. 2 , 83. Nein. 6, 59 Memnon , „den
Eossohn, den Äthiopen.“ Apollodor 3, 12, 4
folgt dem Hesiod, ebenso die Scholien zu den
genannten Pindarstellen und die ohen ange-
führten Scholien zu Homer und Lykophron, die
immer auch den Emathion als seinen Bruder 60
anführen. Von den Schicksalen Memnons ist
hier nur zu erwähnen, was auf Eos Bezug hat;
eine zusammenhängende Erzählung bietet nach
dem Verlust der Aithiopis nur noch Quint. Sm.
I. 2 , dagegen ist die Auffassung des alten
Epos durch eine Reihe von Denkmälern ver-
treten, welche den im Altertum hochberühm-
ten Zweikampf zwischen Achilleus und Mem-
Eos (Mythen; Deutung) 1264
non in Anwesenheit ihrer Mütter darstellen
(s. unten Eos in d. Kunst Abschn. 1). Aischylos
liefs in seiner Wv%ootccglcc die beiden Göttinnen
mit der Bitte um das Leben ihrer Söhne zu
Zeus treten, der in einer Wage das Los der
Kämpfenden abwägt [Flut, de aud. poet. 2.
Aristonikos in Schol. II. © 10). Dem entsprach
die Gruppe des Lykios, Myrons Sohn, zu Olym-
pia {Paus. 5, 22, 2), während auf den Vasen-
bildern b. Overbeck, hier. Bildtv. p. 526 n. 64. 65
( Mon . d. Inst. 6, 5a?) Hermes statt Zeus die
Wägung vornimmt (vielleicht nach der Aithio-
pis; vgl. Bohert a. a. 0. 143). Aber Memnons
Schale sinkt und Eos sieht den geliebten Sohn
fallen. Nun ergreift sie nach der Aithiopis
(wie nach Aischylos) seine Leiche und trägt
sie durch die Lüfte ins Athiopenland (vergl.
Aelian. Hist. an. 5, 1). Darnach sehen wir
auf den Vasenbildern des 5. Jahrh. die geflü-
gelte Göttin mit Memnon, dessen Glieder schlaff
herabhängen, durch die Lüfte enteilen, Millin-
gen, anc. mon. 1, 5 schwarzfig. ; sodann Over-
beck n. 73, nicht auch 75; vergi. Bohert, Tha-
natos S. llf. ; oder aber am Ziel angekommen
den Leichnam niederlegen, indem sie sich liebe-
voll zu dem Sohn niederbeugt, wie auf der
Durisvase Fröhner , choix de vases grecs pl. 2
(s. d. Abbild. S. 1265/6 nach den Wiener Vorlege-
blättern) und auf einer späteren Vase im Bar-
bakeion, abgebildet bei Bohert, Thanatos S. 17.
Nach der späteren Dichtung des Quint. Sm.
2, 550 läfst Eos seine Leiche durch ihre Söhne,
die Winde, ans Ufer des Aisepos tragen. Dann
bittet sie nach der Aithiopis den Zeus für Mem-
non um Unsterblichkeit; ebenso nach Ovid, Met.
13, 581 f., wo sie sich so der Trauer überläfst,
dafs die Morgenröte erbleicht und ihre Thrä-
nen die Erde mit Tau benetzen. Ihre Trauer
auch bei Philostr. im. 1, 7. Try phiodor. v. 30,
weiter ausgemalt bei Quint. Sm. 2, 549. Hier
hüllt sie sich vor Schmerz in W olken, so dafs
sich die Erde verdunkelt; sie will in die Unter-
welt gehen, um fortan nur dieser zu leuchten
(v. 600); sie klagt die ganze Nacht und küm-
mert sich nicht um den Sonnenaufgang, bis
Zeus durch seinen Donner sie mahnt v. 634.
Die Totenklage der Eos b. Overheck n. 77. Vom
zweiten Sohn Emathion wird nur berichtet, dafs
er durch Herakles seinen Tod fand, da er ihn
die Hesperidenäpfel nicht pflücken lassen wollte,
Schol. II. A 5. Schol. Pind. Ol. 2, 148. Auch
eine Schwester Memnons wird genannt, Hemera
oder Himera, Dictys Cret. 6, 10.
Die Deutung des Tithonosmy thos ist
in verschiedenem Sinn versucht worden. Prel-
ler, Myth. I2, 300 erklärte Tithonos für „eine
Allegorie des Tages in seinem sich ewig wie-
derholenden Verlaufe , früh morgens frisch
und schön, dann von der Hitze des Tages
gleichsam aufgezehrt, verdorrt und veraltet.“
Schwenck, Myth. d. Gr. 196 u. Philol. 15, 578:
Tithonos ist darum ein grauer Greis, weil die
Morgenröte an dem grau dämmernden Morgen-
himmel im Osten erscheint, den man zu ihrem.
Gatten machte und welchen sie, von seinem
Lager kommend, verläfst, wann sie am Him-
mel erscheint. Welcher, Gr. Götterl. 685 : „Die
grauen Locken bedeuten das Grauen des Tages
1265
Eos (Mythen; Deutung)
Eos (Mythen; Deutung)
1266
nach der Erscheinung der Morgenröte , die
schönen Gewänder die bunten Farben, die bei
zunehmendem Tag aus dem tiefen Rot her-
vorgehen und sich weit verbreiten, die Ein-
sperrung in das Schlafgemach das gänz-
liche Verschwinden des Morgenrots“ ; also
Tithonos den ganzen Ver-
lauf des Tagesanbruchs.
Max Müller , Es-
says 2*, 77: Titho-
nos drücke
ursprünglich
die Idee
der Sonne
Wintersonne beziehen. Gerade die merkwür-
digste Vorstellung aber, dafs Eos den kraft-
losen Tithonos im Schlafgemach eingeschlos-
sen hält, wo er wie ein Kind in einem kleinen
Bette schläft , kehrt unter den griechischen
Sonnenmythen wieder: Bei Mimnermos fr. 12
Berglc wird Helios, nachdem
er seinen Tageslauf voll-
bracht, in einem von
Hephaistos’ Händen
\ verfertigten,
M N. hohlen Bett
JS O \ schlafend
'l \ auf dem
i
in Bezug
auf ihren
Tages - und
Jahreslauf aus,
oder kurz (1 , 345)
„die untergehende
Sonne“. Müller tritt
mit der Ableitung
da
von
Sonne ( Zeitsclir . für veryl.
Sprachf. 10, 178) bei: Tt-
ftcovog = riftscovo = di-
dhyäna der Leuchtende , also ein Sonnen-
heros. In der That sprechen die Hauptzüge
der Tithonossage für einen Sonnenmythus.
Das Eigentümlichste an derselben ist das Alt-
und Schwachwerden. Dies ist ein im Alter-
Eos mit der Leiche Memnons
(nach Wiener V orlegeblätter Taf. VII).
vgl. S. 1264, 24).
Okeanos
zu seinem
östlichen Auf-
gangsort bei den
Äthiopen getragen.
Der Okeanos aber,
welchem dieses Bett
schwimmt, ist ursprüng-
lich der Wolkenhimmel
(s. Berylc , Jalirb. f. Philol.
1860 p. 389). Das schla-
fende Sonnenwesen, eine Vorstellung, die sich
auch bei andern Völkern findet (s. Schwartz a. 0.
24. M. Müller, Essays 2, 77), bedeutet eben die
Abnahme der Kräfte. Allerdings müfste Tithonos
mit der erstarkenden Frühlingssonne wieder auf-
tum geläufiges Bild für die Abnahme von Licht eo leben; statt dessen fand die Sage, der ursprüng-
und Wärme bei den Himmelskörpern, beson-
ders Sonne und Mond; vgl. ' HXiov epQ-Lvccopctru
( Aesch . Pers. 232) , sol languidus ( Lucret . 5,
756), luna senescens und die bei Griechen und
Römern wie auch bei den germanischen Völ-
kern daran sich knüpfenden Anschauungen,
'Schivartz, Poet. Naturanscli. 1, 175. 225 f., die
sich besonders auf die verminderte Kraft der
liehen Bedeutung desselben uneingedenk, an
der Ausmalung seiner Schwächlichkeit Gefal-
len. Auch die anderen Züge des Tithonos-
mythus zeigen durchgehende Übereinstim-
mung mit Helios : auch dieser hält täglich
Rast bei den Äthiopen am Okeanos , wo er
seinen Palast, seine Frau oder Geliebte hat;
auch Helios ist, wie Tithonos, durch Schönheit
1267 Eos (Mythen; Orion)
ausgezeichnet, auch bei ihm werden die schö-
nen Gewänder hervorgehoben (s. d. Art. Helios).
So ist es erklärlich , dafs Tithonos nicht nur
nach Troia, sondern in den äufsersten Osten
versetzt und das gemeinsame Lager des Titho-
nos und der Eos bei den Äthiopen am Okea-
nos gedacht wurde, Eos aber sich zuerst vom
Lager erhebt, weil sie ihm vorangehen mufs.
Auch im Veda ist Ushas die Gattin des Son-
nengottes ( Schräder a. a. 0. 48. Bigv. 128, 2
Ludw .). Dafs Eos den Tithonos raubt, bedeutet
nur die Erwählung zum Geliebten und ist den
andern Mythen von den Eoslieblingen nach-
gedichtet. Wie palst aber zu solchen Eltern,
einem Sonnenhelden und der Morgenröte, als
Sohn der dunkle Memnon? Vgl. nigri Mem-
nonis , Verg. Aen. 1 , 489. Ovid am. 1 , 8, 3.
ex Ponto 3, 3, 96 und das Gemälde bei Phi-
lostratos Imag. 1, 7. 2, 7, wo er schwarz dar-
gestellt war. Vor Tagesgrauen, auf der Grenze
von Licht und Dunkel, ist Eos mit Tithonos
vereinigt, bei den Äthiopen, die im äufsersten
Osten und Westen wohnen, in der Gegend,
wo die Sonne aus dem Dunkel hervortritt und
wieder in dasselbe eintritt. Deshalb sind auch
die Äthiopen die dunkeln Menschen, nicht weil
sie durch die Sonnennähe bei ihrem Auf- und
Untergang verbrannt sind, wie Völcher a. 0. 87
ohne alte Gewähr annimmt, während er im
übrigen klar beweist, dafs die mythologischen
Äthiopen bei Homer mit den geschichtlichen
gar nichts zu thun haben und jene erst bei
der Erweiterung der geographischen Kennt-
nisse, als man die dunklen Menschen in Afrika
kennen lernte, in das südliche Äthiopien ver-
legt wurden. Und als Äthiope ist auch Mem-
non der dunkle. Ganz in unserem Sinn erklärt
auch Servius das Vergilische nigri Memnonis :
nigri autem dixit , Aethiopis: unde prima con-
surgit Aurora, d. h. weil bei den Äthiopen
Aurora aus dem Dunkel hervorgeht. Memnons
Bruder aber ist Emathion (von ggag), also
stellen die beiden Brüder Tag und Nacht vor,
weil sie auf der Grenzscheide von Tag und
Nacht geboren sind. Doch kommt die Licht-
natur der Eltern auch bei Memnon allein zum
Vorschein: wie AlfHoip (von cä'&o'tp) ein leuch-
tendes Dunkel bezeichnet (ai'&oip r. 152 vom
Rauch im Schein des Feuers , auch sonst von
dunklem Glanz), so war auch Memnon auf dem
philostratischen Gemälde (1,7) trotz seiner
dunklen Farbe so dargestellt, dafs „ein gewis-
ser Jugendglanz in der Schwärze sichtbar war.“
Denn auch Memnon ist wie sein Vater xdJ-
hßTog.
Anderer Natur sind die weiteren Lieblinge
der Eos. Die Sage von Orion findet sich
schon, wenn auch in kurzen Zügen, erwähnt
bei Homer s 121: unter den Sterblichen, welche
sich der Liebe von Göttinnen erfreuten, wird
von Kalypso Orion genannt, den die rosen-
fingrige Eos sich erwählt. Denn er war der
schönste der Sterblichen l 310. Orion ist der
Riese des nächtlichen Himmels, der beim Er-
scheinen der Morgenröte verschwindet. Der
Mythus aber, der überall persönliche Hand-
lung sieht, macht Eos zur Verfolgerin, wie auf
dem kunstvoll gewobenen Teppich bei Eurip.
Eos (Mythen; Keplialos) 1268
Ion 1158: r\ cpcoaepogog "Ecog SuSxovg’ ccGrga,
wo unter den Sternen, die sie vor sich her-
scheuclit, auch 6 ^icprjQrj g ’Pqlcov genannt ist.
Artemis aber tötete ihn s 123 in Ortygia mit
ihrem Pfeil, ohne Zweifel aus Eifersucht, da
auch sie den schönen Jäger geliebt hatte.
Diese Eigenschaft als Jäger, der vor Tages-
anbruch das Wild aufsucht, trug vielleicht von
anderer Seite dazu bei, ihn mit Eos in Ver-
bindungzubringen. Apollodor 1, 4, 4 erzählt:
Eos liebte den Orion, raubte ihn und brachte
ihn nach Delos. Bildliche Darstellungen von
der Entführung des Orion durch Eos scheinen
nicht vorhanden , da das von Jt. 0. Müller,
Handb. § 400, 1 darauf bezogene Vasenbild,
Mus. Blacas 17 vielmehr auf Kephalos zu be-
ziehen ist, Welcher , a. I). 3, 61. Jahn, Arch.
Beitr. 96. Noch kürzer spricht die Odyssee
o 250 von Kleitos, dem Sohn des Mantios
aus dem Geschlecht des Sehers Melampus:
„ihn raubte die goldthronende Eos wegen sei-
ner Schönheit, damit er unter den Unsterb-
lichen wäre; verg-1. Athen. 13, 566 D. Hierauf
führt Welcher, Gr. Götterl. 1, 687 mit Recht
den Glauben zurück, von dem Herahleides c. 68
berichtet, dafs man von edelgebornen, schönen
Jünglingen, die in der Blüte der Jugend star-
ben, sagte, Eos habe sie geraubt, d. h. in ein
besseres Dasein versetzt.
Nicht homerisch, aber schon von Hesiocl,
Theog. 986 erwähnt ist die Verbindung der
Eos mit Kephalos: „dem Kephalos gebar
sie einen herrlichen Sohn, den Phaethon, den
in zarter Jugend Aphrodite entführte und zum
nächtlichen Aufseher ihres Tempels machte.“
Dafs Eos den Kephalos wegen seiner Schön-
heit aus Liebe raubte, setzt Pausanias 1, 3, 1
bei der Erklärung der Gruppe auf der Stoa
Basileios zu jener Stelle Hesiods hinzu, die er,
wie längst erkannt ist ( Welcher , a. D. 3, 58
Anm. 8), vor Augen hatte. Die Sage wird als
bekannt erwähnt, die stehende Bezeichnung
für die Entführung ist agnccfeiv, und meist
wird auch eine längere Dauer der V erbindung
angedeutet (so gleich nachher eig &sovg), vgl.
Eurip. Ilippol. 454: aus alten Geschichten weifs
man u>g ccvrjQTtcxosv nozs rj y.alhcpsyygg Ksepa-
lov slg Q'sovg "Eag SQWTog ovvshcc. So auch
Xenoph. Gyn. 1 , 6. Paus. 3 , 18, 12. Anton.
Lib. 41 ( enoiriGuxo avvomov). Athen. 13 p. 566 d.
Manches Eigentümliche zeigt die attische Form
der Sage, welcher Apollodor 3, 14, 3 zu folgen
scheint, indem er erzählt: „Eos raubte aus
Liebe den Kephalos, der Kekropstochter Herse
und des Hermes Sohn, verband sich mit ihm
in Syrien und gebar ihm den Tithonos, dessen
Sohn dann Phaethon wurde“ , während eben-
derselbe, wo er andern Quellen folgt, den
Kephalos, wie sonst üblich, als Deions Sohn
und Tithonos als Gemahl der Eos bezeichnet,
Bobert, Apollod. p. 9. 54. Enger als an Eos
ist Kephalos in der paralischen Lokalsage an
Prokris, des Erechtheus Tochter, und an deren
wechselvolles Geschick gefesselt. Nachdem
dieser Mythus mannigfache Umbildung und
Erweiterung erfahren, wurde schliefslicli auch
die Sage von der Entführung des Kephalos
durch Eos mit demselben verschmolzen. Hier
io
20
30
40
50
60
1269 Eos (Mythen; Kephälos)
kommt es gar nicht zu einer wirklichen Ver-
bindung des Kephälos mit Eos: in glücklicher
Ehe mit Prokris verbunden widersteht Kepha-
los aus Treue gegen die Gattin dem Liebes-
werben der Eos und diese hilft ihm zur Durch-
führung seines Plans, die Treife der Prokris
auf die Probe zu stellen (s. Kephälos). Wann
diese Verschmelzung, die sich für uns zuerst
bei Ovid findet, vor sich gegangen ist, wissen
wir nicht. Wenn wir aber auf den Bildwerken
neben dem Typus, der in geschlossener Gruppe
den Raub des Kephälos und das bevorstehende
Liebesglück der Eos darstellt (s. unten Ab-
schnitt III, 2), in der attischen Kunst gegen
das Ende des 5. Jahrh. die Form der blofsen
Verfolgung aufkommen sehen, bei welcher
Kephälos sich nicht nur der Verfolgerin zu ent-
ziehen sucht, sondern ihr auch zuweilen offenen
Widerstand entgegensetzt (s. unten Abschnitt
III, 3), so wird man darin eine jene Verschmel-
zung vorbereitende Rücksicht auf den Prokris-
mythus finden dürfen, zumal da man in jener
Zeit in Attika anfing die Landessagen zu ver-
gleichen und zusammenzustellen. Die Abnei-
gung, welche Kephälos gegen Eos zur Schau
trägt, setzt offenbar die Liebe desselben zu
Prokris voraus.
Kephälos erscheint in seiner Verbindung
mit Eos ebenso wie im Prokrismythus als
Jäger. Dem einfachen Mythus von Eos und
Kephälos mag angehören, was Ovid. Met. 7,
090 und Hygin. f. 189 über ihre Begegnung
erzählen: Als eifriger Jäger ging Kephälos vor
Tagesanbruch, wie man in Attika pflegte ( Eur .
Phaeth. fr. 775), auf die Höhe des Hymettos,
um zu jagen; da sah Eos den schönen Jüng-
ling, entbrannte von Liebe und entführte ihn.
Auch auf den Bildwerken erscheint er fast
immer als Jäger. Aber er ist kein gewöhn-
licher Jäger; er besitzt wie der ebenfalls von
Eos geraubte Orion den unsterblichen Hund,
der als Sternbild am Himmel glänzt; wie je-
ner verschwindet er beim Erscheinen der Mor-
genröte. Und statt der abgeblafsten Reflexion,
dafs der gestirnte Nachthimmel, Astraios, mit
Eos den Morgenstern erzeugte, liefs der lebens-
volle Mythus aus der Liebe der Eos zu Kepha-
los den strahlenden Phaethon als Sohn ent-
springen. Wie dieser den Morgenstern be-
deutet (s. Phaethon), so entspricht Kephälos dem
Astraios und dem Orion. Er ist also der
Jäger am nächtlichen Himmel (s. Kephälos).
So gehören also die Geliebten der Eos teils
dem Licht, teils dem Dunkel an. Der natür-
liche Vorgang, dafs die den Nachthimmel be-
herrschenden, schönheitstrahlenden Wesen beim
Aufgang der Eos verschwinden, wird in der
lebendigen Sprache der Mythologie zu einem
Raub. Rasch naht die beflügelte Göttin, mit
dem Wehen der Morgenwinde, die ihr wesens-
verwandt sind und die ja auch die Menschen
entführen (s. oben Boreas S. 811). Aus welchem
anderen Motiv aber sollte die liebliche, mor-
genfrische Göttin schöne Jünglinge entführen,
als aus Liebe? Die auffallende Zahl von Lie-
besverhältnissen suchten sich die alten Mytho-
logen aus einer Strafe der Aphrodite dafür zu
erklären, dafs Eös mit Ares Umgang gepflogen
Eos (in d. Kunst) 1270
(Apolloä. 1, 4, 4: ezioiei ctvzyv ’AcpQodCzg avvs-
X<ng egäv, ozi "Aqsi gvvsvvixg&ti). Ob ihr liebe-
bedürftiges Herz wirklich aus einer Wesens-
verwandtschaft mit Aphrodite zu erklären ist,
scheint durch die Ausführungen von Sonne,
M. Müller u. Kuhn , Ztsclir. 10 p. 167 f. noch
nicht hinreichend begründet. Überhaupt findet
sich, so zart das Wesen der Eos, namentlich
in der Kunst, aufgefafst ist, kaum ein Ansatz
zu einer Weiterbildung ihres Charakters in
ethischer Richtung. Nur in dem auf sie ge-
dichteten Orphischen Hymnus 77 wird sie (wie
Ushas, Kuhns Zeitsclir. 10, 362) als Führerin
und Vorsteherin der menschlichen Arbeiten
und Verleiherin eines thätigen Lebens gefeiert,
als die Freude des Menschen , wenn sie den
Schlaf von seinen Augenlidern geschüttelt, als
die Wonne aller Kreatur, jedoch mit der mysti-
schen Schlufswendung:
ftdld ydxttiQU , ccyvt], yvGzcag liqov cpdog
civigoig.
Auch Quint. Smyrn. 6 , 3 drückt die Freude
der Scliöpfungaus bei ihrem Aufgang: yehxGGe
de yuCa xai cd&rjQ. Wenn sie dagegen bei
Tibull 1 , 3 , 93 glückbringend genannt wird,
so ist unter Aurora nur der Tag mit dem, was
er bringt, zu verstehen, nicht die Göttin; vgl.
auch Quint. Smyrn. 8, 473: alloze yüg zi qp ilr\
nelei ? ]cbg alloze d’ ex&Qrj. Nirgends wird sie
wie Ushas ( Pigv . 2, 13. 5, 7. 11, 3. 17, 5 u.
s. w.) als Spenderin aller Glücksgüter ange-
fleht; denn es fehlt ihr der Kultus.
HI. Eos in der Kunst.
1. Zu den ältesten Darstellungen der grie-
chischen Kunst gehört der dem alten Epos
(s. o.) entnommene Zweikampf des Achil-
leus und Memnon in Gegenwart ihrer Müt-
ter Thetis und Eos. Wie derselbe schon auf
der Lade des Kypselos abgebildet war (Paus.
5, 19, 1), so findet er sich ganz entsprechend
der Ausdrucksweise des Pausanias a. a. 0.
Ist Jtai MefivovL ya%oyevoig 7tuQSGzf\Y.cxGiv
ai ggzegeg auf Denkmälern der ältesten Gat-
tungen dargestellt, auf melischen Vasen, Conze,
Mel. Tliongef. Taf. 3, korinthischen mit Tier-
streifen, Mus. Gregor. 2, 28, 1, und chalkidi-
schen, Florent. Mus. n. 1784; vgl. Körte , An-
nali 1881, 170. Die Mitte nehmen die beiden
Kämpfenden ein, zu beiden Seiten stehen sich
Eos und Thetis symmetrisch gegenüber, in
gleicher oder wenig variierter Kleidung, Chi-
ton und Mantel, beide regungslos oder beide
mit ähnlichen Gebärden der Angst. Die direkte
Fortsetzung dieser Darstellungsweise bilden die
schwarzfigurigen Vasen, aufgezählt bei Over-
beck, her. Bildw. p. 517 n. 40 — 59, vgl. Körte
a. a. 0. Auf manchen derselben sind die bei-
den Göttinnen nicht zu unterscheiden; auf an-
deren dagegen ist Eos durch die stärkeren Ge-
bärden der Angst oder des Schmerzes (wie
vielleicht schon auf dem melischen Thonge-
fäfs) oder durch ihre Aufstellung hinter dem
unterliegenden Kämpfer näher bezeichnet. Die
lebendigste Auffassung zeigt Gerhard, a. V.
3,211. So behielt nun auch die Vasenmalerei
des 5. Jahrh. in roten Figuren diesen Typus
Zweikampf des Achilleus und Memnon in Anwesenheit von Eos und Thetis (nach Overbeck, Gallerte Tafel 22; vgl. S. 1272, 3).
1271 Eos (in cl. Kunst)
Eos (in d. Kunst) 1272
noch eine Zeit lang bei; so Mon. d. Inst. 11, 33
die beiden Göttinnen mit ganz gleichen Ge-
bärden. Auf dem attischen Yasenbild b. Ger-
hard, a. V. 3, 204 (bei Overbeck n. 60 ; s. die
Abbild. S. 1271) zeigt dagegen Eos, durch be-
sterntes Gewaifd ausgezeichnet, die tiefste Trauer
über den Ausgang des Kampfes, indem sie die
Hand an das Hinterhaupt führt. Nun erhält
Eos auch Flügel (vom Typus 2 entnommen),
aber der Symmetrie zu lieb ebenso Thetis
( Gerhard , Trinksch. u. Gef. I).). In ähnlicher
Gegenüberstellung mit Thetis behandelte die
attische Vasenmalerei des strengen Stils noch
die Bitte der beiden Göttinnen um das Leben
ihrer Söhne an Zeus (Overbeck n. 66), verliefs
aber dann diesen Gegenstand. Über die Gruppe
des Lykios, das einzige Skulpturwerk, s. oben.
2. Anschaulicher tritt die Naturseite der
Göttin vor Augen in demjenigen Typus, der,
an den Mythus von der Entführung schöner
Jünglinge durch Eos anknüpfend , sie als ein
geflügeltes , rasch durch die Lüfte eilendes
Wesen darstellt. Hierfür hatte die älteste
Kunst das bekannte Motiv der mit niederge-
beugtem Knie, den Unterkörper im Profil, den
Oberkörper en face, dahineilenden Figur. So
wurde Eos auch in der archaischen Kunst
Südetruriens dargestellt, auf dem Thonakrote-
rion von Cäre, Arch. Ztg. 40 Taf. 15 (s. d. Ab-
bildg. S. 1273), am Rücken und an den Füfsen
beflügelt, in langem (aufgemaltem) Chiton und
Mantel, mit Locken und Diadem geschmückt,
wie sie mit einem Knaben über das Wasser
dahineilt. Damit stimmen die etruskischen
Spiegel überein, besonders Mon. d. Inst. 3,
23, 3, wo das altertümliche Motiv des nieder-
gebeugten Knies noch mehr hervortritt. Diese
noch archaische, aber feine und zarte Kompo-
sition, auf welcher Eos (im Strahlenkranz) den
entführten Jüngling zärtlich anblickt, erinnert
an das Liebesglück, das seiner wartet; vergl.
auch die jugendlich liebliche Gestalt der
Bronzegruppe ebendas, n. 2. Die etruskische
Kunst folgt hierin der altgriechischen und
zwar wahrscheinlich (vgl. Furtwängler , Arch.
Ztg. 40 S. 349 f.) der ionischen Kunst. Dieser
gehört von erhaltenen Denkmälern dieses Ge-
genstands (s. Furtwängler a. a. 0.) vornehm-
lich eine Gruppe (Stirnziegel) von archaischem
Stil mit schon entwickelten Formen an (ab-
geb. ebendas. S. 354) : die beflügelte Eos hält
sorgsam den Knaben in den Armen, der den
rechten Arm ihr vertraulich um den Nacken
schlingt und sich mit der Linken an ihrem
Arm hält. Dann aber auch die Gruppe am
Amykläischen Thron von Bathykles aus Magne-
sia, Paus. 3, 8, 12. Auch diesen Typus über-
nahm nun die attische Kunst des 5. Jahrh. und
bildete ihn weiter aus. Ein noch etwas alter-
tümliches attisches Thonrelief etwa aus der
Kimonischen Zeit ( Curtius , Archäol. Zeitg. 33
Taf. 15, 1, abgeb. unter Kephalos) zeigt Eos
als anmutige, jugendliche Gestalt, mit zurück-
flatterndem Gewand, was hier anstatt der Flü-
gel die rasche Bewegung durch die Luft ver-
anschaulicht, wie sie einen völlig erwachsenen
Jüngling in der bekannten Weise haltend da-
hinträgt , während er den rechten Arm um
io
20
30
40
50
60
1273
Eos (in d. Kunst)
Eos (in d. Kunst)
1274
ihren Nacken schlingt und mit seinem Blick
dem ihrigen begegnet. Der monumentale Cha-
rakter der Gruppe läfst auch hier auf eine
architektonische Verwendung schliefsen, wie
in der That auf dem Dach der Stoa Basileios
in Athen der Raub des Kephalos durch Eos
als Gruppe angebracht war, Paus. 1, 3, 1.
War es geraten, bei den nichtattischen Bildwer-
ken mit Rücksicht auf die andern griechischen
für das runde Innenbild verwendet. Es sind
zwei rotfigurige Vasen des freien, zum Teil
noch etwas strengen Stils, Compte-rendu 1872
Taf. 4, 1 und Mon. d. Inst. 3, 23, 1 (über die
Leyer s. Kephalos), auf welchen die beflügelte
Göttin, in der bekannten Weise den Jüngling
haltend, doch das Gesicht rückwärts von ihm
abwendend , dahin eilt. Dafs dieser Typus
noch bis ins 4. Jahrh. hinein beibehalten wurde,
Stämmen angehörigen Parallelsagen vom Raub io zeigt die attische Vase des edelsten Stils Mon.
d. Inst. 10, 39, 3 (s. d. Abbild. S. 1275/6 nach
Wiener Vorlegeblätter Tf. 12): Eos (HESli.) in
jungfräulicher Gestalt, mit mächtigen Schwin-
gen, eilt kaum den Boden berührend mit Ke-
phalos dahin, der ganz erwachsen gebildet ist.
Den Abschlufs der architektonischen Verwen-
dung dieses plastischen Typus bildet für uns die
von Furtioängler , Arch.
Ztg. 40, 338 (s. d. Abbild.
S. 1277) aus den gefun-
denen Statuenfragmenten
rekonstruierte Akroterien-
gruppe von Delos, ein
kühnes Werk des freien
Stils, das Furtivängler
der ionischen Kunst zu-
schreibt. Die Stellung
der Göttin im ganzen und
ihr kühnes Ausschreiten
erinnert noch an die
ältere Darstellungsweise;
aber statt den Knaben
in beiden Armen zu tra-
gen hält sie ihn mit einem
Arm hoch und kühn em-
por. Der Hund deutet
aufKephalos, die
enteilenden Mäd-
chen (hier Wald-
nymphen?) auf
eineEntfiih rungs -
scene.
Diesen Entfüh-
rungstypus, der
... die dahinraffen-
de Gewalt der
Eos veranschau-
licht, hat die äl-
tere attische Va-
senmalerei des 5.
Jahrh. auch für
die Memnons-
sage benützt, in-
dem sie dieselbe mit dem toten Memnon ganz
ebenso dahineilen läfst, wie mit Kephalos
(schwarzfig. Vase s. oben Abschnitt II, Mem-
non). Daraus hat dann Duris auf seiner rot-
figur. Vase die weitere Scene entwickelt, wie
die besorgte Mutter die Leiche niederlegt.
Deshalb wird er auch in der attischen Kunst 60 Eos ist hier, wie auch sonst öfter, mit Haube
Eos einen Knaben raubend, Tlionakroterion von Caere (nach Arch. Ztg. 1882 (40) Taf. 15
vgl. S. 1272, 28).
des Tithonos , Orion, Kleitos den geraubten
Knaben unbenannt zu lassen, so sind wir nun
auf dem Boden Attikas, in einer Zeit, wo die
attischen Landessagen die Kunst zu beherr-
schen beginnen ( Robert , Bild u. Lied S. 32),
berechtigt, den Jüngling Kephalos zu nennen.
erwachsen gebildet, weil es die Kephalossage
so verlangt. So auch auf attischen Vasen.
Denn auch in die Vasenmalerei ist in der
zweiten Hälfte des 5. Jahrh. dieser Typus über-
gegangen, obgleich er für die Plastik, und
zwar besonders für architektonische Verwen-
dung erdacht war. Daher wird auch hier die
geschlossene Gruppe ganz besonders passend
und mit grofsen Doppelflügeln dargestellt (s. d.
Abbild. S. 1265/6).
3. Da die geschlossene Gruppe in der Dar-
stellung der Entführungsscene wesentlich der
Plastik angehörte und sich für breitere Flä-
chen wenig eignete, so wandte die attische
Vasenmalerei des freien, schönen Stils gegen
Ende des 5. Jahrh. viel häufiger den auch
1275
Eos (in d. Kunst)
Eos (in d. Kunst)
1270
sonst bei solchen Scenen damals üblichen Ty-
pus der Verfolgung auf Eos und Kepha-
los an. Die Bildwerke sind besprochen von
0. Jahn, Arcli. Beitr. 93 f. und Stephani, Compte
rendu 1872 S. 180, der 48 Vasen mit roten
Figuren und nur eine in nachgeahmt-altertüm-
licliem Stil {Mein. delV Inst. 2 Tf. 15) aufzählt.
Eos fast durchgängig mit grofsen Schulterflü-
geln , sonst in der ge-
wöhnlichen Frauentracht ß Jfü $
jenes Stils , ver-
folgt mit raschen
Schritten,
häufig beide
4. Als Lichtgottheit wurde Eos in der
älteren Kunst noch nicht dargestellt; die natür-
liche Erscheinung der Morgenröte liefs sich
nicht so leicht gestalten, oder, wie bei Helios,
zu der persönlichen Erscheinung hinzufügen.
So wurde für Eos, als die Kunst des 5. Jahrh.
die Typen der Lichtgottheiten schuf, die schon
früher bei mythologischen Scenen verwendete
Gestalt der beflügelten
Jungfrau herübergenom-
men. Noch der Ma-
ler der Vase Bla-
cas nahm mit-
ten unter die
Hände aus-
streckend ,
den Kephalos , der,
immer jugendlich,
meist in Jägertracht, mit
Chlamys, Petasos und ei-
nen oder zwei Speere in
der Hand , sich ihr ent-
zieht, indem er sich zu-
weilen unwillig nach ihr
umwendet (vgl. Millin, vas. 2, 35 abgeb. unter
Kephalos), oder ihr gar Widerstand zu leisten
sucht {Mus. Blae. 18, abgebild. unter Helios;
C.-R. 1872 Tf. 4, 3. Mon. d. Inst. 3, 30); ein-
Erscheinun-
gen des Son-
nenaufgangs die
ganze Scene der
Verfolgung des Kephalos in
der hiefiir üblichen Darstel-
lungsweise herüber. Auch
die Hervorhebung ihrer
glänzenden Erscheinung
durch reichverzierte (be-
sternte) Gewänder, kostbaren Kopfschmuck
(das goldne Diadem Samml. Saburoff 63) und
zuweilen die Strahlenkrone (s. oben) gehört
schon dem älteren Typus an (vgl. das Diadem
mal weist er ihre Tänie zurück {Gerhard, a. V. co der Akroterienfigur von Cäre). Dagegen wird
Eos den Kephalos raubend
(nach Wiener Vorlegeblätter Taf. XII
vgl. S. 1274, 10).
160), wohl mit Rücksicht auf den Prokrismythus
(s. oben II, Verbindung mit Kephalos). Auch
im 4. Jahrh. ist diese Darstellungsweise noch
häufig, vergl. Stephani a. a. O. Tf. 4, 3. 5, 1
u. 3. Kephalos erscheint aber auch mit den
Attributen des attischen Jünglings, Leyer und
Diptychon, vgl. Robert, Bild u. Lied 32. Furt-
wängler, Archäol, Zeitg. 40, 350.
ihr nun der Wagen mit dem feurigen Rosse-
gespann verliehen, in der Vasenmalerei viel-
leicht unter dem Einflufs des hier schon län-
ger üblichen Helioswagens (vgl. dagegen oben I,
Wagen). Denn allerdings geschieht dies häu-
fig auf Vasenbildern des schönen Stils noch
aus dem 5. Jahrh., auf welchen Helios mit
dem Rossegespann aus dem Okeanos aufsteigt,
1277
Eos (in d. Kunst)
Epeios
1278
ihm voran die geflügelte Eos mit dem Zwei-
odhr Viergespann, während die reitende Selene
(vor oder nach Eos) abzieht und die Sterne
gezeichneten Vasenbildern allein zu Wagen
dargestellt, wie sie mit geflügeltem Vierge-
spann aus dem Okeanos auftaucht, auf dem
Innern der Gigantenschale streugen Stils, Ger-
hard, Ges. Abli. Taf. 8, 3 (s. d. Abbildg. S. 1277),
oder wie sie mit Peitsche und Zügel kräftig
die feurigen Pferde lenkt, Mus. Greg. 2, 18, 2.
Gerhard, a. V. 2, 79. 80; so auch aut' Spiegeln,
Münzen und Gemmen , vgl. Gerhard, Liclitg. 380.
ÜberEos alsTaugöttin s. ob.
Abschnitt I. In einer an-
dern, aber auch schon seit
Pheidias üblichen Darstel-
lungsweise der Lichtgott-
heiten , in welcher diesel-
ben anderen Vorgängen
zur Umrahmung dienten,
wurde dem Helios Selene
gegenübergestellt , welche
nun Eos mehr und mehr
verdrängte, auch ip der rö-
mischen Kunst; vgl. Ger-
hard, Lichtgotth. S. 384 f.
[Rapp.]
~ 1
Eos den Kephalos raubend, Akroteriengruppe von Delos ( Arc/i . Zig. 40, 338)
Vergl. S. 1274, 18.
(als Knaben) ins Meer tauchen (vergl. Samml.
Saburoff G3, abgeb. unter Helios, und die an-
dern von Furtwängler dazu angeführten Vasen).
Auch die Rosse der Eos sind zuweilen, früher
Eos mit dem Viergespann auftaucliend
(vgl. S. 1278, lff.).
häufiger, beflügelt. Auch noch auf späteren,
unteritalischen Vasen ist diese Vereinigung
der Lichtgottheiten beliebt (vgl. Gerhard, Ges.
Abh. Taf. 6. 7), und zwar schwebt hier dem
Wagen der Eos eine beflügelte Erotengestalt
(Phosphoros?) voraus. Dagegen wurde Eos
auch schon im 5. Jahrh. auf besonders sorgfältig
nengottes, Uv. Met. 2, 153.
[Schultz.]
E palte s (’Encolrijs), ein
Troianer, von Patroklos ge-
30 tötet, Hom. II. 16, 415. [Schultz.]
Epaphos (’Enacpog), 1) Sohn des Zeus und
der Io, den diese nach langem Umherirren am
Nil gebar. Die Kureten verbargen ihn auf
Verlangen der Hera, wurden aber von Zeus
getötet. Nach langem Suchen findet Io den
Epaphos in- Syrien wieder. Er wird darauf
König in Ägypten und vermählt sich mit der
Memphis, der Tochter des Nil, oder mit der
Kassiopeia ( Hyg . f. 149), und baute Memphis.
40 Von seiner Tochter Libya wurde Libyen be-
nannt, Apollod. 2, 1, 3. 4. Andere Töchter
sind Lysianassa und Thebe, Apollod. 2, 5, 11.
Scliol. II. 9, 383. Vergl. Aesch. Prom. 846 ff.
Suppt. 47, 536 ff. Eur. Phoen. 678 ff. m. Schot,,
Pind. Pyth. 4, 25. Ncm. 10, 9. — Steph. Byz.
s. v. Ilvyyciiog nennt Doros als Sohn u. Pyg-
maios als Enkel des Epaphos. Nach Strab.
10, 445 hatte Io den Epaphos in einer Grotte
auf Euboia geboren, Herodot (2, 153. 3, 27, 28)
50 erklärte den Namen Epaphos = Apis. Vgl.
O. Müller, Prot, p. 183. II. D. Müller, Myth.
d. griech. Stämme 1 p. 56 ff. ; 2 p. 291. — 2)
Sohn des Erebos und der Nacht, Hygin. u. a.
[Schultz.]
Epeigeus (’Ensiyevs) , Sohn des Agakles,
Herrscher in Budeion , der , weil er seinen
Vetter getötet, fliehen mufste und bei Peleus
Schutz fand. Später wurde er von diesem mit
Achill gegen Ilion gesendet und dort von Hek-
oo tor erlegt, Hom. II. 16, 570 ff. [Schultz.]
Epeios (’Eneiög), 1) Sohn des Endymion,
siegt in dem Wettlauf, den Endymion seine
Söhne Paion, Epeios und Aitolos um die Herr-
schaft in Elis anstellen liefs, und erhält das
Königtum; seine Unterthanen wurden nach
ihm Epeier, erst später nach Eleios, einem
Sohn seiner Schwester und des Poseidon, Eieier
genannt, Paus. 5, 1, 3 u. 8. — 2) Sohn des
1279
1280
Epeios
Epeur
Panopeus, Od. 8, 492. Paus. 2, 29, 4. Fiat.
Ion p. 533 A, nahm mit 30 Schiffen am troia-
nischen Krieg teil, T)ict. 1, 17. In der Ilias
23, 665 ff. erscheint er bei den Leichenspielen
des Patroklos als Sieger im Faustkampf über
Euryalos (Kampfpreis ein Maultier) beteiligt ;
ib. v. 835 ff. besteht er beim Werfen der
eisernen Kugel des Eetion mit schlechtem Er-
folg und wird von den andern ausgelacht.
Athenaios 10 p. 456 F erwähnt eine Sage,
wornach Epeios der Wasserträger der Atrei-
den gewesen sei: dieselbe findet sich auch bei
Stesichoros, der davon sagt: ov/.xhq:- yctrj ccv-
t.ov | väcog asl cpOQiovtcc Aibg hovqcc ßaoi-
Irvßtv; in dieser Eigenschaft sei Epeios auch
im Apollontempel zu Karthaia dargestellt ge-
wesen; den Esel, der dort Wasser herbei-
tragen mufste, habe man deswegen auch Epeios
genannt.
Am berühmtesten ist Epeios als der Künst-
ler, der das hölzerne Pferd erbaute , mit des-
durch Hammer in der R. , Meifsel in der L.,
und durch die um den Leib kurz aufgegürtete
Exomis. Hinter ihm steht Athene, seine Be-
raterin, und weist einen in einen Mantel ge-
kleideten Bärtigen, einen Repräsentanten des
griechischen Heeres auf das fertige Pferd hin,
das wie auch in anderen Darstellungen, nicht
besonders grofs und nicht gerade als ein
künstliches bezeichnet ist; vor Epeios und
dem Pferd (r.) sitzt unter einem Baume reich
bekleidet und bärtig Agamemnon, durch Thron
und Scepter als König charakterisiert, dem
der Künstler das fertige Werk übergiebt.
Spätere Sagen lassen Epeios nachmals Pisae
in Italien gründen, Serv. Verg. Aen. 10, 179,
andere Metapont , wo sogar im Tempel der
Athene die Werkzeuge gezeigt wurden , mit
denen er das Rofs verfertigt haben sollte, Iust.
20, 2. [Weizsäcker.]
Epeiros (’' HneiQog ), 1) Tochter des Echion,
die mit Kadmos und Harmonia (s. d.), cpsQO-
Epeios zwischen Atliena und Agamemnon (Vasenbild nach Overbeck , Gail. Taf. 25, 3; vgl. S. 1279, G5 ff.).
sen Hilfe Troia erobert wurde, Od. 8, 493.
11, 523. Verg. Aen. 2, 264. Ein anderes Kunst-
werk von ihm, ein Schnitzbild des Hermes in
Argos, erwähnt Paus. 2 , 19 , 6 , eine eherne
Nachbildung des hölzernen Pferdes auf der
Akropolis zu Athen von Strongylion Paus. 1,
23, 8, eine andere in Delphi von Antiphanes
Paus. 10, 9, 6.
In der bildenden Kunst wurde Epeios
verschiedentlich dargellt : z. B. von Polygnot auf
seinem grofsen Gemälde in der Lesche zu Del-
phi, Paus. 10, 26, 1, nackt, die Mauer der
Troer niederwerfend, über der nur der Kopf
des hölzernen Pferdes sichtbar wird. Die Dar-
stellung im Apollontempel zu Karthaia s. o.,
weitere bildliche Darstellungen bei Overbeck,
die Bildwerke des tlieb. u. troischen Sagenkrei-
ses S. 607—617, nr. 83—94 (vergl. auch das
Bild oben S. 97). Unsere Abbildung, einer
rotfigurigen Kylix aus Vulci, jetzt in Mün-
chen, entnommen ( Overbeck , Gail, heroisch. Bild-
werke Tf. 25, 3), macht den Künstler kenntlich
fisvrj tcc IlevQ'scos Xshpava, nach dem Nord-
westen auswanderte , in einem Haine , wo die
chaonische Anthippe-Sage (oben S. 369) spielt,
beerdigt ward und der Landschaft den Namen
gab: nur bei Parthen. narr. amat. 32 (p. 334
in Meinekes Analecta Alexandrina). Sie ist,
wie viele geographische Eponymoi, eine Schö-
pfung der spätesten gelehrten Mythenbildung.
Le Grands Korrektur ’HnnQcö ist unnötig:
Lobeck, path. prol. 23. Vgl. Unger, Thebana
parad. p. 51. — 2) Vater des Libys: Scholl.
II. 9, 383 p. 258 Bekk. = Porphyr, quacst.
Hom. rell. ed. Schräder p. 138 (sonst unbe-
kannt). [Crusius.]
Eperitos CEuriQizog) , Sohn des Apheidas
aus Alybas, für welchen sich Odysseus aus-
gab , als er nach Ermordung der Freier zu
seinem Vater Laertes kam, Hom. Od. 24, 305.
Epeur (epeur), etruskischer Name eines
kräftigen , nackten , geflügelten Knaben , den
Hercle auf einem reichgeschmückten Spie-
gel unbekannter Herkunft, früher im Museum
1281 Ephesos
Durand, jetzt in der Pariser Nationalbiblio-
thek, dem thronenden Tinia, d. i. Iuppiter,
hinhält, während an den Seiten Turan, d. i.
Venus, und Thal na (ffalna), sitzen; s. über
die übrige Darstellung d. Art. Elchsntre. De
Witte, Catdl. Durand n. 1972, p. 420ff.; id.,
Orioli u. Cavedoni , Ann. 1834, 183 ff. ; 1840,
268 ff. Monum. vol. II, tav. VI. Gerhard , Etr.
Spiegel 3, 174 ff. , tav. CLXXX1. Fahr. Gl. It.
col. 379ff. C. I. I. 2500. Unter der Variante
Epiur (epiur) erscheint derselbe Knabe mit
llercle allein auf einem volcentischen Spiegel
des Berliner Museums; s. Brunn, Bullet. 1862,
110. Gerhard, Etr. Sp. 4, 79, tav. CCCXXXV,
nr. 2. Fahr. C. 1. I. 2146bls. Der Knabe
ist wohl sicher als Sohn des Herakles und der
Hebe zu denken, und der etruskisierte Name
der letzteren steckt wohl im Anfang seines
Namens. Schwerlich ist mit Cavedoni a. a. 0.
und Gerhard an sniovQog zu denken, s. Schwende,
Bhein. Mus. N. F. 3, 138. [Deecke.]
Ephesos ("Etpsaog), die Eponyme der Stadt
wird Amazone und Priesterin der Artemis ge-
nannt, Heracl. Pont. fr. 34. Steph. Bgz. und
Etym. 31. s. v. "Ecpscog. Nach anderen war
die Priesterin Ephesos Mutter der ’Aycxgco, von
welcher die Amazonen abstammen sollten, vgl.
Steph. Byz. a. a. 0. Hesych. s. v. ’Ayu^co.
Cramer , Anecd. Oxon. 1 p. 80. Eustath. ad
Dionys. Perieg. 828. Oder 6 "Eepsaog hiefs
Sohn des Flusses Kaystros und Enkel derPen-
thesileia. [Klügmann.]
Epliialtes (’Egudlzrjg), 1) einer der Gigan-
ten, dem im Kampfe mit den Göttern von
Apollon das linke , von Herakles das rechte
Auge ausgeschossen wurde , Apollod. 1 , 6 , 2.
Gegner des Poseidon ist er auf einem Vasen-
bilde, Overheek, Griech. Kunstmyth. Bes. Teil,
2. Bd. 2. T. 3. Buch p. 331. Atlas Taf. 13,
nr. 1. — 2) einer der Aloaden (s. d.). — 3)
ein Spukgeist nach Art des Incubus und der
deutschen Alpe ; er wird als Dämon bezeichnet
und mit Pan identificiert, Artem. 2, 34. 37.
Er heifst auch ’Enidlzyg, ’Enicilyg, ’Ecpslrjg,
’Enojqjflgg u. s. w. ; Ticpvg, Evönav, Baßovzgt.-
r-doiog. Böckh , expl. Pind. p. 271. Straho 1,
19. Schot. Arist. Wesp. 1033. Hes. s. v. smü-
hqg, sepialog, cocpslgg. Welcher , Götterlehre 3
p. 214. Preller, Griech. Myth. I3 p. 617 A. 4.
Mannhardt , Antike Wald- und Feldkulte 2,
132. 178. Wehrmann in Jahns Archiv 18 p. 26.
A. 16. [Schultz.]
Ephipnos ('Egnnvog), Beiname des Zeus bei
den Chiern, Hes. s. v. [Schultz.]
Epliippos ("Ecpinnog), Sohn des Poimandros,
Vater der Akestor aus Tanagra in Böotien,
der für seinen Vater um die Hilfe des Achill,
Tlepolemos und Peneleos im Kampf gegen
die Achäer warb, Flut. Qu. Gr. 37. [Schultz.]
Ephyre ( ’Ecpvgri ), Tochter des Epimetheus,
giebt der Stadt Ephyre, dem späteren Korinth,
den Nameh, Schol. Apoll. Rhod. 4, 1212. Eust.
zu II. 2, 570. Bei Eumelos (Paus. 2, 1, 1.
Schol. a. a. 0., wo aber die pariser Handschr.
Eiyaviörig anstatt Eypylog hat; vgl. Marclc-
scheffel Hes. etc. fragm. 401) ist sie die Toch-
ter von Okeanos und Tethys und Gattin des
Epimetheus und bewohnt zuerst die Land-
Roscher, Lexikon der gr. u. rüm. Mytkol.
Epidotes 1282
scliaft Korinthia, Ilygin. f. 275. Denselben
Gemahl, aber Myrmex als Vater, nennt Steph.
Byz. s. v. KoQivdog. Epimenides giebt ihr
den Aietes zum Sohn, Schol. Apoll. Rh. 3, 242.
Eudoc. 31, 7 — 9). Neben zwei Okeaniden kommt
Ephyre auch bei Verg. georg. 4, 343 als Ge-
nossin der Flufsnymphe Cyrene vor, unter den
Nereiden bei Hygin in den Vorbemerkungen,
Hygin 10, 20 (Schmidt). Sie fehlt im Verzeich-
nis der Okeanostöchter bei Hesiod. Theog. 350.
[ Wilisch.]
Ephy ros ("EcpvQog) , Sohn des Ambrax, He-
ros eponymos von Ephyra in Epirus, Steph.
Byz. s. v. ’EcpvQa. [Steuding.] [altes.
Epiales und Epialtes (’Emdlzrig) , s. Ephi-
Epidamnios (’Emödyviog) , Vater der He-
lene , einer Dienerin der Aphrodite , die von
den Epidamniern verehrt wurde als eine Göt-
tin, die den Hungrigen Güter verleihe, ver-
dächtige Sage bei Ptol. Heph. 4; vergl. Phot.
Bihl. 149, 17. [Schultz.]
Epidamnos (’Enidagvog), König der Barha-
ren in der Gegend der von ihm gegründeten
Stadt Epidamnos, Appian. hell. civ. 2, 39.
Philo Byhl. bei Steph. Byz. s. v. dvQQÜ%io v.
[Steuding.]
Epidauros (’EniSavQog) , Sohn des Argos
und der Euadne nach den grofsen Eoien und
argivischer, des Pelops nach eleischer, des
Apollon nach epidaurischer Sage, Apollod. 2,
1, 2. Paus. 2, 26, 3. [Schultz.]
Epidins. C. Epidius aus Nuceria soll nach
der bei Sueton. de gramm. et rhet. 28 p. 124 Rff.
erhaltenen Sage vor Zeiten in die Quelle des
Flusses Sarnus gestürzt und wieder mit Stier-
hörnern zum Vorschein gekommen sein, worauf
er verschwand und als Gott angesehen wurde;
von ihm leitete der Rhetor Eyhdius, der Leh-
rer des Vergil, M. Antonius und Augustus sein
Geschlecht ab: hic Epidius (d. i. der Rhetor)
ortum se a C. Epidio Nucerino praedicahat,
quem ferunt olim praecipitatum in fontem flu-
minis Sarni paulo post cum cornihus taureis
(so 0. Jahn-, wie sich aus dem kritischen Appa-
rat Reifferscheids und dessen Quaestiones Sue-
tonianae S. 417 ergiebt, ist aureis überlie-
fert; in den Ausgaben vor Reifferscheid fehlt
das Epitheton) extitisse ac statim non compa-
ruisse in numeroque deorum liabitum.
[R. Peter.]
Epidotes (EzaScozyg, Dor. ’EmStazag , Plu-
tarcli. ’EniSozgg, der Geber, der Verleiher), 1)
Beiname des Zeus in Lakedaimon, Hesych. s. v.
’Enidwzag. Zu Mantinea hatte er unter die-
sem Namen sein Heiligtum neben dem des
Zeus Soter, Paus. 8, 9, 1 (stuölSovcu yäp dry
ayaffa avzov ccv&Qconoig). Vergl. Plut. adv.
Epicur. c. 22. In einer Inschrift von Termes-
sos hat er den Beinamen zUo zrjg, Ann. d. Inst,
dreh. 24, 177. Welcher, Gr. Götterl. 2, 183.
Preller, Gr. Myth. 1, 121, 2. Gerhard, Griech.
Mythol. 1 § 199, 11. — 2) Zu Sparta wurde
ein Daimon Epidotes verehrt , welcher den
Zorn des Zeus Hikesios wegen einer blutigen
Schuld des Pausanias abwendete , Paus. 3,
17, 8. Welcher a. a. 0. — 3) Beiname des
Hypnos, dessen Statue, einen Löwen einschlä-
fernd, neben der des Oneiros sich in dem hei-
41
io
20
30
40
50
60
1283
1284
Epidjkos
ligen Bezirk des Asklepios bei Sikyon befand,
Paus. 2, 10, 2. Das Bild hatte Bezug auf die
in den Asklepieen übliche Schlafwahrsagung,
s. oben Asklepios S. 626. — 4) Osol ’EniSäxca,
dem Asklepios nahestehende, bei der Heilung
wohlthätige Daimonen zu Epidauros. Antoni-
nus Pius hatte ihnen dort ein Heiligtum und
dem Asklepios ein Bad erbaut, Paus. 2, 27, 7.
Welcher a. a. 0. [Stoll.]
Epidykos ( ’EnCdvAog oder ’EnClvv.og ?), Sohn
des Da'iklos und Vater des Akestor, einer der
von Aiakos abstammenden Vorfahren des Mil-
tiacles und Thukydides, Pherehyd. bei Marcell.
vit. Time. 3. [Steuding.]
Epie (epie), unsichere Lesung des Namens
einer schmückenden etruskischen Göttin auf
dem Spiegel bei Gerh. tav. CCXIII, mit griech.
’HnCri kombiniert; s. Enie. [Deeeke.]
Epieikeia (’EmsUsici), die römische Clemen-
tia (s. ch), Plut. Caes. 57, 2. Appian. bell. civ. 2
2, 106. [Steuding.]
Epigeios (’EnCysiog) s. Eliun.
Epigonoi (’Eniyovoi) siehe Alkmaion, Am-
philochos, Actrastos, Aigialeus, Diomedes, Pro-
machos, Sthenelos, Thersandros, Euryalos.
[Steuding.]
Epikaste (’EniY.u.Gvr\), 1) Tochter des Kaly-
don, Gemahlin des Agenor, Apollocl. 1, 7, 7. —
2) Tochter des Angeias , Geliebte des Hera-
kles, Mutter des Thessalos, Apottod. 2, 7, 8.
— 3) Mutter und Gattin des Oidipus (= Io-
kaste), Hom. Od. 11, 271. Paus. 9, 5, 5. Apollod.
8, 5, 7. Nie. Damasc. frg. 15. Plut. cur. 2.
Res. s. v. Kcelrjv. — 4) Gemahlin des Agame-
des in Arkadien, Mutter des Trophonios und
Kevkyon , Schol. Arist. Nub. 508. — • 5) Ge-
mahlin des Klymenos in Argos , Mutter der
Harpalyke, des Idas und Theragros, Partlien.
Er. 13. [Schultz.]
Epikles (’Eniy,lris) , ein lykischer Bundes-
genosse der Troianer, von Aias dem Telarno-
nier vor Ilion erlegt, Rom. R. 12, 378.
[Schultz.]
Epiklibanios (’Emy.hßdv tos), Sext. Empir.
adv. math. 9 , 185 : Beiname der Artemis als
Patronin des Brotbackens. Vgl. unten Epimy-
lios. [Crusius.]
Epikurioi (’Eniy.ovQioi fteoi); C. I. Gr. 139.
158. 213. 2953 b, auch Beiname des Asklepios,
der Hygieia u. s. w. [Roscher.]
Epilais (’Enilcds) , Tochter des Thespios
(s. d.). [Schultz.] i
Epilaos- (’Enil aog, ’EmUcav, nach Ashl, in
Schol. Apoll. Phod. 1, 156, wo der cod. Par.
’E7U[isv7]s hat), Sohn des Neleus und der Chlo-
ris, Apollod. 1, 9, 9. [Schultz.]
Epilysamene (’Enilvaayivri) , 1) eine der
Eileithyien, Hesycli. — 2) Beiname der De-
meter bei den Tarentinern und Syrakusanern,
Resych. [Steuding.]
Epiinedes (’Emfirjd'rjs), 1) einer der idäischen
Daktylen oder Kureten (s. d.). Er hatte zu
Olympia einen Altar, wie auch seine Brüder,
Paus. 5, 7, 4. 5, 14, 5. — 2) Ein Sänger des
Priamos, Schol. II. 24, 720. [Stoll]
Epiinelia, die personifizierte Sorgfalt, er-
scheint als Dienerin der Philologia bei Mart.
Cap. 2, 145. [Steuding.]
Epimylios
Epimelides (’EnipiqliSsg) , Schafherden be-
schützende Nymphen (s. d.), Phryn. bei Beklcer,
An. p. 17, 7. Schol. II. 20, 8. Long. Fast.
2, 39(27). Alläphr. 3, 11. Schol. Apoll. Phod.
4, 1322. Suid. Von den Messapiern wurde er-
zählt, dafs diese Nymphen an den sogenann-
ten heiligen Felsen sich mit jungen Hirten,
die sich gerühmt besser zu tanzen als sie, in
einen Wettkampf eingelassen und diese be-
siegt hätten. Zur Strafe seien die Hirten dann
von ihnen in Bäume verwandelt worden, deren
Klagelaute man noch später nachts gehört
habe, Nilcandr. bei Anton. Lib. 31 in Wester-
mann, Mythogr. Vgl. ’ETUfiyhdSsg bei Paus.
8, 4, 2. [Steuding.]
Epimetheus (’Eniyrfösvg) 5 einer der vier
Söhne des Iapetos (s. Prometheus , Pandora),
Res. Tlieog. 511 f. Op. et D. 83 ff. Apollod. 1,
2, 3. 7, 2. Eine Figur, die im augenschein-
lichen Gegensatz zu dem vorausdenkenden
Bruder Prometheus erdacht ist als Vertreter
des unüberlegten Handelns, des zu späten Be-
denkens der Handlungen. Als solcher erweist
sich Epimetheus in den (wenigen) Fällen, wo
überhaupt von ihm die Rede ist; darum heifst
er auch ayoiQTivoog, Res. Theog. 511; oipCvoog,
Find. Pyth. 5, 35. Nachdem Prometheus in
Mekone den Zeus beim Opfer betrogen (Schol.
Find. N. 9, 123) und den Feuerraub vollbracht
hatte , warnte er den Epimetheus von Zeus
irgend eine Gabe anzunehmen. Dennoch nimmt
Epimetheus die von Zeus durch Hermes zuge-
sandte Pandora auf und bringt dadurch alles
Unheil über die Menschen, entweder sofern
nach der Anschauung der Theogonie a. 0. und
v. 570 ff. alles Unheil von den Weibern stammt,
oder sofern Pandora aus ihrem Fafs alle Lei-
den über die Erde sich ergiefsen läfst, Res.
Op. et Dies v. 60 ff. Nach Philodem. n. svasf 3.
130 soll Epimetheus selbst das Fafs der Pan-
dora geöffnet haben. Mit Pandora erzeugte
Epimetheus die Pyrrha, Gemahlin des Deuka-
lion (s. d.), Hygin. f. 142. Apollod. 1, 7, 2.
Pindar nennt seine Tochter Prophasis, „die
Ausrede“ (Pyth. 5, 36), eine Personifikation der
Folge unbedachten Handelns.
Darstellungen desEpimetheus inder bild.
Kunst sind selten. Welcher, Jahrb. d. Vereins
f. A.-F. im Pheinlande Heft 28, S. 54—62,
T. 18 veröffentlicht ein in einem römischen
Grab in Köln gefundenes Glasgefäfs mit der
Darstellung der Anthropogonia. Hier tritt dem
einen Menschen bildenden Prometheus, aus einer
Hütte herauskonnnend, Epimetheus gegenüber
(inschriftl. : ' Tnofirj&svg ), einen kugelförmigen
Gegenstand, vielleicht eben das Fafs der Pan-
dora in den Händen tragend. Darstellung roh
und spät; Ausführlicheres über- dieselbe s. v.
Prometheus. . . 1
In der Litteratur wird der charakteristische
Gegensatz der beiden ungleichen Brüder in
verschiedenen freien Wendungen ausgeführt,
z. B. Plat. Protag. p. 320; auch spricht sich
derselbe in mehreren Sprichwörtern aus.
[Weizsäcker.]
Epimylios (’Enigvhog) , Sext. Empir. adv.
math, 9*, 185. Etym. M. p. 394, 4: Beiname
von Gottheiten als Patronen der Mühlen, ins-
1285
1286
Epiodoros
besondere der Artemis in ihrer Eigenschaft als
agrarische Gottheit (oben Sp. 563) : Welcher,
Kl. Schriften 5, 37 f. Vgl. Epiklibanios, Eu-
nostos, Himalis, Mylanteioi. [Crusius.]
Epiodoros ( ’HjaodcoQOs ) , 1) Beiname des
Asklepios (s. d.), Orpli. Hymn. 67, 3. — 2) Ein
Beiname der Kypris, Stesich. in Schol. Eur.
Or. 249. — 3) Ein Beiname der Musen , Opp.
hol. 4 , 7. [Schultz,]
Epione {Hniovrf), 1) Gemahlin des Askle- l
pios (s. oben S. 621 u. 638 f.). — 2) Tochter
des Merops, Schol. II. 4, 195 (= Hesione).
[Schultz.]
Epiplirades (’EnupQcidrig) , Sohn des Chari-
phemos; einer der Vorfahren Homers in der
bis auf Orpheus zurückführenden Reihe, Ilel-
Ilan., Damast, u. Phereh. bei Prokl. v. Ilom. in
Müller fr. h. gr. 2, 66, 10. Chor, bei Suid.
s. v. "OggQog ( Müller a. a. 0. 3, 641 , 20) und
cert. lief, et Hom. 2 nennen denselben ’Em- 2
cpQadrjs, Sohn des Euphemos. Vergl. Lobeck,
Agl. 323ff. und Welcher , Ep. Cycl.'1 S. 138.
[Steuding.]
Epiphron, Sohn des Erebos und der Nacht,
Hyg. f. a. A. [Schultz.]
Epipole (’Enmölrf) , eine Karystierin, Toch-
ter des Trachion. Sie zog in männlicher Klei-
Idung mit gegen Troia, wurde aber von Pala-
medes verraten und gesteinigt : verdächtige
Sage bei Ptolem. Heph. 5. [Roscher.] 3
Episteiue {’EiuGzfgirf), personifiziert b. Cebcs
20. Arcli. Ztg. 1884, 124. [Steuding.]
Epistor (’Etilgtcoq), ein Troianer, vonPatro-
klos getötet, Hom. II. 16, 695. [Schultz.]
Epistrophos ( ’EzriazQoepog ) , 1) Sohn des
Iphitos, Enkel des Naubolos, der mit seinem
Bruder Schedios die Pliokeer in vierzig Schif-
fen gegen Ilion führte, Ilom. II. 2, 516. Apol-
lod. 3, 10, 8. Diod. 16, 23. — 2) Führer der
Halizonen aus Alybe, Bundesgenosse der Troia- 4
ner, II. 2, 856; nach Palaiph. bei Strabo 12,
551 führte er die Alazonen aus Alope , dem
späteren Zeleia. — 3) Sohn des Euenos, Enkel
j des Selepios, Bruder des Mynes, von Achill auf
dem Zuge gegen Lyrnessos in Theben getötet,
II. 2, 692 mit Schol. ; Strabo 13, 612. [Schultz.]
Epitegios (fEmzsyiog r'iQmg), erwähnt auf einer
att. Inschrift (C. I. A. 3, 290): iSQtvg ’Avdncov
zai r'iQCüog ’Enizsyiov. Vischer hält ihn für Ado-
nis (? vergl. Ar. Lys. 388). [Roscher. J 5
Epithymia {’Erti&vyiu) , die personificierte
Begierde, welche der Aphrodite gleichgesetzt
wird, Tzetz. Antehom. 63; vergl. Sophohl. bei
Athen. 15, 35 c. S. 687. [Steuding.]
Epiur s. Epeur.
Epn (epn), nicht ganz sichere Lesung des
Namens eines besiegten Kriegers auf einem
hi etruskischen Spiegel unbekannten Fundorts
im Britt. Museum?; s. Gerhard, Etr. Spiegel
\ 4, 39; tav. CCCXCI, nr. 2; Fahr. C. I. I. 2534 6
| (andere Lesung Etn). [Deecke.]
Epoclios (". Enoxos ) , 1) Sohn des Lykurgos
i in Arkadien, Apollod. 3, 9, 2. Schol. Apollod.
Bhod. 1, 164; dargestellt im Giebel des Tem-
pels der Athena zu Tegea, Paus. 8, 45, 4. —
l 2) Bruder der Oinoe , Paus. 1 , 33 , 7, darge-
! stellt auf den Bathron der rhamnusischen Ne-
mesis. [Schultz.]
Epona
Epona, Namen einer von den Römern ver-
ehrten Göttin der Pferde, Esel und Maultiere
( luvenal 8, 154 ff. und Schol. z. d. St. Minuc.
Felix Oct. 28, 7. TertuXl. Apol. 16, ad nat. 1,
11. Prudent. Apoth. 197 f.), die von vielen für
eine echt italische oder römische Göttin der
Indigitamenta-wie Bubona, Orbona etc. gehal-
ten wird. Müller, Etrusker 1 S. 17 Anm. 21
= l2 S. 8 Anm. 21. Pott, Etymol. Forsch. 1
S. 127 = 2 Abt. 2ä S. 533. Hartung, Pelig. d.
Römer 2 S. 154. Düntzer in Jahrbücher des
Vereins von Altertums-Freunden im Rheinlande
(= Bonner Jahrb.) 1, 1842 S. 89. Ambrosch,
Über die Religionsbücher d. Römer S. 22. Walz
im Kunstblatt 1845 St. 25 und in Bonner Jahrb.
8, 1846 S 133 ff'. De Wal , Mythologiae sep-
tentrionalis monum. epigraphica latina S. 77 zu
nr. 109. K. Fr. Hermann in Gott. gel. Anz.
1848 S. 593. J. Becher in Bonner Jahrb. 17,
1851 S. 167. Preller, R. M. S. 594 = 23 S. 227.
Diefenbach , Origines europaeae S. 336. Ger-
hard, Gr. Myth. § 984, 6. Corssen, Ausspr. ls
S. 116. 578. Krit. Nachtr. z. lat. Formenlehre
S. 29. 71. 76 f. 181. Fabretti, Glossar, ital.
S. 382. Corssen , Beitr. z. ital. Sprachkunde
S. 83. 126ff. Marquardt, Staatsverw. 3 S. 17.
Curtius , EtymJ S. 462. Sie ist aber sicher
eine fremde, höchst wahrscheinlich eine cel-
tische Gottheit (Epona vom celtischen epo,
' Pferd’ ; Diefenbach , Celtica 1 S. 28. Lersch
in Bonner Jahrb. 2, 1843 S. 120 und 8, 1846
S. 136. W. Chassot von Florencourt das. 3,
1843 S. 51. F. Deycks das. 11, 1847 S. 29.
Zeufs, Gramm. Celt.2 S. 66. A. Rietet in Re-
vue archeol. N. S. 10, 1864 S. 310ff. Schlei-
cher, Compend. 2 S. 240 Anm. 4. Jordan in
Annali d. inst. 44, 1872 S. 47 ff. Kr. Beitr. z.
Gesch. d. lat. Spr. S. 121. 161 und in Prellers
R. M.3 2 S. 227f. Anm. 3. Fick, Sprachein-
heit der Indogermanen S. 9. 129. Vergleich.
Wörterb. I3 S. 5. Marucchi in Annali d. inst.
53, 1881 S. 239ff). Denn da der Name ö
hat {luvenal : | solam Eponam et facies olida ad
praesepia pictas ; Prudentius : nemo Cloacinae
aut Eponae super astra deabus dat solium ; der
von Corssen, Beitr. z. ital. Spr.-K. S. 127 f.
versuchte Nachweis, dafs die Kürze des o an
diesen Stellen eine dichterische Willkür sei,
gründet sich auf eine für Corssen von vornherein
feststehende ursprüngliche Länge des o und ist
daher verfehlt; vgl. Jordan in Annali a. a. 0.
S. 49 f. und in Krit. Beitr. S. 121) und Epona
bei Tertullian nicht in den Reihen der Indi-
geten erscheint (denn Corssens Annahme a. a. 0.
S. 130 , dafs die zweimalige Erwähnung der
Epona bei Tertullian zu den Angaben über
unterordnete römische Gottheiten, die Tertul-
lian aus Varros Antiq. rer. div. genommen
habe , gehöre , ist an sich unwahrscheinlich ;
natürlich ist auch Corssens Zurückführung der
Stelle des Fulgentms p. 561 s. v. semones, in
der Epona mit Priapus und Vertumnus als se-
mones erklärt und dabei Varro in mystagogo-
rum libro citiert wird , auf eine wirkliche Be-
nutzung Varros, grundlos, vgl. über die Stelle
des Fulgentius Lersch in der Ausg. des Folg.
S. 40f.), auch bei Augustiu in den Auszügen aus
Varro nicht vorkommt und ihr Kult von Iu-
41 *
1287
Epona
venal in verächtlicherWeise dem alten numa-
nisclien Gottesdienste entgegengesetzt wird
(gänzlich verkennen dies Walz in Bonner Jahrb.
a. a. 0. S. 132. Corssen a. a. 0. S. 131; rich-
tig aufgefafst von Jordan in Annali a. a. 0.
S. 50), so ist an eine Indigitamenten-Gottheit,
überhaupt _an eine altitalische Göttin nicht zu
denken. Überdies ist die früheste Erwähnung
der Epona eben die bei Iuvenal. Bersch {Bon-
ner Jahrb. 8 S. 136) verglich zuerst die cel-
tische Göttin Divöna (bei Ausonius, ordo ur-
bium nobil. v. 160); Bietet (a. a. 0.) stellte
eine Anzahl gallischer Namen, die ebenfalls von
epo gebildet sind, zusammen (vergl. Marucchi
a. a. 0. S. 241). Die meisten Inschriften und
Bilder der Epona sind in Gallien, Germanien und
Epona
1288
S. 79 f. wurden die cel tisch-germanischen Ma-
tres und Matronae als Vorsteherinnen der Flu-
ren Campestres genannt; s. Campestres und
Matronae), mit Genius Leucorum {Uenzen 5239.
Robert, Epigraphie gallo-romaine de la Moselle,
Paris 1873 S. 15 ff. Taf. 1 Fig. 5. 6. 7). Von
römischen Göttern werden neben ihr genannt:
Iuppiter (C. I. L. 3, 5192), Hercules {C. I. L.
3, 4784; 6, 293, wo Jordan in Annali a. a. 0.
io S. 48 Anm. 2 ganz willkürlich Herculi Epo-
nae S[ilvano ] etc. ergänzt; C. I. L. 7, 1114d)
und Mars, Minerva, Victoria ( C . I. L. 7, 1114d).
Öfter erhält Epona den Beinamen Augusta
( G . I. L. 3, 3420. 4776. 4784. 5312) und wird
für das Wohl des Kaisers und des Kaiserhau-
ses angerufen {Brambach , C. I. Rhen. 864 f.
Epona thronend u. Maulesel (Füllen?) fütternd (Wandgemälde aus einem Circus nach Bianconi , Descr. dei
Circhi tao. XVI; vgl. S. 12S9, 33 ff.).
denDonauländern gefunden worden (Inschriften
in Lothringen, den Rheinlanden, in der Schweiz,
in Vorarlberg, Nassau, Württemberg, Krain,
Kärnthen , Steiermark , Ungarn ; Brambach , G.
I. Rhen. 683. 864. 865. C. I. L. 3, 788. 3420.
4776f. 4784. 5176. 5192. 5312. 5910. 6332a.
Ephem. epigr. 2 n 394. Uenzen 5239. Momm-
senj Inscr. Uelvet. 219; aus England sind G. I.
L. 7, 747. 1114, aus Spanien ist Ephem. epigr.
4 nr. 26, aus Italien nur G. I. L. 6, 293; über
die Bilder s. unten). Die Göttin erscheint in
den Inschriften einigemal mit barbarischen
Gottheiten zusammen: mit Celeia Sancta {C. I.
L. 3, 5192), mit Campestres (das. 5910, 7, 1114;
Walz in Bonner Jahrb. 8 S. 133 f. erklärt die
Campestres falsch als identisch mit den bei
Serv. georg. 1, 21. August, c. D. 4, 8 u. a.
erwähnten römischen Indigeten des Landbaues ;
nach J. Becker in Bonner Jahrb. 26, 1858
50 G. I. L. 4777. 4784); einmal heifst sie Epona
Regina Sancta {Ephem. epigr. 2 nr. 394); unsi-
cher ist die Annahme einer Epona Mater auf
der Inschrift Mommsen, Inscr. Uelvet. nr. 219
Deae Eponae ma . . . \ Opilius etc. Gröfsten-
teils gehen die Widmungen von römischen
Soldaten aus. In den Ställen brachte man an
dem Hauptbalken, der die Decke trug, eine
aedicula mit dem Bilde der Göttin an, das
bei festlichem Anlafs reichlich mit Blumen
60 bekränzt wurde, vgl. Apuleius Met. 3, 27 {Epo-
nac deae simulacrum residens aediculae; auch
Minuc. Felix und Tertullian setzen solche Hei-
ligtümer der Epona in den Ställen voraus;
auf gemalte Bilder deuten die Worte Iuvenals
iurat | solam Eponam et fades olida ad prae-
sepia pictas). Das einzige durch Inschrift
gesicherte Bild der Epona zeigt der in den
Ruinen von Nasium bei Toul gefundene, deae
1289
Epona
Epona 1290
Epona[e] et Genio Leuc{orum ) gewidmete Al-
tar (s. oben): auf der einen Seite desselben
steht Epona zwischen zwei Füllen oder Maul-
tieren, deren eines sie mit der Hand zu lieb-
kosen scheint , während das andere zu der
Göttin emporblickt (aufser Robert a. a. 0. vgl.
J. Arneth, Die neuesten archäologischen Funcle
in Cilli, in Sitz.- Ber. der Wiener AJcad. phil.-
hist. CI. 32, 1859 S. 582 nr. 14. Chassot von
Florencourt in Bonner Jahrb. 3 S. 49 f.). Un- io
zweifelhaft richtig hat also Reifferscheid ( An -
nali cl. inst. 35, 1863 S. 127 f.) das für Epona
Darstellungen charakteristische Merkmal darin
erkannt, dafs die Göttin inmitten zweier oder
mehrerer Pferde, Esel oder Maultiere abgebil-
det wird, an die sie meist schützend oder
liebkosend ihre Hände legt oder denen sie
Futter reicht (vgl. J. Becker in Bonn. Jahrb.
26 S. 100. 55/56, 1875 S. 203 f. und F. Hett-
ner im Katalog des Kgl. Rhein. Mus. Vaterland 20
Altertümer bei der Universität Bonn
S. 79 zu nr. 215); das scheinen auch
die Worte des Minuc. Felix und Ter-
tullian anzudeuten: nisi quod vos et
totos asinos in stabulis cum vestra vel
sua Epona consecratis und vos tarnen
■non negabitis et iumenta omnia et to-
tos cantherios (resp. totos asinos ) cum
sua Epona coli a vobis. Aufser jenem
durch Inschrift gesicherten Bilde sind
daher mit Recht folgende Denkmäler
auf Epona bezogen worden :
1) Epona, auf einem Thronsessel
zwischen vier (2 -f- 2) Mauleseln oder
Füllen sitzend, reicht denselben auf
ihrem Schofse Futter ; Gemälde aus
dem sog. Romulus-Circus : G. L.Bian-
coni, Descrizione dei Circhi etc. publ.
da C. Fea, Roma 1789 Taf. 16, da-
nach Abbildung p. 1287/88; Cattaneo,
Equejade, monumento antico di bronzo
del Museo Naz. Ungherese, considerato
ne ’ suoi rapporti colV antichitä figu-
rata, Milano 1819 Taf. 3 und Taf. 4
nr. 1 nach einer späteren, von cder
Bianconis in Details des Kopfes der
Göttin abweichenden Zeichnung; bei
Bianconi S. 105 f. als Siegerin in den
circensischen Spielen oder Herrin einer
siegreichen Truppe mit ihrem sieg-
reichen Viergespann aufgefafst.
2) Epona mit einer patera in der Rechten
und einem Scepter in der Linken sitzt zwi-
schen zwei Füllen auf einem Thronsessel; ge-
schnittener Stein des Museums Bocchi in Adria,
von Reifferscheid publiciert in Annali d. inst.
38, 1866 Taf. K nr. 3, auf Epona bezogen das.
35 S. 127 ; nebenstehende Abbildung ; von Brunn
im Bull. dell. inst. 1863 S. 35 irrtümlich als
Vesta erklärt.
3) Epona zwischen zwei Füllen oder Maul-
tieren sitzend und an dieselben die Hände
legend^ Marmorstatuette in Rom: Marucchi,
Una rarissima statua della dea Epona, in An-
nali a. a. 0. Tf. S, p. 239 ff. , s. d. Abbildung.
4) Unterer Teil einer ähnlichen Marmor-
Statuette wie nr. 3, die Haltung der Arme des
trümmerhaften Zustandes wegen nicht erkenn-
bar; gefunden am Monte Testaccio in Rom:
Marucchi a. a. 0. S. 248 Anm. 1.
5) Epona in einer Nische zwischen zwei
Pferden, auf die sie die Hände legt, auf einem
Thronsessel sitzend; Bronzetlifelchen, gefunden
1845 bei Ofen: Arneth nr. 20, der eine Abbil-
dung davon bei Häufler, Histor .-topogr . Skiz-
zen von Ofen und Pest anführt; gute Zeichnung
im Nachlasse J. Beckers.
Epona, Marmorstatuette in Rom nach Annali dell ’ Inst. 1881:
Bd. 53. T. S. (vgl. S. 1289, 61 ff.)
6) Epona zwischen zwei Pferden stehend;
Bronzegruppe der ehemaligen Sammlung Feger-
vary de Pulsky, angeführt
von Robert a. a. 0 S. 17.
7) Epona zwischen zwei
einander die Köpfe zukeh-
renden Pferden sitzend ; Re-
co lief von Ohringen, jetzt in
Stuttgart : Mommsen im
Arcll. AnZ. 1861 S. 229 *. Epona (gesclm. Stein
8) Epona zwischen zwei nach Annali dell' Inst.
Pferden, die hinter der Göt- 186o Tao. K nr. 3).
tin hervorkommend nach
aufsen gehen, an dieselben angelehnt stehend
oder halb sitzend, im linken Arm ein Füllhorn
nach Art der Fortuna, in der auf das eine Pferd,
1291
1292
Epona
das den Kopf zu der Göttin zurückwendet, ge-
stützten Rechten einen undeutlichen Gegen-
stand haltend; Relief aus Heddernheim: An-
nalen des Vereins f. nassauische Altertumskunde
und Geschichtsforschung 1 , 1830 Taf. 4 nr. 6,
danach W eigener, Bandbuch der vorzüglichsten
in Deutschland entdeckten Altertümer aus heid-
nischer Zeit (Weimar 1842) Taf. 61 Fig. 526
und Bergmann a. a. 0. Taf. 1 A (bessere
Zeichnung in Beckers Nachlafs); Arneth nr. 24. i
J. Becker, Die Heddenheimer Votivhand, Frank-
furt a. M. 1861 S. 6, 21 f. ; als Epona zuerst
von Bergmann S. 18 erklärt.
9) Epona, mit der emporgehobenen Linken
das den Hinterkopf verhüllende Gewand, in
der gesenkten Rechten eine Schale ( llleyde -
mann) oder ebenfalls das Gewand (. Dütschke )
haltend, steht zwischen zwei hinter der Göt-
tin hervorkommenden, nach aufsen schreiten-
den Füllen, die ihre Köpfe zur Göttin um- und 2
emporwenden; das Ganze in nischenartig ver-
tieftem Felde; schlecht erhaltenes Relief im
Museo archeologico der Brera in Mailand:
H. Heydemann, Mitteilungen aus den Antiken-
sammlungen in Ober- und Mittel- Italien, drit-
tes Hall. Winckelmannsprogr. 1879 S. 32 nr. 9.
Dütschke, Ant. Bildwerke in Oberital. 5 nr. 1001 ;
am oberen Rande Spuren einer Inschrift.
10) - Epona unter einem Bogen (vielleicht
Andeutung einer Nische) zwischen sieben 3
(rechts 3, links 4) Pferden, eine Kugel (? 'eine
Art runden, flachen Schiisselchens, welches auf
dem Stuttgarter Denkmal wie eine Kugel aus-
sieht’, J. Becker in Bonner Jahrb. 26 S. 100)
mit beiden Händen im Schofse haltend; auf
dem unteren, von dem oberen getrennten Teile
des Bildes fährt auf einem vierräderigen (zwei-
räderigen?), mit drei Pferden bespannten Wa-
gen ein Mann, der einen unkenntlichen Ge-
genstand in den Händen hält, nach rechts auf 4
eine kleine Ara zu, an der ein Mann, den Kopf
in kapuzenartiger Verhüllung, mit einer patera
in der Rechten steht; ihm zur Seite führt ein
anderer Mann ein Schwein , das er mit der
Rechten an den Rückenborsten, mit der Lin-
ken an einem Hinterbeine hält, herbei; zwi-
schen beiden im Hintergründe auf einem tisch-
artigen Gestell ein grofser, doppelhenkeliger
Krug. Relief aus Beichingen, jetzt in Stutt-
gart: Sattler, Allgemeine Geschichte Wärtern- 5
bergs 1 (1764) Taf. 23 nr. 1, S. 229 f. (schlechte
Zeichnung), danach Wagener, Handb. etc. Taf.
14 nr. 131, S. 129 s. v. Binningen; Arneth
nr. 19; vor Becker und Arneth als Wettrenn-
Scene ( Sattler ; Stälin, Wirtemberg. Gesell. 1
S. 43 nr. 122) oder Opfer an Ceres ( Sattler ,
Wagener) gedeutet.
11) ’Epona sedente di fronte con in mano
una verga o frusta(?): di qua e di lä sono figu-
rati due cavalli’; geschnittener Stein: II. Gar- 6
rucci, Notizia di alcuni uggetti antichi di pri-
vata collezione, im Bull. d. inst. 1866 S. 27.
12) Eine Epona wird man auch erkennen
müssen auf einem geschnittenen Steine des
Kgl. Museums zu Berlin: eine Frau mit ver-
schleiertem Haupte, in der Rechten eine pa-
tera, in der Linken eine aufgerichtete bren-
nende Fackel haltend, sitzt nach links gewen-
Epona
det zwischen zwei jungen Pferden, oder, da
das Tier hinter der Göttin wahrscheinlicher
ein Maultier ist , zwischen einem Pferd und
Maultier, von denen das Pferd aus einem vor
der Göttin stehenden modius mit Ähren zu
fressen scheint; also Epona der Ceres ähnlich,
Tölken, Erklär. Verz. der ant. Steine S. 114
nr. 236; abgebildet bei Banofka, Über ver-
legene Mythen, in Abh. d. Berlin. Akad. v. J.
1839 phil.-histor. Abteil. Taf. 1 nr. 2, Wiese-
ler, Denkm. d. alt. Kunst 23 Taf. 8 nr. 91b und
Overbeck, Gr. Kunstmythol. 3 Gemmentafel 4
nr. 10 ; von Winckelmann (Descript. d. pierr.
grav. du Baron de Stosch CI. 2 n. 235) , Töl-
ken, Banofka a. a. 0. S. 22 ff. Jahn ( Die
Cista mystica, im Hermes 3, 1869 S. 330 Anm.
3) , Wieseler (a. a. 0. Text S. 60) und Over-
beck (a. a, 0. S. 508) als Ceres oder Demeter
erklärt.
Nach Kühnes Zeitschr. f. Münz-, Siegel- u. I
Wappenkunde 1, 1841 S. 316 giebt J. Lelewel,
Etudes numismatiques et archeologiques 1 vol.
Type Gaulois ou Celtique, Bruxelles 1841 an, ]
dafs Epona auf altgallischen Münzen sich dar-
gestellt finde. Jedenfalls nicht hierher ge-
hörig ist das Relief eines kleinen Terracotta-
Altars im Museo Borbonico zu Neapel, welches ?
in Vorderansicht eine auf der Achse zweier
Räder (als Andeutung des Wagens) zwischen
einem Viergespann, von denen die zwei inne-
ren Pferde die Köpfe nach innen (der Figur
zu?), die übrigen zwei nach aufsen wenden,
stehende (die Pferde lenkende?) Frau darstellt
(Bullet, archeolog. Napolitano N. S. 2, 1854
Taf. 2 nr. 3; Arneth nr. 26 ist geneigt,. Epona
zu erkennen; Minervini im Bull. Nap. a. a. 0.
S. 105 nennt die Figur Pallas). Fälschlich
hat man Bilder reitender Frauen auf Denkmä-
lern gallischen und germanischen Fundorts
auf Epona bezogen (so z.-B. Chassot von Flo-
rencourt in Bonner Jahrb. 3 S. 50. Arneth
nr. 15. 16. Bobert a. a. 0. S. 14); dieselben
sind vielmehr wahrscheinlich Darstellungen
celtiscli-germanischer Matronen, vgl. J. Becker ‘
in Bonner Jahrbücher 26 S. 91 ff. 55/56 S. 203 f.
Hettner a. a. 0.; siehe Matronae. In den Kreis
solcher Bilder gehört jedenfalls auch ein Bre-
genzer Relief, das eine weibliche Figur nach
Frauenart auf einem langsam schreitenden
Pferde sitzend, in jeder Hand eine Schale hal-
tend und einem von vier (2 -f- 2) sie um- I t
gebenden Pferden Nahrung reichend darstellt:
Bergmann in Sitz.-Ber. der Wiener Acad. phil - n
hist. CI. 9, 1852 Taf. lB, S. 14 ff.; als Epona
erklärt von Bergmann, J. Becker in Bonner v S
Jahrb. 21, 1854 S. 182 f. Arneth nr. 25; früher a!
als Ehrguta, die mythische Retterin von Bre-
genz, aufgefafst; vergl. über das Relief s. v.
Matronae. Ebenso ist eine von Brizio (im
Giornale degli scavi N. S. 2, 1870 S. 99, vgl.
dazu Corssen a. a. 0. S. 129), Jordan (in An-
nali a. a. 0. S. 47 ff. und in Brellers B. M. be
a. a. 0.) und Marucchi (a. a. 0. S. 2.44) als
Epona novQozQoepo? aufgefafste, zwischen zwei
Laren in einer Nische mit einem Kinde im
Arm auf einem Esel reitende Frau eines pom-
pejanischen Gemäldes (Bull. d. inst. 1871 S. 180.
Fiorelli, Scavi d. Bomp. S. 108 n. 40, Descr. | :
1293
1294
Epona
Pomp. S. 388. Sogliano , Le pitture murali
Campane etc., in Pompei e la regione sotterata
etc., in Pompei e la regione sotterata etc. Na-
poli 1879 parte seconda S. 93 f. nr. 31; abgeb.
zu Jordans Abhandlung in Annali a. a. 0.
Tat. D) sicher nicht Epona. Denn zu einer
solchen ganz in der Luft schwebenden An-
nahme einer Epona novQOTQoepog zwingt weder
der Fundort, ein zum Stalle gehöriger Raum,
noch ein unterhalb dieses Bildes gemalter
Sklave, der zwei Esel herantreibt, noch die
Nische ( Jordan S. 48); ferner kann doch un-
möglich das Kind im Arme der Frau (wie
Jordan S. 53 will) die Fürsorge der Göttin
für ihre Tiere (die in den sicheren Epona-Bil-
dern ihren sprechenden Ausdruck findet) sym-
bolisieren; andere ( Trendelenburg im Bull. d.
inst. 1871 S. 180, Preuner in Bursians Jahres-
ber. 7, 1876 S. 144 u. und Sogliano a. a. 0.)
haben an eine eigenartige Darstellung der
Vesta gedacht (Vesta mit Zeus hatte ursprüng-
lich Brizio S. 46 f. angenommen; Fiorelli
a. a. 0.: 'Epona o Vesta’). Die Frage, wen
jene reitende Frau darstellt, ist einstweilen
am besten mit B. Engelmann (in Lützows
Zeitschrift f. bild. Kunst 7, 1872 S. 254) un-
entschieden zu lassen (an Epona glaubt auch
Corssen a. a. 0. S. 129 f. nicht). Den wei-
teren, an und für sich unwahrscheinlichen
Annahmen Jordans, der (S. 52 ff.) das pompe-
janische Gemälde mit den erwähnten reiten-
den Frauen in Verbindung bringt und ver-
mutet, dafs der italische Typus einer reitenden
Epona uovQOTQocpos vielleicht auf gallische
Epona-Bilder zurückgehe , die etwa um die
Zeit des hannibalischen Krieges in Italien
Eingang gefunden hätten (S. 54 f.), wird da-
durch, dafs die Frau des pompejanischen Bil-
des sich als Epona nicht erweisen läfst, aller
Boden entzogen. Gar nicht hierher gehörig
ist, wie Arneth (a. a. 0. S. 585 f.; vgl. Gerhard,
Gr. Myth. a. a. 0.) richtig ausführt, der weib-
liche Bronzekopf, der die angeführte Schrift
Cattaneos veranlafst hat.
Eine Spur einer an Epona anknüpfenden
Legende könnte man erkennen bei Pseudo- Plu-
tarch, Par all. 29 (wo als Gewährsmann an-
geführt wird ’Ayr\6ileiog Iv tqitco ’lraXiiunv) :
Fulvius Stellus, ein Weiberfeind, verband sich
mit einer Stute , die eine schöne Tochter,
welche er Epona nannte, gebar, wenn der
Autor irgendwie zuverlässig wäre (mit Un-
recht also legt Corssen a. a. 0. S. 131 f. die-
ser Erzählung, die er als eine '‘einheimische
Sage’ betrachtet, Wert bei und verwendet sie
als Beweis für den angenommenen italischen
Ursprung der Göttin). [R. Peter.]
Epopeus (’Enonsvg), 1) bei Homer und He-
siod nicht bezeugt; aber von den nachhome-
rischen Epikern mannigfach behandelt. Er
ist Sohn des Aloeus, Enkel des Helios und
beherrscht als Erbe seines Vaters Asopia (Si-
kyon); nach dem Tode des Bunos erhält er
auch Ephyraia (Korinthia), so dafs er den
grofsväterlichen Besitz wieder in seiner Hand
vereinigt. Seinen Sohn Marathon behandelt
er so gewaltthätig , dafs dieser nach Attika
flieht und erst nach des Vaters Tode zurück-
Epopeus
kehrt, Eurnelos bei Paus. 2, 1, 1. Nach den
Ky prien fand Epopeus seinen Untergang bei
der Zerstörung Sikyons , weil er die Tochter
des Lykurg verführt hatte. So erzählte Nestor
dem Menelaos in einer Episode ( Prolclos bei
Photios). Welcher, ep. Cycl. 2, 98. Asios giebt
dem Epopeus die Asopostochter Antiope (s. d.)
zur Frau, die von Zeus den Amphion (s. d.), von
ihrem Gatten den Zethos gebar, Paus. 2, 6, 4.
io Bei Apollod. 1, 7, 4. 3, 5, 5 ist Epopeus Sohn
des Poseidon und der Kanake und Bruder des
Aloeus. Zu ihm flieht, von Zeus schwanger,
die thebauische Antiope, die Tochter des Nyk-
teus , und vermählt sich mit ihm. Da tötet
sich im Unmut ihr Vater Nykteus und trägt
seinem Sohne Lykos auf den Epopeus und die
Antiope zu strafen. Lykos erobert Sikyon,
tötet den Epopeus und führt die Antiope ge-
fangen weg, wobei sie unterwegs den Zethos
io und Amphion gebiert, Schol. Apoll. Bhod. Arg.
4, 1090. Ganz dasselbe erzählt Hygin. f. 8,
nur nennt er statt Epopeus den Sikyonier
Epaphus. Bei Pausanias endlich (2, 6, l ; vgl.
Eudoc. viol. 15 b) ist Epopeus kein einheimi-
scher Herrscher, sondern wandert aus Thessa-
lien ein und erhält nach dem Tode des kin-
derlosen Korax die Herrschaft von Sikyon. Er
raubt die schöne Antiope, des Nykteus Toch-
ter, die von Asopos stammen sollte. In der
>o Schlacht gegen die heranziehenden Thebaner
wird Nykteus, aber auch der siegreiche Epo-
peus verwundet. Sterbend trägt Nykteus dem
Lykos aufscr der Vormundschaft für den un-
mündigen Labdakos Rache an Epopeus und
Antiope auf. Epopeus opferte unterdessen
Siegesopfer und baute der Athene einen Tem-
pel ; auf seine Frage, ob das Gebäude ihr an-
genehm sei, liefs die Göttin 01 aus dem Boden
quellen. Später starb Epopeus an der ver-
o nachlässigten Wunde; sein Nachfolger Lame-
don lieferte die Antiope aus und sie gebar
unterwegs. Epopeus erbaute in Sikyon nicht
weit vom heiligen Thore einen Athenetempel
von ungewöhnlicher Pracht und Gröfse, der
durch Blitzstrahl zerstört wurde. Nur der
Altar daraus erhielt sich, und vor ihm befindet
sich das Grabmal des Epopeus. Auch die
Gründung eines Heiligtums der Artemis und
des Apollon wurde auf ihn zurückführt, Paus.
.0 2, 11, 1. Gerade umgekehrt berichtet Diodor
fragm. I. 6 , dafs Epopeus die Götter zum
Kampfe aufforderte und ihre Tempel und Al-
täre zerstörte.
Epopeus wird von Preller und Gerhard
übereinstimmend als eine Lichtgottheit erklärt,
eine andere Form des Helios, der auf der
Höhe ( sncoTtfi ) thront, wobei daran zu erin-
nern ist, dafs ’Enmmq nach Steph. Byz. ein
Name für Akrokorinth war (vgl. ’Ecpvgg) ; als
o abgeleitet führt Steph. noch besonders snw-
nsvg und snamGrig an. ’Enam'g „die Göttin
auf der Warte“ war bei den Sikyoniern ein
Beiname der Demeter ( Hesych .). Zu dem so-
larischen Wesen des Epopeus pafst seine Eigen-
schaft als Diener der Athene, derjenigen näm-
lich, die in dem benachbarten und verwandten
Korinth durch Fackellauf verehrt wurde. Als
Frühlingsheros erklärt den Epopeus B. Schrö-
1295
Erechtheus
1296
Epops
der de Sphinge 11. — 2) König von Lesbos,
der seine eigene Tochter, die schöne Nykti-
mene, entehrte; sie floh deshalb voll Scham
in die Wälder und wurde von Athene aus
Mitleid in eine Nachteule verwandelt, Hygin.
f. 204. 253. — 3) einer der Tyrrhener, welche
Bakchos wegen versuchter Gewaltthat gegen
ihn in Delphine verwandelte, Hygin. f. 134.
Ov. inet. 3, 619. Vgl. Acoetes. [Wilisch.]
Epops tötete den Narkissos, den Sohn des
Amarynthos (s. d.), Akusil. bei Prob, zu Verg.
Buc. 2, 48 in Müller fr. h. gr. 1, 102, 21a.
Vgl. oben 84, 54 u. 85, 9. 42 ff. [Steuding.]
Epytides (’Hnvxldg g), Sohn des Epytos (Pe-
riphas), der Begleiter des Iulus, Verg. Aen. 5,
547; 579. Ilom. II. 17, 323ff. Suid. (Schultz.]
EpytuSj ein Trojaner, der sich bei der Flucht
aus Troja dem Aneas anschlofs, Verg. Aen.
2, 340. [Schultz.]
Era auf einer Inschrift aus Aquileia, C. I.
L. 5, 8970 a = Aeracura (s. d.). [Steuding.]
Eranno ("Egavvco), Nymphe, C. I. Gr. 6854 e.
[Koscher.]
Eraos ("Egaog) , einer von den Söhnen des
Neoptolemos und der Leonassa (s. d.). Proxen.
und NiJcorn. Akanth. nach Lysimach. in den
Schol. Ven. Eurip. Androm. 24 bei Müller fr.
h. gr. 3, 338, 13. [Steuding.]
Erasia (’Egcxola), Tochter des Pliineus (s. d.),
Palaiph. 1, 24. [Schultz.]
Erasinos (’EgciGivog), ein Argiver, zu dessen
Töchtern Britomartis (s. d.) kam. Anton.
Lib. 40. [Schultz.]
Erasippos (Hgaamnog), Sohn des Herakles
und der Thespiade Lysippe, Apollod. 2, 7, 8.
[Stoll.]
Erate (?) , eine von den Töchtern des Da-
naos, welche den Eud(a)emon tötete, Hygin.
f. 170. [Steuding.]
Erato (’Eqccxcq , die Liebliche), 1) eine der
neun Musen (s. d.), Tochter des Zeus und
der Mnemosyne, lies. Theog. 78. Apollod. 1,
3, 1. Orph. Hymn. 75, 9. C. I. Gr. 5866.
8185. Sie war die Muse heiteren anmuti-
gen Scherzes, an dem die Liebe den vor-
züglichsten Anteil hat, die Göttin der Liebes-
poesie und des Tanzes; sie erfand yagmci
•Aal oqxpgiv, Tzetz. Hes. Opp. p. 23 f. Gaisf.
Schol. Apoll. Bhod. 3, 1. Diod. 4, 7. Plut.
Quaest. sympos. 9, 14, 7. Athen. 13, 555 b.
Plat. Phaedr. p. 259 d. Braun, Gr. Götterl.
§ 396. Daher ruft Apoll. Bhod. 3, 1 sie an,
wo er die Liebe der Medeia, Vergil (Aen. 7. 37),
wo er von Lavinia, Turnus und Aneas singen
will; daher sind ihre Bildwerke oft mit Saiten-
instrumenten versehen , Anth. Pal. 9 , 505.
Von Aethlios, dem Sohne des Endymion, oder
von Philammon war sie Mutter des Thamyris,
Tzetz. Hes. Op. p. 25. 28. Schol. 11. 10 , 435.
Bildliche Darstellungen in Mus. Pio-Clem.
t. 1 pl. 22. 23 und bei Hirt Taf. 28, 1. 29, 9,
herculanisches Gemälde. — 2) Eine Nereide,
Tochter des Nereus und der Doris, Hes. Theog.
247. Apollod. 1, 2, 7. Schoemann Op. Ac. 2,
169 (Amata). Braun, Gr. Götterl. §78. Lehrs,
Populäre Aufsätze S. 120. Dargestellt bei dem
Raub der Thetis durch Peleus auf einer Kylix
der Sammlung des Fürsten von Canino, jetzt
in München, J. de Witte, Cat. ctr. nr. 135;
s. C. I. Gr. n. 7398. — 3) Eine der nysischen
Najaden, welche den Dionysos aufzogen, Hyg.
f. 182. — 4) Mainade , auf einer Vase der
Lambertin. Sammlung, O. Jahn, Vasenbilder
p. 11 f. taf. 2. C. I. Gr. n. 8439 [ Heydemann ,
Satyr- u. Bakchennamen 19. R.]. — 5) Eine
von den in Vögel verwandelten Schwestern
des Meleagros, Cramer, An. Par. 1, 285, 31.
io Anonym, de midier, in W estermann Farad, p. 219.
Mythogr. 345, 13. — 6) Arkadische Nymphe
(Dryade), welche dem Arkas den Azan, Aphei-
das und Elatos gebar, Paus. 8, 4, 2. 10, 9, 3.
Sie war Prophetin des weissagenden Pan,
Paus. 8, 37, 9. Plat. Phaedr. 263 d. Preller,
Griech. Myth. 1, 613. — 7) Eine Tochter des
Thespios, von Herakles Mutter des Dynastes,
Apollod. 2 , 7 , 8 , wo Avväaxgg ’Egtxxovg statt
A. "Egaxog zu lesen sein wird. [Stoll.]
•io Eraton (’Egdxcov), Satyr, Heydemann, Satyr-
u. Bakchennamen 29. [Roscher.] »
Eratos (?) s. Erato 7.
Erebos (* Egsßog , sog, n. G. Curtius, Grund-
züge 480). Die unterirdische Finsternis , oft
für die Unterwelt selbst gesagt. Aus dem
Erebos holt Herakles den Kerberos, Ilias
8, 368, erhört Erinys die Althaia, 7, 571, holt
Zeus die Hekatoncheiren, Hesiod. Theog.
669; dorthin gelangen die Verstorbenen, Ilias
30 1 6 , 3 2 7. Od. 11, 37. 564; 20, 356. Hes. Th.
515. Kaibel, Epigramm, nr. 35 a (ath. Grab-
stein). Ov. met. 10, 76: deos Erebi crudeles.
Val. Flacc. 2, 120 u. ö. Odysseus opfert am
Hadesthor slg "Egsßog axgsipag Od. 10, 528; der
Skylla Grotte liegt rtgog goyov slg "Egsßog
xsxQccyysvov 12, 81 (nach Abend). — - Erebos
genealogisiert: aus dem Chaos kamen Ere-
bos und Nyx, aus diesen beiden Aither und
Hemer a, Hes. Th. 123. Akusilaos , Schoem.
4o op. 2, 78. Dazu Antagoras bei THog. L. 4, 26.
Vgl. Ar ist. Av. 691. 1193 (Erebos zeugte den
Aer). Aus Chaos und Caligo kamen Nox,
Dies, Erebus, Aether, aus Nox und Erebus
viele, Fatum etc. Hyg. fab. pr.-, diese Reihe
der Kinder etwas anders bei Cic. d. D. n. 3,
17. — Aus dem Erebos kommt die Nacht,
Eurip. Or. 172. Vgl. Nox Erebus , Verg. Cul.
202 Ilpt. Paul. Erebum. Bei Erebos wuchs
Isis auf Kaibel, Epigr. nr. 1029. Erebus, Teil
50 der Unterwelt, für die Guten, Sero. Aen. 6,
404. Erebos bei dem Orphikern , s. Preller-
Plew 1, 36. [v. Sybel.]
Erechtheus (’Egsj&svg). Ursprünglich iden-
tisch mit Erichthonios [vergl. EgiyAivg C.
I. Gr. 2374. Roscher.], Sohn der Erde, von
Athena in ihrem Tempel aufgezogen , vergl.
Hom. B 547 : drjfiov ’EpfytHjos fisyalgxoQog, ov
nox’ ’AQ'fivr] ftgsips At'og d'vycixgQ — reue ös
£eido)Qog uqovqk — wad d’ sv ’AQ'rivi] g etosv
GO seg svl nlovi vgeö. Hom. g 81. Er heifst ygys-
vgg bei Herod. 8, 55. Dionys. Hol. 14, 2.
Eustath. ad Hom. 283, 12, Sohn des Hephaistos
und der Ge bei Plutarch. orat. vit. 8, 37.
Steph. Byz. ethn. ed. Mein. 438. Schol. Aristid.
Panath. ed. Dind. 3, 62. Nonn. Dionys. 13,
172; vgl. Een. mein. 3, 5, 10. Nach der nicht
erst, wie gewöhnlich angenommen wird ( Mül-
ler, Orchomenos 2 117), von Plato Kritias llOA
1297
Erechtheus
Erechtheus
1298
eingeführten Trennung der beiden Namen
(schon Pindcir und der Dichter der Danais
nannten den Erichthonios, vgl. Harpokrat. s. v.
uvxoxd'ovis; vor allen trennt sie Eurip. Ion
267) wird Erechtheus Sohn des Erichthonios
genannt ( JEurip . Ion 267 v. 1007), oder des
Pandion und der Zeuxippe; sein Bruder ist
Butes, zugleich der Gatte seiner Tochter Chtho-
nia, Apollod. 3, 14, 8. Hygin. f. 48. Schol.
Demosth. 705, 19; nach andern ist Pandion l
sein Sohn und Nachfolger, Schol. Eurip. Phoen.
854. Herold. Pont, de reb. publ. 1 , 1. Steph.
Byz. s. v.; auch wird er Sohn der Nemesis ge-
nannt bei Photius 482, 15. Um die verschie-
denen Nachrichten unter einander in Einklang
zu bringen, nehmen die Alten auch zwei Erech-
theus an (Schol. Eurip. Phoen. 854. Nonnos
Dionys. 13, 17 1). _ Nach Diod. Sic. 1, 29, 1
stammt er aus Ägypten; gelegentlich einer
Hungersnot habe er Getreide nach Athen ge- 2
bracht und sei dafür zum König ernannt wor-
den; er habe die Mysterien in Eleusis einge-
führt. Er errichtet seiner Mutter Nemesis ein
Heiligtum , Photius 482 , 14. Nach Xenoph.
conv. 8, 40 nimmt er teil am Zuge des Dio-
nysos gegen die Barbaren, vergl. Nonn. Dion.
13, 171. Unter seiner Herrschaft erhalten die
Athener, früher Ksyigonidui genannt, zuerst
den Namen ’A&gvcdoi, Herod. 8, 44. Er rich-
tet die Panathenäen ein und fährt zuerst mit 3
7iaQctßcczrig oder ccnoßÜTrjg , ja er wird über-
haupt als der erste Wagenlenker, vermöge der
Gabe der Athena, bezeichnet, Eratosth. catast.
13. Aristid. Panatli. 107; vgl. Schol. ed. Dind.
3, 62. Themist. orat. 27, 337 a. Seine Gattin
heifst Praxithea, Tochter des Kephisos, Ly-
curg. c. Leotr. 98. Porphyr, de abstin. 2, 56.
Stobaei flor. 39, 33. Plutarch. parall. 20, oder
des Phrasimos und der Diogeneia, Tochter des
Kephisos ( Apollod . 3, 15, 1); als Söhne gelten, 4
abgesehen von Pandion f s. o.) Kekrops der jün-
gere , welcher nach Euboia übersiedelt und
dem von Xuthos später die Herrschaft zuge-
sprochen wird (Paus. 1, 5, 3. 7, 1, 2; vergl.
dagegen Apollod. 3, 15, 5), Alkon (Schol. Apoll.
Rh. Arg. 1, 97), ferner Orneus (Paus. 2, 25, 5.
Plutarch. Thes. 32), Thespios (Paus. 9, 26, 6.
Diod. Sic. 4, 29, 3), Eupalamos (Diod. Sic. 4,
76, 1), Pandoros (Apollod. 3, 15, 1), Metion
(Paus. 2, 6, 5. Schol. Sopli. Oed. Col. 463), 5
Sikyon (Paus. 2, 6, 5); seine Töchter sind Me-
rope (Mutter des Daidalos) bei Plutarch. Thes.
19, Kreusa (Eurip. Ion 10. 260. Paus. 1, 28, 4.
Schol. Arist. nub. 1468), Oreithyia (Schol. Hom.
£ 533. Diod. Sic. 4 , 43 , 3. Schol. Apoll. Rh.
Arg. 1, 211. Ovid. met. 6, 676), Prokris (Schol.
Hom. I 320); nach Suidas s. v. naQ&evot,,
Photius 397, 7. Mich. Apost. 14, 7 hat er 6
Töchter, Protogeneia, Pandora, Prokris, Kreusa,
Oreithyia und Chthonia , nach Eurip. Er ach- e
theus (Lycurg. c. Leocr. a. a. O.) nur drei, das
’Qtvyog TQinaQ&svov (Eurip. fr. 357), zu denen
nach Ion 280 noch Kqsovgcc hinzukommt. Sein
Sohn Alkon flieht nach Schol. Apoll. Rh. Arg.
1, 97 mit seiner Tochter Chalkiope aus Attika
nach Euboia, die Bewohner von Chalkis wei-
gern sich ihn auszuliefern ; wahrscheinlich in-
folge hiervon kommt es zu dem von Eurip.
Ion 294 erwähnten, durch Hilfe des Xuthos
entschiedenen Kriege ; auch Kekrops soll nach
Euboia ausgewandert sein (s. o). Unter des
Erechtheus Regierung findet ein Nachspiel zu
dem Kampfe der Athena und des Poseidon
um den Besitz des Landes statt; entweder um
die im Kampf mit Athen befindlichen Eleusi-
nier zu unterstützen, oder um einfach den
Erechtheus der Macht zu berauben, kam Eu-
molpos, Sohn des Poseidon und der Chione
(der Tochter des Boreas und der Oreithyia),
König von Thrakien, mit Thrakern nach Athen,
unter dem Vorwände, dafs seinem Vater Posei-
don die Herrschaft gebühre (Isolcr. Panatli. 193
rjgcpiGßyrriaev ’Egsx&ei rgg woUfag, qiKGxcov Ho -
GSidä nQOTfQOv’A&rjväg xat txhxßeiv avTiqv. Vgl.
Scliol. Eur. Phoen. 854). Erechtheus wandte sich
nach Delphi an Apollon, um zu erfahren, in wel-
cherWeise er den Angriff der Feinde absclilagen
könnte; er erhält das Orakel, er werde siegen,
wenn er vor dem Kampfe eine seiner Töchter
opfere; nach Rücksprache mit der Praxithea
thut er dies (und zwar opferte er nach Stob,
flor. 39, 33 die älteste, nach andern die jüngste,
Chthonia; nach Paradox, ed. Westerm. 219
wird Prokris geopfert und Kreusa und Chtho-
nia sind die sich selbst tötenden; nach Suidas
u. Photius s. v. n cxQ&tvoi bieten sich Protoge-
neia und Pandora selbst zum Ofer dar). Da-
durch erlangt er zwar den Sieg, verliert aber
auch die andern Töchter , da diese mit der
Getöteten sich das gegenseitige Versprechen
gegeben hatten , dafs keine die andern über-
leben sollte. Infolge davon heifst es später,
Erechtheus habe seine Töchter geopfert,
oder, sie seien freiwillig für das Vaterland in
den Tod gegangen. Sie werden verehrt als
naQ&evoi, £evyog TQLncxQ&evov , ’Tüösg (Harpo-
crat. ed. Dind. 2, 441. Schol. Arat. 172) oder,
nach dem Lokal, wo sie geopfert wurden, 'Ta-
Kiv&idsg (Demosth. epitaph. 27. Diod. Sic. 17,
15, 2. Suid. s. v. nciQ&evoi. Photius 397, 7.
Aristid. Panatli. 119). Nach Eurip. Phoen.
851 erscheint Teiresias, nach Paus. 1, 36, 4
der dodonäische Seher Skiros, der nach Phot.
385 aus Eleusis stammt, in Athen, um durch
seinen Beistand den Athenern zum Sieg zu ver-
helfen, vgl. Tliulc. 2, 15. Eurip. Ion 277. Lyc.
c. Leocr. 98 (Eur. Erechtheus). Plutarch. parall.
20. Porphyr, de abstin. 2, 56. Clem. Alex, pro-
trept. 3, 12. Luc. Dem. enc. 46. Paus. 1, 5, 2.
38, 3. Isolcr. 33, 35. 177, 7. Aristid. Panath.
119. Cic. pro Sest. 21, 48. de fin. 5, 22, 62.
Tusc. 1, 48, 116. Schol. Bob. in Cic. pro Sest.
21. Nach Schol. Dem. 438, 17 ist es eine der
drei Kekropiden, Agraulos, welche sich, um der
Stadt den Sieg zu verschaffen, von der Mauer
stürzt: zum Dank dafür wurde ihr nach Be-
endigung des Krieges neben deit Propyläen
ein Heiligtum errichtet, in welchem die Jüng-
linge beim Eintritt unter die Epheben ihren
Eid ablegen mufsten. Ebenso bei Schol. Arist.
Panath. 119, wo noch gesagt wird, dafs Herse
und Pandrosos sich infolgedessen gleichfalls
den Tod gaben. Hyperides läfst den Erech-
theus nicht von Eumolpos, sondern von Phor-
bas, dem Könige der Kureten, bekriegt wer-
den, gleichfalls einem Sohne des Poseidon;
1299
Erechtheus
Ereua
1300
nach ihm ist das ihogßavzsiov benannt , s.
Harpocrat. s. v. <!>onß. Phot. 654 , 3. Etym.
M. 798, 25, während nach Pluxnod. fr. 7 das
Opfer der beiden Töchter im Kriege gegen die
Boioter nötig wurde. (Nach Eustath. ad Hom.
1156, 52 wird Athen zu gleicher Zeit von zwei
Heeren, dem des Eumolpos und dem des Phor-
bas, Königs der Akarnanen, belagert.) Eumolpos
selbst, oder sein Sohn Immarados fällt in der
Schlacht durch die Hand des Erechtheus, der io
gleichfalls seinen Tod findet, Paus. 1, 27, 4;
durch Verschmelzung der oben erwähnten
Phorbassage läfst der Schol. zu Eurip. Phoen.
854 den Eumolpos samt seinen Söhnen Phor-
bas und Immarados von der Hand des atti-
schen Königs fallen. Nach Eurip. Erechth. fr.
364 wird Erechtheus schwer verwundet heim-
gebracht, nach Eurip. Ion 281 von Poseidon
durch Schläge mit dem Dreizack in der Erde
(unter dem Poliastempel) verborgen; er hat 20
also ein gleiches Schicksal wie Kekrops, vgl.
0. Jahn, arc. Ath. descr } 29, 12. Nach Hy-
gin f. 46 erfolgt das Opfer der Chthonia erst
nach Beendigung des Krieges; Erechtheus hat
im Kampf den Eumolpos getötet, da verlangt
Neptun als Sühne, dafs er ihm die Chthonia
als Opfer darbringe; dies geschieht, aber nach
ihrem Tode töten sich auch die anderen drei
Töchter. Ipse Erechtheus ah Iove Neptuni ro-
gatu fulmine est ictus. Vgl. dagegen f. 238: 30
Erechtheus Glithoniam ex sortibus pro Athenien-
sibus ( occidit ). Nach Alcidam. Odyss. 5 ( Orat .
att. 2, 200) ist Menestheus derjenige, welcher
dem xlngriffe des Eumolpos entgegentritt.
Nach Philochoros (HarpoJcrat. s. v. Borjdgöyux)
und Strabo 8, 7, 1 wird der Krieg erst durch
die eilige Hilfe des Ion, Sohn des Xuthos und
der Kreusa, zu gunsten der Athener entschie-
den; dem Ion wird infolge dessen die Königs-
würde übertragen; bei Paus. 7, 1, 5 dagegen 40
wird ein zweiter Krieg der Athener gegen
Eleusis erwähnt, bei welchem Ion zur Hilfe
herbeieilt und die Führung übernimmt. In ge-
nauer Kopierung des ersten Kampfes fällt Ion
in der Schlacht, vgl. 2, 14, 2, wo erzählt wird,
dafs Dysaules, Bruder des Keleos, aus Eleusis
von Ion vertrieben sei. Vgl. Lobeck, Aglao-
pliam. 207.
Nachdem der Sieg für die Athener ent-
schieden war, wird Frieden geschlossen unter 50
der Bedingung, dafs die Eleusinier sich den
Athenern unterwerfen; sie erhalten aber das
Recht für sich die Mysterien abzuhalten, Paus.
1, 38, 3.
Erechtheus wurde als Heros Eponymos viel-
fach gefeiert, vgl. Schol. Demostli. 485, 17. 702,
12. 705, 19, und durch Standbilder geehrt, so
in Athen auf dem Markte {Paus. 1, 5, 2; ist
dies vielleicht das als vorzüglich gepriesene
Werk des Myron, Paus. 9, 30, 1?) und in Del- 60
phi, ein Werk des Pheidias, unter dem Zehnten
der marathonischen Beute; die Gruppe zweier
kämpfenden Männer, aus Bronze, beim Polias-
tempel, wurde auf den Kampf des Erechtheus
mit Eumolpos oder Immarados gedeutet, Paus.
1 , 27 , 4. Ein Gemälde (?) wird vom Schol.
Aristid. Panath. ed. Lind. 3, 62 erwähnt tv
tfi angonoXei om'oco avzrjg {zgg ’Ad’rjvccg) ys-
y ganzen agga sXcevvcov, tag ngeozog zovzo zrjg
ftsov dsigagsvog, snsiSy zgonov zivcc viog av-
zrjg sdönei, vgl. Michaelis der Parthenon 184,1.
Im Erechtheion wurde ihm auf dem Altar des
Poseidon geopfert {Paus. 1, 26, 5); den Epi-
dauriern wurde von den Athenern nur unter
der Bedingung Olivenholz zu Statuen bewilligt,
dafs sie jährlich der Athena Polias und dem
Erechtheus Opfer darbrächten, Herocl. 5, 82.
Vgl. Cic. de nat. d. 3, 13, 49 u. 50. Aristid.
Panath. 119.
Nach Euripides ist der Mythus des Erech-
theus auch von Ennius behandelt worden (3
Frgm.); auch in Pantomimen scheint er ver-
wandt zu sein, vgl. Luc. de salt. 40. Wie sehr
der Mythus desselben besonders in Athen volks-
tümlich war, läfst auch Plato erkennen, Menex.
239 B novrjzai avzcov r]Sr\ ixavcög zrjv dgszyv
vgvyGavzsg sg netvzug fisyyvvHcnu ; ferner sei
angeführt, dafs Hygin f. 253 quae contra fas
concubuerunt, auch erwähnt wird Procris cum
Erechtheo patre , ex quo natus est Aglaurus.
Harpocrat. s. v. insvsy-Asiv d 'tgv berichtet nach
Istros , dafs Erechtheus auf dem Grabe der
Prokris einen Speer aufgerichtet habe , zum
Zeichen der zu nehmenden Rache.
Darstellungen des Erechtheus wurden von
Welcher, Braun u. a. in der Ostseite des Par-
thenonfrieses gesucht, mit Unrecht, vgl. Nuove
Mem. delV Inst. 183. Michaelis , der Parthenon
261. Er ist, samt Aigeus und Pallas, mit
Hintansetzung jeder Chronologie , auf einem
Cäretaner Vasenbild bei der Geburt des Erich-
thonios gegenwärtig, vgl. Ann. delV Inst. 1877,
432. Auf den Kampf des Erechtheus gegen
Eumolpos bezieht Lölling, Gott. Nachr. 1874
No. 2 den Ostfries des Theseion, meiner Mei-
nung nach mit Recht ; doch vergl. Overbeck,
Gesch. d. PI. 3, 1, 353. Wohl mit Unrecht
wird auf Erechtheus ein kürzlich auf der
Akropolis gefundenes archaisches Relief, ei-
nen Wagenlenker mit zurückgewandtem Kopfe
darstellend , bezogen im IJagvccGGÖg 1883,
281 , 2. Vergl. noch Erichthonios, Eumolpos,
Chthonia, Hyades, Hyakinthides , Phorbas. —
2) Beiname des Poseidon {Plutarch. nior. ed.
Dübn. 1027, 37) oder des Zeus {Schol. Lyk.
Alex. 158). Vgl. Preller , gr. MI 1, 167, 1.
[Engelmann.]
Erepha {’Egecpcc), Amme des Dionysos, Etym.
Magn. 372, 1. Siehe Eripha und Eriphia.
[Steuding.]
Eresos C'EgsGog), 1) ein Krieger auf dem
Gemälde des Polygnot in der Lesche zu Del-
phi, Paus. 10, 27, 1. — 2) Sohn des Makar,
nach welchem die Stadt Eresos auf Lesbos
benannt sein sollte. [Schultz.]
Eretmeus {’Egszgsvg), einer der phaiakischen
Jünglinge, die vor Odysseus Wettkämpfe ver-
anstalteten, Ilom. Od. 8, 112. [Schultz.]
Eretrieus ( ’Egszgisvg ), Sohn des Phaethon,
der von Makistos in Triphylien aus Eretria
auf Euboia gegründet haben soll , Strabo
10, 447. Schol. II. 2, 537. Steph. Byz. s. v.
[Schultz.]
Ereua {’Egsvcc), eine Nymphe, nach welcher
die lykische Stadt Ereuates ihren Namen er-
halten haben soll, Steph. Byz. s. v. ’Egevdzyg.
1301
Ereuthalion
1302
Derselbe identificiert sie, wenn die Lesart rich-
tig ist, mit ’EXsv&sgd. [Steuding.]
Ereuthalion (’Egev&aXIcov), Sohn des Hippo-
medon oder Xanthippos , ein Arkadier, der in
der Rüstung des Areithoos, die ihm Lykurgos
geschenkt, gegen die Pylier kämpfte und von
Nestor erlegt wurde, Horn. II. 4, 319. 7, 134 ft'.
Nach Schol. Apoll. Bhod. 1 , 164 wurde Ereu-
thalion von Lykurgos getötet und zum Anden-
ken daran das Fest der Moleia gefeiert. — 2)
ein Kilikier, Vater des Oineus , Nonn. 43, 55.
— 3) Sohn des Kriasos, Enkel des Argos,
Gründer von Ereuthalia, Schol. Eur. Plioen.
1123. [Schultz.]
Ereutho (’Egiv&cö), Amme und Begleiterin
des Dionysos: Nonnus 14, 223. [Roscher.]
Ergane s. Athene oben S. 681 u. vgl. Kai-
hel, Epigr. gr. 776.
Ergens, Vater der Kelaino (s. d.), Hyg. f.
157. (Schultz.]
Ergiaios (’Egyiaio g), einer der Nachkommen
des Dioraedes (s. d.), der, von Temenos über-
redet, in Gemeinschaft mit Learchos das Pal-
ladion aus Argos entführte, Plut. Quaest. cgraec.
48. [Schultz.]
Erginos (’Egytvog), 1) Sohn des Klymenos und
der Buzyge, Schol. Apollon. Bhod. Arg. 1, 185,
oder der Budeia, Eustath. ad Hom. 1076, 26,
König von Orchomenos in Boiotien. Als sein
Vater bei dem Fest des Poseidon in Onchestos
durch einen Steinwurf des Thebaners Perieres,
Wagenlenkers des Menoikeus, getötet war,
sammelte er mit seinen Brüdern ein Heer, zog
gegen Theben, besiegte die Thebaner vorzüg-
lich durch die Reiterei ( Pind . Ol. 14, 2 und
Schol. Tzetz. Lyh. 874. Polyaen. 1, 3, 5. Paus.
9, 38, 4) und zwang sie zur Unterwerfung, in-
dem er ihnen auf 20 Jahre einen Tribut von
jährlich 100 Rindern auferlegte. Auf die Boten
des Erginos, die den Tribnt einfordern woll-
ten, stiefs Herakles (noch in jugendlichem
Alter, vgl. IHoä. Sic. 4, 10. Aristid. Herafcl.
31. Mann. Alb. 0. Jahn, Bilderchron. 69) bei
seiner Rückkehr vom Kithairon; er schnitt
ihnen Ohren und Nase ab, band ihnen die
Hände auf den Rücken und schickte sie so
dem Erginos zurück. Als der König von Or-
chomenos nun wieder mit grofser Heeresmacht
herauszog, trat ihm Herakles, von Athena mit
Waffen ausgerüstet ( Apollod . 2, 4, 11. Mod.
Sic. 4, 10) entweder allein (Eur. Here. für. 220
og slg Mivvaioi. näci öia yü%rig yoloav) oder
an der Spitze eines Heeres (noXsyagxcöv bei
Apollodor ) entgegen, schlug und tötete ihn und
zwang die Orchomenier den doppelten Tribut
an Theben abzuliefern. (Die Feindschaft der
beiden Städte Theben und Orchomenos dauert
bis in die historische Zeit hinein.) Zum Dank
für die Befreiung des Landes erhielt Herakles
von dem König Kreon dessen Tochter Megara
zur Frau, Apollod. 2,4,11. Eustath. ad Hom.
272, 31. Isolcr. Plat. 10. Mod. 15, 79. Strabo
9, 2 (414). Schol. Theolcr. 16, 105. Paus. 9, 9.
Zum Andenken an den Sieg wurden dem He-
rakles Statuen und Heiligtümer errichtet (Paus.
9, 24, 4: ’PivonoXovazrjg , weil er den Boten
die Nasen abachnitt, 9, 26, 1 ' Inn ödst qg, weil
er den Orchomeniern durch Fesselung ihrer
Erginos
Pferde die Reiterei unbrauchbar machte, vgl.
Hesych. s. v. iTtnoöszqg. Nach Polyaen. 1,
3, 5 lenkte er, um die Reiterei der Feinde zu
hindern, den Flufs in die Ebene, vgl. Marm.
Alb. n ul zuv h'yvav snl zov nsdiov ta%qatv
avzoig änocpgci^ug nozuyov). Nach Euripid.
Here. f. 49 hat Herakles selbst zum Andenken
an seinen Sieg einen Altar des Zeus Ecnzqg,
nach Paus. 9, 17 einen Löwen vor dem Tem-
pel der Artemis Eukleia aufgestellt. Neben
andern soll Amphitryon tapfer kämpfend in
der Schlacht gegen die Minyer gefallen sein,
s. Amphitryon. Nach der Schlacht wurde He-
rakles von Hera in Raserei versetzt, Apollod.
2 , 4 , 12. Als Erginos die Auslieferung des
Herakles forderte, war nach Mod. Sic. 4, 10
der König Kreon schon bereit zu gehorchen;
da überredete Herakles seine Altersgenossen,
mit ihm das Vaterland zu befreien; er ent-
nimmt aus den Tempeln die Waffen und zieht
so gegen Erginos. Nach Paus. 9, 17, 1 mufste
erst, um den Sieg den Thebanern zu sichern,
ein Menschenopfer dargebracht werden; die
zwei Töchter des Antipoinos, Androkleia und
Alkis, opferten sich freiwillig für die Stadt.
Unter den von Erginos beim ersten Über-
fall getöteten Thebanern werden von Schol.
Eurip. Phoen. 53 die Söhne des Oidipus und
der Iokaste, Phrastor und Laonytos angeführt.
Nach Paus. 9, 37, 2 wird Erginos nicht ge-
tötet, sondern schliefst Frieden mit Herakles;
da sein Land durch den Krieg stark mitge-
nommen ist, legt er sich, ohne an Nachkom-
menschaft zu denken, nur aufs Sparen; end-
lich, nachdem es ihm gelungen ist, wieder
Reichtümer zu sammeln, wünscht er auch Kin-
der zu haben; auf Anweisung des delphischen
Orakels nimmt er eine junge Frau und zeugt
mit ihr den Trophonios und Agamedes, die
jedoch von andern für Söhne des Apollon ge-
halten werden, vgl. Schol. Aristoph. nub. 508.
Nach Eustath. ad Hom. 272 , 31 heifst sein
Sohn Azeus.
Der Kampf zwischen Erginos und Herakles
wird von Welcher, ep. Cyhl. 1, 253 und 2, 422
als Inhalt des Epos Mevvüg angenommen; da-
gegen wendet sich v. Wilamowitz, phil. Unters.
7 , 222 , wie mir scheint , mit zweifelhaftem
Recht.
Über Darstellungen des Kampfes zwischen
Erginos und Herakles s. Arch. Ztg. 1875, 20;
1879, 186 (B. Engelmann), vgl. dagegen Ann.
delV Inst. 1880, 93 (II. Heydemann). Ich halte
die Deutung der dort besprochenen Monumente
aufrecht. — 2) Teilnehmer am Argonauten-
zuge; er wird als Sohn des Poseidon (Schol.
Pind. Pyth. 4, 61. Apoll. Bhod. Arg. 1, 185.
2, 896. Hygin. f. 14. Val. Fl. Arg. 1, 415.
Orpheus Arg. 150) aus Milet bezeichnet, von
Pindar dagegen (Ol. 4, 19) Sohn des Klyme-
nos genannt (und der Buzyge, Schol. Ap. Bh.
Arg. 1, 185), also mit 1) identificiert; darauf
weist auch, Hygin f. 4 hin : quidam Periclymeni
dicunt , Orchomenius. Vielleicht zeigt Hygin
f. 157, wo unter Neptuns Söhnen auch solche
ex Celaeno , Ergei (Ergini, cj. Bursian) filia
erwähnt werden, in welcher Weise die ver-
schiedene Vatersbezeichnung entstanden ist.
1303 Ergiskos
Nach dem Tode des Tiphys wünscht er das
Steuerruder zu übernehmen, nach Schol. Apoll.
Rliod. Arg. 2, 895. Val. Flacc. Arg. 5, 65.
8, 177 hat er es wirklich geführt. An den in
Lemnos stattfindenden Kampfspielen nimmt er
teil, wird aber von den lemnischen Frauen
wegen seiner weifsen Haare verspottet; als er
im Wettlauf siegt, sagt er deshalb zu Hypsi-
pyle ovzog sya> ra^vtau, %siQEg ds vcd rjzoQ
i'aov, Find. Ol. 4, 19 u. Schol. Vgl. auch Li-
tern. ep. 303 ov% OTt goi x 6 xov ’Egylvov ovg-
ßsßgvsv, sv vsozgze noliä. Kallimach. fr. 197
cd. JBentl. Böckh expl. Find. 145. Staatshausli.
2, 368. Müller Orchom. 77. 129. 179. 202. 257.
Burmann Catal. Arg. — B) Flufs Thrakiens,
Apoll. Rhod. Arg. 1, 218. Plin. n. h. 4, 47.
[Engelmann.]
Ergiskos ('EgyiGvog), Ilarpokrat. p. 85 s. v.
Egylavy = Et. M. p. 369, 54 Sohn des Posei-
don und der Nymphe Aba (s. d.), Eponymos
der thrakischen Stadt Ergiske. [Urusius.]
Eriboia (’Egißota), 1) Tochter des Alkathoos,
Gemahlin des Telamon (= Periboia), Pindar
Isthm. 6, 42 (65). frgvi. 45. Soph. Ai. 562.
[ C . I. Gr. 8185b. Jahn, Arch. Beitr. 453, wo
eine Verbesserung von Serv. Verg. Aen. 6, 21
gegeben ist. K.] — 2) eine Amazone , von
Herakles besiegt, Diod. 4, 16. [Schultz.]
Eribotes (’Egißcözrjg), Sohn des Teleon, Ar-
gonaut, Ap. Rh. 1, 71 mit Schol.: ' Hgodcogog
sv x otg Agyovuvxivotg xovzov Evgvßäz rjv vcdsi.
Hyg. f. 14. Val. Flacc. 1, 402. Leistete dem Oi-
leus ärztliche Dienste, Ap. Rh. 2, 1039; starb
auf der Rückkehr Hyg. /’. 14 a. E. (Eurybates,
des Teleon Sohn). Auf der Kypseloslade war
als Teilnehmer an den Leichenspielen des
Pelias auch ein Eurybotes mit dem Diskos
dargestellt, Paus. 5, 17, 10. [Seeliger.]
Ericliaetes oder Ericetes, ein Lykaonier,
welcher von Messapus getötet wurde, Verg.
Aen. 10, 749. Ribbeck z. d. St. erklärt ihn als
egi-Xahyg. [Steuding.] [= Erechtheus.
Erichtheus (’Egix&svg, C. 1. Gr. 2374, 24)
Erichthonios (’Egix&oviog) , Sohn des He-
phaistos und der Atthis, Tochter des Kranaos,
oder der Athena bez. Ge [Apollod. 3, 14, 6),
deshalb ygysvfig genannt, Eurip. Ion 20. Vgl.
Luc. philops. 3. Censor. de die n. 4, 12. Har-
pocrat. s. v. avxöx&ovsg. Als Athena den He-
phaistos aufsuchte, um sich Waffen zu ver-
schaffen, entbrennt der Gott in Liebe zu ihr;
oder Hephaistos versucht sich ihrer zu be-
mächtigen im Vertrauen auf das Versprechen
des Zeus, dafs Athena seine Gemahlin wer-
den sollte; die jungfräuliche Göttin vertei-
digt sich, so dafs dem Hephaistos sein Vor-
haben nicht ganz gelingt: o de dnsGTiSQggvsv
sig ro Gvslog xpg &säg, svsivr] ds /ivGax^siGa
sglcp dnofid^ccGcc xov yovov sig yrjv cgguips
(mit etymologischer Spielerei), vergl. Apollod.
a. a. O. Myth. gr. 360. Schol. Hom. B 547.
Fragm. tab. Borg. C. I. Gr. 6129 B. (Kin-
kel fr. ep. gr. 4). Nach Eratosth. catast.
13. Hygin. astr. 2, 13 schlägt Athena den
Hephaistos mit der Lanze. Das von der Erde
erzeugte Kind empfängt Athena und zieht es
ohne Wissen der Götter auf; sie verbirgt den
Knaben in einem geflochtnen Korbe, Ovid met.
Erichthonios 1304
2, 254) mit einer ( Apollod . 3 , 14 s. o.) , oder
zwei Schlangen, Eurip. Ion 21. Antig. hist,
mir. 12, zur Bewachung, und übergiebt ihn
den Töchtern des Kekrops Aglauros, Herse und
Pandrosos (Eurip. Ion 22. Paus. 1, 18,2) oder
der Pandrosos allein ( Apollod . s. o.) mit dem
Befehle die Ciste nicht zu öffnen (nach Hygin.
astr. 2, 13 wird der junge Erichthonios den
Töchtern des Erechtheus übergeben). Die
Schwestern der Pandrosos, oder alle drei Ke-
kropiden (bei Antig. hist. mir. 12 ist Herse
ausgenommen) öffnen trotz dem Verbote die
Ciste, sehen das Kind entweder in der Gestalt
der Schlange oder von einer Schlange umwun-
den und werden entweder von der Schlange
sogleich getötet, oder sie stürzen sich in Raserei
von dem Felsen der Akropolis (Apollod. s. o.
Eurip. Ion 265. Paus. a. a. O.) oder ins Meer
(Hygin. f. 166). Athena erfährt den Frevel
der Kekropiden durch die Krähe, gerade als
sie den Lykabettos zur gröfseren Sicherung
ihrer Burg herbeibringt; vor Schreck läfst sie
den Berg fallen und verbietet der Krähe den
Aufenthalt auf der Burg, Antig. hist. mir. 12.
Hygin. f. 166. Erichthonios wird dann im
Heiligtum der Athena aufgezogen, oder er
schlüpft als Schlange unter den Schild der
Athena (Hygin. astr. 2, 13: anguis autem ad
Minervae clipeum confugit et ab ea est educa-
tus, vgl. Paus. 1, 24, 7 : si'g b’ av ’Eqix&ovio g
ovzog b dguvcov). Nach andern (Hygin. f. 166.
astr. 2, 13. Myth.gr. 360) ist Erichthonius nur
im untern Teil als Schlange gestaltet. Nach-
dem er herangewachsen, übergiebt ihm der
kinderlose Kekrops die Herrschaft über Attika
(Isokr. Pan. 126), oder er gelangt durch Ver-
treibung des Amphiktyon zur Königswürde
(Paus. 1, 2, 6. Apollod. a. a. 0.). Seine Frau ist
Praxithea (Apoll, a. a. 0., vgl. Erechtheus), sein
Sohn Pandion (Apollod. Harpocrat. u. Photius
s. v. ILavSiovlg. Paus. 1 , 5 , 3) , nach Eurip.
Ion 267 u. 1007 dagegen Erechtheus. Er er-
hält von der Athena zwei Tropfen vom Blut
der Gorgo, deren einer belebt, der andere tötet,
Eurip. Ion 1001. Erichthonios ist der Erfin-
der des Viergespannes und des TLagccßcczyg
(dafür wird er als r]vlo%og unter die Sternbil-
der versetzt), errichtet der Athena Standbilder
und setzt die Panathenäen ein (Apollod. a. a. 0.
Harpocrat. Suid. Phot. s. v. Tlavairivcua. Marm.
Par. 10, 18 (C. I. Gr. 2374, 18). Eratosth.
catast. 13. Aelian. var. hist. 3, 38. Plin. n. h.
7, 202. Hygin. astr. 2, 13. Verg. Georg. 3,
113), s. auch Erechtheus. Nach Schol. Aristoph.
vesp. 544 hat er die Sitte eingeführt, dafs die
Greise an den Panathenäen frcdlocpoQovGi.
Auch das Amt der Kanephoren wird unter ihm
eingesetzt, Harpocr. s. v. vavgcpogoi. Der
Fcticc vovQOXQoepog bringt er Opfer dar (Suid.
s. v. novQozQocpog). Er ist der Erfinder des
Geldes (Plin. n. h. 7, 197) oder er bat wenig-
stens das Silber zuerst nach Attika gebracht
(Hygin. f. 274). Im Heiligtum der Athena Po-
lias wurde er begraben, Apollod. 3, 14, 7.
dem. Alex, protr. 3, 45. [ C . I. Gr. 6280 A
30 u. Böckh z. d. St.] V on Schol. Isocr. Euag.
wird er als Zeitgenosse des Inachos und Eu-
molpos bezeichnet.
io
20
30
io
50
60
1305
Erichthonios
Erichthonios
1306
Der Mythus von der Geburt des Erichtho-
nios wurde auch in Pantomimen dargestellt,
vergl. Luc. de salt. 39. Ein Gemälde glei-
chen Inhalts erwähnt Luc. de dom. 27. Die
Geburt des Knaben, vor allem seine Über-
nahme durch Athena findet sich mehrfach auf
Vasen und in Terrakotten, vgl. Flasch, Ann.
dell' Trist. 1877 S. 418, wo die verschie-
denen Denkmäler zusammengestellt sind.
Eine ausführliche
Darstellung
findet sich
auf einer
Cornetaner Vase
( Mon . delV Inst.
10 , 39) , deren
Hauptbild hier im
Holzschnitt wieder-
holt ist. Auf einer jeden-
falls aus Attika stammen-
den, in Kameiros gefun-
denen Vase des British
Museum (vergl. den Holz-
schnitt pp. 1307/8) ist, viel-
leicht in Anlehnung an die
Version des Euripides, die
Öffnung des geflochtenen,
mit zwei Schlangen ver-
sehenen Korbes durch die
Kekropiden dargestellt, deren
zwei nach rechts entfliehen.
Vgl. Ann. d. Inst. 1879, 62
(R. Engelmann)-, ebend. 112
(II. Heydeniann),tav.d' agg. F.
Auf allen diesen Denkmälern
ist Erichthonios als Knabe
in rein menschlicher Form
dargestellt. Von einer gro-
fsen Schlange werden die
zwei Kekropiden, ohne dal’s
ein Knabe sonst sichtbar ist,
auf einer Schale des Brygos
verfolgt, Robert, Bild und
Lied 88. Über weitere Dar-
stellungen des Erichthonios
s. B. Stark, Nuove Mein,
dell' Inst. 243. Annal. dell'
Inst. 1872. 216 ( J . Roulez).
Über seine Bedeutung siehe
Preller, Myth.3 164, 1, 2. —
2) Beiname des Poseidon,
Apoll. 3, 15, 1. S. o. Erecli-
theus. — 3) Vater des Au-
tolykos, Schol. Soph. Oed.
Col. 378: in yev’RiQiiQ'oviov
noTigccGTiov tax s&e
kovqov Avxolvxov tto-
Iscov xTkdvco v gCviv'Aq-
ys'C xoilcg , wohl
ein Fragment aus
dem kykli-
schen Ge-
dicht ’EnL
__ yovoi , vergl.
Nauclc, frg. tr. Soph. 222. — 4) Sohn des
Dardanos und der Bateia , der reichste
der Sterblichen (Hom. T 219. Eustath. ad Horn. 351, 29. Iliod. Sic. 4, 75, 2. Quint.
Smyrn. 2, 141). Er erzeugt mit der Astyoche, der Tochter des Simoeis, oder der Kallirrhoe,
■
1307
Erichthonios
Eridanos
1308
8
8
,S
?3
S
£
<
Tochter des Skamandros ( Dionys .
Hai. 1, 62), denTros ( Hom . T230.
Apolloä. 3,12, 2), nach Ov. fast.
4, 33. Serv. Verg. Aen. 8, 130
dagegen den Assarakos. Nach
Scliol. Eurip. Hec. 3 ist Hippo-
thoe , die Mutter der Hekabe,
seine Tochter. Strabo 13, 1 (604)
vergleicht den troischen Erich-
thonios mit dem athenischen, um
alte Beziehungen zwischen beiden
Völkern nachzu weisen.
[Engelmann.]
Eridanos (’HqiSuvos), 1) Bach
bei Athen, personificiert Vater
der Zeuxippe (von Teleon
Mutter des Argonauten Butes),
Hyg. f. 14; vgl. Paus. 1, 19, 6.
— 2) einer der Hauptströme, Sohn
des Okeanos und der Tethys,
Hesiod , Theog. 338; doch wohl
hier schon der Strom des Abend-
landes; zunächst mageine Kunde
vom Po zu gründe liegen. Als ein
gegen Norden in das äufsere Meer
fliefsender Strom Europas, von
welchem der Bernstein komme
und vor dessen Mündung die Kas-
siteriden (Zinninseln) lägen , bei
Herodot 3, 115. — Phereh/des
frgm. 33 Müll, setzt an den Eri-
danos Nymphen, die dem Hera-
kles raten, über die Heimat der
goldnen Äpfel den Nereus zu fra-
gen; ders. {fr. 33 c) identificierte
den Eridanos mit dem Pados;
so auch Aischylos (Heliaden ; s. d.
u. Phaethon), der ihn nach
Iberien setzt und zugleich mit
dem Rhodanos identificiert (bei
Plin. 37, 32), während Euripide |
(bei Plin.) und Apollod. Pli. 4,
627 nebst Scliol. den Rhodanos
mit dem Eridanos -Pados sich
vereinigend dachten, sodafs die
Argonauten (s. d.) durch den
Eridanos in den Rhodanos und
weiter gelangen können. Mit
dem Po identificiert von Eurip.
Hipp. 732. Aristot. mir. ausc. 81
Slcylax p. 6. Timaios bei Polyb.
2, 16. I)iod. 5,23. Skymnos 395.
Herodian p. 179, 3 Lentz. Hy-
gin f. 152. 154. Ad. hist. an. 14,
8.29. Verg. Georg. 1, 482. Aen.
6,659. Prop. 1,12,4. Martial.3,
67, 2 (cf. Cluverius). Plin. 3,117.
37, 44. Zosimus 5, 37. In den
äufsersten Westen, in das Kelten-
land setzt ihn Paus. 1,4, 1 ; 19,5.
5, 12, 7; 14, 3; 8, 25, 13. Auf
den Nil als den einzig nordwärts
fliefsenden Strom gedeutet bei
Erat, catast. c. 37, Scliol. Arat.
Phaen. 359. Scliol. Germanici
366; auf den Okeanos bei Hyg.
p. astr. 2, 32. Unbestimmt lassen
ihn Batrachom. 20. Ov. met. 2,
1309 Erigdnpus
258—324. Luc. dial. deor. 25. Fraglich sind
Pliiloxenus, Nicander , Satyrus b. Plin. 37, 31.
Herodot 3, 115 bestreitet des Eridanos Realität,
vgl. Strabo 5, 215. Polyb. 2, 16. Plin. 37, 31.
Christ, Jahrb. 1871, 708 meint, Eridanos sei der
Name Rhodanos gräcisiert. Nach Preller 1, 358
gehörte der Eridanos ursprünglich wohl dem
Nordland der Hyperboreer am Okeanos an.
Phaethon gab dem Strom seineüNamen, Serv.
Aen. 6, 659. Eridanos Strom im Hades, in
welchem Tantalos steht, ib. 603. Eridanos
als Sternbild, Erat. cat. c. 37. Arat. phaen.
359. Hippolcrates 1, 18. Hyg. p. astr. 2, 32.
Cic. Arat. 389. Mart. Cap. 8, 838. [Vergl.
Pt. Broivn, Eridanus: river and constellation.
London 1883. R.]. [v. Sybel.]
Erigdupus ( ’EgiySovnog ), ein Kentaur: Ov.
Met. 12, 453. Über den Namen handelt Lö-
scher in Fleclceisens Jalirbb. 1872 S. 424. Ygl.
Dupon u. Kentauren. [Roscher.]
Erig'one (fHQiyövrf), 1) Tochter des Ikarios,
Geliebte des Dionysos , der sie durch eine
Traube verführt, Ov. Met. 6, 25, und dem sie
den Staphylos gebiert, Hyg. f. 130; s. Ikarios
u. vgl. E. Maass, Analecta Eratosth. ( Philol .
Unters, h. v. Wilamowitz u. Kiessling 6 c. 2
Cie Eratosth. Erigona’). — 2) Tochter des Ai-
gisthos und der Klytaimnestra, die dem Orest
den Penthilos gebiert, Paus. 2, 18, 5. Marin.
Par. 25. Etym. M. 42, 4. Nach Hyg. f. 122
wollte Orest sie töten, aber Artemis entrückte
sie nach Attika und machte sie zur Prieste-
rin; nach Dict. 6, 4 tötete sie sich selbst, als
sie hörte, dafs Orest vom Areopag frei gespro-
chen sei. — 3) Tochter der Themis, Personi-
fikation der Gerechtigkeit und daher von Ver-
gil Jungfrau genannt, Serv. zu Verg. Ecl. 4, 6
(s. Sternbilder). [Schultz.]
Erikapaios s. Erikepaios.
Erike (’Egi'nr] — sysixg Heidekraut), nach
Hesych. Tochter des Flusses Anauros (in Thes-
salien), d. h. eines bei trocknem Wetter ver-
siegenden Giefsbaches, da für solche dieser
Name bei späteren Dichtern geradezu appel-
lativ gebraucht wurde. Vergl. Benseler-Pape ,
Lex. s. v. [Steuding.]
Erikepaios (fHgiY.encx.iog oder ’HgiYancxiog),
ein Wesen der orphischen Theogonie, aus dem
Weltei entstanden und auch Eros, Metis, Pha-
nes genannt, Orpli. II. 5, 4. fr. 8. Vgl. auch
Göttling de Ericapaeo Orphicorum numine,
Progr. Jen. 1862 ( Opusc . acad. p. 206 — 214).
Lobeck, Aglaoph. 1, 478 ff. Preller, Gr. Myth.
1, 36. Gerhard, Gr. Myth. 1 § 517, 3. [Stoll.]
Erilus s. Erulus.
Erimede (’Egiyydrj oder ’Egvgfjö'ri'), Tochter
des Damasiklos , Gemahlin des Elatos , eines
Sohns des Ikarios, Mutter des Tainaros, nach
welchem Stadt und Vorgebirg benannt waren,
Pherekyd. b. Schol. Ap. Bli. 1, 102. [Stoll.]
Eriuona(v. 1. Erittoma, vielleicht Erinoma?),
Tochter des Celes (= Kshqgl vgl. Plat. bei Athen.
10, 442 a), auf Cypern, welche wegen ihrer
Keuschheit von Minerva und Diana geliebt wurde.
Aus demselben Grunde halste sie Venus und
entflammte deshalb luppiter in Liebe für sie.
Um diese zu hindern, veranlafste Iuno die Ve-
nus durch Adonis die Erinona schänden zu
Erinys (Naturbedeutung) 1310
lassen, vgl. o. S. 74, 65 ff. Zur Strafe tötete
luppiter den Adonis durch einen Blitz in seinem
Heiligtum am Berge Cassius, in welches der-
selbe geflüchtet war, doch wurde auf Bitten
der Venus sein Schattenbild durch Mercur auf
die Oberwelt zurückgeführt. Die Erinona aber
verwandelte Diana nach ihrer Schändung in
einen Pfau, gab ihr jedoch später ihre mensch-
liche Gestalt wieder und iiberliefs sie dann
dem wiedergekehrten Adonis, welcher mit ihr
den Taleus zeugte, Serv. Verg. Ecl. 10, 18.
Über Artemis als Feindin des Adonis vergl.
0. S. 71, 48. [Steuding.]
Erin(is) pater, ein zur Vesuna in naher Be-
ziehung stehender Gott auf einer alten In-
schrift aus dem Marsergebiet bei Milionia,
C. I. L. 1, 182 und Mommsen I. N. 5483 : V.
Atiecliu{s) | Ve(s)une | Erinie. et | Erine | pa-
tre | dono. mere | libs. Vielleicht dürfte der
Name auf denselben Stamm wie sgivsog zu-
rückzuführen sein, da ja Vesuna auch sonst
mit Göttern der ländlichen Fruchtbarkeit wie
Puemunus (?) und Phuphluns (Bacchus) zusam-
mengestellt wird. Vgl. Preller , Rom. Myth.3
1, 454, 1. Bugge, Rhein. Mus. 1885, 474
verbindet ihn dagegen mit etrusk. Etrus, das
er italischem aisu-s, esu-s Gott gleichsetzt.
[Steuding.]
Erinys {’Egivv g). Die Erinys reicht in die
Anfänge der griechischen Religionsgeschichte
zurück; Aischylos hebt mit Nachdruck ihr
höheres Alter gegenüber der jüngeren Götter-
ordnung hervor ( Eum . 150. 162. 394. 731), und
schon bei Homer überwiegt die ethische Auf-
fassung ihres Wesens ihre übrigens noch deut-
lich erkennbare Naturbedeutung. Erinys und
Erinyen, Einzahl und Mehrzahl, gebrauchen
Homer und die folgenden ohne Unterschied der
Bedeutung. Die Dreizahl erscheint zuerst bei
Euripides Or. 408. 1650; Tro. 457. wiewohl auch
er Iph. T. 968 eine gröfsere Zahl annimmt
(vgl. unt. Abschn. IV). Ihre Namen werden
erst spät genannt: Alekto, Tisiphone, Megaira,
Verg. Aen. 6, 571. 7, 324. 12, 846. Apollod.
1,1,4. Orph. Hymn. 68,2. Arg. 971; über deren
Etymologie siehe Pott, Kuhns Zeitschr. 5, 265.
Litte r atu r: Böttiger, die Furienmaslce im
Trauerspiel 1801. Kampe , Erinnyes (Berliner
Dissertation 1831). K. O. Müller, Aischylos '
Eumeniden, mit erläuternden Abhandlungen 1833.
Prusinowski, De Erinyum religione, Berl. Dis-
sert. 1844. Schömann, Aischylos’ Eumeniden,
deutsch mit Einleitung 1845. Ders., Opuscula 2,
141. Kuhn, Zeitschr. für vergl. Sprachfor-
schung 1 S. 439 — 470, 1852. Asclienbacli, die
Erinyen bei Homer, Hildesheimer Progr. 1859.
Max Müller , Vorlesungen über Sprachwissen-
schaft v. Böttger 2 1870. 2, 494 ff. Gladstone,
Iuventus Mundi, London 1870 S. 348 fF. Dil-
they, Archäol. Zeilg. 31, 78 ff. Körte, die Per-
sonifikationen psychologischer Affekte in der
späteren Vasenmalerei 1874. Rosenberg , die
Erinyen, Berl. 1874.
I. Naturbedeutung der Erinys.
Die Naturseite der Erinys ist in dem
homerischen Beiwort ysgocpolzig ausgesprochen
(J 571; T 87) „die im Nebel, in dunklem
1311 Erinys (Naturbedeutung)
Gewölk schreitende“, woran sich als gleich-
bedeutend das äschyleische ysXuveayCg ( Sept .
699) und ijsgiai „die in Morgennebel gehüll-
ten“ ( Orph . Hyrnn. 68 , 9) anschliefst. Ihr
Wesen ist den Harpyien verwandt, mit wel-
chen sie die delphische Priesterin Aesch. Eum.
50 vergleicht: Die Erinyen raffen den, welchen
sie verfolgen, durch die Lüfte fort (^vvagna-
t,ovai Soph. Ai. 840) , als dfiaiganszat. -nogar
„heftig rasende“ (Soph. 0. C. 127), so dafs er l
verschwindet, Flut, de sera num. vind. 22;
ygnacav ogycd Evgsvidcov Nonn. Dion. 10, 32.
Verg. Aen. 3, 252 nennt die Harpyie Kelaino
geradezu Furiarum maxima. Deshalb heifsen
sie die „Schnellen“ (raxeica Soph. Ai. 843)
und die „Läuferinnen“ dgoyäösg (Für. Or. 317.
837). So ist es also das Bild der ungestüm
daherfahrenden dunklen Wetterwolke,
welches der Gestalt der Erinys zu Grunde
liegt. Hieraus erklärt sich auch die ihr von 2
späteren Dichtern zugeschriebene Eigenschaft,
oft und rasch ihre Gestalt zu wechseln (Verg.
Aen. 7, 238: tot sese vertit in ora ); in dem or-
phischen Hymnus 68 heifsen sie uioXogogqiot.
und noXvgogcpoi und bei Nonn. Dion. 32, 100
noiuiXogogcpoi, Ausdrücke, die offenbar an ältere
Vorstellungen anknüpfen. Aus der Schnellig-
keit der Bewegung der Wolken bildete sich
die Vorstellung von Wolkenfrauen, die „weit-
ausschreitend“ (zavynoösg Soph. Ai. 837) sich 3
durch den hohen Äther schwingen (Eur. Or.
322), um über Land und Meer den Frevler zu
verfolgen, schneller als das Schiff (Aesch. Eum.
250) , und von oben herabspringend sich auf
ihn zu werfen , Eum. 369. Eur. Or. 257.
Apollon. Rhod. 2, 220 in’ 6cp&aXyoiGt.v ’Egivvg
XaS, STcißg von Phineus, der dadurch geblendet
wird, Verg. Aen. 12, 855 celeri ad terram tur-
hine fertur. Da sie in dunkler Wolke dahin-
fahren, sind sie schwarz (ysXazvaz sg zu nav 4
Aescli. Eum. 52), sowohl an Hautfarbe (gsXay-
Xgäzsg Eur. Or. 321; %qü>zu ■Kslcuval Eur. El.
1345; vgl. Orph. Hyrnn. 69, 6 und unten: Erinys
in der Kunst) als an Gewändern (cpaioxGcovsg
Aesch. Clio. 1050), daher das stehende Beiwort
uilaiva, Aesch. Sept. 977 , atra Ovid Her. 11,
103; zugleich aber auch wie die Wolken selbst
und andere Wolkengottheiten (vergl. Roscher,
Gorgonen S. 89. 98) beflügelt, was Vergil
Aen. 7, 408 in schönem Bilde vereinigt, wenn 5
er von der Erinys sagt: fuscis tollitur alis,
wie auch aus seinem Ausdruck ventosas alas
(12, 848) die Naturbedeutung hervorleuchtet.
Aischylos zwar , der sie in seinen „Eume-
niden“ nicht mit Flügeln auf die Bühne
brachte, nennt sie anzsgor (Eum. 51. 250),
Euripides dagegen, bei dem sie nicht selbst
auf der Bühne auftraten, nzegocpögor (Or.
317. Iph. T. 289); so auch in der Kirnst
(s. unten), besonders auf den Vasenbildern. 6
Aber noch ein anderer Zug ihrer Naturseite
scheint hierher zu gehören. Aischylos schreibt
ihnen einen unnahbaren giftigen Hauch (ov
nXazoiGi qrvGiciycxGi Eum. 53) und einen gifti-
gen Geifer zu, den sie auf das Land träufeln
lassen und woraus Flechten , Mifswachs und
Krankheit entsteht (Eum. 782 ff.), der die Keime
der Saat abfrifst (ib. 802). Daher gilt auch
Erinys (Naturbedeutung) 1312
bei Späteren die Erinys für die Urheberin von
Krankheit und Sterben der Völker, Verg. Aen.
12, 851; 7, 455. Stat.Theh. 1,108; denn, sagt
der letztere (1, 106) von ihr: „sie gleifst von
Gift und Geifer“; (vgl. Verg. Aen. 7, 341 j-);
und Ovid Met. 4, 504 läfst Tisiphone in einem
Hexenkessel Gift kochen. Mifswachs und Seu-
chen entstehen nach häufig vorkommender An-
sicht der Alten aus böser Luft, die sich z. B.
nach der Vorstellung des Lucretius 6, 1119
nebel- und wolkenartig (ut nebula ac nubes )
über das Land verbreitet. In der deutschen
Mythologie ist es vielfach beglaubigt, dafs in
manchen Gegenden aus schädlicher Ausdün-
stung die Sage vom giftigen Pestdrachen ent-
standen ist , der in Nebelgestalt (auch als
schwarzer Nebel) erscheint, Menschen und Tiere
vergiftet und den Pflanzenwuchs vernichtet;
vgl. Laistner, Nebelsagen S. 80—86. 266. Die
slavische Sage enthält sogar (ebendas. S. 86)
ganz dieselbe Vorstellung vom giftigen Hauch
einer Seuchen und Mifswachs bringenden weib-
lichen Nebel- und Wolkengottheit.
Vornehmlich ist es aber die in Blitz und
Donner sich entladende Gewitterwolke,
von welcher die Gestalt der Erinys ihre her-
vorragendsten Züge erhalten hat , die sie zu
jener furchtbaren, schreckenerregenden Gott-
heit machten. Deshalb werden sie in Aischy-
los’ Eumeniden zur Veranschaulichung ihrer
äufseren Erscheinung von der delphischen
Priesterin nicht blofs mit den Harpyien , son-
dern auch mit den Gorgonen verglichen (Eum.
48. Cho. 1048), welche, wie Roscher a. 0. er-
wiesen hat, Gewittergottheiten waren. Als
solche zeigen sie sich auch im einzelnen. Bei
Aischylos (Eum. 139) fordert Klytaimnestras
Schatten die Erinyen auf Orestes zu verzehren
mit dem feurigen Hauch, der aus ihrem Innern
hervorbricht. Es sind also feuerschnaubende
Gottheiten, wie sie auch Quint. Smyrn. 5, 33
nennt: 0X0010 nvgbg nvsiovGca dvzygv, vergl.
Stat. Theb. 1, 107 igneus atro ore vapor, und
denselben Sinn hat es, wenn bei Quint. Smyrn.
8, 242 Erinys von Boreas die feuerschnauben-
den Rosse Aithon und Phlogios gebiert. Aber
auch aus ihren Gewändern sprüht Feuer (h
Xiz covoov nvg Ti viovoa Eur. Iph. T. 288), aus
ihren Haaren (ignem flammeae spargant comae
Sen. Here. f. 87, daher ist sie flammifera ib. 987).
Dafs mit dem Feuer, das ihnen aus dem Munde,
den Haaren und Gewändern sprüht, der aus
der dunklen Wetterwolke hervorbrechende Blitz
gemeint ist, liegt auf der Hand. Dafs aber
auch der furchtbare Gorgonenblick, den ihnen
Eurip. Or. 261 (yogyänsg) zuschreibt, auf den
Blitz zu beziehen ist, liefse sich schon aus
eben derselben Bedeutung des Flammenblicks
bei den Gorgonen und andern Gewittergott-
heiten schliefsen (Roscher, Gorg. 71 ff.), wird
aber überdies noch durch einen unzweideuti-
gen und gewifs altertümlichen Ausdruck des
orphischen Hymnus an die Eumeniden (69, (5)
bestätigt: cmuGZQcmrovGcn an oggcov diivrjv
avzavyrj cpueog Gctgxocpd'ogov ai'yXrjv , worin
besonders uGzgänzsiv „blitzen“ zu beachten
ist; vgl. Roscher, Gorg. 64. Auch ßXocvgänig
wird von der Erinys (Quint. Smyrn. 8, 243)
1313 Erinys (Naturbedeutung)
und von der Gorgo gebraucht ( Roscher , Gorg.
S. 58) und hat dieselbe Bedeutung des Flam-
menblicks, wie auch Verg. Aen. 7, 448 der
Erinys flammea lumina beilegt. Denselben
Sinn wird demnach der von den Erinyen ge-
brauchte Ausdruck d'sivüit fg ( Soph . Oed. C. 84)
haben, jedoch so, dafs in der Furchtbarkeit
des Blicks zugleich auch die Schärfe desselben
enthalten ist und d'sivcäneg zugleich in dem
pindarischen Ausdruck ö£?t’ ’Egtvvg {Olymp, l
2, 41) und im sophokleischen Tcav&’ cqügcu
(Ö. C. 42; Ai. 836) seine Erklärung findet. So
besteht die Furchtbarkeit der Erinys nicht
zum wenigsten in ihrem flammenden, scharfen,
alles sehenden Blick.
Eine Verstärkung und Vervielfältigung die-
ses schreckenden Blicks und ein Bild der
allenthalben aus der Wetterwolke hervorzün-
gelnden und herauszischenden Blitze ist das
Schlangenhaar der Erinys. Diese Bedeu- 2
tung der Schlange ist aufser Zweifel , vergl.
Schwartz, Ursprung d. Mythologie S. 36. 45 ff.
Laistner, Nebelsagen S. 74. Roscher, Gorgonen
S. 64, woselbst (S. 74 ff.) auch das Attribut
der Schlange bei andern Gewittergottheiten
nachgewiesen wird. Dies ist jedenfalls eine
sehr alte Vorstellung und die Behauptung des
Rausanias 1,28,6, dafs Aischylos den Erinyen
zuerst Schlangen in die Haare gegeben habe,
nur so zu verstehen, dafs er sie zuerst so auf 3
die Bühne brachte, weil der Volksglaube sich
dieselben so vorstellte. Aufser Aischylos { Cho .
1049 nsTiXsKTKvrgisvccL nwxvoig ägätiovo i) er-
wähnt sie von den älteren Dichtern Euripides
Iph. T. 287. Or. 256; viel häufiger aber die-
nen sie den römischen Dichtern zur Ausmalung
der Schreckensgestalt der Furien, welche bei
ihnen die Schlangen nicht blofs in die Haare
{Hör. carm. 2, 13, 35), sondern auch um Leib
und Arme geschlungen haben, Ovid Met. 4, 4
483. 491 (vgl. S. 1315, 10; weiteres s. unter
Furiae). Auch iu der Kunst bildet die Schlange
zu allen Zeiten das stehende Attribut (s. unt.
S. 1331 ff.).
Ein weiteres Attribut der Erinys ist die
Fackel. Wenn auch bei Aischylos, Sopho-
kles und Euripides dieselbe nicht erwähnt
wird, so ist sie doch für Euripides mit Wahr-
scheinlichkeit zu erschliefsen aus Ennius Alcu-
maeo fr. 3 Ribb. , und aus einer Stelle in 5'
Aristophanes' Plutos (v. 423) geht gerade für
die Tragödie die Anwendung derselben bei den
Erinyen wenigstens vom vierten Jahrh. an mit
Sicherheit hervor (vgl. auch das Scliolion da-
zu); ebenso aus einer (von Cicero pro Rose.
24, 66 nachgeahmten) Stelle bei Aischines in
Timarch. § 190: „Glaubet nicht, ihr Athener,
dafs die Erinyen wie in den Tragödien die
Verbrecher mit brennenden Fackeln verfolgen“;
wie sie auch in den Tragödien Senecas häufig g
vorkommt (s. Furiae). Die Fackel kann in
diesem Zusammenhang nur wiederum ein Sym-
bol des Blitzes sein, wie schon Kuhn , Ztschr.
1 S. 455 ausgesprochen hat; vgl. auch Schwartz,
Urspr. S. 37. [Vgl. auch die Xccynddsg v.sguv-
vlol des Euripides. R.] Eine Andeutung der
ursprünglichen Naturbedeutung enthalten die
Worte bei Verg. Aen. 7, 457, wo Allekto die
Roscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
Erinys (Naturbedeutung) 1314
Fackel auf Turnus wirft: atro lumine fumantis
fixit sub pectore taedas, indem die au3 dunk-
lem Qualm leuchtende Fackel an den aus
dunkler Wolke brechenden Blitz erinnert; ähn-
lich Orph. Arg. 972. Auch sonst wird von
den römischen Dichtern die Fackel zur Aus-
schmückung der Erinyengestalt verwendet,
Ovid Her. 11, 103; Met. 4, 48 (s, Furiae); eben-
so in der Kunst (s. unten).
Auf mehrere Seiten des Wesens und der
Thätigkeit der Erinys zugleich bezieht sich
die Peitsche in ihrer Hand. Unter den Stra-
fen, die ihm von den Erinyen drohen, wenn
er den Vater nicht räche, nennt Orestes bei
Aischylos Cho. 290 mit erzgetriebener Peitsche
{lul-*r\Xd.T(ü nXccGziyyC) zerfleischt zu werden.
Häufiger erwähnen dieselbe die späteren Dich-
ter. Die rasche Bewegung der von der Erinys
geschwungenen Peitsche {Tagzagigv SXeXi&v
s%i8vrj£GGccv iyuG&Xtjv , Nonn. Dion. 44, 261)
ist ein Bild des sich schlängelnden Blitzes,
wie auch Homer {B 782) sagt: Zeus peitscht
{iyccGGei) die Erde mit seinen Blitzen; und
wenn Vergil {Aen. 7, 337) die Erinys die Woh-
nungen der Menschen mit ihren Geifselschlä-
gen treffen läfst, um sie zu zerstören, so kann
damit auch nichts anderes als der Blitz gemeint
sein. Auch in der indischen und deutschen
Mythologie bedeutet die Peitsche den Blitz;
vgl. Mannhardt, German. Mythen 120. Grimm,
Mythol .2 162. Laistner, Nebelsagen S. 160. In
einer Alpensage erscheint im Gewitter eine
feurige Frau mit einer Peitsche in der Hand
(ebendas. S. 45), ganz wie bei Seneca, Hercul.
987 : flammifera Erinys verbere excusso sonat.
Auch das Beiwort xal^riXazog zu nluGziyi, hat
seine Bedeutung. Roscher, Gorgonen S. 68 hat
einleuchtend dargethan, dafs das Erz in mehr-
facher Beziehung, vornehmlich wegen seines
Leuchtens und seines dröhnenden Schalls, ein
Symbol des Blitzes und Donners ist, sowie auch
(S. 78 ff.), dafs die Gewittergottheiten eherne
Waffen führen. Vielleicht dürfte hierauf auch
die Benennung xcdnonovg ’Egivvg {Soph. El. 492)
zurückzuführen sein , die auch sonst von Ge-
witterwesen vorkommt, Schwartz, Urspr. 166.
Noch viel mehr aber ist es der Peitschenknall,
dem der auf den Blitz folgende Donner ent-
spricht, wodurch die Peitsche zum Symbol des
Blitzes wird. So finden wir auch bei den
Späteren , welche die Peitsche oft erwähnen
{Verg. Aen. 6, 570. Lucan. 6, 730. Nonn. Dion.
21, 106. 44, 225. Heliod. Aeth. 2, 11) den
Schall der Erinyspeitsche besonders betont:
Verg. Aen. 7, 451 : Allecto verbera insonuit, liefs
die Peitsche knallen; Nonn. Dion. 32, 103:
kzvtiov icyDcgdyriGS \ GsiGccyevr] ßagvdov7iov sjjji-
dvrjsGGav iyuG&liqv. Diese von Nonnos öfter
(10, 38; 44, 261) genannte sxi8vf\£GGa LfKXG&lrj,
eine aus Nattern gewundene Peitsche, ist wohl
eine Ausgeburt der Phantasie der späteren
Dichter, vergl. Seneca, Here. f. 88: Eumeni-
des viperea verbera ineuiiant ; Flaccus Arg. 8,
20: torto furiarum flagello. Erinys mit der
Peitsche auf der unten abgebildeten Unter-
weltsvase und dem Sarkophag bei MüUef-Wie-
seler 2, 37, 441. \,
Eine eigentümliche Wirkung der Erinys-
42
1315 Erinys (Naturbedeutung)
peitsche ist aber die, dafs sie den Getroffenen
in W ahnsinn versetzt. Nonn. Dion. 21, 106
berichtet, die Frauen von Nysa hätten, von
Megaira mit Geifselhieben geschlagen, wie
Stiere gebrüllt und dann im Wahnsinn ihre
eigenen Kinder getötet; durch dieselbe (32,
100) versetzt die Erinys den Dionysos in bak-
chischen Wahnsinn. Dieselbe Wirkung wird
der Schlange der Erinys zugeschrieben. Bei
Verg. Aen. 7, 346 ff. versetzt Alekto die Amata
dadurch , dafs sie ihr eine ihrer Schlangen in
den Busen schleudert, in Wut und Wahnsinn.
Dasselbe erzählt Ovicl Met. 4, 491 von Tisi-
phone. Dieselbe Wirkung hat auch der Sta-
chelstab, das y.svzqov , welches die Erinys
als dacnXr^ig „die Harttreffende“ (bei Homer
o 234) ebenso wie die aufs engste mit ihr
verwandte Lyssa führt, vgl. Stephani , Nimbus
und Strahlenkranz S. 69. Es ist, um Diltlieys
Wort zu gebrauchen ( Arch . Ztg. 31, 86), „je-
nes uralte, oft mit wundervoller Gewalt ver-
wendete Bild für die Verwirrung des Gemüts,
welche die Götter im feurigen Strahl aus der
Höhe senden“. Gewifs mit Recht fafst Dilthey
die Geschosse in der Hand der Erinys eben-
so auf. Dieselben werden in der Litteratur
wenig erwähnt, vgl. Eurip. Or. 274 und Orpli.
Arg. 872 Pfeile, und Mosch. 4, 14 ’Eqlvv og aiva
ßslsyva. In der bildenden Kunst kommen sie
öfter vor: Lanzen, Schwerter, auf römischen
Sarkophagen auch Doppeläxte, vgl. Bosenberg,
die Erinyen Berl. 1874 S. 85. Ob die speer-
artige Waffe im einzelnen Fall Lanze oder
■AtvtQov zu nennen ist, worüber bei einer Reihe
von Vasenbildern die Ansichten auseinander-
gehen [vgl. Bosenberg S. 66—68 (Lanze) mit
Körte, Personifikationen S. 23 — 29 und Dilthey
a. a. 0. S. 88 (Kentron)], macht somit keinen
Unterschied in der Bedeutung aus. Schwerlich
haben jedoch die Künstler noch jenen ursprüng-
lichen Sinn damit verbunden; sie wollten wohl
nur die Tod und Verderben bringende Göttin
damit bezeichnen.
Aber noch auf andre Weise läfst der Mythos
die Erinys als donnernde Gewittergottheit er-
kennen. Wenn Nonn. Dion. 21, 106 erzählt,
dafs die Frauen von der Peitsche der Erinys
getroffen wie Stiere brüllten (syvnfjßavTo),
so ahmten sie damit nach einer in der Mytho-
logie häufigen Übertragung nur das eigene i
Thun der Erinyen nach. In Euripid. Iph. T.
glaubt Orestes die Erinyen, die er nicht sieht,
im Brüllen der Rinder und im 'Bellen der
Hunde zu vernehmen, weil man den Erinyen
solche Laute zuschrieb (v. 294). Dafs Rinder-
gebrüll ein häufiges Bild für den Donner ist
und besonders dafür gvnäo&ca gebraucht wird,
hat Boscher , Gorg. S. 85 nachgewiesen, eben-
so (S. 961, dafs das Brüllen auch andern Ge-
wittergottheiten nicht blofs in der griechischen i
Mythologie zugeschrieben wird. Somit bedeu-
tet die igißgoyog ’E. in den orphischen Hym-
nen (68, 1), nach Analogie von Z svg vzpißQS-
gsxrig, die laut Donnernde.
Auf einen andern Zusammenhang führt das
Hundegebell. Im Eingang von Aischylos'
Eumeniden bellen die Erinyen im Schlaf wie
Hunde, so dafs Klytaimnestra (v. 131) zu ihnen
Erinys (Naturbedeutung) 131G
sagt: ovag ötionsig Q-figu, xXayyüvstg d’ aneg
kvcov, wie überhaupt in dem ganzen Stück die
Verfolgung des Orestes durch die Erinyen unter
dem grofsartigen Bild einer Jagd aufgefafst
ist. Der Verfolgte ist das Wild: oiySTai 6
&fjg und aygav öileaa rufen (v. 147. 148)
die Erinyen klagend aus; auch bei Eurip.
Or. 836 heifst Orestes Evgeviaiv &riguya. So-
mit ist das Amt der Erinyen das e-nKvvy-
1 y erste ( Aesch . Eum. 231), das Aufspüren und
Jagen; wie der Hund der Fährte des Rehs,
so gehen sie der blutigen Spur des Flüchtigen
nach (v. 246); sie suchen ihn mit Netzen zu
fangen v. 112. 146. Als Jägerin heifst die
Erinys bei Nonn. Dion. 32, 100 ev ovgeoi qioi-
rdg. Dem entspricht auch die Darstellung der
Erinys in der Kunst (s. unten).
Aber nicht blofs zur Vergleichung mit den
Erinyen werden die Hunde beigezogen, son-
) dern mit kühner Metapher werden die Eri-
nyen selbst Hunde genannt. Aischylos
nennt sie, sofern sie die Mutter an dem Sohn
zu rächen haben „der Mutter grimmige Hunde“
( Cho . 924. 1054); ebenso 925 nargog-, Soph.
El. 1387 „die dem Frevel nachspürenden, un-
entrinnbaren Hunde“; Euripides El. 1342 und
auch Aristophanes nach einem Tragiker „des
Kokytos spürende Hunde“ Ban. 472. Aischy-
los führt dieses Bild weiter aus zur Veran-
i schaulichung der unbarmherzigen Verfolgung
der grimmigen Göttinnen: sie schlürfen als
Hunde das Blut des gehetzten Wildes (Eum.
183), und zwar aus den (gliedern des noch
Lebenden (ib. 264. Ag. 1189). ’Oagrj ßgoreicov
aiyarcov ge ngocyeXä ruft blutdürstig die
Erinys aus, Eum. 254. Diese Auffassung der
Erinys ist den älteren Tragikern eigentümlich
und von den Späteren (aufser Lucan. Bltars.
6, 733 Stygiae canes) nicht nachgeahmt.
* Da die Erinyen Wolkenfrauen sind, so ist
unter der Jagd, in der sie als Jägerinnen oder
als Hunde auftreten, die Jagd der dahin-
stürmenden Wolken zu verstehen. Dafs
der Gestalt der Erinys die Vorstellung der
wilden Jagd , des wütenden Heers zugrunde
liegt, geht aus dem Bisherigen deutlich genug
hervor und ist auch schon mehrfach , wenn
auch ohne Beweis, ausgesprochen worden, vgl.
Schwartz , Poetische Natur anschauungen 2, 7.
154 und Dilthey, Arch. Ztg. 31 S. 91, welcher
auch ( Bhein . Mus. 1870 p. 331 ff.) nachgewie-
sen hat, dafs dem klassischen Altertum die Vor-
stellung der „wilden Jagd“ keineswegs fremd
war. Auch die Gestalten der wilden Jagd sind
aus den vom Sturm gejagten, dunklen Wet-
terwolken hervorgegangen (Grimm, Myth. 2 899),
auch hier erscheinen die wilden Frauen in
Nebelgestalt ( Laistner , Nebelsagcn 285). Mit
denselben Zügen, oft mit denselben Ausdrücken
wird das Treiben und Jagen dieser Gestalten
„über Wasser, über Land“, „hoch in der Luft“
(Grimm 877. 897. Mannhardt, Germ. Myth.
262) , ihr Herabstürzen auf die Schuldigen
(Grimm 873f. Laistner 260. Mannhardt 276),
ihre schwarze Farbe, die mancherlei Feuerer-
scheinungen, besonders auch an Hunden und
Rossen (mit Beziehung auf den Blitz, Mann-
hardt 302. 721) hervorgehoben. Den Erinyen,
1317 Eriuys (Naturbedeutung) Erinys (Naturbedeutung) 1318
die als Hunde gedacht werden, entsprechen
insbesondere die Jägerinnen der wilden Jagd,
die in Hündinnen verwandelt werden ( Grimm
877), wie auch Holda und der wilde Jäger selbst
als Hunde den Zug anführen und die Kinder
des letzteren in Hundegestalt erscheinen, Mann-
hardt, Germ. Myth . 96. 300. 711. Dies alles
weist auf uralte Verwandtschaft der Anschau-
ungen.
Anders, aus einer nur durch die Laute der io
Sprache erzeugten Übertragung erklärt Dilihey
(a. a. 0. S. 83) diese Identificierung, indem
der Hund vermöge der radikalen Metapher
zum Sinnbild des Lichtes geworden und in
nvcov eine Wurzel dieser Bedeutung enthalten
sei, weshalb die Erinyen wegen ihrer feurigen
Natur Hunde genannt würden.
Die griechische ’Egivvg ist nach Kuhn,
Ztsch. f. vergl. Spr. 1, 439 ff. sprachlich iden-
tisch mit Saranyü, der indischen Göttin, 20
welche nach Kuhn und Roth, Zeitschr. d. d.
morgenländ. Gesellseh. 4, 417 ff. die stürmische
Wetterwolke bedeutet, somit auch im Wesen
ihr entspricht. ’Egivvg — saranyü heifse die
„eilende“, sgivvsiv, wovon Raus. 8, 25, 4 das
Wort ableitet, „eilen, stürmen, zürnen“. Kuhn
sucht dazu noch eine Übereinstimmung in den
Mythen der indischen und griechischen Göttin
nachzuweisen, welche sich jedoch mehr auf die
Demeter-Erinys bezieht. Max Müller, Sprach- 30
ivissenschaftl. Vorles. v. Böttger 2 2, 516 ist mit
der, auch von Curtius , Griech. Etym ,4 S. 346
angenommenen , Namensidentität ’Egivvg =
Saranyü einverstanden, möchte aber der Sara-
nyü (und Erinys) die Bedeutung der Morgen-
röte verleihen (vgl. auch Essays herausg. v.
Francke 22 , 138). Die sprachliche Identität
ist ziemlich allgemein zugegeben , auch von
Mannhardt , der die sachliche Übereinstim-
mung bestreitet ( Mytholog . Forschungen , in 40
Quellen u. Forschungen, Heft 51, 1884 S. 244 f.).
Beachtenswert dagegen ist, dafs Saramä die
Götterhündin, welche Kuhn ( Haupts Ztschr. 6,
116 ff.) der Hündin der wilden Jagd gleichstellt,
sprachlich mit Saranyü aufs engste verwandt
ist. „Die Wurzel beider, sagt Kuhn S. 131,
ist sr ire, adire; Saramä heifst die wandelnde,
während Saranyüs die das Wandeln liebende
ist.“ Folglich steht die Götterhündin Saramä
ebenso in nächster Beziehung zur Wetterwolke 50
Saranyü, wie die griechische ’Egivvg geradezu
in Hundegestalt gedacht wurde, ein Umstand,
der Kuhn entgangen zu sein scheint. [Inbe-
treff der Demeter Erinys s. Persephone und
vergl. Mannhardt, Myth. Forschungen 1884.
244 ff. Roscher.]
Wenn aber auch die Thätigkeit der Erinys
ursprünglich in die Luftregion fällt, so weist
ihr der Mythos doch die Unterwelt als
Aufenthalt und Heimat an. So hört sie co
•schon bei Homer vom Erebos aus ( I 572
’Egsßsocpiv) , wenn man sie anruft, und auch
nach T 259 ist ihr Aufenthalt vno ycciav.
Ebenso bei Aischylos , welcher geflissentlich
die Dunkelheit des Aufenthalts hervorhebt,
Eum. 72: anozov vsyovzai Tagzagov ff’ vno
X&ovog-, ib. 395. Deshalb heifsen sie die unter-
irdischen Göttinnen «ktk ^ffo7'ög ffsat ib. 115.
Soph. 0. C. 1568 x&ovlcu, C. I. Gr. 916 ; bei
Eurip. Iph. T. 286: "Aidov ägunaivcc. Dieselbe
Bedeutung hat wohl der Ausdruck dsivoig
■nQVTczofitva Xöxoig (Soph. El. 490), doch könnte *
man es auch in dem von Dilthey , Archäol.
Ztg. 30, 93 nachgewiesenen Sinn von yv%OL =
Wolkenhöhle nehmen, da sie im orphischen
Hymnus 68, 3 gvxica beifsen und in der Tiefe
in Nebelhöhlen wohnen: vvnz tgica, fivxica, vno
XSV&SGIV Oll/ll iX°V6UL \ UVZgip SV TjSQOSVZl ,
naget Ezvyog isgov väag. Von den römischen
Dichtern werden sie mit Vorliebe unter den
Schrecknissen der Unterwelt aufgeführt, dort
in den infernae tenehrae ( Verg. Aen. 7 , 324),
sind die ferrei Eumenidum thalami ib. 6, 280.
Stat, Theb. 1 , 597.
Die Beziehungen der Erinyen zur
Unterwelt sind mehrfacher Art. Einmal lei-
tet die Vorstellung der dunklen Gewitterwolke
unmittelbar durch den Begriff der Finsternis
auf die Unterwelt, wie bei der Gorgo (Roscher,
Gorg. S. 28). Namentlich aber vollzieht sich
diese Verbindung von Vorstellungen durch das
Dazwischentreten des Begriffs des Todes und
Todbringenden. Wie sich aus der schwarzen
Gewitterwolke, welche die Menschen dahinrafft
oder sich jäh auf sie herabstürzt, das Bild von
tocl- und verderbenbringenden Gottheiten ent-
wickelt, haben wir oben an der Erinys wahr-
genommen. Derselbe Zusammenhang von Vor-
stellungen wiederholt sich , wie Mannliardt,
Germ. Mythen S. 577 ff. einleuchtend dargethan,
in der Mythologie anderer Völker: „der Glaube
an die tötenden Wolkenfrauen dürfte schon in
die gemeinsame indogermanische Urzeit hinauf-
reichen“ (S. 584). Dafs aber Todesgöttinnen
der Unterwelt angehören , versteht sich für
die griechische Anschauung von selbst. Auch
mag hier kurz darauf hingewiesen werden,
dafs die den Erinyen entsprechenden Hunde
der wilden Jagd ebenfalls (Kuhn, Haupts
Zeitschr. 6, 132. Mannhardt a. a. 0. 301) auf
das Totenreich zurückführen, da sie Seelen
Verstorbener darstellen, die im Wind als Hunde
dahinfahren, und dafs die Vorstellung der im
wilden Heer dahinjagenden Seelen der Abge-
schiedenen auch für das klassische Altertum
nachgewiesen ist, s. Dilthey, Rhein. 31us. 1870
S. 332. Endlich kommt die Versetzung der
Erinyen in die Unterwelt auch von der Be-
ziehung dieser Nebel- und Wolkengottheiten
zur Erde. Schon im Altertum findet sich die
Ansicht, dafs die Wetterwolken aus der Erde
emporsteigen (Roscher, Gorg. S. 22-), und die
deutsche Mythologie lehrt , dafs gerade die
aus der dampfenden Erde emporsteigenden
Nebel am meisten zur Bildung mythischer Ge-
stalten Veranlassung geben (Laistner a. a. 0.
101. 119. 140 164), weshalb man sich auch
leicht solche Nebelfrauen als unter der Erde
wohnend dachte (ebendas. S. 139). Deshalb
heifsen die Erinyen auch die Töchter der Erde.
Schwartz spricht in seinen Schriften nicht mit
Unrecht von einer Unterwelt am Himmel und
meint (Poet. Naturansch. 2, 113), die chthoni-
schen Gottheiten der Griechen, wie Hekate,
Erinyen, Hades u. a. seien nichts anderes als
am Himmel heraufziehende Gewitterwesen.
42*
1319 Erinys (Naturbedeutung; Geneal.) Erinys (Hüterin d. Familienrecbts) 1320
Deshalb verschwinden auch am Schlufs von
Aischylos’ Eumeniden die Erinyen in dem Fels-
spalt in der Nähe ihres Heiligtums, welcher
im Volksglauben für einen Weg zur Unterwelt
hinab angesehen wurde (ebenso Allekto bei
Vergil Am. 7 , 570). Dies scheint auch die
Bedeutung der Erinys Tilphossa bei Schol.
Soph. Ant. 126 zu sein, vgl. Tümpel, Ares und
Aphrodite, Jahrb. f. Phil. Suppl. 11, S. 692 ff.
[S. auch Ma nnhardt, M. Forsch. 1884 S.253f. R.j
Auch im heiligen Bezirk der Erinyen bei Kolo-
nos war ein solcher Erdschlund, auf dem %al-
-/t ovg odög, ein Ausdruck, der an und für sich
schon die Beziehung zur Unterwelt (vgl. Ilias
©15) und nach Schivar tz, ZJrspr. 69 zum Ge-
witter enthält. So fliegt die feurige Frauen-
gestalt, die wir oben mit den Erinyen vergli-
chen ( Laistner 45) „als Höllenfürstin in brau-
sendem Zug einer Felswand zu, nach dem
furchtbaren Schlunde, worein die feurige Rie-
sin voraus , die Herde ihr nach versinkt“.
Auch in Tiroler Sagen wohnen Wolkenfrauen
in unterirdischen Gewölben, zu welchen eine
Felskluft den Eingang bildet, Bechstein , Mythen
und Sagen Tirols S. 21. 31.
Aus diesen Vorstellungen sind die verschie-
denen genealogischen Ableitungen,
welche den Erinyen im Altertum zu teil ge-
worden sind, von der Nacht, der Finsternis,
den Unterweltsgöttern und von der Erde un- 30
mittelbar verständlich. Eigentümlich ist die
Angabe in Hesiods Theogonie 185, der auch
Apollodor 1,1,4 folgt ; vgl. Tzetz. Lyc. 406.
Nach dieser sollten sie nach der Entmannung
des Uranos durch seinen Sohn Kronos aus den
dabei auf die Erde fallenden Blutstropfen ent-
standen sein, welche Gaia aufgenommen und
von welchen sie die Erinyen und Giganten
geboren habe. Schömann, opusc. 2, 141 tf. und
mit ihm die meisten Neueren finden darin den
Gedanken, dafs gleich dem ältesten Frevel des
Sohnes gegen deü Vater die Rachegeister des
vergossenen Bluts folgten. Damit aber, fährt
Schömann a. 0. fort, setze sich die Ableitung
der Erinyen in Widerspruch. Da nämlich die
Entmannung des Uranos ursprünglich gar nicht
den Sinn einer strafbaren, sondern einer für
die Welt notwendigen und wolilthätigen Hand-
lung gehabt habe, so passe dazu nicht die
Entstehung der Erinyen aus den Blutstropfen
des Uranos. Es sei dies ein aus mangelndem
Verständnis für den wahren Sinn des Mythos
hervorgegangener späterer Zusatz. Richtiger
wird man wohl aus diesem Widerspruch den
Schlufs ziehen, dafs die Sage von der Abstam-
mung der Erinyen aus den Blutstropfen des
Uranos überhaupt nicht ethisch, sondern aus
der Naturbedeutung der Erinyen zu erklären
ist. So sieht Schwartz, Urspr. 138 in den
Blutstropfen des von Kronos angegriffenen
Uranos die beim Gewitterkampf herniederfah-
renden Blitze und stützt diese Ansicht durch
mannigfache Analogieen aus der griechischen
und deutschen Sage. Hierdurch würde sich
diese Ableitung von Blitz und Gewitter zu den
übrigen auf die Naturseite der Erinyen bezüg-
lichen stellen. [Vgl. auch die Blutstropfen der
Gorgo (s. d.) R.] Aischylos erklärt sie für
Töchter der Nacht: Nv> trog alavrjg rsv.va.Fum.
416. 322. 745. 792. Sophokles dagegen nennt
sie Töchter des Skotos und der Erde, Oed. C.
40. 106. Die römischen Dichter folgen wieder
Aischylos, Verg. Aen. 12, 846:. Nox intempesta ;
Ovid Met. 4 , 452. Nach Epimenides (bei
Tzetzes ad Lycophr. 406. Schol. Oed. 0. 42)
sind sie Töchter des Kronos und der Euonyme
(Eyovvfiy), nach Istros (Schol. Oed. C. 42) der
10 Evcovvgy , r\v vof. u'gso&ai yrjv, was sich somit
wiederum der sophokleischen Version nähern
würde. In den orphischen Hymnen heifsen
sie Töchter des Hades (68, 8), der Persephone
(29, 6), beider zusammen Aiog iftovioio I>iqG£-
qiovr/g ts (69, 2), was nach dem oben gesag-
ten ebenso wohl berechtigt ist, wie wenn sie
bei Hygin (p. 1 Bunte) Töchter des Aethers
und der Erde heifsen. Allein steht dagegen
Euphorion , der sie (frgm. 52) Töchter des
20 Phorkys nennt. Dafs der Meergreis Phorkys,
der sonst als Vater der Gorgonen, Graien und
anderer Meerungeheuer genannt wird, auch
den Erinyen zum Vater gegeben wird, beruht
wohl auf einer willkürlichen Übertragung, da
sich sonst keine Spur einer Herleitung der Eri-
nyen vom Meere findet.
II. Ethische Wirksamkeit.
In den bisher ausgeführten Zügen, welche
die Naturbedeutung der Erinys klar erkennen
lassen, sind auch schon die Anknüpfungspunkte
für ihre ethische Bedeutung gegeben. Schon
bei Homer ist ihre Wirksamkeit in der mora-
lischen Welt aufs bestimmteste und mannig-
faltigste ausgeprägt. Wenn die stürmische
Hast, mit der die Wolkengottheiten sich durch
den Äther schwingen, die Vorstellung einer
Verfolgung erweckt, so führt dies von selbst
40 auf die Frage: wer ist der Verfolgte?" Wenn
die dunkle Wetterwolke zornig drohend am
Himmel aufsteigt, wem gilt dieses Drohen der
Göttinnen, welche den Namen der „Zürnenden“
führen? Sodann der feurige Schein, mit dem
sie sich umgeben , der Flammenblick und der
brüllende Donner, oder aber die jähe Wucht,
mit der die Wolkengöttin sich auf ihr Opfer
wirft — solches Verderben kann sich nur auf
den entladen, der es verdient hat durch die
50 schwerste Versündigung. So verbindet auch
Euripidcs diese beiden Vorstellungen: die Eri-
nyen schwingen sich durch den hohen Äther
uvvpsvca q vovov , um den Mond zu rächen
(Or. 323). Dazu verlangt die Anschauung der
Erinyen unter dem Bild von Jägerinnen, die
mit spähendem Blick ihr Opfer verfolgen, oder
von Hunden, die lechzend dem Blut des Wil-
des nachspüren, von selbst die Vervollständi-
gung des Bildes durch einen Verfolgten. End-
co lieh führte die enge Verbindung der Erinyen
mit der Unterwelt leicht dazu, sich dieselben'
nicht blofs als Strafgöttinnen, sondern auch als
Schicksals- und Todesgöttinnen zu denken.
1. Die Erinyen als Hüterinnen der
Familienrechte.
Da zwischen der natürlichen und ethischen
Bedeutung der Erinyen kein materieller Zu-
1321 Erinys (Hüterin d. Familienrechts)
sammenhang besteht, so ist auch die Gattung
der Verbrechen, welche sie bestrafen, an sich
nicht bestimmt: es sind die schrecklichsten,
strafwürdigsten, welchen so furchtbare Rache
und Verfolgung droht. Dem hohen Altertum
dieser Gottheiten entsprechend bezieht sich
ihre Wirksamkeit auf die einfachsten sittlichen
Verhältnisse, welche von der Natur gegeben
sind, auf die Pflichten gegen die Eltern
und nächsten Blutsverwandten und weiterhin
auf die Heilighaltung der Ordnungen, welche
die Grundlagen des menschlichen Zusammen-
seins bilden. Nach den zwölf homerischen
Stellen zu schliefsen, an welchen die Thätig-
keit der Erinyen erwähnt wird, erstreckte sich
dieselbe ursprünglich nicht sowohl auf Ver-
brechen, welche durch die Staatsgesetze be-
straft werden, als auf Verletzungen der Pie-
tätspflichten (in acht Fällen) und Überschrei-
tung der dem Menschen gesetzten Schranken 2
(in den vier übrigen T 418; v 78; 0 234; T 87),
und erscheinen die Erinyen nicht sowohl als
Rächerinnen denn als Hüterinnen der die Fami-
lie und die menschliche Gesellschaft begrün-
denden Ordnungen. Erst durch die Tragödie
tritt Mord und Blutschuld in den Vordergrund.
Unter den sechs homerischen Stellen, welche
ein Einschreiten der Erinyen wegen Verletzung
der schuldigen Achtung gegen Familienange-
hörige enthalten, betreffen vier Fälle die Mut-
ter, nur einer den Vater: Ares hat wegen sei-
ner Hilfeleistung für die Troer gegen den
Willen der Hera die Strafe der Erinyen {ug-
zgog ’Egivvag) zu fürchten 412; Telemachos
ebenso, wenn er die Mutter aus dem Hause
weisen würde ß 135; Althaias Fluch gegen
ihren Sohn Meleagros wegen ihres von diesem
erschlagenen Bruders wird von der Erinys er-
hört I 571; Oidipus’ Leiden rühren von den
Erinyen seiner Mutter {/. irjzQO g ’Eqivvis) her
X 280. Diese Hervorhebung der Rechte der
Mutter hat entweder darin ihren Grund, dafs
sie für noch heiliger galten als die des Vaters,
oder aber erschien die Mutter der Mifsachtung
erwachsener Söhne gegenüber als des Schutzes
der Gottheit bedürftiger. Die Erinyen können
von der Mutter angerufen werden {yrjzrjQ ozv-
ysga g agyasz’ ’Eqivv g ß 135), sie erhören {zrjg
8’ skXvsv E. I 571) und erfüllen {snzsXsovai
l 280) ihre Bitte. Dem entsprechend ist auch
in der Tragödie der Muttermord das schreck-
lichste Verbrechen. Während aber die Eri-
nyen bei Homer nur gelegentlich erwähnt
werden, sind sie in der Tragödie, die auf dem
Gedanken der Schuld und Strafe beruht, die
treibende Macht geworden. So vor allem in
den tragischen Hauptstoffen der Orestie und
Oidipodie. Agamemnon fällt den Erinyen des
Atridenhauses, nach der Behauptung der Kly-
taimnestra den Erinyen der Iphigeneia zum
Opfer; den Orestes treiben die Erinyen des
Vaters zum Muttermord, und nachdem dieser
geschehen, verfolgen ihn die Erinyen der Mut-
ter. Gleichwohl konzentriert sich das tragische
Interesse ganz auf den Muttermord , auf die
Erinyen, welche Klytaimnestra dem Orestes
sendet {sniosiez Eur. Or. 255) und, nach ihrem
Amt befragt, erwidern die Erinyen: die Mut-
Erinys (Hüterin d. Familienrechts) 1322
termörder treiben wir von Haus und Hof,
Aescli. Eum. 210 (ähnlich das Schicksal des
Alkmaion , Apollod. 3 , 7 , 5). Stesichoros in
seiner Oresteia scheint in dieser Verwendung
der Erinyen der Tragödie vorangegangen zu
sein ( Scliol . Eurip. Or. 40, vgl. Robert, Bild
u. Lied 175) und diese bildete dann die Be-
deutung der Erinyen als Bluträcherinnen im-
mer weiter aus.
Die eine Stelle bei Homer, an welcher die
Erinys für die väterlichen Rechte eintritt,
ist die Erzählung von Phoinix I 454, wie sein
von ihm gekränkter Vater ihm geflucht und
die Erinyen um Kinderlosigkeit des Sohnes
gebeten habe, was auch in Erfüllung gegangen
sei (d'sol 8’ ezsXsiov snugug). Ebenso erfüllt
in der Tragödie die vom Vater herbeigerufene
Erinys {nazgog ivxzaiav ’E.) die zornigen Flüche
des Oidipus gegen seine Söhne {zsXsaai. zag
nsgiQ'vyovg nazagag Ol8m68a Aesch. Sept. 722
— 25. 791. 887) weshalb Aischylos geradezu
von einer ’Aga ’Egivvg nuzg'og (ib. 70) spricht.
Auch bei Sophokles flucht Oidipus dem Poly-
neikes und wünscht ihm, dafs er von Bruder-
hand falle , weil er ihn ins Elend gestofsen,
und ruft den Tartaros, die Erinyen und Ares
zur Erfüllung des Fluches an, Oed. C. 1389.
Diese grofsartige Auffassung der Erinyen fin-
det sich bei späteren Dichtern (vgl. z. ß. Stat.
Tlteb. 1, 59) nicht, mit Ausnahme derer, die
sich eng an Homer anschliefsen wie Orph.
Hymn. frgm. 11, 5. Nonn. Lion. 31, 262; 33,
46. Sodann wacht die Erinys über dem Recht
des älteren Bruders, vom jüngeren Gehor-
sam zu fordern. Iris bringt (O 204) den Posei-
don durch die Erinnerung, dafs die Erinyen
dem älteren Bruder zur Seite stehen, zur Nach-
giebigkeit gegen Zeus. Erst späte Schriftstel-
ler schliefsen sich daran an, indem sie Bruder-
und Schwestermord durch die Erinys rächen
lassen (welche Flacc. Arg. 4, 617 deshalb
fraterna Erinys nennt), nämlich an Medeia {Orph.
Arg. 1167) und Penthesileia {Quint. Smyrn.
1, 27). Erinyen der Kinder kommen bei Homer
nicht vor, dagegen bei Ilesiod Theog. 472 von
Kronos, weil er seine Kinder verschlang. Bei
Aischylos {Ag. 1433) behauptet Klytaimnestra,
den Agamemnon den Rachegöttinnen Ate und
Erinys wegen der getöteten Tochter geschlach-
tet zu haben, und bei Euripides {Med. 1389)
ruft Iason die Erinyen der Kinder gegen die
Mutter an: as ’Egivvg zsxvcov oXsgsis. Von
Späteren Nonn. Lion. 10, 97. Über den Schutz
der Gatten rechte durch die Erinyen sind
die Tragiker verschiedener Meinung. Bei Ai-
schylos {Eum. 212. 605) erklären die Erinyen
ausdrücklich , dafs sie den Mord des Gatten
an Klytaimnestra nicht verfolgen, weil er
nicht blutsverwandt ist; ebenso Eurip. Or.
584 toj 8’ ov TiixQsiGi. Bei Sophokles da-
gegen wird nicht nur gegen die Gattin,
welche den Tod des Gemahls verschuldet
hat, die Erinys angerufen, gegen Deianeira
{Trach. 809. 895) und Klytaimnestra {El. 112),
sondern auch die Bestrafung der ehelichen
Untreue durch die Erinyen angenommen, El.
276 und 114 ogäzs zovg svvag vnonlsnzo-
f isvovg.
1323 Erinys (Schützerin d. Ordnung)
2. als Beschützerinnen der Ordnungen in
Natur und Menschenwelt.
Auch über die Familienrechte hinaus er-
streckt sich bei Homer die Thätigkeit der
Erinyen, und zwar auch hier wiederum auf
diejenigen Glieder der menschlichen Gesell-
schaft, die am meisten des Schutzes bedürfen
und deren Mifshandlung das menschliche Ge-
fühl am tiefsten verletzt: die Fremden und
Bettler, welchen die ’Eqivve g nzmxäv (q 475)
zur Seite stehen. Auch nach Aischylos (Eum.
270) bestrafen sie jeden Frevel gegen Götter,
Fremdlinge und die Eltern. Sie wachen über
der Heilighaltung des Eides als einer
Hauptstütze der menschlichen Gesellschaft.
Bei Homer (T 259) werden sie mit Zeus, Ge
und Helios zusammen beim Eidschwur ange-
rufen, weil sie vnö yatav av&gdnovg zlvvvzcu,
oozig y sntoQYOv oyooorj. So erscheinen sie
auch bei Hesiod Op. 803 als Rächerinnen des
Meineids und Orph. Arg. 354 als Schützerin-
nen beschworener Verträge. Sie stellen über-
haupt die verletzte sittliche Ordnung in der
menschlichen Gesellschaft wieder her, indem
sie dem Ungerechten, der im Glück schwelgt,
zuletzt den verdienten Sturz bereiten ( Aesch . Ag.
462) und insbesondere den Übermut hassen
und strafen. Deshalbsenden sie zusammenmit
Zeus und Moira dem Agamemnon die Ate, als
Strafe für die (T 87), und ebenso wer-
den auch in der für das Verständnis etwas
allzu kurz gehaltenen Erzählung von Melampus
die Worte eitrig, zr\v oi snl cpQsal ffij ns d'sa äce-
GnXrjzig’E. (o 234) aufzufassen sein. Die als Strafe
gesandte Ate erzeugt neuen Frevel, Aesch. Oho.
403. Ovid Met. 1,241. Deshalb heifsen die Eri-
nyen auf einer Grabschrift die „Bethörenden“
bei Kumanudis ’Azzinrjg smyguepai sntxvpßiot,
S. 312 nr. 2583 \Kaibd, epigr. 1136 R.] ’Eql-
vvgzv rjh.fhcövo'tg. Sie wachen sodann über
die dem Menschen gesteckten Ordnun-
gen, damit er nicht das ihm bestimmte Mafs
überschreite. Wie das Rofs Xanthos dem
Achilleus seinen nahen Tod prophezeit, dafs
er „einem Gotte und einem Mann“ erliegen
werde, ohne die Namen zu nennen, „hielten
die Erinyen seine Stimme an“, damit Achil-
leus nicht zu viel von seinem Schicksal er-
fahre T 418. Als die Götter die Töchter des
Pandareos mit Glücksgütern überhäuften und
durch ihre übermäfsige Fürsorge über das dem
Menschen gesteckte Mafs von Glückseligkeit
hinausheben wollten, schritten die Erinyen ge-
gen sie ein (v 78 vergl. Gladstone, Iuventus
Mundi 2 352). Selbst in der Natur schützen
sie das Recht und strafen den Unmenschen,
der den Vögeln ihre Jungen raubt (Aesch. Ag.
58), vgl. das sprichwörtliche siel sal Yvväv
’Egivvsg (u. a. bei Rosenberg S. 2); sie wachen
über den ewigen Ordnungen der Welt: Hera-
kleitos sagt bei Plutarcli de ex. 11: wenn die
Sonne über die ihr vorgeschriebene Bahn hin-
ausschweifen wollte, so würden die Erinyen
als Helferinnen der Dike sie ausfindig machen
(mit Dike verbindet sie auch Sophokles Trach.
808. Ai. 1389). Endlich bestrafen sie auch
die Verletzung der Götter der Ober- und Unter-
Erinys (Rache- u. Strafamt) 1324
weit, Aesch. Eum. 270. Sophokl. Antig. 1074.
[. Kaibel , epigr. 1046, 98 — C. I. Gr. 6280 R.].
3. Ihr Rache- und Strafamt.
Aus Hüterinnen der heiligen Ordnungen bei
Homer werden die Erinyen in der Tragödie
durch die Eigentümlichkeit der tragischen
Stoffe, wie schon gezeigt, vorzugsweise Rache-
und Strafgöttinnen für geschehene Frevel, ins-
10 besondere für den Mord; ßoü ycig Xoeyog ’Eql-
vvv , der Mord ruft die Erinyen , Aesch. Clio.
402. Elektra ruft in ihrem Gebet um Rache
für den Vater die Erinyen an, di zovg adUcog
tivriGHovtag oqixte (Soph. El. 113), ebenso Aias
und Teukros gegen die Atriden und das ganze
Heer für seinen ungerechten Tod, Ai. 837.
843. 1389. Denn die Erinyen sind verbündet
mit dem Getöteten, seine Gvggaxoi, ( Eur . Or.
583) und rächen auch längst vergangene Blut-
20 schuld, Aesch. Se.pt. 650. Um die Göttinnen
für dieses Strafamt mit allen Schrecknissen
auszustatten, dazu dienten jene Züge und At-
tribute, welche aus ihrer ursprünglichen Natur-
bedeutung hervorgegangen sind. Hier möge
noch hervorgehoben werden, was in der Aus-
übung ihres Strafamts mit ihrer ethischen Be-
deutung in Verbindung steht. Schrecklich sind
sie vor allem durch die unerbittliche Sicher-
heit, mit der sie erbarmungslos ( vglsönoivoi
30 Hes. Theog. 220) auch spät noch strafen, als
vGTsqonoivoi Aesch. Ag. 58, vGzsQoep&oQoe Soph.
Ant. 1074 (vczEQijjiovg Orph. Arg. 1167; vergl.
auch gvrgjiovss Aesch. Prom. 516 u. ßvGoocpQcov
Sept. 651. Val. Flacc. 5, 146 segnisE.); durch
die rücksichtslose Geltung ihres Strafamts, das
sich auch auf die ohne Bewufstsein der Schuld
verübte That, wie bei Oidipus, erstreckt, und
auf Götter ebenso gut wie auf Menschen (Hes.
Theog. 220 di dvögcov z s &säv zs nciQoußciGÜxg
40 scpsnovGiv). Der Frevler ist ihnen verfallen
und geweiht (Aesch. Eum. 302. 304) ; sie setzen
sich in seinem Hause fest, um nicht mehr dar-
aus zu weichen (Ag. 1186 — 91), bis sie es von
Grund aus zerstört als coXegi'oiyoi und cpd'eqGi.-
ysveilg, Sept. 720. 1054. Ihn selbst aber trei-
ben sie hinaus (Aesch. Eum. 210), folgen ihm
auf der Ferse (Soph. El. 1387), den Fufs auf
ihn setzend, dafs er niederstürzt, bis an das
Grab, Aesch. Eum. 334 ff. 369. Dabei umtönt
50 den Verfolgten das sinnbethörende, markver-
zehrende Lied, der vfivog ’Eqivvcov, dscgiog
cpQEväv (Eum. 331), das Lied vom uranfäng-
lichen Frevel Ag. 1192. Der bethörende
Gesang führt wieder auf die Naturbe-
deutung der Erinyen zurück, weil er auch
den Nebel- und Wolkenfrauen der deutschen
Sage eigen ist. Die seligen Fräulein der Tiro-
ler Sage , welche schneeweifse Gewänder zum
Trocknen an den Sonnenstrahlen aufhängen
Go und sich dadurch unzweideutig als Nebelfräu-
lein kundgeben (Mannhardt S. 651. Laistner
145. 259), bethören durch ihren Gesang (Beck-
stein, Mythen Tirols S. 21); wer diesen ver-
nahm, stand wie festgebannt, und ein Fischer,
der ihnen die ganze Nacht zuhörte , lag am
andern Morgen tot' in seinem Kahn: sie hatten
ihn totgesungen (ebendas. S. 30). Es ist das
Lied, mit welchem die Wolken dahinbrausen,
Erinys (Rache- u. Sträfamfc) 1326
1325 Erinys (Rache- u. Strafamt)
das Sturmlied ( Mannhardt 709). Daher ist
die Art, wie Nonn. Dion. 10, 32 die Erinyen
den Wahnsinn hervorbringen liifst, indem sie
die früheren Gedanken gewaltsam fortraffen
(ngotsgag ßiozoio geXydovag rjgnacav bggal
Evgsviäcov) sehr annehmbar. Der Wahnsinn
wird ja auch sonst als Strafe der Erinyen an-
gesehen. Während die späteren Schriftsteller
ihrer äufserlichen Auffassung gemäfs diese
Wirkung an die Attribute knüpfen (Peitsche,
Schlange, Kentron), wird dieselbe besonders bei
Euripides als eine unmittelbare Einwirkung
auf den Geist gedacht. Bei Orestes tritt der
Wahnsinn wie eine Krankheit auf ( voaog pcc-
vzccg), mit heftigen, Geist und Körper zugleich
erschütternden Anfällen, in welchen ihm die
Erinyen in ihrer ganzen Furchtbarkeit erschei-
nen ( Orest . 43. 400. 791. 835 und Iph. T. 281 ff.
1456 oiazgotg ’Egivvcov). Ähnliches deutet Ai-
schylos (Clio. 283 ff.) wenigstens an. Doch
wäre es einseitig, darin nur ein „physisches
Leiden , das Behaftetsein mit der fällenden
Sucht“ zu sehen, wie Hartung, Bel. u. Myth.
d. Gr. 3, 68. Die Lokalsagen von Orestes (Paus.
8, 24, 1. 7, 25, 4) nehmen es als ein geistiges
Leiden: „wenn das Eumenidenheiligtum zu
Keryneia ein Blutbefleckter oder Frevler be-
tritt, so wird er, sagt man, infolge des Schreckens
wahnsinnig.“ Dafs aber auch die Bewirkung
des Wahnsinns mit der Naturbedeutung der
Erinyen zusammenhängt, beweist die deutsche
Sage von den Fackeljungfrauen bei Schwatz
(Beckstein a. a. 0. 423), die als Nebelfräulein
mit Fackeln beschrieben werden und eine
Höhle bewohnen; sie sind begleitet von fuchs-
artigen Bestien, und wenn ein Frevler ihren
Zug, die „todanzeigende Fuchshetze“ sieht, geht
er dem Wahnsinn und Verderben entgegen.
Die Fuchshetze ist die wilde Jagd, der Fuchs
ein Nebeltier (s. Laistner S. 20). In jenem
andern lokalen Kultus (Paus. 8, 24, 1) bei
Megalopolis hiefsen die Erinyen selbst Mcivica;
somit wurde ihnen also das Rasen, das sie
bewirken , selbst auch zugeschrieben. Bei
Aesch. Eum. 499 nennen sie sich selbst ßgo-
zoGnonoL gcavuSsg, bei Eurip. Hec. 1076 heifsen
sie " 'AiSov und wird ihnen ein &i<xaog
iv yo'otg zugeschrieben (Or. 319), eine merk-
würdige Verwandtschaft mit dem bakchischen
Kreis, welche Dilthey a. a. O. 90 ff. weiter ver-
folgt hat.
Das Strafamt der Erinyen erstreckt sich
aber auch über die Unterwelt, da sie den
Toten und Lebenden zur Sühne geboren sind
(Aesch. Eum. 322) , gewissermafsen eine Fort-
setzung ihrer Thätigkeit in dem Aufenthalt,
der ihnen erst infolge ihrer Natur angedichtet
wurde. Schon bei Homer strafen sie den
Menschen vno yaiav (T 259); jeder Frevler
erhält dort die seinem Verbrechen angemessene
Strafe, Aesch. Eum. 271. Der direkte Anschlufs
an ihre Thätigkeit auf der Oberwelt ergiebt
sich aus eben dieser Stelle, nach welcher sie
(v. 267) den durch ihre Verfolgung mattge-
hetzten Verbrecher lebend in die Unterwelt
zur Bestrafung hinschleppen. Vergil führt Aen.
6, 570 dieses Bild weiter aus : mit ihren Schlan-
gen drohend und mit der Peitsche treiben die
1327 Erinys (Schicksals- u. Todesgöttin)
Erinyen die von dem Totenrichter Verurteilten
in das Innere des Tartarus, ganz so wie sie
auf unteritalischen Unterweits vasen dargestellt
werden, vgl. die obige Abbildung der Vase v.
Canosa, Millin, tornbeaux de Canosa Tf. 3, Ivo
von den Erinyen in Jägerinnentracht die eine
den Sisyphos geifselt, die andere den Herakles,
der (mit Hermes) den Kerberos entführt, mit
Fackeln schreckt; rechts Tantalos (über die
Tracht s. unt. Absclin. IV). Aber auch insofern
straft die Erinys über das Grab hinaus, als sie
das Geschlecht des Frevlers auch nach seinem
Tod verfolgt ( Aescli . Eum. 934), wie die Söhne
des Oidipus {Soph. Oed. G. 1299. 1434), deren
Fluch man sogar noch im Geschlechte der
Aigiden in Sparta fortwirkend glaubte , He-
rod. 4 , 149. Ebenso im Atridenhaus Aesch.
Clio. 403.
4. Die Erinyen als Schicksals- und Todes-
göttinnen.
Wenn auch der homerische Begriff von
Hüterinnen der Ordnungen in der Menschen-
welt durch die Tragödie auf Rache und Ver-
folgung des Frevels eingeschränkt scheint, so
ist doch auch von den Tragikern jene wei-
tere Auffassung nicht aufser acht gelassen,
vielmehr in bedeutsamer Weise noch weiter
entwickelt. Bei Aischylos sind die Erinyen
geradezu Schicksalsgöttinnen. Auf die
Frage der Okeaniden im Prometheus 515: Wer
ist es, der des Schicksals Steuerruder lenkt?
antwortet Prometheus: Mocgca xgigogcpoc yvrp
yoveg z’ ’Egivvs g. Sie lenken alles Menschen-
geschick: ndvxa tu. nur’ dvQ'gcoitovg £hx%ov
ddneiv Eum. 930. Wie sie an jener Stelle
mit den Moiren verbunden erscheinen , so
werden diese auch {Eum. 961) ihre Schwestern
{pyxgoxacuyvrjxcu) genannt. Andrerseits wer-
den sie als Schicksalsgöttinnen mit den Keren
identificiert, so dafs sie {Sept. 1054) geradezu
Kggsg ’Egcvvsg heifsen, was verschieden auf-
gefafst wird; vgl. Eilthey a. a. 0. 84. Schü-
mann, Eum. S. 62. Welcher , Gr. Götterl. 3,
84. Auch Hesiod, Theog. 217 und Eurip. El.
1252 legen den Keren mit denselben Ausdrücken
wie sonst den Erinyen die Verfolgung der
Frevler bei. Als mächtige Schicksalsgöttin-
nen, die bei den oberen und unteren Göttern
viel vermögen, können sie den Menschen bei-
des bringen, Glück oder Unglück, sagt Aischy-
los Eum. 954. Segenbringend sind sie dann,
wenn sie versöhnt sind, und die Versöhnung
der sonst so unerbittlichen Göttinnen, die Ver-
wandlung aus Erinyen in Eumeniden zu er-
klären, ist die Tendenz des Mythos von dem
Gericht über Orestes und der Hauptinhalt von
Aischylos’ Eumeniden. Als „Wohlgesinnte“
halten sie eben das Unglück fern, welches sie
als „Zürnende“ über das Land zu bringen
drohten {Eum. 1009), verhindern schädliche
Winde, versengende Sonnenglut und Krank-
heit (v. 938 — 948) , und verleihen Fruchtbar-
keit des Landes und der Herden, Kindersegen
und Glück im Ehestand {Eum. v. 835. 895. 904),
weshalb sie besonders auch von den Frauen
verehrt wurden, vgl. die Eumenidenreliefs von
Erinys (mythol. Parallelen) 1328
Argos (S. 1330) , Mitteil. d. Inst, in Athen 4
S. 176. Diese segensreiche Seite, wornach
sie Fruchtbarkeit und Wachstum verleihen,
steht nicht, wie man geglaubt hat, im Wider-
spruch zu ihrem Wesen, sondern ist aus ihrer
Natur als Wolkengöttinnen leicht verständlich.
Nach Eiodor 13, 102 betete man auch zu ihnen
neben Zeus und Apollon um Sieg, und bei Eiog.
Laert. 8, 32 wird ihnen ein Richter- undStrafamt
im Jenseits zugeschrieben. Wie bei den Moi-
ren ist auch ihr Verhältnis zu den andern
Göttern ein schwankendes: bei Homer ist ihre
Strafgewalt in der Unterwelt noch nicht be-
stimmt von derjenigen des Hades und der
Persephone geschieden. Die von Phoinix {1 454)
an die Erinyen gerichtete Bitte wird von Ha-
des und Persephone erfüllt, während (I 571)
Althaia Hades und Persephone anruft und von
der Erinys erhört wird. Doch tritt späterhin
eine Unterordnung unter höher gestellte Göt-
ter ein: bei Aischylos {Ag. 58) schickt Apol-
lon, Pan oder Zeus die Erinys und bei Sopho-
kles {Ant. 1075) heifsen sie Aidov ucd ffscöv
’Egtvvs g, weil sie beiden dienstbar sind. So
auch die Späteren: Iovis ad solium apparent
Verg. Aen. 12, 849; respiciens legem Iovis
Flacc. Arg. 4, 74; Furiae famulae Eitis Senec.
Here. f. 100 und Acurjg InGovgoi Flut, de ex.
11. Wie endlich die mit ihnen verwandten
Schicksalsgöttinnen, die Moiren und Keren, so
werden auch die Erinyen als T o de sgött in-
nen gedacht (vergl. C. I. Gr. 2415. Kaibel,
epigr. 218), eine Vorstellung, die aufserdem
auch in ihrer verderblichen Wirksamkeit
{ologsvav ’Egivvv Eur. Phoen. 1029) und in
ihrer Beziehung zur Unterwelt begründet
ist. Eine schlimme Botschaft von Tod und
Untergang heifst {Aesch. Ag. 645) ncaccv
’Egivvcov ; des Aias Schwert ist von der Eri-
nys geschmiedet, Soph. Ai. 1034; des He-
rakles vergiftetes Gewand ein ’Egivvcov äpcpl
ßlrjozgov Trach. 1051; weshalb auch die ver-
derblichen Frauen wie Helena, Klytaimnestra,
Medeia von den Tragikern Erinyen genannt
werden. Deshalb trug sie auch Polyneikes als
Schreckbild auf seinem Schild, Eur. Phoen.
1123; vgl. JRoscher, Bitschl. Act. soc. Lips. 1,
97. So namentlich auch die Späteren, die sie
nach Euripides' Phoen. 252 Vorgang zu Göt-
tinnen des mit Tod und Verderben endigenden
Streits machen, Verg. Aen. 7, 325. 12, 851.
Ovid Met. 4, 500; woraus sich wohl auch die
Verbindung der Erinys mit Ares erklärt, Schol.
Soph. Ant. 126.
5, Entwickelung der Wolkenfrauen zu Schick-
salsgöttinnen; mythologische Parallelen.
Werfen wir noch einen Blick der Verglei-
chung auf die deutsche Mythologie. Die Ge-
stalten der wilden Jagd, welche wir der Natur-
seite der Erinyen entsprechend gefunden haben,
zeigen, als mehr nur dem niederen Volksglau-
ben angehörig, wenig Fähigkeit zur Erhebung
ins ethische Gebiet, wenn es auch an Spuren
nicht fehlt (z. B. Grimm 898). Den Rache- und
Schicksalsgöttinnen eines Aiscltylos können
nur wiederum Gestalten einer grofsartigen
1329 Erinys (mythol. Parallelen)
Erinys (Kultus)
1330
sehen Wesen so vollständig, dafs alle Stufen
und Übergänge der Entwickelung uns klar vor
Augen liegen.
Wie
III. Kultus der Erinyen.
viele andere Gottheiten nach einer
Mythenpoesie entsprechen. Dies sind die Val-
kyren und Nornen der nordischen Mythologie.
Auch sie sind ursprünglich Wolkengöttinnen;
auch die Yalkyren gehören ursprünglich dem
wilden Heer an, fahren durch die Lüfte und
über das Meer mit züngelnden Blitzen und
männermordendem Unwetter, und wurden daun
Personifikationen des Kriegs (s. Mannhardt, durch das ganze Altertum sich hindurchziehen-
Germ. Myth. 564 — 66). Beide, Valkyren und den Grundanschauung, vereinigen auch die
Nornen, wurden aus Wolkenfrauen Schicksals- io Erinyen eine furchtbare und eine wohlthätige
göttinnen und besonders durch das Bild Seite. Durch ehrfurchtsvolle Verehrung Wer-
der schwarzen Gewitterwolke Todesgöttinnen den die schrecklichen Rachegöttinnen zu segens-
(a. a. 0. S. 576). Auch die Nor- _
nen stehen, wie die Erinyen, in
Beziehung zur schwarzen Nacht und
steigen zur Erde nieder, um Mord
und Tod zu veranlassen (S. 586).
Andererseits aber sind sie hilfreich
bei der Geburt des Menschen, wie j
die Erinyen um Kindersegen an- 1
gerufen werden, und bestimmen,
wie jene, als Schicksalsgöttinnen
sein Lebensgeschick (S. 588); auch
teilen sie sich in gute und böse
(S. 593) , wie Erinyen und Eume-
niden, und sind Urteilerinnen beim
Göttergericht, wie die Erinyen Rich-
terinnen in der Unterwelt. Aber
auch in der süddeutschen Volks-
sage finden sich, wie Mannhardt
a. a. 0. S. 637 ff. nachgewiesen
hat, Gestalten, welche sich aus
der gleichen Naturbedeutung auf
die gleiche Weise wie im nordi-
schen Mythus, nur nicht so grofs-
artig, entwickelt haben. Es sind
die in Bayern so zahlreichen Sagen
von den drei Jungfrauen, die sich
durch ihr Spinnen und Aufhängen
von Wäsche in der Luft als Wol-
kenfrauen kund geben. Sie erschei-
nen Glück oder Unheil spendend
bei der Geburt, bei der Heirat
und dem Tod des Menschen sowie
bei allen grofsen Ereignissen. Sie
verleihen unfruchtbaren Eheleuten
erwünschte und gesunde Kinder,
wie die Erinyen Kindersegen und jjl
Glück in der Ehe, und schützen •
wie jene vor Pest, weshalb man
zu Pestzeiten Fackelprozessionen '
zur Nachtzeit für sie anstellte. Durch die Ge-
walt ihrer Zauberlieder, die an den v/ivog dsa-
fitog erinnern, erfolgt die Schicksalswirkung,
Mannhardt 634. 644. Von den dreien ist
eine freundlich und mild, eine andere erregt
Schrecken und Krieg, entsprechend den Eume-
niden und Erinyen. Wie sich von der Natur-
grundlage der Wasserfrauen aus in der deut-
schen Mythologie eine gröfsere Zahl teils phy- «o Zeit besonders zu Sikyon heimisch, Paus. 2,
EumenideDrelief von Argos (nach Mitteil. d. Inst, in Athen 4
Taf. 9 (vgl. S. 1333, 7 ff.).
reichen Gottheiten, aus Erinyen zu Eumeniden,
und werden deshalb um Abwendung des Un-
heils und Verleihung von Segen angefleht (siehe
oben Abschn. II, 4). Diese letztere Seite tritt
im Kultus besonders hervor und eine eigene
Gattung von Kultmythen, besonders die Orestes-
sage, diente zur Motivierung dieser Verwand-
lung. Der Name Eumeniden war seit alter
sischer, teils ethischer Wesen differenzieren,
so haben auch in der griechischen die Erinyen
an den Harpyien, Gorgonen, Graien und Moiren
Schwestern, die von gleicher Naturbedeutung
aus sich nach der einen oder andern Seite
entwickelt haben. Aber nur die Erinys zeigt
die Entwickelung aus der Naturerscheinung zu
einer Naturgottheit und von da zu einem ethi-
11, 4. In einem Hain von Steineichen stand
ihr Tempel und an ihrem jährlichen Feste wur-
den ihnen trächtige Schafe, ein Honigtrank
und Blumen (vgl. die Reliefs von Argos) darge-
bracht. Ein ähnlicher offener Hain der „Eume-
niden“ bestand bei Argos, wie die neuerdings
daselbst entdeckten Votivreliefs (s. unten) be-
weisen (Mitteil. d. Inst, in Athen 4, 176). In
1331 Erinys (Kultus)
Erinys (Kultus) 1332
der Nähe von Megalopolis waren mehrere
Heiligtümer der „Eumeniden“ in einem aus-
gedehnten heiligen Bezirk vereinigt, deren
Namen und Bedeutung dem Tansanias 8, 34,
1 — 3 ans der daran sich heftenden Sage vom
Wahnsinn und der Heilung des Orestes erklärt
wurden. In einem der Tempel wurden sie
unter dem Namen Mctvica verehrt; in einem
andern bestand ein Doppelkult der zürnenden
und gnädigen Göttinnen , d. h. der Erinyen io
und Eumeniden, wie die Erzählung beweist,
dafs sie dem Orestes zuerst schwarz , dann
nach seiner Heilung weifs erschienen seien,
und dafs er jenen das bei unterirdischen Gott-
heiten übliche Opfer, diesen ein solches für
obere dargebracht habe. Auch zu Keryneia
in Achaia kannte man die doppelte Seite der
Göttinnen und führte die Verwandlung der Eri-
ijGv%ictg zcc [fgck öqwgi , Schol. Oed. C. 489),
die an dem Hauptfest den feierlichen Zug er-
öffneten (vgl. Schümann , Griecli. Altert. 2, 505.
Hermann, gottesd. Altert. 62, 37. [ Mommsen ,
Heortologie 171. Roscher.]) Über den Inhalt
der Anrufungen s. oben. Zu Kolonos scheint
eine ähnliche Lokalität wie am Areopag, ein
l&ovo g xulv-onovs 68og { Soph . Oed. C. 57.
1590 f.) eine Kultstätte der in der Unterwelt
wohnenden Göttinnen (Sophokles nennt sie
Eumeniden) hervorgerufen zu haben. An beide
Örtlichkeiten heftete sich die Oidipussage.
Es war auch hier ein Hain mit Altären
{Oed. C. 127), auch hier die weinlose, honig-
gemischte Spende (ib. v. 100 c. Schol.-, v. 481)
und die feierliche svcprjgiK (v. 131). Die Oed.
C. 469 f. beschriebenen Cerimonien sind ein
Reinigungsopfer für den besonderen Fall des
Orestes von den Erinyen verfolgt, Yasenbild nach R. Röchelte , Mon. Ined. 36.
nyen in Eumeniden auf Orestes, den mythi-
schen Gründer des Heiligtums der „Eumeni-
den“ zurück, Paus. 7, 25, 7. Schol. Oed. C. 42. 50
In Athen scheint der Name Eumeniden erst
durch Aischylos’ gleichnamige Dichtung sich
eingebürgert zu haben. Sie hiefsen daselbst
asfival freue oder Hsgvae und hatten ihr Hei-
ligtum an der Ostseite des Areopags {Thule.
1, 126. Aristoph. Eg. 1312. Thesm. 224. Flut.
Sol. 12. Paus. 1, 28, 6. 7, 25, 2); vor einer
Felsplatte, die für den Eingang zur Unterwelt
galt, standen ihre Altäre {Aesch. Eum. 805.
1007. Eur. El. 1271; vgl. O. Müller , Eum. co
S. 179), an welchen ihnen nächtliche Schlacht-
opfer, hauptsächlich aber honiggemischte Trank-
opfer ohne Wein (die vrjcpäXicc), Kuchen und
Milch dargebracht wurden, Aesch. Eum. 107.
Schol. ad Aescliin. § 188 PHnd. Die Opfer
wurden von den vom Areopag bestellten Hie-
ropoioi und von Priesterinnen aus dem Ge-
schlecht der Hesychiden besorgt (pezee yfip
Oidipus. Endlich standen in einem heiligen
Bezirk in dem attischen Demos Phlya unter
anderen Gottheiten des Erdsegens auch Altäre
Esfiväv 6vogcc£o(isvc0v ■d'swv {Paus. 1, 31, 4).
Die Erzählungen bei Ps.-Plut. de fluv. 2. 5.
19. 23 sind als reine Erfindungen anzusehen.
Vergl. den Abschnitt Kultus bei Posenberg
S. 34 — 45. [Über einen mutmafslichen Kult
in Delphi s. A. Mommsen, Delphika 22 ff. R.].
IV. Erinys in der Kunst.
1. Dem zwiefachen Wesen der Erinys, ihrer
besonders im Kultus hervortretenden segens-
reichen, und andrerseits in ihrem Eingreifen
in den Mythen furchtbaren Wirksamkeit ent-
sprechen zwei Typen in der Kunst. Der ältere
giebt in Übereinstimmung mit den Kultvor-
stellungen die Erinyen als ehrwürdige lang-
bekleidete Frauen von ernstem, selbst mil-
dem Charakter (als Esgval u. EvgsviSsg), in
der gewöhnlichen Frauentracht und ohne An-
1333
1334
Erinys in d. Kunst Erinys in d. Kunst
deutung des Furchtbaren, ganz entsprechend fallende Haar, mild und voll hohen Ernstes,
der Bemerkung des Pausanias 1, 28, 6, die Ähnlich erscheinen sie in gewöhnlicher Frauen-
gewifs auf die Kultbilder nicht blofs des kleidung auf den Vasenbildern Inghirami, Gal.
Kalamis, sondern auch des Skopas in Athen Om. 3, 11 und Mus. Iatta Cat. 1494, abgebil-
( Pülemon fr. p. 14 Preller. Schol. ad Aeschin. det bei Posenberg S. 87. Vorzugsweise aber
§ 188 Dind. Clem. Alex. Protr. 4) zu bezie- hat sich die Plastik den Typus der langbe-
hen ist. So erscheinen sie auf den drei alter- kleideten Erinys angeeignet, so in der schönen
tiimlichen Votivreliefs aus dem Eumenidenhain Gruppe der drei am Grabhügel Agamemnons
bei Argos ( Mitteil . d. Inst, in Athen 4 Taf. 9. schlafenden Erinyen auf den Orestessarkopha-
10, 1. 2) als drei langbekleidete Frauen in logen, Mus. P. Clem. 5, 22; vgl. Robert, Bild
steifer, unterschiedsloser Haltung, welche, wie u. Lied S. 177; und besonders P. Pochette,
die Abbildung von Taf. 9 (siehe das Bild M. 7.25, 2; ferner die Erinys im Chiton no8r\-
auf Seite 1330) mit der Inschrift EvfxtvCoiv pr/g, Mon. d. Inst. 8, 15. Annal. 1869 tav. A.
fvxüv zeigt, in der Rechten eine Schlange, B2, und auf dem corsinischen Silbergefäfs.
in der Linken eine Blume haltend, die An- [Die sog. f Schlangentopfwerferin’ von Perga-
Erinys in Jägertracht den Orestes verfolgend, Vasenbild nach Millingen , vas. Cogh. 29, 1.
betung ihrer Verehrer gnädig entgegen neh-
men. Eine einzelne Erinys in gewöhnlicher
Frauenkleidung, mit feingefaltetem Chiton und
Mantel, welche mit ausgestreckten Armen zwei
grofse Schlangen hält, zeigt ein Neapler Ge-
fäfs von eigentümlicher Technik, Heydemann
n. 2463 (abgebildet bei Posenberg , Erinyen ,
als Titelvignette), das dem strengen Stil der
rotfigurigen Vasen zuzuweiscn ist, also der
ersten Hälfte des fünften Jahrb. angehört (die
nach Posenberg S. 51 älteste Erinyendarstel-
lung Mon. d. Inst. 5, 56 ist auszuscheiden, vgl.
Robert, Bild u. Lied S. 152). Derselbe Typus
ist auch auf einem Vasenbild des schönen
Stils mit der Verfolgung des Orestes durch
die Erinyen, P. Pochette, Mon. Ined. pl. 36
(s. die Abbild. 1331/2) beibehalten. Obgleich
sie hier durch züngelnde Schlangen (und das
Bild der Klytaimnestra?) den Orestes schrecken,
ist doch ihr Ausdruck, besonders durch das
(wie auf dem Eumenidenrelief) schlicht herab-
mon dürfte entweder eine Erinys oder e. Hygieia
sein. Beil. z. Allg. Ztg. 1880 nr. 311. Roscher.]
2. Der zweite Typus, der die Erinyen als
die furchtbaren Göttinnen kennzeichnet,
ist aus der eigentümlichen Darstellungsweise
rasch dahineilender Dämonen in der älteren
Kunst , wie der mit ihnen verwandten Gor-
gonen u. Harpyien (s. oben), entsprungen. Die
Bezeichnung der Erinys als Koynpinovg ( Aesch .
Sept. 772 nebst Schol. : g xeythysvovs i'xovoa
nödctg TCQog ro TK%£cog nuQayiveG&cu) erwähnt
gerade das Eigentümliche dieser Figur, das
im Dahineilen tief niedergebeugte Knie. Eben
diese Stellung zeigen die altertümlichen, mit
grofsen Schulterflügeln versehenen Figuren in
kurzem Chiton mit darübergeschlagenem Fell
und mit hohen Flügelstiefeln b. Gerhard, Ges.
Abh. Tf. 10, 2. 3. 4, welche wegen der Schlange,
die einer derselben beigegeben ist, wohl ge-
radezu als Erinyen bezeichnet werden dürfen.
Somit scheint die Tragödie, indem sie derVer-
1336
1335 Erinys in d. Kunst
Eriphyle
folgung der Erinyen das Bild der Jagd zu
gründe legte (s. oben), den von ihr ausgebil-
deten Typus der Jägerin einer schon vor-
handenen Vorstellung entlehnt zu haben. In der
Vasenmalerei vom vierten Jahrhundert an, be-
sonders auf den unter italischen Vasen (vgl. d.
ob. Abbild. Mil-
lingen, vas. Coghill
29 , 1 , Erinys in
Jägertracht) und
auf römischen
Sarkophagen er-
scheint die Erinys
in Jägertracht, wie
Artemis, mit kur-
zem , gegürtetem
Leibrock, welcher
die Kniee frei
läfst , mit Jagd-
stiefeln und Waf-
fen ( Lanze und
Schwert), auf Dar-
stellungen der
auch der Tragö-
die angehörigen
Mythen von Ore-
stes, Oidipus, Me-
deia, Lykurgos u. a.
vgl. die Aufzählung
der Denkmäler bei
Bosenberg S. 45 — 76).
Dazu kommen die mit
dem Verfall der
Kunst sich immer
mehr häufenden At-
tribute : die züngeln-
den Schlangen , die
ihnen nun (nach Ai-
schylos s. oben Ab-
schnitt I) auch ins
Haar geflochten wer-
den, die Flügel (nach
Euripides , ebendas.),
Fackeln, Geifseln (vgl.
die Zusammenstel-
lung bei Bosenberg
S. 85). Auf einigen
späten unteritalischen
Vasenbildern sind sie
mit schwarzer Körper-
farbe ( Bosenberg S. 53
A. 2) und möglichst
häfslich dargestellt
{Müller- Wieseler 2,
862. 957. Compte-
rendu 1863 Taf. 6, 5;
über die gekrümmte
Nase 0. Jahn. Arch.
Beitr. 424), offenbar in
dem Bestreben, sich
möglichst genau an das in der Tragödie ge-
gebene Bild anzuschliefsen. Selbst betimmte
Scenen der Tragödie finden sich nachgebildet
z. B. von Aischylos' Eumeniden v. 94 — 125
in Mon. d. Inst. 4, 48, wo zwei Erinyen in
malerischer Gruppe schlummern und infolge
der Mahnung der Klytaimnestra eine dritte
aus dem Boden auftaucht [vgl. auch ob. S. 299.
Erinys in der Tragödie,
nach. Mi llin, M. I. 1, 20.
Roscher]; wie Apollon die Erinyen verjagt,
0. Jahn, Vasenbilder Taf. 1 ; wie er ihnen an-
kündigt, dafs er Orestes schützen werde, ( Eum .
v. 187—223) in Millin, Mon. Ined. 1, 29. Dieser
letzteren Darstellung gehört die trotzig sich
entfernende Erinys an (s. d. Abbildung) , mit
grofsen Schulterflügeln, reichgesticktem , kur-
zem Chiton und Jagdstiefeln, einem Kostüm,
das offenbar einer glänzenden Theatergarderobe
io entstammt (vergl. Jahn , Einl. in d. Vasens.
227). Selbst der Einmischung bakchischer
Züge bei den Tragikern (s. oben II, 3) folgt
die Kunst; zuweilen trägt die Erinys ein
Pantherfell (als Nebris) 'um den Hals gekno-
tet oder über den Arm geschlagen (vgl. die
ob. Abbildung der Unterweltsvase von Canosa ;
Bosenberg n. 40. 54 f.) oder ist sie von einem
Panther begleitet ( Archäol . Zeitg. 42 Taf. 18.
Müller -Wieseler 2, 441). Wie, hierin, so haben
20 wir auch in dem Auftauchen der Erinys aus
dem Erdboden (ob. S. 299), sowie andrerseits in
ihrem Herabkommen von oben ( Müller - Wieseler
2, 957. 148. Overbeck Taf. 29, 8) Äufserungen
ihres Wesens zu erkennen (vgl. oben Abschn. I).
Auch die Verbindung der Erinys mit dem Hund
erscheint auf einem Vasenbild Arch. Ztg. 35
Tf. 4, 1 S. 137. Im Jägerinnenkostüm erschei-
nen die Erinyen auch auf den Unterweltsvasen,
vgl. oben die Abbildung der Vase von Canosa
30 und Arch. Ztg. 42 Tf. 18. -Dafs auch hier die
den Herakles schreckende nicht Hekate (vgl.
ebend. S. 260), sondern Erinys zu nennen ist,
beweist Mon. d. Inst. 8, 9, wo dieselben Figu-
ren mit Speer und Pantherfell als Tloivcd be-
zeichnet sind. Auf den römischen Sarkopha-
gen sind beide Typen gebräuchlich; statt der
Schulterflügel erscheinen hier [wie bei der
Gorgo R.] zuweilen kleine Flügel an den Schlä-
fen ( Seneca Here. Oet. 1008) vergl. Bosenberg
40 S. 85. Auf etruskischen Denkmälern [s z. B.
oben S. 299 R.] ist die Furie durch die Jäger-
tracht mit Kreuzbändern der Erinys der unter-
italischen Vasen sehr ähnlich gebildet, aber
teilweise mit andern Attributen versehen; sie
hat hier die allgemeine Beäeutung einer Schick-
salsgöttin; vgl. Bosenberg S. 77. [Rapp.]
Eriope (’Egicong), Mutter des lokrischen Aias;
s. oben S. 236, 14 ff. Vgl. Eriopis 3. [Steuding.]
Eriopis ( ’Egicöni g u. ’Egicong) , 1) Tochter
50 des Apollon und der Arsinoe, Schwester des
Asklepios, Schol. Bind. Pytli. 3, 14. — 2) Ge-
mahlin des Anchises, Schot. 11. 13, 429. Hesych.
s. v. — 3) Tochter des Pheres, Gemahlin des Lo-
krers Oileus, Mutter des Aias, Stiefmutter des
Medon, II. 13, 697. Schol. II. 13, 697. 15, 333.
336; s. Alkimache. — 4) Tochter des Iason und
der Medeia, Kinaithon b. Paus. 2, 3, 7. [Stoll.]
Eriplia (’Egicpa oder -tj), Amme des Diony-
sos: Etym. Magn. 372, lff. (Erepha?). Bonn.
go 21, 81. Vgl. Erepha u. Eriphia. [Roscher.]
Eriphia, eine Tochter des Okeanos, die als
eine der nymphae Dodonides oder der Naja-
den bezeichnet wird, Hyg. f. 182; vgl. Hyaden.
Der Name ist jedenfalls von igüpg junge Ziege
abzuleiten. S. Eripha. [Steuding.]
Eriphyle (’EpnpiU»)),l) Tochter desTalaos von
Argos und der Lysimache, Schwester des Adra-
stos, Gemahlin des Amphiaraos (s. d.), Apullod.
L337
Eris
Eris
1338
1,9,13. Tzetz.Lyk. 439. Bei Schol. Od. 11, 326
reifst sie Tochter des Iphis (der nach Apol-
’od. 3, 6, 2 dem Polyneikes riet, die Eriphyle
nit dem Halsband zu bestechen). I B re und
les Amphiaraos Kinder sind Alkinaion und
Amphilochos, Eurydike und Demonassa, wozu
Asios noch Alkmene fügt, Od. 15, 248. Paus.
i, 17, 4. Als Adjastos den ersten Zug gegen
Pheben veranstaltete und Amphiaraos die Teil-
nahme verweigerte, da zwang Eriphyle, von io
Polyneikes mit dem Halsband der Harmonia
bestochen, obgleich sie wufste, dafs alle Füh-
:er des Zuges zu Grunde gehen würden, ihren
Hatten, in den Krieg und den Tod zu ziehen;
lenn sie hatte die Entscheidung hierüber, da
Adrastos und Amphiaraos , als sie sich ver-
söhnten und Amphiaraos die Eriphyle heiratete,
len Vertrag geschlossen hatten, dafs bei et-
waigen Streitigkeiten Eriphyle in Zukunft
üchiedsrichterin zwischen ihnen sein sollte. 20
deswegen trug jetzt Amphiaraos hei seinem
Auszug seinen Söhnen auf, wenn sie erwach-
sen wären, seinen Tod an %der Mutter zu ra-
ffen, Od. 11 , 326 u. Scliol. Find. Neun. 9, 16
1. Schol. 9, 30. Apollod. 3 , 6, 2. Hyg. f. 73.
Diod. 4 , 65. Serv. Verg. Aen. 6 , 445. Auf
lern Kasten des Kypselos der Abschied des
\mphiaraos, Paus. 6, 17, 4. 0. Jahn, Archäol.
Aufsätze S. 152 ff. Overbeck , Gail. her. Pildiv.
I S. 91 ff. C. I. Gr. 7711. Überreichung des 30
Halsbands an Eriphyle (?) Vasenbild Ann. d.
Inst. 1863 tav. H. s. Adrastos u. Amphia-
■aos (s. oben S. 295 f.). Später mordete Alk-
naion , entweder allein oder in Gemeinschaft
nit dem Bruder Amphilochos , die frevel-
lafte Mutter, nachdem er erfahren, dafs sie,
im auch ihn zur Teilnahme am Epigonenkrieg
su bewegen, von Thersandros, dem Sohne
les Polyneikes, den Peplos der Harmonia als
jeschenk erhalten, Apollod. 3, 7, 5. Schol. Od. 40
LI, 326. Diod. 4, 66. liyg. f. 73; s. Alkmaion
ind Amphilochos. — Das verhängnisvolle Hals-
band wurde von Alkmaion oder von den Söh-
len des Phegeus dem Apollon in Delphi ge-
weiht, später aber zur Zeit Philipps von Make-
lonien von den Machthabern der Phoker aus
lern Heiligtum geraubt und von ihren Frauen
getragen , und auch hier wieder stiftete es
Jnheil, Diod. 16, 64. Ephoros b. Athen. 6, 232 f.
Parthen. 25. Das Grabmal der Eriphyle war 50
su Argos in der Nähe von dem Heiligtum des
Amphiaraos, Paus. 2, 23, 2. Ihr Bild befand
sich auf dem Polygnotischen Gemälde der
Unterwelt in der Lesche zu Delphi, Paus. 10,
29, 3. In der Unterwelt sah sie Odysseus, Od.
1. a. 0., sah sie Aneas mit der vom Sohne
geschlagenen Wunde in der Brust, Verg. Aen.
3, 445. Die Sage von Eriphyle hatte Stesi-
dioros überarbeitet, Berglc fr. 15—17 p. 744 2.
Eine Tragödie Eriphyle (oder Epigonen) gab 60
38 von Sophokles, Welcher, Griech. Trag. 1,
269 ff. Nauck, trag. gr. fr. p. 139; von Niko-
machos, Suicl. s. v. Über die Tragödie Epi-
goni v. Attius s. Welcher a. a. 0. Ribbeck,
'.rag. lat. fr. p. 314 ff. Preller, Griech. Myth.
2, 351 ff. 366fl'. — 2) C. I. Gr. 8487. Ger-
hard, Ges. ah. Abh. 1, 179. [Stoll.]
Eris ( Egig, -do? f- sVs Streit), 1) die Streit-
göttin, Ares1 Schwester und Gefährtin, die zu-
erst klein ist, dann aber ihr Haupt in den
Himmel erhebt und auf der Erde schrei-
tet, in der Schlacht thätig, an Schilden, ver-
bunden mit Ares, Alke und Ioke, Kydoimos
und Ker, cegorov ysyavia, UQCiTSQri, Xccoaooog,
nolvazovos , Dias 4, 440. 5, 518. 740. 11, 3.
73. 18, 535. 20, 48. Ilesiod scut. 148. 156.
Eur. Plioen. 798. Pliilostr. iun. imcig. 10. Bei
Hesiod theog.'22bfi'. Tochter der Nyx, Mutter
von allerlei Übeln, Ponos, Lethe, Limos u. a.,
auch der Ate und des Horkos; vgl. Hyg. fab.
z. A., Discordia unter den Kindern der Nox
und des Erebos. lies. op. 11 ff. unterscheidet
zweierlei Eris, bösen Streit und guten Wett-
eifer. Eris als häfslicher Dämon im Zweikampf
des Hektor und Aias am Kypseloskasten, eben-
so in der Epinausimachie , Wandgemälde des
Kalliphon im ephes. Artemision, Paus. 5, 19, 2.
Zwischen zwei Quadrigen, schwarzfig. Hydria,
Gerhard, a. Vasenb. 1, 20. 21; G. I. Gr. 7419.
Vasenb. Gerhard, Flügelgestalten 198 Tf. 2, 5
(. Abhandl . 1, 162 Taf. 10, 5) ; C. I. Gr. 7551 . Auf
Eris, Vasenbild nach Gerhard , Ges. akad. Abhandl.
Atlas Taf. X Fig. 5.
der schwarzfig. Vase Lamberg (Zug der Göttinnen
zu Paris) eine ”Eqis genannt, C. I. Gr. 7645.
Ungeflügelt beim Parisurteil, Ruveser Vase in
Karlsruhe, Overbeck, Gail. 233. C. I. Gr. 8400.
Die Erzählung vom Apfel der Eris mit der
Aufschrift: „Der Schönsten“ (welchen sie, zu
der Hochzeit des Peleus und der Thetis allein
unter den Göttern nicht geladen , unter die
Gäste warf, Hyg. fab. 92. Serv. Aen. 1 , 27.
Schol. Eur. Andr. 276. Lucian dial. mar. 5
sympos. 35. Apul. met. 10. Coluth. 67. Tzetz.
Byk. 93; s. Paris) scheint frühestens alexan-
drinischen Ursprungs, Preller 2, 411. Frankel.
Arch. Ztg. 31 (1873), 38. Robert, Bild u. Lied 9.
Inschrift in Florenz, C. I. Gr. 6840. Vgl. Dis-
cordia. [Mehr bei Wieseler, Nachr. d. Gott.
Ges. d. Wissensch. 1885 S. 87 ff R.] [v. Sybel.] —
2) Göttin des edlen Wettstreits, auf einem etru-
skischen Spiegel der Sammlung Gherardesca zu
Florenz, der Hercla, d. i. Herakles, am Scheide-
wege darstellt, gegenübergestellt der Ethis,
d. i. Voluptas (s. d.). Eris selbst ist begleitet
vonMenrva; vgl. Dempster , Etr. Reg. tav. II;
1339
Eritlielas
Lanzi , Saggio 2, 209 = 165; tav. XI, nr. 3;
Gerhard, Etrusk. Spiegel 3, 153; tav. CLXIY;
Fahr. G. C. I. 106. Auf einem andern Spie-
gel aus Bomarzo im Vaticanischen Museum
steht Eris zwischen der Muse Euturpa (s. d.),
und dem Sänger Phamu (<pamu) d. i. Tharny-
ris (@ccgvQis), hinter dem die (den Siegeskranz
spendende) Göttin Alpnu steht und ein grei-
ser Mann Ar chaze, wahrscheinlich als Zu-
hörer die Örtlichkeit andeutend, = ’Aqxus, ’Aq-
xachog; s. Bunsen, Ann. 1836, 282 ff. ; Monum.
vol. 2, tav. XXVII 1; Mus. Etr. Vatic. 1, tav.
XXV; Gerhard, Etrusk. Spiegel 4, 58 ff. ; tav.
CCCXXIII; Fahr. C. I. I. 2412; Gl. col. 390;
vgl. noch Corssen, Spr. d. Etrusk. 1, 257 ff. ;
Bezzenberger, Beitr. 2, 164, nr. 11. [Deecke.]
Eritlielas (’EQi&glag) , Sohn des Astakos,
Bruder des Lohes: Schol. II. 6, 396. [Roscher.]
Erithos ('Eqi&os), Sohn des Aktor, von Per
seus getötet: Ov. Met. 5, 80. [Roscher.]
Eriunios s. Hermes.
Erkle s. Herkle.
Ermania (ermania), etruskisierte Namens-
form fürHermione (Egyiovij), s. d., auf einem
Spiegel aus Palästrina in der Sammlung Bar-
berini neben Elachsantre, d. i. Alexandros-
Paris, Elina, d. i. Helena, und Turan, d. i.
Venus, s. unter Elchsntre. Garrucci, Bullet.
1859, 26; 88; Gerhard, Etr. Spiegel 4, 26 ff. ;
tav. CCCLXXIX; Fabretti, C. 1. 1. 2726; vgl.
Bezzenberger, Beitr. 2, 166, nr. 47. [Deecke.]
Erodios (Epcodtos), Sohn des Autonoos, von
Zeus und Apollon in einen Reiher verwandelt,
weil er sich den Tod des Bruders Anthos (s. d.)
zu sehr zu Herzen nahm, Ant. Lib. 7. [Bernhard.]
Eropliyllis, Mainade, C. I. Gr. 8227. Heyde-
inann, Satyr- u. Bakchenn. 27. [Roscher.]
Eros ('Egcog, äol. "Epos), Liebe und der
Gott der Liebe. Synonym sind "'Iysgog und
HdVog, die ebenfalls als Personen Vorkommen;
doch machte die gute griechische Zeit be-
stimmte Unterschiede zwischen den drei Wor-
ten. Himeros ist der unwiderstehliche Zug zu
einem vor Augen befindl. Objekte, Pothos das auf-
geregte Verlangen, die Sehnsucht nach einem
entfernten Gegenstände; Eros ist das Liebes-
verlangen überhaupt, das jene beiden Differen-
zierungen einschliefst (bei Plat. symp. p. 197 d
wird Eros der Chariten, des Himeros und Pothos
Vater genannt). Vgl. über die Unterscheidung
Plat. Grat. p. 419 e. Schol. ad Hes. Theog. 201.
Plat. Phaedr. p. 251c. Poll. on. 2, 63. Cha-
rakteristische Stellen für den Gebrauch von
nö&og: II. A 240; P 439; Hymn. Ilom. 19, 33.
Archiloch. fr. 84. Sappho fr. 90. Tyrtaeus fr.
12, 28. Anakr. fr. 113. Find. Pyth. 4, 184.
Aesch. Pers. 62. 1 32 u. a. Soph. Phil. 601.
O. C. 333. O. B. 518. 969. Trach. 107. 631.
Für. Alk. 1087. Phoen. 330; fr. 318. Hel. 1306,
danach Karkin. fr. 5, 4 ( Nauck p. 621). Plato
resp. 1 p. 329. Menander 4, 158, 1 Mein. Für
i'ysQog vgl. II. r 446. Sappho frg. 21. Solon
fr. 25. Find. ol. 3, 33; ol. 1, 41. Aesch. Prom.
685. Suppl. 1005. Ant. 795. Eur. Med. 556
u. a. Die alexandrinische und spätere Poesie
gebraucht die Worte zwar sehr viel, aber fast
unterschiedslos ohne alle feinere Nuancierung.
Bei den Römern ist Amor die allgemeine Be-
Eros (Allgemeines; Kult) 1340
Zeichnung wie Eros; Cupido (s. d.) ward in der
älteren Sprache als heftige sinnliche Neigung
unterschieden und entsprach so ungefähr Hi-
meros; vergl. Sero, ad Verg. Aen. 4, 194, wo
Stellen des Plautus und Afranius citiert sind;
die spätere Sprache braucht beide unterschieds-
los. Die Römer kennen Amor und Cupido nur
durch die griechische Poesie(und Kunst; einen
Kult derselben gab es nie bei ihnen. Der bei
den Griechen verehrte Gott liiefs Eros, doch
scheint vereinzelt auch Pothos als Kultname
vorgekommen zu sein.
Eros ist zwar ein sehr alter griechischer
Gott mit altem Kultus, doch hat sich letzte-
rer nur wenig verbreitet und indem die Per-
sonifikation des Begriffes des Eros durch Poe-
sie und Kunst immer mehr hervortrat und im-
mer reicher ausgebildet wurde, so überwucherte
sie fast ganz den Gott des Kultus, der nur
auf wenige Orte beschränkt blieb und dessen
eigentliche Mythen uns kaum mehr in Spuren
erhalten sind, vielleicht weil der Stamm, wel-
cher der ursprüngliche Träger des Eroskultus
war, zurückgedrängt worden war.
Die Frage, ob Eros indogermanisches Be-
sitztum sei, dürfte schwer zu entscheiden sein;
der Begriff der Liebe, ihre Personifikation
und die allgemeinen Eigenschaften derselben
sind offenbar derart, dafs sie sich überall ähn-
lich sehen werden, auch wo sie ganz ohne
gegenseitigen Einflufs entstanden. So ist der
deutsche Liebesgott, der „Wunsch“, den Ja-
cob Grimm rekonstruierte ( deutsche Mythologie
S. 126 ff.; über den Liebesgott, Abhandl. d.
Berl. Akad. 1851. S. 141ff.), wohl eine.ganz
unabhängige Schöpfung. Eine nähere Über-
einstimmung mit griechischen Vorstellungen
findet man indes in der Stelle des Bigveda
10, 129 (955), wo von dem Chaos die Rede
ist, aus dem die Liebe (Kama) sich erhob und
das Chaos in oben und unten teilte; „da zu-
erst die Liebe sich regte, war sie des Geistes
erster Same; die Weisen einsichtsvoll fanden
im Geiste schauend des Daseins Band im
Nichtsein.“ Also eine philosophische Verwen-
dung des Liebesbegriffs wie bei den Griechen,
beide aber wohl unabhängig von einander;
denn dafs das ungetrennte Urvolk solch aus-
gebildete philosophische Gedanken besessen,
wird man nicht behaupten wollen. Der Liebes-
gott spielt übrigens sonst in der altindischen
Litteratur keine Rolle. Die buddhistischen
(Mära der Vernichter, Herrscher der Kama-
welten, in Buddhagaya als Jüngling mit Blu-
menbogen dargestellt) und später die brah-
manischen Vorstellungen, in welch letzteren
namentlich Kama eine sehr wichtige Person
ist*), können von dem griechischen Eros be-
einflufst sein und dürfen für unsere Frage
nicht angezogen werden.
1. Kult.
Unter den wenigen alten Kultstätten des
Eros steht voran Thespiai, wo Eros die Haupt-
gottheit von alters her (l£ dgxh g Paus. 9, 27,
*) Die Angaben über Indisches verdanke icli der
freundlichen Mitteilung von Herrn Dr. Grüuwedel in
Berlin.
1341 Eros (Kult zu Thespiai)
1) war; er ward hier verehrt unter einem
sehr altertümlichen Symbole, einem rohen
Steine (dpyög L'-ffog); im 4. Jahrh. erhielt er
von Praxiteles und Lysippos je eine Statue
die beide berühmt wurden, die aber das alte
Kultsymbol nicht ersetzten, vielmehr dem Gotte
nur als Weihgeschenke dargebracht waren,
wie vermutlich noch manche andere, auch frü-
here, von denen uns nichts überliefert ist. Ob-
wohl die Verehrung der Steine besonders den
semitischen Stämmen eigen ist, besitzen wir
bekanntlich doch Zeugnisse genug, die einen
alteinheimischen griechischen Kult von Stei-
nen als Göttersymbolen kennen lehren ; und
gerade in Boiotien scheint er sich besonders
gehalten zu haben (vgl. die ctqyo i Xi&oi der
drei Chariten in Orchomenos und des Herakles
in Hyettos; man erinnere sich ferner der weit-
verbreiteten Verehrung von Apoll und Arte-
mis und von Hermes in der Gestalt aufrechter
länglicher Steine). Vermutlich war der Eros
von Thespiai ein dem Hermes verwandter Gott
der Zeugungskraft. Seinen Mythos, den (sgog
Xöyog des Thespischen Kultes, der doch exi-
stieren mufste, kennen wir nicht mehr. Kos-
mogonisches enthielt er indes schwerlich. Da-
gegen stammt aus Thespiai oder den gleich
zu nennenden verwandten Kulten der bei Cicero
de nat. deor. 23, 60 angedeutete Mythos, wo-
nach Eros Sohn des Hermes (des ithyphalli-
schen mit Persephone in Verhältnis gedachten)
und der chthonischen Artemis ist, offenbar als
Gott der zeugenden Erdkraft. Sehr wahr-
scheinlich gehörte der thespische Kult schon
der voräolischen Bevölkerung an. Auf die
Thraker des Oita, Helikon und Kithairon, die
Träger auch des eleusinischen Kultes hat
v. Wilamowitz ( Kydathen S. 131) hingewiesen.
Aber auch zu den nördlichen thrakisch-pelas-
gischen Kulten führen verbindende Fäden.
Jener von uns als Vater des thespischen Eros
vermutete Hermes ist der auf den thrakischen
Inseln heimische, der auch zu den samothra-
kischen Göttern gehört. Der Name des ithy-
phallischen Hermes-Imbramos auf Imbros hängt
mit l'fisQog zusammen. Dagegen hat der über-
lieferte Kultname einer der samothrakisclien
Gottheiten , Axieros — wohl eigentlich Axi-
ieros = die Hochheilige, die Hauptgöttin —
sicher nichts mit Eros zu tliun. Doch scheint
Eros selbst unter dem Namen Pothos neben
Aphrodite auf Samothrake hoch verehrt wor-
den zu sein — doch getrennt von den grofsen
Mysteriengottheiten — ; denn Plin. nat. hist.
36, 25 ist Pothon als Lesart des besten Codex
durchaus nicht zu bezweifeln; Skopas machte
eine Gruppe von Aphrodite und Pothos für diesen
Kult. [Vgl. Fleclceis. Jahrbb. 143, 29829 u. d.
Art. Kabeiroi.] Was nun Thespiai angeht, so
darf man in diesem Zusammenhänge daran
erinnern, dafs in unmittelbarer Nähe von Thes-
piai ein Kult der kabirischen Demeter und
Persephone existierte (Paus. 9, 25, 5. 26, 4).
Auf der sogen. Chablais-Herme ( Gerhard , ant.
Bildw. Taf. 41. Clarac 613, 1367), welche die
samothrakischen Gottheiten in der That dar-
zustellen scheint, steht Eros zu Füfsen des
Hermes (Kadmilos). — Von dem Kult in Thes-
Eros (Kult zu Parion etc.) 1342
piai haben wir nur wenige und aus später
Zeit stammende Notizen. Auf dem Helikon,
da wo auch die Musen verehrt wurden, feier-
ten die Thespier dem Eros jedes fünfte Jahr
ein glänzendes Fest mit gymnischen und musi-
schen Agonen, Paus. 9, 31, 3. Plut. amat. 1,
2. Athen. 13, 12 p. 561 e. Inschriften römi-
scher Zeit aus Sparta ( C . I. Gr. 1429. 1430)
geben von Siegern in den ’EqwzCösldi Kunde,
unter denen höchst wahrscheinlich die Spiele
von Thespiai zu verstehen sind. Auch private
Opfer der Thespienser an Eros findet man
erwähnt (bei Conon narr. 24).
Nicht weniger hoch als in Thespiai war
Eros in Parion am Hellespont geehrt (Paus.
9, 27, 1); der Kult war gewifs älter als die
ionische Kolonisation des Ortes, da wir Eros
als Gott bei den Ioniern kaum finden; er ge-
hörte also der alten sog. pelasgischen Bevöl-
keiung an („tyrrhenische Pelasger“ werden in
Parion erwähnt), auf deren Wesen die Genea-
logie ihres Stifters ein Licht wirft, der von
Iasion stammte, dem Liebling der Demeter und
ihrem Propheten in Kreta und Samothrake.
Von dem Kulte in Parion wissen wir nichts
Näheres; das alte Idol scheint hermenförmig
gewesen zu sein (vgl. unten); der Tempel war
gewifs reich und angesehen, da Praxiteles eine
Erosstatue für diesen arbeitete. Die Stellung,
die Eros bei den Orphikern (s. unt.) einnimmt,
hängt jedenfalls mit seiner ursprünglichen Gel-
tung in dem pelasgischen und thrakischen Göt-
terkreise zusammen. Es schliefst sich hier der
Eros an, der in den derA Orpheus und Pam-
phos zugeschriebenen Hymnen gefeiert ward,
welche die Lykomiden bei ihren Weihen sangen
(Paus. 9, 27, 3), für deren Privatkult in Phlya
sie wohl bestimmt waren (. Schoemann , opusc.
2, 87); wenn auch diese Hymnen relativ später
Zeit angehört haben sollten, der Eros, der in
dem cerealisch-chtlionischen Götterkreise der
Lykomiden erscheint, mufs jener alte sein, der
in den genannten Kulten vorliegt; Eros wird
mit dem thrakischen Demeterkult zu den kau-
konischen Lykomiden gekommen sein. Dafs
die Verbindung des Eros mit dem cerealischen
Kreise in Attika indes tief in die volkstüm-
liche Vorstellung eingedrungen war, dafür sind
einige merkwürdige Vasenbilder Zeuge, deren
Gegenstand aus gänzlichem Mangel Literarischer
Andeutungen freilich noch nicht völlig hat er-
klärt werden können. Sie werden wohl mit Recht
(s. zuletzt Fröhner in den Annali d. Inst. 1884,
205 ff.) im allgemeinen als auf die Anodos der
Kora bezüglich gedeutet. Auf einem besonders
ausführlichen Bilde ( Fröhner , mus. de France
pl. 21) schweben zwei Eroten hinter dem aus
der Erde emportauchenden Kopfe der Göttin
hervor; daraus abgekürzt scheint das mehrmals
vorkommende Schalen-Innenbild ( Mon . d. Inst.
4, 39; München nr. 558; Neapel S. A. 287),
wo ein Eros dem grofsen Kopfe entschwebt.
Mit Kora kehrt also auch Eros wieder. Ein
grofsgriechisclies Relief, wo Eros als Diener
einer Persephone oder Aphrodite -Persephone
erscheint, werden wir unten noch besprechen.
Wahrscheinlich gehört auch das Votivrelief
aus Gytliion (Arch. Ztg. 1883, Taf. 13) hierher,
io
20
30
40
50
60
1343 Eros (Kult in d. Gymnasien etc.)
wo neben der von dem Kerberos begleiteten
Demeter und Kora der Eros schwebt. — Yon
Kulten nennen wir endlich noch den Tem-
pel und Hain des Eros in L e u k t r a (Leuk-
tron) an der Westküste Lakoniens (Paus. 3,
26, 5) , wohin der Kult mit den Boiotern, die
die Stadt gegründet haben sollen, gekommen
sein wird. Die Sage, dafs die Blätter in dem
heiligen Haine trotz des durchüiefsenden Was-
sers im Frühjahre nicht weggeschwemmt wür- l
den, deutet wohl auf die Vorstellung von er-
haltender Kraft des Eros in der Natur.
Die übrigen Kulte des Eros, die wir kennen,
tragen einen durchaus verschiedenen, späteren,
rein hellenischen Charakter. Es ist der Eros der
Männerliebe, welche die Bürger verbindet und
zu edlem Thun entflammt, die nirgends schöner
sich zeigt, als in der Schlachtordnung und die
ihren Lieblingssitz in Palästra und Gymnasion
hat. So ward er in Kreta und in Sparta ver- 2
ehrt. Die Kreter opferten (nach des Sosikra-
tes KQriTLv.cH bei Athen. 13, p. 561 e) dem Eros,
nachdem sie die schönsten der Bürger in der
Schlachtordnung aufgestellt, und ebenso opfer-
ten die Spartaner dem Eros nq'o xmv ticcqutol-
E,ecov. Vielleicht entstanden indes diese Kulte
aus einer Umsetzung älterer vordorischer Ele-
mente. Hieran schliefst sich der Kult des Eros
in den Gymnasien, der einst ziemlich ver-
breitet gewesen zu sein scheint (vgl. Athen. 13, 3
p. 561 d, mit Hermes und Herakles zusammen).
In Samos (nach Erxias sv KolocpcovLuv.ois Athen.
p. 561 f.) war das Gymnasion dem Eros ge-
weiht und ward ihm ein Fest ’Elsvfi'tQia ge-
feiert. Im alten Gymnasion zu Elis waren
Altäre des Eros und Anteros und in einer
Palästra daselbst war in Relief dargestellt, wie
Eros und Anteros sich um den Palmzweig
streiten (Paus. 6, 23, 3. 5); die Differenzierung
des Eros zu Eros und Anteros ist jedenfalls i
im Kreise des Gymnasienkultus entstanden:
Erast und Eromenos sollten ihren Vertreter
haben. In Athen stand sv nölsi ein Altar des
Anteros, von Metoiken geweiht, wozu eine
Legende von der unglücklichen Liebe eines
Metoiken zu einem Bürgersohne erzählt ward
(Paus. 1, 30, 1). Eine ältere Kultstätte des
Eros in Athen war indes wohl der Altar, den
Charmos weihte, der Verwandte des Hippias,
des Sohnes des Peisistratos (das Liebesver- 5
hältnis, das beide gehabt haben sollen, ist
wohl erst aus der Thatsache der Weihe des
Altars deduciert) ; er war dem Eros der Männer-
liebe und der Gymnasien bestimmt und stand
vor dem Eingang des alten Gymnasions der
Akademie; die Weihinschrift lautete: kolklIo-
[iri%ccv ’ "Eqcos, gol rovcS’ lSqvgccto ßcogov | Xccq-
aog snl cvi enoeg ztQuoiGL yviivaaiov (Kleidemos
bei Athen. 13, p. 609 d; Paus. 1, 30, 1); die
benachbarten Altäre der Musen, des Hermes 6
und des Herakles gehören in denselben Kreis
der im Gymnasion verehrten Gottheiten. Nicht
vom Altar des Eros, sondern von dem des
Prometheus ging der Fackelweltlauf bei den
Lampadedromieen aus. Auch ist es wohl nur
ein Mifsverständnis des Plutarch oder seiner
Quelle, wenn er den Peisistratos den Charmos
lieben und ein ayedpa des Eros in der Akade-
Eros (bei d. ält. Schriftstellern) 1344
mie aufstellen läfst (Sol. 1). Der Altar des Char-
mos fand indes keine Nachfolge in Athen und
mag bald vergessen worden sein ; bei Eurip.
Hipp. 536 und Plato symp. c. 14, p. 189 c
wird so geredet, als ob Kulte des Eros über-
haupt nicht, existierten. Indes eine spätere athe-
nische Münze zeigt den palästrischen Eros mit
Palmzweig (Beule p. 222).
Mehrfach scheint Eros mit nächstverwand-
ten Gottheiten wie Aphrodite (so in Megara,
Paus. 1, 43, 6) und den Chariten (in Elis; sein
Bild stand auf demselben Bathron mit den
Kultstatuen der Chariten Paus. 6, 24, 6) zu-
sammen Kult genossen zu haben.
2. Die älteren Dichter und Philosophen
über Eros.
Die homerische Poesie kennt Eros als Gott
nicht; nur einmal findet sich eine für einen
augenblicklichen Zweck gemachte Art von
dichterischer Personifikation, zwar nicht von
sQcog, sondern von ipsgog, II. 14, 216, wo der
Kestos der Aphrodite beschrieben wird als
cpilorgg, i'ysQog und naQcpccGcg enthaltend, und
zwar der Ausdrucksweise nach als Bildwerk;
es ist das eine Fiktion, wie die in der Be-
schreibung der Aigis II. 5, 740, wo Alke, loke
u. a. auch wie personifiziert erscheinen, ohne
dafs die Spur einer wirklichen sinnlichen Vor-
stellung damit verbunden wäre (vgl. Furt-
wängler, Bronzefunde , Ahh. der Berl. Akad.
1879. S. 59, was ich aufrecht erhalte gegen
die Einwendungen von Helbig, d. homer. Epos
S. 187). Bei Hesiod ( Theog . 120. 201. 64)
jedoch ist Eros volle göttliche Person, doch
mit einem ihr anhaftenden begrifflichen Cha-
rakter; er ist xcH/Uotos unter den Göttern,
IvGLpslris, bezwingt den Sinn von Göttern und
Menschen, folgt der Aphrodite und hat bereits
einen seinem begrifflichen Wesen zur Seite ge-
stellten Bruder, den Himeros, der doch nur
eine dichterische Personifikation ist und nicht
dem Kulte entstammt wie Eros. — Die Ver-
wendung, die Hesiod von Eros macht bei der
Geschichte der Weltbildung, besprechen wir
in dem Abschnitte:
a ) Der kosmogonische Eros.
In der hesiodischen Theogonie (116 ff.) ist
das Chaos das erste; dann folgen Gaia (und
Tartaros), dann Eros, diese alle ohne Eltern;
dann beginnen die Weiterzeugungen; Eros wird
gar nicht weiter verwendet, ja statt dafs seine
Schaffenskraft in der werdenden Natur hervor-
gehoben würde, weifs der Dichter von ihm nur
zu sagen, dafs er die noch gar nicht gewor-
denen Menschen und Götter bezwinge; er be-
nutzt also eine ihm vorliegende kosmogonische
Tradition, ohne sie zu verstehen (vgl. Bergk,
gr. Bitter aturgesch. 1, 964). Diese aber hatte
ihren Ursprung offenbar in der Theologie der
Orphiker, die schon Hesiod bekannt gewesen
sein mufs, obwohl sie uns nur in später Ge-
stalt überliefert ist. Ihre Grundanschauung
über die Weltentstehung war die, dafs aus der
Finsternis und der ungeheuren Leere sich das
silberglänzende Weltei (cosov ägyvcpsov) zu-
sammenballt und aus diesem die zeugende
bildende Kraft, Eros, hervorspringe. Dieser
1345 Eros (kosmogonisch)
Kern ward verschieden ausgestaltet von den
Orphikern selbst; die dem Weltei vorangehen-
den Elemente werden verschieden benannt;
ebenso bekam Eros verschiedene mystische
Namen und phantastische Ausgestaltung als
Phanes und Erikepaios (s. diese); und damit
auch Verstand dabei sei, ward Metis als moco-
rog ysvszcog dem Eros als bildende Macht zur
Seite gestellt, auch der <i(3pos "Epcos selbst
nolvpyzig und Mgrig genannt. Vgl. Lobeck,
Aglaoph. p. 408 ff. Nach dem, was wir oben
über den ursprünglich thrakischen Eroskult von
Thespiai und Parion bemerkt, wird man nicht
zweifeln, dafs die Bedeutung des Eros in der
thrakisch-orphischen Theologie mit seiner Gel-
tung im thrakischen Kultus Zusammenhänge,
doch so natürlich, dafs der Kultus das ältere
ist, an den die kosmogonische Spekulation nur
anknüpft, ohne auf denselben und die mit ihm
verbundenen volkstümlichen Vorstellungen
irgend wesentlichen Einüufs zu gewinnen. Da-
gegen stand die ganze theologische und phi-
losophische Dichtung unter der Einwirkung
der orphischen Kosmogonie. Voran, wie schon
bemerkt, Hesiod; er läfst das Weltei, das
gewifs zu dem ältesten Kern der Vorstellung
gehörte, weg, und weifs den Eros nicht zu
handhaben, ln Epimenides’ Theogonie (fr. 8,
Kinkel ) spielte dann wieder das Weltei seine
Rolle. Bei Pherekydes von Syros verwandelte
sich Zeus in Eros, um als dryuovgyög aufzu-
treten ( Procl . in Fiat. Tim. p. 368 Schn.) Von
Parmenides dem Eleaten kennen wir den Vers
71QCQZI.GZOV ytv "EgCOZCi ’d'lcöv figtCGaZO TtdvTCüV
(. Aristot . Metaph. 1, 4), dessen Subjekt unsere
Gewährsmänner verschieden angeben, als Ge-
nesis ( Plato symp. 6), als Daimon, Dike, An-
anke u. a. (Stob. ecl. I, p. 482; Simplic. pliys.
fol. 9 a), ja als Aphrodite (Plutarch amat. 12).
Akusüaos schlofs sich nach Platon (symp. 6)
dem Hesiod an, wohl mit geringer Variante,
da er nach Schol. Theocr. arg. id. 13 den Eros
Sohn der Nacht und des Äthers sein liefs,
und wieder nach anderer Nachricht (Dama-
scius, s. Schümann opusc. II, 78f.) aus Chaos,
Erebos und Nyx Aither, Eros und Metis ent-
standen. Empedokles trug im wesentlichen
die alten Gedanken, doch in neuerer, abstrak-
terer und ausgebildeterer Gestalt vor; vsixog
und cpiXozrjg (auch Aphrodite genannt ; von
Plut. amat. 12 als Eros erklärt) sind die strei-
tenden Elemente ; aus der cptlozrjg entsteht das
kugelförmige Urwesen, der ccpcczgog , dem orphi-
schen Weltei entsprechend. Die orphischen Vor-
stellungen selbst müssen zu Aristopha.nes’ Zeit
in Athen hinlänglich bekannt gewesen sein,
da sie dieser Komiker bekanntlich in den
Vögeln (695 ff.) verwertet; die kosmogonische
Wirksamkeit des Eros ist hier trotz des paro-
dischen Tones sehr deutlich geschildert. Auch
der Komiker Antiphanes brachte irgendwo die
orphische Kosmogonie vor, Nacht, Chaos, dann
Eros, dann das Licht und die Götter (s. Schü-
mann opusc. 11,76). Dem eigenartigen platoni-
schen Mythos von Eros als Sohn des Poros
und der Penia ward erst spät ein kosmogoni-
scher Sinn untergeschoben (Schümann a. a. 0.
80 f. ; Zeller , gr. Philos. 2, 167 ff.). — Noch ist
Roscher, Lexikon der gr. u. röm. Mythol.
Eros (bei d. ält. Lyrikern) 1346
eine Überlieferung zu nennen, die Eros in der
alten hieratischen Poesie auftreten läfst; ein
alter unter Olens Namen gehender Hymnos
in Delos liefs Eros den Sohn der Eileithyia
sein, welcher der Hymnus galt und die darin
als f vXivog und als älter denn Kronos gefeiert
wurde (Paus. 9, 27, 1. 8, 21, 2); es ist aber
falsch in ihr eine kosmogonische Potenz zu
vermuten; die Eileithyia dieses Hymnos war
eine wirkliche Göttin, wahrscheinlich gleich
der auf Delos in alter Zeit so hoch verehrten
Artemis, und Eros als ihr Sohn wird nicht auf
Spekulation, sondern auf echte mythische Vor-
stellung eines Kultus zurückgehen; wir werden
an die schon oben verwendete Genealogie des
Eros von Hermes und Artemis bei Cicero er-
innert.
Es versteht sich, dafs die kosmogonische
Bedeutung des Eros auch in der Litteratur der
Spätzeit nicht selten hervorgehoben wird; er
wird dann als der a.g%u.Log (Luc. salt. 7), der ißyv-
yzcov nazgg %g6v(nv (Luc. am. 37) von dem
gewöhnlichen, dem vscozazog Q'smv und Sohn
der Aphrodite (Paus. 9, 27, 2), unterschieden;
jenen redet z. B. Lucian am. 31, p. 432 an als
isgocpavzu fivGzrjgLav , der das Chaos in den
Tartaros verbannte und Xufingcö cpcozl die Nacht
erhellend dryuovQyog wird. Vgl. ferner Anthol.
Pal. 15, 24; Nonn. Dionys. 7, lff. u. a.
h) Eros bei den älteren nichtatti-
schen Dichtern.
Die von Platon Phaedr. p. 252 BC ange-
führten zwei Verse aus Epen der Homeriden,
die sich auf die Beflügelung des Eros beziehen
und sagen, bei den Göttern heifse er deshalb
TTzsgcog , sind wahrscheinlich nur eine Erfin-
dung von Platon selbst (vgl. Schümann , op. 2,
p. 86, 50). Die spärlichen Trümmer, die wir
von der antiken Lyrik besitzen, lassen uns nur
erraten, welch bedeutende Stellung Eros in der
Poesie einnahm, die das subjektive Empfinden
befreite und zum Ausdruck brachte. Zwar der
Ionier Archilochos gebraucht noch die ho-
merische Wendung cpzXozrjzog egcog, wo wir den
persönlichen Gott erwarteten (fr. 103); der
XvGifislrig nö&og von fr. 85 braucht nicht per-
sönlich gefafst zu werden; XvGLgiXrjg war Eros
bei Hesiod, doch schon im homerischen Epos
löst Liebe die Glieder (c 212). Dagegen er-
scheint Eros in der aiolischen und aiolisch-
dorischen Poesie bereits im 7. Jahrhdt. als
volle Persönlichkeit, wie wir denn bei jenen
Stämmen auch seinen Kultus angesessen fan-
den. Alkman , der als Erfinder des Liebes-
liedes galt und sich darin an Volkstümliches
angeschlossen zu haben scheint, läfst fr. 38
den ytxgyog (ein auch in der Spätzeit beliebtes
Beiwort des Eros, z. B. Apoll. Bh. 3, 119;
Nonn. Dion. 33 , 180) "Egcog oicc itaig über
Blumen hinschreiten (xaßau'voiv, nicht fliegen);
vgl. ferner fr. 36; in dem ägyptischen Frag-
mente des Alkman (frgm. 16) vermutete man
früher fälschlich Eros als Poros Sohn; s. den
Text bei Blafs im Hermes Bd. 13, S. 26. Alkaios
kennt ihn, den ösivozuzov ftsuv, Sohn der Iris
, und des Zephyros (fr. 13), wodurch sein stürmi-
sches Wesen charakterisiert wird; die Verbin-
dung von Zephyros 'mit der Schwester der Har-
43
io
20
30
40
50
60
1347 Eros (b. d. ält. Lyrikern)
pyien, mit denen er sieb auch selbst vereinigt,
beruht bekanntlich auf uralter Vorstellung
(vgl. Milchhöfer, Anf. d. gr. Kunst S. 69);
doch Eros als sein Sohn ist gewifs freie dich-
terische Erfindung (nachgeahmt von Nonnos
47, 341, wo nur Pothos statt Eros gesetzt ist).
Sappho hatte nach Paus. 9, 27, 3 nolld ned
ov% bgoXoyovvrcc ctXXfjXoig über Eros gesungen,
womit wohl ihre verschiedenen Genealogieen
gemeint sind, deren zwei wir noch kennen,
die beide auf die kosmogonische Vorstellung
zurückgehen: Eros, Sohn der Ge und des Uranos,
sowie der Aphrodite und des Uranos ( Schol .
Apoll. 3, 26; arg. TheoJcr. 13); fr. 117 scheint
er Aphrodites na ig zu sein. In den erhaltenen
Fragmenten schildert Sappho des Eros herz-
erschütternde Macht, vergleicht ihn dem Sturme,
was an Alkaios’ Genealogie erinnert, läfst ihn
vom Himmel kommen (also fliegend gedacht),
mit purpurner Chlamys angethan, und giebt
ihn der Aphrodite als ftsgunaiv bei; er ist
XvGiysXrjg , yXvnvnfngog, aXysaCScogog und gv&o-
nXonog (fr. 40. 42. 64. 74. 125. 132). Die
feurigste Verherrlichung fand Eros indes im
6. Jahrhdt. durch die am Fürstenhofe von Sa-
mos weilenden Dichter IbyJcos und Analer eon ;
mit düsterer Glut malt ihn jener; auch er ver-
gleicht ihn dem Sturmwind, dem thrakischen
Boreas, er stürmt vor Aphrodite her sgsyvog,
d&agßrjg (frg. 1); durch die zauberhafte Ge-
walt seines Blickes unter den dunkeln Brauen
wirft er den Dichter, der vor ihm zittert, in
die Netze der Aphrodite (fr. 2). In der Ge-
nealogie des Eros schlofs sich Ibykos an die
kosmogonische Auffassung an und liefs ihn,
Hesiod folgend, aus dem Chaos entstehen (fr.
31). Auch Anakreon konnte die Gewalt des
Gottes in kräftigen Bildern schildern; fr. 48:
Eros schlägt auf ihn mit mächtigem Hammer
wie ein Schmied und badet ihn in kaltem
Giefsbach (wie der Schmied es auch mit dem
glühenden Eisen thut um es zu härten); ge-
wöhnlich sind seine Bilder jedoch anmutig
und lieblich; Eros wirft ihm den Ball zu
(fr. 14); die Astragalen des Eros sind yccvicu
te nai Kvdoiyot. (fr. 47); der Dichter will mit
ihm ringen (fr. 63); Eros spielt nebst Nymphen
und Aphrodite mit Dionysos (fr gm. 2), dessen
Kreise Eros in der Folgezeit häufig beigesellt
ward (s. ob. S. 1065); er ist dagäXrjg, xyvooxogys,
nag&eviog , und hat xqvcogiciEvvovg nxEgvyccg
fr. 25. — Simonides redet fr. 43 Eros als
g%st1is nai an, und giebt ihm Aphrodite
und Ares zu Eltern. Bei Theogn. 1231 G%tzlC
’Egmg, ycivlcu g su.Q'rjvfiGavTO (vgl. Anahr. fr.
47); in der unter Theognis Namen gehenden
Sammlung aus den älteren Elegikern stehen
auch die schönen, die Wirksamkeit des Eros
auch in der Natur andeutenden Verse (1275ff.),
die ihn mit dem Frühling zusammen erschei-
nen lassen; dann kommt er von Kypros (wo
er bei Aphrodite geweilt) und bringt Samen
über die Erde. — Bei Pindar dagegen, der
doch den thespischen Kult kennen mufste,
spielt dar persönliche Eros gar keine Bolle;
die Liebe ist bei ihm nur Begriff; er gebraucht
meist den Plural Egons g, den er, da er zu-
gleich allgemeines Streben bedeutet (vgl. Nein.
Eros (b. d. ält. att. Dichtern) 1348
11, 48; 3, 29; fr. 90, 1 Böclch) durch depgo-
ö ig io l näher bestimmt; vgl. fr. 88, 1; 90, 1;
doch Nein. 8, 5, wo die tgoixsg als noLysvsg
Kvngiug ödigcov das Beilager des Zeus und der
Aigina dgcpS7t6Xr]Gav und fr. 87, 3, wo die
Aphrodite ovgavtu von Korinth gdxgg eqgitiov
lieifst, sind diese wohl persönlich gedacht.
Aber eben aus der begrifflichen Fassung, nicht
aus der persönlichen, mufste die Vervielfachung
des Eros hervorgehen, die in Poesie und Kunst
von dieser Zeit an gewöhnlich ist.
c) Bei den attischen Dichtern bis zu
Ende des 4. Jahrhunderts.
Bei Phrynichos fr. 8 cpcög i’gonog (auf Troilos’
Wangen) ist Eros unpersönlich gefafst. Auch
bei Aischylos tritt wie bei Pindar die Person des
Eros nicht hervor; sgcog ist Begriff; nur der Plu-
ral erscheint auch hier mit Pindar personifiziert
( Suppl . 1042). Die Stelle des Eros als Sohn
der Aphrodite und nächster Begleiter nebst
Peitho nimmt bei Aischylos der personifizierte
Jloffog (Suppl. 1039) ein. Auch l'gsgog er-
scheint halb personifiziert, so Proin. 649 tysgov
ßsXsi Tt&ctlmou, ein poetisches Bild, das später
zum Attribut des Bogens führen sollte. Bei
Sophokles ist Eros wieder persönlicher Gott
( Trach . 354; 441, wozu vgl. Analer, fr. 63),
dessen Macht in dem Chorlied Antig. 781 ff.
in der Natur wie unter den Menschen als un-
besiegbar geschildert wird, wobei indes die
Person hinter den Begriff doch ganz zurück-
tritt; vgl. frg. 856, wo Kvpris statt Eros. Eine
weit bedeutendere Rolle spielt Eros bei Euripides ;
als dndvxoiv dcayovcov vnsgxaxog (frg. 271); als
xvgtxvvog &ecöv xe ndv&goöitaiv (frg. 132), aus-
gestattet mit Gewalt über die Götter (fr. 434)
wie über die ganze Natur (Hipp. 1269 ff'.) wird
er vielfach von ihm gefeiert; ja er nennt ihn
Sohn des Zeus (IHpp. 534); doch von einem
Kultus des Eros weifs Kur. nichts und tadelt
diesen Mangel (Hipp. 541), ganz wie dies
später bei Plato geschieht (symp. c. 14).
Meist erscheint Eros als Begleiter der Aphro-
dite und als ihr helfender Dämon; er ist xäg
’Acpgodixag qiiXxdziov &aXd[icov nXpdovxog (Hipp.
539; vgl. 1269; fr. 781, 16). Er ist nonuXo-
nxEgog (Hipp. 1270), xgvGocpafjg (Hipp. 1275),
Xgvaoxöyixg (Ipli. Aul. 549); er ist trag, qnlei
ndxonxga nai nofirjg ^ccvQ'ioga.xci (frgm. 324).
"Egoixeg im Plural sind ebenfalls persönlich
(Med. 627. 844. 330; &EX&cpgovEg *. Egeoxeg
Bacch. 403). Euripides eigentümlich ist die
Scheidung im Wirken des Eros, der bald als
gute und mäfsige Liebe zu Tugend, Weis-
heit und Glück, bald als schlimme, unmäfsige
zum Elend führt (Iph. Aul. 544 ff. ; frgm. 889;
551. 671. 342; Med. 627; Trag. frgm. adesp.
151, wahrscheinlich von Euripides ); jene sgto-
x sg sendet Aphrodite über Attika als xii oo-
cpia nagsdgovg und navxoiag dgszüg £ vvsgyovg ,
Med. 844. Bei Euripides zuerst finden wir
dem Eros den Bogen beigelegt, doch ist dieser
noch sichtlich mehr nur poetisches Bild als
bestimmtes Attribut; die verwundenden (Hipp.
392 sxgeoGEv) Wirkungen der Liebe werden,
wie die Strahlen der Sonne (x o£a yXiov Eur.
Here. für. 1090) mit Geschossen verglichen, die
stärker sind als die Geschosse von Feuer und
io
20
30
40
50
60
1349
Eros (in d. arch. Kunst)
Eros (in d. arch. Kunst)
1350
Sternen {Hipp. 530) und die Aphrodite ebenso
wie Eros entsendet (Aphrodite bogenschiefsend
Med. 632, Eros das (Silos der Aphrodite ent-
sendend Hipp. 532; Eros’ Bogen Med. 530;
Iph. Aul. 546 Siö'vpa ro|a). — Fothos erscheint
bei Hur. Bacch. 412 neben den Chariten; mit
Chariten, Sophia und Hesychia zusammen bei
Aristoph. Av. 1320. Eros in populärer Vor-
stellung, Liebespaare zusammenführend, Schön-
heit verleihend bei Aristoph. Eccl. 958. 966;
Lys. 551 (ylirsv&vgog ’jE.) ; Ach. 991, wo auf den
rosenbekränzten E. des Zeuxis Bezug genom-
men wird; Av. 1737 lenkt der dgcpiQ'alrjg’'EQCüg
Xgvoonztgog als nagoyog den Hochzeitswagen
des Zeus und der Hera; der Bogen als Attri-
but kommt nicht vor bei Aristoph. — Vom
Ende des 5. Jalirh. an wird die Gestalt des
Eros immer populärer und beliebter in Athen;
doch hat das 4. Jahrk. keine von den bei
Euripides u. Aristophanes geschilderten wesent-
lich verschiedenen Vorstellungen hervorge-
bracht, soweit uns die geringen Reste der
Poesie dieser Zeit zu urteilen verstatten; vgl.
von Tragikern Aristarch frg. 2; DiJcaiogenes
frg. 1; von Lyrikern Melanippides frg. 7; Phi-
loxenos scheint ein eignes Melos auf Eros ge-
dichtet zu haben; Timotheos ( Meineke com. 3,
589 = Berglc lyr. p. 1273) sagt 6 nzigoozog
itgog oyyazcov "Egcog, o Kvngidog uvvayog; bei
den Komikern mancherlei Räsonnements über
das Wesen des Eros ( Eubulos , Meineke. 3,
226, 3; Alexis 3, 495. 392, 1. 411); Menanders
Aussagen scliliefsen sich an die des Euripi-
des an (Mein. 4, 203, 4. 128, 1; 131, 1). —
Noch ist der Verwendung zu gedenken, die
Platon von Eros macht; er ist ihm ein wich-
tiges Prinzip, nicht zur Erklärung der Welt-
entstehung wie bei den früheren Philosophen,
sondern als Wurzel der wahren Philosophie,
als Personifikation des Drängens und Strebens,
das den Menschen stufenweise vom Sinnlichen
bis zum Anschauen der Idee des Guten und
Schönen führt (Phaedr. p. 243 ff. ; Symp. p. 201 ff.).
Im Symposion erfindet er eine neue Genealogie
für Eros als Sohn von Poros und Penia. Die
Reden des Symposions aufser der des Sokrates
geben übrigens auch ein gutes Bild von den
in Athen zu Anfang des 4. Jahrh. populären Vor-
stellungen von Eros, d. h. von der Liebe, denn
eigentlich Persönliches von Eros bieten sie
wenig, am meisten noch die poetische Rede des
Agathon c. 18, Eros als svdcapoviGzcczog, rccl-
hozog , vscozazog, analog, vygbg zo sidog; er hat
XQÖug v.dllog wegen der Mar’ dvQ'iq dtaira;
denn er ist überall, wo ein zonog svuv&gg und
zvcodrig ist; ein anderer Redner unterscheidet
ähnlich wie Euripides einen guten Eros (und
zwar als Sohn der Urania) von dem schlechten,
Sohn der Pandemos; ein anderer setzt statt
letzterer Polyhymnia.
3. Eros in der Kunst bis zu Ende des
4. Jahrhunderts.
a) Archaisch.
Eros ist bis jetzt nicht nachzuweisen in
Denkmälern der hochaltertümlichen Kunst, da-
gegen tritt er in solchen vom Anfang des
5. Jahrh. nicht ganz selten auf; einiges mag
auch in das Ende des 6. Jahrhdts. heraufgehen.
Von Anfang an erscheint Eros als Knabe oder
Mellephebe gebildet und mit Flügeln airsge-
rüstet. Wann und wo diese erste und wich-
tigste Schöpfung geschah, können wir nicht
bestimmen. Der Kultus, der sich mit dem
Symbol begnügte, hat sie schwerlich gezeitigt;
doch war Eros ja, wie die Poesie zeigt, im
io 7. Jahrh. vom Kultus unabhängig bereits
populär genug, um künstlerische Darstellung
zu verlangen. Die zarte Jugend war schon
durch die Grundvorstellung des zarten, schönen
Liebesgottes, des Sohnes und Dieners der Aph-
rodite, gegeben; die Befliigelung erhielt er
wohl, wie andere Flügelwesen, wegen des dä-
monischen Charakters seines Wesens, das den
Menschen näher ist als die grofsen Götter und
jene gleichsam umschwebt (vgl. Platon symp.
20 c. 23 über Eros als d'aigcov und das Saigoviov
30
Archaischer Eros von einem Spiegel (vgl. S. 1351 , 11).
überhaupt). Im Schol. Aristoph. Av. 574, wo-
nach es eine Neuerung gewesen wäre, Eros
geflügelt darzustellen, ist Mai zov "Egcoza offen-
barer späterer Zusatz , und die Notiz bezieht
sich nur auf Nike (falsche Beurteilung der
Stelle bei Stephani compte-r. 1874, S. 159). Als
50 Attribute erscheinen in der älteren Kunst
namentlich Blüte und Leier, die er zuweilen
beide in Händen hält; die Blüte, die ja auch
Aphrodites Attribut ist, erklärt sich leicht,
und mit Blüten brachte ihn auch die Poesie
frühzeitig in Verbindung. Eine Gemme, nicht
archaischen, aber doch noch älteren Stiles
läfst ihn sogar aus einer Blüte emporsteigen,
mit Zweigen der Granate in den Händen, als
echten Frühlingsgott ( Cades 13, B, 18; Gerhard ,
co alcad. Abh. Taf. 52, 15). Die Leier dagegen
scheint die Kunst ohne Vorgang der Poesie
dem Eros verliehen zu haben; sie ist der Aus-
druck seines ekstatischen und darum auch
musischen Charakters und Symbol der Har-
monie die er erschafft. Sonst sind Kranz und
Tänie seine Hauptattribute : es sind die Dinge,
welche der Liebende dem Geliebten zu bringen
pflegte. — Die wichtigsten Denkmäler des
43*
Eros (in d. arch. Kunst) 1352
1351 Eros (in d. arcli. Kunst)
älteren Stiles sind folgende: Bei einem sehr
altertümlichen kyzikenischen Goldstater (Berl.),
der einen stehenden Jüngling mit aufgehogenen
Flügeln zeigt, darf man, des Kultes von Parion
gedenkend, wohl fragen, ob nicht Eros ge-
meint sei. Archaische Skarabäen aus Sardinien
zeigen Eros mit aufgebogenen Flügeln im alten
Laufschema mit Leier und Kranz ( Marmor a in
mem. dell’ acad. di Torino 1854, 14, tav. B,
103. 104; auch Annalid.I. 1883, tav. H, 65 ist
altgriechisch). Laufend mit Blume und Leier
in dem S. 1350 abgebildeten gewifs altgriechi-
schen (vgl. Friederichs, Id. Kunst u. Industrie
S. 20; Bull, de corr. hell. 1, 109) Spiegel (Ger-
deutlich noch das alte archaische Laufschema
zu Grunde liegt, das hier zu mildern versucht
wird. Der Eros in Berlin Friederichs 2171,
der von einer gröfseren strengeren Gruppe
dieser Art stammt, zeigt noch das volle alte
Laufschema; der Fabrikationsort dieser Spie-
gel scheint Korinth gewesen zu sein. Aphro-
dite mit zwei Eroten die im Laufschema mit
aufgebogenen Flügeln und kranzhaltend ge.
bildet sind, auf einer archaischen Vase etru-
skischer oder campanischer Fabrik Arcli. Ztg.
1883, S. 307. Bereits fliegend, mit geschlos-
senen Beinen, in der Mehrzahl, Kranz und Zweig
haltend, auf einer Schale im Louvre von der
hard. etr. Sp. 1, 120), wo die Fufsflügel aus 50 Gattung der Arkesilasschale , die jedoch nicht
der Vorliebe archaischer Kunst für reichliche vor 470 — 460 fallen wird {Arcli. Ztg. 1881,
Beflügelung zu erklären sind; wahrscheinlich S. 218, 10 C); die Eroten schweben hier mit
stellt sogar die schöne, sicher altgriechische Sirenen abwechselnd über Männern beim Sym-
Bronze in Berlin nr. 2172 ( Panofka , cah. Tour - posion und mögen den Inhalt ihrer Lieder an-
tales pl. 40) mit vier Rücken- und zwei Fufs- deuten. — Ein Terrakottarelief aus Aigina
Hügeln Eros dar. Mit Aphrodite vereint er- der Gattung der sog. melischen ( Mon . d. Inst.
scheinen Eroten in der Mehrzahl, die ja schon 1, 18; Denlcm. a. K. 1, 53) zeigt Aphrodite —
Pindar kennt, in dem Typus eines Spiegel- denn dafs die Göttin so zu benennen, ist wohl
Ständers von dem wir zahlreiche Repliken be- kaum zu bezweifeln — als Herrin über die
sitzen (mehrere genannt in der Arcli. Ztg. 1879, 60 Tierwelt wie Artemis, mit einem Rehkalb auf ?
S. 99. 204; Abbild, ebd. Taf. 12; Auctions- dem Arme und auf einem Wagen mit Greifen-
Icatalog Gastellani 1884, pl. 6; Greau 1885, gespann, das Eros lenkt, der hier ein kurzes
pl. 12), die meist auf die Zeit um die Mitte Röckchen trägt. Ein Terrakottarelief aus Unter-
des 5. Jahrh. liinweisen; doch ist mir auch italien, wohl der Zeit um 450 — 440 angehörig,
ein Exemplar von noch älterem, strengerem vorstehend abgebildet nach Annali dell' Inst.
Stile bekannt: Aphrodite steht mit Blume, 1867, D, zeigt Hermes und Aphrodite sich
Apfel, Taube oder Spiegel und wird von zwei gegenüber in feierlicher Haltung wie Götter-
fliegenden Eroten umgeben, deren Haltung bilder, auf dem Arme der letzteren Eros mit
1353 Eros (in d. arcli. Kunst)
Eros (in d. arch. Kunst)
1354
die Leier spielt, begünstigt auch das musische
Treiben der Jünglinge (vgl. über die Vereini-
gung des Musischen und Erotischen bei der
Jugend Plato rep. 3, p. 403). Häufig vertritt
er den Liebenden, bringt Geschenke, ja er ver-
folgt den Jüngling; bei letzterer Handlung
kommt es gar vor, dafs er eine Peitsche
schwingt (Panofka, Eigennamen mit ncdo g Taf.
4, 9; Brit. Mus. C. S. 622), ein Symbol für
Kraft der Liebe das an Anakreons Bild
vom Schmied und seinen Schlägen er-
innert. — Von kleinen Statuetten des
strengen Stiles ist zu nennen : eine
Bronze in Berlin ( Friederichs
715d), wahrscheinlich Krönung
der Leier; es ist offenbar ein Votiv-Pinax (mit
Löchern zum Aufhängen), der sich auf einen
Kult bezieht, in dem mit Hermes und Aphro-
dite zusammen auch Eros verehrt ward; die
Stellung, in der hier Eros gebildet ist, ent-
sprach gewifs der des Kultbildes; zu der Weise,
wie hier der begleitende Dämon auf dem Arme
der Hauptgottheit steht, vergleiche man den
Apollon von Kaulonia (oben S. 453). Das Ge-
rät vor Aphrodite ist ein Tliymiaterion, das io die
in ihrem Kulte ja besonders üblich war. —
Auf den attischen Vasen erscheint Eros erst
in dem letzten Stadium der schwarzfigurigen
Malerei, die der ältesten rotfigurigen gleich-
zeitig ist, also c. 470 — 460; von Bedeutung
unter den schwarzfigurigen ist nur AnnalidelV
Inst. 1876, A, wo Zeus, von Eros mit einem
Stabe ( %ivxqov ) angetrieben, den Ganymed
raubt; Eros trägt,
wie auf dem Relief
aus Aigina, einen
kurzen Rock ; er
hat Stiefel , die,
wenn es auch der
Ausführende nicht
ganz deutlich ge-
macht hat, doch in
seinem älteren Originale jedenfalls Flügel-
stiefel waren, die wir an Eros schon ander-
wärts bemerkt haben ; dieselben Stiefel
trägt er auch in dem schönen beistehend
egebenen rotfigurigen attischen Bilde
(nach Benndorf , griech. u. sicil. Vasenb.
Taf. 48, 2), wo er die Leier spielt; sein
Schweben ist noch sehr ungeschickt. Sonst
ist im streng-rotfigurigen Stile von beson-
derer Bedeutung Mon. dell' Inst. 1 , 8, wo
als Gegenseite zu Odysseus mit den Sire-
nen, deren eine Himeropa heifst, drei
Eroten über das Meer fliegend, von denen
einem "ipsQog beigeschrieben ist, was das
Sehnen des Odysseus schärfer bezeichnet als
Eros; den Eros der anderen Pothos zu nennen,
haben wir durchaus kein Recht; der Maler
schrieb beiden nur nodos bei, da "Epcos bei-
zuschreiben nicht nötig war; sie tragen Tänie,
Zweig und Kranz. Auf der Aufsenseite einer
Schale, die innen Europe auf dem Stiere zeigt,
chwebt Eros mit Leier und Schale, Jahn,
Entführ, d. Eur. Tf. 7. Die vier Eroten, die 50
Aphrodite in dem Parisurteil des Hieron urn-
schweben ( Wiener V orlegeblätter Ser. A, 5; Over-
beck, Gallerie Tf. 10, 4), gehen auf ein älteres
Vorbild zurück, auf das wir durch die oben
genannte etruskische Vase schliefsen können.
Die bei weitem häufigste Verwendung innerhalb
ler streng rotfigurigen attischen Vasen findet
ber Eros in den Scenen des Umgangs der Eplie-
>en und Männer (vgl. Gerhard, auserl. Vasenb.
’f. 287 — 289 ; mehr Nachweise bei Furtwängler, 60 strengem Stile: kurze Haare; rechtes Stand
Uros in d. Vasenmalerei S. 16); es ist der ncu8i- bein, die Linke gesenkt, die Rechte mit einem
Eros, von einer attischen Vase ( Benndorf , griech.
Vasenbilder 48, 2; vgl. S. 1353, 30fi.).
eines etruskischen
Arm eingestützt ,
rechtes Standbein;
Kandelabers : der rechte
die Linke vorgestreckt,
die Flügel etwas aufge-
bogen. Ferner eine 0,245 hohe Terrakotta
aus Griechenland in Berlin (nr. 6308) von
dstpcog, der damals in Athen das gesellige Leben
eherrschte. Mit Frauen macht sich Eros in
ieser Periode noch gar nichts zu schaffen.
Inter Jünglingen und Männern verweilt er gern;
och niemals findet man ihn bei eigentlich
äderastischen Scenen ; immer vertritt er die
die Seite des Erastenwesens. Er, der selbst
Alabastron , das er auch auf Vasen häufig
trägt, vorgestreckt. Von grofser statuarischer
Kunst ist wenigstens ein Werk strengen Stiles
aus der Mitte des 5. Jahrh. in Kopieen nach-
zuweisen, einem Torso aus Sparta (Arcli. Ztg.
1878, Tf. 16, 2) mit Flügeleinsatzlöchern und
einer Statue in Petersburg (beistehend nach
Eros (in d. Kunst d. 5. Jahrh.) 1356
1355 Eros (in d. Kunst d. 5. Jahrli.)
Gonze, Beiträge Tf. 9, 1), an der freilich letztere
fehlen; doch ist das spartanische Exemplar als
das weit bessere hierin mafsgebend; auch palst
der Kopf mit langem lockigem Haare sehr gut
zu Eros. Vermutlich stand auch das ursprüng-
liche Original in Sparta, wo Eros ja verehrt
ward; wahrscheinlich war es neben einer
grofsen Aphroditefigur geweiht, zu welcher
Eros’ Blick emporgerichtet war.
Statue in Petersburg ( Conze , Beitr. 9, 1; vgl. S. 1354, 63 ff.).
b) Zweite Hälfte des fünften Jahr-
hunderts.
Am Parthenon erscheint Eros auf einer
Metope , von Aphrodite gesandt auf Menelaos
zuschwebend ( Michaelis Parthenon Tf. 4, 24.
25); ganz ebenso auf der Vase Mus. Greg. 2,
5, 5a; Overbeclc, Gallerie 26, 12; wahrschein-
lich gehen Vase und Metope auf ein Wand-
gemälde zurück. Im Parthenonfriese steht Eros
als Mellephebe gebildet neben Aphrodite und
hält einen Sonnenschirm als weichlicher zarter
Gott, doch hat er kurze Haare ( Michaelis Tf.
14, 42); den Eros den man früher im West-
giebel des Parthenon sah, hat Löschcke, Bor-
pater Programm 1884 beseitigt. Ähnlich wie
am Parthenon steht er zwischen Aphrodite
und Peitho am Friese des Athena-Niketempels
(Ross-Schaubert Tf. 11, A). An der Basis des
Zeusbildes in Olympia von Pheidias befand sich
Eros sk d'ahxGarjg AcpQodiTrjv dviovaav vno-
Ss%6gsvog Paus. 5, 11, 8); ein kleines vergol-
detes Silbermedaillon aus Galaxidi im Louvre
40 (beistehend nach Gaz. arch. 1879, pl. 19, 2),
das offenbar noch aus dem Ende des 5. Jahrh.
stammt, entspricht dieser Beschreibung so ge-
nau und zeigt eine so überaus schöne und
originelle Komposition, dafs es nicht unwahr-
scheinlich ist, sie auf Pheidias zurückzuführen;
die Göttin ist durch die linksläufige Inschrift
TIBOPfiA bezeichnet; Eros hat das Haar wie
ein Mädchen auf dem Scheitel zusammengebun-
den. — Alkibiades trug als Wappen in seinem
20 Schilde einen Eros der den Blitz hielt ( Flut .
Ale. 16; Athen. 12, p. 534 e), ein neuer und
kühner Einfall des Alkibiades, der übrigens
an Euripides erinnert, der Eros Zeus’ Sohn sein
liefs ; in Rom gab
es in curia Oc-
taviae ( Plin . n.
hist. 36, 28) einen
Eros mit dem
Blitze, der eigent-
30 lieh Alkibiades
sein sollte, ver-
mutlich einst für
Alkibiades gear-
beitet und von
ihm geweiht war.
Einen rosenbe-
kränzten Eros,
dei’im Aphrodite- Eros u. Aphrodite, Silbermedaillon
tempel ZU Athen im Louvre; vgl. S. 1356, 8).
40 geweiht war,
malte Zeuxis ( Scliol . Aristo. Ach. 992). — Eine
Gemme im Brit. Museum , die dem Stile nach
gegen das Ende des 5. Jahrhdts. gehört (hat
noch sog. etruskischen
Rand; Abdrücke 681),
zeigt Eros wie sonst
Apollo, als Jüngling mit
der Schale über einem
Altar spendend, in der
50 Linken einen langen
stabförmigen Zweig hal-
tend. Ferner gehört auch
die beistehend (leider
auch nicht ganz genü-
gend ; namentlich ist der Kopf nicht genau) ab-
gebildete Gemme des Phrygillos ans Ende des
5. Jahrh. ; ich habe anderwärts (in der Festschrift
für Leemans in Leiden) nachgewiesen, dafs man
(s. Brunn , Gesell, d. gr. Künstler 2, S. 422. 626)
60 mit Unrecht den Stein dem von svrakusani-
schen Münzen bekannten Phrygillos (vgl. Weil,
Künstlerinschr. d. sicil. Münzen S. 8) abge-
sprochen hat, und dafs vielmehr der Stil ge-
rade des Kopfes, der mit den Münzen ver-
glichen werden kann , durchaus mit diesen
übereinstimmt und die Inschrift genau die-
selben Züge hat wie dort. Eros hockt als
kleiner Knabe am Boden; den runden Formen
Eros von Pbrygillos
(vergl. S. 1356, 52).
1357 Eros (in d. Kunst d. 5. Jahrh.)
•
und der Haltung nach scheint der Künstler
ein Kind haben darstellen wollen, was ihm
aber, wie denn zu seiner Zeit die Kinderbil-
dung in der Kunst noch ganz unentwickelt war,
nicht gelungen ist; der Kopf ist durchaus
nicht kindlich und zeigt auch am meisten
strenge Stilelemente (die Haaranordnung , das
noch nicht ganz ins Profil gestellte Auge);
hinter ihm ist eine offene Muschel gebildet;
obwohl sie im Verhältnis zu klein ist (als
blofses Beiwerk wäre sie aber zu grofs), scheint
der Künstler den Eros eben aus der Muschel
hervorgegangen zu denken. Eine attische
Bleimarke wohl des 4. Jahrh. (Bull, de corr.
hell. 1884, pl. 5, 164) zeigt deutlich den Eros
aus einer sich öffnenden Kammmuschel empor-
kommen; der Cameo Wieseler JDenkm. a. K.
2, 642, den man gewöhnlich so erklärt, stellt
dagegen ein Kind in einer Muschel dar. Ver-
mutlich wurde die Muschelgeburt des Eros
nach der der Aphrodite von den Künstlern er-
funden; auch ward Eros, oder wurden Eroten
der aus der Muschel steigenden Göttin so bei-
gegeben, dafs sie mit aus derselben geboren
zu werden schienen (Stephani compte r. 1870/71,
S. 64. 133). Hier sei auch gleich die verein-
zelte und späterer Zeit angehörige Gemme
genannt, die Eros aus einem Ei hervorgehen
läfst, im Anschlufs an die orphischen Vor-
stellungen (Wieseler, Denkm. a. K. 2, 628). —
Noch ins 5. Jahrh. wegen des etwas strengen
Stiles geht endlich ein Votivrelief von Terra-
kotta zurück, das in Italien gefunden ward
(Gerhard, ant. Bildw. 75; ges. akad. Abh. Tf.
56, 2, jetzt im Louvre aus der Sammlung Cam-
pana nr. 349); es zeigt Eros mit einer Kanue
in der Rechten und einer Tänie (nicht Fackel !)
in der Linken; er steht neben einem heiligen
Tisch, auf dem ein weibliches Idol mit Mohn
und Fackel steht; unten ein Hahn, daneben
Frucht- und Ährenkorb; also Eros als Diener
einer chthonischen Göttin mit den Attributen
der Persephone; wir erinnern uns des Eros in
den Hymnen der Lykomiden; es wird hier in-
des wohl die chthonische Aphrodite gemeint
sein (Venus Libitina der Römer), deren Kult ja in
Italien besonders verbreitet war; das Relief, das
als Votiv dem Kultus angehört, ist das älteste
Zeugnis für die Beziehung des Eros zu Todes-
gottheiten, und zeigt uns, aus welchem Keime
der später so gewöhnliche sepulkrale Eros ent-
stehen konnte. — ■ Die attischen Vasen des
älteren schönen Stiles des 5. Jahrh. zeigen Eros
häufiger in Scenen der Sage; z. B. Man. d.
Inst. 1, 10, 11 bei Erichthonios1 Geburt; Ger-
hard ant. Bildw. 34 schmückt er Helenas Fufs;
Laborde vases Lamb. 1, 25 bei Amymones
Verfolgung; Overbeck , Atlas z. Kunstmyth. 7, 19
bei der des Ganymed; Luynes descr. des vases
29, bei Dionysos, der Äriadne (?) verfolgt; vgl.
Mus. Blacaspl. 21. Auf dem herrlichen Krater
von S.Martino, jetzt in Palermo, der gegen 400
zu setzen ist (Gerhard ant. Bildiv. 59) und wo
es sich um die Vereinigung von Dionysos und
Äriadne zu handeln scheint, lenkt er einen
von Rehen gezogenen Wagen (der Ariadne?
vgl. meinen Eros in der Vasenm. S. 36), wäh-
rend ein zweiter Eros sich die Stiefel schnürt.
Eros (in d. Kunst d. 4. Jahrh.) 1358
Um diese Zeit beginnt auch das Einflechten
des Eros in den bakchischen Kreis. In den
Scenen des menschlichen Lebens treten an
Stelle des Jünglings mit Eros die Frauen und
Eros, der ihnen Schönheit verleiht, mit ihnen
spielt, den Liebenden vertritt und sie verfolgt,
sie bekränzt u. s. w. ; selbst in die feierlichen
Hochzeitsscenen der Grabvasen mischt er sich
(Arch. Ztg. 1882, Tf. 5). — Eros bei Aphro-
dite auf Münzen von Eryx vom Ende des
5. Jahrh. s. Sallets Numismat. Ztschr. 8, Tf.
1, 1. 3.
c) Das vierte Jahrhundert hat eine
Fülle der schönsten Darstellungen des Eros
geschaffen , besonders in seiner ersten Hälfte.
Die neue Richtung der Kunst auf den Aus-
druck des Inneren, des Seelenlebens liefs ein
Wesen wie Eros, den Repräsentanten eines
Gefühls, in den Vordergrund des künstlerischen
Interesses treten. Dazu kam die zunehmende
Verehrung weicher Frauenliebe und Schönheit,
deren Vertreter wiederum Eros war. Eros
wurde Lieblingsgegenstand der gröfsten Künst-
ler; Am berühmtesten waren die Statuen des
Praxiteles, von denen wir indes sehr wenig
Sicheres wissen*). Wir kennen nur das Motiv
der Statue in Parion (Plin. nat. hist. 36, 23;
das Epigramm Anthol. Plan. 4, 207 hat gar
keinen Bezug auf diese Statue ; wenn über-
haupt eine wirkliche Statue ihm zu gründe liegt,
so war es ein spätes pantheistisches Werk in
der Art, wie Wieseler, I). a. K. 2, 644), und
zwar durch die Münzen Parions in römischer
Zeit; gute Abbildungen derselben bei Percy
Gardner im Journal ofhell. stad. 1883, p. 270; ein
Exemplar (des Severus Alexander) beistehend;
der Typus ist von Bursian, der zuerst auf
die Münzen hinwies, und auch
noch von Gardner mifsverstan- /GA V?-\
den worden; wie eine genaue M' 3*
Betrachtung zeigt, lehnt sich /<y- JA «dl
nämlich Eros hier mit dem (<g) • ll I YÄ/J
linken Arme auf einen Pfeiler .JM/J
(der fälschlich für eine Chla-
mys angesehen wurde; er ist
in der That nudus wie Pli- Münze von Parion.
nius sagt; neben dem Pfeiler
erscheint das untere Ende des Flügels); die
rechte Hand scheint leer; der Pfeil, den Imhoof -
Blumer, monn. gr. 256, 139 auf einem Exemplar
in der Rechten zu sehen glaubt, ist unsicher;
das rechte Bein ist Standbein; der Blick geht
nach seiner Linken , wobei auf den Münzen
wahrscheinlich aus einer halben Wendung
eine ganze geworden ist; unten steht eine
kleine Herme, die vielleicht ein altes Idol des
Eros ist (vgL aber Gardner p. 270, 1). Das
Motiv mit aufgestütztem linken Arme war
bekanntlich ein in der Praxitelischen Kunst
besonders beliebtes. Die von Percy Gardner
*) Während der Korrektur erhalte ich das zweite
Heft der Arch. Ztg. 1885, wo S. 81 ff. P. Wolters die Eros-
statuen des Praxiteles bespricht. Den Münztypus von
Parion beschreibt er zwar richtiger als seine Vorgänger,
erkennt jedoch die Hauptsache, den Pfeiler nicht. Unsere
Abbildung ist seinem Aufsatze entlehnt, der im übrigen
nichts bringt, was mich an dem. oben Gesagten zu ändern
veranlafste.
10
20
30
40
50
60
1359 Eros (in d. Kunst d. 4. Jahrh.)
Eros (in d. Kunst d. 4. Jalirh.) 1360
a. a. 0. auf diese Statue zurückgeführten zwei
kleinasiatischen Terrakotten, von denen die
mit dem Fruchtschurz, Fröhner, terres c. d’Asie
min. pl. 32 das ursprüngliche Motiv giebt,
haben natürlich nichts mit Praxiteles’ Werk
zu tliun. Dagegen zeigt ein griechisches Spiegel-
deckelrelief (Gas. archeot. 1880, pl. 9 , 2) aus
Apfelzweig mit geknoteten Binden daran. —
Das Motiv des Eros des Praxiteles den Pliryne
im Tempel zu Tliespiai weihte , und der des
gröfsteu Ruhmes genofs, kennen wir leider gar
nicht. Ein Epigramm das man gewöhnlich
auf ihn bezieht, stand vielmehr aut der Basis
einer Erosstatue im Theater von Athen (Athen.
13 p. 591a); wie das Epigramm nicht von
Praxiteles sein kann, so wird auch die Statue
io eine Kopie gewesen sein, ob aber wirklich des
thespischen Eros, ist ungewifs; für das Motiv
läfst sich nichts aus demselben entnehmen
[vgl. die Erklärung des Epigramms von Wolters,
Arch. Ztg. 1885, S. 88]. — Eine Beschreibung
von Kallistratos incpQ. 3 läfst uns trotz allen
Bros in Neapel (nach Photographie; vgl. S. 1361, 57).
Erostorso vom Palatin (nach Photographie ;
vgl. S. 1361, 22).
Korinth den Eros dem von Parion sehr ähn-
lich; er stützt den linken Arm auf eine Säule,
der Kopf ist nach seiner Linken gewandt, die
Rechte leer. Ferner ist eine Gemme den Mün-
zen von Parion sehr ähnlich (Cades, Am. 55) :
Eros steht genau ebenso da, auf einen Pfeiler
gelehnt; nur geht die Richtung des Kopfes
geradeaus und die rechte Hand trägt einen
rhetorischen Schwulstes das Motiv einer Eros-
statue des Praxiteles deutlich erkennen, das
ebenso eigentümlich ist als es zu Praxiteles
passend erscheint [ Wolters S. 93 ff. spricht der
Beschreibung allen Wert ab]. Michaelis hat
einen Torso nachgewiesen, welcher jener Be-
schreibung entspricht und auch in den Körper-
formen Praxitelischer Art zu sein scheint (Arch.
1361 Eros (in d. Kunst d. 4. Jahrh.)
Eros (in d. Kunst d. 4. Jalirh.) 1362
Ztg. 1879, Taf. 14, 6; S. 175); auf dem rechten
Beine stehend (der Rhetor giebt irrtümlich
den Schwerpunkt auf der linken Seite an;
verbessert man aber diesen einen so leicht
zu machenden Fehler , so ist alles in Ord-
nung), hatte er die rechte Hand ruhend über
den Kopf gelegt; also genau dasselbe Motiv,
das wir oben (S. 460 f.) an einem Praxitelischen
Apollo gefunden haben; wie bei letzterem war
der Blick etwas zu seiner Linken und auf-
wärts gerichtet; mit dem linken Arm aber
hob er hoch in die Luft den Bogen. Es ist
von Interesse hier den Bogen für Praxiteles,
freilich nicht mit wünschenswerter Sicherheit,
bezeugt zu sehen, da derselbe als Attribut des
Eros erst seit Anfang des 4. Jahrh. in der
Kunst erscheint und zwar zunächst nur ver-
einzelt. — Wenn wir im gesamten Vorräte
des Erhaltenen nach Statuen suchen, die auf
die Erosbildungen des Praxiteles zurückgehen
könnten, so steht meiner Ansicht nach ein
Torso vom Palatin in erster Linie; er befindet
sich jetzt, stark und schlecht (von Steinhäuser)
ergänzt, imLouvre ( Fröhner , not. p.311 nr.325);
eine Skizze der antiken Teile nach einer
Photographie S. 1360; eine auf meine Ver-
anlassung hergestellte gute Abbildung soll
demnächst in den Publikationen des archäol.
Institutes erscheinen. Ganz erhalten mufs die
Figur von einziger Schönheit gewesen sein.
Sofort fällt die grofse Ähnlichkeit mit dem in
zahlreichen Repliken erhaltenen und als Praxi-
telisch kaum zu bezweifelnden eingiefsenden
Satyr auf; ihn jedoch ebenfalls eingiefsend zu
denken (Eros mit Schale und Kanne ist sehr
häufig gerade in Werken des 4. u. 3. Jalirh.;
vgl. Stephani, compte-rendu 1873, 146 ff.) ver-
bietet vor allem die Richtung des Kopfes, die
etwas nach seiner Rechten geht; auch auf den
Kopf gelegt war der rechte Arm schwerlich;
der linke Unterarmansatz zeigt , dafs die
innere Handfläche nach oben sah, also hielt
sie keine Fackel; es bleibt wohl nur übrig
über der linken Hand eine herabfallende Tänie,
und in der erhobenen Rechten einen Kranz zu
denken, die beiden Hauptattribute des Eros
noch zu Praxiteles’ Zeit; Bogen und Köcher
am Stamm mögen Zuthat des Kopisten sein.
Der Kopf war kurz gelockt. Die Formen sind
von köstlicher Zartheit und Schönheit; eine
weiche fettige Epidermis umhüllt das Ganze.
— Der berühmte Torso von Centocelle ( D . a.
K. 1, 144) hat indes nichts mit Praxiteles
zu thun; über seine Repliken und die Art,
wie er zu ergänzen sei , siehe meine Ausfüh-
rungen im Bull, dell’ Inst. 1877, p. 151 ff. ;
S. 1359 eine Abbildung (nach Photographie)
der besten Wiederholung, der in Neapel (be-
sonders im Kopfe besser als der Vatikanische
Torso); die Linke hielt den Bogen, die Rechte
senkte eine kurze Fackel. Die Replik, die
einen Altar unter die Fackel stellt, giebt dem
Eros sepulkrale Bedeutung, indem er so zum
Tode weiht. Dies ist eine römische Umgestal-
tung, die wir bei den besseren Hauptexemplaren
nicht vorauszusetzen haben , bei denen die
Fackel nur Attribut des Eros ist; auf einer
Münze von Aphrodisias (römischer Zeit; Av.
Eros auf e. Medaillon v. Perga-
mon; vgl. S. 1362, 17.
mit Kopf der f squ ßovbj) erscheint er ähnlich
mit Bogen in der Linken und gezückter Fackel
in der Rechten. Das schöne griechische Ori-
ginal, das den Sta-
tuen zu Grunde liegt,
gehört übrigens mei-
ner Ansicht nach
nicht der attischen,
sondern der pelo-
10 ponnesischen Schule
des 4. Jahrhdts. an.
— Ein Motiv von
Praxitelischem Cha-
rakter zeigt dagegen
der gewifs einer Sta-
tue nachgebildete
Eros eines Medail-
lons des Commodus
von Pergamon ( Sal -
20 lets numisrn. Zeitschi'. 8, Taf. 1 , 17 und bei-
stehend) ; der rechte Arm ruht auf dem
Kopfe, der linke ist aufgestützt. Auch das
eine Statue nachbildende Stuckrelief von Pom-
peji Mus. Borbon. 2 , 53 geht gewifs auf
ein Original des des 4. Jahrh. zurück: Eros
steht ruhig, die Linke auf den grofsen Bogen
gestützt, in der gesenkten Rechten den Pfeil.
Das Gleiche gilt von einer in einem pompeja-
nischen Gemälde nachgebildeten Statue ( Zahn
30 1 , 99 oben) , die mit der Rechten die Chla-
mys hinten emporzieht, in der Linken den
Bogen hält.
Eine bedeutende Komposition, die uns in
mehreren Repliken erhalten ist, ist der Bogen-
spanner (umstehend das Berliner Exemplar) :
Eros, als Knabe, steht auf dem linken Bein,
doch so dafs ein Teil der Last auch auf dem
rechten Fufsballen ruht, und sucht das Ende
der Sehne an das obere Bogenende zu be-
4.0 festigen (das untere Bogenende war am Ori-
ginal hinten am Schenkel eingestemmt); die
Bewegung ist von schönem Rhythmus; das
schwankende Stehen auf beiden Fiifsen erin-
nert sehr an den Apoxyomenos des Lysipp ;
die Formen besonders der Brust erscheinen
ebenfalls Lysipp verwandt. Der Kopf neigt
zum Ausdruck des Kindlich-knabenhaften und
zeigt übrigens in keiner mir bekannten Replik
etwas von tieferem geistigem Leben. Der
50 Praxitelischen Richtung ist die Statue jeden-
falls fremd; dagegen könnte sie sehr wohl
auf Lysippos, von dem ein Erzbild des Eros
in Thespiai geweiht war {Paus. 9, 27, 3), zu-
rückgehen , wie schon Visconti vermutete.
Ganz verfehlt ist die Idee von Friederichs
( Amor mit dem Bogen des Herkules 1867 ; ihm
folgt Wolters, Berliner Gipsabgüsse 15821, der
meint, Eros versuche hier den Bogen des Hera-
kles zu spannen, während der Bogen doch durch -
oo aus im richtigen Verhältnis zu Eros steht und
die Statue in Gemmen kopiert erscheint (z. B.
Cades 13 B, 30), wo kein Zweifel darüber sein
kann; wenn einige Kopisten das Löwenfell auf
den Stamm zur Seite legen, so weifs jeder, der
Kopistenbrauch kennt, wie wenig das zu be-
deuten hat ; übrigens hat auch der Kopist, der
das Fell beigab, keineswegs an den Bogen des
Herakles gedacht; ein Attribut des Herakles,
1363 Eros (in d. Kunst d. 4. Jahrh.)
dem Eros als seinem Überwinder beigegeben,
war in der Spätzeit etwas sehr beliebtes.
Aus der grofsen Menge sonstiger Denkmäler
des 4. Jahrh. sei nur weniges hervorgehoben.
Zunächst ist zu konstatieren, dals, wie schon
bemerkt, der Bogen im 4. Jahrh. als Attribut
aufkommt, jedoch zunächst noch ziemlich selten
ist. Die attischen Vasen, auf denen Eros jetzt
eine Hauptfigur ist, zeigen ihn doch so gut wie
nie; nur im Gigantenkampfe schiefst Eros mit
dem Bogen von den Rossen des Wagens der
Aphrodite und des Ares auf der schönen atti-
schen Vase Man. grecs pour Vencour. 1875, 2.
Sonst sind es nur unteritalische Vasen vom
Ende des 4. und dem 3. Jahrh., die Eros mit
dem Bogen zeigen (vgl. meinen Eros in der
Vasenm. S. 71). Dagegen gehört ins 4. Jahrh.
das vorzügliche griechische Bronzerelief Mon.
dell’ Inst. 6, 47, 6: Eros neben Aphrodite
den Bogen abschiefsend ; wohl auch das
’Aqx- scpgy. 1884, p. 79, 3 erwähnte Spiegel-
relief und die kleinen Bleimarken ebda. mv.
Eros (in d. Kunst d. 4. Jahrh.) 1364
1 , 35. 36. Bruttische Münze aus dem Ende
des 4. Jahrh. mit bogenschiefsendem Eros
s. Brit. Mus. , catal. Italy p. 319. Aus dem
4. Jahrh. stammen dem Stile nach auch die
zwei Gemmen bei Codes 13 , B , 23 (bogen-
schiefsend) und 29 (sitzend , den Bogen span-
nend). Pausias malte Eros mit der Leier;
ßsXri v.ul rö^ov äcpsmcog ist wohl der Zusatz
des Pausanias (2, 27, 3), dem das Fehlen der
gewöhnlichen Attribute auffiel. Mit der Leier
auf einer Blüte sitzend zeigt ihn eine vor-
zügliche Terrakotta des 4. Jahrh. in Berlin
(nr. 7606). Mehrere Terrakotten dieser Periode
aus Cypern in Berlin zeigen Eros mit dem
Zauberrädchen, (über welches s. Jalm, Berichte
d. sächs. Ges. 1854, 256), ebenso wie eine
Gemme vom Anfang des 4. Jahrh. Compte-
rendu 1865, pl. 3, 25, und Vasen, z. B. ebda.
1862, 1, 1 attisch; 1863, 5, 2 apulisch. Eine
prachtvolle Terrakottagruppe aus Kyrene im
Louvre ( Heuzey fig. au Louvre pl. 41, 1) giebt
dem neben Aphrodite stehenden Erosjüngling
den Kalathos auf den Kopf, den sonst Aphro-
dite selbst trägt wie in der cyprischen Statue
vom Anfang des 4. Jahrh. bei Cesnola, Cypr.
ant. 1, 107, wo sie den kleinen Eros auf dem
linken Arme trägt. So schwankt die Bildung
des Eros neben Aphrodite zwischen dem gleich-
berechtigten Gott und dem kleinen Sohne. —
Ein Hauptattribut des späteren Eros, die
Fackel, läfst sich im 4. Jahrh. noch kaum
nachweisen (auf einer Vase strengen Stils in
Neapelträgt Eros nicht, wie Heydemann., Bacc.
Cum. 164 angiebt, die Fackel, sondern die
zweifellos deutliche Doppelflöte) ; wohl als
Hochzeitsfackeln trägt er sie über Paris und
Helena auf der attischen Vase Compte-rendu
1861, pl. 5, 2; sonst lassen sich nur unter-
italische Vasen des 3. und 2. Jahrh. nennen,
wo die Fackel meist dem Eros in bakchischem
Kreise gegeben wird (s. meinen Eros in der
Vasenm. S. 71). Das Motiv eines Münzbildes
römischer Zeit von Aphrodisias, wo der Jüng-
ling Eros mit beiden Händen die Fackel trägt,
wie an der Chablaisherme ( Gerhard , antike
Bildw. 41), scheint indes auf gute Zeit zurück-
zugehen. — Mit Dionysos und seinem Kreise
ward Eros im 4. Jahrh. sehr eng verbunden; von
Thymilos gab es in einem Tempel nahe der
Tripodenstrafse zu Athen die Gruppe von Eros
und Dionysos (Paus. 1, 20, 2). Auf Vasen ist
Eros überaus häufig als Begleiter und Diener
des Dionysos, ja auch als Aufreger bakchischer
Lust (s. meinen Eros in d. Vasenm. S. 39 ff.). —
Über einige andere voralexandrinische Reliefs
vergl. meinen Eros S. 86 f. — Skopas bildete
Eros Himeros und Potlios für den Aphrodite-
tempel zu Megara (Paus. 1, 43, 6); er wird
wohl , dem oben angegebenen Bedeutungs-
unterschiede folgend, eine Charakteristik von
innen versucht haben, eine lohnende Aufgabe
für einen Künstler wie Skopas. Typische Be-
deutung scheint seine Schöpfung aber nie er-
reicht zu haben. Die Vasen schreiben ihren
Eroten zuweilen jene drei Namen bei und t
charakterisieren sie auch zuweilen durch die
Art ihrer Handlung , s. meinen Eros in der
Vasenm. S. 22 f.
io
20
30
40
50
60
1365 Eros (heilenist. u. röm. Kunst u. Poesie)
4. Eros in der Poesie und Kunst der helle-
nistischen und römischen Periode.
Ein grofser Umschwung geht mit Eros in
der hellenistischen Periode vor sich. Während
bisher das begriffliche Wesen des Eros bei
weitem das vorherrschende war, alle ihm zu-
geschriebenen Handlungen direkt aus seinem
Begriffe als Liebesgott abgeleitet waren und,
um sein Wesen und Wirken auszudrücken,
Poesie wie Kunst sich ihre eigenen Symbole
geschaffen hatten, so steht jetzt das persön-
liche Wesen im Vordergrund und hat sich von
dem begrifflichen fast ganz unabhängig ge-
macht; an Stelle der symbolischen treten per-
sönliche, menschliche Handlungen jeder Art.
Diese neue Persönlichkeit ist aber nicht die
eines edeln Jünglings wie vordem, sondern die
des losen Knaben, ja des mutwilligen Kindes.
Seine ständigen Attribute sind nunmehr der
Bogen und die Fackel in Poesie wie Kunst.
Aus der Poesie sei einiges Bezeichnende an-
geführt. Bei Apollon. Rhod. 3, 111 ff. wird
Eros mit Ganymed in Zeus’ Garten spielend
gefunden; die Scene wird dann ganz mensch-
lich ausgemalt, er wirft das Spielzeug weg,
die Mutter kiifst ihn, er waffnet sich u. s. f.,
alles lebendige äufserliche Handlung, wie sie
kein früherer Dichter bei Eros geschildert hatte.
Vgl. die Scene bei Nonn. Dion. 33, 55ff.; auch
Callimachus hatte Ähnliches gedichtet ( Diltliey ,
de Callim. Cydippa p. 44). Vgl. noch Apollon.
4, 445 (darnach Verg. Aen. 4, 412); 3, 972.
1017. 1077. Bei Theokrit vgl. 7, 117: «a gdloi-
glv ’Eptorss SQSvQ'oysvoLGt.v o/uotot; 15, 120 die
*ca qoi "Epcorsg flattern wie junge Nachtigallen
in den Lauben bei der Adonisfeier; ferner 3,
15 (wozu Verg. ecl. 8, 43); 23, 4; 10, 20; 13,
1; 1, 97; 1, 125 wozu Callim. ep. 41. Bion
schildert das Treiben der gerührten und eifrig
helfenden Eroten um den verwundeten Adonis
(1, 80 ff.)., ganz wie die Pompejanischen Wand-
bilder ; Übereinstimmung von Poesie und Kunst
war jetzt natürlich leichter möglich als ehe-
dem, wo jede ihre eigene Symbolik ausprägte.
Bei Moschos id. 2 fordert Aphrodite auf, den
entlaufenen ungezogenen Buben Eros wieder
einzufangen , der dann so beschrieben wird
dafs die rein persönlich-menschliche Auffassung
recht deutlich wird. Zahlreiche Zeugnisse
dieser Auffassung enthält die Anthologie, wo
Eros, das ffoatn; ncudccgiov, als mächtiger denn
Aphrodite gilt; er lacht über Schmähungen;
er spielt Würfel; der Nichtsnutzige soll ver-
kauft werden u. s. f. (alles dies bei Meleager).
Vielfach schliefsen sich die Epigramme auch
an die so mannigfaltigen Erfindungen der
Kunst an. — Bei den lateinischen Dichtern fin-
den wir dieselbe Auffassung des Eros wie bei
den Alexandrinern. Schon bei Naevius (com.
pall. 55 Ribb.) ist Cupido pusillus ; bei Varro
(sat. menipp. yvcofft asavtov) der parvulus Amor
mit der Fackel. Zwar die älteren Dichter, auch
Catull wissen den persönlichen Amor noch
nicht recht zu handhaben; um so besser versteht
es Ovid, der den Alexandrinern hierin offenbar
sehr nahesteht; so z. B. giebt eine persön-
liche Beleidigung des .Cupido durch Apoll, der
Eros (heilenist. u. röm. Kunst u. Poesie) 1366
über sein Bogenspannen spottet, das Motiv zu
der Liebe zwischen Apoll und Daphne, indem
der erzürnte Gott einen liebeerregenden Pfeil
auf Apoll, einen liebevertreibenden (also auch
solche hat der Liebesgott!) auf Daphne
schiefst (Met. 1, 452 ff.); vgl. ferner Met. 5,
363ff., wo Venus Cupido umarmt und schmei-
chelnd bittet, worauf er den schärfsten Pfeil
nimmt; Am. 1, 2, 23ff. Triumphzug des Cu-
pido. Horaz od. 2, 8, 14 Cupido Pfeile auf
blutigem Wetzstein schärfend. — Diese Art der
Auffassung bleibt nun aber durch die ganze
spätere Litteratur des Altertums die herr-
schende; besonders geschickt verflicht oft
Nonnos, der hellenistischen Originalen bekannt-
lich so vielfach folgt, den Eros in die Hand-
lung (z. B. 16, 1 ff-.; 42, 1 ff. ; 7, 110; 48, 472 f. ;
15, 382; 33, 57 ist Apollonios nachgeahmt).
Reicher und mannigfaltiger noch als in der
Poesie ist die Ausbildung des Eros in der Kunst
nach Alexander. In die handwerkliche
Kleinkunst, um mit dieser zu beginnen, dringt
die neue Auffassung freilich nur langsam und
spät ein; besonders konservativ verhielt sich
die Vasenmalerei; auch die Vasen des Ver-
fallstiles in Unteritalien, die vorwiegend dem
3. Jahrh. angehören, befolgen im wesent-
lichen noch durchaus die alte Tradition; wes-
halb es sehr verfehlt war von Helbig (Unters,
über d. camp. Wandmal.), die Vasen in gleicher-
weise wie die Pompejanischen Bilder zur Re-
konstruktion hellenistischer Werke zu benutzen
(vgl. den Nachweis in meinem Eros in der
Vasenm., besonders S. 81 ff.). Erst die ins
Ende des 3. Jahrh. gehörige letzte Gattung
unteritalischer Vasen, welche die Figuren weifs,
gelb und rot aufmalt, sowie die gleichzeitigen
Reliefgefäfse zeigen den eigentlich hellenisti-
schen Eros, der sich schon äufserlich als
Kind mit kleinen Flügeln sofort kundgiebt.
Auch die zumeist dem 3. Jahrh. angehörigen
etruskischen Spiegel zeigen gewöhnlich noch
den älteren Eros; nur in einer geringen Zahl
läfst sich die neue Auffassung bereits be-
merken (die Nachweise habe ich in den Ann.
d. Inst. 1877, p. 192ff. gegeben). In Griechen-
land selbst sind bereits die Terrakotten des
freien Stiles aus Tanagra, die meist ins 3. Jahrh.
gehören , von der neuen Auffassung beein-
flufst ; besonders reizend sind die kleinen flie-
genden Eroten von dort (Furtwcingler, Samml.
Sabouroff Tf. 124 und die im Text genannten),
die allerlei Dinge, Spielzeug der Jugend, wie
bakchisches Gerät tragen, jedoch noch nicht
etwa in alltäglicher Beschäftigung Erwachsener
gedacht sind , wie dies späterhin geschah.
Besonders reiches Material für die spätere
hellenistische Kunst geben die Pompejanischen
Wandbilder; die älteren Bilder, die des sog.
„dritten“ Stiles, die auch auf relativ ältere Ori-
ginale zurückgehen, behandeln Eros im Sinne
der besten hellenistischen Kunst; dahin gehören
die anmutigen Bilder des Erotenverkaufs (Hel-
bjg 824), der Strafe des Eros (825), des Hera-
kles dem Eroten die Waffen rauben (1137),
Eroten, die Waffen des Ares tragend (744) u. a.
Ferner gehört der bogenschiefsende Eros in
Pompeji immer dem 3. oder 2. Stile an (über
io
20
30
40
50
60
1367 Eros (heilenist. u. röxn. Kunst u. Poesie)
den bogensch. Eros in hellenistischer Poesie
vgl. Bolide , gr. Boman S. 150). Dagegen die
grofse Masse der späteren Bilder verwendet
Eros ganz willkürlich; er füttert den Stier
der Europa (nr. 122), trägt den Wollkord
der Leda fort (149), weint mit Ariadne
(1223ff.), deckt die Gewänder der Liebeshel-
dinnen auf u. s. f. Besonders frei schaltet die
Phantasie mit den unter sich allein spielenden
Eroten; nur ein Teil dieser Erfindungen —
und diese werden die älteren sein — schliefst
sich an mythologische Tradition insofern an,
als Eros z. B. mit speziell aphrodosischen oder
bakchischen Tieren zusammengestellt wird
(Hase, Schwan, Bock, Panther u. a.), sie jagend,
mit ihnen spielend, auf ihnen reitend oder,
indem er vor Aphrodite oder Priapos Kultus-
handlungen verrichtet ( Helbig 770 gehört noch
zum älteren „dritten“ Stil); sehr viele dieser
Bilder aber behandeln die Eroten kaum mehr
als mythologische Figuren und lassen sie jede
Art von Kinderspiel treiben; ja man läfst die
Eroten auch allerlei Handlungen der Erwach-
senen ausführen, Handwerk aller Art, Gladia-
torenkämpfe u. a.; durch die Übertragung auf
eine Erotenwelt giebt man diesen gewöhnlichen
Handlungen einen ganz ungewohnten Reiz.
Diese letztere Art von Bildern erscheint jedoch
nur im letzten Stile von Pompeji und dann
auch auf römischen Sarkophagen , wo auch
Götter und Heroen in Erotengestalt auftreten
(vgl. Stephani, ausruh. Herakles S. 95); diese
Gattung ist indes nicht älter als die Kaiser-
zeit. Eine überaus grofse Fülle von Darstel-
lungen des Eros allein, oder der Eroten unter
sich, geben auch die geschnittenen Steine der
hellenistischen u. römischen Zeit (vgl. die grofse
Abdrucksammlung von Cades Bd. 13 — 15).
Der Kreis von Tieren, mit denen Eros sich
abgiebt und auf ihnen reitet, der schon in der
Vasenmalerei ein grofser ist (auf Vasen: Pferd,
Reh, Hirsch, Delphin, Schwan, Ziege, Hase;
vgl. meinen Eros in der Vasenm. 65), wird
hier sehr vergröfsert; er reitet und fährt mit
Hähnen, spielt mit Bären, reitet auf Kamel;
besonders beliebt war Eros als Bezwinger des
mächtigsten Tieres, auf dem Löwen reitend
(dazu Leier spielend in dem berühmten
Stein des Protarchos, Wieseler, I). a. K. 2,
638). Er spielt mit Masken, besonders bak-
chischen; ein Eros schreckt den andern mit
einer Maske (auch in Reliefs); Eros liest in
Rollen; er spielt Astragalen (schöne Gruppe
Cades 218); sie musizieren; Eroten fahren zu
Schiff; er rüstet sich mit Waffen; als Sieger
trägt er ein Tropäon (ebenso in einer Statue im
Vatikan, gall. dei candelabri 174) ; Wettrennen
und Wettfahren der Eroten ist nicht selten und
namentlich auch auf römischen Reliefs häufig
(Sarkophage z. B . Annäli dell' Inst. 1839, 0, 1;
Mus. Borb. 8, 28; Mus. Bio Clcm. 5, 38 — 41);
Eros opfert vor Aphroditetempelchen oder vor
Priaposherme. Anmutig ist die Erfindung des
Eros als Bittflehenden, der mit dem Zweige
auf dem Altar sitzt ( Cades a. 0. 53). — Eine
bedeutende statuarische Komposition hat
diese ganze Periode nicht mehr geschaffen, so
überaus rege die Produktion auch in dieser
Jl. S. 1368, 13).
terres c. d'Asie min.
Eros (bes. Bildungen u. Gruppen) 1368
Hinsicht war. Die Motive des 4. Jahrh.
wurden verschieden modifiziert, so namentlich“
das besonders beliebte des Bogenspanners (z. B.
Mus. Chiaram. 653; auch in Terrakotten von
Myrina , eine in Berlin , eine Bull, de corr.
hell. 1883, pl. 8). Wie man das Motiv des
ruhigen Anlehnens auch
sonst (z. B. bei Satyrn; s.
Furtivängler , Samml. Sa-
10 bouroff zu Taf. 77) durch
das Kreuzen der Beine
modifizierte, so auch liier;
die beistehende Münze von
Prusa ad 01. (der Crispina)
giebt offenbar eine Statue
wieder ( Sallets num. Ztsch. Eros i>rusa >
8, Tf. 1, 19); vgl. ferner
die Terrakotte bei Fröhner ,
pl. 29. Ein malerisches Motiv, Eros in der Wein-
20 laube, s. Arch. Ztg. 1879, Tf. 13. Eros mit Del-
phin gruppiert ist nicht selten. Manche Motive
von Kinderstatuen (Spiel mit Vögeln) werden
auch auf Eros übertragen; namentlich erschei-
nen oft in Terrakotten dieselben Figuren bald
geflügelt, bald nicht. Ein interessantes Motiv
ist, dafs Eros als Überwinder des kräftigsten
Mannes auch mit den Attributen des Herakles
Löwenfell und Keule, dargestellt wird (Lateran,
Benndorf u. Schöne 409; vgl. Helbig , Wandb.
30 6 0 7); ja auch das Füllhorn wird dazu gesellt;
nicht zu verwechseln sind übrigens die häufi-
gen Darstellungen des Herakles als Knaben,
über welche s. Bull, dell' Inst. 1877, 124 f. —
Das Füllhorn kommt übrigens bei Eros auch
allein vor in Bildern die auf ältere Tradition
zurückzugehen scheinen; so trägt es der auf
der Schulter einer archaistischen Aphrodite mit
der Taube sitzende Eros in einer kleinasiat. Terra-
kotte iuBerlin nr. 7676; Bronze der Samml. Trau
40 in Wien, mit Füllhorn ausschreitend. Münze von
Corduba, Sollet, num. Ztschr. 8, Taf. 1, 20.
5. Einige besondere Bildungen und
Gruppierungen.
1) Eros von seiner Mutter gesäugt
erscheint auf einem geschnittenen Steine, der
noch ans Ende des 5. Jahrh. gehört ( Compte -
rendu 1864, pl. 6, 1; p. 84; die bei Wieseler
50 D. a. K. 2, 296 abgeb. Darstellung ist modern).
2) Die aus dem Kult in der Palästra hervor-
gegangene Figur des Anteros haben wir oben
schon kennen gelernt. Die von Paus. 6, 23, 5 in
Elis gesehene Darstellung beider, wie sie um
den Palmzweig sich streiten, ist uns in einem
römischen Relief erhalten (Braun, ant. Mar-
morreliefs 2, 5b; Mus. Borb. 14, 34), das
Nymphen geweiht ist, wobei man erinnern
kaun, dafs nach Eunap. vit. philos. p. 26 ed.
60 Steph. zwei warme Quellen bei Gadara Eros
und Anteros hiefsen. Die Flügel des einen
sind zum Unterschied etwas aufgebogen; das
letztere ist auch an dem Relief Braun a. a. 0.
2, 5 a der Fall, wo in einer durch eine Herme
angedeuteten Palästra zwei Flügelknaben, die
wir Eros und Anteros nennen dürfen, den
Fackelwettlauf ausführen; das Relief von guter
frischer Arbeit (im Pal. .Colonua) mag* auf ein
1369 Eros (bes. Bildungen u. Gruppen)
attisches Original guter Zeit zurückgehen.
Vielleicht dachte man auch bei der Darstel-
lung zweier ringenden Eroten, die schon im
4. Jahrh. vorkommt (Compte-rendu 1809, pl.
1, 29; Belief aus Metapont Gaz. arch. 1883,
p. 68) ursprünglich an Eros und Anteros.
3) Ein seit hellenistischer Zeit beliebter Vor-
wurf ist der Ringkampf von Eros und Pan;
das älteste Monument ist die Reliefschale des
3. Jahrh. in Berlin ( Vasencatal . Furtw. 2900), i
wo Pan menschliche Beine hat; später ist es
regelmäfsig der bocksbeinige Pan; der Sinn
ist natürlich der Kampf der niederen Triebe
und der edleren Liebe. Die Komposition
scheint von der Kunst frei erfunden zu sein.
4) Ungeflügelte Bildung des Eros ist nir-
gends als beabsichtigt, sondern nur aus Nach-
lässigkeit entstanden und zwar namentlich in
spätrömischer Zeit zu konstatieren, wo man
die Flügel bei bekannten Typen zuweilen 2
auch an Statiren aus Bequemlichkeit weg-
liefs. — Hermaphroditische Bildung hat man
früher mit Unrecht bei Eros zuweilen voraus-
gesetzt.
5) Eine eigentümliche Modifikation hat
der Erosbegriff erhalten in gewissen für die
Gräber bestimmten Bildwerken. : a ) Auf
den unteritalischen, speziell den apulischen
(tarentinischen) Gräbervasen sind sehr häufig
Scenen dargestellt, die offenbar das Treiben 3
und den Zustand der Seligen nach dem Tode
bedeuten; dabei spielt Eros, mit allerlei aphro-
disischen und bakchischen Attributen ausge-
stattet, eine grofse Rolle (s. meinen Eros in d.
Vasenm. S. 61 ff.) und scheint in der allge-
meineren Bedeutung eines beseligenden Dä-
mons verwendet. — Das letztere scheint auch
der Fall mit einer gewissen Gattung schweben-
der , immer jünglingshafter Eroten in Terra-
kotta, besonders aus Megara und aus Myrina, 4
zumeist mit Attributen bakchischen Genusses.
— b) Wenn die ältere griechische Kunst in
Grabmälern zuweilen durch einen kleinen
kauernden und schlafenden Sklaven auf den
Todesschlaf des Verstorbenen anspielte, so be-
nutzte die spätgriechische und römische Kunst
die Figur des Eros dazu. Ein Haupttypus ist
der des matten Eros, der sich auf die unter
seine Achsel gestemmte umgekehrte Fackel
stützt, die Beine kreuzt und den Kopf wie 5
schlafend auf die Schulter fällen läfst; oft
wird ihm noch ein Symposionkranz in die
Hand gegeben, um auf den gehabten Genufs
zu deuten {Bull, dell’ Inst. 1877, 127); vgl. das
Goldplättchen aus der Krim Ant. du Bosph.
12 a, 15; Münzen römischer Zeit von Ajohro-
disias; Terrakotten (von Myrina s. Bull, de
corr. hell. 6, 577), Statuen, wie Chirac 650 B,
1504a; 762, 1861; sehr häufig an römischen
Grabmälern. — c) Verwandt ist der sclila- Ci
fende Eros, der zwar auch ohne allen sepul-
kralen Bezug, als Brunnendekoration z. B. ge-
bildet wurde, der aber, für Gräber verwendet,
den seligen Schlaf des Verstorbenen andeuten
sollte. Er wurde dann zuweilen mit Hyp-
nos identifiziert und bekam kleine Flügel an
den Kopf, in die Hände Mohn; durch einen
Symposionkranz ward auch hier der bak-
Evos (bes. Bildungen u. Gruppen) 1370
chische Genufs angedeutet; ferner wurden
häufig Löwenfell und Keule des Herakles bei-
gegeben, die Eros ja sonst als Überwinder
dieses mächtigsten Heros nicht selten trägt;
wahrscheinlich tritt indes hier noch hinzu die
in römischer Zeit so beliebte Identifikation
des Verstorbenen mit Herakles. Vgl. über
diesen Typus und seine Wandlungen Bull, dell’
Inst. 1877, 121 ff. — d) Auf römischen sepul-
kralen Reliefs erscheint Eros häufig in einem
ursprünglich für Dionysos bestimmten Schema,
trunken, von zwei Genossen gehalten (z. B.
Mus. Pio-Clem. 5, 13); Eros vertritt hier den
Verstorbenen und bezeichnet den Tod als einen
seligen; zuweilen wird auch hier die Iden-
tifikation mit Herakles eingeführt {Benndorf-
Schöne, Lateran nr. 82; vgl. Stephani, ausruh.
Herakles S. 199; Bull, dell’ Inst. 1877, 126). —
e) Auch bei der altherkömmlichen Darstellung
des Verstorbenen auf der Kline wird Eros
verwendet (schon in Terrakotten von Myrina,
Bull, de corr. hell. 6, 578), zuweilen schlafend
{Mus. Pio-Clem. 4, 15); vgl. Clarac, mus. de
sc. pl. 762. 762 A. B. Ja Eros vertritt selbst
den heroisirten Verstorbenen, indem er be-
kränzt und mit der Schale wie jener auf der
Kline liegt (so in spätgriechischen Terrakotten,
z. B. Heuzey fig. ant. du Louvre pl. 52. 3). - —
Auch noch in mannigfacher anderer Art er-
scheinen Eros und Eroten in sepulkralen Wer-
ken römischer Zeit verwandt, zuweilen deut-
lich als beseligende Dämonen, wie Arch. Ztg.
1850, 20, 1. — Die an Grabdenkmälern römi-
scher Zeit so häufigen Darstellungen des glück-
lichen Treibens der Eroten unter sich sollten
auf den im Jenseits erhofften Zustand an-
spielen.
6) Endlich ist die Verbindung von Eros und
Psyche (s. d.) zu besprechen. Es ist meines
Erachtens nicht zu bezweifeln, dafs sie auf die
von Platon in seinen früheren und mehr poe-
tischen Dialogen, namentlich dem Phaidros
ausgebildeten Vorstellungen zurückzuführen
ist. Diese wurden rasch populär, zum wenig-
sten in den gebildeteren Kreisen; sie mufsten
die Kunst zur Darstellung reizen; freilich nicht
das niedere Handwerk der damals schon ver-
fallenden Vasenmalerei, wohl aber die feineren
Künste Die von Eros beherrschte Psyche
ward natürlich am besten als Genossin des
Eros ihm ähnlich gebildet; geflügelt ward sie
ohnedies gedacht, wenigstens schon bei Platon.
So zeigt denn ein Bronzerelief (wahrschein-
lich von einem Spiegel korinthischen Fabri-
kats, dessen Entstehung man kaum später als
gegen das Ende des 4. Jahrh. setzen kann
Arcliäol. Zeitg. 1884, Taf. 1), Psyche mit
Vogelflügeln gleich Eros, züchtig bekleidet,
und Eros neben ihr, der mit zärtlicher Hand
ihr Kinn zu fassen sucht das sie ihm entzieht;
die Gruppe enthält bereits gewisse Grundzüge
die auch später immer fest gehalten wurden,
wie dafs beide auf den äufseren Beinen stehen.
Auch das ganz bekleidete Mädchen mit Vogel-
Hügeln, das, ein Vögelchen in der Hand, ruhig
Eros gegenüber sitzt auf einem korinthischen
Spiegelrelief des 4. Jahrh. {Bull, de corr. hell.
1884 pl. 15), wird man nun Psyche nennen dürfen.
1371 Eros (u. Psyche)
Später bildete man Psyclie mit nacktem Ober-
körper und liefs sie selbst Eros umschlingen;
das Motiv der das Kinn der sich etwas sträu-
benden Psyche fassenden Hand des Eros und
die Vogelflügel beider bleiben; so in der wohl
dem 2. oder 1. Jahrh. vor Chr. angehörigen
kleinasiatischen Terrakotta Sammlung Sabou-
roff Tf. 135. Noch päter veränderte man die
Gruppe dahin dafs man, alles übrige möglichst
belassend, die beiden sich küssen liefs ; diese
Steigerung gefiel der Spätzeit überaus und
ward sehr häufig wiederholt in Reliefs und,
so unplastisch das Motiv war, auch in statua-
rischen Gruppen (Clarac pl . 652. 653. Stephani,
C.-B. 1877, 160ff); aber alle diese Denkmäler
gehören der späteren Kaiserzeit an und nament-
lich die Statuen sind alle von schlechter
später Arbeit; die unbequemen Flügel liefsen
diese späten Kopisten meist weg, wie dies
auch sonst in dieser Zeit mit statuarischen
Eroten geschah (s. o.); natürlich kann daraus
für das Original nichts geschlossen werden. —
Hatte man in dieser Gruppe die ruhige Ver-
einigung der Psyche mit Eros ausgedrückt,
so drängten auch die anderen Beziehungen
beider zum Ausdruck; ein gefälliges Mittel
dazu war die Benutzung des Schmetterlings,
der ipv%ri hiefs, als Symbol der Psyche. Schon
ein Ohrgehänge vom Ende des 4. Jahrh.
( Ant. du Bosph. pl. 7, 8 ; vgl. S. Sabouroff zu
Tf. 135, S. 2, 7) und eine Gemme des 3. Jahrh.
{Stephani, C.-B. 1880, Tf. 3, 9) zeigen Eros
mit einem Schmetterlinge, ihn gefafst haltend
oder haschend. Aber auch Psyche als Mäd-
chen mit Schmetterlingsflügeln besitzen wir
schon in Denkmälern des 3. oder 2. Jahrh., näm-
lich in etlichen Terrakotten aus Myrina, Bull,
de corr. hell. 1885, pl. 4; ja wir finden Eros
selbst zuweilen mit Schmetterlingsflügeln, auf
den man sie von Psyche übertrug; so auf
einer Cista des 3. oder 2. Jahrh. ( Mon . delV
Inst. 10, 45; Annoli 1877, 189) und in klein-
asiatischen Terrakotten derselben Zeit ( Fröhner ,
Auctionscalalog Lecuyer 1883, nr. 116). Die
ältere Gattung der Wandbilder von Pompeji
(sog. dritter Stil), die auf ältere hellenistische
Vorbilder zurückgeht, und wohl als Zeugnis für
die Kunst des 3. Jahrh. benutzt werden
darf, zeigt Psyche öfter; namentlich gehört
das schöne Bild, wo Psyche auf alle Weise
von Eroten gequält wird, Ilelbig nr. 854, ferner
828. 833. 844 hierher; Eros mit Schmetter-
lingsflügeln kommt ebenfalls in dieser Bil-
dergattung vor. Meleagers Epigramme (be-
sonders Antliol. Pal. 12 , 132) , aus denen
allein man freilich nicht mit Notwendigkeit
auf die hier vorliegende Bildung der Psyche
schliefsen kann, stehen jedoch bereits offen-
bar unter dem Einflüsse ähnlicher Kunstdar-
stellungen. Von den zahlreichen Gemmen,
die den Gegenstand behandeln, mögen manche
noch den letzten vorchristl. Jahrhunderten an-
gehören. Auf verschiedenste Art wird ausge-
drückt, wie Psyche, sei es als Schmetterling
oder als schmetterlingsbeflügeltes Mädchen
gebildet, von Eros gefangen und gequält wird
(er sengt den Schmetterling an der Fackel,
er reifst Psyche an den Haaren, er fesselt sie).
Erymanthischer Eber 1372
Doch bildete man auch Psyche als Überwin-
derin und Eros als den gefesselten (0. Jahn,
in d. Ber. d. sächs. Ges. 1851, 153); und mit
dem gefesselten hat Psyche dann wieder Mit-
leid, wie in der Marmorgruppe Arch. Ztg. 1884,
S. 20, etwa aus der Zeit um Chr. Geburt. —
Erst auf den Pompejanischen Bildern des letz-
ten Stiles erscheinen Eroten mit Psychen in
allerlei Spielen, auch musizierend, Blumen
flechtend u. s. f. , auf späteren römischen Re-
liefs als Vertreter in Handlungen der Wirk-
lichkeit und der Sage (vgl. z. B. Clarac pl.
190, 429); auch in den bakchischen Kreis tritt
hier Psyche ein, die nun eben als Genossin
alles mitmacht was Eros thut. — An den
römischen Sarkophagen werden Eros und
Psyche in sepulkralem Sinne viel verwandt,
indem man Psyche als die Seele nach dem
Tode fafste. — Die Fabel des Apulejus, die
Elemente eines echten sog. Milesischen Mär-
chens auf die Gestalten von Eros und Psyche
übertragend, hat auf die antike Kunst keinerlei
Einflufs mehr geübt. — Vgl. über Eros und
Psyche besonders 0. Jahn, archäol. Beitr.
S. 121 ff. ; Stephani, C.-B 1877, 5 3 ff., rezen-
siert Dtsche. Bitter atur ztg. 1881, S. 212; Furt -
wängler, Samml. Sabour. zu Tf. 135; wenig
Förderndes bringt Wolters, Arch. Zeitg. 1884,
S. 1 ff. ; nicht brauchbar ist Collignon, essai
sur les monum. relatifs au mythe de Psyche.
[A. Furtwängler.]
Erredi(ci?) Lares auf einer Inschrift aus S.
Pedro de Agostem bei Chaves (Aquae Flaviae
in Hisp. Tarrac.), C. I. L. 2, 2470: La{r)ibus.
Erredi{ci ) \ s (oder S = Sextusl) Bufus e | x
voto. Vergl. den Gentilnamen Erredius auf
einer Inschrift aus Dacien, C. I. L. 3, D. 34
p. 877. [Steuding.]
Error, Personifikation des Irrtums, der Ver-
blendung. In den Vorhöfen der Behausung
der Fama (s. d.) finden sich die Credulitas der
temerarius Error, die vana Laetitia, consternati
Timores, Seditio repens, Susurri, Ov. Met. 12,
59 ff. [Stoll.]
Erros, ’Eggos' o Zsvs, Hesych. [Steuding.]
Erulus. Erulus (auf diese Schreibart weisen
sowohl die besten Handschriften des Vergil,
als des Lydus Schreibung "EqvXo g hin) oder
Herilus war der Sage nach ein König von
Präneste, Sohn der Göttin Feronia, welche
ihn mit dreifachem Leben ausgestattet hatte:
als Euander nach Latium kam, wollte er ihn,
so hiefs es , an der Ansiedlung verhindern,
wurde aber in einer Schlacht besiegt und
selbst, trotz seines dreifachen Lebens, von ihm
getötet (Vcrg. Aen. 8, 561 ff. Serv. Aen. 8, 562.
Lyd. de mens. 1,8; vgl. die verwandte Sage
von dem italischen Kentauren Magg g bei Ae-
lian v. h. 9, 16. [Wissowa.]
Erycina s. Aphrodite u. Eryx.
Erylaos (Bgvlaog), ein Trojaner, von Patro-
klos getötet, Horn. II. 16, 411. Quint. Smyrn.
8, 121. [Schultz.]
Erymantlie {Egvyäv&g), von Berosos Mut-
ter der hebräischen oder babylonischen oder
ägyptischen Sibylle Sabbe, Paus. 10, 12, 5.
Erymanthischer Eher s. Herakles.
io
20
30
40
50
60
1373 Erymanthos
Erymanthos {’EQVfiav&og), 1) Flufsgott (s. d.
Artikel Flufsgötter), nach Ael. v. li. 2, 33 von
den Psophidiern in Gestalt eines Mannes {sv
ii'dei uvägäv) verehrt. Seine Statue {uycdya)
stand in einem Tempel , welchen die Psophi-
dier am Flusse Erymanthos errichtet hatten,
Paus. 8, 24, 12. — 2) Sohn des Aristas aus
dem Geschlechte des Nyktimos, Vater des
Arrhon, Grofsvater des Psophis, des Gründers
der Stadt Psophis in Arkadien, oder Sohn des
Arkas (Vater des Xanthos, welcher Vater der
Psophis war), wohl identisch mit Erymanthos
1; Paus. 8, 24, 1. — 3) Sohn des Apollon.
Er wurde geblendet, weil er Aphrodite nach
ihrer Vereinigung mit Adonis (s. d.) hatte baden
sehen , worauf Apollon zürnend sich in den
Eber verwandelte, der den Adonis tötete, apo-
kryph. Mythus bei Ptol. Heph. 1. [Roscher.]
Erymas {’EQvgug) , 1) Trojaner, von Ido-
meneus erlegt II. 16, 345, nach dem Scliol. V.
z. d. St. lasen einige Orymas. — 2) Lykier,
von Patroklos erlegt, II. 16, 415. — 3) Troja-
ner, von Aias dem Telamonier erlegt, Quint.
Smyrn. 3, 231. — 4) Trojaner, Gefährte des
Aineias, von Turnus getötet, Verg. Aen. 9,
702. [Roscher.]
Erymede s. Erimede.
Erymos ('EQvyog), 1) Beiname des Zeus,
Hes. Tlicogn. 2, 64, 31. — 2) Argonaut, Val.
Flacc. 3, 194. [Schultz.]
Erysiche CEgvoiirf), Tochter des Acheloos,
Heroine der gleichnamigen akarnanischen Stadt:
Steph. Byz. s. v. p. 281 Alice. [Crusius.]
Erysichthon ( ’Eqvgi'x&cov ). — Litteratur:
Spanheim, observationes in Callimachi hymnum
in Cererem, Callim. Vol. 2. p. 67 sqq. 90 sq.
Ern. 0. Müller, Prolegomena zu einer ivissen-
schaftlichen Mythologie S. 161 ff (vgl. Dorier 1
S. 400 fl’.). Preller, Demeter und Persephone
S. 329 ff. (vgl. gr. Myth. I3 S. 638. 2 S. 1381).
Welcher, gr. Götterlehre 3, 107. II. D. Müller,
Mythologie der gr. Stämme 1, 14, 34 ff. Mann-
liardt, ant. Wald- u. Feldkulte S. 8 ff. ; Myth.
Forschungen hrsg. von Patzig (1885) S. 230.
Clüoros im Forstwissenschaftlichen Central-
blatt 7 (1885) S. 15 ff. — 1) Thessalien, Sohn
des Myrmidon (Zeugnisse unter A I) oder des
Triopas (Zeugnisse unter Al\. III. und Steph.
Byz. s. v. Tqiotilov).
A. Die Überlieferung.
Die Notiz der Scholl, zu Lykophron 1393,
wonach Aithon-Erysichthon bei Hesiod erwähnt
wurde, beruht auf einem längst erkannten Irr-
tume (vgl. die Paraphrase bei Scheer p. 111 =
op. et d. 363). Das älteste Zeugnis für die
Existenz des Mythos ist also 1) Hellanikos bei
Athenaeus 10 p. 416 A = fr. 17 FHG 1 p. 48:
'E7.luviy.og sv -itQcozco AsvnaXmvsi'ag’EQvGi'xd'ovö:
g>r]Gi zbv Mvgyiöovog , ort yv unkyazog ßogüg,
Ai&covu yXy&yvui (wiederholt in dem Kataloge
der uSSyepäyoi bei Aelian. var. hist. 1, 27, wo-
zu vgl. Klearch. FHG 2, 307, 12. Nicol. Dam. ib.
3, 372, 28. 415, 77). Der Mythos ist hier be-
reits in Thessalien lokalisiert. Dieselben Ele-
mente finden wir in dem nach v. Urlichs' frühe-
rer Ansicht auf Erysichthon bezogenen Ai'&cov
des Achaios wieder ( Trag . Graec. fr. p. 580
Erysichthon (Überlieferung) 1374
Nch.), wo eine Schmauserei in der Unterwelt
geschildert wird. Doch hat v. Urlichs später
{Philol. 1, 559) den Titel auf Odysseus bezogen,
da „Erysiclithoni . . cum Cliaronte nihil un-
quam fuisse negotii.“ Dem gegenüber sei her-
vorgehoben, dafs Komödienhelden wiederholt
in die Unterwelt steigen, lediglich wegen der
dort gebotenen Gelegenheit, billig zu schmau-
sen (vergl. Graf , ad aureae aetatis fab. symb.
p. 71 sq. ; adde Callim. frgm. 85 p. 249 Schn.
[von der attischen Komödie beeinflufst]) : ein
Motiv, welches sich für den verzweifelnden
Erysichthon trefflich eignen würde. Doch
bleibt die Sache mindestens zweifelhaft, zu-
mal sich in der klassischen Zeit kein poetisches
Zeugnis nachweisen läfst. — Es folgen die helle-
nistischen Dichter, zunächst II) Kallimachos
im sechsten Hymnos slg Ayyiqzgu. Das Ge-
dicht ist für ein von Ptolemaios Philadelphos
eingesetztes Demeterfest bestimmt {Scliol, v. 1)
und nomisch gegliedert. Nachdem in der
Katatropa und Metakatatropa (v. 17 — 24) die
beiden*) wichtigsten Demetermythen berührt
sind, wird im Omphalos (v. 24 — 118) in brei-
tester Ausführung die entlegene Erysichtbon-
sage gegeben. Der Dichter wird dazu veran-
lafst sein durch das Pietätsverhältnis , wel-
ches seinen in Kos geborenen königlichen
Auftraggeber mit dem triopischen Hei-
ligtume verband (vgl. Theokr. 17, 68 mit
Scholl.)-, und danach wird man in dem Hym-
nus des Kallimachos eine durchaus glaubhafte,
vielleicht auch die älteste poetische D ar-
stellung des triopischen Mythus erblicken
dürfen. ,,In Dotion hatten die Pelasger (vgl.
Iasos und Pelasgos als Sohn des Triopas bei
Paus. 2, 22, 2. FLellan. scliol. r 75 fr. 37 AI. :
O. Müller, Prolegg. S. 162) der Demeter einen
schönen Hain geweiht, den die Göttin liebte,
wie sie Eleusis, Triopion**) oder Enna liebt.
Aber Erysichthon , der Triopide , fafste , vom
Schutzgeist des Hauses verlassen, den Ent-
schlufs, den Hain zu fällen. Mit zwanzig Skla-
ven zieht er aus; eine gewaltige Schwarz-
pappel {ui'ysigog), bei der die Nymphen um
die Mittagszeit spielten und tanzten, ward zu-
erst umgehauen und sang den andern Bäumen
ein unheilvolles Lied***). Als nun Demeter
merkt, ozi of tyvXov isqov aXysi, nimmt sie zu-
erst die Gestalt ihrer Priesterin Nikippe an
und warnt den Frevler. Der aber droht ihr
mit der Axt und ruft trotzig: zuvzu ö’ sgov
Q-yGSi ozsyuvbv öoyov, q> svi ä uiz ug alsv syoig
szugoioiv udyv &vyaQsag a|co (54 f.). Nemesis
schreibt die argen Worte auf (vgl. Zenob. 4,
11 Gott. [trag, adesp. 369 .ZV.], Bahr. 130 Ebh.);
Demeter aber offenbart sich in ihrer ganzen
*) Weder die von Käsebier (de Callim. nom. poeta
p. 8 sq.) noch die von Lübbert (de Pindari nomorum imitat.
p. 22) versuchte Einteilung befriedigt. Man wird im
Anschlufs an Bergk (gr. Litteratur gesell. 2, 213) 1 f. = 3 — G ;
7 — iß = 17 — 23 gliedern müssen.
**) Gegen v. Wilamowitz’ zlguoita Hiller, Deutsche Litte-
ratur-Zeitung 1880, 14. Sp. 482 f.
***) Meineke hat 4, 79— 85 hierher gerückt, was Mann-
hardt S. 8 billigt. O. Schneider p. 274 und v. Wilamowitz
verschmähen diese Umstellung, gegen welche auch die
Nachahmung der Stelle hei Ooid Met. 8, 7 42 ff. spricht.
10
20
30
40
50
60
1375 Ery sich thon (Überlieferung)
göttlichen Majestät (vgl. llom. hymn. 4 , 189,
281). Die Sklaven, halbtot vor Schrecken, ent-
fliehen. Die Göttin schont der irre Geleiteten;
dem Herren aber ruft sie zu: bau Dir ein Haus,
cp evi da trag || noiyGEig' frupival yug eg vgxs-
qov elhxnCvca xoi (v. 64). Und alsbald sendet
sie über ihn furchtbaren Heifshunger — uygiov
. . . Lpdv || al'd'cova hqcctbqov — , den nichts
zu stillen vermag. Lange suchen die Eltern
das Elend ihres Sohnes zu verbergen; immer
neue Vorwände ersinnen sie, wenn Einladungen
von Freunden und Verwandten an ihn ergehen.
Er aber nccvapegov eiluxiivccGtug || yo&ie pvgioc
nuvxu . . . Dabei schwindet er dahin, dafs
nur noch Sehnen und Knochen von ihm über-
bleiben. Die ganze Familie ist in tiefer Trauer;
Triopas selbst fleht in ratloser Verzweiflung
zu seinem Vater Poseidon (v. 98) • — aber es
giebt keine Hilfe. Schliefslich hat Erysichthon
alle Schätze des Hauses aufgezehrt, und nun
sitzt der Königssohn an den Dreiwegen und
bettelt um die eußolu Ivgccxu daixog.“ Mit
einem in nomischen Kompositionen häufig an
der Stelle der ocpgayig stehenden Wunsche des
Dichters (vgl. Hom. hymn. 1, 167. Theokr. 26,
26 [ Catnil 63, 97]) und den am Anfang und
Scblufs üblichen Hinweisen auf die rituellen
Handlungen (vgl. 6, 136ff. ; verwandt Tibull.
2, 1) klingt das kunstvolle Gedicht befriedigend
aus. — Den Kern der durch reiches genre-
artiges Detail belebten Kallimachischen Dar-
stellung giebt wieder Suiclas (d. i. ein alter
Lexikograph; vgl. Eustath. II. A p. 862, 7) s. v.
cd'&cov ' o ßiaiog lipog, und Ai'&oivog HXiov xi-
vog*), 6g x 6 Aypyxgog ulcog y.uxev.o'ipe v.txi xi-
pcogtuv vneGzy atgiccv v.ccl dt cc xovxo sltytoxxev
ulst. — III) Einen neuen Zug bietet Lykophron
1393. Hier heifst Erysichthon der Vater xyg
nuvzopogcpov ßuGGugug lupnovqidog (rFüch-
sin’, wegen ihrer Schlauheit) || . . . yx’ ul-
cp cc lg t zaig ■naQ' ypegctv || ß ov n e lv uv cWat-
vegksv cenputuv nuxgog, b&veiu yuzopovv-
zog (Umschreibung von Erysichthon) At&wvog
TtxEQcp (so Scheer; vulg. nxsgu, doch ccqÖtqco in
der Paraphrase). Weniger orakelhaft spricht
Nikander bei Anton. Lib. 17 ( Nieandrea ed.
Schn. p. 54), wo Galatea ihre Bitte um Ver-
wandlung ihrer Tochter motiviert mit einem
Hinweis auf eine Anzahl gleicher Fälle: new
'Tn e q py g t qccv (über die Namensform vergl.
Koch zu Anton. Lib. p. 197 und den Artikel
Mnestra) nLngaGxopevyv inl ywcavl per degu-
g&ccl xtfiov (eine poetische, wohl aus Nikander
entlehnte Wendung), uvdga de ysvopevyv Ai-
&covl xQocpyv unocpegeiv xeo naxQt. In beiden
Zeugnissen wird die Mnestra-Sage bereits als
bekannt vorausgesetzt. Als Summe der ihrem
Hauptbestande nach aus hellenistischen Dich-
tern gezogenen Gelehrsamkeit der späteren
*) So ist richtig überliefert : Erysichthon gehört nach
etlichen Zeugnissen durch seinen Vater Triopas (mög-
lich: <rou rTf)i(j7ta'> 'HXlov) in die Sippe des Helios: vgl.
BlocL Sic. 5, Gl. Unbegreiflich ist es, dafs Bokker Toup’s
Konjektur 'HZeiov in den Text setzte: von der Erysich-
thonsage findet sich in Elis keine Spur. Die Vorschläge
IfMou in (i)ftTct?.ou (Reinesius , var. lect. 3, 370) oder —
'Equol/S ovo ; ( Preller a. a. 0. S. 333 ll) zu ändern, sind
ebenso unnütz wie willkürlich.
Erysichthon (Überlieferung) 1376
Mythographen darf der (von H. 7). Müller
a. a. 0. sehr mit Unrecht als Grundlage be-
nutzte) Bericht der Scholl, zu Lykophr. 1393
gelten. ’Eqvgl%&cov zig, vibg Tgidna, s^exepe
xd ulaog xyg Aypyxgog ' y de ogyiGsteicu enoi-
rjGSV ccvxcp eyicpvyvui hpov peyuv . . . £t%s de
ovzog 'd'vyuzegu Mvycxguv ( Myoxgccg die Para-
phrase bei Scheer p. 111) epagperx idu, yzig
elg nccv sidog 'Qcoov pszeßccllexo • xul xuvzyv
eile ps&odov z ov hpov o ncczyg" sningucxs
yug uvxyv xu&’ sxuGxyv ypsguv xui sh xov-
xeov szgscpszo' y de nocltv dpSLßovGa xo sidog
cpsvyovGa ng dg xov xtccxsgu yg%ezo ' d de ’Egv-
glx&cov Al'&cov sxalsito diu xov hpov.
Mit diesem Bericht deckt sich im wesent-
lichen Palaiphatos incred. 24 ( Mythogr . p. 287
Westerm.), ausgeschrieben und zu einem künst-
lichen „Sprichwort“ (falsch Preller 334 1B) ver-
arbeitet von Apostolios 11, 21 p. 520 ed. Gott.
Myazgu , die Tochter des Eqigl'x&cov, (so sind
die Namen überliefert), habe der Sage nach
die Gabe besessen, sich nach Belieben zu ver-
wandeln. To ddy&tg sei folgendes. Erysich-
thon, ein Thessalier, habe sein Geld durch-
gebraebt und sei verarmt. Er habe jedoch
eine schöne Tochter besessen, in die sich ein
jeder, der sie sah, verliebte; ügyvgicp per ovv
ot xozs av&gumoi ovx s pvy gx s v ovx o, sdido-
gccv de ol per innovg, oi de ßovg . . . Da
hätte man denn gesagt: y Myoxgu eyevexo
ccv t cp noevzu. Aus dieser thörichten Erklärung
wird man als einen gut hellenistischen , wohl
auch bei Nikander vorauszusetzenden Zug ent-
nehmen dürfen, dafs es die tdvu waren, welche
die Tochter ihrem Vater einbrachte. Der bei
jenem ältesten Zeugen 'Tnegpryatqu lautende
Name wird gerade mit Rücksicht darauf er-
funden sein (vgl. Fick, griecli. Personennamen
S. 127*). An das Ende dieser Zeugnissamm-
lung möge als Abschlufs der Entwickelung
des Mythos in der Poesie, die prächtige Er-
zählung Ovids (metam. 8, 738 — 878) treten, der
sicher auch hier die Darstellung der letzten
Hellenisten in breiterer Ausführung uns ver-
mittelt. Achelous erzählt dem Tlieseus, um die
Wunderkraft der Götter zu beweisen, wie sie
die Fähigkeit, in plures transire figuras, selbst
besitzen und andern mitteilen könnten. Als
Beispiel gilt ihm unter andern „Autolyci con-
iunx, Erysichthone natau (vgl. oben Sp. 735 d.
Artikel Äutolykos, wo aber diese durch die
Wesensverwandtschaft beider Gestalten hervor-
gerufene Verbindung übersehen ist.) Ihr Vater
ist ein Verächter der Götter; er bringt keine
Opfer dar, ja, er soll sogar cereale nemus J
violasse securi. Zuerst befiehlt er seinen Die- i
nern, die Zierde des Haines zu fällen, eine ur- |
alte, gewaltige Eiche, unter der die Dryaden
ihre Reigentänze aufzuführen pflegten. Als sie
zaudern , thut er selbst den ersten Schlag.
Contremuit gemitumque dedit Deoia (der De- ■
meter gehörig) quercus ( Kallim . 40); Laub und
Rinde werden fahl und Blut fliefst aus dem
Spalt. Bei diesem Wunderzeichen erstarren
*) Tzetz. Chil. 2, 665 hist. 47 verschmilzt lediglich den
in den Scholien gegebenen Bericht mit der Erklärung des
Palaiphatos,
10
20
30
40
50
60
1377 Erysichthon (Überlieferung)
alle; doch einer fafst sich ein Herz und fällt dem
Erysichthon in den Arm. Der Wütende aber
streckt ihn nieder und trifft dann Schlag auf
Schlag den Baum, bis die Stimme der Nymphe
aus ihm erklingt: nympha sub hoc ego sum
Ccrcri gratissima ligvo || quac tibi fadorum
poenas instar e tuorum || vaticinor moriens . . .*)
Aber er steht nicht ab, bis die Eiche scliliefs-
1 ich zur Erde sinkt, die entgegenstehenden
Bäume mit niederschmetternd. Da legen alle
Dryaden Trauerkleider an, ziehen zur Ceres
und verlangen die Strafe des Verbrechers.
Die Göttin beschliefst, ihn von der pestifera
Farnes (784) zerreifsen zu lassen. Da sie selbst
mit dem Dämon nicht Zusammenkommen darf,
mufs eine Oreade auf zauberischem Drachen-
wagen zu ihm in die skythische Wüste eilen
und die Botschaft ausrichten. Noch in der-
selben Nacht läfst sich der Unhold vom Winde
zu Erysichthon tragen , der in tiefem Schlafe
ahnungslos daliegt, scque viro inspirat fauccs-
que et pectus et ora || adflat, und kehrt dann
heim. Schon im Traum fafst Erysichthon
wilde Gier; und bald hat die flamma gulac
all sein Hab und Gut verzehrt (die Ausfüh-
rung im einzelnen im Anschlufs an Kallim.
67 f. 89 f., in breiteren Strichen). Schliefslich
ist nur seine Tochter noch übrig (ihr Name
wird bei Ovid nicht genannt); auch sie wird
verkauft. In dieser Not fleht das Mädchen zu
Neptun, qui rapta praemia virginitatis habe-
bat, er möge sie befreien. Der Gott erhört
sie und verleiht ihr die Gestalt eines Fischers;
aber erst als ihr Käufer sie nach der ver-
meintlich entlaufenen Sklavin fragt, wird sie
sich der Verwandlung bewufst. Sie kehrt zu
ihrem Vater zurück, und nachdem dieser ihre
Wundergabe erprobt hat, verkauft er sie wie-
der und wieder, sie aber entflieht bald als Stute,
bald als Kuh oder Hirsch. Doch schliefslich, /
wie das Leiden (876 = Kallim. 103) immer
mehr wächst, zerfleischt er sich die eigenen
Glieder — minuendo corpus alebat.
Angeschlossen sei endlich noch Schol. Vict.
II. Z. 191, p. 175 Bkk., wo Bellerophon Sohn
des Poseidon und prjZQog zrjg ’Eqvgl%&ovos
heifst. Nach der Anleitung Odds hat man
hier mit grofser Wahrscheinlichkeit MrjGZQceg
korrigiert ( Preller S. 33415). Ohne Belang ist
das späteste poetische Zeugnis Agathias Anth.
Pal. 11, 379: si ydq aei ßovßqcoGziv £%sig ’Eqv-
gi'x&ovos uvzov || nod zd%u daqSäipsig nal qu7ov
ov KuhssLs: denn ein Analogon für den letzten
Zug wird man in der Sage nicht voraussetzen
dürfen.
B. Kritik.
Die nur bei Ovid erscheinende Sendung der
Oreade in das Reich der Farnes ist sicher
ein junges Ornament (vgl. den Wohnsitz der
Invidia 2, 766), welches jedoch schon von
einem Hellenisten vorgebildet sein mag, wie
Kallimachos Hymn. 2, 113 (falsch erklärt von
Couat, la poesie Alexandrine S. 506) einen
Wohnsitz des Momos und Phthonos (vgl. Babr.
*) Für diesen Zug vgl. Sers, ad Verg. Bucol. 10, 02 =
'Scholl. Bern. p. 837 Ilagen.
Roscher, Lexikon der gr. u rom, Mythol.
Ei-ysichthon (Kritik) 1378
59, 6) kennt und Nonnos 8, 117 die Apate bei
den Kretern, Babrios 128 Ebh. die Wahrheit
in der Wüste wohnen läfst (vgl. auch Simon.
fr. 58, p. 415, Bgk.*). Im übrigen enthält auch
diese Partie der Ovidianischen Darstellung
wertvolle volkstümliche Züge, wie wenn Farnes
sich bei Nacht ihrem Opfer „einhaucht.“ In
den offenen Mund des tief Schlafenden dringt
der Dämon, wie man nach griechischem Aber-
glauben durch Gähnen zum Werwolf wird (vgl.
Aesop. 196 H. nXinzyg hccI nctvdoxsvg , erklärt
durch das Material bei F. Liebrecht, z. Volks-
kunde S. 320). Doch finden sich verwandte
Anschauungen auch bei den Römern (vgl. oben
Sp. 850 r Candelifera’) und so könnte Ovid,
der treffliche Kenner italischen Volksglaubens,
diesen Zug recht wohl neu angefügt haben.
Nur bei Ovid und vielleicht in den Ilias-
Scholien ist ferner das Verhältnis der Tochter
des Erysichthon zu Poseidon überliefert. Da
nun ihr Gebet an Neptun just an derselben
Stelle der Erzählung steht, wo bei dem auch
sonst vielfach benutzten Kallimachos Triopas
seinen Vater Poseidon anfleht, so wird man
hier eine durch jenen zufälligen Umstand an-
geregte Erdichtung anzunehmen haben, der
(wegen des Zeugnisses des Scholien -Mytho-
graphen) vermutlich einem hellenistischen Vor-
gänger des Römers zuzuschreiben ist; doch
vgl. auch die Buhlschaft der Triopide Iplii-
medeia mit Poseidon. — Dabei fällt auf, dafs
V. 850 f. nur von einer Metamorphose der
Mestra, nirgends von der Mitteilung der Gabe,
sich zu verwandeln, die Rede ist; auch wird
nicht recht motiviert, warum Erysichthon trotz
seiner unversieglichen Erwerbsquelle zu jenem
verzweifelten Ende getrieben wurde. Hier
scheinen zwei Fassungen kontaminiert. Bei
Nilcander war, wenn man die knappe Andeu-
tung bei Antoninus Liberalis beim Worte
nehmen darf, von einer einmaligen Verwand-
lung die Rede; daran fügt sich der Schlufs
bei Ovid. V. 875 f. gut an. Bei Lykophron
besitzt Mestra überhaupt die Verwandlungs-
gabe, vermutlich als Zauberin, wie das Scholion
(wohl aus Konjektur) gut bemerkt; dieselbe
Auffassung setzt der Bericht des Palaiphatos
voraus, und sie wird die ältere gewesen sein.
Die märchenhafte Mestra-Episode ist nur
den Zeugnissen der dritten Gruppe eigen; bei
Kallimachos darf mau sie nicht einmal ward
to GLConcöysvov voraussetzen , da der junge
Königssohn nicht bereits eine erwachsene Toch-
ter gehabt haben kann. Nichtsdestoweniger
ist für die Ursprünglichkeit des Zuges H. D.
Müller S. 36 eingetreten, während bereits
Preller S. 331 und neuerdings Mannhardt
S. 61 1 darin eine ganz junge und zufällige
Ausschmückung der Sage erblickt haben. Die
diplomatische Kritik erweckt ein günstiges
Präjudiz für die letztere Ansicht, die aber
auch durch sachliche Gründe unterstützt wer-
den kann. Der zwischen den Formen ’Tpsg-
pvrjGZQa und AIvgGzqa ( MqGZQcc ) schwankende
Name („die Vielumworbene“: Fick a. a. 0.)
scheint einfach aus ihrer oben erschlossenen
Auffassung entwickelt. Das Motiv selbst, zu-
mal in der Fassung des Lykophron ( Tzetzes ),
44
1379
Erysichthon (Kritik)
kehrt ganz ähnlich wieder in der alexandrini-
schen Sage von Pases dem Magier, der neben
mancherlei Wundergaben auch ein Hemiobo-
lion besafs , welches immer wieder zu ihm
zurück kam ( Suidas s. v. Udmjg , excerpiert
aus Plutarchs proverbia Alexandrina , indirekt
aus Apion tzbq'l yuyov: FHG 3, p. 515, vgl.
Crusius , analecta ad paroemiogr. p. 1264). Er-
zählungen von Zauberinnen, die sich und andere
in beliebige Tiere zu verwandeln vermögen,
finden sich, aus gleichen Kreisen und gleicher
Zeit stammend, bei Lucian und Apuleius. Für
die ergötzliche Erfindung, dafs der hungrige
Vater seine Tochter verkauft — wohl auch in
Tiergestalten, obwohl das in den Zeugnissen
nicht klar ausgesprochen ist — könnte man ge-
radezu die attische Komödie ( Aristoph . Acharn.
136 ff.) verantwortlich machen, deren Einwir-
kung die Mythopöie der Hellenisten auch
sonst verspüren läfst (vgl. oben A, .1). Diesen
Erwägungen gegenüber verschlägt die Bemer-
kung II. D. Müllers doch wenig, dafs die
Mestra-Episode nicht losgelöst werden könne,
da sie, für sich betrachtet, sinnlos sei: in sol-
chen Wundergeschichten darf kein Sinn ge-
sucht werden. Wir haben demnach dies „Mär-
chen“ als jungen Auswuchs auszuscheiden und
bei der Deutung bei Seite zu lassen.
Die Elemente, welche die zweite und dritte
Zeugnis -Gruppe gemeinsam haben, sind ein
Frevel des Erysichthon am Haine der
Demeter und seine Bestrafung durch Heifs-
hunger: und sie hat man fast allgemein als
einheitliches Ganzes aufgefafst und zu deuten
versucht. Nun legt Diodor 5, 57 nach einer
gelehrten, reiche Lokaltraditionen enthaltenden
Quelle (ähnlich [ Hygin .] astr. 2, 14) den Hain-
frevel vielmehr dem Triopas, Erysichthons
Vater, bei: ivzavQ’a (im dotischen Gefilde) Ss
vlrj xb zsgsvog xi]g Argiiqzgog SKKOtpavza zfj ylv
KuxcexQrioaGd'cxL ngog ßaGilslcov nar ccGKSvrjV
(vgl. Kallim. 54 f.), dz r\v alz luv vno zoöv
gy%coQicov [UGrjO'Bvza cpvyszv bk OszzuXlag Kai
kuzcmIbvgou . . . elg rrjv Kvtälav. Eine ganz
ähnliche Sage, gleichfalls in Kleinasien lokali-
siert, findet sich bei Apollonios Ehodios 2,
475 ff. ; vgl. Mannhardt S. 9. Der Vater des
Paraibios vernachlässigt im Jugendübermut
die Bitte einer Hamadryade um Schonung
ihres fLebensbaumes’, den er zu fällen beab-
sichtigt. Die Nymphe aber straft ihn und
seine Kinder mit Verlust ihrer Habe, bis
Paraibios einen Altar errichtet und Opfer dar-
bringt. Hier erscheint also der Baumfrevel,
von Demeter und Erysichthon losgelöst, als
einfaches Nymphen-Märchen. Auf die
gleiche Fährte leitet uns die ausführlichste
Darstellung des Mythos, die bei Ovid. Hier
ist die Nymphe, die mit dem ihr geheiligten
Baume blutet (keine Erfindung von Ovids
‘'Scharfsinn’ [ Lehrs ’ pop. Aufs.'1, S. 116], aber
möglicherweise aus italischem Volksglauben
entnommen, vgl. die Parallelen b. Mannhardt
S. 23 ff.), die verletzte, welche zur Göttin um
Rache schreit: ein volkstümlicher, sagenechter
Zug, den bereits Mannhardt S. 11 auf eine,
„wenn micht der Abfassungszeit, so doch dem
Stoffe nach vorkallimaclieische Dichtung“
Erysichthon (Deutung) 1380
glaubte zurückführen zu müssen. Demnach
ist es vielleicht kein blofser Zufall, dafs in
ältesten Zeugnissen (Gruppe I) dies 'Nym-
plien-Märclien’ ganz . wegfällt und nur der
Heifshunger des Erysichthon erzählt wird,
ein Motiv, welches allen drei Gruppen gemein-
sam ist und daher sicher zum Stamm des My-
thos gehört. Jedesfalls wird man der Ver-
mutung Böttichers ( Baumkultus der Hell. S. 50,
' vgl. Overbeck, Kunstmythol. 3, 409), dafs ur-
sprünglich wohl Demeter selbst in der Gestalt
des Baumes verehrt gedacht sei, mit Mifs-
trauen entgegen treten. Doch können hier
nur innere Gründe entscheiden.
C. Deutung.
0. Müller meint, die Sage sei sehr leicht
zu deuten, wenn man wisse, „dafs Erysichthon
auch Ai&cov, Brand, hiefs , und Igvoißij durch
Sonnenbrand auf Tau hervorgebrachter Mehl-
tau ist, ein arger Feind der Demeter, die
ihn auch sonst als ’Egvaißta abwehrte.“ —
Preller wirft ein, dafs doch egvolßri mit ’Eqv-
gI%Qcov nicht identisch sei und auch im ein-
zelnen die Anwendung nicht passen würde.
Er bezieht, wie Hellanikos (oben A I), den Bei-
namen Ai&av auf den Heifshunger und meint,
dafs der Name ’Envar/ßoiv, „der Erdaufreifser,“
ursprünglich ein Appellativ als Epithet des
Triopas gewesen sei, der auch geradezu „für
Erysichthon genannt werde“ (vgl. B, Sp. 1379).
Im übrigen warne die Legende davor, die
Gaben der „Urheberin aller Nahrung“ im
Dienste blofser Völlerei zu mißbrauchen; sonst
verwandle die Göttin ihre Segnungen in Fluch :
der Prasser werde mit nie zu stillendem
Hunger geschlagen — ein Zug, für den pas-
send die Wundergeschichte im Anfang der
Rede des [Lysias'j gegen Andolcides (6 : Blass,
att. Beredsamk. 1, S. 566) herangezogen wird.
Diese echt rationalistische Erklärung entspricht
ganz der Auffassung des vorigen Jahrhunderts
und ist in der Hauptsache von Spanheim zu
Kallimachos V. 64 p. 790 Ern. vorwegge-
nommen. Es ist dabei aber ein Motiv, wel-
ches nur bei Kallimachos sich findet (V. 54,
oben A 2) und in seiner tendenziösen Ab-
sichtlichkeit entschieden den Eindruck des
willkürlich Erfundenen macht, zum Ausgangs-
punkt der Erklärung genommen; eine so platte
Moral wird schwerlich der Keimpunkt dieser
reich entwickelten Sage gewesen sein. — Das-
selbe gilt gegen Welckers Erklärung, „es
scheine der ins Vornehme umgebildeten Sage
eine ländliche Parabel zu Grunde zu liegen,
die den Ackersmann von dem Freveln an dem
heiligen Holz abschrecken sollte.“ — Eine tie-
fer greifende Deutung versuchte II. D. Müller.
Erysichthon, der Pflüger, sei der Typus des
Ackermanns; seine Tochter MrjGzga deren Name
(falsch hergeleitet von ggSogaz, „die Kluge“
[wie Preller Myth. 1, 6383]) nichts zur Deu-
tung beitrage, könne nichts anders sein, als
das „Produkt seiner Arbeit,“ die Saat (vgl.
gtzslqslv und agovv = zeugen). Der Haupt-
sinn des Mythos sei also: „der Ackerbau ver-
zehrt das Produkt seines Arbeit, das ihm aber
immer von neuem freiwillig wiederkommt, in-
1381 Erysichtlion (Deutung)
dem die alljährlich sich erneuernde (verwan-
delnde) Saat ihm stets neuen Ertrag liefert.“
Bei dieser Deutung, welche den Mythos gleich-
falls zu einer dürren Parabel macht, bleibt
unerklärt, warum der Vertreter des .Ackerbaus
als Frevler an der Demeter hingestellt wird.
Zudem ist ihr der wichtigste Stützpunkt , das
Mestra-Märchen , durch unsere obigen Ausein-
andersetzungen wohl entzogen. Diese Beden-
ken lassen sich nicht geltend machen gegen
die neuerdings von Chloros, einem griechischen
Forstmanne, versuchte Deutung: „Erysich-
thon hat den Wald devastiert, Ceres rächt
sich durch Hungersnot — d. h. nach der
Entwaldung kann die Landwirtschaft nicht be-
stehen.“ Aber der ''gemeine Mann’ mufste über
derartige Fragen doch wohl handgreiflicher
belehrt werden, als durch solche 'mystische
Erzählungen.’ Man sieht an diesem warnen-
dem Beispiele wieder, wie leicht der Mythos
jeder mitgebrachten Vorstellungsmasse sich
assimilieren läfst. — Weitaus das Förderndste
sind die Ausführungen Mannhardts. Die Erzäh-
lung sei keine Demetermythe, sondern ein altes
Naturmärchen; „Erysichtlion wird von dem ihn
aufzehrenden Hunger befallen in notwendiger
Folge seines an der Nymphe verübten Frevels . . .
Da der Baum fortan verkümmert, ergreift auch
ihn Abzehrung . . . Ein Erzähler, der das nicht
mehr verstand, fafste diesen Mangel positiv
als nicht zu befriedigende Efslust auf . . .
Später reflektierte man, dafs unstillbarer Hun-
ger eine Strafe der speisegebenden Demeter
sein müsse und machte nun den geschändeten
Hain zu ihrem Eigentume . . .“ Die Ausschä-
lung des Nymphenmärchens ist schon nach
dem unter B Gegebenen annehmbar; zu wei-
terer Bestätigung kann die von Mannliardt
übersehene Thatsache dienen, dafs noch in
hellenistischer Zeit das triopische Fest in
erster Linie den Nymphen galt: vgl.
Aristeides tisqI Kviöov scholl. Theocr. 17, 69 =
FHG 4, p. 324 . . . ayszca de HOivrj vnh zcov
Awqlscov aycov kv Tqiohlw Nvycpais Tlo-
osiöcövi ’JnoHcovi. Die Sage vom Baumfrevel
wird also am Triopion im Schwange gewesen
und ursprünglich (vgl. das Zeugniss Eiodors)
an Triopas angeheftet sein. Bedenklicher er-
| scheint Mannhardts Hypothese, der Baum der
Nymphe sei als Erysichthons 'Lebensbaum’
gedacht. Von dieser Auffassung findet sich
in der ganzen Tradition keine Andeutung,
während sie in den Sagen von den Morien,
von Phylakos, Meleager, Oxylos ( M. Mayer,
de Euripidis mythopocia p. 56), dem Baume
Vergils und der Flavier klar am Tage liegt.
Aufserdem läfst Mannhardt einen Vorteil ganz
aus den Augen, den Preller und Müller mit
Recht auszunutzen suchen : den besonders durch-
sichtigen Namen des Helden. - — Der Unter-
zeichnete möchte annehmen, dafs jenes klein-
asiatische Nymphenipärchen wie viele ähnliche
Elemente (Pohde, der gr. Roman S. 109) erst in
hellenistischer Zeit ans Licht gezogen und mit
einer andern Sage verbunden ist, deren Kern
uns von dem ältesten Zeugen, Hcllanikos,
überliefert wird. Als Schlüssel dient die
Bedeutung des Namens: der 'Erdaufreifser’
Ery sich ihon (Deutung) 1382
(Beiname des Pflugstiers bei Strato Athen.
9, p. 382, vgl. Loheck, Aglaoph. 856 dd;
Roscher, Fleckeisens Jahrbb. 123, S. 671). Der
Held der Sage ist danach ursprünglich nur der
heroisierte Ackerbauer. Durch seine Poly-
phagie wird eine solche Auffassung bestätigt.
Wir finden diesen Zug wieder bei Lityerses,
welcher schon von Aelians peripatetischer
Quelle deshalb mit Erysichtlion zusammenge-
stellt wurde. Lityerses wird aber als Erfin-
der des Ackerbaues gedacht und ist nach
Mannhardt ( Myth . Forsch. S. 17) nichts als
die Projektion eines Schnitters; seine Gefräfsig-
keit bildet nur die „Efslust ab, die in allen
Zeiten und Zonen die unausbleibliche Folge
kraftverzehrender Erntearbeit gewesen ist“
(a. a. 0. S. 18). Parallelen aus nordeuropä-
ischem Volksbrauche ( Mannliardt S. 28, 71
u. s. f.) erheben diese Erklärung trotz des
Einspruches von Rüdiger (D. L-Z. 1885, 930)
über jeden Zweifel. Freilich steigert sich
bei Erysiclithon der Hunger zur Bulimie und
wird als Strafe der erzürnten Göttin auf-
gefafst. Der Unterz, vermag darin nur eine
mifsverständliche Weiterbildung jener alten
Anschauung zu erkennen. Doch kann sie
immerhin schon vor dem Hinzutreten des Nym-
phenmärchens vorgenommen sein , ja dem
Namen selbst zu Grunde liegen. Gerade das
Aufreifsen der Erde wird als die Schuld
gedacht sein, welche Hunger und Elend über
den Helden bringt. So wäre die Sage ethisch
umgedeutet und unter den Einflufs der weit-
verbreiteten Anschauung getreten, dafs der
Mensch durch die Annahme einer künstlichen
Kultur mit einem alten, seligen Zustande
bricht. Die Erde spendet im goldnen Zeit-
alter, „als Kronos König war,“ alles von
selbst ( Hes . op. et. d. 111; Cratin. p. 62, 64 JU ;
Telecl. p. 209 7V; Philem. p. 86 M. ; Ruhr. 1,
12; abweichend nur Arat: Graf, ad aareae
aetatis fab. syrrib. p. 50, 55). Da kommt ein
schlimmeres Menschengeschlecht und sucht
sie zu zwingen ( Ovid . met. 1, 103), sucht ihr
mit dem Pfluge, wie mit einer Waffe (Ovid.
1, 102 saucia, vgl. 124, 138) ihre Gaben abzu-
trotzen (vgl. Verg. ecl. 4, 40), und später: itum
est in viscera terrae . . . effodiuntur opes, in-
ritamenta malorum (vgl. Graf S. 58). Aber
mit der gesteigerten Erwerbsthätigkeit kommt
der amor sceleratus habendi, die auri sacra
fames in die Welt. Solche auch in deut-
schen Sagen vielfach ausgesprochenen Lehren
griechischer Volksweisheit wird man auch in
die Sage vom 'Erdaufreifser,’ der mit unstill-
barem Hunger behaftet ist, hineingelegt haben.
Auffällig ist nur die Rolle, welche jetzt De-
meter spielt, da ihr die gewöhnliche Überlie-
ferung gerade die Erfindung des Ackerbaues
zuschreibt. Konsequent wäre es gewesen, wenn
man für sie die wahlverwandte Gaia, die Mut-
ter des Kronos, eingesetzt hätte, deren Ele-
ment durch Erysichtlion verletzt wird. — Die
bildende Kunst liefert keine Darstellung des
Mythos: eine weitere Bestätigung dafür, dafs
er, wenigstens in seiner jüngeren, sehr wohl
darstellbaren Fassung, nicht zu dem alten Ele-
mente der Demeterreligion gehört (0. Müller,
44*
io
20
30
40
50
60
1384
1383 Erysichthon (Deutung)
Preller) , sondern verhältnismäfsig spät aus
jenem bescheidenen Keime herausgebildet und
vielleicht erst von den hellenistischen Dich-
tern in die Sphäre der Poesie eingeführt ist. —
2) Athener, Sohn des Kekrops und der Agrau-
los ( Apollod . bibl. 3, 14, 1. 2). Zuerst erwähnt
hei Plato Critias p. 110 a, der ihn nach Erech-
theus und Erichthonios nennt, sonst aber nichts
von ihm zu berichten weifs (to: zäv ntxlcuwv
övöycxzcc avsv zcbv sgycov öraatGcozca,). Doch
erzählt der Atthidograph Phanodemos bei
Athen. 9, 11 p. 392 D = FEG 1, p. 366 von
einer Fahrt dieses Erysichthon nach Delos.
Damit ist zu kombinieren Plut. fr. 10 bei
Fuseb. praep. ev. 3, 8 p. 88 (aus gleicher oder
verwandter Quelle), wonach das älteste Holz-
agalma zu Delos von ihm tni zcöv cogichv
gestiftet wurde. Von Delos sollte er dann
das älteste Xoanon der Eileithyien nach Athen
gebracht haben {Paus. 1, 18, 5); doch sei er
auf der Rückreise gestorben und in Prasiai
begraben, wo man sein Grabmal zeigte {Paus.
1, 51, 2 t'czi äs (ivrjfMx ini ngaaiaig ’Eqvgl-
X&ovog, rng snofii'^szo oniaco pszcc zrjv atscogiav
£x ArjXov, yevogsvgg ol uazä zov nXovv zgg
zsXivzyg). Zur Regierung soll er nicht ge-
kommen sein, da er bei Lebzeiten seines Va-
ters kinderlos starb. {Paus. 1, 3, 6).
Die Sage trägt wesentlich historischen Cha-
rakter. Vor allem erklärt sie in der Weise
der „prototypischen“ Legende spätere sakrale
Gebräuche , so die Theorie von Athen über
Prasiai nach Delos {Preller 2, S. 138 x). Frag-
lich ist es, wo dieser Heros ursprünglich zu
Hause war. Welcher 3, 107 betrachtet ihn
als alten Bestandteil der agrarischen Athene-
Religion; ebenso Preller Myth. 1, 169, welcher
Butes, den „Ochsentreiber,“ den mythischen
Ahnherrn der Butaden, vergleicht. 0. Müller
Dor. I1, 243 nennt den Heros „delisch-attisch,“
ohne sich über dies Zwitterverhältnis weiter
auszulassen. Preller vermutet dann an einer
andern Stelle (2, 138, vgl. Dem. und Pers.
S. 33 11) nicht ohne Inkonsequenz, er scheine
mehr der Sage von Delos und Prasiai, als
der von Athen anzugehören. Sein Grabmal
in Prasiai sowie seine engen Beziehungen zu
Delos, vor allem aber der Umstand, dafs er
nach attischer Überlieferung kinderlos stirbt,
bezeugen in der That zur Genüge, dafs er ein
fremdes Element war, welches erst nachträg-
lich in die Königsliste eingefügt wurde. Die
Thatsache , dafs die delischen Heiligtümer
während der Zeit der athenischen Hegemonie
durchaus unter attischem Einflufs standen,
sollte damit wohl historisch begründet , „sub-
struiert“ werden. Wie man damals das alte
delische Frühlingsfest und seine Bräuche um-
deutete zu Erinnerungen an Erlebnisse des
Theseus (Mannhardt a. a. 0. S. 238), so
könnte man einen Heros von Delos (oder dem
mit Delos in uralter Beziehung stehenden
Prasiai) in gleicher Absicht an Kekrops an-
gekindet haben. Die Figur eines „Pflügers“
fügt sich aufs beste in den Kreis des von
Mannhardt (S. 232 ff) meisterhaft analysier-
ten, ursprünglich durchaus agrarischen Delien-
Festes. Auch vergleicht Preller {Dem. S. 331 7,
Erytos
32530) passend die delische Zntgyut, die Toch- fl
ter des Apollopriesters Anios (s. oben Sp. ’
523 f.).
Das Verhältnis des attisch- delischen Ery- 1
sichthon zum thessalisch-kleinasiatischen bleibt 1
unbestimmbar, da der Mythus keine Vergleichs- ]
punkte bietet; Welcher (3, 107) hält beide 1
für ursprünglich identisch. Ebenso wird es I
sich bei dem Mangel an lokaler Tradition kaum ■
entscheiden lassen, ob der Triopide wirklich
nach Thessalien gehört {Hellanihos) , oder ob
er, wie sein Vater, am Triopischen Vorgebirge
zu Haus war und erst nachträglich durch eine
Cmythische Prolepsis’ in die Urheimat der
dort sefshaften Stämme hinüberdatiert wurde
{H. D. Müller 1, 27, 40).
3) Ein Gigant, auf dem pergamenischen
Altarfriese inschriftlich beglaubigt, vgl. Conze,
die Ergebnisse der Ausgrabungen von Perqa-
mon, vorläufiger Bericht 1 (1880) S. 64. Der
Name charakterisiert den wilden, Steine und
Felsblöcke schleudernden Kämpfer.
4) Ein vierter Erysichthon wird aus den
Scholl. II. Z, 191 angeführt als Grofsvater des
Bellerophon {Pape - Benseler , Wörterbuch der
griech. Eigennamen 1, S. 392); doch fällt er nach
der oben (1 A, Sp. 1377) ausgesprochenen Vermu-
tung mit dem Triopiden zusammen. [0. Crusius.]
Erytheia (’EpviDta), 1) eine der Hesperiden
(s. d.), Apollod. 2, 5, 11. Ilyg. praef. in. Nach
ihr soll die Insel des Geryones genannt sein,
Schol. Ap. Rh. 4. 1399. Bei Ap. Rh. 4, 1427
lieifst sie ’Egv&rjLg. — 2) Tochter des Geryones,
nach welcher die Insel Erytheia benannt war,
von Hermes Mutter des Norax, die mit Iberern
Nora, die erste Stadt in Sardinien, gegründet
haben soll, Steph. Byz. s. v. Paus. 10, 17, 4.
Von Ares war sie Mutter des Eurytion, Hel-
lanihos b. Schol. Hes. Theog. 293. [Stoll.]
Erytkeis s. Erytheia.
Erytlira {’Eqv&qu), Tochter des Porphyrion,
Schol. Hom. II. 2, 489. [F. A. Voigt.]
Erythras (’Egv&gag), 1) Solm des Leukon,
Enkel des Atliamas , nach dem Erythrai in
Boiotien benannt ist, Paus. 6, 21, 11. (Vgl.
den Namen Erythrios, eines Sohnes des Atha-
mas.) — [2) Sohn des Herakles, Apollod. 2,
7, 8. R.] — [3) Eponymos des erythräischen
Meeres, Gurt. 8, 9. Voigt.] [Seeliger.]
Erythrios (EgvO-giog) , Sohn des Athamas
und der Themisto: Apollod. 1, 9, 2. Herodor
b. Schol. Ap. Rh. 2, 1144. [Roscher].
Erythros ('Eqv&qo g) , Sohn des Rhadaman-
thys, der an der Spitze einer kretischen Kolo-
nie Erythrai gründet, Diod. 5, 79, Paus. 7, 3,
4; vgl. Hoch, Kreta 2 S. 232. [F. A. Voigt.]
Erytos oder Eurytos ('Egrzog, Evgvzog), ' '
Sohn des Hermes und der Antianeira, der
Tochter des Menetos, Zwillingsbruder des i
Ecliion, beteiligte sich am Argonautenznge; vgl.
Find. Pyth. 4, 179, der ihn am Pangaion
wohnen läfst, Ap. Rh. 1„, 52, der ihn nach
Alope entsetzt. Orph. Arg. 137 f. heifst die
Mutter Laothoe, Tochter des Meretos (Me-
netos?). Bei Apollod. 1, 9, 16 im Argonau-
ten vei'zeichnis: Evqvzog Eogov. Eurytus wird
von Val. Elacc. 1, 439. 3, 99, 471. 6, 569
unter den tapfersten Argonauten erwähnt.
1385
Esus
1386
Eryx
Auch Hyg. /'. 14. 160 nennt ihn Eurytus
/’. 273 als Sieger bei des Pelias’ Leichenspielen.
[Seeliger.j
Eryx (”E(w|), 1) Eponymos des sicilischen
Gebirges mit dem berühmten Heiligtume der
Aphrodite ( A . ’E gvyiCvrf), Sohn der Aphrodite
und des Poseidon oder Butes, Diod. 4, 83.
Steph. Byz. s. v. Er forderte die ankommen-
den Fremden zum Faustkampfe auf und wurde
nach einem solchen (nach Apoll. 2, 5, 10, 9
nach einein Ringkampfe) von Herakles erschla-
gen und auf dem gleichnamigen Berge be-
graben, vergl. Verg. Acn. 5, 392 ff. Serv. ad
Acn. 1, 570. 5, 24. Hyg. f. 260. Myth. Vat.
1, 53. 94. 2, 156. — 2) Ov. Met. 5, 196.
[F. A. Voigt.]
Esia (esia) , etruskischer Name einer der
grieck. Ariadne (s. d.) zunächst verwandten
Göttin, die auf einem pränestinischen Spiegel
der Sammlung des Barons Meester de Rave-
stein neben Fuflunus d. i. Dionysos er-
scheint, dem sie von Artemas d. i. Artemis
geraubt wird, während auf der andern Seite
Menerva zuschaut. Die Änderung in Evia =
Ev icc scheint mir verfehlt; s. Schmidt, Ann.
1859, 258 ff. ; tav. agg. L; Gerli. Etr. Spg. 4,
36 ff'.; tav. CCCV; Eabr. G. I. I. 2726 ter a;
Deecke, Etr. Forsch. 4, 48. — Dieselbe Dar-
stellung mit fast identischen Namen: Esia,
Fuflunu, Artam, Menarvfa] zeigt ein Spie-
gel im Museum von Bologna; s. Gerli. Etr.
Spg. tav. LXXXVII; Fahr. C. I. I. 43, dessen
Echtheit mir allerdings nicht ganz sicher zu
sein scheint. [Deecke.]
Esnnm ('Eogovvog), phönikisch “am Esch-
mün, ist einer der angesehensten Götter Phoi-
nikiens, der uns in den Inschriften des Mutter-
landes wie der Kolonieen zahllose Male be-
gegnet, namentlich in Personennamen (der
Name Eschmünschillein „Eschmün giebt Frie-
den“ wird in der Bilinguis Athen. 4 durch
SvgGilrgiog wiedergegeben; dagegen lautet
der Name „Abdeschmün ('Knecht des E.’) auf
einer Inschrift von Sidon bei Lebas- Wadding-
ton 1866 c AßSvfcyowog). Die Griechen setzten
diesen Gott dem Asklepios gleich: die be-
rühmte dreisprachige Inschrift eines auf Sar-
dinien gefundenen bronzenen Altarfufses ( Ritschl
und Gildemeister, Rhein. Mus. 20, 1 u. a.) ist
dem Eschmun mit dem unerklärten Beinamen
fnxa (me-arrech?, etwa der „Wegweiser“??)
geweiht, der griechisch durch AGnlgmog Myggy,
lat. Aescolapius Merre wiedergegeben wird.
Auffallend ist, dafs in den Inschriften Nord-
afrikas Aesculapius nur sehr selten vorkommt;
in der Regel ist dabei wohl überdies der grie-
chisch-römische Gott gemeint. Einen Tempel
hat er in Chisiduo ( flamen templi domini Aescu-
lapii, C. I. L. 8, 1267) und in Caesarea Mau-
retan. (ib. 9320). Auch in Phoinikien begegnet
er uns auf Inschriften der griechischen Zeit
nur sehr selten. Ein iegsvg fff ov ’AanXgm'ov fin-
det sich z. B. in Duma bei Byblos (Renan,
mission en Phenicie 255). Welche Funktionen
der Gott im Pantheon der Phoiniker hatte,
darüber wissen wir urkundlich gar nichts.
Nach der Kosmogonie des Phiionischen San-
chunjathon ist der phoinikisclie Asklepios der
Sohn des Sydyk (xovzeaxiv dwuiog, d. i. Sadiq
„der Gerechte“), eines kosmogonischen Wesens,
von dem auch die Ji6g-/.ovqol r) Kcißtigoi »j
Kngvßavxsg i) Hayo&gocK sg abstammen, die zu-
erst das Schiff erfinden (Philo fr. 2, 11. 20
Müller). Diesen Kabiren, sieben an der Zahl,
und ihrem Bruder Asklepios (ned o i'diog av-
rcöv dSelcpbg ’AGuhqniog , wofür vielleicht mit
Recht xod bySoog vermutet ist, s. n.), heifst
es dann weiter (§ 27), habe Taaut den Her-
gang der Kosmogonie mitgeteilt und sie hät-
ten ihn weiter überliefert. Zu diesen Angaben
stimmt eine Notiz in dem Excerpt des Pliotios
aus Damascius, vita Isidori § 302, wonach der
Asklepios von Berytos weder griechischen noch
ägyptischen Ursprungs sei, sondern ein ein-
heimischer phoinikischer Gott Namens Esmunos,
der Sohn des Sadykos und achte Bruder der
Kabeiren. Sein Name war von einigen als
„der achte“ erklärt (eine sprachlich denkbare
Etymologie von schmöne [ursprünglich scha-
mäne] „acht“ (mit vorgeschlagenem Vokal;
allerdings entspräche dann der Name der
Cardinal- nicht der Ordinalzahl); nach andern
hiefse er so tnl xrj dsgyy xg s £cogg (von
esch „Feuer“?). Des weiteren wird hier die
Sage von Adonis oder Tammuz auf ihn über-
tragen: er sei sehr schön gewesen, so dafs
Astronoe (d. i. Astarte) die Göttermutter sich
in ihn verliebte. Um ihren Nachstellungen
zu entgehen, entmannte er sich mit einem Beil,
die Göttin aber liefs ihn durch Paion wieder
erwärmen und machte ihn zum Gott. — Lei-
der stammen alle diese Angaben aus ganz
späten und unzuverlässigen Quellen, die von
Euhemerismus und Synkretismus vollkommen
durchsetzt sind, so dafs damit wenig anzufan-
gen ist. Auch ob der Name Eschmün den
Gott wirklich ursprünglich als den „achten“
Bruder der Kabiren bezeichnete, läfet sich
nicht entscheiden; wissen wir doch gar nichts
weiter über die Kabiren bei den Phoinikern,
als dafs der Name (kabir „grofs“) allerdings
sicher phoinikisch ist. So mufe auch dahin-
gestellt bleiben, weshalb der Gott mit dem
griech. Asklepios identificiert wurde.
[Eduard Meyer.]
Esus, Hesus, Aesus, ein keltischer Gott,
welchem wie den mit ihm verbundenen Göt-
tern Teutates und Taranus Menschenopfer dar-
gebracht wurden ( Lucan . Phars. 1 , 444 ff. ;
Lactant. 1, 21 ; vgl. Caes. b. G. 6, 16, 2f.). Auf
dem Relief eines von den nautae Parisiaci zur
Zeit des Tiberius geweihten Altares (nr. 3 des
musee de Cluny zu Paris, Orelli 1993, Murat.
1066, 5) ist er nach H. D’Arbois de Jubain-
ville, le cycle mythol. Irland, p. 380 dargestellt,
wie er FIolz abschneidet. Letzterer bezieht
dies auf die Herrichtung eines Scheiterhaufens.
Die Form Aesus erscheint auf einer britanni-
schen Münze, A. de Barthelemy in der Revue
celtique 1, 293, 1. Mit Esus gebildete Zusam-
mensetzungen sind Esunertus, Esuggius (oder
Esuccius), Esubii (oder Esuvii), Atesui. Fiele,
gr. Personenn. S. 72. S. Bugge, Rhein. Mus.
1885, 475 stellt Esus mit dem italischen aisu-s,
esu-s Gott und etrusk. Erus zusammen. Vgl.
Teutates und Cernunnos. [Steuding.]
1387 Eteokles
Eteoldes (’Ezeoxlfjs), 1) Sohn des Oidipus (s. d.)
und der Iokaste oder der Euryganeia nach der
Oidipodie des Kinaitlion (Paus. 9, 5, 5) und
nach Pherekydes (bei scliol. Eur. Phoen. 63)
Bruder des Polyneikes (s. d .); der Streit um die
Herrschaft über Theben wird die Ursache des
Zuges der Sieben, wobei Eteokles als Verteidiger
seiner Vaterstadt von Polyneikes’ Hand fällt
und zugleich den Bruder ermordet. Aus der
diesen Krieg behandelnden Jcyklischen Thebais
sind als tiefere Gründe dieses Bruderkampfes
zwei Flüche des alten Oidipus überliefert (frg.
2. 3 Kinkel ): als ihm Polyneikes den Tisch
des Kadmos und den Becher seines Vaters vor-
setzt, wünscht er den Söhnen Streit und Krieg
um das väterliche Erbe und als sie ihm nicht
die gewohnte Ehrengabe vom Opfer senden,
bricht bei diesem an sich geringfügigen An-
lasse der Zorn des verbitterten Alten in den
Fluch aus, dafs sie, einer durch des andern
Hand, den Tod erleiden möchten. Um diesen
Ausgang zu vermeiden, kommen sie überein,
dafs alljährlich einer den andern in der Herr-
schaft ablöse. Nach Sophokles (Oed. Gol. 1295)
verjagte Eteokles, obwohl er der jüngere war,
den Bruder aus der Heimat, während nach
Euripides (Plioen. 69 ff.) Polyneikes als der
jüngere zuerst das Land freiwillig mied, dar-
nach aber von Eteokles die Herrschaft nicht
zurückerlangen konnte. Manche berichteten
auch ein früheres Regiment des Polyneikes,
das dieser dem Vertrage gemäfs abgetreten
habe, Apollocl. 3, 6, 1; vgl. Stat. Theb. 1, 137,
Hygin. f. 68. Auch eine nochmalige Auf-
forderung an Eteokles, die Herrschaft nieder-
zulegen, die Tydeus als Abgesandter über-
bringt, weist dieser zurück (Stat. Theb. 2,
384 ff.), wobei Statius auch seinen Anteil an
dem heimtückischen Überfalle des Tydeus durch
fünfzig Thebaner hervorhebt, so dafs auf ihn
der Fluch des allein verschonten Maion fällt
(3 , 58 ff.). Als Lokal des Zweikampfes galt
in Theben selber der Platz vor den N eistischen
Thoren, durch das Mal eines Pfeilers mit darauf-
liegendem steinernen Schilde bezeichnet; dort
war auch das Grab der beiden Oidipussöhne,
da Antigone den Leichnam des Polyneikes auf
den Scheiterhaufen des Eteokles schleppte,
Paus. 9, 25, 2. In Bezug auf die Lokalität
sind Aiscliylos und Euripides der thebanischen
Tradition nicht gefolgt; dagegen verdient be-
merkt zu werden, dafs Statius (VIII 353) beim
ersten Aufmarsch der sieben thebanischen Heer-
haufen dem Eteokles dies Thor zuerteilt. — Bei
Aiscliylos (Sept. adv. Theb.) erscheint Eteokles
als besonnener und entschlossener Herrscher,
in dem sich das hohe Ethos der Vaterlands-
verteidigung, des Kampfes für Herd und Altar
in würdigster Weise verkörpert. Auch wenn
er die Gebete der thebanischen Jungfrauen
schroff zurückweist, ist dies nur Rauhheit des
Kriegers (vs. 182 ff), nicht Verachtung des gött-
lichen Beistandes, den er vielmehr in der Haupt-
scene des Stückes, da er den sechs die Thore
berennenden Argiverfiirsten die einheimischen
Verteidiger entgegenstellt, als Lohn des from-
men Eintretens für die Muttererde erhofft und
erbittet (vgl. v. 230. 230 ff.). Am siebenten
Eteokles 1388
Thore tritt er, trotz des Abratens des Chores,
selber dem Bruder Polyneikes entgegen, „der
Herrscher dem Herrscher, der Bruder dem
Bruder, dem Feinde der Feind“ (v. 674); er
findet darin die unabwendbar notwendige Er-
füllung der Flüche des Oidipus. Vom Boten
(v. 721 ff.) wird zugleich der Sieg der Thebaner
und der wechselseitige Mord der Brüder ge-
meldet, sodafs also hier während der allgemeinen
Entscheidungsschlacht der Bruderzweikampf als
ein Teil derselben vorgeht. Zum Scfllufs wird
durch einen Herold (v. 1005 ff.) verkündet, dafs
der Rat der Stadt — Kreon wird hier noch nicht
genannt — dem Eteokles, der für die väter-
lichen Heiligtümer gefallen, eine ehrenvolle Be-
stattung, dem Polyneikes aber Verweigerung
de3 Begräbnisses beschlossen habe, welchen
Zug bekanntlich die Sage von Antigone weiter
ausführt. Euripides stellt in den Phoenissen
sowohl den Charakter des Eteokles wie den
Hergang des Bruderkampfes stark abweichend
dar. Im ersten wird besonders der Zug der
Herrschsucht, welche ihn die Herrschaft um
jeden Preis festhalten läfst, betont (v. 499 ff);
hierher gehört auch das vielcitierte (v. 524):
sinSQ ddonsih %Qy, zvQavvidog tisqi Hcilhazov
aSiusiv, zallcc svGsßsiv iQiav. Daher schliefst
die von Iokaste veranstaltete Zusammenkunft
der Brüder statt mit der Versöhnung mit
deren wechselseitiger Bedrohung (v. 622 ff),
sodafs, im Zusammenhang mit dem Zurück-
treten des altreligiösen Zusammenhanges , der
Gewalt des Vaterfluches, eine psychologische
Motivierung des Bruderzwistes versucht wird.
Nachdem vor den Thoren die Führer der Ar-
giver gefallen sind, bringt Eteokles (1220 ff )
den Kampf der Heere zum Stehen, indem er
den Bruder zum entscheidenden Zweikampfe
aufruft, in welchem beide fallen (v. 1356 ff);
hiernach greifen nochmals die Thebaner an
und treiben die Gegner vollends in die Flucht.
Diese Gestalt der Sage von dem Bruderkampfe
als einer govoyciiici ist (vielleicht mit durch
Euripides’ grofsen Einflufs) vor der Aeschy-
leischen Version kanonisch geworden. (Parodie
des Aristophanes in einem dem Euripideischen
gleichnamigen Stücke, frg. 558 Kock.) In dem
Berichte Apollodors (3, 6, 8) folgt auf den
Bruderkampf die Vernichtung der argivischen
Führer. Dagegen schliefst sich Statius in seiner
Thebais dadurch dem Euripides an, dafs der
Zweikampf als entscheidender Abschlufs des
Kampfes nach dem Tode des Tydeus, Ka-
paneus u. s. w. stattfindet. Die Herausforderung
geht von Polyneikes aus (l. 9, 137 ff) und ge-
langt an Eteokles, während dieser gerade dem
Zeus für die rächende Niederschmetterung des
Kapaneus opfert. Iokaste sucht den Eteokles
durch ihr Flehen zurückzuhalten, während ihn
Kreon, dessen Sohn sich für Theben geopfert,
aufstachelt. Der wechselseitige Brudermord,
der Gipfelpunkt des Epos (l. 11) und das Prunk-
stück der düsteren, im Gräfslichen schwelgen-
den Rhetorik, vollzieht sich unter dem Bei-
stände der Furien, welche auch die vom Olymp
herabgestiegene Pietas verscheuchen. — Als
Sohndes Eteokles wirdLaodamas (s.d.) genannt,
der im Kriege der Epigonen, wie sein Vater,
io
20
30
40
50
60
1389
Eteoklos
Ethnestes
1390
Theben verteidigt (Paus. 9, 5, G. 10, 3). [Zu-
sammenstellung der Bildwerke s. b. Overbeck,
Bildtv. z. theb. u, troian. Heldenlcr. S. 135 ff.
(r Bruderkampf ’). Vgl. auch Etevukle. R.] —
2) Sohn des Andreus und der Euippe, oder des
Kepliisos, König von Orchomenos. Der Name
war von dem einer Phyle entlehnt. Er galt
als Stifter des Charitenkultes von Orchomenos.
Paus. 9, 34, 5. 35, 1. [E. A. Voigt.]
Eteoklos (’EzeonXog) , Sohn des Iphis aus
Argos, einer der Sieben gegen Theben, der
indes nicht in allen Darstellungen mit auf-
gezählt wird. Bei Aischylos (Septem vs. 456 ff.)
kämpft er an den Neistischen Thoren gegen
den Thebaner Megareus , den Sohn Kreons,
während Euripüles in den Phoinissen, da er
Adrastos mit zu den Sieben rechnet, für ihn
keinen Platz hat; dagegen wird bei Eurip.
Suppl. 871 ff. bei der Aufzählung der Gefalle-
nen von Adrastos seiner gedacht; vgl. Apoll.
3, 6, 3, 2. ib. 8,2 von Leades getötet; im
Weihgeschenk der Argiver zu Delphi gebildet,
Paus. 10, 10, 2. [F. A. Voigt.]
Eteoklymene (Ezeozlvjisvg) , Tochter des
Minyas. Stesich. in den Scliol. zu Apoll. Bliod.
I, 230 bei Bergk, poet. lyr.1 S. 647, 51. Sonst
wird sie Klymene genannt. [Steuding],
Eteoneus (’Ezscovevg), Sohn des Boethoos,
Diener des Menelaos, Plom. 8 23. 31, o 95.
[F. A. Voigt ]
Eteonos (’Ezscovög), Sohn oder Nachkomme
des Boiotos, Vater des Eleon, Are'ilykos u. s.
w. Heros eponymos der boiotisclien Stadt Eteo-
nos: Scliol. z. II. 2, 494 u. 497. Eustatli. z.
II. 265, 35. Müller, Orchom.1 489. Vgl. Ito-
nos. [Roscher.]
Etephila, eine vermeintliche Göttin in Myti-
lene: C. I. Gr. 2192 b vol. 2 p. 1027: äyaffi)
zv%y || KoQvgXiccg y.al || Xiazrjg isqsi || ag ftsäg
ETH || d IAA E. 'Haec clea mihi ignota ’ Böckh;
ähnlich Welcher, gr. Götterl. 3 S. 215. Nach
der Ansicht des Unterz, ist der wahrschein-
lich verderbte Schlufs anders zu lesen (izrj-
aiu g? ähnliche Bestimmungen G. I. Gr. 2189.
2194) und der auch von Pape-Benseler S. 397
anerkannte Name, der sich aus den Mitteln der
griechischen Sprache (vgl. jedoch den Eigen-
namen ’Ezeocpdog) nicht deuten läfst, zu strei-
chen. Die anonyme freu wird die mystische
Demeter der Mytilenäer sein (vgl. C. I. Gr.
2175. 2177), wenn nicht vielmehr der herkömm-
liche Plural (2177) einzusetzen ist. [Crusius.]
Etevukle (etevucle), in der ersten Hälfte
unsicher überlieferte etruskisierte Na.mensform
des thebanischen Königs Eteokles (’EzeJ-oxXr/g)
s. d., in einer Darstellung seines Zweikampfes
mit dem Bruder Pulunice (pulunice) d. i.
Polynices (UoXvvs ingg), auf einem Wandge-
mälde des Grabes Framjois in Vulci, jetzt im
Museo Italico in Rom; s. Noel des Vergers
L’Etrurie et les Etrusques 3, pl. XXIV; Gar-
rucci Tav. fotograf. delle pitt. vulc. tav. VII;
Brunn, Ann. 1859, 352 — 67; Monum. vol.
6—7; tav. XXXIff; Fahr. G. I. I. 2168; vgl.
Bezzenbergers Beitr. 2, 166, nr. 44. Garrucci
las marffucle. [Deecke.]
Eth (eff), abgekürzter etruskischer Götter-
name im Genitiv, auf der Bronzeleber von
Piacenza, Randregion 5, s. Deecke, Etr.
Forsch. 4, 45 ff. u. vgl. Ethis und Etliausva.
[Deecke],
Ethalides handschriftliche Lesart für Aitha-
lides bei Hygin. fab. 14 (p. 44, 23 Schm.) und
134 (p. 114, 20), s. Aithalides 1 und 3 oben
S. 198. [Crusius.]
Etlialion, Hygin. fab. 155 handschriftliche
Lesart für das von Schmidt p. 13, 6 hergestellte
Aethlios (s. oben S. 89); die gegen Ende des
Kapitels (Z. 10) folgende Parallelnotiz, worin
dieselbe Person Etolus heifst, ist von Bursian
mit Recht als Dittographie (zur Korrektur ?)
ansgemerzt. [Crusius.]
Etliausva (effausva), erscheint als Ent-
bindungsgöttin neben Thanr (ffanr) bei der
Geburt derMenerva (menerva) aus dem Haupte
des Tinia (tinia) d. i. Jupiter, Zevg, auf einem
Spiegel von Palästrina der Sammlung Tysz-
kiewicz, s. Kelcule, Ann. 1874, 129 und Monum.
vol. 8, tav. LVI, nr. 3; Corssen, Spr. d. Etr.
1, 372 fF. ; Fahr. Tzo Sppl. 394. Die Göttin
scheint identisch mit der von Strabo 5, 226
Eileithyia (s. d.) genannten, die im etruski-
schen Seehafen Pyrgoi bei Caere einen reichen,
angeblich pelasgischen Tempel besafs, den
Olymp. 99, 1 eine Flotte des syrakusanisclren
Tyrannen Dionys I plünderte. Sie wird sonst
auch Leukothea genannt und scheint der
Mater Matuta verwandt gewesen zu sein;
s. d. und vgl. 0. Müller EtruskI 1, 189 ff. ;
2, 54ff. — Corssen deutete den Namen als
*Edauctiva (a. a. 0.), während Sopli. Bugge,
Beitr. 1 (Etr. Forsch, u. Stud. 4), 8, Anm.
geneigt ist, darin nur eine durch Volksetymo-
logie beeinflufste Änderung von ElXsibvia,
*EX£v&vci zu sehen. [Deecke.]
Ethemea (Echemea?) , Gattin des Merops
(s. d.), Königs von Kos, aus dem Geschleckte
der Nymphen. Als sie den Kult der Diana
vernachlässigte, verwundete diese Göttin sie
mit ihren Pfeilen; zuletzt wurde sie von der
Proserpina lebend in die Unterwelt entrafft.
Als Merops aus Sehnsucht nach seiner Gattin
Hand an sich legte, verwandelte ihn luno aus
Erbarmen in einen Adler und versetzte ihn
unter die Sterne, „ne si hominis effigie eum con-
stitueret, hominis memoriam tenens coniugis desi-
derio moveretur “, Hyg. P.Astr. 2, 16. [Roscher.]
Ethemon, Gegner des Perseus, Ov. Met. 5,
163. [F. A. Voigt.]
Etliis (effis), etruskischer Name einer Göt-
tin, die auf einem zu Florenz in der Sammlung
Gherardescä befindlichen Spiegel, der Hercla
d. i. Herakles am Scheidewege darstellt, der
von Menrva begleiteten Eris (s. d.) gegen-
iibersteht, also wohl der Voluptas (’Hdovg)
entspricht, doch schwerlich aus einem griech.
*'H8lg entlehnt ist; s. Dempster, Etr. Reg.
tav. II; Lanzi, Saggio 2, 209 = 165; tav. XI,
nr. 3; Gerh. Etr. Spg. 3, 153; tav. CLXIV ;
Fabr. C. I. I. 106; auch Gori Mas. Etr. 1,
XXVII und 401; 3, XIII; Welcher, Alte Denk-
mäler 3, 329. [Deecke.]
Ethnestes (’EQ'veazgg), Sohn des Neoptole-
mos, nach dem die Ethnesten in Thessalien
benannt sein sollten, Rhian. bei Steph. Byz. s. v.
[Schultz.]
1391 Ethodaia
Etliodu'ia (’EQ-oSaia) , eine Tochter der
Niobe und des Amphion, bei andern Neaira
genannt, Apollod. 3, 5, 6. [Stoib]
Etias (’ ’Hzuxg ), Tochter des Aineias, nach
welcher die Stadt Etis nicht weit von Boiai
benannt worden sein soll. Etis nämlich gilt
ebenso wie Aphrodisias für eine Gründung des
auf der Fahrt nach Italien durch Winde hier-
her verschlagenen Aineias (s. o. S. 168): Paus.
3, 22, 11. [Roscher.]
Etraienae oder Ett(e?)ralienae matronae,
keltische Göttinnen, die wohl nach einer Ört-
lichkeit genannt sind, auf Inschriften aus Betten-
hofen bei Roeclingen (Jülich), Brambach G. I.
Bhen. 616: Etraienis | et. Gesaienis. \ Bassia-
na. Ma \ terna. et. Bass(i) | ana. Paterna. | ex
imp(i)ps l m; und 617: Matronis \ Ett{e?)ra |
he-nis \ e-t \ Ge-sa \ he-nis | M. Iul. Aman(d)us.
Auf der Mitte der Schriftfläche sind in einer
Nische drei Matronen (s. d.) dargestellt. Ein
zugehöriges Relief enthält eine Opferscene;
unter den Opfernden ist eine Matrone mit auf-
fälligem Wulst auf dem Kopfe (vgl. Gesaienae)
bemerkenswert ( Steiner , inscr. Dan. et Bhen.
2, 1219). Vgl. auch eine Inschrift aus Emb-
ken bei Düren, Bramb. 577: Et enis \
F. Iulius Suieti | us. pro. ( se e)t. suis.
[Steuding.]
Etuie (etule), etruskischer Name eines den
Hammer schwingenden, mit der Handwerks-
kappe bedeckten Gehilfen des Sethlans (seff-
lans) d. i. Vulcanus bei der Fesselung des
Pegasos (etrusk. pecse) neben einer Quelle
(etr. huins) ?, auf einem Spiegel unbekannten
Fundortes im Pariser Museum. Die Deutung
Gorssens, Spr. d. Etr. 1, 613 ff. , nr. 29 als
AUcoloq d. i. ’Ensiog beruht auf der irrtüm-
lichen Auffassung der Darstellung als Zimme-
rung des trojanischen Rosses; s. noch Lcmzi,
Saggio 2, 223 = 177; tav. XII, nr. 3; Micali
Storia tav. XL VIII; Gerh. Etr. Spg. 3, 219;
tav. CCXXXV, nr. 2; Fahr. GL It. col. 1343,
G. I. I. 2492; vgl. Mülin, Gal. myth. pl.
CXXXVII bis; Baoul-Bochette , Journ. d. Sav.
1834,290; 711; 1843,680; Monum.ined. 83; 1s.
Taylor, Etr. Besearches 367ff. [Deecke.]
Eua(?) falsch gelesener Name einer Bak-
chantin ( G . I. Gr. 8380) = Eudia (s. d.). Vgl.
Heydemann , Satyr- und Bakchennamen S. 6.
40 Anna. 213f. u. d. Art, Euan. [Roscher.]
Euadne ( EvüSvri ), 1) Tochter des Poseidon
und der Pitane, „iottIomos“ veilchengelockt,
heimlich geboren und zu Aipytos, des Elatos
Sohn, König von Phaisana in Arkadien, ge-
schickt, wo sie von Apollon unter Beistand
der nQDivpyttg Eileithyia und der Moiren den
Iamos gebiert, und so Stammmutter des Weis-
sagergeschlechts der Iamiden in Olympia wird,
Bind. Ol. 6, 30 ff; Müller, Dor. 1, 253, namentl.
Böckh, Explic. ad Find. Ol. 6; Dygin. fab.
157; Preller, Gr. Myth. 22, 477. [vgl. Tatian c.
Graec. 55 p. 120 Worth , wo nach Brunn, K.
G. 1 , 536 Euadne statt Euanthe zu lesen
ist. R.] — 2) Tochter des Strymon und der
Neaira, Gemahlin des ArgQs, Mutter des Ek-
basos, Peiras (Peiranthos) Epidauros und Kriasos
Apollod. 2, 1, 2, oder nach Paus. 2, 16, 1; 17, 5
des Peirasos und Phorbas. — 3) Tochter des
Euamerion 1392
Iphis, daher Iphias, Gemahlin des Kapaneus,
stürzt sich bei dessen Leichenfeier in die Flam-
men des brennenden Scheiterhaufens, Apollod.
3, 7, 1. Hygin. fab. 243. 256. Philostr. Imag.
2, 30. Ov. Ä. A. 3, 21 f. Ex Ponto 3, 1, 111.
Eurip. Suppt. 985 f. bez. 1012 f. Preller 2 2
365. — 4) Tochter des Pelias, nach Diod. 4,
53 von Iason an Kanes, des Kephalos’ Sohn,
König der Phylaker vermählt. — 5) Tochter
des Asopus, Geliebte des Flufsgottes Nilus, Ov.
Am. 3, 6, 41, wo jedoch nach Biese Euanthe
zu lesen ist. [Weizsäcker.]
Euagoras (Evayogug), 1) Sohn des Neleus,
nach Apoll. 1,8,9 von Chloris, nach Schot.
Ap. Bh. 1 , 152 von einer andern Frau. — 2)
Sohn des Priamos, Ap 3, 12, 5, 8. [F. A. Voigt.]
Euagore (Evayogg oder -a), eine der Töchter
des Nereus und der Doris, Hes. Theog. 257.
Apollod, bibl. 1 , 2, 7; von Dymas Mutter der
Hekabe. Pherelc. in d. Schot. Venet. zu Eur.
Hel;, 1 bei Müller fr. hist. gr. 4, 639. Siehe
Eunoe. [Steuding.]
Euagros (Evaygog) , ein Lapithe, auf der
Hochzeit des Peirithoos von dem Kentauren
Rhoitos getötet, Ov. Met. 12, 290 ff. [Stoll.]
Euaichme ( Eveu'xyg ), 1) Tochter des Hyllos,
Gattin des Polykaon. Paus. 4, 2, 1. — 2) Toch-
ter des Megareus, Gemahlin des Alkathoos;
s. d. [Bernhard.]
Euaimon (Evca'gcav, zu homer. ccl'gcov 'kun-
dig’ nach Fick, die griechisch. Personennamen
5. 99) 1) Sohn des Lykaon (s. d.) im Kataloge
bei Apolloclor 3, 8, 1, vermutlich fingiert von
dem ausgeschriebenen Genealogen (Akusilaos?
vergl. Allg. Encykl. von Ersch u. Gruber, 2.
Sekt. Bd. 35 S. 23 s. v. Kaution). — 2) König
der Ormenier, Vater des Eurypylos II, B 136;
A 575 ( Ps.-Aristot . pepl. 22 [35]; Paus. 7, 19,
10; 10, 27, 2), Sohn des Ormenos nach Demc-
trios von Skepsis, Strabo 9 p. 438 (vgl. d. Art.
Amyntor p. 328). — 3) Einer von den 10 Söhnen,
welche Kleito dem Poseidon auf der Insel At-
lantis gebiert nach Plato, Kritias 7 p. 114 B.
[Crusius.]
Euaios (Evaiog), ein Sohn des Chanaan
( Joseph . arch. 1, 6, 2), wohl Heros eponymos
des Stammes der Evcclol im Lande Kanaan.
[Steuding.]
Euamerion (Evagsgicov), 1) ein Dämon aus
dem Kreise des Asklepios, in Titane im Ge-
biet von Sikyon, wo ein angesehenes Heilig-
tum des Asklepios war, als Gott verehrt; auch
befand sich dort sein Bildnis. Paus. 2, 11, 7,
der dies berichtet, sagt: „wenn ich recht ver-
mute, so nenut man diesen Euamerion in Per-
gamon Telesplioros, in Epidauros Akesis“. Es
war der Genius der Genesung, und er wurde
bald allein, bald in Verbindung mit Asklepios
und Hygieia als knabenhafte Figur dargestellt,
die mit Mantel und Kapuze sorgfältig gegen
den Einflufs der Witterung geschützt war.
I Veldcer , gr. Götterl. 2, 739 f. Lauer, System
283 f. Curtius Peloponnesos 2, 501 f. Preller, gr.
Myth. 1, 431. Gerh , Gr. Myth. 1. § 485, 5.
Müller, Handb. d. Arch. § 394, 3. Denhn. d.
a. K. 1. Taf. 48, nr. 219b.; 2. Taf. 61, nr.
787—792. Panofka, Asklepios Tf. 1, 19. 2, 10.
6, 1. 2. O. Jahn, die Heilgötter in Annal. d.
io
20
30
40
50
60
1393 Euan
Vereins f. Nass. Alterthumskunde (Wiesbaden)
1859. Bd. 6. p. 5 ff. [Stoll.]
Euan ( Evciv , Evag, Evan, Euhan, vgl. Etym.
M. 391, 15. 553, 47 und Hesych.), Name des Dio-
nysos, nach dem bei seinen Festen üblichen
Jubelrufe tvav ( Eur . Tr. 325) gebildet, welches
aber schwerlich, wie Hesych. behauptet, ein
indischer Name des Epheu sein dürfte. Lucrct.
5, 741 (Euhius Euan); Evan: Ovid. M 4, 15.
Stat. Silv. 1, 2, 17, 133. 1, 5, 3. 2, 7, 7. 4, 2,
49. 4, 3, 155. 5, 3, 6. Theb. 2, 616. 5, 94, 496,
675, 712. Semeleius Evan: Stat. Silv. 1, 2,
220. Inschr. aus Puteoli C. I. L. 10, 1948
(superbus Euhan). [Steuding.]
Enandre ( EvdvÖQrj ), Amazone, Gefährtin der
Penthesileia, Quint. Smyrn. 1, 42. 254.
[Klügmann.]
Euandros (Evccvögog), 1) Sohn des Sarpe-
don I, König in Lykien, Gemahl der De'ida-
meia, der Tochter des Bellerophontes, und
Vater des jüngeren Sarpedon , der als
Bundesgenosse der Troer am trojanischen
Kripg teilnahm Diod. 5, 79. — 2) Sohn des
Priamos, Apollod. 3, 12, 5, 9. Dict. 3, 14. —
3) Angeblich ein Arkadier, der eine pelas-
gische Kolonie von Pallantion in Arkadien
nach Italien führte und die erste ausländische
Ansiedelung an der Stelle des nachmaligen
Rom auf dem Palatin gegründet haben soll.
Stellen über diese Niederlassung: Dionys.
Hai. 1, 31 — 33. 40. Liv. 1,5. 7. Iustin. 43,
1, 6. Dio Cass. frg. 3 ( Mai Spicil. Bom. 5,
p. 464). Varro L. L. 5, 21, 53. Strab. 5, 3,
p. 230. Paus. 8, 43, lff. 44. Ov. Fast. 1,
471 ff. Verg. Aen. 8, 51 ff. und Serv. z. d. St.
Solin. 1, 14. Eustath. in Dionys, v. 347.
Mythogr. Vat. 1. fab. 70. 2. fab. 153. Hygin.
fab. 277. Als Vater des Euandros wird ge-
wöhnlich Hermes angegeben, als Mutter eine
arkadische Nymphe, der Weissagung mächtig,
Tochter des Ladon, deren Name zwischen
Carmenta, Themis, Nikostrate und Tyburtis
schwankt, Paus. a. a. 0. Plut. Quacst. Bom.
56. Serv. Verg. Aen. 8, 336. Dion. Hai. a.
a. 0. — Servius z. Verg. Aen. 8, 130 nennt ihn
einen Sohn des Echemos von Tegea und der
Timandra, Tochter des Tyndareos u. der Leda.
Wie über seine Abkunft schwanken somit die
Angaben über seine Heimat zwischen Pallan-
tion und Tegea, sowie über die Veranlassung
seiner Auswanderung. Diese erfolgt entweder
freiwillig, d. h. infolge eines Volksaufstandes,
nach dessen unglücklichem Ausgang Euandros
die Auswanderung vorzog ( Dionys .), oder weil
er auf Anstiften seiner Mutter seinen Vater
ermordet hatte (Serv. z. Verg. A. 8, 51). Auch
seine Mutter soll er ermordet haben. Nach
Dionysius erfolgte die Auswanderung ungefähr
sechzig Jahre vor dem trojanischen Kriege.
Bald erscheint dieselbe nur als solche von
zwei Schiffen ( Iustin . 43, 1 : cum mediocri turba
popularium ), bald als förmliche Flottenexpedi-
tion unter Führung des Catillus (Solin. 2, 8:
„ conditum est Tibur, sicut Cato facit testimonium,
a Catillo Arcade, praefecto classis Evandri'1).
Dem entspricht auch die verschiedene Auf-
nahme, welche die Kolonie findet. Euandros
landet am linken Tiberufer an der Stelle des
Euandros 1394
nachmaligen Rom und wird nun entweder von
Faunus, dem König der Aboriginer, freundlich
aufgenommen (Dion.), oder er mufs sich den
Platz zur Ansiedelung von Herilus (od. Erulus;
s. d.); dem König von Präneste erkämpfen, Verg.
Aen. 8, 562 und Serv. z. d. St. Der Hügel
aber, auf dem er sich ansiedelte, soll von der
arkadischen Heimat Pallantion den Namen
Palatium erhalten haben, Paus. a. a. 0. Über
die verschiedenen Ableitungen des Namens
Palatium s. A. Bormann, Kritik der Sage vom
Könige Euandros, Halle 1853, S. 2f.
Die Sage macht den Euandros zum Stifter
besserer Gesittung in diesen Gegenden: er-
brachte die Kenntnis der Buchstabenschrift
mit, oder erlernte sie selbst erst von Herakles
bei dessen Ankunft in der Gegend (Plut.
Quaest. Bom, 56. Dionys. 1 , 33. Liv. 1 , 7.
Tac. Amt. 11, 14. Hyg. fab. 277) und lehrte
die Bewohner den Gebrauch musikalischer In-
strumente (I/yra, Triangel, Flöte), sowie nütz-
liche Gewirbe. Insbesondere wird ihm auch
die Einführung mehrerer arkadischer Kulte zu-
geschrieben, der Demeter, des Poseidon (Nep-
tunus Equester, dem zu Ehren die Consualien
gefeiert wurden, Dionys. 2, 31. Liv. 1, 9, der
Nike-Victoria, Tochter des Pallas, lies. Theog.
383ff.), des Herakles und des Lykäischen
Pan. Die Stiftung eines Kults des Herakles
wird von einigen diesem selbst zugeschrieben:
aus Veranlassung seines Sieges über Cacus,
den Unhold, welcher die Tibergegend unsicher
machte, soll Herakles dem Zeus auf der Stelle
des Forum boarium einen Stier geopfert, den
Euandros und die Umwohner dazu geladen
und auf die Weissagung der Carmenta von
seiner nahe bevorstehenden Apotheose sich
selbst die ara maxima errichtet haben, Ov.
Fast. a. a. 0. Den Opferdienst an diesem Altar
habe Euandros den beiden hervorragendsten
Geschlechtern der Potitier und Pinarier über-
tragen. Dem Lykäischen Pan = Lupercus
weihte Euandros das Lupercal (lustin. a. a. 0.)
am Fufse des Palatin ( Verg. Aen. 8, 344 und
Serv. z. d. St.), errichtete ihm daselbst einen
Altar und stiftete ihm zu Ehren das Fest der
Lykäen - Lupercalia, Liv. a. a. 0., das am
15. Februar stattfand.
Später, als Äneas (s. d.) nach Italien kam, be-
gegnete ihm Euandros freundlich und verband
sich mit ihm gegen die Latiner (Verg. Aen.
8), sein Sohn Pallas fällt in diesem Krieg,
wird aber von Aneas gerächt. Als Töchter
des Euandros werden genannt Rhome und
Dyne (Aen. 8, 575. Serv. z. Verg. Aen. 1, 277.
Dionys, a. a. 0.; doch ist wohl Avva identisch
mit Accvva Dion. 1, 43 und so zu korrigieren;
s. Bormann S. 6, Anm. 7).
Endlich erhielt Euandros selbst göttliche
Verehrung in Rom am Aventin bei der Porta
Trigemina nach Dionys. 1, 32, und obwohl dies
die einzige Nachricht hierüber ist, liegt doch
kein Grund vor, an der Richtigkeit dieser An-
gabe zu zweifeln. Auch in Pallantion in
Arkadien genofs er mit seinem Sohne Pallas in
einem Tempel göttliche Verehrung, in wel-
chem beider Bildsäulen von Marmor aufgestellt
waren, Paus. 8, 44, 5.
io
20
30
40
50
60
1395
Euangelus
Es giebt nicht leicht eine Sage, an welcher
das Gemachte, sozusagen Erzwungene, so
augenfällig heraustritt, und welche die Kritik
so laut herausfordert, wie die vorliegende.
Einen historischen Kern wird man vergeblich
in derselben suchen, um so leichter dagegen
den Zweck aufzeigen können, dem sie ihre
Konstruktion verdankt. Niebuhr hat in Eu-
andros nur eine Gestalt des Latinus erkennen
wollen, Bormann sieht in ihm das durch eine 1
falsche Ableitung des Cacus von hccao g sich
nahelegende Gegenbild des „guten“ Mannes und
bemüht sich in anerkennenswerter Weise die
Zeit und Art der Entstehung dieser Sage auf-
zuzeigen; Schwegler, Böm. Gesch. 1, 354—383
hat dieselbe wohl am schärfsten zergliedert und
kommt zu dem Resultat, dafs Euandros kein
anderer als Faunus (s. d.) Lupercus selbst ist.
Abgesehen davon, führt er aus, dafs die Zeu-
gen um ein Jahrtausend jünger seien, sprechen 2
gegen die arkadische Kolonie auch sachliche
Gründe, namentlich sei eine überseeische Aus-
wanderung eines so völlig im Binnenland
wohnenden Volkes, wie der Arkadier, ganz
undenkbar. Die kulturhistorischen Berührungs-
punkte zwischen Arkadien und dem ältesten
Latium erklären sich nicht aus einer Kolonie,
sondern aus der ursprünglichen Stamm-
verwandtschaft der betr. Bevölkerungen. Der
Mythos von der arkadischen Einwanderung 3
verdankt seine Entstehung dem Bedürfnis der
Römer, alles Gemeinsame, was ihnen bei Ver-
gleichung hellenischer und latinischer Ge-
bräuche aufstiefs, für ein von den Fremden
Überkommenes und Entlehntes anzusehen.
Identisch sind nun die latinischen Luperealien
mit den griechischen Lykäen. Das Heiligtum
des Faunus Lupercus haftet am Palatin, folg-
lich läfst die Sage den Euandros gerade am
Palatin sich ansiedeln. Euandros aber wird 4
der Ansiedler genannt, weil Euandros die
griechische Übersetzung von Faunus = Favinus
„der wohlwollende“, der „gute Gott“ ist, wie
Fauna auch Bona Dea heifst. Dem Faunus
aber entspricht auch der griechische Pan, der
gleichfalls den Namen des „guten Gottes“ ge-
führt zu haben scheint. Eine Reihe bestätigen-
der Momente läfst sich aufzählen. Faunus
wird ein Sohn des Hermes genannt (Blut.
Parall. 38), wie Euandros und Pan. Der gast- 5
liehe Wirt des Hercules ist bald Faunus ( Blut .
a. 0.), bald Euandros. Die Jungfrau, die von
Hercules einen Sohn gebiert, heifst bald Toch-
ter des Faunus ( Iust . a. 0.), bald des Euandros
{Dionys. 1, 32). Aus alledem ergiebt sich, dafs
jener Euandros, der den Kult des Faunus Lu-
percus stiftet, eben Faunus selber ist; und dies
ist nicht befremdlich; auch Herakles stiftet ja
seinen Kultus samt der Ara Maxima selber.
Dies die Kritik und Erklärung Schweglers, gegen c
die sich wohl wenig wird einwenden lassen.
Zu erwähnen ist noch Bonlez, Faune, fonda-
teur du culte religieux, explication de deux
basreliefs, Melanges fase. 5, 1846.
[Weizsäcker.]
Euangelus {EvayysXog?), ein Hirt, der unter
diesem Namen zu Ephesos heroische Verehrung
genofs , weil er beim Baue des Artemision
Eubule 1396
einen Bruch ausgezeichneten Marmors entdeckt
hatte, Vitruv. 10, 7., [F. A. Voigt.]
Euantke (Evdv&g), 1) Name einer Beglei-
terin des Theseus beim Erlegen des Minotau-
ros: C. I. Gr. 8139. Jahn, Beschr. d. Vusen-
sammlung in München 333. — 2) s. Euadne 1
u 5. [Roscher.]
Euanthes (Evav&gg) , Vater des Apollon-
priesters Maron von Ismaros, Ilom. i 197.
Schon die alten Erklärer fanden in dem Fehlen
einer Erwähnung des Dionysos eine Abwei-
chung der homerischen Sage von der späteren,
vgl. d. Scliol. dazu; später galt Euanthes als
der Sohn des Dionysos und der Ariadne, Ion
b. Baus. 7, 4, 6, korrigiert von Osann, Bhein.
Mus. 3 S. 242 aus Schol. Ap. Bhod. 3, 997.
Theon ad Aval. Phaen. 638. Barthen. er. 20.
[F. A. Voigt.]
Euarete (Evagszg), Tochter des Akrisios,
Gattin des Oinomaos, Hyg. fab. 134.
[F. A. Voigt.]
Euarne {Eldgvrf), eine Nereide, lies. Theog.
259, ähnlich der Okeanine Melobosis. Schü-
mann Opusc. Ac. 2, 169 (Agnipasca). Braun,
Gr. Götterl. § 88. Preller, Gr. Myth. 1, 456.
[Stoll],
Eubios (Evßio g), 1) Sohn des Dymas und der
Periboia, Brudes des Keltos, wird von Neopto-
lemos im Kampfe vor Troja getötet, Quint.
Smyrn. 7, 611 ff. — 2) ein Nachkomme des
Aialros, Sohn des Pielos, Vater des Nessos,
welcher unter den Ahnen Alexanders d. Gr.
aufgeführt wird, Jul. Valer. res gestae Alex.
Mac. 1, 58. [Steuding.]
Enboia (Evßota), 1) Tochter des Asterion
(s. d.) , Schwester der Akraia und Prosymna
(s. d.) ; vergl. nr. 5. — 2) Tochter des Aso-
pos, von welcher die Insel Euboia den Namen
haben soll; Geliebte des Poseidon, Nonn. 42,
411. Eust. 278, 30. Steph. Byz. s. v. ’Jßavzig
und Evßota. Scymn. 570. Strabo 445. Etym.
Magn. Evßota (Mutter des Tychios? Hesych.).
— 3) Tochter des Thespios, Mutter des
Olympos, Apollod. 2, 7, 8. — 4) Tochter des
Larymnos, die mit Polybos, Hermes’ Sohne,
den Glaukos zeugte, Athen. 7, 296 b. — 5) Amme
der Hera, wohl identisch mit.no. 1. Etym. M.
388, 56. Blut. qu. conv. 3, 9, 2. — 6) Mai-
nade auf e. Trinkschale, beschr. von Longperier
Bevue arch. N. S. 17 p. 350. Vgl. Heydemann,
Sat.- u. Bakchennamen S. 32. [Roscher.]
Eilbote ( Evßcozt ]), Tochter des Thespios, die
dem Herakles den Eurypylos gebar, Apollod.
2, 7, 8. [Stoll.]
Eubule (EvßovXy), 1) eine Tochter des alten
attischen Königs Leos, welche von dem Vater
mit ihren beiden Schwestern Praxithea (oder
Phasithea) und Theope zur Rettung des Vater-
landes geopfert ward. Diese Leoiden hatten
ein Denkmal, Leokorion, zu Athen am nörd-
lichen Markt, Suid. und Ilarpokr. s. v. ylsco-
’hoqiov. Aelian. V. H. 12, 28. Demosth. in
Conon. p. 1258. Epitaph, p. 1398. Diod. 17, 15.
Paus. 1, 5, 2. Cic. N. D. 3, 17. Bursian
Geogr. 1, 287. — 2) Tochter des Danaos, ver-
mählt. mit dem Aigyptiden Demarchos, Hyg.
f. 170. [Stoll.] ,
1307
Eubuleus
Euedoreschos
1398
Eubuleus (Evßovltvg), 1) nach argivischer
Sage Sohn des aus Argos nach Attika ge-
flüchteten Demeterpriesters Trochilos, der in
Eleusis aufser dem Eubuleus den Triptolemos
zeugte. Nach einem orphischen Gedichte aber
waren beide Brüder Söhne des Dysaules, Paus.
1, 14, 2. — 2) Ein Schweinehirt. Als Hades
die Persephone in die Unterwelt entführt#,
weidete er an dieser Stelle seine Herde, von
der ein Teil mit von dem Schlund verschlungen
wurde. Darauf führte man den Brauch bei
der Eeier der Thesmophorien zurück, dafs
man dem Eubuleus zu Ehren eine Anzahl
Schweiuchen in unterirdische Räume (giyaga)
hineinliefs; Schol. Lukian. dial. meretr. 2, 1
(mitgeteilt von E. Rohde im Rhein. Mus. 25,
548 ff.). Clemens Protr. p. 25. Lobeck Aglaoph.
2, 827 ff Preller, Gr. Myth. 1, 639, 1; vgl.
Paus. 9, 8, 1. — 3) Einer der Tritopatores :
Zagreus, Eubuleus, Dionysos, Cic. de N. D.
3, 21. — 4) Evßovlevg (und Evßovlog) , der
Wohlwollende, der Wohlratende, Beiname des
Hades, besonders in den eleusinischen und
orphischen Traditionen, Schol. Nikand. Al. 14.
Gornut. 35. Hesych. s. v. Preller, Myth. 1,
659; \Kaibel, epigr. 272, v. 9 = C. I. Gr. add.
2347". Lebas 4,1899. S. Eukles. Roscher]; des
Bakchos, Orph.H. 28,8. 51,4. Plut. Symp.
7, 9, 7. Macrob. Sat. 1, 18; er heifst auch
Sohn des Eubuleus, Orph. H. 41, 2. Gerhard,
Gr. Myth. 1. § 457, 5. Preller, Myth. 1, 584, 6;
auch Beiname des Zeus, besonders zu Kyrene,
Diod. 5, 72. Hesych. s. v. [Stoll.]
Eubulos (. EvßovXog ), 1) Beiname des Hades,
(vgl. Eubuleus) Orph. h. 17, 12; 29, 6; 55, 3.
— 2) nach Diod. 5 , 67 Sohn der Demeter,
nach Paus. 2, 30, 3 des Sühnpriesters Karma-
nor auf Kreta, Yater der Karme, die von Zeus
die Britomartis gebiert. [F. A. Voigt.]
Euchaites (Ev%ahrjg) , selbständiger Name
des Pluton oder Hades in der Inschrift hei
Kaibel, epigr. 1034 v. 23. [Roscher.]
Euciienor (Ev%r/ vag), 1) Sohn des Sehers
Polyeidos, ein reicher und edler Mann aus
Korinth, dem sein Vater verkündigt hatte, er
würde, wenn er nicht den Tod durch Krank-
heit in seinem Hause erwarte, vor Troja fallen.
Trotzdem zog er aus Ehrgefühl im Gefolge
des Agamemnon (Paus. 2, 4, 2) mit, obwohl
er sich durch eine Bufse hätte loskaufen
können, und kam durch einen Pfeil des Paris
um, Horn. II. 13, 663ff Find. Ol. 13, 78. 82
mit Schol. Simon, fr. 60. Cic. de divin. 1, 40.
Nach dem Schol. Vict. z. II. a. a. O. liefs Phere-
kydes ihn samt seinem Bruder Kleitos am Zuge
der Epigonen gegen Theben teilnehmen; seine
Mutter heifst dort Eurydameia aus dem Stamme
des elischen Augeias ( Müller , FUG. 4, 638).
Durch Polyeidos, Ivoiranos, Abas, Melampus
und Amythaon stammte er von Kretheus, dem
Bruder des Sisyphos, ab, woraus sich seine
Zugehörigkeit zu Korinth erklärt. Eine andere
Sage nennt Koiranos als Vater, Polyeidos als
Grofsvater des Euchenor und läfst diesen in
Megara das Bild des Dionysos Dasyllios stiften
(Paus. 1, 43, 5). Eustathios endlich, der auch
auf den Unterschied zwischen Achills und
Euchenors Bestimmung hinweist, giebt folgende
Reihe: Polyeidos, Koiranos, Kleitos, Mantios,
Melampus. — 2) Sohn des Aigyptos und einer
arabischen Frau, der Danaide Ipbimedusa als
Gatte bestimmt (Apoll. 2, 1, 5). — 3) Vater
des grausamen Königs Echetos (Schol. Hom.
Od. 18, 85). | Wilisch.J
Eucliir (= Ev%slq, Personifikation der Kunst-
fertigkeit), 1) ein Verwandter des Daidalos
(s. d.) , der Begründer der Malerei in Grie-
chenland, Aristot. bei Plin. n. h. 7, 56, 205.
— 2) ein Bildhauer, welcher ebenso wie
Diopus und Eugrammus mit Damaratus aus
Korinth nach Etrurien floh und mit ersteren
zusammen in Italien die Bildhauerkunst ein-
führte, Plin. n. h. 35, 12, 152. Vgl. Soph. O.
C. 472. Brunn, Künstler gesch. 1, 529. 2, 5. 302.
[Steuding.]
Eudaimon (Evdca'ycov), Sohn des Aigyptos,
vermählt mit der Danaide Erate (?), Hyg. f.
170. [Stoll.]
Eudaimonia (Evdcayovi'a), 1) Personifikation
göttlichen Segens, Begleiterin der Aphrodite
und des Eros, Früchte pflückend und bringend
dargestellt auf einer Vase bei Müller- Wieseler,
Denkm. a. K. 2, 296 d. C. I. Gr. 8361; vgl.
ib. 8444. Vergl. Eutychia. — 2) Mainade,
Heydemann, Satyr- u. Bakchennamen S. 7 u. 17 ;
vgl. C. I. Gr. 8380, wo falsch Eudaimos ge-
lesen wird. [Roscher.]
Eudaimos (?); s. Eudaimonia.
Eudia ( EvSid ), 1) Nere'ide auf einer Kylix
in Neapel: C. I. Gr. 8406. — 2) Mainade auf
einer Vase: C. I. Gr. 7462. Müller- Wieseler,
D. a. K. 2, 487. Heydemann , Satyr- u. Bak-
chennamen S. 22. Vgl. Eua. [Roscher.]
Eudanemos (Evddvigog) siehe Ileudanemos.
Eudore ( EväcoQrj , die Gabenfrohe, Benefica),
1) Okeanide, lies. Theog. 360. Schümann, Op.
Ac. 2, 148. Braun, Götterl. § 161. — 2) Ne-
reide, lies. Tlieog. 244. Apollod. 1, 2, 7. Schü-
mann 2, 166. Braun § 77. — 3) Eine Hyade,
Tochter des Atlas und der Pleione, Hesiod. b.
Schol. Arat. Phaen. 172. Pherekydes b. Schol.
II. 18, 486 ( Müller , fr. hist. gr. 1, 84, 46. 3,
304, 19). Hyg. P. A. 2, 21. fab. 192. Eustath.
Hom. p. 1156, 62. Vülcker, Iapct. Geschl. 88.
249. [Stoll.]
Eudoros (Eväcogog) , 1) Sohn des Hermes
und der Polymeie, von seinem Grofsvater
Phylas erzogen, einer der fünf Führer der
Myrmidonen unter Achilleus, ein tapferer sclinell-
füfsiger Krieger, II. 16, 179 ff Achilleus gab ihn
während der Zeit seines Zornes dem Patroklos in
den Kampf mit, damit er ihn abhalte, zu weit vor-
zudringen; er ward von Pyraichmes getötet,
Eustath. Hom. p. 1697, 56. — 2) Sohn der
Niobe, Plierekyd. b. Schol. Eur. Phoen. 159.
Stark, Niobe 96. — [3) Teilnehmer an einer
(mythischen?) Eberjagd auf einem Krater: C.
I. Gr. 7373. Roscher.] [Stoll.]
Euedokos (Evedeoxog) s. Eneubulos.
Euedoreschos (EvsdcoQtaxog), ein König der
Chaldäer aus Pantibibla vor der Sündflut,
Abyden. b. Sync. 38 b in Müller, fr. h. gr. 4,
280. Denselben nennt Beros. fr. 6 b. Sync.
39 b a. a. O. 2, 500 Evsd'cögaxog und fr. 5 b.
Euseb. chron. 5 a. a. O. 2, 499 Edoranchus.
[Steuding.]
1399
Euenia
Eukolos
1400
Euenia (Evgvia), Tochter des Aietes, Ge-
mahlin des Phrixos, Plierek. in d. Schöl. z. Apoll.
Bh. 2, 1149. Sonst wird dieselbe Chalkiope
(s. d.) oder auch Iophossa genannt. [Steuding.]
Buenos (Evgvog oder Evgvog-, vgl. Gramer,
Anecd. 2, p. 67, 34), 1) Sohn des Okeanos u.
der Tethys, Stromgott in Ätolien, Hes. Theog.
345. Braun, Götterl. _§ 139. — 2) Sohn des
Ares und der Demonike, König in Ätolien,
Bruder des Molos, Pylos, Thestios, Vater der
Marpessa. Als Idas die Marpessa geraubt
hatte, verfolgte er den Räuber, und da er ihn
nicht erreichte, stürzte er sich in den Flufs
Lykormas, der von ihm den Namen erhielt.
II. 9, 557 u. Schöl. Apollod. 1, 7, 7. 8. Tzetz.
Lyk. 561. Blut, de fluv. 8, 1. Bei Blut. Par.
c. 40 ist er Sohn des Ares und der Sterope
und zeugt mit Alkippe, der Tochter des Oino-
maos, die Marpessa; als er sich in den Flufs
gestürzt, wird er unsterblich. Hyg. f. 242
(vgl. f. 162) nennt ihn Sohn des Herakles und
sagt, der Lykormas, in welchen er sich ge-
stürzt, heifse jetzt Chrysorrhoas. — 8) Sohn
des Selepios, König von Lyrnessos, Vater des
Mynes (des Gemahls der Briseis, Scliöl. II.) u.
Epistrophos, welche von Achilleus bei der
Eroberung von Lyrnessos getötet wurden, II.
2, 693. [Stoll.]
Euepes {Evsng g), Sohn des Mnesigenes (Me-
lesigenes Bernhard y), Vater der Eumetis, der
Mutter des Homer, Gliarax bei Suid. s, "Oyggog
in Müller, fr. h. gr. 3, 641, 20. [Steuding.]
Eueres (Evyqgg), 1) Sohn des Herakles u.
der Parthenope, einer Tochter des Stymphalos,
Apollod. 2, 7,8. — 2) Sohn des Pterelaos,
Königs der Taphier. Er zog mit seinen Brü-
dern in den Krieg gegen Elektryon und seine
Söhne und blieb in dem Kampfe von den
Brüdern allein übrig, Apollod. 2, 4, 5. 6; s.
Amphitryon. — 3) Vater des Teiresias, aus
dem Geschlechte des Sparten Udaios, Apollod.
3, 6, 7. Hyg. f. 68. 75. [Stoll.]
Eueteria ( EvszgQi'a ) = Abundantia? (s. d.),
C. I. Gr. 1104 ( vciog E-cxg). [Roscher.]
Euguotos (Evyvazog), ein Thebaner, dessen
Sohn Eumelos, ein eifriger Diener des Apollon,
seinen Sohn Botres im Zorne beim Opfer er-
schlug, worauf dieser durch die Gnade des
Apollon in einen Vogel verwandelt wurde,
Ant.Lih. 18. S. Eumelos und Botres. [Stoll.]
Euios = Dionysos (s. d.).
Euippe {EvCn ng), 1) zwei Töchter des
Danaos von verschiedenen Müttern, die eine
mit dem Aigyptiden Argios, die andere mit
linbros vermählt, Apollod. 2, 1, 5, 5 u. 7.
Bei Hyg. f. 170 ist die Danaide Euippe mit
dem Aigyptiden Agenor vermählt. — 2) Toch-
ter des Leukon zu Orchomenos, Enkelin des
Athamas, Gemahlin des Andreus, von dem
(oder von Kephissos) sie. den Eteokles gebar,
Paus. 9, 34, 5. Gerhard, Gr. Myth. 2. Stammtf.
p. 224. 226. — 3) Tochter des Daunos, ge-
liebt von Alainos, einem Stiefbruder des Dio-
medes, Tzetz. L. 603. — 4) Tochter des Ty-
rimmas, mit welcher Odysseus, als er nach
Ermordung der Freier wegen gewisser Orakel
nach Epeiros gereist und von Tyrimmas gast-
lich aufgenommen worden war, den Euryalos
zeugte. Als dieser, erwachsen, von der Mutter
nach Ithaka geschickt worden war, wurde er
von Odysseus, ohne dafs dieser ihn erkannte,
getötet, Parthen. 3 nach der Tragödie Euryalos
von Sophokles, Nauck, trag. gr. fr. p. 141.
Welcher, gr. Trag. 1, 248. Nach Lysimachos
b. Eustatli. Horn. p. 1796, 51 hiefs ihr und des
Qdysseus Sohn Leontophron, nach andern
Doryklos, Eudoc. p. 74. 394. — 5) Gemahlin
des Pieros, Mutter der Pieriden, Ovid. Met. 5,
303. [Stoll.]
Euippos {Evimtog) , 1) Sohn des Thestios
(s. d. u. vgl. d. Art. Meleagros). — 2) Ein
Lykier, den Patroklos vor Troja tötet, II. 16,
417. — 3) Sohn des Megareus, von dem
kithaironischen Löwen getötet, s. Alkathoos.
[Bernhard.]
Eukleia {EvhXsiö), 1) Beiname der Artemis
(s. d.) — 2) Beiname der Aphrodite ? C. I. Gr.
5954. — 3) Göttin des Ruhmes (= rdea Glo-
ria’), in Athen verehrt G. I. Att. 3, 277. 623.
624. 733. 738 (iSQSvg Evxhsiag xal EvvogCag).
Nach Paus. 1, 14, 5 befand sich in Athen ein
Tempel der Eukleia, dvdögyct xai zovzo ano
Mfjöcov , oi' zgg Muquöü>vl s6%ov. Viel-
leicht ist diese Eukleia ursprünglich mit Arte-
mis Eukleia identisch gewesen, wie A. Mömm-
sen, Heortölogie 410 vermutet. Vgl. jedoch die
Kylix C. I. Gr. 8362b, wo Aphrodite begleitet
von Eukleia, Eunomia, Klymene, Harmonia u.
Pannychis dargestellt ist, und die Vase C. I.
Gr. 8364 (Peitho u. Eukleia). [Roscher.]
Eukles {Evxlgg, ep. Evxlsgg) euphemisti-
scher Beiname des Hades, nach Hesych. 2,
p. 224 Schm.: Evxlgg • o cjcdgg xcxl ovogaazbg
xal svsidyg (wo die Konjekturen von Musurus
und Schmidt unnötig sind), vgl. Hades Ivly-
menos. Zu einer selbständigen Person hypo-
stasiert erscheint der Name auf einer sybari-
tischen Grabinschrift in den Notizie degli scavi
1880, p. 155, tab. VI, (vgl. Journal of Hellen,
stud. 3, 2, p. 111): SQXogcu sh xuö’uqgöv xa-
&aga, %&ovicov ßaailsia, Evxlgg Evßovlsvg zs
xal dQ'd.va.xoi &soi cilloi. Die oskische Form
Evklox auf der Tafel von Agnone (Vezkei
Evkloi Kern: s. oben den Art. Ceres, S. 860)
läfst auf ein unteritalisches Evxkog schliefsen.
Vgl. Mommsen, unter italische Dialekte 13;
Bücheier, Bliein. Mus. 36. 332 f. [Crusius.]
Euknamos ( Evxvuyog ), ein Held aus Am-
phissa, welcher von den Phokern als Heros
verehrt wurde. Plut. amat. 17, 16. [Steuding.]
Eukoline {EvHoUvg), Beiname der Hekate
hei Kallimachos nach Etym. M. p. 392, 27:
Evxolivr] g -'Excixg liysxai txciqcc Kalh.ga%ip
hux’ civzi'cpQaoiv , rj gl] ovGa svnokog. Es ist
also eine euphemistische Bezeichnung der
chthonischen Hekate; sehr mit Unrecht sub-
stituierte Bentley ’Exukg, vergl. Schneider Cal-
lim. 2 p. 208. 356. [Crusius.]
Etikolos (Evnolog) . . . ’Egggg nagcc Mszu-
novzloig, Hes. 2, p. 224 Schm. Der Beiname
gilt vermutlich dem Gotte als Totengeleiter.
Hierher gehört wohl auch das Archäol. Zeitg.
1874 S. 148 besprochene Sepulkralrelief mit
der Inschrift: Ildvlog avsögnsv EvxoXog-, vgl.
Journ. of Hellen, studies 5 (1885) S. 117.
[Crusius.]
1401
Eukrante
1402
Eumolpos
Eukrante ( EvxQocvzr /), Nereide, lies. Theog.
243. Vgl. Eukrate. [F. A. Voigt.]
Enkrate (Evv.gdz rj), eine der Nereiden (s.
d.), Hes. Tlieog. 243, wo manche EvY.Qu.vzri
schreiben, Apollod. 1, 2, 7. Schoemann, Op.
Ac. 2, 169 (Temperia, quae aestivos calor es
amoeno f rigor c temperat; Schol. Hes. Sicc z 6
evkqktovs SlSovcu zovg k EQag). Braun , Gr.
Götterl. § 76. (Eukrante, die lieblich herr-
schende Woge). [Stoll.] io
Eukrates (EvYQuzg g), Satyr auf einer Trink-
schale in Würzburg: Heydemann, Satyr- und .
BaJcchennamen S. 26. [Roscher.]
Eulabeia (Evlußsia), von Eteokles bei Eu-
ripides ( Phoen . 782 f.) als xpriGigcozcczr] ttfwr
bezeichnet und als Retterin Thebens angerufen,
nach dem Schol. z. d. Stelle, l'vcc uvzoi cccpo-
ßcog E7iel&cooLV rj l'vcc zoig nolEpioig cpößov tg-
ßccly ; vgl. Deimos u. Pliobos. [Roscher.]
Eulimene (Evhgsvrf), 1) eine der Nereiden 20
(s. d.), Hes. Theog. 246. Apollod. 1, 2, 7. Schoe-
mann Op. Ac. 2, 166 (Fortuna, quae commodas
navibus stationes praebet ; vergl. Schol. Hes.).
Braun, Gr. Götterl. § 78. Preller, Gr. Myth. 1,
455. — 2) Tochter des Kydon, Königs in Kreta,
welche, vom Vater dem Apteros (Apteras?) zur
Ehe versprochen, mit Lykastos heimlichen Um-
gang pflog. Deshalb befahl das Orakel in einer
Kriegsnot sie den einheimischen Heroen zu
opfern. Dies geschah trotz dem Widerspruch 30
des Lykastos, der sein Verhältnis mit Eulimene
offenbarte. Apteros tötete den Lykastos und
flüchtete darauf zu Xanthos nach Termera.
Asldepiad. Myrl. bei Parthen. 35. Müller fr.
hist. gr. 3, 300, 1. [Stoll.]
Eumache (Evgccxg), Amazone auf einer rot-
figurigen Vase: de Witte, Cat. Beugnot nr. 41.
[Klügmann.]
Euinaios (Evga 10g), 1) der treue Sauhirt des
Odysseus (s. d.), Sohn des Ktesios, Königs von 40
Syros, in seiner Kindheit von einer phönikischen
Sklavin mit auf das Schiff ihrer Landsleute
genommen und an Laertes verkauft (Odyss.
0 403—484). Auf den Rat der Athena (v 404)
begiebt sich Odysseus nach seiner Ankunft auf'
lt.haka zuerst zu diesem treuergebenen Diener,
der ihn gastlich aufnimmt, die Bedrängnis des
Herrenhauses durch die Freier erzählt und ihm
ein Nachtlager bei sich bereitet (Buch £).
Seine Mitteilungen ergänzt er am nächsten 50
Tage, besonders durch Nachricht vom Leben
des alten Laertes (0 301 ff.). Er empfangt
freudig den zurückkehrenden Telemachos
(tc 11 — 158) und begiebt sich auf dessen Be-
fehl zu Penelope, um dieser die Ankunft des
Telemachos zu melden. Er führt den Odysseus
als Bettler in die Stadt und sein Haus (q 182 ff.)
und vor Penelope (q 507 ff). Ihm und dem
treuen Rinderhirten Philoitios giebt sich
Odysseus zu erkennen (cp 188 ff), worauf sie co
ihm bei den Vorbereitungen zum Freiermorde
und bei diesem selber behilflich sind; ins-
besondere fesseln sie den verräterischen Mel-
anthios , der den Freiern Waffen bringen will
(l 162 — 200). [Nach Arist. b. Flut. Q. Gr. 17 war
Eumaios Stammvater des Koliadengeschlechts
auf Ithaka. Die bildlichen Darstcdlungen des Eu-
maios 3. b. Overbecic, Bildiv. z. (heb. u. troian.
Heldenkr. S. 801 ff. Atlas Taf. 33 nr. 3 u. 5. —
2) Trojaner, Q. Sm. 8, 96. R.] [F. A. Voigt.]
Eumedes (Evggögg), 1) Herold, Vater des
Kundschafters Dolon, II. 10, 314sq. — 2) Nach
der Alhmaionis einer der Söhne des Melas,
welche dem Oineus nachstellten und darum
von Tydeus erschlagen wurden, Apoll. 1, 8, 5,
3. — 3) Sohn des Hippokoon, Paus. 3, 14, 6.
[F. A. Voigt.]
Eumedon (EvgiSmv), Sohn des Dionysos
und der Ariadne, Argonaut nach Hyg. f. 14.
[Seeliger.]
Eumeides (Evgslörjg), Sohn des Herakles von
einer Thespiade, Apollod. 2, 8, 1. [F. A. Voigt.]
Eumelos (EvgrjXog), 1) Sohn des Admetos
und der Alkestis, ,, Herdenreich“ genannt nach
dem seinen Vater charakterisierenden Reich-
tum, den dieser dem Knechtsdienste Apollons
verdankte. Er führt vor Ilion die besten Rosse,
die Apollon geweidet (Hom. B 711. 765) und
gewinnt mit ihnen einen Preis bei den Lei-
chenspielen des Patroklos (W 375). Gemahl
der Iphthime (d 797). — 2) erster König von
Patrai, Vater des Antheus, bei dem Triptole-
mos einkehrt, Paus. 7, 18, 2. — 3) Sohn des
Urkönigs Merops auf Kos; wegen übermütiger
Gottlosigkeit werden er und seine 'drei Kin-
der in Vögel (Bvacu-ßvaou , Mtgonzg-yluv^,
’. 'AyQu>v-%ccQciÖQi6g ) , er selber in den ominösen
Nachtraben verwandelt (Ant. Lib. 15). — 4)
Sohn des Eugnotos in Theben, frommer Ver-
ehrer Apollons, der ihm den im Zorn erschla-
genen Sohn Botres in einen Vogel verwandelt
(ib. 17); beide auf volkstümlichen Augurien
ruhende Legenden sind der Ornithogonie des
Boios entnommen. — [5) Ein zu Neapolis ver-
ehrter Gott oder Heros: C. I. Gr. 5786: Ev-
gglov &sbv tcuzqwov cpQr’izoQOLv Evggl.si.do0v T.
d?l(xv'Cog niog uvE&rjKSv k. z. X. [R.] [F.A. Voigt.]
Eumenides s. Erinys.
Eumetes (Evgf]zr\g), Sohn des Lykaon, Ap.
3, 8, 3. [F. A. Voigt.]
Euinetis (Evggzfg), Tochter des Euepes,
von Maion oder Metios (?) Mutter des Homer,
Cliarax bei Suid. s. v. OggQog in Müller , fr.
h. gr. 3, 641, 20. [Steuding.]
Eumolpe (Evgolng), Nereide, Apollod. 1, 2,
7. [F. A. Voigt.]
Eumolpos (EvyolTtog) , Sohn des Poseidon
und der Chione, Tochter des Boreas und der
Oreithyia. Er wird von seiner Mutter aus
Furcht vor ihrem Vater ins Meer geworfen,
von Poseidon aber nach Äthiopien zu seiner
Tochter Benthesikyme gerettet. Dort wird er
aufgezogen und erhält die Tochter der Ben-
thesikyme zur Frau. Als er auch die Schwe-
ster seiner Gattin begehrt (vgl. den Thraker
Tereus), wird er vertrieben und kommt mit
seinem Sohne Ismaros zu Tegyrios, dem König
der Thraker, welcher seine Tochter mit dem
Ismaros vermählt. Infolge der Nachstellungen,
die er dem Tegyrios bereitet, aus Thrakien
vertrieben, geht er nach Eleusis. Nach dem
Tode seines Sohnes wird er nach Thrakien
zurückgeholt, übernimmt nach dem Tode des
Tegyrios dessen Herrschaft, und kommt von
dort aus den Eleusiniern auf ihren Wunsch
im Kampf gegen die Athener zu Hilfe. Dort
1403
Eumon
fällt er ( Apollod . 3, 14, 4. Steph. Byz. s. y.
Al&iorp. Hygin. f. 157). Bei Clem. Alex, protr.
2, 20 wird er als ygytvgg bezeichnet, der zur
Zeit der Ankunft der Demeter in Eleusis als
noiyriv wohnte. Nach TheoJcr. 19, 110 ist er
ein Sohn des Philammon. Oder er ist der
Sohn (oder Schüler) des Musaios, dessen
Gedichte er bekannt machte ( Marm . Par. 27.
Diog. Laert. prooem. 3. Schol. Aesch. in Ctes. 18),
von der Selene (schol. Arist. ran. 1033) ; anderer- l
seits wird Musaios als sein Sohn bezeichnet.
Um die verschiedenen Mythen unter einander
zu vereinigen, nimmt man drei verschiedene
Personen desselben Namens an: 1) Eumolpos
den Thraker, Vater des Keryx, 2) Sohn des
Keryx, Vater des Antiphemos, 3) Sohn des
Musaios. Dieser letzte Eumolpos gilt als Be-
gründer der Mysterien; der zweite heifst auch
Sohn des Apollon und der Astykome; dem
dritten wird Deiope, Tochter des Triptolemos, 2
zur Mutter gegeben (Schol. Soph. Oed. Gol.
1053. Alcidam. Odyss. 5. Photius s. v. Evuol-
nCSca). Er ist Stifter der Mysterien (Plut. de
exil. 17. Luc. Demon. 34; nach Schol. Eurip.
Phoen. 854 dagegen bestanden diese schon
vorher, und er ist der erste, welcher als (gsvog
geweiht wird). Nach Horn. h. in Cer. 476
unterrichtet ihn die Göttin selbst in den Ge-
heimlehren, vgl. Paus. 2, 14, 3. Er reinigt
den Herakles vom Mord der Kentauren und 3
weiht ihn in die Mysterien ein (Apollod. 2, 5,
12. Mythogr. gr. 353, 11) oder unterrichtet
ihn im Saitenspiel (Theolcr. 19, 110). Auch
den Midas unterrichtet er, gemeinsam mit
Orpheus, Ovid. Met. 11, 93. Auf ihn wird die
Kultur des Weinstocks und die Baumzucht
zurückgeführt, Plin. n. h. 7, 199. Er erfindet
die Vokalbegleitung zum Flötenspiel (Hygin.
f. 273). Über den Krieg gegen Erechtheus, König
der Athener, s. d. Artikel Erechtheus, vgl. noch 4
Alcidam. Odyss. 5. Plato Menex. 239 B. Strabo,
7, 7 (nach 8, 7 wird er von Ion, dem Sohne des
Xuthos, besiegt). JDemosth. ’epit. 8. Plut. parall.
31. Luc. Demon. 34. Anach. 34. Theon pro-
gymn. 4 (Bhet. ed. Walz 1, 201). Giern. Alex.
Strom. 21, 103. Sein Grab wurde in Athen
und in Eleusis gezeigt (Paus. 1, 38, 2); nach
Giern. Alex, protr. 3, 45 war dagegen sein
und der Daeira Sohn Immaros (Immarados bei
Paus. 1,5,2. 27, 4. 38, 3) in ^.then begra- 5
ben. Nach dem Tode des Eumolpos tritt in
Eleusis sein Sohn Kr\QV%, der Stammvater der
KriQvy.Es, an seine Stelle, der jedoch nach der
Aussage der Kr'iQvyig ein Sohn des Hermes
und der Aglauros ist (Paus. 1, 38, 2). Vgl.
Lobeck, Aglaoph. 207. 239. 311.
Eine Statue des Eumolpos, oder nach andern
seines Sohnes Immarados, stand in Athen auf
der Akropolis, Paus. 1, 27, 4. Auf einem
Vasenbild ist er bei der Aussendung des Tri- e
ptolemos zugegen. Arm. deW Inst. 1872, 228.
Mon. delV Inst. 9, 43. Über Darstellungen
des Kampfes mit Erechtheus (s. d.)
[Engelmann.]
Eumon ( Evpcov ?), Sohn des Lykaon, Apol-
lod. 3, 7, 8, 1. [Roscher.]
Eunaeus oder Euneus, Sohn des Clytius,
im Kampf gegen Turnus auf seiten des Aneas ;
Eunomia 1404
er war der erste, der von Camilla getötet ward,
Verg. Aen. 11, 666. [Stoll.]
Euneike (Evvetr irj lies. Et. M. 393, 31 ff. 276,
2 ; sonst EvvCyg), 1) eine der Töchter des Nereus
und der Doris. lies. Theog. 246. Apoll, bibl.
1, 2, 7 bei Müller fr. h. gr. 1, 105, Et. M.
Hygin. fab. praef. — 2) Euneika, eine der drei
Quellnymphen, welche den Hylas raubten, im
Lande der Kianoi an der Propontis, Theolcr.
13, 45. [Steuding.]
Euneos (Evvrqog ; Evveoj g G. 1. Gr. 8432 .Strabo,
. Hesych., Evvsog Nie. Dam., Evvsvg Etym. 3t.,
Evvoog Anthol. Pal., Philostr.), Sohn des Iason
und der Hypsipyle , der Tochter des Königs
Thoas von Lemnos. Er liefert den Griechen vor
Troja Wein (Horn. II. 7, 468 und Asläep. Trag.
in den Schol. Ven. z. d. St., Apollod. bibl. 1.
9, 17, 2. Hesych., Nie. Darnasc. frgm. 18 bei
Müller fr. h. gr. 3, 368. Etym. M. 393, 35;
o vergl. 165, 47 u. Suid., Mythogr. Vat. 1, 133.
2 , 141) und kauft den Sohn des Priamos Ly-
kaon, den Achilleus gefangen, durch Vermitt-
lung des Patroklos für einen phoinikischen
Mischkrug wieder los (II. 23, 747 vgl. 21, 41.
Quint. Srnyrn. 4, 383. Strabo 1, 2, 33 S. 41).
Achilleus gilt als sein Verwandter, Dernetr.
Skeps. bei Athen. 1, 2, 38 u. 40 S. 45 f. Mit
seinem Bruder Thoas befreit Euneos seine
Mutter aus der Sklaverei des Lykurgos und
o der Eurydike und führt sie nach Lemnos zu-
rück, nachdem die Brüder von ihr an einem
goldnen Weinstock, dem Zeichen ihrer Ab-
stammung (vgl. die elfenbeinerne Schulter der
Pelopiden) erkannt worden waren ([ C . I. Gr.
8432. Gerhard, Ges. alc. Abhdl. 1, 9. ft.] Anthol.
Pal. 3, 10 u. Dübner dazu S. 47). Als Philokte-
tes sich auf Lemnos aufhielt, unternahm Euneos
mit ihm Streifzüge auf die in der Nähe liegen-
den Inseln (Philostr. heroic. 5, 2 S. 703). Myth.
o Vat. 1 , 199 leitet wohl richtig den Namen
von ev und vgvg = bene navigans ab. Mül-
ler, Orchorn. 304 u. Welcher , Aesch. Tril. 592
fassen denselben als ursprüngliches Beiwort
des Iason auf. Über die Argonauten auf Lem-
nos s. o. S. 519, 66ff. , Preller, Gr. 3Iyth.1 2,
221 f. — 2) Evvsarg, ein athenischer Jüngling,
Begleiter des Theseus auf seinem Zug gegen
die Amazonen, der jedoch mit dem vorigen
vielleicht identisch sein dürfte, da einer seiner
o beiden Brüder ebenfalls Thoas heifst, Menecr.
Nys. bei Plut. Thes. 26, 5. Auch leiteten die
athenischen Evveiöca ihr Geschlecht von Ev-
vsvg, dem Sohne des Iason, ab, Etym. 3Iagn.
393, 35 [Steuding.]
Eunike (EvvUg), 1) = Euneike (s. d.) — 2)
Begleiterin des Theseus bei des Minotauros
Erlegung: C. I. Gr. 8139. [Roscher.]
Eunoe (Evvorf), eine Nymphe, von Dymas
Mutter des Asios, des Bruders der Hekabe.
o Pherekyd. in d. Schol. Victor, zu Horn. II. 16,
718 bei Müller fr. h. gr. 4, 345, 2; vgl. Schol.
Venet. z. Eurip. Hccub. 1 bei 3 Heller a. a. 0.
4, 639 zu pag. 95 fr. 99, wo Hekabe als Toch-
ter des Dymas yai NyiSog vvpcpgg Evctyogct g
(s. Euagore) bezeichnet wird. [Steuding.]
Eunomia (EvvogCcc, -Crf), 1) eine der Horen
(s. d.). = 2) Personifikation der Gesetzlichkeit
(svvogree), wohl eigentlich mit nr. 1 identisch.
Eunomos
1405
Ihr Kopf erscheint auf Münzen von Gela {Ev-
vofu'a FeXcomv) ähnlich der Demeter: Mißlin-
gen, Anc. Coins 2, 10. Ann. d. Inst. 2 p. 313.
Müller, Händb. d. Arcli. 406, 2. Vergl. den
Titel Evvoyi'cc eines Gedichts des Tyrtaios
{Bergk, Poet. Lyr. fr. 1). [Roscher.]
Eunomos ( Evvoyog ). Als Herakles nach
seiner Vermählung mit Deianeira längere Zeit
bei dem Schwiegervater Oineus in Kalydon
verweilte, traf ihn das Unglück, dafs er bei i
einem Gastmahl (nach Tzetzes hei dem Hoch-
zeitsmahl) den Knaben Eunomos , Sohn des
Architeles, einen Verwandten des Oineus, tötete.
Als nämlich der Knabe ihm beim Aufwarten
Waschwasser, das für die Füfse bestimmt war,
auf die Hände gofs, wollte er ihm für das
Versehen durch eine Maulschelle eine kleine
Zurechtweisung geben; aber die wuchtige Hand
traf so schwer, dafs er wider Willen den Kna-
ben totschlug. Obgleich der Vater des Knaben 2
dem Herakles den unfreiwilligen Mord verzieh,
so legte dieser sich doch die gesetzliche Strafe,
die Verbannung, auf und zog mit seinem Weibe
und seinem Söhnchen Hyllos nach Trachis.
Apollod. 2, 7, 6. Vgl. Schol. Ap. Bh. 1, 1212.
Diod. 4, 36. Preller, Gr. Myth. 2, 245, 3.
Braun, Gr. Götterl. § 645. Eunomos nennt
den Knaben aufser Apollodor auch Herodor
bei Athen. 9, 4l0f., Ennomos heifst er bei
Tzetz. Lyk. 50 und Chil. 2, 455, Eurynomos 3
bei Diod. a. a. 0. Hellanikos nannte ihn
Archias und anderswo Cherias {Athen, a. a. 0.);
bei Eustath. 1900, 24 heifst er Chairias, bei
Schol. Ap. Bh. a. a. 0. Kyathos, Weinschenk
des Oineus. Nikandros (Athen, a. a. 0.) er-
zählte in seinen Oitai'ka, dafs Herakles den
Kyathos, Sohn des Pyles, Bruder des Anti-
machos, unversehens erschlug, als er ihm
Wein einschenkte, und ihm dann zu Proscliion,
einer Stadt in Atolien, einen Hain weihte, der 4
bis jetzt r 6 Oivoioov heifse. Nach der Er-
zählung der Phliasier bei Paus. 2, 13, 8 ge-
schah der Mord des Kyathos, des Mundschenks
des Oineus, in Phlius, wo Oineus den eine
zeitlang dort weilenden Herakles besuchte, bei
einem Gastmahl, indem Herakles den Knaben
mit einem Finger auf den Kopf schlug, weil
er mit dem gereichten Trunk nicht zufrieden
war. Die Phliasier zeigten noch spät das
Haus, wo dies geschehen, neben einem Heilig- 5
tum des Apollon, und eine Gruppe aus Stein:
Kyathos dem Herakles einen Becher reichend.
Eunoos ( Evvoog ) siehe Euneos. [Stoll.]
Eunoste {Evvoazg), eine Nymphe, die den
tanagräischen Heros Eunostos (s. d.), Sohn des
Elieus, aufzog, woher dieser auch seinen Namen
erhielt, Plut. Quaest. Gr. c. 40. [Stoll.]
Eunostos (Evvocrog), 1) nach Hesych. s. v.
p.227 Schm.-, ayccXydzLOv svzsXlg tvzoig yvXcoaiv ,
o Sonst scpoQcev to stu'(istqov rcäv dXsvqcov, otzsq g
Xsyszoa voazog ; nach Etym. M. 394, 4 ( Eustath .
p. 214,^18 und 1383, 42), &sog imyvXLog rj So-
novaa stpoQciv to ysTQOV ziav dXsvQcov: also wohl
Beiname, wahrscheinlich der Artemis, vgl.
Epimylios. Über die Bedeutung von svvoazog
(„Gutkomm,“ „Gutertrag“) s. Curtius, Leip-
ziger Studien 1, 151; Breal, rivista di philo-
logia 1874, 453. — 2) Sohn des Elieus und
Eupalamos 1 406
der Skias (hei Plut. guaest. Gr. 40), Heros in
Tanagra, aufgezogen von der Nymphe Eunosta.
Keusch und fromm verschmäht er die Liebe
der Oehna, der Tochter des Kolonos, welche
ihn nun wegen angeblicher Vergewaltigung
bei ihren Brüdern Echemos, Leon und Bukolos
verleumdete: das weitere oben S. 832 unter
Bukolos. — Das Heiligtum des Eunostos durfte
kein Weib betreten; geschah es aber doch,
so glaubte man, dafs Erdbeben und Dürre als
Strafe folgten; auch wollte man den Heros
gesehen haben, wie er ans Meer ging, um sich
von solcher Befleckung zu reinigen. — Die
Notiz des Plutarch ist aus dem Werke n sgl
riQüixov des (Peparethiers?) Diolcles {FHG. 3,
p. 786) geschöpft, welcher die böotische Lokal-
dichterin Myrtis von Anthedon (poet. lyr. Gr.
34, p. 542) ausschrieb. Es ist also eine alte,
trefflich bezeugte Sage, die aber wohl in der
Deutung jenes ui'ziov aufgeht, so dafs man in
den novellenartigen Einzelheiten keinen tie-
feren Sinn suchen darf. Das Wesen jenes
Heros war offenbar schon frühzeitig verdun-
kelt; doch scheint er in den Kreis der in
Tanagra eifrig verehrten Artemis {Paus. 9, 22)
zu gehören, der wir auch den Beinamen Ev-
voazog vermutungsweise zugeschrieben haben.
Vgl. Welcher, kl. Schriften 1, 203. S. auch
V. Puntoni, studi di mitologia I {sulla forma-
zione del mito di Ippolito e Fedra) p. 107, wo
verwandte Mythen und Legenden nachgewie-
sen werden. [Crusius.]
Euodos ( EvoSog ), Name eines Heros oder
Beiname des Pan auf einer Inschrift aus Apol-
linopolis magna bei Kaibel, epigr. 825 (= C.
I. Gr. 4838 b). Vergl. ib. 826 (= C. I. Gr.
4838). [Roscher.]
Euoia {Evolcc) , Mainade auf einer Vase:
C. I. Gr. 8379. Heydemann, Satyr- nnd Bak-
chennamen S. 21 u. 40. [Roscher.]
Eiionyme {Evcovvyg) , von Ettozog Mutter
der Erinyen (s. d.), wird mit Fg identifi-
ciert. Istros in d. Schol. Soph. Oed. Col. 42
bei Müller fr. h gr. 1, 419, 9. Schol. Aeschin.
1 , 188. Nach Epimenid. bei Tzetz. zu Lyk.
406 ist sie von Kronos Mutter der Aphrodite,
der Moiren und der Erinyen. Vgl. Preller,
Gr. Myth. 1 1, 520. [Steuding. ]
Euonymos (Evdvvyog), Sohn der Ge und'
des Uranos oder des Kephissos, nach welchem
der attische Demos Euonymos benannt war,
Steph. Byz. s. v. Evcavvyia. Euonymos, der
Sohn des Kephissos, heifst Vater der Aulis,
von welcher die Stadt Aulis ihren Namen
hatte, Steph. Byz. s. v. AvXCg. Schol. II. 2,
496. [Stoll.]
Euope (Evong oder Evangl), Amazone auf
einer rotfigurigen Schale, Brit. Mus. n. 820.
[Klügmann. ]
Euöpe {Evcöng), Bakchantin auf einer Trink-
schale: C. I. Gr. 7468. Heydemann, Satyr-
u. Bahchennamen S. 29. [Roscher.]
Euopis {Evänig), Tochter des Heros Troizen,
die sich um verbrecherischer Liebe willen er-
hängte, Parthen. 31. Curtius Peloponnesos 2,
432. [Stoll.]
Eupalamos {EvTzdXayog, vgl. riaXaggSg g —
HeiXayoyr]8gg, auch E vysig), Sohn des Erech-
1407 Eupeithes
theus, Vater des Metion, Grofsvater ( Diod . 4,
76), gewöhnlich Vater des Daidalos {Apoll.
3, 15, 8. 6. Hyg. fab. 39) und der Metiadusa
(Ap. 3, 15, 5). [F. A. Voigt.'J
Eupeithes (Evnsi'&rjg), Vater des Antinoos
( Hom . q 477). vor den Taphiern flüchtig nach
Ithaka gekommen und dort von Odysseus be-
schützt, q 424 — 430; als er den Tod seines
Sohnes rächen will, wird er von diesem er-
schlagen w 469. 523. [F. A. Voigt.]
Eupetale ( Evnezdhq ), eine Bakchantin,
Amme des Dionysos ( Nonn . Dion. 14, 221.
20, 30), nimmt am Kampfe des Bakchos gegen
die Inder teil (14, 398. 29, 234), wird dabei
verwundet, aber von Bakchos selbst wieder
geheilt (29, 268). Der Name ist von svnszalog
schönblättrig, welches besonders in Bezug auf
den Epheu gebraucht wird ( Aristoph . Thesm.
1000), abgeleitet. [Steuding.]
Eupheme (Evcprgiiq), die Amme der Musen,
von Pan Mutter des Krotos (s. d ). Ihre Sta-
tue befand sich am Wege zum Musenhain am
Helikon, Paus. 9, 29, 5. Sosithcos b. Hyg. P.
Astr. 2, 27. Fab. 224. Erat. Kat. 28. Schol,
Germ. Arat. 291. [Roscher.]
Euplieinos (Evcprgiog, ov, m.), 1) zu Hyrie
gebar ihn Mekionike (Orions Tochter bei
Tzetz. Chil.) von Poseidon, Hesiod b. Schol.
Find. Pyth. 4, 35 = Erg. 79 Götti. Bei den
Leichenspielen des Pelias Sieger mit dem Zwei-
gespann, am Kypseloskasten, Paus. 5, 17, 4;
ebenso mit dem Viergespann, schwarzfig.
Vasenb. in Berlin, Mon. 10, 4. 5. Ann. 1874,
92. 95 Pobert. Hatte vom Vater Poseidon die
Gabe auf dem Meere zu wandeln, Ap. Pli. 1,
182. Asklep. b. Schol. Find. Pyth. 4, 61. Hyg.
f. 14. Tzetz. Chil. 2, 618. Sohn der Europe,
Tityos’ Tochter, am hoiot. Kephissos ge-
boren Find., Ap. Phod., Hyg. f. 157, Phle-
gyer aus Panopeus.
Verflochten in die Gründungssage von(Ky-
rene (Battos Euphemide), theräische Sage
bei Ilerodot 4, 150; einEuphemos, Euphemide,
mit Battos Gründer von Kyrene, Didymos b.
Schol. Pind. Pyth. 4, 455. Der Heros Euphe-
mos war einer der Argonauten (s. d.), ngcg-
qsv g der Argo; nimmt die vom libyschen Tri-
ton (s. auch Eurypylos 6) den Argonauten
gebotene Erdscholle an, von welcher aus, wie
Medeia weissagt , Euphemos’ Nachkommen ;
Libyen bevölkern würden im 17. Glied; im
4. Glied hätten sie es gethan, wenn er die
Scholle in den Hadeseingang zu Tainaron
geworfen hätte (Euphemos Tainarier, Pindar,
Ap. Phod. 1, 179. Hygin. fab. 14; Sohn der
Doris [Oris cod.], Eurotas’ Tochter b. Tzetz.
Chil. u. Lylc.); Euphemos vermählt mit Hera-
kles’ Schwester Laonome, Schol. Pind. Pyth.
4, 76); aber bei Thera ging die Scholle ver-
loren (nach Ap. Phod. warf Euphemos sie ins <
Meer, worauf die Insel erst auftauchte; von
Thera aus erfolgte die Gründung Kyrenes.
Find. Pyth. 4, 1 — 56. Apoll. Phod. 4, 1755.
Theochrestos Libyc. 1 {Müll. frg. hist. 2, 87) u.
Alexandros Kyren. 1 bei Schol. Ap. Phod. 4,
1750. Aslclepiadcs Tragodum. b. Schol. Find.
Euphemos von der Lemnierin Malache
(Lamache cod. Gott.) Vater des Leukopha-
Euphrosyne 1408
nes, Ahn des Battos, Aristoteles, Schol, Pind.
Pyth. 4, 455. Tzetz. Lijk, 886. — Tzetz. Chil. 2
613 ff. O. Müller, Orch. Register. Vor den
Symplegaden läfst Euphemos die Taube fliegen,
Ap. Phod. 2, 536 — 562. — Euphemos kaly-
donischer Jäger, Hyg. f. 173. — 2) Beiname
des Zeus auf Lesbos, Hes. s. v. — 3) Sohn
des Troizenos, Führer der Kikonen, Verbün-
deter der Troer, 11. 2, 846. — 4) Vater des
) Eurybatos, der die Sybaris (Lamia) za
Delphi tötete, Nilcandros b. Anton. Lib. 8.
Ulrichs, Peisen 1, 27, 44. — 5) Als Vater des
Daedalus, f. L. bei Hygin. f. 39 für Eupala-
mus. — <>) Sohn des Philote rpes, Vater des
Epiphrades, in der Genealogie Hesiods,
Certanien p. 315, 1 Göttling. [v. Sybel.]
Euplieno (Evcprjvcc?) , eine der Danaiden
(s. d.), Hyg. f. 170. [Roscher.]
Euphorbos (Evcpogßog, ov, m.), 1) Sohn des
i Panthoos, Dardaner; schlägt dem Patro-
klos die erste Wunde, Ilias 16, 806, wird von
Menelaos getötet, 17, 1 — 60. 82; im argiv.
Heraion glaubte man seinen von Menelaos
dorthin geweihten Schild zu besitzen , Paus.
2, 17, 3. — Pythagoras sagte, er sei einst
Euphorbos gewesen, Schol, Ap. Phod. 1, 645.
Herakl. Pont, bei JJiog. Laert. 8, 1, 4. Klearch.
und Dikaiarch bei Gell. 4, 11, 14 u. a. ; siehe
Zeller, Gesch. d. Philos. d. Grd 1, 282. — 2)
( Evcpogßog ) , den Knaben Oidipus (Oidmodcig)
tragend: rotfig. Amphora aus Vulci, de Witte,
Catal, Beugnot nr. 38. Mon. 2, 14. O. Jahn,
Arch. Beitr. 113. Overbeck, Gail, 11. Taf. 1, 3.
C. I. Gr. 7704. Vgl. den Hirt Phorbas in
Senecas Oedipus. [v. Sybel.]
Euphorion ( Evcpogi'cov ), Sohn des Achilleus
und der Helena, geboren auf den Inseln der
Seeligen. Er war geflügelt (nzsQcozög) und
hatte seinen Namen von der Fruchtbarkeit
seines Geburtslandes. Zeus liebte ihn , aber
wurde von ihm verschmäht. Als Euphorion
vor ihm floh, erreichte Zeus ihn auf der Insel
Melos, wo er ihn mit den Blitzstrahle tötete.
Die Nymphen, welche ihn bestatteten, wurden
von Zeus in Frösche verwandelt. Apokryph.
Mythus bei Ptolem. Heph. 4. Vgl. ob. S. 66.
[Roscher.]
Euphrates (Evcpgclzyg), Sohn einer Priesterin
der Aphrodite und Bruder des Tigris und der
Mesopotamia, Iamblich. dram. 8, oder Sohn
des AgavSasog (wofür (kagcivSasog vermutet
wird). Dieser soll seinen Sohn A^ovgzccg, den
er neben der Mutter ruhend fand, in der Mei-
nung, es sei ein fremder Mann, getötet uud
sich dann, nach Erkenntnis seines Irrtums, in
den Flufs Medos gestürzt haben , welcher
nach ihm Euphrates genannt worden sei. Apo-
krypher Mythus b. Pscudoplut. de fluv. 20.
[Steuding.]
Euphrone. Bekanntlich ist svcpgövri euphe-
mistische Bezeichnung der Nacht; bei Flut,
conviv. 7, guaest. 9, 7 setzt Dübner. (durch die
Schreibung Evcpgovy) eine Personifikation an
— kaum mit Recht; eher liegt eine solche in
dem Patronymikon Evcpgoviäyg, Anthol. Pal.
app. nr. 281, 6 loig, ?}v zss.iv Ovgavbg Evcpgovi-
drjg szl. \Kaibel, epigr. 1029 R.] [F. A. Voigt.]
Euplirosyne (EvcpgoGvvy), eine der Chariten
1409 Eupolemeia
(s. d.) — Bei Hyg. praef. in. ist Euphrosyne
mit vielen verschiedenartigen Geschwistern ein
Kind der Nacht und des Erebos, ebenso wie
Gratia bei Cic. de N. D. 3, 17, 44. — - Orph.
Hymn. 2,8 ist svcpgoavvri ein Beiname der
Nacht. [Stoll.]
Eupolemeia {Einolsysiu), Tochter des Myr-
midon aus Phthia, welche dem Hermes am
Flusse Amphrysos den Aithalides, den Herold
der Argonauten, gebar, Apoll. Bhod. 1, 55.
[Stoll.'J
Eupompe ( Evnoynri ), eine derNereiden(s.d-),
lies. Tlieog. 261. Scliömann, Op. Ac. 2, 166 (De-
duca). Braun, Gr. Gotterl. § 89. Bei Apollod.
1, 2, 7 in dein Verzeichnis der Nereiden fehlt
Eupompe, dagegen hat er Eumolpe, das viel-
leicht in Eupompe zu ändern ist. [Stoll.]
Euporia {Evtioqiu). Ein vyvrjTrjg EvTcogiag
ftsü g Belrjlcxg wird erwähnt auf e. Inschrift
des 3.Jahrh. nach Chr. aus dem Peiraieus: C.
I. A. 3, 1280 a. [Roscher.]
Euporie {Evnogig), 1) eine der Horen (s. d.),
Hyg. f. 183. — 2) Beiname der Artemis auf
Rhodos, Hesych. u. Phavorin. s. v. Heffter, Göt-
ter dienste auf Bhodos 3, 50. Preller, Griech.
Mythöl. 1, 243, 1; vgl. Euporia. [Stoll.]
Euripides {Evgi-niSgg) , ein Sohn des Apol-
lon und der Kleobule, Hyg. f. 161. [Stoll.]
Eurises inschriftlich auf einem Altar aus
Paris, Orelli 1993 (vgl. Esus u. Cernunnos) als
Überschrift über einem Relief, welches mehrere
Krieger (Menschen oder Götter?) darstellt.
[Steuding.]
Euroinos (Evgcofiog) , Sohn des Kariers
Idrieus, nach welchem die karische Stadt Euro-
mos benannt war, Steph. Byz. s. v. [Stoll.]
Europa {Evgcong, rj g, f.) , 1) Beiname der
Demeter als Amme des Trophonios zu Leba-
deia. Paus. 9, 39, 4. 5. 0. Müller, Orehom.
p. 154f. Gerhard, Gr. Mythol. § 154. 211, 3 c.
408, 3b. [//. 1). Müller, Mythol. der griech.
Stämme 1, 234. 2, 263. Crusius], Nach 0. Müller
a. a. 0. p. 263 = 2) Europa, Tochter des Tityos,
Mutter des Euphemos (s. d.) von Poseidon,
Pind. Pyth. 4, 46. Schol. z. Apoll. Bhod. Arg.
I, 181. 4, 1562. Hygin. f. 14. Gerhard § 242,
2e. 3 c. — 3) Tochter des Okeanos und der
Tethys, Hes. Tlieog. 357. Eustath. z. Dion.
Perieg. 270 n. Schol., oder der Parthenope,
Andron im Schol. Aesch. Pers. 185 = Exeg.
II. 135, 13 = Mich. Apost. 16, 19 = Tzetz.
z. Lylcophr. 894. 1283 = Eudoc. Viol. p. 439
nr. 1018. — 4) Okeanide, nach welcher der
eine Teil der Erde benannt worden, Apion
tisql sncovvymv und Aristot. Tlieog. im Schol.
Eurip. Blies. 28. — 5) Eine Thrakierin, von
welcher der nördliche Teil der Erde den Namen
erhielt , Hegesipp Palleniaca im Schol. Eur.
Bhes. 28. — 6) Gemahlin des Phoroneus und
Mutter der Niobe, mit welcher Zeus den Argos
und Pelasgos zeugte, Schol. Eur. Orest. 932. —
7) Tochter des Neilos, Gemahlin des Danaos,
Apoll. 2, 1, 5. Tzetz. hist. 7, 371, doch heilst
bei Phleg. Troll, frg. 59. 60 ( Müller , Fragm.
Hist. Gr. 3 , 623. 4 , 432) die Gemahlin des
Danaos (und Aigyptos) Euryope. — 8) Name
der von Thyestes verführten Gemahlin des
Atreus, Lact. Plac. z. Stat. Theb. 3, 306. —
Roscher, Lexikon der gr. u. rom. Mythol.
Europa 1410
[9) Bakchantin auf einem Relief in Villa Al-
bani (abgebildet bei Zoega, Bas.sir. 70), der
sogen. Apotheose des Herakles: Heydemann,
Satyr- und Bakchennamen S. 34, wo auch die
sonstige Litteratur angegeben ist. Roscher.]
10) Die Geliebtedes Zeus, Tochter desPhoi-
nix ( liom . II. 14, 321. Ilesiod u. Bakchyl. im
Schol. II. 12, 292 [397]. Hellan. im Schol. II.
2, 494. Apollod. 3, l, 1. Antimach. bei Steph.
Byz. s. v. Tsvpgooog u. Evgcong. Conon Narr.
32. 37. Palaeph. 16) und der Perimede {Paus.
7, 4, 1), oder der Kassiepeia ( Eust . z. II. 14, 321
p. 989), oder der Telephas sa {Mosch. Id. 2, 7.
42) oder der Telephe {Schol. Eur. Phoen. 5
vergl. auch Steph. Byz. s. v. Gäcog), oder
Tochter des Agenor {Herod. 4, 147. Eurip.
Phoen. 281. 291 nebst Argum. u. Schol. z. V.
5 u. 217. Apoll. Bhod, 3, 1179. 1186 u. Schol.
Diod. Sic. 5, 78. Luc. Dial. Mar. 15, 1 de den
Syr. 4. Schol. II. 14, 321. Steph. Byz. s. v.
EvQcöng. Nonn. Ilion. 8, 183 ff. 40, 356ff. 47,
697. Eudoc. Viol. p. 162 nr. 363. Varro L.
L. 5, 31. Ov. Met. 2, 858. Hyg. f. 155. 178.
Festus s. v. Europam) und der Telephassa
[Apollod. 3, 1, 1) oder der Telephae {Schol. Eur.
Bhes. 28. Steph. Byz. s. v. AagSavog), oder der
Argiope {Hyg. f. 178. Schol. Apoll. Bhod.
3, 1186; Kadmos nach Pherekydes Sohn der
Argiope), oder der Tyro {Ioann. Antioch. fr.
6, 15; vgl. Müller, Fragm. Hist. Gr. 4, 544).
Zeus erblickt die schöne Königstochter, als
sie mit ihren Gespielinnen am Gestade von
Sidon oder Tyrus (vgl. Müller, Orehom. p. 114)
Blumen pflückt, entbrennt von heftiger Liebe
und verwandelt sich in einen Stier. Schmei-
chelnd naht das bräunlich-blonde (oder glän-
zend weifse) Tier mit den schönen, halbmond-
förmig gebogenen Hörnern dem Mädchen, lagert
sich zu ihren Füfsen und blickt so sanft aus
freundlich lachenden Augen, dafs Europa, die
schönste und übermütigste von allen, es so-
gar wagt, sich auf den Rücken des reizenden
Tieres zu setzen, indem sie ihre Gespielinnen'
ein Gleiches zu thun auffordert. Aber kaum
sitzt sie, als der Stier sich erhebt, zum Meere
eilt und mit seiner schönen Last in die Wogen
springt , die Poseidon dem Bruder ebnet,
während Tritonen und Nereiden, ja selbst
Aphrodite dem Dahinziehenden das Geleit
geben. Die erschrockene, bebende Jungfrau
aber bricht in laute Klagen aus und hält
ängstlich mit der einen Hand sich am Horne
des Stieres fest, mit der andern sucht sie das
im Winde flatternde Gewand zusammenzuhalten
und vor Benetzung durch die Fluten zu be-
wahren. Doch der Gott tröstet die Klagende
und trägt sie nach Kreta, wo er ihr am lenäi-
schen Flufs oder einer Quelle bei Gortys unter
der Platane beiwohnt, die zum Gedächtnis
dessen mit immergrünen Blättern {Theoplirast.
Ilist. pl. 1, 15. Plin. N. II. 12 § 5. Solin.
11, 9) begabt ist, oder wo in der diktäischen
Höhle die Horen das bräutliche Lager bereitet
haben, Ilesiod im Schol. ll. 12, 292 (397).
Mosch. Id. 2. Anakreontea 35 (52). Luc. Dial.
Mar. 15. Apollod. 3, 1, 1. Nonn. Dion. 1,
46 ff. 321 ff. Batr. 79. Meleager Antliol, Pal,
1, 33 nr. 116. Hör. Od. 3, 27, 25ff. Ov. Met.
45
io
20
30
40
50
60
1411 Europa
2, 850 ff. Fast. 5, 605 ff. German. Arat. Phaen.
531 ff Apul. Metam. -6, 39. Ael. Aristid. 3, 38
(J p. 34 ed. Pindorf).
Sie gebiert vom Zeus den Minos und Rha-
damanthys (11. 14, 322. Plato Min. 318. Für.
Cr et. fr. 475 ed. Nauck (bei Porphyr, de abs-
tin. 4, 19). Eust. z. II. 14, 321 p. 989. Ael.
Arist. 7, 75), oder den Minos und Sarpedon,
Herodot 1, 173. Für. Bhesus 29 (doch ist
letzterer erst m der nachhomerischen Dich-
tung ihr Sohn; vergl. Hock, Kreta 2, 341),
oder die drei Genannten, Hesiocl Fragm. 39
= Schot. II. 12, 292 (397); Apollod. 3, 1, 1.
Piod. Sic. 4, 60. 5, 78. Lykophr. im Etym.
Magn. s. v. Europa und Etym. Magn. p. 343,
34. 588, 25. Schot, min. u. Paraphr. z. Lyko-
phron 1283 ff. (p. 261. 334 ed. Baclimann).
Tzetzes ibid. Eust. z. Pion. Perieg. 270. Ilyg.
f. 155. 178. Lact. Plac. z. Stat. Theb. 4, 530.
Nach Praxilla bei Paus. 3, 13, 5 od. Schot.
Theökr. 5, 83 = Eudoc. Viol. p. 251 nr. 519.
Hes. s. v. KccQvszog war sie vom Zeus auch
Mutter des Karnos, den Apollo liebte, vergl.
Preller 1, 205. Gerhard § 323, 4d. 733. 34.
Mit dieser Sage von der Abstammung des
boiotisch-lakonischen Stammheros hängt wohl
die von der allgemeinen Überlieferung ab-
weichende Darstellung in der Thebais des An-
timachos ( Steph . Byz. s. v. TsvgyGGog , Et. M.
s. v. TsvgfjGcczo, Paus. 9, 19, 1) zusammen, dafs
Zeus die Europa nach glücklich vollbrachtem
Raube in einer Grotte zu Teumessos verborgen
habe. Geht vielleicht ebendarauf das in dem
homerischen Hymnus auf Apollo Y. 224 ge-
brauchte Beiwort von Teumessos IsxsnoCyg zu-
rück? Endlich bezeichnet noch Stepli. Byz.
s. v. rd£ a = Eudoc. Viol. p. 194 nr. 414
den Aiakos, König von Kreta , und s. v. Aco-
Scovy (nach Akestocloros ) den Dodon als Söhne
des Zeus und der Europa [vgl. im allg. Unger,
Tlieb. Par ad. .p. 399ff. Crusius.].
.Nach dem Beilager schenkte ihr Zeus
den Erzmann Talos (Apoll. Rhod. 4, 1643), den
Hund, dem keine Beute entging, nebst dem
nie sein Ziel fehlenden Jagdspiefs (Erat. Kat.
33. Poll. 5, 38. Hyg. Poet. Astr. 2, 35 Schot.
Germ. p. 94. 167.) und gab sie dem König Aste-
rios oder Asterion von Kreta zum Weibe, der,
selbst kinderlos, ihre Söhne Minos, Rhadaman-
thys und Sarpedon adoptierte, He&icd im Schot.
II. 12, 292. Apollod. 3, 1, 2. Piod. Sic. 4, 60.
Lykoplir. 1298ff. Nonn. Pion. 1, 352 ff. 2,
693 ff. Et. M. 588, 24. Tzetz. Aniehom. v. 101.
Chil. 1, 473. Exeg. II. p. 14, 22 ff.; vgl. Hock,
Kreta, 2, 38. 48 — 50. Der phoinikische König
Agenor aber sandte vergeblich seine Söhne
Kadmos, Kilix, Phoinix und Thasos aus, die
verschwundene Tochter zu suchen, Herod. 4,
147. Apollod. 3, 1, 1. Conon Narr. 32. 37.
Ilyg. f. 178. Ov. Met. 3, 3. Paus. 5, 25, 12.
Nonn. Pion. 1, 138 u. ö. Lact. Plac. z. Stat.
Theb. 1, 5. 181. 7, 187. Eur. Phoen. Argum.
u. Schot, z. v. 7 u. a.
Nach ihrem Tode genofs Europa göttlicher
Ehre und wurde unter dem Beinamen Hellotia
(s. d.) oder Hellotis an einem nach ihr Hellotia
genannten Feste gefeiert, bei dem ein Umzug
mit einem zwanzig Ellen messenden Kranze,
Europa 1412
der gleichfalls den Namen Hellotia führte und
die Gebeine der Heroine umschlofs, veranstaltet
wurde, Seleuc.b. Athen. 15, 22 p. 678 b. Steph.
Byz. s. v. Poqzvv, Hesych., Et. AI. s. v. Ein
Fest gleichen Namens fand in Korinth zu Ehren
der Athene Hellotia statt, Et. M. s. v. Schol.
Find. Ol. 13, 56. Vielleicht waren diese Hel-
lotia das jährliche Auferstehungsfest der zur
Gottheit gewordenen Europa, dem Fest und
io Umzug des Osiris oder der deutschen Nerthus
auf Rügen vergleichbar, s. Fr. Franz, Mytliol.
Stud. im Gymn.-Progr. v. Villach 1880 S. 30.
— Einen Tempel der Europa- Astarte in Sidon
erwähnt Lucian dea Syr. 4 mit dem Zusatz,
dafs die Phoiniker die verschwundene Königs-
tochter göttlich verehrten und die Sidonier
ihre Münzen mit dem Bilde der auf dem Stier
(Zeus) sitzenden Jungfrau schmückten ; nach
Paus. 9, 34, 4 war im Hain des Trophonios
20 zu Lebadeia ein Heiligtum AryiyzQog snUlyGiv
Ergoyriyg (vergl. nr. 1), und Ioann. Matal.
Chron. 1 p. 34 berichtet, dafs die Tyrier noch
zu seiner Zeit die Entführung der Europa unter
der Bezeichnung kocht] oipivy, „böser Abend“,
feierten.
Eine spätere Nebenform des Namens, Ev-
qco7zsi.cc, findet sich Mosch. Id. 2. C. I. Gr. 4
nr. 7747. Choerob in Cramers An. Gr. Oxon. 2
p. 205, 15 — 19. Schot. Eur. Phoen. 5. Et. AI.
30 s. v.; vgl. auch Hes. Evqcotilu • f] r'Hooc; auch
gab es unter diesem Namen Dichtungen auf
oder über Europa von Eumelos, Schol. z. II.
6, 131, vielleicht die sny tig Evqcötct tv, Paus.
9, 5, 8, Nikander, Athen. 7 p. 296 F. Steph.
Byz. s. v. Aftcog (denselben meint wohl Cle-
mens Alex. Str. 1, 24, 164: 6 zrjv Evocottlccv
7cocfiGccg); Stesichoros, Schol. Eur. Phoen. 670;
den Aischylos nennt als Verfasser eines Dra-
mas Kägsg y EvQcSny , Steph. Byz. s. v. Mv-
40 luea ; vergl. Weil, (Revue de Philol. 4, 145.
Blafs, Rhein. Mus. 35 S. 85. 94. 248.
Der Stier, welcher die Jungfrau raubte, ist
nach gemeiner Überlieferung der verwandelte
Zeus selbst; einige aber meinten, dafs es ein
wirklicher, von Zeus gesendeter Stier, der
sogen, kretische, gewesen sei (so Akusilaos b.
Apollod. 2, 5, 7. Eur. im Phrix. fr. 817 ed.
Nauck — Eratosth. Cat. 14 — Hyg. Poet. Astr.
2, 21. German. Arat. Phaen. 530), oder dafs
50 Poseidon seinem Bruder einen Stier mit mensch-
lichem Verstand geschenkt habe, den dieser
nach Sidon sandte, um die Europa zu rauben
(Nigid. im Schol, Arat. Phaen. 173); des himm-
lischen Stiers der Europa gedenkt Nonn. Pion.
33, 287.
Mit besonderer V orliebe wandte sich die bil-
dende Kunst dem Mythus zu und fafste ihn
in seine drei charakteristischsten Momente zu-
sammen: I) Europa mit dem Stier am Gestade,
go II) Europa auf dem Stier reitend, III) Europa auf
Kreta. Am häufigsten begegnen uns Darstel-
lungen des zweiten Moments in den mannig-
faltigsten Formen : einige zeigen den Stier mit
seiner schönen Bürde noch in der Nähe des
Gestades, an dem man die klagenden Gespie-
linnen der Jungfrau erblickt, so das Gemälde
im Grabmal der Nasonier und ein schönes
Mosaik aus Palestrina, jetzt im Palazzo Bar-
1413 Europa
Europa 1414
berini, welches Jahn , die Entführung der Eur.
in cl. DenJcschr. d. Wien. Akad. 1870. Phil.-
hist. Kl. 19, 1 — 54, Taf. II wiedergiebt. Der
weifse, bräunlich schattierte Stier eilt, dem
Ufer noch ganz nahe, in mächtigen Sprüngen
davon; auf seinem Rücken ruht hingestreckt
Europa, dem Beschauer den Rücken zukehrend.
Ihr Oberkörper ist völlig nackt, die Beine da-
den Kadmos. Im Vordergründe rechts schauen
zwei Nymphen, als Vertreterinnen der Lokal-
gottheiten, erstaunt und neugierig dem wunder-
baren Ereignis zu. Ein ähnliches Gemälde
beschreibt Ach. Tat. de Leuc. et Clit. am. 1, 1.
Die weitaus meisten Darstellungen jedoch
bieten Stier und Europa allein auf hoher See.
Die Jungfrau erscheint teils völlig bekleidet,
Europas Entführung, Mosaik aus Paläatrina (nach 0. Jahn, Wien. Äk. Phil.-hist. Kl. 1870 Taf. II).
gegen sind in ein safrangelbes Gewand ge-
hüllt, dessen Zipfel sie mit der Rechten hält,
während die Linke ein Horn des Stiers ge-
fafst hat. Ihre Gefährtinnen fliehen entsetzt
und wehklagend auf einen Mann in rotem
Mantel, mit langem, gelbem Stabe zu, der
hinter den das Ufer eng begrenzenden Felsen
hervorblickt. Jahn a. a. 0. S. 8 vermutet in
ihm den Agenor oder, in Rücksicht auf ein
ähnliches Gemälde des Antiphilus in der Por-
tikus des Pompeius ( Plin . N. H. 35, 10, 114.
Mart. Ef.gr. 2, 14, 3. 3, 20, 12. 11, 1, 11)
teils ist der Oberkörper, teils die eine Brust
entblöfst, zuweilen auch die ganze Gestalt
nackt, letzteres allerdings namentlich in spä-
teren Kunstwerken; gewöhnlich sitzt sie ritt-
lings auf dem Stier und hat mit der einen
Hand ein Horn desselben gefafst, während die
andre Hand auf den Rücken des Stiers gestützt
ist oder einen Zipfel des Gewands hält; einige
Gemälde, Skulpturen und Münzen stellen sie
auch in einer mehr schwebenden Haltung an
der Seite des Stieres , auf dessen Kopf die
eine Hand ruht, dar. Eigentümlich sind vie-
45*
1415
Europa
Europa
1416
len Darstellungen die bogenförmig über dem
Haupte schwebenden, manchmal von der einen
Hand gehaltenen Gewand- oder Schleierteile,
wie sie sonst namentlich bei Luft- und See-
gottheiten angewandt werden. Ein Bild älte-
ren Stils tritt uns auf einer leider sehr be-
schädigten, polychromen Schale der Münchner
Sammlung entgegen, Jahn a. a. 0. Taf. "VII,
S. 44. „Der mächtige, schwarzgefärbte Stier,
dessen Augen durch gelbe Farbe ausgezeichnet
sind , schreitet nach rechts hin kräftig aus,
ohne dafs Wellen angedeutet wären . . . Auf
seinem Rücken sitzt rittlings, den Kopf nach
links gewandt, Europa, mit der Linken hat
Europa auf dem Stier, Vasenbild nach 0. Jahn a. a. O.
Taf. VII.
sie das vergoldete kurze Horn gefafst, in der
erhobenen Rechten hält sie mit zierlicher
Bewegung eine goldene Blumenranke.“ Der
Körper der Jungfrau ist bis zu den Füfsen
hinab von einem faltenreichen , roten , gold-
gestickten und geränderten Chiton bedeckt.
Eine auffallende, von allen andern ab-
weichende Stellung, so dafs wir mehr an eine
stierbändigende Artemis oder Nike erinnert
werden, zeigt eine kleine Marmorgruppe des
Vatikans, Jahn a. a. 0. Taf. III, S. 10 ff.
Auf dem schwimmenden Stier kniet eine mit
Chiton und Obergewand bekleidete weibliche
Figur. Der Oberkörper fehlt im Original vom
Gürtel ab, ist jedoch in wahrscheinlicher Weise
ergänzt. Wir haben hier, wie Jahn wohl mit
Recht bemerkt, vielleicht einen Versuch vor
uns , die Europa als Stierbändigerin darzu-
stellen.
Besonders zahlreich 3ind auf Münzen die
Darstellungen der auf Kreta weilenden Europa.
Teils bekleidet, teils mit nacktem Oberkör-
per , die Beine von den Hüften an durch
einen Überwurf verdeckt, sitzt Europa in den
Zweigen einer Platane. Die rechte Hand
io stützt sich auf den Baum, der linke Ellbogen
ruht auf dem linken Schenkel, während die
Hand das Kinn stützt. Das Haupt ist stark nach
vorn geneigt und der Blick traurig sinnend
gesenkt. Jahn a. a. 0. S. 28 erblickt in Dar-
stellungen dieser Art eine Andeutung
des isqÖs yd fiog, so dafs die auf
der Platane trauernde Europa als
die dort versteckte, zurückgezogene
Geliebte des Zeus zu denken sei.
Häufig findet sich auf Münzen neben
Europa auch ein Adler oder der
Kopf eines Stiers , auf dem Revers
der Stier in voller Gestalt. Eine
Zusammenstellung der erhaltenen
zahlreichen Eurojiadarstellungen auf
Vasen und Wandgemälden, in Mosai-
ken und plastischen Monumenten,
auf Münzen und Gemmen bieten Hoch,
Kreta 1, 94 ff Jahn a. a. 0. S. 1
—54. Stephani, Comptes rendus de
la comm. archeolog. pour Vannee 1866
S. 79 — 127. 148 — 154, pour les an.
1870/1 S. 181 — 183, und namentlich
erschöpfend Overbeclc, Griech. Kuvst-
mythol. 2. Bd. 1. T. (Zeus) S. 420 —
465 Ein treffliches Erzbild der stier-
reitenden Europa fertigte Pythagoras
aus Rhegion, das zu Tarent in grofsen
Ehren gehalten wurde , Varr. L. X.
5 § 31. Cie. Verr. 4, 60, auf eine
gleiche Gruppe bezieht sich ein klei-
nes Gedicht Anakreons, 35 (52 Bergk) ;
auch ein altes Kultbild der Astarte
im Tempel zu Sidon bezeichnete
ein Priester dem Lucian ( dea Syr. 4) als
eine Europa.
Endlich erhielt auch von dieser Europa
(vgl. nr. 4 u. 5) ein Teil der Erde den Namen,
Herod. 4, 45. Mosch. Id. 2, 8 ff. Kallim. u.
Zenodot im Schot. Eur. Blies. 28. Varro a. a. 0.
Festus s. v. Europam. Hör. Od. 3, 27, 75. Ov.
Fast. 5, 618. Stepli. Byz. s. v. Lykophr. im
Et. M. s. v.; vgl. Tzetz. z. Lylcoplir. 1283.
[Ein Erklärungsversuch bei H. I). Müller,
Mythol. d. gr. Stämme 3 p. 390 ff.].
Schon in früher Zeit versuchte man Deu-
tungen und Erklärungen des Mythos; so
sagt Herod. 1, 2, .die Hellenen (Kreter) hätten,
nach persischer Überlieferung zur Vergeltung
go für den von Phoinikern verübten Raub der Io
die phoinikische Königstochter Europa aus
Tyros geraubt, vgl. Lykophr. 1291 ff. und die
allerdings verkehrte Auffassung der Stelle in
den Scliol. min. u. d. Paraplir. Andrerseits macht
Palaeph. 16 den Tauros zu einem kretischen
König, der die tyrischen Lande eroberte und
die Königstochter Europa als Kriegsbeute mit
anderem fortführte, und ähnliche euheme-
1417
Europa
Euros 1418
ristische Darstellungen bieten Ioann. Mal.
Ghronogr. 1 , 34. Ioann. Ant. 6 , 15 ( Müller
4, 544). Eustath. z. Dion. Per. 270. Tzetz.
z. Lykophr. 1299, nach welchem aber der
Feldherr des kretischen Königs Asterios oder
Minotauros den Namen Tauros führte, und
Eud. Viol. p. 162 nr. 363 , während ebenda
p. 194 nr. 414 der kretische König, der die
Europa entführte, Zeus genannt wird.
Wieder andere nehmen an, dafs, wie
viele Schiffe nach ihrem nagdagpov ge-
nannt worden seien, so auch das Schilf,
welches die Europa entführte, nach dem
seinen den Namen tuvqos gehabt habe,
Poll. Onom. 1, 83. Festus s. v. Europam.
Lactant. Epit. inst. div.
1 c. 11. Eulgent. My-
thol. 1, 25. Derselben
Ansicht ist Schläger,
Gemma antiqua sistens
Europae raptum,
Hamb. 1734 p. 41,
dessen ganze
Darstellung je-
doch auf einem
Irrtum fufst, da
die von ihm
besprochene
Gemme ohne
Zweifel nicht
eine Europa,
sondern eine
im Iihcin. Mus. 1868 B. 23 S. 340. 354. Henry-
clioivsky , De Iove Crctico. Progr. d. Gymn.
v. Inoivrazlaw 1879 p. 7. Baudissin, Studien z.
semit. Bel.-Gesch. 2 S. 201. 273 (Europa Hel-
lotis = phön. nbx Göttin, woraus griech. Bcc-
alziq und 'Ellom'g). Sieclce, Beiträge zur ge-
naueren Erkenntnis der Mondgottheit bei den
Griechen. Progr. des städt. Progymn. Berlin
1885 p. 6. Baumeister,
Denkmäler des kl. Altert.
1, 517 ff. Auf Europa
als Mondgöttin scheint
auch ihre oben erwähnte
Vermählung mit Asterios
zu deuten , vgl. d. Art.
Aphrodite p. 396 , eben-
so ihre Beziehung zum
Wasser oder zum Meere,
vergl. ebendas, p. 402.
Als Erdgottheit , welche
der zeugungskräftige Gott
des Himmels im Frühling
umfängt, fassen sie Jahn
a. a. 0. S. 31 und Overbeck
a. a. O. S. 445. 590 Anm.
173, ersterer jedoch unter
Annahme einer
Verschmelzung
von Mond- und
Erdgottheit.
[Damit stimmt
im wesentli-
chen die scharf
sinnige Hypo-
Europa als Stierbändigerin (?) , Marmorgruppe d. Vatikans (nach 0. Jahn , a. a. O. Taf. III).
Aphrodite Pandemos oder Apaturos wieder-
giebt, vergl. die ähnlichen Vasenbilder bei
Stephani, Comptes-rendus 1870/1 S. 184 und
Ant. du Bospli. Cimm. PI. 71, 4. Über die
Erklärungsversuche der
späteren Zeit s. Meur-
sius, Creta 4 c. 14.
Von Neueren , die
ausführlich über den
Mythus handeln , wird
Europa fast allgemein
als Mondgöttin = Diana
= Astarte genommen
und ihr Name als der
der Dunklen, Verdun-
kelten (lies. s. v.) er-
klärt; vgl. Höclc, Kreta
1, 83 ff. Böttiger, Ideen
z. Kunstmyth. 1, 309 f.
316ff. Welcher, Kret.
Kol. S. 16. Götterlehre
1, 556. Herzog, Bealenc. für protest. Theol. 1,
|| 563/4. Bichjpr in Er sch u. Grubers Encylcl . 1, 39
I S. 169. Gerhard, Gr. Mythol. § 4812. 210, 1.
1: 627 \ 728. 734. Preller, Griech. Mytli. 1, 278.
1} 2, 1 1 6 ff. Schömann, Gr. Altert. 2, 79. Usener
these H. D. Müllers Mytli. d. gr Stämme
1, 235 f. 2, 3 1 7 ff". 390f., dafs Europa, wie Io,
eine Demeterheroine sei , und dafs Demeter
zum Mond wie zur Erde in Beziehung stehe
(2, 284 ff. 357). Weiteres unter dem Art. Kad-
mos. Crusius.]
Eine Erklärung des Beinamens Hellotia aus
dem Griechischen versuchten Mor. Schmidt ed.
Hes. s. v. (von sv. u. ImtiQuv) , Th. Bergk z.
Pind. Ol. 13, 56 (von dem Verehrtwerden tv
len rw) und E. Mucke, Progr. d. Gymnasiums
zu Bautzen 1883. p. 24f. (sllani g = corona
aus pflpomg von Wurz. Tel winden), aus dem
Phoinikischen auch Stephanus im Et. M. ed.
Gaisf. s. v. (von xrpbp = y.oqcigiov). [Helbig.]
Europos (Eupomog’ über den Accent siehe
Dindorf im Thes. Steph. s. v.), Eponymos der
Stadt Europos in Makedonien, Sohn des Make-
don, Steph. Byz. Eupwwog. [F. A. Voigt.]
Europs (Eüpco'i/4 , 1) Sohn des Aigialeus,
Vater des Teichin, König von Sikyon, Paus.
2, 5, 6. — 2) Sohn des Phoroneus, Vater des
Hermion, des Eponymos der Stadt Hermione
ib. 34, 4. [F. A. Voigt.]
Euros (Evpog, Eurus), der Südostwind ( Ovid .
M. 1, 61; vgl. Aristot. de mundo 4, meteorol.
Münze von Myrina oder
Ciortys ( Overbeck , Kunst-
myth. ( Zeus ) Taf. VI Fig. i.
Jahn , Entführung der Eu-
ropa Taf. IX g).
1419 Eurotas
2, 7), ebenso wie Eos vom Stamm aus — vas
auf leuchten, abzuleiten (Fiele, vergl, W. 3 1, 512),
tritt in der Mythologie hinter Zephyros, Boreas
und Notos zurück. Bei Homer [vgl. V. Pfann-
sclimidt, de ventor. ap. Hom. signif. Diss. Lips.
1880 p. 20 ff. Völclcer, Horn. Geogr. 82 f. R.]
wird nur hervorgehoben, dafs er stürmisch ist
(II. 2, 145), mit Notos wetteifert (II. 16, 765),
dem Zephyros entgegen weht (Od. 5, 332) und
dafs der Schnee schmilzt, wenn er sich er-
hebt (Od. 19, 206); Hesiod (Theog. 378 ff.) nennt
ihn nicht unter den Kindern des Astraios und
der Eos; dies geschieht vielmehr erst bei
Nonnos Dion. 6, 30 u. 40. 37, 72 u. 77; vgl.
Verg. A. 1, 131 f. 140 u. Serv .; dagegen rechnet
ihn Hesiod Tlieog. 869 vielleicht unter die
feuchtwehenden Winde, welche er als Abkom-
men des Typhoeus bezeichnet. Wie alle Wind-
götter wird er geflügelt gedacht (Nonn. Dion.
1, 203. 25, 216. 34, 349. 3, 55. 18, 327. 21,
323) und so auch an dem Turm der Winde
zu Athen dargestellt (Müller, Handb. 160, 5.
401). Vgl. Windgötter. [Steuding.]
Eurotas (Evgcozag), 1) König von Lakonike
(C. I. Gr. 2374), Sohn des Myles und der Tele-
dike (oder der Teygeta, Steph. Byz. s. v. Tav-
yszov), Bruder der Kepedia(?), nach welchem
der Flufs Eurotas benannt war. Er heiratete
die Kleta und zeugte mit dieser eine Tochter
Sparte, die Gemahlin des Lakedaimon, Schol.
Für. Or. 626. Paus. 3, 1, 1. Nach Apollod.
3 , 10 , 3 war Eurotas ein Sohn (oder Nach-
komme) des Lelex und der Naiade Kleocha-
reia. Nach Sosilcles b. Schol. Find. Ol. 6, 46
u. Schol. Find. Pytli. 4, 15 waren auch Pitane
und Mekionike Töchter des Eurotas (nach
Tzetz. z. Lylcophr. 838 u. 886 Eurydike und
Mekionike oder Doris). — 2) Flufsgott (siehe
Flufsgötter). [Roscher.]
Euroto (Evqcotco), Tochter des Danaos, ver-
mählt mit dem Aigyptiden Bromios, Apollod.
2, 1, 5. [Stoll.]
Euryades (EvQvddg g), ein Freier der Pene-
lope, von Telemaclios erlegt, Od. 22, 267 (nur
hier genannt). [Stoll.]
Euryale (EvqvccIi], -cc) 1) eine der Gorgonen
(s. d.). — 2) von Poseidon Mutter des Orion,
Tochter des Minos (vgl. Hesiod b. Hygin. P.
Astr. 2, 34. Schol. Arat. 322, wo statt BqvI-
hq g zfjs MCvcoog jt cd noasiöcovog gewifs Ev-
QvciXyg etc. zu schreiben ist, Schol. Germ. Arat.
v. 331. Fratosth. Kat. 32; s. auch Pherekydes
b. Apollod. 1, 4, 3). O. Müller , Orchom.1 100
glaubt, dafs hier Minos und Minyas verwechselt
seien; vergl. jedoch Völclcer, Mythol. d. Iapet.
Geschl. 111. — 3) Amazone, Val. Flacc. 5,
612. 6, 370. [Roscher.]
Euryaleia (Evgvdlsta'l), Tochter des Adra-
stos , Gemahlin des Diomedes , Tydeus’ Sohn
(sonst Aigialeia [s. d.] genannt) : Schol. II. 23,
681. [Roscher.]
Euryalos (EvgvaXos), 1) Sohn des Mekisteus
aus Argos, unter den Argonauten bei Apollod.
1, 9, 16 genannt, unter den Epigonen gegen
Theben bei Apollod. 3, 7, 2. Paus. 2, 20, 4;
zog mit Diomedes gegen Ilios, Hom. B 565.
Z 20. W 677 und Schol. Apollod. 1, 9, 13.
Paus. 2, 30, 10 Aristot. epitaph. 35 p. 1576 b,
Eurydamas 1420
21 Berol. Quint. Srnyrn. 4 , 487 u. ö. In
Polygnots Darstellung der Eroberung Troias
in der Lesche zu Delphi war Euryalos ver-
wundet dargestellt, Paus. 10, 25, 6; von ihm
als Epigonen befand sich auch eine Statue in
Delphi, Paus. 10, 10, 4. — 2) Ein Freier der
Hippodameia, Hes. fr. 158 Kink, bei Paus. 6,
21, 10. Schol. Find. Ol. 1, 127. — 3) Sohn des
Melas in Kalydon, der mit seinen Brüdern sei-
nem Oheim Oineus nachstellte und deswegen
von seinem Vetter Tydeus getötet wurde, Apol-
lod. 1, 8, 5. — 4) Ein phaiakischer Held; siegt
in den Wettspielen, streitet und versöhnt sich
mit Odysseus, Hom. ft 115. 127. 158 ff. 396ff.
— 5) Sohn des Odysseus und der Euippe,
Held einer sophokleischen Tragödie, Parthen.
Erot. 3. Eustath. ad Hom. p. 1796, 52 (Nauck
fr. tr. p. 141). — 6) Sohn des Opheltes, Be-
gleiter des Aineias, Freund des Nisus, aus-
gezeichnet durch Schönheit , Verg. Aen. 9,
1 7 9 ff'. ; sein Tod v. 433. — 7) ein Kyklope,
Nonn. 14, 59 u. ö. [Seeliger.]
Euryanassa (EvQvd.va.Goa) , 1) Tochter des
Paktolos, Gemahlin des Tantalos, dem sie den
Pelops, Broteas und die Niobe gebar, Schol.
Eur. Or. 5. Tzetz. L. 52. Plut. Parall. c. 33.
Bei Schol. Eur. Or. 1 1 heifst sie Eurythemiste
oder Eurysthanassa, Tochter des Xanthos; bei
Apostol. Cent. 17, 3 Euryto dvaGGa-, ib.‘ 18, 7
Euryprytane, Namen derselben Bedeutung zur
Bezeichnung der grofsen Landesherrschaft.
Stark, Niobe 94. 426. — 2) Tochter des Hy-
perphas, welche dem Minyas die Klymene ge-
bar, die Gemahlin des Phylakos, Mutter des
Iphiklos, Schol. Od. 11, 326. — 3) Name der
Hebe, Hesych. s. v. [Stoll.]
Eurybates (EvQvßazrjs), 1) Argonaut s. Eri-
botes. — 2) Herold des Odysseus, häfslich von
Gestalt, aber klug und fügsam, von seinem
Herrn besonders geehrt, war ihm nach Ilios
gefolgt, Hom. z 247. B 184. I 170. — 3) He-
rold des Agamemnon, Hom. A 320. [Seeliger.]
Eurybatos (Evgvßazo?) , Sohn des Euphe-
mos, Anton. Dib. 8 (vgl. oben Alkyoneus 2,
S. 252). [Roscher.]
Eurybia (Evgvßi a) , 1) ein Urwesen der
Theogonie, Tochter des Pontos (Hes. Theog.
239), vom Titanen Kreios Mutter des Astraios,
Pallas und Perses (ib. 375. Apollod. 1, 2, 6).
— 2) Amazone, mit Kelaino und Phoibe Jagd-
genossin der Artemis, von Herakles getötet
(Dioclor 4, 16). — 3) Tochter des ThespioS,
Apollod. 2, 7, 8, 2. [F. A. Voigt.]
Eurybios (Evgvßiog), 1) Sohn des Neleus,
Apoll. 1, 8, 9. Schol. Apoll. 1, 152. — 2) Sohn
des Eurystheus. — [3) Führer der Kentauren,
Nonn. 14, 188. R.] [F. A. Voigt.]
Euryclms (?), im Verzeichnis der vor Troja
gezogenen Griechenfürsten Ilyg. fab. 97 Sohn
des Pallas und der Diomede aus Argos; der
Name ist sicher korrupt. [F. A. Voigt.]
Eurydamas (Evgvödya g), 1) Sohn des Ai-
gyptos, mit der Danaide Pharte verlobt und
von ihr ermordet, Apollod. 2, 1, 5. — 2) Argo-
naut, nach Ap. B. 1, 67, Sohn des Ktimenos
aus der Doloperstadt Ktimene nach Hyg. /.
14, Sohn des Iros und der Demonassa, Bru-
der des Eurytion; aufserdem bei Orpli. Arg.
io
20
30
40
50
60
1421 Eurydameia Eurydike 1422
v. 167. — 3) Troer, Traumausleger, Vater des Paus. 9, 30, 3. Con. c. 45. Verg. Georg. 4, 457 ff.
Abas und Polyidos, Horn. E 148. Q. Smyrn. Cul. 267 ff. Ov. Met. 10, 8ff. 11. 63. Seneca
13, 178. — 4) Freier der Penelope, von Odys- Ilerc. f. 569ff. Here. Oet. 1030ff. Serv. Verg.
seus getötet, Horn, a 297, % 283. — 5) Ein Georg. 4, 317. C. I. Gr. 6854d. Preller, Gr.
Grieche im trojanischen Pferd, Sohn des Pelias, Myth. 2, 486. Hermesianax b. Athen. 13, p.
Tryphiodor v. 177. — 6) Sohn des Meidias, 597bnenntsie Agriope, Loheck Aglaoph. l,p.373.
der den Thessaler Thrasyllos getötet und von — 2) Tochter des Danaos, vermählt mit Dryas,
dessen Bruder Simon ermordet und um jenes Apollod. 2, 1, 5; hei Hyg. 170 mit Kan-
Grab geschleift wurde, Kallimachos bei Schol. thos. — 3) Tochter des Lakedaimon und der
11. X, 397. Ov. 75. v. 329 mit Schol. io Sparte, Schwester des Amyklas, Gemahlin des
[Seeliger.] Akrisios, Mutter der Danae, Apollod. 2, 2, 2.
Eurydameia (EvQvddyeioc), Tochter des Phy- 3, 10, 3. Paus. 3, 13, 6. Pherekyd. b. Schol.
leus, Gattin des Sehers Polyidos oder Polyei- Ap. Bhod. 4, 1091. Schol. II. 14, 319. Tochter
dos (s. d.) aus Korinth, welchem sie den Eu- des Eurotas (s. d.) heifst sie b. Tzetz. Lyc. 838.
chenor (s. d.) und Kleitos gebar. Plierelc. in d. Sie stiftete einen Tempel der argiv. Hera,
Schol. zu Horn. H. 13, 663 bei Müller fr. h. Paus. 3, 13, 6. [vergl. C. 1. Gr. 6126. R.]
gr. 4, 638 fr. 24a. [Steuding.] — 4) Gemahlin des Lykurgos, Königs zu
Eurydike (fEvQvdrnrf) , 1) Gattin des Or- Nemea, Mutter des Archemoros (s. d. u. vgl.
pheus, (s. d.), die von einer Schlange gebissen Amphiaraos S. 297), Apollod. 1, 9, 14. 3, 6, 4.
frühzeitig starb. Orpheus stieg in die Unter- 20 Hyg. f. 273. Anth. Pal. 3, 10. Schol. Pind.
weit hinab und bewog durch seinen Gesang Ol. ed. B. p. 424. [0. 7. Gr. 8432. R.] — 5)
die chthonischen Götter, ihm die
Abgeschiedene zurückzugeben. Als
er aber das Verbot, sich nach der
ihm folgenden nicht umzuschauen,
übertrat, verschwand sie unwieder-
bringlich. Ausgeführte poetische
Schilderungen geben Ovid Met. 10,
1 — 64. Vergil Georg. 4, 454ff. Letz-
terer läfst den Tod der Eurydike
auf der Flucht vor dem in Liebe
entbrannten Aristaios eintreten; so
auch Hyg. fair. 164. Fulg. Mythol.
3, 10. Mytli. Vat. 3, 8, 20; vergl.
Apollod. 1, 3, 2. Moschos id. 3, 124
( EvQvdGeia ) JDiod. 4, 25. Con. 45.
Schol. Stat. Theb. 8, 59. Was die
Bedeutung des Mythus anlangt, so
fällt zuerst ins Auge , dafs das
Geschick des Orpheus nach dem
Mythus des Gottes, dessen Mysta-
gog er ist, des Dionysos , sich ge-
staltet. Seine Zerreifsung durch die
Mainaden ist ein Abbild vom Ende
des Zagreus, die versuchte Empor-
lührung der verstorbenen Gattin
eine Parallele zur Emporführung der
Semele, nur dafs dem Sterblichen
mifslingt, was der Gott vollendet.
Das Verbot des Umschauens kehrt
bei chthonischen Opfern (für die Eu-
meniden Soph. Oed. Col. 489 , für
HeSate Apoll. Bhod. 3, 1036 ff.) wie im
neueren Volksglauben sehr häufig bei Geister- Tochter des Pelops, von Elektryon Mutter der
x beschwörungen, Schatzheben und dergleichen Alkmene, Hiod. 4, 9. — 6) Tochter des Am-
aus Seelenkultvorstellungen erwachsenen Zau- phiaraos und der Eriphyle, Schwester der De-
beriibungen wieder. Wenn z. B. in einer deut- monassa, des Allcmaion u. Amphiloehos, Paus.
sehen Sage der Schatz vor dem, der ihn hätte 5, 17, 4. — 7) Gemahlin des Kreon, Königs
gewinnen können, versinkt, weil dieser sich in Theben, Person in Soph. Antigone ; sie
umgedreht (Scharnbach- Müller , Niedersächs. 60 giebt sich den Tod, nachdem sie den Tod
Sagen S. 112, 136), ähnlich wie so häufig ein ihres Sohnes Haimon erfahren, v. 1180 ff. —
laut gesprochenes Wort den schon fast gelio- 8) Tochter des Adrastos, Gemahlin des Uos,
benen Schatz sinken macht, so entspricht dies Mutter des Laomedon, Apollod. 3, 12, 3. Schol.
genau der antiken Sage, da es sich in beiden II. 20, 236. — 0) Gemahlin des Aineias,
Fällen darum handelt, das in der Gewalt der Lesches b. Paus. 10, 26, 1. - 10) Tochter des
unterirdischen Mächte Befindliche der Oberwelt Klymenos, Gemahlin des Nestor, Od. 3, 452.
zu gewinnen. [F. A. Voigt.] — Weiteres s. unter Hyg. f. 97. — 11) Tochter des Aktor, von
Orpheus. Vgl. aufser den obigen Stellen noch Peleus Mutter der Polydora, Staphyl. b. Schol.
1423 Euvygane
11. 16, 175. — 12) Eine Nereide, Hyg. Präef.
jj. 29 Bunte. [Stoll.]
Eurygane ( Evgvytxvri ) , Gemahlin des 0 i d i -
pus, welche dieser nach dem Tode der lolraste
heiratete und mit welcher er 4 Kinder zeugte:
Beisandros b. Schol. Eur. PI wen. 1760 und
13. Ygl. Euryganeia. [Koscher.]
Euryganeia {Evgvyavsice), Gemahlin des Oi-
dipus (s. d.), Tochter des Hyperphas, nach der
älteren epischen Tradition ( Oidipodia ), nach
welcher dessen Mutter Epikaste zwar seine
Gemahlin , aber nicht Mutter seiner Kinder
ist , Pherelcydes bei Schol. Eurip. Phoen. 63.
Apollod. 3, 5, 8, 8. Paus. 9, 5, 5; auf Onatas’
Gemälde beim Zweikampf ihrer Kinder zugegen,
Paus, ä a. 0. S. Eurygaue. [F. A. Voigt. J
Eurygyes {EvQvyvije) , Beiname des Andro-
geos (s. d.), Sohnes .des Minos, unter welchem
dieser in Athen einen Altar und Leichenspiele
im Kerameikos erhalten hatte, Hesiod und Me-
iesagoras bei Ilesych. ’En’ EvQvyvy aychv, vgl.
Paus. 1, 1, 4. [F. A. Voigt.]
Eurykapys {Evqvxccizvs), Sohn des Herakles
und einer Thespiade Klytippe, Apoll. 2, 7,
8, 2. [F. A. Voigt.]
Euryke (Evgvyir]?), verderbter Name einer
Thespiade, Mutter des Teleutagoras von Hera-
kles, Apoll. 2, 7, 8, 4. [F. A. Voigt.]
Eurykleia ( EvgvnXeux ), 1) Tochter des Ek-
phas, erste Gemahlin des Laios und Mutter
des Oidipus, der hernach die zweite Gemahlin
des Laios Epikaste heiratet, Schol. Eur. Phoen.
13. Schneidewin, Sage v. Oidipus p. 9. — 2)
Tochter des Ops, Amme des Odysseus, Od. 1,
Eurykleia und Odysseus, Relief (vgl. Ooerbeck Gail,
her. Bilclw. Taf. 33 nr. 4).
429. 19, 401. Hyg. f. 125. Ihre Statue von
Thrason Strab. 14, 641. [Brunn, K. G. 1,
422. Erhaltene Bildwerke bei Overbeck, Gail,
her. Bilclw. S. 804 ff. Taf. XXXIII, 4, 5. R.]
— 3) Tochter des Athamas und der Themisto,
Gemahlin des Melas, MeneTcr. b. Zon. 4, 38.
Pherelcyd. in Schol. Find. Pyth. 4, 221. [Stoll.]
Eurymedon 1424
Eurykyde ( Evgvnvdrj ) , Tochter des Endy-
mion, von Poseidon Mutter des Eleios, Paus.
5, 1, 6. Strab. 8 p. 346, [F. A. Voigt.]
Euryleon {EvqvXscov) , nach Dion. Hai. 1,
70 ursprünglicher Name des Askanios.
[F. A. Voigt.]
Eurylochos {EvqvIoxos), 1) Gefährte und
Verwandter des Odysseus, der in der Odyssee
5i— fi hervortritt. Anführer der Genossen bei
io der Umschau auf der Insel Aiaie, wo sie
das Haus der Kirke antreffen (x 205 ff.); er
betritt dasselbe nicht mit den übrigen ( ib .
429 ff), belauscht deren Verwandlung, die er
dem Odysseus meldet. Seine Teilnahme am
Opfer der Nekyia hatte Polygnot auf seinem
Gemälde derselben dargestellt {Paus. 10, 29,
1). Er giebt den verderblichen Rat auf der
Insel des Helios anzuhalten (p 278) und dar-
nach die heiligen Rinder des Helios anzugrei-
20 fen {ib. 339 ff). — 2) Sohn des Aigyptos, Ap.
2, 1, 5, 7. [F. A. Voigt.]
Euryloplie {EvgvXocprj), Amazone, Gefährtin
Penthesileias, Tzetz. Postli. 181. [Klügmann.]
Eurylyte {EvgvXvzy) , Gemahlin des Aietes,
die ihm den Apsyrtos gebar, Naupaktika bei
Schol. Ap. Rh. 3, 242. 4, 59, 86. [Stoll.]
Eurymachos {Evgvgaxog), 1) Sohn des Po-
lybos, mit Antinoos der hervorragendste Freier
der Penelope, Sprecher in der Volksversamm-
30 lung auf Ithaka ( ß 177); verhöhnt den als
Bettler verkleideten Odysseus und wirft einen
Schemel nach ihm (a 350ff). Die gleiche
Rolle spielte er auch in Aischylos’ ’OozoXoyoi
(frgm. 178. 179. Dind.). Der die Katastrophe
weissagende Seher dünkt ihm rasend {v 359 ff.).
Er vermag zu seiner Beschämung und Betrüb-
nis {cp 245 ff.) den Bogen des Odysseus nicht
zu spannen. Als dieser nach Erschielsung des
Antinoos sich zu erkennen giebt, versucht er
40 vergeblich eine Aussöhnung (# 45 ff), wird von
Odysseus , als er ihn mit dem Schwerte an-
greifen will, erschossen. — 2) König der Phle-
gyer , welche Theben bekriegten und gegen
welche Amphion und Zethos die Mauern er-
richteten, Pherekycl. ap. Schol. Hom. I 264,
ib. 262. Eustath. p. 933, 14. — 3) Sohn des
Antenor auf Polygnots Iliupersis , Paus. 10,
.27, 2. — 4) Freier der Hippodameia, von Oi-
nomaos getötet, Paus. 6, 21, 10. Hesiod und
50 Epimenides nach Schol. Find. Ol. 1, 127. ib.
114. [F. A. Voigt.]
Eurymas s. Eurymos.
Eurymede , 1) ' {Evgvfisdg) , Gemahlin '‘des
Glaukos, Mutter des Bellerophontes, Apollod.
1, 9, 3. — 2) {Evgvyridri), Tochter des Oineus
und der Althaia, Schwester des Meleagros.
[F. A. Voigt.]
Eurymedon {Evgvfisdcov) , 1) nach Odyss.
g 58 König der Giganten, der mit samt sei-
00 nem Volke zu Grunde ging (v. 60 coleas Xaov
(xztxod'cd.o v, coXszo aurog). Da Homer die Gi-
ganten einfach als ein Urvolk an den Enden
der Erde fafst , kann auch die Tochter des
Gigantenkönigs Periboia von Poseidon die Ahn-
mutter des Königshauses der Phaiaken wer-
den. Nach Euphorion bei Schol. Hom. 3 295,
der „mit Vorliebe die verschollenen Mythen
aus ihrem Versteck hervorzog“ {Bernhardy,
1425 Eurymedusa
Gr. Litt. 2, 23 S. 733), in diesem Falle wohl
sich eine willkürliche Neuerung erlaubte, wurde
Hera, als sie in ihrer Jugend bei ihren Eltern
aufwuchs , von Eurymedon überwältigt und
gebar den Prometheus; aus diesem Grunde
liefs Zeus Prometheus fesseln und — dürfen wir
wohl die Überlieferung ergänzen — vernich-
tete aus gleicher Eifersucht den Giganten-
könig. — 2) Kabir, Sohn des Hephaistos und
der Kabeiro, Bruder des Alkon , Norm. Dion.
25, 14 ft’., nimmt mit seinem Bruder von Lern
nos aus auf brechend am indischen Feldzuge
teil, kämpft von Bruder und Vater beschützt,
mit dem • Inderkönige Morrheus, id. 30, 44 ff.
— 8) der ursprüngliche, von der Mutter ge-
schöpfte Name des Perseus, Apollod. JRhod. 4,
1514. — 4) Sohn des Minos von einer Nymphe
Pareia, der mit seinen Brüdern Nephalion,
Chryses, Philolaos die Insel Paros bewohnte,
Apoll. 3, 1, 2, 5. 2, 5, 9, 3. Mit ihm geriet
Herakles bei seiner Landung auf Paros in
Streit, der dadurch entschieden wird, dafs
zwei Enkel des Minos , Söhne des Androgeos,
mit Herakles ziehen und auf Thasos angesie-
delt werden. Die durch die Minossöhne an-
gedeutete Verbindung mit Kreta spricht sich
auch in dem alten Namen der Insel Minoa
(Steph. Byz. Mivcaa; vgl. Plin. N. H. 2, 22)
aus, vgl. Apoll. 3, 15, 7, 4: Qpfer des Minos
auf Paros. — 5) Wagenlenker Agamemnons,
Rom. A 228, in Mykenai zeigte man sein Grab-
mal , da er nach der Heimkehr von Aigisthos
mit seinem Herrn getötet und begraben wor-
den sei, Paus. 2, 16, 5. — 6) Diener Nestors,
© 114, A 620. — 7) Heros auf einer Weihin-
schrift aus dem Peiraieus stammend, AQ-gvcnov
8 p. 403. — 8) Beiname des Hermes, Hesych.
s. v. [F. A. Voigt.]
Eurymedusa (EvgvpsäovGtx), Amme der Nau-
sikaa, Od. r\ 8. [F. A. Voigt.]
Eurymeues ( Evgvpsvyg ) , Sohn des Neleus
und der Chloris, Bruder des Nestor u. a.
Apoll. 1, 8, 9. [F. A. Voigt.]
Euryniides (Evgvpiär\g), Sohn des Eurymos,
Patronymikon des Sehers Telemos , der dem
Kyklopen die Blendung durch Odysseus weis-
sagt, Horn. i 509. Theolcr. 6, 23. Ov. Met. 13,
770. [F. A. Voigt.]
Eurymnos s. Eurymos.
Eurymos (Evgvpog, wohl Koseform für Ev-
Qvpuxog [vgl. den Namen des Sohnes von
Eur. 1 TgXspog = TyXspaxo g], wie schon das
Schol. Theolcr. 6,23 Ahrens anzudeuten scheint:
Fick, yr. Personennamen S. 32; daher die
unten zu erwähnende Nebenform Evgvpag:
Fick S. 37), 1) Kyklop, Vater des Sehers Te-
lemos, des Eurymiden: Hygin. fab. 75, p. 106,
17. 128, p. 112, 6 Schm.-/ Etym. M. 397, 6;
vgl. Od. v 509 u. Thcocr. 6 , 23 mit Schol. —
2) Eurymos (E vgvpvog Ps.-Plut. prov. 1 , 74,
p. 332 Gott. = Zenob. cod. L. Vind.-, Evgip-
vog im Athous 3, 105 in Millers nielanges ;
die .^erklärliche Namensform ist jedesfalls
zu korrigieren) oder Eurymas (Evgvpag Phere-
kydes fr. 92 bei Res. s. v. = FRG. 1, p. 93),
ein Olenier ('SlXeviog xo ysvo g, äiccß oXog äs
Pherek.), der den Kastor bei Pollux (Zenob.
= Ps.-Plut. ; Flut. frat. am. 11, p. 483 C.)
Eurynome 1426
verleumdete. Pollux strafte ihn, indem er ihn
mit einem Faustschlage tötete (o&sv dvygs&g
vno noXväsvuovg Pherelc. ; 6 noXväsvugg xbv
Hccxcapi&vgi£ovxci x ov aäsXcpov ng'o g avxbv nov-
ävXm Tcca'aag anixxsivtv Plut.). S. ob. S. 1157.
Diese wohl auch bei Plierelcydes vorauszusetzende
Fassung der wenig bekannten Sage ist offen
bar ursprünglicher als die das Verhältnis um-
kehrende des Libanios ep. 389 . . . äxsßaXs xä>
10 Kdoxogi xbv aäsXcpov dXX’ ovx b Kaoxcog sgi-
yrjGsv aXX’ o per scpgctGsv , b äs noXväsv-ugg
dytt&bg tysvtxo nvuxrjg. Es ist wirksamer,
wenn Pollux für seinen Bruder eintritt und
den Verleumder sn’ avxocpcogoo bestraft, als
wenn er auf die Anzeige des Kastor hin sich
selbst rächt.
Zweifelhaft kann es sein, welches Olenos
Pherekydes gemeint hat. Für das ätolische
spricht der Umstand, dafs Leda Tochter des
20 ätolischen Königs Thestios sein soll und dafs
Pherekydes selbst (bei Schol. Apoll. Bh. 1, 146
— fr. 29, p. 28 M.) diese Abstammung an-
deutet. So werden die Dioskuren auch unter
den Jägern des kalydonischen Ebers genannt
(Ryg. fab. 173.) [Crusius.]
Eurynome (Evgwoprj, rjg f.), die Weithin-
waltende. 1) Tochter des Okeanos noXvrjgcc-
xov siäog s'xovGct, Res. Theog. 358. 907, von
Zeus Mutter der drei Chariten Aglaia, Eu-
30 phrosyne u. Thalia, Res. a. a. O., nach einigen
auch des Flufsgottes Asöpos , Apollod. 3, 12,
6, 4. Als Hera den Hephaistos aus dem Olymp
verstofsen hatte, nahmen sie und Thetis ihn
in ihrem Schofse auf (in xtäsigaxo KoXncp, Rom.
R. 18, 398 ff.). In einer früheren Zeit hatte
Eurynome mit dem Titanen Ophion die Herr-
schaft auf dem „schneereichen“ Olympos inne,
aber sie mufsten dem Kronos und der lihea
weichen und stürzten hinab in die Wellen des
40 Okeanos, resp. in den Tartaros; jene aber ge-
boten nunmehr den Titanen, bis auch sie die
Herrschaft dem Zeus lassen mufsten: so singt
Orpheus bei Apoll. JRhod. Arg. 1, 503; vgl. Tsetz.
Lykophr. 1192. — Schivenck, Etym.-myth. And.
S. 181 leitet Eurynome von gsco ab im Hin-
blick auf ihre Bedeutung als Wassergottheit,
(Tochter des Okeanos), richtiger Etym. M. :
nugcc xo svgscog Kcd peyceXcog vspsiv uvxr\v ncä
äiäövai. In Hinsicht auf ihre ursprüngliche
50 Stellung als Herrin des Olymp heifst sie mit
Recht die Weithinwaltende. Dafs die Okeanos-
tocliter an Ophions Seite in solcher Stellung
erscheint, beruht auf der orphischen Vorstel-
lung einer die ganze Welt einst bedeckenden
Flut; der Name ihres Gatten weist vielleicht
ebenfalls darauf hin, dafs das nasse Element
für das ursprünglich auf Erden herrschende
gehalten wurde. Nachkommen dieses Bundes
werden keine genannt; es ist die Periode der
GO Unfruchtbarkeit (clxgvysxog novzog) der Erde,
so lange das Wasser dieselbe bedeckte. Aus
dem Bunde der Eurynome mit Zeus dagegen
entstehen die Chariten (s. d.) ; wie Aphrodite
selbst, die Göttin der Schönheit und Liebe,
den Wellen entstiegen ist, so werden auch
ihre Begleiterinnen, die Holden, als Töchter
einer Meergöttin betrachtet, bezeichnend ge-
nug für das mit dem Meer aufs engste ver-
1427 Eurynomos
wachsene Griechenvolk. — In der Nähe von
Phigaleia befand sieh ein altheiliger aber schwer
zugänglicher Tempel der Eurynome. Die Ein-
wohner hielten nach Pausanias (8, 41, 4f.)
Eurynome für einen Beinamen der Artemis,
die Altertumskundigen aber wufsten, sagt er,
dafs Eurynome eine Tochter des Okeanos sei.
Der ganz mit Cypressen umwachsene Tempel
sei alljährlich nur einmal an demselben Tage
geöffnet und ihr geopfert worden. Das darin
aufgestellte Bild sei mit goldenen Ketten zu-
sammengehalten gewesen, und habe bis zu den
Hüften die Gestalt einer Frau, von da ab die
eines Fisches gehabt. All dies spricht aller-
dings eher für eine Eurynome als für eine Ar-
temis, hinwiederum eher für die alte Ophions-
gattin, als für die Mutter der Huldinnen; dies
wurde sie erst, als ihre ursprüngliche Bedeutung
mit dem Herrschendwerden der Zeusreligion zu-
rücktrat, vgl. Preller l3, 394 f. Müller , Dorier 1,
376 ff, bes. 380. [Gerhard, Abh. 1,303.344].—
2) Tochter des Asöpos , von Zeus Mutter der
Ogygias, Giern, recogn. 10, 23. — 3) Tochter
des Nysos, von Poseidon Mutter des Phoinikers
Agenor und des Bellerophon, Hyg. f. 157.
Bei Apollod. 1, 9, 3 heifst die Mutter des
Bellerophontes Eurymede. — 4) Gemahlin des
Lykurgos, Königs von Arkadien, Mutter des
Ankaios, Epochos, Amphidamas u. lasos. Apd,
3,9,2, 1. — 5) Schaffnerin im Hause des Odys-
seus, Od. 18, 163 u. f. — 6) Gemahlin des Talaos,
Mutter des Adrastos, Hyg. f. 69. — 7) Eury-
nome bei Ovid, Met. 4, 210. 219, Gemahlin
des von Belos stammenden Orchamos, Mutter
der Leukothoe, der Geliebten des Apollon; s.
Leukothoe. [Weizsäcker.]
Eurynomos (Evqvvo gog) , 1) chthonischer
Dämon, den Polygnot auf seinem Gemälde der
Unterwelt in der Lesche zu Delphi angebracht
hatte, Paus. 10, 28, 4. Der gelehrte Gewährs-
mann des Pausanias wufste keine litterarische
Überlieferung von demselben anzugeben. Ein
Dämon, der das Fleisch der Beerdigten ver-
zehrt und nur die Knochen zurückläfst, — also
die personifizierte Verwesung. Polygnot hatte
ihn als solchen andeutend charakterisiert, in-
dem er ihn die Zähne blecken und auf einem
Aasgeierbalge (wie Aktaion und seine Mutter
auf einem Hirschfelle zur Andeutung der Ver-
wandlung) sitzen liefs und ihm die blau-
schwarze Farbe der Verwesung gab. Der
Glaube an einen solchen Dämon, der euphe-
mistisch als der „Weitwaltende“ bezeichnet
wird, ist in einer Zeit und einem Volke er-
wachsen, da Beerdigung die überwiegende Be-
stattungsform war, welche allezeit im Gegen-
sätze zur reinlich rationalistischen Verbren-
nung dem Gespensterglauben Nahrung bot. —
2) Kentaur, Ov. Met. 12, 310. [F. A. Voigt.]
Euryodeia (EvQvodEioc) , von Zeus Mutter
des Arkeisios, Eustath. p. 1796, 34. Schol. Rom.
n 115. [F. A. Voigt.]
Euryope (Ev^vöjrtj?), 1) Tochter des The-
spios, von Herakles Mutter des Terpsikrates,
Apollod. 2, 7, 8, 6. Vgl. Euryops. — 2) S. Eu-
ropa 7. [F. A. Voigt.]
Euryops oder -opes ( Evgvoip , Evgvmip -o-
ngs'l), Sohn des Herakles von der Terpsikrate,
Eurypylos 1428
der Tochter des Thespios ( Apollod . 2, 7, 8, wo
die Hss. TsQipiy.gd.xqg Evgvonqg bieten). Vgl.
Euryope. [Roscher.]
Eurypliaessa (EvgvcpäsGßcc), Mutter des He-
lios von Hyperion, Hom. Hymn. in Sol. 11, 4.
[F. A. Voigt.]
Eurypon ( Evgvnüv ), Heraklide, Vater des
Prytanis, Ahnherr des spartanischen Königs-
geschlechtes der Eurypontiden, Paus. 3, 7, 1.
[F. A. Voigt.]
Eurypyle ( Evgvnvlq ), Anführerin der Ama-
zonen auf einem sonst unbekannten Zuge
gegen die Assyrer am Euphrat, Arrian bei
Eustath. ad Dion. 773. [Kliigmann.]
Eurypylos (Evgvnvlog), 1) Euaimonide, führt
die Thessaler von Ormenion, der Quelle Hy-
pereia , Asterion und dem Titauosgebirge vor
Troja, tötet Hypsenor, Melanthios und Apisaon,
Ilias 2, 734. 5, 76. 6, 36. 11, 575. Ilygin. f.
114. Ovid. inet. 13, 357. Dictys 1, 13 17. War
ein Freier der Helena, Apollod. 3,10,8. Hyg.
f. 81. Seine Eltern sind Euaimon und Ops,
Hyg. f. 97. Euaimon und Amyntor (Phoinix’
Vater), Söhne des Ormenos, so Demetrios
Skepsios bei Strabo 9, 438; Euryplos Sohn des
Hyperochos nnd Vater des Ormenos, so
Achaios (?) bei Schol. Pind. Ol. 7, 47; s. Müller,
frg. hist. 4, 286. Bei Verg. Aen. 2, 114 ver-
wendet in der Erzählung des Sinon. (Siehe noch
C. I. Gr. 6125 u. nr. 3). — 2) Sohn des Dexa-
menos im ach. 01 enos, mit Herakles gegen
Troja gezogen, Paus. 7, 19, 9; vgl. 18, 1. (Siehe
noch 3). — 3) Im ach. Patrai als Heros ver-
ehrt; aut der Akropolis zwischen Tempel und
Altar der Artemis Laphria sein Grabmal,
mit jährlichem Totenopfer beim Dionysosfest,
Paus. 7, 19, 1. 10; an der Strafse vom Markt
zum Meer in einem Heiligtum eine Lade, He-
phaistoswerk , von Eurypylos nach Patrai ge-
bracht, nur in einer Nacht des Festes vorge-
zeigt, darin das Bild des Aisymnetes
Dionysos, ib. 21, 8; etwas unterhalb ein
Heiligtum der Soteria mit Bild, gestiftet von
Eurypylos nach seiner Heilung, ib. 21,7; beim
Fest gehen ährenbekränzte Knaben zum Flufs
Meilichos, legen die Kränze beider Triklaria
Artemis nieder, baden im Flufs, bekränzen
sich mit Epheu und gehen zum Heiligtum des
Aisymnetes, ib. 20. Legende: Der Triklaria
wurden früher jährlich das schönste Mädchen
und der schönste Knabe geopfert, um einen
im Tempel von der Priesterin Komaitho mit
Melanippos begangenen Frevel zu sühnen.
Eurypylos hatte aus troischer Beute eine Lade
gewonnen und war, nachdem er sie geöffnet,
wahnsinnig geworden. Die Pythia verhiefs
ihm Heilung, wenn er ein „fremdes Opfer“
(%Evrjv tivaiav) anträfe, und dort solle er
bleiben; den Patreern verhiefs sie Ende je-
ner Opferpflicht, wenn ein „fremder König
komme und einen fremden Gott bringe.“
[Siehe oben S. 1061]. Nach der Heimkehr
von Troja wird Eurypylos nach Aroe (Pa-
trai) verschlagen , und beide Orakel werden
als erfüllt erkannt. Nach Pausanias 7, 19,
6 — 9 identifizierten die Patreer selbst ihren
Eurypylos mit nr. 1, dagegen gewisse Autoren
mit nr. 2. — 4) König der Meroper auf Kos;
io
20
30
40
50
60
1429 Eurypylos
Sohn der Astypalaia von Poseidon; Vater
der Chalkiope; von dieser verraten, wird er
mit seinen Söhnen von Herakles, dem er
die 'Landung wehren wollte, erschlagen, II.
2, 677. Pherek. b. Schol. TI. 14, 255. Pind.
Nein 4, 25. Schol. 40. Apolloä. 2, 7, 1. 8.
Eust. 318, 34. 0. Jahn, Bilder Chroniken 70.
Chalkiope wollte ihren Vater nach Verlust
des Reiches nicht verlassen, vgl. Hyg. f. 254.
Abweichend über Herakles in Kos Plut. qu.
graec. 58. — 5) Mysischer Heros, des Hera-
kliden Telephos’ Sohn, der schönste nach
Nireus; Führer der Keleier, Bundesgenossen der
Trojaner; seine Mutter Astyoche, Priamos’
Schwester (nach Schol. luv. Sat. 6, 654 war
es vielmehr Eurypylos’ Frau ; s. auch Eust. zur
Od. 1697; nach Ptol. Hepli. p. 37. 130 Roulez
Priamos selbst), liefs sich durch den einst von
Zeus für Ganymedes gegebenen goldenen Wein-
stock (unter Verletzung des von Telephos nach
seiner Heilung für sich und seine Nachkommen
gegebenen Versprechens nicht gegen die Grie-
chen zu kämpfen, Schol. Iuv. Sat. 6, 654) be-
stechen, den Sohn nach Troja zu senden, wo
er durch Neoptolemos fällt, Od. 11, 519.
Ilias mikra. Akusilaos fr. 27 Müller bei Schol.
Od. Tragödie Eurypylos bei Aristot. poet.
1459 b Bekker. Strabo 13, 584. Qu. Sm. 8,
200. Ilyg. f. 112. Philostr. iun. imag. 10. Er
selbst hat den Nireus getötet, Hyg. fab. 113.
Qu. Sm. 6, 372; auch den Asklepiaden Ma-
chaon, Qu. Sm. 6, 408, daher im Tempel
und Kult des pergamenischen Asklepios sein
Name nicht genannt, Paus. 3, 26, 7. Vater
des Grynos, Serv. Ecl. 6, 72. Vgl. Preller
1, 412. 2, 442. — 6) Poseidons Sohn; in
seiner Gestalt erscheint der libysche Triton
den Argonauten und giebt dem Euphemos
die Erdscholle, Pind. Pyth. 4, 33. Eurypylos
ist der libysche Triton selbst, Apoll. Rh. 4, 1551.
Nach Akesandros ns gl Kvgfjvgg ( Müller , frg.
Hist. Gr. 4, 285) ist Eurypylos König von
Kyrene, Tritons Bruder, Sohn des Poseidon
u. der Atlantide Kel aino, seine Gattin Helios’
Tochter Sterope, seine Söhne Lvkaon und
Leukippos (Schol. Pind. Pyth. 4, 57. Tzetz.
Lyk. 886); unter ihm bringt Apollon die
Kyrene ins Land, welche den das Land ver-
heerenden Löwen tötete (auch bei Kallim.
Hy. Ap. 92), wofür sie als den von Eurypylos
ausgesetzten Preis die Herrschaft erhält (Schol.
Ap. Rh. 2, 498. 4, 1661). Phylarchos beim
Schol. Ap. Rh. 4, 1561 hat dafür Eurytos mit
einem Bruder Lykaon, vgl. 0. Müller, Orclio-
menos 343. Tzetz. Lyk. 902. Heydemann, Annali
1871, 113. — 7) Sohn des Herakles und der
Eilbote, Thespios’ Tochter, Apd. 2, 7, 8. —
8) Sohn des Herakliden Temenos, Bruder
des Agelaos und Kallias und der Hyrnetho.
Weil Temenos vor seinen Söhnen die Tochter
und ihren Gatten Dei'phontes bevorzugt, so
stiften jene die Titanen an, den Vater zu
töten, Apd. 2, 8, 5 — 9) Einer der Söhne
des Thestios und der Eurythemis; Bruder
der Althaia; nach der kalydonischen Jagd
von Meleagros erschlagen, Apd. 1, 7, 10.
8, 3. — 10) Sohn des Telestor und Vater
der Asterodia, der Gemahlin des Ikarios,
Eurysakes 1430
Pherek. frgm. 90 Müller b. Schol. Od. 15, 16.
— 11) Ein Eurypylos von seinem Schwieger-
vater erschlagen, korrupte Stelle Hyg. f. 245.
[v. Sybel.]
Euryrrlioe (Evgvggörj), Tochter des Neilos,
gebar dem Aigyptos fünfzig Söhne, Hippostr.
bei Tzetz. hist. 7, 368 und bei Plüeg. Mir. fr.
59, wo das erste Evgvöngg in Evqvqqo gg, das
zweite in Evguingg zu ändern ist; vgl. Müller,
fr. h, gr. 4, 432, 1. [Steuding.]
Eurysakes (Evgvcdngg, d. i. Breitschild,
nach dem berühmten grofsen Schilde des
Vaters, Soph. Ai. 575), Sohn des salaminischen
Aias, den ihm Tekmessa, die gefangene Toch-
ter des phrygischen Königs Teleutas, im Lager
vor Troja geboren, Soph. Ai. 530. 575. Eustath.
Hom. p. 857, 56. Serv. Verg. Aen. 1, 619.
Philostr. Her. 11, 2. Tzetz. Lyk. 53. Quint.
Sm. 5, 521. Bevor Aias sich mordete, tiber-
liefs er die Sorge für Eurysakes seinem Bruder
Teukros, und der übernahm sie mit treuem
Eifer, Soph. Ai. 563. 972 ff. Nach der Er-
oberung von Troja kam Eurysakes auf einem
andern Schiffe als Teukros nach Salamis (Serv.
а. a. 0.), und Telamon, sein Grofsvater, zürnte
dem Teukros, weil er ihn nicht mitgebracht.
Teukros, von seinem Vater Telamon aus dem
Lande gewiesen, gründete sich auf Kypros eine
Herrschaft; auf die Kunde aber von des Vaters
Tod kehrte er später nach Salamis zurück,
wurde jedoch von Eurysakes, der von Telamon
die Herrschaft der Insel erhalten hatte, abge-
wiesen und ging nach Hispanien, wo er sich
in Galläcia niederliefs, lustin. 44, 3. Ein
Bruder des Eurysakes, Sohn des Aias und der
Lysidika, Tochter des Koronos, war Philaios
(Philaias Markellin.), Tzetz. Lyk. 53. Herodot.
б, 35. Plut. Sol. 10. Alläbiad. 1. Ein Sohn
des Eurysakes heifst Philaios bei Paus. 1, 35, 2.
Nach Plut. Sol. 10 traten die beiden Söhne
des Aias den Athenern die Insel Salamis ab
und erhielten dafür das attische Bürgerrecht;
Philaios liefs sich zu Brauron nieder ( Bursian ,
Geogr. v. Gr. 1 , 348) , Eurysakes zu Melite,
einem städtischen Demos Athens, westlich von
der Agora. Nach Paus. a. a. 0. übergab
Philaios, der Sohn des Eurysakes, den Athenern
Salamis u. wurde attischer Bürger; Aias aber
und Eurysakes, seine Vorfahren, wurden von
den Athenern als Heroen verehrt. Es war in
Athen ein Altar des Eurysakes. Dieses Heilig-
tum, das Eurysakeion, lag am Markthügel
(noXcovog ayogaiog) und gehörte wohl zum
Demos Melite, wo sich einst Eurysakes nieder-
gelassen, Harpokrat. v. KoXcovca’vag u. Evqv-
adnsiov. Hypothesis Soph. Oed. Col. 2 in Schol.
Soph. cd. LHndorf 2, p. 16. Bursian, Geogr. 1,
287 Niebuhr im Rhein. Mus. 3, 26. Mommscn,
Heortol. 355. Von den Söhnen des Aias lei-
teten sich in Athen (und Salamis) vornehme
Geschlechter und berühmte Männer her: Mil-
tiades, Kimon, Alkibiades, der Geschicht-
schreiber Thukydides, Phcrekyd. b. Markellin.
Vit. Thucyd. 2. Plut. Alkib. 1. LHdymos b.
Schol. Pind. Nein. 2, 19. Paus. 2, 29, 4. Eine
Tragödie Eurysakes schrieben Sophokles (Wel-
cher, Gr. Trag. 1, 197. Nagele, trag. gr. fr.
p. 141) und Attius, wahrscheinlich nach dem
io
20
30
40
50
60
1431 Eurysthenes
Stück des Sophokles, Ribbeck, trag. gr. rell.
p. 151. [Rom. Trag. p. 419 R.] — Preller,
gr. Myth. 2, 403. 404. 463. 464. [Stoll.]
Eurysthenes (Evqvg&s vgg) , 1) Sohn des
Aigyptos, vermählt mit der Danaide Mnestra,
Hygin. f. 170; vgl. Apollod. 2, 1, 5, wo Mnestra
mit Aigios verbunden ist. — 2) Sohn des
dorischen Herakliden Aristodemos und der
Argeia, Tochter des Autesion, der zugleich
mit seinem jüngeren Zwillingsbruder Prokies
nach dem Tode des Aristodemos die Herrschaft
in Lakedaimon erhielt, s. Aristodemos nr. 2.
Herodot. 6, 52. Apollod. 2, 8, 2. 4. Paus. 3,
1, 6. Eplioros b. Strabo 8, 364. 389. Beide
waren die Stammväter der zwei spartanischen
Königshäuser, doch wurden die beiderseitigen
Geschlechter gewöhnlich nicht Eurystheniden
und Prokliden genannt, sondern das eine nach
Agis, dem Sohne des Eurysthenes, Ägiden oder
Agiaden, das andre Eurypontiden nach Eurypon,
dem Enkel des Prokies, Paus. 3, 2, 1. 3, 7, 1.
Strabo 8, 366. Die beiden Brüder hatten in
grofser Zwietracht unter einander gelebt, und
so auch in der Folge die von ihnen stammen-
den Königsfamilien, Herodot. 6, 53. Paus. 3,
1, 7. — Müller , Dorier 1, 90. 96. 131. Preller,
Gr. Myth. 2, 282. — [3) Begleiter des The-
seus bei seiner Rückkehr von Kreta auf der
Francois- Vase: C. I. Gr. 8185b. R.] [Stoll.]
Eurystheus (Evqvg&svs), König über Mykene,
Tiryns und Midea in Argolis, aus dem Stamm
des Perseus, ein naher Verwandter des Hera-
kles. Er war Sohn des Sthenelos, Enkel des
Perseus; Sthenelos aber war Bruder des Alkaios,
dessen Sohn Amphitryon (Enkel des Perseus)
Alkmene, die Mutter des Herakles, welche
ebenfalls eine Enkelin des Perseus war, zur
Gemahlin hatte, s. Herakles. Die Mutter des
Eurystheus war Nikippe, Tochter des Pelops,
Apollod. 2, 4, 5; Pherelcydes nannte sie Am-
phibia, Tochter des Pelops, Hesiod Artibia
(Antibia), Tochter des Amphidamas (oder nach
anderer Angabe Nikippe, Tochter des Pelops),
andere: Leukippe, Menippe, Archippe, Asty-
dameia, Schol. II. 19, 116. Schol. Thule. 1, 9.
Tzetz. Chil." 2, 36; vgl. Heyne zu Apollod.
a. a. 0. Ältere Schwestern des Eurystheus
waren Alkinoe und Medusa, Apollod. a. a. 0.
Ein Bruder Iphis war Argonaut und wurde im
Kampfe von Aietes getödtet, Dionys. Mytilen.
b. Schol. Ap. Rh. 4, 223. Diod. 4, 48, der ihn
fälschlich Iphitos nennt, Valer. Flacc. 1, 441.
Die Gemahlin des Eurystheus war Antimache,
Tochter des Amphidamas, Apollod. 3, 9, 2.
Seine Söhne heifsen Alexandros, Iphimedon,
Mentor, Eurybios, Perimedes, Apollod. 2, 8, 1.
AntiJcleides b. Athen. 4, 157 f. nennt aufser den
zwei letzten noch den Eurypylos. Seine Tochter
Admete (s. d. u. vgl. Apoll. 2, 5, 9. Tzetz. Lyk.
1327) galt gewöhnlich als eine Priesterin der
argivischen Hera, SynJcell. Chronogr. p. 172
ed. Par.-, vgl. Athen. 15, 672a. Zeus hatte
den Herakles, seinen Sohn, zum Herrscher des
argivischen Reiches bestimmt; aber durch die
List und die Veranstaltungen der dem Hera-
kles feindseligen Hera geschah es, dafs statt
seiner durch das Recht der Erstgeburt Eu-
rystheus das Reich und die Herrschaft über
Eurystheus 1432
die Perseiden erhielt und Herakles dessen
Dienstmann ward, s. Herakles. Der gewaltige
Zeussohn ward unterthan dem schwächlichen,
feigen Eurystheus, dem Siebenmonatskinde,
II. 19, 1 1 7 f . und Schol. (fjluöyrjvo?), Od. 11,
620. Apollod. 2, 4, 5. Bei Ilesiod. Scut. 91
vielleicht cchTryisyog (= fiXuöggvog, Hesycli.
s. v. yXiTÖfigvos), obgleich die Handschriften
das von Buttm., Gramm. 2, p. 72 geschützte
ähtr'ifisvog haben, welches gottlos und frevel-
haft heifst, wie dzdad'cdos ( Evq .) bei Ap. Rh.
1, 1317; durus nennt ihn Verg. Ge. 3, 4. Er
trug dem Herakles nach dem Vertrag des
Zeus und der Hera (s. Herakles) zwölf schwere,
gefahrvolle Arbeiten auf und zeigte sich über-
haupt gegen ihn und sein ganzes Geschlecht
höchst feindselig. Als Grund wird hauptsäch-
lich hervorgehoben seine Feigheit und die
Furcht, dafs der starke Held ihm die Herr-
schaft nehmen möchte. Er gestattete dem
Herakles, der in Tiryns als sein Dienstmann
safs, nicht, Mykene zu betreten und vor ihm
zu erscheinen, sondern schickte ihm seine Auf-
träge durch seinen Herold Kopreus („der Bote
durch Dick u. Dünn“, Preller, Gr. Myth. 2, 185)
und befahl ihm, die Beweise seiner Siege vor
den Thoren der Stadt zu zeigen, II. 15, 639
u. Schol. Vgl. Apollod. 2, 5, 1. Diod. 4, 12.
Nicol. Damasc. fr • 30 b. Müller, fr. hist. gr. 3,
p. 369. Derselbe giebt an, dafs dem Iphikles,
Bruder des Herakles , und dem Likymnios,
Stiefbruder der Alkmene , welche dem in den
Dienst des Eurystheus sich begebenden Hera-
kles gefolgt waren, Eurystheus sogleich Freund
geworden sei (vgl. Hesiod. Scut. 89 ff.). Manche
sagten, Eurystheus sei ein Geliebter (ncuthnix)
des Herakles gewesen , und dieser habe aus
Liebe und Neigung zu ihm sich die Arbeiten
auferlegen lassen, Schol. II. 15, 639. Diotimos
b. Athen. 13, 603 d. Als Eurystheus nach Voll-
endung der 12 Arbeiten des Herakles ein Opfer
veranstaltete und auch den Herakles zuzog,
gaben die Söhne des Eurystheus, welche jedem
das Fleisch zuteilten, dem Helden ein kleineres
Stück; der sah dies als eine Verachtung an
und erschlug drei Söhne des Eurystheus, An-
tikleides b. Athen. 4, 157 f. Als Herakles, von
der Knechtschaft des Eurystheus befreit, sich
mit den Seinen in Tiryns niederlassen wollte,
wurde er von Eurystheus ausgewiesen, weil er
nach der Herrschaft strebe, Diod. 4, 33. Die
Dry oper, von Herakles aus der Gegend des
Parnafs vertrieben, suchten bei Eurystheus, als
dem Feind des Herakles, Zuflucht und erhielten
von ihm als Wohnsitz Asine in Argolis, auch
Hermione und Eion, Paus. 4, 34, 6. Diod. 4,
37. Nach dem Tode des Herakles verfolgte
Eurystheus auch dessen Nachkommen, die
Herakliden. Zuletzt fanden sie Aufnahme und
Schutz in Attika bei Theseus oder dessen Sohn
Demophon. Als Eurystheus deshalb mit Heeres-
macht in Attika einfiel , wurde er in einer
Schlacht von den Herakliden und Athenern
besiegt und fand seinen Tod mit allen sei-
nen Söhnen, Eurip. Herakliden. Find. Pyth.
9, 79 (= 137) u. Schol, Diod. 4, 57. Apol-
lod, 2, 8, 1. Strabo 8, 377. Paus. 1, 32, 5.
Schol. II. 17, 40. Herodot. 9, 27. Pherekyd.
io
20
30
40
50
60
1433
1434
Euryte
bei Anton. Lib. 33, s. Alkmene. Eurystheus
wurde auf der Fluclit von Hyllos oder von
Iolaos getötet und sein Kopf der Alkmene,
welche mit den Herakliden nach Attika ge-
kommen war, überbracht; die grub ihm aus
Rache die Augen mit ihren Haarnadeln aus.
Nach Euripides Herakliden (928 ff.) wurde Eu-
rystheus als Gefangener lebend zu Alkmene
geführt, und diese Üefs ihn töten. Das Grab
des Eurystheus befand sich im Megarischen Ge-
biet unweit des skironischen Felsen, wo er ge-
tötet worden war, Paus. 1, 44, 4. Nach Strabo
8, 377 lag sein Leib begraben in Gargettos, am
Abhang des Brilessos, nicht weit von Pallene,
sein Kopf aber bei Trikorythos, unfern der
marathonischen Ebene, bei der Quelle Maka-
ria; der Ort hiefs Evgvö&scog nsqxxXy, Bursian,
Geogr. v. Griechen l. 1, 340. Bildwerke (vgl.
Herakles): C. I. Gr. 7570 u. f. 7657. 8206 u. An-
nali 1859 tav. GH etc. — Vergl. Steph. Byz.
u. Hesycli. s. v. ragygzzög. Eurip. Herakliden
1030. Euripides schrieb ein Satyrdrama Eu-
rystheus, Nauck, Tragic. gr. frgm. p. 376. —
Buttmann, Mythologus 1, 156. Müller, Dorier
1, 54. 436. 450. Curtius, Peloponnesos 2, 345.
Braun, Gr. Götterl. § 542—544. 559. Preller,
Gr. Mythol 2, 159. 178. 185. 280. Gerhard,
Gr. Mythol. 2 § 800. [Stoll.]
Euryte (Evgvzrf), 1) Nymphe, Mutter des Halir-
rliothios (s. d.). — 2) Tochter des Hippodamas,
Gemahlin des ätolischen Königs Porthaon, Mut-
ter des Oineus u. a. Apollod. 1, 7, 10. [Stoll.]
Eurytele (EvgvzsXrf), Tochter des Thespios,
von Herakles Mutter des Leukippos, Apollod.
2, 7, 8. [Stoll.]
Eurythemis (EvgvQ’sfug) , 1) Tochter der
Kleoboia, Gemahlin des Thestios, Apollod. 1,
7, 10. — 2) Tochter des Akastos, Gemahlin
des Aktor, Tzetz. L. 488. — 8) Tochter des
Timandreus, mit ihrer Schwester Kotto (Kotytto)
von den Herakliden verehrt, weil sie dieselben
bei ihrem Einfall in den Peloponnes unterstützt
hatten. Hippostratos bei Schol. Tlieokrit. 6, 40.
Vgl. Lobeck, Aglaoph. p. 1038. [Stoll ]
Eurytheiniste (Evgv&spiazg). Boiotos , der
Sohn des Poseidon, wünschte von zwei aus-
gezeichneten Frauen die bessere zu heiraten.
Während er auf der Höhe eines Berges in
der Nacht beide erwartete, fiel plötzlich ein
Stern vom Himmel auf die Schultern der Eury-
themiste und verschwand. Boiotos heiratete
die Jungfrau und nannte das Gebirge Asterion.
Später erhielt es den Namen Kithairon. Apo-
kryph. Sage b. Flut, de fluv. 2, 2. [Stoll.]
Eurythoe (Evgv&orj) , Tochter des Danaos,
Gemahlin des Oinomaos, Mutter der Hippo-
dameia, Schol. Ap. Rhod. 1, 752. Tzetz. Lyk.
156. Hyg.f. 84 nennt die Gemahlin des Oino-
maos Euarete, Tochter des Akrisios. [Stoll.]
Eurytia (Evgvzia), die zweite Gemahlin des
Phineus (s. d.), Schol. Od. 12, 69. Preller, Gr.
Myth. 2, 331, 1. [Stoll.]
Eurytion ( Evqvxlcov ), 1) der Rinderhirt des
Geryones, von Herakles erschlagen, Hesiod. Th.
293. Apollod. 2, 5, 10. Quint. Sm. 6, 255.
Sohn des Ares und der Erytheia, Hellanik.
bei Schol. Hes. Th. 293, vgl. Serv. Aen. 8, 300.
S. Geryones und Herakles. [Bildwerke: Ces-
E ury tos
nola- Stern, Cypern Tf. 24. Arch. Ztg. 1866, 257 f.
0. I. Gr. 7582. 8155. 8233. Preller, G. My 2,202],
Uber die Ableitung des Namens von sv und gv-
rog; vgl. gvza vSazu (Schol. Hes. a. a. O. dicc zgv
svgtxgr/ gvoiv zcov vddzcov) s. Preller, Gr. M. 2,
202 f. Vgl. Schoemann, Opusc. Ac. 2, 202. N.
Jahrbb. 1873. 201. Jacobs, Verm. Schriften 6,
145 ff. Auch den Kentauren Eurytion leiten von
sv und gv zog ab C. E. Hermann, Gott. Anz.
io 1845 p. 262. Gerhard, Auserl. Vasenb. 2, p. 71,
not. 25. Roscher, N. Jahrbb. 1872 S. 422. —
2) Einer der Kentauren (s. d.) des Pelion, der
nach Hom. Od. 21 , 295 ff , ohne die andern
Kentauren zur Hochzeit des Lapithen Peirithoos
geladen, weinberauscht an der Braut sich ver-
griff; aber die Lapithen schneiden ihm Nase
und Ohren ab und schleifen ihn zur Thür
hinaus , worauf erst der eigentliche Kampf
zwischen Lapithen und Kentauren erfolgt.
20 Die spätere und gewöhnliche Sage läfst den
Kampf der beiden Parteien gleich beim Hoch-
zeitsmahle beginnen , wobei dann der wilde
Eurytion (auch Eurytos genannt) als Räuber
der Braut eine Hauptrolle spielt. Paus. 5,
10, 2. Ov. Met. 12, 219. Schol. Od. 21, 295.
Preller, Gr. Myth. 2, 18 f. S. Kentauren. —
3) Dieselbe Figur kommt unter den Kentauren
des Pholoegebirges (zwischen Arkadien und
Elis) vor. Auch hier ist er ein Brauträuber.
30 Als Herakles die Kentauren im Pholoegebirge
zerstreute , blieb er in demselben Gebirge,
Apollod. 2, 5, 4. Von da aus erschien er zu
Olenos im Hause des Dexamenos (s. d.) und
wurde von Herakles erschlagen, s. Dei'aneira
nr. 3 u. Kentauren. Hygin. f. 31, 33. Diod.
4, 33. Apollod. 2, 5, 5. Bakchylid. bei Schol.
Od. 21, 295. Eustath. Od. 1909, 61. Paus.
7, 18, 1. — 4-) Sohn des Lykaon, Bruder des
Pandaros, Begleiter des Aineias, wie sein
40 Bruder ein guter Bogenschütze (daher der
Name), der als solcher bei den Leichenspielen
des Anchises auftrat, Vtrg. Aen. 5, 495. 514.
541. [Stoll.] — 5) Name eines Satyrs auf einer
Amphora: O. I. Gr. 8439. Heydemann, Satyr-
u. Bakchennamen S. 19. [Roscher.] — 6) Sohn des
Aktor aus Phthia, ein kalydonischer Jäger, der
Peleus von dem Morde des Phokos reinigt,
ihm seine Tochter Antigone zur Gemahlin
giebt und von ihm unabsichtlich getötet wird,
so Pherekydes b. Tzetz. Lyk. 175; vgl. Schol. II.
n 175 (fr. 16 Müller). Apollod. 1, 8, 2. 3,
13, 1. Aristid. 2 p. 168, schol, Aristul. 3, 463.
Ddf. Anton. Lib. 38. Ov. Met. 8, 311; vgl.
H. D. Müller, Mythol, der griech. Stämme 1,
221 f. — 7) Sohn des Iros, des Sohnes des
Aktor, Argonaut, Ap. Rh. 1, 71. Sohn des
Iros und der Demonassa, Hyg. f. 14, aus Opus,
Orph. Arg. s. v. 180 (Konjektur), ohne Zu-
satz genannt von Val, Fl, 1, 378. Bei Tzetz.
go ad Lykophr. 175 a. E. ist des Iros Sohn mit
dem vorigen verwechselt. [Seeliger.]
Eurytios ( Evgvziog ), Sohn des Sparton, Vater
der Galateia (s. d.) Anton. Lib. 17. [Stoll.]
Eurytos (Evgvzog), 1) einer der Giganten (s. d.),
in der Gigantenschlacht von Dionysos mit dem
Thyrsos getötet, Apoll, 1, 6, 2; vgl .Hyg.praef.
p. 27 Bunte. Bei Horat. Od. 2, 19, 23 heifst
der Gegner des Dionysos lthoitos, und diesen
1435 Eurytos
Namen möchte Preller (Gr. Myth. 1, 60, 5)
auch bei Apollodor herstellen. Eine Aufzählung-
aller bei Schriftstellern und auf Vasenbildern
vorkommenden Gigantennamen giebt 0. Jahn,
Ann. dell' Inst. 35, S. 250 ff. — 2) König in
dem „hochgetürmten“ ( Soph . Trach. 354)
Oichalia. Es gab verschiedene Städte dieses
Namens ; besonders werden genannt das in
Thessalien am oberen Peneios, in der Gegend
von Trikka und Ithome, der Heimat der As-
klepiaden, dann das in Messenien an der
Grenze von Arkadien in der Gegend, wo spä-
ter Andania lag, ferner das in Euboia, im
Gebiet von Eretria (das nach des Eurytos
Vater früher Melanei's geheifsen haben soll,
Steph. Byz. s. v. ’Eqstqlu. Strab. 10, 448).
Steph. Byz. s. v. Ol%alici. Strab. 8, 339. 350.
360. 9, 438. 10, 448. Paus. 4, 2, 2. Müller,
Dorier 1, 23. 412. Orchom. 368, 3. Prolegg.
21. Welcher , Ep. Gycl. 1, 230. Nitzscli, Beitr.
z. ep. Poesie 153, 31. Curtius, Pelop. 2, 133.
189. Preller, Gr. Mytlx. 2, 224. Jede dieser
drei Städte wurde von den Umwohnern als
die sagenberühmte Feste des „grofsen“ ( Od .
8, 226. 21, 32.) Eurytos gepriesen. „Immer
liegt Oichalia in Gegenden, wo der apollinische
Kult zu Hause ist, und zwar in der Bedeutung
des zürnenden Gottes mit dem gespannten
Bogen, dessen ernste Macht in diesen tragi-
schen Verwickelungen, die sich an Oichalia
knüpfen, oft hindurchblickt,“ Preller, Gr. Myth.
2, 225. Das thessalische Oichalia wird als die
Stadt des Eurytos genannt II. 2, 730, vgl.
Schol. und Eustath. z. d. St, und Paus. 4, 2, 2
sagt, dafs , wo das thessalische Oichalia ge-
standen, zu seiner Zeit ein verödeter Platz
gewesen sei, ro Evqvziov genannt. Hier, in
der Nähe der alten Wohnsitze der Dorier,
scheinen ursprünglich die Sagen von Eurytos
und seinen Kämpfen mit Herakles gehaftet zu
haben, Müller, Dorier 1, 413. Von da wur-
den sie dann nach dem messenischen Oichalia
übertragen, das mit dem thessalischen verwandt
war. Auf das messenische Oichalia weisen
hin II. 2, 596. Od. 21, 14 ff, Stellen, denen
Pherekydes folgte nach Schol. Soph. Trach. 354.
Dagegen verlegte das jüngere Epos des Kreo-
phylos von der Eroberung Oichalias (Inhalt
im allgemeinen Kallim. Ep. 6) die Handlung
nach Euboia , ebenso Hekataios von Milet
(Paus. 4, 2, 2), Sophokles in den Trachinie-
rinnen und die jüngeren Schriftsteller über-
haupt, Schol. Ap. Bh. 1, 87. Schol. II. 2, 596.
730. Diese setzten wahrscheinlich alle die
Zerstörung Oichalias unmittelbar vor den Tod
des Herakles auf dem nahen Oita. — Eurytos
war der Sohn des Melaneus, der, ein treff-
licher Bogenschütze und deswegen für einen
Sohn des Apollon gehalten, nach messenischer
Landessage zur Zeit des Königs Perieres nach
Messenien kam und von diesem mit einem
Distrikt Landes belehnt ward, auf welchem er
die Stadt Oichalia erbaute. Er benannte sie
nach seinem Weibe Oichalia. Paus. 4, 2, 2.
33, 5. Pherekyd. bei Schol. Soph. Trach, 354
(Müller, fr. hist. gr. 1, p. 80, 34), wo Melaneus
(schreibe Mefoxvscog für MsXavog) Sohn des
Arkesilaos heifst. Die Gemahlin des Melaneus
Eurytos 1436
und Mutter des Eurytos wird Stratonike ge-
nannt von Hesiod. (fr. 45 Lehrs ) bei Schol.
Soph. Trach. 266. Eurytos aber war vermählt
mit Antioche (oder Antiope, Schol. Ap. Bh.
1, 87. Dygin. f. 14, p. 40 Bunte), der Toch-
ter des Nauboliden Pylon, und war Vater des
Dei'on, Klytios, Toxeus, Ipliitos und der Iole
(Ioleia), die jünger war als die Brüder, Hesiod.
a. a. 0. Vgl. ein Vasenbild aus Cäre mit
diesen Namen, Welcher, A. D. 5. T. 15. S. 261 ff.
Die drei ersten nennt als Söhne des Eurytos
Aristokrates ; Kreophylos sprach von zwei Söh-
nen (Schol. Soph. Trach. 266); Diod. 4, 37
nennt Toxeus, Molion und Pytios (Klytios?);
bei Ap. Bh. 1, 86, 2, 114. Hygin. a. a. 0.
sind Klytios und Ipliitos unter den Argonau-
ten. Plut. Thes. 8 nennt einen Sohn des Eury-
tos von Oichalia Deioneus. Ovid. Met. 9, 325
giebt der Iole noch eine Stiefschwester Dry-
ope. — Eurytos war wie sein Vater ein aus-
gezeichneter Bogenschütze (= ’Eqvzos , Butt-
mann, Lexil. 1, 146. Welcher, ep. Cycl. 1, 229;
vgl. jedoch N. Jahrbb. f. Philol, 1873, 199);
Apollon hattfe ihm den Bogen gegeben und
ihn die Kunst des Bogens gelehrt, Schol. II.
5, 392. Ap. Bh, 1, 88. Aber Eurytos wagte
auch den Gott zum Wettkampf im Bogen-
schiefsen herauszufordern (vgl. Hygin. f. 14,
p. 40 Bunte), und das brachte ihm bald den
Tod ; er starb durch den Zorn des Apollon in
seinem Hause, bevor er das Greisenalter er-
reichte, und binterliefs seinen Bogen dem
Sohne Iphitos. Mit demselben Bogen tötete
Odysseus am Festtage des Apollon die Freier;
denn Iphitos hatte ihm denselben als Gast-
geschenk gegeben, Od. 8, 224ff. 21, 14ff. Den
Herakles hatte Eurytos im Bogenschiefsen
unterrichtet, Apollod. 2, 4, 9. 11. Theokrit.
Id. 24 (19 Ahrens), 105. Eustath, 299, 13.
Tzetz. Dyk. 50. 458. Die gewöhnliche Sage
von Eurytos dreht sich um die Feindschaft
und den Kampf mit Herakles, der ursprüng-
lich auf Gründen historischer Art beruht, auf
der Feindschaft der Dorier mit den Oichaliern
(Müller, Dorier 1, 294), und sie erzählt in der
neueren, seit Kreophylos herrschenden Form,
wie Eurytos die Hand seiner Tochter Iole dem
verspricht, der ihn im Bogenschiefsen über-
treffe, wie Herakles ihn besiegt, aber, als er
die Iole verlangt , von Eurytos und seinen
Söhnen mit Hohn abgewiesen und aus dem
Hause geworfen wird. Deswegeir unternimmt
Herakles einen Rachezug gegen Oichalia (in
Euboia), zerstört die Stadt, tötet den Eurytos
und seine Söhne und führt die Iole als Kriegs-
gefangene mit sich fort (Braun, Gr. Götterl.
§ 650. 651). An diesen Sieg knüpft sich dann
unmittelbar der Tod des Herakles, und Iole
wird die Gemahlin des Hyllos, des ältesten
Sohnes des Herakles und der Deianeira. Das
Nähere siehe unter Herakles und Iphitos,
dessen Ermordung durch Herakles auch mit
diesem Streite zusammenhängt. Gewöhnlich
heifst es, Herakles habe bei der Eroberung
von Oichalia den Eurytos und seine Söhne
getötet (Apollod. 2, 6, 1. 3. 2, 7, 7); Diod.
4, 37 sagt, Herakles sei gegen die Söhne des
Eurytos nach Oichalia gezogen und habe sie
io
20
30
40
50
60
Eusebia
1437
getötet. Nach Pherekydes ( Schol . Soph. Tr ach.
354), der den Eurytos in dem messenischen
Oichalia wohnen läl'st, hatte Herakles die Iole
für seinen Sohn Hyllos gefordert und erschlug
später nach Eroberung der Stadt die Söhne
des Eurytos, während dieser selbst nach Euboia
entfloh (wo er ein neues Oichalia erbaut haben
wird). Es ist nämlich an dieser Stelle statt
des fliehenden Iphitos Eurytos zu setzen, wie
man aus Herodor bei Schol. Eurip. Hippol.
545 ersieht. Vgl. Müller, Dorier 2, 469. Nach
Skythinos aus Teos bei Athen. 11, 461 f. tötet
Herakles den Eurytos und seinen Sohn (Iphi-
tos), weil sie Tribut von den Euböern einge-
trieben, und Lysimachos Alex, bei Schol. Eurip.
Hippol. 545 gab als Grund des Kriegszuges
gegen Oichalia an, dafs die Oichalier 30 Ta-
lente Silbers als Preis für den erschlagenen
Iphitos gefordert. — Die Gebeine des Eurytos
wurden bei Andania (d. i. Oichalia) im kar-
nasischen Cypressenhain aulbewahrt, wo ihm
jährlich vor dem mystischen Feste der grofsen
Göttinnen Totenopfer dargebracht wurden.
Paus. 4, 2, 2. 4, 3, 5. 4, 33, 5. Müller, Dorier
1, 100. Curtius Pelop. 2, 134. — Auf einer in
Lamia gefundenen lateinischen Inschrift, wo-
rin die Grenzlinie des Gebietes der Lamier
und der Hypatäer festgesetzt ist, C. I. L. 3, 1
nr. 586, wird ein Monumentum Euryti erwähnt;
dies wird sich in einer Gegend befunden haben,
wo man das von Strabo 10 , 448 erwähnte
trachinische Oichalia annahm. Auch in Aito-
lien gab es ein Oichalia, in der Gegend, wo
die nach Eurytos benannten ( Aristot . bei Tzetz.
Lylc. 799) Eurytanen wohnten, Strabo 10, 448.
Nach Anton. Lib. 4 eroberte Melaneus, Sohn
des Apollon, König der Dryoper, ganz Epeiros
und zeugte Eurytos und Ambrakia, nach wel-
cher die Stadt Ambrakia genannt war. — 3)
Sohn des Aktor in Elis (oder des Poseidon)
und der Molione, Bruder des Kteatos, Apollocl.
2, 7, 2. Paus. 2, 15, 1. 5, 2, 1. Diod. 4, 33,
der ihn fälschlich Sohn des Augeias (seines
Oheims) nennt. Er zeugte mit Theraiphone,
Tochter des Dexamenos aus Olenos, den Thal-
pios, Paus. 5, 3, 4. Apollod. 3, 10, 8. II. 2,
620. Bei Eurip. Ipli. Aul. 282 heifst Eurytos
Anführer der Epeer vor Troja. S. Aktorion.
— 4) Sohn des Hippokoon, Königs in Sparta,
von Herakles mit Vater und Brüdern erschla-
gen, Apollod. 3, 10, 5; s. Hippokoon. — 5)
Ein griechischer Kämpfer vor Troja, Freund
und Genosse des Elephenor, von Eurypylos
getötet, Quint. Smyrn. 8, 111. — 6) Phylar-
chos bei Schol. Ap. Rh. 4, 1561 nennt den
Eurypylos, Sohn des Poseidon und der Atlan-
tide Kelaino, den König in Kyrene zur Zeit
der Argonauten, Eurytos und seinen Bruder
Lykaon. Dieser Lykaon ist nach Akesandros
Sohn des Eurypylos und der Heliade Sterope,
Bruder des Leukippos. Schol. Find. Pyth. 4,
57. Tzetz. Lyk. 886. — 7) Kentaur (= Eury-
tion nr. 2), Ovid. Met. 12, 219. — 8) s. Ery-
tos. [Stoll.]
Ensebeia oder Eusebie (Evo sßeia -iy), 1)
die personifizierte Frömmigkeit. Kritias fr.
2 v. 22 Berglc (v.ca t yv Evasßi'yg ysixova 2b-
cpQoavvyv). Orph. liymn. prooem. v. 14 (xcd tu
Euthymos 1438
Awcaoovvyg xs Evoeßi'yg gey’ ovnctg). Sie
besafs ein Heiligtum zu Philippopolis in Syrien:
Kaibel epigr. 1055 (= C. I. Gr. 4633. Lebas
6, 2015). Vielleicht ist hier die römische Pie-
tas gemeint. — 2) Die griechische Übersetzung
der römischen Pietas (s. d.). Vgl. z. B. App.
b. civ. 2, 104, wo nach Roscher in Fleckeisens
Jahrbb. 1879 S. 351 Evaißaa (nicht svotßtia)
zu schreiben ist. [Roscher.]
Euseiros (Evoeigog) , Vater des Terambos
(s. d.), Anton. Lib. 22. [Stoll.]
Eusoros ( Evoagog , ’EvacoQog), ' 1) thraki-
scher König, dessen Sohn Akamas ( Jl . 2, 844)
im trojanischen Kriege Bundesgenosse des Pria-
mos war. II. 6, 8. Tzetz. Hom. 112. Schol.
Ap. Rh. 1, 948. — 2) Thrakischer König,
Vater der Ainete , welche dem (Thessaler,
Schol. Ap. Rh.) Aineus den Kyzikos gebar,
Ap. Rh. 1, 948 und Schol. Bei Orph. Arg.
502 ist Eusoros für Eudoros und Ainete für
Ainippe zu schreiben. Vgl. Val. Flacc. 3, 4.
Hygin. f. 16 nennt Eusoros Vater des Kyzikos.
[Stoll.]
Enteiches (Eutei^s) , Sohn des Hippokoon
(s. d.), des Königs in Sparta, Apollod. 3, 10, 5,
wo manche Evxvpyg schreiben. Allcman bei
Cram. Anecd. Ox. 1, 159, 2: Evxtiiy x’ avccux’
’AQryov (fr. 11 Bergk.); vgl. Schol, II. 16, 57.
[Stoll.]
Eutelie (EvxslCy), die Personifikation der
Einfachheit, Sparsamkeit, welche als Tochter
der Sophrosyne bezeichnet wird. Grates phil.
in der Anthol. Pal. 10, 104 (vgl. Iuliani oral.
6 p. 199). [Steuding.]
Euterpe (Evrignii) s. Musen und vgl. Eu-
turpa.
Euteucliios (Evx,£v%iog), ein Euböer, dem
von den Kyklopen die ersten Waffen (xev%scc)
verfertigt worden waren, Istros bei Schol. II.
10, 439. [Stoll.]
Eutheuia (Ev&yvw) , Personifikation des
Überflusses und der Fülle, dargestellt als eine
hingelehnte Frau, auf eine Sphinx gestützt,
Mohn und Ähren in der Rechten, auf Münzen
von Alexandrien ( Zoega , N. Aegypt. 10, 1. G.
M. 379), als eine Frauenfigur mit einer grofsen
Schale auf dem Relief von Thyrea (Ann. dell'
Inst. 1, tav. C 1. Vgl. Müller, Ildb. d. Ar eh 3
407, 2). [Roscher.]
Euthymachos (Ev&vyct%og) , Teilnehmer an
der Kalydonischen Eberjagd auf der Francois-
vase : C. I. Gr. 8185 a. [Roscher.]
Eutliymia (Ev&vgia), Frohsinn, Fröhlich-
keit, besonders beim Mahle. Personifikation,
Pindar. fr. 127. Bocclch (132 Bergk) bei Athen.
5, p. 191 f. Eustatli. Od. 1490, 38. Gerhard,
Gr. Myth. 1 §.466, 3. 614, 5. Eine Statue
derselben erwähnt Memn. fr. 4 in Phot, bibl,
c. 224, p. 224. Vgl. Euthymie. [Stoll.]
Euthymie (Ev&vgiy) , Mainade auf einer
Berliner Prachtamphora, abg. Gerhard, Apul.
Vasenb. 15. G. I. Gr. 8399. Heydemann, Sat.-
u. Bakchennamen 17 u. 40, der auf Mnesitheos
b. Athen. 36 AB. (vergl. ib. 39 E) verweist.
Vgl. Euthymia. [Roscher.]
Euthymos (Ev&vg og, Wohlgemut), ein He-
ros aus dem unteritalischen Lokris, Sohn des
Flufsgottes Kaikinos (zwischen dem Gebiet
1439 Euturpa
von Lokris und Rhegion), welcher die Teme-
säer von einem bösen Dämon befreite, so dafs
sie wieder „wohlgemut“ sein konnten. Dieser
Dämon war die Seele des Polites, eines Ge-
fährten des Odysseus ( Od . 10, 224), den die
Bewohner von Temesa bei einer Landung des
Odysseus gesteinigt hatten, weil er in der
Trunkenheit einer Jungfrau Gewalt angethan
hatte. Der zürnende Geist des Getöteten
wüi-gte daher ohn’ Unterlafs viele Menschen, i
bis die Temesäer ihn auf Geheifs des Orakels
dadurch versöhnten , , dafs sie ihm ein Heroon
bauten und jährlich die schönste Jungfrau
übergaben. Einst kam Euthymos nach Te-
mesa, als eben wieder eine Jungfrau dem Dä-
mon in den Tempel geführt worden war; er
ging sie zu sehen, und da sie ihm versprach,
sein Weib zu werden, so rang er, ein starker
Faustkämpfer, um sie mit dem Dämon und
besiegte ihn. Der Dämon wich aus dem 2
Lande und tauchte ins Meer; Euthymos aber
heiratete die Jungfrau. Er erreichte ein aufser-
gewöhnlich hohes Alter und verschwand von
der Erde, ohne eigentlich zu sterben. Die
Volkssage hat mit ihm einen lokrischen Olym-
piasieger, einen Faustkämpfer aus der Zeit des
Xerxes, Sohn des Astykles, vermischt. Paus.
6, 6, 2 ff. Strab. 6, p. 255. Aelian. v. h. 8, 18.
Eustath. Hom. 1409, 13. Welcher, Alte Denivm.
3, p. 484. [Stoll.] 3
Euturpa (euturpa), etruskisierte Namens-
form der Muse Euterpe (Evr sgurj; s. Musen),
auf einem Spiegel von Bomarzo im Vatikani-
schen Museum, wo sie im Wettstreite mit Th a-
myris (etr. tpamu) dargestellt ist, im Hinter-
gründe Eris (s. d.), seitwärts Alpnu, eine
schmückende Göttin, und ein Greis Archaze
= ’AQHuthog, die Örtlichkeit andeutend; s.
Bunsen, Ann. 1836, 282 ff. ; Monum. vol. 2,
tav. XXVIII; Mus. Etr. Vatic. I, tav. XXV; 4
Gerhard, Etr. Spiegel 4, 58 ff. ; tav. CCCXX1II;
Fabretti, C. I. I. 2412; Corssen, Spr. d. Etr. 1,
257 ff.; s. auch l)e Witte, Nouv. ann. 1, 507 ff. ;
Gennarelli, Giorn. Arcad. 85, 168 ff. — - Die
gleiche Namensform Euturpa zeigt ein Spie-
gel von Chiusi, im Besitze des Herrn Dela-
touche, wo die Göttin als Begleiterin der Al-
tria (s. d.) vorangeht, während Thal na
(ffalna) derselben folgt; vor ihr steht ein
Mann, dessen Bild fast ganz zerstört ist, mit 5
dem Namen Ai che; s. Micali Monum. ined.
123; tav. XX, 2; Braun und Welcher, Ann.
1843, 356ff. ; 1845, 209; Gerhard, Etr. Spiegel
3, 185; tav. CLXXXVII1 ; Fabretti, C. 1. 1. 481;
Corssen , Spr. d. Etr. 1, 375 ff., nr. 23. — Mit
gi-iechischer Endung endlich findet sich Eu-
turpe neben Talmithe (talmiffe) d. i. Pala-
medes, Elinai d. i. Helena, Ziumithe (ziu-
miffe) d. i. Diomedes, und den beiden Atriden
(etr. acmemrun u. rnnele, beide Namen nur e
maugelhaft lesbar), auf einem Spiegelfragment
unbekannter Herkunft, einst im Museum Bor-
gia zu Velletri, jetzt vielleicht im Museum zu
Neapel; s. Inghirami Gail. Omer. 2, 52 ff. ; tav.
CXL1, mit Kommentar von Lanzi; Gerhard,
Etr. Spiegel 3, tav. CXCVI; Fabretti, C. J. I.
25, 13, tav. XLIV = 2511 (unvollständig,
nach De Witte, Bullet. 1842, 151). Hier ist
Evan 1440
die Bedeutung der Muse zurückgetreten , wie
vielleicht schon auf dem chiusinisclien Spiegel,
und die Göttiu erscheint als Seitenstück zur
Helena, die bräutlich verschleiert ist, als Re-
präsentantin sinnlicher Schönheit und des Lie-
besgenusses (zu TEgnsd-cu „sich freuen“). Vgl.
noch Corssen, Spr. d. Etr. 1, 257; S. Bugge ,
Beitr. 1 (Etr. Forsch, u. Stud. 4), 25; Bezzen-
berger, Beitr. 2, 164, nr. 12. [Deecke.]
0 Eutyches s. Euteiches. [Stoll.]
Eutycliia (EvzvxCa) , 1) vielleicht Begleite-
rin der Aphrodite auf einem das Parisurteil
darstellenden Vasengemälde C. I. Gr. 8400.
Gerhard , Abh. 1, 152 (vgl. Eudaimonia). — 2)
= Tyche: C. I. Gr. 8445. Vergl. auch die
Gemme C. I. Gr. 7344 mit der Inschrift BONa
EVTv%lu. — B) Griechische Übersetzung von
Felicitas (s. d.). ^Roscher.]
Euxantios (Ev^avziog), Sohn des Minos und
to der Dexithea, Apollod. 3, 1, 2, wo die falsche
Lesart Evlgccvthog steht (Et. M. p. 394, 34.
Bekker , Anecd. p. 830, 25). Nach Schol. Ap.
Bhod. 1, 185 ist er Vater des Miletos, nach
welchem die Stadt Miletos benannt war. Vgl.
Preller, Gr. Mythol. 2 , 127. Die Euxantiden
scheinen ein milesisches Geschlecht gewesen zu
sein, Müller frg. hist. gr. 4 p. 334, 1. [Stoll.]
Euximus , ein Gefährte des Äneas, nach
dessen Amme Boia Baiae in Campanien be-
0 nannt worden sein soll, Serv. Aen. 9, 710.
Nach Varro (Serv. ib.) hatte Baiae seinen
Namen von dem dort begrabenen Baios, einem
Begleiter des Odysseus. Vgl. Baios. [Stoll.]
Euxippe (Evfymig), Gemahlin des ’Akqou-
cpsvg, des Erbauers von Akraiphia, und Mutter
des DLzcoog (Steph. Byz. s. v. ’AnQoucpi'cc) , wel-
cher jedoch sonst als Sohn des Athamas und
der Themisto bezeichnet wird. [Steuding.]
Evan (evan), etruskischer Name einer
.0 Göttin, die der Eos (Hag) (s. d.) am näch-
sten verwandt scheint. Sie findet sich zu-
nächst auf einem aus Gerhards Sammlung ins
Berliner Antiquarium übergegangenen Spiegel
unbekannter Herkunft neben Tinthn (tinffn)
d. i. Tithonos, eingerahmt von Thetis (ffeffis)
und einem Jünglinge, dessen undeutlich ge-
wordenen Namen S. Bugge, Beitr. 1 (Etr.
Forsch, u. Stud. 4), 34ff. Tiasii lesen möchte
= *<hQ'LcoGi.og d. i. Achilleus; s. Gerhard, Etr.
0 Spiegel 3, 217; tav. CCXXXII; Fabretti C. 1. 1.
2506; Corssen, Spr. d. Etr. 1, 260; 820. —
Neben Atunis d. i. Adonis und der Njunphe
Me an erscheint dieselbe Göttin auf einem
Spiegel aus Corneto Tarquinii in der Samm-
lung Marzi, hier also als Nebenbuhlerin der
Turan d. i. Venus, die sonst mit dem Atunis
gepaart zu werden pflegt; s. Hclbig , Bullet.
1878, 84; Gamurrini, App. zu Fabretti C. 1. 1.
770. — Isoliert bietet die Göttin ein Spiegel
0 aus Sovana, von Herrn Busatti an Gamurrini
gesandt (a. a. O. 762), während über ihr vier
Personen sich zeigen, deren Namen leider er-
loschen sind: in der Mitte Herakles (?) und
Minerva, an den Seiten zwei Jünglinge. —
Mit diesem Spiegel identisch scheint Gamurrini,
App. 643, ein angeblich orvietanischer Spiegel
beim Antiquitätenhändler Pacini in Florenz.
[Deecke.]
*
GETTY CENTER LIBRARY
3 3125 00978 8585